Hongloumeng/de/Chapter 95

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Fünfundneunzigstes Kapitel

Aus einer Lüge wird Wirklichkeit: Die Kaiserliche Gemahlin stirbt, Wahres wird mit Falschem vertauscht: Schatzjade verfällt dem Wahnsinn

Wie berichtet, stand Beiming vor dem Tor und sagte dem kleinen Mädchen, es gebe Nachricht über Schatzjades [宝玉] Jade. Das Mädchen eilte hinein, um es Schatzjade mitzuteilen. Als alle es hörten, schoben sie Schatzjade nach draußen, damit er Beiming befragen könne, und standen selbst lauschend in der Galerie. Auch Schatzjade fühlte sich erleichtert, ging hinaus zum Tor und fragte: „Wo hast du sie bekommen? Bring sie schnell her!" — Beiming antwortete: „Mitnehmen kann ich sie nicht, man braucht erst einen Bürgen." — Schatzjade sagte: „Erzähl schnell, wie du es erfahren hast, dann schicke ich jemanden, sie zu holen." — Beiming sagte: „Ich war draußen und hörte, dass der alte Lin zum Zeichendeuter gegangen war. Da folgte ich ihm. Als ich hörte, man solle in den Pfandhäusern suchen, wartete ich gar nicht erst ab, bis er zu Ende gesprochen hatte, und lief zu mehreren Pfandhäusern. Ich beschrieb ihnen die Jade, und einer sagte, er habe eine. Ich sagte: ›Gebt sie mir.‹ Der Pfandleiher verlangte aber einen Pfandschein. Ich fragte: ›Für wieviel ist sie versetzt?‹ Er sagte: ›Für dreihundert Käsch gibt es eine, für fünfhundert auch. Neulich brachte jemand so ein Jadestück und versetzte es für dreihundert Käsch; heute brachte wieder jemand eines und versetzte es für fünfhundert Käsch.‹" — Schatzjade ließ ihn gar nicht ausreden und sagte: „Nimm schnell dreihundert und fünfhundert Käsch mit und hole sie beide, dann sehen wir, welche die richtige ist."

Von drinnen rief Dufthauch[1] [袭人] verächtlich: „Der Herr soll sich nicht mit ihm abgeben! Als ich klein war, hat mein Bruder mir oft erzählt, manche Leute kaufen solche kleinen Jadestückchen, und wenn sie kein Geld haben, versetzen sie die. In jedem Pfandhaus gibt es wahrscheinlich welche." — Die anderen, die erst gespannt zugehört hatten, dachten nach Dufthauchs Worten kurz nach und mussten dann alle lachen: „Ruft den Herrn schnell wieder herein! Kümmert euch nicht um diesen Narren. Was er da beschreibt, ist bestimmt nicht die echte." — Schatzjade lachte gerade noch, als Xiuyan eintraf.

Xiuyan war zum Kloster Geborgen im Grün [栊翠庵] gegangen und hatte Miaoyü aufgesucht. Ohne Umschweife bat sie Miaoyü um eine Geisterschrift-Séance. Miaoyü lachte kalt und sagte: „Ich pflege den Umgang mit Euch, Fräulein, weil Ihr nicht zu den weltlich Gesinnten gehört. Wie kommt Ihr heute dazu, auf irgendwelche Gerüchte zu hören und mich damit zu belästigen? Überdies verstehe ich gar nichts von Geisterschrift." — Damit wollte sie sich abwenden. Xiuyan bereute, hierher gekommen zu sein. Sie kannte Miaoyüs schwieriges Wesen. Doch nun, da sie die Sache einmal angesprochen hatte, konnte sie nicht gut mit leeren Händen zurückkehren, und es wäre auch nicht schicklich gewesen, Miaoyü gegenüber darauf zu beharren, dass sie sehr wohl der Geisterschrift kundig war. So blieb ihr nichts, als zu lächeln und ihr zu erzählen, dass es für Dufthauch und die anderen um Leib und Leben ging. Als sie sah, dass Miaoyü etwas nachgiebiger wurde, erhob sie sich und verbeugte sich mehrmals demütig vor ihr. Miaoyü seufzte: „Muss man denn für alle die Brautschuhe nähen? Seit ich nach Peking gekommen bin, hat es niemand gewusst. Wenn ich heute für dich eine Ausnahme mache, wird man mich in Zukunft nie mehr in Ruhe lassen." — Xiuyan antwortete: „Auch mir tat es im Augenblick nur leid um sie. Ich wusste, Ihr seid barmherzig. Wenn andere Euch künftig bitten, liegt es an Euch, ob Ihr wollt oder nicht — niemand wird Euch dazu zwingen."

Miaoyü lächelte, rief eine Klostermagd und ließ Räucherwerk anzünden. Aus einer Truhe holte sie den Sandteller und das Geisterschreibgestell hervor und schrieb Talismane. Sie bat Xiuyan, den Ritus der Verneigung und des Gebets zu vollziehen, und dann hielten beide zusammen das Gestell. Alsbald fuhr das Geisterschreibgestell rasch über den Sand und schrieb:

O weh! Ohne Spur kommt es, ohne Spur geht es fort. Am Fuß des Grünkamm-Gipfels lehnt es an einer uralten Kiefer. Willst du es suchen — zehntausend Berge türmen sich. Tritt ein durch mein Tor, und ein Lächeln wird dich empfangen.

Die Schrift endete, das Gestell kam zur Ruhe. Xiuyan fragte: „Welcher Unsterbliche wurde gerufen?" — Miaoyü antwortete: „Der Krücken-Unsterbliche." — Xiuyan schrieb den Spruch ab und bat Miaoyü um eine Deutung. Miaoyü sagte: „Das kann ich wirklich nicht. Selbst ich verstehe es nicht. Nimm es mit — dort drüben gibt es genug kluge Köpfe."

Xiuyan musste sich also auf den Rückweg machen. Als sie in den Hof trat, bestürmten sie alle mit Fragen: „Was ist herausgekommen?" — Xiuyan hatte keine Zeit für ausführliche Erklärungen und reichte den notierten Spruch direkt an Li Wan weiter. Die Schwestern und Schatzjade drängten sich heran, um zu lesen. Man kam überein, die Deutung sei: Man könne die Jade gerade nicht finden, aber verloren sei sie auch nicht; irgendwann, wenn man nicht mehr danach suche, werde sie von selbst auftauchen. Nur — wo war der Grünkamm-Gipfel? — Li Wan sagte: „Das muss eine verborgene Andeutung sein. Woher sollte in unserem Garten ein Grünkamm-Gipfel kommen? Bestimmt hat jemand aus Angst vor der Entdeckung die Jade weggeworfen, und nun liegt sie unter einem Felsstein mit Kiefern in einem der Steingärten. Nur das ›Tritt ein durch mein Tor‹ — was soll das heißen? Durch wessen Tor?" — Kajaljade[2] [林黛玉] fragte: „Welcher Geist wurde gerufen?" — Xiuyan antwortete: „Der Krücken-Unsterbliche." — Tanchun [探春] sagte: „Wenn es das Tor eines Unsterblichen ist, wird es schwer sein, es zu durchschreiten."

Dufthauch war in großer Hast und suchte blindlings drauflos, jeden Stein umdrehend — aber vergeblich. Als sie in den Hof zurückkehrte, fragte Schatzjade nicht einmal, ob sie etwas gefunden habe, sondern grinste nur albern vor sich hin. Moschusmond [麝月] rief verzweifelt: „Mein kleiner Herr! Sag uns doch endlich, wo du sie verloren hast! Selbst wenn wir dafür leiden müssen, wollen wir wenigstens wissen, woran wir sind!" — Schatzjade lachte: „Ich habe doch gesagt, dass ich sie draußen verloren habe, aber ihr wolltet es nicht glauben. Wenn ihr mich jetzt fragt — woher soll ich es noch wissen?" — Li Wan und Tanchun sagten: „Seit heute früh haben wir gesucht, und es ist schon gegen Mitternacht. Seht, Schwester Kajaljade hat es nicht mehr ausgehalten und ist schon nach Hause gegangen. Wir sollten uns auch ausruhen und morgen weitermachen." — So löste sich die Versammlung auf. Schatzjade legte sich sofort schlafen. Die arme Dufthauch und die anderen weinten eine Weile, grübelten eine Weile, und keine schloss in jener Nacht ein Auge. Aber lassen wir sie einstweilen.

Wenden wir uns Kajaljade zu: Als sie nach Hause kam, musste sie an die alte Geschichte vom „Bund aus Gold und Jade" denken, und seltsamerweise war sie darüber erfreut. Im Stillen sagte sie sich: „Die Worte der Mönche und Priester verdienen wirklich keinen Glauben. Wenn ›Gold‹ und ›Jade‹ tatsächlich füreinander bestimmt wären, wie hätte Schatzjade dann seine Jade verlieren können? Vielleicht wird meinetwegen der Bund aus Gold und Jade aufgelöst — wer weiß?" — Nach langem Grübeln fühlte sie sich immer beruhigter. Die Erschöpfung des Tages ließ sie unbeachtet und nahm erneut ein Buch zur Hand. Purpurkuckuck[3] [紫鹃] hingegen war todmüde und drängte ihre Herrin mehrmals, sich hinzulegen. Kajaljade legte sich zwar hin, dachte aber wieder an die Begonienblüte: „Diese Jade wurde im Mutterleib mitgebracht, kein gewöhnliches Ding — ihr Kommen und Gehen hat tiefe Bedeutung. Wenn die Blüte eine frohe Botschaft verkündet, hätte die Jade nicht verlorengehen dürfen! Es scheint, dass diese Blüte ein unheimliches Zeichen ist — sollte ihm etwa ein Unglück bevorstehen?" — Trauer stieg in ihr auf. Dann aber dachte sie wieder an ein freudiges Ereignis — dann sollte die Blüte blühen und die Jade verlorengehen. So wechselten Trauer und Freude einander ab, bis sie erst gegen die fünfte Nachtwache einschlief.

Am nächsten Morgen schickte Frau Wang Diener aus, um in den Pfandhäusern nachzufragen. Phönixglanz[4] [王熙凤] ließ insgeheim auf eigene Faust suchen. Mehrere Tage vergingen, doch keine Spur. Zum Glück wussten die Herzoginmutter [贾母] und Kaufmann Aufrecht[5] [贾政] noch nichts davon. Dufthauch und die anderen lebten in täglicher Angst. Auch Schatzjade ging mehrere Tage nicht zur Schule, saß nur starr da, sprach nicht und war ohne Sinn und Verstand. Frau Wang dachte, es komme nur vom Verlust der Jade, und machte sich nicht allzu viele Sorgen.

Eines Tages saß sie in Gedanken versunken, als Jia Lian hereinkam, seine Aufwartung machte und lächelnd berichtete: „Heute hat Yucun jemanden geschickt, um unserem Herrn mitzuteilen, dass der Herr Onkel zum Großen Akademiker des Inneren Kabinetts befördert wurde. Auf kaiserlichen Befehl kehrt er nach Peking zurück. Die offizielle Ernennung ist für den zwanzigsten des ersten Monats des nächsten Jahres festgesetzt, und ein Eilkurier mit dreihundert Meilen Fahrstrecke ist schon unterwegs. Wenn der Herr Onkel Tag und Nacht reist, dürfte er in gut zwei Wochen hier sein. Ich komme eigens, um der Gnädigen Frau dies mitzuteilen." — Frau Wang war hocherfreut. Sie hatte gerade daran gedacht, wie wenige Verwandte sie um sich hatte: Die Familie der Tante Xue war in Verfall geraten, ihr Bruder im fernen Amt konnte ihr nicht beistehen. Nun hörte sie plötzlich, dass ihr Bruder zum Kanzler ernannt war und nach Peking zurückkehrte — das Ansehen der Familie Wang würde wieder erstrahlen, und auch Schatzjades Zukunft wäre gesichert. So ließ sie die Sorge um die verlorene Jade etwas ruhen und wartete Tag für Tag sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Bruders.

Eines Tages kam Kaufmann Aufrecht herein, mit tränennassem Gesicht und außer Atem, und sagte: „Geh schnell und sage es der Herzoginmutter — sie muss sofort in den Palast! Es brauchen nicht viele mitzugehen, du allein begleitest sie. Die Kaiserliche Gemahlin ist plötzlich schwer erkrankt. Draußen wartet schon ein Eunuch. Er sagt, die Kaiserliche Ärzteakademie habe dem Thron bereits gemeldet, es handle sich um einen Schleimanfall mit Erstickungsgefahr, der nicht mehr behandelt werden könne." — Frau Wang brach sofort in Tränen aus. Kaufmann Aufrecht sagte: „Jetzt ist nicht die Zeit zum Weinen! Geh schnell und rufe die Herzoginmutter. Sag es ihr behutsam, damit die alte Dame nicht zu sehr erschrickt." — Damit ging Kaufmann Aufrecht hinaus und gab dem Gesinde Anweisungen.

Frau Wang trocknete die Tränen, ging zur Herzoginmutter und sagte nur, die Kaiserliche Gemahlin sei krank, und man müsse in den Palast, um ihr seine Aufwartung zu machen. Die Herzoginmutter murmelte ein Buddhagebet: „Was, schon wieder krank? Beim letzten Mal habe ich mich furchtbar geängstigt, und dann stellte sich heraus, dass es ein Irrtum war. Wenn es doch nur auch diesmal wieder ein Irrtum wäre!" — Frau Wang antwortete beruhigend und drängte zugleich Mandarinenente[6] [鸳鸯] und die anderen, die Truhen zu öffnen, Hofgewänder und Schmuck herauszusuchen und die Herzoginmutter anzukleiden. Dann eilte Frau Wang in ihr eigenes Zimmer, kleidete sich gleichfalls um und kam zurück, um der Herzoginmutter zu helfen. Bald trat man in die Halle, stieg in die Sänften und fuhr zum Palast.

Yuanchun [元春] war, seit sie für den Phönixalgenpalast auserwählt worden war, in der besonderen Gunst des Kaisers gestanden und hatte an Gewicht zugenommen, sodass jede Bewegung ihr Mühe machte. Die tägliche Anstrengung des Hoflebens verursachte immer wieder Schleimleiden. Vor einigen Tagen war sie nach einem Gastmahl im Palast einer leichten Erkältung erlegen, die ihr altes Leiden anfachte. Doch diesmal war es außerordentlich schwer: Der Schleim verstopfte die Atemwege, die Gliedmaßen waren kalt und steif. Man meldete es dem Thron und rief sofort die kaiserlichen Ärzte. Doch die Arznei ging nicht hinunter, und selbst die stärksten schleimlösenden Mittel zeigten keine Wirkung. Die Eunuchen des Inneren waren höchst besorgt und baten den Kaiser, die letzten Vorbereitungen treffen zu dürfen. Daher erging der Befehl, die Verwandten der Kaiserlichen Gemahlin in den Palast zu rufen.

Die Herzoginmutter und Frau Wang folgten dem Befehl und betraten den Palast. Sie fanden die Kaiserliche Gemahlin, den Schleim im Mund, unfähig zu sprechen. Als Yuanchun die Herzoginmutter erblickte, nahm ihr Gesicht einen Ausdruck tiefsten Kummers an, als wolle sie weinen, doch es kamen keine Tränen. Die Herzoginmutter trat vor, machte ihre Aufwartung und sprach einige tröstende Worte. Kurz darauf wurden die Visitenkarten von Kaufmann Aufrecht und den anderen hereingebracht, und eine wartende Hofdame gab sie der Gemahlin. Doch Yuanchun konnte die Augen nicht mehr darauf richten, und ihr Gesicht verfärbte sich zusehends. Die Eunuchen wollten dem Kaiser sogleich Bericht erstatten. Da zu erwarten stand, dass andere Gemahlinnen zum Abschied kommen würden, baten sie die Verwandten, in einem Vorzimmer zu warten. Die Herzoginmutter und Frau Wang konnten sich kaum losreißen, doch die Hofregeln zwangen sie. Sie gingen hinaus, wagten nicht zu weinen, und trugen ihren Schmerz nur im Herzen.

An der Palastpforte warteten Beamte auf Nachricht. Kurz darauf kam ein Eunuch heraus und ließ sofort den kaiserlichen Astronomierat rufen. Die Herzoginmutter wusste, was das bedeutete, wagte aber noch nicht, sich zu bewegen. Nach einem Augenblick kam ein junger Eunuch heraus und verkündete den Erlass: „Die Kaiserliche Gemahlin Jia ist verschieden." Es war das Jahr Jia-Yin, der achtzehnte Tag des zwölften Monats war Frühlingsanfang gewesen. Die Gemahlin starb am neunzehnten des zwölften Monats, der bereits dem Monat Yin des folgenden Mao-Jahres zuzurechnen war. Sie wurde einunddreißig Jahre alt.

Die Herzoginmutter erhob sich, ihren Schmerz verbergend, verließ den Palast, stieg in die Sänfte und fuhr nach Hause. Auch Kaufmann Aufrecht und die anderen hatten die Nachricht erhalten und machten sich trauernd auf den Heimweg. Zu Hause empfingen Dame Xing, Li Wan, Phönixglanz, Schatzjade und die anderen sie in der Halle, teilten sich in zwei Reihen, machten ihre Aufwartung vor der Herzoginmutter, dann vor Kaufmann Aufrecht und Frau Wang. Alle weinten — davon sei nicht weiter berichtet.

Am nächsten Morgen machten alle Familienmitglieder mit amtlichem Rang gemäß dem Zeremoniell für Kaiserliche Gemahlinnen ihre Traueraufwartung im Palast. Kaufmann Aufrecht als Beamter des Bauministeriums musste die Zeremonien nach Vorschrift leiten, wurde aber auch von Amtskollegen um Rat gefragt, sodass er an beiden Seiten zu tun hatte und ungleich beschäftigter war als bei den früheren Trauerfeiern für die Kaiserinwitwe und Gemahlin Zhou. Da Yuanchun keine Nachkommen hatte, wurde ihr posthum der Titel „Tugendreiche und Sittsame Kaiserliche Gemahlin" verliehen. Das war nach Hofbrauch so und braucht nicht weiter erörtert zu werden.

Im Hause Jia fuhren Männer und Frauen Tag für Tag zum Palast, und es herrschte größte Geschäftigkeit. Glücklicherweise ging es Phönixglanz in letzter Zeit etwas besser, und sie konnte aufstehen und den Haushalt führen. Gleichzeitig musste der Empfang für Wang Ziteng vorbereitet werden, der nach Peking zurückkehrte. Phönixglanz' eigener Bruder Wang Ren, der erfahren hatte, dass sein Onkel ins Kabinett aufgenommen worden war, kam ebenfalls mit seiner Familie in die Hauptstadt. Phönixglanz freute sich darüber. Trotz ihrer Leiden hatte sie nun ihre Verwandten um sich, und so ging es ihr gesundheitlich sogar etwas besser. Frau Wang, die sah, dass Phönixglanz wie früher die Geschäfte führte, legte die Hälfte ihrer Last ab. Und mit dem nahenden Eintreffen ihres Bruders in Peking fühlte sie sich in allem beruhigter.

Nur Schatzjade hatte keinen amtlichen Rang und nahm nicht an den Trauerzeremonien teil. Er ging auch nicht zur Schule. Lehrmeister Dai Ru wusste, dass es in seiner Familie Trauerfall gab, und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Kaufmann Aufrecht war viel zu beschäftigt, um sich um ihn zu kümmern. Man hätte meinen können, Schatzjade würde diese Gelegenheit nutzen, um sich mit den Schwestern täglich zu vergnügen. Doch seit dem Verlust der Jade saß er nur träge herum, sprach wirr und war zu nichts zu gebrauchen. Wenn die Herzoginmutter oder andere vom Palast zurückkehrten und man ihn rief, seine Aufwartung zu machen, ging er hin; rief ihn niemand, rührte er sich nicht. Dufthauch und die anderen hatten ein schlechtes Gewissen und wagten nicht, ihn zu reizen, aus Angst, er könnte zornig werden. Tee und Mahlzeiten — wenn man es ihm hinstellte, aß er; kam nichts, forderte er auch nichts.

Dufthauch sah, dass sein Zustand nicht wie Verärgerung war, sondern wie eine echte Krankheit. Sie stahl sich zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss und sagte zu Purpurkuckuck: „So steht es um den Herrn. Bitte bittet das Fräulein, mit ihm zu reden und ihn aufzuheitern." — Purpurkuckuck richtete es Kajaljade sofort aus. Doch Kajaljade war überzeugt, dass die Verlobung mit ihr beschlossene Sache sei, und empfand es als unschicklich, ihn zu sehen: „Wenn er zu mir kommt, kann ich ihn als Kindheitsfreund schwerlich abweisen. Aber dass ich zu ihm ginge, das kommt auf keinen Fall in Frage." — So weigerte sich Kajaljade zu kommen.

Dufthauch ging auch heimlich zu Tanchun. Doch Tanchun wusste genau, dass die Begonienblüte ein unheimliches Zeichen war, der Verlust der Jade noch unheimlicher, und nun war auch noch ihre Schwester, die Kaiserliche Gemahlin, gestorben. Sie ahnte, dass es mit der Familie bergab ging, und grübelte Tag für Tag. Wie hätte sie die Gemütsverfassung haben sollen, Schatzjade aufzuheitern? Zudem waren Bruder und Schwester schließlich Mann und Frau, und sie konnte ihn nicht ständig besuchen. Ein- oder zweimal kam sie vorbei, doch Schatzjade blieb immer nur teilnahmslos, und so kam sie nicht mehr oft.

Auch Schatzspange[7] [薛宝钗] wusste vom Verlust der Jade. Denn an jenem Tag, als Tante Xue der Verlobung mit Schatzjade zugestimmt hatte, war sie nach Hause gegangen und hatte es Schatzspange erzählt. Tante Xue hatte noch gesagt: „Zwar hat deine Tante Wang es vorgeschlagen, aber ich habe noch nicht endgültig zugesagt. Ich sagte, wir sollten warten, bis dein Bruder zurückkommt, um es zu entscheiden. Willst du oder willst du nicht?" — Schatzspange hatte mit ernster Miene geantwortet: „Mutter, diese Worte sind nicht richtig. In Angelegenheiten einer Tochter entscheiden die Eltern. Da Vater nicht mehr lebt, muss Mutter entscheiden, oder wenn nicht, dann der Bruder. Warum fragt Ihr mich?" — Tante Xue hatte sie dafür nur noch mehr geschätzt und gesagt, obgleich sie von klein auf verwöhnt worden sei, besitze sie doch angeborene Tugendhaftigkeit und Besonnenheit. Fortan erwähnte sie Schatzjades Namen nicht mehr vor ihr. Schatzspange ihrerseits nahm die zwei Silben „Schatzjade" seitdem erst recht nicht mehr in den Mund. Obwohl sie nun vom Verlust der Jade hörte und insgeheim bestürzt war, konnte sie nicht danach fragen. Sie begnügte sich mit dem, was andere erzählten, und tat, als ginge es sie nichts an.

Nur Tante Xue schickte mehrmals ein Mädchen herüber, um nach Neuigkeiten zu fragen. Sie machte sich aber auch Sorgen um ihren eigenen Sohn Xue Pan und wartete sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Bruders, der ihm aus seiner Schuld heraushelfen könnte. Sie wusste, dass die Kaiserliche Gemahlin gestorben war und das Haus Jia in Aufruhr war, aber da es Phönixglanz besser ging und sie den Haushalt führte, kam Tante Xue nicht mehr so oft herüber.

Am meisten litt die arme Dufthauch, die vor Schatzjade demütig aufwartete und tröstete, doch Schatzjade verstand nichts. Dufthauch konnte nur im Stillen bangen.

Einige Tage vergingen. Yuanchuns Sarg wurde in den kaiserlichen Ruhetempel überführt, und die Herzoginmutter und die anderen begleiteten das Begräbnis einige Tage lang. Schatzjade aber wurde von Tag zu Tag stumpfsinniger: kein Fieber, keine Schmerzen, nur aß er ohne zu essen und schlief ohne zu schlafen, und wenn er sprach, waren seine Worte wirr und zusammenhangslos. Dufthauch, Moschusmond und die anderen gerieten in Panik und berichteten Phönixglanz mehrmals. Phönixglanz kam oft vorbei. Anfangs dachte sie, er sei nur verärgert, weil die Jade nicht gefunden worden sei. Doch als sie seinen verstörten Zustand sah, ließ sie täglich einen Arzt kommen. Die Arzneien, die er verschrieben bekam, machten die Krankheit nur schlimmer, statt sie zu lindern. Wenn man ihn fragte, wo er sich unwohl fühle, konnte Schatzjade es nicht sagen.

Erst als die Trauerzeremonien für die Kaiserliche Gemahlin beendet waren, dachte die Herzoginmutter wieder an Schatzjade und kam persönlich in den Garten, um nach ihm zu sehen. Frau Wang begleitete sie. Dufthauch und die anderen sagten Schatzjade eilig, er solle hinausgehen und seine Aufwartung machen. Obwohl Schatzjade krank war, stand er jeden Tag auf und bewegte sich. Heute, als man ihn bat, die Herzoginmutter zu empfangen, machte er wie gewohnt seine Verbeugung, nur dass Dufthauch ihm dabei an der Seite stehen und jede Bewegung einflüstern musste. Die Herzoginmutter sagte: „Mein Kind, ich dachte, du wärst bettlägerig, und bin deshalb gekommen, nach dir zu sehen. Aber du siehst aus wie immer — da bin ich doch sehr erleichtert." — Auch Frau Wang war beruhigt. Doch Schatzjade antwortete nicht und grinste nur albern.

Die Herzoginmutter und die anderen traten ein und setzten sich. Wenn man ihm etwas fragte, sprach Dufthauch es ihm vor, und er wiederholte es Wort für Wort — ganz und gar nicht wie früher, wie ein reiner Trottel. Je genauer die Herzoginmutter hinsah, desto mehr erschrak sie und sagte: „Als ich eben hereinkam, schien ihm nichts zu fehlen. Aber wenn ich genau hinschaue, ist die Krankheit tatsächlich schwer — es sieht aus, als hätte er seinen Geist verloren. Was ist die Ursache?" — Frau Wang wusste, dass es sich nicht länger verheimlichen ließ. Als sie Dufthauchs erbarmungswürdigen Anblick sah, hielt sie sich an Schatzjades frühere Ausrede und erzählte der Herzoginmutter leise, er habe die Jade verloren, als er beim Markgrafen von Lin'an zum Theaterschauen war. Sie war selbst voller Angst, die Herzoginmutter könne sich zu sehr aufregen, und fügte hinzu: „Man lässt überall danach suchen. Wir haben Orakel und Wahrsager befragt, und alle sagen, man solle in den Pfandhäusern suchen. Sicher wird sie sich finden."

Die Herzoginmutter hörte es, sprang auf, und Tränen strömten ihr übers Gesicht: „Wie kann man nur so ein Ding verlieren! Ihr seid ja alle ohne Verstand! Hat denn auch der Herr sich nicht darum gekümmert?" — Frau Wang sah, wie zornig die Herzoginmutter war, ließ Dufthauch und die anderen niederknien, verneigte sich selbst demütig und sagte: „Die Schwiegertochter fürchtete, die Herzoginmutter könnte sich aufregen und der Herr zürnen, und wagte daher nicht, es zu melden." — Die Herzoginmutter seufzte: „Diese Jade ist Schatzjades Lebenskern. Weil er sie verloren hat, ist er so von Sinnen. Das darf doch nicht wahr sein! Die ganze Stadt kennt diese Jade. Wenn sie jemand aufgehoben hat, wird er sie euch wohl zurückgeben? Schickt sofort jemanden, um den Herrn zu holen. Ich will mit ihm sprechen." — Da flehten Frau Wang, Dufthauch und alle anderen in größter Angst: „Wenn die Herzoginmutter so zürnt, wird der Herr umso schrecklicher! Schatzjade ist krank; überlasst es uns, die Jade mit aller Kraft zu suchen!" — Die Herzoginmutter sagte: „Ihr fürchtet den Zorn des Herrn? Dafür bin ich da." — Sie befahl Moschusmond, jemanden zum Herrn zu schicken.

Kurz darauf kam die Nachricht: „Der Herr ist zu einem Besuch ausgegangen." — Die Herzoginmutter sagte: „Auch ohne ihn geht es. Richtet in meinem Namen aus: Vorerst sollen keine Diener bestraft werden. Ich lasse Lian kommen. Er soll eine Belohnung ausschreiben und die Ausschreibung an den Stellen anbringen, die Schatzjade an jenem Tag passiert hat. Es heißt: ›Wer die Jade findet und bringt, erhält zehntausend Tael Silber. Wer weiß, dass jemand sie gefunden hat, und Nachricht bringt, die zum Auffinden führt, erhält fünftausend Tael.‹ Wenn sie wirklich auftaucht, spart nicht am Silber! So finden wir sie bestimmt. Wenn wir uns nur auf unsere eigenen Leute verlassen, suchen wir ein ganzes Leben lang und finden nichts." — Frau Wang wagte keinen Widerspruch. Die Herzoginmutter ließ Jia Lian die Nachricht überbringen und hieß ihn, es sofort in die Wege zu leiten. Dann befahl sie: „Bringt Schatzjades Habseligkeiten in meine Gemächer. Nur Dufthauch und Qiuwen begleiten ihn; die übrigen bleiben im Garten und hüten das Haus." — Schatzjade hörte alles, sagte aber kein Wort und grinste nur albern.

Die Herzoginmutter nahm Schatzjade an der Hand, stand auf, und Dufthauch und die anderen stützten ihn aus dem Garten heraus. Zurück in ihren Gemächern, ließ die Herzoginmutter Frau Wang sich setzen und überwachte die Einrichtung des inneren Zimmers. Dann sagte sie zu Frau Wang: „Weißt du, warum ich ihn hergebracht habe? Im Garten sind wenig Leute, und die Blumen und Bäume im Hof der Freude am Roten welken und blühen so sonderbar. Früher konnte die Jade böse Einflüsse abwehren; nun, da sie verloren ist, fürchte ich, dass böse Mächte leichter eindringen. Darum habe ich ihn hergeholt, damit wir zusammen wohnen. Er soll die nächsten Tage nicht hinausgehen; wenn der Arzt kommt, kann er ihn hier untersuchen." — Frau Wang sagte sogleich: „Die Herzoginmutter hat natürlich recht. Wenn Schatzjade jetzt bei der Herzoginmutter wohnt, wird deren großes Glück alles Böse niederhalten." — Die Herzoginmutter sagte: „Was für ein Glück! Bei mir ist es nur sauberer, und es gibt viele Sutren, die er lesen kann, um seinen Geist zu beruhigen. Frag ihn, ob es ihm recht ist." — Als man Schatzjade fragte, lächelte er nur. Dufthauch flüsterte ihm zu, er solle „gut" sagen, und Schatzjade sagte „gut". Frau Wang konnte bei diesem Anblick die Tränen nicht zurückhalten, wagte aber in Gegenwart der Herzoginmutter keinen Laut. Die Herzoginmutter sah Frau Wangs Sorge und sagte: „Geh zurück. Ich kümmere mich um ihn. Wenn der Herr heute Abend nach Hause kommt, sage ihm, er brauche nicht zu mir zu kommen, und er soll kein Wort darüber verlieren." — Nachdem Frau Wang gegangen war, ließ die Herzoginmutter Mandarinenente ein beruhigendes Mittel suchen. Schatzjade nahm es ein — davon sei nicht weiter berichtet.

Kaufmann Aufrecht kam am selben Abend nach Hause. Aus seiner Kutsche hörte er, wie Leute auf der Straße sagten: „Wer reich werden will, hat es leicht!" — Ein anderer fragte: „Wie das?" — Der erste sagte: „Heute habe ich gehört, dass im Rongguofu irgendeinem jungen Herrn eine Jade verlorengegangen ist. Man hat Ausschreibungen angeschlagen mit Größe, Form und Farbe. Wer sie findet und bringt, bekommt zehntausend Tael Silber, und wer nur eine Nachricht gibt, bekommt noch fünftausend!"

Kaufmann Aufrecht hatte zwar nicht jedes Wort verstanden, war aber erschrocken. Er eilte nach Hause und rief den Pförtner, um ihn über die Sache zu befragen. Der Pförtner sagte: „Euer Diener wusste auch nichts davon. Erst heute Mittag gab der Zweite Herr Lian die Anweisung der Herzoginmutter weiter, Ausschreibungen aufzuhängen." — Kaufmann Aufrecht seufzte: „Die Familie ist zum Verfall bestimmt, und dann zieht man auch noch so ein Unglückskind groß! Als er geboren wurde, war das ganze Viertel voller Gerüchte. Nach über zehn Jahren hatte es sich etwas beruhigt. Und jetzt muss man es wieder in alle Welt hinausposaunen, wegen einer Jade! Was soll das!"

Er ging eilig hinein und befragte Frau Wang, die ihm alles haarklein erzählte. Kaufmann Aufrecht wusste, dass es die Idee der Herzoginmutter war, und wagte nicht, offen zu widersprechen. Er machte Frau Wang Vorwürfe, ging dann wieder hinaus und ließ — ohne dass die Herzoginmutter es erfuhr — die Ausschreibungen still wieder abnehmen. Doch einige Müßiggänger und Taugenichtse hatten sie längst abgerissen und mitgenommen.

Einige Tage später erschien tatsächlich ein Mann am Haupttor des Rongguofu und behauptete, die Jade zu bringen. Die Diener am Tor waren überglücklich: „Her damit! Wir bringen sie hinein und melden es." — Der Mann zog die Ausschreibung aus seinem Gewand und zeigte sie ihnen: „Ist das nicht der Aushang eures Hauses? Hier steht: Wer die Jade bringt, erhält zehntausend Tael Silber. Meine Herren, ihr mögt mich heute für arm halten, aber wenn ich mein Geld habe, bin ich ein gemachter Mann. Behandelt mich also nicht so gleichgültig." — Die Pförtner hörten, dass er fordernd auftrat, und sagten: „Dann lasst mich wenigstens kurz einen Blick darauf werfen, damit ich es melden kann." — Zuerst weigerte sich der Mann, aber dann ließ er sich überreden, holte die Jade hervor, hielt sie auf der Handfläche hoch und sagte: „Ist es die oder nicht?" — Die Diener am Tor, die nur Außendienst taten, wussten zwar von der Jade, hatten sie aber nie aus der Nähe gesehen. Jetzt sahen sie zum ersten Mal, wie die Jade aussah. Sie liefen eilig nach drinnen, als gelte es, den Kopfpreis davonzutragen.

An jenem Tag waren Kaufmann Aufrecht und Jia She beide ausgegangen; nur Jia Lian war zu Hause. Man meldete es ihm. Jia Lian fragte: „Ist sie echt?" — Die Pförtner schworen: „Mit eigenen Augen gesehen! Nur will er sie nicht hergeben. Er will den Herrn selbst sehen: Hand gegen Hand, Silber gegen Jade." — Jia Lian war ebenfalls erfreut. Er eilte hinein, um Frau Wang zu informieren, und meldete es sogleich auch der Herzoginmutter. Dufthauch war so glücklich, dass sie die Hände faltete und Buddha anrief. Die Herzoginmutter blieb bei ihrem Wort und rief aufgeregt: „Lian soll den Mann sofort in das Studierzimmer bitten! Bringt die Jade herein, und sobald sie begutachtet ist, gebt ihm das Silber."

Jia Lian tat wie geheißen, bat den Mann herein, behandelte ihn als Gast, dankte ihm mit freundlichen Worten und sagte: „Wenn ich die Jade kurz hineinsenden darf, damit der Besitzer sie sieht, wird das vereinbarte Silber ohne jeden Abzug gezahlt." — Der Mann gab schließlich ein kleines Päckchen in roter Seide heraus. Jia Lian öffnete es — war das nicht jene strahlend schöne Jade? Jia Lian hatte nie sonderlich darauf geachtet, doch heute wollte er genauer hinschauen. Er betrachtete sie lange. Die Inschrift war undeutlich, aber erkennbar — „Vertreibt Unheil" und ähnliche Zeichen. Jia Lian war überglücklich, rief einen Diener herbei und eilte, die Jade der Herzoginmutter und Frau Wang zur Begutachtung zu bringen.

Die Nachricht hatte sich im ganzen Haus verbreitet, und alle drängten sich, um die Jade zu sehen. Phönixglanz sah Jia Lian hereinkommen, riss ihm das Päckchen aus der Hand, wagte aber nicht, selbst zuerst hinzusehen, und legte es in die Hand der Herzoginmutter. Jia Lian lachte: „Nicht einmal bei so einer Kleinigkeit lässt du mich die Ehre einheimsen!" — Die Herzoginmutter öffnete das Päckchen und sah, dass die Jade viel matter war als zuvor. Sie rieb sie mit den Fingern. Mandarinenente brachte die Brille, und die Herzoginmutter setzte sie auf, betrachtete die Jade und sagte: „Merkwürdig! Es sieht schon aus wie sie, aber der Glanz von früher ist ganz verschwunden." — Frau Wang betrachtete sie eine Weile, konnte sie aber auch nicht sicher erkennen, und bat Phönixglanz, sie sich anzusehen. Phönixglanz sagte: „Ähnlich sieht sie schon aus, nur die Farbe stimmt nicht ganz. Am besten zeigen wir sie Bruder Schatzjade selbst, dann wissen wir es." — Dufthauch stand daneben. Auch ihr kam der Stein nicht wie der richtige vor, doch sie sehnte sich so sehr danach, ihn wiederzuhaben, dass sie ihre Zweifel nicht auszusprechen wagte.

Phönixglanz nahm die Jade aus den Händen der Herzoginmutter und ging mit Dufthauch zu Schatzjade, der gerade aufgewacht war. Phönixglanz sagte: „Deine Jade ist gefunden!" — Schatzjade, noch schlaftrunken, nahm sie in die Hand, ohne sie richtig anzusehen, und warf sie auf den Boden: „Ihr wollt mich wieder zum Narren halten!" — Dabei lächelte er kalt. Phönixglanz hob sie eilig auf und sagte: „Das ist doch seltsam — woher weißt du das, ohne sie auch nur angesehen zu haben?" — Schatzjade antwortete nicht und lachte nur. Frau Wang war inzwischen auch ins Zimmer gekommen. Als sie ihn so sah, sagte sie: „Da gibt es nichts mehr zu reden. Seine Jade ist mit ihm zur Welt gekommen, ein übernatürliches Ding — natürlich erkennt er es. Jemand muss die Ausschreibung gelesen und eine Fälschung angefertigt haben." — Allen ging ein Licht auf.

Jia Lian, der im äußeren Zimmer alles hörte, sagte: „Wenn sie falsch ist, gebt sie mir schnell zurück! So einem Betrüger werde ich es zeigen! In einer so ernsten Angelegenheit wagt er es, uns an der Nase herumzuführen!" — Die Herzoginmutter rief dazwischen: „Lian! Gib sie ihm zurück und lass ihn gehen. Der Ärmste hat sicher keinen anderen Ausweg mehr und wollte sich ein paar Tael verdienen, als er von unserer Ausschreibung hörte. Nun hat er für sein Geld eine Fälschung besorgt, und wir haben sie durchschaut. Ich sage: Macht es ihm nicht schwer. Gebt ihm die Jade zurück, sagt, sie sei nicht die unsere, und schenkt ihm ein paar Tael Silber dazu. Wenn die Leute draußen das hören, werden sie die echte Jade eher bringen. Wenn wir diesen Mann bestrafen, wird sich niemand mehr trauen, auch wenn er die echte hätte."

Jia Lian ging hinaus. Der Mann wartete noch draußen. Er hatte lange niemanden kommen sehen und wurde schon unruhig. Da sah er Jia Lian wütend herausstürzen.

Wie es weiterging, erzählt das nächste Kapitel.

Anmerkungen

  1. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.
  2. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade" / „Schwarzaugenbrauen-Jade".
  3. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  4. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  5. Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
  6. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenten-Paar". Erste Zofe der Herzoginmutter.
  7. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).