Hongloumeng/de/Chapter 107

From China Studies Wiki
< Hongloumeng
Revision as of 12:48, 15 April 2026 by Admin (talk | contribs) (DE4 improved: typography, refs, attribution)
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Kapitel 107

Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter ihren persönlichen Besitz

Dank kaiserlicher Gunst empfängt Kaufmann Aufrecht den erblichen Titel seines Bruders

Wie bereits erzählt, ging Kaufmann Aufrecht in den Palast hinein, wo er die verschiedenen Würdenträger des Geheimen Staatsrates und die Fürsten vorfand. Der Fürst von Beijing sagte: "Wir haben Euch heute auf kaiserlichen Befehl rufen lassen, um Euch zu befragen." Kaufmann Aufrecht kniete sogleich nieder. Die Würdenträger fragten: "War Euch bekannt, dass Euer älterer Bruder mit auswärtigen Beamten konspirierte, seine Macht missbrauchte und Schwächere schikanierte, dass er seinen Sohn zum Glücksspiel anstiftete und gewaltsam die Ehefrau eines ehrbaren Bürgers als Nebenfrau nahm und sie in den Tod trieb, als sie sich weigerte?"

Kaufmann Aufrecht antwortete: "Der Angeklagte wurde durch die Gnade Seiner Majestät zum Bildungskommissar ernannt. Nach Ablauf der Amtszeit inspizierte er Hilfsmaßnahmen, kehrte gegen Ende des vergangenen Winters nach Hause zurück und wurde dann von seinen Vorgesetzten mit Bauarbeiten beauftragt. Danach wurde er als Getreide-Intendant nach Jiangxi berufen, von dort unter Anklage in die Hauptstadt zurückbeordert und versieht seither wieder seinen Dienst im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Tag und Nacht wagte er nicht, nachlässig zu sein. Um die Familienangelegenheiten hat er sich in keiner Weise gekümmert und ist in der Tat völlig ahnungslos gewesen. Dass er es versäumt hat, die Söhne und Neffen zu erziehen, ist sein Vergehen gegen die kaiserliche Gnade. Er bittet nur darum, dass Seine Majestät ihn streng bestrafe."

Der Fürst von Beijing trug dies dem Thron vor. Nach kurzer Zeit wurde der kaiserliche Erlass übermittelt. Der Fürst von Beijing verlas ihn: "Seine Majestät hat erwogen: Bezüglich der Anklage des Zensors, Kaufmann Begnadigung habe mit auswärtigen Beamten konspiriert und seine Macht missbraucht, um Schwächere zu schikanieren: Der Zensor nannte den Präfekten von Pingan als Komplizen. Bei strenger Vernehmung gab Kaufmann Begnadigung zu Protokoll, der Präfekt von Pingan sei ein angeheirateter Verwandter, mit dem man lediglich persönlichen Umgang gepflegt habe, ohne sich in Amtsgeschäfte einzumischen. Auch der Zensor konnte diesen Punkt nicht beweisen. Lediglich die Anklage, er habe unter Ausnutzung seiner Stellung einen gewissen Shi Daizi zur Herausgabe antiker Fächer genötigt, wurde bestätigt. Doch handelt es sich um Spielzeug und Sammelstücke, was nicht mit der gewaltsamen Aneignung von Gut ehrlicher Bürger zu vergleichen ist. Dass Shi Daizi sich daraufhin das Leben nahm, liegt an dessen eigener Verrücktheit und ist nicht gleichzusetzen mit einem Freitod durch Nötigung. Daher wird Kaufmann Begnadigung gnädig zu Strafdienst an einem Grenzposten verurteilt, wo er seine Schuld durch treuen Dienst tilgen kann.

Was die Anklage gegen Kaufmann Juwel betrifft, er habe gewaltsam die Ehefrau eines ehrlichen Bürgers als Nebenfrau genommen und sie durch Zwang in den Tod getrieben: Nach Prüfung der Originalakten beim Zensorat stellte sich heraus, dass die besagte Frau You Erjie tatsächlich von einem gewissen Zhang Hua durch ein Verlöbnis im Mutterleib zur Frau bestimmt worden war. Da dieser in Armut lebte, wünschte er selbst die Auflösung der Verlobung. Die Mutter von You Erjie war einverstanden, ihre Tochter als Nebenfrau zu geben, und zwar nicht an Kaufmann Juwel selbst, sondern an dessen jüngeren Vetter. Von 'gewaltsamer Aneignung' kann also keine Rede sein.

Zum Fall der You Sanjie, die sich selbst erdolchte und heimlich beerdigt wurde, ohne dass der Tod den Behörden gemeldet wurde: Bei näherer Untersuchung ergab sich, dass You Sanjie die jüngere Schwester von Kaufmann Juwels Ehefrau war. Es lag ursprünglich in seiner Absicht, eine passende Heirat für sie zu vermitteln. Doch die Forderung nach Rückgabe der Brautgeschenke durch den Verlobten und die verbreiteten Gerüchte über ihr unehrbares Verhalten führten bei ihr zu solcher Scham und Empörung, dass sie sich das Leben nahm. Eine Nötigung durch Kaufmann Juwel lag nicht vor. Gleichwohl hat Kaufmann Juwel als Träger eines erblichen Amtes die Gesetze missachtet und einen Todesfall verheimlicht, wofür er schwer bestraft werden müsste. In Anbetracht dessen, dass er Nachkomme verdienter Vorfahren ist, wird von der vollen Strafe abgesehen. Er wird gnädig seines erblichen Titels enthoben und an die Küste entsandt, um dort durch pflichtgetreuen Dienst seine Schuld zu tilgen. Kaufmann Rong ist zu jung, um in die Sache verwickelt zu sein, und wird freigesprochen. Kaufmann Aufrecht hat über viele Jahre in auswärtigen Ämtern pflichtbewusst und gewissenhaft gedient und wird von der Verantwortung für die mangelhafte Haushaltsführung entbunden."

Als Kaufmann Aufrecht das hörte, war er zu Tränen der Dankbarkeit gerührt und verneigte sich hastig vor dem Thron. Dann bat er den Fürsten, seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln. Der Fürst von Beijing sagte: "Dankt dem Himmel für die Gnade. Was gäbe es noch vorzubringen?"

Kaufmann Aufrecht sagte: "Der Angeklagte ist überwältigt von der Gnade Seiner Majestät, die ihm nicht nur keine schwere Strafe auferlegt, sondern auch noch das Familienvermögen zurückgegeben hat. In tiefster Beschämung möchte er den gesamten von seinen Ahnen ererbten Besitz und alle angesammelten Güter dem Thron überlassen."

Der Fürst von Beijing sagte: "Seine Majestät ist human und mitfühlend gegenüber seinen Untertanen, weise und gerecht in seinen Urteilen, unfehlbar bei Belohnung und Bestrafung. Nachdem Euch das Vermögen durch eine so große Gnade zurückgegeben wurde, bedarf es keiner weiteren Geste Eurerseits." Die anderen Würdenträger bestätigten dies.

So dankte Kaufmann Aufrecht abermals der kaiserlichen Gnade und dem Fürsten und verließ den Palast. Da er wusste, wie besorgt die Herzoginmutter wartete, eilte er nach Hause. Alle Hausbewohner, Männer wie Frauen, standen draußen und warteten bange auf Nachrichten. Als sie Kaufmann Aufrecht wohlbehalten zurückkehren sahen, atmeten alle etwas auf, doch wagte niemand zu fragen. Kaufmann Aufrecht eilte direkt zu den Gemächern der Herzoginmutter und berichtete ihr die Einzelheiten des kaiserlichen Erlasses.

Die Herzoginmutter war zwar erleichtert, doch dass zwei erbliche Titel eingezogen worden waren und Kaufmann Begnadigung an einen Grenzposten und Kaufmann Juwel an die Küste entsandt werden sollten, betrübte sie zutiefst. Die Dame Xing und Frau You brachen sofort in lautes Weinen aus.

Kaufmann Aufrecht sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Auch wenn der ältere Bruder an einem Grenzposten dienen muss, dient er doch dem Staat und wird nicht leiden müssen. Wenn er sich bewährt, kann er seinen Titel zurückerhalten. Und Juwel ist noch jung und sollte durchaus seinen Dienst leisten. Hätten wir es nicht so weit kommen lassen, hätten wir den Segen unserer Ahnen ohnehin nicht ewig genießen können." Er fügte noch weitere tröstende Worte hinzu.

Die Herzoginmutter hatte Kaufmann Begnadigung ohnehin nie besonders gemocht, und Kaufmann Juwel vom Ningguo-Anwesen war eine Stufe entfernt. Nur die Dame Xing und Frau You weinten ohne Unterlass.

Die Dame Xing dachte bei sich: "Das gesamte Vermögen ist weg, und mein Mann muss in seinem Alter in die Ferne ziehen. Zwar habe ich Kette als Sohn, aber der hat sich schon immer mehr zu seinem Onkel Aufrecht hingezogen. Jetzt, wo wir alle von Aufrecht abhängen, werden er und seine Frau sich natürlich noch mehr jener Seite zuwenden. Da bleibe ich ganz allein — einsam und verlassen. Was soll nur aus mir werden?"

Frau You ihrerseits hatte im Ningguo-Anwesen stets allein den Haushalt geführt und war nach Kaufmann Juwel die angesehenste Person gewesen. Zudem waren sie und Kaufmann Juwel ein harmonisches Ehepaar gewesen. Nun wurde er in Schande fortgeschickt, das gesamte Vermögen war beschlagnahmt, und sie mussten im Rongguo-Anwesen um Aufnahme bitten. Auch wenn die Herzoginmutter sie liebevoll behandelte, lebte sie doch unter fremdem Dach. Dazu musste sie Peifeng und Xieluan versorgen, und das junge Paar Kaufmann Rong und seine Frau konnten kaum einen eigenen Haushalt gründen. Sie dachte weiter: "Die Zweite und die Dritte Schwester — ihr Unglück war letztlich Kaufmann Kettes Schuld. Und trotzdem kommen er und seine Frau ungeschoren davon und bleiben als Ehepaar beisammen, während uns nur ein elendes Dasein bleibt. Wie soll man da weiterleben?" Bei diesem Gedanken brach sie in bitteres Weinen aus.

Die Herzoginmutter konnte es nicht mit ansehen und fragte Kaufmann Aufrecht: "Der Fall deines Bruders und Juwels ist nun entschieden. Dürfen sie nach Hause kommen? Rong hat nichts verbrochen, der müsste doch freigelassen werden."

Kaufmann Aufrecht antwortete: "Nach den Vorschriften dürfte der ältere Bruder eigentlich nicht nach Hause kommen. Doch ich habe bereits um eine persönliche Gunst gebeten, damit er zusammen mit dem Neffen heimkehren kann, um die Reisevorbereitungen zu treffen. Das Gericht hat gnädig zugestimmt. Rong dürfte zusammen mit seinem Großvater und seinem Vater herauskommen. Bitte mache dir keine Sorgen, gnädige Mutter. Ich werde alles regeln."

Die Herzoginmutter sagte ferner: "Ich bin in den letzten Jahren zu alt und gebrechlich geworden und habe mich überhaupt nicht mehr um die Familienfinanzen gekümmert. Nun ist im Ningguo-Anwesen alles beschlagnahmt, das Haus einbezogen. Auf unserer Seite wurde bei deinem Bruder und bei Kette auch alles genommen. Sag mir besser jetzt: Wie viel haben wir noch in der Schatzkammer und wie viel sind die Ländereien in der östlichen Provinz noch wert? Wenn die beiden aufbrechen müssen, sollten wir ihnen doch einige tausend Silbertael mitgeben."

Kaufmann Aufrecht steckte in der Klemme. Als die Herzoginmutter so fragte, dachte er: "Wenn ich ihr die Wahrheit sage, wird sie einen Schock bekommen. Wenn ich es aber verschweige, wie sollen wir dann unsere derzeitigen Probleme lösen, von der Zukunft ganz zu schweigen?" Nach kurzem Überlegen antwortete er: "Hätte die gnädige Mutter nicht gefragt, hätte ich es nicht gewagt zu sagen. Da die gnädige Mutter aber nun fragt und Kette auch hier ist: Gestern habe ich die Konten geprüft. Die alte Schatzkammer ist seit langem völlig leer. Nicht nur ist alles aufgebraucht, wir haben auch noch erhebliche Schulden draußen. Für die Angelegenheit des älteren Bruders müssen wir dringend Geld aufbringen, um die Beamten zu besänftigen. Denn trotz der großzügigen Gnade Seiner Majestät könnte es Vater und Sohn schlecht ergehen, wenn wir nicht eingreifen. Nur weiß ich nicht, woher das Geld kommen soll. Auf die Ländereien in der östlichen Provinz können wir uns nicht verlassen — die Pachteinnahmen des kommenden Jahres sind schon für Schulden aus dem laufenden Jahr verplant und können nicht so schnell flüssig gemacht werden. Uns bleibt nur, die Kleidung und den Schmuck, die uns glücklicherweise gelassen wurden, zu verkaufen und den Erlös dem älteren Bruder und Juwel als Reisegeld mitzugeben. Wie wir danach selbst über die Runden kommen, ist wieder ein anderes Problem."

Die Herzoginmutter brach erneut in Tränen aus: "Wie? Ist es wirklich so weit mit uns gekommen? So etwas habe ich nie erlebt. Wenn ich an meine eigene Familie in früheren Zeiten denke — die waren noch zehnmal wohlhabender als wir. Auch sie haben einige Jahre lang eine leere Fassade aufrechterhalten. Aber selbst ohne ein solches Unglück brach schließlich alles zusammen, und in ein, zwei Jahren war es vorbei. Aber nach dem, was du sagst, werden wir nicht einmal ein bis zwei Jahre durchhalten?"

Kaufmann Aufrecht sagte: "Hätten wir noch die beiden erblichen Besoldungen, könnte man anderswo Mittel auftreiben. Aber jetzt, wo wir nichts mehr als Sicherheit bieten können, wird uns niemand Geld leihen." Auch ihm liefen die Tränen über die Wangen. "Was die Verwandten betrifft: Die, bei denen wir in der Schuld stehen, sind selbst arm geworden. Und die, die uns nie etwas schuldeten, wollen uns nicht helfen. Gestern habe ich die Konten nicht im Detail geprüft, aber ich habe die Personalliste durchgesehen. Von oben kommt keinerlei Einkommen, und unten können wir die vielen Diener auch nicht mehr ernähren."

Die Herzoginmutter grämte sich immer mehr. Da kamen Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Juwel und Kaufmann Rong herein und begrüßten sie. Die Herzoginmutter sah die drei: Mit der einen Hand ergriff sie Kaufmann Begnadigung, mit der anderen Kaufmann Juwel, und brach in lautes Schluchzen aus. Die beiden schämten sich zutiefst, und als sie die Herzoginmutter weinen sahen, fielen sie auf die Knie und riefen weinend: "Wir unwürdigen Söhne und Enkel haben die Verdienste unserer Ahnen verspielt und die gnädige Mutter in Kummer gestürzt. Wir verdienen es nicht einmal, nach dem Tod begraben zu werden!"

Daraufhin brach der ganze Raum in Wehklagen aus. Kaufmann Aufrecht mahnte: "Wir sollten zunächst die Reisevorbereitungen der beiden besprechen. Sie können höchstens ein bis zwei Tage zu Hause bleiben, sonst werden die Behörden ungeduldig."

Die Herzoginmutter hielt ihre Tränen mühsam zurück und sagte: "Geht, ihr beiden, und sprecht mit euren Ehefrauen." Dann wies sie Kaufmann Aufrecht an: "Diese Sache duldet keinen Aufschub. Ich sehe, dass Anleihen von außen nichts nützen werden. Wenn wir die Frist verstreichen lassen, was dann? Ich muss wohl selbst etwas unternehmen. Bei dem Durcheinander im Haus kann es auch nicht so weitergehen." Dabei rief sie Mandarinenente herbei und gab ihr Anweisungen.

Kaufmann Begnadigung und die anderen gingen hinaus und sprachen noch einmal weinend mit Kaufmann Aufrecht. Sie drückten ihr Bedauern über ihren früheren Eigensinn aus, klagten über die bevorstehende Trennung und gingen dann zu ihren Frauen, um dort zu trauern. Kaufmann Begnadigung war schon älter und konnte sich leichter damit abfinden. Kaufmann Juwel und Frau You dagegen — wie sollten sie die Trennung ertragen! Kaufmann Kette und Kaufmann Rong hielten ihren Vater an den Händen und weinten. Obwohl die Strafe milder war als Verbannung oder Zwangsarbeit, war es doch ein Abschied, bei dem man nicht wusste, ob man einander jemals wiedersehen würde. Es war, wie es war, und sie mussten sich mit zusammengebissenem Herzen fügen.

Dann ließ die Herzoginmutter die Damen Xing und Wang zusammen mit Mandarinenente und den Mägden alle Truhen und Kisten öffnen. Alles, was sie seit ihrer Eheschließung im Laufe der Jahre angesammelt hatte, wurde hervorgeholt. Sie rief Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Aufrecht, Kaufmann Juwel und alle anderen herbei und verteilte alles einzeln.

Kaufmann Begnadigung erhielt dreitausend Silbertael. Sie sagte: "Von dem hier vorhandenen Silber nimmst du zweitausend als Reisegeld mit und lässt eintausend für die ältere gnädige Frau zum täglichen Gebrauch zurück. Diese dreitausend sind für Juwel: Du darfst nur eintausend mitnehmen und lässt deiner Frau zweitausend. Sie sollen weiterhin ihre eigenen Angelegenheiten regeln, auch wenn sie hier bei uns wohnen. Die Mahlzeiten möge jeder für sich bestreiten. Um Xichuns künftige Heirat kümmere ich mich selbst. Die arme Phönixglanz hat sich ihr ganzes Leben lang abgemüht, und nun hat sie nichts mehr. Auch ihr gebe ich dreitausend Tael, und sie soll sie selbst verwahren. Kette darf nichts davon anrühren. Da sie gerade todkrank ist, soll Friedchen kommen und es in Empfang nehmen. Hier sind Gewänder, die dein Großvater hinterlassen hat, und Kleider und Schmuck, die ich als junge Frau getragen habe — ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider sollen der ältere Herr Begnadigung, Juwel, Kette und Rong unter sich aufteilen; die Frauenkleider sollen die ältere gnädige Frau, Juwels Frau und Phönixglanz unter sich teilen. Diese fünfhundert Silbertael sind für Kette, um nächstes Jahr den Sarg der jungen Dai-yü in den Süden überführen zu lassen."

Als die Verteilung abgeschlossen war, rief sie Kaufmann Aufrecht zu sich: "Du sagtest, es gäbe noch Außenstände. Die müssen unbedingt beglichen werden. Nimm dafür dieses Gold und lass es eintauschen. Dass es so weit gekommen ist, haben sie verschuldet, nicht ich. Aber du bist ebenfalls mein Sohn, und ich begünstige niemanden. Schatzjade ist nun verheiratet. Was mir an Gold und Silber noch bleibt, ist noch einige tausend Tael wert — das alles gehört ihm. Zhus Witwe war mir immer eine pflichtbewusste Schwiegertochter, und der kleine Lan ist brav. Auch ihnen gebe ich etwas ab. Damit ist meine Angelegenheit erledigt."

Als Kaufmann Aufrecht und die anderen sahen, wie klar und umsichtig die Herzoginmutter alles geregelt hatte, knieten sie alle weinend nieder und sagten: "Die gnädige Mutter in ihrem hohen Alter — wir Söhne und Enkel haben nicht das Geringste zu ihrer Pflege beigetragen und empfangen nun solche Großzügigkeit von unserer Ahnherrin. Wir schämen uns so, dass wir am liebsten im Boden versinken würden!"

Die Herzoginmutter sagte: "Redet keinen Unsinn! Wäre dieses Durcheinander nicht gekommen, hätte ich alles für mich behalten. Aber nun zum Ernst der Lage: Wir haben zu viele Diener. Du bist der Einzige mit einem Amt, Aufrecht. Ein paar Diener genügen. Lass die Verwalter alle zusammenrufen und alles ordentlich regeln. Jeder Haushalt soll mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Stellt euch vor, alles wäre konfisziert worden — was dann? Auch in den Frauengemächern muss aufgeräumt werden: Manche Mägde sollen verheiratet werden, andere freigelassen. Auch wenn uns das Anwesen geblieben ist, solltest du den Garten an den Staat übergeben. Kette soll die ländlichen Güter prüfen: Was verkauft werden muss, wird verkauft, was behalten werden kann, wird behalten. Aber Schluss mit dem leeren Gepränge und der falschen Fassade! Und noch etwas muss ich erwähnen: Die Familie Zhen in Jiangnan hat noch etwas Silber bei uns stehen. Die Frau des Zweiten Herrn verwahrt es. Schickt jemanden und bringt es ihnen zurück. Sollte uns noch etwas zustoßen, ziehen wir sie nur noch tiefer in den Schlamassel — wir müssen nicht vom Regen in die Traufe kommen."

Kaufmann Aufrecht, der sich seiner Unfähigkeit in Haushaltsdingen durchaus bewusst war, murmelte zu jeder Anweisung demütig "Ja, gnädige Mutter" und dachte bei sich: "Die gnädige Mutter ist wirklich eine geborene Verwalterin! Und was für ein Versager bin ich im Vergleich!"

Er sah, dass die Herzoginmutter erschöpft war, und bat sie, sich auszuruhen.

Die Herzoginmutter sagte noch: "Das Wenige, was mir noch bleibt, soll nach meinem Tod für mein Begräbnis verwendet werden. Was dann noch übrig ist, geht an meine Dienerinnen."

Als Kaufmann Aufrecht und die anderen das hörten, wurden sie noch trauriger und knieten erneut nieder: "Möge die gnädige Mutter sich beruhigen! Wenn wir Söhne mit der Gunst der gnädigen Mutter in einiger Zeit die Gnade Seiner Majestät wiedererlangen, werden wir uns mit aller Kraft dem Aufbau der Familie widmen, unsere früheren Fehler gutmachen und die gnädige Mutter bis ins hundertste Lebensjahr umsorgen."

Die Herzoginmutter sagte: "Wenn das nur gelänge, könnte ich nach dem Tod unseren Ahnen mit Stolz entgegentreten. Denkt ja nicht, ich wäre jemand, der nur Reichtum genießen und keine Armut ertragen kann! So ist es nicht. In den letzten Jahren habt ihr so prunkvoll gelebt, und ich habe mich gefreut, mich nicht einzumischen, habe geplaudert und gelacht und mich gepflegt. Dass das Familienglück so tief fallen würde, hätte ich nie gedacht. Dass hinter der schönen Fassade Leere herrschte, habe ich schon früh erkannt. Nur ist es so: 'Der Wohnort verändert das Wesen, die Pflege verändert den Körper' — man kann eben nicht so schnell von seinem hohen Ross herunter. Jetzt ist die richtige Zeit, sich zu bescheiden und den Familiennamen zu bewahren, damit man nicht zum Gespött der Leute wird. Aber was die beiden, Vater und Sohn, für Dinge getrieben haben — das wisst ihr noch gar nicht!"

Während die Herzoginmutter noch in ihrer langen Rede war, kam Feng'er aufgeregt hereingelaufen und wandte sich an Frau Wang: "Heute Morgen hat unsere gnädige Herrin die Nachrichten von draußen gehört und heftig geweint. Jetzt bekommt sie kaum noch Luft. Friedchen hat mich geschickt, um es der gnädigen Frau zu melden."

Feng'er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Herzoginmutter es schon gehört hatte und fragte: "Wie geht es ihr denn jetzt?" Frau Wang antwortete für Feng'er: "Es geht ihr wohl gar nicht gut."

Die Herzoginmutter erhob sich: "Ach! Diese Plagegeister wollen mich noch ins Grab bringen!" Sie ließ sich stützen und wollte selbst nach Phönixglanz sehen.

Kaufmann Aufrecht hielt sie eilig zurück und sagte: "Die gnädige Mutter hat sich lange gegrämt und so viele Anordnungen getroffen. Jetzt sollte sie sich dringend ausruhen. Wenn die Schwiegertochter etwas hat, kann meine Frau nach ihr sehen. Warum muss die gnädige Mutter persönlich hingehen? Wenn sich die gnädige Mutter noch mehr aufregt und ihr selber etwas zustößt, wie sollen wir Söhne das verantworten?"

Die Herzoginmutter sagte: "Geht alle hinaus. Kommt später noch einmal, ich habe noch etwas zu sagen."

Kaufmann Aufrecht wagte nicht zu widersprechen und ging hinaus, um die Reisevorbereitungen für seinen Bruder und seinen Neffen zu überwachen. Er wies Kaufmann Kette an, Begleiter für die Reise auszuwählen.

Hierauf ließ die Herzoginmutter durch Mandarinenente die Geschenke für Phönixglanz hinüberbringen. Phönixglanz war gerade ohnmächtig geworden. Friedchen hatte sich die Augen rot und die Wangen geschwollen geweint. Als sie hörte, dass die Herzoginmutter mit Frau Wang und den anderen im Anmarsch war, eilte sie hastig hinaus, um sie zu empfangen.

Die Herzoginmutter fragte: "Wie geht es ihr jetzt?" Friedchen, die die Herzoginmutter nicht erschrecken wollte, sagte: "Es geht ihr etwas besser." Sie führte die Gesellschaft hinein, eilte zum Bett vor und hob behutsam den Bettvorhang. Phönixglanz öffnete die Augen und sah die Herzoginmutter eintreten. Tiefe Scham ergriff sie. Zuvor hatte sie geglaubt, die ganze Familie zürne ihr und niemand kümmere sich mehr um sie, ob sie lebe oder sterbe. Dass nun die Herzoginmutter persönlich an ihr Bett kam, ließ ihr Herz sich weiten, und der Druck in ihrer Brust löste sich ein wenig. Sie wollte sich sogar aufrichten, doch die Herzoginmutter ließ Friedchen sie zurückhalten.

"Beweg dich nicht", sagte sie zu Phönixglanz. "Geht es dir etwas besser?"

Phönixglanz antwortete mit Tränen in den Augen: "Seit ich als junge Braut in dieses Haus kam, haben die gnädige Mutter und die gnädige Tante Wang mich so liebevoll behandelt! Doch das Schicksal hat mich verfolgt, Geister und Dämonen haben mich um den Verstand gebracht, und ich habe es nicht geschafft, der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante auch nur einen Funken Dankbarkeit zu erweisen. Trotzdem habt ihr mich wie einen Menschen behandelt und mich den Haushalt führen lassen. Doch ich habe alles drunter und drüber gebracht. Wie kann ich der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante noch ins Gesicht sehen? Dass die gnädige Mutter heute persönlich kommt, ist mehr, als ich verdiene. Ich fürchte, wenn mir noch drei Tage zum Leben bestimmt waren, sind jetzt zwei davon abgezogen."

Sie schluchzte erbärmlich. Die Herzoginmutter tröstete sie: "Den ganzen Ärger haben andere angezettelt, was hat das mit dir zu tun? Dass man deine Sachen genommen hat — das ist doch nicht so schlimm! Ich habe dir allerhand Gutes mitgebracht, schau einmal!" Sie ließ die Geschenke vor ihr ausbreiten.

Phönixglanz war von Natur aus habgierig, und der plötzliche Verlust all ihres Besitzes hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Zudem fürchtete sie die Vorwürfe der anderen und war dem Tode nahe. Dass nun die Herzoginmutter sie immer noch liebte und auch Frau Wang ihr keinen Vorwurf machte, sondern sie tröstete, und dass auch Kaufmann Kette nichts geschehen war — all das erleichterte sie sehr.

Sie verneigte sich vom Kissen aus vor der Herzoginmutter und sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Wenn ich durch den Segen der gnädigen Mutter genese, will ich freiwillig als einfache Dienstmagd arbeiten und mit ganzem Herzen und ganzer Seele der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante dienen."

Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, und sie brach in Tränen aus.

Schatzjade, der noch nie eine solche Krise erlebt hatte und immer nur Frieden und Freude gekannt hatte, sah nun, wohin er blickte, nur Kummer und Leid. Wenn er jemanden weinen sah, weinte er automatisch mit.

Phönixglanz sah, wie niedergeschlagen alle waren, und raffte sich auf, ein paar tröstende Worte für die Herzoginmutter zu finden. Sie bat: "Die gnädige Mutter und die gnädige Tante mögen nach Hause gehen. Wenn es mir etwas besser geht, komme ich persönlich, um meinen Kotau zu machen." Dabei hob sie schwach den Kopf vom Kissen.

Die Herzoginmutter wies Friedchen an: "Pflege sie gut! Wenn es euch an etwas fehlt, kommt zu mir." Dann machte sie sich mit Frau Wang auf den Rückweg in ihre eigenen Gemächer. Unterwegs hörte sie aus zwei, drei Ecken Weinlaute. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte Frau Wang fort und wies Schatzjade an: "Geh und verabschiede dich von deinem Onkel und deinem Vetter, dann komm sofort zurück."

Allein ließ sie sich auf ihr Ruhebett fallen und weinte. Mandarinenente versuchte mit allen erdenklichen Worten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.

Der Abschied von Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Juwel war voller Schmerz. Die zu ihrer Begleitung bestimmten Diener wollten allesamt nicht gehen und beklagten laut ihr Schicksal. Im Leben verlassen zu werden ist wahrlich noch schmerzhafter als durch den Tod getrennt zu werden, und die Zuschauer litten noch mehr als die Betroffenen selbst. Das einst so glanzvolle Rongguo-Anwesen war nun von Menschengeheul und Geisterweinen erfüllt.

Kaufmann Aufrecht, stets ein Mann der Formen und der Pflichterfüllung, erwies seinem älteren Bruder den gebührenden Respekt. Sie reichten sich zu Hause die Hände, und dann ritt Kaufmann Aufrecht voraus vor die Stadtmauer, wo er rituell den Abschiedswein darreichte. Er ermahnte Kaufmann Begnadigung, an die Erwartungen zu denken, die der Staat an die Nachkommen verdienter Vorfahren stelle, und sich diesen durch treuen Dienst würdig zu erweisen. Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Juwel wischten sich die Tränen ab und machten sich in verschiedene Richtungen auf den Weg.

Kaufmann Aufrecht kehrte mit Schatzjade nach Hause zurück. Noch bevor sie das Tor erreichten, sahen sie draußen eine Menschenmenge, die laut durcheinanderrief: "Heute ist ein kaiserlicher Erlass ergangen: Das erbliche Amt des Herzogs von Rongguo wird Kaufmann Aufrecht übertragen!"

Die Leute verlangten ein Trinkgeld für die gute Nachricht, doch die Pförtner stritten mit ihnen: "Es ist ein Titel, der schon immer in unserer Familie war, und jetzt hat unser Herr ihn geerbt. Was gibt es da zu feiern?"

Die Leute riefen: "Die Ehre eines erblichen Amtes ist höher als alles andere! Euer älterer Herr hat den Titel verspielt, und den wiederzubekommen war unmöglich. Jetzt hat Seine Majestät in seiner Gnade, die größer ist als der Himmel, den Titel dem Herrn Aufrecht verliehen. So etwas kommt nur einmal in tausend Jahren vor — wie soll das kein Trinkgeld wert sein?"

Gerade als sie sich stritten, kam Kaufmann Aufrecht nach Hause. Die Pförtner berichteten ihm. Obwohl es eine freudige Nachricht war, verdankte er sein Glück letztlich der Schande seines Bruders, und so waren seine Gefühle eher von Dankbarkeit und Tränen geprägt als von Freude. Er eilte nach drinnen und berichtete der Herzoginmutter. Sie freute sich natürlich und ermahnte ihn, sich der Gnade durch treuen Dienst würdig zu erweisen.

Frau Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und als sie von der Wiederherstellung des Titels erfuhr, war auch sie erfreut. Nur die Dame Xing und Frau You waren innerlich bitter, doch sie konnten es nicht zeigen.

Die opportunistischen Verwandten und Freunde, die sich in schlechten Zeiten ferngehalten hatten, erfuhren nun, dass Kaufmann Aufrecht den Titel erhalten hatte, und schlossen daraus, dass die Familie immer noch die Gunst Seiner Majestät genieße. Sie kamen in Scharen, um ihre Glückwünsche darzubringen.

Doch Kaufmann Aufrecht war von Natur ein durch und durch aufrichtiger Mann. Dass er den Titel seines Bruders erhalten hatte, bereitete ihm eher Unbehagen als Freude, und er dachte vor allem daran, wie er seine Dankbarkeit gegenüber dem Thron unter Beweis stellen könnte. Am nächsten Tag ging er in den Palast, um formell zu danken, und ging so weit, in einem Antrag um Rückgabe des verschonten Anwesens und des Gartens der Großen Betrachtung an den Staat zu bitten. Ein kaiserlicher Erlass lehnte dies als unnötig ab. Kaufmann Aufrecht kehrte beruhigt nach Hause zurück und widmete sich fortan pflichtbewusst seinem Amt.

Doch die Familienfinanzen waren in desolatem Zustand: Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen bei weitem. Kaufmann Aufrecht war nicht der Mann für gesellschaftliche Beziehungspflege. Die Diener sahen seine Redlichkeit; Phönixglanz war krank und konnte den Haushalt nicht führen; Kaufmann Kettes Schulden wuchsen von Tag zu Tag, und es schien unvermeidlich, weiteres Eigentum und Land zu veräußern. Die wohlhabenderen unter den Dienern fürchteten, Kaufmann Kette könnte sie um Geld bitten, taten arm, mieden den Dienst und suchten sich anderweitige Beschäftigung.

Nur einer war eine Ausnahme: Bao Yong. Obwohl er erst kurz vor der Krise als Neuling eingetreten war, erwies er sich als aufrichtig und pflichtbewusst. Es empörte ihn, wie die anderen Diener ihren Herrn hintergingen. Da er aber ein Neuankömmling war, konnte er kein Wort mitreden. So aß er seinen Reis und legte sich verdrossen schlafen. Die anderen mochten ihn nicht, weil er nicht mitmachte, und beschwerten sich bei Kaufmann Aufrecht: Er sei den ganzen Tag betrunken, stifte Unruhe und drücke sich vor der Arbeit.

Kaufmann Aufrecht sagte: "Lasst ihn. Er wurde von der Familie Zhen empfohlen, da können wir nicht so streng sein. Wir sind zwar arm, aber ein Esser mehr oder weniger fällt nicht ins Gewicht." Er ließ Bao Yong nicht fortjagen. Die Diener gingen mit ihren Klagen auch zu Kaufmann Kette, doch der wagte selbst nicht mehr autoritär aufzutreten und ließ die Sache auf sich beruhen.

Eines Tages hielt Bao Yong es nicht mehr aus. Er trank einige Becher Wein und bummelte auf der Straße vor dem Rongguo-Anwesen, wo er zwei Männer miteinander reden hörte.

Der eine sagte: "Sieh dir dieses große Haus an! Neulich wurde es durchsucht. Ich frage mich, wie es ihnen jetzt geht."

Der andere antwortete: "Die werden schon zurechtkommen! Ich habe gehört, eine ihrer Töchter war kaiserliche Nebengemahlin. Auch wenn sie tot ist, solche Verbindungen lösen sich nicht so schnell auf. Außerdem sieht man ständig Fürsten und Adlige bei ihnen ein- und ausgehen. Die werden schon jemanden finden, der ihnen hilft. Der jetzige Präfekt, der frühere Kriegsminister — die sind alle aus derselben Sippe. Mit solchen Leuten wird alles gut gehen!"

Der erste erwiderte: "Du wohnst hier und hast doch keine Ahnung! Von den anderen Freunden weiß ich nichts, aber dieser hohe Beamte Jia, den du erwähnst — der ist der Schlimmste! Ich habe ihn oft in den beiden Kaufmann-Anwesen ein- und ausgehen sehen, also stand er früher gut mit ihnen. Als dann der Zensor die Anklage einreichte, befahl Seine Majestät dem Präfekten, die Tatsachen zu untersuchen. Und was hat der getan? Weil er den beiden Häusern einiges schuldig war und fürchtete, man könnte ihm vorwerfen, seine Verwandten zu decken, hat er umso schärfer gegen sie ausgesagt. Erst dadurch kam es zur Beschlagnahmung beider Häuser. Ist das nicht entsetzlich, wie die Leute heutzutage ihre Freunde behandeln?"

Die beiden plauderten arglos dahin, ohne zu ahnen, dass jemand neben ihnen alles mithörte. Bao Yong dachte empört: "Dass so ein Schuft frei herumläuft! Ich wüsste gern, in welcher Beziehung er zu unserem Herrn steht. Wenn ich den zu fassen bekomme, prügle ich ihn tot, und die Folgen trage ich!"

Bao Yong war gerade in seinem Weinrausch dabei, wilde Rachepläne zu schmieden, als er von der anderen Seite die Rufe von Vorlaufboten hörte. Er blieb stehen und beobachtete aus der Ferne. Die beiden Männer flüsterten einander zu: "Da kommt er ja — der hohe Beamte Jia, von dem wir gerade sprachen!"

Bao Yong hörte das, und der Wein gab ihm den nötigen Mut. Er brüllte laut: "Gewissenloser Kerl! Wie kannst du die Güte unserer Familie Kaufmann vergessen?" Jia Yucun hörte in seiner Sänfte das Wort "Kaufmann" und blickte aufmerksam hinaus. Er sah nur einen Betrunkenen und kümmerte sich nicht weiter darum. Die Sänfte zog weiter.

Bao Yong stolperte betrunken und zufrieden mit sich nach Hause, erkundigte sich bei seinen Kameraden und erfuhr, dass jener hohe Beamte seinen gesamten Aufstieg tatsächlich der Gunst der Familie Kaufmann verdankte. "So ein undankbarer Schuft! Ich habe ihm meine Meinung gesagt, und er hat nicht gewagt, mir zu widersprechen!"

Die anderen Diener, die Bao Yong allesamt nicht leiden konnten, hatten bisher Kaufmann Aufrecht nicht überzeugen können, ihn loszuwerden. Nun hatten sie den perfekten Vorwand. Sie nutzten die Gelegenheit, während Kaufmann Aufrecht frei war, und berichteten ihm, Bao Yong habe betrunken auf der Straße Unruhe gestiftet.

Kaufmann Aufrecht, der große Angst hatte, erneut Schwierigkeiten mit den Behörden zu bekommen, war sehr erzürnt, als er davon hörte. Er ließ Bao Yong rufen und schalt ihn gehörig aus. Da er ihn wegen der Empfehlung durch die Familie Zhen nicht zu hart bestrafen konnte, versetzte er ihn zur Strafe als Wächter in den Garten und verbot ihm, sich draußen herumzutreiben.

Bao Yong war ein aufrichtiger, geradliniger Mensch. Hatte er einmal einen Herrn angenommen, diente er ihm mit ganzem Herzen. Dass Kaufmann Aufrecht den Verleumdungen der anderen geglaubt und ihn ausgescholten hatte, betrübte ihn zutiefst. Doch er sagte kein Wort des Protests. Er packte nur seine Sachen und ging in den Garten, um dort seine Aufgaben als Wächter und Gärtner zu versehen.

Was danach geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.