Hongloumeng/de/Chapter 32

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Kapitel 32

诉肺腑心迷活宝玉

含耻辱情烈死金钏

Als Bau-yü also sein Einhorn erblickte, war er sehr froh. Lächelnd streckte er die Hand danach aus und sagte: „Ein Glück, daß du es gefunden hast! Wo lag es denn?“ „Ein Glück, daß es so eine Kleinigkeit war“, entgegnete Hsiang-yün. „Willst du es etwa auch so leicht nehmen, wenn du in Zukunft einmal dein Amtssiegel verlierst?“ „Ein Amtssiegel zu verlieren ist nicht so schlimm“, antwortete Bau-yü. „Aber wenn ich das hier verloren hätte, wäre es mein Tod gewesen!“ Inzwischen hatte Hsi-jën den Tee gebracht und trank jetzt zusammen mit Hsiang-yün. „Ihr werdet also heiraten, Fräulein, habe ich neulich gehört“, sagte sie dabei lächelnd. Hsiang-yün wurde rot und trank nur stumm ihren Tee. „So schüchtern seid Ihr auf einmal?“ fragte Hsi-jën. „Erinnert Ihr Euch noch, worüber wir an den Abenden sprachen, als wir vor zehn Jahren drüben im Westgehöft auf dem abgeteilten Ofenbett schliefen? Damals wart Ihr nicht so schüchtern, warum seid Ihr es jetzt?“ „Kommst du mir so?“ erwiderte Hsiang-yün. „Wie gut haben wir uns damals verstanden! Aber dann ist bei uns die gnädige Frau gestorben, und ich mußte eine Zeitlang zu Hause bleiben. Inzwischen hat man dich hier zu meinem Vetter gegeben, und seit ich wieder herkomme, bist du zu mir nicht mehr so wie früher.“ Lächelnd gab Hsi-jën zurück: „Kommt Ihr mir so? Früher hieß es Schwester hinten, Schwester vorn, und Ihr habt mir zugesetzt, damit ich Euch kämme und wasche und dies und auch das für Euch tue und mache, und jetzt, nachdem Ihr groß seid, kehrt Ihr das gnädige Fräulein heraus. Wie könnte ich es da wagen, vertraulich gegen Euch zu sein?“ „Buddha Amitabha, mir geschieht Unrecht!“ rief Hsiang-yün aus, „auf der Stelle will ich sterben, wenn ich das tue. Sieh doch selbst! An so einem heißen Tag bin ich gekommen, und mein erster Weg führt zu dir. Wenn du es nicht glaubst, kannst du Tsuee-lü fragen. Auch zu Hause erwähne ich stets und ständig immer wieder deinen Namen.“ Kaum hatte sie das gesagt, redeten ihr Hsi-jën und Bau-yü rasch zu: „Es war doch nur Spaß! Wie kann man das ernst nehmen? Immer noch derselbe Hitzkopf!“ „Anstatt mich einen Hitzkopf zu nennen, solltest du lieber sagen, daß man an deinen Worten ersticken kann!“ beschwerte sich Hsiang-yün. Damit knotete sie das Taschentuch auf und gab Hsi-jën einen von den Ringen. Hsi-jëns Dank fand kein Ende, und lächelnd sagte sie: „Ich habe schon einen der Ringe bekommen, die Ihr Euren Kusinen schicktet, aber heute bringt Ihr mir selber einen. Daran sieht man, daß Ihr mich nicht vergessen habt. Dieser Ring beweist es, denn wenn er auch nicht viel wert ist, zeigt er doch, daß es Euch ernst ist.“ „Wer hat dir denn den Ring gegeben?“ wollte Hsiang-yün wissen. „Fräulein Bau-tschai“, gab Hsi-jën Auskunft. „Ich dachte, Kusine Dai-yü sei es gewesen, dabei war es Kusine Bau-tschai“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Tag für Tag denke ich zu Hause daran, daß es unter den Kusinen keine bessere gibt als Bau-tschai. Schade, daß wir nicht Kinder einer Mutter sind! Ich wollte, ich hätte eine leibliche ältere Schwester wie sie, dann würde es mir nichts ausmachen, daß meine Eltern tot sind!“ Während sie das sagte, hatten sich ihre Augenränder gerötet. „Schluß! Schluß! Hör auf damit!“ mischte Bau-yü sich ein. „Wieso denn?“ fragte Hsiang-yün. „Aber ich weiß schon, was dich quält. Du hast Angst, daß dein Kusinchen Dai-yü es hören könnte und böse wird, weil ich Kusine Bau-tschai gelobt habe. Stimmt‘s?“ Hsi-jën lachte hell auf und sagte: „Ihr redet ja noch unverblümter als früher, Fräulein, seitdem Ihr erwachsen seid!“ „Und ich hatte wirklich recht, als ich sagte, mit Euch könne man nicht reden“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Und mir wird schlecht, wenn ich das höre, lieber Vetter“, hielt ihm Hsiang-yün vor. „Gerade mit uns kannst du reden, aber wenn du mit Kusine Dai-yü zusammenkommst, passiert wer weiß was!“ „Genug jetzt!“ bat Hsi-jën. „Ich habe ein Anliegen an Euch.“ „Worum geht es?“ erkundigte sich Hsiang-yün. „Ich habe ein Paar Schuhe angefangen“, sagte Hsi-jën. „Die Oberteile sind schon durchbrochen und abgefüttert. Aber jetzt fühle ich mich seit ein paar Tagen nicht wohl und konnte nicht daran weiterarbeiten. Habt Ihr Zeit, mir das abzunehmen?“ „Merkwürdig!“ wunderte sich Hsiang-yün mit lächelnder Miene, „ganz abgesehen von all den geschickten Mädchen, habt ihr doch auch Näherinnen und Schneider im Haus. Warum also willst du, daß ich es mache? Wer würde sich nicht genieren, dir das abzuschlagen, wenn du ihn bittest, daran weiterzuarbeiten?“ „Ihr seid wieder einmal schwer von Begriff“, warf Hsi-jën ihr lächelnd vor. „Wißt Ihr denn nicht, daß die Nadelarbeiten für uns hier nicht von Näherinnen gemacht werden?“ Nun wußte Hsiang-yün, daß die Schuhe für Bau-yü bestimmt waren, und so sagte sie lächelnd: „Wenn das so ist, nehme ich dir die Arbeit ab. Aber nur unter einer Bedingung. Ich nähe die Schuhe nur, wenn sie für dich sind. Für jemand anders kann ich es nicht tun.“ „Wie denn das?“ fragte Hsi-jën. „Wer bin ich denn, daß ich Euch zumuten sollte, für mich Schuhe zu nähen? Ich will ehrlich sein und Euch sagen, daß sie nicht für mich sind. Aber egal, für wen sie sind, ich werde Euch ja dafür danken, und das muß genug sein.“ „Wenn es danach geht, habe ich auch für dich schon genug angefertigt“, erwiderte Hsiang-yün. „Sicher weißt du den Grund, warum ich jetzt diese Schuhe nicht nähe.“ „Aber nein!“ beteuerte Hsi-jën. „Neulich hörte ich, die Fächerhülle, die ich gearbeitet hatte, sei mit der von jemand anders verglichen und dann vor Wut zerschnitten worden“, sagte Hsiang-yün mit verächtlichem Lächeln. „Ich weiß es längst, und doch versuchst du, mich hinters Licht zu führen. Wenn ich jetzt in deinem Auftrag die Schuhe nähe, komme ich mir ja wie eure Sklavin vor!“ „Ich wußte gar nicht, daß diese Fächerhülle von dir war“, schaltete sich Bau-yü rasch mit einem Lächeln ein. Und Hsi-jën bestätigte lächelnd: „Er wußte nicht, daß Ihr sie angefertigt habt. Ich hatte ihm eingeredet, draußen sei in jüngster Zeit ein geschicktes Mädchen aufgetaucht, von dem es heiße, sie könne wunderschöne Muster sticken, und ich hätte ihr befohlen, zur Probe eine Fächerhülle zu bringen, um zu sehen, was sie kann. Er hat das geglaubt und die Fächerhülle überall herumgezeigt. Aus irgendeinem Grund geriet Fräulein Lin dann in Wut und hat sie mit der Schere mittendurch geschnitten. Als er nach Hause kam, hat er mir noch aufgetragen, rasch eine neue machen zu lassen, und da erst habe ich ihm gesagt, daß sie von Euch war. Da hat er es wer weiß wie bedauert!“ „Das wird ja immer merkwürdiger!“ sagte Hsiang-yün. „Warum mußte denn Fräulein Lin sich aufregen? Und wenn sie so schnell mit der Schere zur Hand ist, kannst du ihr doch sagen, sie soll die Schuhe nähen!“ „Sie macht es nicht!“ erwiderte Hsi-jën. „Schon jetzt hat die alte gnädige Frau Angst, sie könnte sich überanstrengen. Und auch der Arzt sagt, sie müsse sich schön pflegen. Wer wollte ihr da zumuten, etwas zu nähen! Letztens hat sie in einem ganzen Jahr ein einziges Riechbeutelchen fertigbekommen, und jetzt hat sie das halbe Jahr lang noch nicht Nadel und Faden in der Hand gehabt.“ Bei diesen Worten kam jemand mit der Meldung: „Der Herr aus der Hsing-lung-Straße ist gekommen, und der gnädige Herr läßt den jungen Herrn rufen, um ihn zu empfangen.“ Bau-yü, der verstand, daß Djia Yü-tsun der Besucher war, ärgerte sich nicht schlecht, Hsi-jën aber ging sofort nach seinen Kleidern. Während Bau-yü dann in die Stiefel stieg, grollte er: „Es reicht doch, wenn der gnädige Herr ihm Gesellschaft leistet! Wozu muß er jedesmal mich sehen wollen?“ Lächelnd schwenkte Hsiang-yün ihren Fächer und sagte: „Natürlich weil du dich gut darauf verstehst, Besucher zu empfangen. Nur deshalb läßt der gnädige Herr dich rufen.“ „Ach wo, nicht der gnädige Herr, er selbst besteht immer darauf, daß ich geholt werde, wenn er da ist“, erwiderte Bau-yü. „Ein edler Wirt wird von Gästen bemüht“, sagte Hsiang-yün betont vornehm. „Du hast natürlich einige Vorzüge an dir, die ihn aufmerken lassen, und nur darum verlangt er, mit dir zusammenzutreffen.“ „Schluß! Hör auf!“ forderte Bau-yü. „Ich wage nicht, mich edel zu nennen. Ich bin der Gemeinste der Gemeinen und wünsche durchaus keinen Umgang mit diesen Leuten.“ Lächelnd sagte Hsiang-yün: „Hast du dich immer noch nicht geändert? Du bist schon groß, und selbst wenn du nicht die Schriften studieren und die Prüfungen für den Djü-jën- und den Djin-schï-Grad ablegen willst, mußt du dich doch häufig mit Beamten und Staatsdienern treffen und dich mit ihnen über Fragen der Laufbahn und der Verwaltung unterhalten, damit du dich später einmal in den Dingen dieser Welt auskennst und ein paar Freunde hast. Du kannst dich doch nicht immer nur mit unsereins abgeben!“ „Das Fräulein sollte besser zu den Kusinen gehen!“ sagte Bau-yü. „Jemand, der sich in Dingen der Staatsverwaltung auskennt, wird sich bei mir nur beschmutzen!“ „Hört bloß rasch auf damit, Fräulein!“ bat auch Hsi-jën. „Letztens hat auch Fräulein Bau-tschai damit angefangen, und ohne sich darum zu kümmern, ob er sie dadurch kränkt oder nicht, hat er sich nur geräuspert und ist Hals über Kopf weggelaufen. Dabei hatte Fräulein Bau-tschai nicht einmal zu Ende gesprochen. Als sie sah, daß er weglief, ist sie ganz rot geworden vor Scham, aber einfach aufhören konnte sie nicht und einfach weiterreden auch nicht. Ein Glück nur, daß es Fräulein Bau-tschai gewesen ist. Wenn das dem Fräulein Lin passiert wäre, hätte sie wer weiß wie getobt und geweint. Das muß man sagen, Fräulein Bau-tschai nötigt einem Achtung ab! Sie war für einen Moment gekränkt und ist dann fortgegangen. Ich konnte nicht darüber hinwegkommen und dachte, sie werde nun böse sein. In Wirklichkeit aber war sie anschließend wieder ganz wie sonst auch. Sie ist wahrlich nachsichtig und großzügig. Er aber hat sie wie eine Fremde deswegen behandelt. – Was meinst du, wie oft du hättest um Verzeihung bitten müssen, wenn du Fräulein Lin so gekränkt und so über sie hinweggesehen hättest?“ wandte sie sich zum Schluß an Bau-yü. „Fräulein Lin hat nie von solchem Unfug geredet, sonst würde ich sie schon längst nicht mehr kennen!“ gab Bau-yü zurück. „So“, sagten Hsi-jën und Hsiang-yün und nickten lächelnd. „Unfug ist das also?“ Dai-yü wußte, daß Hsiang-yün hier war, und auch, daß Bau-yü rasch wieder herübergekommen war. Bestimmt, um ihr zu erzählen, was es mit dem Einhorn auf sich hatte! Und sie überlegte: In den inoffiziellen Lebensbeschreibungen, die sich Bau-yü in der letzten Zeit verschafft hatte, fanden die begabten Jünglinge und die schönen Mädchen meist über irgendwelche niedlichen Gegenstände zueinander, entweder durch ein gesticktes Mandarinenten- oder Phönixpärchen, einen jadenen Ring oder einen goldenen Anhänger, ein Tuch aus Wassermannseide oder einen verzierten Gürtel. Immer begann es mit so einer Kleinigkeit und endete mit einer Entscheidung fürs ganze Leben. Da Bau-yü jetzt plötzlich ebenfalls ein Einhorn besaß, fürchtete Dai-yü, dies könnte zum Anlaß einer Liebesbeziehung zwischen ihm und Hsiang-yün werden. Darum kam sie heimlich herüber, um von vornherein herauszufin­den, wie es um die beiden bestellt war. Kaum angekommen, hörte sie, wie Hsiang-yün über die Dinge der Staatsverwaltung sprach und Bau-yü erwiderte: „Fräulein Lin hat nie von solchem Unfug geredet, sonst würde ich sie schon längst nicht mehr kennen!“ Über diese Worte war Dai-yü unwillkürlich erfreut und erschrocken, betrübt und bekümmert zur gleichen Zeit. Erfreut, weil sie sich nicht geirrt hatte, als sie annahm, daß Bau-yü sie wirklich verstand. Erschrocken, weil er sie in seinem Eigensinn vor anderen rühmte, anstatt ihre Zuneigung und Vertrautheit vor Verdächtigungen zu schützen. Bekümmert, weil sie, wenn er ihr verständnisvoller Freund war, natürlich auch ihm eine verständnisvolle Freundin hätte sein können, wenn es nicht diese Sache mit dem Gold und dem Jade gegeben hätte, es sei denn, sie selbst würde das goldene Amulett besitzen, und nicht Bau-tschai. Betrübt, weil ihre Eltern früh gestorben waren und sich so niemand des festen Vorsatzes annehmen konnte, den sie im Herzen trug, aber auch weil sie in letzter Zeit immer wieder verwirrt wahrgenommen hatte, daß ihr Leiden zur Krankheit geworden war, hatte doch der Arzt sogar gesagt: „Die Lebenskraft ist geschwächt und das Blut geschädigt, was möglicherweise zu Auszehrung führen kann“, weshalb sie fürchtete, daß sie, auch wenn Bau-yü und sie sich bestens verstünden, nicht mehr lange zu leben hatte, und was bedeutete es schon, einen verständnisvollen Freund zu haben, wenn sie jung sterben mußte! Als sie das zu Ende gedacht hatte, begannen ihr unwillkürlich die Tränen zu fließen, und sie hatte keine Lust mehr, ins Haus zu treten. Deshalb wischte sie sich die Tränen weg, machte kehrt und ging fort. Bau-yü aber, der sich rasch umgezogen hatte und jetzt hinaustrat, erblickte vor sich auf einmal Dai-yü, die langsam dahinschritt und sich Tränen abzuwischen schien. Darum ging er schneller, bis er sie eingeholt hatte, und fragte dann lächelnd: „Wohin gehst du, Kusinchen? Und warum weinst du schon wieder? Wer hat dich diesmal gekränkt?“ Als Dai-yü den Kopf wandte und sah, daß es Bau-yü war, zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Was denn? Ich weine ja gar nicht.“ „Deine Augen sind noch naß von Tränen, und doch lügst du mich an“, erwiderte Bau-yü. Und er konnte nicht anders, er mußte die Hand heben und ihr die Tränen abwischen. Sofort wich Dai-yü ein paar Schritte zurück und fragte: „Bist du lebensmüde? Was fällt dir ein, mir gegenüber handgreiflich zu werden?“ „Über meinen Worten habe ich mich vergessen, und da hat sich meine Hand wie von selbst gerührt, ohne daß ich an Leben und Sterben gedacht hätte“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Was macht es schon, wenn du stirbst“, sagte Dai-yü. „Nur, was wird dann aus dem ‚Gold‘ und dem Einhorn, das du zurücklassen mußt?“ Diese Worte versetzten Bau-yü in Aufregung. Er trat auf Dai-yü zu und fragte: „Fängst du wieder damit an? Willst du mich verwünschen, oder bist du mir böse?“ Erst als er diese Frage stellte, fiel Dai-yü das Gespräch von neulich wieder ein, und sie bereute, etwas Unüberlegtes gesagt zu haben. Rasch lächelte sie wieder und sagte: „Reg dich nicht auf! Ich habe etwas Falsches gesagt, aber ist das ein Grund, daß dir die Schläfenadern schwellen und dein Kopf vor Aufregung ganz verschwitzt ist?“ Während sie das sagte, trat sie unwillkürlich näher und streckte die Hand aus, um ihm den Schweiß vom Gesicht zu wischen. Bau-yü starrte sie lange an, ehe er endlich die beiden Worte hervorbrachte: „Sei unbesorgt!“ Als Dai-yü das hörte, war sie einige Zeit perplex, dann sagte sie: „Worüber sollte ich besorgt sein? Ich verstehe nicht, was du meinst. Das mußt du mir erklären, weswegen ich da besorgt oder unbesorgt sein sollte!“ Seufzend fragte Bau-yü: „Verstehst du das wirklich nicht? Waren etwa all meine Gedanken, die ich immer für dich gehabt habe, umsonst? Wenn du sagen willst, du verstehst sie nicht einmal, dann ist es kein Wunder, daß du dich jeden Tag über mich ärgerst.“ „Ich verstehe wirklich nicht, was du von besorgt oder unbesorgt gesagt hast“, beharrte Dai-yü. Bau-yü nickte und bat seufzend: „Führ mich nicht an, liebstes Kusinchen! Wenn du das wirklich nicht verstehst, waren nicht nur alle meine Gedanken umsonst, dann waren auch deine Gedanken verschwendet, die du stets für mich hattest. Du bist nur deshalb so krank geworden, weil du immer in Sorge bist, und wenn du nur ein bißchen weniger besorgt sein könntest, würde deine Krankheit nicht von Tag zu Tag schlimmer werden.“ Als Dai-yü diese Worte hörte, war sie wie vom Blitz getroffen, wie vom Donner gerührt. Sie überdachte sie sorgsam und fand, daß sie es nicht treffender hätte sagen können, wenn sie ihr Herz und ihre Lungen ausgeschüttet hätte. Jetzt drängte es sie, tausend und zehntausend Worte zu sagen, aber sie bekam keine halbe Silbe hervor und sah Bau-yü nur stumm an. Auch Bau-yü hatte tausenderlei auf dem Herzen, was er gern sagen wollte, aber er wußte nicht, womit er anfangen sollte, und so schaute er seinerseits Dai-yü nur stumm an. So standen sie sich lange Zeit entgeistert gegenüber, dann seufzte Dai-yü: „Ach!“ Und ohne daß sie es wollte, liefen ihr Tränen aus den Augen. Sie drehte sich um und wollte fortgehen, aber Bau-yü trat rasch näher und sagte: „Bleib einen Moment stehen, liebste Kusine, und laß mich einen einzigen Satz sagen, ehe du gehst!“ Dai-yü wischte sich die Tränen ab, schob Bau-yüs Hand weg und sagte: „Was kannst du mir schon sagen! Was du mir sagen willst, weiß ich schon lange!“ Während sie das sagte, hatte sie nicht einmal den Kopf nach ihm umgewandt, und nun ging sie wirklich fort. Bau-yü aber stand da wie dumm. Als Bau-yü eben aus seinen Räumen fortgegangen war, hatte er in der Eile seinen Fächer nicht mitgenommen, und Hsi-jën, die befürchtete, ihm könnte heiß werden, trug ihm den Fächer schnell hinterher. Da sah sie, als sie aufblickte, Bau-yü mit Dai-yü zusammenstehen, dann ging Dai-yü fort, Bau-yü aber verharrte unbeweglich. Also trat Hsi-jën rasch zu ihm heran und sagte: „Du bist ohne Fächer losgegangen. Ein Glück, daß ich es bemerkt habe und ihn dir noch schnell bringen konnte!“ Bau-yü war so geistesabwesend, daß er gar nicht wahrnahm, wer ihn angesprochen hatte. Er griff nach ihren Händen und sagte: „Liebstes Kusinchen, ich habe mich nie getraut, auszusprechen, was ich auf dem Herzen habe, aber heute will ich so mutig sein und es tun. Und wenn ich dafür sterben muß, bin ich gerne dazu bereit. Auch ich bin deinetwegen ganz krank, wage es aber niemand zu sagen und muß es vor allen verborgen halten. Erst wenn deine Krankheit geheilt wird, werde auch ich gesund. Selbst im Schlaf und im Traum kann ich dich nicht vergessen.“ Als Hsi-jën das hörte, geriet sie vor Schreck ganz außer sich und schrie auf: „Himmlischer Bodhisattwa! Es bringt mich um!“ Dann stieß sie Bau-yü an und sagte: „Was redest du da? Du mußt wohl besessen sin! Willst du nicht endlich gehen?“ Jetzt erst kam Bau-yü zu sich und erkannte, daß es Hsi-jën war, die ihm seinen Fächer hinterhergebracht hatte. Vor Scham lief er blaurot an, riß den Fächer an sich und stürzte davon. Als Hsi-jën ihn fortlaufen sah, sagte sie sich, seine Worte müßten für Dai-yü bestimmt gewesen sein. Wie es aussah, waren also für die Zukunft Unannehmlichkeiten kaum zu vermeiden, und das konnte einen erschrecken und ängstigen. Ganz benommen von diesem Gedanken, flossen Hsi-jën unwillkürlich die Tränen. Und insgeheim begann sie darüber nachzudenken, was sie tun könnte, um das Unglück zu verhindern. Während Hsi-jën noch unschlüssig überlegte, kam plötzlich Bau-tschai des Weges und fragte lächelnd: „Warum stehst du hier so gedankenverloren in der sengenden Sonne?“ Als Hsi-jën die Frage hörte, erwiderte sie rasch mit einem Lächeln: „Da drüben zanken sich zwei Spatzen, und das war so spannend, daß ich mich von dem Anblick nicht losreißen konnte.“ „Wohin wollte mein Vetter Bau-yü eben so rasch und in vollem Staat?“ erkundigte sich Bau-tschai. „Ich habe gesehen, wie er vorbeikam, und wollte ihn anrufen, aber seine Reden sind neuerdings noch unsinniger geworden, darum habe ich ihn gehen lassen, ohne ihn zu rufen.“ „Der alte Herr hat ihn hinüberbefohlen“, gab Hsi-jën Auskunft. „O weh!“ sagte Bau-tschai sofort. „Warum läßt er ihn an so einem heißen Tag rufen? Es wird ihm doch nicht etwas eingefallen sein, worüber er böse geworden ist, so daß er Bau-yü jetzt holen läßt, um ihm eine Belehrung zu erteilen!“ „Nicht doch!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Es ist wohl ein Gast da, den er empfangen soll.“ „Dieser Gast hat offenbar keinen Verstand“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Was muß er in dieser Hochsommerhitze herumlaufen, anstatt zu Hause Kühlung zu suchen!“ „Ihr sagt es!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Was macht denn Fräulein Hsiang-yün bei euch?“ wollte Bau-tschai nun wissen. „Wir haben nur ein Weilchen geplaudert“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte sie nämlich bitten, in der nächsten Zeit das Paar Schuhe fertigzumachen, das ich neulich geklebt habe.“ Bau-tschai blickte sich nach allen Seiten um, und als sie sah, daß niemand kam, sagte sie lächelnd: „Wie kann sich nur so ein verständiger Mensch, wie du es bist, plötzlich nicht mehr in jemandes Lage hineinversetzen! Ich habe in der letzten Zeit die Miene und die Stimmung von Fräulein Hsiang-yün beobachtet und habe auch einiges gehört, was einem der Wind so zuträgt. Fräulein Hsiang-yün ist zu Hause in keiner Hinsicht ihr eigener Herr. Weil ihnen dort die Kosten für Näherinnen und Schneider zu hoch sind, machen sie, soweit es angeht, größtenteils alles selbst. Warum hätte sie sonst bei ihren letzten Besuchen, als wir uns unterhielten und sie sah, daß wir allein waren, zu mir gesagt, sie müsse sich zu Hause immer so anstrengen? Und als ich sie dann ein wenig nach ihrem häuslichen Alltag fragte, bekam sie rote Augenränder und hat irgend etwas gestammelt. Wenn man ihre Lage bedenkt, muß sie natürlich von klein auf darunter gelitten haben, daß sie Vater und Mutter verloren hat. Wenn ich sie ansehe, wird mir unwillkürlich schwer ums Herz.“ Nach diesen Worten schlug Hsi-jën die Hände zusammen und sagte: „Richtig, richtig! Da ist es auch kein Wunder, daß sie im vorigen Monat so lange gebraucht hat, die zehn Schmetterlingszierknoten zu knüpfen, um die ich sie gebeten hatte. Als sie dann jemand damit hergeschickt hat, ließ sie mir noch bestellen: ‚Die Knoten sind grob geworden, es wäre besser gewesen, sie bei jemand anders in Auftrag zu geben, der sich besser darauf versteht. Wenn es saubere Knoten werden sollen, müßt ihr warten, bis ich das nächste Mal zu Besuch bei Euch wohne, dann knüpfe ich sie ordentlich!‘ Nach dem, was Ihr mir eben erzählt habt, kann ich mir denken, daß es ihr peinlich ist, solche Bitten von uns abzuschlagen, und dann sitzt sie wahrscheinlich zu Hause bis spät in die Nacht daran. Ich bin aber auch zu dumm! Hätte ich nur eher gewußt, wie es mit ihr steht, dann hätte ich sie nicht darum gebeten!“ „Voriges Mal hat sie mir erzählt, daß sie zu Hause immer bis tief in die Nacht beschäftigt ist“, ergänzte Bau-tschai. „Und sobald sie einmal eine Kleinigkeit für jemand anders macht, sind die jüngeren und älteren gnädigen Frauen dort unzufrieden.“ „Unser eigensinniger junger Herr will aber wie zum Trotz alle großen und kleinen Handarbeiten nicht von unseren Näherinnen gemacht haben, ich jedoch schaffe das nicht“, klagte Hsi-jën. „Kümmer dich nicht darum!“ riet ihr Bau-tschai lächelnd.ers in Auftrag zu geben, der sich besser darauf versteht. Wenn es saubere Knoten werden sollen, müßt ihr warten, bis ich das nächste Mal zu Besuch bei Euch wohne, dann knüpfe ich sie ordentlich!‘ Nach dem, was Ihr mir eben erzählt habt, kann ich mir denken, daß es ihr peinlich ist, solche Bitten von uns abzuschlagen, und dann sitzt sie wahrscheinlich zu Hause bis spät in die Nacht daran. Ich bin aber auch zu dumm! Hätte ich nur eher gewußt, wie es mit ihr steht, dann hätte ich sie nicht darum gebeten!“ „Voriges Mal hat sie mir erzählt, daß sie zu Hause immer bis tief in die Nacht beschäftigt ist“, ergänzte Bau-tschai. „Und sobald sie einmal eine Kleinigkeit für jemand anders macht, sind die jüngeren und älteren gnädigen Frauen dort unzufrieden.“ „Unser eigensinniger junger Herr will aber wie zum Trotz alle großen und kleinen Handarbeiten nicht von unseren Näherinnen gemacht haben, ich jedoch schaffe das nicht“, klagte Hsi-jën. „Kümmer dich nicht darum!“ riet ihr Bau-tschai lächelnd. „Gib nur die Sachen in Arbeit und sag ihm, du hättest sie gemacht, dann ist alles in Ordnung!“ „So kann ich ihn nicht hinters Licht führen“, erwiderte Hsi-jën, „gerade er hat einen Blick dafür. Es bleibt mir wohl kein anderer Ausweg, als mich damit abzuplagen, so langsam oder so schnell, wie es eben geht.“ „Nicht so hastig!“ sagte Bau-tschai lächelnd. „Wie wäre es, wenn ich dir einiges davon abnähme?“ „Ist das Euer Ernst?“ fragte Hsi-jën und lächelte ebenfalls. „Das ist wirklich ein Glück für mich! Heute abend will ich die Sachen selbst zu Euch hinübertragen!“ Sie hatte den Satz kaum beendet, als plötzlich eine alte Sklavenfrau zu ihnen trat und sagte: „Was sagt Ihr dazu? Das Mädchen Djin-tschuan hat sich mir nichts, dir nichts im Brunnen ertränkt!“ Entsetzt fuhr Hsi-jën zurück. „Welche Djin-tschuan?“ fragte sie hastig. „Haben wir vielleicht zwei Din-tschuans im Hause?“ fragte die Alte zurück. „Die aus den Räumen der gnädigen Frau natürlich! Vorgestern ist sie, ich weiß nicht warum, hinausgeworfen worden und hat zu Hause nur geweint und geweint, aber es hat sich keiner um sie gekümmert. Dann war sie auf einmal verschwunden. Und eben haben nun die Wasserträger, als sie aus dem Brunnen in der Südostecke Wasser schöpfen wollten, eine Leiche darin entdeckt. Sie holten sofort Hilfe, und als sie sie herauszogen, hat man sie erkannt. Zu Hause haben sie noch versucht, sie zu retten, aber es half nichts mehr.“ „Das ist seltsam!“ sagte Bau-tschai. Hsi-jën nickte dazu und pries die Tote klagend. Sie dachte an ihre herzliche Freundschaft mit ihr, und unwillkürlich begann sie zu weinen. Nachdem sie sich den Bericht der alten Sklavin angehört hatte, begab sich Bau-tschai eilig zu Dame Wang, um sie zu trösten. Hsi-jën aber ging wieder zurück, und es soll jetzt nicht weiter von ihr die Rede sein. Als Bau-tschai bei Dame Wang eintrat, war es dort totenstill. Dame Wang saß allein im inneren Zimmer und weinte. Darum wollte Bau-tschai nicht gern über den Vorfall sprechen und setzte sich einfach zu ihr. „Woher kommst du?“ erkundigte sich Dame Wang. „Aus dem Garten“, gab Bau-tschai Auskunft. „Hast du deinen Vetter Bau-yü dort gesehen?“ fragte Dame Wang weiter. „Ja, eben erst habe ich ihn gesehen“, antwortete Bau-tschai. „Er war vollständig angekleidet und hat den Garten verlassen. Wohin er gegangen ist, weiß ich nicht.“ Dame Wang nickte und fuhr dann unter Tränen fort: „Weißt du, was sich Merkwürdiges ereignet hat? Djin-tschuan hat sich plötzlich im Brunnen ertränkt.“ „Warum hat sie das nur getan?“ sagte Bau-tschai. „Das ist seltsam.“ „Vorgestern hat sie mir etwas entzwei gemacht“, erzählte Dame Wang. „Da bin ich wütend geworden, habe ihr ein paar Schläge gegeben und sie dann hinausgeworfen. Ich wollte nur ein paar Tage mit ihr böse sein und sie dann wieder holen lassen. Wie konnte ich ahnen, daß sie sich so darüber ärgern würde, daß sie sich in den Brunnen stürzt! Und bin nicht ich daran schuld?“ „Ihr seid ein gütiger Mensch, Tante, darum denkt Ihr so“, sagte Bau-tschai seufzend. „Aber mir scheint, sie hat sich gar nicht im Zorn in den Brunnen gestürzt. Wahrscheinlicher ist, daß sie am Brunnen spielen wollte, ehe sie zu sich nach Hause mußte, und dabei ist sie ausgerutscht und hineingefallen. Sie war hier immer streng gehalten worden, da wollte sie natürlich jetzt, als sie fort mußte, einmal überall spielen und spazierengehen. Welchen Grund hätte sie denn für so einen großen Zorn gehabt! Und wenn sie es doch im Zorn getan hat, war sie nichts weiter als ein Dummkopf, der kein Mitleid verdient.“

„Das stimmt schon“, sagte Dame Wang, „und dennoch findet mein Herz keine Ruhe.“

Seufzend erwiderte Bau-tschai: „Ihr dürft Euch aber auch nicht so in diesen Gedanken verbeißen, daß Ihr nicht davon loskommt, Tante! Gebt nur ein paar Liang mehr Silber für ihr Begräbnis, und damit ist die Pflicht der Herrin gegen eine Dienerin erfüllt.“ „Eben habe ich ihrer Mutter schon fünfzig Liang gespendet“, sagte Dame Wang. „Eigentlich wollte ich ihr auch noch zwei Garnituren neuer Sachen von deinen Kusinen geben, damit Djin-tschuan eingekleidet werden kann. Wie konnte ich ahnen, daß Hsi-fëng mir melden würde, wir hätten zufällig keine neuen Kleider vorrätig, nur zweimal für deine Kusine Lin zum Geburtstag. Aber mir scheint, sie ist immer so bedenklich, und außerdem wird sie seit ihrer Kindheit stets von Leiden und Krankheiten geplagt, darum wird sie es sicher für tabu halten, mit den Kleidern, die für ihren Geburtstag bestimmt sind, eine Tote einzukleiden. So werde ich den Schneider rufen lassen, damit er in aller Eile zwei Garnituren für sie näht. Wenn es für ein anderes Mädchen gewesen wäre, hätte ich es einfach mit ein paar Liang Silber bewenden lassen, Djin-tschuan aber war für mich fast wie eine Tochter.“ Bei diesen Worten liefen ihr wieder die Tränen herab. Sofort fragte Bau-tschai: „Wozu wollt Ihr einen Schneider bemühen, Hals über Kopf etwas anzufertigen? Ich habe mir neulich zwei komplette Garnituren machen lassen, die werde ich herbringen, damit sie sie bekommt. Ist das nicht einfacher? Zumal sie, als sie noch lebte, meine alten Kleider aufgetragen hat, so daß auch die Maße stimmen.“ „Schön und gut“, erwiderte Dame Wang, „aber gilt dir das etwa nicht als tabu?“ „Keine Sorge, Tante!“ sagte Bau-tschai lächelnd. „Um so etwas habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.“ Mit diesen Worten stand sie auf, um zu gehen. Rasch rief Dame Wang zwei Mädchen und befahl ihnen: „Geht mit Fräulein Bau-tschai!“ Als Bau-tschai bald darauf mit den Kleidern wiederkam, sah sie Bau-yü neben Dame Wang sitzen und weinen. Dame Wang war eben dabei, ihn zu schelten, weil aber Bau-tschai dazukam, hielt sie inne und sprach nicht weiter. Bei diesem Anblick konnte sich Bau-tschai die Sache nach Worten und Mienen zu acht Zehnteln zusammenreimen. Sie übergab dann die Kleider Stück für Stück, und Dame Wang ließ Djin-tschuans Mutter rufen, die sie sich abholen sollte.

Im nächsten Kapitel wird man das Weitere erfahren.

Aus: Jinyuyuan 1889b.