Hongloumeng/de/Chapter 6
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Kapitel 6
贾宝玉初试云雨情
刘老老一进荣国府
Frau Tjin hatte sich also gewundert, weil Bau-yü im Traum ihren Kindheitsnamen gerufen hatte, aber sie konnte ihn schlecht deswegen fragen. Bau-yü aber war ganz benommen. Es war ihm, als habe er etwas verloren. Man brachte ihm rasch einen Aufguß von Longanen , und nachdem er zwei Schlucke davon getrunken hatte, stand er auf und ordnete seine Kleider. Als Hsi-jën die Hand ausstreckte, um ihm das Hosenband zuzuschnüren, berührte sie zufällig seinen Schenkel und spürte dort einen kalten, klebrigen Fleck. Erschrocken zog sie die Hand zurück und fragte, was das sei. Bau-yü wurde rot und drückte stumm ihre Hand. Nun war Hsi-jën ein kluges Mädchen. Sie war zwei Jahre älter als Bau-yü, und in der letzten Zeit war sie allmählich hinter die Geheimnisse der Erwachsenen gekommen. Als sie jetzt sah, was mit Bau-yü war, konnte sie sich die Sache ungefähr denken, und unwillkürlich stieg auch ihr die Schamröte ins Gesicht. Sie wagte nicht, weiter danach zu fragen, und half Bau-yü, sich fertig anzuziehen. Anschließend ging Bau-yü in die Räume der Herzoginmutter, wo er hastig zu Abend aß, und dann kehrte er in sein Zimmer zurück. Rasch benutzte jetzt Hsi-jën die Abwesenheit der Ammen und der übrigen Sklavenmädchen, um Bau-yü eine frische Unterhose zu holen, die sie ihn anziehen ließ. Verschämt bat Bau-yü: „Liebste Schwester, sag nur auf keinen Fall jemand davon!“ Mit einem verlegenen Lächeln fragte Hsi-jën: „Was hattest du denn geträumt? Und was ist das für schmutziges Zeug, und wo ist es herausgelaufen?“ „Mit einem Wort ist das nicht erklärt“, sagte Bau-yü und erzählte Hsi-jën, was er im Traum erlebt hatte. Als er dann zu dem Punkt kam, wie ihn Warnendes Trugbild über das Wolken-und-Regen-Spiel belehrt hatte, hielt sich Hsi-jën vor Scham die Hände vors Gesicht, warf sich auf den Bauch und lachte. Bau-yü hatte Hsi-jën schon immer gemocht, weil sie reizend und lieblich war. So drängte er sie jetzt, mit ihm das Wolken-und-Regen-Spiel, das ihn die Fee gelehrt hatte, zu versuchen. Hsi-jën wußte, daß sie Bau-yü von der Herzoginmutter zugeteilt worden war, und wie die Dinge jetzt lagen, glaubte sie nicht, daß der Anstand dadurch verletzt werde. So probierten sie
Aus: Jinyuyuan 1889b. es verstohlen miteinander, und glücklicherweise überraschte sie niemand dabei. Seitdem sah Bau-yü Hsi-jën erst recht mit anderen Augen an als die übrigen Sklavenmädchen, und Hsi-jën diente Bau-yü noch ergebener als zuvor. Aber davon soll einstweilen nicht weiter die Rede sein. Ja, im Jung-guo-Anwesen lebten insgesamt nicht übermäßig viele Menschen, aber alles in allem waren es doch drei- oder vierhundert. Und wenn sich hier auch nicht allzuviel ereignete, gab es doch zehn bis zwanzig verschiedene Angelegenheiten pro Tag zu erledigen. Das ist wie ein verfilztes Bund Hanf, bei dem man nicht weiß, wo man beginnen soll. Und während ich überlege, womit und bei wem ich meine weitere Erzählung am besten beginne, kommt plötzlich von weither jemand, der so nichtig ist wie ein Senfkorn oder eine Bohne, ins Jung-guo-Anwesen, weil er weitläufig mit der Familie verwandt ist. Soll dieser Jemand also der Anfang für meine weitere Erzählung sein! Wer das war und was das für weitläufige Verwandtschaftsbeziehungen sind, fragt ihr? Dann hört mich nur an! Es handelt sich um eine ganz unbedeutende Familie aus der hiesigen Gegend. Wang hießen die Leute. Der Großvater hatte ein winziges Amt in der Hauptstadt bekleidet und hatte vor Zeiten Wang Hsi-fëngs Großvater, den Vater von Dame Wang, gekannt. Weil er begierig war, von dessen Macht zu profitieren, hatte er sich seiner Sippe angeschlossen und sich zu seinem Neffen erklärt. Von der Existenz dieses Familienzweiges, der sich der Sippe angeschlossen hatte, wußten aber nur noch Dame Wang und ihr älterer Bruder, Hsi-fëngs Vater, die damals mit in der Hauptstadt gewesen waren, und sonst niemand. Jener Großvater Wang war bereits tot. Sein einziger Sohn Wang Tschëng war verarmt und hatte deshalb außerhalb der Hauptstadt im Heimatdorf der Familie Zuflucht suchen müssen. Auch er war vor kurzem an einer Krankheit gestorben. Sein Sohn, der mit Kindheitsnamen Gou-örl hieß, hatte seinerseits einen Sohn mit Namen Ban-örl, außerdem hatte seine Frau, eine geborene Liu, noch eine Tochter zur Welt gebracht, die Tjing-örl hieß. So hatten sie zu viert auf dem Lande gelebt, aber weil Gou-örl am Tage noch anderweitig für ihren Lebensunterhalt sorgte und seine Frau mit der Hauswirtschaft zu tun hatte, konnte sich niemand um die Geschwister Tjing-örl und Ban-örl kümmern. Darum hatte Gou-örl seine Schwiegermutter, Oma Liu, ins Haus genommen. Oma Liu war eine betagte Witwe, die bis dahin ganz allein von ein paar Mu kärglichem Ackerland lebte. Darum hatte sie natürlich nichts dagegen gehabt, als der Schwiegersohn sie zu sich nahm, und versuchte nun mit allen Mitteln, Tochter und Schwiegersohn von Nutzen zu sein. Jetzt ging der Herbst zu Ende, der Winter begann, und es wurde kalt. Die Wintervorbereitungen aber waren noch nicht getroffen. Gou-örl machte sich natürlich Sorgen deswegen und hatte diesen Kummer im Wein ertränkt. Nun saß er müßig zu Hause und suchte Streit. Seine Frau wagte nicht, ihm die Stirn zu bieten, Oma Liu aber konnte es nicht mit ansehen und redete auf ihn ein: „Du mußt mich nicht geschwätzig schelten, Schwiegersohn, aber wer von uns Dörflern ißt nicht seinen Reis aus so großen Schalen, wie er sie eben hat? Als du klein warst und es deiner Familie gut ging, hast du dich daran gewöhnt, nach Belieben zu essen und zu trinken, darum kannst du jetzt nicht damit auskommen. Wenn du Geld hast, verbrauchst du es ohne Sinn und Verstand, und wenn du keins hast, regst du dich nur auf. Benimmt sich so ein richtiger Mann? Wir wohnen hier zwar außerhalb der Stadt, aber doch zu Füßen des Kaisers. In der Hauptstadt liegt das Geld auf der Straße, nur versteht leider keiner, es aufzuheben. Sich hier zu Hause aufzuregen nutzt gar nichts.“ „Du kannst auch nur auf dem Ofenbett hocken und Unsinn schwatzen“, fuhr Gou-örl auf. „Soll ich das Geld vielleicht rauben oder stehlen?“ „Wer sagt, daß du es stehlen sollst?“ entgegnete Oma Liu. „Aber wir müssen endlich einen Entschluß fassen. Meinst du, das Geld kommt von alleine zu uns ins Haus gelaufen?“ „Glaubst du, ich hätte bis heute gewartet, wenn ich wüßte, was ich machen soll?“ fragte Gou-örl und lächelte geringschätzig. „Ich habe keine Verwandten, die Steuereinnehmer sind, und keine Freunde, die als Beamte dienen. Was kann ich mir also ausdenken? Und selbst wenn ich solche Verwandten oder Freunde hätte, würden sie sich um uns nicht kümmern, fürchte ich.“ „Sag das nicht!“ meinte Oma Liu. „Der Mensch plant, und der Himmel entscheidet. Wer weiß, ob wir nicht doch einige Aussichten haben, wenn wir uns etwas überlegen und auf Buddhas Hilfe bauen! Ich jedenfalls habe einen Plan für euch ausgedacht. Seinerzeit habt ihr euch doch der Sippe Wang aus Djin-ling angeschlossen, und vor zwanzig Jahren handelten sie nicht eben schlecht an euch. Jetzt tut ihr euch natürlich schwer und wagt euch nicht an sie heran, darum seid ihr einander fremd geworden. Ich kann mich erinnern, daß ich zu Anfang einmal mit der Tochter bei ihnen war. Ihr zweites junges Fräulein war wirklich ein angenehmer Mensch. Sie verstand es, mit den Leuten umzugehen, und war nicht eingebildet. Jetzt ist sie die Frau des zweiten Herrn Djia im Jung-guo-Anwesen. Nachdem sie in die Jahre gekommen ist, soll sie noch gütiger und hilfsbereiter gegen Arme und Alte geworden sein, habe ich gehört. Besonders zu buddhistischen und dauistischen Mönchen soll sie freigebig mit Reis und Geld sein. Ihr Bruder aus dem Wang-Anwesen hat zwar jetzt einen Posten an der Grenze bekommen, aber ich denke, auch sie wird sich noch an uns erinnern. Willst du sie nicht einmal besuchen? Wer weiß, vielleicht erinnert sie sich der alten Freundschaft, und es bringt uns eine Kleinigkeit ein. Wenn sie ein bißchen Güte zeigt, ist ein Härchen, das sie sich ausreißt, immer noch stärker als unsere Taille.“ „Du hast schon recht“, schaltete ihre Tochter sich ein, „aber können wir mit unseren Visagen gut dorthin gehen? Ganz egal, ob wir sie früher kannten oder nicht, ihre Torhüter würden vielleicht nicht einmal Bescheid sagen, daß wir da sind, und dann sind wir die Blamierten!“ Bei Gou-örl aber überwog die Habsucht. Die Worte von Oma Liu hatten seine Seele gekitzelt, und als er nun den Einwand seiner Frau hörte, lachte er nur darüber und sagte: „Wenn du es sagst, Oma, und außerdem damals die Gnädige einmal gesehen hast, warum willst du dann nicht morgen hingehen und erst einmal sehen, woher dort der Wind weht, und dann reden wir weiter?“ „Ach, du meine Güte!“ sagte Oma Liu, „heißt es nicht: Ein Fürstenhof ist so tief wie das Meer? Wer bin ich denn schon? Außerdem kennt mich dort niemand vom Gesinde. Wenn ich also ginge, wäre das ganz umsonst.“ Lächelnd erwiderte Gou-örl: „Nein, das wäre es nicht. Ich werde dir sagen, wie du es anfangen mußt. Du nimmst deinen Enkel Ban-örl mit und wendest dich zuerst an Dschou Juee, den die gnädige Frau als Diener mit in die Ehe gebracht hat. Wenn du mit ihm sprechen kannst, kommt die Sache schon ins Rollen. Mit diesem Dschou Juee hat mein Vater einmal zu tun gehabt, wir standen sehr gut miteinander.“ „Den kenne ich auch“, sagte Oma Liu, „aber wo wir ihn so lange nicht gesehen haben, weiß man nicht, was heute mit ihm ist. Das ist schon schwer zu sagen. Als Mann, und noch dazu mit deiner Visage, kannst du natürlich nicht dorthin gehen. Auch eine junge Frau kann sich nicht gut in aller Öffentlichkeit präsentieren. Also muß doch ich altes Weib losgehen und mein Glück probieren. Wenn sich wirklich etwas dabei ergibt, haben wir alle den Nutzen davon. Und springt kein Silber dabei heraus, bekomme ich in so einem fürstlichen Anwesen doch etwas zu sehen von der Welt und habe nicht umsonst gelebt.“ Alle lachten, als sie das sagte, und damit galt der Plan als abgemacht. Am nächsten Tag stand Oma Liu noch ehe es hell wurde auf, frisierte und wusch sich und erteilte Ban-örl ein paar Verhaltensmaßregeln. Dieser
Oma Liu. Aus: Wang Xilian 1832. Ban-örl war ein Kind von fünf oder sechs Jahren und noch völlig unwissend. Als er hörte, die Großmutter werde ihn mit in die Stadt nehmen, versprach er in seiner Freude alles, was man von ihm verlangte. Also machte sich Oma Liu mit dem Enkelkind auf den Weg, fragte sich in der Stadt nach der Straße durch, wo das Ning-guo- und das Jung-guo-Anwesen lagen, und stand schließlich vor den steinernen Löwenfiguren am Haupttor des Jung-guo-Anwesens. Angesichts der Mengen von Sänften und Pferden wagte sie nicht, hier hineinzugehen. Also klopfte sie sich den Staub von den Kleidern, erteilte Ban-örl noch ein paar Unterweisungen und ging dann zögernd zum Nebentor, wo ein paar hünenhafte Männer auf einer Bank saßen und sich lebhaft gestikulierend über alles mögliche unterhielten. Zaghaft trat Oma Liu zu ihnen heran und grüßte: „Glück zu, ihr Herren!“ Die Männer musterten sie eine Weile und fragten dann, woher sie komme. „Ich möchte zu Herrn Dschou aus dem Gefolge der gnädigen Frau“, sagte Oma Liu und lächelte dazu. „Wen von den Herren darf ich bemühen, ihn herauszubitten?“ Keiner der Männer schenkte ihr mehr Beachtung, und erst nach langer Zeit sagten sie endlich: „Geh beiseite und warte dort in der Mauerecke! Es muß bald jemand von seiner Familie herauskommen.“ Da mischte sich ein älterer Mann ein und fragte: „Warum müßt ihr der Frau ihre Sache verderben und sie zum besten halten?“ Dann wandte er sich an Oma Liu und sagte: „Herr Dschou ist im Süden, aber seine Frau ist zu Hause. Sie wohnen an der anderen Seite des Anwesens. Wenn du zu ihr willst, mußt du hier herum zum hinteren Tor gehen und dort nach ihr fragen.“ Oma Liu bedankte sich und ging mit Ban-örl zum Hintertor. Dort erblickte sie einige fliegende Händler mit ihren Traglasten, die Eßwaren und Spielsachen verkauften. Zwanzig bis dreißig Kinder tollten um sie herum. Oma Liu hielt einen der Jungen fest und sagte: „Ich möchte dich etwas fragen, kleiner Herr! Ist Tante Dschou zu Hause?“ „Welche Tante Dschou meinst du?“ erkundigte sich der Junge. „Wir haben hier drei Tanten Dschou und noch zwei Ammen Dschou. Was macht sie für eine Arbeit?“ „Sie ist die Frau von Dschou Juee aus dem Gefolge der gnädigen Frau“, sagte Oma Liu. „Dann ist es einfach“, sagte der Junge. „Komm mit!“ Damit hüpfte er vor Oma Liu her durch das Tor bis zu einer Umfassungsmauer, auf die er mit der Hand zeigte. „Hier wohnt sie“, sagte er. Dann rief er: „Tante Dschou! Hier ist eine Oma, die zu dir will. Ich habe sie hergeführt.“ Als Dschou Juees Frau drinnen seine Worte hörte, kam sie rasch heraus und fragte: „Wer ist es denn?“ Oma Liu trat vor sie hin und sagte: „Guten Tag, Schwägerin Dschou!“ Dschou Juees Frau brauchte längere Zeit, ehe sie sich endlich erinnerte und lächelnd zu ihr sagte: „Oma Liu! Guten Tag! Nun sag einer an! Wieviel Jahre ist das her? Ich hatte dich ganz vergessen. Komm ins Haus und nimm Platz!“ Oma Liu setzte sich wieder in Bewegung und sagte dabei lächelnd: „Hohe Herrschaften sind vergeßlich. Wie solltest du dich noch an uns erinnern!“ Bei diesen Worten traten sie ins Haus, und Dschou Juees Frau befahl ihrer kleinen Lohndienerin, Tee zu bringen. „Wie groß du schon bist!“ sagte sie zu Ban-örl. Dann erkundigte sich beiläufig, wie es Oma Liu ergangen sei, seitdem sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, und fragte schließlich, ob sie heute zufällig hierher gekommen sei oder in einer bestimmten Absicht. „Ich wollte dich einmal sehen, Schwägerin!“ erklärte Oma Liu, „außerdem wollte ich der gnädigen Frau guten Tag sagen. Es wäre das beste, wenn du mich zu ihr führen könntest. Wenn das nicht geht, muß ich dich um die Gefälligkeit bitten, ihr meinen Gruß auszurichten.“ Als Dschou Juees Frau das hörte, konnte sie sich ungefähr denken, was Oma Liu hierher geführt hatte, aber seinerzeit hatte Gou-örl ihrem Mann Dschou Juee kräftig geholfen, als es um einen strittigen Bodenkauf ging. Da konnte sie Oma Liu die Sache schlecht abschlagen. Außerdem wollte sie gern zeigen, daß auch sie etwas darstellte, darum gab sie lächelnd zur Antwort: „Keine Sorge, Oma! Warum sollte ich dir nicht helfen, den leibhaftigen Buddha zu sehen, wenn du in bester Absicht von so weit her zu uns gekommen bist! Eigentlich habe ich ja mit Besuchern nichts zu tun. Hier hat jeder seine Aufgabe. Mein Mann kassiert nur im Frühling und im Herbst die Bodenpacht ein, und in der übrigen Zeit begleitet er die jungen Herren, wenn sie ausgehen. Das ist alles. Ich aber begleite nur die gnädige Frau und die jungen gnädigen Frauen bei ihren Ausgängen. Aber weil du mit der gnädigen Frau verwandt bist und auch mich als Mensch behandelst und zuerst zu mir gekommen bist, will ich eine Ausnahme machen und dich anmelden. Aber eins mußt du wissen, Oma! Es ist bei uns nicht mehr so wie noch vor fünf Jahren. Die gnädige Frau kümmert sich nicht mehr groß um den Haushalt, das macht jetzt alles die Frau des jungen Herrn Djia Liän. Und weißt du, wer sie ist? Niemand anders als die Nichte der gnädigen Frau, die Tochter ihres Bruders, die mit Kindheitsnamen Fëng-gë hieß.“ „Sie ist das?“ fragte Oma Liu erstaunt. „Nicht umsonst habe ich schon damals gesagt, daß etwas in ihr steckt. Dann muß ich wohl heute mit ihr sprechen?“ „Das versteht sich von selbst“, erwiderte Dschou Juees Frau. „Der gnädigen Frau ist es lästig, sich um alles zu kümmern, und Besucher zu empfangen überläßt sie, wenn irgend möglich, der jungen gnädigen Frau. Mit ihr zu sprechen ist für dich wichtiger, als von der gnädigen Frau empfangen zu werden, wenn dein Besuch nicht umsonst sein soll.“ „Buddha Amitabha!“ rief Oma Liu aus, „ich verlasse mich ganz auf deine Hilfe, Schwägerin.“ „Nicht doch!“ entgegnete Dschou Juees Frau. „Hilf andern, und du hilfst dir selbst, sagt das Sprichwort. Es kostet mich ja nur ein Wort, was macht das schon aus!“ Dann rief sie ihre kleine Dienerin und befahl ihr, sich unter der Hand zu erkundigen, ob bei der alten gnädigen Frau schon das Essen aufgetragen sei. Als das Mädchen gegangen war, unterhielten sich die beiden Frauen weiter, und Oma Liu sagte: „Die junge gnädige Frau kann jetzt noch nicht älter als zwanzig sein. Daß sie das Zeug hat, so ein Hauswesen zu führen, ist wirklich erstaunlich!“ „Mit Worten ist das kaum zu beschreiben, Oma!“ sagte Dschou Juees Frau. „Sie ist zwar noch jung, aber sie handelt verständiger als mancher erfahrene Mann. Eine richtige Schönheit ist sie geworden, und klug ist sie, wie nur selten einer. Mit ihrem Mundwerk können es zehn redegewandte Männer nicht aufnehmen. Wenn du sie nachher siehst, wirst du mir glauben. Das einzige ist, daß sie zum Gesinde ein bißchen zu streng ist.“ Bei diesen Worten kam die kleine Dienerin wieder und meldete: „Im Zimmer der alten gnädigen Frau ist aufgetragen. Die zweite junge Herrin ist bei der gnädigen Frau.“ Als Dschou Juees Frau das hörte, stand sie rasch auf und trieb Oma Liu zur Eile. „Schnell, schnell!“ sagte sie, „wenn sie jetzt essen geht, ist der einzige freie Augenblick. Wir müssen vor ihr da sein! Kommen wir auch nur einen Moment zu spät, sind so viele Leute da, um ihr Rapport zu erstatten, daß wir kaum mit ihr sprechen können. Und wenn sie dann ihren Mittagsschlaf hält, ist das erst recht nicht der geeignete Augenblick.“ Oma Liu war bei diesen Worten schon vom Ofenbett gestiegen, klopfte sich die Sachen ab und erteilte Ban-örl wiederum einige Belehrungen. Dann folgte sie Dschou Juees Frau auf Umwegen zur Wohnung von Djia Liän. Als sie an das Gebäude mit dem Eingang nach Norden kamen, ließ Dschou Juees Frau Oma Liu zunächst dort eintreten und ein Weilchen warten. Sie selbst bog um die Blendmauer und trat in den Hof. Als sie erfuhr, Hsi-fëng sei noch nicht da, ging sie zuerst zu deren vertrauter Sklavin Ping-örl, die von Hsi-fëng mit in die Ehe gebracht worden war und seitdem Djia Liän als Beischläferin diente. Dschou Juees Frau erklärte Ping-örl erst einmal, wer Oma Liu war, dann sagte sie: „Heute ist sie extra von so weit her gekommen, um ihren Gruß zu entbieten. Seinerzeit hat die gnädige Frau sie oft empfangen, da kann man sie heute schlecht wegschicken. Darum habe ich sie hergebracht. Wenn deine Herrin kommt, werde ich ihr genau darüber berichten, und ich denke, sie wird mir nicht vorwerfen, ich hätte unüberlegt gehandelt.“ „Laß sie hereinkommen und erst einmal hier warten!“ entschied Ping-örl. Also ging Dschou Juees Frau hinaus und holte die beiden in den Hof. Als sie auf der Plattform des Hauptgebäudes waren, schlug ein kleines Sklavenmädchen den Türvorhang aus scharlachrotem Filz für sie auf, und kaum daß sie ins Haus traten, umfing sie ein Duft, den Oma Liu nicht zu bestimmen vermochte, und sie kam sich vor, als ob sie durch Wolken ginge. Überall glänzte und blitzte es, so daß einem schwindlig davon wurde. Oma Liu nickte nur mit dem Kopf, schnalzte mit der Zunge und rief den Namen Buddhas an. Als sie in das östliche Zimmer traten, das der Schlafraum von Djia Liäns Tochter Da-djiä‘örl war, stand Ping-örl am Ofenbett und musterte Oma Liu mit ein paar kurzen Blicken. Wohl oder übel mußte sie die Alte begrüßen und ihr einen Platz anbieten. Oma Liu sah nur, daß Ping-örl ganz in Seide gekleidet und mit Gold und Silber geschmückt war und ein Gesicht wie Blumen und Jade hatte. Darum glaubte sie, niemand anders als Wang Hsi-fëng vor sich zu haben, und wollte sie eben mit ‚junge gnädige Frau‘ anreden, als sie hörte, wie Dschou Juees Frau einfach ‚Fräulein‘ zu ihr sagte und ihrerseits ‚Tante‘ von ihr genannt wurde. Da merkte sie erst, daß es ein bevorzugtes Sklavenmädchen sein mußte. Als Oma Liu mit Ban-örl zusammen auf dem Ofenbett Platz genommen hatte, setzten sich auch Ping-örl und Dschou Juees Frau zu ihnen auf die Bettkante, und ein kleines Sklavenmädchen goß allen Tee ein. Oma Liu hörte ein Geräusch, das tack-tack, tack-tack! ging, als ob man Mehl in einem Siebkasten siebte, und als sie sich unwillkürlich nach allen Seiten umsah, erblickte sie einen Kasten, der mitten im Zimmer an einer Säule hing. Unten guckte etwas heraus, das wie das Laufgewicht einer Balkenwaage aussah, und schwang unaufhörlich hin und her. ‚Was mag das sein? Wozu soll das dienen?‘ überlegte Oma Liu. Und während sie noch ganz fasziniert davon war, machte es plötzlich dong! wie eine Glocke oder eine Klangschale, so daß Oma Liu vor Schreck die Augen aufriß. Dann schlug es in einem fort noch acht, neun Mal, aber als sie sich eben deswegen erkundigen wollte, stürzten mehrere kleine Sklavenmädchen herein und meldeten: „Die Herrin kommt!“ Dschou Juees Frau stand mit Ping-örl zusammen rasch auf und sagte zu Oma Liu: „Bleib du nur hier sitzen! Wenn es soweit ist, kommen wir dich holen.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um mit den anderen zusammen Hsi-fëng zu begrüßen. Oma Liu saß da, ohne sich zu rühren, und spitzte die Ohren. Von ferne hörte sie Lachen, dann traten nacheinander an die zehn bis zwanzig Frauen mit raschelnden Kleidern in die Vorhalle und gingen in den anderen Innenraum. Mehrere Frauen, die je eine große lackierte Speiseschachtel trugen, kamen herein und nahmen wartend Aufstellung. Erst als von drüben der Ruf „Auftragen!“ ertönte, gingen die anderen Frauen nach und nach wieder fort, und zurück blieben nur diejenigen, die bei Tisch aufzuwarten hatten. Nachdem es dann lange mucksmäuschenstill geblieben war, kamen plötzlich zwei Frauen mit einem flachen Tischchen herein und stellten es auf das Ofenbett. Das Tischchen war mit Schüsseln und Tellern beladen, die voller Fisch und Fleisch waren, wovon nur das wenigste berührt war. Kaum daß Ban-örl die Speisen sah, bettelte er lautstark, er wolle Fleisch essen, und Oma Liu versetzte ihm eine Ohrfeige. Im selben Augenblick erschien Dschou Juees Frau mit strahlendem Lächeln in der Tür und machte Oma Liu ein Zeichen mit der Hand. Oma Liu verstand, was das zu bedeuten hatte, stieg mit Ban-örl vom Ofenbett und ging in die Vorhalle hinaus. Hier flüsterte Dschou Juees Frau noch ein Weilchen mit ihr, ehe sie sie in den anderen Innenraum führte. In der Tür hing an ziselierten Messinghaken ein weicher Türvorhang mit einem Streublumenmuster auf dunkelrotem Grund. Unter dem Südfenster befand sich das Ofenbett, das mit dunkelrotem Filz bedeckt war. An der hölzernen Zwischenwand auf der Ostseite lehnten ein brokatbezogenes Rückenpolster mit Kettenmuster und ein Armkissen. Ein großes mit Goldbrokat bezogenes Sitzpolster lag da, und daneben stand ein Spucknapf aus geschnittenem Lack. Hsi-fëng trug ihre Alltagskleidung: eine Kopfbinde aus Zobelfell, um die eine Perlenschnur geschlungen war, eine blaßrosa Jacke mit Streublumenmuster, darüber einen azuritblauen Umhang, der mit bunten Seidenwebereien geschmückt und mit Fehfell gefüttert war, sowie einen dunkelroten Rock aus ausländischem Krepp, der mit Hermelin gefüttert war. Sie war sorgfältig geschminkt und gepudert und saß kerzengerade. Mit einem Messingstäbchen stocherte sie in der Asche ihres Handöfchens.Streublumenmuster auf dunkelrotem Grund. Unter dem Südfenster befand sich das Ofenbett, das mit dunkelrotem Filz bedeckt war. An der hölzernen Zwischenwand auf der Ostseite lehnten ein brokatbezogenes Rückenpolster mit Kettenmuster und ein Armkissen. Ein großes mit Goldbrokat bezogenes Sitzpolster lag da, und daneben stand ein Spucknapf aus geschnittenem Lack. Hsi-fëng trug ihre Alltagskleidung: eine Kopfbinde aus Zobelfell, um die eine Perlenschnur geschlungen war, eine blaßrosa Jacke mit Streublumenmuster, darüber einen azuritblauen Umhang, der mit bunten Seidenwebereien geschmückt und mit Fehfell gefüttert war, sowie einen dunkelroten Rock aus ausländischem Krepp, der mit Hermelin gefüttert war. Sie war sorgfältig geschminkt und gepudert und saß kerzengerade. Mit einem Messingstäbchen stocherte sie in der Asche ihres Handöfchens. Ping-örl stand am Ofenbett und hielt ein winziges Lacktablett in Händen, das mit Einlegearbeiten verziert war und auf dem eine kleine Teeschale mit Deckel stand. Hsi-fëng nahm ihr die Schale nicht ab und blickte auch nicht auf. Sie stocherte weiter in der Asche und fragte gedehnt: „Warum bittet ihr sie nicht herein?“ Dabei richtete sie sich auf, um nach der Teeschale zu greifen, und erst jetzt sah sie, daß Dschou Juees Frau schon mit den beiden Besuchern im Zimmer stand. Daraufhin erhob sich andeutungsweise und grüßte mit einem Gesicht wie eitel Sonnenschein. Dann schalt sie Dschou Juees Frau, sie hätte sich längst bemerkbar machen sollen. Oma Liu war inzwischen niedergekniet und hatte schon ein paarmal mit der Stirn den Boden berührt und der jungen gnädigen Frau alles Gute gewünscht. Rasch sagte Hsi-fëng: „Hilf ihr auf, Schwester Dschou! Sie braucht keinen Stirnaufschlag zu machen und soll bitte Platz nehmen. Ich bin zu jung, um sie richtig zu kennen, und weiß nicht, auf welcher Stufe der Verwandtschaft wir zueinander stehen, darum wage ich nicht einmal, sie anzureden.“ „Das ist die alte Frau, von der ich gerade berichtet habe“, meldete Dschou Juees Frau eifrig. Hsi-fëng nickte. Oma Liu hatte sich inzwischen auf dem Rand des Ofenbetts niedergelassen. Ban-örl versteckte sich hinter ihrem Rücken und war durchaus nicht zu bewegen, hervorzukommen und eine Verbeugung zu machen. Lächelnd sagte Hsi-fëng: „Verwandte, die einander nicht besuchen, werden sich fremd. Eingeweihte werden sagen, ihr seid es, die uns vernachlässigen und selten zu Besuch kommen. Der Pöbel aber, der nicht Bescheid weiß, wird meinen, wir dächten nur an uns.“ Oma Liu rief rasch den Namen Buddhas an und sagte dann: „Uns geht es so schlecht, daß wir uns nur schwer aufraffen können. Mit unserem Besuch können wir Euch nur blamieren, oder aber Eure Herren Verwalter nehmen uns nicht für voll.“ Lächelnd erwiderte Hsi-fëng: „Wie sollte man über solche Worte nicht böse sein! Wir leben ja auch nur vom leeren Ruhm unserer Vorfahren und sind eine arme Beamtenfamilie. Wer hat denn schon groß etwas? Das ist doch alles nur noch Fassade. Wie das Sprichwort sagt, hat selbst der Kaiserhof noch drei Zweige armer Verwandter, um wieviel mehr trifft das auf uns zu!“Dann wandte sie sich an Dschou Juees Frau mit der Frage: „Hast du der gnädigen Frau Bericht erstattet?“
Hsi-fëng. Aus: Gai Qi 1879. „Ich habe auf Eure Weisung gewartet“, war die Antwort. „Dann geh zu ihr!“ befahl Hsi-fëng. „Sieh nach, ob sie Besuch hat oder beschäftigt ist. Wenn ja, laß es gut sein. Wenn sie Zeit hat, gib ihr Bericht und paß auf, was sie sagt!“ Dschou Juees Frau versprach es und ging fort. Jetzt ließ Hsi-fëng etwas Obst für Ban-örl bringen und fragte eben nach ein paar Belanglosigkeiten, als eine ganze Gruppe von verantwortlichen Sklavenfrauen erschien, um ihr Bericht zu geben. Ping-örl kam es melden, und Hsi-fëng entschied: „Ich habe mich um den Besuch zu kümmern, sie sollen am Abend wiederkommen. Wenn aber eine von ihnen etwas Wichtiges hat, bring sie herein, und wir erledigen das!“ Ping-örl ging wieder hinaus, und als sie eine Weile später wiederkam, sagte sie: „Ich habe alle gefragt, aber es war nichts Wichtiges, da habe ich sie fortgeschickt.“ Hsi-fëng nickte nur, und da kam eben auch Dschou Juees Frau zurück und berichtete: „Die gnädige Frau läßt sagen, sie habe heute keine Zeit und es sei ebensogut, wenn Ihr dem Gast Gesellschaft leistet. Sie lasse vielmals dafür danken, daß Oma Liu an sie gedacht hat. Wenn sie einfach so zu Besuch gekommen sei, wäre schon alles in Ordnung, wenn sie ihr aber etwas sagen wolle, solle sie es nur der jungen gnädigen Frau sagen, das käme auf eins heraus.“ „Es war nichts weiter“, sagte Oma Liu, „ich wollte nur die gnädige Frau und die junge gnädige Frau einmal sehen, wie es unter Verwandten üblich ist.“ „Wenn nichts weiter war, ist es ja gut“, sagte Dschou Juees Frau, „aber wenn du etwas sagen wolltest, sag es nur der jungen gnädigen Frau! Das ist dasselbe, als wenn du es der gnädigen Frau sagen würdest.“ Und dabei zwinkerte sie Oma Liu zu. Oma Liu verstand, was sie meinte, und lief rot an, ehe sie auch nur den Mund aufgemacht hatte. Sie hätte jetzt am liebsten gar nicht davon angefangen, aber wozu war sie dann erst hergekommen? Also unterdrückte sie das Schamgefühl und sagte: „Eigentlich dürfte ich es nicht sagen, weil ich Euch heute zum erstenmal sehe, junge gnädige Frau. Aber nun habe ich einmal den weiten Weg gemacht, da muß es auch heraus...“ Weiter war sie noch nicht gekommen, als draußen die Sklavenjungen vom Innentor meldeten: „Der junge Herr aus dem Ostanwesen kommt!“ Hsi-fëng bedeutete Oma Liu rasch zu schweigen und fragte laut nach draußen: „Wo ist Euer Herr?“ Dann hörte man das stapfende Geräusch von Füßen in Stiefeln, und herein trat ein junger Herr von siebzehn, achtzehn Jahren mit hübschem Ge-
Djia Jung. Aus: Gai Qi 1879. sicht und von schöner Gestalt, der einen leichten Pelz und einen kostbaren Gürtel über seinem prächtigen Gewand trug. Auf dem Kopf hatte er eine elegante Mütze. Oma Liu wußte nicht, ob sie aufstehen oder sitzen bleiben sollte. Am liebsten hätte sie sich irgendwo versteckt. „Bleib nur sitzen!“ sagte Hsi-fëng lächelnd, „das ist mein Neffe.“ Also blieb Oma Liu schüchtern auf dem Rand des Ofenbetts sitzen. Lächelnd sagte jetzt Djia Jung: „Tante, mein Vater schickt mich, um den kleinen gläsernen Setzschirm von Euch auszuborgen, den die Großtante Euch letztens geschenkt hat. Für morgen hat er einen wichtigen Gast eingeladen, da möchte er den Setzschirm aufstellen, und dann bringen wir ihn wieder zurück.“ „Das sagst du mir einen Tag zu spät“, entgegnete Hsi-fëng mit lächelnder Miene, „ich habe ihn gestern schon jemand anders gegeben.“ Djia Jung lächelte breit, kniete auf dem Rand des Ofenbetts nieder und sagte: „Wenn Ihr ihn mir nicht gebt, heißt es wieder, ich könne nicht reden, und ich bekomme eine tüchtige Portion Schläge dafür. Habt doch Mitleid mit mir, Tante!“ Lächelnd sagte Hsi-fëng: „Ihr scheint zu glauben, nur die Wangs hätten schöne Sachen. Alles, was bei euch herumsteht, seht ihr gar nicht, nur was wir haben, taugt etwas, ja?“ „Wo hätten wir so etwas Schönes!“ widersprach Djia Jung lächelnd und bat: „Habt doch Erbarmen mit mir!“ „Aber nimm dein Fell in acht, wenn du den Setzschirm auch nur ein bißchen anstößt!“ warnte Hsi-fëng. Dann befahl sie Ping-örl, den Schlüssel für das Zimmer im Obergeschoß zu holen und ein paar geeignete Leute zu rufen, um den Setzschirm hinüberzutragen. Djia Jung strahlte über das ganze Gesicht und sagte: „Leute habe ich schon selbst mitgebracht, damit ja niemand so unvorsichtig ist, den Setzschirm irgendwo anzustoßen.“ Bei diesen Worten erhob er sich und ging hinaus. Hsi-fëng fiel plötzlich etwas ein, und sie rief durchs Fenster: „Komm noch einmal zurück!“ Draußen wurde ihr Ruf aufgenommen, und mehrere Stimmen wiederholten: „Ihr möchtet noch einmal zurückkommen, junger Herr!“ Djia Jung machte sofort wieder kehrt und kam zurück. Mit dienstfertig herabhängenden Armen wartete er auf Hsi-fëngs Instruktionen, Hsi-fëng aber trank ungezwungen ihren Tee und saß lange wie geistesabwesend da, ehe sie lächelnd sagte: „Schon gut! Geh wieder und komm nach dem Abendessen noch einmal her, dann sage ich es dir. Jetzt habe ich Besuch und bin auch nicht in der Stimmung.“ Djia Jung versprach es und ging langsam wieder hinaus. Inzwischen hatte Oma Liu sich ein Herz gefaßt und sagte nun: „Ich komme heute nur deshalb mit Eurem Neffen hierher, weil seine Eltern zu Hause sitzen und nichts zu beißen haben. Jetzt, da es kalt wird, wissen sie erst recht nicht, was sie machen sollen. So blieb uns nichts weiter, als mit Eurem Neffen zu Euch zu kommen.“ Dann stieß sie Ban-örl an und sagte zu ihm: „Was hat dein Vater zu Hause gesagt, was du machen sollst? Wozu hat er uns hergeschickt? Du kannst nur dasitzen und Obst essen!“ Hsi-fëng hatte längst begriffen, worum es ging, und weil sie merkte, daß die Alte sich nicht auszudrücken verstand, unterbrach sie sie lächelnd mit den Worten: „Du brauchst nichts weiter zu sagen, ich weiß schon Bescheid.“ Dann fragte sie Dschou Juees Frau: „Hat denn die Oma gefrühstückt?“ „Wir sind seit dem frühen Morgen unterwegs gewesen“, fiel Oma Liu ein, „wann hätten wir da essen sollen!“ Als Hsi-fëng das hörte, befahl sie sofort, schnell etwas zu essen zu bringen. Ein Weilchen später brachte Dschou Juees Frau ein Gästegedeck und richtete es im Ostzimmer her. Dann kam sie herüber, um Oma Liu und Ban-örl zu holen.
Laß sie tüchtig zugreifen, Schwester Dschou! Ich kann ihnen nicht Gesellschaft leisten“, sagte Hsi-fëng. Als Dschou Juees Frau die beiden ins Ostzimmer geführt hatte, rief Hsi-fëng sie wieder zu sich und fragte, was die gnädige Frau gesagt habe. Darauf berichtete Dschou Juees Frau: „Die gnädige Frau hat gesagt, diese Familie gehöre nicht zu unserer Sippe, sie trage nur denselben Familiennamen, und einer von ihnen habe am selben Ort als Beamter gedient wie der verstorbene gnädige Herr, da habe er sich mehr oder weniger zufällig unserer Sippe angeschlossen. In den letzten Jahren habe es kaum Kontakt zu ihnen gegeben, aber wenn sie seinerzeit einmal hier gewesen wären, hätten wir sie auch nie enttäuscht. Wenn sie heute zu Besuch gekommen seien, zeige das ihre gute Absicht, und man dürfe nicht unhöflich zu ihnen sein. Wenn sie etwas auf dem Herzen hätten, solle die junge gnädige Frau nur getrost darüber entscheiden.“ „Das habe ich ja gleich gewußt“, sagte Hsi-fëng. „Würden sie wirklich zur Familie gehören, könnte es doch nicht sein, daß ich nicht die geringste Ahnung von ihnen habe.“ Gerade als sie das sagte, kam Oma Liu, die inzwischen aufgegessen hatte, mit Ban-örl an der Hand wieder herein und bedankte sich, wobei sie sich die Lippen leckte und mit der Zunge schnalzte. „Setz dich bitte und hör mir zu!“ forderte Hsi-fëng sie auf, „ich weiß, was du mir eben sagen wolltest. Und als Verwandte hätten wir uns eigentlich um Euch kümmern müssen, auch ohne daß Ihr herkommt. Aber es ist jetzt so viel zu tun hier, und die gnädige Frau kommt langsam in die Jahre, da kann es schon einmal vorkommen, daß sie etwas vergißt. Ich habe ihr zwar in der letzten Zeit einiges abgenommen, aber ich kenne die Verwandtschaft zu wenig. Außerdem sieht es bei uns zwar nach außen hin prächtig aus, in Wirklichkeit aber haben die Großen auch große Sorgen. Es würde einem kaum jemand glauben, wenn man es erzählen wollte. Da du heute von so weit her zu uns gekommen bist und zum ersten Mal mit mir zu tun hast, kann ich dich schlecht mit leeren Händen wegschicken. Zufällig hat mir die gnädige Frau gestern zwanzig Liang Silber gegeben, um für meine Mägde hier Kleider nähen zu lassen, und ich habe es noch nicht angerührt. Wenn dir das nicht zu wenig erscheint, nimm es einstweilen!“ Als Oma Liu hörte, wie Hsi-fëng über große Sorgen klagte, dachte sie schon, sie bekäme nichts, und das Herz begann ihr zu klopfen. Als sie dann hörte, sie solle zwanzig Liang Silber bekommen, juckte es ihr vor Freude am ganzen Körper, und sie sagte: „Ach ja, ich weiß schon, was Sorgen sind! Aber wie das Sprichwort sagt, ist ein dürres totes Kamel immer noch größer als ein Pferd. Und wie dem auch sei, ein Härchen, das Ihr Euch ausreißt, ist stärker als unsere Taille.“ Als Dschou Juees Frau derart plump reden hörte, machte sie Oma Liu in einem fort Zeichen, den Mund zu halten. Hsi-fëng bemerkte es und lächelte, ohne darauf einzugehen. Sie befahl nur Ping-örl, das gestrige Päckchen Silber zu holen und noch eine Schnur Münzen dazu, und als Ping-örl alles vor Oma Liu hingelegt hatte, sagte Hsi-fëng: „Hier sind zwanzig Liang Silber, davon könnt ihr dem Kind erst einmal Wintersachen nähen lassen. Wenn du es nicht nimmst, muß ich annehmen, daß du mir böse bist. Für die Münzen kannst du dir einen Wagen mieten, um nach Hause zu fahren. Wenn du ein andermal nichts zu tun hast, komm uns nur besuchen, wie es sich unter Verwandten gehört. Jetzt ist es spät, und ich will euch nicht unnötig aufhalten. Grüß zu Hause alle, denen ein Gruß zukommt!“ Damit erhob sie sich. Oma Liu nahm mit endlosen Dankesworten das Silber und die Münzen an sich und ging mit Dschou Juees Frau hinaus. Als sie draußen waren, sagte Dschou Juees Frau: „Meine Güte! Dir hatte es wohl die Sprache verschlagen, als du bei ihr warst? Und als du endlich den Mund aufmachst, fängst du mit ‚Euer Neffe‘ an. Das will ich dir sagen, auch wenn du mir deswegen böse bist, selbst wenn es ihr leiblicher Neffe wäre, mußt du doch höflicher zu ihr sein. Herr Djia Jung ist ihr Neffe, du hast ihr da einen feinen Neffen angeschleppt.“ Lächelnd erwiderte Oma Liu: „Ach, Schwägerin! Als ich sie sah, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie sollte es mir da nicht die Sprache verschlagen!“ Während sie sich so unterhielten, gingen sie noch einmal in Dschou Juees Wohnung und setzten sich dort ein Weilchen. Oma Liu wollte Dschou Juees Frau ein Stück von dem Silber abgeben, damit sie ihren Kindern Obst davon kaufte. Aber was bedeutete für Dschou Juees Frau schon ein Stückchen Silber! Darum beharrte sie auf ihrer Ablehnung. Oma Liu konnte ihr gar nicht genug danken und ging schließlich durch das hintere Tor wieder davon. Wahrlich: Wenn ein Wunsch so reich sich erfüllt, ist das wahre Hilfe;
wer einem so große Güte erweist, ist besser als alle Verwandten.