Hongloumeng/de/Chapter 104
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Kapitel 104
醉金刚小鳅生大浪 / 痴公子馀痛触前情
Der Betrunkene Diamant ist wieder auf freiem Fuß – ein Winzling verursacht einen mächtigen SturmUnser junger, verwirrter Edelmann erinnert sich schmerzlich verflossener Liebe.
Als Djia Yü-tsun sich gerade auf die Überfahrt mit der Fähre vorbereitete, sah er jemanden auf sich zukommen. „Der Tempel, den sie soeben besucht haben, hat Feuer gefangen, Herr!“ Djia Yü-tsun drehte sich um, sah, wie die Flammen vom Boden hervorsprangen und eine Wolke wirbelnder Asche den Himmel verdunkelte. ‚Wie außergewöhnlich!‘, dachte er bei sich. ‚Ich habe den Ort gerade eben verlassen und bin nur eine kurze Strecke Wegs gelaufen. Wie kann so ein Feuer ausgebrochen sein? Was ist, wenn Schï-yin darin umgekommen ist?’ Wären sie umgekehrt, um dies zu erkunden, hätten sie die Fähre verpaßt. Auf der anderen Seite fühlte er sich ruhelos, überhaupt nicht mehr dorthin zurückgehen zu können. Nach einem Moment des Nachdenkens fragte er den Mann: „Hast du mitbekommen, ob der alte Dauist entkommen konnte?“ – „Ich war nicht weit hinter Ihnen, Herr. Ich hatte Bauchschmerzen und lief etwas langsamer, da schaute ich zurück. Als ich die Flammen sah, und feststellte, daß der Tempel brannte, lief ich so schnell ich konnte, um es Ihnen zu sagen. Ich habe aber niemanden aus den Flammen laufen gesehen.“ Obwohl ihn sein schlechtes Gewissen quälte, war Yü-tsun ein Mann, dessen Karriere an erster Stelle stand und er hielt es für unangemessen (und lästig), sich zu sehr damit zu beschäftigen. „Warte hier, bis das Feuer sich gelegt hat!“, sagte er dem Diener, „dann geh zurück und sieh, ob du eine Spur von dem alten Mann findest! Berichte mir umgehend davon!“ – „Ja, Herr.“ Der Mann blieb zurück, um die Anweisungen auszuführen. Djia Yü-tsun überquerte den Fluß und setzte seinen Besichtigungsgang fort, bis sie nach einigen Anlegestellen ihre vorgesehene Unterkunft erreicht hatten. Am nächsten Morgen waren seine Pflichten erfüllt, und er wurde von dem üblichen Gewimmel an Läufern am Stadttor begrüßt, die ihn mit sehr viel Lärm und Getöse durch die Straßen führten. Auf dem Weg hörte er in seiner Sänfte einen der Schreier einen Streit auf der Straße austragen und fragte, was denn los sei. Der Diener, der den Weg freihielt, zog den Schreier herbei, kniete nieder und gab folgenden Bericht von dem Zwischenfall: „Anstatt dem Herrn aus dem Weg zu gehen, lief dieser Trunkenbold direkt vor eure Sänfte. Ich sagte ihm, er solle von der Straße gehen, doch er antwortete betrunken und unverschämt, warf sich in der Mitte der Straße auf den Boden und beschuldigte mich, ihn geschlagen zu haben.“ Djia Yü-tsun sagte zum Trunkenbold: „Dieser ganze Bezirk hier obliegt meiner Aufsicht und jeder Bewohner fällt unter meine Rechtsprechung. Sie, dürften dies nur allzu gut wissen und müßten über meine Präsenz in dieser Gegend unterrichtet sein. In Ihrem betrunkenen Zustand war das Geringste, was Sie tun konnten, mir aus dem Weg zu gehen. Doch stattdessen haben Sie die Straße mit Ihrer widerlichen Person beschmutzt und besaßen dann noch die Frechheit, einen meiner Männer zu beschuldigen!“ „Meinen Wein habe ich selbst gekauft“, grummelte der Mann, „und wenn ich betrunken auf der Straße liege, so ist das der Boden des Kaisers, da können auch noch so wichtige Leute nichts ausrichten.“ – „Dieser Mann scheint zu glauben, er stünde über dem Gesetz!“ stieß Djia Yü-tsun wütend hervor. „Wie ist sein Name?“ – „Ni Er“, antwortete der Mann, „doch man nennt mich den Betrunkenen Diamanten.“ Djia Yü-tsun war wütend. „Verabreicht diesem Diamenten eine ordentliche Tracht Prügel,“ befahl er grimmig: „Mal sehen, ob er so hart wie ein Diamant ist!“ Seine Begleiter warfen Ni Er zu Boden und verabreichten ihm ein paar heftige Schläge mit der Peitsche. Als er den Schmerz spürte, wurde er nüchtern und und begann, um Gnade zu flehen. Yü-tsun lachte von seiner Sänfte laut zu ihm: „Diamant, in der Tat! Laßt ihn erst einmal in Ruhe. Bringt ihn zurück in den Yamen. Wir können ihn dann bei Gelegenheit befragen.“ Die Diener nickten, fesselten Ni Er und drängten ihn hinter die Sänfte, seine Bitte um Gnade dabei überhörend. Yü-tsun ging zuerst in den Palast, um von seinem Gang zu berichten und kehrte dann in seinen Yamen zurück, wo das tägliche Geschäft ihn verschlang. Er war zu beschäftigt, um über Ni Er nachzudeken. Doch die Zuschauer, die das Auspeitschen auf der Straße verfolgt hatten, verloren keine Zeit, die Geschichte ihren Freunden zu erzählen, und es verbreitete sich schnell die Neuigkeit, daß Ni Er, der Kräftige, der sich oft betrunken mit anderen anlegte, heute an den Bezirksvorsteher Djia geraten war. Das Gerücht erreichte schnell seine Frau und Tochter und, da er nicht nach Hause kam, befürchtete seine Tochter das Schlimmste und suchte alle Spielhallen nach ihm ab. Seine Kumpane bestätigten die Geschichte, und seine Tochter war vor Sorgen in Tränen aufgelöst, als sie bedachte, was ihrem Vater geschehen sein könnte. „Nimm es nicht so schwer, Fräulein!“, sagten sie, „dieser Herr Djia ist mit den Jung-guo-Djias verwandt. Und ist nicht ein gewisser zweiter Herr [der junge Djia Yün] ein Freund deines Vaters? Warum bittest du und deine Mutter ihn nicht, ein gutes Wort für deinen Vater einzulegen? Das sollte reichen.“ Ni Ers Tochter dachte darüber nach. „Sie haben recht. Vater erwähnte oft, wie gut er mit dem zweiten Herrn [Djia] nebenan zurechtkäme. Vielleicht sollte ich bei ihm vorbeischauen.“ Sie eilte nach Hause, erzählte es ihrer Mutter, und beide suchten am nächsten Morgen gemeinsam Djia Yün auf. Er war an diesem Tag zufällig zu Hause und ließ beide herein, während seine Mutter einer jungen Magd auftrug, ihnen Tee zu servieren. Sie erwähnten die Geschichte von Ni Ers Verhaftung und baten Djia Yün, bei seiner Befreiung zu helfen. „Natürlich!“ stimmte Djia Yün ohne zu zögern zu. „Überhaupt kein Problem. Ich gehe zum westlichen [Jung-guo-]Anwesen, erzähle es ihnen, und die Sache wird bald geregelt sein. Dieser Bezirksvorsteher Djia hat alles seiner Beziehung mit zu verdanken. Ich schicke jemanden, um ihm kurz Bescheid zu sagen, er schafft es bestimmt!“ Ni Ers Frau und Tochter kehrten voller Erwartung nach Hause zurück. Sie besuchten Ni Er im Yamen, [wo er gefangen gehalten wurde] und überbrachten ihm die Neuigkeiten, daß er dank des Eingreifens von Djia Yün und der Familie Djia in Kürze freigelassen würde. Ni Er war sichtlich erleichtert. Unglücklicherweise hatte Djia Yün, dessen vorige Angebote von Hsi-fëng zurückgewiesen wurden, nicht gewagt, sie wieder zu besuchen und hatte seitdem nicht einen Fuß in das Jung-guo-Anwesen gesetzt. Der Mann am Jung-guo Tor behandelte Besucher so, wie es ihrem Verhältnis zur Familie gebührte. Wenn die Familie eine höfliche und respektvolle Person erwartete, wurde diese willkommen geheißen und sofort eingelassen; wenn die Herrschaft einer Person gegenüber abweisend war, selbst wenn es ein Verwandter aus der eigenen Familie war, lehnten sie es ab, ihre Ankunft anzukündigen, schickten sie fort und die Sache war erledigt. Als Djia Yün nun auftauchte und Djia Liän begrüßen wollte, erhielt er einen sehr gelassenen Empfang am Tor: „Herr Liän ist nicht da. Wenn er nach Hause kommt, werden wir ihm berichten, daß Sie sich gemeldet haben.“ Djia Yün hätte darauf bestanden, Frau Liän zu sehen, doch war er zu verängstigt, die Torhüter weiter zu reizen und hatte keine andere Möglichkeit, als nach Hause zu gehen. Er mußte eine weitere Belästigung von Ni Ers Frau und Tochter am nächsten Tag erdulden: „Aber Herr Yün! Wir dachten, Ihr sagtet, die Djias könnten alles, was sie wollten, von jedem bekommen! Sie sind aus ihrer Familie, und es ist nichts Großes, danach zu fragen. Sie können nicht versagt haben! Sie können uns doch nicht so hängen lassen!“ Djia Yün fühlte sich erniedrigt und versuchte, sich herauszumogeln: „Gestern waren meine Verwandten zu beschäftigt, um jemanden zu schicken. Doch ich bin sicher, sie werden heute etwas tun, und dann wird Ni Er freikommen. Es gibt wirklich keinen Grund zur Sorge.“ Ni Ers Frau und Tochter konnten also nur abwarten, um zu sehen, wie die Sache sich entwickelte. Djia Yün, dem es nicht gelungen war, im [Jung-guo-Anwesen] Eintritt zu erhalten, versuchte es nun über den Hintereingang durch den Garten in der Hoffnung, Bau-yü anzutreffen. Zu seiner Überraschung fand er das Gartentor verschlossen und mußte wieder niedergeschlagen und enttäuscht nach Hause zurückkehren. ‚Es war erst vor ein paar Jahren, daß Ni Er mir das Geld geliehen hat‘, dachte er bei sich, ‚ich benutzte es, um Frau Liän ein Geschenk aus Kampfer und Moschus zu besorgen, und als Ergebnis teilte sie mir die Arbeit zu, Bäume zu pflanzen. Doch wo ich mir jetzt keine Geschenke mehr leisten kann, zeigt sie mir die kalte Schulter. Sie hat nichts, worauf sie stolz sein kann, als Geld zu verleihen – Geld, das wird in der Familie weitergegeben – , während ein armer Hausstand wie wir sich nicht einen Tael borgen kann, wenn er ihn braucht. Ich nehme an, sie hält sich für klug, sich mit diesem kleinen Notgroschen die Zukunft zu sichern. Sie weiß noch nicht einmal, was für einen stinkenden Ruf sie sich erworben hat. Wenn ich meinen Mund geschlossen halte, ist alles schön und gut; doch wenn ich den Leuten sage, was ich weiß, wird sie vor Gericht für mehr als ein Leben büßen müssen.‘ Er sah Ni Ers Frau und Tochter auf ihn warten, als er zurückkahm, und dieses Mal mußte er auf eine wohlformulierte Art zugeben, daß seine Mission gescheitert war. „Die Djias haben jemanden geschickt, um ein Wort für Ni Er einzulegen, doch ich fürchte, Bezirksvorsteher Djia wird ihn nicht freilassen. Ihr könntet mehr Glück haben, wenn ihr es bei Herrn Lëng Dsï-hsing versucht. Er ist mit Dschou Juee verwandt und arbeitet für die Djias.“ – „Was soll denn schon ein Diener ausrichten“, beklagte sich Ni Ers Familie, „wenn ein respektables Familienmitglied wie Sie nichts für uns tun können?“ Djia Yün war dies sehr peinlich. „Was ihr nicht zu erkennen scheint“, protestierte er entrüstet, „ist, daß die Diener meist größeren Einfluß haben als ihre Herren!“ Ni Ers Frau und Tochter sahen, daß sie nur ihre Zeit mit ihm verschwendeten. „Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet für all die Mühe, die wir ihnen bereitet haben, Herr Yün“, murrten sie sarkastisch, „wenn Vater frei ist, wird er sich gewiß noch selbst bedanken.“ Sie gingen ihrer Wege. Zuletzt fanden sie jemand anderen, der ihnen bei Ni Ers Befreiung helfen konnte; der dann ordnungsgemäß freigesprochen und entlassen wurde und während seines Gefängnisaufenthaltes nur ein paar Schläge mit der Rute zu erleiden hatte. Bei seiner Rückkehr an den familiären Herd gaben seine Frauen ihm zu verstehen, daß es den Djias nicht gelungen war, zu seinen Gunsten einzugreifen. Ni Er trank gerade und kündigte verärgert sein Vorhaben an, Djia Yün aufzusuchen und ihm einen Denkzettel zu verpassen: „Lausiger Bastard! Undankbares, feiges Aas! Als er leere Taschen hatte und eine Arbeit brauchte, wer war es, der ihm eine helfende Hand reichte? Direkt beim ersten Mal. Doch wenn ich selber in Schwierigkeiten bin, will er nichts davon hören, oder? Absolut großartig nenne ich das! Ich sag’ dir, wenn ich es möchte, dann pack ich mir diese Djias und steck ihre Nasen da hinein, wo sie hingehören!“ Die Frauen versuchten ängstlich, weitere Drohungen zu verhindern: „Schon wieder betrunken, Vater! Du bist nicht bei Sinnen! Die Flasche wurde dir vor ein paar Tagen schon zum Verhängnis, und du hast sie gut versteckt. Und jetzt sieh dich an! Schon wieder, noch bevor deine Beulen heilen können.“ „Was, diese Typen, die mich geschlagen haben?“, prahlte Ni Er. „Ich befürchte, die werden daraus keinen Vorteil für sich gewinnen können. Ich habe mich im Gefängnis mit ein paar Typen angefreundet, und ich habe das eine oder andere über die Djias erfahren. Laut denen gibt es in der Stadt und außerhalb der Provinz viele, die Djia heißen. Vor ein paar Tagen waren es viele Djia-Familienmitglieder, die im Gefängnis saßen. Ich war erschrocken, das zu hören. Ich meine, ich wußte, die jüngeren Djias und ihre Diener waren ein schlimmer Haufen, doch ich dachte, die Älteren wären korrekt. Wie sind die in solchen Ärger geraten? Ich habe mich ein bißchen umgehört. Am Ende stellte sich heraus, daß die Djias, über die sie sprachen, alle dieselbe Familie waren, wie die Djias hier. Die Djias sollen erst einmal im Gefängnis über ihre Vergehen Auskunft geben, erst dann bin ich beruhigt. Dieser kleine Yün ist ein undankbarer Bettler, das ist er! Meine Kollegen und ich können von dem ganzen Familientheater erzählen, von den Betrügereien und den Schikanen, von dem Wucherzins und dem Weiberfang... Oh, wenn der Herr das hört, wird es ein Riesenskandal! Dann werden sie wissen, wer Ni Er ist!“ – „Geh schlafen, du Betrunkener!“ sagte Ni Ers Frau. „Was für ein Weiberfang, um Himmels willen? Was es nicht gibt, darüber solltest Du nicht herumschwafeln!“ „Was weißt du schon, wenn du den ganzen Tag zu Hause hockst?“, erwiderte Ni Er. „Vor zwei Jahren, als ich in einer Spielhalle war, habe ich einen Typen namens Dschang getroffen. Der erzählte mir, wie seine Frau etwas mit einem Herrn Djia hatte. Wir hatten noch darüber diskutiert. Ich habe versucht, ihn zu überreden, daß er das Ganze fallen ließ. Ich weiß nicht, wo er jetzt ist, seit diesen zwei oder drei Jahren hab ich ihn nicht mehr gesehen. Wenn ich das nächste Mal mit diesem Dschang zusammenstoße, weiß ich, was ich ihm sagen werde. Röste diesen kleinen Yün bei lebendigem Leibe! Laß ihn auf Knien kriechen! Ich hab jetzt meine Leine.“ Ni Er brach plötzlich in seinem Bett zusammen, murmelte unzusammenhängend zu sich selbst und war bald eingeschlafen. Seine Frau und Tochter deuteten seine Drohungen als das Toben eines Trunkenboldes und kümmerten sich nicht weiter drum. Früh am nächsten Morgen begab sich Ni Er wieder in die Spielhalle, wo wir ihn verlassen müssen. Wir kehren zu Djia Yü-tsun zurück: Am Morgen nach seiner Heimkehr erfrischt von dem Schlaf einer guten Nacht, erzählte er seiner Frau (die, wie erinnert werden sollte, einst im Dienst der Dschën Familie in Sudschou stand) von seiner Begegnung mit Dschën Schï-yin. Sie machte ihm seine Herzlosigkeit zum Vorwurf: „Warum bist du nicht zurück gegangen, um nach ihm zu suchen? Wenn er lebendig verbrannt ist, werden wir für immer schuldig sein, ihm etwas angetan zu haben!“ Sie begann zu weinen, und Djia Yü-tsun versuchte, sich zu rechtfertigen: „Was hätte ich denn machen können? Ein Mensch wie er ist ein Erleuchteter. Er wollte nicht mit uns zusammen sein.“ In diesem Moment wurde Yü-tsun eine Nachricht überbracht: „Der Läufer, den der Herr gestern am Tempel verweilen ließ, um das Feuer zu überprüfen, möchte nun seinen Bericht abgeben.“ Yü-tsun ging langsam heraus, um den Läufer zu empfangen, der ein Knie auf den Boden absetzte und sagte: „Wie Sie es mir aufgetragen hatten, ging ich zurück, Herr. Ich trotzte den Flammen und ging zum Tempel, um nach dem Dauisten zu sehen. Seine Hütte war vollkommen zerstört, der Platz, auf dem er saß, war verbrannt. Ich dachte, er muß verbrannt sein. Sogar die Mauer dahinter war zusammengebrochen, und es gab keine Spur von dem alten Mann. Nur seine Gebetsmatte war übrig und seine Trinkflasche; irgendwie schienen die noch intakt zu sein. Ich suchte auf dem ganzen Platz nach menschlichen Überresten, doch ich fand nicht einen Knochen. Ich hatte Angst, daß Ihr mir nicht glaubt, und wollte deshalb die Matte und die Flasche als Beweis mitbringen. Doch als ich sie auflas, zerfielen sie in meiner Hand zu Asche.“ Yü-tsun entnahm diesem Bericht, daß Dschën Schï-yins Verschwinden aus der Feuerszenerie kein gewöhnlicher Tod war, sondern eher ein rätselhafter Prozeß einer Himmelfahrt. Er schickte den Läufer wieder fort und ging in seine privaten Gemächer, wo er gegenüber seiner Frau nichts von Schï-yins feuriger Umwandluung erwähnte, da er dachte, sie würde es nicht verstehen und deshalb betrübt sein; statt dessen sagte er ihr, daß von dem alten Mann keine Spur gefunden wurde und er wahrscheinlich entkommen konnte. Seine privaten Gemächer verlassend begab sich Yü-tsun in sein Arbeitszimmer und saß dort nachdenklich über die Worte, die Dschën Schï-yin während ihrer Begegnung gesprochen hatte. Als einer seiner Angestellten eintrat, um eine Kaiserliche Aufforderung zum Palast zu überbringen, damit bestimmte Unterlagen geprüft werden könnten, eilte Yü-tsun mit seiner Sänfte zum Palast. Als er ankam, hörte er jemanden zufällig sagen: „Der Kornintendant der Provinz Djianghsi, Djia Dschëng, wurde angeklagt und bittet vor Gericht um Nachsicht!“ Yü-tsun schob sich in das Kabinettsbüro und grüßte die verschiedenen hochrangigen Minister, die dort versammelt waren. Er erfüllte zuerst seine Pflichten und betrachtete die Unterlagen (die das Mißvergnügen Seiner Majestät und der Behörde der Küstenverteidigung ausdrückten) und verließ dann sofort das Kabinettsbüro, um Djia Dschëng zu suchen und sein Mitleid bezüglich der Anklage auszudrücken, sagte ihm aber auch, daß er erleichtert sei, daß die Anklage nicht zu streng war und fragte, ob seine Reise zur Hauptstadt angenehm war. Djia Dschëng antwortete mit einem ausführlichen Bericht über sein Unglück. „Haben die Djias dein Gnadengesuch bereits dem Thron übermittelt?“, fragte Yü-tsun. „Das haben sie“, antwortete Djia Dschëng, „ich erwarte das Urteil, wenn seine Majestät vom Mittagessen zurückkehren.“ Während sie sprachen, wurde Djia Dschëng zu einer Kaiserlichen Audienz berufen und eilte dorthin. Diese älteren Minister, die bekannt mit ihm waren, warteten ängstlich in einem der Vorzimmer; und als er nach einer langen Audienz endlich herauskam, war sein Gesicht schweißüberströmt, und sie drängten alle vor, um ihn zu begrüßen. „Und?“, fragten sie. „Wie ist es gelaufen?“ – „Zu Tode bin ich erschrocken, zu Tode!“ keuchte Djia Dschëng, seine Zunge hing ihm dabei aus dem Mund. „Ich muß Ihnen allen danken, Ihr edlen Herren, für Ihre Betroffenheit. Ich bin erleichtert, Ihnen berichten zu können, daß ich weitgehend unversehrt aus der Sache herausgekommen bin.“ – „Worüber hat seine Majestät Sie denn befragt?“ – „Seine erste Frage betraf das Schmuggeln von Feuerwaffen in der Provinz Yünnan. Die intensive Untersuchung in dem Fall identifizierte ein Mitglied des Djia-Hua Haushaltes als Anführer, den früheren Großpräzeptoren. Seine Majestät dachte, er erinnere sich an den Namen als den von meines Vaters Vetter und fragte mich, ob es sich um die selbe Person handle. Ich verbeugte mich sofort und erinnerte ihn daran, daß Djia Daihua der Vetter meines Vaters war. Seine Majestät lachte. Dann fragte er mich weiter, ob ich ein anderes Familienmitglied mit dem Namen Djia Hua hätte, das einmal Militärminister war, doch dann zurückgesetzt und als Major eingestellt wurde.“ Djia Yü-tsun war auch dabei. Sein eigentlich persönlicher Name war in der Tat Hua, Yü-tsun war eher ein Spitzname und er fuhr beinahe aus der Haut, als er dies hörte. „Und wie haben sie ihm geantwortet, Herr?“, fragte er Djia Dschëng. „Ich antwortete ganz überlegt, daß der frühere Großpräzeptor Djia Hua aus Yünnan stammte, wohingegen der Djia, der zur Zeit Major der hauptstädischen Präfektur war, aus Hudschou aus der Provinz Dschedjiang war. Die zweite Frage Seiner Majestät betraf Djia Fan, der zur Zeit vom Zensor aus Sudschou angeklagt wird. Er fragte mich, ob dieser Mann auch zu meiner Familie gehöre. Ich verbeugte mich und bejahte dies. Eine Wolke schien das Gemüt Seiner Majestät zu verfinstern und er sagte: ‚Das ist eine unehrenhafte Sache für einen Mann, sein Hauspersonal herumlaufen und seine Hände an die Frauen unschuldiger Bürger legen zu lassen!‘ Ich wagte nicht, ein Wort zu sprechen. ‚In welchem Verhältnis stehen sie zu Djia Fan?‘ – ‚In einem weitläufigen, Eure Majestät,‘ antwortete ich eilig. Seine Majestät gab einen Ton der Mißbilligung von sich und befahl mir zu gehen. Eine insgesamt sehr Besorgnis erregende Erfahrung, da werdet ihr mir gewiß zustimmen!“ – „Mit Sicherheit ein erstaunlicher Zufall, daß diese zwei anderen Fälle sich zu der gleichen Zeit wie der Eurige ereigneten“, folgerten die anderen. „Die Fälle an sich sind nicht so bemerkenswert“, antwortete Djia Dschëng, „doch die Tatsache, daß beide betroffenen Herren zum Djia Clan gehören, kann nichts Gutes verheißen. Ich glaube, es war nicht anders zu erwarten: Unsere Familie ist schließlich sehr groß und hat sich durch die Jahrhunderte über das ganze Reich verbreitet. Es gibt im Moment keinen Skandal, in den unsere Familie nicht verwickelt ist, doch ich fürchte, daß sich nach diesem Mal seine Majestät den Namen Djia besonders eingeprägt hat. Ich sehe keine Aussicht – muß ich leider bemerken.“ – „Kommen sie, es gibt nichts zu befürchten“, versicherten ihm die Anderen. „Bedenken sie, die Wahrheit siegt immer.“ – „Ich sollte mich besser ganz aus der Öffentlichkeit zurückziehen“, sagte Djia Dschëng. „Doch nein, ich kann kaum auf mein hohes Alter plädieren und die vererbten Familientitel sind verpflichtend, daß kein Zweig der Familie verzichten darf.“ „Jetzt, da sie in der Arbeitsbehörde wieder eingestellt sind, Herr“, warf Djia Yü-tsun ein, „denke ich, werden sie ein Leben führen, das mit weniger Schwierigkeiten erfüllt ist.“ „Stellungen in der Stadt sind in der Regel weniger stressig“, antwortete Djia Dschëng, „doch da ich nun zwei Mal in der Provinz gedient habe, heißt das nicht, daß mir keine Unannehmlichkeiten mehr bevorstehen.“ „Wir alle halten ihre Rechtschaffenheit in höchstem Ansehen“, versicherten die Anderen ihm wieder. „Und der Charakter ihres Bruders ist ohne Tadel. Allerdings sollten sie mit ihrem Neffen und der jüngeren Generation etwas strenger sein.“ – „Das stimmt, ich habe viel zu wenig Zeit zu Hause verbracht“, sagte Djia Dschëng, „und ich habe nicht genügend Acht auf das Verhalten meines Neffen gegeben. Das stimmt mich alles sehr unbehaglich. Seit Sie alle dieses Thema erwähnt haben und seit ich weiß, wie gut Sie meiner Familie geneigt sind, wäre ich Ihnen verpflichtet, wenn Sie noch ein wenig präziser wären. Sagen Sie mir zum Beispiel, haben Sie von irgendwelchen Unregelmäßigkeiten in der Familie meines Neffen [Dschën] im östlichen [Ning-guo-]Anwesen gehört?“ – „Wir haben nur gehört“, antworteten sie, „daß er irgendwie mit einigen Vizepräsidenten in Konflikt geraten ist, nicht zu vergessen die Eunuchen-Kämmerer im Palast. Es ist nichts, worüber man sich zu große Sorgen machen müßte, doch Sie sollten ihn vielleicht warnen, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein.“ Als die Konversation vorüber war, salutierten die Minister vor Djia Dschëng und verabschiedeten sich. Djia Dschëng ging nach Hause und wurde von einer Menge junger, männlicher Djias empfangen. Er erkundigte sich zuerst nach der Herzoginmutter, und dann begrüßten ihn alle, setzten ein Knie auf den Boden und folgten ihm in das Gebäude. Die Dame Wang und die anderen Damen hatten sich zu einer förmlichen Begrüßung in der Halle des Blühenden Glücks versammelt, worauf Djia Dschëng die Herzoginmutter in ihren privaten Gemächern begrüßte. Er berichtete ihr alle Neuigkeiten und gab ihr, als sie ihn nach Tan-tschun fragte, einen ausführlichen Bericht von ihrer Hochzeit. „Ich mußte eine kurze Nachricht hinterlassen und konnte das Doppelneun-Fest nicht mit ihr feiern. Doch obwohl ich sie dann nicht mehr selbst gesehen hatte, kamen mich Familienmitglieder ihres Mannes besuchen und erzählten mir, wie gut es ihr ginge. Ihre Schwiegereltern senden Euch ihre Empfehlungen. Sie sagten, daß sie diesen Winter oder nächsten Frühling vielleicht in die Stadt ziehen würden, was gewiß sehr begrüßenswert ist. Doch seit diesen Unruhen an der Küste, bezweifle ich sehr, daß sie so bald kommen können.“ Die Herzoginmutter war zuerst sehr bestürzt über die Nachricht von Djia Dschëngs Zurücksetzung und Rückkehr in die Stadt: Unabhängig davon würde das heißen, daß Tan-tschun, die weit entfernt von zu Hause lebte, noch mehr von der Familie isoliert wäre. Doch als Djia Dschëng von dem fabelhaften Ergebnis seiner Audienz mit dem Kaiser berichtete und dass Tan-tschun heil und gesund war, wurde sie um einiges heiterer und ein Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, als sie ihm gestattete, zu gehen. Als nächstes ging Djia Dschëng zu seinem Bruder, dann zu den anderen Männern und man stimmte überein, daß sie am nächsten Morgen zuerst am Familienschrein beten würden. Djia Dschëng zog sich in seine privaten Gemächer zurück, wo er sich mit der enen traf. Bau-yü und Djia Liän machten ihre Aufwartung. Djia Dschëng sah, daß Bau-yü sicherlich ein volleres Gesicht hatte als bei seiner Abreise, aber das beruhigte ihn, und er ahnte auch nicht, dass dieser innerlich durcheinander war, deshalb war er in seinem Herzen sehr angetan, und dachte nicht an die Degradierung. Er dachte bei sich: ‚Glücklicherweise hat die alte Dame es gut gemacht.‘ Er sah auch dass Bau-tschai ruhig und ernsthaft war, erfolgreicher als früher, Lan-örl war kultiviert und elegant, was ihn unendlich glücklich machte. Nur Huan war noch so wie früher, so dass seine Liebe zu ihm nicht noch verstärkt wurde. Nachdem er sich lange Zeit ausgeruht hatte, fiel ihm plötzlich auf: „Warum fehlt heute jemand?“ Frau Wang wusste, dass er an Dai-yü dachte. Zuvor hatte man ihm nur gesagt, dass sie krank war, weil es keine Korrespondenz von Familienbriefen gab, und an diesem Tag war er gerade erst heimgekehrt, alle waren froh, es erschien unpassend, es ihm direkt zu sagen. Da man schon wusste, dass Bau-yüs Inneres so aufgewühlt war, weil sein Vater heimkam, musste man Rücksicht auf das besondere Temperament nehmen. Frau Wang gab ein Willkommens-Banquett anlässlich der Heimkehr und Kinder und Enkel sprachen Toasts aus. Obwohl Hsie-fëng die Schwiegertochter war, erledigte sie nun das Hausmanagement, und präsentierte ihren Becher im Anschluss an Bau-tschai. Dann rief Djia Dschëng: „Nach einer Runde sollten alle zur Ruhe gehen.“ Er befahl dass die versammelten Familienmitglieder nicht weiter aufwarten mussten, sondern am nächsten Morgen den Ahnen in der Ahnenhalle ihren Respekt erweisen sollten, und dann zur Audienz kommen könnten. Nachdem die Zuteilungen bereits festgelegt worden waren, besprachen Djia Dschëng und die Dame Wang weitere Dinge, in dieser restlichen Zeit wagte die Dame Wang kaum zu sprechen. Vielmehr war es Djia Dschëng, der zuerst auf die Sache mit Wang Dsï-djüan kam, und die Dame Wang wagte es auch nicht, Trauer zu zeigen. Als Djia Dschëng auf Pan-örl zu sprechen kam, sagte die Dame Wang nur, dass jeder das bekomme, was er verdiene. Als die Gelegenheit kam, berichtete sie ihm davon, dass Dai-yü bereits verstorben war. Djia Dschëng erschrak und konnte die Tränen nicht zurückhalten, er seufzte fortwährend. Auch die Dame Wang konnte ihre Tränen kaum zurückhalten. Tsai-yün und ihre anderen Mägde, die in der Nähe standen, zupften diskret an ihrem Kleid, sie faßte sich wieder, lenkte das Gespräch zu einem fröhlicheren Thema und ging wenig später zu Bett. Früh am Morgen wurde die Zeremonie am Schrein der Ahnen vollzogen, in Gegenwart aller jungen, männlichen Mitglieder der Familie, und anschließend empfing Djia Dschëng Djia Dschën und Djia Liän in der Galerie an der Seite des Schreins, wo er nach einem Haushaltsbericht verlangte, welchen Vetter Dschën ihm lieferte, aber in einer sehr ausgewählten Form. „Als ich gerade zu Hause ankam“, berichtete Djia Dschëng, „... ich will dich aber jetzt nicht zu einer näheren Untersuchung auffordern, Dschën, doch laß mich folgendes sagen: Während ich fort war, habe ich gehört, daß du sehr nachlässig in der Bewahrung der Norm bist. Du mußt größte Sorgfalt und Vorsicht bewahren. Du bist nicht mehr jung solltest den Jüngeren als Vorbild dienen. Die Jüngeren sollen die Leute draußen nicht angreifen. Und das gilt auch für dich, Liän. Das ist keine gewöhnliche Heimkehrpredigt. Ich habe meine Gründe, dich zu warnen. Ich habe einiges gehört. Ich wiederhole: Ihr müßt in Zukunft beide sehr vorsichtig sein.“ Vetter Dschën und Djia Liän wurden beide ganz rot im Gesicht und alles, was sie herausbekamen, war ein leises „Ja, Herr.“ Djia Dschëng verfolgte das Thema nicht weiter, sondern ging weiter zu seinen westlichen Gemächern, wo all seine männlichen Bediensteten vor ihm einen Kotau machten; darauf begab er sich in die inneren Gemächer, um von den Mägden und Dienstmädchen empfangen zu werden. Doch diese Ereignisse sollen hier nun nicht zu ausführlich beschrieben werden. Unsere Geschichte wendet sich nun wieder dem Ereignis des Vortags und damit Bau-yü zu, der im Geheimen traurig war zu hören, wie seine Mutter seinem Vater antwortete, der nach Dai-yü fragte, daß diese „krank“ gewesen sei. Bau-yü wartete, bis Djia Dschëng ihm schließlich aus der Familienversammlung entließ. Er kehrte in seine Gemächer zurück und weinte fast den ganzen Weg dahin. Dort fand er Bau-tschai und Hsi-jën miteinander redend und ging sofort in ein äußeres Zimmer, um für sich und mit seinem Kummer allein zu sein. Bau-tschai wies Hsi-jën an, ihm etwas Tee zu bringen und entschied sich dann, selbst zu ihm zu gehen, da sie vermutete, er sei aufgeregt wegen der bevorstehenden Konfrontation mit seinem Vater. Wenn dieser sein Versagen entdecken würde, daß er in seinen Studien keine Fortschritte gemacht hatte, würde er zweifelsfrei bestraft. Außerdem war es ihre Pflicht, ihm Trost zu spenden. Bau-yü benutzte dieses Mißverständnis zu seinem Vorteil: „Es ist schon gut. Du kannst jetzt zu Bett gehen. Ich brauche nur etwas Zeit, um meine Gedanken zu sammeln. So spät tut sich mein Gedächtnis schwer, und es wird Ärger geben, wenn ich mich vor meinem Vater wie ein Dummkopf benehme. Du gehst schlafen. Hsi-jën kann aufbleiben und mir etwas Gesellschaft leisten.“ Bau-tschai hielt es für ratsam, ihm nachzugeben und nickte zustimmend. Sobald sie weg war, ging Bau-yü hinüber zu Hsi-jën und flüsterte ihr ins Ohr: „Würdest du bitte Dsï-djüan fragen, ob sie zu mir kommt? Ich muß etwas fragen. Aber immer wenn Dsï-djüan mich sieht, macht sie ein Gesicht, als wenn sie böse auf mich wäre. Du mußt ihr sagen, wie die Dinge wirklich stehen. Vielleicht ist sie mir dann nicht mehr so böse.“ Hsi-jën entgegnete: „Ich dachte, du bräuchtest Zeit, um deine Gedanken zu sammeln. Doch jetzt schau’ dich an! Was für eine Konzentration soll das sein? Was immer du mit ihr besprechen willst, kann sicher bis morgen warten, oder?“ Bau-yü erwiderte: „Aber heute Abend habe ich frei. Wer weiß, morgen oder übermorgen wird mich mein Vater vielleicht rufen, um etwas zu erledigen, und dann habe ich keinen Moment mehr für mich. Liebe Hsi-jën! Geh und sag’ es ihr, bitte!“ Sie entgegegnete: „Du weißt ganz genau, daß sie nicht kommen wird, bevor Frau Bau nach ihr schickt.“ Bau-yü sagte: „Deshalb bitte ich dich ja darum, es ihr zu erklären, nur so wird es gehen.“ Hsi-jën fragte: „Aber was soll ich ihr sagen?“ Bau-yü antwortete: „Du kennst doch mein Herz, und du kennst auch ihr Herz. Es ist alles wegen Dai-yü. Sag’ doch mal, ich bin doch nicht ihr Herzensbrecher. Man hat mich heutzutage zu einem Herzensbrecher gemacht.“ Wie er dies sagte, zeigte er zu den inneren Gemächern und sagte: „Sie ist nicht diejenige, die ich wollte. Das war alles von der Großmutter und den anderen arrangiert. Sie waren es, die die gesunde Dai-yü in den Tod getrieben haben. Wenn ich sie doch nur einmal noch hätte sehen können, bevor sie starb, und ihr die Wahrheit hätte sagen können. Stattdessen starb sie im Glauben, ich hätte sie betrogen! Du hast selbst gehört, was Kusine Tan-tschun sagte: Mit ihrem letzten Atemzug sprach Dai-yü verbittert und verärgert über mich. Deswegen hat Dsï-djüan sich so gewaltsam gegen mich gewandt – nur aus Loyalität zu ihrer Herrin. Denkst auch du, ich sei herzlos? Denke zurück an Tjing-wëns Tod. Tjing-wën war nur eine Magd und bedeutete mir nicht so viel [wie Dai-yü]; trotzdem verfaßte ich für ihre Beerdigung eine Grabesode und brachte ihrem Geist ein Opfer. Es gibt keinen Grund, es länger vor dir geheim zu halten. Dai-yü hat es mit eigenen Augen gesehen. Jetzt ist sie selbst tot; und ist sie von niedrigerer Natur als Tjing-wën? Doch ihr konnte ich überhaupt kein Opfer darbringen. Würde ihr Geist dies nicht als weiteren Beweis meiner Herzlosigkeit sehen? Wäre sie dann nicht noch mehr verbittert als vorher?“ Hsi-jën antwortete: „Das verstehe ich nicht. Wenn du eine Ode schreiben oder etwas opfern willst, dann nur zu. Was haben wir damit zu tun?“ Bau-yü sagte: „Ich wollte es, seit es mir besser ging. Doch irgendwie habe ich meine ganze Inspiration verloren. Für eine andere Person hätte mir etwas weniger Inspiriertes gereicht. Doch für Dai-yü muß es das Reinste und Beste sein. Deshalb muß ich Dsï-djüan befragen. Ich möchte in ihr Herz schauen, um die Gefühle ihrer Herrin zu ergründen. Als ich noch bei klarem Verstand war, hätte ich das entschlüsseln können. Aber seit ich krank bin, kann ich nicht alles im Kopf behalten. Hattest du mir nicht gesagt, ihre Gesundheit habe sich verbessert? Warum ist ihr Tod dann so schnell eingetreten? Was sagte sie, als ich sie nicht besuchte, während es ihr noch gut ging? Und als ich dann erkrankte, sagte sie da jemals, warum sie nicht zu mir kam? Ich habe dafür gesorgt, daß ihre Sachen hierher gebracht wurden, doch deine Frau Bau läßt mich sie nicht anfassen. Ich verstehe nicht, warum.“ Hsi-jën erklärte: „Weil sie befürchtet, es würde dich traurig machen, warum denn sonst?“ Bau-yü erwiderte: „Das glaube ich nicht. Es muß mehr dahinter stecken. Außerdem frage ich mich, warum Dai-yü, wenn sie sich doch um mich sorgte oder mich vermißte, ihre ganzen Gedichte verbrannt hat, bevor sie starb? Sie hätte sie doch sicher für mich als Andenken aufbewahrt? Es ist sehr verwirrend. Und was ist mit der Musik, die man bei ihrem Tod hören konnte? Sie muß eine Fee geworden oder ins himmlische Reich der Unsterblichen aufgestiegen sein. Wenn das so ist, weiß ich noch nicht einmal, ob sie wirklich tot ist. Ich habe nur den Sarg gesehen – wie kann ich da sicher sein, daß sie auch darin lag?“ Hsi-jën sagte: „Also wirklich! Mit jedem Wort erzählst du immer Verworreneres! Glaubst du wirklich, daß man einen leeren Sarg dahinstellt und sie nicht starb, sondern sich nur tot stellte?“ – Bau-yü erklärte: „Nein, ich meine etwas anderes. Du weißt, wenn Menschen Unsterblichkeit erlangen, gibt es zwei Wege, über die sie der Welt entkommen können: Entweder sie gehen durch das Fleisch, in weltlicher Form, oder sie legen ihren Körper gewissermaßen ab und ihr Geist wird auf magische Weise in den Himmel befördert. Oh, liebe Schwester, hilf mir bitte, daß Dsï-djüan herkommt!“ Hsi-jën sagte: „Du mußt warten, bis ich ihr alle deine Details ausführlich erklärt habe. Wenn sie dann geneigt ist mitzukommen, schön und gut. Wenn nicht, werde ich nochmal versuchen müssen, sie zu überzeugen. Und doch selbst wenn sie sich dann überreden läßt, wird sie dir nicht alles im im einzelnen erklären wollen. Wenn du meinen Rat annimmst, dann warte zumindest bis übermorgen. Wenn Frau Bau am Morgen zur Gnädigen Herrin geht, werde ich mit Dsï-djüan sprechen. Ich werde dann so schnell wie möglich zu dir kommen, um dir zu sagen, was dabei herausgekommen ist.“ Bau-yü sagte: „Ich nehme an, du hast recht. Doch du kannst dir nicht vorstellen, wie ungeduldig ich bin.“ Da erschien plötzlich Schë-yüä: „Frau Bau-yü sagt, es ist bereits nach Mitternacht, und Sie sollten jetzt ins Bett gehen, Herr Bau-yü. Hsi-jën muß sich mit Ihnen festgeredet und die Zeit vergessen haben ...“ – „Meine Güte, so spät!“, rief Hsi-jën. „Zeit zu schlafen. Wenn es noch irgendetwas gibt, kann das sicher bis morgen warten.“ Bau-yü erhob sich unwillig, um sorgenvoll ins Schlafzimmer zu gehen und flüsterte Hsi-jën beim Vorbeigehen noch ins Ohr: „Bitte vergiß nicht, was du morgen zu tun hast!“ „Ich weiß!“, sagte Hsi-jën mit einem Lächeln. „Ihr zwei beiden wieder!“, sagte Schë-yüä. Dann zu Bau-yü: „Warum gehen sie nicht direkt zu Ihrer Frau Gemahlin und sagen ihr, daß sie bei Hsi-jën schlafen wollen? Dann habt ihr die ganze Nacht für euch. Niemand von uns wird euch dann stören.“ Bau-yü hob seine Hand: „Reden wir nicht mehr darüber!“ – „Kleines Luder!“, sagte Hsi-jën erhitzt, „immer mußt du deine Zunge beschäftigen. Paß lieber auf! Morgen werde ich dir noch die Zunge herausreißen!“ An Bau-yü gewandt fuhr sie fort: „Jetzt sieh, was du getan hast! Es ist alles deine Schuld. Bis mitten in der Nacht mit mir zu reden ...“ Sie begleitete ihn in sein Zimmer und ging dann allein zu Bett. Bau-yü konnte diese Nacht nicht schlafen und war am Morgen immer noch mit denselben Gedanken beschäftigt. Der neue Tag begann mit einer Ankündigung von draußen: „Familie und Freunde des Herrn wünschen anläßlich seiner Heimkehr, ihm zu Ehren ein Theater-Fest zu veranstalten. Der Herr hat jedoch abgelehnt, zu dieser Gelegenheit sei dies unangemessen. Stattdessen möchte er einen kleinen Umtrunk zu Hause veranstalten, zu welcher die ganze Familie und alle Freunde eingeladen sind. Der Zeitpunkt wurde auf übermorgen festgelegt. So lautet die vorläufige Ankündigung.“ Um herauszufinden, wer eingeladen war, lese man das nächste Kapitel.