Hongloumeng/de/Chapter 108

From China Studies Wiki
< Hongloumeng
Revision as of 08:26, 11 April 2026 by Admin (talk | contribs) (German-only page for Hongloumeng chapter 108)
(diff) ← Older revision | Latest revision (diff) | Newer revision → (diff)
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 102 · 103 · 104 · 105 · 106 · 107 · 108 · 109 · 110 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 108

强欢笑蘅芜庆生辰 / 死缠绵潇湘闻鬼哭

gegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“ Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“ Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls. Als Bau-yü den Garten betrat, wurde er von einem Bild vollständiger Verlassenheit begrüßt, wohin er auch schaute. Die Blumen und Bäume schienen alle zu verdorren, waren ausgetrocknet, und die Farbe blätterte seit langem von den einzelnen Gebäuden. In der Ferne erblickte er einen Bambusbusch, der ziemlich lebendig aussah. Bau-yü ließ diese Ansicht auf sich wirken. „Seit ich krank wurde und den Garten verlassen habe“, sagte er, „habe ich bei Großmutter gelebt. Es muß Monate her sein, daß ich das letzte Mal hier war. Was für eine Wildnis sich in der Zeit hier ausgebreitet hat! Doch schaut dahinten, dieser einsame strahlend grüne Bambusstrauch – das ist sicher die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß?“ – „Du warst schon seit Monaten nicht mehr da“, sagte Hsi-jën, „du hast deinen Orientierungssinn verloren. Während wir sprachen, sind wir bereits am Hof der Freude am Roten vorbeigegangen. Und sieh“, sie drehte sich um und zeigte in eine Richtung, „dort ist die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, da drüben!“ Bau-yüs Augen folgten der Richtung, in die sie zeigte. „Wenn wir bereits daran vorbei sind, dann laß uns hingehen und nachsehen.“ – „Aber es ist schon spät“, sagte Hsi-jën, „die Herzoginmutter wird mit dem Abendessen auf Sie warten. Wir sollten besser zurück zur Feier gehen.“ Bau-yü sagte nichts. Er ging die Strecke weiter, die er in der Vergangenheit schon so oft meinte gegangen zu sein und ging weiter zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Obwohl Bau-yü fast ein Jahr nicht mehr im Garten war, so hatte er natürlich die Orientierung nicht verloren. In Wirklichkeit lag Bau-yü mit seiner Orientierung ganz richtig. Es war Hsi-jën, die, nachdem sie seine Reaktion auf die Sicht der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß bemerkt hatte, ihn absichtlich in eine Unterhaltung verwickelte, und als sie sah, daß er dennoch gegen ihre Bemühungen instinktiv in diese Richtung lief, wie sie befürchtete, direkt in die Arme der Geister, – versuchte sie, ihn zu überzeugen, daß sie bereits daran vorbeigelaufen wären. Bau-yüs Herz war jedoch fest entschlossen; sein Kompaß genau ausgerichtet, und er konnte nicht einfach davon abgebracht werden. Er ging vor und unwillig folgte Hsi-jën. Plötzlich blieb er stehen. Er schien etwas zu hören und zu sehen. „Was ist denn?“, fragte Hsi-jën. „Hörst du das?“, fragte er. „Wohnt jemand darin?“ – „Das glaube ich kaum“, antwortete sie. „Ich könnte schwören, daß ich jemanden weinen gehört habe! Da muß jemand sein!“ – „Das bildest du dir ein“, sagte Hsi-jën, „es ist nur, weil du hier damals Fräulein Dai-yü oft weinen gehört hast.“ Bau-yü war überzeugt und wollte noch weiter gehen und aus der Nähe zuhören. Die Amme eilte vor: „Es ist nun wirklich sehr spät, Herr. Es ist Zeit, zurückzugehen. Wir trauen uns nicht, noch weiterzugehen, hier ist der Weg etwas versteckt. Wir haben vor allem sagen gehört, daß seit Fräulein Dai-yü gestorben ist, öfter Geräusche des Weinens gehört wurden. Niemand möchte sich diesem Ort nähern.“ Bau-yü und Hsi-jën hielten beide inne, als sie es hörten. „Da! Ich habe es doch gesagt!“, rief Bau-yü, Tränen liefen ihm aus den Augen, „oh, Kusine Dai-yü! Kusine Dai-yü!“ seufzte er. „Wie konnte ich dich nur so verletzen, während es dir noch so gut ging? Bitte mach’ mir keine Vorwürfe! Sei meinetwegen nicht verbittert! Meine Eltern haben diese Wahl getroffen. Ich wollte dich nicht verletzen!“ Mit jedem Wort wurde er immer betrübter, und zuletzt überkam ihn eine große Welle des Kummers. Hsi-jën wußte nicht, was sie tun könnte, als sie Tjiu-wën mit einer Menge an Dienstmädchen zu sich eilen sah.


Aus: Jinyuyuan 1889b. „Habt ihr den Verstand verloren!“, rief Tjiu-wën, „Herrn Bau-yü ausgerechnet hierher zu bringen! Die Herzoginmutter und die Dame Wang sind sehr besorgt und lassen überall nach ihm suchen. Vorhin, als ich die Seitentür halb offen sah, hörte ich, daß Bau-yü mit dir hierhergegangen ist. Die Damen waren so aufgeregt, daß sie mich beschimpften und mich mit den anderen Mägden hierher schickten, um ihn zu holen. Jetzt kommt schon, wir sollten uns beeilen!“ Bau-yü seufzte noch kläglicher, doch Hsi-jën kümmert sich nicht darum, zwei Dienstmägde zerrten ihn zurück. Sie versuchten einerseits, seine Tränen abzuwischen, andererseits erklärten sie ihm, wie sehr sich seine Großmutter um ihn sorgte. So gab er letztlich nach und ging mit ihnen. Hsi-jën konnte sich nur zu gut vorstellen, wie besorgt die Herzoginmutter war und nahm Bau-yü direkt mit in die Gemächer der Herzoginmutter. Niemand war von der Feier nach Hause gegangen. Alle warteten auf Bau-yüs Rückkehr. „Hsi-jën!“, rief die Herzoginmutter streng, „ich dachte, du seist ein einfühlsames Mädchen. Deshalb habe ich dir immer Bau-yü anvertraut. Wie konntest du ihn nur mit in den Garten nehmen? Er hat gerade angefangen, gesund zu werden und wenn er jetzt einem Geist begegnete, würde seine alte Krankheit wieder ausbrechen. Und wie sähen wir dann aus?“ Hsi-jën wagte nicht, ein Wort zu ihrer Verteidigung zu sagen und ließ ihren Kopf beschämt hängen. Bau-tschai war für ihren Teil zutiefst schockiert zu sehen, wie blaß Bau-yü auf einmal war. Bau-yü ließ nicht zu, daß Hsi-jën die Schuld tragen sollte und sprach zu ihrer Unterstützung: „Als wir hineingingen, war es hellichter Tag und man mußte sich vor nichts fürchten. Ich war so lange nicht mehr im Garten spazieren, und nachdem ich heute auf der Feier etwas Wein getrunken hatte, fühlte ich mich in der Stimmung dazu. Was für eine schlimme Erfahrung sollte ich denn dort machen?“ Bei dieser letzten Bemerkung erzitterte Hsi-fëng, die sich selbst im Garten sehr gefürchtet hatte und sagte: „Bau-yü, du solltest nicht so unbekümmert sein!“ – „Nicht unbekümmert“, entgegnete Hsiang-yün. „Hingebungsvoll. Er wollte wahrscheinlich die Hibiskusfee finden oder irgend einen anderen Geist.“ Bau-yü hörte das, wollte aber nichts dazu sagen. Die Dame Wang war zu betroffen, um zu sprechen. „Also gab es nichts Erschreckendes im Garten?“, fragte die Herzoginmutter. „Doch laßt uns darüber nicht mehr sprechen. Doch wenn du in Zukunft dort spazieren gehen möchtest, mußt du zumindest mehr Leute mitnehmen. Hättest du diese kleine Eskapade nicht gehabt, wären unsere Gäste alle schon gegangen. Nun geht alle und habt eine geruhsame Nacht! Kommt dann am frühen Morgen wieder! Für morgen werde ich alles vorbereiten, und wir werden einen weiteren Freudentag erleben. Und dieses Mal wird er uns nicht alles verderben!“ Sie verabschiedeten sich von der Herzoginmutter, und die Feier löste sich auf. Tante Hsüä verbrachte die Nacht bei der Dame Wang, Hsiang-yün bei der Herzoginmutter, während Ying-tschun bei Hsi-tschun blieb. Die anderen kehrten in ihre eigenen Gemächer zurück. Darüber werden wir nicht noch ausführlich berichten. Nur Bau-yü ging in sein Zimmer und seufzte. Bau-tschai wußte den Grund seines Kummers und stellte sich taub. Sie war trotzdem sehr besorgt, daß, wenn es so weiter ging, er wieder ernsthaft depressiv würde und seine alte Krankheit wiederkehren würde. Sie ging in das innere Zimmer und rief sie nach Hsi-jën und befragte sie detailliert über Bau-yüs Ausflug in den Garten. Um Hsi-jëns Antwort zu erfahren, muß man das nächste Kapitel lesen. 109. Wu-örl teilt die Nachtwache und empfängt die Zuneigung, die für jemand anderen gedacht war Ying-tschun muß sich dem Schicksal ergeben und kehrt in die himmlischen Sphären der ursprünglichen Wahrheit zurück.

Bau-tschai hatte Hsi-jëns ausführlichen Bericht über die Vorfälle im Garten angehört und befürchete, daß sich Bau-yüs Krankheit dadurch wieder verstärken könne. Um dies zu vermeiden, bezog sie sich direkt auf Dai-yüs Sterben und lenkte das Gespräch mit Hsi-jën auf dieses Thema. „Menschen haben bestimmte Gefühle zueinander, wenn sie leben“, sagte sie weiter. „Doch nach dem Tod betritt die Person eine andere Sphäre und wird ein anderes Wesen. Jemand, der weiter lebt, kann immer noch verliebt sein, doch die tote Person, das Objekt dieser Gefühle, weiß davon nichts. Außerdem, wenn Dai-yü eine Fee geworden ist, kann sie einfache Sterbliche nur eingeschränkt wahrnehmen und würde sich kaum dazu herablassen, sich hier unter die Menschen zu mischen. Wenn man sich ängstigt, kann man von bösen Geistern in Besitz genommen werden.“ Sie sprach zwar mit Hsi-jën, doch ihre Worte waren eigentlich für Bau-yüs Ohren bestimmt. Hsi-jën bemerkte das und antwortete dazu passend: „Natürlich ist sie keine Fee. Das steht außer Frage. Wenn Fräulein Dai-yüs Geist den Garten heimsuchen würde, warum ist sie mir dann niemals im Traum erschienen? Wir waren doch sehr gute Freunde.“ Bau-yü lauschte von außen und dachte genau über Hsi-jëns Gedanken nach: ‚Das ist seltsam! Seit ich das erste Mal von Kusine Dai-yüs Tod gehört hatte, habe ich jeden Tag oft an sie gedacht. Doch warum habe ich sie nie in meinen Träumen gesehen? Sie muß im Himmel sein und hält mich für einen dummen Erdling, der unfähig ist, mit höheren Sphären zu kommunizieren. Ich weiß, was zu tun ist: heute Nacht werde ich in einem äußeren Zimmer schlafen. Vielleicht wird sie erst durch meine Rückkehr in den Garten auf meine Gefühle aufmerksam und wird herabsteigen, um mich im Traum zu besuchen. Wenn sie das tut, muß ich sie fragen, wo sie hingegegangen ist, sodaß ich sie öfter sehen kann. Wenn es sich aber andererseits herausstellt, daß sie selbst für einen nächtlichen Besuch zu rein ist, dann muß ich sie für immer aus meinen Gedanken verbannen.‘ Als er diese Entscheidung getroffen hatte, sagte er laut: „Ich werde heute Nacht hier draußen schlafen. Ihr braucht euch um mich nicht zu sorgen.“ Bau-tschai wollte sich dem nicht direkt widersetzen, doch warnte ihn: „Komm nicht auf dumme Gedanken!“ Hast du nicht gesehen, wie bekümmert Mut­ter war, als sie hörte, daß du im Garten warst? Sie konnte vor Angst kaum sprechen! Du mußt vorsichtig sein. Wenn du wieder etwas Dummes tust, und Großmutter findet es heraus, wird sie uns die Schuld geben, nicht genug auf dich aufgepaßt zu haben.“ – „So ernst ist das doch nicht“, sagte Bau-yü, „ich möchte hier nur eine Weile sitzen und dann reinkommen. Du bist sicher müde. Geh schlafen und warte nicht auf mich!“ Bau-tschai glaubte, er würde später nachkommen und sagte, sich unwissend stellend: „Nun gut, ich gehe schlafen. Hsi-jën wird nach dir sehen.“ Genau darauf hatte Bau-yü gehofft. Er wartete, bis Bau-tschai ins Bett gegangen war, und trug dann Hsi-jën und Schë-yüä auf, sein Bett zu bereiten. Er schickte eine der beiden in regelmäßigen Abständen los, um zu sehen, ob Frau Bau-tschai bereits schlief oder nicht. Bau-tschai gab vor zu schlafen, obwohl sie tatsächlich hellwach war, und so blieb es die ganze Nacht. Bau-yü fiel darauf herein und sagte zu Hsi-jën: „Du und Schë-yüä könnt jetzt schlafen gehen. Ich bin jetzt nicht mehr traurig. Wenn ihr mir nicht glaubt, bleibt hier, bis ich schlafe und geht. Doch ich möchte später in der Nacht nicht gestört werden.“ Hsi-jën blieb eine Weile, brachte ihn ins Bett und servierte ihm noch etwas Tee. Dann schloß sie die Tür und ging in das innere Zimmer, wo sie noch ein paar gewöhnliche Arbeiten verrichtete und sich dann hinlegte. Sie gab auch vor zu schlafen und lag wach, bereit aufzuspringen, falls Bau-yü sie draußen brauchte. Bau-yü schickte die beiden Dienstmädchen der Nachtwache fort; und als er allein war, stand er vorsichtig auf, sprach ein leises Gebet und legte sich wieder hin. Zunächst konnte er nicht einschlafen, dann meditierte er ein wenig, schließlich nickte er ein und schlief die ganze Nacht durch. Als er erwachte, war es bereits hellichter Tag. Er rieb sich die Augen, setzte sich auf und dachte nach. Er hatte traumlos geschlafen. Nichts Besonderes war ihm erschienen. Er seufzte: „Wie das Gedicht besagt, so grübele ich laut: Getrennt durch den Tod wollten die Jahre vor Trauer nicht mehr vergehen; Sogar in meinen Träumen ward ihr Antlitz nicht mehr gesehen.“ Bau-tschai, die im Gegensatz zu Bau-yü die ganze Nacht über nicht geschlafen hatte, hörte ihn diese wohlbekannten tangzeitlichen Verse aus Bo Djü-yis „Lied andauernden Kummers“ zitieren und bemerkte: „Was für ein unangebrachtes Zitat; wäre Kusine Dai-yü noch am Leben, wäre sie wieder böse mit dir, weil du sie mit Yang Guee-fee verglichen hast!“ Bau-yü schämte sich, daß sie ihn gehört hatte. Er kletterte aus dem Bett und ging verschlafen in das innere Zimmer. „Ich wollte letzte Nacht kommen“, sagte er, „doch irgendwie bin ich auf einmal ganz fest eingeschlafen.“ – „Was für einen Unterschied macht es für mich, ob du hergekommen bist oder nicht?“, fragte Bau-tschai. Hsi-jën hatte auch nicht geschlafen, und wie sie die beiden reden hörte, eilte sie herüber, um Tee anzubieten. In diesem Moment kam eine jüngere Magd der Herzoginmutter. „Hat Herr Bau-yü heute Nacht gut geschlafen?“, fragte sie. „Wenn ja, werden dann Herr Bau-yü und Frau Bau-tschai bitte bei der gnädigen Herrin vorbeischauen, wenn sie sich angekleidet haben?“ – „Bitte teilen Sie der gnädigen Frau mit“, antwortete Bau-tschai, „daß Herr Bau-yü überaus gut geschlafen hat und umgehend vorbeikommen wird.“ Die Magd brach mit dieser Nachricht auf. Bau-tschai machte sich sofort zurecht und in Begleitung von Ying-örl und Hsi-jën ging sie zuerst zur Herzoginmutter. Dann erwies sie der Dame Wang und Hsi-fëng ihre Referenz, bevor sie wieder zu den Gemächern der Herzoginmutter zurückkehrte. Ihre Mutter war gerade angekommen. „Wie ging es Bau-yü letzte Nacht?“, wollten alle wissen. „Sobald wir zu Hause angekommen waren, ist er schlafen ge­gan­gen,“ berichtete Bau-tschai. „Es ging ihm gut.“ Sie waren erleichtert, dies zu hören, und die Unterhaltung berührte mehrere andere Themen. Nun trat eine jüngere Magd ein und gab Bescheid, daß Ying-tschun nach Hause gehen wollte: „Herr Sun schickte jemanden zur Dame Hsing, um sich zu beschweren; die gnädige Herrin besprach sich mit Fräulein Hsi-tschun, um zu sagen, daß Fräulein Ying-tschun nicht aufgehalten werden solle, sondern umgehend nach Hause zurückkehren dürfe. Fräulein Ying-tschun ist gerade bei der gnädigen Herrin. Sie ist sehr traurig und weint. Sie wird nun vorbeikommen, um sich zu verabschieden, Herrin.“ Die Herzoginmutter war über Ying-tschuns bevorstehende Abreise sehr betrübt. „Warum mußte das Schicksal ein so süßes Kind wie Ying-örl mit diesem Monster Sun zusammenbringen! Sie wird ihn den Rest ihres Lebens ertragen müssen. Das arme Mädchen wird ihr Leben lang keinen Ausweg finden!“ Während sie sprachen, kam Ying-tschun herein, sie hatte geweint. Die Familie war immer noch damit beschäftigt, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, deswegen bemühte sie sich, beim Abschied nicht zu weinen. Die Herzoginmutter wußte, daß Ying-tschun ihre Abreise nicht verzögern durfte und versuchte nicht, sie aufzuhalten. „Du machst dich am Besten auf den Weg“, sagte sie, „doch bitte, so schlecht die Dinge auch stehen, versuche die Dinge positiv zu sehen! Er ist, wer er ist, und du wirst ihn kaum ändern können. In einigen Tagen werde ich wieder jemanden schicken, der dich zu einem Besuch einlädt.“ – „Oh Großmutter!“ schluchzte Ying-tschun, „du hast mich immer geliebt! Doch es hat keinen Zweck! Ich weiß, ich werde niemals wiederkommen!“ Sie konnte sich nicht länger zusammenreißen und brach in Tränen aus. „Nun komm schon!“, alle versuchten, sie aufzuheitern: „Natürlich kommst du wieder! Sei doch dankbar, daß du nicht am anderen Ende der Welt lebst wie die arme Tan-tschun. Sie hat kaum die Möglichkeit, jemals wieder hierherzukommen.“ Die Erwähnung von Tan-tschun rührte die Herzoginmutter und die Damen nur noch mehr zu Tränen. Doch da es Bau-tschais Geburtstag war, schlug wieder jemand einen optimistischeren Ton an: „Wer weiß? Wenn der Friede an der Küste wieder hergestellt ist, könnte Tan-tschuns Schwiegervater zurück in die Hauptstadt geschickt werden, und dann können wir sie wieder sehen!“ „Natürlich!“ stimmten alle ein. Ying-tschun mußte nun ihren Kummer so gut wie möglich zurückhalten und brach auf. Sie führten sie hinaus und kehrten zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo die Feier für den Rest des Tages bis in den Abend fortgesetzt wurde. Als sie sahen, daß die alte Dame müde wurde, zogen sich alle in ihre Gemächer zurück. Frau Hsüä sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr überlebt, und wenn er nur eine Kaiserliche Begnadigung erhielte und sein Urteil gemildert würde, könnte er sein Bußgeld zahlen und frei kommen. Die letzten paar Jahre waren unerträglich einsam für mich! Ich hatte überlegt, ob ich nicht die Hochzeit deines Vetters Ke in die Wege leiten sollte, was denkst du?“ „Du bist besessen davon, nicht wahr, Mama?“, antwortete Bau-tschai. „Pans Hochzeit ist so übel ausgegangen, und du bist besorgt, daß es Ke genauso ergehen wird. Nun, mein Rat wäre, es zu tun. Du kennst Hsiu-yäns Charakter und hast deshalb nichts zu befürchten. Das Leben war für sie noch nie einfach. Wenn sie einmal in unsere Familie eingeheiratet hat, wird es ihr trotz unserer Armut besser gehen, und sie ist nicht mehr so von anderen abhängig.“ „In diesem Fall“, sagte Frau Hsüä, „wirst du es der Herzoginmutter erzählen, wenn du die Gelegenheit dazu hast? Bei mir ist niemand zu Hause und sie sollte sich einen günstigen Tag dafür aussuchen.“ „Besprich es nur mit Ke und suche ihr einen Tag aus“, sagte Bau-tschai, „dann kannst du es Großmutter und Tante Hsing wissen lassen und die Hochzeit planen. Ich bin sicher, Tante Hsing wird überglücklich sein, wenn sie Hsiu-yän los ist.“ – „Ich habe heute gehört, daß Hsiang-yün nach Hause geht“, sagte Frau Hsüä. „Die Herzoginmutter möchte, daß Bau-tjin ein paar Tage hier bei dir bleibt. Auch sie wird bald heiraten, deshalb solltest du die Gelegenheit nutzen und dich gut mit ihr unterhalten.“ „Das werde ich, Mama.“ Frau Hsüä blieb noch eine Weile bei ihrer Tochter und ging, nachdem sie sich von den anderen verabschiedet hatte, nach Hause. Laßt uns nun zu Bau-yü zurückkehren. Als er am Abend wieder in seinen Gemächern war, dachte er über die Erfahrung der letzten Nacht nach. Es gab keinen Zweifel daran, daß Dai-yü ihm nicht erschienen war. Das konnte zwei Dinge bedeuten: entweder war sie wirklich eine Fee geworden und hielt sich fern davon, mit einem Grobian wie ihm zu verkehren. Oder er war nur zu ungeduldig. Er entschied sich für die zweite Alternative und beschloß, das Experiment noch einmal zu wagen. Er hatte eine Idee: „Irgendwie habe ich letzte Nacht“, sagte er zu Bau-tschai, „als ich draußen schlief, viel ruhiger geschlafen als sonst innen. Beim Aufwachen fühlte ich mich entspannt und erfrischt. Ich dachte, ich sollte es für ein paar Nächte wiederholen. Doch ich nehme an, du und Hsi-jën habt wieder etwas einzuwenden.“ Als sie ihn früh am Morgen das Gedicht hatte rezitieren hören, wußte Bau-tschai, daß die Erinnerung an Dai-yü ihn dazu inspirierte. Sie wußte, daß sie seine Besessenheit mit Worten nicht mildern konnte und folgerte, daß sie ihn ruhig zwei Nächte draußen verbringen lassen konnte und er es schon bald aufgeben würde. Dennoch erschreckte sie die Tatsache, daß er so fest geschlafen hatte, während sie selbst wach gelegen hatte. „Was für ein Unsinn!“, antwortete sie, „warum sollten wir etwas einwenden? Wenn du dort schlafen möchtest, nur zu. Komm nur nicht auf dumme Gedanken! Du öffnest dich ja doch nur, damit böse Geister von dir Besitz ergreifen können.“ Bau-yü lachte: „Was soll ich denn davon halten?“ Hsi-jën sagte: „Ich denke, Sie sollten besser innen schlafen. Draußen ist es schwerer, Sie zu bedienen. Sie könnten sich vielleicht erkälten…“ Bevor Bau-yü antworten konnte, warf Bau-tschai Hsi-jën einen bedeutungsvollen Blick zu. „Nun gut“, sagte Hsi-jën, „Sie sollten zumindest jemanden mitnehmen, der Ihnen etwas bringt, wenn Sie Tee möchten.“ Bau-yü lachte: „Na, wenn du das sagst, dann komm doch mit!“ Hsi-jën errötete sofort und sagte nichts. Bau-tschai wußte, daß Hsi-jën für solch eine Neckerei zu empfindsam war, und antwortete für sie: „Hsi-jën bleibt jetzt bei mir. Ich denke, sie sollte hier bleiben. Schë-yüä und Wu-örl können nach dir sehen. Außerdem hat Hsi-jën den ganzen Tag damit verbracht, mit mir herumzulaufen und ist müde. Sie verdient Ruhe.“ Bau-yü lächelte und ging aus dem Zimmer. Bau-tschai trug Schë-yüä und Wu-örl auf, sein Bett im äußeren Zimmer aufzustellen. „Schlaft nicht so fest“, wies sie sie an, „und seid bereit, ihm etwas zu bringen, wenn er danach verlangt.“ „Das werden wir, Herrin“, antworteten sie und gingen hinaus, um Bau-yü aufrecht auf dem Sofa sitzen zu sehen, die Augen geschlossen und die Hände zusammen wie ein Mönch in Meditation. Sie wagten es nicht, ein Wort zu sagen, starrten ihn jedoch mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. Bau-tschai schickte Hsi-jën hinein, um zu sehen, ob sie gebraucht wurde, und Hsi-jën fand dieses ebenfalls sehr lustig. „Zeit zu schlafen“, flüsterte sie. „Warum beginnst du zu dieser Nachtstunde zu meditieren?“ Bau-yü öffnete seine Augen und blickte sie an. „Ihr könnt jetzt alle ins Bett gehen“, verkündete er. „Ich werde noch eine Weile hier sitzen und dann schlafen gehen.“ „Letzte Nacht“, sagte Hsi-jën, „hieltet ihr Frau Bau-tschai die ganze Nacht bis in den Morgen wach. Ihr wollt das doch bestimmt nicht wiederholen?“ Bau-yü sah ein, daß, wenn er nicht schlafen ging, es niemand tun würde und kletterte ins Bett. Hsi-jën gab Schë-yüä und Wu-örl ein paar letzte Anweisungen und ging in das innere Zimmer, um zu schlafen, schloß die Tür dabei hinter sich. Schë-yüä und Wu-örl bereiteten ihre Betten und warteten darauf, daß Bau-yü vor ihnen einschlief. Doch er blieb hartnäckig wach. Als er sie dabei sah, wie sie die Betten machten, dachte er plötzlich an die Zeit, als Hsi-jën fort war und Tjing-wën und Schë-yüä übrig waren, um nach ihm zu sehen. Damals ging Schë-yüä in die Nacht hinaus, und Tjing-wën versuchte, ihr einen Streich zu spielen und sie zu erschrecken. Sie war zu leicht angezogen und hatte sich deshalb erkältet. Es war diese Kälte, die letztendlich dazu führte, daß sie starb. Als er so nachdachte, war sein Kopf erfüllt mit Erinnerungen an Tjing-wën. Dann fiel ihm ein, wie Hsi-fëng Wu-örl einst mit Tjing-wën verglichen hatte, ‚das lebende Abbild‘ waren ihre Worte. Kaum merkbar übertrugen sich seine alten Gefühle gegenüber Tjing-wën auf Wu-örl. Er lag dort, gab vor zu schlafen und beobachtete sie heimlich. Je mehr er sie beobachtete, desto mehr verwunderte ihn die Ähnlichkeit und desto erregter fühlte er sich. Im inneren Raum war alles still. ‚Sie müssen schlafen’, dachte er bei sich. Doch er mußte feststellen, ob Schë-yüä noch wach war. Er rief ihren Namen mehrere Male und es kam keine Antwort. Wu-örl hörte es trotzdem: „Was wollt ihr, Herr?“ „Ich möchte meinen Mund waschen.“ Wu-örl konnte sehen, daß Schë-yüä schlief, erhob sich dann eilig aus dem Bett, entzündete eine Kerze und gab Bau-yü eine Tasse Tee, hielt den Spucknapf dabei in der anderen Hand. Sie mußte sich beim Umziehen beeilen und trug über ihrem Nachtgewand nur ein rosafarbenes, seidenes Jäckchen. Ihr offenes Haar lag wild auf ihrem Kopf . Wie er sie ansah, konnte sich Bau-yü nur zu gut vorstellen, daß Tjing-wën von den Toten auferstanden sei. Plötzlich erinnerte er sich an Tjing-wëns Worte: „Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten.“ Er starrte Wu-örl wie besessen an, vergaß dabei die Teekanne in ihrer ausgestreckten Hand. Seit der Abreise von Fang-guan hatte Wu-örl ihre Idee völlig aufgegeben, jemals in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zu dienen. Doch dann, als Hsi-fëng Anweisungen gab, sie in Bau-yüs Dienst aufzunehmen, war sie davon noch mehr begeistert als Bau-yü selbst. Zu ihrer Überraschung machte nach ihrer Ankunft die besondere und erhabene Art, wie Bau-tschai und Hsi-jën sich benahmen, einen großen Eindruck auf sie, und sie war von großem Respekt und großer Bewunderung erfüllt, wohingegen Bau-yü im Gegensatz dazu zu einem völligen Blödian verkommen zu sein schien und nicht annähernd so gut aussah wie sonst. Außerdem wußte sie, daß die Dame Wang bereits Mägde entlassen hatte, die mit Bau-yü geflirtet hatten, und sie entschloß sich daher, jeden verrückten und romantischen Gedanken ihn betreffend zu verwerfen. Doch jetzt war er hier, dieser Einfaltspinsel, der in dieser Nacht offensichtlich ein Auge auf sie geworfen hatte. Sie wußte nichts von dem Prozess, durch welchen seine Gefühle für Tjing-wën auf sie übertragen wurden. Ihre Wangen brannten. Sie wagte nicht, etwas Lautes zu sagen, doch flüsterte: „Herr Bau-yü, bitte wascht jetzt Euren Mund!“ Er lächelte und nahm die Tasse in die Hand. Sie konnte nicht sagen, ob er seinen Mund nun wusch oder nicht, als nächstes wußte sie, daß er kicherte, und sie fragte: „Bist Du Tjing-wëns Freundin?“ Wu-örl verstand nicht, was mit ihm los war. „Natürlich! Wir kamen alle gut miteinander aus.“ Bau-yü dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern: „Als Tjing-wën so krank war, habe ich sie besucht. Warst du nicht auch da?“ Wu-örl lächelte und nickte. „Hast du sie irgend etwas sagen hören?“, fragte Bau-yü. Wu-örl antwortete mit einem Kopfschütteln. Bau-yü hielt Wu-örls Hand. Er schien völlig hingerissen zu sein. Sie errötete stark, und ihr Herz schlug heftig. „Aber Herr Bau-yü!“, flüsterte sie, „was ist los mit Ihnen, sagen Sie es mir. Hören Sie schon auf, sich so zu benehmen.“ Bau-yü ließ ihre Hand los. „Tjing-wën hatte damals gesagt: ‚Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten...‘ Hast du es auch gehört?“ Nun war Wu-örl völlig klar, was für ein „anderes Verhalten“ er im Sinn hatte. Sie fühlte sich herausgefordert: „Wenn es das ist, was sie sagte, hätte sie sich schämen sollen! Kein ehrbares Mädchen hätte so etwas vorgeschlagen!“ – „Halte mir doch kein Predigt!“, antwortete Bau-yü irritiert. „Ich dachte daran, wie ähnlich du Tjing-wën siehst, deshalb erzählte ich dir, was sie sagte. Wie kannst du sie nur so beschimpfen?“ Wu-örl konnte Bau-yüs wahre Absichten nun gar nicht mehr erkennen. „Es ist spät“, sagte sie, „ihr solltet wirklich besser schlafen und nicht so sitzen. Ihr könntet euch erkälten. Habt ihr nicht gehört, was Frau Bau-tschai und Hsi-jën vorhin gesagt haben?“ – „Ich friere nicht“, sagte Bau-yü. Wie er dies sagte, bemerkte er erst, daß Wu-örl höchst unangemessen gekleidet war und sie sich schnell eine fiebrige Erkältung holen könnte, wie es Tjing-wën passiert war. „Warum hast du dir keinen richtigen Umhang angezogen?“, fragte er sie. „Ihr habt gerufen, und es klang wichtig“, antwortete sie. „Ich hatte kaum Zeit, mich anzukleiden. Hätte ich gewußt, daß ihr nur auf solches Geplauder aus seid, hätte ich mir etwas anderes angezogen.“ Bau-yü reichte Wu-örl eine hellblaue Seidenjacke, die auf dem Bett lag und forderte sie auf, diese anzuziehen. Doch sie lehnte ab. „Behaltet sie, mir ist nicht kalt. Außerdem habe ich selbst einen guten Umhang.“ Sie ging hinüber zu ihrem Bett, um sich ihren Umhang zu besorgen. Sie horchte für einen Moment. Schë-yüä schlief fest. Sie ging langsam zurück zu Bau-yü: „Ich dachte, ihr wolltet heute eine ruhige Nacht haben?“ Bau-yü lächelte. „Um die Wahrheit zu sagen, war dies nie meine Absicht. Eigentlich wollte ich ja eine Fee treffen.“ Seine Worte bestätigten ihren Verdacht. „Wen meinen Sie denn?“ „Das sag’ ich dir gern“, antwortete er, „doch das ist eine lange Geschichte. Du kommst besser her und setzt dich zu mir.“ „Doch Sie beanspruchen schon das ganze Bett“, protestierte sie, errötete wieder und lächelte schüchtern, „wie kann ich dann neben Ihnen sitzen?“ – „Warum nicht? In einer Nacht jenen Jahres, als das Wetter kalt war, blieb Tjing-wën auf, um Schë-yüä einen Streich zu spielen. Damals befürchtete ich, daß sie Fieber bekommt, deshalb habe ich sie unter meine Decke geholt, um sie warm zu halten. Was ist so schlimm daran? Die Leute sollten nicht so prüde sein.“ Wu-örl glaubte, er sagte das nur im Spaß. Sie wußte nicht, daß er jedes Wort meinte, wie er es sagte. Sie überlegte, daß sie kaum entkommen konnte, und wenn sie doch blieb, wäre es ohnehin heikel für sie, ob sie stünde oder säße. Sie blickte ihn an und ihr Gesicht wandelte sich in ein Lächeln: „Sagen Sie nicht so etwas Dummes! Die Leute könnten das hören. Kein Wunder, daß Sie so einen Ruf haben. Wie können Sie immer noch so weiter flirten mit zwei so schönen Frauen wie Bau-tschai und Hsi-jën an Ihrer Seite! Wenn Sie so etwas nochmal versuchen sollten, muß ich es am nächsten Tag Frau Bau-tschai berichten. Und dann haben Sie einen Grund, sich zu schämen!“ Während sie sprach, gab es draußen einen plötzlichen Lärm, der sie beide erschreckte und kurz danach hörte man, wie Bau-tschai im inneren Zimmer keuchte. Bau-yü machte eine schnelle Handbewegung, Wu-örl löschte umgehend die Lampe, um unbemerkt in ihr Bett zu verschwinden. In der Tat waren früher am Abend Bau-tschai und Hsi-jën beide direkt schlafen gegangen, erschöpft von ihren vorigen schlaflosen Nächten und den Anstrengungen des Tages, und beide hatten während des Gesprächs zwischen Bau-yü und Wu-örl fest geschlafen. Es war der plötzliche Lärm im Hof, der sie geweckt hatte. Sie horchten nach einem weiteren Geräusch, doch alles blieb ruhig. Bau-yü hatte sich währenddessen wieder hingelegt und dachte bei sich: „Diesen Lärm hat Kusine Dai-yü gemacht! Sie kam, und als sie mich mit Wu-örl sprechen hörte, wollte sie uns erschrecken.“ Im Liegen drehte und wälzte er sich, tausend wilde Vorstellungen rasten durch seinen Kopf, und kurz vor dem Morgengrauen nickte er ein. Bau-yüs Versuchungen hinterließen bei Wu-örl ein schlechtes Gewissen, und als Bau-tschai keuchte, fürchtete sie, daß sie gehört worden waren, und lag die ganze Nacht grübelnd wach. Sie stand früh am Morgen auf und, wie sie Bau-yü dort tief schlafen sah, räumte sie leise das Zimmer auf. Schë-yüä war bereits wach. „Warum bist du so früh auf?“, fragte sie Wu-örl. „Sag’ nicht, du warst die ganze Nacht über wach.“ Dies brachte Wu-örl auf den Verdacht, daß auch Schë-yüä sie gehört hatte. Sie lächelte gezwungen und sagte nichts. Dann standen Bau-tschai und Hsi-jën auf, öffneten die Tür und traten in das äußere Zimmer, wo sie sehr überrascht waren, Bau-yü immer noch schlafen zu sehen. Es verwirrte sie, daß er zwei Nächte hintereinander so ruhig geschlafen hatte. Als Bau-yü aufwachte und alle um sich stehen sah, setzte er sich sofort auf und rieb sich die Augen. Er dachte an die Nacht zurück. Nein, es hatte immer noch keinen Traum gegeben. Er war niemandem begegnet. Er tröstete sich selbst mit den Worten des alten Sprichwortes: ‚Feen und Sterbliche beschreiten verschiedene Pfade, die sich niemals kreuzen.’ Als er langsam aus seinem Bett kletterte, klangen ihm Wu-örls Worte über Bau-tschai und Hsi-jën immer noch in den Ohren: „zwei so schöne Damen“. Ja, das stimmte, dachte er bei sich und starrte Bau-tschai an. Bau-tschai glaubte, es müsse wieder etwas mit Dai-yü zu tun haben, obwohl sie sich nicht danach erkundigt hatte, ob sein Traum ertragreich war oder nicht. Sie fühlte sich schnell unbehaglich unter seinem penetranten Starren und fragte schließlich: „Nun, bist du letzte Nacht einer Fee begegnet oder nicht?“ Bau-yü folgerte daraus, daß sie sein tête-à-tête mit Wu-örl gehört haben mußte. Er lachte nervös und antwortete mit gespielter Überraschung: „Was meinst du?“ Wu-örl für ihren Teil fühlte sich nur noch schuldiger und beobachtete still Bau-tschais Reaktion. Bau-tschai wandte sich danach an sie und fragte mit einem Lächeln: „Nun, hat Herr Bau-yü während seines Schlafes letzte Nacht geredet?“ Hier stammelte Bau-yü nun einige unzusammenhängende Entschuldigungen und verließ ängstlich das Zimmer. Wu-örl errötete sofort und antwortete so ausweichend wie möglich: „In der frühen Nacht sagte er etwas, doch ich habe es nicht ganz verstanden. Etwas wie ,hätte ich gewußt, daß die Dinge so stehen, dann…‘ und dann irgendwas wie ‚völlig anders verhalten’. Ich konnte nicht verstehen, was er zu sagen versuchte, deshalb sagte ich ihm nur, er solle versuchen zu schlafen. Dann schlief ich selbst ein, und wenn er noch etwas gesagt hat, dann habe ich es nicht gehört.“ Bau-tschai neigte gedankenvoll ihren Kopf: „Das hat offensichtlich etwas mit Dai-yü zu tun. Wenn ich ihn weiter draußen schlafen lasse, bekommt er mehr von diesen wirren Ideen in den Kopf, und wer weiß, was für merkwürdige Feenerscheinungen dann kommen? Es ist die Schwachheit unseres Geschlechtes, die uns verwundbar macht. Wie kann ich ihn nur für mich gewinnen? Wenn das nur jemals aufhören würde.“ Als sie so dachte, errötete sie stark, und ging schnell zurück ins innere Zimmer, um sich anzukleiden. Während der zweitägigen Geburtstagsfeier hatte die Herzoginmutter zu viel gegessen und am zweiten Abend hatte sie ein Völlegefühl sowie einen Druck in der Brust. Am folgenden Tag fühlte sie sich im Magen ganz aufgebläht, was Yüan-yang Djia Dschëng berichten wollte. Doch die Herzoginmutter unterband dies: „Ich war über die letzten Tage nur beim Essen etwas zu gierig. Wenn ich eine Weile faste, werde ich mich schnell erholen. Macht doch deshalb kein Aufhebens.“ Also berichtete es Yüan-yang niemandem. An diesem Abend, als Bau-yü in seine Gemächer zurückkehrte und Bau-tschai hereinkommen sah, um die Herzoginmutter und die Dame Wang zu begrüßen, erinnerte er sich an den morgendlichen Zwischenfall und errötete vor Scham. Bau-tschai bemerkte seine Verlegenheit sofort. ‚In solchen extremen Gefühlssituationen‘, dachte sie bei sich, ,ist für manche der einzige Ausweg die Manipulation dieser Gefühle selbst.‘ „Wirst du heute wieder draußen schlafen?“, fragte sie. Bau-yü schien diese Angelegenheit nicht mehr dringend verfolgen zu wollen: „Eigentlich ist es mir egal.“ Bau-tschai fiel keine passende Erwiderung ein und war etwas verlegen. „Was soll das denn jetzt?“ protestierte Hsi-jën. „Ich glaube nicht, daß man draußen so gut schlafen kann.“ Wu-örl sagte sofort: „Herr Bau-yü hat eine friedliche Nacht verbracht, unabhängig von seinem Gerede im Schlaf. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, was er sagte, aber es schien sinnvoll, nicht mit ihm darüber zu streiten.“ – „Ich werde heute Nacht mit ihm im Bett schlafen,“ kündigte Hsi-jën an, „dann weiß ich, was er nachts redet. Du kannst damit anfangen, Herrn Bau-yüs Decke ins innere Zimmer zurückzubringen.“ Bau-yü fühlte sich für einen Einwand zu schuldig und wollte Bau-tschai trösten. Sie befürchtete, zu viel Selbstbeobachtung und Kummer könnten seine Gesundheit gefährden. Dies brachte sie nur dazu, noch zärtlicher zu ihm zu sein. Sie versuchte ganz bewußt, seine Zuneigung für sich zu gewinnen, und suchte seine Nähe, um Dai-yüs Platz in seinem Herzen zu erobern. Hsi-jën ging an diesem Abend doch draußen schlafen. Bau-yü verhielt sich reuevoll gegenüber Bau-tschai, und Bau-tschai hatte natürlich nicht die Absicht, ihn abzuweisen. In ihrer Hochzeitsnacht waren sie sich das erste Mal körperlich näher gekommen, auf diese Weise kosteten sie die vollen Früchte der ehelichen Vereinigung. Doch davon später mehr. Als Bau-tschai und Bau-yü am Morgen aufstanden, ging sich Bau-yü waschen und begab sich zur Herzoginmutter. Sie hatte an diesem Morgen den plötzlichen Drang, ihrem geliebten Enkelsohn und ihrer ergebenen Schwiegerenkelin einen Gefallen zu tun und hatte Yüan-yang aufgetragen, eine der Truhen zu öffnen und einen antiken Jadefingerring der Han-Dynastie herauszuholen, ein Familienerbstück von ihr. Sie wußte, daß es nicht mit Bau-yüs originaler Jade zu vergleichen war, doch hielt sie es trotzdem für ein besonderes Schmuckstück. Yüan-yang fand es und gab es der Herzoginmutter. „So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Wie konnten sie sich nach all den Jahren daran erinnern, wo es war? Sie wußten genau, welche Ecke in welcher Truhe. Mit diesen Anweisungen konnte ich es sofort finden. Wofür brauchen Sie ihn, Herrin?“ – „Du kannst nichts über diesen Jadestein wissen“, antwortete die Herzoginmutter, „ursprünglich gab ihn mein Urgroßvater meinem Vater. Als ich verheiratet war, schickte mein Vater nach mir, um mir dieses Geschenk zu machen. Er sagte mir, es sei ein sehr kostbarer Jadestein der Han-Dynastie. Mit dem Stein sollte ich mich an ihn erinnern. Zu dieser Zeit war ich sehr jung und habe kaum darüber nachgedacht. Ich habe ihn nur in die Truhe gelegt. Und als ich herkam, um hier zu leben und so viele andere Schätze um mich sah, schien er mir nicht mehr so besonders. Ich habe ihn noch nicht einmal getragen. Er muß über sechzig Jahre in der Truhe gelegen haben. Heute dachte ich, was für ein guter Enkelsohn Bau-yü für mich ist; und seit er seinen eigenen Jadestein verloren hat, dachte ich, ich könnte ihm diesen geben, aus demselben Grund wie ihn mein Vater mir gab.“ Und da traf Bau-yü auch schon ein. „Komm her“, sagte die Herzoginmutter, „komm und sieh dir etwas an!“ Bau-yü ging zu dem Ofenbett, auf dem sie lag, und die Herzoginmutter überreichte ihm den Jadestein. Er nahm ihn in die Hände und schaute ihn an. Sein Umfang betrug etwa eine Handbreit, mit seiner elliptischen Form ähnelte er einer langen Melone mit rötlichem Farbton. Es war ein sehr schönes Stück Handarbeit. Bau-yü war überaus begeistert. „Gefällt er dir?“, fragte die Herzoginmutter. „Er wurde mir von meinem Urgroßvater übergeben und nun gebe ich ihn dir.“ Bau-yü lächelte und sprach, ein Knie auf den Boden hinunterlassend, seinen Dank aus und meinte, er würde ihn gern seiner Mutter zeigen. „Wenn sie ihn sieht, wird sie es deinem Vater erzählen“, ermahnte ihn die Herzoginmutter, „und dann wird er sagen, daß ich dich mehr liebe als ich ihn geliebt habe. Sie haben ihn noch niemals gesehen.“ Bau-yü lächelte und ging hinaus, Bau-tschai blieb noch eine Weile und sprach noch ein wenig mit der Herzoginmutter, bevor sie ging. Die Herzoginmutter fastete zwei Tage, doch immer noch fühlte sich ihr Magen schmerzhaft aufgebläht an, sie begann zu keuchen und ihr wurde schwindelig. Die Damen Wang und Hsing sowie Hsi-fëng fanden sie in gutem Zustand, als sie ihren Pflichtbesuch abstatteten, doch sie überbrachten Djia Dschëng die Nachricht, daß er vorbeischauen solle. Er eilte sofort zu ihr und rief nach einem Arzt, der ihren Puls messen und eine Diagnose geben solle. Der Arzt erschien umgehend und verkündete nach seiner Untersuchung, daß diese Umstände nichts Ungewöhnliches für eine Person im Alter der Herzoginmutter seien. Eine fehlerhafte Diät habe leichtes Fieber verursacht, was durch die Einnahme eines Beruhigungsmittels schnell gelindert würde. Er schrieb das Rezept und als Djia Dschëng sah, daß es nichts Besonderes enthielt, trug er einer der Mägde auf, die Zutaten zusammenzubrauen und das Gemisch der Herzoginmutter zu verabreichen. Djia Dschëng besuchte die Herzoginmutter morgens und abends. Nach drei Tagen, als immer noch keine Besserung eintrat, sagte er zu Djia Liän: „Du mußt einen besseren Arzt herbestellen, daß er so schnell wie möglich nach der Herzoginmutter sehen kann. Ich fürchte, ein einfacher Arzt wird dafür nicht ausreichen.“ Djia Liän überlegte einen Moment und sagte: „Ich erinnere mich daran, wie Bau-yü vor einer Weile krank war, da besorgten wir zuletzt auch einen Arzt, der streng genommen auch nur ein gewöhnlicher Hausarzt war – und am Ende ging es Bau-yü doch wieder besser. Warum holen wir ihn nicht wieder her?“ – „Medizin ist eine durchaus raffinierte Kunst“, Djia Dschëng überlegte laut, „und manchmal werden die fähigsten Mediziner nicht als solche erkannt. Also dann besorg’ uns diesen Mann!“ Djia Liän brach sofort auf, nur um mit der Nachricht zurückzukehren, daß der besagte Arzt Liu zur Zeit die Stadt verlassen habe, um seine Schüler zu unterrichten und erst in zehn Tagen zurückkomme. Doch weil die Angelegenheit dringend war, besorgte Djia Liän einen anderen, der bereits auf dem Weg war. Djia Dschëng konnte nur warten. Soviel dazu. Während dieser Krankheit waren alle Damen in ständiger Aufwartung bei der Herzoginmutter.