Hongloumeng/de/Chapter 85
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Fünfundachtzigstes Kapitel
Kaufmann Aufrecht[1] [贾政] wird zum Ministerialrat befördert, Schnee Becken [薛蟠] provoziert erneut ein Todesurteil und Verbannung
Wie berichtet, schimpfte Zhao Yiniang in ihrem Zimmer auf Kaufmann Unheil, als man aus dem Nebenraum Huans Stimme hörte: „Ich habe doch bloß den Medizintopf umgestoßen und ein bisschen Arznei verschüttet – das Mädchen ist doch nicht daran gestorben! Und trotzdem beschimpft sie mich, und du beschimpfst mich auch; ihr behauptet, ich hätte ein böses Herz, und wollt mich zu Tode quälen! Wartet nur, morgen werde ich der kleinen Göre den Garaus machen! Mal sehen, was ihr dann tut! Die sollen sich nur in Acht nehmen!" Zhao Yiniang stürzte aus dem Innenzimmer und hielt ihm den Mund zu: „Hör auf, solchen Unsinn von dir zu geben – sonst holen die sich noch zuerst deinen Kopf!" Mutter und Sohn zankten eine Weile. Zhao Yiniang war durch Phönixglanz[2] [熙凤]s Worte nur noch wütender geworden und schickte nicht einmal jemanden, um Phönixglanz zu besänftigen. Nach ein paar Tagen wurde Qiaojie wieder gesund. So war der Groll zwischen den beiden Seiten noch um eine Schicht tiefer geworden als zuvor.
Eines Tages kam Lin Zhixiao herein und meldete: „Heute ist der Geburtstag des Prinzen von Beijng. Bitte um die Anweisungen des gnädigen Herrn." Kaufmann Aufrecht befahl: „Richtet es wie in den Vorjahren her, informiert den Ersten Herrn und lasst es hinschicken." Lin Zhixiao sagte „Ja" und ging, alles vorzubereiten.
Kurz darauf kam Kaufmann Begnadigung[3] [贾赦] herüber und besprach sich mit Kaufmann Aufrecht; sie nahmen Kaufmann Schein-Echt, Kaufmann Jadeschale und Schatzjade[4] [宝玉] mit, um dem Prinzen von Beijng zum Geburtstag zu gratulieren. Die anderen waren gleichmütig, doch Schatzjade, der des Prinzen edle Erscheinung und würdevolles Auftreten seit jeher bewunderte, konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Eilig wechselte er die Kleider und fuhr mit den anderen zur Residenz des Prinzen. Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht reichten ihre Visitenkarten ein und warteten auf die Einladung.
Bald kam ein Eunuch heraus, der eine Gebetskette zwischen den Fingern drehte. Als er Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht sah, lachte er: „Wie geht es den beiden Herren?" Beide erwiderten eilig den Gruß, und die drei jüngeren Verwandten grüßten ebenfalls. Der Eunuch sagte: „Der Prinz bittet herein." So folgten die fünf dem Eunuch in die Residenz. Nach zwei Torbögen und um eine Halle herum erreichten sie das innere Palasttor. Am Tor blieben alle stehen; der Eunuch ging allein hinein, um den Prinzen zu melden. Die kleinen Eunuchen am Tor begrüßten sie respektvoll.
Bald kam der Eunuch zurück und sagte nur: „Bitte." Die fünf folgten ehrerbietig. Der Prinz von Beijng, im Festgewand, empfing sie bereits unter dem Säulengang am Hallentor. Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht traten als Erste vor zur Begrüßung, danach Zhen, Lian und Schatzjade. Der Prinz nahm Schatzjade gesondert bei der Hand und sagte: „Ich habe dich lange nicht gesehen und oft an dich gedacht." Dann fragte er lachend: „Ist dein Jadestein wohl?" Schatzjade verneigte sich halb und antwortete: „Dank der Gnade Eurer Hoheit ist alles wohl." Der Prinz sagte: „Da du heute hier bist, habe ich leider keine besonderen Delikatessen, aber wir können miteinander plaudern." Eunuchen hoben den Vorhang. Der Prinz sagte „Bitte", ging aber selbst zuerst hinein, und Kaufmann Begnadigung und die anderen folgten in gebückter Haltung. Kaufmann Begnadigung bat den Prinzen, ihre Verbeugung anzunehmen; der Prinz sprach bescheidene Worte. Kaufmann Begnadigung aber kniete bereits nieder, und nach ihm verbeugten sich Kaufmann Aufrecht und die anderen der Reihe nach.
Kaufmann Begnadigung und die anderen zogen sich ehrerbietig zurück. Der Prinz wies die Eunuchen an, sie bei den übrigen Gästen unterzubringen und gut zu bewirten. Nur Schatzjade behielt er bei sich zum Gespräch und bot ihm einen Sitzplatz an. Schatzjade dankte mit einem Kniefall, setzte sich auf ein besticktes Kissen an der Tür und sprach mit dem Prinzen über Studien und Aufsatzschreiben. Der Prinz zeigte sich sehr wohlwollend und ließ ihm Tee reichen. Dann sagte er: „Gestern erschien der Provinzgouverneur Wu zur kaiserlichen Audienz und erwähnte deinen Herrn Vater. Während seiner Amtszeit als Bildungsintendant habe er stets gerecht gehandelt, und alle Kandidaten hätten ihn zutiefst respektiert. Bei der Audienz habe auch der Kaiser danach gefragt, und Wu habe ihn wärmstens empfohlen – ein glücksverheißendes Zeichen für deinen Herrn Vater." Schatzjade stand sofort auf, hörte den Bericht bis zum Ende an und antwortete erst dann: „Dies verdanken wir der Gnade Eurer Hoheit und der Güte des Herrn Wu."
Da meldete ein kleiner Eunuch: „Draußen danken die Herren und Beamten dem Prinzen für das Festbankett." Er reichte die Dankeskarten und Grüße herein. Der Prinz warf einen kurzen Blick darauf und gab sie dem Eunuchen zurück; lächelnd sagte er: „Ich habe verstanden – sagt ihnen Dank für die Mühe." Der Eunuch fügte hinzu: „Das Sonderessen, das der Prinz für Schatzjade angeordnet hat, ist bereit." Der Prinz befahl dem Eunuchen, Schatzjade in einen besonders hübschen kleinen Hof zu führen, wo er in Begleitung speiste. Anschließend kehrte Schatzjade zurück und dankte. Der Prinz sprach noch einige freundliche Worte und sagte dann lachend: „Als ich neulich deinen Jadestein sah, fand ich ihn reizvoll. Zu Hause habe ich nach dem Muster einen anfertigen lassen. Da du heute hier bist, nimm ihn doch gleich als Spielzeug mit." Er ließ einen kleinen Eunuchen das Stück holen und reichte es Schatzjade persönlich. Schatzjade nahm es ehrfürchtig entgegen, dankte noch einmal und zog sich zurück. Der Prinz ließ zwei kleine Eunuchen ihn hinausgeleiten, und er fuhr mit Kaufmann Begnadigung und den anderen nach Hause zurück. Kaufmann Begnadigung begrüßte die Herzoginmutter [贾母] und ging dann seines Weges.
Kaufmann Aufrecht begrüßte mit seinen drei Begleitern die Großmutter und berichtete, wen sie in der Residenz getroffen hatten. Schatzjade erzählte Kaufmann Aufrecht auch von Gouverneur Wus Empfehlung bei der Audienz. Kaufmann Aufrecht sagte: „Dieser Herr Wu ist ein alter Bekannter, ein Mann unseres Schlages und von aufrechtem Charakter." Nach ein paar weiteren Worten sagte die Herzoginmutter: „Geht euch ausruhen."
Kaufmann Aufrecht ging hinaus; Zhen, Lian und Schatzjade folgten ihm bis zur Tür. Kaufmann Aufrecht sagte: „Geht alle zurück und leistet der Großmutter Gesellschaft." Damit zog er sich in sein Zimmer zurück. Kaum hatte er sich gesetzt, kam ein kleines Mädchen und meldete: „Draußen bittet Lin Zhixiao den gnädigen Herrn um ein Wort." Dabei überreichte sie eine rote Visitenkarte mit dem Namen des Gouverneurs Wu. Kaufmann Aufrecht verstand, dass Wu einen Besuch abstattete, und ließ Lin Zhixiao hereinrufen. Kaufmann Aufrecht ging unter das Vordach, und Lin Zhixiao meldete: „Heute hat der Gouverneur Wu seinen Besuch gemacht; ich habe ihn empfangen. Außerdem habe ich erfahren, dass im Ministerium für Öffentliche Arbeiten ein Posten als Ministerialrat frei geworden ist, und sowohl draußen als auch im Ministerium heißt es, der gnädige Herr stehe auf der Vorschlagsliste." Kaufmann Aufrecht sagte: „Abwarten." Lin Zhixiao berichtete noch einige Dinge und ging dann.
Zhen, Lian und Schatzjade gingen zurück. Nur Schatzjade ging zur Großmutter und erzählte ausführlich, wie der Prinz ihn behandelt hatte. Er zeigte auch den nachgemachten Jadestein vor, und alle besahen ihn lachend. die Herzoginmutter ließ ihn aufbewahren: „Heb ihn gut auf und verlier ihn nicht." Dann fragte sie: „Deinen eigenen Stein trägst du doch ordentlich, ja? Verwechsle die beiden nicht." Schatzjade nahm seinen eigenen vom Hals und sagte: „Hier ist meiner – den verliere ich doch nicht! Die beiden sind so verschieden, wie soll man sie verwechseln? Aber ich wollte der Großmutter etwas erzählen: Neulich abends, als ich schlafen ging und den Stein abnahm und im Betthimmel aufhängte, hat er plötzlich geleuchtet! Der ganze Betthimmel war rot." die Herzoginmutter sagte: „Schon wieder Unsinn! Die Ränder des Betthimmels sind rot, und das Kerzenlicht lässt sie leuchten – natürlich sieht es rot aus." Schatzjade sagte: „Nein! Die Lampe war schon aus, das ganze Zimmer pechschwarz – und trotzdem konnte man ihn sehen!" Xing Furen und Wang Furen lächelten hinter vorgehaltener Hand. Phönixglanz sagte: „Das ist das Vorzeichen einer frohen Botschaft." Schatzjade fragte: „Was für eine frohe Botschaft?" die Herzoginmutter sagte: „Das verstehst du nicht. Heute war ein langer Tag – geh dich ausruhen und rede hier keinen Unsinn mehr." Schatzjade blieb noch einen Moment stehen und kehrte dann in den Garten zurück.
Hier fragte die Herzoginmutter: „Übrigens – habt ihr Tante Schnee [薛姨妈] besucht und die Sache angesprochen?" Wang Furen antwortete: „Wir wollten schon längst hingehen, doch weil Phönixglanz wegen Qiaojies Krankheit verhindert war, haben wir es zwei Tage aufgeschoben und sind erst heute gegangen. Wir haben es ihr erzählt; die Tante war durchaus einverstanden, sagte nur, Pan sei gerade nicht zu Hause, und da der Vater gestorben sei, müsse sie es mit ihm besprechen, ehe man weitergehe." die Herzoginmutter sagte: „Das sind vernünftige Worte. Dann soll vorerst niemand davon sprechen. Warten wir, bis drüben alles besprochen ist."
Genug von die Herzoginmutters Heiratsgesprächen. Schatzjade kehrte in sein Zimmer zurück und erzählte Dufthauch[5] [袭人]: „Die Großmutter und Schwester Phönixglanz haben vorhin so vieldeutig gesprochen – ich weiß nicht, was sie meinten." Dufthauch dachte nach und lächelte: „Das kann ich auch nicht erraten. Aber sag – war das Fräulein Lin dabei, als die Rede darauf kam?" Schatzjade sagte: „Das Fräulein Lin hat gerade eine Krankheit hinter sich – sie war in letzter Zeit gar nicht bei der Großmutter." Während sie sprachen, hörte man nebenan Moschusmond [麝月] und Qiuwen streiten. Dufthauch fragte: „Was zankt ihr schon wieder?" Moschusmond sagte: „Wir haben Karten gespielt. Wenn sie gewonnen hat, kassiert sie mein Geld; wenn sie verloren hat, will sie nicht zahlen. Und dann hat sie mir auch noch mein ganzes Geld weggenommen!" Schatzjade lachte: „Ein paar Kupfer – was macht das schon? Ihr Dummköpfe, hört auf damit!" Beide setzten einen Schmollmund auf und trollten sich. Dufthauch brachte Schatzjade ins Bett.
Dufthauch aber wusste nach Schatzjades Worten sehr wohl, dass es um eine Verlobung für Schatzjade ging. Da sie fürchtete, dass er wieder in seine Schwärmereien verfiel und wer weiß was für unsinnige Reden von sich gäbe, tat sie unwissend. Doch im Stillen war dies die Sache, die sie am meisten beschäftigte. Nachts, im Bett liegend, fasste sie einen Plan: „Am besten gehe ich zu Purpurkuckuck[6] [紫鹃] und schaue, ob sie etwas weiß."
Am nächsten Morgen schickte sie Schatzjade in die Schule, richtete sich selbst her und schlenderte zum Xiaoxiang-Pavillon. Purpurkuckuck war gerade dabei, Blumen zu pflücken. Als sie Dufthauch kommen sah, lachte sie: „Schwester, komm herein und setz dich." Dufthauch fragte: „Was pflückst du da? Wo ist das Fräulein?" Purpurkuckuck sagte: „Das Fräulein hat sich gerade gewaschen und wartet darauf, dass ihre Medizin warm wird." Während sie sprach, gingen beide hinein. Kajaljade[7] [黛玉] saß da und las ein Buch. Dufthauch lächelte: „Kein Wunder, dass das Fräulein sich so anstrengt – kaum aufgestanden, schon beim Lesen! Wenn unser Zweiter Herr Bao so fleißig lesen würde wie das Fräulein, das wäre herrlich!" Kajaljade legte lächelnd das Buch beiseite. Xueyan kam mit einem kleinen Tablett, darauf ein Schälchen Medizin und ein Glas Wasser; ein kleines Mädchen folgte mit Spucknapf und Spülschale.
Dufthauch war eigentlich gekommen, um Kajaljades Stimmung zu erkunden, fand aber keinen Anknüpfungspunkt. Dann überlegte sie, dass Kajaljade überaus feinfühlig war – wenn sie ungeschickt forschte und sie verletzte, wäre das schlimm. Nach kurzem Sitzen verabschiedete sie sich mit einer Ausrede. Kurz vor dem Tor des Yihong-Hofes sah sie zwei Personen dastehen und hielt inne. Eine von ihnen hatte sie schon bemerkt und lief herbei – es war Chuyao. Dufthauch fragte: „Was machst du hier?" Chuyao sagte: „Eben kam der Zweite Herr Yun mit einem Brief, den er unserem Zweiten Herrn Bao zeigen wollte, und wartet auf Antwort." Dufthauch sagte: „Der Zweite Herr Bao geht jeden Tag in die Schule – weißt du das nicht? Was wartest du noch?" Chuyao grinste: „Ich hab es ihm gesagt, aber er meinte, er solle es dem Fräulein ausrichten und auf deren Antwort warten."
Dufthauch wollte gerade etwas sagen, als die zweite Person langsam heranschlenderte – es war Jia Yun, der linkisch auf sie zukam. Dufthauch erkannte ihn und sagte schnell zu Chuyao: „Sag ihm Bescheid; wenn der Zweite Herr zurückkommt, zeig es ihm." Jia Yun hatte eigentlich mit Dufthauch reden wollen – aus dem Wunsch nach Nähe –, wagte es aber nicht, voreilig zu sein, und ging daher langsam. Als er nahe genug war, sprach Dufthauch schon diese Worte, und er konnte schlecht näherkommen. Dufthauch hatte sich schon umgedreht und ging zurück. Jia Yun musste enttäuscht abziehen und verließ mit Chuyao das Anwesen.
Am Abend, als Schatzjade zurückkam, berichtete Dufthauch: „Heute kam der kleine Yun Zweiter in die Galerie." Schatzjade fragte: „Was wollte er?" Dufthauch: „Er hatte einen Brief." Schatzjade: „Wo ist er? Lass mich sehen." Moschusmond holte ihn vom Bücherregal im Innenzimmer. Schatzjade las die Aufschrift: „Ehrerbietige Zuschrift an den Onkel." Schatzjade sagte: „Seit wann erkennt der Junge mich nicht mehr als Vater an?" Dufthauch: „Wie meinst du?" Schatzjade: „Vor zwei Jahren, als er mir die weißen Begonien brachte, nannte er mich ‚Vater'; jetzt schreibt er ‚Onkel' – erkennt er mich etwa nicht mehr an?" Dufthauch: „Er schämt sich nicht, und du schämst dich auch nicht! Er ist so groß und erkennt dich, so klein wie du bist, als Vater an – das ist doch schamlos. Du hast ja nicht einmal …" Dabei errötete sie und lächelte leicht. Schatzjade merkte es und sagte: „Das ist allerdings schwierig. Wie das Sprichwort sagt: ‚Der Mönch hat keine Kinder, und doch hat er viele fromme Söhne.' Ich fand ihn einfach pfiffig und sympathisch, deshalb habe ich es zugelassen. Wenn er nicht will – mir liegt auch nichts daran." Damit öffnete er den Brief. Dufthauch lachte: „Dieser kleine Yun hat was Hinterlistiges – mal will er Leute sehen, mal versteckt er sich – kein ehrlicher Charakter!"
Schatzjade las nur den Brief und beachtete Dufthauchs Worte nicht. Dufthauch sah, wie er bald die Stirn runzelte, bald lächelte, bald den Kopf schüttelte und schließlich ungeduldig wurde. Als er fertig gelesen hatte, fragte sie: „Was steht drin?" Schatzjade antwortete nicht und riss den Brief in Stücke. Dufthauch wagte bei diesem Anblick nicht weiterzufragen und sagte nur: „Willst du nach dem Essen noch lesen?" Schatzjade sagte: „Dieser Yun ist ein hoffnungsloser Fall!" Dufthauch bemerkte, dass seine Antwort gar nicht zur Frage passte, und fragte lächelnd: „Was war es denn?" Schatzjade: „Ach, vergiss ihn! Lass uns essen. Danach gehe ich schlafen – mir ist ganz unruhig zumute." Dann rief er ein kleines Mädchen, das ihm Feuer brachte, und verbrannte die zerrissenen Papierstücke.
Man deckte auf. Schatzjade saß nur starr da. Dufthauch überredete und lockte ihn, bis er ein paar Bissen aß und dann aufhörte. Trübsinnig legte er sich aufs Bett. Plötzlich liefen ihm Tränen übers Gesicht. Dufthauch und Moschusmond wussten nicht, was sie davon halten sollten. Moschusmond sagte: „Eben war noch alles in Ordnung – und jetzt das! Wegen irgendeinem Yun und seinem albernen Brief, von dem niemand weiß, wovon er handelt, benimmt er sich wie ein Narr – bald weint er, bald lacht er. Wenn das so weitergeht, wie soll man das aushalten?" Dabei wurde auch sie traurig. Dufthauch konnte sich das Lachen kaum verkneifen und beschwichtigte: „Gute Schwester, ärger ihn nicht noch mehr. Einer reicht schon. Hat denn der Briefinhalt etwas mit dir zu tun?" Moschusmond empörte sich: „Red keinen Unsinn! Woher weißt du, was für Unsinn in dem Brief stand? Zieh das nicht auf andere! Wenn schon, dann hat der Brief eher mit dir zu tun!" Noch ehe Dufthauch antworten konnte, lachte Schatzjade vom Bett her laut auf, richtete sich auf, schüttelte seine Kleider und sagte: „Lasst uns schlafen. Hört auf zu streiten – morgen muss ich früh aufstehen zum Lernen." Damit legte er sich hin und schlief ein. Die Nacht verging ohne Zwischenfälle.
Am nächsten Morgen stand Schatzjade auf, richtete sich her und machte sich auf den Weg zur Schule. Am Hoftor fiel ihm plötzlich etwas ein. Er bat Beiming zu warten, eilte zurück und rief: „Schwester Moschusmond!" Moschusmond kam heraus: „Warum bist du zurück?" Schatzjade sagte: „Wenn Yun heute kommt, sag ihm, er soll hier keinen Unsinn machen. Sonst melde ich es der Großmutter und dem Vater." Moschusmond sagte „Ja", und Schatzjade ging. Kaum war er draußen, kam Jia Yun aufgeregt hereingestürmt. Als er Schatzjade sah, begrüßte er ihn eilig: „Onkel, ich gratuliere!" Schatzjade dachte, es ginge um die gestrige Sache, und sagte: „Du bist wirklich zu voreilig. Ohne Rücksicht darauf, ob jemand Sorgen hat oder nicht, kommst du einfach hereingeplatzt." Jia Yun lachte verbindlich: „Onkel glaubt es nicht? Geh nur und schau – die Leute sind schon da, vor unserer Hauptpforte!" Schatzjade wurde immer aufgeregter: „Wovon redest du?"
In diesem Moment erhob sich draußen ein Geschrei. Jia Yun sagte: „Hörst du, Onkel? Das sind sie!" Schatzjade war immer verwirrter. Eine Stimme rief: „Ihr Leute habt keine Manieren! Was ist das für ein Ort, dass ihr hier so herumbrüllt!" Eine andere antwortete: „Wer kann denn etwas dafür, dass der gnädige Herr befördert worden ist? Natürlich kommen wir gratulieren! Andere Familien wünschen sich so einen Anlass und bekommen ihn nicht!" Da verstand Schatzjade: Kaufmann Aufrecht war zum Ministerialrat befördert worden, und die Leute kamen, um Glückwünsche zu überbringen. Erfreut wollte er eilen, doch Jia Yun rief ihm nach: „Freut sich der Onkel? Wenn dann auch noch die Verlobung zustande kommt, ist es ein doppeltes Glück!" Schatzjade wurde rot und spuckte aus: „Pfui! Du unverschämter Kerl! Mach, dass du fortkommst!" Jia Yun errötete: „Was ist denn dabei? Ich sehe doch, dass der Herr Onkel …" Schatzjade blickte finster: „Was sieht er?" Jia Yun brach den Satz ab und wagte nicht weiterzureden.
Schatzjade eilte in die Hausschule. Dairu lachte ihn an: „Ich habe gerade gehört, dass dein Herr Vater befördert wurde – und du bist trotzdem gekommen?" Schatzjade erwiderte höflich: „Ich bin nur kurz hereingekommen, um den Großonkel zu begrüßen, und gehe dann zum Herrn Vater." Dairu sagte: „Heute brauchst du nicht hierher – ich gebe dir einen Tag frei. Aber geh nicht in den Garten zum Spielen. Du bist kein Kind mehr; wenn du auch noch nicht viel ausrichten kannst, solltest du deinen älteren Cousins folgen und von ihnen lernen."
Schatzjade sagte „Ja" und ging zurück. Am zweiten Tor empfing ihn Li Gui lachend: „Da ist der Zweite Herr! Ich wollte gerade in die Schule, um Euch abzuholen." Schatzjade fragte: „Wer hat dich geschickt?" Li Gui antwortete: „Die Alte Ahnin hat jemanden in den Garten geschickt, um den Zweiten Herrn zu suchen; die Mädchen dort sagten, er sei in der Schule. Die Alte Ahnin hat mich losgeschickt, um Euch ein paar Tage freizunehmen. Es soll auch Theater gespielt werden zur Feier. Und da seid Ihr schon!" Schatzjade ging hinein. Im ganzen Hof trugen Mädchen und Dienerinnen strahlende Gesichter; als sie ihn sahen, lachten sie: „Da kommt der Zweite Herr endlich! Geht schnell hinein und gratuliert der Alten Ahnin!"
Schatzjade trat lachend ein. Kajaljade saß links neben die Herzoginmutter, rechts Wolke vom Xiang-Fluss [湘云]; auf dem Boden standen Xing Furen und Wang Furen. Spürfrühling [探春], Bewahrfrühling, Li Schleierfrau, Phönixglanz, Li Wen, Li Qi, Xing Xiuyan und alle Schwestern waren im Zimmer – nur Schatzspange[8] [宝钗], Schatzzither [宝琴] und Willkommensfrühling fehlten. Schatzjade war so glücklich, dass ihm die Worte fehlten. Er gratulierte eilig der Großmutter, dann Xing und Wang Furen und begrüßte alle Schwestern der Reihe nach. Dann wandte er sich lächelnd an Kajaljade: „Wie geht es der Schwester? Viel besser?" Kajaljade lächelte leicht: „Viel besser. Ich hörte, auch dem Zweiten Bruder war unwohl – ist er genesen?" Schatzjade sagte: „Ja, neulich nachts hatte ich plötzlich Herzschmerzen. In den letzten Tagen bin ich gerade wieder in die Schule gegangen und konnte nicht bei der Schwester vorbeischauen." Noch ehe er ausgesprochen hatte, wandte Kajaljade sich schon um und begann ein Gespräch mit Spürfrühling.
Phönixglanz stand daneben und lachte: „Ihr zwei benehmt euch, als wärt ihr nicht jeden Tag zusammen! Wie Gäste, so voller Höflichkeitsfloskeln – das ist wohl das, was man ‚sich gegenseitig wie Gäste achten' nennt." Alle lachten. Kajaljade wurde knallrot; sie wollte etwas sagen und wollte auch nichts sagen. Nach einem Moment brachte sie heraus: „Du verstehst gar nichts!" Das Gelächter wurde noch lauter.
Phönixglanz merkte zu spät, dass ihre Worte unüberlegt waren. Gerade wollte sie ablenken, als Schatzjade plötzlich zu Kajaljade sagte: „Schwester Lin, stell dir vor, dieser vorlaute Yun …" Kaum hatte er den Satz begonnen, bemerkte er seinen Fehler und verstummte. Alle lachten wieder: „Wie kommt er denn jetzt darauf?" Kajaljade verstand es auch nicht und lächelte verlegen mit. Schatzjade suchte nach einem Gesprächsthema und fragte: „Vorhin hörte ich, dass jemand eine Theatervorstellung schenken will – für wann?" Alle sahen ihn belustigt an. Phönixglanz sagte: „Du hast es doch draußen gehört – warum fragst du uns?" Schatzjade nutzte die Gelegenheit: „Dann gehe ich hinaus und erkundige mich." die Herzoginmutter sagte: „Lauf nicht nach draußen: Erstens werden die Gratulanten dich auslachen; zweitens kommt dein Vater heute Abend in bester Stimmung zurück, und wenn er dich sieht, wird er wieder böse." Schatzjade sagte „Ja" und ging hinaus.
Hier fragte die Herzoginmutter Phönixglanz: „Wer hat von einer Theatervorstellung gesprochen?" Phönixglanz antwortete: „Vom Haus des Zweiten Onkels heißt es, übermorgen sei ein günstiger Tag, und man wolle eine neue, junge Theatertruppe schicken, um der Alten Ahnin und dem gnädigen Herrn zu gratulieren." Dann lachte sie: „Nicht nur ist es ein günstiger Tag – es ist auch ein guter Tag: Übermorgen ist nämlich noch …" Dabei blickte sie lächelnd zu Kajaljade. Kajaljade lächelte ebenfalls. Wang Furen sagte: „Genau! Übermorgen ist auch der Geburtstag der Nichte!" die Herzoginmutter überlegte und lachte: „Man sieht, wie alt und vergesslich ich geworden bin! Zum Glück habe ich meine Phönixglanz als ‚Zeremonienmeisterin'. Da trifft sich alles wunderbar: Sein Onkel feiert ihn und die Beförderung, und dein Onkel richtet dir deinen Geburtstag aus – ist das nicht großartig!" Alle lachten und sagten: „Was immer die Alte Ahnin sagt, klingt wie aus einem gelehrten Buch – kein Wunder, dass sie so großes Glück hat!" Da kam Schatzjade herein; als er dies hörte, hüpfte er vor Freude.
Man speiste gemeinsam bei die Herzoginmutter – es war ein fröhliches Mahl, das keiner weiteren Beschreibung bedarf. Nach dem Essen kehrte Kaufmann Aufrecht von der Dankzeremonie zurück, verneigte sich im Ahnentempel und kam dann, um vor die Herzoginmutter niederzuknien. Nach ein paar Worten im Stehen ging er hinaus, um Besucher zu empfangen.
In den folgenden Tagen kamen und gingen Verwandte und Clanmitglieder unablässig; Wagen und Pferde füllten die Straße, Würdenträger drängten sich im Saal. Wahrhaftig:
Wenn die Blume in voller Pracht steht, schwärmen Bienen und Schmetterlinge; Wenn der Mond im Vollglanz leuchtet, weitet sich Himmel und Meer.
So vergingen zwei Tage, und der Festtag war gekommen. Am frühen Morgen hatte Wang Zisheng mit Verwandten bereits eine Theatertruppe geschickt. Vor die Herzoginmutters Haupthalle wurde eine Bühne errichtet. Draußen saßen die Herren in Amtsgewändern bei ihren Gästen; an die zehn Tische mit Festmahl waren für die Gratulanten aufgedeckt. Drinnen, da es eine neue Truppe war und die Herzoginmutter guter Laune war, hatte man hinter der Halle eine gläserne Bühnenwand aufgestellt und ebenfalls Festtafeln gedeckt. Am Ehrenplatz saß Tante Schnee mit Wang Furen und Schatzzither als Begleiterinnen; gegenüber saß die Großmutter mit Xing Furen und Xiuyan. Unten waren noch zwei Tische frei, und die Herzoginmutter rief: „Beeilt euch!"
Da kam Phönixglanz mit den Mädchen herein, die alle Kajaljade umringten. Kajaljade hatte einige neue Kleidungsstücke angelegt und sah aus wie Chang'e, herabgestiegen aus dem Mond – mit verschämtem Lächeln trat sie heraus und begrüßte die Anwesenden. Wolke vom Xiang-Fluss, Li Wen und Li Qi wollten ihr den Ehrenplatz überlassen, doch Kajaljade lehnte ab. die Herzoginmutter lachte: „Heute darfst du dich dort setzen." Tante Schnee stand auf und fragte: „Hat das Fräulein Lin heute auch einen freudigen Anlass?" die Herzoginmutter lachte: „Es ist ihr Geburtstag." Tante Schnee rief: „Ach! Das habe ich ganz vergessen!" Sie trat heran und sagte: „Verzeiht meine Vergesslichkeit. Nachher soll Schatzzither dem Fräulein zum Geburtstag gratulieren." Kajaljade lächelte: „Das ist zu viel der Ehre." Alle nahmen Platz.
Kajaljade blickte sich um und bemerkte, dass einzig Schatzspange fehlte. Sie fragte: „Geht es Schwester Schatzspange gut? Warum kommt sie nicht?" Tante Schnee antwortete: „Sie wollte eigentlich kommen, aber es war niemand da, der das Haus hütet." Kajaljade errötete und lächelte: „Aber die Tante hat doch jetzt die Schwägerin im Haus – warum muss dann Schwester Schatzspange aufpassen? Wahrscheinlich hat sie einfach keine Lust auf so viel Trubel. Ich vermisse sie wirklich." Tante Schnee lachte: „Wie nett, dass du an sie denkst. Sie denkt auch oft an euch Mädchen. Demnächst bringe ich sie mit, damit ihr euch alle wiedersehen könnt."
Die Mädchen kamen und schenkten Wein ein und servierten die Speisen. Draußen hatte die Vorstellung begonnen; die ersten ein, zwei Stücke waren naturgemäß Glückwunschspiele. Beim dritten Stück erschienen goldene Knaben und Jadejungfrauen mit Fahnen und Standarten und führten eine kleine Darstellerin in einem Federgewand aus Regenbogenfarben herein, einen schwarzen Schleier über dem Kopf. Sie sang ein paar Zeilen und ging ab. Niemand kannte das Stück. Von draußen hörte man: „Das ist die ‚Himmelfahrt' aus dem neuen Stück ‚Aufzeichnungen aus dem Reiperlenpalast'. Die kleine Darstellerin spielt Chang'e: Einst auf die Erde gefallen, wäre sie fast einem Mann zur Frau gegeben worden; doch dank der Erleuchtung durch Guanyin starb sie unverheiratet. Nun steigt sie zum Mondpalast empor. Hört, wie es im Lied heißt: ‚Die Menschen preisen Liebe und Leidenschaft – doch wissen sie, wie leicht Herbstmond und Frühlingsblüte vergehen? Beinahe hätte man den Palast des Weiten Kühlen vergessen.'" Das vierte Stück war „Kleie essen". Das fünfte zeigte Bodhidharma, der mit seinem Schüler den Fluss überquerte und in seine Heimat zurückkehrte – mit wunderbaren Luftspiegelungen, recht prächtig anzusehen.
Alle waren in bester Stimmung, als plötzlich ein Diener der Familie Xue schweißüberströmt hereinstürzte und zu Xue Ke sagte: „Zweiter Herr, kommt schnell nach Hause! Und sagt auch drinnen der Gnädigen Frau Bescheid – zu Hause ist etwas Dringendes geschehen." Xue Ke fragte: „Was ist los?" Der Diener sagte: „Zu Hause erzähle ich es." Xue Ke ging, ohne sich zu verabschieden. Als Tante Schnee drinnen die Nachricht von den Mädchen hörte, wurde sie totenbleich, stand sofort auf, nahm Schatzzither mit, sagte nur ein hastiges Wort des Abschieds und stieg in den Wagen. Drinnen wie draußen herrschte Bestürzung. die Herzoginmutter sagte: „Schickt jemanden hinterher und erkundigt euch, was passiert ist – das geht uns alle an." Alle sagten: „Ja."
Genug vom Theater bei den Jias. Tante Schnee kam zu Hause an und sah zwei Gerichtsdiener am zweiten Tor stehen, begleitet von einigen Pfandhaus-Angestellten, die sagten: „Jetzt, wo die Gnädige Frau da ist, wird sich alles regeln lassen." Kaum hatte sie es gehört, trat Tante Schnee auch schon ein. Die Gerichtsdiener sahen das große Gefolge aus Männern und Frauen, das eine ältere Dame umringte, und erkannten sie als Schnee Beckens Mutter. Angesichts dieses Aufgebots wagten sie nichts zu sagen und ließen sie ehrerbietig passieren.
Tante Schnee ging durch den Saal nach hinten und hörte schon von weitem jemanden laut weinen – es war Jinqui. Tante Schnee eilte herbei; Schatzspange kam ihr entgegen, das Gesicht tränenverschmiert, und sagte: „Mama hat es gehört – bitte nicht aufregen, das Handeln ist jetzt wichtig." Tante Schnee und Schatzspange gingen ins Zimmer. Da Tante Schnee schon beim Hereinkommen von den Dienern das Wichtigste erfahren hatte, zitterte sie am ganzen Leib und fragte weinend: „Wen hat er umgebracht?" Die Diener antworteten: „Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für Einzelheiten. Egal wen – wenn einer tot ist, muss dafür gebüßt werden. Beraten wir, was zu tun ist." Tante Schnee brach in Tränen aus: „Was gibt es da noch zu beraten?"
Die Diener sagten: „Nach unserer Meinung sollte man heute Nacht Geld zusammenpacken und den Zweiten Herrn losschicken, damit er den Ersten Herrn trifft. Dort muss ein erfahrener Winkeladvokat gefunden werden; gegen eine ordentliche Summe wird er zunächst die Todesstrafe abwenden. Danach kann man die Familie Jia bitten, bei den höheren Behörden ein gutes Wort einzulegen. Und die Gerichtsdiener draußen – die Gnädige Frau sollte ihnen ein paar Tael geben, damit wir freie Hand haben."
Tante Schnee sagte: „Sucht die Familie des Toten auf, bietet Geld für die Bestattung und eine Unterstützungsrente an; wenn der Kläger die Anklage fallen lässt, beruhigt sich die Sache." Hinter dem Vorhang meldete sich Schatzspange: „Mama, das geht nicht! Bei solchen Sachen macht Geld alles nur schlimmer. Die Diener haben recht." Tante Schnee weinte wieder: „Ich will auch sterben! Ich fahre dorthin, sehe ihn noch einmal und sterbe mit ihm – dann ist alles vorbei."
Schatzspange drängte und beschwichtigte gleichzeitig und rief hinter dem Vorhang: „Geht schnell mit dem Zweiten Herrn und handelt!" Die Mädchen stützten Tante Schnee und führten sie herein. Xue Ke ging nach draußen. Schatzspange rief ihm nach: „Schickt sofort einen Boten mit jeder Neuigkeit! Ihr anderen draußen – kümmert euch!" Xue Ke antwortete und ging.
Kaum hatte Schatzspange die Mutter beruhigt, als Jinqui die Gelegenheit nutzte, Xiangling zu packen und sie anzuschreien: „Immer habt ihr damit geprahlt, dass euer Haus schon einmal einen Totschlag begangen hat und es keinerlei Folgen hatte, und so seid ihr nach Peking gekommen. Jetzt habt ihr ihn angestiftet, wirklich jemanden totzuschlagen! Im Alltag protzt ihr ständig mit eurem Geld, eurer Macht und euren vornehmen Verwandten – und jetzt seid ihr genauso in Panik! Wenn der Herr am Ende nicht zurückkommt, geht ihr alle eurer Wege und lasst mich allein leiden!" Dabei heulte sie von Neuem. Tante Schnee hörte es und wurde vor Wut ohnmächtig. Schatzspange wusste sich keinen Rat.
Mitten in dem Chaos hatte Wang Furen bereits eine ältere Dienerin herübergeschickt, um sich zu erkundigen. Schatzspange wusste im Stillen, dass sie der Familie Jia angehörte – doch erstens war noch nichts offiziell, und zweitens war es ein Notfall. So sagte sie der Dienerin: „Im Moment kennen wir die Einzelheiten noch nicht. Wir wissen nur, dass mein Bruder draußen jemanden im Streit getötet hat und vom Kreisgericht festgenommen wurde. Wie das Urteil ausfällt, wissen wir noch nicht. Der Zweite Herr ist gerade losgegangen, um sich zu erkundigen. Wenn wir sichere Nachricht haben, schicke ich sofort Nachricht hinüber. Danke der Gnädigen Frau für ihre Anteilnahme – in Zukunft werden wir die Hilfe der Herren drüben noch sehr nötig haben." Die Dienerin sagte zu und ging.
Tante Schnee und Schatzspange warteten voller Angst. Nach zwei Tagen kam ein Diener mit einem Brief zurück und übergab ihn einem kleinen Mädchen. Schatzspange öffnete ihn und las:
„Großer Bruders Totschlag ist ein unbeabsichtigter – kein vorsätzlicher Mord. Heute früh habe ich unter meinem Namen eine ergänzende Eingabe eingereicht; sie ist noch nicht beschieden. Großer Bruders erste Aussage war sehr ungünstig. Wenn die Eingabe genehmigt wird und bei der nächsten Vernehmung die Aussage zum Besseren gewendet werden kann, besteht Hoffnung auf ein Überleben. Holt schnell weitere fünfhundert Tael Silber aus dem Pfandhaus. Bitte nicht zögern! Gnädige Frau möge sich beruhigen. Alles Weitere beim Diener."
Schatzspange las alles Tante Schnee vor. Diese trocknete ihre Tränen und sagte: „Demnach steht es also auf Messers Schneide zwischen Tod und Leben." Schatzspange sagte: „Mama, weine jetzt nicht. Lass den Diener hereinkommen und erzählen, dann wissen wir mehr." Sie schickte ein kleines Mädchen, den Diener hereinzurufen. Tante Schnee fragte: „Erzähle mir genau, was mit dem Ersten Herrn passiert ist." Der Diener sagte: „An dem Abend habe ich gehört, wie der Erste Herr es dem Zweiten Herrn erzählte – da bin ich vor Schreck ganz wirr geworden."
Was der Diener berichtete, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
Anmerkungen
- ↑ Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
- ↑ Kaufmann Begnadigung: Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung".
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.
- ↑ Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange".
Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).