Hongloumeng/de/Chapter 68

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Kapitel 68

苦尤娘賺入大觀園 / 酸鳳姐大鬧寧國府

Die leidgepruefte Frau You wird in den Grossen Garten gelockt; Die bittere Xifeng schlaegt im Ningguo-Anwesen grossen Laerm

damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen. Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen. Darauf werde ich mich mit aller Kraft versteifen und alle Vorwürfe an mir abprallen lassen. Und sollten Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, bleibt ihr doch davon unberührt. Überlegt es euch, ob es so geht oder nicht!“ „Ihr seid wirklich großmütig, Tante!“ lobte Djia Jung und strahlte, und Frau You bestärkte ihn darin. „Wenn alles geregelt ist, werden wir nicht verfehlen, zu Euch zu kommen, um Euch kniefällig zu danken.“ Dann befahl Frau You ihren Sklavenmädchen, sie sollten Hsi-fëng helfen, sich zu frisieren und zu waschen, außerdem ließ sie Wein und Speisen auftragen und bediente Hsi-fëng mit eigener Hand. Hsi-fëng aber hielt sich nicht lange auf und bestand darauf zu gehen. Wieder im Garten, informierte sie die zweite Schwester You, erzählte ihr, wie sie voller Sorge gewesen sei, welche Erkundigungen sie eingeholt habe, welchen Plan sie entwickelt habe, und wie die zweite Schwester You sich verhalten müsse, damit alle Beteiligten glimpflich davonkämen. Sie vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen: „Nur wenn ich diesen ‚Fischkopf zerlege‘, wird es uns allen gut gehen.“ Was wirklich geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. 69. Durch einen kleinen Kunstgriff tötet Hsi-fëng ,mit fremder Hand‘, angesichts der großen Auswegslosigkeit nimmt die zweite Schwester You sich das Leben.

Als die zweite Schwester You gehört hatte, was Hsi-fëng ihr sagte, fand sie kein Ende mit ihrem Dank und folgte ihr willig. Auch Frau You konnte natürlich bei so einem wichtigen Zeremoniell nicht fehlen, und so kam sie herüber, um dabeizusein, wenn Hsi-fëng die Sache der Herzoginmutter meldete. „Du halt den Mund und überlaß es mir, zu reden!“ wurde sie von Hsi-fëng ermahnt. „Das versteht sich von selbst“, sagte Frau You, „aber so wirst du die Vorwürfe einstecken müssen, wenn sich welche ergeben.“ Mit diesen Worten betraten sie die Räume der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter plauderte und scherzte eben zum Zeitvertreib mit den Mädchen aus dem Garten, als sie plötzlich sah, daß Hsi-fëng eine schöne blutjunge Frau hereinführte. Rasch kniff sie die Augen zusammen, um sie zu mustern, dann fragte sie: „Aus wessen Familie ist sie? Sie sieht sympathisch aus.“ Darauf trat Hsi-fëng vor und forderte sie auf: „Seht sie Euch genau an, alte Ahne! Gefällt sie Euch?“ Dann zog sie die zweite Schwester You flink an der Hand und sagte: „Das ist die Schwiegergroßmutter. Mach schnell deinen Stirnaufschlag vor ihr!“ Sofort ließ sich die zweite Schwester You auf die Knie nieder und begann, mit der Stirn auf den Boden zu schlagen. Dann wies Hsi-fëng der Reihe nach auf die Mädchen des Hauses, erklärte dabei, wer jede war, und setzte hinzu: „Merk dir, wer sie sind, und nachdem die gnädigen Frauen dich gesehen haben, entbietest du auch ihnen den zeremoniellen Gruß!“ Vorläufig wechselte die zweite Schwester You mit jedem der Mädchen ein Grußwort, dann blieb sie mit gesenktem Kopf an der Seite stehen. Die Herzoginmutter betrachtete sie von oben bis unten und fragte dann: „Wie heißt du? Und wie alt bist du?“ Aber lächelnd mischte Hsi-fëng sich ein: „Fragt sie nichts, alte Ahne! Sagt nur, ob sie schöner ist als ich!“ Nun setzte die Herzoginmutter ihre Brille auf und befahl Yüan-yang und Hu-po: „Führt sie hierher, damit ich ihre Haut sehen kann!“ Alle schmunzelten und mußten die zweite Schwester You wohl oder übel zur Herzoginmutter hinüberschieben. Diese nahm sie genau in Augenschein, dann befahl sie Hu-po: „Zeig mir ihre Hände!“ Und Yüan-yang mußte noch den Rock der zweiten Schwester You anheben. Als die Herzoginmutter fertig war mit der Besichtigung, nahm sie die Brille wieder ab und sagte lächelnd: „Ein makelloses Mädchen. Wie mir scheint, ist sie noch ein wenig schöner als du.“ Da kniete Hsi-fëng rasch mit lächelnder Miene nieder, um die Geschichte, die sie sich drüben bei Frau You ausgedacht hatte, in allen Einzelheiten vorzutragen, und schloß mit der Bitte: „Ihr müßt gnädig sein, alte Ahne, und ihr gestatten, schon jetzt zu uns zu ziehen! Erst wenn ein Jahr vergangen ist, werden sie die Ehe vollziehen.“ „Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte die Herzoginmutter. „Es ist schön, daß du derart gütig bist. Aber die Ehe dürfen sie wirklich erst nach einem Jahr vollziehen!“ Als Hsi-fëng das hörte, berührte sie mit der Stirn den Boden, dann bat sie die Herzoginmutter, sie solle ihr zwei Frauen mitgeben, die vor den gnädigen Frauen bestätigen konnten, daß alles ihr Wille sei. Die Herzoginmutter erklärte sich einverstanden und bestimmte zwei Sklavenfrauen, die die zweite Schwester You zu Dame Hsing und den anderen gnädigen Frauen begleiten mußten. Dame Wang, die tief bekümmert gewesen war über den schlechten Namen, den sich Hsi-fëng gemacht hatte, war natürlich über ihre jetzige Handlungsweise hocherfreut. Und die zweite Schwester You sah wieder Licht, als sie nun im Seitenflügel des Wohngehöfts von Djia Liän und Hsi-fëng wohnen durfte. Auf der anderen Seite ließ Hsi-fëng durch einen ihrer Beauftragten Dschang Hua anstacheln, er solle seine Verlobte zurückfordern, und versprach ihm, neben der reichen Mitgift, die er zu erwarten hätte, wolle sie ihm Silber geben, von dem das Paar sich einrichten und sein Leben fristen könnte. Dschang Hua klagte nur mutlos und lustlos noch einmal gegen die Djias. Dann mußte er hören, wie der von Djia Jung entsandte Verwalter aussagte: „Dschang Hua war es, der die Verlobung rückgängig gemacht hat. Seine Verlobte ist mit unserer Familie verwandt. Daß wir sie ins Haus genommen haben, ist wahr, die Behauptung über ihre Hochzeit jedoch ist erlogen. Nur weil Dschang Hua seine Schulden verschleppt hat und sie trotz Mahnung nicht begleichen wollte, hat er meine Herrschaften fälschlich dieser Dinge bezichtigt.“ Der Zensor, dessen Familie schon seit Generationen mit den Djias und den Wangs befreundet war und der obendrein ein Schmiergeld erhalten hatte, sagte nur, Dschang Hua sei ein Schurke, der die Djias aus Armut erpressen wolle, er weigerte sich, die Anklageschrift entgegenzunehmen, und befahl, ihn durchzuprügeln und hinauszuwerfen. Draußen bestach Tjing-örl die Büttel, damit sie nicht zu stark zuschlugen, und anschließend setzte er Dschang Hua zu: „Mit dir war sie zuerst verlobt. Wenn du nur auf der Hochzeit bestehst, muß der Beamte sie dir zusprechen.“ Also verklagte Dschang Hua die Djias ein weiteres Mal, wieder instruierte Wang Hsin den Zensor, und nun entschied er: „Dschang Hua soll das Silber, das er den Djias schuldet, termingemäß und in voller Höhe zurückzahlen. Seine Verlobte soll er heiraten, sobald er dazu in der Lage ist.“ Diesen Spruch verkündete er in der Amtshalle in Anwesenheit von Dschang Huas Vater, den er hatte vorladen lassen. Auch von Tjing-örl bekam Dschang Huas Vater alles erklärt, und froh über die Aussicht, die Schwiegertochter mit einer reichen Zugabe zurückzubekommen, begab er sich zu den Djias, um die zweite Schwester You abzuholen. Mit erschrockener Miene lief Hsi-fëng zur Herzoginmutter, berichtete ihr und sagte, das alles liege nur daran, daß Frau You so unklug gehandelt habe, das Verlöbnis mit den Dschangs nicht rückgängig zu machen, was die Leute dazu veranlaßt habe, eine Klage zu erheben, die nun amtlicherseits auf diese Weise entschieden worden sei. Sofort ließ die Herzoginmutter Frau You zu sich herüberrufen und warf ihr vor, sie habe unziemlich gehandelt. „Wenn deine jüngere Schwester schon als Kind im Mutterleib mit dem Mann verlobt worden war und du die Verlobung nicht rückgängig gemacht hast, warst du es, die ihn dazu gebracht hat, diese dumme Anklage zu erheben.“ „Aber er hat doch das Silber genommen, wie kann er da nicht einverstanden gewesen sein?“ verteidigte sich Frau You. „Dschang Hua hat jetzt ausgesagt, er habe kein Silber gesehen und bei ihm sei auch niemand gewesen“, fiel Hsi-fëng ein, die am Rande stand. „Und sein Vater sagt: ‚Die Mutter der Verlobten hat einmal mit mir gesprochen, aber ich habe durchaus nicht zugestimmt. Nachdem ihre Mutter gestorben war, habt ihr sie als Nebenfrau ins Haus genommen.‘ Da wir keinen Gegenbeweis haben, mußten wir ihn reden lassen. Ein Glück nur, daß der junge Herr Liän nicht zu Hause ist und noch nicht die Ehe mit ihr vollzogen hat! Von daher gäbe es also keinen Hinderungsgrund. Aber da sie einmal hier ist, können wir sie schlecht wieder herausgeben, ohne daß unser Ansehen darunter leidet.“ „Da die Ehe noch nicht vollzogen ist und da es unserem Ansehen noch mehr schaden würde, wenn wir jemand mit Gewalt die Verlobte wegnähmen, ist es das beste, wir schicken sie zurück“, entschied die Herzoginmutter. „Werden wir etwa kein anderes gutes Mädchen für ihn finden?“ Als die zweite Schwester You das hörte, berichtete sie der Herzoginmutter: „Aber meine Mutter hat dem Mann wirklich an dem und dem Tag des soundsovielten Monats des Jahres sowieso zehn Liang Silber gegeben, und er hat sich mit der Aufhebung der Verlobung einverstanden erklärt. Er ist verrückt vor Armut, deshalb hat er uns angezeigt und behauptet dabei das Gegenteil. Meine ältere Schwester trifft keine Schuld.“ „Da sieht man, daß man sich mit arglistigen Menschen nicht einlassen darf“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Wenn die Dinge so liegen, soll Hsi-fëng Rat schaffen.“ Hsi-fëng hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Als sie in ihre Räume zurückgekehrt war, ließ sie Djia Jung Bescheid sagen. Dieser wußte nur zu gut, daß Hsi-fëng der Meinung war, es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, wenn man die zweite Schwester You durch Dschang Hua abholen ließe, darum meldete er die Sache an Djia Dschën weiter, und dann wurde in aller Heimlichkeit jemand zu Dschang Hua geschickt, um ihm zu sagen: „Du hast jetzt so viel Silber, warum willst du unbedingt deine ehemalige Verlobte wiederhaben? Hast du denn, wenn du dich so darauf versteifst, gar keine Angst, daß die Herrschaften böse werden und irgendeinen Vorwand gegen dich suchen, durch den du so ums Leben kommst, daß man sich die Beerdigung sparen kann? Mit dem Silber kannst du doch in eure Heimat zurückkehren und allemal eine gute Braut finden. Wenn du dich dazu entschließen kannst, bekommst du sogar noch etwas Reisegeld.“ Dschang Hua dachte kurz nach und fand den Vorschlag annehmbar. Nachdem er sich noch mit seinem Vater beraten hatte und sie nun insgesamt an die hundert Liang Silber bekommen hatten, machten sie sich am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache auf den Weg und kehrten in ihren Heimatort zurück. Als Djia Jung auf seine Erkundigungen hin hiervon Kenntnis erhalten hatte, meldete er der Herzoginmutter und Hsi-fëng: „Aus Furcht vor einer Strafe für seine falsche Anklage ist Dschang Hua mit seinem Vater zusammen geflohen. Die Behörden wissen bereits davon und stellen keine weiteren Ermittlungen mehr an. Damit ist der Fall erledigt.“ Nun überlegte Hsi-fëng: „Wenn ich dafür gesorgt hätte, daß Dschang Hua seine Verlobte zurückbekommt, wäre nicht auszuschließen gewesen, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr etwas Geld ausgegeben und sie wieder in seinen Besitz gebracht hätte. Dieser Dschang Hua hätte bestimmt nachgegeben. Da ist es schon besser, die zweite Schwester You bleibt hier, und ich denke mir etwas anderes aus. Ich weiß aber nicht, wohin Dschang Hua jetzt gegangen ist. Wenn ich zulasse, daß er irgend jemand von der Sache erzählt oder den Fall später unter einem Vorwand erneut aufrollt, schade ich mir nur selbst. Ich hätte das Ruder nie aus der Hand geben dürfen!“ Ihre Reue fand kein Ende, ehe sie nicht einen neuen Plan gefaßt hatte und Lai Wang heimlich befahl, er solle Dschang Hua suchen lassen, um ihn dann entweder als Räuber vor Gericht zu bringen und hinrichten zu lassen oder aber heimlich mit ihm abzurechnen. Auf jeden Fall mußte Dschang Hua sterben, damit das Unheil mit der Wurzel ausgerottet wurde und ihr Ansehen keinen Schaden litt. Nachdem Lai Wang diesen Befehl erhalten hatte und wieder zu Hause war, sagte er sich: „Der Mann ist verschwunden, und damit ist der Fall erledigt. Weshalb also soviel Aufhebens machen? Ein Menschenleben geht den Himmel an und ist kein Kinderspiel. Ich will mir etwas ausdenken, wie ich sie hinters Licht führen kann!“ Also hielt er sich für ein paar Tage außerhalb verborgen, und als er zurückkam, sagte er zu Hsi-fëng: „Dschang Hua hatte etliches Silber bei sich, und schon am dritten Tag nach seiner Flucht ist er im Morgengrauen in der Gegend von Djing-kou0 von Straßenräubern niedergeschlagen und umgebracht worden. Sein Vater ist dann in einem Gasthauszimmer durch den erlittenen Schreck gestorben. Es hat eine Leichenschau stattgefunden, und die beiden sind dort begraben worden.“ Hsi-fëng wollte ihm nicht glauben und drohte: „Wenn du gelogen hast, und ich finde es durch jemand anders heraus, dann schlage ich dir die Zähne ein.“ Aber sie ließ die Sache auf sich beruhen und stellte keine weiteren Nachforschungen mehr an. Zur zweiten Schwester You war sie auffallend freundlich, noch zehnmal mehr als zu einer leiblichen Schwester. Als Djia Liän endlich seine Aufgabe erfüllt hatte und zurückkam, ritt er als erstes zu seinem neuen Haus und fand es still und verschlossen. Nur ein alter Wächter war da, bei dem er sich erkundigte, was vorgefallen sei. Der Alte erzählte ihm alles so, wie es gewesen war, und Djia Liän stampfte mit dem Fuß, obwohl er im Sattel saß. Notgedrungen mußte er erst einmal Djia Schë und Dame Hsing begrüßen und über die Erledigung seines Auftrags berichten. Djia Schë war sehr zufrieden mit ihm und lobte, er sei ein brauchbarer Helfer. Dann belohnte er ihn mit einhundert Liang Silber und schenkte ihm obendrein ein siebzehnjähriges Sklavenmädchen namens Tjiu-tung aus seinen eigenen Räumen als Beischläferin. Djia Liän nahm sie mit einem Stirnaufschlag zum Zeichen des Dankes entgegen, und seine Freude kannte keine Grenze. Als er auch die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und dann seine eigenen Räume aufsuchte, waren seine Züge unvermeidlich ein wenig von Scham gezeichnet. Doch wider Erwarten machte Hsi-fëng nicht ihr übliches Gesicht, als sie ihm mit der zweiten Schwester You zusammen zur Begrüßung entgegentrat und sie die gebräuchlichen Phrasen über das Wetter miteinander wechselten. Während Djia Liän von Tjiu-tung erzählte, leuchteten natürlich Stolz und Selbstzufriedenheit aus seinen Augen. Hsi-fëng hörte ihn an, dann gab sie rasch den Befehl, zwei Sklavenfrauen sollten das Mädchen mit dem Wagen von drüben abholen. Noch war der erste Stachel aus ihrem Herzen nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter dazu. Doch wohl oder übel mußte sie es schweigend erdulden und gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie ließ dann zum einen eine Weintafel herrichten, um den Heimgekehrten zu bewillkommnen, und führte zum anderen Tjiu-tung zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den übrigen, um sie vorzustellen. Still bei sich war Djia Liän verwundert. Inzwischen war schon der zwölfte Tag des zwölften Monats gekommen, und Djia Dschën mußte aufbrechen. Zuerst entbot er seinen zeremoniellen Gruß im Ahnentempel, dann kam er herüber, um auch vor der Herzoginmutter und den übrigen zum Abschied niederzuknien.Alle Familienangehörigen gaben ihm das Geleit bis zum Pavillon der Tränen0, nur Djia Liän und Djia Jung begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang, und kehrten dann erst um. Den ganzen Weg über schärfte Djia Dschën ihnen ein, sie sollten alle Kraft auf die Führung des Hauswesens richten und dergleichen mehr, und mit dem Mund versprachen sie es ihm beide. Außerdem wechselten sie auch ein paar hochtönende Redensarten, die hier nicht umständlich wiedergegeben werden müssen. Wenn Hsi-fëng in ihren Räumen war, behandelte sie die zweite Schwester You äußerlich natürlich so, daß nichts daran auszusetzen war, in ihrem Herzen jedoch brütete sie andere Pläne aus, und als sie einmal mit der zweiten Schwester You allein war, legte sie los: „Von dir werden böse Dinge erzählt, meine Schwester. Sogar die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben davon gehört und sagen nun, schon als Mädchen im Haus deiner Mutter seist du nicht keusch gewesen und hättest auch mit deinem Schwager etwas gehabt. ‚Du hast eine ausgesucht, die keiner mehr haben wollte‘, sagten sie mir vorwurfsvoll. ‚Willst du sie nicht wegschicken und eine bessere suchen?‘ Als ich das hörte, bin ich beinahe geplatzt vor Wut. Ich habe herauszufinden versucht, wer das erzählt hat, aber es war nicht festzustellen. Wie soll ich jetzt dem Sklavengesinde auf die Dauer ins Gesicht sehen? Etwas Schönes habe ich mir da aufgeladen!“ Nachdem sie zweimal in dieser Weise geredet hatte, wurde sie vor Ärger krank und konnte nicht mehr essen und trinken. Mit Ausnahme von Ping-örl gab es unter den Sklavenmädchen und -frauen keine, die nicht alles mögliche daherredete, anzügliche Reden führte und insgeheim stichelte. Tjiu-tung dagegen war der Meinung, weil niemand anders als Djia Schë sie Djia Liän zum Geschenk gemacht hatte, könne es keine bessere geben als sie selbst, und so verachtete sie sogar Hsi-fëng und Ping-örl, von der zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Sooft sie den Mund aufmachte, hetzte sie: „So eine dahergelaufene Dirne! Erst hurt sie herum, und als sie keiner mehr wollte, hat sie geheiratet. Und so etwas will mir hier den Rang streitig machen!“ Wenn Hsi-fëng das hörte, freute sie sich im stillen, und wenn die zweite Schwester You es hörte, war sie im stillen beschämt, verärgert und wütend. Seitdem Hsi-fëng krank spielte, aß sie nicht mehr mit der zweiten Schwester You zusammen und ließ ihr das Essen jeden Tag durch das Gesinde in ihre Räume bringen. Aber Essen wie Tee waren gleichermaßen ungenießbar. Ping-örl, die das nicht mit ansehen konnte, ließ für ihr eigenes Geld Speisen herrichten, die sie ihr brachte. Manchmal sagte sie auch einfach, sie wolle mit ihr im Garten spazierengehen, um dann in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen zu lassen. Und niemand wagte es, Hsi-fëng davon zu unterrichten. Doch als Tjiu-tung die beiden einmal dabei ertappt hatte, bohrte sie bei Hsi-fëng: „Ausgerechnet von Ping-örl wird Euer Ruf untergraben, junge Herrin. Hier muß das schöne Essen verderben, und sie füttert diese Person heimlich im Garten.“ Daraufhin wurde Ping-örl von Hsi-fëng gescholten: „Anderer Leute Katzen fangen Ratten, nur meine Katze muß Hühner stehlen.“ Da Ping-örl nicht wagte, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, mußte sie sich fortan von der zweiten Schwester You fernhalten. Gegen Tjiu-tung aber hegte sie von nun an einen heimlichen Haß, über den sie schlecht etwas verlauten lassen konnte.

Aus: Chengjiaben 1791. Von den Gartenbewohnern sympathisierten Li Wan, Ying-tschun, Hsi-tschun und andere mit Hsi-fëng, während Bau-yü, Dai-yü und ihnen Gleichgesinnte sich insgeheim um die zweite Schwester You Sorgen machten. Zwar konnten sie nicht gut etwas unternehmen, aber sie sahen, daß man Mitleid mit ihr haben mußte, und sooft sie kam, bedauerten sie sie. Aber auch wenn niemand ihr Gespräch belauschen konnte, weinte die zweite Schwester You nur und wagte sich nicht zu beklagen. Hsi-fëng ließ auch keinerlei schlechte Absichten erkennen. Wenn Djia Liän nach Hause kam, sah er sie stets nur gütig, und deshalb war er unachtsam. Außerdem hegte Djia Liän angesichts der überaus zahlreichen Beischläferinnen und Sklavenmädchen, die Djia Schë sein eigen nannte, schon immer ungehörige Absichten und hatte nur nicht gewagt, sie in die Tat umzusetzen. Andererseits waren Tjiu-tung und ihresgleichen böse auf ihren Gebieter, weil er alt und trottelhaft war, zwar noch einen unersättlichen Appetit hatte, aber nicht mehr die Kraft, ordentlich zu kauen, so daß man sich fragen mußte, wozu er die vielen Mädchen eigentlich bei sich behielt. Abgesehen von einigen wenigen, die ein Gefühl für Anstand und Scham besaßen, vergnügten sich die übrigen wohl mit den Sklavenjungen vom Innentor, wenn sie nicht gar durch das Spiel ihrer Augen und Brauen versuchten, heimlich mit Djia Liän anzubändeln, wobei es nur aus Furcht vor Djia Schës Gewalt noch zu keinem Ergebnis gekommen war. Gerade Tjiu-tung war für Djia Liän eine alte Bekannte, wenn es auch kein einziges Mal zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen gekommen war. Jetzt hatte es der Himmel gut gemeint, und Djia Schë hatte sie Djia Liän zum Geschenk gemacht. Nun waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig, unzertrennlich wie Leim und Lack und unbeschwert fröhlich wie Neuvermählte. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Deshalb wurde Djia Liäns Interesse für die zweite Schwester You allmählich lau, und nur Tjiu-tung war für ihn noch das Leben. Für Hsi-fëng war Tjiu-tung selbst zwar ein Gegenstand des Hasses, aber erfreulich fand sie die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, um zuerst die zweite Schwester You loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe, so daß sie ‚mit fremder Hand töten‘ und ‚vom Berg aus den kämpfenden Tigern zusehen‘ könnte. Wenn Tjiu-tung die zweite Schwester You erledigt hätte, wollte sie ihrerseits Tjiu-tung erledigen. Nachdem dieser Plan einmal feststand, sagte sie häufig unter vier Augen zu Tjiu-tung: „Du bist noch jung und kennst dich nicht aus. Sie ist hier die jüngere gnädige Frau und der Liebling unseres jungen Herrn, selbst ich muß ihr einige Zugeständnisse machen. Du gräbst dir doch dein eigenes Grab, wenn du ihr mit Härte entgegentrittst.“ Solche Worte verdrossen Tjiu-tung nur um so mehr, und Tag für Tag schalt sie mit lauter Stimme: „Die junge gnädige Frau ist zu weichlich. Derartige Nachsicht ist nichts für mich. Irgendwie ist ihr die ganze Autorität abhanden gekommen. Sie ist großmütig, ich aber lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Die Hure soll mich kennenlernen!“ Hsi-fëng in ihrem Zimmer tat so, als ob sie nicht den Mut hätte, etwas dagegen zu sagen, und die zweite Schwester You in ihrem Zimmer weinte nur, aß nichts mehr und traute sich nicht, Djia Liän davon zu berichten. Als am nächsten Tag der Herzoginmutter auffiel, wie rot und geschwollen die Augen der zweiten Schwester You waren, fragte sie sie nach dem Grund, aber auch ihr wagte die zweite Schwester You nichts zu sagen. Tjiu-tung jedoch, die sich überall in den Vordergrund drängte und ihre Reize spielen ließ, bemerkte insgeheim zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag flennt sie grundlos herum. Hinter unserem Rücken aber betet sie, daß die zweite junge Herrin und ich nur bald sterben, damit sie ganz nach ihren Wünschen mit dem jungen Herrn leben kann.“ „So eine betörende Schönheit läßt auf ein neidisches Herz schließen“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Hsi-fëng ist so gut zu ihr, sie aber muß Streit suchen und eifersüchtig sein. Sie ist wahrhaftig ein undankbares Ding!“ Und mit der Zeit ließ ihr Gefallen an der zweiten Schwester You nach. Als die anderen merkten, daß die zweite Schwester You von der Herzoginmutter nicht mehr gemocht wurde, trampelten sie natürlich erst recht auf ihr herum und brachten es damit so weit, daß die zweite Schwester You nicht leben und nicht sterben konnte. Ein Glück war es noch, daß Ping-örl sie immer wieder zu trösten versuchte, wenn sie sie hinter Hsi-fëngs Rücken so antraf. Aber die zweite Schwester You war ein Mensch mit Magen und Darm wie aus Blumen, mit Fleisch und Haut wie aus Schnee. Wie sollte sie da solchen Quälereien gewachsen sein! Nach nur einem Monat, den sie an ihrem heimlichen Groll gelitten hatte, wurde sie vor Ärger krank. Arme und Beine waren ihr träge geworden, und Appetit hatte sie auch nicht mehr, so daß sie allmählich gelb und mager wurde. Eines Abends, als sie die Augen schloß, um zu schlafen, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Ente-Erpel-Schwertern auf sich zutreten und hörte sie sagen: „Du hattest immer ein törichtes Herz und einen weichen Sinn, Schwester, deshalb mußt du jetzt diese Enttäuschung erleben. Glaub nicht mehr den blumigen Worten und den raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Nach außen hin ist sie gütig, aber innerlich ist sie verschlagen. Ihr Haß wird keine Ruhe finden, ehe sie dich nicht umgebracht hat. Wenn ich noch in dieser Welt lebte, hätte ich bestimmt nicht zugelassen, daß du zu ihr ziehst, oder zumindest nicht, daß sie dich so behandelt. Aber es mußte ja so kommen. Wir haben weder züchtig noch tüchtig gelebt und haben die Männer dazu gebracht, daß sie Anstand und Sitte zerstörten. Das ist nun die Vergeltung dafür. Hör jetzt auf mich und erschlage das eifersüchtige Weib mit diesen Schwertern, dann aber komm mit mir, tritt vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und laß sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, ohne daß dich jemand bedauert.“ „Schwesterchen“, erwiderte die zweite Schwester You unter Tränen, „wenn ich mich mein Leben lang schlecht aufgeführt habe, ist die Vergeltung, die mich jetzt trifft, die zwangsläufige Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich nehmen? Laß mich nur weiter aushalten! Vielleicht hat der Himmel Erbarmen mit mir und läßt es mir wieder gut gehen. Wäre damit nicht beiden Seiten geholfen?“ „Du bist und bleibst eine Närrin“, hielt die dritte Schwester You ihr vor und lächelte dabei. „Seit Anbeginn gilt ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend, sie sind grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.‘ Und ‚Der Weg des Himmels ist es, die Vergeltung zu lieben.‘ Auch wenn du das Vergangene bereust und ein neuer Mensch geworden bist, hast du doch zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet, daß sie sich verhalten haben wie die wilden Hirsche, die sich ein und dasselbe Weibchen teilen. Wie könnte es der Himmel da zulassen, daß du in Frieden lebst?“ „Wenn ich nicht in Frieden leben darf, muß wohl auch das so sein, und ich werde keinen Groll deswegen hegen“, sagte die zweite Schwester You unter Tränen. Als die Jüngere das hörte, stieß sie einen langen Seufzer aus und verschwand. Die zweite Schwester You aber fuhr erschrocken auf und merkte, daß es ein Traum gewesen war. Als dann Djia Liän kam, um nach ihr zu sehen, sagte sie, da weiter niemand dabei war, unter Tränen zu ihm: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich jetzt bei dir und weiß, daß ich schwanger bin, wenn ich auch nicht wissen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Wenn der Himmel Mitleid mit mir hat, werde ich das Kind noch zur Welt bringen können. Wenn nicht, gibt es keine Sicherheit für mein Leben, geschweige denn für das des Kindes.“ „Beruhige dich!“ sagte Djia Liän ebenfalls unter Tränen. „Ich werde einen verständigen Mann herbitten, der dich gesund macht.“ Und er ging hinaus, um sofort nach einem Arzt zu schicken. Wider Erwarten war jedoch Hofarzt Wang auf den Gedanken verfallen, sich bei der Armee Verdienste zu erwerben, die später seinen Kindern zugute kommen sollten. Deshalb kamen die Sklavenjungen mit einem Hofarzt namens Hu wieder, dessen Rufname Djün-jung lautete. Als er eingetreten war und der Kranken die Pulse gefühlt hatte, sagte er, sie leide unter einer unregelmäßigen Periode und brauche nur eine kräftige Stärkung. „Aber ihre Regel hat schon vor drei Monaten ausgesetzt, und sie muß sich häufig erbrechen. Ich vermute, sie wird wohl schwanger sein“, wandte Djia Liän ein. Daraufhin befahl Hu Djün-jung den alten Sklavenfrauen, sie sollten ihre Herrin bitten, ihm noch einmal die Hand zu zeigen, und wohl oder übel schob die zweite Schwester You noch einmal ihren Arm unter dem Bettvorhang durch. Hu Djün-jung fühlte ihr zum zweiten Mal lange die Pulse, dann verkündete er: „Bei einer Schwangerschaft müßte sich der Leberpuls kräftig anfühlen. Aber wenn das Element Holz zu üppig wird, entsteht Feuer. Die unregelmäßige Periode wird nur durch das Holz der Leber bewirkt. Ich muß so kühn sein, die junge gnädige Frau zu bitten, mir ihr kostbares Antlitz ein wenig zu enthüllen, damit ich sehen kann, was ihre Miene über ihren Lebenshauch offenbart. Dann erst wage ich, ihr ein Medikament zu verschreiben.“ Djia Liän hatte keine andere Wahl, als anzuordnen, man solle den Bettvorhang einen Spalt weit anheben, und die zweite Schwester You solle ihr Gesicht sehen lassen. Doch der flüchtige Anblick genügte, um die Seele von Hu Djün-jung bis zum neunten Himmel entschweben zu lassen. Sein ganzer Körper war wie gelähmt, und sein Denken setzte aus. Nachdem der Bettvorhang wieder herabgelassen war, begleitete Djia Liän den Arzt hinaus und wollte wissen, was nun sei. „Das ist keine Schwangerschaft“, erklärte Hu Djün-jung, „es ist lediglich das angestaute Blut, das sich verdickt hat. Darum kommt es nur darauf an, dieses Blut abzuleiten und die Adern für die Periode durchlässig zu machen.“ Danach schrieb er sein Rezept, verabschiedete sich und ging. Djia Liän befahl, man solle dem Arzt sein Honorar bringen, die Zutaten für die Arznei holen, sie zubereiten und der zweiten Schwester You zu trinken geben. Noch in der Nacht bekam dann die zweite Schwester You Bauchschmerzen, die sich nicht stillen ließen, und schließlich ging ihr ein voll ausgebildeter männlicher Fötus ab. Danach setzte eine Blutung ein, die nicht wieder aufhören wollte, und die zweite Schwester You wurde ohnmächtig. Als Djia Liän die Neuigkeit erfuhr, fluchte er laut auf Hu Djün-jung, schickte nach einem anderen Arzt, um die Kranke behandeln zu lassen, und schickte auch jemand los, um Anklage gegen Hu Djün-jung zu erheben. Aber Hu Djün-jung erfuhr davon, schnürte flugs sein Bündel und machte sich aus dem Staub. Inzwischen stellte der neue Arzt fest: „Eure werte Gattin hat von Natur aus eine schwächliche Konstitution. Seitdem sie schwanger war, muß sie wohl einigen Ärger erfahren haben, der sich angestaut hat. Jener Herr hat mit seiner Tiger- und Wolfsmedizin den Lebenshauch Eurer werten Gattin zu acht, neun Zehnteln zerstört. An eine baldige Genesung ist nicht zu denken. Aber wenn sie Heiltränke und zugleich Arzneikugeln einnimmt und außerdem mit überflüssigem Gerede verschont wird, besteht vielleicht noch einige Aussicht auf Genesung.“ Mit diesen Worten ging er davon. Djia Liän aber ließ in seiner Wut feststellen, wer den Arzt Hu geholt hatte, und als er es heraushatte, schlug er den Schuldigen halbtot. Noch zehnmal aufgeregter als Djia Liän gebärdete sich Hsi-fëng. Klagend rief sie aus: „Uns war vom Schicksal kein Sohn bestimmt, und nachdem uns jetzt endlich einer in Aussicht stand, mußten wir an so einen unfähigen Arzt geraten!“ Dann brannte sie für Himmel und Erde Weihrauch ab, fiel auf die Knie und betete: „Auch wenn ich dafür krank werden muß, bitte ich nur um das eine, daß Schwester You wieder ganz gesundet, von neuem schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich auf ewig fleischlose Fastenspeisen essen und zu Buddha beten!“ Djia Liän und alle anderen, die davon erfuhren, waren des Lobes voll. Wenn Djia Liän mit Tjiu-tung zusammen war, kochte Hsi-fëng Suppen und Brühen und ließ sie der zweiten Schwester You hinübertragen. Außerdem hielt sie Ping-örl vor, sie müsse zum Unglück geboren sein, und sagte: „Mit dir ist es dasselbe wie mit mir, aber ich bin viel krank, während du nie krank bist und trotzdem nicht schwanger wirst. Der jüngeren Herrin ist das bestimmt nur zugestoßen, weil uns beiden kein Glück beschieden ist. Oder vielleicht ist jemand daran schuld, der ihr auf Grund seines ungünstigen Horoskops entgegensteht.“ Also schickte sie jemand aus, um die Wahrsager befragen zu lassen, und der Bescheid, den die Botin zurückbrachte, lautete: „Die Schuld trägt eine, die im Zeichen des Hasen geboren0 ist.“ Nun rechneten alle nach, und die einzige, auf die das zutraf, war Tjiu-tung. Darum hieß es, sie sei schuld. Tjiu-tung hatte mit ansehen müssen, wie Djia Liän in den letzten Tagen Ärzte holen und Arznei kochen ließ, wie er die Leute schlug und selbst die Hunde beschimpfte, und wie er die zweite Schwester You mit zärtlicher Fürsorge umgab. Schon das hatte genügt, um ihr Herz randvoll mit Essig zu füllen. Als sie jetzt noch hören mußte, sie solle die Schuldige sein, und als Hsi-fëng ihr riet, sie solle sich vorübergehend woanders einen Unterschlupf suchen und in ein paar Monaten wiederkommen, da schimpfte sie mit Tränen der Wut in den Augen: „Was kümmert es mich, was dieses blinde Wahrsagerpack zusammenschwindelt! ‚Brunnenwasser tut dem Flußwasser nichts zuleide‘, sagt man, warum also soll ich schuld sein? Draußen hat sich das feine Püppchen mit wer weiß wem abgegeben, und kaum daß sie hier ist, steht ihr jemand durch sein Horoskop entgegen. Wie will sie überhaupt mir nichts, dir nichts zu einem Kind gekommen sein? Davon hat sie doch nur erzählt, um unsern jungen Herrn kirre zu machen, so empfänglich wie er für Schmeicheleien ist. Und selbst wenn sie ein Kind gehabt hat, weiß man noch nicht, ob es mit Familiennamen Dschang oder Wang hätte heißen müssen. Wenn Ihr so viel Wert auf einen Bastard legt, junge gnädige Frau, ich hätte keine Freude daran! Und überhaupt – wer könnte auf die Dauer nicht auch ein Kind haben? Jede könnte das! Wenn ich in einem Jahr oder einem halben ein Kind habe, ist es wenigstens ohne jede Beimischung!“ Allen war zum Lachen bei dieser Tirade, aber keine hatte den Mut dazu, es zu tun. Zufällig kam eben Dame Hsing, um nach der Kranken zu sehen, und sofort klagte ihr Tjiu-tung unter Tränen: „Der zweite junge Herr und die junge Herrin wollen mich hinauswerfen und obdachlos machen. Erbarmt Euch meiner, gnädige Frau!“ Aufgeregt machte Dame Hsing zuerst Hsi-fëng eine Zeitlang Vorhaltungen, dann schalt sie Djia Liän: „Du undankbares Geschöpf! Welche Fehler sie auch immer haben mag, ist sie dennoch ein Geschenk deines Vaters. Wenn du sie um einer andern willen hinauswerfen willst, die du dir von draußen geholt hast, gilt dir dein Vater also nichts mehr, wie? Anstatt sie hinauszuwerfen, tätest du besser daran, sie ihm zurückzugeben.“ Damit ging sie wütend hinaus. Tjiu-tung aber hatte erreicht, was sie wollte, und ging nun so weit, sich unter die Fenster der zweiten Schwester You zu stellen, um dort laut zu schimpfen und zu weinen, was natürlich den Ärger der zweiten Schwester You nur vermehrte. Am Abend, als Djia Liän bei Tjiu-tung im Bett lag und Hsi-fëng bereits schlief, kam Ping-örl nach der zweiten Schwester You sehen und redete ihr leise zu: „Kurier dich nur schön und achte nicht auf das Biest!“ „Meine Schwester!“ sagte die zweite Schwester You und griff nach Ping-örls Hand, „seitdem ich hier bin, habe ich das Glück, von dir umsorgt zu werden, und du mußtest wer weiß wie oft um meinetwillen leiden. Falls ich mit dem Leben davonkomme, will ich dir deine Güte vergelten, doch ich fürchte, es wird nichts daraus und du mußt bis zu meiner nächsten Existenz darauf warten.“ Auch Ping-örl konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie ihr sagte: „Wenn ich es mir recht überlege, bin nur ich an deinem Unglück schuld. Ich habe ein törichtes Herz und habe i h r nie etwas verschwiegen, warum hätte ich es ihr also nicht sagen sollen, als ich erfuhr, daß es dich gibt. Und daraus ist dann all dieses Unheil entstanden.“ „Da hast du unrecht!“ widersprach die zweite Schwester You eilig. „Auch wenn du ihr nichts gesagt hättest, herausgefunden hätte sie es doch. Du hast es ihr bloß als erste gesagt. Außerdem war es ja mein ganzes Sinnen und Trachten, hierher zu ziehen, damit die Sache ihre Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun.“ Beide weinten noch ein Weilchen zusammen, dann erteilte Ping-örl der zweiten Schwester You ein paar gutgemeinte Ermahnungen, und erst als es schon tiefe Nacht war, ging sie in ihr Zimmer zurück, um zu schlafen. Währenddessen sagte sich die zweite Schwester You: „da die Krankheit nun einmal Macht über mich gewonnen hat, und es mir von Tag zu Tag schlechter geht anstatt besser, werde ich bestimmt nicht wieder gesund. Wozu soll ich diesen kleinlichen Ärger ertragen, zumal ich mein Kind verloren habe, an das sich mein Herz hätte klammern können. Besser, ich sterbe und mache damit reinen Tisch! Ich habe die Leute oft sagen hören, man könne sich mit Rohgold umbringen0. Das ist doch sauberer, als wenn ich mich aufhänge oder mir die Kehle durchschneide!“ Nachdem sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, rappelte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe, suchte ein Stück unbearbeitetes Gold heraus, ohne zu wissen, wieviel es wog, und mit Tränen in den Augen schob sie es sich gewaltsam in den Mund. Dann mußte sie mehrmals mit aller Macht schlucken, ehe sie es endlich herunter bekam. Dann zog sie sich in größter Eile ordentlich an, schmückte sich mit ihrem Kopfputz und legte sich auf das Ofenbett. Niemand hatte auch nur das geringste bemerkt. Als die Sklavenmädchen und -frauen die zweite Schwester You am nächsten Morgen nicht rufen hörten, machten sie sich unbekümmert an ihre eigene Toilette, während Hsi-fëng mit Tjiu-tung hinüberging, um den Älteren ihren Morgengruß zu entbieten. Da schalt Ping-örl, die es nicht länger mit ansehen konnte, die Sklavenmädchen: „Ihr seid wirklich nur wert, jemand zu bedienen, der kein Herz im Leibe hat und der euch schlägt und beschimpft, wenn ihr mit einer Kranken kein bißchen Mitleid habt. Wollt ihr nicht zeigen, daß ihr wißt, was sich gehört, auch wenn sie gutartig ist, anstatt daß ihr die Sache so übertreibt und ‚mitschiebt, wenn die Mauer schon im Fallen ist‘?“ Nun machten die Sklavenmädchen die Tür auf, und als sie ins Zimmer traten, entdeckten sie, daß die zweite Schwester You sauber gekleidet und geschmückt tot auf dem Ofenbett lag. Zutiefst erschrocken, schrien und riefen sie durcheinander. Auch Ping-örl trat nun herein, und beim Anblick der Toten begann sie unwillkürlich, laut zu weinen. Auch die anderen wurden, obwohl sie in steter Furcht vor Hsi-fëng lebten, vom Schmerz gepackt bei dem Gedanken, daß die zweite Schwester You nun tot war, die sich doch Tieferstehenden gegenüber wirklich freundlich und nachsichtig benommen hatte und ein besserer Mensch als Hsi-fëng gewesen war, und da weinten sie ebenfalls um sie, wenn auch nicht so, daß sie dabei von Hsi-fëng überrascht werden konnten. Im Nu war der Vorfall im ganzen Anwesen bekannt. Djia Liän kam herein, nahm die Tote in seine Arme und weinte hemmungslos, ohne wieder aufzuhören. Auch Hsi-fëng klagte unter geheuchelten Tränen: „Du hartherzige Schwester! Warum hast du mich hier allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank gelohnt?“ Frau You und Djia Jung kamen ebenfalls herüber, um ein Weilchen zu weinen, und trösteten Djia Liän. Dann erstattete Djia Liän Dame Wang über die Angelegenheit Bericht und bat darum, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufbahren zu dürfen, um sie dann ins Kloster Eiserne Schwelle zu überführen, und Dame Wang gestattete es. Also schickte Djia Liän rasch Leute zum Birnendufthof, die das Tor aufschlossen und die Haupträume leer machten, um den Leichnam dort aufzubahren. Da es nach Djia Liäns Ansicht keine Art war, die Tote durch den Hinterausgang hinauszutragen, ließ er dem Birnendufthof gegenüber eine große Bresche in die Hauptmauer schlagen. Zu beiden Seiten wurden Behelfsbauten aufgestellt und Altäre für die Totenrituale errichtet. Dann wurde die Tote auf eine mit atlasbezogenen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof.