Hongloumeng/de/Chapter 3

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Kapitel 3

托内兄如海荐西宾

接外孙贾母惜孤女

Rasch drehte Djia Yü-tsun sich um und erblickte niemand anders als einen ehemaligen Amtsgefährten, der auf Grund derselben Throneingabe wie er seines Postens enthoben worden war und Dschang Ju-guee hieß. Er stammte aus der hiesigen Gegend und hatte nach seiner Entlassung zu Hause gelebt. Heute hatte er in Erfahrung gebracht, daß in der Hauptstadt dem Gesuch entsprochen worden war, die Entlassenen wieder in ihre Ämter einzusetzen, und hatte sich daraufhin überall umgetan und nach Möglichkeiten gesucht, um seine Sache zu fördern. Als er plötzlich Djia Yü-tsun erblickte, gratulierte er ihm schnell, und nachdem sie einander begrüßt hatten, teilte er ihm die Neuigkeit mit. Djia Yü-tsun freute sich natürlich, und nachdem sie in aller Eile noch ein paar Sätze gewechselt hatten, verabschiedeten sie sich, und jeder ging nach Hause. Lëng Dsï-hsing, der ihr Gespräch mit angehört hatte, gab Djia Yü-tsun sogleich den Rat, er solle sich an Lin Ju-hai wenden, damit dieser seinerseits Djia Dschëng in der Hauptstadt um Hilfe anginge. Djia Yü-tsun griff den Gedanken auf, verabschiedete sich und kehrte in sein Quartier zurück, wo er sofort im Hofanzeiger nachsuchte und fand, daß die Nachricht stimmte. Am nächsten Tag sprach er mit Lin Ju-hai darüber. „Das trifft sich gut“, sagte Lin Ju-hai. „Nachdem meine Frau gestorben ist, macht sich meine Schwiegermutter in der Hauptstadt Gedanken darüber, daß meine kleine Tochter niemanden hat, auf den sie sich stützen kann und der sie erzieht. Darum hat sie bereits Leute und Boote geschickt, um sie zu holen. Aber weil meine Tochter nicht ganz gesund war, ist sie bisher noch nicht abgereist. Jetzt habe ich gerade darüber nachgedacht, daß ich Euch die Güte Eurer Unterweisung noch nicht vergolten habe. Warum sollte ich nicht die Gelegenheit nutzen, um Euch nach Kräften meine Dankbarkeit zu bezeugen? Seid nur bitte ganz unbesorgt! Ich hatte mir schon im Voraus meine Gedanken gemacht und habe einen Empfehlungsbrief verfaßt, in dem ich meinen Schwager beauftrage, Euch in jeder Hinsicht behilflich zu sein. Nur auf diese Weise kann ich meine Aufrichtigkeit ein wenig unter Beweis stellen. Auch auf die Frage der Unkosten, die Euch möglicherweise entstehen, bin ich in dem Brief schon eingegangen. Ihr braucht Euch keine unnötigen Sorgen darum zu machen.“ Sich verbeugend, dankte Djia Yü-tsun ihm wieder und wieder, dann fragte er: „Welches Amt bekleidet Euer werter Verwandter zur Zeit? Ich fürchte, ich bin zu ungehobelt, um ihm in der Hauptstadt plötzlich zur Last zu fallen.“ „Meine Verwandten stehen mit Euch im selben Ahnenregister, sie sind die Enkel des Herzogs Jung-guo“, erwiderte Lin Ju-hai lächelnd. „Mein älterer Schwager trägt jetzt den Ehrentitel eines Marschalls erster Klasse. Sein Rufname ist Schë, sein Ehrenname Ën-hou. Der Rufname meines zweiten Schwagers lautet Dschëng, sein Ehrenname Tsun-dschou. Er ist zur Zeit Ministerialsekretär im Ministerium für öffentliche Arbeiten. In seinem Verhalten ist er gutmütig und bescheiden. Er hat viel von der Art seines Großvaters und gehört nicht zu jenem Typ leichtfertiger Beamter aus reicher Familie. Nur deshalb habe ich Euretwegen an ihn geschrieben. Andernfalls würde nicht nur Eure Wohlanständigkeit beschmutzt werden, auch ich selbst hätte es verachtet, so etwas zu tun.“ Als Djia Yü-tsun das hörte, glaubte er endlich, was Lëng Dsï-hsing ihm am Tag zuvor erzählt hatte, und bedankte sich noch einmal bei Lin Ju-hai. Dieser fuhr nun fort: „Ich habe den zweiten Tag des nächsten Monats als Termin für die Abreise meiner kleinen Tochter ausgewählt. Wäre es nicht das bequemste, wenn Ihr mit ihr reist?“ Djia Yü-tsun stimmte bereitwillig zu und war innerlich höchst zufrieden. Lin Ju-hai machte ihm dann noch einige Geschenke und gab ein Abschiedsessen für ihn. Djia Yü-tsun nahm das eine wie das andere an. Seine Schülerin Dai-yü war eben wieder gesund und wollte sich nicht gern vom Vater trennen. Aber die Großmutter hatte bestellen lassen, sie solle unbedingt kommen, und Lin Ju-hai ergänzte: „Dein Vater ist bald fünfzig und hat nicht die Absicht, noch einmal zu heiraten. Außerdem bist du viel krank und bist auch noch sehr klein. Du hast weder eine Mutter, die dich erziehen könnte, noch Geschwister, die dir beistehen könnten. Darum nimmt es mir die Sorge ab, mich um dich kümmern zu müssen, wenn du jetzt in der Großmutter und den Kusinen eine Stütze findest. Wie kannst du sagen, du fährst nicht?“ Nach dieser Ansprache kniete Dai-yü unter Tränen nieder, um vom Vater Abschied zu nehmen, und bestieg mit ihrer Amme und einigen älteren Frauen aus dem Jung-guo-Anwesen das Boot. Für Djia Yü-tsun war ein anderes Boot da, auf dem er mit zwei Sklavenjungen Dai-yü begleitete. Nach einer Reihe von Tagen gelangten sie zur Hauptstadt und passierten schließlich die Stadtmauer. Djia Yü-tsun brachte erst Kleidung und Kopfbedeckung in Ordnung, dann begab er sich mit den Knaben zum Tor des Jung-guo-Anwesens und gab dort seine Visitenkarte ab, auf der er sich als ‚Euer Neffe‘ bezeichnete. Djia Dschëng, der bereits den Brief seines Schwagers gelesen hatte, ließ Djia Yü-tsun sofort hereinbitten. Er stellte fest, daß dieser eine stattliche Erscheinung war und daß seine Ausdrucksweise nichts Vulgäres hatte. Ohnehin hegte er eine große Vorliebe für studierte Männer, war höflich und leutselig zu allen Befähigten, half den Schwachen und Bedrängten und hatte viel von der Art seines Ahnen an sich. Überdies war Djia Yü-tsun ihm von seinem Schwager empfohlen worden, deshalb behandelte er ihn zuvorkommend und war bemüht, ihm zu helfen. Als er deswegen eine Throneingabe machte, erwirkte er mit Leichtigkeit den Entscheid, daß Djia Yü-tsun in seinem Rang bestätigt wurde und auf eine Vakanz warten durfte. Nach weniger als zwei Monaten wurde die Stelle des Präfekten von Ying-tiän fu in Djin-ling frei, und Djia Yü-tsun erreichte, daß er dort eingesetzt wurde. Dann verabschiedete er sich von Djia Dschëng, wählte einen Glückstag aus und reiste ab, um seinen Dienst anzutreten. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Als Dai-yü an jenem Tage aus dem Boot ans Land stieg, standen dort schon längst Sänften bereit sowie Wagen für das Gepäck, alles aus dem Jung-guo-Anwesen geschickt. Dai-yü hatte oft von ihrer Mutter gehört, die Familie der Großmutter unterscheide sich von anderen Familien, und was sie bisher bei drittrangigen Sklaven und Sklavinnen an Nahrung, Kleidung und Aufmachung gesehen hatte, bestätigte dies. Wie mußte es erst werden, wenn sie jetzt in die Familie kam! Deshalb wollte sie auf jeden Schritt achten und ständig auf der Hut sein, nicht einen Satz zuviel zu sagen, um nicht dafür ausgelacht zu werden. Als sie in der Sänfte saß und in die Stadt kam, blickte sie verstohlen durch die Gazefenster hinaus. Durch die Fülle der Märkte und die Menge der Häuser hob sich die Hauptstadt von anderen Orten ab. Nachdem noch einmal etliche Zeit vergangen war, erblickte Dai-yü plötzlich auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwenfiguren und drei große Tore mit Türklopfern in Form von Tierköpfen daran. Vor diesen Toren saßen mehr als zehn Männer in prächtiger Kleidung und Kopfbedeckung. Das Haupttor war geschlossen, nur durch das östliche und das westliche Nebentor gingen Leute ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel, auf der in großen Schriftzeichen stand ‚Auf kaiserlichen Befehl erbautes Ning-guo-Anwesen‘. ‚Hier muß der äußere Zweig der Familie wohnen‘, dachte Dai-yü. Bei dieser Überlegung waren sie schon weiter nach Westen gekommen, wo sich nicht allzuweit entfernt genau so ein dreifaches großes Tor befand. Dies erst war das Jung-guo-Anwesen. Sie gingen aber nicht durch das Haupttor hinein, sondern durch das westliche Nebentor. Die Sänftenträger trugen die Sänften noch eine Pfeilschußweite hinein, dann setzten sie sie an einer Stelle ab, wo es um die Ecke ging, und zogen sich zurück. Die Sklavenfrauen in den hinteren Sänften waren alle ausgestiegen und traten an Dai-yüs Sänfte heran. Diese wurde von drei oder vier ordentlich gekleideten Sklavenjungen von siebzehn, achtzehn Jahren wieder aufgehoben und, umringt von den Sklavinnen, die jetzt zu Fuß gingen, bis an ein Innentor mit vorspringendem Balkenschmuck getragen. Die Jungen entfernten sich, die Sklavenfrauen schlugen den Sänftenvorhang zurück und halfen Dai-yü beim Aussteigen. Auf die Arme der Sklavinnen gestützt, trat Dai-yü durch das Tor, hinter dem auf beiden Seiten ein überdachter Wandelgang entlangführte. Dem Tor gegenüber lag eine Durchgangshalle mit einem großen marmornen Wandschirm in einem Gestell aus Padoukholz davor. Hinter dem Schirm befand sich eine kleine Halle von drei Säulenzwischenräumen Breite, und daran schloß sich der Wohnhof mit den Haupträumen an. Das Hauptgebäude hatte eine Front von fünf Säulenzwischenräumen Breite, das Balkenwerk war geschnitzt und bemalt. An den Seitengängen und den Nebengebäuden hingen Käfige mit bunten Papageien, Häherlingen und anderen Vögeln. Auf der Plattform des Hauses saßen ein paar in Rot und Grün gekleidete Sklavenmädchen, die ihnen lächelnd entgegenkamen, kaum daß sie sie erblickt hatten, und sagten: „Eben noch hat die alte gnädige Frau davon geprochen, und nun seid ihr wirklich da!“ Drei oder vier von ihnen griffen gleichzeitig nach dem Türvorhang, um ihn zurückzuschlagen, und man hörte, wie jemand meldete: „Fräulein Lin ist gekommen.“ Kaum war Dai-yü eingetreten, als sie eine alte Frau mit silbernen Schläfen auf sich zukommen sah, die von beiden Seiten gestützt wurde, und sie sagte sich, das müsse die Großmutter sein. Eben wollte sie zur Begrüßung niederknien, da zog die Großmutter sie mit den Rufen „Mein Herz, meine Leber!“ an ihre Brust und begann laut zu weinen. Und es war keine unter den Anwesenden, die nicht ebenfalls ihr Gesicht bedeckt und geweint hätte. Auch Dai-yü weinte ohne Unterlaß, bis man ihr begütigend zusprach und sie endlich niederkniete, um der Großmutter ihren Gruß zu entbieten. Dies war die Edelfrau Schï, die Herzoginmutter, von der Lëng Dsï-hsing erzählt hatte, daß Djia Schë und Djia Dschëng ihre Söhne seien. Die Herzoginmutter wies dann mit der Hand auf jede der Anwesenden und erklärte Dai-yü: „Dies ist deine Tante, die Frau deines älteren Onkels. Dies ist die Frau deines zweiten Onkels. Dies ist die Frau deines verstorbenen Vetters Dschu.“ Nachdem Dai-yü vor jeder von ihnen zur Begrüßung niedergekniet war, befahl die Herzoginmutter: „Bittet die Fräulein her! Heute


Lin Dai-yü trifft ihre Großmutter, die Herzoginmutter. Aus: Jinyuyuan 1889a. ist ein Gast von weither gekommen, da brauchen sie nicht zum Unterricht zu gehen.“ Der Befehl wurde bestätigt, und zwei Sklavenfrauen gingen hinaus. Bald darauf sah man die drei Kusinen, von drei alten Ammen und fünf oder sechs Sklavenmädchen umringt, hereinkommen. Die erste war etwas füllig und von mittlerer Statur, ihre Wangen waren rot wie frische Litchipflaumen, die Nase zart wie feine Seife. Sie schien sanftmütig und schweigsam zu sein. Wenn man sie ansah, fühlte man sich zu ihr hingezogen. Die zweite hatte abfallende Schultern und eine zarte Taille, sie war hochgewachsen, und ihr Gesicht war oval wie ein Entenei. Sie hatte hübsche Augen und wohlgeformte Brauen, jeder Blick von ihr war voll Ausdruck. Ihre Art war elegant und verfeinert, bei ihrem Anblick vergaß man alles Profane. Die dritte war noch nicht ausgewachsen, ihre ganze Erscheinung hatte etwas Kindliches. Kleidung und Schmuck waren bei allen dreien gleich. Rasch stand Dai-yü auf, ging ihnen entgegen und begrüßte sie. Nachdem sie sich bekannt gemacht hatten, setzten sich alle wieder hin, und die Sklavenmädchen brachten Tee. Kaum daß sie davon sprachen, wie Dai-yüs Mutter krank geworden war, wie man Ärzte geholt und sie behandelt hatte und wie man sie schließlich beerdigt und betrauert hatte, begann sich die Herzoginmutter wieder zu grämen und sagte: „Von allen meinen Kindern habe ich allein deine Mutter geliebt. Nun aber hat sie mich so plötzlich verlassen, ohne daß ich sie noch einmal wiedersehen konnte. Wie sollte ich da nicht traurig sein, nachdem ich dich jetzt gesehen habe!“ Mit diesen Worten zog sie Dai-yü an ihre Brust und begann wieder, laut zu schluchzen. Erst als alle sie trösteten und ihr zuredeten, beruhigte sie sich ein wenig. Allen fiel auf, daß Dai-yü wohl noch klein war, daß aber ihr Benehmen und ihre Redeweise tadellos waren und daß ihr trotz ihrer schwächlichen Erscheinung eine natürliche Anmut zu eigen war. Man sah ihr an, daß sie an einer Mangelkrankheit litt, darum wurde sie gefragt, was für Medikamente sie gewöhnlich einnehme und warum sie nicht bestrebt sei, sich auskurieren zu lassen. „Ich war noch nie anders“, berichtete Dai-yü. „Seitdem ich essen gelernt habe, nehme ich auch Medikamente ein, und so ist es bis heute geblieben. Wieviel berühmte Ärzte haben mich untersucht und Rezepturen für mich zusammengestellt, aber nichts hat geholfen. Man hat mir erzählt, als ich drei Jahre alt war, sei ein grindköpfiger Buddhamönch gekommen und habe gebeten, mich ins Kloster zu geben. Als meine Eltern sich beharrlich weigerten, habe er gesagt: ‚Wenn Ihr sie nicht hergebt, wird sie wohl ihr

Die Herzoginmutter. Aus: Jinyuyuan 1889b. Leben lang nicht gesund werden. Wenn es ihr gut gehen soll, darf sie nie mehr einen Menschen weinen sehen. Nur wenn sie außer ihren Eltern keinen Menschen mit anderem Familiennamen zu Gesicht bekommt, auch nicht Freunde oder Verwandte, kann sie ihre Tage in Frieden verbringen.‘ Aber verrückt, wie er war, und unsinnig, wie er redete, hat ihm niemand Beachtung geschenkt. Ich nehme noch heute Ginsengpillen.“ „Das trifft sich gut“, sagte die Herzoginmutter. „Bei mir hier werden gerade Pillen zubereitet. Ich werde befehlen, daß man eine Portion mehr davon macht...“ Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als auf dem hinteren Hof jemand lachend sagte: „Ich komme zu spät und war nicht dabei, als der Gast aus der Ferne begrüßt wurde.“ Verwundert sagte sich Dai-yü: ‚Hier möchte am liebsten jeder den Atem anhalten, so ehrerbietig und ernst sind sie. Wer mag das sein, der so unbeherrscht und respektlos ist?‘ Während sie das überlegte, sah sie jemanden inmitten eines ganzen Trupps älterer und jüngerer Sklavinnen zur Hintertür hereinkommen. Der Ankömmling war anders gekleidet als die übrigen Fräulein. Mit den buntschillernden Stickereien sah die Frau aus wie eine Götterfrau oder eine Unsterbliche. Den Haarknoten auf ihrem Kopf zierte ein Schmuckstück aus Goldfiligran mit bunten Edelsteinen und durchbohrten Perlen, durch das ein Haarpfeil mit fünf Phönixen gesteckt war, an denen Perlenschnüre hingen. Um den Hals trug sie einen goldenen Reif mit verschlungenen Drachen, und über dem Rock hing an einem Palastgürtel ein rosenfarbener Jadeanhänger in Form eines doppelten Fisches. Gekleidet war sie in eine lange enganliegende Jacke aus dunkelrotem Atlas, die mit Schmetterlingen und Blumen aus Goldfäden bestickt war. Darüber trug sie ein azuritblaues Gewand, das mit bunten Seidenwebereien geschmückt und mit Hermelin gefüttert war, außerdem einen eisvogelblauen Krepprock mit Streublumenmuster. Sie hatte dreieckige Phönixaugen und Brauen wie Weidenblätter, ihre Gestalt war grazil, ihre Bewegungen waren anmutig. Das gepuderte Gesicht wirkte lieblich und verriet nichts von ihrer herrischen Art. Ihr Lachen war schon zu hören, ehe die roten Lippen sich öffneten. Dai-yü stand rasch auf, um sie zu begrüßen, da sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Du kennst sie nicht, sie ist unser berühmter Hausteufel. Im Süden würde man ‚Taugenichts‘ zu ihr sagen, du kannst sie auch einfach so nennen.“ Dai-yü wußte wirklich nicht, wie sie sie anreden sollte, da erklärten ihr die Kusinen schon: „Sie ist die Frau von Vetter Liän.“ Wenn Dai-yü sie auch noch nicht gesehen hatte, so hatte sie doch von ihrer Mutter gehört, Djia Liän, der Sohn des älteren Onkels Djia Schë, habe eine Nichte von Dame Wang, der Frau des jüngeren Onkels, geheiratet, die von klein auf wie ein Junge erzogen worden war und den Schulnamen Wang Hsi-fëng trug. Lächelnd entbot sie ihr jetzt den Gruß und nannte sie Schwägerin. Hsi-fëng faßte Dai-yü bei den Händen, musterte sie aufmerksam von oben bis unten und führte sie dann an die Seite der Herzoginmutter zurück, wobei sie sagte: „Gibt es also doch so schöne Mädchen auf der Welt! So etwas sehe ich heute zum ersten Mal. Aber nach ihrer ganzen Art sieht sie nicht aus wie ein Tochterkind der alten Ahne, sondern mehr wie eine Enkelin aus der Hauptlinie der Familie. Kein Wunder, daß die alte Ahne in einem fort an sie dachte und von ihr sprach. Aber es ist ein Jammer, was mein Kusinchen für ein schweres Los hat! Warum nur hat die Tante sterben müssen?!“ Dabei wischte sie sich mit einem Tuch die Tränen ab. „Kaum habe ich mich beruhigt, fängst du wieder damit an“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Deine Kusine ist gerade nach langer Reise angekommen, außerdem ist sie ein zartes Kind, und wir haben sie eben erst trösten können. Also sprich nicht mehr davon!“ Kaum hatte Hsi-fëng das gehört, zeigte ihr Gesicht schon Freude statt Kummer, und sie sagte: „Ganz recht! Kaum hatte ich die Kusine gesehen, dachte ich nur noch an sie, habe mich über sie gefreut und mich ihretwegen gegrämt. Die alte Ahne hatte ich darüber ganz vergessen. Ich habe Schläge verdient.“ Dann faßte sie Dai-yü wieder bei den Händen und fragte: „Wie alt bist du, Kusinchen? Hast du auch Unterricht bekommen? Was nimmst du für Medizin? Du mußt hier kein Heimweh haben! Und wenn du etwas zu essen oder zum Spielen haben möchtest, brauchst du es mir nur zu sagen. Auch wenn die Mägde oder die Frauen nicht nett zu dir sind, brauchst du es mir nur zu sagen.“ Dann wandte sie sich den Sklavenfrauen zu und erkundigte sich: „Ist das Gepäck von Fräulein Lin hereingebracht worden? Wie viele Leute hatte sie bei sich? Räumt schnell zwei Gesindestuben auf, wo sie sich ausruhen können!“ Während Hsi-fëng sprach, waren schon Tee und Naschwerk gebracht worden, und Hsi-fëng reichte es selbst herum. Dann wurde sie von ihrer Tante gefragt: „Hast du die Monatsgelder ausgezahlt?“ „Die Monatsgelder sind alle ausgezahlt“, berichtete Hsi-fëng. „Eben war ich mit den Leuten oben im Hintergebäude und habe nach dem Atlas gesucht. Wir haben eine halbe Ewigkeit damit zugebracht, aber solchen, wie Ihr

Dame Hsing. Aus: Jinyuyuan 1889b. gestern gesagt habt, haben wir nicht gefunden. Wahrscheinlich habt Ihr Euch geirrt.“ „Was macht es schon, ob er da ist oder nicht“, entgegnete Dame Wang und fuhr dann fort: „Such nach Belieben zwei Stücken aus und laß deiner Kusine hier Kleider daraus nähen. Denk am Abend daran, jemand danach zu schicken. Vergiß es nicht!“ „Daran hatte ich auch so schon gedacht“, sagte Hsi-fëng. „Da ich wußte, daß die Kusine dieser Tage ankommen mußte, habe ich den Stoff schon bereitlegen lassen. Wenn Ihr drüben seid und ihn Euch angesehen habt, schickt ihn bitte her.“ Lächelnd nickte Dame Wang daraufhin und sagte nichts mehr. Der Tee und die Näschereien wurden abgetragen, und als die Herzoginmutter jetzt zwei alten Ammen befahl, Dai-yü zu ihren beiden Onkeln zu bringen, erhob sich auch Djia Schës Gattin, Dame Hsing, und bot lächelnd an, „Ich werde sie nach drüben mitnehmen. So ist es das bequemste.“ „Das ist recht“, sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd. „Du kannst auch gehen und brauchst dann nicht wieder herüberzukommen.“ Dame Hsing antwortete kurz: „Jawohl!“ Sie ließ Dai-yü von Dame Wang Abschied nehmen, und dann begleiteten alle sie bis zu der Durchgangshalle. Als sie zu dem Innentor mit dem vorspringenden Balkenwerk hinaustraten, hatten die Sklavenjungen schon einen Wagen mit eisvogelblauem Verdeck und dunkelblauen Seidenvorhängen herbeigezogen. Dame Hsing faßte Dai-yü bei der Hand und stieg mit ihr ein. Die Sklavenfrauen ließen erst den Wagenvorhang wieder herab, ehe sie den Jungen befahlen, den Wagen in Bewegung zu setzen, und diese zogen ihn an eine geräumige Stelle, wo sie ein sanftmütiges Maultier vorspannten. Der Wagen fuhr zum westlichen Seitentor hinaus, von dort in östlicher Richtung am Haupttor des Jung-guo-Anwesens vorbei und dann zu einem großen schwarzlackierten Tor hinein. Erst vor einem Zeremonialtor blieb er stehen. Nachdem sich die Jungen zurückgezogen hatten, hoben die Sklavenfrauen den Wagenvorhang auf, und Dame Hsing betrat mit Dai-yü an der Hand den Wohnhof. Dai-yü schien es, der Hof und die Gebäude müßten vom Garten des Jung-guo-Anwesens abgetrennt worden sein. Nachdem sie drei weitere Zeremonialtore durchschritten hatten, erblickte Dai-yü das Hauptgebäude, die Anbauten und die Wandelgänge, die fein und zierlich aussahen, und nicht so grandios und erhaben wie drüben bei der Herzoginmutter. Auch an Bäumen und Felsgruppen fehlte es nicht. Als sie dann das Hauptgebäude betraten, kam ihnen eine ganze Schar reich geschmückter und schön gekleideter Nebenfrauen und Sklavenmädchen entgegen. Dame Hsing ließ Dai-yü Platz nehmen und schickte jemand in die äußere Bibliothek, um Djia Schë herzubitten. Aber bald kam die Sklavin wieder und meldete: „Der alte Herr hat gesagt, er fühle sich schon seit Tagen nicht wohl, und wenn er das Fräulein empfinge, würde das beide Seiten nur traurig stimmen, darum sei er vorerst nicht imstande, das Fräulein zu sehen. Er läßt dem Fräulein sagen, sie solle sich nicht grämen und brauche kein Heimweh zu haben, sie solle sich bei der alten gnädigen Frau und den Tanten wie zu Hause fühlen. Ihre Kusinen seien zwar dumme Dinger, aber ihre Gesellschaft könne ihr doch den Kummer etwas zerstreuen helfen. Und wenn etwa jemand sie kränke, solle sie es nur sagen und sich nicht als Fremde betrachten.“ Dai-yü hatte sich rasch erhoben und die Botschaft stehend angehört. Nachdem sie dann noch ein Weilchen gesessen hatte, wollte sie sich verabschieden, Dame Hsing aber drängte sie, zum Abendessen zu bleiben. Lächelnd sagte Dai-yü: „Wenn die Tante so lieb zu mir ist und mich zum Essen einladen möchte, dürfte ich eigentlich nicht nein sagen. Ich muß aber noch hinübergehen, um dem zweiten Onkel meine Aufwartung zu machen. Ich fürchte, wenn ich die Einladung annehme und dann erst gehe, wäre das unehrerbietig. Ich kann doch ein andermal wiederkommen. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, Tante!“ Lächelnd erwiderte Dame Hsing: „Du hast recht.“ Und so befahl sie ein paar alten Ammen, sie sollten das Fräulein mit dem Wagen von vorhin schön wieder hinüberbringen. Also verabschiedete sich Dai-yü, und Dame Hsing begleitete sie bis vor das Zeremonialtor, wo sie das Gesinde noch ein paarmal ermahnte und dann wartete, bis der Wagen abgefahren war, ehe sie ins Haus zurückging. Wenig später war Dai-yü im Jung-guo-Anwesen und stieg aus dem Wagen. Von den Ammen geführt, wandte sie sich nach Osten, passierte eine Durchgangshalle in Ostwestrichtung und gelangte hinter der Südhalle durch ein Zeremonialtor in ein Wohngehöft, dessen Hauptgebäude fünf Säulenzwischenräume breit war. Es war in allen Richtungen mit Seiten- und Nebenräumen verbunden und wirkte noch imposanter als das Wohngehöft der Herzoginmutter. Dai-yü begriff, daß erst hier das Zentrum der Privatgemächer des Anwesens war, zumal von hieraus ein breiter gepflasterter Weg direkt zum Haupttor führte. Als Dai-yü beim Betreten der Halle den Kopf hob, erblickte sie eine große blaue Namenstafel, die von neun goldenen Drachen eingefaßt war und auf der in scheffelgroßen Schriftzeichen stand ‚Halle des Blühenden Glücks‘. Darauf folgte eine Zeile kleinerer Schriftzeichen ‚Am Tage sowieso

Dame Wang. Aus: Jinyuyuan 1889b. des soundsovielten Jahres geschrieben für Djia Yüan, Herzog Jung-guo‘, daneben prangte ein kaiserliches Siegel. Auf einem großen Tisch aus Padoukholz, der mit geschnitzten Drachen verziert war, stand ein alter Dreifußkessel aus Bronze, mit grüner Patina bedeckt und drei Tschï hoch. Darüber hing ein großes Bild in monochromer Tuschmalerei, das einen Drachen in der Brandung des Meeres zeigte. Daneben waren auf der einen Seite ein goldinkrustiertes Bronzegefäß und auf der anderen Seite ein gläserner Weinbehälter plaziert. Auf dem Boden standen in zwei Reihen sechzehn Klappstühle aus Nanmu-Holz. Eine Parallelinschrift aus silbernen Zeichen auf zwei Ebenholztafeln lautete: ‚Die Perlen auf den Gewändern strahlen wie die Sonne und wie der Mond, die Ornamente auf den Amtstrachten schimmern wie Wolken im Morgenrot.‘ Darunter verkündete eine Zeile kleinerer Schriftzeichen: ‚Vom Landsmann und Studiengefährten Mu Schï, Prinz Dung-an, ehrfurchtsvoll geschrieben.‘ Weil sich Dame Wang für gewöhnlich nicht hier in der Haupthalle aufhielt, sondern in einem Anbau von drei Säulenzwischenräumen Breite östlich davon, führten die alten Ammen Dai-yü dorthin. Das große Ofenbett am Fenster war mit einem scharlachroten fremdländischen Wollteppich bedeckt. Darauf lagen in der Mitte ein dunkelrotes Rückenpolster, azuritblaue Armkissen und eine blaß gelbgrüne Matratze, allesamt mit Drachenmedaillons verziert. Auf beiden Seiten stand je ein Lacktischchen in Aprikosenblütenform. Auf dem linken Tischchen hatten ein altertümlicher Dreifußkessel aus Bronze, eine Weihrauchdose und ein Räucherbesteck ihren Platz, auf dem rechten eine schlanke Vase aus Ju-dschou-Porzellan mit frischen Blumen darin, eine Teeschale, ein Spucknapf und weitere Gebrauchsgegenstände. Auf der Westseite standen vier Stühle in einer Reihe, die mit Ziertüchern bedeckt waren, deren Muster Streublumen auf rosa Grund zeigte. Davor standen vier Fußbänke und auf jeder Seite ein hoher Tisch mit Teegeschirr und Blumenvasen darauf. Eine genaue Beschreibung der restlichen Einrichtung erübrigt sich. Die alten Ammen wollten, daß sich Dai-yü auf das Ofenbett setzte, aber dort lagen zwei brokatbezogene Kissen einander gegenüber, und die Regeln der Sitzordnung bedenkend, nahm Dai-yü auf einem Stuhl an der Ostseite Platz. Sofort brachten ihr die Sklavenmädchen, die zu den hiesigen Räumen gehörten, Tee, und während Dai-yü davon trank, musterte sie die Sklavenmädchen, die sich in Kleidung, Aufmachung und Betragen wirklich von denen in anderen Familien unterschieden. Noch ehe Dai-yü den Tee ausgetrunken hatte, kam ein Sklavenmädchen in einer langen rotseidenen Jacke und einer Überweste aus blauem Atlas, deren Ränder mit andersfarbiger Borte eingefaßt waren, und meldete lächelnd: „Die gnädige Frau läßt Fräulein Lin zu sich herüber bitten.“ Als die alten Ammen das hörten, führten sie Dai-yü in ein südwärts gewandtes Gebäude von drei Säulenzwischenräumen Breite am östlichen Wandelgang. Quer auf dem Ofenbett im Hauptraum stand ein flaches Tischchen, das mit Büchern und Teegeschirr beladen war. An der Ostwand lag ein Rückenpolster, das mit abgenutztem blauen Atlas bezogen war. Dame Wang aber saß auf dem weniger ehrenvollen Platz an der Westseite, wo ebenfalls ein abgenutztes blaues Rückenpolster und ein Sitzkissen lagen. Als sie Dai-yü hereinkommen sah, bot sie ihr den Sitz auf der Ostseite des Ofenbetts an, aber Dai-yü sagte sich, das müsse der Platz von Djia Dschëng sein, und da sie neben dem Ofenbett eine Reihe von drei Stühlen mit abgenutzten schwarzbedruckten Schonbezügen sah, setzte sie sich auf einen davon. Erst als Dame Wang sie bei der Hand nahm und sie immer wieder drängte, auf das Ofenbett zu kommen, nahm sie dicht neben ihr Platz. Darauf sagte Dame Wang zu ihr: „Dein Onkel hat sich heute zurückgezogen, um zu fasten, und wird dich ein andermal begrüßen. Aber ich möchte dir etwas sagen. Deine drei Kusinen sind liebe Mädchen. Wenn ihr in Zukunft zusammen lesen und schreiben werdet, Nadelarbeiten erlernt oder euch einmal zusammen vergnügt, werden sie sich immer nachgiebig zeigen. Aber was mir die größte Sorge bereitet, ist etwas anderes: Ich habe einen mißratenen Sohn, der der Schrecken des Hauses ist. Er ist jetzt nicht hier, weil er noch nicht aus dem Tempel zurück ist, wo er heute ein Gelübde erfüllt. Wenn du ihn am Abend siehst, wirst du Bescheid wissen. Du mußt ihn einfach nicht beachten, auch deine Kusinen wagen es nicht, sich mit ihm abzugeben.“ Dai-yü hatte oft von ihrer Mutter gehört, ihre zweite Tante habe einen Sohn, der mit einem Jadestein im Mund zur Welt gekommen sei. Dieser Vetter sei schrecklich ungezogen, verabscheue das Lernen und treibe sich am liebsten in den Mädchengemächern herum.ten, und wird dich ein andermal begrüßen. Aber ich möchte dir etwas sagen. Deine drei Kusinen sind liebe Mädchen. Wenn ihr in Zukunft zusammen lesen und schreiben werdet, Nadelarbeiten erlernt oder euch einmal zusammen vergnügt, werden sie sich immer nachgiebig zeigen. Aber was mir die größte Sorge bereitet, ist etwas anderes: Ich habe einen mißratenen Sohn, der der Schrecken des Hauses ist. Er ist jetzt nicht hier, weil er noch nicht aus dem Tempel zurück ist, wo er heute ein Gelübde erfüllt. Wenn du ihn am Abend siehst, wirst du Bescheid wissen. Du mußt ihn einfach nicht beachten, auch deine Kusinen wagen es nicht, sich mit ihm abzugeben.“ Dai-yü hatte oft von ihrer Mutter gehört, ihre zweite Tante habe einen Sohn, der mit einem Jadestein im Mund zur Welt gekommen sei. Dieser Vetter sei schrecklich ungezogen, verabscheue das Lernen und treibe sich am liebsten in den Mädchengemächern herum. Die Großmutter aber habe eine maßlose Schwäche für ihn, weshalb es niemand wage, ihn zu zügeln. Als sie jetzt hörte, was Dame Wang sagte, wußte sie, daß von diesem Vetter die Rede war. Darum fragte sie lächelnd: „Ihr meint wohl den Vetter, der mit einem Jadestein im Mund geboren worden ist, Tante? Zu Hause hat mir die Mutter oft von ihm erzählt. Sie sagte, er sei ein Jahr älter als ich, heiße mit Kindheitsnamen Bau-yü, und wenn er auch sonst sehr ungezogen sei, zu den Mädchen sei er sehr lieb. Aber ich werde doch hier nur mit den Kusinen zusammenkommen, während die Vettern in anderen Höfen und anderen Räumen leben. Wie sollte ich mich da mit ihm abgeben können?“ „Du kennst noch nicht den Grund“, erwiderte Dame Wang lächelnd. „Mit ihm ist es nicht dasselbe wie mit anderen Kindern. Weil ihn die alte gnädige Frau von klein auf zu gern hat, ist er daran gewöhnt, zusammen mit den Kusinen verzogen zu werden. Wenn sich die Kusinen ein paar Tage lang nicht um ihn kümmern, ist er ein wenig ruhiger, und selbst wenn er sich deswegen ärgert, geht er nur bis ans Innentor und reagiert sich dort heimlich an ein paar Dienerknaben ab. Mit ein bißchen Gemaule ist die Sache dann abgetan. Sprechen aber die Kusinen mal einen Satz zuviel mit ihm, dann freut er sich so, daß er die unmöglichsten Dinge anstellt. Darum wollte ich dir auftragen, ihn nicht zu beachten. Mal sind seine Worte honigsüß, dann wieder ist er böse und ungerecht, und schließlich ist er ganz und gar wie von Sinnen. Du darfst ihn nicht ernst nehmen!“ Dai-yü versprach es ihr, und im nächsten Augenblick meldete ein Sklavenmädchen: „Man hat Bescheid gegeben, daß bei der alten gnädigen Frau das Abendessen bereitet ist.“ Rasch griff Dame Wang nach Dai-yüs Hand und trat mit ihr durch eine Hintertür in einen Wandelgang hinaus, der nach Westen zu einem Nebentor führte, durch das sie in einen Gang gelangten, der zwischen zwei Mauern in Nordsüdrichtung verlief. An seinem Südende lag ein kleiner Anbau von drei Säulenzwischenräumen Breite, dessen Eingang nach Norden wies. Nördlich davon stand eine getünchte Blendmauer vor einem Tor, das in ein kleines Wohngehöft führte. Lächelnd wies Dame Wang mit der Hand darauf und sagte: „Dies ist die Wohnung deiner Schwägerin Hsi-fëng. Hier kannst du sie finden, wenn du sie suchst. Wenn du irgend etwas brauchst, mußt du es ihr nur sagen.“ Am Hoftor standen mit dienstfertig herabhängenden Armen vier oder fünf kleine Sklavenjungen, die ihr Haar eben in Knoten zu tragen begannen. Mit Dai-yü an der Hand passierte Dame Wang eine Durchgangshalle in Ostwestrichtung, und sie kamen in den hinteren Hof der Herzoginmutter. Durch die Hintertür traten sie ins Haus, wo schon eine zahlreiche Gesellschaft wartete. Erst als man sah, daß Dame Wang eingetroffen war, wurden Tische und Stühle zurechtgestellt. Djia Dschus Witwe Li Wan brachte den Reis, Hsi-fëng legte die Eßstäbchen zurecht, und Dame Wang holte die Suppe herein. Die Herzoginmutter saß allein in der Mitte auf einem niedrigen Polsterbett. Auf beiden Seiten standen vier leere Stühle. Hsi-fëng faßte rasch nach Dai-yüs Hand und zog sie zu dem ersten Stuhl zur Linken, aber Dai-yü wehrte sich beharrlich. „Deine Tanten und deine Schwägerinnen essen nicht hier“, erklärte ihr die Herzoginmutter lächelnd. „Darum gebührt dir als Gast dieser Platz.“ Jetzt erst bat Dai-yü höflich, sich setzen zu dürfen, und nahm Platz. Auch Dame Wang mußte sich auf Geheiß der Herzoginmutter setzen. Ying-tschun und ihre beiden Kusinen baten erst, sich setzen zu dürfen, ehe sie herantraten. Ying-tschun setzte sich auf den ersten Platz zur Rechten, Tan-tschun auf den zweiten Platz zur Linken und Hsi-tschun auf den zweiten Platz zur Rechten. An der Seite waren Sklavenmädchen mit Fliegenwedeln, Mundspülnäpfen und Tüchern postiert. Li Wan und Hsi-fëng standen am Tisch und bedienten. Im Vorzimmer befanden sich zwar viele aufwartende Sklavinnen und Sklavenmädchen, aber man hörte sie nicht einmal husten. Nachdem die Mahlzeit unter Schweigen beendet war, brachten Sklavenmädchen jedem eine Schale Tee auf einem Tablett. Nun hatte Lin Ju-hai seine Tochter zu Mäßigkeit und gesunder Lebensführung erzogen und ihr beigebracht, wenn man seinen Reis aufgegessen habe, müsse man erst eine Weile warten, ehe man den Tee trinken könne, ohne Milz und Magen zu schaden. Jetzt aber hatte Dai-yü gesehen, daß hier vieles anders war als zu Hause, und wohl oder übel würde sie sich anpassen und in allem umstellen müssen. Also nahm sie ihren Tee entgegen. Aber da sah sie schon, daß noch Mundspülnäpfe gebracht wurden, und so spülte sie wie die anderen nur den Mund mit dem Tee. Als sie sich dann die Hände gewaschen hatten, wurde wieder Tee gebracht, und erst diesmal war er zum Trinken bestimmt. „Geht jetzt und laßt uns noch ein Weilchen allein miteinander plaudern!“ sagte die Herzoginmutter, und rasch erhob sich Dame Wang, sprach noch ein paar belanglose Sätze und ging dann mit Hsi-fëng und Li Wan hinaus. Nun wollte die Herzoginmutter von Dai-yü wissen, was sie schon gelesen habe, und Dai-yü antwortete: „Ich habe gerade erst die Vier Bücher gelesen.“ Anschließend erkundigte sie sich ihrerseits, welche Bücher die Kusinen gelesen hätten. „Was sollten sie für Bücher gelesen haben?“ fragte die Herzoginmutter. „Sie kennen nur ein paar wenige Schriftzeichen, gerade genug, um nicht mit sehenden Augen blind zu sein.“ Das hatte sie kaum ausgesprochen, als draußen Schritte zu hören waren. Ein Sklavenmädchen kam herein und meldete lächelnd: „Bau-yü ist gekommen.“ Dai-yü überlegte, was dieser Bau-yü wohl für ein Taugenichts oder Einfaltspinsel sein mochte und daß es nicht schade wäre, wenn sie so einen dummen Kerl nicht zu Gesicht bekäme. Aber während sie noch darüber nachdachte und das Sklavenmädchen noch nicht zu Ende gesprochen hatte, trat schon ein junger Herrensohn zur Tür herein. Er hatte einen edelsteinverzierten Kopfschmuck aus purem Gold auf, und seine Stirn bedeckte bis zu den Augenbrauen eine Binde, die mit zwei Drachen verziert war, welche mit einer Perle spielten. Gekleidet war er in eine dunkelrote Robe mit hufförmigen Manschetten, die mit Schmetterlingen und Blumen aus zweierlei Goldfäden bestickt war. Um den Leib hatte er einen Palastgürtel aus bunter Seide gebunden, der mit blütenförmigen Knoten besetzt war und in langen Quasten endete. Über der Robe trug er ein azuritblaues Obergewand aus Japanatlas, das acht Kreise mit Blumenmustern aufwies und unten mit Quasten verziert war. Seine Audienzstiefelchen waren aus schwarzem Atlas und hatten weiße Sohlen. Sein Gesicht glich dem Vollmond am Herbstabend, seine Miene einer Blüte am Frühlingsmorgen. Das Schläfenhaar wirkte wie mit dem Messer geschnitten, die Brauen wie mit Tusche gemalt. Die Wangen sahen aus wie Pfirsichblüten, die Augen wie herbstliche Wellen. Selbst im Zorn schien er zu lächeln, auch wütend verriet sein Blick noch Gefühl. Um den Hals trug er einen Reif mit goldenen Drachen und eine bunte Seidenschnur mit einem schönen Jadestein daran. Kaum hatte Dai-yü ihn erblickt, erschrak sie zutiefst und dachte bei sich: ‚Merkwürdig! Es kommt mir vor, als hätte ich ihn schon irgendwo gesehen, so vertraut ist mir sein Gesicht.‘ Nun sah sie, wie er zur Begrüßung das Knie vor der Herzoginmutter beugte. Diese befahl ihm: „Geh auch deine Mutter begrüßen und komm dann wieder!“ Bau-yü machte kehrt und ging hinaus. Als er nach einiger Zeit wiederkam, war er anders zurechtgemacht. Das kurze Haar rund um den Kopf war zu kleinen Zöpfchen geflochten, die mit roter Seide umschnürt und auf dem Scheitel zusammengefaßt waren, wo ein großer Zopf entsprang, der schwarz und glänzend wie Lack war. Auf dem Zopf saßen vier große Perlen, und sein Ende war mit edelsteinbesetztem Goldzierat beschwert. Gekleidet war Bau-yü jetzt in eine abgetragene lange Jacke mit Streublumenmuster auf rosa Grund. Um den Hals trug er noch immer den goldenen Reif, den Jadestein, ein Namensschloß und andere Amulette. Unten waren Hosenbeine aus mattgrüner Seide mit Streublumenmustern zu erkennen, schwarzbedruckte Strümpfe mit Brokatkanten und dunkelrote Schuhe mit dicken Sohlen. Sein Gesicht wirkte wie gepudert, seine Lippen wie geschminkt. Das Spiel seiner Augen zeigte Empfindung, seine Worte waren häufig von einem Lächeln begleitet. Seine ganze natürliche Anmut zeigte sich in den Spitzen seiner Brauen, alle menschlichen Gefühle drängten sich in seinen Augenwinkeln. Sein äußerer Anblick war prächtig, aber was in seinem Innern vor sich ging, war schwer zu erraten. Später hat jemand nach dem Tonmuster ‚Mond überm Westfluß‘ zwei Gedichte über Bau-yü geschrieben, die ihn sehr treffend charakterisieren. Sie lauten: Grundlos befällt ihn bald Trauer, bald Zorn, ein andermal wirkt er wie blöd, wie verrückt. Gut gewachsen die äußere Hülle, doch im Kopf nichts weiter als Stroh.

Ein Versager, dem die Welt völlig fremd, und zu dumm, um die Schriften zu lesen. Die Taten abnorm, das Wesen skurril, ihn kümmert nicht das Urteil der Leute.

Reich und vornehm ist er nicht zufrieden, arm und in Not hält er es auch nicht aus. Sinnlos hat er die Jugend vergeudet, Staat und Familie hat er maßlos enttäuscht. Der größte Nichtsnutz ist er auf Erden, kein zweiter Sohn ist mißraten wie er. Sagt es den Söhnen aus gutem Hause: Nehmt euch kein Beispiel an ihm!

Lächelnd rügte die Herzoginmutter: „Du hast dich schon umgezogen, ehe du unseren Gast begrüßt hast. Willst du nicht bald deine Kusine willkommen heißen?“ Bau-yü hatte längst gesehen, daß eine Kusine mehr da war, und hatte sich gedacht, das müsse die Tochter von Tante Lin sein. Rasch verbeugte er sich jetzt mit zusammengelegten Händen vor ihr. Dann setzte er sich wieder hin und musterte eingehend ihr Gesicht, das sie von der Menge unterschied:

Djia Bau-yü. Aus: Gai Qi 1879. Fein geschwungene Brauen wie zarter Rauch und gleichsam wie schmerzlich gerunzelt; gefühlvolle Augen, aus denen auch ohne Lachen die Freude sprach; eine bekümmerte Miene, die dennoch Liebreiz enthielt; ein zerbrechlicher Körper, der trotzdem Anmut verriet. Tränenfeucht der Blick, zart keuchend der Atem. In Ruhe glich sie einer schönen Blume, die sich im Wasser spiegelt, in Bewegung ähnelte sie einer schlanken Weide, die sich im Wind wiegt. Ihr Herz war klüger als das des Bi-gan, ihre Schönheit war größer als die der Hsi-dsï . Als Bau-yü sie zu Ende beschaut hatte, sagte er lächelnd: „Diese Kusine habe ich schon gesehen.“ „Was redest du wieder für Unsinn?“ fragte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd. „Wie kannst du sie gesehen haben?“ Und Bau-yü erwiderte: „Auch wenn ich sie noch nicht gesehen habe, ist mir doch ihr Gesicht so vertraut, daß sie mir vorkommt wie eine gute alte Bekannte, die ich nach langer Trennung wiedersehe. Auch das wäre möglich.“ „Um so besser!“ sagte die Herzoginmutter. „Wenn das so ist, werdet ihr euch besonders gut verstehen.“ Bau-yü setzte sich dicht neben Dai-yü, musterte sie noch einmal sorgfältig und fragte dann: „Was für Bücher hast du gelesen?“ „Keine“, antwortete Dai-yü, „ich hatte nur ein Jahr Unterricht und kenne erst wenige Schriftzeichen.“ „Wie wird dein werter Name geschrieben?“ erkundigte sich Bau-yü weiter. Dai-yü sagte es ihm, und Bau-yü fragte nach ihrem Ehrennamen. „Ich habe keinen“, erklärte Dai-yü. „Dann will ich dir einen geben“, sagte Bau-yü lächelnd. „Keiner paßt besser als Pin-pin – ‚gerunzelte Brauen‘!“ „Woher stammt das?“ wollte Tan-tschun wissen. „In den ‚Vollständigen Untersuchungen über Menschen und Dinge aus alter und neuer Zeit‘ heißt es: ‚Im Westen gibt es einen Stein, dai genannt, mit dem man die Brauen statt mit Tusche färben kann‘“, gab Bau-yü Auskunft. „Und die Brauen von Kusine Lin sehen aus wie gerunzelt. Wäre da der Name nicht in zweifacher Hinsicht geeignet?“ „Ich fürchte, das hast du dir wieder einmal ausgedacht“, wandte Tan-tschun lächelnd ein. „Abgesehen von den Vier Büchern ist so vieles einfach ausgedacht, und da soll ausgerechnet ich es sein, der sich so etwas ausdenkt?“ fragte Bau-yü zurück. Dann erkundigte er sich bei Dai-yü: „Und hast du auch einen Jade?“ Niemand verstand, was er meinte, und Dai-yü vermutete, weil er selbst einen Jadestein besaß, glaube er, sie müsse auch einen haben. Deshalb antwortete sie: „Ich habe keinen. Ein Jadestein ist wohl zu selten, als daß jeder einen haben könnte.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, bekam er einen seiner Anfälle. Er riß sich den Jadestein herunter, schleuderte ihn mit aller Kraft von sich und wütete dazu: „Was heißt hier selten? Beseelt soll er sein und kann nicht einmal unterscheiden, ob einer edel ist oder gemein! Ich will das Ding nicht mehr!“ Alle waren erschrocken dazugestürzt, um den Jadestein aufzuheben. Die Herzoginmutter zog Bau-yü besorgt an ihre Brust und redete auf ihn ein: „Du Strafe meiner Sünden! Wenn du wütend bist, kannst du jemanden schlagen oder schelten, aber warum mußt du den Stein wegwerfen, an dem dein Leben hängt?!“ Mit tränenüberströmtem Gesicht sagte Bau-yü: „Keines der Mädchen in unserem Hause hat so einen Stein, nur ich habe einen, und ich habe ihn satt. Heute nun ist diese göttergleiche Kusine gekommen und hat auch keinen. Da sieht man doch, daß er nichts taugt.“ Rasch flunkerte die Herzoginmutter: „Die Kusine hat auch einen gehabt. Aber als deine Tante im Sterben lag, konnte sie die Trennung von ihrer Tochter nicht ertragen, und es blieb keine andere Wahl, als ihr den Jade mitzugeben. Zum einen wurde dadurch das Ritual der Grabbeigaben vollständig eingehalten und deine Kusine konnte ihre Kindespflicht erfüllen, zum anderen hat die Seele deiner Tante darin ein Andenken an sie. Nur darum hat sie gesagt, sie habe keinen, denn sie konnte sich nicht gut damit brüsten. Du kannst dich wirklich nicht mit ihr vergleichen. Willst du den Stein nicht endlich brav wieder umhängen, ehe deine Mutter davon erfährt?“ Bei diesem Worten nahm sie den Jadestein von einem der Sklavenmädchen entgegen und hängte ihn Bau-yü mit eigener Hand wieder um. Bau-yü fand, daß es sehr vernünftig klang, was sie gesagt hatte, und gab sich zufrieden. Im selben Moment kam eine Amme herein, um zu fragen, wo Dai-yü wohnen solle. „Wir werden Bau-yü in mein Seitenzimmer umquartieren, wo er im Alkoven schlafen kann, und dein Fräulein Lin bekommt einstweilen das Ofenbett hinter den gazebespannten Gittertüren“, entschied die Herzoginmutter. „Wenn der Frühling kommt, lassen wir andere Räume in Ordnung bringen und teilen neu ein.“ „Liebe Ahne“, sagte Bau-yü, „ich kann doch gut in dem Bett schlafen, das vor den Gittertüren steht. Warum soll ich zu dir ziehen und deine Ruhe stören?“ Die Herzoginmutter dachte kurz nach, dann sagte sie: „So geht es auch.“ Jeder sollte eine von den Ammen und eines von den Sklavenmädchen zur Bedienung bei sich haben, während die übrigen von ihnen im Vorzimmer Nachtwache hielten. Zugleich hatte Hsi-fëng schon jemanden mit einem lilafarbenen geblümten Bettvorhang sowie ein paar brokatbezogenen Decken und atlasbezogenen Matratzen geschickt. Dai-yü hatte nur zwei Leute mitgebracht. Eines war ihre alte Amme Wang, das andere ein zehnjähriges Sklavenmädchen, das ebenfalls von klein auf bei ihr war und Hsüä-yän hieß. Aber die Herzoginmutter hatte gesehen, daß Hsüä-yän noch sehr klein und ein rechtes Kind war, Amme Wang aber schon alt, so daß Dai-yü bestimmt ihre Kräfte nicht schonen konnte, wie sie es gern wollte. Und so teilte sie ihr noch eines ihrer zweitrangigen Sklavenmädchen mit Namen Ying-gë zu. Nach der Regelung, wie sie für Ying-tschun und die anderen galt, sollte jeder außer seiner eigenen Amme noch vier alte Ammen zur Erziehung haben und außer den beiden Leibsklavinnen, die für Schmuck und Körperpflege verantwortlich waren, noch fünf, sechs andere kleine Sklavenmädchen, die die Zimmer ausfegten und Botengänge machten. Amme Wang und Ying-gë leisteten Dai-yü auf ihrem Ofenbett Gesellschaft, während auf dem großen Bett davor Amme Li und ein Sklavenmädchen namens Hsi-jën bei Bau-yü blieben. Hsi-jën war ursprünglich auch eine Sklavin der Herzoginmutter gewesen und hatte eigentlich den Namen Dschën-dschu getragen. In ihrer abgöttischen Liebe zu Bau-yü hatte die Herzoginmutter gefürchtet, seine Sklavinnen seien nicht tüchtig und ergeben genug, darum hatte sie ihm Hsi-jën gegeben, die sie wegen der Lauterkeit ihrer Gesinnung und wegen ihrer Pflichttreue schätzte. Weil Bau-yü wußte, daß Hsi-jën mit Familiennamen Hua – ‚Blume‘ – hieß und er sich an den Satz eines alten Dichters erinnerte ‚Hüllt Blumenduft den Menschen ein...‘ , hatte er der Herzoginmutter davon berichtet und die Sklavin in Hsi-jën – ‚hüllt den Menschen ein‘ – umbenannt. Die schwache Stelle dieser Hsi-jën war es, daß es für sie nur die Herzoginmutter gegeben hatte, solange sie der Herzoginmutter diente, und daß es jetzt nur Bau-yü für sie gab, seitdem sie Bau-yü diente. Weil aber Bau-yü so einen verschrobenen Charakter hatte, mußte sie ihm immer wieder Vorhaltungen machen, was ihr von ganzem Herzen weh tat. Als Bau-yü und Amme Li schon schliefen, bemerkte Hsi-jën, daß Dai-yü und Ying-gë drinnen auf dem Ofenbett noch wach waren. Darum ging sie leise zu ihnen heinein, nachdem sie ihren Putz abgelegt hatte, und fragte lächelnd: „Warum schlaft Ihr noch nicht, Fräulein?“ Rasch forderte Dai-yü sie auf: „Nimm Platz, Schwester!“ Hsi-jën setzte sich auf die Bettkante, und Ying-gë erklärte ihr lächelnd: „Fräulein Lin macht sich Sorgen. Sie hat geweint und gesagt: ‚Ich bin heute erst angekommen, und gleich hat der kleine Herr einen Anfall bekommen. Wäre nicht ich daran schuld, wenn er seinen Jadestein entzweigeworfen hätte?‘ Das ist es, worüber sie sich grämt, und ich habe sie nur mit Mühe beruhigen können.“ „Ihr solltet das besser sein lassen, Fräulein“, riet ihr Hsi-jën. „Denn Ihr werdet wohl in Zukunft noch merkwürdigere Dinge mit ihm erleben, und wenn Ihr Euch sein Verhalten so zu Herzen nehmt und Euch deswegen grämt, werdet Ihr aus dem Grämen nicht mehr herauskommen, fürchte ich. Also macht Euch rasch keine Gedanken mehr darum!“ „Ich werde mir merken, was ihr beide gesagt habt“, versprach Dai-yü, dann fragte sie: „Was hat es eigentlich mit dem Jadestein auf sich? Und stehen auch Schriftzeichen darauf?“ „Was es damit auf sich hat, weiß nicht einmal die Familie zu sagen“, erläuterte Hsi-jën. „Es heißt, man habe ihn in seinem Mund gefunden, als er geboren wurde, und es war sogar das Öhr schon darin, um eine Schnur durchzuziehen. Wartet, ich werde ihn holen, damit Ihr ihn Euch ansehen könnt und Bescheid wißt.“ Aber rasch hielt Dai-yü sie zurück und sagte: „Schon gut! Es ist schon spät. Wenn ich ihn morgen sehe, ist es auch noch früh genug.“ Nachdem sie noch ein Weilchen geplaudert hatten, legten sie sich schlafen. Als Dai-yü am nächsten Morgen nach dem Aufstehen der Herzoginmutter ihre Aufwartung gemacht hatte, ging sie zu Dame Wang, die sie dabei antraf, wie sie mit Hsi-fëng zusammen einen Brief aus Djin-ling las. Außerdem waren auch zwei Sklavenfrauen aus dem Hause von Dame Wangs Bruder da, die etwas mit ihr zu besprechen hatten. Dai-yü wußte zwar nicht, worum es ging, aber Tan-tschun und die anderen hatten bereits in Erfahrung gebracht, daß es ihren Vetter Hsüä Pan betraf, den Sohn von Tante Hsüä in Djin-ling. Auf seinen Reichtum und seine Macht bauend, hatte er jemanden umgebracht, und nun lief in Ying-tiän fu ein Ermittlungsverfahren gegen ihn. Davon hatte jetzt Dame Wangs Bruder Wang Dsï-tëng erfahren und deshalb jemanden geschickt, um hier Bescheid zu sagen. Seiner Meinung nach war es das beste, die Hsüäs in die Hauptstadt kommen zu lassen.