Hongloumeng/de/Chapter 5

From China Studies Wiki
< Hongloumeng
Revision as of 12:35, 15 April 2026 by Admin (talk | contribs) (DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 5 mit Navigation und Fussnoten)
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Kapitel 5

Im Wandel durch das Traumreich enthüllt sich das Rätsel der Zwölf Schönheiten —

Beim Trinken des Götterweins erklingt die Oper vom Traum der Roten Kammer

Dem Kapitel vorangestellt:

   Frühjahrsmüde, geborgen in der üppigen Brokat-Decke,
   Folgt sie, als träumte sie, der Fee und lässt die Welt des Staubes hinter sich.
   Wer ist in den Traum von Huaxu eingetreten? —
   Der Stifter allen Liebeswirrs seit alters her.

Von Tante Schnees Aufenthalt im Rong-Guofu war schon die Rede; darüber braucht in diesem Kapitel nichts mehr gesagt zu werden. Nun aber zu Kajaljade[1] [林黛玉]: Seit sie im Rong-Guofu lebte, überschüttete die Großmutter sie mit zehntausendfacher Liebe; in Essen, Schlafen und täglichem Leben wurde sie genau wie Schatzjade[2] [宝玉] behandelt, während die drei leiblichen Enkelinnen Willkommensfrühling [迎春], Spürfrühling [探春] und Bewahrfrühling [惜春] zurückstehen mussten. Was die innige Vertrautheit zwischen Schatzjade und Kajaljade[3] [黛玉] betrifft — sie war von Anfang an anders als bei den anderen. Tagsüber gingen und saßen sie zusammen, nachts schliefen sie nebeneinander — in vollkommener Harmonie, ohne je die geringste Unstimmigkeit.

Unerwartet aber kam nun eine gewisse Schatzspange[4] [薛宝钗]. Sie war zwar nicht viel älter, aber von gesetztem Charakter und blühender Schönheit, und viele sagten, Kajaljade könne sich nicht mit ihr messen. Überdies war Schatzspange[5] [宝钗] von umgänglichem Wesen und passte sich den Umständen an — anders als Kajaljade, die hochmütig und selbstbezogen war und die gewöhnlichen Dinge unter ihrer Würde hielt. Deshalb gewann Schatzspange weit mehr die Herzen der Dienerinnen — selbst die kleinen Mägde spielten lieber mit Schatzspange. Kajaljade empfand darüber einen stillen Unmut und Groll, den Schatzspange jedoch gar nicht bemerkte. Schatzjade befand sich noch im Kindesalter und war von Natur aus mit einer eigensinnigen Naivität ausgestattet: Er behandelte alle Geschwister gleich, ohne Unterschied von nah und fern. Da er mit Kajaljade zusammen bei der Großmutter lebte, war er mit ihr etwas vertrauter als mit den anderen. Und je vertrauter, desto inniger — je inniger, desto unvermeidlicher wurden kleine Zwistigkeiten aus übertriebener Empfindlichkeit. Eines Tages gerieten die beiden aus unbekanntem Anlass in einen Wortwechsel; Kajaljade weinte allein in ihrem Zimmer, und Schatzjade bereute seine unbedachten Worte und kam demütig zu ihr — erst dann beruhigte sich Kajaljade allmählich.

Da im Garten des Ning-Guofu die Pflaumenblüten in voller Pracht standen, richtete Kaufmann Schein-Echts Gattin You [尤氏] ein Festmahl aus und lud die Großmutter, Frau Xing, Frau Wang und andere zum Blumenbetrachten ein. Zuvor kam sie mit der Gattin Kaufmann Herrlichkeit [贾蓉]s persönlich, um die Einladung zu überbringen. Nach dem Frühstück kamen die Großmutter und die anderen und vergnügten sich im Garten der Blumenversammlung [会芳园] — erst Tee, dann Wein; es war ein ganz gewöhnliches Familienfest der Damen beider Häuser, und es gibt nichts Besonderes zu berichten.

Nach einer Weile wurde Schatzjade müde und wollte ein Mittagsschläfchen halten. Die Großmutter befahl, man solle ihn gut unterhalten und nach einer Ruhepause zurückbringen. Kaufmann Herrlichkeits Gattin Qin [秦氏] erbot sich lächelnd: „Wir haben hier ein Zimmer für den jungen Onkel Bao vorbereitet. Die Urgroßmutter kann unbesorgt sein — sie braucht ihn nur mir zu überlassen." Zu Schatzjades Ammen und Dienerinnen sagte sie: „Liebe Damen, bitte folgt mir mit dem jungen Onkel." Die Großmutter wusste, dass Qin eine äußerst zuverlässige Person war — zierlich und anmutig, sanft und friedfertig, die Lieblingsurenkelschwiegertochter. Da sie Schatzjade bei ihr in guten Händen wusste, war sie beruhigt.

Qin führte die kleine Schar in ein inneres Gemach des Hauptgebäudes. Schatzjade blickte auf und sah an der Wand ein Gemälde — die dargestellten Figuren waren zwar gut gemalt, doch das Motiv war „Das Studium beim Licht einer brennenden Fackel" [燃藜图, ein Bild fleißigen Studierens]. Ohne auch nur nachzusehen, von wem es gemalt war, wurde ihm unwohl. Daneben hing ein Spruchband:

   Wer die Dinge der Welt durchschaut, dem ist alles Gelehrsamkeit;
   Wer die Menschen kennt und geschickt mit ihnen umgeht, dem ist alles Literatur.

Nachdem er diese beiden Sätze gelesen hatte, weigerte er sich trotz der Pracht des Raumes entschieden, hier zu bleiben, und rief: „Hinaus, hinaus!" Qin lachte: „Wenn es hier nicht gut genug ist, wo denn dann? Vielleicht in meinem Zimmer?" Schatzjade nickte lächelnd. Eine Amme wandte ein: „Wo gibt es das, dass ein Onkel im Zimmer seiner Nichtenschwiegertochter schläft?" Qin lachte: „Ach, ärgert ihn nicht! Wie alt ist er denn, dass man sich um solche Dinge kümmern müsste! Letzten Monat war mein jüngerer Bruder zu Besuch — er ist gleich alt wie der junge Onkel, und wenn die beiden nebeneinanderstünden, wäre jener sogar noch größer!" Schatzjade fragte: „Warum habe ich ihn nie gesehen? Bring ihn her, damit ich ihn anschaue!" Alle lachten: „Er wohnt zwanzig, dreißig Li weit weg — den kann man nicht einfach herbeibringen! Ihr werdet ihn schon noch sehen." Damit kamen sie alle in Qins Zimmer.

Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, schlug ihnen ein feiner, süßer Duft entgegen. Schatzjade fühlte, wie seine Augen schwer und seine Knochen weich wurden, und rief: „Was für ein Duft!" Im Zimmer erblickte er an der Wand ein Gemälde von Tang Bohu [唐伯虎]: „Haitang-Blüte im Frühlingsschlummer". Zu beiden Seiten hing ein Spruchband des Song-Gelehrten Qin Taixu [秦太虚, d.h. Qin Guan]:

   Zarter Frost hält den Traum im Bann, weil der Frühling fröstelt;
   Duftende Luft umhüllt den Schlafenden — es ist der Weinhauch.

Auf dem Tisch stand der Spiegel, den einst Kaiserin Wu Zetian in ihrem Spiegelkabinett aufgestellt hatte; daneben die goldene Schale, auf der die Schöne Zhao Feiyan getanzt hatte, und darin die Papaya, die An Lushan nach der Kaiserlichen Konkubine Yang geworfen und deren Brust verletzt hatte. [Anm.: Diese Gegenstände sind natürlich fiktiv-poetische Übertreibungen.] Oben stand das Ruhelager, auf dem einst Prinzessin Shouchang in der Halle der Enthaltenen Schönheit geschlafen hatte, und darüber hing der Perlenvorhang, den Prinzessin Tongchang gefertigt hatte. Schatzjade lachte: „Hier ist es schön!" Qin lachte: „In meinem Zimmer könnte wohl auch ein Unsterblicher wohnen." Sie breitete eigenhändig die Gazedecke aus, die einst die Schöne Xishi gewaschen hatte, und schob das Mandarinenenten-Kissen zurecht, das Hongniang einst gehalten hatte. Die Ammen betteten Schatzjade und zogen sich leise zurück; nur Dufthauch[6] [袭人][7], Meiren [媚人], Heitermuster[8] [晴雯][9] und Moschusmond [麝月][10], vier Dienerinnen, blieben als Begleitung. Qin wies die kleinen Mägde an, draußen unter dem Dachvorsprung gut aufzupassen, dass die Katzen und Hunde sich nicht rauften.

Kaum hatte Schatzjade die Augen geschlossen, versank er in traumhaften Schlummer. Es war, als stünde Qin noch vor ihm. Sanft schwebend folgte er ihr zu einem wunderbaren Ort: Zinnoberrote Geländer, weißer Stein, grüne Bäume, klare Bäche — wahrhaftig ein Ort, an den kaum je ein Menschenfuß gelangt und den kein Staubkorn berührt. Schatzjade freute sich im Traum und dachte: „Dieser Ort ist herrlich! Hier möchte ich mein ganzes Leben verbringen — selbst wenn ich mein Zuhause verlöre, wäre es mir recht. Besser, als jeden Tag von Eltern und Lehrern geschlagen zu werden!" Während er noch so sann, hörte er plötzlich hinter dem Berg jemanden singen:

   Frühlingsträume zerstreuen sich mit den Wolken,
   Fallende Blüten folgen dem fließenden Wasser.
   Sagt allen jungen Herzen:
   Warum sucht ihr euch selbst den müßigen Kummer?

Schatzjade erkannte eine Frauenstimme. Noch war der Gesang nicht verklungen, da trat von drüben eine Gestalt hervor — anmutig schwebend, wahrhaft wie von einer anderen Welt. Ein Preisgedicht in Prosa beschreibt sie:

Eben hat sie die Weidenlaube verlassen, tritt gerade aus dem Blütengemach. Wohin sie geht, erschrecken die Vögel in den Hofbäumen; wenn sie sich nähert, gleitet ihr Schatten durch den Wandelgang. Wenn ihr feengleiches Gewand aufflattert, riecht man den Duft von Moschus und Orchideen; wenn ihr Lotoskleid sich regt, hört man das Klingen der Gürteljade. Ihre Grübchen lachen wie Frühlingsblüten, und Wolken türmen sich in der blauschwarzen Frisur; ihre Lippen sind wie Kirschkerne, Granatapfelzähne verströmen Duft. Ihre schlanke Taille, so zart — wie tanzt der Schnee im Wirbelwind; der Glanz ihres Perlenschmucks — goldgelbes Rouge bedeckt die Stirn. Sie erscheint und verschwindet zwischen den Blumen — bald zürnend, bald fröhlich; sie wandelt am Teich — als schwebte sie, als flöge sie. Wenn die Mondsichelbrauen lächeln, will sie sprechen und schweigt doch; wenn die Lotosschritte sich bewegen, will sie verharren und geht doch weiter. Bewundernswert ihre edle Natur: Eisklar und jadeglatt. Bewundernswert ihre Prachtgewänder: funkelnd und schillernd. Bezaubernd ihr Antlitz: wie aus Duft geformt und Jade gemeißelt. Prachtvoll ihre Haltung: wie der Phönix aufschwingt und der Drache sich erhebt. Ihre Reinheit? Wie Frühlingspflaumen, die im Schnee erblühen. Ihre Makellosigkeit? Wie Herbstchrysanthemen, von Reif bedeckt. Ihre Stille? Wie eine Kiefer im leeren Tal. Ihre Schönheit? Wie Abendrot, die sich im klaren Teich spiegelt. Ihr Geist? Wie der Mond, der den eisigen Fluss bescheint. Xishi müsste sich schämen, und Wang Zhaojun sich verbergen. Wunderbar! Wo ist sie geboren, woher kommt sie? Wahrlich: Im Jadefee-Teich gibt es keine Zweite, im Purpurpalast keine ihresgleichen!

Schatzjade sah, dass es eine Fee war, eilte freudig herbei, verbeugte sich und fragte: „Unsterbliche Schwester, woher kommt Ihr und wohin geht Ihr? Ich weiß nicht, wo dies ist — bitte nehmt mich mit!" Die Fee lachte: „Ich wohne über dem Himmel der Trennungssehnsucht, inmitten des Meeres der Kummerbewässerung. Ich bin die Fee Warnende Illusion [警幻仙姑] aus der Grotte des Ausgesandten Duftes am Berg des Freigelassenen Frühlings im Reich der Großen Leere und Illusion. Ich verwalte die Liebesschulden und Mondscheinaffären der Menschenwelt und wache über die Klagen der Frauen und den Wahn der Männer. Da in jüngster Zeit Liebesschuldner sich hier verwickelt haben, bin ich gekommen, um nach dem Rechten zu sehen und die Sehnsucht auszusäen. Dass ich dich heute treffe, ist kein Zufall. Mein Palast ist nicht weit von hier; ich habe nichts Besonderes zu bieten — nur eine Tasse selbstgepflückten Feentee, einen Krug selbstgebrauten edlen Weins, einige geübte Tänzerinnen und Sängerinnen und zwölf frisch gedichtete Feenlieder zum ‚Traum der Roten Kammer'. Möchtest du mich begleiten?" Schatzjade vergaß sogleich, wo Qin geblieben war, und folgte der Fee zu einem Ort, wo ein steinernes Ehrentor quer über dem Weg stand, darauf die vier großen Zeichen: „Reich der Großen Leere und Illusion" [太虚幻境]. Zu beiden Seiten ein Spruchband:

   Wenn das Falsche zum Wahren wird, wird auch das Wahre falsch;
   Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts.

Hinter dem Tor lag ein Palasteingang mit den vier Zeichen: „Meer der Sünde, Himmel der Liebe" [孽海情天]. Schatzjade dachte bei sich: „So also verhält es sich. Aber was sind die Liebesschulden von einst und heute, was die Schulden des Mondscheins und Windes? Ich möchte es schon gern erfahren." Indem er so dachte, hatte er sich bereits die bösen Geister in sein Innerstes gerufen. Zusammen mit der Fee trat er durch das zweite Tor; in den Seitenhallen hingen überall Tafeln und Spruchbänder — zu viele, um alles zu lesen. Er sah jedoch die Aufschriften einiger Abteilungen: „Kammer der Vernarrtheit", „Kammer des Grolls", „Kammer der Morgentränen", „Kammer der Nachtseufzer", „Kammer der Frühlingsrührung", „Kammer der Herbsttrauer".

Schatzjade wandte sich an die Fee: „Dürfte ich die ehrwürdige Fee bitten, mich in diese Kammern zu führen? Wäre das möglich?" Die Fee antwortete: „In jeder dieser Kammern sind die Schicksalsbücher aller Frauen unter dem Himmel aufbewahrt — Vergangenheit und Zukunft. Du mit deinen irdischen Augen und deinem sterblichen Leib darfst das nicht im Voraus wissen." Schatzjade ließ sich nicht abweisen und bat noch inständiger. Die Fee seufzte: „Nun gut — gehen wir wenigstens in diese eine Kammer und werfen einen Blick hinein." Schatzjade war überglücklich, blickte auf und las das Schild über der Kammer: „Kammer der Unglückseligen" [薄命司]. Zu beiden Seiten ein Spruchband.

Schatzjade trat ein und sah Dutzende großer Schränke, alle versiegelt. Auf den Siegeln standen Provinznamen. Er suchte nur nach dem Siegel seiner Heimatprovinz und beachtete die anderen nicht. Da sah er auf einem Schrank in großen Zeichen: „Hauptregister der Zwölf Schönheiten von Jinling" [金陵十二钗正册]. Er fragte: „Was bedeutet ‚Hauptregister der Zwölf Schönheiten von Jinling'?" Die Fee antwortete: „Das sind die Einträge der zwölf herausragendsten Frauen Eurer Provinz — darum das Hauptregister." Schatzjade sagte: „Jinling ist riesig — wie kann es nur zwölf Frauen geben? Allein in unserem Haus gibt es Hunderte von Mädchen!" Die Fee lachte kühl: „Frauen gibt es in Eurer Provinz freilich viele — aber nur die wichtigsten werden aufgezeichnet. Die beiden unteren Schränke enthalten die nächsten Ränge. Alle übrigen, die gewöhnlichen und unbedeutenden, haben kein Buch."

Schatzjade öffnete zuerst den untersten Schrank — das „Dritte Register" [又副册] — und nahm ein Buch heraus. Auf der ersten Seite war ein Bild: weder Figuren noch Landschaft, nur Tuschewolken und trüber Nebel auf dem ganzen Blatt. Dahinter einige Zeilen:

   Selten wie Mondlicht nach dem Regen, flüchtig wie bunte Wolken.
   Das Herz höher als der Himmel, der Stand niedriger als der Staub.
   Geist und Anmut erregen Neid —
   Früher Tod durch Verleumdung,
   Und der empfindsame junge Herr trauert vergebens.

[Anm.: Dies ist das Orakel für Heitermuster 晴雯.]

Dann sah er ein Bild: ein Strauß frischer Blumen und ein zerbrochenes Bettgestell. Dazu einige Verse:

   Vergebens so sanft und gefügig,
   Vergebens gerühmt als duftend wie Osmanthus und Orchidee.
   Beneidenswert, dass die Schauspielerin das Glück hat —
   Wer hätte gedacht, dass der junge Herr leer ausgeht.

[Anm.: Dies ist das Orakel für Dufthauch 袭人.]

Schatzjade verstand es nicht, legte es weg und nahm das „Zweite Register" [副册] zur Hand. Auf der ersten Seite war ein Osmanthusbaum gemalt, darunter ein Teich mit verdorrtem Schlamm, verwelktem Lotus und verfaulten Wurzeln. Dahinter stand:

   Gleicher Wurzel mit dem Lotus, an einem Stiel duftend,
   Ein ganzes Leben voll leidvoller Begegnungen.
   Seit an zwei Orten ein einsamer Baum wuchs,
   Kehrte die Duftseele in die Heimat zurück.

[Anm.: Dies ist das Orakel für Xiangling 香菱, die entführte Yinglian.]

Schatzjade verstand auch dies nicht und griff nun zum Hauptregister. Auf der ersten Seite waren zwei verdorrte Bäume gemalt, an denen ein jadegrüner Gürtel hing, und daneben ein Schneehaufen, unter dem eine goldene Haarnadel begraben lag. Dazu vier Verse:

   Beklagenswert die Tugend der angehaltenen Weberin, [Anm.: Schatzspange]
   Bedauernswert das Talent der Schnee-Dichterin. [Anm.: Kajaljade]
   Ein Jadegürtel hängt im Wald, [Anm.: 林 Lín = Wald + 玉 Jade = Kajaljade]
   Eine goldene Nadel liegt im Schnee begraben. [Anm.: 薛 Xuē = Schnee + 钗 Nadel = Schatzspange]

Schatzjade verstand es noch immer nicht. Er wollte fragen, wusste aber, dass die Fee es nicht verraten würde; weglegen mochte er es auch nicht. So blätterte er weiter. Er sah einen gemalten Bogen mit einer daran hängenden Zedratfrucht [香橼]. Dazu ein Lied:

   Zwanzig Jahre lang — wer erkennt sie da noch?
   Granatapfelblüten erleuchten die Palastgemächer.
   Drei Frühlinge reichen nicht an den ersten Frühling heran —
   Wenn Tiger und Hase sich treffen, kehrt der große Traum heim.

[Anm.: Orakel für Urfrühling 元春. „Drei Frühlinge" = die drei jüngeren Schwestern mit „Frühling" im Namen.]

Dann zwei Personen, die Drachen steigen lassen; ein großes Meer und ein großes Schiff, darin eine Frau, die sich das Gesicht bedeckt und weint:

   Begabt und klarsichtig, von hohem Geist,
   In einer sterbenden Welt geboren, da schwindet das Glück.
   Am Qingming-Fest, unter Tränen, am Flussufer stehend —
   Tausend Li Ostwind, ein ferner Traum.

[Anm.: Orakel für Spürfrühling 探春.]

Dann einige Wolkenfetzen und ein verrinnender Bach:

   Was nützt aller Reichtum? — Als Wickelkind die Eltern verloren.
   Ein Blick in die sinkende Abendsonne,
   Am Xiang-Fluss verrinnt das Wasser, die Chu-Wolken fliegen.

[Anm.: Orakel für Wolke vom Xiang-Fluss 史湘云.]

Dann ein schöner Jadestein, gefallen in Schlamm und Schmutz:

   Rein sein wollen und doch nicht rein,
   Leer sein wollen und doch nicht leer!
   Schade um die Natur von Gold und Jade —
   Gefallen und versunken im Morast.

[Anm.: Orakel für Wunderjade 妙玉.]

Dann ein böser Wolf, der ein schönes Mädchen verfolgt und verschlingen will:

   Der Sohn ist ein Wolf vom Zhongshan-Berg — [Anm.: Sprichwort für Undankbare]
   Kaum hat er Erfolg, wird er maßlos.
   Die zarte Blüte aus der goldenen Kammer —
   Ein einziges Jahr, dann geht es zum Gelben Quell.

[Anm.: Orakel für Willkommensfrühling 迎春.]

Dann ein alter Tempel, darin eine schöne Frau, die allein vor einem Sutra sitzt:

   Durchschaut, dass drei Frühlinge nicht von Dauer sind,
   Tauscht sie das schwarze Gewand gegen die einstige Tracht.
   Schade um die Tochter aus gesticktem Tor und Adelshaus —
   Einsam liegt sie beim grünen Licht vor dem alten Buddha.

[Anm.: Orakel für Bewahrfrühling 惜春.]

Dann ein Eisberg, darauf ein weiblicher Phönix:

   Ein gewöhnlicher Vogel aus der Endzeit — [Anm.: 凡鸟 = 凤 Feng = Phönixglanz[11] [熙凤]]
   Alle bewundern ihr Talent.
   „Erst gehorchen, dann befehlen, dann nichts als Holz" — [Anm.: Rätselhafte Prophezeiung über Phönixglanz[12] [王熙凤]s Schicksal]
   Weinend gen Jinling — die Dinge werden noch trauriger.

[Anm.: Orakel für Phönixglanz 王熙凤.]

Dann ein ödes Dorf mit einer Schenke, darin eine schöne Frau, die am Spinnrad sitzt:

   Wenn die Lage sich wendet, rede nicht von Adel;
   Wenn die Familie untergeht, sprich nicht von Verwandtschaft.
   Zufällig half sie einer gewissen Liu —
   Und traf durch Zufall auf eine Wohltäterin.

[Anm.: Orakel für Qiaojie 巧姐, Phönixglanzs Tochter.]

Dann ein üppiger Orchideenstrauch, daneben eine schöne Frau in Phönixkrone und Regenbogengewand:

   Im Frühlingswind reifen Pfirsich und Pflaume — vollendet.
   Wer gleicht am Ende einem Topf Orchideen?
   Ob Eis, ob Wasser — eifersüchtig umsonst,
   Ein leeres Gerede für andere Leute.

[Anm.: Orakel für Li Schleierfrau 李纨.]

Dann ein hoher Palast, darin eine schöne Frau, die sich am Balken erhängt hat:

   Am Himmel der Liebe, im Meer der Liebe — ein Körper aus Liebe,
   Wo Liebe sich trifft, herrscht stets die Lust.
   Man sage nicht, alle Untugend stamme aus dem Rong-Haus —
   Die Quelle allen Unheils liegt im Ning.

[Anm.: Orakel für Qin Lieblich 秦可卿.]

Schatzjade wollte noch weiterlesen, doch die Fee wusste um seinen hohen Verstand und sein feines Gespür und fürchtete, die himmlischen Geheimnisse könnten sich enthüllen. Sie schloss das Buch, lachte und sprach: „Komm lieber mit mir und sieh dir die Wunder an — wozu hier Rätsel knacken!" Schatzjade, noch ganz benommen, legte das Buch beiseite und folgte der Fee nach hinten. Dort sah er Perlenvorhänge und bestickte Wandschirme, bemalte Balken und geschnitzte Dachtraufen — ein unbeschreiblicher Glanz. Er sah Feenblumen duften und seltsame Kräuter blühen — wahrlich ein wunderbarer Ort.

Da lachte die Fee: „Kommt schnell heraus und empfangt den edlen Gast!" Kaum hatte sie ausgesprochen, traten mehrere Feen aus dem Zimmer — alle in wallenden Lotosgewändern und flatternden Federkleidern, schön wie Frühlingsblumen und anmutig wie der Herbstmond. Als sie Schatzjade sahen, beklagten sie sich bei der Fee: „Wir wissen nicht, was für ein ‚edler Gast' das sein soll, derentwegen wir herausgerufen werden! Schwester, du sagtest, heute zu dieser Stunde werde die Seele der Purpurperlenschwester [绛珠妹子, d.h. Kajaljade] zum Besuch kommen, deshalb warteten wir so lange. Warum bringst du stattdessen dieses schmutzige Wesen mit, um unseren reinen Mädchenort zu beflecken?" Schatzjade erschrak und fühlte sich tatsächlich schmutzig und unwürdig; er wollte sich zurückziehen, konnte aber nicht.

Die Fee ergriff seine Hand und sprach zu den Schwestern: „Ihr kennt die Zusammenhänge nicht. Ich war heute eigentlich zum Rong-Guofu unterwegs, um die Purpurperle abzuholen, doch als ich am Ning-Guofu vorbeikam, traf ich auf die Geister der Ahnen Ning und Rong. Sie baten mich: ‚Unsere Familie hat seit der Reichsgründung über Generationen Ruhm und Reichtum genossen — doch nach hundert Jahren ist das Schicksal erschöpft und lässt sich nicht aufhalten. Von den zahlreichen Nachkommen ist keiner imstande, das Erbe fortzuführen. Einzig der Erblingsenkel Schatzjade — von eigenwilligem Charakter und seltsamen Neigungen, doch klug und begabt genug, um vielleicht Hoffnung zu geben; aber da das Schicksal unserer Familie zu Ende geht, fürchten wir, dass niemand ihn auf den rechten Weg führt. Wenn die Feenkönigin so gütig wäre — möge sie ihn zuerst durch die Verlockungen der Liebe und der Sinnesfreuden aus seiner Verblendung wecken, damit er vielleicht zur Vernunft kommt und sich dem rechten Weg zuwendet. Das wäre unser beider großes Glück.' — Auf dieses inständige Bitten hin erbarmte ich mich und brachte ihn hierher. Zuerst habe ich ihm die Schicksalsbücher der Frauen — obere, mittlere und untere Klasse — gezeigt und gründlich lesen lassen, doch er hat nichts begriffen. Deshalb führe ich ihn nun hierher, damit er Wein, Speise, Gesang und Tanz erlebt — vielleicht wird er eines Tages erwachen."

Darauf führte die Fee Schatzjade in ein Gemach, wo ein geheimnisvoller Duft wehte — von unbekannter Herkunft. Als Schatzjade danach fragte, lachte die Fee spöttisch: „Diesen Duft gibt es in der irdischen Welt nicht — wie könntest du ihn kennen? Er ist aus dem Blütenessenz seltener Pflanzen berühmter Berge und dem Harz kostbarer Bäume gewonnen; sein Name ist ‚Essenz aller Blüten' [群芳髓]." Man nahm Platz. Eine kleine Dienerin brachte Tee. Schatzjade schmeckte ein reines, unvergleichliches Aroma und fragte nach dem Namen. Die Fee antwortete: „Dieser Tee stammt vom Berg des Freigelassenen Frühlings, aus der Grotte des Ausgesandten Duftes, gebrüht mit dem Morgentau von Feenblumen und Geisterblättern. Sein Name ist ‚Tausend Rote, ein einziger Kelch' [千红一窟]." [Anm.: 窟 kū klingt wie 哭 kū ‚weinen' — also ‚Tausend Rote — ein einziger Klagegesang'.]

Die Fee wies auf ein Spruchband an der Wand:

   Zarteste Stätte von Geist und Anmut,
   Ein Himmel des Unabänderlichen.

Dann stellten sich die Feen vor: Eine hieß „Fee des Vernarrten Traumes", eine „Große Bodhisattva der Liebe", eine „Goldmädchen der Herbeigezogenen Sorge", eine „Bodhisattva des Überwundenen Grolls" — jede mit anderem Titel. Bald darauf wurden Tisch und Stühle hergerichtet und Wein und Speisen aufgetragen. Schatzjade bemerkte den klaren, milden Duft des Weins und fragte danach. Die Fee antwortete: „Dieser Wein ist aus den Kelchen hunderter Blumen, dem Saft zehntausender Bäume, dem Mark des Qilin und der Milch des Phönix gebraut; sein Name ist ‚Zehntausend Reize, ein einziger Becher' [万艳同杯]." [Anm.: 杯 bēi klingt wie 悲 bēi ‚traurig' — also ‚Zehntausend Reize — ein einziger Klagegesang'.]

Während des Trinkens traten zwölf Tänzerinnen vor und fragten, welches Stück gespielt werden solle. Die Fee sagte: „Spielt die zwölf Lieder des neu komponierten ‚Traum der Roten Kammer'." Die Tänzerinnen verneigten sich, schlugen leise die Sandelholzklöppel und griffen sanft in die silberne Zither. Sie begannen zu singen:

Die Fee erklärte Schatzjade: „Diese Lieder sind anders als die Opernmelodien der irdischen Welt, die festen Rollen und den neun Tonarten folgen müssen. Hier besingt man bald eine Person, bald ein Ereignis; jedes Stück kann vertont werden. Wer nicht selbst betroffen ist, versteht den Zauber nicht. Da du vermutlich diese Melodien nicht durchdringst, solltest du erst den Text lesen und dann die Musik hören — sonst wäre alles wie Wachs kauen." Sie ließ das Manuskript des ‚Traum der Roten Kammer' bringen und reichte es Schatzjade. Er las den Text und hörte zugleich den Gesang:

    • Erste Strophe — Vorspiel zum Traum der Roten Kammer:**

Am Anfang der Schöpfung — Wer war der Keim der Liebe? Alles nur wegen der Leidenschaft für Wind und Mondschein. In diesem Himmel des Unabänderlichen, diesem Tag des Herzeleids, dieser Stunde der Einsamkeit, Versuche man, das törichte Herz auszudrücken. Und so wurde aufgeführt dieser „Traum der Roten Kammer", Der um Gold trauert und Jade beweint.

    • Zweite Strophe — Ein ganzes Leben fehlgeleitet:**

Alle sagen, die Verbindung von Gold und Jade sei vom Schicksal bestimmt, Doch ich denke nur an den alten Bund von Stein und Holz. Vergebens sitze ich einer Einsiedlerin aus den Bergen gegenüber, die wie kristallener Schnee leuchtet — Nie vergesse ich die Feenfrau aus dem Jenseits im einsamen Wald. Ach, in der Menschenwelt — Jetzt erst glaube ich, dass im Schönsten der Mangel liegt. Selbst wenn die Gatten einander die Speise auf Augenhöhe reichen — Am Ende bleibt das Herz unruhig.

    • Dritte Strophe — Vergeblich die zusammengezogenen Brauen:**

Eine ist eine Wunderblüte aus dem Feengarten, Der andere ein makelloser Edelstein. Wenn kein Wunderschicksal sie verbindet — Warum treffen sie sich just in diesem Leben? Und wenn ein Wunderschicksal sie verbindet — Warum muss die Herzensangelegenheit zuletzt zunichte werden? Die eine seufzt vergebens, Der andere sorgt sich umsonst. Die eine ist der Mond im Wasser, Der andere die Blüte im Spiegel. Die Augen — wie viele Tränenperlen haben sie? Wie sollen sie reichen vom Herbst durch den Winter, vom Frühling bis zum Sommer?

Schatzjade hörte dies — es war zerstreut und ohne festen Handlungsfaden, er sah keinen besonderen Wert darin. Doch der wehmütige Klang durchdrang ihm die Seele. So fragte er nicht weiter nach Herkunft und Zusammenhang und lauschte einfach, um sich die Zeit zu vertreiben. Er las weiter:

    • Vierte Strophe — Groll gegen die Unbeständigkeit:**

Wie schön das Glück der Herrlichkeit, Da kommt der Tod — der Unbeständige. Die Augen aufgerissen, wirft man alles hin; Schaukelnd schwindet die Blütenseele. Die Heimat — fern, der Berg — hoch. So suchte sie im Traum die Eltern: „Mein Schicksal ist im Gelben Quell besiegelt — Ihr Lieben, zieht euch beizeiten zurück!"

    • Fünfte Strophe — Trennung von Fleisch und Blut:**

Dreitausend Li durch Wind und Wellen — Knochen und Blut, Heim und Garten zurückgelassen. Fürchte, die restlichen Jahre unter Tränen zu enden. Sagt den Eltern: Denkt nicht an mich! Seit jeher sind Armut und Glück vom Schicksal bestimmt, Und Trennung und Vereinigung geschehen nicht ohne Grund. Von nun an auf zwei Seiten der Welt — Jeder bewahre den Frieden für sich.

    • Sechste Strophe — Freude im Leid:**

Als Wickelkind schon verwaist — die Eltern beide tot. Im Überfluss aufgewachsen — wer kennt die Zärtlichkeit? Zum Glück von Natur aus großherzig und weit, Hat sie nie Liebesgefühle im Herzen getragen. Wie Mondlicht nach dem Regen strahlt die Jadehalle. Dem ebenbürtigen Gatten vermählt — Verdiente sie sich den ewigen Bund, Der die Mühsal der Jugendjahre aufwiegt. Doch am Ende zerstreuen sich die Wolken über Gaotang, Das Wasser des Xiang-Flusses versiegt. So will es das Schicksal der irdischen Welt — Warum vergeblich trauern!

    • Siebte Strophe — Von der Welt nicht geduldet:**

Edel wie eine Orchidee, begabt wie eine Fee, Von Geburt an eigenartig — ein Rätsel für alle. Du magst verschmähen, Fleisch zu essen, es sei widerlich, Und Seide und Brokat als vulgär verachten — Doch weißt du nicht: Je höher man steht, desto mehr Neid erregt man, Und allzu rein, da schilt einen die ganze Welt. Wie schade — beim grünen Licht im alten Tempel altert sie; Verschwendet hat sie die Jugend im roten Schmuckgemach. Am Ende ist es doch der schmutzige Staub der Welt, der ihren Wunsch durchkreuzt — Wie eine makellose Jade, versunken im Schlamm. Was müssen die Prinzen und Edelleute noch klagen?

    • Achte Strophe — Freude über den Feind:**

Der Wolf vom Zhongshan-Berg, ein gefühlloses Tier, Vergisst vollkommen die alte Verbindung. Nur Hochmut, Verschwendung, Lust und Gier. Was kümmert es ihn, dass die edle Schöne aus dem Adelstor Wie Strauchweide behandelt wird? Die Tochter aus herzoglich Haus — zur Magd erniedrigt! Ach, die liebliche Seele — ein einziges Jahr, Und sie schaukelt ins Jenseits.

    • Neunte Strophe — Erkenntnis der Leeren Blüte:**

Drei Frühlinge hat sie durchschaut — nichts dauert. Was sollen Pfirsichrot und Weidengrün? Sie löscht die Blüte der Jugend aus Und sucht die Gelassenheit des Himmels. Was soll das Gerede von Himmelspfirsichen und Wolkenaprikosen? Am Ende — wer übersteht den Herbst? Schau nur das Weinen der Menschenmenge im Weidenland, Die Klagelieder der Geister unter den Ahornbäumen. Verwachsenes Gras bedeckt die Gräber — Gestern arm, heute reich — lauter Mühsal, Frühling blüht, Herbst welkt — Blumenqual. So ist das Leben — zwischen Tod und Qual — Wer kann dem entrinnen? Man sagt, im Westen steht der Baum Poluoshu — Daran die Frucht des Ewigen Lebens.

    • Zehnte Strophe — Vom Klügsein bestraft:**

Alle Ränke und Listen zu klug ersonnen — Am Ende kosten sie dich dein Leben. Im Leben schon das Herz zerbrochen, Im Tod der Geist verweht. Die Familie wohlhabend, die Menschen in Frieden — Zuletzt zerstreut sich alles, jeder flieht. Umsonst ein halbes Leben voll Ehrgeiz, Wie ein schaukelnder Traum um Mitternacht. Peng — da stürzt der Palast wie ein Kartenhaus! Dunkel und trüb — die Lampe verlischt. Ach! Ein Fest in Freude — plötzlich Leid. So ist die Menschenwelt — nie zu bestimmen!

    • Elfte Strophe — Verdienst der Ahnen:**

Glücksreste, Glücksreste — plötzlich trifft man den Wohltäter! Dank der Mutter, dank der Mutter — die Verdienste der Ahnen! Seid gütig, helft den Armen — Seid nicht wie der geldgierige, herzlose Onkel und der betrügerische Bruder! Geben und Nehmen, Plus und Minus — darüber wacht der Himmel.

    • Zwölfte Strophe — Abendliche Blüte:**

Im Spiegel die Liebe — und dann noch Ruhm im Traum! Wie schnell schwindet die schöne Jugendzeit! Rede nicht mehr von der bestickten Liebesdecke. Die Perlenkrone und das Phönixgewand Wiegen den Tod nicht auf. Obwohl man sagt: Armut im Alter sei hart — Sammle Verdienste für Kinder und Enkel! Stolz die Beamtenmütze, der Gürtel mit dem Goldsiegel — Hell das Ansehen und die hohe Würde — Und düster schon der Weg zum Gelben Quell! Welche Feldherren und Minister der Vergangenheit leben noch? Nichts als ein leerer Name, von der Nachwelt verehrt.

    • Dreizehnte Strophe — Ende der schönen Dinge:**

Am geschmückten Balken fällt der Frühlingsstaub. Wer den Wind der Liebe beherrscht und die Schönheit des Mondes besitzt — Der ist die Wurzel des Untergangs einer Familie. Die Verwahrlosung des Erbes begann bei Jing [贾敬], Der Ruin der Familie — die größte Schuld liegt bei Ning [宁国府]. Alle alten Sünden — alles entspringt der Liebe.

    • Vierzehnte Strophe — Schlussgesang: Die Vögel fliegen heim in ihren Wald:**

Der Beamte — sein Familienbesitz verfällt. Der Reiche — sein Gold und Silber ist aufgezehrt. Wer Güte empfing — entkommt dem Tod. Wer gefühllos war — bekommt seine Rechnung. Wer ein Leben schuldet — hat es zurückgezahlt. Wer Tränen schuldet — hat sie alle vergossen. Schuld um Schuld, das ist kein Spaß — Trennung und Vereinigung sind vorherbestimmt. Willst du wissen, warum das Leben kurz ist — frag das vorige Leben. Wer im Alter reich wird — hat wahrhaft Glück gehabt. Wer es durchschaut hat — tritt ins Kloster ein. Wer noch verblendet ist — gibt sein Leben umsonst hin. Wie Vögel, die ihren Wald verloren — Am Ende bleibt nur die weite, weiße Leere, wahrhaft rein!

Nach dem Gesang erklangen weitere Melodien. Die Fee bemerkte, dass Schatzjade wenig Interesse zeigte, und seufzte: „Verblendeter Junge — noch immer nicht erwacht!" Schatzjade bat die Sängerinnen aufzuhören, fühlte sich benommen und bat, sich niederlegen zu dürfen. Die Fee ließ die Reste abräumen und führte Schatzjade in ein duftiges Schlafgemach — so prächtig, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Noch erstaunlicher: In dem Gemach befand sich bereits eine junge Frau, deren frische Schönheit und Anmut teils an Schatzspange, teils an Kajaljade erinnerten.

Die Fee sprach: „In der irdischen Welt gibt es so viele reiche Familien, deren Frauengemächer von lüsternen Wüstlingen und zügelosen Mädchen befleckt werden. Noch hassenswürdiger: Seit alters her haben sich viele leichtsinnige Jünglinge mit der Formel ‚Schönheitsliebend, aber nicht lüstern' geschmückt oder sich auf ‚Empfindsam, aber nicht lüstern' berufen — alles nur Beschönigungen. Wer Schönheit liebt, ist lüstern; wer empfindet, erst recht. Denn die Vereinigung auf dem Wolkenberg und die Freude von Wind und Regen entstehen stets daraus, dass man zuerst die Schönheit begehrt und dann das Gefühl dazukommt. Was ich an dir liebe: Du bist der größte ‚Lüstling' aller Zeiten!"

Schatzjade erschrak: „Die Feenkönigin irrt! Ich bin schon zu faul zum Lernen — meine Eltern ermahnen mich ständig. Wie wagte ich das Wort ‚lüstern'? Außerdem bin ich noch zu jung und weiß gar nicht, was es bedeutet." Die Fee antwortete: „Nein! ‚Lüstern' ist zwar ein einziges Prinzip, doch sein Sinn ist vielfältig. Die gewöhnlichen Lüstlinge der Welt begehren nur Schönheit und Tanz, suchen Vergnügen ohne Ende und wollten am liebsten alle Schönheiten der Welt für ihre flüchtige Lust — das sind nur stumpfe Fleisch-und-Haut-Lüstlinge. Du hingegen bist von Geburt an mit einer besonderen Empfindsamkeit ausgestattet, die wir ‚Lust des Herzens' [意淫] nennen. Diese ‚Lust des Herzens' kann nur das Herz erfassen, nicht der Mund aussprechen; nur der Geist vermitteln, nicht die Sprache beschreiben. Du allein besitzt diese beiden Zeichen. Im Frauengemach kannst du damit ein vortrefflicher Freund sein — doch in der Welt der Menschen wirst du als sonderbar und verschroben gelten und hunderttausend Münder werden dich verspotten. Da ich nun dem Flehen deiner Urgroßväter Ning und Rong nachgekommen bin — um dir nicht nur die Ehre meines Mädchenreiches zu gönnen, sondern dich auch vor dem Verderben der Welt zu bewahren —, habe ich dich hierhergebracht, dir Feenwein und Feentee eingeschenkt, dich mit Wunderliedern ermahnt, und will dir nun meine Schwester — mit dem Milchnamen Jianmei [兼美, ‚Vereinte Schönheit'] und dem Beinamen Lieblich [可卿] — als Gattin anvertrauen. Heute Nacht ist die rechte Stunde für die Hochzeit. Damit du begreifst: Alles in diesem Feenreich und Traumland ist so — wie erst die Liebe in der irdischen Welt! Von nun an löse dich, erkenne, ändere deinen Sinn und widme dich mit Eifer und Fleiß dem rechten Weg der Wirtschaft und des Dienens."

Damit lehrte sie ihn die Geheimnisse der Liebe und schob ihn hinter den Vorhang. In jenen Tagen erlebte Schatzjade mit Lieblich zärtliche Innigkeit — es sei darüber kein weiteres Wort verloren.

Eines Tages führte die Fee Schatzjade und Lieblich auf einen Ausflug an einen Ort, wo Dornen und Gestrüpp den Boden bedeckten und Wölfe und Tiger in Rudeln umherstreiften. Plötzlich versperrte ein breiter Fluss den Weg — schwarzes, reißendes Wasser, ohne Brücke oder Fähre. Schatzjade blieb ratlos stehen. Da hörte er die Fee rufen: „Schatzjade, geh nicht weiter! Kehre schleunigst um!" Schatzjade fragte erschrocken: „Was ist das für ein Ort?" Die Fee antwortete: „Das ist die Furt der Verirrung [迷津]. Zehntausend Klafter tief, tausend Li weit, ohne Kahn oder Fähre — nur ein einziges Holzfloß, gesteuert vom Herrn des Toten Holzes [木居士] und gerudert vom Gehilfen aus Asche [灰侍者]. Sie nehmen weder Gold noch Silber — nur wer vom Schicksal bestimmt ist, wird übergesetzt. Wenn du in diese Tiefe stürzt, wäre alles umsonst gewesen, was ich dir mit Hilfe der Liebe an Erkenntnis und Wahrheit gelehrt habe."

Schatzjade wollte antworten, da dröhnte das Wasser der Furt wie Donner, und ein Ungeheuer wie ein Yaksha sprang heraus und stürzte sich auf ihn. Schatzjade brach der Schweiß aus wie Regen, und er schrie: „Lieblich, rette mich! Lieblich, rette mich!" — Da eilten Dufthauch, Meiren und die anderen herbei, stützten ihn und sprachen: „Schatzjade, hab keine Angst! Wir sind hier!" Qin, die draußen alles gehört hatte, kam eilig herein und wunderte sich: „Mein Milchname — hier kennt ihn niemand. Wie hat er ihn im Traum gerufen?" —

So heißt es denn:


Anmerkungen

  1. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade" / „Schwarzaugenbrauen-Jade".
  2. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  3. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  4. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  5. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange".
  6. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.
  7. Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die Angreifende/Überraschende" (nach dem Gedicht „der Blütenduft greift den Menschen an"). Sie ist Schatzjades erste Kammerzofe.
  8. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Muster/Klares Gewölk". Schatzjades zweite Kammerzofe.
  9. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". 晴 qíng „heiter/klar", 雯 wén „Wolkenmuster". Sie ist eine von Schatzjades Kammerzofen.
  10. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschus-Mond". Sie ist eine von Schatzjades Kammerzofen.
  11. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  12. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).