Hongloumeng/de/Chapter 62

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Kapitel 62

憨湘雲醉眠芍藥茵 / 呆香菱情解石榴裙

Die uebermuetige Xiangyun schlaeft ihren Rausch auf einem Pfingstrosenkissen aus; Die traeumerische Xiangling versteht die Bedeutung des Granatapfelrocks

?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“ „Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“ Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“ Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“ Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“ Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt. Ich habe ihn dort hingelegt und ihn dann über dem Weintrinken vergessen.“ „Und wir dachten wunder von wem der Brief sei, daß du dich so darüber aufregst“, sagten die anderen. „Das ist er doch nicht wert.“ Nichtsdestotrotz befahl Bau-yü: „Holt mir schnell Papier!“ Als das Papier gebracht war, rieb er Tusche an, wußte aber nicht, womit er den Ausdruck „Mensch außerhalb der Schwelle“ in seinem Antwortschreiben passend erwidern sollte. Den Schreibpinsel in der Hand, brütete er lange vor sich hin, ohne daß ihm etwas eingefallen wäre. Dann sagte er sich: „Wenn ich Bau-tschai frage, wird sie mir vorhalten, ich sei wunderlich, darum ist es besser, ich frage Dai-yü!“ Mit diesem Gedanken schob er den Brief in den Ärmel und machte sich auf den Weg zu Dai-yü. Eben war er am Duftgetränkten Pavillon vorüber, da kam ihm schwankenden Schrittes0 Hsiu-yän entgegen. „Wohin gehst du?“ erkundigte er sich. „Ich bin auf dem Weg zu Miau-yü, um mich mit ihr zu unterhalten“, erwiderte Hsiu-yän. Verwundert sagte Bau-yü: „Miau-yü ist eine Eigenbrötlerin, die sich nicht dem Zeitgeschmack fügt. Von zehntausend Menschen findet kein einziger Gnade in ihren Augen. Wenn du ihre Wertschätzung genießt, mußt du etwas anderes sein als wir profanen Leute.“ „Sie braucht mich nicht unbedingt wirklich zu schätzen“, sagte Hsiu-yän lächelnd. „Wir waren einfach zehn Jahre lang unmittelbare Nachbarn, als sie im Kloster des sich Kräuselnden Weihrauchs ihre Meditationsübungen trieb. Unsere Familie war nämlich arm und wohnte zehn Jahre lang in einem Haus zur Miete, das dem Kloster gehörte. Wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich zu Miau-yü ins Kloster und leistete ihr Gesellschaft. Die Schriftzeichen, die ich beherrsche, hat sie mir beigebracht. Wir sind also nicht nur Freunde aus schlechten Zeiten, sie ist auch halb und halb meine Lehrerin. Als wir bei unsern Verwandten Zuflucht suchten, erfuhr ich, sie habe sich hierher gewandt, weil sie sich nicht dem Zeitgeschmack beugen wollte, was ihr von mächtigen Leuten verübelt wurde. Jetzt hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt, und unsere Gefühle füreinander sind unverändert. Im Gegenteil, sie ist noch freundlicher zu mir als damals.“ Bau-yü war es bei diesen Worten, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel ihn getroffen hätte, und er sagte: „Kein Wunder, daß du in deinem Betragen und deiner Ausdrucksweise so frei bist wie ein wilder Kranich oder eine ziehende Wolke. Das also ist der Grund! Aber ich war gerade unterwegs, um jemand in einer Sache um Rat zu fragen, die Miau-yü betrifft. Daß ich jetzt dich getroffen habe, muß wirklich eine Fügung des Himmels sein, und so will ich mich an dich wenden.“ Mit diesen Worten gab er Hsiu-yän den Glückwunschbrief zu lesen. „Sie kann aus ihrer Haut einfach nicht heraus!“ kommentierte Hsiu-yän mit einem Lächeln. „Diese Unbekümmertheit und Extravaganz sind ihr angeboren. Wo hätte man je gesehen, daß sich jemand in einem Glückwunsch mit seinem Pseudonym bezeichnet. So etwas nennt der Volksmund ‚Nicht Mönch und nicht Laie, weder Mann noch Frau.‘ Was soll das darstellen?“ „Du siehst das nicht richtig“, sagte Bau-yü rasch, „sie steht außerhalb solcher Kategorien. Sie ist ein Mensch, der für gewöhnliche Menschen unbegreiflich ist. Diesen Brief hat sie mir nur geschrieben, weil sie meint, daß ich nicht völlig unwissend sei. Ich weiß jedoch nicht, wie ich den Ausdruck erwidern soll, den sie gebraucht hat. Eben wollte ich Kusine Dai-yü danach fragen, da bin ich dir begegnet.“ Als Hsiu-yän dies gehört hatte, musterte sie Bau-yü aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann sagte sie lächelnd: „Kein Wunder, wenn das Sprichwort sagt ‚Jemand von Angesicht zu kennen ist wichtiger, als um seinen Ruf zu wissen.‘ Kein Wunder auch, daß Miau-yü dir diesen Brief geschickt hat. Und kein Wunder schließlich, daß sie dir im vergangenen Jahr die blühenden Aprikosenzweige schenkte. Wenn sie schon so zu dir ist, muß ich dir erst recht erklären, was sie hier meint. Sie sagt oft, es gebe bei den Dichtern der Han- und der Djin-Zeit, der Zeit der Fünf Dynastien sowie der Tang- und der Sung-Zeit keine guten Verse mit Ausnahme von nur zwei Zeilen, nämlich: ‚Und hättest du eiserne Schwellen,0 ein Erdhügel ist schließlich dein Los.‘ Deshalb nennt sie sich den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘. Unter den Prosaschriftstellern schätzt sie Dschuang-dsï0 und nennt sich deshalb manchmal auch den ‚Sonderling‘. Hätte sie sich in ihrem Brief als ‚der Sonderling‘ bezeichnet, dann hättest du ihr als ‚der Weltling‘ antworten können. Denn mit ‚Sonderling‘ will sie sagen, daß sie einsam außerhalb der Menge steht, da würde sie sich freuen, wenn du bescheiden von dir sagst, daß du im Getümmel der Welt stehst. Wenn sie sich jetzt den ‚Menschen außerhalb der Schwelle‘ genannt hat, will sie damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich außerhalb dieser ‚eisernen Schwellen‘ bewegt, also nenn du dich nur den ‚Menschen innerhalb der Schwelle‘, dann triffst du ihren Sinn.“ „Ach so!“ rief Bau-yü aus, dem es wie Schuppen von den Augen gefallen war. Dann fuhr er lächelnd fort: „Kein Wunder, daß unser Familientempel ‚Kloster Eiserne Schwelle‘ heißt. Das also ist die Erklärung dafür. Jetzt aber will ich gehen und meine Antwort schreiben!“ Also ging Hsiu-yän weiter zum Kloster Gefangenes Grün, während Bau-yü in seine Räume zurückkehrte und dort auf einen Briefbogen die Zeichen schrieb: ‚Bau-yü, der Mensch innerhalb der Schwelle, verneigt sich ergebenst zum Dank.‘ Diesen Brief trug er eigenhändig zum Kloster Gefangenes Grün und schob ihn dort bescheiden durch den Spalt zwischen den Torflügeln. Als er von dort zurückkam, hatte sich Fang-guan eben frisiert und trug das Haar zu einem Knoten aufgesteckt, den sie mit Blumen und Federschmuck verziert hatte. Sofort befahl Bau-yü ihr, die Frisur zu ändern, und ließ ihr die kürzeren Haare rund um den Kopf abrasieren, so daß die bläulich schimmernde Kopfhaut zu sehen war. Das restliche Haar wurde durch einen deutlichen Mittelscheitel geteilt. „Im Winter“, kündigte er ihr an, „bekommst du eine große Zobelfellmütze, einen ‚Schlafenden Hasen‘, auf den Kopf und an die Füße Kampfstiefelchen mit Tigerkopfkappen und bunten Wolkenmustern. Oder aber du läßt die Hosenbeine lose und trägst weiße Strümpfe und dazu bortierte Schuhe mit dicken Sohlen.“ Dann sagte er: „Der Name Fang-guan gefällt mir nicht, du mußt einen männlichen Namen bekommen, das ist originell!“ Und er änderte ihren Namen in Hsiung-nu – „tapferer Sklave“. Fang-guan war damit sehr zufrieden. „Dann mußt du mich aber auch mitnehmen, wenn du ausreitest“, verlangte sie. „Und wenn jemand fragt, wer ich bin, sagst du, ich sei einer deiner Knaben, wie Ming-yän.“ „Aber man sieht dir doch an, was du bist“, wandte Bau-yü lächelnd ein. „Also du bist aber auch wirklich einfallslos“, sagte Fang-guan und lächelte ebenfalls. „Es leben doch genug Angehörige von Reiterstämmen mit ihren Familien hier bei uns. Du sagst einfach, ich sei einer von ihnen. Zumal alle sagen, ich sähe hübsch aus, wenn ich mir Zöpfe flechte. Ist das nicht eine gute Idee?“ „Das ist sogar ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü hocherfreut. „Ich habe auch schon oft gesehen, daß Beamte ausländische Kriegsgefangene in ihrem Gefolge haben. Sie sind geschätzt, weil sie Wind und Frost nicht fürchten und gute Reiter sind. Aber dann mußt du auch einen enstprechenden Namen haben. Ich werde dich Yä-lü Hsiung-nu0 nennen. Hsiung-nu klingt überhaupt genauso wie der Stammesname der Hsiung-nu, der Hunnen. Auch die Tjüan-jung-Barbaren trugen solche Namen. Diese beiden Stämme waren schon zu Zeiten von Yau und Schun0 eine Bedrohung für China, besonders unter der Djin- und der Tang-Dynastie hat unser Land schwer unter ihnen gelitten. Wir dagegen sind so glücklich, in der Zeit des heute regierenden Kaisers zu leben, der ein direkter Nachfahre des Großen Schun ist. Seine Tüchtigkeit, Tugend, Menschlichkeit und Sohnesliebe erstrahlen bis zum Himmel, und seine Herrschaft ist unvergänglich wie Himmel und Erde, Sonne und Mond. Deshalb braucht man heute nicht mit Schild und Lanze gegen die Bösewichter zu ziehen, die sich unter so vielen Dynastien aufrührerisch und zügellos gebärdet haben, sie kommen vielmehr auf Geheiß des Himmels mit erhobenen Händen und gesenktem Kopf aus der Ferne herbei, um sich zu unterwerfen. Es ist nur zu richtig, sie zu demütigen, um den Ruhm unseres Herrschers zu mehren.“ „Da solltest du dich im Bogenschießen und Reiten üben und ein wenig die Kriegskunst studieren, um dann mutig auszuziehen und ein paar Aufrührer zu fangen“, hielt ihm Fang-guan lächelnd entgegen. „Könntest du damit nicht deine Untertanentreue und deine Einsatzbereitschaft unter Beweis stellen? Warum mußt du dich statt dessen unserer bedienen und dabei großartig den Mund aufreißen, obwohl es nur Spiel und Belustigung für dich ist, wenn du auch sagst, du wolltest damit die Verdienste und die Tugenden des Herrschers preisen?“ „Du verstehst das eben nicht“, belehrte Bau-yü sie lächelnd. „Heute sind die Anwohner der Vier Meere gehorsam, und in allen acht Richtungen herrscht Frieden, für Jahrhunderte und Jahrtausende können die Waffen schweigen. Deshalb müssen wir den Herrscher preisen, auch wenn es nur bei Scherz und Spiel ist, um so zu zeigen, daß wir es zu würdigen wissen, wenn wir den Frieden billig genießen dürfen.“ Fang-guan fand es vernünftig, was er gesagt hatte, und da sie es beide für richtig und angemessen hielten, nannte Bau-yü sie nun Yä-lü Hsiung-nu. Dabei gab es in den beiden Anwesen der Djias wirklich Leute, die seinerzeit von Bau-yüs Vorfahren in Gefangenschaft genommen und ihnen deshalb als Sklaven geschenkt worden waren. Aber sie wurden nur als Pferdeknechte gebraucht, weiter waren sie zu nichts nütze. Als Hsiang-yün, die selbst eine starke Vorliebe für törichte Spiele hatte und sich gern militärisch herausstaffierte, indem sie einen Phönixgürtel anlegte und umgeschlagene Manschetten trug, jetzt sah, wie Fang-guan von Bau-yü als Junge gekleidet wurde, zog sie ihre Kuee-guan ebenfalls wie einen Sklavenjungen an. Da Kuee-guan ihr Haar ohnehin kurz getragen hatte, weil sie so während ihrer Schauspielerzeit leichter Maske machen konnte, und überdies sehr behende war, fiel die Verwandlung nicht schwer. Selbst Li Wan und Tan-tschun fanden Gefallen an der Sache und veranlaßten Bau-tjin, daß sie aus ihrer Dou-guan ebenfalls einen Knaben machte. Mit zwei Haarknoten auf dem Kopf, in einer kurzen Jacke und mit roten Schuhen fehlte ihr nur die Schminke im Gesicht, um wie ein Dienerknabe auf der Bühne auszusehen, der seinem Herrn die Zither nachträgt. Kuee-guans Namen änderte Hsiang-yün in Da-ying – „großer Held“ –, und da ihr Familienname Wee lautete, gab sie sich mit keiner anderen Anrede als Wee Da-ying – „Nur ein großer Held“ – für sie zufrieden, wobei sie an die Zeile dachte: „Nur ein großer Held vermag der eignen Farbe treu zu bleiben.“ Muß man denn zu Schminke und Puder greifen, um als Mann zu gelten? wollte sie damit sagen. Dou-guan trug ihren Namen, weil sie nach Wuchs und Jahren noch sehr klein und dabei quicklebendig war. Im Garten wurde sie A-dou oder Miau-dou-dsï – „die niedliche Erbse“ – gerufen. Da Bau-tjin fand, solche Namen wie Tjin-tung – „Zitherknabe“ – und Schu-tung – „Bücherknabe“ – seien zu geläufig, Dou – „Erbse“ – dagegen sei etwas Originelles, änderte sie den Namen in Dou-tung – „Erbsenknabe“. Nach dem Essen gab Ping-örl ihr Dankgelage, und da es ihr im Garten der Roten Düfte zu heiß war, hatte sie in der Halle im Ulmenschatten die Tische decken lassen. Zur allgemeinen Freude brachte Frau You die beiden Nebenfrauen Pee-fëng und Hsiä-yüan mit, um sie am Vergnügen teilhaben zu lassen. Beide waren sie jung und lieblich-unbekümmert und kamen nur selten ins Jung-guo-Anwesen herüber. Als sie heute in den Garten kamen und hier mit Hsiang-yün, Hsiang-ling, Fang-guan, Juee-guan und all den anderen zusammentrafen, konnte man wirklich sagen „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Da war des Lachens und Schwatzens kein Ende, und anstatt sich um Frau You zu kümmern, überließen sie dies den Sklavenmädchen, während sie selbst sich mit den anderen die Zeit vertrieben. Als sie dabei auch in den Hof der Freude am Roten kamen, hörten sie, wie Bau-yü nach Yä-lü Hsiung-nu rief. Darüber brachen Pee-fëng, Hsiä-yüan und Hsiang-ling in Lachen aus, fragten, was das für eine Sprache sei, und versuchten anschließend, den Namen nachzusprechen. Aber mal verhedderten sie sich dabei, mal vergaßen sie eine Silbe davon, und das trieben sie so lange, bis sie schließlich Yä-lü-dsï – „Wildesel“ – daraus gemacht hatten, worüber sich jedermann, der es hörte, vor Lachen ausschütten wollte. Als Bau-yü sah, wie alle ihren Scherz damit trieben, befürchtete er, Fang-guan würde sich dadurch erniedrigt fühlen, deshalb sagte er rasch: „Wie ich gehört habe, gibt es westlich des Ozeans, in Frankreich, ein Glas mit gol-

Pee-fëng . Aus: Gai Qi 1879. goldenen Sternchen darin. Dieses Goldsternglas wird in der einheimischen Barbarensprache Venturina0 genannt. Was meinst du, wollen wir daraus einen Vergleich ableiten und dich in Venturina umbenennen?“ „Einverstanden!“ sagte Fang-guan, der dies noch besser gefiel, und damit war ihr Name erneut geändert. Die anderen aber, denen das Wort zu zungenbrecherisch war, übersetzten es sich ins Chinesische und nannten sie Bo-li – „Glas“. Doch genug jetzt der müßigen Worte, besser sollte davon erzählt werden, wie man sich in der Halle im Ulmenschatten bei dem, was sich ein Weingelage nennt, vergnügte. Eine Geschichtenerzählerin mußte die Trommel schlagen, und die zwanzig Tischgäste ließen dabei eine Päonienblüte von Hand zu Hand gehen, die Ping-örl gepflückt hatte. Das war ihr Trinkspiel. Als sie sich damit einige Zeit unterhalten hatten, wurde gemeldet: „Es sind zwei Frauen aus dem Hause der Dschëns mit Geschenken da.“ Während Tan-tschun mit Li Wan und Frau You in die „Palaverhalle“ ging, um die Botinnen zu empfangen, verließ der Rest der Gesellschaft die Tafel, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Pee-fëng und Hsiä-yüan wollten auf der Schaukel schwingen, und Bau-yü erbot sich: „Stellt euch beide darauf, ich schiebe euch an!“ „Nicht doch!“ lehnte Pee-fëng erschrocken ab, „willst du uns Ärger bereiten? Sag lieber deinem Wildesel, sie soll uns anschieben!“ „Laß doch bitte diesen Scherz, liebe Schwester!“ bat Bau-yü sofort. „Wenn die andern das hören, werden sie es euch nachmachen und ihren Schimpf mit ihr treiben.“ Hsiä-yüan aber warnte: „Wie willst du schaukeln, wenn du so lachst? Wenn du herunterfällst, zerbrichst du, und das Eigelb läuft aus!“ Nun ging Pee-fëng auf sie los, um sie zu schlagen, und der Spaß und das Lachen wollten nicht enden. Plötzlich aber stürzten Hals über Kopf ein paar Leute aus dem Ning-guo-Anwesen herbei und meldeten: „Der alte gnädige Herr ist in den Himmel eingegangen.“ Alle fuhren erschrocken zusammen und fragten bestürzt: „Wie kann er plötzlich tot sein, wo er doch eben noch gesund war?“ „Der alte gnädige Herr hat Tag für Tag Elixiere gebraut, seine Bemü­hun­gen werden sicher Erfolg gehabt haben, so daß er ist unter die Un­sterblichen entrückt ist“, antworteten die Leute vom Gesinde. Als Frau You die Nachricht erfuhr, geriet sie unwillkürlich in Verwirrung, waren doch weder Djia Dschën und ihr Sohn noch Djia Liän zu Hause, so daß vorübergehend kein einziger Mann da war, auf den sie sich hätte stützen können. Deshalb konnte sie nichts anderes tun, als rasch ihren Schmuck abzulegen und sofort jemanden ins Kloster der Dunklen Wahrheit zu schicken, um dort alle Mönche einzusperren, bis ihr Mann wieder da war, um sie zu verhören. Dann bestieg sie eilig einen Wagen und begab sich mit Lai Schëngs Frau und anderen alten Verwalterinnen vor die Stadt. Zugleich ließ sie Ärzte kommen, um feststellen zu lassen, woran Djia Djing gestorben war. Aber wie sollten sie eine Pulsdiagnose stellen, wenn der Patient schon tot war?! Sie wußten jedoch, daß die Atemübungen, die er getrieben hatte, Unfug waren, und daß er in seinem Irrglauben so weit gegangen war, die Sterne anzubeten, Nachtwachen zu halten und Zinnoberpräparate einzunehmen, was seinen Körper und seinen Geist überanstrengen und endlich zum Tode führen mußte. Obwohl er tot war, fühlte sich seine Bauchdecke hart wie Eisen an, sein Gesicht aber, und besonders die Lippen, waren von rotvioletter Färbung, gekräuselt und gesprungen. Also verkündeten sie den Verwalterfrauen: „Er ist gestorben, weil er sich mit seinen dauistischen Wunderdrogen die Eingeweide verbrannt hat.“ Hastig berichteten auch die Dauisten: „Der gnädige Herr hat sich mit einem Elixier umgebracht, das er nach einem Geheimrezept neu zusammengestellt hatte. Wir warnten ihn davor, es einzunehmen, solange er nicht durch Taten und Tugend zur Genüge darauf vorbereitet sei, wider Erwarten hat er jedoch heute nacht heimlich davon genommen, während er seine Nachtwache hielt, und ist unter die Unsterblichen aufgestiegen. Wahrscheinlich hat er auf Grund seiner aufrichtigen Ergebenheit den rechten Weg erlangt und ist so dem Meer des Kummers entronnen, hat seine irdische Hülle abgestreift und kann jetzt selbst über sich gebieten.“ Frau You ging nicht darauf ein und befahl, man solle die Mönche so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Djia Dschën sie wieder freilassen würde. Dann schickte sie Eilboten mit der Nachricht auf den Weg. Da es im Kloster der Dunklen Wahrheit zu eng war, um den Toten aufzubahren, und der Leichnam genausowenig in die Stadt gebracht werden konnte, ließ sie ihn eiligst einkleiden und dann in einer Sänfte in das Kloster Eiserne Schwelle tragen, um ihn dort aufzubahren. An den Fingern zählte sie ab, daß es bis zur Rückkehr von Djia Dschën mindestens einen halben Monat dauern würde, und da das Wetter schon sengend heiß war, so daß man unmöglich so lange warten konnte, traf sie von sich aus die Entscheidung, durch einen Astrologen einen Tag auswählen zu lassen, um den Toten einzusargen. Der Sarg war schon seit Jahren vorbereitet gewesen und hatte im Kloster Eiserne Schwelle bereitgestanden, was sich als sehr praktisch erwies. Drei Tage später sollte die Trauerzeit beginnen. Gleichzeitig ließ sie, während noch auf Djia Dschën gewartet wurde, durch buddhistische und dauistische Mönche die Totenmessen lesen. Im Jung-guo-Anwesen konnte Hsi-fëng ihre Räume nicht verlassen, Li Wan mußte sich um die Mädchen kümmern, und Bau-yü hatte von praktischen Dingen keine Ahnung. So mußten alle Angelegenheiten der äußeren Haushaltsführung vorübergehend zweitrangigen Verwaltern übertragen werden. Auch Djia Biän, Djia Guang, Djia Hung, Djia Ying, Djia Tschang und Djia Ling bekamen jeder seine Aufgaben. Da Frau You nicht nach Hause zurückkehren konnte, ließ sie ihre Stiefmutter holen und bat sie, einstweilen im Ning-guo-Anwesen dem Haushalt vorzustehen. Die Stiefmutter aber gab sich erst zufrieden, als sie auch ihre beiden unverheirateten Töchter mitbringen durfte. Als Djia Dschën die Trauerbotschaft empfangen hatte, bat er sofort um Urlaub, denn er sowohl wie Djia Jung hatten jeder sein Amt. Nun wußten die Beamten des Zeremonialministeriums zwar, welch große Bedeutung der regierende Kaiser den Prinzipien der Kindes- und der Bruderliebe beimaß, aber sie wagten nicht, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, und baten deshalb in einem Thronbericht um Befehle. Der Himmelssohn in seiner unübertroffenen Menschlichkeit und Sohnesliebe, der die Nachkommen verdienter Beamter stets mit größter Wertschätzung bedachte, erkundigte sich nach der Lektüre des Thronberichts sogleich, welchen Posten Djia Djing bekleidet habe. Das Zeremonialministerium antwortete, Djia Djing habe die Staatsprüfungen als Djin-schï bestanden, der Titel seiner Vorfahren aber sei bereits seinem Sohn Djia Dschën übertragen worden. Auf Grund seines fortgeschrittenen Alters und seiner zahlreichen Gebrechen habe sich Djia Djing außerhalb der Hauptstadt im Kloster der Dunklen Wahrheit der Ruhe hingegeben, wo er jetzt einer Krankheit erlegen sei. Sein Sohn Dschën und sein Enkel Jung befänden sich im Trauerzug anläßlich des Staatsbegräbnisses und bäten jetzt um Urlaub, um an Djia Djings Sarg eilen zu können. Gleich nachdem er dies erfahren hatte, ließ der Himmelssohn ein außerordentliches Gnadendekret ergehen, in dem es hieß: „Obschon Djia Djing kein Amt bekleidete und somit vor dem Staat keinerlei Verdienste hat, wird er in Ansehung der Meriten seines Großvaters postum mit der fünften Rangklasse ausgezeichnet. Sein Sohn und sein Enkel sollen seinen Sarg durch das untere Nordtor in die Hauptstadt geleiten, um den Toten in ihrem Privatanwesen aufzubahren. Nach Abschluß des Trauerzeremoniells sollen sie den Sarg in den Heimatort der Familie überführen. Das Amt für Opfergaben, Speisen und Bankette soll das Opfer für höhere Staatsbeamte gewähren. Jedem am Hof, vom Prinzen und Herzog an abwärts, ist es gestattet zu kondolieren. Dies ist Unser kaiserlicher Wille.“ Dieses Dekret rief nicht nur bei den Djias größte Dankbarkeit hervor, auch die Hofbeamten zollten dem Herrscher nicht enden wollendes höchstes Lob. Djia Dschën und sein Sohn kehrten dann in größter Eile in die Hauptstadt zurück. Dabei trafen sie auf halbem Wege mit Djia Biän und Djia Guang zusammen, die ihnen in Begleitung einiger Knechte pfeilschnell entgegengeritten kamen. Als sie Djia Dschëns ansichtig wurden, ließen sie sich vom Pferd gleiten und entboten ihren Gruß. Sofort fragte Djia Dschën, was sie hier machten. „Die Schwägerin hatte Angst, die alte gnädige Frau würde ohne Begleitung sein, wenn Ihr zurückkommt, darum hat sie uns beide geschickt, um der alten gnädigen Frau das Geleit zu geben“, berichtete Djia Biän. Djia Dschën lobte diese Entscheidung, dann fragte er, welche Schritte zu Hause unternommen worden seien. Also schilderte Djia Biän, wie Frau You die dauistischen Mönche eingesperrt hatte, wie sie den Leichnam in den Familientempel überführen ließ und wie sie, weil nun niemand mehr im Hause war, ihre Stiefmutter mit deren Töchtern in den Haupträumen einquartierte. Als Djia Jung, der ebenfalls aus dem Sattel gestiegen war, hörte, seine beiden Stieftanten seien im Hause, warf er Djia Dschën einen lächelnden Blick zu. Djia Dschën aber sagte nur mehrmals: „Es ist gut so!“ Dann gab er seinem Pferd die Peitsche und ritt weiter. Ohne in Gasthäusern einzukehren, zogen sie, ständig die Pferde wechselnd, Tag und Nacht wie im Flug weiter. Nachdem sie endlich vor den Toren der Hauptstadt waren, eilten sie als erstes zum Kloster Eiserne Schwelle, wo sie nicht früher als in der vierten Nachtwache ankamen. Als die Wächter sie hörten, weckten sie rasch alle anderen. Inzwischen war Djia Dschën vom Pferd gestiegen und hatte mit Djia Jung zusammen laut zu jammern begonnen. Auf den Knien rutschten sie vom Tempeltor bis vor den Sarg, wo sie mit der Stirn den Boden berührten und blutige Tränen weinten. So gebärdeten sie sich, bis es hell wurde und ihre Kehlen heiser waren. Nachdem sie von Frau You und den anderen begrüßt worden waren, zogen Vater und Sohn die Trauergewänder an, die das Ritual vorschreibt, und warfen sich noch einmal vor dem Sarg auf die Erde. Da aber noch vieles zu regeln war, konnte Djia Dschën nicht einfach Augen und Ohren dagegen verschließen und mußte notgedrungen seinen Kummer etwas zurückdrängen, um allen seine Anweisungen zu erteilen. Zuerst verkündete er den Verwandten und Freunden den Inhalt des kaiserlichen Dekrets, dann schickte er Djia Jung nach Hause, um ihn dort die Vorbereitungen für die Aufbahrung des Toten treffen zu lassen. Danach bedurfte es keines weiteren Wortes, damit Djia Jung sich aufs Pferd schwang und flugs nach Hause ritt. Hier befahl er zunächst, man solle Tische und Stühle aus der vorderen Halle räumen, die Holzblenden entfernen und Trauervorhänge aufhängen, vor dem Tor einen offenen Stand für die Trommler sowie einen Ehrenbogen errichten und so weiter, dann eilte er in die inneren Gemächer, um seine Stiefgroßmutter und die beiden Stieftanten zu begrüßen. Nun war die alte Frau You schon ziemlich bei Jahren und schlief deshalb gern und oft. So auch jetzt, als ihre beiden Töchter mit den Sklavenmädchen bei einer Handarbeit saßen. Als die beiden Schwestern You ihren Stiefneffen hereinkommen sahen, sprachen sie ihm artig ihr Bedauern über den Kummer aus, den er hatte. Djia Jung aber wandte sich lachend an die zweite Schwester You und sagte: „Da bist du ja, Tante! Mein Vater hat schon Sehnsucht nach dir.“ Errötend schimpfte die zweite Schwester You: „Wenn ich dich Bengel nicht alle paar Tage einmal schelte, scheinst du dich nicht wohl zu fühlen. Der Anstand geht dir immer mehr verloren. Dabei bist du ein junger Herr aus guter Familie, liest Tag für Tag Bücher und studierst das Ritual. Aber ein Lümmel aus einfacher Familie benimmt sich besser als du.“ Mit diesen Worten griff sie nach einem Bügeleisen, hielt Djia Jungs Kopf fest und machte Anstalten, ihn zu schlagen. Schützend legte Djia Jung die Arme um den Kopf, ließ sich an die Brust der zweiten Schwester You fallen und bat um Gnade. Nun trat die dritte Schwester You näher, um ihm den Mund zu zerreißen, und sagte dabei: „Warte nur! Wenn deine Mutter wieder zu Hause ist, werden wir ihr alles erzählen!“


Die zweite Schwester You. Aus: Wang Xilian 1832. Rasch kniete Djia Jung mit lächelnder Miene auf dem Ofenbett nieder und bat erneut um Vergebung. Als die beiden Schwestern darüber lachten, versuchte Djia Jung, der zweiten Schwester You etwas von den Kardamomsamen wegzunehmen, die sie in der Hand hielt, doch sie spuckte ihm einen Mundvoll ausgekauter Kerne mitten ins Gesicht. Er aber, nicht faul, leckte alles mit der Zunge ab und aß es auf. Nun war es selbst den Sklavenmädchen zuviel, und lächelnd hielt eine von ihnen ihm vor: „Ihr seid in tiefer Trauer, dort schläft Eure Großmutter, und die beiden sind schließlich und endlich, auch wenn sie jung sind, Eure Tanten. Schämt Ihr Euch denn gar nicht bei dem Gedanken an Eure Mutter? Wenn der gnädige Herr wieder zu Hause ist, werden wir ihm alles erzählen, und dann geht es Euch schlecht!“ Rasch ließ Djia Jung von den Schwestern You ab, umhalste das Sklavenmädchen, küßte es auf den Mund und sagte: „Du hast ja so recht, mein Herz, meine Leber! Komm, wir wollen den beiden den Mund wäßrig machen!“ Sofort stieß ihn das Sklavenmädchen zurück und schimpfte wütend: „Kurzlebiger Teufel Ihr! Habt Ihr nicht Eure Frau und Eure eigenen Mägde, daß Ihr mit uns Euren Unfug treiben müßt? Wer Bescheid weiß, wird sagen, es ist nur Spaß, aber unter denen, die nicht Bescheid wissen, gibt es Leute genug, die ein schmutziges Herz und faulige Lungen haben und die ihre Nase in alles hineinstecken müssen, um dann müßig die Zunge zu wetzen. Durch deren Geschwätz ist drüben im andern Anwesen schon jedermann der Meinung, bei uns herrschten lose Sitten.“ „Soll nur jeder hübsch vor der eigenen Tür kehren, dann hat er genug zu tun!“ erwiderte Djia Jung lächelnd. „Und hat man nicht sogar die Han- und die Tang-Dynastie „die dreckige Tang und die stinkende Han“ genannt? Warum soll man ausgerechnet uns ungehudelt lassen? Welche Familie hat denn nicht ihre Affären? Wollt ihr mich drängen, davon zu erzählen? So streng auch der alte gnädige Herr drüben ist, an seine jungen Nebenfrauen hat sich Onkel Liän trotzdem herangemacht, und so standhaft Onkel Liäns Frau auch ist, wollte Onkel Juee trotzdem mit ihr ins Bett. Mir kann man nichts vormachen.“ Während er so seinem Mundwerk freien Lauf ließ und allen erdenklichen Unsinn von sich gab, sah er, daß die alte Frau You aus dem Schlaf erwachte. Also entbot er ihr seinen Gruß und fragte nach ihrem Befinden. Dann sagte er: „Es ist lieb von Euch, alte Ahne, daß Ihr Euch diese Mühe macht, und es ist lieb von den beiden Tanten, daß sie diese Last auf sich nehmen! Mein Vater und ich, wir sind Euch zu unendlichem Dank verpflichtet. Wenn die Sache erst vorüber ist, werden wir mit der ganzen Familie zu Euch ins Haus kommen und unsern Stirnaufschlag vor Euch machen.“ Die alte Frau You nickte und sagte: „Was redest du da, mein Junge? Unter Verwandten muß das schon sein!“ Dann fragte sie: „Wie geht es deinem Vater? Wann habt ihr die Nachricht erhalten, und wann seid ihr zurückgekommen?“ „Wir sind eben erst angekommen“, behauptete Djia Jung lächelnd. „Vater hat mich als erstes hergeschickt, um nach Euch zu sehen und Euch zu bitten, unbedingt so lange hierzubleiben, bis alles erledigt ist.“ Dabei warf er der zweiten Schwester You einen heimlichen Blick zu. Lächelnd murmelte die zweite Schwester You durch die Zähne: „Du glattzüngiger kleiner Affe! Meinst du, wir bleiben hier, um deinen Vater zu bemuttern?“ „Keine Bange!“ sagte Djia Jung im Scherz, „mein Vater macht sich Tag für Tag Gedanken um die beiden Tanten, weil er zwei hübsche, junge, reiche und wohlerzogene Männer für sie finden möchte. All die Jahre hat er vergeblich gesucht, und jetzt auf dem Rückweg hat er einen gefunden.“ „Aus welcher Familie stammt er?“ erkundigte sich die alte Frau You sofort, die ihm ohne weiteres glaubte. Die beiden Schwestern aber legten ihre Handarbeiten beiseite, gingen lächelnd auf Djia Jung los, um ihn zu schlagen, und sagten dabei: „Glaubt nicht diesem Lügner, Mutter! Der Donner soll ihn erschlagen!“ Auch die Sklavenmädchen bekräftigten: „Der Himmel hat Augen! Nehmt Euch vor dem Donner in acht!“ Im selben Augenblick kamen Leute, um zu melden: „Es ist alles fertig, junger Herr! Kommt heraus und seht es Euch an, damit Ihr dem gnädigen Herrn darüber berichten könnt.“ Lachend folgte ihnen Djia Jung nach draußen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. 64. Ein zurückhaltendes Mädchen schreibt bekümmert Verse über fünf Schönheiten, ein ausschweifender Mann opfert begeistert seinen Anhänger mit neun Drachen.

Als Djia Jung sah, daß alles vorbereitet war, ritt er schnellstens ins Kloster zurück, um Djia Dschën davon Meldung zu machen, und noch in derselben Nacht wurden für alles die Verantwortlichen eingeteilt, wurde auch die Trauerfahne und was sonst an Insignien notwendig war zurechtgemacht. Die erste morgendliche Doppelstunde am vierten wurde ausgewählt, um den Sarg mit dem Toten in die Stadt überzuführen, und Boten wurden ausgeschickt, um alle Verwandten und Freunde davon zu unterrichten. Als der Tag gekommen war, waren die Trauerriten besonders prächtig, und die Gäste sammelten sich zahlreich wie Wolken. Die Schaulustigen, die den Weg vom Kloster Eiserne Schwelle bis zum Ning-guo-Anwesen säumten, zählten nach Zehntausenden. Die einen waren ganz Mitgefühl, die anderen ganz Bewunderung, und nur das Heer der Halbgebildeten sagte: „Die Begräbniszeremonien sollten eher schlicht als prunkvoll sein.“0 So hörte man den ganzen Weg über die vielfältigsten Kommentare. Erst am Nachmittag langte der Trauerzug an. Der Sarg wurde in der Haupthalle aufgestellt, dann wurden Opfergaben dargebracht, und als die Totenklage beendet war, gingen die Verwandten und Freunde nach und nach fort. Zurück blieben nur die Sippenangehörigen, die sich um weitere Gäste kümmern und andere Aufgaben versehen sollten. Von der angeheirateten Verwandtschaft war als einziger der Bruder von Dame Hsing noch nicht wieder gegangen. Djia Dschën und Djia Jung, gebunden durch die Trauerregeln, durften den Sarg weder tagsüber noch bei Nacht nicht verlassen, so hart sie das auch ankam. Doch wenn die Trauergäste gegangen waren, nutzten sie rasch die Gelegenheit, um sich mit Frau Yous Stiefschwestern abzugeben. Auch Bau-yü begab sich Tag für Tag in Trauerkleidern ins Ning-guo-Anwesen hinüber und kehrte erst abends wieder in den Garten zurück, wenn alle Gäste fort waren. Hsi-fëng, die noch nicht wieder genesen war, konnte nicht ständig anwesend sein, aber wenn die Rituale vollzogen wurden oder wenn Verwandte und Freunde erschienen, um Opfer zu bringen, schleppte auch sie sich hinüber und half Frau You, mit allem fertig zu werden. Eines Tages, als das Opfer gebracht und die Frühmahlzeit eingenommen war, legte sich Djia Dschën neben dem Sarg in seinen Kleidern schlafen, denn die Tage waren noch lang, und durch die Anstrengungen der letzten Zeit war er müde. Da keine Gäste kamen, begab sich Bau-yü in den Garten hinüber, um nach Dai-yü zu sehen. Vorher aber ging er in den Hof der Freude am Roten. Als er hier durch das Tor trat, fand er den Hof still und menschenleer, nur im Schatten des Wandelgangs hatten ein paar alte Sklavenfrauen und kleinere Sklavenmädchen Kühlung gesucht. Einige lagen da und schliefen, andere dösten im Sitzen vor sich hin. Bau-yü tat jedoch nichts, um sie zu stören. Die einzige, die Bau-yü bemerkte, war Sï-örl, die rasch herantrat, um den Türvorhang für ihn aufzuschlagen. Aber als sie den Vorhang eben hochgehoben hatte, kam plötzlich Fang-guan lachend aus der Tür gestürzt und wäre beinahe mit Bau-yü zusammengeprallt. Kaum hatte sie ihn erkannt, blieb sie lächelnd stehen und fragte: „Wie kommst du auf einmal hierher?“ Dann bat sie: „Halt mir Tjing-wën vom Halse, sie will mich hauen!“ Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, prasselte drinnen etwas auf den Boden, dann kam Tjing-wën gelaufen und schimpfte: „Wohin läufst du, kleines Spitzbein? Hast du verloren, mußt du dich auch schlagen lassen. Jetzt möchte ich sehen, wer dir beisteht, wo Bau-yü nicht zu Hause ist!“ Lachend hielt Bau-yü sie auf und sagte: „Sie ist noch klein! Was sie dir getan hat, weiß ich nicht, aber vergib ihr um meinetwillen!“ Tjing-wën, die Bau-yü noch nicht zurück erwartet hatte, fühlte sich durch sein plötzliches Erscheinen unwillkürlich zum Lachen gereizt. „Fang-guan muß ein verwandelter Fuchsdämon0 sein!“ rief sie aus. „So schnell kann nicht einmal ein Talisman wirken, der Schutzgötter und Himmelsgeneräle zu beschwören vermag.“ Dann sagte sie zu Fang-guan: „Meinst du, ich hätte Angst, wenn du dir göttlichen Beistand verschaffst?“ Und schon riß sie sich los und griff nach Fang-guan, um sie zu packen, Fang-guan aber versteckte sich rasch hinter Bau-yüs Rücken. Nun griff Bau-yü mit der einen Hand nach Tjing-wën, mit der anderen nach Fang-guan und führte sie so ins Haus. Dort stellte er fest, daß Schë-yüä, Tjiu-wën, Bi-hën und Dsï-hsiau auf dem westlichen Ofenbett saßen und mit Kürbiskernen Faustraten um Schläge auf die Hand gespielt hatten. Fang-guan hatte gegen Tjing-wën verloren, wollte sich aber nicht von ihr schlagen lassen und war deshalb hinausgelaufen. Um sie zu verfolgen, war Tjing-wën aufgesprungen und hatte dabei alle Kerne, die sie im Schoß hielt, auf den Boden geworfen.

Fröhlich sagte Bau-yü: „Endlos, wie der Tag ist, habe ich schon befürchtet, ihr könntet Langeweile haben, wenn ich nicht zu Hause bin, würdet euch nach dem Essen vielleicht schlafen legen und euch so eine Krankheit holen. Gut, daß ihr etwas gefunden habt, um euch amüsieren und die Zeit zu vertreiben!“ Dann vermißte er Hsi-jën und fragte: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“

„Hsi-jën? Die wird immer mehr zur verknöcherten Denkerin“, erklärte Tjing-wën. „Sie sitzt mutterseelenallein im inneren Zimmer mit dem Gesicht zur Wand. Wir sind die ganze Zeit nicht hineingegangen und wissen nicht, was sie treibt. Es ist kein Laut von ihr zu hören. Schleich dich nur rasch hinein! Vielleicht ist schon die große Erleuchtung über sie gekommen.“ Bau-yü lachte und ging wirklich hinein. Dort saß Hsi-jën auf dem Bett nahe am Fenster und hielt eine graue Netzhülle in den Händen, an der sie knüpfte. Als sie Bau-yü hereinkommen sah, stand sie rasch auf und sagte lächelnd: „Was lügt diese Tjing-wën da über mich zusammen? Ich habe es eilig, das Netz hier fertig zu knüpfen, deshalb hatte ich keine Zeit für ihre Albernheiten und habe gesagt: ,Spielt ihr nur! Ich will die Gelegenheit nutzen, daß der junge Herr nicht zu Hause ist, und mich solange drinnen still hinsetzen, um mich auszuruhen.‘ Sie aber redet diesen Unsinn zusammen und behauptet, ich säße mit dem Gesicht zur Wand und meditierte. Nachher werde ich ihr dafür den Mund zerreißen.“ Lächelnd setzte sich Bau-yü dicht neben Hsi-jën, sah sich ihre Knüpferei an und sagte: „An so einem langen Tag solltest du dich wirklich ausruhen oder dich mit den andern zusammen vergnügen. Sonst hättest du auch meine Kusine Lin besuchen können. Warum mußt du bei dieser Hitze noch etwas knüpfen? Wozu brauchst du das?“ „Ich habe gesehen, daß deine Fächerhülle noch dieselbe ist, die du damals bekamst, als drüben im andern Anwesen die Frau von Herrn Jung gestorben war“, erklärte ihm Hsi-jën. „Da man eine dunkle Fächerhülle nur braucht, wenn in der Familie oder bei Freunden in der Sommerszeit ein Trauerfall eintritt, was nicht öfter als ein- oder zweimal im Jahr vorkommt, lohnt es sich normalerweise nicht, so etwas anzufertigen. Jetzt mußt du wegen des Todesfalls drüben im andern Anwesen jeden Tag hinüber und dabei die Fächerhülle tragen, darum mache ich dir schnell eine neue, als Ersatz für die alte. Du selbst hast zwar keinen Sinn für solche Sachen, aber wenn die alte gnädige Frau zurückkommt und dich so sieht, wird sie sagen, wir seien faul und kümmerten uns nicht einmal darum, was du anziehst und am Körper trägst.“ „Es ist lieb von dir, daß du daran gedacht hast“, versicherte Bau-yü, „aber du darfst dich nicht damit überanstrengen. Mit einem Hitzschlag ist nicht zu spaßen.“ Inzwischen brachte Fang-guan eine Schale mit Tee, der im Wasserbad gekühlt worden war. Wegen Bau-yüs zarter Konstitution wagte man nämlich selbst in den Sommermonaten nicht, Eis zu verwenden, und kühlte die Teekanne, indem man sie in eine Schüssel mit frischem Brunnenwasser stellte, das immer wieder erneuert wurde. Bau-yü trank die Schale zur Hälfte aus, ohne sie Fang-guan abzunehmen, dann sagte er zu Hsi-jën: „Bevor ich herkam, habe ich Ming-yän befohlen, er solle mir sofort Bescheid geben, wenn drüben bei Vetter Dschën wichtige Gäste erscheinen. Wenn nichts Wesentliches ist, gehe ich nicht wieder hinüber.“ Mit diesen Worten ging er hinaus. An der Außentür drehte er sich noch einmal um und sagte zu Bi-hën und den anderen: „Wenn etwas Dringendes sein sollte, findet ihr mich bei Kusine Lin.“ Und er machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Dai-yü zu besuchen. Eben ging Bau-yü über die Duftgetränkte Brücke, als er Hsüä-yän erblickte, die in Begleitung zweier alter Sklavinnen daherkam, die Wassernüsse, Lotoswurzeln, Melonen und andere Früchte trugen. Sofort erkundigte er sich: „Was will dein Fräulein damit? Sie hat sich doch aus solchen kalten Sachen nie viel gemacht. Will sie vielleicht eins von den anderen Fräulein oder eine der jungen Herrinnen einladen?“ „Ich werde dir erzählen, was ich weiß“, kündigte Hsüä-yän lächelnd an, „aber du darfst dem Fräulein nichts davon sagen.“ Bau-yü versprach es ihr, indem er nickte, worauf Hsüä-yän den beiden Alten befahl: „Geht ihr schon voraus und übergebt die Früchte Schwester Dsï-djüan! Wenn sie nach mir fragt, sagt ihr, ich müsse noch etwas erledigen und käme gleich.“ Erst als die beiden jawohl gesagt hatten und gegangen waren, begann Hsüä-yän: „Unser Fräulein fühlt sich erst seit ein paar Tagen etwas wohler. Heute kam nach dem Essen Fräulein Tan-tschun zu ihr, um sie zu einem gemeinsamen Besuch bei der zweiten jungen Herrin aufzufordern. Sie ist aber nicht mitgegangen. Dann muß ihr etwas eingefallen sein, und sie hat eine Weile stumm vor sich hin gebrütet. Schließlich griff sie zum Pinsel und schrieb einiges nieder, womöglich Gedichte. Als sie mir befahl, die Früchte zu holen, hörte ich noch, wie sie zu Dsï-djüan sagte, sie solle den kleinen Zithertisch abräumen, der drinnen im Zimmer steht, und in die Mitte des Außenraums stellen. Und dann sollte sie den Weihrauchkessel mit dem Drachenmuster daraufstellen, damit er bereit sei, wenn ich mit den Früchten wiederkäme. Aber wenn sie Besuch erwartete, würde sie doch keinen Weihrauchkessel aufstellen lassen. Räuchwerwerk brennt sie allenfalls dort ab, wo sie zu sitzen und zu schlafen pflegt, sonst stellt sie sich nur frische Blumen und Früchte wie etwa Zierquitten hin. Und ihre Kleider räuchert sie auch nicht gern.