Hongloumeng/de/Chapter 101

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Kapitel 101

大观园月夜警幽魂 / 散花寺神签惊异兆

e, etwas hinter sich gehört zu haben, ein seltsames Geräusch, wie das Schnüffeln eines Tieres. Ihre Haare standen zu Berge und beim Zurücksehen, erblickte sie etwas Schwarzes und Schimmerndes, eine Nase, spitz zulaufend, in ihre Richtung schnaubend und zwei Augen, die wie Laternen glühten. Sie war starr vor Schreck und stieß einen Hilfeschrei aus. Dann sah sie die Kreatur– sie konnte erkennen, daß es eine Art großer Hund war, nicht weit von ihr entfernt, einen buschigen Schwanz hinter sich her ziehend. Er sprang auf einen Erdhügel, stand stocksteif und drehte sich wieder zu ihr, seine Vorderpfoten wie einen grotesken Gruß in die Luft hebend. Hsi-fëng war in einem Zustand äußerster Panik und schüttelte sich hy­ste­risch – sie eilte so schnell sie konnte in Richtung des Heiteren Herbstateliers. Sie hatte beinahe ihr Ziel erreicht und verbarg sich hinter einem Fels, als sie den flüchtigen Blick eines Menschenschattens wahrnahm, der ihr entgegenkam. Ihr kam das seltsam vor, und sie glaubte, es sei ein Dienstmädchen des Heiteren Herbstateliers. Sie rief: „Wer ist da?“ Sie wiederholte die Frage, doch niemand antwortete. Ihre Furcht vergrößerte sich und in ihrer Verwirrung glaubte sie, eine Stimme hinter sich murmeln zu hören: „Tante, erkennst du mich nicht mehr?“ Sie wirbelte herum und sah den Umriß einer hübschen Person: Da war etwas merkwürdig Bekanntes an ihr, ihre schönen Gesichtszüge und Körpermaße, die moderne Eleganz ihrer Kleidung; und trotzdem konnte sie nicht sagen, welche Schwägerin das sein könnte. „Tantchen,“ fuhr die junge Dame fort, „ich sehe, daß deine Begeisterung für Prunk und Wohlstand immer noch dein ganzes Streben ist. Aber unsere Freundschaft, die wir uns damals für zehntausend Jahre geschworen haben, hast du ins tiefe Meer geworfen.“ Hsi-fëng senkte ihren Kopf, um einen Moment nachzudenken, doch konnte sie sich weder an die Person erinnern, noch an die Situation, auf die sie anspielte. Die junge Dame lachte kalt: „Wie du mich einst geliebt hast! Und heute hast du mich schon völlig vergessen.“ Plötzlich fiel es Hsi-fëng wieder ein. Es war Djia Jungs erste Frau, Schï Tjin. „Oh!“, rief sie, „du bist doch schon lange tot! Was machst du hier?“ Sie spuckte einmal aus und floh. Doch dann stolperte sie über einen Stein, und der Schreck darüber versetzte ihren Sinnen einen Ruck, als ob sie aus einem Traum erwachte. Obwohl ihr Körper vollständig in Schweiß gebadet war und sie immer noch vor Kälte zitterte, war sie nun hellwach und geistes­gegenwärtig und konnte die Umrisse von Hsiau-hung und Fëng-örl erkennen, die in ihre Richtung liefen. Aus Angst, ihre Verwirrung könnte unangenehme Fragen hervorrufen, stand sie schnell auf. „Was habt ihr zwei gemacht?“ schimpfte sie. „Ihr habt eine Ewigkeit gebraucht. Gebt mir schnell meine Jacke.“ Fëng-örl trat vor und half ihr in die Jacke, während Hsiau-hung sie stützte. „Ich war bereits dort“, sagte Hsi-fëng, „sie schlafen alle. Laßt uns nach Hause gehen.“ In großer Hast brach sie mit den Mägden auf. Sie kam an, fand Djia Liän bereits zu Hause und konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, daß er schlechter gestimmt war als gewöhnlich. Obwohl sie fragen wollte, was los war, und wagte es aber in Kenntnis seines Charakters nicht, schnell zu fragen, sondern ging direkt ins Bett. Am nächsten Morgen stand Djia Liän in der Dämmerung auf, um ein frühes Gespräch mit Tchiu Schï-an zu führen, dem Aufseher der Eunuchen im innneren Palastbereich. Er wollte ihn in einer Angelegenheit um Hilfe bitten. Weil er sehr früh aufgestanden war und auf dem Tisch mehrere Berichte vom Vortag lagen, nahm er sie und las sie. Der erste Bericht stammte von der Strafbehörde und beinhaltete eine Denkschrift vom Gouverneur der Provinz Yunnan, Wang Zhong, eine Bande betreffend, die mit dem Schmuggeln von neuartigen Feuerwaffen und Schießpulver in Verbindung gebracht wurde. Die aufständische Bande hatte achtzehn Mitglieder, mit einem Anführer namens Bau Yin. Er wurde von anderen „Page Hsi“ genannt, der eine Anstellung bei Djia Hua hatte, dem Herzog von Dschën-guo. Beim zweiten Artikel handelte es sich um eine Anklage, formuliert von Li Hsiau, dem Magistrat von Sudschou. Der Vorwurf bestand in diesem Fall darin, daß ein gewisser Mandarin sehr nachsichtig mit seiner Dienerschaft umging und ihnen gestattete, ihre Stellung auszunutzen, um mit Hilfe von Soldaten Zivilisten zu mißhandeln. Der Vorwurf bezog sich insbesondere auf eine Vergewaltigung und die darauf folgende Ermordung einer jungen Frau und zweier ihrer Familienmitglieder, begangen von einem Schï Fu, der vorgab, ein Diener des Haushaltes von Djia Fan zu sein, erblicher Adeliger dritten Grades. Djia Liän las die zwei Artikel, fühlte sich sehr unwohl und wollte auch den dritten Artikel lesen, doch er wollte sein Treffen mit dem Eunuchen nicht versäumen. Er zog sich schnell an, aß nichts mehr, trank zwei Schlucke von dem Tee, den Ping-örl ihm eben brachte, verließ das Haus, bestieg sein Pferd und machte sich auf den Weg. Ping-örl räumte seine Kleider weg und ging hinein, um Hsi-fëng zu aufwarten, die immer noch schlief. „Ich habe heute Nacht vernommen, daß Sie kaum geschlafen haben. Erlauben Sie mir, Sie zu massieren, dann können Sie einen Mittagsschlaf halten.“ Hsi-fëng gab keine Antwort und Ping-örl, welche dies als Zustimmung verstand, kletterte auf das Ofenbett, setzte sich neben sie und begann ihre sanfte Massage. Hsi-fëng war kurz davor einzuschlafen, als sie Tchiau-djie im Nebenzimmer weinen hörte. Sie öffnete wieder die Augen. Ping-örl rief: „Amme Li, was ist los bei dir? Du hast aber einen guten Schlaf, wieso gehst du nicht, sie zu beruhigen?“ Amme Li wurde unsanft aus ihrem Schlummer gerissen, war mißgelaunt und ließ ihre Wut an Tchiau-djie aus, indem sie ihr ein paar Ohrfeigen gab und murrte: „Fahr zur Hölle, du verkommenes, kleines Gör! Du Eintagsfliege – sei ruhig und schlaf, anstatt dich zu benehmen, als ob deine Mutter tot wäre – um diese gottlose Uhrzeit schon zu brüllen!“ Sie knirschte mit den Zähnen und gab dem Kind obendrein einen Kniff. Tchiau-djie begann sofort wieder zu brüllen. „Um Himmels willen, hör’ dir das an!“, rief Hsi-fëng. „Sie schlägt ein Kind! Gib ihr eine Tracht Prügel, dieser elenden alten Hexe! Und bring mein Schätzilein zu mir.“ – „Seien Sie nicht so verärgert, Herrin“, sagte Ping-örl mit einem beschwichtigenden Lächeln. „Die Amme Li würde nicht daran denken, Tchiau-djie irgend etwas anzutun. Es muß ein Unfall gewesen sein. Wenn wir sie schlagen, wird das Gerede kein Ende nehmen. Ich kann es schon hören: ‚Die Diener werden hier schon vor der Morgendämmerung geschlagen!‘ “ Nach einer langen Pause seufzte Hsi-fëng tief: „Im Moment bin ich noch im besten Alter. Wenn ich aber bald sterbe, bleibt nur noch diese Kleine übrig. Was soll sie denn tun?“ „Wie können sie so sprechen, Herrin?“, sagte Ping-örl und versuchte dabei zu lächeln. „Laßt den Tag nicht mit so einer bitteren Bemerkung beginnen.“ Hsi-fëng lächelte bitter: „Was stimmt dich so optimistisch? Mein Leben wird nicht mehr lange dauern. Ich weiß es seit einiger Zeit. Wenn ich die letzten fünfundzwanzig Jahre überblicke, kann ich mich nicht beklagen. Ich habe Dinge gesehen und ausprobiert, die die meisten Leute noch nicht gesehen haben. Ich habe mehr als nötig Wohlstand und Luxus genossen. Ich konnte jeder Laune nachgehen, keinem gelang es, mich zur Besserung zu bringen. Wenn es meine Bestimmung ist, jung zu sterben, dann muß ich das akzeptieren.“ Als Ping-örl das hörte, kullerten ihr Tränen aus den Augen. Hsi-fëng lachte: „Tu nicht so, als täte ich dir leid! Du wirst dich noch freuen, wenn ich tot und aus dem Weg bin. Dann könnt ihr alle ein glückliches und friedliches Leben führen, ohne diesen ‚Stachel im Auge‘. Doch um eines bitte ich dich: Was auch immer passiert, vergiß mein kleines Mädchen nicht.“ Ping-örl brach nun völlig in Tränen aus. Hsi-fëng lachte wieder: „Um Himmels willen, reiß dich zusammen! Ich werde ja nicht jetzt sofort sterben. Es ist zu früh zum Weinen. Es sei denn, du willst mich vorzeitig ins Grab schicken.“ Ping-örl trocknete ihre Tränen: „Ich fand es sehr erschütternd, was Sie sagten, Herrin.“ Sie massierte ihren Rücken weiter und endlich schlief Hsi-fëng ein. Ping-örl war gerade vom Ofenbett geklettert, als sie draußen Schritte hörte. Es war Djia Liän. Er hatte sein Treffen beendet, und als er ankam, war der Eunuch Tchiu bereits zu Hofe gegangen. So mußte er unverrichteter Dinge zurück nach Hause und war offensichtlich schlecht gelaunt. Als er Ping-örl sah, fragte er zuerst: „Sind die anderen noch nicht wach?“ – „Nein, Herr.“ Er warf den Vorhang zur Seite, betrat den inneren Raum und rief sarkastisch: „Fantastisch! Immer noch im Bett um diese Uhrzeit. Füße hoch und Däumchen drehen in Zeiten einer Familienkrise!“ Er verlangte ungeduldig nach Tee, und Ping-örl eilte, um ihm eine Tasse zu besorgen. Früher am Morgen, nach Djia Liäns Aufbruch, waren die Mägde und Diener wieder schlafen gegangen, und da niemand ihn so früh zurück erwartet hatte, war der Haushalt noch in einem Zustand totaler Unordnung. Es gab keinen frischen Tee und das Beste, das Ping-örl bringen konnte, war eine Tasse mit aufgewärmtem Tee. Als Djia Liän dies entdeckte, wurde er rasend und warf seine Tasse zu Boden. Das Geräusch des Zerbrechens ließ Hsi-fëng wieder aufwachen, und sie erhob sich in kaltem Schweiß gebadet, schrie in Panik auf und starrte mit weit aufgerissenen Augen um sich. Sie sah ihren Gatten neben dem Ofenbett in rasender Wut sitzen und Ping-örl die Scherben einer zerbrochenen Schale aufsammeln. „Warum bist du so früh zurück?“, fragte sie. Nach einer langen Pause wiederholte sie die Frage und dann schrie er sie an: „Wäre es dir lieber, ich wäre gar nicht nach Hause gekommen? Wünschst du, ich wäre irgendwo da draußen tot umgefallen?“ „Das ist ja wohl nicht nötig, oder?“, sagte Hsi-fëng unbehaglich lächelnd. „Ich fragte mich nur, warum du so früh wieder zurück bist, das ist alles. Es ist nichts, worüber du dich aufregen mußt.“ – „Es ist mir wieder nicht gelungen, den Mann wiederzusehen. Also mußte ich ja wohl wieder nach Hause kommen.“ Seine Stimme klang immer noch gereizt. „In diesem Fall“, sagte Hsi-fëng, immer noch ein sanftes Lächeln versuchend, „mußt du nur geduldig sein und bis morgen warten. Morgen gehst du halt noch eher hin und wirst ihn bestimmt antreffen.“ „Ich muß mir mein Essen selbst verdienen,“ schrie Djia Liän, „und dann noch immer für andere Leute arbeiten. Meine eigenen wichtigen Angelegenheiten häufen sich und bleiben unerledigt. Grundlos muß ich für andere Menschen Sachen erledigen. Blind verbringe ich meine Tage. Wozu ist das gut? Ich bin ohne Ende herumgezogen, und nur der Himmel weiß, warum die eigentlich betroffene Person zu Hause sitzt und es sich gut gehen läßt! Sie scheint nicht ein bißchen betroffen zu sein. Im Gegenteil, sie hatte sogar die Nerven, eine riesige Geburtstagsfeier zu veranstalten, mit Trommeln, lauter Musik, Banketten und Theater – während ich überall herumrenne und versuche, uns von diesen Schwierigkeiten zu befreien!“ Er spuckte auf den Boden und las auch eine Weile Ping-örl die Leviten. Hsi-fëng schluckte vor Empörung. Zuerst wollte sie alles mit ihm ausdiskutieren. Doch nach einiger Überlegung meinte sie, es sei ratsamer, sich zurückzuhalten und versuchte immer noch ein krampfhaftes Lächeln zu bewahren: „Doch warum gerätst du darüber so in Rage? Und warum beschimpfst du mich schon so früh am Morgen? Habe ich dich jemals um diesen Gefallen gebeten? Wenn du es versprochen hast, dann mußt du etwas geduldig sein und das Ganze für andere Leute erledigen. Es ist trotzdem unfaßbar, daß jemand in so ernsten Schwierigkeiten in der Stimmung für Feiern und Spiele sein kann.“ Djia Liän: „Ganz genau! Doch warum gehst du nicht rüber und fragst ihn persönlich?“ Hsi-fëng fragte überrascht: „Wen fragen?“ Djia Liän: „Deinen Bruder.“ Hsi-fëng: „Meinen Bruder?“ Djia Liän: „Natürlich! Wen denn sonst?“ Hsi-fëng fragte betroffen zurück: „Was hat er wieder, daß er dich darum gebeten hat?“ Djia Liän: „Hat man dich etwa in eine Vase eingesperrt, daß du nichts davon mitbekommen hast?“ Hsi-fëng: „Wie merkwürdig, aber ich weiß keine Silbe davon. Woher sollte ich wissen, daß er in so außerordentlichen Schwierigkeiten ist!“ Djia Liän: „Natürlich kannst du nichts davon wissen. Sogar die Dame Wang und Frau Hsüä wissen es nicht. Einerseits möchte ich sie nicht beunruhigen, und andererseits sagst du mir öfter, daß du dich nicht wohl fühlst. Deshalb wollte ich das Ganze von euch fern halten. Die geringste Erwähnung dessen macht mich wütend. Selbst heute hätte ich es dir nicht erzählt, wenn du mich nicht danach gefragt hättest. Ich zweifle nicht daran, daß dein Bruder ein fabelhafter Kerl ist! Doch weißt du, wie die Leute ihn nennen?“ Hsi-fëng: „Wie denn?“ Djia Liän: „Wang Jën.“ Hsi-fëng lachte ein wenig verwirrt. „Aber er heißt doch Wang Jën, also ‚König der Menschlichkeit‘?“ Djia Liän: „Das denkst du. Aber draußen nennt man ihn mit einem anderen Zeichen für Wang, in der Bedeutung ‚Blind für alle Formen menschlicher Ehrbarkeit‘!“ Hsi-fëng: „Warum? Das ist eine Beleidigung! Welcher Unwürdige macht ihn so schlecht?“ Djia Liän: „Man hat ihn nicht schlecht gemacht! Ich könnte dir ja auch die Wahrheit sagen, dann weißt du, was für eine Art Mensch dein Bruder ist. Was ist mit dieser Geburtstagsfeier, die er für Onkel Dsï-scheng veranstaltet?“ Hsi-fëng dachte einen Moment nach und sagte: „Oh! Aber ja, wo du es gerade erwähnst, dazu wollte ich dich noch etwas fragen: Bestimmt fällt Onkel Dsï-schengs Geburtstag in den Winter. Bau-yü war jedes Jahr dort. Wie seltsam! Ich erinnere mich ganz genau. Als Onkel Dschëng befördert wurde und Onkel Dsï-scheng diese Schauspieler hinüberschickte, habe ich es mir genau eingeprägt. Ich habe damals ja noch heimlich darüber gesprochen, daß Onkel Dsï-scheng Leute immer etwas geizig behandelte, er konnte es nicht mit Onkel Dsï-teng aufnehmen. In der Tat konnte man die beiden Brüder nicht vergleichen. Denk’ nur an die saloppe Art, wie Onkel Dsï-scheng sich benahm, als Onkel Dsï-teng starb. Ich erinnere mich, wie er sagte, daß wir ihm an seinem nächsten Geburtstag einige Schauspieler als Erwiderungsgeste schicken sollten. Doch es ist noch viel zu früh in diesem Jahr, um seinen Geburtstag zu feiern. Was geht da vor sich?“ Djia Liän: „Du hast immer noch nicht die geringste Idee, oder? Das allererste, was dein Bruder Jen tat, als er in die Hauptstadt zurückkehrte, war, durch die Einrichtung einer Gedenkstätte seinen Nutzen aus Onkel Dsï-tengs Tod zu ziehen. Aus Angst, wir würden das Unternehmen unterbinden, erzählte er uns nichts. Die Begräbnisgeschenke brachten ihm mehrere tausend Tael ein, das kann ich dir sagen. Onkel Dsï-scheng war wütend, von ihm in die Ecke getrieben worden zu sein. Dies brachte deinen Bruder in eine Notlage. Deshalb wählte er für sein nächstes Projekt Onkel Dsï-schengs Geburtstag, die perfekte Gelegenheit, noch mehr Geld für sich zu verdienen und Dsï-scheng mit dem Geschäft zu versöhnen. Er ließ sich nicht davon zurückhalten, daß Familie und Freunde wußten, daß Onkel Dsï-scheng vor dem nächsten Winter keinen Geburtstag hat. Was die Familie oder die Leute denken, kümmert ihn nicht! Er kennt das Wort ‚Stolz‘ nicht! Und jetzt, als Gipfel von allem, erzähle ich dir, warum ich heute so früh aufgestanden bin. Zur Zeit gibt es eine Denkschrift vom Zensorat. Das hängt irgendwie mit den gegenwärtigen Unruhen an der Küste zusammen. Die Formulierung bezieht sich auf ‚die Defizite, die Wang Dsï-teng nach seiner Amtszeit hinterließ’, und es wird vorgeschlagen, dieses Defizit könne ‚von seinem jüngeren Bruder Wang Dsï-scheng und seinem Neffen Wang Jën wieder gutgemacht werden‘. Die zwei haben das wohl mitbekommen, waren besorgt und baten mich, für sie ein paar Fäden zu ziehen. Ich sah, daß die beiden so erschreckt waren, und außerdem wollte ich dich und die Dame Wang damit nicht in Mitleidenschaft ziehen. Ich stimmte also zu. Ich hatte gehofft, der alte Tchiu im Inneren Palast könnte mir helfen, etwas an Onkel Dsï-tengs Nachfolge zu drehen. Doch ich war zu spät, verdammt, er war bereits am Hof. Deshalb war ich so früh am Morgen auf und lungerte umsonst herum, während er sich mit Schauspiel und Feiern beschäftigte! Wenn das nicht reicht, um einen Mann zum Kochen zu bringen, dann verstehe ich die Welt nicht mehr!“ Hsi-fëng fühlte, daß sie sich für ihren Bruder einsetzen mußte, teilweise aus dem Grund, niemals eine Niederlage zuzugeben, teilweise aus dem Grund familiärer Loyalität. Als sie Djia Liäns Urteil hörte, sagte sie: „So unmöglich er sich auch verhalten haben mag, er ist immer noch Dein Schwager. Wenn du ihm hilfst, tust du meinen beiden Onkeln einen Gefallen, dem lebenden und dem toten. Es gibt nicht viel zu sagen. Unsere Familienehre steht auf dem Spiel, deshalb bitte ich dich um diese Hilfe. Es läßt sich nicht vermeiden, daß ich dich darum bitte, so können wir auch vermeiden, daß andere Leute darunter leiden müssen. Wenn sie nämlich darunter leiden müßten, wäre ich diejenige, die von den Leuten beschimpft würde.“ Hsi-fëng brach in Tränen aus. Sie schlug die Decke zurück, setzte sich auf, steckte die Haare zusammen und zog ein Kleid an.

„Es gibt keinen Grund, dich so aufzuführen“, sagte Djia Liän, „es ist dein Bruder, der sich so furchtbar benahm. Ich habe ja nichts gegen dich gesagt. Ich stand heute morgen früh auf, und dir ging es nicht so gut. Als ich wiederkam, schliefen alle anderen. Unsere Eltern hätten ein solches Verhalten niemals geduldet. Du bist zu nachsichtig geworden. Du willst es jedem recht machen, das ist dein Problem. Immer, wenn ich etwas Kritisches sage, schleppst du dich protestierend aus dem Bett. Wenn ich den Dienern meine Meinung sage, verteidigst du sie noch. Das ist zu absurd!“

Hsi-fëng trocknete ihre Augen. „Es ist spät“, sagte sie, „ich wollte ohnehin jetzt aufstehen.“ Nach einer Pause fuhr sie fort: „Wenn es das ist, was du fühlst, versuch’ bitte, für die Familie zu tun, was du kannst, um meinetwillen. Und nicht nur um meinetwillen, du weißt, wie dankbar die Dame Wang und Frau Hsüä sein werden.“ – „Schon gut, schon gut,“ grummelte Djia Liän. „Rede nicht soviel dummes Zeug.“ – „Warum stehen Sie so früh auf, Herrin?“, fragte Ping­-örl. „Es ist noch zu früh für Sie. Der Herr hat schlechte Laune und läßt es an uns aus. Hat Fräulein Liän in der Vergangenheit nicht genug durchgemacht? Wie mußte sie alles alleine erledigen! Vielleicht sollte ich das nicht sagen, der Herr hat ja schon genug das genossen, was andere für ihn gemacht haben. Wenn er dieses Mal für Sie etwas tut, warum muß er noch übertreiben? Das ist in meinen Augen so, als wenn er den Zucker als Essig ausgibt. Er kümmert sich nicht darum, daß die anderen sich verletzt fühlen. Es ist ja vor allem nicht nur eine Sache für Sie. Wir sind heute spät aufgestanden, und es ist sein Recht, böse auf uns zu sein – wir sind ja nur die Diener. Doch wenn Sie bedenken, wie schwer Sie gearbeitet und ihre Gesundheit ruiniert haben, erscheint es unhöflich von ihm, jetzt mit Ihnen Streit anzufangen!“ Ping-örls Augen wurden rot. Djia Liän, der eigentlich den Bauch voller Wut hatte, konnte seiner verführerischen Ehefrau und der anziehenden Dienstmagd nichts entgegensetzen. Er bemerkte sowohl die harsche Kritik als auch die weibliche Zartheit. Er musterte sie und mußte dann lachen: „Also gut, es ist genug, vergessen wir es“, sagte er. „Sie allein reicht ja noch nicht, du mußt ihr auch noch helfen. Ich weiß, ich bin hier ohnehin ein Außenstehender, und ihr werdet erleichtert sein, wenn ich früher oder später sterben werde.“ „Sprich nicht so“, sagte Hsi-fëng. „Wer weiß, was jedem von uns zustoßen kann? Wenn du nicht stirbst, sterbe vielleicht ich. Je früher, desto eher wird mein Herz endlich Ruhe finden.“ Sie fing wieder an zu weinen und Ping-örl versuchte, sie zu trösten. Es war heller Tag, und die Sonne schien durch das Fenster. Djia Liän, der keine Aussicht mehr sah, die Diskussion aus ihrem Engpaß zu führen, brach auf. Hsi-fëng war beinahe mit ihrer Toilette fertig, als eine der jüngeren Mägde der Dame Wang eintrat: „Meine Herrin fragt, ob sie ihren Onkel heute besuchen werden, Herrin, und fragt, ob sie Frau Bau-tschai mitnehmen können?“ Hsi-fëng fand die Szene von vorhin sehr niederdrückend. Es war zutiefst demütigend, daß ihre Familie sie derart im Stich ließ. Zusätzlich litt sie immer noch unter dem Schrecken ihrer Begegnung im Garten am letzten Abend und fühlte sich nicht in der Stimmung für einen Ausflug. „Sag’ der Dame Wang, daß ich mich noch um einige Dinge kümmern muß und heute nicht gehen kann. Außerdem gibt es ja dort keine wichtige Angelegenheit. Wenn Frau Bau-tschai gehen möchte, soll sie ruhig hingehen.“ – „Ja, Herrin Die Magd kehrte mit dieser Nachricht in die Gemächer der Dame Wang zurück. Als sie sich zurecht gemacht und angekleidet hatte, überlegte Hsi-fëng, daß sie, auch wenn sie nicht zu der Feier ging, wenigstens eine Nachricht schicken sollte. Nebenbei, Bau-tschai war noch nicht lang verheiratet und wäre wahrscheinlich zu nervös, alleine zu gehen. Sie entschloß sich, sie zu besuchen, wenn auch nur, um ihr moralische Unterstützung zu bieten. Sie machte der Dame Wang kurz ihre Aufwartung, wechselte ein paar Worte, entschuldigte sich unter irgendeinem Vorwand und begab sich zu Bau-yüs Gemächern. Er lag voll angekleidet auf dem Ofenbett und starrte wie in Trance Bau-tschai an, die ihre Haare kämmte. Hsi-fëng stand eine Weile in der Tür. Bau-tschai war es, die sich zufällig umdrehte, sich schnell erhob, als sie sie dort stehen sah und sie bat, sich zu setzen. Bau-yü kletterte auch von seinem Ofenbett herunter, als Hsi-fëng sich mit einem verspielten Lächeln im Gesicht setzte. Bau-tschai ermahnte Schë-yüä: „Warum hast du nicht gesagt, daß Frau Liän hier ist?“ Schë-yüä lachte: „Als Frau Liän kam, gab sie uns ein Zeichen, ruhig zu sein.“ Hsi-fëng wandte sich zu Bau-yü: „Also, worauf wartet ihr? Vorwärts! Im Ernst, ich habe noch nie ein so großes Baby gesehen. Eine Dame möchte sich allein herrichten, und du mußt danebenklettern und sie anstarren! Meine Güte, ihr seid jetzt Mann und Frau, habt ihr euch noch nicht genug angeschaut. Und was ist mit den Mägden? Hast du keine Angst, daß sie sich über euch lustig machen?“ Hsi-fëng kicherte und beäugte Bau-yü, schüttelte dabei höhnisch den Kopf. Ihre Worte schienen weder Eindruck auf ihn gemacht zu haben noch ließen sie ihn sich unbehaglich fühlen. Bau-tschai errötete zutiefst aus Scham, zuhören zu müssen, war jedoch zu verlegen, um zu antworten. Hsi-jën kam mit etwas Tee herein und Bau-tschai bemühte sich, ihre Verlegenheit zu überspielen, indem sie Hsi-fëng eine Pfeife mit Tabak anbot. Hsi-fëng erhob sich und nahm dankend an. „Kusine Bau-tschai, beachte uns nicht! Solltest du dich nicht besser schnell anziehen?“ Bau-yü trottete derweil herum, suchte einen Moment nach etwas und spielte im anderen mit etwas herum. „Nun verschwinde schon!“, sagte Hsi-fëng. „Wer hat jemals von einem Ehemann gehört, der darauf wartet, daß seine Frau fertig wird?“ „Die Kleider sind nicht die Richtigen“, sagte Bau-yü. „Der Goldpfauenumhang, den Großmutter mir beim letzten Mal zu tragen gab, als ich bei Onkel Dsï-scheng war, gefiel mir deutlich besser.“ – „Nun, dann geh und zieh ihn für dieses Mal an“, sagte Hsi-fëng neckend. „Wie denn das? Es ist zu früh im Jahr.“ – Hsi-fëng erkannte, daß sie versehentlich die Aufmerksamkeit auf den falschen Zeitpunkt (und darüber hinaus die arglistige Natur) der Feier ihres Onkels gelenkt hatte. Es kümmerte sie dabei nicht zu sehr Bau-tschai, die selbst mit den Wangs verwandt war. Doch sie war überrascht, es riskiert zu haben, ihre eigene Familie vor den Mägden diskreditiert zu haben. Hsi-jën, die an verschiedene Sachen dachte, fügte schnell eine Erklärung für Bau-yüs Worte hinzu: „Ich glaube, sie verstehen nicht, Herrin. Er würde den Umhang nicht tragen, selbst wenn es die richtige Jahreszeit wäre.“ „Warum denn nicht?“, fragte Hsi-fëng. „Ich sollte erklären, Herrin“, antwortete Hsi-jën, „alles, was unserem Herrn Bau-yü widerfährt, ist, als käme es aus einer überirdischen Sphäre. Die gnädige Herrin gab ihm den Umhang, um ihn zum Geburtstag von Onkel Wang vor zwei Jahren zu tragen. Er hatte einen Unfall und brannte ein Loch hinein. Meine Mutter war zu der Zeit sehr krank, und ich war zu Hause, um nach ihr zu sehen. Tjing-wën war auch bei uns, obwohl sie bereits krank war, und man sagte mir, als ich zurück war, daß sie die ganze Nacht wach geblieben sei, um den Mantel zu stopfen. Die Flickstelle war so ordentlich, daß die gnädige Herrin es am nächsten Tag nicht bemerkte. An einem Tag im letzten Jahr, als es sehr kalt war, trug ich Bee-ming auf, den Umhang mit zur Schule zu nehmen für den Fall, daß Bau-yü etwas Wärmeres zum Anziehen bräuchte. Doch sein Anblick erinnerte Bau-yü an Tjing-wën, und er sagte, er wolle den Umhang nie wieder tragen. Er trug mir dann auf, ihn wegzuschaffen.“ „Arme Tjing-wën!“ warf Hsi-fëng ein, bevor Hsi-jën zu Ende gesprochen hatte. „So ein hübsches Mädchen! Und so geschickt mit ihren Händen! Wäre sie nur nicht so vorlaut gewesen. Die Dame Wang hat von irgendwoher von ihrer großen Klappe gehört, so daß sie das Mädchen unsanft behandelt und in ihren frühen Tod getrieben hat. Das erinnert mich an etwas. Vor nicht allzu langer Zeit sah ich die Tochter der Köchin Liu – Wu-örl muß ihr Name sein – und meinte bemerkt zu haben, daß Tjing-wën ihr wie ein Ei dem anderen glich. Ich überlegte, sie bei mir einzustellen, und ihrer Mutter gefiel die Idee auch. Dann dachte ich daran, was für ein guter Ersatz sie für Hsiau-hung in Bau-yüs Gemächern wäre. Doch Ping-örl sagte mir, es sei die Richtlinie der Dame Wang, keine hübschen Mädchen wie Tjing-wën mehr für Bau-yü einzustellen. So verwarf ich meine Idee. Jetzt, da er verheiratet ist, bin ich sicher, daß es keine Bedenken mehr gibt. Sag’ Wu-örl, sie kann hier direkt mit der Arbeit anfangen. Ich weiß aber nicht, ob Herr Bau-yü das möchte? Wenn er Tjing-wën vermissen sollte, muß er nur Wu-örl anschauen.“ Bau-yü wollte gerade das Zimmer verlassen, doch als Hsi-fëng Wu-örl erwähnte, blieb er wie benebelt stehen. Hsi-jën sprach für ihn: „Das würde ihm sicher gefallen. Er wollte sie schon lange als Magd, doch wußte er, daß die Dame Wang dagegen war.“ – „Gut, dann sag’ ihr, sie soll morgen kommen“, sagte Hsi-fëng. „Was die Dame Wang angeht, da gibt es ja mich noch.“ Bau-yüs Freude kannte keine Grenzen, und er begab sich frohen Mutes zu den Gemächern der Herzoginmutter. Er verließ dabei Bau-tschai, sodaß sie sich zu Ende anziehen konnte. Hsi-fëng bemerkte schnell den Gegensatz zwischen der Art, wie verliebt Bau-yü und Bau-tschai aneinander hingen, und ihrem eigenen Konflikt mit Djia Liän. Sie wurde traurig und konnte nicht mehr weiter da sitzen. Sie erhob sich und sagte zu Bau-tschai mit einem aufgesetzten Lächeln: „Sollen wir jetzt gehen und nach Tante Wang sehen?“ Immer noch lächelnd ging sie aus dem Zimmer und Bau-tschai begleitete sie. Zunächst gingen sie zu den Gemächern der Herzoginmutter, wo sie Bau-yü fanden, der sie über den geplanten Ausflug zu Onkel Wang Dsï-scheng informierte. Die Herzoginmutter nickte: „Dann geh! Doch trinke nicht zu viel und komm früh nach Hause! Vergiß nicht, daß es dir gerade erst wieder besser geht!“ – „Ja, Großmutter“, sagte Bau-yü. Er hatte gerade den Hof erreicht, da kehrte er um und ging wieder in den Hof, beugte sich zu Bau-tschai und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie lächelte: „Aber natürlich. Dann ab mit dir!“ Die Herzoginmutter, Hsi-fëng und Bau-tschai setzten sich zu einer Unterhaltung und hatten eben einige Sätze ausgetauscht, da erschien Tjiu-wën: „Der junge Herr hat Bee-ming mit einer Nachricht für Frau Bau-tschai zurückgeschickt.“ Bau-tschai: „Was hat er denn jetzt vergessen?“ Tjiu-wën: „Ich trug einer der jüngeren Mägde auf, Bee-ming zu fragen. Die Nachricht lautet: ‚Der junge Herr vergaß, Frau Bau-tschai etwas zu sagen. Wenn sie kommt, soll sie sich beeilen; und wenn nicht, soll sie aufpassen, daß sie nicht im Zug steht und sich erkältet‘.“ Die Herzoginmutter, Hsi-fëng und die ganze Versammlung der älteren Di-enstmädchen und Mägde brachen in Gelächter aus. Bau-tschai, die stark errötete, sagte zu Tjiu-wën mit einem höhnischen „Pfui“: „Dumme Kreatur! Muß man deswegen in so einer Eile zurückrennen?“ Tjiu-wën kicherte und schickte eine jüngere Magd, um Bee-ming zu schelten. Dieser ging schnell zu Bau-yü und rief dabei der Magd über die Schulter zu: „Der junge Herr bestand auf der Ausführung dieses irrsinnigen Botengangs. Wenn ich diese Nachricht nicht überbracht hätte, hätte ich Ärger mit ihm bekommen, und jetzt, wo ich es erledigt habe, bekomme ich von denen Ärger!“ Die Magd lachte und rannte zurück, um dies den Damen zu berichten. Die Herzoginmutter wandte sich an Bau-tschai: „Du solltest besser gehen, Liebes, bevor er sich unnötige Sorgen macht.“ Bei dieser und Hsi-fëngs erbarmungsloser Hänselei wurde Bau-tschai zu verlegen, um noch länger zu bleiben. Als Bau-tschai aufgebrochen war, kam Da-le, eine der Schwestern aus dem Konvent der Verstreuten Blumen, um mit der Herzoginmutter zu sprechen. Sie grüßte auch Hsi-fëng, setzte sich und nahm etwas Tee. „Warum hast du uns so lange nicht mehr besucht?“, fragte die Herzoginmutter. „In den letzten Tagen gab es im Konvent so viele Dienste zu verrichten“, antwortete Da-le, „und so viele große Damen kamen, um ihre Ergebenheit zu bezeugen. Ich hatte kaum einen Moment für mich. Heute habe ich einen besonderen Grund, die gnädige Herrin zu besuchen. Wir haben morgen eine private Aufwartung, an der Sie, wie ich hoffe, vielleicht teilnehmen möchten.“ „Was für eine Aufwartung?“, fragte die Herzoginmutter. „Letzten Monat“, antwortete Da-le, „war der Haushalt von Herrn Wang von Geistern betroffen. Seine Frau Gemahlin sah sogar in der Nacht den Geist ihres verstorbenen Mannes. Sie kam gestern zum Konvent, um es mir zu erzählen und zündete Räucherstäbchen vor dem Schrein der Bodhisattva der Verstreuten Blumen an. Es werden neunundvierzigtägige Feierlichkeiten abgehalten zur Reinigung aller Seelen auf dem Land und auf der See, für die Erhaltung und den Frieden aller Familienmitglieder, für den Aufstieg in die himmlischen Gefilde aller Seelen und für das Wohlergehen im Diesseits für alle Lebenden. Ich war sehr beschäftigt mit den Vorbereitungen und dies ist die erste Gelegenheit, die ich habe, um vorbeizuschauen.“ Hsi-fëng hatte stets alle Formen des Aberglaubens abgelehnt. Doch ihre Begegnung mit Tjin Kë-tjings Geist in der vorigen Nacht begann, ihre Skepsis zu untergraben, und Da-les Bericht schlug bei ihr nun eine ganz andere Saite an. Sie konnte fast spüren, wie sie anfing, an die Wirkung solcher Rituale zu glauben. „Wer ist dieser Bodhisattva der Verstreuten Blumen?“, fragte sie die Schwester. „Wie schafft er es, Unglück abzuwenden und böse Geister fernzuhalten?“ Da-le merkte, daß ein Samen gesät worden war. „Weil sie gefragt haben, verehrte Dame“, antwortete sie, „erlauben Sie mir, ihnen etwas von unserem Heiligen zu erzählen. Die Geschichte ist uralt und gut beleumundet, voll außergewöhnlicher Ereignisse. Geboren im Land der Riesenbäume im Westlichen Paradies, mit armen Eltern, die für ihren Lebensunterhalt Holz bearbeiteten, kam der Bodhisattva mit drei Hörnern auf dem Kopf und vier Augen auf der Stirn zur Welt. Bei seiner Geburt war er einen Meter groß, mit so langen Armen, daß sie den Boden berührten. Seine Eltern glaubten, er sei die Verkörperung eines bösen Geistes und setzten ihn auf einem eisigen Berg aus. Doch was ihnen unbekannt war: dieser Berg war der Aufenthaltsort eines magischen Affen, der dort nach Essen suchte. Auf einem seiner Ausflüge entdeckte er das Kind und bemerkte, daß von seinem Kopf eine weiße Aura ausstrahlte, die in den Himmel wehte und dadurch Tiger und Wölfe fernhielt. Der Affe merkte, daß es sich um jemand von außergewöhnlicher Herkunft handeln mußte und trug das Bodhisattva-Kind in seine Höhle, wo er es aufzog. Wie der Affe bald feststellte, war der Junge mit außerordentlicher Weisheit ausgestattet und konnte sogar Dsën-Mysterien erklären. Der Junge diskutierte mit dem Affen täglich über den Dsën-Buddhismus und sie meditierten zusammen. Seine Worte waren so wundervoll, daß bei ihrem Klang der Himmel mit einer Fülle von verstreuten Blumen bedeckt zu sein schien. Nachdem tausend Jahre vergangen waren, stieg er in den Himmel auf. Bis heute fliegen an dem Ort, an dem er die Sutren erkläre, verstreute Blumen über den Himmel. Alle Gebete, die dort ausgesprochen werden, erfüllen sich. Viele Wunder wurden vollbracht und von vielen Seelen wurde ihre Last genommen. In der folgenden Zeit wurde dort ein Tempel errichtet und mit einer Statue des Heiligen versehen, vor welcher Gaben niedergelegt werden.“ „Doch welchen Beweis gibt es, daß dies wahr ist?“, fragte Hsi-fëng. „Immer noch skeptisch, Herrin? Was für eine Art Beweis von einem lebenden Buddha kann es geben? Überlegen Sie: Wenn das alles nur erfunden wäre, wären dem ein oder zwei gefolgt, doch es hätten dem wohl kaum eine solche Vielzahl an intelligenten Männern und Frauen über einen inzwischen so langen Zeitraum ihren Glauben geschenkt haben. Das ununterbrochene Darbringen von Räucherstäbchen seitens der Gläubigen hat immer Land und Volk geholfen, und deshalb sind die Leute überzeugt.“ Hsi-fëng war beinahe überzeugt: „Wenn das so ist, sollte ich dich morgen besuchen und es selbst ausprobieren. Habt ihr Wahrsager im Tempel? Ich würde sie gerne aufsuchen. Wenn sie auf meine Herzensangelegenheit kommen, werde ich euren Glauben begrüßen.“ „Unsere Prophezeiungen sind besonders zutreffend, Herrin“, sagte Da-le. „Versuchen Sie es morgen und sehen Sie selbst.“ „Wenn das so ist, dann warte doch lieber bis übermorgen.“ warf die Herzoginmutter ein. „Dann ist der Erste des Monats. Besser, man versucht es dann.“ Da-le trank ihren Tee und ging weiter, um die Dame Wang zu besuchen, bevor sie zum Konvent zurückkehrte. Hsi-fëng gelang es, diesen und den nächsten Tag zu überstehen und am frühen Morgen des Monatsersten ließ sie ihre Kutsche vorbereiten und begab sich auf den Weg zum Konvent der Verstreuten Blumen, begleitet von Ping-örl und einigen Mägden. Da-le und die anderen Schwestern hießen sie willkommen, baten sie herein und boten ihnen Tee an. Nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte, schritten sie alle zur Haupthalle, wo sie Räucherstäbchen anzündeten. Hsi-fëng betrachtete die Statuen nicht, doch benahm sie sich selbst wie eine ergebene Gläubige, verneigte sich und nahm ein Rohr der Schicksalsstäbe vom Altar. Sie betete still, beschrieb ihre Begegnung mit dem Geist und ihre chronische gesundheitliche Angeschlagenheit, dann schüttelte sie das Rohr drei Mal. Es gab ein Zischen und eines der Bambusstäbchen schoß aus dem Rohr. Hsi-fëng verbeugte sich wieder und nahm es auf. Es trug die Inschrift: „Nr. 33. Aufsteigendes günstiges Schicksal.“ Da-le konsultierte sofort das Prophezeiungsbuch und fand unter Eintrag 33 folgenden Vers, welchen sie laut vorlas: „Wang Hsi-fëng kehrt mit prächtiger Kleidung heim.“ Hsi-fëng war erschrocken, ihren Namen zu hören, und fragte die Schwester aufgebracht: „Gibt es eine historische Person mit dem Namen Wang Hsi-fëng?“ „Gewiß, Herrin“, antwortete Da-le, „Ihr kennt euch doch mit den alten Werken aus. Haben Sie denn die Geschichte von Wang Hsi-fëng von der späteren Han-Dynastie nicht im Gedächtnis, die eine Anstellung als Beamte erhielt?“ Dschou Juees Frau stand neben Hsi-fëng und fügte mit einem Lächeln hinzu: „Das war die Geschichte, welche Li Hsiän-örl am Laternenfest vorletztes Jahr vortrug. Wir baten ihn, nicht deinen Namen zu benutzen, das wäre unhöflich.“ „Natürlich“, sagte Hsi-fëng lachend. „Das hatte ich vergessen.“ Sie las den Rest des Textes weiter: „Wenn zwanzig Jahre fort von zu Hause vergangen sind, kehrt der Wanderer zuletzt in Seide zurück. Die Biene bezieht ihren Nektar aus Hunderten von Blumen; Honig für manche, doch für sie selbst eine undankbare Aufgabe. Ein Reisender kommt an. Nachrichten kommen verzögert an. Vor Gericht: Erfolg. In der Ehe: Neuerwägung.“ Hsi-fëng konnte den Sinn nicht ganz verstehen, und Da-le führte erklärend aus: „Meine Glückwünsche, Herrin! Was für eine unheimlich passende Antwort des Orakels! Seit sie hier in der Hauptstadt aufgewachsen sind, hatten sie noch nicht die Gelegenheit, ihre alte Heimat Nanking zu besuchen. Doch jetzt, da Herr Dschëng seine Stellung in der Provinz erhalten hat, kann er nach seiner Familie schicken, daß sie ihn besuchen, und gewiß wird ‚Wang Hsi-fëng mit prächtiger Kleidung heimkehren‘ !“ Während sie sprach, schrieb Da-le den Text ab und gab ihn einer der Mägde. Hsi-fëng war immer noch nur halb überzeugt von der Ausdeutung. Da-le servierte ihren Gästen ein vegetarisches Mahl, doch Hsi-fëng schien wenig Hunger zu haben und legte nach einem Bissen die Stäbchen hin und erhob sich zum Aufbruch. Sie gab Da-le einen Beitrag ‚für Räucherstäbchen‘,


Aus: Jinyuyuan 1889a. und die Schwester, die merkte, daß sie sie nicht überzeugen konnte, länger zu bleiben, mußte sie aus dem Konvent verabschieden. Als Hsi-fëng nach Hause zurückkehrte, bestanden die Herzoginmutter, die Dame Wang und die anderen auf einem ausführlichen Bericht. Sie trug einer Magd auf, die Worte aus dem Prophezeiungsbuch vorzutragen, vollständig mit der Ausdeutung. Die Damen waren begeistert: „Wenn Herr Dschëng uns tatsächlich einlädt, das wäre ja eine nette Reise.“ Hsi-fëng hegte noch ihre Zweifel über die günstige Deutung des Omens. Doch diese wurden von der einstimmigen Akzeptanz der anderen verworfen. Sie sprachen darüber, daß Bau-yü an diesem Tag Mittagsschlaf gemacht hatte. Er wunderte sich, wo Bau-tschai sein könnte, als er sie plötzlich durch die Tür kommen sah. „Wo warst du?“, fragte er. „Du warst lange weg, um dich nach Kusine Hsi-fëngs Prophezeiung zu erkundigen.“ Bau-yü war begierig auf die ganze Geschichte. Bau-tschai las dann den Stäbchenspruch vor und kommentierte: „Jeder sagt, das sei ein glückliches Omen, doch ich persönlich denke, es steht noch mehr zwischen den Zeilen ‚Kehrt der Wanderer zuletzt in Seide zurück.‘ Hm... wir können nur abwarten.“ – „So bist du eben, skeptisch wie immer,“ witzelte Bau-yü. „Du suchst immer nach höheren Bedeutungen. Es muß etwas Glückliches bedeuten, das sagt jeder. Du kannst bei deiner Lieblingstheorie bleiben. Was meinst du denn, was es bedeutet?“ Bau-tschai wollte dies gerade ausführen, als eine Magd der Dame Wang kam, um ihr zu sagen, daß ihre Anwesenheit bei der Dame Wang erwünscht sei. Um die Gründe für diese Versammlung zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen. 102. Krankheit überfällt die Familie Djia im Ning-guo-Anwesen Der Garten des Großen Anblicks wird mit Beschwörungsformeln und Weihwasser exorziert.

Bau-tschai ging umgehend zu den Gemächern der Dame Wang. „Wie du weißt, wird Tan-tschun heiraten,“ begann die Dame Wang, nachdem Bau-tschai sie begrüßt hatte. „Du als verheiratete Verwandte mußt mit ihr sprechen, bevor sie aufbricht, und sie aufheitern. Sie ist immer noch deine Kusine. Sie ist so ein empfindliches Mädchen, und ich weiß, wie gut ihr beide euch versteht. Ich hörte, daß Bau-yü sehr traurig war und wegen dieser Hochzeit weinte. Auch mit ihm mußt du sprechen. „Es ging mir kürzlich so schlecht, deshalb konnte ich es nicht selbst tun, und Hsi-fëng verbringt die Hälfte der Zeit im Bett. Du bist ein kluges Mädchen. Von nun an trägst du einen noch größeren Teil der Familienverantwortung. Halte dich nicht zurück aus Angst, jemanden anzugreifen! Bald wird das Gewicht des gesamten Haushaltes auf deinen Schultern lasten.“ – „Ja, Mutter.“ Die Dame Wang fuhr fort: „Da ist noch etwas. Hsi-fëng kam gestern mit der Tochter der Familie Liu vorbei und sagte, sie wolle die offene Stelle in euren Gemächern füllen.“ – „Ja, Mutter. Ping-örl brachte sie herüber, damit sie anfangen kann“, sagte Bau-tschai. „Sie sagte, daß du und Kusine Hsi-fëng dem zustimmen würden.“ „Ja. Um ehrlich zu sein, Hsi-fëng hat mit mir gesprochen. Ich dachte, es sei der Rede nicht wert und habe deshalb nichts dagegen eingewandt. Dennoch halte ich es für wichtig, dich zu warnen. Das Mädchen erscheint mir nicht sehr vertrauenswürdig. Sie könnte Ärger verursachen. Früher waren einige der Dienstmägde von Bau-yü wie Füchse, ich habe sie entlassen. – Ich bin sicher, du hast davon gehört. Ich schickte dich nach Hause, daß du mit deiner Mutter leben solltest. Jetzt, da du und Bau-yü verheiratet seid, sieht das Ganze etwas anders aus. Doch ich fühle, ich muß es dir erzählen, daß du ein Auge auf sie wirfst. Bedenke, Hsi-jën ist die einzig zuverlässige Magd in deinen Gemächern!“ – „Ja, Mutter.“ Bau-tschai blieb noch eine Weile und ging dann. Nach dem Abendessen besuchte sie Tan-tschun und unterhielt sich lange mit ihr, spendete ihr so viel Trost und erteilte ihr soviele Ratschläge, wie sie konnte.