Hongloumeng/de/Chapter 110
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Kapitel 110
史太君寿终归地府 / 王凤姐力诎失人心
Die Herzoginmutter stirbt und kehrt zurück ins Land der SchattenWang Hsi-fëng reizt ihre Stärke aus und büßt die Achtung der Familie ein.
Die Herzoginmutter saß aufrecht im Bett und begann zu sprechen: „Ich war über sechzig Jahre Teil der Familie Djia. Ich habe ein langes Leben gelebt und erfreute mich des vollen Glücks. Ich denke, ich kann sagen, daß alle, mein Ehemann, meine Kinder und Enkel gut erzogen waren. Und was Bau-yü angeht: Ich habe ihn so innig geliebt.“ Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Die Dame Wang schubste Bau-yü an das Bett. Die Herzoginmutter schob eine Hand unter der Bettdecke hervor und faßte ihn bei seiner Hand: „Mein Junge, du mußt mir versprechen, dein Bestes zu tun!“ - „Ja, Großmutter“, sagte Bau-yü, sein Herz war gerührt. Er kämpfte, um sein Weinen zurückzuhalten,und hörte ihr zu, wie sie fort fuhr: „Ich will einen meiner Urenkel sehen, und dann glaube ich, kann mein Herz zur Ruhe kommen. Wo ist mein kleiner Lan?“ Li Wan schubste Lan vor. Die Herzoginmutter ließ Bau-yü gehen und nahm Lan an die Hand. „Du mußt ein guter Junge sein und immer deine Pflichten für deine Mutter tun. Und wenn du groß bist, mußt du Ehre und Ruhm für sie gewinnen! Nun, wo ist Hsi-fëng?“ Hsi-fëng stand an der Seite des Bettes und eilte herum, um die Herzoginmutter zu sehen. „Hier bin ich.“ – „Mein Kind“, sagte Die Herzoginmutter, „dein Problem ist, daß du zu gescheit bist! Versuch’ in Zukunft noch rücksichtsvoller zu sein und halte Frieden mit dem Schicksal. Ich weiß, daß gerade ich nicht von so etwas reden sollte; das meiste, was ich in meinem Leben tat, ist zu versuchen, ehrlich zu sein und mein Unglück mit Geduld zu ertragen. Ich war nie jemand, der fastet oder betet. Die einzige gute Arbeit, die ich jemals tat, war das Abschreiben des Diamanten-Sutras vor einem Jahr oder so. Ich frage mich, ob sie alle bereits verteilt wurden?“ Hsi-fëng informierte sie, daß die Abschriften noch nicht verteilt wurden. „Je eher diese Tat der Ergebenheit vollbracht ist, desto besser“, sagte die alte Dame „Ich weiß, daß mein älterer Sohn Schë und Vetter Dschën im Exil festgehalten werden und nicht hier sein können: aber warum ist Hsiang-yün so herzlos, nicht zu kommen, um mich zu sehen?“ Yüan-yang und ihr anderen Mägde kannten den Grund zu gut, aber sagten nichts. Die Herzoginmutter sah sich als Nächstes Bau-tschai an. Als sie dies tat, seufzte sie und errötete im ganzen Gesicht. Djia Dschëng wußte, daß dies ein Zeichen des bevorstehenden Todes war. Er kam mit dem Ginsengtee vor, aber die Zähne der Herzoginmutter waren fest geschlossen. Sie schloß ihre Augen, öffnete sie dann noch einmal und starrte durch das ganze Zimmer. Die Dame Wang und Bau-tschai kamen herbei und unterstützten sie sanft, während die Dame Hsing und Hsi-fëng sie ankleideten. Die alte Dienerin bereitete das Bett vor, wo sie ausgelegt wurde, und arrangierten die Bettdecke. Man hörte ein leichtes Rasseln in ihrem Hals, ein Lächeln stahl sich über ihr Gesicht, und sie war im Alter von 83 Jahren gestorben. Die Dienerinnen eilten vor, um sie in das Bett zu legen. Djia Dschëng und die anderen Männer knieten im äußeren Zimmer, die Dame Hsing und die anderen Frauen knieten am Bett; von beiden erhob sich der erste Chor des Jammerns. Die Diener hatten draußen alle Vorbereitungen getroffen, und sobald die Nachricht aus den inneren Räumen kam, wurden alle Tore aufgeworfen, vom Haupteingang zu den inneren Toren, die zu den Gemächern der Herzoginmutter führten, und weißes Papier wurde an jede Tür geklebt.[1] Das Beerdigungstuch wurde über dem Hof gespannt, und ein Gedächtnistorbogen wurde außerhalb des Haupteingangs errichtet. Jedes Mitglied des Haushalts zog sofort die Trauerkleidung an. Djia Dschëng teilte dem Ritenamt mit, dass er in Trauer war.[2] Das Ritenamt schlug ein Grabmal vor, welches den Anweisungen des Herrschers in dieser Sache entsprechen sollte. Seine Majestät war eine Person von tiefstem Mitgefühl und Freundlichkeit. Seit Generationen hatte die Familie Djia dem Herrscherhaus gedient. Zudem war die Herzoginmutter die Großmutter der kaiserlichen Konkubine Yüän-tschun. Er wies an, daß sie eine Spende von eintausend Tael Silber bekämen, und befahl den Beamten des Ritenamtes, ihnen Geschenke zu geben und ihre Verehrung vor ihrem Sarg auszudrücken. Die Angestellten des Djia-Haushalts wurden losgeschickt, um allen Verwandten und Freunden der Familie die Nachricht vom Tod der Herzoginmutter zu überbringen und sie alle kamen zur Trauerfeier. Während sie wußten, daß die Djias vieles auf der Welt verloren hatten, sahen sie auch, daß die Familie immer noch in der Gunst des Kaisers stand. Ein günstiger Tag wurde für das Begräbnis und die folgende Zeremonie ausgewählt. Seit Djia Schë von zu Hause weg war, war Djia Dschëng der ausführende Kopf der Familie. Zwei der Enkelsöhne der Herzoginmutter, Bau-yü und Djia Huan, und ihr Urenkel Djia Lan, waren alle zu jung, um am Empfang teilzunehmen, sie trauerten am Sarg. Ihr anderer Enkelsohn, Djia Liän war mit der Hilfe von Djia Jung und verschiedenen anderen weiblichen und männlichen Verwandten damit beschäftigt, die Diener zu organisieren. Die Damen Hsing und Wang, Li Wan, Hsi-fëng und Bau-tschai sollten die Haupttrauernden sein, und weinten am Sarg. Niemand konnte Hsi-fëng bei den Haushaltsangelegenheiten unterstützen. Frau You, die seit Vetter Dschëns Abreise und ihrer Einsetzung im Jung-guo-Anwesen eine Vertrauensperson geworden war, hatte sich sehr im Hintergrund gehalten, und war sowieso nicht vertraut mit den Arbeiten dieser Seite der Familie. Dann war da noch Djia Jungs neue Frau, die noch unsicherer in dieser Angelegenheit war. Und da war auch Hsi-tschun, die noch immer zu jung und obwohl sie mit dem Jung-guo-Zweig aufgewachsen war, gänzlich unwissend geblieben war, was die Familienbräuche angeht. Keine von ihnen war eine wirklich gute Kandidatin für solche Angelegenheiten. Die einzige Person für diese Arbeit war Hsi-fëng. Wenn Djia Liän für ‚draußen‘ zuständig war, würde es sehr sinnvoll für sie sein, das ‚Drinnen‘ zu erledigen und nach den weiblichen Gästen zu sehen. Sie war in der Vergangenheit immer sehr selbstsicher gewesen und hatte angenommen, daß die Beerdigung der Herzoginmutter der Höhepunkt ihrer Karriere sei, eine Gelegenheit für sie zu beweisen, wie unentbehrlich sie war. Die Damen Hsing und Wang erinnerten sich, wie gut sie die Beerdigung von Tjin Kë-tjing bewältigt hatte, und dachten, sie könnten sich auf sie verlassen, daß sie ihren Erfolg wiederholte. Als sie sie daher von ihren Pflichten als Trauernde freisprachen und sie baten, noch einmal volle Verantwortung als Aufsicht zu übernehmen, konnte Hsi-fëng dies kaum ablehnen. ,Nach allem‘, dachte sie bei sich selbst, ,hatte ich hier immer das Sagen. Die Diener sind daran gewöhnt, Anweisungen von mir zu erhalten. Es waren die Diener der Damen Hsing und You, mit denen man vorher schwer umgehen konnte, und die sind alle gegangen. Es wird weniger angenehm sein, Rechnungen ohne Geld zu begleichen, aber ich werde Geld aus Großmutters Kapital nehmen, es sollte da also kein Problem geben. Es wird auch helfen, Liän als Unterstützng für den Empfang zu haben. Auch, wenn es mir nicht gut geht, denke ich, daß ich fähig bin, es zu schaffen, ohne mich in Verruf zu bringen. Es sollte einfacher sein als Tjin Kë-tjings Beerdigung.“ Sie wartete bis zum Morgen nach dem dritten Tag.[3] Dann sagte sie Dschou Juees Frau, eine Vollversammlung des Personals zusammenzurufen und die Register mitzubringen. Als sie sie überprüfte, fand sie heraus, daß alle zusammen nur einundzwanzig Männer waren, neunzehn Mägde, und etwa ein Dutzend andere Mädchen. Insgesamt waren es nur über dreißig Personen, das war nicht genug. ‚Nun, wir haben weniger Diener für die Beerdigung der Herzoginmutter, als wir für die von Tjin Kë-tjing hatten!‘, dachte sie betroffen bei sich. ‚Sogar wenn ich extra Menschen aus den Landhäusern anforderte, wäre da noch immer ein ernster Mangel.‘ Sie drehte das Problem immer wieder in ihrem Kopf, als eine der jüngeren Mägde hereinkam: „Fräulein Yüan-yang möchte gerne, daß sie herüberkommen, um sie zu sehen, Frau Liän.“ Etwas widerstrebend ging Hsi-fëng hinüber zu den Gemächern der Herzoginmutter, wo sie Yüan-yang tränenüberströmt vorfand. Als sie Hsi-fëng sah, hielt sie sie fest und rief: „Setzen Sie sich bitte, Frau Liän, und lassen sie mich vor Ihnen einen Kotau machen! Ich weiß, man sollte solche Sachen nicht während einer Trauerphase machen, aber ich muß wirklich einen Kotau machen!“ Yüan-yang fiel auf ihre Knie, und Hsi-fëng streckte ihre Hände aus, um dies zu verhindern. „Komm schon! Was bedeutet das alles? Wenn du etwas auf dem Herzen hast, dann sag’ es einfach!“ Yüan-yang bestand darauf, vor ihr zu knien, und Hsi-fëng fuhr mit ihren Bemühungen fort, sie auf die Füße zu stellen. „Die Beerdigung der Herzoginmutter wurde ganz in ihre und Herrn Lians Hände gelegt“, sagte Yüan-yang. „Die Herzoginmutter hinterließ eine spezielle Geldsumme, um dies zu bezahlen. Während sie lebte, gab die Herzoginmutter nichts für sich selbst aus; nun, da die Zeit für ihre Beerdigung gekommen ist, flehe ich sie an, Fräulein, das Richtige zu tun, und sie auf eine standesgemäße Reise zu schicken! Gerade eben habe ich den Herrn darüber reden hören – ‚Das Buch der Gesänge dies‘, und ‚Konfuzius jenes‘ – ich habe nicht ein Wort von dem verstanden, was er sagte. Ich habe folgenden Satz aufgeschnappt: ‚Bei Beerdigungen ist wahre Trauer wichtiger als die Äußerlichkeiten.‘ - Ich bat Frau Bau-tschai zu erklären, was das hieß, und sie sagte, daß der Herr die Beerdigung einfach gestalten will. Er glaubt, daß Trauer aus tiefstem Herzen die treueste Form der Untergebenheit ist und daß ein verschwenderischer Aufwand nicht nötig sei. Aber wie ich das sehe, für jemanden wie die Herzoginmutter, sollten die Dinge etwas größer sein. Ich weiß, ich bin nur eine Dienerin, und habe kein Recht über diese Dinge zu sprechen, aber ich glaube, die Herzoginmutter hat uns beide geliebt, als sie lebte, Fräulein, beide, Sie und mich, und nun da sie tot ist, sind wir es ihr schuldig, sie stilvoll auf die Reise zu schicken! Ich weiß, wie gut sie bei solchen Sachen sind, Fräulein, und ich wollte sie um ihre Unterstützung bitten, so daß wir zusammen entscheiden können, was das Beste ist. Ich war mein ganzes Leben für die Herzoginmutter da, und auch im Tod bin ich ihr verpflichtet! Wenn ich nicht sehe, daß dies richtig gemacht wird, wie sollte ich ihr dann jemals wieder in das Gesicht sehen können?“ Hsi-fëng fand die Art, wie Yüan-yang sprach, eher seltsam. „Mach’ dir keine Sorgen“, antwortete sie. „Natürlich wird alles den richtigen Stil haben. Herr Dschëng mag von dem Geld sprechen, aber wir müssen bestimmte Standards bewahren. Wir werden jede Münze des Geldes für die Dame Djia ausgeben, wenn es sein muß.“ „Bevor sie starb“, sagte Yüan-yang, „sagte die Herzoginmutter, daß alles, was nach der Verteilung in der Familie übrig bleibt, uns zu gute kommen soll. Wenn es da nicht genug Geld für die Beerdigung gibt, Fräulein, dann nehmen sie unseren Anteil der Sachen der Herzoginmutter und verpfänden sie. Was immer der Herr sagen mag, kann er kaum gegen die letzten Wünsche der Herzoginmutter angehen. Er war selbst dort, als sie alles einteilte.“ – „Du warst immer so ein helles Köpfchen“, sagte Hsi-fëng, „was ist heute in dich gefahren?“ – „Nichts ist in mich gefahren“, protestierte Yüan-yang, „ich weiß nur, daß die Dame Hsing sich nicht darum kümmert und daß der Herr zu vorsichtig ist. Es kann sein, daß Sie derselben Meinung sind, wie der Herr, Herrin. Wenn Sie auch befürchten, daß wir ins Gerede kommen, wenn wir mit einem ausgeplünderten Haushalt eine solche anständige Beerdigung aufbringen können. Dann wird niemand sich trauen, der Herzoginmutter angemessen seine Ehre zu erweisen. Das wäre eine sehr schreckliche Sache! Ich bin nur eine Magd, daher ist es natürlich kein persönliches Problem von mir. Aber denken Sie daran, welche Schande das für die Familie wäre?“ „Du brauchst mich nicht daran zu erinnern“, antwortete Hsi-fëng. „Mach’ dir keine Gedanken! Ich kümmere mich um alles.“ Yüan-yang bat Hsi-fëng dringend darum, ihr Bestes zu tun, und gelobte ihre ewige Dankbarkeit. ‚Was für eine merkwürdige Kreatur‘, dachte Hsi-fëng bei sich, als sie die Gemächer der Herzoginmutter verließ. ‚Ich wundere mich, was in ihrem Kopf vorgeht. Natürlich hat sie recht: Großmutters Beerdigung sollte sehr stilvoll sein. Meine Güte! Ich kann Yüan-yangs Beschwerden nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken! Ich halte mich besser an die Familientradition.’ Sie rief Wang Örls Frau herbei, schickte sie mit einer Nachricht zu Djia Liän und bat ihn, zu kommen. „Was willst du von mir?“, fragte er, als er kurz danach ankam, „halte dich nur an deine Angelegenheiten im ‚Inneren‘. Da sollte es keine Probleme geben. Wenn du Zweifel hast, dann halte dich an Onkel Dschëngs Anweisungen.“ „Das ist es“, sagte Hsi-fëng, „was du sagst, trifft die Ängste Yüan-yangs.“ „Welche Ängste sind das?“ Hsi-fëng wiederholte den Kern der Unterhaltung mit Yüan-yang. „Wer kümmert sich schon darum, was die Mägde sagen?“ schnaubte Djia Liän. „Ich war gerade drinnen und habe Onkel Dschëng gesehen, und er sagte: ‚Wir würden gerne etwas Großes für Mutters Begräbnis tun, aber obwohl die Leute verstehen, daß es ihr Geld ist, welches wir ausgeben, weniger gut informierte Beobachter werden uns verdächtigen, daß wir heimlich etwas von unseren eigenen Geldmittel genommen haben. Sie könnten denken, daß wir immer noch versteckten Reichtum besitzen. Natürlich wird niemand‘, fuhr Onkel Dschëng fort, ‚das übriggebliebene Geld, wenn wir nicht alles von ihrem Geld für das Begräbnis ausgeben, für den eigenen Bedarf wollen. Auf die eine oder andere Art sollte es für Großmutter ausgegeben werden. Nun, sie kam aus dem Süden, wir haben Begräbnisland der Vorfahren dort, es sind aber keine Gebäude darauf. Wenn ihr Sarg in den Süden transportiert würde, können wir mit dem Geld, das übrig ist, einige Gebäude auf dem Begräbnisland der Vorfahren aufbauen und einige Hektar Land kaufen, um unsere Opfer zu bringen. Wenn wir jemals selbst in den Süden zurückkehren, wird es nützlich sein und selbst wenn wir dies nicht tun, können wir immer noch die ärmeren Familienmitglieder dort wohnen lassen. Sie können die Räucherstäbchenopfer an den Feiertagen darbringen und regelmäßig die Gräber ausfegen.‘ Das war Onkel Dschëngs Vorschlag. Denkst du nicht, daß es ein anständiger Vorschlag ist? Du schlägst doch sicherlich nicht vor, daß wir den gesamten Betrag für die Beerdigung ausgeben, oder?“ „Wurde schon etwas von dem Geld ausgegeben?“, fragte Hsi-fëng. „Nicht eine Münze“, antwortete Djia Liän. „Ich hörte, daß Mutter, als sie von diesem Vorschlag erfuhr, diesen lobte und ihr Bestes tat, sie beide, ihn und Tante Wang, bei ihren Plänen zu unterstützen. Also was kann ich tun? Ich habe bereits mehrere hundert Tael für das Tuch und die Rechnung der Sargträger eingerechnet, aber das Geld wurde noch nicht freigegeben. Wenn ich gehe und danach frage, sagen sie mir alle, daß das Geld da ist, aber daß ich erst die Arbeit verrichten muß und daß das später verrechnet wird. Es gibt keinen, von dem wir etwas leihen können: die Diener mit etwas eigenem Geld sind alle verschwunden. Als ich die Versammlung einberief, waren manche ‚krank‘, andere ‚auf dem Land‘, während diejenigen, die noch hier waren, nur aus reiner Not blieben und uns nichts nützen. Wie könnte man von ihnen noch Geld verlangen?“ Hsi-fëng war für einen Moment in Gedanken versunken. „Wie wollen wir das dann machen?“, fragte sie endlich. Als sie sprach, kam eine Magd in das Zimmer: „Da ist eine Nachricht für Sie von der Dame Hsing, Fräulein. Heute ist der dritte Tag des Empfangs der Damen, und die Anordnungen gehen noch immer durcheinander. Die Gäste sollten nicht auf ihr Essen warten müssen, auch der Leichenschmaus wurde gemacht! Sie mußten nach ihren Speisen mehrmals fragen, bevor sie serviert wurden. Und sogar, als die Hauptspeisen ankamen, gab es noch immer keinen Reis. Sicher können wir es besser als so!“ Hsi-fëng eilte hinein, um den Dienern Anweisungen zu geben, das Mittagessen zu servieren, und sie bekamen es hin, etwas Passables vorzuweisen. Unglücklicherweise war da eine ungewöhnlich große Menge an Gästen an diesem Tag, und das Personal war sehr mürrisch und teilnahmslos. Hsi-fëng mußte sie selbst beaufsichtigen. Dann eilte sie hinaus und wies Wang Örls Frau an, eine Vollversammlung der Dienerinnen einzuberufen. Sie gab jeder klare Anweisungen, auf welche jede mit einem sicheren, „Ja, Frau Liän“, antwortete und am Nachmittag mit ihrem Nichtstun so weitermachten. „Seht, wie spät es ist! Warum habt ihr die Speisen für das Abendessen noch nicht serviert?“, fragte Hsi-fëng. „Das Essen zu servieren wäre kein Problem, Fräulein“, kam die Antwort, „wenn wir das nötige Geschirr dafür hätten.“ „Geschirr!“, rief Hsi-fëng. „Das ist eure Aufgabe! Natürlich bekommt ihr alles, was ihr braucht!“ Die Dienerinnen fügten sich widerwillig und improvisierten, während Hsi-fëng sofort in die Hauptwohnung ging, um die Damen Hsing und Wang um die Erlaubnis für die nötigen Geräte zu bitten. Aber um sie herum war immer noch so ein starker Gästeandrang, daß sie sie nicht offen ansprechen konnte. Der Abend kam näher und in ihrer Verzweiflung ging sie zu Yüan-yang und bat sie, das zweite Abendservice der Herzoginmutter nutzen zu dürfen. „Warum kommt ihr und fragt ihn danach?“, rief Yüan-yang, „Herr Liän verpfändete es vor ein paar Jahren! Fragen Sie ihn besser, ob er es jemals wieder ausgelöst hat.“ – „Ich will nicht das Silber“, sagte Hsi-fëng, „das normale Service würde reichen.“ – „Was glaubst, haben die Damen Hsing und You benutzt, seit sie hier eingezogen sind?“, fragte Yüan-yang spitz. Hsi-fëng wußte, daß sie wohl die Wahrheit sagte, und ging sofort zu den Gemächern der Dame Wang, wo sie Yü-tschuan und Tsai-yün dazu überredete, ihr ihr Service zu leihen. Sie machte eine schnelle Inventur mit Tsai-ming und bat darum, daß das Geschirr an die Diener weitergeleitet werde. Yüan-yang sah Hsi-fëng in diesem Zustand der Hektik und dachte, obwohl sie sie nicht zurückrief, um zu klagen, bei sich: ‚Warum vermasselt Frau Liän, die früher so fähig war, die Dinge diesmal so sehr? Die letzten paar Tage waren eine Schande. Das ist eine armselige Form der Dankbarkeit für die Liebe der Herzoginmutter!’ Sie war sich nicht bewußt, daß die Dame Hsing das Geld absichtlich von Hsi-fëng fernhielt. Djia Dschëngs Ansichten über die Haushaltswirtschaft paßten genau zu ihren Zukunftsängsten, und sie sah jeden Tael, der bei der Beerdigung gespart wurde, als Beitrag nicht nur für die Familienreserven, sondern auch für ihre eigene finanzielle Sicherheit an. Ihre Stellung hier wurde von der Tatsache gestärkt, daß strenggenommen der älteste Sohn der Herzoginmutter für die Beerdigung verantwortlich war. Djia Schë war nicht zu Hause, aber Djia Dschëng war ein unverbesserlicher Verfechter der Konventionen, und er antwortete, wann immer er um Rat gefragt wurde: „Frag’ die Dame Hsing, was sie denkt.“ Die Dame Hsing betrachtete Hsi-fëng als extravagant und Djia Liän als nicht vertrauenswürdig und hielt daher stark an jeder Münze des Beerdigungsfonds fest. Yüan-yang jedoch setzte voraus, daß das Geld für die Beerdigung bereits freigegeben worden war und so schrieb sie die gegenwärtige Krise dem Mangel an Eifer und Loyalität seitens Hsi-fëng zu, sie jammerte unaufhörlich vor dem Sarg ihrer toten Herrin. Die Damen Hsing und Wang wußten nur zu gut, über was Yüan-yang klagte, aber bevor sie erkannten, daß die Ursache in ihrer eigenen Ablehnung lag, Hsi-fëng anständig für ihre Aufgabe auszustatten, begannen sie, Hsi-fëng laut zu kritisieren: „Yüan-yang hat recht: Hsi-fëng läßt uns sehr hängen!“ Am Abend rief die Dame Wang Hsi-fëng zu sich und tadelte sie: „Wir mögen in etwas strapazierten Umständen leben, aber wir müssen unsere Standards trotzdem beibehalten. Während der letzten zwei oder drei Tage habe ich bemerkt, daß die Mägde nicht anständig nach unseren Gästen schauten. Sicher hast du es versäumt, ihnen entsprechende Anweisungen zu geben. Bitte gib dir mehr Mühe und zeige etwas mehr Familiengeist!“ Hsi-fëng war sprachlos. Sie wollte die Tatsache aufbringen, daß sie nicht mit Geld ausgestattet worden war, aber Geld sollte eigentlich Djia Liäns Gebiet sein, während die Dame Wang sich über den ‚inneren‘ Dienst beschwerte. Sie traute sich nicht, etwas zu antworten. „Strenggenommen“, sagte die Dame Hsing, die auf der anderen Seite stand, „sollten deine Tante Wang und ich, als Schwiegertöchter der Herzoginmutter, für den Empfang verantwortlich sein, nicht ein Mitglied der jüngeren Generation; aber wir sind sehr mit der Trauer beschäftigt, und deswegen haben wir dir die Verantwortng übertragen. Denk’ bloß nicht, du könntest nachlässig sein!“ Hsi-fëng wurde rot vor Zorn. Sie war gerade dabei, etwas zu ihrer eigenen Verteidigung zu sagen, als sie draußen eine Trommel hörte: Es war Zeit für das abendliche Papiergeldopfer. Ein Gejammer erhob sich von den versammelten Trauernden und ihre Chance zu sprechen war vorbei. Sie dachte, sie würde bis später warten, aber nach der Opfergabe zwang die Dame Wang sie, ihren Pflichten nachzukommen. „Wir können hier auf die Dinge aufpassen. Du gehst und siehst zu, daß alles für morgen in Ordnung ist.“ Hsi-fëng traute sich nicht, ein Wort zu sagen, sondern ging hinaus, ihre Trauer und ihre Tränen so gut wie möglich verbergend. Sie rief erneut ein Personaltreffen ein und erinnerte alle nochmals an ihre Pflichten: „Die Damen, ihr Lieben, nehmt Rücksicht auf mich, ich bitte euch! Ich bin für alles von den Damen getadelt worden, und das nur, weil ihre eure Arbeit nicht anständig macht. Ihr macht uns alle lächerlich. Ich flehe euch an, euch morgen besonders anzustrengen.“ – „Aber Fräulein“, kam die Antwort, „dies ist nicht das erte Mal, daß Sie die Veranwortung tragen. Sie kennen uns, wir würden uns niemals trauen, ihre Anweisungen zu mißachten. Aber diesmal verlangen die Damen zuviel. Schauen wir auf das letzte Essen: Manche wollten hier essen, manche in ihren eigenen Räumen. Wir baten die Dame So-und-so zu kommen und ihr Essen einzunehmen, und dann erscheint Frau Jemand-Anderes nicht. Wie können wir damit umgehen? Wir flehen sie an, Fräulein, reden sie mit den Mägden der Herzoginmutter und bitten sie sie, nicht so kleinlich zu sein!“ „Die Mägde der Herzoginmutter sind wirklich schwer zufriedenzustellen“, antwortete Hsi-fëng, „und für mich ist es schwer, den Mägden der Herzoginmutter Anweisungen zu geben. Wo ist jemand, mit dem ich sprechen kann?“ „Aber Frau Liän! Als Sie die Beerdigung für das Ning-guo-Anwesen durchgeführt haben, ließen Sie Leute schlagen, Sie schimpften sie aus, Sie haben eine sehr harte Linie eingeschlagen – und jeder hörte auf Sie. Werden Sie Ihre Autorität von diesen Mägden in Frage stellen lassen?“ „Bei jener Gelegenheit“, seufzte Hsi-fëng, „hatten die Damen keinen Grund, einen Fehler bei mir zu finden. Aber diesmal sind wir nicht im Ning-guo-Anwesen. Ich bin im eigenen Gebiet, damit überprüfbar und auf dem Präsentierteller. Also findet jeder einen Fehler bei mir. Außerdem, bekomme ich kein Geld, wenn ich darum bitte, es auszuzahlen. Wenn etwas bei dem Empfang gebraucht wird, schicke ich danach und nichts passiert, was kann ich tun?“ „Aber Herr Liän hat auf diesem Gebiet die Verantwortung. Sicher wird er Ihnen Geld geben, was immer Sie an Geld gebrauchen?“ „Das denkt ihr!“, antwortete Hsi-fëng. „Seine Hände sind genauso gebunden wie meine. Er hat keine Kontrolle über das Geld. Er muß selbst nach jeder Münze fragen. Er hat kaum Geld.“ – „Aber hat er nicht das Geld der Herzoginmutter zur Verfügung?“ – „Fragt die Verwalter“, sagte Hsi-fëng. „Die werden es euch sagen.“ – „Kein Wunder, daß sich die männlichen Diener draußen beklagen! Sie sagen, was für eine große Arbeit das hier ist, welche harte Arbeit, und daß es keine Chance gibt, etwas nebenher zu verdienen. Wie können die Dinge nur glatt laufen, wenn es kein Geld gibt?“ – „Genug“, sagte Hsi-fëng. „Alle von euch konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Tut sie, so gut ihr könnt! Wenn ich mehr Klagen der Damen höre, werde ich Euch dafür verantwortlich machen.“ – „Wir tun, was immer Sie uns sagen, Fräulein, wir werden kein Wort sagen. Aber mit all ihren verschiedenen Ideen, wird es schwer sein, jede einzelne der Damen zufrieden zu stellen.“ Hsi-fëng flehte sie an: „Meine Lieben! Helft mir morgen, bitte! Gebt mir eine Chance, die Sache anständig mit den Mägden zu bereden! Und wir werden wieder darüber sprechen.“ Die Diener gingen an ihre Arbeit. Hsi-fëng fühlte sich sehr falsch behandelt, und je mehr sie über die Situation, in der sie war, nachdachte, desto angespannter wurde sie. Beim ersten Licht nach einer schlaflosen Nacht, mußte sie sich noch einmal wegen ihrer Pflichten bei den Damen Hsing und Wang melden. Sie hätte gerne die Mägde diszipliniert, hatte aber Angst, den Groll der Dame Hsing auf sich zu ziehen. Sie hätte sich gerne der Dame Wang anvertraut, aber die Dame Hsing hatte bereits die Dame Wang gegen sie aufgehetzt. Die Mägde machten ihr das Leben noch schwerer als zuvor, als sie sahen, daß die Damen Hsi und die anderen nicht unterstützten. Die einzige Ausnahme war Ping-örl, die Hsi-fëng loyal beistand. „Frau Liän möchte die Dinge gerne anständig machen“, erklärte sie den anderen, um sie für sich zu gewinnen. „Aber Herr Dschëng und die Damen haben Anweisungen für eine strenge Wirtschaftlichkeit gegeben, und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann.“ Buddhistische Sutren wurden gelesen, dauistische Feiern abgehalten, es gab einen endlosen Fluß ritueller Klagen und Opfer für den Geist der Verstorbenen. Aber irgendwie war alles sowohl beim Trauern als bei den Opferritualen, dem Motto des Einsparens unterworfen. Täglich kamen Gefolge von Prinzen und Damen von hohem Rang. Keine von ihnen konnte Hsi-fëng persönlich empfangen, da sie zu beschäftigt war, die Dinge hinter den Kulissen in Ordnung zu halten. Sobald sie einen Diener mobilisiert hatte, wurde ein anderer schon wieder vermißt. Sie verlor ihre Geduld, sie bettelte; sie schlug sich durch eine Sitzung und mußte sich dann mit neuen Problemen beschäftigen. Nun war Yüan-yang nicht die einzige, die bemerkte, daß die Dinge schief liefen. Sogar Hsi-fëng selbst wußte, zu ihrer großen Demütigung, daß der Beerdigungsempfang ein Chaos war. Obwohl die Dame Hsing die Frau des älteren Sohnes der Verstorbenen war, war sie fähig, ihre Unwissenheit gegenüber den praktischen Maßnahmen mit folgendem kurzen Text zu rechtfertigen: ‚Trauer ist die Essenz der Demut.‘ - Die Dame Wang folgte dem, wie es all die anderen Damen der Familie taten – mit der einzigen Ausnahme von Li Wan. Sie sah die Schwierigkeiten, die Hsi-fëng hatte, und, obwohl sie sich nicht traute, für sich zu sprechen, seufzte sie und dachte: ‚Es gibt ein Sprichwort: ‚Die Mudan-Blüte kann erst durch den Kontrast zu ihrem Grün ihre wahre Schönheit erweisen.‘ Alle Damen waren immer von Hsi-fëng abhängig. Aber wie kann sie den Damen helfen, wenn die Diener nicht länger auf sie hören? Wenn Tan-tschun zu Hause wäre, könnte sie helfen. Aber so, wie die Dinge liegen, rennen sogar Hsi-fëngs eigene Diener im Kreis herum und reden hinter ihrem Rücken und jammern, daß sie hier keinen Profit machen können und daß sie sich nur für dumm verkaufen lassen. Vater ist ein großer Anhänger der töchterlichen Frömmigkeit. Aber er versteht nichts von praktischen Dingen. Bei so etwas Großem, wie einer Beerdigung, muß man Geld ausgeben, wenn die Dinge anständig laufen sollen. Arme Hsi-fëng! Nach all diesen Jahren, wer hätte da gedacht, daß sie sich bei der Beisetzung der Großmutter als unfähig erweist und ihr Gesicht verliert!“ Als sich eine Gelegenheit bot, sprach Li Wan zu ihren eigenen Dienern: „Nun, behandelt Frau Liän nicht respektlos, nur weil es alle anderen tun. Glaubt nicht, daß es für eine Beerdigung reicht, wenn die Leute Trauerkleidung tragen und die Totenwache halten! Glaubt nicht, daß es reichen wird, sich ein paar Tage durchzumogeln. Wenn ihr die anderen in Schwierigkeiten seht, dann müßt ihr helfen. Dies ist eine Familienangelegenheit. Jeder sollte sein Bestes tun, um zu helfen.“ Li Wans vertraute Diener antworteten: „Sie haben sehr recht, Fräulein. Wir würden es im Traum nicht wagen, gegen Frau Liän vorzugehen. Aber Yüan-yang und die anderen scheinen sie zu beschuldigen.“ „Ich habe bereits mit Yüan-yang gesprochen“, sagte Li Wan. „Ich habe ihr gesagt, daß es nicht Frau Liäns Fehler ist; Frau Liän tut alles, was sie kann, um der Herzoginmutter eine anständige Beerdigung zu ermöglichen. Aber sie bekommt kein Geld. Wie kann die schlaueste Schwiegertochter der Welt Reisbrei ohne Reis kochen? Yüan-yang kennt nun die Wahrheit und sie beschuldigt Frau Liän nicht länger. Wohlgemerkt, benimmt sich Yüan-yang sehr seltsam, muß ich sagen, sie ist nicht so wie sonst. Als die Herzoginmutter noch lebte und sie liebte und beschützte, hat sie nie einen Ton gesagt, aber nun, da die Herzoginmutter tot ist und ihre Unterstützung weg ist, scheint sie sich auf eine sehr eigene Art zu benehmen. Ich habe Mitleid mit ihr. Sie sollte ihren günstigen Sternen danken, daß Herr Schë nicht zu Hause ist und daß sie diesem Schicksal entkommen ist. Wenn er hier wäre, würde ihre Zukunft wirklich schlimm aussehen.“ Als sie sprach, kam Djia Lan herein. „Es ist Zeit, zu Bett zu gehen, Mutter“, sagte er. „Die Gäste kamen und gingen den ganzen Tag, und du mußt ganz erschöpft sein. Es ist Zeit für dich auszuruhen. Ich habe nicht einmal in meine Bücher gesehen in den letzten paar Tagen. Heute sagte Großvater, daß ich zu Hause schlafen darf. Ich bin so froh, weil dies bedeutet, daß ich wieder etwas arbeiten kann. Andererseits, wenn die Zeit der Trauer vorbei ist, werde ich alles vergessen haben.“ „Du bist so ein guter Junge!“, sagte seine Mutter. „Natürlich hast du ein Recht darauf, zu studieren. Aber heute solltest du auch etwas ausruhen. Warte bis die Beisetzungsfeier vorüber ist, dann kannst du dich wieder an deine Bücher setzen!“ – „Wenn du schlafen gehst“, antwortete Djia Lan, „gehe ich auch zu Bett und denke dort noch ein bißchen nach.“ Die Diener lobten ihn: „Was für ein wunderbarer Junge! So jung, aber so eifrig, jede Gelegenheit zum Studieren zu nutzen! Nicht wie sein Onkel. Herr Bau-yü mag ein verheirateter Mann sein, aber er ist nie erwachsen geworden. Ihn zu sehen, wie er dort unten mit Herrn Dschëng kniet – so linkisch und bemitleidenswert, darauf brennend, daß Herr Dschëng aufsteht, sodaß er weggehen kann, um Frau Bau-tschai zu finden und das Flüstern anfängt, Gott weiß worüber. Frau Bau-tschai schenkt ihm keine Aufmerksamkeit, und so geht er zu Fräulein Bau-tjin und belästigt sie. Auch sie erhört ihn nicht, und auch Fräulein Hsiu-yän will nicht mit ihm sprechen, und am Ende waren Fräulein Hsi-luan und Fräulein Si-djie die einzigen, die es tun. Sie hängen an jedem seiner Worte. Es scheint, daß Herr Bau-yü noch immer nur ein Interesse im Leben hat: mit den jungen Mädchen zu spielen. Es gibt kein bißchen Dankbarkeit in ihm, für die Art, wie die Herzoginmutter ihn in all den Jahren liebte. Er ist nicht wie Herr Lan! Sie haben sicherlich keinen Grund, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen, Herrin!“ – „Er mag ein guter Junge sein“, kommentierte Li Wan, „aber er ist noch so jung. Wenn er erwachsen ist, wer weiß, was bis dahin aus der Familie geworden ist? Sagt mir, wie hat sich der junge Herr Huan benommen?“ – „Oh, er ist eine richtige Schande!“, antwortete eine der Dienerinnen. „Ein richtiger kleiner Rabauke, hält seine Nase immer in die Angelegenheiten anderer Leute und schleicht sich herum. Selbst wenn er trauern soll, in dem Moment, in dem eine junge Dame ankommt, fängt er an, hinter den Abschirmungen hervorzuschauen.“ – „Huan wird nun sehr erwachsen“, sagte Li Wan. „Neulich hörte ich etwas über seine Verlobung. Aber das mußte wegen der Beerdigung verschoben werden. Nun, kein Getuschel mehr: in so einer großen Familie wie unserer, wo so vieles vor sich geht, wird man nie fähig sein, alles in Ordnung zu bringen. Da war noch etwas anderes, das ich euch fragen wollte. Wurden die Wagen schon für die Prozession übermorgen vorbereitet?“ „Frau Liän war in den letzten paar Tagen sehr beschäftigt“, kam die Antwort, „sie ist in einem entsetzlichen Zustand. Soweit wir wissen, hat sie noch keine Anweisungen wegen der Wagen gegeben. Gestern hörten wir einen der Männer sagen, daß Herr Liän Herrn Tjiang dafür verantwortlich gemacht hat. Anscheinend haben wir selbst nicht genug Wagen oder Fahrer, und sie planen, von Verwandten zu leihen.“ Li Wan lächelte: „Seid ihr sicher, daß unsere Verwandten mit dem Verleihen einverstanden sind?“ – „Sie müssen scherzen, Fräulein! Natürlich leihen sie uns ihre Wagen. Der Ärger ist, daß sie vielleicht ihre eigenen für die Beerdigung nutzen müssen, sodaß es aussieht, daß wir trotzdem welche mieten müssen.“ – „Wir können Wagen für die Diener mieten. Aber werden wir fähig sein, eine dezente, weiße Beerdigungskutsche für die Herzoginmutter zu finden?“, sagte Li Wan. Die anderen sagten: „Die Dame Hsing und beide, Frau You und Frau Jung vom Ning-guo-Anwesen, haben noch immer keine eigenen Wagen. Wie sollen sie kommen, wenn wir keine mieten?“ Li Wan seufzte: „Ich erinnere mich an den Tag, als wir dachten, daß es ein Scherz sei, einen unserer Verwandten in einem geliehenen Wagen zu sehen! Nun werden sie alle über uns lachen. Morgen müßt ihr den männlichen Dienern sagen, daß sie die Wagen und Pferde lange vorher vorbereiten, damit es nicht zu voll wird.“ „Ja, Fräulein.“ Li Wans Diener machten sich an ihre Arbeit. Unsere Geschichte wendet sich nun Schï Hsiang-yün zu. Zuvor konnte sie wegen der Krankheit ihres Mannes nur einmal zum Trauern kommen. Sie dachte, daß es nun, da es nur zwei Tage vor der Trauerprozession war, ihre Pflicht war, sich auf den Weg zu machen. Und da der Zustand ihres Mannes als Erschöpfung diagnostiziert wurde und er daher nicht mehr in Todesgefahr war, entschied sie sich, noch einmal vorbeizukommen. Sie kam am Tag vor der letzten Todeswache. Sie erinnerte sich an all die Liebe, die die Herzoginmutter für sie hatte, und dann wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrem eigenen Schicksal, einen so angenehmen Mann geheiratet zu haben, einen Mann von so einer Anmut und einem Talent, so einer sanften Natur, nur um ihm zuzusehen, wie er ihr langsam und unaufhaltsam von einer Krankheit genommen wird. Sie weinte mit erneuter Trauer die halbe Nacht, trotz der anhaltenden Anstrengungen von Yüan-yang und den anderen Mädchen, sie zu trösten. Bau-yü war vom Anblick der weinenden Hsiang-yün unerträglich erschüttert, aber er konnte sie inmitten der zeremoniellen Klagen kaum trösten. Die einfache Trauerkleidung, die sie trug, und das Fehlen von Schminke, schienen sie noch schöner zu machen als vor ihrer Hochzeit. Er drehte sich zu Bau-tjin und den anderen Mädchen um. Auch sie waren einfach gekleidet, mit wenig Schmuck. Diese Einfachheit verlieh ihrer Erscheinung Anmut und Charme. Seine Augen ruhten auf Bau-tschai: wie gut ihr die Trauerkleidung stand! Sie sah noch attraktiver aus, als in ihrer Alltagskleidung.“ ‚Die Männer in alter Zeit‘, dachte Bau-yü bei sich, ‚sagten, daß von all den Blumen keine mit dem Glanz der Pflaumenblüte mithalten kann. Nicht wegen der frühen Blüte, sondern wegen der unvergleichbaren Reinheit des Weißes, der unübertrefflichen Frische und der Feinheit des Geruchs. Wenn nur Kusine Dai-yü nun hier wäre, mit einem einfachen weißen Trauerkleid bekleidet, wie exquisit müßte sie aussehen!’ Er fühlte einen stechenden Schmerz der Trauer, Tränen rollten seine Wangen herunter, und er begann laut und hemmungslos zu schluchzen. Es war trotz allem eine Beerdigung, und niemand würde daran denken, daß dieses Benehmen unangebracht wäre. Die Damen waren bereits damit beschäftigt, Hsiang-yün zu trösten, als sie plötzlich eine andere vertraute Stimme außerhalb der Abschirmung in Klagen ausbrechen hörten. Sie dachten, daß Vetter und Kusine von den Erinnerungen an die vergangene Liebe und Freundlichkeit der Herzoginmutter übermannt wurden und wenige errieten, daß Hsiang-yün und Bau-yü beide ihre privaten Gründe der Trauer hatten. Ihre beherzten Klagen brachten bald alle zum Weinen, und es war an Frau Hsüä und der alten Frau Li, Trost zu bieten. Am folgenden Tag war die nächtliche Trauerwache, und daher war alles geschäftiger als vorher. Hsi-fëng war zu sehr erschöpft, aber es war umsonst, sie mußte kämpfen und sich ihren Weg durch den Morgen mogeln, obwohl sie nun ihre Stimme verloren hatte. Am Nachmittag, als die Anzahl der Gäste anschwoll und aus allen Zimmern Bedürfnisse angemeldet wurden, brach sie zusammen. Da kam eine junge Magd herein: „Hier sind sie also Fräulein! Kein Wunder, daß die Dame Hsing so erzürnt ist! Sie sagte ‚So viele Gäste, ich kann mich unmöglich um alle kümmern. Wo versteckt sich Frau Liän? Sie hat sicher ihre Füße hochgelegt!‘ “ Dieser unverdiente Tadel provozierte einen plötzlichen Stoß der Entrüstung in Hsi-fëng. Sie kämpfte damit, sich zu kontrollieren, aber die Tränen flossen, und alles wurde ihr schwarz vor Augen. Ein kranker Geschmack kam ihr in den Mund, und sie begann Mengen von hellrotem Blut zu erbrechen. Ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie sank zu Boden. Glücklicherweise war Ping-örl zur Stelle und eilte herbei, um ihre Herrin zu stützen, als sie dort hockte, Blut rann in einem andauernden Fluß aus ihrem Mund. Um zu erfahren, ob sie diese Krise überlebte oder nicht, muß man das nächste Kapitel aufschlagen.