Hongloumeng/de/Chapter 70

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Kapitel 70

林黛玉重建桃花社 / 史湘雲偶填柳絮詞

Lin Daiyu gruendet die Pfirsichblueten-Dichtgesellschaft neu; Shi Xiangyun dichtet zufaellig ein Weidenkätzchen-Lied

berschere aus der Hand und setzte sie direkt an der Haspel an, so daß auch nicht ein Tsun mehr darauf übrigblieb. Ratsch! machte es, als die Schnur durchgeschnitten wurde. „Nun nimm aber auch die Krankheit samt allen Wurzeln mit fort!“ rief Dsï-djüan dem Drachen mit lächelnder Miene nach. Der Drachen taumelte hin und her und entfernte sich dabei immer weiter. Schon war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er nicht mehr zu sehen. Alle hatten den Kopf in den Nacken geworfen, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Macht das Spaß, macht das Spaß!“ Bau-yü aber sagte: „Schade, daß man nicht weiß, wo er herunterkommt! Falls dort Menschen wohnen und Kinder ihn finden, ist es noch gut. Falls er aber in einer wüsten und menschenleeren Gegend herunterkommt, kann ich ihm die Einsamkeit nachfühlen, die er empfinden muß. Der Gedanke daran veranlaßt mich, auch meinen fliegen zu lassen, damit die beiden einen Gefährten aneinander haben!“ Also zerschnitt auch er die Drachenschnur und ließ seinen Drachen genauso fliegen. Gerade wollte Tan-tschun ebenfalls ihre Schnur durchschneiden, da entdeckte sie, daß noch ein zweiter Phönix am Himmel aufgetaucht war, und sagte: „Wer weiß, in wessen Familie man den hat steigen lassen!“ Lächelnd empfahlen ihr die anderen: „Warte noch, bevor du die Schnur durchschneidest! Es sieht so aus, als ob sie sich miteinander verheddern wollten.“ Indem sie das sagten, sahen sie, wie der andere Drachen immer näher kam und schließlich die Bahn von Tan-tschuns Drachen kreuzte. Nun wollten sie die Schnur einholen, aber der Besitzer des anderen Drachens versuchte es genauso. Während so die beiden Drachen nicht voneinander loskamen, näherte sich ihnen noch ein weiterer kunstvoll gearbeiteter Drachen mit dem Schriftzeichen hsi – „Freude“ – darauf, der so groß war wie ein Türflügel und überdies mit Rasseln versehen war, die durch die Luft klangen wie Glocken. „Er wird sich wohl auch noch mit verheddern!“ meinten alle lächelnd. „Hol deine Schnur nicht ein, so ein Kuddelmuddel gibt erst den richtigen Spaß!“ Als sie das sagten, hatte sich die Schnur des „Freude“-Drachens wirklich schon um die der beiden Phönixdrachen geschlungen. Nun wurde von drei Seiten gezogen und geruckt, bis plötzlich alle Schnüre zugleich zerrissen und die drei Drachen schwankend auf und davon segelten. Alle klatschten in die Hände und lachten lauthals darüber, dann kommentierten sie: „Das war ein Spaß! Schade nur, daß wir nicht wissen, wem der ‚Freude‘-Drachen gehört, er hat sich ein bißchen gemein benommen.“ „Meinen Drachen habe ich fliegen lassen, müde bin ich auch, jetzt will ich mich ausruhen gehen“, kündigte Dai-yü an. „So warte doch, bis auch wir unsere Drachen haben fliegen lassen!“ verlangte Bau-tschai, „dann können wir zufrieden auseinandergehen.“ Nach diesen Worten ließen auch alle andere ihre Drachen fliegen, und dann trennten sie sich. Dai-yü aber ging in ihr Zimmer, wo sie sich hinlegte, um zu schlafen. Wer wissen will, wie es weiterging, kann es im nächsten Kapitel erfahren. 71. Mißgunst äußert sich bei passender Gelegenheit, Yüan-yang stößt auf ein verliebtes Paar.

Nachdem Djia Dschëng wieder in der Hauptstadt war und alle seine Amtsgeschäfte erledigt hatte, wurde ihm ein Monat Urlaub gewährt, damit er sich zu Hause erholen konnte. Und da er schon allmählich auf den Lebensabend zuschritt, da seine Pflichten schwer waren und sein Körper gebrechlich wurde, und da er schließlich nach mehrjähriger Abwesenheit, die ihn von seinen nächsten Angehörigen getrennt hatte, jetzt froh in den Schoß der Familie zurückgekehrt war, fühlte er sich unendlich glücklich. So vernachlässigte er nun mehr denn je alle ernsten Geschäfte, ob groß oder klein, und gab sich nur der Lektüre hin. Und wenn er der Bücher überdrüssig war, spielte er mit seinen Hausgästen Schach und trank Wein dabei, oder aber er plauderte wohl auch am hellen Tag in den inneren Gemächern mit seiner Mutter und seiner Frau über die Freuden, die einem Heim und Familie gewähren. Da am dritten Tag des achten Monats dieses Jahres der achtzigste Geburtstag der Herzoginmutter0 war und alle Verwandten und Freunde kommen würden, so daß der Platz für die Festtafeln nicht ausreichen konnte, beriet sich Djia Dschëng rechtzeitig mit Djia Schë, Djia Dschën und Djia Liän, wobei sie übereinkamen, daß vom achtundzwanzigsten Tag des siebenten Monats bis zum fünften Tag des achten Monats im Jung-guo- und im Ning-guo-Anwesen zugleich gefeiert werden sollte. Ins Ning-guo-Anwesen sollten die männlichen, ins Jung-guo-Anwesen die weiblichen Gäste gebeten werden. Im Garten des Großen Anblicks wurden der Brokatbestückte Turm und die Halle des Vortrefflichen Schattens hergerichtet, damit sie den Gästen zum zeitweiligen Aufenthalt dienen konnten. Für den achtundzwanzigsten wurden kaiserliche Schwäger und Schwiegersöhne, Prinzen und Herzöge, Töchter des Kaisers und der kaiserlichen Prinzen, prinzliche Nebenfrauen sowie Mütter und Hauptfrauen hoher Beamter geladen, für den neunundzwanzigsten die Vorsitzenden des Thronsekretariats, die Leiter der Ministerien und des kaiserlichen Haushalts, die Gouverneure und Militärgouverneure der einzelnen Provinzen sowie die Hauptfrauen aller dieser Beamten, für den dreißigsten dann weitere Beamte mit ihren Hauptfrauen sowie enge und ferne Verwandte und Freunde mit ihren Frauen. Am ersten gab Djia Schë sein Fest im Familienkreis, am zweiten Djia Dschëng, am dritten Djia Dschën gemeinsam mit Djia Liän. Am vierten wurde ein Familienfest auf Kosten sämtlicher Sippenangehörigen – groß und klein, vornehm und gering – gegeben, am fünften schließlich ein Fest, das von Lai Da, Lin Dschï-hsiau und den übrigen Verwaltern beider Anwesen gemeinsam finanziert wurde. Von der ersten Dekade des siebenten Monats an wurden in steter Folge Geschenke gebracht. Vom Ritenministerium wurden auf allerhöchsten Befehl als Geschenke des Kaisers ein Glückwunschzepter aus Gold und Jade, vier Längen bunter Brokat, vier Ringe aus Gold und Jade sowie fünfhundert Liang Silber aus der kaiserlichen Schatzkammer überbracht. Außerdem schickte Yüan-tschun durch die Eunuchen eine Goldstatuette des Gottes der Langlebigkeit, einen Krückstock aus Adlerholz, eine Gebetsschnur aus Duftholzperlen, eine Dose „Weihrauch des Glücks und der Langlebigkeit“, ein Paar Goldbarren, vier Paar Silberbarren, zwölf Stücken bunten Brokat und vier jadene Becher. Auch unter den Familien der Prinzen kaiserlichen Geblüts und der Schwiegersöhne des Kaisers sowie aller höheren und niederen Zivil- und Militärbeamten, mit denen die Djias Umgang hatten, war keine, die nicht ebenfalls ihre Gaben schickte. Diese können hier nicht alle aufgezählt werden. In der Haupthalle war ein großer Tisch bereitgestellt worden, der mit rotem Filz bedeckt war und auf dem alle feineren Geschenke aufgebaut wurden, damit die Herzoginmutter sie in Augenschein nehmen konnte. An den ersten beiden Tagen kam sie auch wirklich freudig herüber und sah sich alles an, aber dann hatte sie es satt, wollte nichts mehr sehen und sagte nur: „Sagt Hsi-fëng, sie soll es in Verwahrung nehmen! Ich sehe es mir ein andermal an, wenn ich Langeweile habe.“ Am achtumndzwanzigsten Tag des siebenten Monats glänzten beide Anwesen im Schmuck der Laternen und Seidenrosetten. An den Setzschirmen prangten Phönixbilder, auf den Sitzkissen strahlten Lotosmuster. Die Musik von Flöten und Trommeln drang hinaus in die Straßen und Gassen. Zu Gast ins Ning-guo-Anwesen kamen an diesem Tag nur die Prinzen Bee-djing und Nan-an, der kaiserliche Schwiegersohn Yung-tschang, der Prinz Lë-schan sowie die Träger der Erbtitel einiger Herzogs- und Fürstenhäuser, mit denen die Djias seit Generationen befreundet waren, und ins Jung-guo-Anwesen eine verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an, eine Nebenfrau des Prinzen Bee-djing sowie die Hauptfrauen der befreundeten Herzöge und Fürsten. Im vollen Festschmuck, wie er ihrem jeweiligen Rang entsprach, gingen ihnen die Herzoginmutter und alle anderen zum Empfang entgegen. Nachdem sie einander begrüßt hatten, wurden die Gäste zunächst in die Halle des Vortrefflichen Schattens im Garten des Großen Anblicks gebeten. Erst nachdem sie hier Tee getrunken hatten und austreten waren, verließen sie wieder den Garten und begaben sich in die Halle der Üppigen Glückwünsche hinüber, um ihre Gratulationen vorzutragen und dann zu Tisch zu gehen. Hierbei gab es ein langes Sichzieren, ehe endlich alle Platz genommen hatten. An den beiden Ehrentischen saßen die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an und die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing, an den übrigen Tischen der Rangfolge nach abwärts die Frauen der Herzöge und Fürsten. Am ersten Tisch linkerhand saßen als „begleitende Ehrengäste“ die Frau des Fürsten Djin-hsiang und die des Grafen Lin-tschang, und erst am ersten Tisch rechterhand war der Platz der Herzoginmutter. Hinter ihr standen, angeführt von den Damen Hsing und Wang, Frau You und Hsi-fëng mit den anderen jungen Frauen der Familie in keilförmiger Formation, um aufzuwarten. Außerhalb der Bambusvorhänge waren unter der Aufsicht der Frauen von Lin Dschï-hsiau und Lai Da Sklavenfrauen angetreten, um die Speisen und den Wein hereinzureichen. Hinter den Setzschirmen aber waren unter dem Kommando von Dschou Juees Frau Sklavenmädchen postiert, um etwaige Aufträge entgegenzunehmen. Das Gefolge der Gäste war von weiteren Sklavenfrauen fortgeführt worden, um anderswo bewirtet zu werden. Alsbald erschienen auf der Bühne die Schauspieler, um zuerst ihre Glückwünsche auszusprechen. Vor der Bühne traten zwölf Sklavenjungen in gleichartiger Aufmachung an, die noch zu klein waren, um ihr Haar wachsen zu lassen. Einen Augenblick später erschien am Fuße der Treppe ein weiterer kleiner Sklavenjunge mit dem Repertoirzettel und reichte ihn einer Sklavenfrau, deren Aufgabe es war, Meldungen weiterzuleiten. Erst aus ihren Händen empfing ihn Lin Dschï-hsiaus Frau, legte ihn auf ein kleines Tablett und trat damit durch die Tür, um ihn an die Nebenfrau Pee-fëng zu übergeben, die zu Frau Yous Bedienung gehörte. Aus Pee-fëngs Händen nahm Frau You das Tablett entgegen und trug den Zettel darauf zu den Ehrentischen, wo sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an erst ein Weilchen höflich zierte, ehe sie einen glückverheißenden Titel auswählte. Nachdem sich auch die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing eine Zeitlang geziert hatte, suchte sie ebenfalls eine Szene aus. Anschließend machten auch alle anderen Gäste dieselben Umstände und sagten, man solle nur nach Belieben einige gute Szenen bestimmen, um sie spielen zu lassen. Als nach kurzer Zeit schon die vierte Speise aufgetragen und die Suppe gereicht worden war, verteilte das Gefolge der Gäste die Belohnungen für die Schauspieler. Nachdem alle austreten waren, gingen sie in den Garten zurück, wo feiner Tee serviert wurde. Nun erkundigte sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an nach Bau-yü, und die Herzoginmutter gab lächelnd die Auskunft: „Heute wird in mehreren Tempeln das Sutra zum Erhalt der Gesundheit und zur Verlängerung des Lebens verlesen, und er nimmt daran teil.“ Nach den jungen Mädchen gefragt, sagte die Herzoginmutter, wiederum lächelnd: „Die einen sind krank, die anderen schwächlich, außerdem sind sie scheu gegenüber Fremden. Darum habe ich ihnen gesagt, sie sollen meine Räume beaufsichtigen. Und da genug Schaupielertruppen im Hause sind, habe ich eine davon hinübergeschickt, damit sie bei mir in der Halle vor unsern Mädchen und ihren Kusinen aus den Familien ihrer Tanten etwas vorführt.“ „Wenn das so ist“, sagte die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an, „laßt sie doch durch jemand herüberbitten!“ Also wandte die Herzoginmutter den Kopf nach Hsi-fëng und befahl ihr, sie solle Hsiang-yün, Bau-tschai, Bau-tjin und Dai-yü herüberholen. „Außer diesen bringst du nur das dritte Fräulein zu ihrer Begleitung mit!“ setzte sie noch hinzu. Hsi-fëng ging in die Räume der Herzoginmutter hinüber, wo die Mädchen eben Naschwerk knabberten und dabei dem Theaterspiel zusahen. Auch Bau-yü war gerade von seinem Tempelbesuch zurückgekommen. Als Hsi-fëng ihre Bestellung ausgerichtet hatte, folgten ihr Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Tan-tschun und Hsiang-yün in den Garten, wo sie die Besucherinnen begrüßten und sich nach ihrem Befinden erkundigten. Einige Besucherinnen waren mit den Mädchen bereits bekannt, manche sahen sie zum ersten Mal, aber alle lobten sie ohne Ende. Am vertrautesten war die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an mit Hsiang-yün, darum warf sie ihr lächelnd vor: „Da bist du hier im Hause, aber anstatt herüberzukommen, wenn du hörst, ich sei zu Besuch, wartest du, bis ich dich holen lasse! Morgen werde ich mit deinem Onkel deswegen abrechnen!“ Nun faßte sie mit der einen Hand Tan-tschun, mit der anderen Bau-tschai, erkundigte sich nach ihrem Alter und lobte sie gleich noch einmal in einem fort. Dann ließ sie die beiden wieder los, faßte statt dessen Dai-yü und Bau-tjin bei den Händen, musterte sie sorgfältig und spendete auch ihnen höchstes Lob. „Ihr seid alle so lieb“, sagte sie lächelnd, „daß ich nicht weiß, wen von euch ich am meisten loben soll!“

Aus: Gai Qi 1879. Schon hatte jemand fünf Satz Geschenke zurechtgemacht, die von der verwitweten Nebenfrau des Prinzen Nan-an in Reserve gehalten worden waren, und jedes der Mädchen bekam einen goldenen und einen jadenen Fingerring sowie eine Armkette aus Duftholzperlen. „Lacht bitte nicht über das wertlose Zeug!“ bat die verwitwete Nebenfrau. „Nehmt es und schenkt es euren Mägden!“ Sofort fielen die fünf Mädchen auf die Knie und bedankten sich. Auch von der Nebenfrau des Prinzen Bee-djing bekamen sie fünferlei Geschenke. Was die übrigen gaben, braucht nicht im einzelnen erläutert zu werden. Nach dem Teetrinken spazierten alle ein wenig durch den Garten, und dann bat die Herzoginmutter sie an die Tafel zurück. Aber die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an entschuldigte sich, sie fühle sich nicht recht wohl. „Nicht zu kommen wäre nicht recht gewesen“, sagte sie, „aber jetzt müßt Ihr schon gestatten, daß ich mich verabschiede.“ Die Herzoginmutter konnte sie nicht gut nötigen und begleitete sie deshalb nach einigem höflichen Hinundher bis zum Gartentor, wo diese in ihre Sänfte stieg und sich forttragen ließ. Die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing blieb noch ein Weilchen, dann nahm auch sie Abschied. Von den anderen blieben manche bis zum Schluß, manche auch nicht. Da die Herzoginmutter von den Anstrengungen des Tages erschöpft war, empfing sie die Besucherinnen des nächsten Tages nicht persönlich, und an ihrer Statt mußten sich die Damen Hsing und Wang mit ihnen abgeben. Als die jungen Männer aus den befreundeten Familien erschienen, um der Herzoginmutter ihre Geburtstagsgrüße zu entbieten, wurden sie in die Halle geführt, um sich dort zu verbeugen, und erwidert wurden diese Verbeugungen durch Djia Schë, Djia Dschëng und Djia Dschën, die die Besucher anschließend ins Ning-guo-Anwesen zu Tisch führten. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Frau You ging an all diesen Tagen nicht in das andere Anwesen hinüber. Am Tage betreute sie die Besucherinnen, und bei Nacht schlief sie im Garten des Großen Anblicks in den Räumen von Li Wan. Eines Abends sagte die Herzoginmutter, nachdem Frau You ihr beim Abendessen aufgewartet hatte: „Ihr seid alle müde, und auch ich bin müde, darum seht zu, daß ihr etwas zu essen bekommt, und dann legt euch schlafen. Morgen müssen wir wieder früh aufstehen, um den Trubel über uns ergehen zu lassen.“ Frau You sagte: „Jawohl!“ und zog sich zurück. Dann begab sie sich in die Räume von Hsi-fëng, um zu essen. Hsi-fëng selbst war gerade im zweistöckigen Speichergebäude, um die Leute zu beaufsichtigen, die einen neuen Setzschirm wegstellten, den die Herzoginmutter geschenkt bekommen hatte, und so befand sich in ihren Räumen nur Ping-örl, damit beschäftigt, Hsi-fëngs Kleider zusammenzulegen. Also fragte Frau You: „Hat eure junge Herrin schon gegessen?“ „Würden wir Euch nicht hergebeten haben, junge gnädige Frau, wenn wir gegessen hätten?“ fragte Ping-örl lächelnd zurück. „Wenn das so ist, werde ich zusehen, daß ich anderswo etwas zu essen finde“, sagte Frau You, ebenfalls lächelnd. „Ich halte es vor Hunger nicht mehr aus.“ Und damit wandte sie sich zum Gehen. „Bleibt doch bitte, junge gnädige Frau!“ forderte Ping-örl sie rasch mit lächelndem Gesicht auf. „Hier ist Gebäck. Damit könnt Ihr Euch ein wenig stärken, und nachher kommt Ihr zum Essen wieder!“ „So beschäftigt, wie ihr hier seid, gehe ich lieber in den Garten und falle den Mädchen zur Last“, sagte Frau You und ging nun wirklich hinaus. Da Ping-örl sie nicht zu halten vermochte, mußte sie ihr wohl oder übel ihren Willen lassen. Frau You ging dann geradewegs zum Garten, wobei sie feststellen mußte, daß sowohl das Haupttor als auch die Nebentore des Gartens noch nicht geschlossen waren. Auch brannten noch überall die bunten Laternen. Darum wandte sie den Kopf und befahl einem ihrer kleinen Sklavenmädchen, die diensthabenden Frauen zu rufen. Das Mädchen ging in die Wachstube, aber hier war nicht die Spur eines Menschen, nicht einmal sein Schatten. Also kehrte sie zu Frau You zurück, um ihr dies zu melden. Darauf befahl ihr Frau You, eine von den Verwalterinnen zu holen. Das Mädchen sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus zu der Plattform außerhalb des Innentors, wo die Verwalterinnen ihren Versammlungs- und Beratungsplatz hatten, aber auch hier fand sie nur zwei alte Sklavenfrauen vor, die damit beschäftigt waren, Gemüse und Obst in Portionen zu teilen. Diese fragte sie nun: „Welche von den Verwalterinnen ist hier? Die junge gnädige Frau aus dem Ostanwesen hat ihr auf der Stelle etwas zu sagen.“ Die beiden Alten waren ganz in ihr Geschäft vertieft, und außerdem hörten sie, es handle sich um die junge gnädige Frau aus dem anderen Anwesen. Darum nahmen sie die Sache nicht weiter ernst und antworteten: „Die Verwalterfrauen sind eben nach Hause gegangen.“ „Dann geht ihr zu einer von ihnen nach Hause und holt sie!“ verlangte das Mädchen. „Wir haben hier nur aufzupassen und niemand zu holen“, erwiderten die Alten. „Wenn ihr wollt, daß sie geholt wird, müßt ihr jemand beauftragen, der dazu da ist, Bestellungen auszurichten.“

Aus: Jinyuyuan 1889a.

„Also, ... also, das ist ja Aufruhr!“ empörte sich das Mädchen. „Wieso wollt ihr sie nicht holen? So könnt ihr mit jemand umgehen, der hier neu ist, aber nicht mit mir! Wer holt sie denn sonst, wenn nicht ihr?! Wenn ihr hört, es gibt etwas zu verdienen oder eine der Verwalterfrauen soll ein Geschenk bekommen, dann reißt ihr euch darum, sie zu holen, und würdet am liebsten noch mit dem Schwanz wedeln, jetzt aber wißt ihr nicht, wer wer ist. Würdet ihr genauso antworten, wenn ihr für die Gattin des jungen Herrn Liän jemand holen solltet?“

Die beiden Frauen hatten zuvor Wein getrunken, außerdem hatte das Sklavenmädchen mit seinen Worten an einen wunden Punkt gerührt, und die Scham darüber brachte die beiden in Zorn. Deshalb erwiderten sie: „Daß du dich nicht schämst, solchen Unsinn zu schwatzen! Schließlich ist es unsere Sache, ob wir jemand holen oder nicht, und dich geht das gar nichts an. Außerdem brauchst du uns hier nicht madig zu machen. Denk einmal daran, wie sich deine Eltern vor euren eigenen Verwaltern noch viel mehr lieb Kind zu machen verstehen als wir! Oder hältst du uns vielleicht für blind? Jeder soll nur hübsch vor der eigenen Tür kehren! Wenn du das Zeug dazu hast, kannst du eure Leute drüben ausschmieren, aber bei uns bist du an der falschen Adresse!“ Das Sklavenmädchen war blaß geworden vor Zorn. „Gut, gut, das will ich mir merken!“ sagte sie. Und damit machte sie kehrt und ging zum Gartentor zurück, um Frau You von der Sache zu unterrichten. Aber Frau You war inzwischen längst in den Garten hineingegangen, wo sie Hsi-jën, Bau-tjin und Hsiang-yün traf, die mit zwei Nonnen aus dem Ksitigarbha-Kloster0 plauderten und sich von ihnen Geschichten erzählen ließen. Als Frau You sagte, sie sei hungrig, gingen sie mit ihr in den Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën einen Imbiß – sowohl mehrere Fleischspeisen als auch fleischlose Gerichte – auftun ließ, den sie für Frau You in den Vorraum herausbrachte. Die beiden Nonnen tranken mit Bau-tjin und Hsiang-yün zusammen Tee und erzählten weiter ihre Geschichten. Da trat das kleine Sklavenmädchen von Frau You herein, das sich unverzüglich auf die Suche nach ihr gemacht hatte, und berichtete wutentbrannt in aller Ausführlichkeit, was sie soeben von den beiden alten Sklavenfrauen hatte anhören müssen. „Wer waren die beiden?“ erkundigte sich Frau You sofort mit verächtlichem Lächeln. „Nicht doch!“ mischten sich da die beiden Nonnen ein, und im Verein mit ihnen auch Bau-tjin und Hsiang-yün, die befürchteten, Frau You könnte sich aufregen. „Bestimmt hat sie sich verhört!“ Dann stießen die beiden Nonnen das kleine Sklavenmädchen an und sagten lächelnd: „Du bist aber hitzig, Kind! Du hättest es doch nicht melden müssen, was die beiden dummen alten Weiber gesagt haben. Tagelang hat deine Herrin ihren kostbaren Leib strapazieren müssen, jetzt hat sie noch keinen Schluck getrunken und keinen Happen gegessen, und es war uns erst zur Hälfte gelungen, sie mit unseren Scherzen wieder aufzuheitern, da kommst du und erzählst solche Sachen!“ Hsi-jën faßte das kleine Sklavenmädchen schnell bei der Hand, um es hinauszuführen, und redete ihm lächelnd zu: „Ruh dich draußen erst mal ein bißchen aus, Schwesterchen! Ich werde gleich jemand nach den Verwalterinnen schicken!“ „Laß nicht nach den Verwalterinnen schicken, sondern nach diesen beiden Alten!“ verlangte Frau You. „Und dann laß Hsi-fëng von drüben holen!“ Lächelnd erklärte Hsi-jën: „Ich werde sie herbitten!“ „Nein!“ sagte Frau You. „Du gehst mir nicht!“ Sofort erhoben sich nun die beiden Nonnen von ihren Plätzen und sagten lächelnd: „Ihr wart doch sonst immer großmütig, junge gnädige Frau. Und meint Ihr nicht, daß es Gerede geben würde, wenn Ihr ausgerechnet zum Geburtstag der alten Ahne wütend werdet?“ Auch Bau-tjin und Hsiang-yün redeten mit lächelndem Gesicht begütigend auf Frau You ein. „Wenn nicht der Geburtstag der alten gnädigen Frau wäre, würde ich auf keinen Fall nachgeben“, erklärte Frau You. „Aber so mag es hingehen.“ Inzwischen hatte Hsi-jën schon ein Sklavenmädchen zum Gartentor geschickt, um jemanden von dort zu holen, und dieses Mädchen stieß auf niemand anders als auf Dschou Juees Frau. Also erzählte sie ihr den ganzen Vorfall, und wenn Dschou Juees Frau auch nichts damit zu tun hatte, so genoß sie doch als langjährige Sklavin, die von Dame Wang mit in die Ehe gebracht worden war, einiges Ansehen und hatte es verstanden, sich durch geschickte Schmeicheleien bei der gesamten Herrschaft beliebt zu machen. Als sie sich angehört hatte, was vorgefallen war, lief sie spornstreichs zum Hof der Freude am Roten, trat hier mit schnellem Schritt ins Haus und versicherte dabei lautstark: „Es ist unerhört, wie man Euch so erzürnen konnte, junge gnädige Frau! Bei uns sind jetzt Sitten eingerissen, die einfach nicht zu ertragen sind. Und wie zum Tort mußte ich nicht dabeisein. Wäre ich dabeigewesen, dann hätte ich den beiden auf der Stelle ein paar Ohrfeigen verpaßt, und in ein paar Tagen hätte ich mit ihnen abgerechnet.“ Lächelnd blickte Frau You sie an und sagte: „Gut, daß du da bist, Schwester Dschou! Entscheide du, ob das richtig ist: Um diese Zeit stehen die Tore noch weit offen, und die Laternen brennen noch hell. Alles mögliche Volk kann hier ein- und ausgehen. Was, wenn etwas passiert? Deshalb wollte ich den Diensthabenden sagen, sie sollten die Lampen ausblasen und die Tore zumachen. Dann aber stellte sich heraus, daß keine Menschenseele zur Stelle war.“ „Ist das die Möglichkeit?“ empörte sich Dschou Juees Frau. „Neulich erst hat unsere zweite junge Herrin angeordnet, in diesen Tagen, wo so viel Trubel herrscht und so ein gemischtes Volk im Anwesen ist, sollten die Tore geschlossen und die Lampen gelöscht werden, sobald es Abend wird, und niemand, der nicht in den Garten gehört, sollte mehr eingelassen werden. Und nun war einfach niemand da! Wenn die Feiern erst zu Ende sind, werden wohl einige Leute Schläge bekommen müssen!“ Nun erzählte Frau You noch, was ihr das Sklavenmädchen berichtet hatte, und Dschou Juees Frau sagte: „Regt Euch nicht auf, junge gnädige Frau! Wenn das Fest vorüber ist, werde ich den Verwalterinnen sagen, sie sollen die beiden tüchtig durchklopfen lassen. Und dann sollen sie sich auch erkundigen, wer denen beigebracht hat zu sagen, jeder solle hübsch vor der eigenen Tür kehren. Die Lampen zu löschen und das Haupttor wie die Nebentore zu schließen habe ich schon angeordnet.“ Während es noch aufgeregt hin- und herging, erschien eine Botin von Hsi-fëng, um Frau You zum Essen zu bitten. Diese aber fertigte die Sklavin ab: „Ich habe keinen Hunger, eben erst habe ich etwas Gebäck gegessen! Deine Herrin soll bitte allein essen!“ Dschou Juees Frau, die einige Zeit später auf bequeme Weise fortgehen konnte, erstattete Hsi-fëng über den Vorfall Bericht und setzte dann noch hinzu: „Die beiden Alten gehören zu den Verwalterinnen. Sooft wir mit ihnen sprechen, führen sie sich auf wie bissige Hunde. Wenn Ihr sie nicht verwarnt und belehrt, ist das für die Ehre der älteren jungen Herrin unerträglich.“ „Dann schreib die beiden namentlich auf, und wenn die Feiern vorüber sind, soll man sie gefesselt in das andere Anwesen hinüberbringen, wo meine Schwägerin ihnen nach eigenem Ermessen eine Belehrung erteilen soll. Ob sie ihnen ein paar Schläge gibt oder Gnade walten läßt und ihnen verzeiht, liegt ganz bei ihr“, entschied Hsi-fëng. „Was ist da schon groß dabei?“ Dschou Juees Frau hatte begierig auf jedes Wort gelauscht, denn sie war auf diese Frauen schon lange böse. Als sie Hsi-fëngs Gehöft wieder verlassen hatte, gab sie einem Sklavenjungen den Auftrag, Lin Dschï-hsiaus Frau über Hsi-fëngs Anordnung zu unterrichten und ihr zu sagen, sie solle unverzüglich die ältere junge Herrin aufsuchen. Außerdem gab sie sofort jemandem den Befehl, die beiden alten Sklavenfrauen zu binden und unter Bewachung im Pferdestall einzusperren. Lin Dschï-hsiaus Frau wußte natürlich nicht, was es jetzt, da schon die Lampen brannten, noch zu erledigen gab, aber sie stieg rasch in den Wagen und kam angefahren. Zuerst wollte sie zu Hsi-fëng. Aber als sie vom Innentor aus Bescheid geben ließ, erschien ein Sklavenmädchen, um ihr zu sagen: „Meine Herrin hat sich gerade schlafen gelegt. Die ältere junge Herrin ist im Garten, geht nur zu ihr!“ Also begab sich Lin Dschï-hsiaus Frau in den Garten zum Reisduftdorf. Als die Sklavenmädchen sie drinnen anmeldeten, tat es Frau You leid, daß man sie herbemüht hatte, deshalb rief sie sie schnell herein und sagte ihr mit lächelnder Miene: „Ich hatte nur nach dir gefragt, weil ich jemand von den Leuten suchte und niemand zu finden war. Wer hat dich jetzt rufen lassen, wenn du schon fort warst? Den Weg hast du umsonst gemacht, denn es war weiter nichts Wichtiges, und die Sache hat sich schon erledigt.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lin Dschï-hsiaus Frau: „Die zweite junge Herrin hat jemand geschickt, um mich holen zu lassen, und wie es hieß, wolltet Ihr mir etwas sagen.“ „Nicht doch!“ erklärte Frau You lächelnd, „ich wußte nicht, daß du schon fort warst, und hatte vergeblich nach dir gefragt. Irgend jemand muß das unnötigerweise Schwägerin Hsi-fëng erzählt haben, wahrscheinlich war es Schwester Dschou. Fahr nur wieder nach Hause und ruh dich aus! Es war nichts Besonderes.“ Li Wan wollte noch erklären, was sich zugetragen hatte, doch Frau You hinderte sie daran. Angesichts dieser Umstände hatte Lin Dschï-hsiaus Frau keine andere Wahl, als den Garten wieder zu verlassen. Dabei führte ihr der Zufall Nebenfrau Dschau in den Weg, die lächelnd zu ihr sagte: „Ei, ei, Schwägerin! Was machst du denn noch hier, anstatt zu Hause zu sitzen und dich auszuruhen?“ Lächelnd erklärte ihr Lin Dschï-hsiaus Frau den Grund, sagte ihr, so und so sei es gewesen, und es sei dies eine merkwürdige Geschichte. Nun hatte Nebenfrau Dschau größte Freude daran, solcherlei Dinge genau auszuforschen, und stand stets auf gutem Fuß mit den Frauen von der Verwaltung, um sich mit ihnen auszutauschen, damit sie um so besser ihre Ränke spinnen konnte. Über den Vorfall von vorhin hatte sie schon zu acht, neun Zehnteln Bescheid gewußt, und als sie jetzt die Erklärung hörte, die Lin Dschï-hsiaus Frau ihr gab, erzählte sie dieser, so und so habe sich die Sache zugetragen. „Das war es also!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd. „Aber das ist doch kaum einen Furz wert! Wenn die junge Herrin gnädig ist, wird sie nichts weiter sagen, und selbst wenn sie engherzig sein sollte, gibt es ein paar Schläge dafür, mehr nicht.“ „Schwerwiegend ist die Sache wahrhaftig nicht, meine Schwägerin“, sagte Nebenfrau Dschau darauf. „Aber man sieht doch daran, daß die ein bißchen gar zu hemmungslos sind. Da lassen sie dich extra herholen, um sich offen über dich lustig zu machen und dich an der Nase herumzuführen. Aber fahr jetzt nur nach Hause und ruh dich aus! Morgen ist wieder viel zu tun. Deshalb will ich dich auch nicht noch zum Tee einladen.“ Damit war das Gespräch beendet, und Lin Dschï-hsiaus Frau wollte schon hinausgehen, als am Nebentor die Töchter der beiden Sklavenfrauen von vorhin auf sie zu traten und weinend baten, sie möge ein gutes Wort für ihre Mütter einlegen. „Ihr seid ganz schön dumm“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd zu ihnen, „wer hat denn eure Mütter geheißen, erst zu trinken und dann solchen Unsinn zu reden, daß ein Skandal daraus wurde? Und ich habe nicht einmal davon gewußt. Die zweite junge Herrin hat Leute geschickt, um sie zu binden, und selbst mir hat man Vorwürfe gemacht. Wie käme ich also dazu, für sie zu bitten?“ Aber die beiden Sklavenmädchen waren nicht älter als sieben oder acht Jahre0 und kannten sich deshalb nicht aus. Darum bettelten sie schluchzend weiter und trieben Lin Dschï-hsiaus Frau damit so in die Enge, daß sie schließlich sagte: „Ihr dummen Dinger! Den richtigen Weg laßt ihr außer acht, statt dessen belästigt ihr mich. Du da, deine ältere Schwester ist doch jetzt dem Sohn von Tante Fee, der alten Magd der gnädigen Frau von drüben, zur Frau gegeben worden. Geh also hinüber und erzähl die Sache deiner Schwester, damit ihre Schwiegermutter mit der gnädigen Frau spricht, dann ist alles erledigt!“ Nun wußte die eine, was sie zu tun hatte, aber die andere flehte weiter, bis Lin Dschï-hsiaus Frau ausspuckte und schimpfte: „Dummes Gör! Wenn sie hinübergeht und mit ihrer Schwester spricht, ist doch alles gut. Wieso sollte man nur ihre Mutter laufen lassen, deine Mutter dagegen unbedingt schlagen?“ Mit diesen Worten stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon. Das kleine Mädchen ging dann wirklich zu seiner Schwester, und diese sprach mit der alten Fee. Die alte Fee war von Dame Hsing als Sklavenmädchen mit in die Ehe gebracht worden und hatte früher auch einiges gegolten. Aber weil Dame Hsing in der letzten Zeit bei der Herzoginmutter nicht mehr hoch im Kurs stand, hatte auch ihr gesamtes Gefolge an Macht eingebüßt, und jeder, der hier bei Djia Dschëng über ein bißchen Ansehen verfügte, belauerte die Leute aus Djia Schës Haushalt argwöhnisch wie ein Tiger. Die alte Fee machte gern von den Vorrechten Gebrauch, die ihr auf Grund ihres Alters zustanden, nutzte die Machtstellung von Dame Hsing für sich aus, und wenn sie Wein getrunken hatte, pflegte sie wüst zu zanken, um sich Luft zu machen. Als sie jetzt bei so einem großartigen Anlaß wie dem Geburtstag der Herzoginmutter tatenlos zusehen mußte, wie andere bei der Erledigung von Sonderaufträgen ihren Witz und ihr Talent einzusetzen verstanden und ein großes Gewese darum machten, war sie schon längst verärgert, hatte andeutungsweise geschimpft und gescholten und mit haltlosen Behauptungen für Unruhe gesorgt. Doch in Djia Dschëngs Haushalt nahm niemand sie für voll. Die Nachricht, daß die Schwiegermutter ihres Sohnes auf Befehl von Dschou Juees Frau in Fesseln gelegt worden sei, goß nun erst recht Öl ins Feuer, und mutig geworden durch den Wein, den sie genossen hatte, wies die alte Fee mit der Hand in Richtung der Trennmauer zwischen den beiden Gehöften und schimpfte dabei, was das Zeug hielt. Dann ging sie zu Dame Hsing und sagte, die Schwiegermutter ihres Sohnes habe durchaus nichts verbrochen. „Nur ein müßiges kleines Wortgefecht mit einer Magd der jungen gnädigen Frau aus dem andern Anwesen hat sie gehabt“, beteuerte sie, „doch auf Betreiben von Dschou Juees Frau hat unsere eigene junge Herrin sie gefesselt in den Pferdestall sperren lassen, und nach dem Fest soll sie sogar geschlagen werden. Dabei ist sie eine Frau von weit über siebzig Jahren. Ich bitte Euch, gnädige Frau, sprecht mit der zweiten jungen Herrin, damit sie ihr dies eine Mal noch verzeiht!“ Schon nach der Schlappe, sie in der Sache mit Yüan-yang hatte einstecken müssen, mußte Dame Hsing erleben, wie sie von der Herzoginmutter immer kühler behandelt wurde, während Hsi-fëng ein höheres Ansehen genoß als sie. Und als jetzt die verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an dagewesen war und die Mädchen hatte sehen wollen, hatte die Herzoginmutter zwar Tan-tschun rufen lassen, aber Ying-tschun hatte sie behandelt, als wenn es sie gar nicht gäbe. Deshalb war Dame Hsing schon längst verärgert und mißmutig, ohne daß sie das auch nur hätte zeigen dürfen. Außerdem war Dame Hsing von kleinen Leuten umgeben, die ihre Mißgunst und ihren Groll nicht zu äußern wagten und deshalb nur im Verborgenen Gerüchte in Umlauf setzten, Reibereien verursachten und bemüht waren, ihre Herrin aufzustacheln. Anfangs hatten sie sich nur über die Sklaven aus dem anderen Haushalt beklagt, dann waren sie allmählich auch über Hsi-fëng hergezogen. „Sie schmeichelt sich nur bei der alten gnädigen Frau ein, um Macht zu gewinnen und für ihr eigenes Glück zu sorgen“, sagten sie. „Der junge Herr Liän aber wird von ihr gegängelt, und die zweite gnädige Frau wird von ihr aufgehetzt, damit sie Euch als der eigentlichen gnädigen Frau den schuldigen Respekt verweigert.“ Zu guter Letzt hatten sie sich sogar an Dame Wang selbst herangewagt und behauptet: „Daß die alte gnädige Frau Euch nicht mag, liegt nur daran, daß sie von der zweiten gnädigen Frau und von der Frau des zweiten jungen Herrn gegen Euch scharfgemacht wird.“ Mochte Dame Hsing auch ein Herz aus Eisen und eine Galle aus Bronze haben, aber sie war und blieb doch eine Frau, und so waren ihre Gedanken unvermeidlich auch nicht ganz von Mißgunst frei. Darum war Hsi-fëng ihr in jüngster Zeit zutiefst verhaßt, und als sie jetzt von dem neuesten Vorfall erfuhr, fragte sie nicht viel danach, wer im Recht war und wer im Unrecht. Als Dame Hsing am nächsten Morgen in aller Frühe hinüberging, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, war bereits die ganze Sippe versammelt und hatte Platz genommen, um die Theatervorführung zu sehen. Die Herzoginmutter war in bester Laune, und weil heute niemand von der entfernteren Verwandtschaft anwesend war, sondern nur die Kinder und Kindeskinder aus der eigenen Sippe, erschien sie in bequemer Kleidung und alltäglichem Schmuck, um in der Halle die Geburtstagsgrüße zu empfangen. Mitten im Raum stand eine einzige Ruhebank, komplett mit Kissen, Polstern und Fußbank versehen. Darauf machte es sich die Herzoginmutter bequem.Rings um die Ruhebank standen gleichartige niedrige Schemel, auf denen die Mädchen Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun sie umgaben. Djia Biäns Mutter hatte auch ihre Tochter Hsi-luan mitgebracht, ebenso Djia Tjiungs Mutter ihre Tochter Sï-djiä, und weitere Großnichten der Herzoginmutter aus anderen Zweigen der Sippe waren ebenfalls da, insgesamt an die zwanzig Mädchen verschiedenen Alters. Aber die Herzoginmutter fand nur an Hsi-luan und Sï-djiä Gefallen, die hübsch gewachsen waren und sich in Redeweise und Betragen von der Menge abhoben, weshalb sie den beiden befahl, näher zu kommen und sich bei ihr vor der Ruhebank zu setzen. Bau-yü aber saß mit auf der Ruhebank zu Füßen der Herzoginmutter und klopfte ihr die Beine. Am Ehrentisch war Tante Hsüä plaziert, zu beiden Seiten aber saß die gesamte weibliche Verwandtschaft in der Reihenfolge der Familienzweige und Generationen. Außerhalb der Bambusvorhänge saßen im Säulengang beiderseits vor der Halle die männlichen Sippenangehörigen, ebenfalls nach der Rangfolge geordnet. Zuerst entboten die weiblichen Gäste gruppenweise den zeremoniellen Gruß, dann erst die männlichen. Die Herzoginmutter lehnte derweilen lässig auf ihrer Ruhebank, und ehe sie durch jemand sagen ließ: „Ihr könnt auf die Zeremonie verzichten!“, hatten schon alle den Gruß vollzogen. Anschließend waren unter Lai Das Führung die Männer vom Gesinde an der Reihe, und sie knieten vom Zeremonialtor bis vor die Halle. Nachdem sie alle ihre Stirnaufschläge gemacht hatten, folgten die Sklavenfrauen, dann die Sklavenmädchen aus den einzelnen Wohngebäuden. Das Ganze dauerte genausolange, wie man braucht, um zwei, drei Portionen Reis zu essen. Als nächstes wurden zahlreiche Käfige mit Vögeln gebracht, denen dann im Hof die Freiheit gegeben wurde. Und als Djia Schë mit seinen Helfern zusammen das Opfergeld für den Himmel, für die Erde und für den Stern der Langlebigkeit0 verbrannt hatte, begannen das Theaterspiel und das Weintrinken. In ihre Räume zog sich die Herzoginmutter nicht vor Ende des Hauptteils der Vorführung zurück, um sich auszuruhen, wobei sie die anderen aufforderte, es sich bequem zu machen. Außerdem beauftragte sie Hsi-fëng, sie solle Hsi-luan und Sï-djiä für ein paar Tage dabehalten, ehe sie wieder nach Hause zurückkehrten. Also ging Hsi-fëng hinaus, um mit den Müttern der beiden zu sprechen, und da diese stets nur Wohltaten von ihr empfangen hatten, bedurfte es kaum eines Wortes. Auch die beiden Mädchen waren gern damit einverstanden, sich im Garten zu vergnügen, und so gingen sie zur Nacht nicht mit fort. Als die Gesellschaft am Abend auseinanderging, trat Dame Hsing vor aller Augen mit lächelnder Miene an Hsi-fëng heran und sagte: „Wie ich gehört habe, hast du dich gestern abend geärgert und hast die Frau des Verwalters Dschou losgeschickt, um zwei alte Frauen in Fesseln legen zu lassen, weil sie irgend etwas verbrochen haben. Eigentlich dürfte ich natürlich nicht für sie bitten, aber ich sage mir, heute hat die alte gnädige Frau ihren Ehrentag, und an einem solchen Tag pflegt jeder, selbst wenn er sonst böse ist, Geld und Reis zu verteilen, um den Armen und Alten zu helfen, bei uns dagegen fängt man an, die Leute zu quälen. Nicht um meinetwillen, aber um der alten gnädigen Frau willen laß die beiden laufen!“ Nachdem sie das gesagt hatte, stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon. Als Hsi-fëng diese Worte anhören mußte, noch dazu in Gegenwart so vieler Zeugen, wußte sie im ersten Moment vor Scham und Zorn nicht, was sie tun sollte. Blau angelaufen vor unterdrückter Wut, wandte sie den Kopf nach Lai Das Frau und sagte mit lächelnder Miene: „Was heißt denn das? Weil sich gestern welche von unsern Leuten gegen meine Schwägerin aus dem andern Anwesen vergangen haben und ich Angst hatte, sie könnte das übelnehmen, habe ich es einfach ihr überlassen, die beiden auf freien Fuß zu setzen, denn sie hatten sich ja nicht gegen mich vergangen. Wer hat denn da wieder einmal so einen flinken Zuträger gehabt?“ Jetzt wollte Dame Wang wissen, worum es ging, und lächelnd berichtete Hsi-fëng über den Vorfall vom vergangenen Tag. „Davon habe ja nicht einmal ich etwas gewußt“, erklärte Frau You staunend und lächelte ebenfalls. „Du bist wirklich zu weit gegangen.“ „Da es um deine Ehre ging, wollte ich, daß du ihnen eine Belehrung erteilst. Das ist nicht mehr, als die Etikette verlangt“, verteidigte sich Hsi-fëng. „Wenn umgekehrt ich bei euch drüben beleidigt werde, wirst du mir ja den Schuldigen ebenfalls ausliefern, um mir Genugtuung zu geben. Diese Form darf schließlich nicht verletzt werden, egal um was für einen guten Sklaven es sich handelt. Wer weiß, wer da wieder hinübergelaufen ist, um seinen Diensteifer zu beweisen, und jetzt wird eine Staatsaffäre daraus gemacht.“ „Aber deine Schwiegermutter hat recht“, sagte Dame Wang. „Und schließlich ist auch die Frau deines Vetters Dschën keine Fremde, so daß diese leeren Förmlichkeiten nicht nötig sind.