Hongloumeng/de/Chapter 4

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Kapitel 4

薄命女偏逢薄命郎

葫芦僧判断葫芦案

Dai-yü war also mit ihren Kusinen zu Dame Wang gegangen und hatte diese dabei angetroffen, wie sie mit Botenfrauen aus dem Hause ihres Bruders Familienangelegenheiten besprach. Dabei ging es um einen Mordfall, in den die Familie einer Tante verwickelt war. Als die Kusinen sahen, daß Dame Wang beschäftigt war, gingen sie zu ihrer verwitweten Schwägerin Li Wan. Li Wan war die Frau von Djia Dschu gewesen. Dieser war jung gestorben, aber glücklicherweise hatte er einen Sohn hinterlassen, für den man den Namen Djia Lan gewählt hatte und der jetzt fünf Jahre alt war, bereits zur Schule ging und fleißig lernte. Auch Li Wan entstammte einer namhaften Beamtenfamilie aus Djin-ling. Ihr Vater Li Schou-dschung war Rektor der Reichsuniversität gewesen. Früher hatte es keinen Mann und keine Frau in ihrer Sippe gegeben, der nicht Gedichte deklamiert und die Schriften studiert hätte. Als aber Li Schou-dschung das Familienoberhaupt geworden war, hatte er gesagt: ‚Tugendhaft ist eine Frau, die kein spezielles Talent besitzt.‘ Deshalb war Li Wan nicht übermäßig zum Lernen angehalten worden. Man hatte sie nur die Vier Bücher für Mädchen, die ‚Biographien tugendhafter Frauen‘ und die ‚Sammlung hervorragender Frauen‘ lesen lassen, damit sie ein paar Schriftzeichen kannte und über die mustergültigen Frauen der Vergangenheit Bescheid wußte, und das war alles. Ihr eigentliches Betätigungsfeld war der Haushalt. Deshalb hatte man ihr auch den Rufnamen Wan – ‚Seide‘ – und den Ehrennamen Gung-tsai – ‚Palastschneiderin‘ – gegeben. Seitdem Li Wan in jungen Jahren den Mann verloren hatte, lebte sie zwar inmitten von Reichtum und Luxus, fühlte sich aber dabei wie totes Holz und kalte Asche. Es gab keinerlei Abwechslung für sie, und alles, was sie kannte, war, den Verwandten zu dienen und den Sohn zu erziehen. Darüberhinaus leistete sie nur ihren jungen Schwägerinnen Gesellschaft, wenn es galt, Nadelarbeiten zu verrichten oder Gedichte zu deklamieren. Seit Dai-yü jetzt als Gast hier lebte, hatte sie, mit solchen Kusinen und solchen Schwägerinnen zur Gesellschaft, außer dem Gedanken an ihren alten Vater weiter keine ständige Sorge.

Schwägerin Li Wan. Aus: Gai Qi 1879. Jetzt aber soll wieder von Djia Yü-tsun die Rede sein. Nachdem man ihn zum Präfekten von Ying-tiän fu gemacht hatte, war er kaum aus dem Sattel gestiegen, als schon ein Mordfall auf seinen Tisch kam. Zwei Parteien waren über den Kauf eines Sklavenmädchens in Streit geraten, keiner hatte nachgeben wollen, und schließlich hatte der eine den anderen erschlagen. Djia Yü-tsun ließ den Kläger zu einer Vernehmung vorladen, und er sagte aus: „Der Erschlagene war mein Herr. Er kaufte ein Sklavenmädchen, ohne zu wissen, daß der Verkäufer ein Kindesräuber war, der das Mädchen entführt hatte. Der Kindesräuber hatte schon das Kaufsilber von meinem Herrn erhalten, aber mein Herr hatte gesagt, erst in drei Tagen sei ein Glückstag, an dem er das Mädchen ins Haus nehmen wolle. Da verkaufte der Kindesräuber das Mädchen heimlich an die Familie Hsüä. Als wir davon erfuhren, wollten wir den Verkäufer ergreifen, um ihm das Mädchen wegzunehmen. Leider aber ist jener Hsüä einer der wahren Herrscher von Djin-ling, und auf seinen Reichtum und seine Macht bauend, hat die Rotte seiner gewalttätigen Diener meinen jungen Herrn erschlagen. Jetzt sind die Mörder, Herr und Gefolge, spurlos verschwunden, zurückgeblieben sind nur ein paar Unbeteiligte. Ich habe schon vor einem Jahr Anklage erhoben, aber niemand hat den Fall entschieden. Ich hoffe, Ihr werdet die Mörder verhaften lassen, hoher Herr, und das Übel mit der Wurzel ausrotten, damit Witwen und Waisen gerettet werden. Der Tote wird das als himmlische Wohltat empfinden und wird Euch unendlich dankbar sein.“ Als Djia Yü-tsun das hörte, packte ihn die größte Wut, und er sagte: „Was ist das für eine Schlamperei, daß Mörder ungehindert weglaufen können und nicht wieder gefaßt werden!“ Schon wollte er den Amtsdienern ein Ermächtigungsemblem aushändigen und sie losschicken, um die Angehörigen des Mörders auf der Stelle verhaften zu lassen, damit sie auf der Folter gestanden, wo sich der Mörder versteckt hielt. Außerdem wollte er das notwendige Dokument für eine steckbriefliche Verfolgung aufsetzen. Aber als er eben das Amtsemblem übergeben wollte, bemerkte er, wie ihm ein Amtsdiener, der neben dem Tisch stand, heimlich Zeichen machte, um ihn davon abzuhalten. Djia Yü-tsun war verwundert darüber, konnte aber nicht anders als einhalten und sich sofort aus der Amtshalle in ein verschwiegenes Kabinett begeben, wo er sein Gefolge bis auf den einen Diener abtreten ließ. Der Diener trat näher, beugte zum Gruß ein Knie und sagte lächelnd: „Ihr habt in einem fort Karriere gemacht, Herr, aber mich habt Ihr wohl in diesen acht oder neun Jahren vergessen?“ „Dein Gesicht kommt mir ganz bekannt vor“, sagte Djia Yü-tsun, „aber wer du bist, fällt mir im Augenblick nicht ein.“ „Hohe Herrschaften sind vergeßlich“, sagte der Diener und lächelte wieder. „Wißt Ihr nicht mehr, wo Ihr hergekommen seid, Herr? Erinnert Ihr Euch nicht an den Flaschenkürbistempel?“ Diese Worte trafen Djia Yü-tsun wie ein Donnerschlag, und die Vergangenheit fiel ihm wieder ein. Dieser Amtsdiener war niemand anders als ein ehemaliger kleiner Mönch aus dem ‚Flaschenkürbistempel‘. Nach dem Brand hatte er nicht gewußt wohin. In einen anderen Tempel zu gehen, um sich weiter der buddhistischen Lehre zu widmen, war ihm zu kalt und zu eintönig gewesen. Leichter und abwechslungsreicher schien ihm etwas anderes. Darum hatte er sich seine Jugend zunutze gemacht, hatte sein Haar wieder wachsen lassen und war Amtsdiener geworden. Nie hätte Djia Yü-tsun vermutet, daß er es war. Darum griff er jetzt rasch nach seiner Hand und sagte lächelnd: „Da bist du also ein alter Bekannter!“ Dann forderte er ihn auf, sich zu setzen, damit sie sich bequemer unterhalten könnten, aber das wagte der Diener nicht. Da sagte Djia Yü-tsun: „Freunde aus schlechten Zeiten vergißt man nicht. Wir sind alte Bekannte, außerdem sind wir hier in meinen Privatgemächern. Warum willst du dich also nicht setzen, wenn wir ein langes Gespräch zu führen haben?“ Jetzt erst bat der Diener, sich setzen zu dürfen, und nahm bescheiden auf einer Stuhlkante Platz. Nun fragte ihn Djia Yü-tsun, warum er ihn eben gehindert hatte, das Amtsemblem auszuhändigen. „Herr“, sagte der Diener, „habt Ihr Euch denn kein Beamtenamulett für diese Provinz beschafft, nachdem Ihr hier zum Präfekten ernannt worden seid?“ „Was für ein Beamtenamulett?“ fragte Djia Yü-tsun sofort. „Ich weiß nichts davon.“ „So etwas aber auch!“ sagte der Diener. „Wenn Ihr das nicht einmal wißt, werdet Ihr es nicht weit bringen. Heutzutage hat jeder Lokalbeamte eine private Liste mit den Namen der mächtigsten und wohlhabendsten Leute seiner Amtsprovinz. Und so ist es überall. Wenn Ihr aus Unwissenheit solch einer Familie zu nahe tretet, ist nicht nur Euer Posten, sondern auch Euer Leben in Gefahr. Darum nennt man diese Liste im Scherz das ‚Beamtenamulett‘.

Aus: Jinyuyuan 1889b. Mit der Familie Hsüä, von der eben die Rede war, dürft Ihr Euch nicht anlegen. An sich ist der Fall nicht schwer zu entscheiden, und zu der jetzigen Situation ist es nur auf Grund freundschaftlicher Rücksichtnahme gekommen.“ Bei diesen Worten holte er ein Blatt mit einer Abschrift des ‚Beamtenamuletts‘ aus der Innentasche und reichte es Djia Yü-tsun. Als Djia Yü-tsun es sich ansah, stellte er fest, daß es sauber geordnete Merksprüche über die großen Sippen und angesehenen Familien der hiesigen Gegend waren. Darunter standen noch Anmerkungen über die Ahnherrn, die Beamtenränge und die Familienzweige. Das ‚Beamtenamulett‘ war auf dem Stein ebenfalls kopiert, und danach ist es hier abgeschrieben: ‚Die Djias, ungelogen, haben Säle von Jade und Pferde aus Gold. Die Nachkommen der Herzöge Ning-guo und Jung-guo, insgesamt zwanzig Zweige. Außer acht Zweigen in der Hauptstadt leben zwölf Zweige am Heimatort. Der Ë-pang-Palast , dreihundert Li groß, reicht nicht aus für Familie Schï

aus Djin-ling.

Die Nachkommen von Reichskanzler Schï, Fürst Bau-ling, achtzehn Zweige. Davon zehn in der Hauptstadt und acht am Heimatort. Fehlt im Ostmeer ein Jadebett, kommt der Drachenkönig die Wangs in Djin-ling fragen. Die Nachkommen von Graf Wang, Marschall des Heeres, insgesamt zwölf Zweige. Davon zwei in der Hauptstadt und zehn am Heimatort. Viel Schnee verheißt ein reiches Jahr, für die Hsüäs sind Perlen wie Sand, und Gold ist wie Eisen. Die Nachkommen des kaiserlichen Großsekretärs Hsüä, heute Aufkäufer im Dienste des Hofamtes, insgesamt acht Zweige...‘ Djia Yü-tsun hatte noch nicht zu Ende gelesen, als draußen plötzlich ein Schlag auf die Signalplatte zu hören war und jemand meldete: „Herr Wang ist gekommen, seine Aufwartung zu machen.“ Hastig brachte Djia Yü-tsun Kleidung und Kopfbedeckung in Ordnung und ging hinaus, um den Gast zu empfangen. Nach der Zeit, wie man sie braucht, um eine Schale Reis zu essen, kam er wieder und erkundigte sich nun genauer. „Diese vier Familien sind untereinander versippt und verschwägert“, erklärte ihm der Diener. „Was einer schadet, schadet allen; was eine ehrt, ehrt sie alle. Ob es nun darum geht, einander zu helfen oder etwas zu vertuschen, sie sind immer füreinander da. Der jetzt wegen Mord angeklagt ist, gehört zu den Hsüäs, für die viel Schnee ein reiches Jahr verheißt. Er kann sich nicht nur auf die übrigen drei Familien stützen, er hat auch genug Freunde und Verwandte in der Hauptstadt und in anderen Provinzen. Wen also wollt Ihr verhaften, Herr?“ „Und wie soll ich nach dem, was du mir sagst, diesen Fall zum Abschluß bringen?“ fragte Djia Yü-tsun lächelnd. „Du weißt wahrscheinlich ganz gut, wo sich der Mörder versteckt hält.“ „Ich will Euch nichts verhehlen, Herr“, sagte der Diener, ebenfalls lächelnd. „Ich weiß nicht nur, wo sich der Mörder versteckt hält, ich kenne auch den Kindesräuber, der das Mädchen verkauft hat, und ebenso den Toten, diesen armen Teufel, der sie gekauft hatte. Ich werde Euch alles genau erzählen. Der Tote war der Sohn eines kleinen Beamten aus der hiesigen Gegend und hieß Fëng Yüan. Schon als kleines Kind hatte er beide Eltern verloren. Brüder hatte er auch nicht, und so lebte er allein von einem bescheidenen Besitztum. Mit seinen achtzehn, neunzehn Jahren verspürte er eine heftige Leidenschaft für Männer und empfand größte Abneigung gegenüber Frauen. Wohl als Folge einer Todfeindschaft in seiner vorigen Existenz traf er dann aber diesen Kindesräuber, der das Mädchen verkaufen wollte. Auf den ersten Blick verguckte er sich in sie und beschloß, sie zu kaufen und zu seiner Nebenfrau zu machen. Er leistete den Schwur, sich nicht mehr mit Männern abzugeben und auch keine zweite Frau zu nehmen. Darum wollte er sie auch erst nach drei Tagen an einem Glückstag zu sich ins Haus holen. Wer konnte ahnen, daß der Kindesräuber sie inzwischen heimlich an die Hsüäs verkaufen würde! Seine Absicht war es, das Silber von beiden Seiten einzustreichen und in eine andere Provinz zu verschwinden. Aber noch ehe er weg war, wurde er von beiden Seiten geschnappt und nach Strich und Faden verprügelt. Keiner von den beiden nahm sein Silber zurück, jeder wollte nur das Mädchen. Der junge Herr Hsüä ist natürlich nicht der Mann, um irgend jemandem nachzugeben. Er befahl seinen Handlangern, Fëng Yüan zu verprügeln, und sie haben ihn so zugerichtet, daß er drei Tage, nachdem man ihn nach Hause gebracht hatte, starb. Nun hatte der junge Herr Hsüä schon vorher einen Glückstag ausgewählt gehabt, um in die Hauptstadt zu reisen. Zwei Tage, bevor er aufbrechen wollte, hat er dann plötzlich dieses Mädchen gesehen, und so beschloß er, sie zu kaufen und mitzunehmen. Dann aber ist so eine Geschichte daraus geworden. Als er Fëng Yüan hatte erschlagen lassen, um das Mädchen an sich zu bringen,machte er sich mit seinen Angehörigen auf den Weg, als ob gar nichts gewesen wäre. Hier hat er seine Vettern und sein Gesinde zurückgelassen, damit sie sich um alles kümmern, doch ein Grund zu fliehen ist so eine Kleinigkeit für ihn nicht. Aber davon genug jetzt! Was meint Ihr, Herr, wer das Sklavenmädchen ist, das er gekauft hat?“ „Woher soll ich das wissen?“ fragte Djia Yü-tsun. „Sie gehört zu Euren Wohltätern, Herr“, sagte der Diener mit kühlem Lächeln. „Es ist die Tochter von Herrn Dschën, der neben dem Flaschenkürbistempel wohnte, Ying-liän hieß sie.“ „Sie ist das!“ rief Djia Yü-tsun erstaunt aus. „Ich hatte erfahren, daß sie mit fünf Jahren entführt worden war. Da ist sie erst jetzt verkauft worden?“ „Diese Kindesräuber haben sich speziell darauf verlegt, fünf, sechs Jahre alte Kinder zu stehlen und sie an einem abgelegenen Ort aufzuziehen“, erläuterte der Diener. „Wenn sie dann elf, zwölf Jahre alt sind, werden sie je nach ihrem Äußeren woandershin gebracht und verkauft. Mit Ying-liän hatten wir damals Tag für Tag gespielt, und wenn auch sieben, acht Jahre dazwischenliegen und sie jetzt zwölf, dreizehn Jahre zählen muß und sich prächtig herausgemacht hat, ist doch der Gesamteindruck unverändert und jeder Bekannte muß sie leicht erkennen. Überdies hatte sie von Geburt an ein Feuermal, so groß wie ein Reiskorn, zwischen den Augenbrauen. Daran habe ich sie wiedererkannt. Außerdem hatte sich der Kindesräuber ausgerechnet bei mir im Haus eingemietet. Und einmal, als er nicht da war, habe ich das Mädchen gefragt. Aber durch seine Schläge war sie derart eingeschüchtert, daß sie nichts zu sagen wagte und behauptete, der Kindesräuber sei ihr richtiger Vater, der sie verkaufen wolle, weil er kein Geld habe, um eine Schuld zu begleichen. Als ich nicht lockerließ, fing sie an zu weinen und sagte: ‚Ich kann mich an meine Kindheit nicht erinnern.‘ Es kann also gar keinen Zweifel geben. Als Fëng Yüan sie sich angesehen hatte und das Silber für sie zahlte, trank sich der Kindesräuber einen Rausch an. Da seufzte sie: ‚Heute hat mein Kummer ein Ende!‘ Dann erfuhr sie, Fëng Yüan habe angeordnet, sie erst nach drei Tagen in sein Haus zu bringen, da wurde sie wieder traurig. Ich konnte es nicht mit ansehen, darum habe ich, als der Kindesräuber wegging, meine Frau zu ihr hineingeschickt, damit sie ihr erklärte: ‚Wenn Fëng Yüan extra einen Glückstag abwartet, um dich zu sich zu nehmen, heißt das, er wird dich bestimmt nicht als Sklavin betrachten. Zumal er ein geschmackvoller Mensch ist, dem es nicht schlecht geht. Außerdem hat er bisher die Frauen gehaßt, für dich aber hat er jetzt so einen Preis bezahlt, da kann man sich den Rest denken. Also halte noch die paar Tage aus und gräme dich nicht!‘ Nach diesen Worten war sie halbwegs getröstet und glaubte, ihren Platz für die Zukunft gefunden zu haben. Aber wer hätte gedacht, daß es solches Mißgeschick gibt auf der Welt! Einen Tag später wurde sie an die Familie Hsüä verkauft. Jeder andere wäre nicht so schlimm gewesen, den jungen Herrn Hsüä aber nennen die Leute zum Spott den ‚dummen Tyrannen‘. Er ist der größte Streithammel, den man sich denken kann, und wirft mit dem Geld um sich, als wenn es Sand wäre. Er hat dann Fëng Yüan zusammenschlagen und Ying-liän mit Gewalt wegschleppen lassen. Was weiter aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Fëng Yüan aber hatte sich umsonst gefreut. Ohne seine Vorsätze verwirklichen zu können, hat er erst mit Silber und dann mit dem Leben bezahlt. Ist das nicht ein Jammer?“ Auch Djia Yü-tsun seufzte, als er ihm erwiderte: „Das ist aber kein Zufall, sondern eine Strafe für Sünden in der vorigen Existenz. Warum hätte sich dieser Fëng Yüan sonst ausgerechnet in Ying-liän verguckt? Und Ying-liän? Nachdem der Kindesräuber sie jahrelang gequält hatte, zeigte sich jetzt endlich ein Ausweg für sie. Gefühlvoll, wie sie ist, wäre diese Verbindung gewiß die schönste Sache von der Welt gewesen. Und dann hat es so kommen müssen! Dieser Hsüä ist gewiß viel reicher, als Fëng Yüan es war, aber er hat natürlich eine ganze Schar von Nebenfrauen und ist maßlos in seinen Ausschweifungen, so daß es mit Fëng Yüan etwas anderes gewesen wäre, der seine Neigungen auf sie allein gerichtet hätte. Aber diese Verbindung war wirklich nur ein Traum, die zufällige Begegnung zweier Unglücksmenschen. Doch wir wollen uns nicht über sie den Kopf zerbrechen! Wie soll ich nur jetzt diesen Rechtsstreit entscheiden?“ „Ihr wart doch damals nie um eine Entscheidung verlegen, Herr“, sagte der Diener lächelnd. „Und jetzt wißt Ihr nicht, was Ihr machen sollt? Soweit ich gehört habe, seid Ihr auf diesen Posten durch die Anstrengungen der Familien Djia und Wang gekommen. Dieser Hsüä Pan ist mit den Djias verwandt. Warum also wollt Ihr nicht das Boot mit dem Strom treiben lassen, Herr, und wie ein verständiger Mensch handeln, indem Ihr den Fall so entscheidet, daß Ihr den Djias und den Wangs auch in Zukunft ruhig ins Gesicht sehen könnt?“ „Du hast schon recht“, sagte Djia Yü-tsun. „Aber hier geht es um ein Menschenleben, und ich bin nur durch die große Gnade des Kaisers wieder in ein Amt eingesetzt worden und konnte ein neues Leben beginnen. Wie kann ich jetzt, da ich mit aller Kraft nach Vergeltung dafür sinnen muß, aus persönlichen Gründen das Recht beugen? Das bringe ich wirklich nicht über mich.“ Als der Diener das hörte, erwiderte er mit kühlem Lächeln: „Was Ihr da vorbringt, Herr, sind freilich großartige Prinzipien, nur sind sie in der Welt von heute nicht anwendbar. Habt Ihr nie gehört, daß die Alten sagten ‚Der Tüchtige handelt den Umständen gemäß‘? Auch heißt es ‚Edel ist, wer nach dem Glück strebt und das Unglück meidet.‘ So, wie Ihr es sagt, könnt Ihr weder dem Hof Eure Dankbarkeit beweisen, noch wärt Ihr Eures Lebens sicher. Das beste ist, Ihr überdenkt das noch ein paarmal.“ Djia Yü-tsun hielt lange den Kopf gesenkt, ehe er endlich fragte: „Und was soll ich deiner Meinung nach machen?“ „Ich habe schon einen ausgezeichneten Plan erdacht“, sagte der Diener. „Wenn Ihr morgen wieder zu Gericht sitzt, müßt Ihr Strenge und Empörung heucheln, das Dokument für die steckbriefliche Verfolgung aufsetzen und Diener mit dem Ermächtigungsemblem ausschicken, um Verhaftungen vorzunehmen. Den eigentlichen Verbrecher können sie natürlich nicht festnehmen, aber der Kläger wird bestimmt darauf bestehen, daß ein paar von Hsüä Pans Angehörigen und von seinem Gesinde verhaftet werden, um sie auf der Folter zu verhören. Ich werde insgeheim dafür sorgen, daß sie angeben, Hsüä Pan sei einer plötzlichen Krankheit zum Opfer gefallen. Und seine Sippe und der Nachbarschaftsvorsteher müssen das gemeinsam in einer schriftlichen Erklärung bestätigen. Ihr aber sagt, Ihr könntet Geister beschwören, laßt in der Amtshalle einen Altar dafür aufbauen und sorgt dafür, daß Armee und Bevölkerung zuschauen. Was der Geist in den Sand schreibt, legt Ihr wie folgt aus: Hsüä Pan und der tote Fëng Yüan waren Feinde aus einer früheren Existenz, denen es vorherbestimmt war, ihren Zwist auszutragen, als sie sich jetzt begegnet sind. Von Fëng Yüans Seele verfolgt, sei Hsüä Pan inzwischen einer unbekannten Krankheit erlegen. Das ganze Unglück sei durch den Kindesräuber Sowieso ausgelöst worden, die Entführte heiße soundso und komme daunddaher. Der Kindesräuber solle nach dem Gesetz bestraft werden, jemand anders sei nicht zu belangen, und so weiter. Ich werde den Kindesräuber heimlich veranlassen, wahrheitsgemäß zu gestehen. Wenn die Zuschauer sehen, daß der Bescheid des Geistes mit der Aussage des Kindesräubers übereinstimmt, werden sie auch das Übrige für wahr halten. Die Familie Hsüä schwimmt im Geld, Ihr könnt sie verurteilen, fünfhundert oder eintausend Liang Silber als Begräbniskosten für Fëng Yüan zu bezahlen. Die Fëngs sind unbedeutende Leute, und es geht ihnen nur ums Geld. Wenn sie das Silber sehen, werden sie schon still sein, denke ich.

Überlegt Euch, was Ihr von diesem Plan haltet, Herr.“

„Er taugt nichts“, sagte Djia Yü-tsun lächelnd. „Aber wenn ich es mir recht überlege, kann man damit vielleicht dem Gerede ein Ende machen.“ Während die beiden so miteinander beratschlagten, war es Abend geworden.e Unglück sei durch den Kindesräuber Sowieso ausgelöst worden, die Entführte heiße soundso und komme daunddaher. Der Kindesräuber solle nach dem Gesetz bestraft werden, jemand anders sei nicht zu belangen, und so weiter. Ich werde den Kindesräuber heimlich veranlassen, wahrheitsgemäß zu gestehen. Wenn die Zuschauer sehen, daß der Bescheid des Geistes mit der Aussage des Kindesräubers übereinstimmt, werden sie auch das Übrige für wahr halten. Die Familie Hsüä schwimmt im Geld, Ihr könnt sie verurteilen, fünfhundert oder eintausend Liang Silber als Begräbniskosten für Fëng Yüan zu bezahlen. Die Fëngs sind unbedeutende Leute, und es geht ihnen nur ums Geld. Wenn sie das Silber sehen, werden sie schon still sein, denke ich.

Überlegt Euch, was Ihr von diesem Plan haltet, Herr.“

„Er taugt nichts“, sagte Djia Yü-tsun lächelnd. „Aber wenn ich es mir recht überlege, kann man damit vielleicht dem Gerede ein Ende machen.“ Während die beiden so miteinander beratschlagten, war es Abend geworden. Weiter ist davon nichts zu berichten. Als Djia Yü-tsun am nächsten Tag zu Gericht saß, ließ er alle holen, die in den Fall verwickelt waren, und nahm sie sorgfältig ins Verhör. Dabei stellte er fest, daß die Familie Fëng tatsächlich nicht zahlreich war und die Gelegenheit nur nutzen wollte, um eine recht große Summe als Begräbniskosten zu bekommen, während die Familie Hsüä sich auf ihre Macht und ihre Beziehungen verließ und nicht nachgeben wollte, so daß alles auf den Kopf gestellt war und keine Entscheidung erreicht werden konnte. Also verfuhr Djia Yü-tsun nach eigenem Gutdünken, beugte das Recht und brachte so den Fall zu einem willkürlichen Abschluß. Als die Familie Fëng das viele Silber für die Begräbniskosten erhalten hatte, machte sie keine Einwände mehr. Djia Yü-tsun aber schrieb nach Beendigung des Verfahrens zwei Briefe, einen an Djia Dschëng, den anderen an den Kommandanten der hauptstädtischen Garnison Wang Dsï-tëng. Darin hieß es nur knapp: ‚Die Angelegenheit mit Eurem Neffen ist geregelt, Ihr braucht Euch darum keine Gedanken mehr zu machen.‘ Die ganze Sache war von dem ehemaligen Mönch im ‚Flaschenkürbistempel‘ und jetzigen Amtsdiener ausgegangen. Zudem befürchtete Djia Yü-tsun, der Diener könnte vor den Leuten etwas von seiner früheren Armut und Geringfügigkeit erzählen. Darum war er alles andere als erfreut über ihn und nahm schließlich ein Vergehen zum Vorwand, um ihn weit weg zum Grenzdienst zu verbannen. Jetzt soll aber einstweilen nicht mehr von Djia Yü-tsun die Rede sein, sondern von dem jungen Herrn Hsüä, der Ying-liän gekauft und Fëng Yüan hatte erschlagen lassen. Auch er war aus Djin-ling und entstammte einer alten Gelehrtenfamilie. Weil er aber schon in jungen Jahren den Vater verloren hatte und die verwitwete Mutter für ihn als ihren einzigen Sohn eine maßlose Schwäche hatte und ihm so jede Freiheit ließ, wurde bis ins Alter nichts aus ihm. Außerdem zählte der Reichtum der Familie nach Millionen. Als Aufkäufer für den kaiserlichen Hof bezogen sie ihre Einkünfte aus der Staatskasse. Der Schulname des jungen Hsüä lautete Pan, sein Ehrenname Wën-lung. Schon mit fünf Jahren war er seiner Art nach verschwenderisch gewesen und anmaßend in seinen Reden. Zwar hatte er auch Unterricht erhalten, aber er kannte nur wenige Schriftzeichen, und die Tage bestanden für ihn nur aus Hahnenkämpfen und Jagdausflügen sowie müßigen Spaziergängen zu Bergen und Seen. Er war zwar kaiserlicher Aufkäufer, aber von Handel und Gewerbe hatte er nicht die geringste Vorstellung. Auf die Verbindungen aus der Zeit seiner Vorfahren gestützt, hatte er sich lediglich der Form wegen beim Finanzministerium registrieren lassen und bezog seine Einkünfte, alles übrige erledigten Angestellte und alte Diener für ihn. Hsüä Pans verwitwete Mutter, eine geborene Wang, war die jüngere Schwester des jetzigen Kommandanten der hauptstädtischen Garnison Wang Dsï-tëng. Sie und die Frau von Djia Dschëng im Jung-guo-Anwesen waren Kinder einer Mutter. Sie war jetzt um die vierzig, und Hsüä Pan war ihr einziger Sohn. Außerdem hatte sie eine Tochter, die zwei Jahre jünger war als Hsüä Pan und mit Kindheitsnamen Bau-tschai hieß. Bau-tschai war gut gewachsen, und ihr Benehmen war verfeinert. Als ihr Vater noch am Leben war, der sie sehr liebte, hatte er sie lesen und schreiben lernen lassen, worin sie ihren Bruder um das zehnfache übertraf. Als aber der Vater tot war und sie sah, daß der Bruder keine Stütze für die Mutter war, hatte sie die Bücher beiseite gelegt, um sich Nadelarbeiten und der Hauswirtschaft zu widmen und so die Sorgen der Mutter zu teilen und ihr einige Mühe abzunehmen. Nun hatte der regierende Herrscher, der die Dichtkunst schätzte und die Riten achtete und der stets Talente um sich sammelte, in seiner seltenen Gnade befohlen, alle verdienten Beamten und angesehenen Familien sollten unabhängig von der Auswahl kaiserlicher Nebenfrauen und Konkubinen ihre Töchter persönlich im Ministerium namhaft machen dürfen, damit unter ihnen Lerngefährtinnen für die Töchter des Kaisers und der kaiserlichen Prinzen ausgewählt und andere Stellen im Kaiserpalast mit ihnen besetzt werden könnten. Zum anderen hatten nach dem Tod von Hsüä Pans Vater die Geschäftsführer, Verwalter und Angestellten in den verschiedenen Provinzen angesichts von Hsüä Pans Jugend und Unwissenheit damit begonnen, die Gelegenheit zu Betrügereien zu nutzen, und auch in den hauptstädtischen Geschäftsstellen ging der Umsatz allmählich zurück. Hsüä Pan, der schon immer gehört hatte, die Hauptstadt sei der prächtigste Ort, den man sich denken kann, hatte wirklich Lust, einmal dorthin zu fahren. Also nahm er es zum Anlaß, daß zum einen seine Schwester zur Teilnahme an der Auswahl begleitet werden mußte, daß zum anderen die Verwandtschaft zu besuchen war und daß er schließlich persönlich für die Begleichung alter Rechnungen sorgen und sich um neue Zahlungen bemühen konnte. In Wahrheit aber ging es ihm darum, die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt aufzusuchen. Darum hatte er schon längst Gepäck und Garderobe vorbereitet, dazu die verschiedensten Lokalprodukte und Geschenke, die er für Verwandte und Freunde mitnehmen wollte, und hatte eben einen Glückstag ausgewählt, an dem er sich endlich auf den Weg machen wollte, als er unerwartet jenem Kindesräuber begegnete, der ihm Ying-liän verkaufte. Als Hsüä Pan sah, daß Ying-liän nicht schlecht gewachsen war, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, sie zu kaufen, und als dann die Familie Fëng sie holen wollte, hatte er Gewalt gebraucht und seinen brutalen Sklaven befohlen, Fëng Yüan zu erschlagen. Dann hatte er die Familienangelegenheiten seinen Verwandten und einigen alten Leuten vom Gesinde anvertraut und sich mit Mutter und Schwester auf die weite Reise begeben. Den Mordprozeß betrachtete er als ein Kinderspiel, das mit ein bißchen lumpigem Geld leicht abzutun war. Als sie schon eine Reihe von Tagen unterwegs waren und bald in der Hauptstadt sein mußten, erfuhren sie, daß Hsüä Pans Onkel Wang Dsï-tëng zum Befehlshaber von neun Provinzen ernannt worden war und vom Kaiser den Auftrag erhalten hatte, die Grenzen zu inspizieren. Heimlich triumphierte Hsüä Pan: ‚Eben war ich noch in Sorge, daß mich in der Hauptstadt ein Onkel beaufsichtigen würde, so daß ich nicht mit dem Geld um mich werfen könnte, und jetzt ist er befördert worden und muß abreisen. Da sieht man, daß der Himmel die Wünsche der Menschen erhört.‘ Dann wandte er sich an seine Mutter und sagte: „Wir haben zwar mehrere Häuser in der Hauptstadt, aber es hat schon an die zehn Jahre niemand von uns dort gewohnt. Die Verwalter werden sie bestimmt heimlich vermietet haben. Wir müssen erst einmal Leute hinschicken, um dort sauber zu machen und Ordnung zu schaffen.“ „Wozu die Aufregung?“ fragte seine Mutter. „Wenn wir in der Hauptstadt sind, werden wir zuerst den Verwandten und Freunden unsere Aufwartung machen. Wir ziehen entweder ins Haus deines Onkels oder zu deiner Tante. Beide Familien wohnen sehr bequem, und wir können fürs erste dort unterkommen, um dann in aller Ruhe unsere Häuser in Ordnung bringen zu lassen. Ist das nicht angenehmer?“ „Der Onkel ist gerade befördert worden und reist in die Provinz ab“, gab Hsüä Pan zu bedenken. „In seinem Haus wird dadurch natürlich alles drunter und drüber gehen. Sieht es nicht sehr aufdringlich aus, wenn wir ausgerechnet in diesem Augenblick mit Sack und Pack dort anrücken?“ Aber die Mutter erwiderte: „Dein Onkel ist zwar befördert worden, aber die Familie deiner Tante ist ja auch noch da. Außerdem hatten beide uns in den letzten Jahren in jedem ihrer Briefe eingeladen zu kommen. Jetzt kommen wir nun wirklich, und wenn auch dein Onkel mit Reisevorbereitungen beschäftigt ist, wird uns doch deine Tante in der Familie Djia auf jeden Fall bei sich haben wollen. Wenn wir statt dessen in aller Eile unsere Häuser instandsetzen ließen, würde sie sich schön wundern. Ich weiß, worum es dir geht. Wenn wir bei Onkel oder Tante wohnen, bist du unvermeidlich gebunden und kannst nicht nach Belieben schalten und walten, wie du es könntest, wenn du allein wohnst. Wenn es dir darum zu tun ist, dann such dir nur eine Bleibe und wohne dort. Ich jedenfalls war jahrelang von deiner Tante und deinen Kusinen getrennt, da möchte ich jetzt ein paar Tage mit ihnen zusammen sein. Ich werde also mit deiner Schwester zur Tante ziehen. Bist du einverstanden?“ Als Hsüä Pan seine Mutter so hörte, erkannte er, daß er sie nicht umstimmen konnte, und es blieb ihm keine andere Wahl, als den Dienern zu befehlen, direkt zum Jung-guo-Anwesen zu fahren. Inzwischen hatte Dame Wang zu ihrer Beruhigung erfahren, daß der Mordfall, in den Hsüä Pan verwickelt war, dank der Hilfe von Djia Yü-tsun beigelegt war. Dann war ihr älterer Bruder auf einen Posten an der Grenze versetzt worden, und sie grämte sich, weil sie dadurch den Umgang mit einem weiteren Verwandten aus dem Elternhaus entbehren mußte und es nun noch langweiliger für sie werden würde. Aber da meldeten ihr ein paar Tage später die Diener plötzlich: „Die gnädige Frau Tante ist mit Sohn und Tochter und allem Anhang in die Hauptstadt gekommen und steigt eben am Tor aus dem Wagen.“ Erfreut eilte Dame Wang mit Tochter und Schwiegertochter in die Haupthalle, um ihre Schwester zu begrüßen und hereinzubitten. Es versteht sich von selbst, daß sich bei diesem Wiedersehen der in die Jahre gekommenen Schwestern Freude und Schmerz, Lachen und Weinen ineinander mischten. Dann führte Dame Wang die Gäste rasch zur Herzoginmutter, der sie ihre Aufwartung machten und von den mitgebrachten Geschenken und Lokalprodukten überreichten. Als sich alle miteinander bekannt gemacht hatten, wurde schnell ein Begrüßungsessen gerichtet. Nachdem Hsüä Pan zuerst Djia Dschëng begrüßt hatte, führte Djia Liän ihn auch zu Djia Schë und Djia Dschën. Djia Dschëng aber schickte jemanden zu seiner Frau, um ihr sagen zu lassen: „Die Schwägerin ist schon bei Jahren, der Neffe aber ist jung und unerfahren. Wenn sie auswärts wohnen, gibt es vielleicht der Leute wegen Unannehmlichkeiten. Bei uns steht in der Nordostecke des Anwesens der ganze Birnendufthof mit über zehn Räumen leer und ungenutzt. Es wäre gut, ihn aufzuräumen und die Schwägerin zu bitten, mit Tochter und Sohn dort einzuziehen.“ Dame Wang war noch nicht dazu gekommen, die Schwester zum Bleiben zu nötigen, als auch von der Herzoginmutter eine Botin mit der Bitte kam, sie solle sich hier einrichten, damit es alle gemütlicher hätten. Nun wollte ja Tante Hsüä selber gern hier wohnen, damit ihr Sohn ein wenig unter Aufsicht wäre, der in einer auswärtigen Wohnung leicht ein Unglück heraufbeschwören konnte, darum stimmte sie rasch zu und bedankte sich. Dann aber erklärte sie Dame Wang vertraulich: „Nur wenn wir auf alle Tagegelder und Unterstützungen verzichten dürfen, können wir auf die Dauer hier bleiben.“ Weil Dame Wang wußte, daß die Hsüäs in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten hatten, ließ sie der Schwester ihren Willen. Von nun an wohnte Tante Hsüä mit ihren Kindern im Birnendufthof. Dieser Birnendufthof war seinerzeit der Alterssitz des Herzogs Jung-guo gewesen. Er war klein und zierlich, umfaßte etwas mehr als zehn Räume und besaß alle Vorhallen und Nebengebäude, die man braucht. Er hatte auch ein eigenes Tor zur Straße, durch das Hsüä Pans Diener ein- und ausgehen konnten. Im Südwesten führte ein Seitentor zu einem Gang zwischen zwei Mauern, an dessen anderem Ende man östlich neben der Haupthalle von Dame Wang herauskam. Jeden Tag nach dem Essen oder am Abend ging Tante Hsüä hinüber, um mit der Herzoginmutter zu plaudern oder mit Dame Wang zu sprechen. Bau-tschai war täglich mit Dai-yü, Ying-tschun und den anderen Kusinen zusammen. Wenn sie nicht lasen oder Schach spielten, machten sie Nadelarbeiten, und Bau-tschai befand sich dabei sehr wohl. Nur Hsüä Pan wollte zu Anfang nicht bei den Djias wohnen bleiben, denn er fürchtete, der Onkel werde ihn streng beaufsichtigen, so daß er keine Freiheit mehr hätte. Er konnte aber nichts daran ändern, daß seine Mutter es sich in den Kopf gesetzt hatte zu bleiben, und auch die Djias bestanden mit ihrer zuvorkommenden Gastfreundschaft darauf, daß sie blieben. So mußte er sich einstweilen hier einrichten, schickte aber zugleich seine Leute aus, um die eigenen Häuser sauberzumachen, damit sie dorthin umziehen könnten. Doch nachdem sie knapp einen Monat hier wohnten, war Hsüä Pan schon mit der Hälfte aller Söhne und Neffen der Djias gut bekannt, und es gab keinen unter den Herrensöhnchen, der nicht gern Umgang mit ihm gepflegt hätte. Heute trafen sie sich beim Wein, morgen zur Blumenschau. Selbst mit Glücksspielen und Freudenmädchen brachten sie ihn nach und nach in Berührung, und so wurde Hsüä Pan noch zehnmal verdorbener als zuvor. Djia Dschëng wußte sehr wohl, wie man Söhne erzieht, und hatte seine Grundsätze für die Leitung der Familie. Zum einen aber war die Sippe zu groß und zu zahlreich, um auf alles achten zu können, zum anderen war der Sippenälteste Djia Dschën, der älteste Enkel des Herzogs Ning-guo, der auch den Adelstitel geerbt hatte. Er war es, der die Angelegenheiten der Sippe in seiner Gewalt hatte. Und schließlich war Djia Dschëng mit öffentlichen und privaten Angelegenheiten überhäuft und war charakterlich zu erhaben, um profane Dinge wichtig zu nehmen. In seinen Mußestunden pflegte er Bücher zu lesen und Schach zu spielen, für alles andere hatte er keinen Blick. Außerdem lag ja der Birnendufthof weitab und hatte einen separaten Ausgang zur Straße, durch den man nach Belieben aus- und eingehen konnte. Darum brauchten sich die jungen Leute keinen Zwang anzutun, und Hsüä Pan kam allmählich von dem Gedanken ab, hier wegzuziehen.