Hongloumeng/de/Chapter 109
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 102 · 103 · 104 · 105 · 106 · 107 · 108 · 109 · 110 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 109
候芳魂五儿承错爱 / 还孽债迎女返真元
Wu-örl teilt die Nachtwache und empfängt die Zuneigung, die für jemand anderen gedacht warYing-tschun muß sich dem Schicksal ergeben und kehrt in die himmlischen Sphären der ursprünglichen Wahrheit zurück.
Bau-tschai hatte Hsi-jëns ausführlichen Bericht über die Vorfälle im Garten angehört und befürchete, daß sich Bau-yüs Krankheit dadurch wieder verstärken könne. Um dies zu vermeiden, bezog sie sich direkt auf Dai-yüs Sterben und lenkte das Gespräch mit Hsi-jën auf dieses Thema. „Menschen haben bestimmte Gefühle zueinander, wenn sie leben“, sagte sie weiter. „Doch nach dem Tod betritt die Person eine andere Sphäre und wird ein anderes Wesen. Jemand, der weiter lebt, kann immer noch verliebt sein, doch die tote Person, das Objekt dieser Gefühle, weiß davon nichts. Außerdem, wenn Dai-yü eine Fee geworden ist, kann sie einfache Sterbliche nur eingeschränkt wahrnehmen und würde sich kaum dazu herablassen, sich hier unter die Menschen zu mischen. Wenn man sich ängstigt, kann man von bösen Geistern in Besitz genommen werden.“ Sie sprach zwar mit Hsi-jën, doch ihre Worte waren eigentlich für Bau-yüs Ohren bestimmt. Hsi-jën bemerkte das und antwortete dazu passend: „Natürlich ist sie keine Fee. Das steht außer Frage. Wenn Fräulein Lins Geist den Garten heimsuchen würde, warum ist sie mir dann niemals im Traum erschienen? Wir waren doch sehr gute Freunde.“ Bau-yü lauschte von außen und überlegte detailliert: ‚Das ist seltsam! Seit ich das erste Mal von Kusine Lins Tod gehört hatte, habe ich jeden Tag oft an sie gedacht. Doch warum habe ich sie nie in meinen Träumen gesehen? Sie muß im Himmel sein und hält mich für einen dummen Erdling, der unfähig ist, mit höheren Sphären zu kommunizieren. Ich weiß, was zu tun ist: heute Nacht werde ich in einem äußeren Zimmer schlafen. Vielleicht wird sie erst durch meine Rückkehr in den Garten auf meine Gefühle aufmerksam und wird herabsteigen, um mich im Traum zu besuchen. Wenn sie das tut, muß ich sie fragen, wo sie hingegegangen ist, sodaß ich sie öfter sehen kann. Wenn es sich aber andererseits herausstellt, daß sie selbst für einen nächtlichen Besuch zu rein ist, dann muß ich sie für immer aus meinen Gedanken verbannen.‘ Als er diese Entscheidung getroffen hatte, sagte er laut: „Ich werde heute Nacht hier draußen schlafen. Ihr braucht euch um mich nicht zu sorgen.“ Bau-tschai wollte sich dem nicht direkt widersetzen, doch warnte ihn: „Komm nicht auf dumme Gedanken!“ Hast du nicht gesehen, wie bekümmert die gnädige Frau [Mutter] war, als sie hörte, daß du im Garten warst? Sie konnte vor Angst kaum sprechen! Du mußt vorsichtig sein. Wenn du wieder etwas Dummes tust, und die alte Dame findet es heraus, wird sie uns die Schuld geben, nicht genug auf dich aufgepaßt zu haben.“ – „So ernst ist das doch nicht“, sagte Bau-yü, „ich möchte hier nur eine Weile sitzen und dann reinkommen. Du bist sicher müde. Geh schlafen und warte nicht auf mich!“ Bau-tschai glaubte, er würde später nachkommen und sagte, sich unwissend stellend: „Nun gut, ich gehe schlafen. Fräulein Hsi[-jën] wird nach dir sehen.“ Genau darauf hatte Bau-yü gehofft. Er wartete, bis Bau-tschai ins Bett gegangen war, und trug dann Hsi-jën und Schë-yüä auf, sein Bett zu bereiten. Er schickte eine der beiden in regelmäßigen Abständen los, um zu sehen, ob die zweite Herrin [Bau-tschai] bereits schlief oder nicht. Bau-tschai gab vor zu schlafen, obwohl sie tatsächlich hellwach war, und so blieb es die ganze Nacht. Bau-yü fiel darauf herein und sagte zu Hsi-jën: „Ihr könnt jetzt schlafen gehen. Ich bin jetzt nicht mehr traurig. Wenn ihr mir nicht glaubt, bleibt hier, bis ich schlafe und geht. Doch ich möchte später in der Nacht nicht gestört werden.“ Hsi-jën blieb eine Weile, brachte ihn ins Bett und servierte ihm noch etwas Tee. Dann schloß sie die Tür und ging in das innere Zimmer, wo sie noch ein paar gewöhnliche Arbeiten verrichtete und sich dann hinlegte. Sie gab auch vor zu schlafen und lag wach, bereit aufzuspringen, falls Bau-yü sie draußen brauchte. Bau-yü schickte die beiden Dienstmädchen der Nachtwache fort; und als er allein war, stand er vorsichtig auf, sprach ein leises Gebet und legte sich wieder hin. Zunächst konnte er nicht einschlafen, dann meditierte er ein wenig, schließlich nickte er ein und schlief die ganze Nacht durch. Als er erwachte, war es bereits hellichter Tag. Er rieb sich die Augen, setzte sich auf und dachte nach. Er hatte traumlos geschlafen. Nichts Besonderes war ihm erschienen. Er seufzte: „Wie das Gedicht besagt, so grübele ich laut: Getrennt durch den Tod wollten die Jahre vor Trauer nicht mehr vergehen; Sogar in meinen Träumen ward ihr Antlitz nicht mehr gesehen.“[1] Bau-tschai, die im Gegensatz zu Bau-yü die ganze Nacht über nicht geschlafen hatte, hörte ihn diese wohlbekannten tangzeitlichen Verse aus Bo Djü-yis „Lied andauernden Kummers“ zitieren und bemerkte: „Was für ein unangebrachtes Zitat; wäre Kusine Lin noch am Leben, wäre sie wieder böse mit dir, weil du sie mit Yang Guee-fee verglichen hast!“[2] Bau-yü schämte sich, daß sie ihn gehört hatte. Er kletterte aus dem Bett und ging verschlafen in das innere Zimmer. „Ich wollte letzte Nacht kommen“, sagte er, „doch irgendwie bin ich auf einmal ganz fest eingeschlafen.“ – „Was für einen Unterschied macht es für mich, ob du hergekommen bist oder nicht?“, fragte Bau-tschai. Hsi-jën hatte auch nicht geschlafen, und wie sie die beiden reden hörte, eilte sie herüber, um Tee anzubieten. In diesem Moment kam eine jüngere Magd der alten Dame. „Hat der zweite Herr Bau[-yü] letzte Nacht gut geschlafen?“, fragte sie. „Wenn ja, werden dann der zweite Herr Bau[-yü] und die zweite Herrin Bau[-tschai] bitte hinübergehen, wenn sie sich angekleidet haben?“ – „Bitte teilen Sie der gnädigen Frau mit“, antwortete Bau-tschai, „daß Herr Bau-yü überaus gut geschlafen hat und umgehend vorbeikommen wird.“ Die Magd brach mit dieser Nachricht auf. Bau-tschai machte sich sofort zurecht und in Begleitung von Ying-örl und Hsi-jën ging sie zuerst zur Herzoginmutter. Dann erwies sie der Dame Wang und Hsi-fëng ihre Referenz, bevor sie wieder zu den Gemächern der Herzoginmutter zurückkehrte. Ihre Mutter war gerade angekommen. „Wie ging es Bau-yü letzte Nacht?“, wollten alle wissen. „Sobald wir zu Hause angekommen waren, ist er schlafen gegangen,“ berichtete Bau-tschai. „Es ging ihm gut.“ Sie waren erleichtert, dies zu hören, und die Unterhaltung berührte mehrere andere Themen. Nun trat eine jüngere Magd ein und gab Bescheid, daß die zweite Herrin[3] [Ying-tschun] nach Hause gehen wollte: „Der Herr Schwiegersohn Sun schickte jemanden zur ersten Dame [Hsing], um sich zu beschweren; die gnädige Herrin besprach sich mit dem vierten Fräulein [Hsi-tschun], um zu sagen, daß sie [Fräulein Ying-tschun] nicht aufgehalten werden solle, sondern umgehend nach Hause zurückkehren dürfe. Die zweite Herrin [Ying-tschun] ist gerade bei der gnädigen Herrin. Sie ist sehr traurig und weint. Sie wird nun vorbeikommen, um sich von der gnädigen Frau [Herzoginmutter] zu verabschieden.“ Die Herzoginmutter war über Ying-tschuns bevorstehende Abreise sehr betrübt. „Warum mußte das Schicksal ein so süßes Kind wie das zweite Fräulein [Ying-örl] mit so einem Menschen [Sun] zusammenbringen! Sie wird ihn den Rest ihres Lebens ertragen müssen. Das arme Mädchen wird ihr Leben lang keinen Ausweg finden!“ Während sie sprachen, kam Ying-tschun herein, sie hatte geweint. Die Familie war immer noch damit beschäftigt, Bau-tschais Geburtstag zu feiern, deswegen bemühte sie sich, beim Abschied nicht zu weinen. Die Herzoginmutter wußte, daß Ying-tschun ihre Abreise nicht verzögern durfte und versuchte nicht, sie aufzuhalten. „Du machst dich am besten auf den Weg“, sagte sie, „doch bitte, so schlecht die Dinge auch stehen, versuche die Dinge positiv zu sehen! Er ist, wer er ist, und du wirst ihn kaum ändern können. In einigen Tagen werde ich wieder jemanden schicken, der dich zu einem Besuch einlädt.“ – „Oh Großmutter!“ schluchzte Ying-tschun, „du hast mich immer geliebt! Doch es hat keinen Zweck! Ich weiß, ich werde niemals wiederkommen!“ Sie konnte sich nicht länger zusammenreißen und brach in Tränen aus. „Nun komm schon!“, alle versuchten, sie aufzuheitern: „Natürlich kommst du wieder! Sei doch dankbar, daß du nicht am anderen Ende der Welt lebst wie die arme dritte Schwester [Tan-tschun]. Sie hat kaum die Möglichkeit, jemals wieder hierherzukommen.“ Die Erwähnung von Tan-tschun rührte die Herzoginmutter und die Damen nur noch mehr zu Tränen. Doch da es Bau-tschais Geburtstag war, schlug wieder jemand einen optimistischeren Ton an: „Wer weiß? Wenn der Friede an der Küste wieder hergestellt ist, könnte Tan-tschuns Schwiegervater zurück in die Hauptstadt geschickt werden, und dann können wir sie wieder sehen!“ „Aber natürlich!“ stimmten alle ein. Ying-tschun mußte nun ihren Kummer so gut wie möglich zurückhalten und brach auf. Sie führten sie hinaus und kehrten zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo die Feier für den Rest des Tages bis in den Abend fortgesetzt wurde. Als sie sahen, daß die Herzoginmutter müde wurde, zogen sich alle in ihre Gemächer zurück. Nur Frau Hsüä ging nach dem Abschied von der Herzoginmutter zu Bau-tschai und sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr überlebt, und wenn er nur eine Kaiserliche Begnadigung erhielte und sein Urteil gemildert würde, könnte er sein Bußgeld zahlen und frei kommen. Die letzten paar Jahre waren unerträglich einsam für mich! Ich hatte überlegt, ob ich nicht die Hochzeit deines zweiten älteren Bruders [Kë] in die Wege leiten sollte, was denkst du?“ „Du bist besessen davon, nicht wahr, Mama?“, antwortete Bau-tschai. „Das Freien des älteren Bruders [Pan] ist so übel ausgegangen, und du bist besorgt, daß es dem zweiten Bruder [Kë] genauso ergehen wird. Nun, mein Rat wäre, es zu tun. Du kennst den Charakter von Fräulein Hsing [Hsiu-yän] und hast deshalb nichts zu befürchten. Das Leben war für sie noch nie einfach. Wenn sie einmal in unsere Familie eingeheiratet hat, wird es ihr trotz unserer Armut besser gehen, und sie ist nicht mehr so von anderen abhängig.“ „In diesem Fall“, sagte Frau Hsüä, „wirst du es der gnädigen Frau erzählen, wenn du die Gelegenheit dazu hast? Bei mir ist niemand zu Hause und sie sollte sich einen günstigen Tag dafür aussuchen.“ „Besprich es nur mit dem zweiten Bruder [Kë] und suche ihr einen Tag aus“, sagte Bau-tschai, „dann kannst du es der gnädigen Frau und der ersten Dame [Hsing] wissen lassen und die Hochzeit planen. Ich bin sicher, die erste Dame [Hsing] wird überglücklich sein, wenn sie Hsiu-yän verheiratet hat.“ – „Ich habe heute gehört, daß Fräulein Shï [Hsiang-yün] nach Hause geht“, sagte Frau Hsüä. „Die Herzoginmutter möchte, daß deine Schwester [Bau-tjin] ein paar Tage hier bei dir bleibt. Auch sie wird bald heiraten, deshalb solltest du die Gelegenheit nutzen und dich gut mit ihr unterhalten.“ „Das werde ich, Mama.“ Frau Hsüä blieb noch eine Weile bei ihrer Tochter und ging, nachdem sie sich von den anderen verabschiedet hatte, nach Hause. Laßt uns nun zu Bau-yü zurückkehren. Als er am Abend wieder in seinen Gemächern war, dachte er über die Erfahrung der letzten Nacht nach. Es gab keinen Zweifel daran, daß Dai-yü ihm nicht erschienen war. Das konnte zwei Dinge bedeuten: entweder war sie wirklich eine Fee geworden und hielt sich fern davon, mit einem Grobian wie ihm zu verkehren. Oder er war nur zu ungeduldig. Er entschied sich für die zweite Alternative und beschloß, das Experiment noch einmal zu wagen. Er hatte eine Idee: „Irgendwie habe ich letzte Nacht“, sagte er zu Bau-tschai, „als ich draußen schlief, viel ruhiger geschlafen als sonst innen. Beim Aufwachen fühlte ich mich entspannt und erfrischt. Ich dachte, ich sollte es für ein paar Nächte wiederholen. Doch ich nehme an, ihr [du und Hsi-jën] habt wieder etwas einzuwenden.“ Als Bau-tschai ihn früh am Morgen das Gedicht hatte rezitieren hören, wußte Bau-tschai, daß die Erinnerung an Dai-yü ihn dazu inspirierte. Sie wußte, daß sie seine Besessenheit mit Worten nicht mildern konnte und folgerte, daß sie ihn ruhig zwei Nächte draußen verbringen lassen konnte und er es schon bald aufgeben würde. Dennoch erschreckte sie die Tatsache, daß er so fest geschlafen hatte, während sie selbst wach gelegen hatte. „Was für ein Unsinn!“, antwortete sie, „warum sollten wir etwas einwenden? Wenn du dort schlafen möchtest, nur zu. Komm nur nicht auf dumme Gedanken! Du öffnest dich ja doch nur, damit böse Geister von dir Besitz ergreifen können.“ Bau-yü lachte: „Was soll ich denn davon halten?“ Hsi-jën sagte: „Ich denke, Sie sollten besser innen schlafen. Draußen ist es schwerer, Sie zu bedienen. Sie könnten sich vielleicht erkälten…“ Bevor Bau-yü antworten konnte, warf Bau-tschai Hsi-jën einen bedeutungsvollen Blick zu. „Nun gut“, sagte Hsi-jën, „Sie sollten zumindest jemanden mitnehmen, der Ihnen etwas bringt, wenn Sie Tee möchten.“ Bau-yü lachte: „Na, wenn du das sagst, dann komm doch mit!“ Hsi-jën errötete sofort und sagte nichts. Bau-tschai wußte, daß Hsi-jën für solch eine Neckerei zu empfindsam war, und antwortete für sie: „Sie [Hsi-jën] bleibt jetzt bei mir. Ich denke, sie sollte hier bleiben. Schë-yüä und Wu-örl können nach dir sehen. Außerdem hat Hsi-jën den ganzen Tag damit verbracht, mit mir herumzulaufen und ist müde. Sie verdient Ruhe.“ Bau-yü lächelte und ging aus dem Zimmer. Bau-tschai trug Schë-yüä und Wu-örl auf, sein Bett im äußeren Zimmer aufzustellen. „Schlaft nicht so fest“, wies sie sie an, „und seid bereit, ihm etwas zu bringen, wenn er danach verlangt.“ Die beiden stimmten zu und gingen hinaus, um Bau-yü aufrecht auf dem Bett sitzen zu sehen, die Augen geschlossen und die Hände zusammen wie ein Mönch in Meditation. Sie wagten es nicht, ein Wort zu sagen, starrten ihn jedoch mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. Bau-tschai schickte Hsi-jën hinein, um zu sehen, ob sie gebraucht wurde, und Hsi-jën fand dieses ebenfalls sehr lustig. „Zeit zu schlafen“, flüsterte sie. „Warum beginnst du zu dieser Nachtstunde zu meditieren?“ Bau-yü öffnete seine Augen und blickte sie an. „Ihr könnt jetzt alle ins Bett gehen“, verkündete er. „Ich werde noch eine Weile hier sitzen und dann schlafen gehen.“ „Letzte Nacht“, sagte Hsi-jën, „hieltet ihr die zweite Herrin [Bau-tschai] die ganze Nacht bis in den Morgen wach. Ihr wollt das doch bestimmt nicht wiederholen?“ Bau-yü sah ein, daß, wenn er nicht schlafen ging, es niemand tun würde und kletterte ins Bett. Hsi-jën gab Schë-yüä und den anderen ein paar letzte Anweisungen und ging in das innere Zimmer, um zu schlafen, schloß die Tür dabei hinter sich. Schë-yüä und Wu-örl bereiteten ihre Betten und warteten darauf, daß Bau-yü vor ihnen einschlief. Doch er blieb hartnäckig wach. Als er sie dabei sah, wie sie die Betten machten, dachte er plötzlich an die Zeit, als Hsi-jën fort war und Tjing-wën und Schë-yüä übrig waren, um nach ihm zu sehen. Damals ging Schë-yüä in die Nacht hinaus, und Tjing-wën versuchte, ihr einen Streich zu spielen und sie zu erschrecken. Sie war zu leicht angezogen und hatte sich deshalb erkältet. Es war diese Kälte, die letztendlich dazu führte, daß sie starb. Als er so nachdachte, war sein Kopf erfüllt mit Erinnerungen an Tjing-wën. Dann fiel ihm ein, wie Hsi-fëng Wu-örl einst mit Tjing-wën verglichen hatte, ‚das lebende Abbild‘ waren ihre Worte. Kaum merkbar übertrugen sich seine alten Gefühle gegenüber Tjing-wën auf Wu-örl. Er lag dort, gab vor zu schlafen und beobachtete sie heimlich. Je mehr er sie beobachtete, desto mehr verwunderte ihn die Ähnlichkeit und desto erregter fühlte er sich. Im inneren Raum war alles still. ‚Sie müssen schlafen’, dachte er bei sich. Doch er mußte feststellen, dass Schë-yüä auch schon eingeschlafen war. Er rief ihren Namen mehrere Male und es kam keine Antwort. Wu-örl hörte es trotzdem: „Was wollt ihr, Herr?“ „Ich möchte meinen Mund waschen.“ Wu-örl konnte sehen, daß Schë-yüä schlief, erhob sich dann eilig aus dem Bett, entzündete eine Kerze und gab Bau-yü eine Tasse Tee, hielt den Spucknapf dabei in der anderen Hand. Sie mußte sich beim Umziehen beeilen und trug über ihrem Nachtgewand nur ein rosafarbenes, seidenes Jäckchen. Ihr offenes Haar lag wild auf ihrem Kopf . Wie er sie ansah, konnte sich Bau-yü nur zu gut vorstellen, daß Tjing-wën von den Toten auferstanden sei. Plötzlich erinnerte er sich an Tjing-wëns Worte: „Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten.“ Er starrte Wu-örl wie besessen an, vergaß dabei die Teekanne in ihrer ausgestreckten Hand. Seit der Abreise von Fang-guan hatte Wu-örl ihre Idee völlig aufgegeben, jemals [in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zum Dienst] zu kommen. Doch dann, als Hsi-fëng Anweisungen gab, sie in Bau-yüs Dienst aufzunehmen, war sie davon noch mehr begeistert als Bau-yü selbst. Zu ihrer Überraschung machte nach ihrer Ankunft die besondere und erhabene Art, wie Bau-tschai und Hsi-jën sich benahmen, einen großen Eindruck auf sie, und sie war von großem Respekt und großer Bewunderung erfüllt, wohingegen Bau-yü im Gegensatz dazu zu einem völligen Blödian verkommen zu sein schien und nicht annähernd so gut aussah wie sonst. Außerdem wußte sie, daß die Dame Wang bereits Mägde entlassen hatte, die mit Bau-yü geflirtet hatten, und sie entschloß sich daher, jeden verrückten und romantischen Gedanken ihn betreffend zu verwerfen. Doch jetzt war er hier, dieser Einfaltspinsel, der in dieser Nacht offensichtlich ein Auge auf sie geworfen hatte. Sie wußte nichts von dem Prozess, durch welchen seine Gefühle für Tjing-wën auf sie übertragen wurden. Ihre Wangen brannten. Sie wagte nicht, etwas Lautes zu sagen, doch flüsterte: „Zweiter Herr [Bau-yü], bitte wascht jetzt Euren Mund!“ Er lächelte und nahm die Tasse in die Hand. Sie konnte nicht sagen, ob er seinen Mund nun wusch oder nicht, als Nächstes wußte sie, daß er kicherte, und sie fragte: „Bist Du Tjing-wëns Freundin?“ Wu-örl verstand nicht, was mit ihm los war. „Natürlich! Wir kamen alle gut miteinander aus.“ Bau-yü dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern: „Als Tjing-wën so krank war, habe ich sie besucht. Warst du nicht auch da?“ Wu-örl lächelte und nickte. „Hast du sie irgend etwas sagen hören?“, fragte Bau-yü. Wu-örl schüttelte den Kopf und sagte: „Habe ich nicht.“ Bau-yü hielt Wu-örls Hand. Er schien völlig hingerissen zu sein. Sie errötete stark, und ihr Herz schlug heftig. „Aber zweiter Herr [Bau-yü]!“, flüsterte sie, „was ist los mit Ihnen, sagen Sie es mir. Hören Sie schon auf, sich so zu benehmen.“ Bau-yü ließ ihre Hand los. „Sie [Tjing-wën] hatte damals gesagt: ‚Hätte ich nur im Ansatz gewußt, daß es so käme, hätte ich mich völlig anders verhalten...‘ Hast du es auch gehört?“ Nun war Wu-örl völlig klar, was für ein „anderes Verhalten“ er im Sinn hatte. Sie fühlte sich herausgefordert: „Wenn es das ist, was sie sagte, hätte sie sich schämen sollen! Kein ehrbares Mädchen hätte so etwas vorgeschlagen!“ – „Halte mir doch kein Predigt!“, antwortete Bau-yü irritiert. „Ich dachte daran, wie ähnlich du ihr [Tjing-wën] siehst, deshalb erzählte ich dir, was sie sagte. Wie kannst du sie nur so beschimpfen?“ Wu-örl konnte Bau-yüs wahre Absichten nun gar nicht mehr erkennen. „Es ist spät“, sagte sie, „ihr solltet wirklich besser schlafen und nicht so sitzen. Ihr könntet euch erkälten. Habt ihr nicht gehört, was die Herrin [Bau-tschai] und Schwester Hsi-jën vorhin gesagt haben?“ – „Ich friere nicht“, sagte Bau-yü. Wie er dies sagte, bemerkte er erst, daß Wu-örl höchst unangemessen gekleidet war und sie sich schnell eine fiebrige Erkältung holen könnte, wie es Tjing-wën passiert war. „Warum hast du dir keinen richtigen Umhang angezogen?“, fragte er sie. „Ihr habt gerufen, und es klang wichtig“, antwortete sie. „Ich hatte kaum Zeit, mich anzukleiden. Hätte ich gewußt, daß ihr nur auf solches Geplauder aus seid, hätte ich mir etwas anderes angezogen.“ Bau-yü reichte Wu-örl eine hellblaue Seidenjacke, die auf dem Bett lag und forderte sie auf, diese anzuziehen. Doch sie lehnte ab. „Behaltet sie, mir ist nicht kalt. Außerdem habe ich selbst einen guten Umhang.“ Sie ging hinüber zu ihrem Bett, um sich ihren Umhang zu besorgen. Sie horchte für einen Moment. Schë-yüä schlief fest. Sie ging langsam zurück zu Bau-yü: „Ich dachte, ihr wolltet heute eine ruhige Nacht haben?“ Bau-yü lächelte. „Um die Wahrheit zu sagen, war dies nie meine Absicht. Eigentlich wollte ich ja eine Fee treffen.“ Seine Worte bestätigten ihren Verdacht. „Wen meinen Sie denn?“ „Das sag’ ich dir gern“, antwortete er, „doch das ist eine lange Geschichte. Du kommst besser her und setzt dich zu mir, dann erzähle ich es dir.“ „Doch Sie beanspruchen schon das ganze Bett“, protestierte Wu-örl, errötete wieder und lächelte schüchtern, „wie kann ich dann neben Ihnen sitzen?“ – „Warum nicht? In einer Nacht jenen Jahres, als das Wetter kalt war, blieben deine Schwestern Schë-yüä und Tjing-wën aus Spaß auf. Damals befürchtete ich, daß sie [Tjing-wën] Fieber bekommt, deshalb habe ich sie unter meine Decke geholt, um sie warm zu halten. Was ist so schlimm daran? Die Leute sollten nicht so prüde sein.“ Wu-örl glaubte, er sagte das nur im Spaß. Sie wußte nicht, daß er jedes Wort meinte, wie er es sagte. Sie überlegte, daß sie kaum entkommen konnte, und wenn sie doch blieb, wäre es ohnehin heikel für sie, ob sie stünde oder säße. Sie blickte ihn an und ihr Gesicht wandelte sich in ein Lächeln: „Sagen Sie nicht so etwas Dummes! Die Leute könnten das hören. Kein Wunder, daß Sie so einen Ruf haben. Wie können Sie immer noch so weiter flirten mit zwei feengleiche Frauen wie die zweite Herrin [Bau-tschai] und Schwester Hsi-jën an Ihrer Seite! Wenn Sie so etwas nochmal versuchen sollten, muß ich es am nächsten Tag Frau Bau-tschai berichten. Und dann haben Sie einen Grund, sich zu schämen!“ Während sie sprach, gab es draußen einen plötzlichen Lärm, der sie beide erschreckte und kurz danach hörte man, wie Bau-tschai im inneren Zimmer keuchte. Bau-yü machte eine schnelle Handbewegung, Wu-örl löschte umgehend die Lampe, um unbemerkt in ihr Bett zu verschwinden. In der Tat waren früher am Abend Bau-tschai und Hsi-jën beide direkt schlafen gegangen, erschöpft von ihren vorigen schlaflosen Nächten und den Anstrengungen des Tages, und beide hatten während des Gesprächs zwischen Bau-yü und Wu-örl fest geschlafen. Es war der plötzliche Lärm im Hof, der sie geweckt hatte. Sie horchten nach einem weiteren Geräusch, doch alles blieb ruhig. Bau-yü hatte sich währenddessen wieder hingelegt und dachte bei sich: „Diesen Lärm hat Kusine Lin gemacht! Sie kam, und als sie mich mit Wu-örl sprechen hörte, wollte sie uns erschrecken.“ Im Liegen drehte und wälzte er sich, tausend wilde Vorstellungen rasten durch seinen Kopf, und kurz vor dem Morgengrauen nickte er ein. Bau-yüs Versuchungen hinterließen bei Wu-örl ein schlechtes Gewissen, und als Bau-tschai keuchte, fürchtete sie, daß sie gehört worden waren, und lag die ganze Nacht grübelnd wach. Sie stand früh am Morgen auf und, wie sie Bau-yü dort tief schlafen sah, räumte sie leise das Zimmer auf. Schë-yüä war bereits wach. „Warum bist du so früh auf?“, fragte sie Wu-örl. „Sag’ nicht, du warst die ganze Nacht über wach.“ Dies brachte Wu-örl auf den Verdacht, daß auch Schë-yüä sie gehört hatte. Sie lächelte gezwungen und sagte nichts. Dann standen Bau-tschai und Hsi-jën auf, öffneten die Tür und traten in das äußere Zimmer, wo sie sehr überrascht waren, Bau-yü immer noch schlafen zu sehen. Es verwirrte sie, daß er zwei Nächte hintereinander so ruhig geschlafen hatte. Als Bau-yü aufwachte und alle um sich stehen sah, setzte er sich sofort auf und rieb sich die Augen. Er dachte an die Nacht zurück. Nein, es hatte immer noch keinen Traum gegeben. Er war niemandem begegnet. Er tröstete sich selbst mit den Worten des alten Sprichwortes: ‚Feen und Sterbliche beschreiten verschiedene Pfade, die sich niemals kreuzen.’ Als er langsam aus seinem Bett kletterte, klangen ihm Wu-örls Worte über Bau-tschai und Hsi-jën immer noch in den Ohren: „zwei so feengleiche Frauen“. Ja, das stimmte, dachte er bei sich und starrte Bau-tschai an. Bau-tschai glaubte, es müsse wieder etwas mit Dai-yü zu tun haben, obwohl sie sich nicht danach erkundigt hatte, ob sein Traum ertragreich war oder nicht. Sie fühlte sich schnell unbehaglich unter seinem penetranten Starren und fragte schließlich: „Nun, bist du letzte Nacht einer Fee begegnet oder nicht?“ Bau-yü folgerte daraus, daß sie sein tête-à-tête mit Wu-örl gehört haben mußte. Er lachte nervös und antwortete mit gespielter Überraschung: „Was meinst du?“ Wu-örl für ihren Teil fühlte sich nur noch schuldiger und beobachtete still Bau-tschais Reaktion. Bau-tschai wandte sich danach an sie und fragte mit einem Lächeln: „Nun, hat der zweite Herr [Bau-yü] während seines Schlafes letzte Nacht geredet?“ Hier stammelte Bau-yü nun einige unzusammenhängende Entschuldigungen und verließ ängstlich das Zimmer. Wu-örl errötete sofort und antwortete so ausweichend wie möglich: „In der frühen Nacht sagte er etwas, doch ich habe es nicht ganz verstanden. Etwas wie ,hätte ich gewußt, daß die Dinge so stehen, dann…‘ und dann irgendwas wie ‚völlig anders verhalten’. Ich konnte nicht verstehen, was er zu sagen versuchte, deshalb sagte ich ihm nur, er solle versuchen zu schlafen. Dann schlief ich selbst ein, und wenn er noch etwas gesagt hat, dann habe ich es nicht gehört.“ Bau-tschai neigte gedankenvoll ihren Kopf: „Das hat offensichtlich etwas mit Dai-yü zu tun. Wenn ich ihn weiter draußen schlafen lasse, bekommt er mehr von diesen wirren Ideen in den Kopf, und wer weiß, was für merkwürdige Feenerscheinungen dann kommen? Es ist die Schwachheit unseres Geschlechtes, die uns verwundbar macht. Wie kann ich ihn nur für mich gewinnen? Wenn das nur jemals aufhören würde.“ Als sie so dachte, errötete sie stark, und ging schnell zurück ins innere Zimmer, um sich anzukleiden. Während der zweitägigen Geburtstagsfeier hatte die Herzoginmutter zu viel gegessen und am zweiten Abend hatte sie ein Völlegefühl sowie einen Druck in der Brust. Am folgenden Tag fühlte sie sich im Magen ganz aufgebläht, was Yüan-yang Djia Dschëng berichten wollte. Doch die Herzoginmutter unterband dies: „Ich war über die letzten Tage nur beim Essen etwas zu gierig. Wenn ich eine Weile faste, werde ich mich schnell erholen. Macht doch deshalb kein Aufhebens.“ Also berichtete es Yüan-yang niemandem. An diesem Abend, als Bau-yü in seine Gemächer zurückkehrte und Bau-tschai hereinkommen sah, um die Herzoginmutter und die Dame Wang zu begrüßen, erinnerte er sich an den morgendlichen Zwischenfall und errötete vor Scham. Bau-tschai bemerkte seine Verlegenheit sofort. ‚In solchen extremen Gefühlssituationen‘, dachte sie bei sich, ,ist für manche der einzige Ausweg die Manipulation dieser Gefühle selbst.‘ „Wirst du heute wieder draußen schlafen?“, fragte sie. Bau-yü schien diese Angelegenheit nicht mehr dringend verfolgen zu wollen: „Eigentlich ist es mir egal.“ Bau-tschai fiel keine passende Erwiderung ein und war etwas verlegen. „Was soll das denn jetzt?“ protestierte Hsi-jën. „Ich glaube nicht, daß man draußen so gut schlafen kann.“ Wu-örl sagte sofort: „Der zweite Herr [Bau-yü] hat eine friedliche Nacht verbracht, unabhängig von seinem Gerede im Schlaf. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, was er sagte, aber es schien sinnvoll, nicht mit ihm darüber zu streiten.“ – „Ich werde heute Nacht mit ihm im Bett schlafen,“ kündigte Hsi-jën an, „dann weiß ich, was er nachts redet. Du kannst damit anfangen, des zweiten Herrns [Bau-yüs] Decke ins innere Zimmer zurückzubringen.“ Bau-yü fühlte sich für einen Einwand zu schuldig und wollte Bau-tschai trösten. Sie befürchtete, zu viel Selbstbeobachtung und Kummer könnten seine Gesundheit gefährden. Dies brachte sie nur dazu, noch zärtlicher zu ihm zu sein. Sie versuchte ganz bewußt, seine Zuneigung für sich zu gewinnen, und suchte seine Nähe, um Dai-yüs Platz in seinem Herzen zu erobern. Hsi-jën ging an diesem Abend doch draußen schlafen. Bau-yü verhielt sich reuevoll gegenüber Bau-tschai, und Bau-tschai hatte natürlich nicht die Absicht, ihn abzuweisen. In ihrer Hochzeitsnacht waren sie sich das erste Mal körperlich näher gekommen, auf diese Weise kosteten sie die vollen Früchte der ehelichen Vereinigung. Doch davon später mehr. Als Bau-tschai und Bau-yü am Morgen aufstanden, ging sich Bau-yü waschen und begab sich zur Herzoginmutter. Sie hatte an diesem Morgen den plötzlichen Drang, ihrem geliebten Enkelsohn Bau-yü und ihrer ergebenen Schwiegerenkelin Bau-tschai einen Gefallen zu tun und hatte Yüan-yang aufgetragen, eine der Truhen zu öffnen und einen antiken Jadefingerring der Han-Dynastie herauszuholen, ein Familienerbstück von ihr. Sie wußte, daß es nicht mit Bau-yüs originaler Jade zu vergleichen war, doch hielt sie es trotzdem für ein besonderes Schmuckstück. Yüan-yang fand es und gab es der Herzoginmutter. „So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Wie konnte die gnädige Frau sich nach all den Jahren daran erinnern, wo es war? Die gnädige Frau wußten genau, welche Ecke in welcher Truhe. Mit diesen Anweisungen konnte ich es sofort finden. Wofür brauchen Sie ihn, Herrin?“ – „Du kannst nichts über diesen Jadestein wissen“, antwortete die Herzoginmutter, „ursprünglich gab ihn mein Urgroßvater meinem Vater. Als ich verheiratet war, schickte mein Vater nach mir, um mir dieses Geschenk zu machen. Er sagte mir, es sei ein sehr kostbarer Jadestein der Han-Dynastie. Mit dem Stein sollte ich mich an ihn erinnern. Zu dieser Zeit war ich sehr jung und habe kaum darüber nachgedacht. Ich habe ihn nur in die Truhe gelegt. Und als ich herkam, um hier zu leben und so viele andere Schätze um mich sah, schien er mir nicht mehr so besonders. Ich habe ihn noch nicht einmal getragen. Er muß über sechzig Jahre in der Truhe gelegen haben. Heute dachte ich, was für ein ergebener Enkelsohn Bau-yü für mich ist; und seit er seinen eigenen Jadestein verloren hat, dachte ich, ich könnte ihm diesen geben, aus demselben Grund wie ihn mein Vater mir gab.“ Und da traf Bau-yü auch schon ein. „Komm her“, sagte die Herzoginmutter, „komm und sieh dir etwas an!“ Bau-yü ging zu dem Ofenbett, auf dem sie lag, und die Herzoginmutter überreichte ihm den Jadestein. Er nahm ihn in die Hände und schaute ihn an. Sein Umfang betrug etwa eine Handbreit, mit seiner elliptischen Form ähnelte er einer langen Melone mit rötlichem Farbton. Es war ein sehr schönes Stück Handarbeit. Bau-yü war überaus begeistert. „Gefällt er dir?“, fragte die Herzoginmutter. „Er wurde mir von meinem Urgroßvater übergeben und nun gebe ich ihn dir.“ Bau-yü lächelte und sprach, ein Knie auf den Boden hinunterlassend, seinen Dank aus und meinte, er würde ihn gern seiner Mutter zeigen. „Wenn sie ihn sieht, wird sie es deinem Vater erzählen“, ermahnte ihn die Herzoginmutter, „und dann wird er sagen, daß ich dich mehr liebe als ich ihn geliebt habe. Sie haben ihn noch niemals gesehen.“ Bau-yü lächelte und ging hinaus, Bau-tschai blieb noch eine Weile und sprach noch ein wenig mit der Herzoginmutter, bevor sie ging. Die Herzoginmutter fastete zwei Tage, doch immer noch fühlte sich ihr Magen schmerzhaft aufgebläht an, sie begann zu keuchen und ihr wurde schwindelig. Die Damen Wang und Hsing sowie Hsi-fëng fanden sie in gutem Zustand, als sie ihren Pflichtbesuch abstatteten, doch sie überbrachten Djia Dschëng die Nachricht, daß er vorbeischauen solle. Er eilte sofort zu ihr und rief nach einem Arzt, der ihren Puls messen und eine Diagnose geben solle. Der Arzt erschien umgehend und verkündete nach seiner Untersuchung, daß diese Umstände nichts Ungewöhnliches für eine Person im Alter der Herzoginmutter seien. Eine fehlerhafte Diät habe leichtes Fieber verursacht, was durch die Einnahme eines Beruhigungsmittels schnell gelindert würde. Er schrieb das Rezept und als Djia Dschëng sah, daß es nichts Besonderes enthielt, trug er einer der Mägde auf, die Zutaten zusammenzubrauen und das Gemisch der Herzoginmutter zu verabreichen. Djia Dschëng besuchte die Herzoginmutter morgens und abends. Nach drei Tagen, als immer noch keine Besserung eintrat, sagte Djia Dschëng zu Djia Liän: „Du mußt einen besseren Arzt herbestellen, daß er so schnell wie möglich nach der gnädigen Frau sehen kann. Ich fürchte, ein einfacher Arzt wird dafür nicht ausreichen.“ Djia Liän überlegte einen Moment und sagte: „Ich erinnere mich daran, wie Bau-yü vor einer Weile krank war, da besorgten wir zuletzt auch einen Arzt, der streng genommen auch nur ein gewöhnlicher Hausarzt war – und am Ende ging es Bau-yü doch wieder besser. Warum holen wir ihn nicht wieder her?“ – „Medizin ist eine durchaus raffinierte Kunst“, Djia Dschëng überlegte laut, „und manchmal werden die fähigsten Mediziner nicht als solche erkannt. Also dann besorg’ uns diesen Mann!“ Djia Liän brach sofort auf, nur um mit der Nachricht zurückzukehren, daß der besagte Arzt Liu zur Zeit die Stadt verlassen habe, um seine Schüler zu unterrichten und erst in zehn Tagen zurückkomme. Doch weil die Angelegenheit dringend war, besorgte Djia Liän einen anderen, der bereits auf dem Weg war. Djia Dschëng konnte nur warten. Soviel dazu. Während dieser Krankheit waren alle Damen in ständiger Aufwartung bei der Herzoginmutter. Bei einer Gelegenheit, als sie alle in den Gemächern versammelt waren, kam eine der alten Frauen, deren Aufgabe es war, das Seitentor des Gartens zu bewachen, mit einer Botschaft. „Schwester Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün, die zur Zeit im Garten ist, hat gehört, daß die Herzoginmutter krank ist und kommt daher zu Besuch.“ – „Sie kommt so selten“, kommentierten alle, „geht und laßt sie sofort vor!“ Hsi-fëng ging zum Bett der Herzoginmutter, um es ihr zu erzählen, und Hsiu-yän, Miau-yüs alte Freundin, ging hinaus, um sie zu empfangen. Miau-yü trug die Kopfbedeckung einer ungeschorenen Schwester und einen mondweißen Seidenumhang mit dem Flickwerk einer langen, ärmellosen Jacke darüber, abgesetzt mit Seide in wasserblauer Farbe. Sie hatte ihren Umhang mit einer in herbstlichen Farben gewebten Binde geschlossen, worunter sie einen langen, weißen damast-seidenen Rock, mit hellgrauen Mustern verziert, trug. In einer Hand hielt sie eine Gebetskette. Sie folgte der Dienerin und schritt würdevoll herein. Hsiu-yän begrüßte sie: „Als ich auch noch im Garten wohnte, konnte ich öfter kommen und Sie sehen. Doch in letzter Zeit gibt es wenige Diener im Garten, und es ist schwer für mich, allein hinauszugehen. Darüberhinaus ist das Seitentor oft geschlossen. Deswegen konnte ich Euch so lange nicht besuchen. Wie schön es ist, euch heute wiederzusehen!“ – „Ihr und die anderen wart hier immer in geschäftigem Treiben“, antwortete Miau-yü. „Deshalb konnte ich euch, auch als Ihr noch im Garten gewohnt hattet, nicht oft besuchen. Doch ich habe von dem derzeitigen Ärger gehört und erfuhr, daß die Herzoginmutter krank ist. Ich habe an euch gedacht und wollte Bau-tschai sehen. Was für einen Unterschied macht es für mich, ob die Tore geschlossen sind oder nicht? Ich wollte kommen und kam. Wenn ich mich entschieden hätte, nicht zu kommen, hätte es keinen Unterschied gemacht, ob mich jemand sehen wollte.“Hsiu-yän lachte. „Du hast dich wirklich kein bißchen verändert!“ Dann betraten sie das Zimmer der Herzoginmutter. Alle Damen hießen Miau-yü willkommen und sie ging an das Bett, erkundigte sich nach der Gesundheit der alten Dame und unterhielt sich ein wenig mit ihr. „Du bist ein weiblicher Boddhisattva“, sagte die alte Dame, „sag’ mir, wird es mir besser gehen oder nicht?“ „Eine wohltätige und tugendhafte Person wie sie, Herzoginmutter, wird gewiß ein sehr hohes Alter erreichen“, antwortete Miau-yü. „Sie haben eine leichte Erkältung, und ich bin sicher, ein wenig Medizin wird alles wieder in Ordnung bringen. In ihrem Alter ist es wichtig, sich auszuruhen.“ – „Meine Krankheit liegt nicht an den unglücklichen Umständen“, sagte die Herzoginmutter. „Ich war immer frohen Mutes. Ich weiß nicht, warum ich derzeit Druck in der Brust und einen aufgeblähten Magen habe. Der letzte Arzt, den ich sah, sagte, daß ich mich in letzter Zeit etwas überanstrengt habe. Doch du weißt ganz genau, daß niemand wagt, mich aufzuregen! Ich glaube, der Arzt wußte nicht recht, wovon er sprach. Ich sagte Liän, der erste Arzt habe Recht gehabt. – Ich habe nur Magenbeschwerden und eine Erkältung. Liän sollte ihn morgen wieder herbestellen.“ Sie rief Yüan-yang zu sich: „Sag’ in der Küche Bescheid, es soll etwas Vegetarisches zubereitet werden, sodaß Schwester Miau-yü etwas essen kann, während sie hier ist.“ – „Ich habe bereits gegessen“, sagte Miau-yü, „ich möchte nichts.“ – „Auch wenn du nichts essen möchtest“, sagte die Dame Wang, „bleibe und plaudere doch noch mit uns.“ – „Nun gut, es ist lange her, daß ich das letzte Mal hier war. Ich wollte sowieso wissen, wie es euch allen geht.“ Sie sprach noch etwas länger mit ihnen und sagte dann, daß sie gehen müsse. Wie sie sich umblickte, sah sie Hsi-tschun. „Warum siehst du so dünn aus, viertes Fräulein [Hsi-tschun]?“, fragte sie. „Du darfst dich beim Malen nicht zu sehr erschöpfen.“ „Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gemalt“, sagte Hsi-tschun. „Das Zimmer, das ich bewohne, hat zu wenig Licht. Außerdem ist mir zur Zeit nicht nach Malen.“ – „Wo lebst du denn jetzt?“, fragte Miau-yü. „In einem Zimmer östlich des Tores, durch das Ihr eben gekommen seid“, antwortete Hsi-tschun. „Es ist nicht weit, schau’ ruhig mal vorbei.“ – „Das werde ich eines Tages“, antwortete Miau-yü, „wenn ich mich in der richtigen Verfassung dazu befinde.“ Hsi-tschun und die anderen führten sie hinaus und unterhielten sich beim Gehen. Als sie zurückkamen, informierten sie die Mägde, daß der Arzt bei der Herzoginmutter sei, und sie gingen alle ihrer Wege. Im Gegensatz zu jedermanns heiterer Voraussage verschlechterte sich der Zustand der Herzoginmutter weiter. Keine Behandlung, die ihr verordnet wurde, führte zur Besserung, und sie litt unter schwerem Durchfall. Djia Dschëng bemerkte, daß ihr Zustand kritisch wurde und war sehr betroffen. Er schickte einen Botschafter zum Amt, um Bescheid zu geben, daß er zu Hause bleibe. Er selbst und die Dame Wang bereiteten Tag und Nacht die Medizin für die alte Dame zu. Als sie an einem Tag etwas aß und trank, waren sie ein wenig zuversichtlicher. Ein altes Dienstmädchen schob ihren Kopf durch die Tür. Die Dame Wang schickte Tsai-yün hin, um zu sehen, wer es war. Es war eine der Frauen, die Ying-tschun mit zu ihrer Hochzeit genommen hatte. „Warum bist du gekommen?“, fragte sie. „Ich habe eine Ewigkeit gewartet!“, antwortete die alte Frau. „Ich konnte nirgends eine Magd finden und wollte nicht hereinplatzen. Ich war sehr aufgeregt!“ – „Wozu der Aufwand?“, fragte Tsai-yün. „Sag’ nicht, Schwiegersohn [Sun] hat dem Fräulein [Ying] wieder etwas Schlimmes angetan!“ „Es gibt keine Hoffnung mehr für sie!“, sagte die alte Frau. „Er hatte vorgestern einen seiner Ausbrüche, sie weinte die ganze Nacht, gestern würgte sie und konnte kaum atmen. Sie wollten keinen Arzt rufen und heute ist es sogar noch schlimmer!“ „Die gnädige Frau ist selbst krank!“, sagte Tsai-yün. „Um Himmels willen, macht nicht so einen Lärm!“ Die Dame Wang hatte diese Unterhaltung von innen gehört. Aus Angst, die gnädige Frau könnte auf diese Ereignisse schlecht reagieren, trug sie Tsai-yün auf, das Dienstmädchen mitzunehmen und woanders mit ihr zu sprechen. Doch die Herzoginmutter hatte ihre Sinnesschärfe nicht verloren und verstand einen großen Teil der Unterhaltung. „Stirbt Fräulein Ying[-tschun]?“ weinte sie. „Bestimmt nicht“, sagte die Dame Wang. „Diese Frauen haben ihren Sinn für Angemessenheit verloren. Es ging ihr in den letzten Tagen nur etwas schlecht, sie waren deshalb besorgt und wollten einen Arzt kommen lassen.“ – „Sie sollten besser meinen nehmen“, sagte die Herzoginmutter. „Sagt ihm, er soll nach ihr sehen.“ Die Dame Wang beauftragte Tsai-yün, die alte Frau zurück zur ersten Dame [Hsing] zu schicken, und die alte Frau verließ sie. Die Herzoginmutter wurde auf einmal sehr betrübt. „Von meinen drei Enkelinnen“, sagte sie, „hat eine glücklich gelebt und ist verstorben. Die dritte Enkelin [Tan-tschun], ist verheiratet und lebt am anderen Ende der Welt und ich werde sie niemals wiedersehen. Und jetzt Enkelin Ying[-tschun],, – ich wußte, daß ihr Leben schwer ist, doch irgendwie glaubte ich, sie würde noch bessere Tage sehen. Jetzt wird sie sterben und sie ist doch noch so jung! Und ich bin hier noch übrig, eine nutzlose, alte Frau ohne Grund, weiter zu leben.“ Die Damen Wang und Yüan-yang versuchten, sie zu trösten. Bau-tschai und Li [Wan] waren an diesem Tag nicht da, und Hsi-fëng war in den letzten Tagen auch wieder krank. Die Dame Wang fürchtete, daß die Krankheit der Herzoginmutter durch diesen geistigen Druck noch verschlimmert würde, und schickte sofort nach den anderen Damen, daß diese zur Herzoginmutter kommen möchten. Sie selbst kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und rief Tsai-yün zu sich. „Dieses dumme, alte Dienstmädchen!“, sagte sie ärgerlich, „wenn ich in Zukunft bei der Herzoginmutter bin, wirst du mich nicht noch einmal stören, egal, worum es geht!“ Tsai-yün versprach, diese Anweisungen zu befolgen und sagte nichts mehr. Die alte Frau war inzwischen bei der Dame Hsing angekommen, als die Neuigkeit antraf, daß die zweite Herrin [Ying-tschun] gestorben war. Die Dame Hsing brach in Tränen aus. Während der Abwesenheit von [Ying-tschuns] Vater [Djia Schë] mußte sie Djia Liän zu den Suns schicken, daß er die Familie repräsentieren möge. Die Herzoginmutter war so krank, daß niemand es wagte, ihr die Neuigkeiten zu überbringen. Ohje, was für ein grausames Ende für so ein zartes Geschöpf, ihre blumenhafte Schönheit war innerhalb eines Ehejahres dahingewelkt! Niemand von den Djias konnte das Haus mit der Herzoginmutter in einem solchen Zustand verlassen, und die Suns gaben Ying-tschun eine erwartungsgemäß notdürftige Beerdigung. Der Herzoginmutter ging es weiterhin immer schlechter, doch ihre einzigen Gedanken waren stets bei ihren Enkelinnen und Großnichten. Einmal stand Hsiang-yün im Zentrum ihrer Gedanken, und sie schickte eine Magd, um zu sehen, wo sie war. Die Magd kehrte zurück und schlich hinein, um heimlich Yüan-yang zu finden. Yüan-yang stand am Bett sowie die Dame Wang und die anderen Damen. Die Magd, welche nicht stören wollte, ging zurück, um Hu-po zu suchen. „Die gnädige Frau schickt mich, um Neuigkeiten von Fräulein Shï [Hsiang-yün] einzuholen“, sagte sie zu Hu-po, „und ich sah, daß sie bitterlich weinte! Ihr Ehemann ist plötzlich krank geworden, und die Ärzte sagen, es gäbe keine Hoffnung mehr für ihn. Im besten Fall kommt es zu einer Auszehrung, und er erlebt noch weitere vier oder fünf Jahre! Du kannst dir vorstellen, wie sehr es Fräulein Shï [Hsiang-yün] zu schaffen macht! Sie ist von der Krankheit der gnädigen Frau tief bedrückt, doch jetzt kann sie ihr zu Hause einfach nicht verlassen. Sie sagte mir, ich solle die Krankheit ihres Mannes nicht gegenüber der gnädigen Frau erwähnen. Wenn die gnädige Frau fragt, mußt du dir eine Ausrede für ihre Abwesenheit [Hsiang-yüns] einfallen lassen.“ Hu-po seufzte tief und schickte die Magd nach langem Schweigen fort. Sie dachte auch, es sei unklug, die Herzoginmutter davon zu unterrichten und ging mit der Absicht an ihr Bett, mit Hilfe von Yüan-yang eine erfundene Geschichte zu erzählen. Sie fand die Herzoginmutter leichenblaß und jeder im Raum flüsterte: „Man kann sehen, daß sie von uns geht!“ Hu-po wagte kein Wort zu sagen. Djia Dschëng wandte sich an Djia Liän, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, und Djia Liän schlich hinaus, um seine Anweisungen zu geben. Er versammelte draußen den restlichen Hausstand. „Die gnädige Frau weilt nicht mehr lange unter uns. Ihr müßt sicher gehen, daß alles in Ordnung ist. Zunächst untersucht ihr den Sarg und meßt ihn genau ab. Geht durch alle Gemächer, nehmt eines jeden Maße auf und gebt dem Schneider eine vollständige Liste mit Anweisungen, für jeden Trauergewänder zu schneidern. Sorgt dafür, daß im Garten für die Beerdigung ein Tuch aufgespannt wird und Sargträger bestellt werden. Und haltet die Küche voll besetzt.“ – „Der zweite Herr [Liän]“, antwortete Lai Da für die anderen, „machen Sie sich darüber keine Sorgen. Wir haben bereits an alles gedacht. Doch woher nehmen wir das Geld?“ – „Wir müssen uns nichts leihen“, sagte Djia Liän, „die gnädige Frau hat selbst vorgesorgt. Der gnädige Herr [Djia Dschëng] trug mir eben auf, daß er keine Kosten scheuen möchte. Es soll würdevoll vonstatten gehen; wir möchten alles gut präsentieren.“ – „Ja, Herr.“ – Lai Da und die anderen gingen sofort ihren Aufträgen nach, und Djia Liän kehrte in seine eigenen Gemächer zurück. „Wie geht es deiner Herrin [Liän]?“, fragte er Ping-örl. Ping-örl blickte in Richtung des inneren Raumes: „Geht und seht selbst!“ Djia Liän ging hinein. Hsi-fëng war bemüht, sich selbst anzukleiden, doch war sie zu schwach. Sie war auf dem Ofenbett zusammengebrochen und lehnte über dem Ofenbett-Tisch. „Es ist jetzt keine Zeit zum Ausruhen!“, rief Djia Liän. „Mit der gnädigen Frau neigt es sich heute oder morgen zum Ende, und du mußt da sein. Beeil’ dich und sag’, daß hier alles aufgeräumt werden soll. Und nimm dich zusammen, wenn das Schlimmste passiert, werden wir uns nicht zurückziehen können.“ „Es ist nichts mehr zum Aufräumen übrig!“, sagte Hsi-fëng bitter. „Nur noch etwas Krempel, nichts, worum man sich sorgen müßte. Geh nur vor, der gnädige Herr [Djia Dschëng] könnte nach dir verlangen. Komm wieder, wenn ich vernünftig angezogen bin.“ Djia Liän kehrte in die Gemächer der Herzoginmutter zurück, und berichtete Djia Dschëng leise, daß alle Vorbereitungen getroffen und alle Aufträge erteilt worden seien. Djia Dschëng nickte. Der Kaiserliche Leibarzt wurde angekündigt, und Djia Liän ging hinaus, um ihn zu empfangen. Der Puls der Herzoginmutter wurde gemessen, und dann fuhr der Arzt fort, Djia Liän in gedämpftem Ton zu berichten: „Der Puls der gnädigen Frau ist sehr schwach. Ihr müßt auf das Schlimmste gefaßt sein.“ Djia Liän verstand und überbrachte der Dame Wang und den anderen die Nachricht. Die Dame Wang gab Yüan-yang ein bedeutungsvolles Zeichen und trug ihr auf, die Begräbniskleidung der gnädigen Frau vorzubereiten. Yüan-yang ging sie holen. Die Herzoginmutter öffnete ihre Augen und bat um etwas Tee. Die Dame Hsing brachte ihr eine Tasse Ginseng-Tee, und sie setzte ihre Lippen daran. „Nicht sowas!“ protestierte sie. „Gebt mir vernünftigen Tee!“ Sie wagten nicht, ihr die Bitte zu verweigern und brachten ihr sofort normalen Tee. Sie nahm einen Schluck, dann noch einen und dann kündigte sie an, sie wolle sich aufsetzen. „Gnädige Frau [Mutter],“ flehte Djia Dschëng für die anderen, „was immer du möchtest, du mußt es uns nur sagen. Doch bitte streng dich selbst nicht zu sehr mit dem Sitzen an!“ – „Ich habe etwas getrunken und fühle mich nun besser“, antwortete sie. „Ich möchte gerne sitzen und mich etwas unterhalten.“ Dschën-dschu und die anderen Mägde stützten sie vorsichtig mit den Händen. Sie schien wiederbelebt. Doch ob sie nun weiterlebt oder nicht, das erfährt man im nächsten Kapitel.
Anmerkungen
- ↑ Aus: Bo Djü-yi: „Lied andauernden Kummers“ (Tang-Gedicht).
- ↑ Im Gedicht wird der Schönheit Yang Guee-fee gedacht. Dies erinnert an eine frühere Gelegenheit, bei der Lin Dai-yü wütend wurde, als Bau-yü sie durch das Zitieren eines Gedichts mit ihr verglich.
- ↑ Wörtlich (hier und im Folgenden): Die zweite hinausgeheiratete Herrin. Frauen gehören im traditionellen chinesischen Verständnis ab ihrer Hochzeit zur Familie des Ehemannes.