Hongloumeng/de/Chapter 67
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Kapitel 67
馈土物颦卿念故里 / 讯家童凤姐蓄阴谋
Mitbringsel aus dem Süden wecken Kajaljades Heimweh; Phönixglanz erfährt das Geheimnis und sinnt auf Rache
Es wird erzählt, dass nach dem Selbstmord der Dritten Schwester You[1] die alte Frau You sowie die Zweite Schwester You, Kaufmann Schein-Echt[2], die Schwägerin You, Kaufmann Herrlichkeit[3], Kaufmann Jadeschale[4] und alle anderen, die davon erfuhren, untröstlich waren vor Kummer und Trauer — das versteht sich von selbst. Eilig ließen sie einen Sarg kaufen und die Tote einkleiden, um sie vor der Stadt zu bestatten. Was Liu Xianglian[5] betrifft: Nachdem er den Tod der Dritten Schwester gesehen hatte, war sein Herz noch immer von verwirrter Leidenschaft und törichter Anhänglichkeit erfüllt. Doch ein taoistischer Wandermönch durchbrach mit einigen Versen die Schranken seiner Verblendung, und er schor sich das Haar, entsagte der Welt und folgte dem verrückten Mönch davon — wohin, wusste niemand. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Nun sei erzählt, dass Tante Schnee[6], als sie erfuhr, dass Xianglian sich bereits mit der Dritten Schwester You verlobt hatte, höchst erfreut war und fröhlich Pläne schmiedete, ihm ein Haus zu kaufen, die Ausstattung zu besorgen, die Mitgift herzurichten und einen glückverheißenden Tag für die Hochzeit auszuwählen — alles, um ihm seine Lebensrettung zu vergelten. Doch plötzlich erschien ein Hausbursche bei Tante Schnee und berichtete vom Selbstmord der Dritten Schwester You und von Liu Xianglians Eintritt ins Kloster. Tante Schnee seufzte tief. Während sie noch rätselte, was der Grund sein mochte, kam gerade Schatzspange[7] aus dem Garten herüber. Tante Schnee sprach zu ihr: „Mein Kind, hast du schon gehört? Die Schwester deiner Schwägerin Schein-Echt, die Dritte Schwester You — war sie nicht bereits dem Schwurbruder deines Bruders, Liu Xianglian, versprochen? Das war doch alles bestens. Aber nun hat sich die Dritte Schwester You die Kehle durchgeschnitten, und Liu Xianglian ist ins Kloster gegangen. Wahrhaftig seltsame Dinge — wer hätte das gedacht!" Schatzspange hörte das gelassen an und sagte: „Das Sprichwort sagt es treffend: ‚Am Himmel ziehen unerwartete Wolken auf, und den Menschen droht jederzeit Unheil.'[8] Das war eben ihr Schicksal aus einem früheren Leben — sie waren nicht dazu bestimmt, Eheleute zu werden. Mama empfindet das so stark, weil er unserem Bruder das Leben gerettet hat, deshalb seufzt sie so. Wenn beide wohlauf wären, sollte Mama ihm natürlich helfen. Aber nun ist die eine tot und der andere ins Kloster gegangen — da können wir nichts tun, meiner Meinung nach. Mama sollte sich auch nicht so sehr grämen und die eigene Gesundheit schädigen. Übrigens — seit der Bruder vor zehn, zwanzig Tagen aus dem Süden zurückgekehrt ist, müssten die mitgebrachten Waren inzwischen wohl alle ausgeliefert sein. Die Handelsgehilfen, die ihn begleitet haben, haben monatelang Strapazen auf sich genommen. Mama sollte mit dem Bruder besprechen, ob man sie nicht zu einem Essen einladen und ihnen danken sollte. Sonst sieht es aus, als wären wir unhöflich."
Während Mutter und Tochter noch sprachen, trat Schnee Becken[9] von draußen herein, die Augen noch feucht von ungetrockneten Tränen. Kaum durch die Tür, schlug er die Hände zusammen und rief seiner Mutter zu: „Mama, hast du schon von Bruder Liu und der Dritten Schwester You gehört?" Tante Schnee sagte: „Ich habe es im Garten reden gehört und war gerade dabei, es mit deiner Schwester zu besprechen." Schnee Becken sagte: „Ist das nicht höchst seltsam?" Tante Schnee sagte: „Dieser Herr Liu — ein so junger, kluger Mensch, wie konnte er nur in einer Anwandlung von Verwirrung einem Wandermönch folgen? Ich denke, er muss in einem früheren Leben bereits ein Mensch mit tiefen karmischen Wurzeln gewesen sein, weshalb er so leicht empfänglich war für die Worte der Erleuchtung. Bedenke, dass ihr gute Freunde wart und er weder Eltern noch Geschwister hat, ganz allein hier — du solltest überall nach ihm suchen. So ein verrückter hinkender Mönch kann doch nicht weit gekommen sein! Wahrscheinlich versteckt er sich in irgendeinem Tempel in der Nachbarschaft."
Schnee Becken sagte: „Natürlich! Sobald ich die Nachricht hörte, bin ich mit meinen Burschen überall suchen gegangen — keine Spur von ihm. Ich habe auch Leute gefragt — alle sagten, sie hätten nichts gesehen. Da wusste ich mir keinen Rat mehr und habe nur noch gen Nordwesten geschaut und bitterlich geweint." Dabei wurden seine Augenränder schon wieder rot. Tante Schnee sagte: „Wenn du gesucht hast und ihn nicht findest, hast du deine Pflicht als Freund erfüllt. Wer weiß — vielleicht hat ihm der Eintritt ins Kloster Gutes gebracht? Grüble nicht zu viel. Erstens solltest du dich um die Geschäfte kümmern, und zweitens die Vorbereitungen für deine eigene Hochzeit vorantreiben. In unserem Haus fehlt es an Leuten — da gilt das Sprichwort: ‚Der dumme Spatz muss früh losfliegen'[10], damit nicht in letzter Minute alles durcheinandergerät und die Leute lachen. Außerdem hat deine Schwester eben gesagt, du bist schon über einen halben Monat zurück, die Waren müssten verteilt sein, und du solltest die Handelsgehilfen zu einem Festessen einladen und ihre Mühen belohnen. Sie mögen zwar bei uns in Lohn und Brot stehen, aber sie sind doch auch Außenstehende, haben dich ein-, zweitausend Li weit begleitet und vier, fünf Monate lang Strapazen ertragen — und unterwegs noch so manche Gefahr und Last für dich auf sich genommen." Schnee Becken hörte das und sagte: „Mama hat recht, Schwester denkt an alles. Ich hatte es genauso vor, nur war ich in den letzten Tagen mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass mir der Kopf schwirrte. Und dann die Sache mit Bruder Lius Hochzeit — wieder einige Tage vertan, alles umsonst, die eigentlichen Dinge vernachlässigt. Gut, dann setzen wir es auf morgen oder übermorgen an und verschicken die Einladungen."
Tante Schnee sagte: „Kümmere dich darum." Noch bevor sie ausgesprochen hatte, meldete ein Hausbursche von draußen: „Der Gehilfe des Oberbuchhalters Zhang hat zwei Kisten schicken lassen. Er sagt, das seien Dinge, die der junge Herr privat gekauft hat und die nicht in den Warenkonten stehen. Er wollte sie schon früher bringen, aber die Warenkisten lagen darauf. Gestern, als die Waren alle ausgeliefert waren, konnte er sie endlich herausnehmen, deshalb schickt er sie erst heute." Während er noch sprach, trugen zwei Burschen zwei große, mit Leisten zusammengehaltene Palmfaserkisten herein. Schnee Becken schlug sich an die Stirn: „Ach du meine Güte, wie konnte ich nur so vergesslich sein! Die Dinge, die ich eigens für Mama und Schwester mitgebracht habe, habe ich ganz vergessen und nicht nach Hause geholt — die Gehilfen mussten sie mir nachschicken!" Schatzspange sagte: „Du sagst, du hättest sie ‚eigens' mitgebracht — und dann lässt du sie zehn, zwanzig Tage liegen. Wenn du sie nicht ‚eigens' mitgebracht hättest, hätten sie wohl bis Jahresende hier gelegen! Du achtest wirklich auf gar nichts." Schnee Becken lachte: „Vermutlich haben mir die Räuber unterwegs den Verstand aus dem Leib erschreckt, und er ist noch nicht zurückgekehrt."
Alle lachten, und dann sagte er zu dem Burschen: „Die Sachen sind angenommen, sie können gehen." Tante Schnee und Schatzspange fragten neugierig: „Was sind das für kostbare Dinge, so verschnürt und verklammert?" Man ließ die Seile durchschneiden, die Leisten abnehmen und die Schlösser öffnen. Darin fanden sich Seidenstoffe, Brokat, Damast und ausländische Waren — alles nützliche Dinge für den Hausgebrauch. Nur in Schatzspanges Kiste gab es neben Pinseln, Tusche, Reibsteinen, buntem Briefpapier, Duftsäckchen, Duftperlen, Fächern, Fächeranhängern, Puder, Rouge und Haaröl noch allerlei Mitbringsel vom Tigerberg[11]: mechanische Figürchen, Trinkspiel-Lose, mit Quecksilber gefüllte Purzelbäumchen-Männchen, Sandlampen und ganze Szenen aus Tonfiguren, in mit grüner Gaze bespannten Kästchen aufbewahrt. Außerdem ein Abbild von Schnee Becken selbst, aus Ton geformt und ihm aufs Haar gleichend, sowie viele weitere kleine Spielereien. Schatzspange war hocherfreut, rief ihr Dienstmädchen und wies sie an: „Trag diese Kiste in den Garten hinein — von dort aus kann ich gleich die Geschenke an die anderen verteilen." Damit verabschiedete sie sich von ihrer Mutter und ging in den Garten. Tante Schnee ihrerseits nahm die Dinge aus ihrer Kiste heraus, teilte sie sorgfältig ein und ließ sie durch das Mädchen Tongxi zur Herzoginmutter[12] und Frau Wang[13] und den anderen bringen.
Nun sei erzählt, dass Schatzspange die Kiste in ihr Zimmer bringen ließ, jedes Stück einzeln durchsah und — abgesehen von dem, was sie selbst behielt — alles sorgfältig in Päckchen einteilte: Für die einen Pinsel, Tusche, Papier und Reibsteine; für die anderen Duftsäckchen, Fächer und Fächeranhänger; wieder für andere Rouge und Haaröl; und für manche nur Spielsachen — je nach Person bemessen. Nur Kajaljade[14] erhielt ein doppelt so reiches Päckchen wie alle anderen. Als alles fertig eingepackt war, schickte sie Oriölchen[15] zusammen mit einer alten Dienerin los, die Geschenke überallhin zu überbringen.
Li Schleierfrau[16], Schatzjade[17] und die anderen nahmen die Geschenke entgegen, belohnten die Botin und ließen ausrichten, sie würden sich beim nächsten Treffen persönlich bedanken — das Übliche eben. Nur Kajaljade — als sie die Dinge aus der Heimat am Jangtse erblickte, wurde sie von Wehmut übermannt und musste an ihre Eltern denken. Vor den Mitbringseln stehend, vergoss sie Tränen und seufzte still bei sich: „Ich bin eine Tochter des Südens. Vater und Mutter sind beide tot, Geschwister habe ich keine — ganz allein lebe ich hier bei meiner Großmutter mütterlicherseits, dazu noch ständig krank. Außer der Herzoginmutter, der Tante und den Schwestern, die nach mir schauen, gibt es keinen einzigen Verwandten mit dem Namen Lin, der mich besuchen und mir Heimatgeschenke mitbringen könnte — damit ich auch einmal etwas verschenken und das Gesicht wahren könnte. Man sieht: Wer keine nächsten Blutsverwandten hat, dem bleibt nur Einsamkeit, Kälte und Trostlosigkeit!" Bei diesen Gedanken überwältigte sie der Kummer.
Purpurkuckuck[18], die Kajaljade seit vielen Jahren bediente und ihr Tag und Nacht zur Seite stand, kannte das Innere ihrer Herrin nur zu gut: Der Anblick der Heimatgaben hatte ihr Herz berührt und die Sehnsucht nach den Eltern geweckt. Doch sie wagte es nicht, dies offen auszusprechen, und tröstete sie nur von der Seite: „Das Fräulein ist ohnehin viel krank und nimmt morgens und abends noch Medizin. In den letzten Tagen schien es etwas besser — ein wenig mehr Appetit, ein wenig mehr Kraft —, aber von wirklicher Genesung kann noch keine Rede sein. Heute schickt Fräulein Schatzspange diese Geschenke — das zeigt, wie sehr sie das Fräulein schätzt. Das Fräulein sollte sich freuen! Warum wird sie stattdessen traurig? Wenn Fräulein Schatzspange erfährt, dass ihre Geschenke statt Freude nur Kummer gebracht haben — wie peinlich wäre das! Und dann bedenke das Fräulein: Die Herzoginmutter und die Gnädigen Frauen haben mit allen Mitteln die besten Ärzte bestellt, um die Krankheit des Fräuleins zu heilen. Kaum geht es etwas besser, und das Fräulein weint wieder — ist das nicht, als verdürbe man sich selbst den Leib und wollte die Herzoginmutter nicht froh sehen? Die Krankheit des Fräuleins kommt doch gerade von zu vielen Sorgen und zu viel Kummer, die das Blut und die Lebenskraft geschädigt haben. Der kostbare Leib des Fräuleins darf nicht so leichtfertig behandelt werden."
Gerade als Purpurkuckuck noch auf Kajaljade einredete, hörte man ein kleines Dienstmädchen draußen im Hof rufen: „Der Zweite junge Herr Bao kommt!" Purpurkuckuck rief eilig: „Bittet ihn schnell herein!"
Kaum hatte sie ausgesprochen, trat Schatzjade schon ins Zimmer. Kajaljade bot ihm einen Platz an. Als Schatzjade sah, dass ihr Gesicht tränennass war, fragte er: „Schwester, wer hat dich wieder gekränkt? Deine Augen sind ja ganz rot geweint — was ist denn los?" Kajaljade antwortete nicht. Purpurkuckuck wies mit dem Kinn zum Bett hin. Schatzjade verstand, blickte zum Bett und sah dort allerlei Dinge aufgehäuft — sofort erkannte er, dass es Schatzspanges Geschenke waren. Er lachte und neckte: „Feine Sachen! Will die Schwester etwa einen Gemischtwarenladen aufmachen? Wozu liegen die alle hier herum?" Kajaljade beachtete ihn nicht. Purpurkuckuck sagte: „Der Zweite Herr spricht noch von den Sachen! Fräulein Schatzspange hat einige Dinge geschickt, und kaum hat unser Fräulein sie angesehen, brach sie in Tränen aus. Ich rede ihr gut zu und schlecht zu — nichts hilft. Und gerade nach dem Essen! Wenn sie weiter weint und sich den Magen verdirbt und die alte Krankheit zurückkehrt — die Herzoginmutter wird uns den Kopf abreißen! Dass der Zweite Herr kommt, ist ein Glück — helft uns ein wenig beim Trösten."
Schatzjade war von Natur aus ein kluger Mensch, und überdies richtete er sein ganzes Herz stets auf Kajaljade. Er kannte sie durch und durch: empfindsam, empfindlich, dazu ehrgeizig und nicht gewillt, hinter anderen zurückzustehen. Beim Anblick der Mitbringsel, die ihr Bruder aus dem Süden geschickt hatte — Dinge aus der Heimat —, musste sie an andere schmerzliche Dinge denken — darin lag der wahre Grund ihrer Trauer. All das wusste Schatzjade in seinem Herzen, doch er wollte es nicht aussprechen, um Kajaljade nicht noch mehr aufzuwühlen. So sagte er lachend: „Euer Fräulein weint nicht aus einem anderen Grund — nur weil Fräulein Schatzspange zu wenig geschickt hat, ist sie beleidigt und traurig. Schwester, sei beruhigt! Nächstes Jahr fahre ich selbst nach Jiangnan und bringe dir zwei ganze Bootsladungen mit — dann brauchst du nicht mehr zu weinen!" Kajaljade hörte das und musste unwillkürlich auflachen: „So weltfremd bin ich nun auch wieder nicht, dass ich wegen zu weniger Geschenke traurig würde! Ich bin doch kein kleines Kind von zwei, drei Jahren! Du hältst mich wirklich für gewöhnlich und kleinlich. Ich habe meine eigenen Gründe — die kennst du nicht." Während sie sprach, flossen die Tränen erneut.
Schatzjade rückte eilig zum Bett hinüber, setzte sich neben Kajaljade und nahm die Dinge eines nach dem anderen in die Hand, betrachtete sie eingehend und fragte absichtlich: „Was ist das? Wie heißt es? Wie ist das gemacht — so kunstvoll? Und das — wozu dient es? Schwester, schau, dieses Stück könnte man ins Bücherregal stellen, und jenes auf den Beistelltisch als Antiquität!" So lenkte er sie mit allerhand nichtigen Fragen und Bemerkungen eine Weile ab. Kajaljade, die seine kindische Art sah — wie er alles befragte und befingerte —, musste trotz allem ein wenig lachen und legte ihren Kummer vorübergehend beiseite. Als Schatzjade sah, dass ihre Miene sich aufhellte, sagte er: „Schwester Schatzspange hat uns Geschenke geschickt — ich finde, wir sollten zu ihr gehen und uns bedanken. Kommst du mit?" Kajaljade wollte eigentlich nicht eigens wegen ein paar Geschenken auf Besuch gehen — bei Gelegenheit ein Wort des Dankes hätte genügt. Doch Schatzjades Argument war einleuchtend und ließ sich schwer abweisen. So ging sie wohl oder übel mit Schatzjade. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Nun sei erzählt, dass Schnee Becken den Rat seiner Mutter befolgte und eilig Einladungen verschickte und ein Festessen herrichten ließ. Am nächsten Tag waren tatsächlich drei, vier Handelsgehilfen vollzählig erschienen. Man besprach zunächst Geschäftliches — Warenauslieferung und Kontobücher —, dann nahm man an der Tafel Platz, und Schnee Becken schenkte jedem Wein ein und dankte für die Mühen. Aus dem Inneren des Hauses ließ Tante Schnee noch besonders grüßen und danken. Da fragte einer der Gehilfen: „Warum fehlt heute der Erste Bruder Liu am Tisch? Hat der Hausherr vergessen, ihn einzuladen?" Schnee Becken zog die Brauen zusammen, seufzte und sagte: „Fragt nicht, fragt nicht! Ihr wisst es offenbar noch nicht. Wenn ich von diesem Menschen rede — es ist wahrhaft zum Seufzen! Vor ein, zwei Tagen wurde er plötzlich von einem verrückten Mönch ‚erlöst' und ist ihm als Geistlicher gefolgt. Ist das nicht höchst sonderbar?" Die Gehilfen sagten: „Wir haben im Laden gehört, wie die Leute draußen redeten — ein Mönch habe mit drei Worten einen weltlichen Mann bekehrt; manche sagten, der Wind habe ihn davongetragen, andere, er sei auf einer Wolke davongeflogen. Allerlei Gerüchte! Wir waren mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass wir es nicht weiter beachtet haben — bis heute wussten wir nicht einmal, ob es wahr ist. Nun hören wir: Der Bekehrte war also der Erste Bruder Liu! Hätten wir das gewusst, hätten wir gemeinsam auf ihn eingeredet. So einen hätten wir nicht gehen lassen! Ach, wieder einen guten Freund weniger! Wirklich schade und beklagenswert. Kein Wunder, dass der Hausherr betrübt ist. So ein kluger Mensch — ob er wirklich einem Mönch gefolgt ist? Bruder Liu kann Kampfkünste und hat Kraft. Vielleicht hat er eine Schwäche in der Zauberei des Mönchs entdeckt und tut nur so, als sei er ihm gefolgt, um ihn hinterrücks zu entlarven!" Schnee Becken sagte: „Wer weiß — wenn es so wäre, umso besser; dann gäbe es einen Schwindler weniger auf der Welt." Die Gehilfen fragten: „Hast du denn nicht nach ihm gesucht?" Schnee Becken sagte: „In der ganzen Stadt und vor den Toren — überall haben wir gesucht! Lacht mich nicht aus — ich habe sogar geweint." Daraufhin seufzte er nur noch, niedergeschlagen und ohne die sonst übliche Fröhlichkeit. Obwohl die Tafel mit Hühnern, Gänsen, Fisch und Ente, mit Berg- und Meeresdelikatessen reichlich besetzt war, drückte die trübe Stimmung des Gastgebers auf alle. Die Gehilfen tranken nur einige Becher, aßen ein wenig und gingen bald auseinander. Doch davon genug.
Nun sei erzählt, dass Schatzjade Kajaljade mit zu Schatzspange führte, um sich zu bedanken. Man tauschte die üblichen Höflichkeiten aus. Kajaljade sagte zu Schatzspange: „Der große Bruder hat sich auf der langen Reise so abgemüht — wie viel kann er schon mitgebracht haben? Bei all den Geschenken an uns alle — was bleibt da noch für dich?" Schatzjade sagte: „Ganz recht!" Schatzspange lachte: „Es sind keine kostbaren Dinge — nur Mitbringsel von der Reise, die ein wenig neuartig wirken. Ob mir etwas übrigbleibt, ist unwichtig — wenn ich nächstes Jahr etwas haben möchte, bitte ich meinen Bruder einfach, es mitzubringen. Was ist schon dabei?"
Schatzjade sagte sofort: „Wenn nächstes Jahr wieder etwas kommt, dann muss die Schwester uns auch wieder etwas schenken! Vergiss uns nicht!" Kajaljade sagte: „Du willst etwas haben — dann sag einfach, dass du etwas willst. Warum ziehst du ‚uns' mit hinein? Schwester, sieh nur — Bruder Schatzjade ist nicht gekommen, um sich zu bedanken, sondern um schon die Geschenke fürs nächste Jahr zu bestellen!" Schatzjade lachte: „Wenn ich etwas bekomme, fällt dann nicht auch ein Teil für dich ab? Statt mir zu helfen, machst du spitze Bemerkungen!" Alle lachten. Schatzspange fragte: „Wie kommt es, dass ihr beide so gleichzeitig hier seid — wer hat wen abgeholt?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Da Schwester mir Geschenke geschickt hat, dachte ich, Schwester Kajaljade hat sicher auch welche bekommen, und wir sollten beide danken gehen. Also ging ich zuerst zu ihr. Aber als ich ankam, saß sie bedrückt in ihrem Zimmer — ich weiß nicht, warum sie so gerne weint." Bei dem Wort „Tränen" bemerkte er Kajaljades scharfen Blick und brach ab. Schnell lenkte er ein: „Schwester Kajaljade hat in den letzten Tagen Beschwerden gehabt und fürchtet einen Rückfall — deshalb war sie aufgelöst. Ich habe sie eine Weile getröstet, und dann sind wir hergekommen. Erstens um zu danken, zweitens damit sie nicht allein in ihrem Zimmer sitzt und grübelt."
Schatzspange sagte: „Wenn die Schwester Angst vor Krankheit hat, ist das verständlich — man muss eben beim Essen und Trinken, beim An- und Auskleiden und bei Hitze und Kälte besonders aufpassen. Aber warum sich grämen? Schwester, du weißt doch: Kummer schadet dem Blut und der Lebenskraft. Wenn man sich den Schaden erst eingeholt hat, wird man erst recht krank. Denk doch einmal darüber nach." Kajaljade sagte: „Schwester hat recht. Ich weiß das ja selbst. Nur — in den letzten Jahren, Schwester hat es ja gesehen, bin ich jedes Jahr ein-, zweimal krank geworden, bis ich mich davor fürchte. Kaum sehe ich Medizin, ob sie wirkt oder nicht — schon bei dem Geruch bekomme ich Kopfschmerzen und Übelkeit. Wie soll ich da keine Angst haben?" Schatzspange sagte: „Das mag sein, aber sich grämen hilft nicht. Lieber solltest du dich, wenn du dich unwohl fühlst, aufraffen und draußen herumspazieren, dir das Herz ein wenig aufheitern — das ist besser, als im Zimmer zu hocken und zu brüten. Kummer ist der größte Krankheitserreger. Auch ich hatte in den letzten Tagen das Gefühl, träge und matt zu sein und mich nur noch hinlegen zu wollen. Aber weil ich fürchtete, bei dem schlechten Wetter krank zu werden, habe ich mich dagegen gestemmt und nach Beschäftigungen gesucht — und so ging der Tag auch vorbei. Schwester, nimm es mir nicht übel: Je mehr man sich fürchtet, desto mehr kommen die Gespenster!"
Schatzjade hörte das und fragte eilig: „Schwester Schatzspange, wo sind die Gespenster? Ich sehe keins!" Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Schatzspange sagte: „Du dummes kleines Herrchen — das war bildlich gesprochen! Wo sollen denn echte Gespenster sein? Wenn es wirklich welche gäbe, würdest du bestimmt wieder weinen vor Schreck!" Kajaljade lachte: „Schwester hat recht — man muss ihm eins auswischen! Wer heißt ihn, so vorwitzig zu sein!" Schatzjade sagte: „Kaum kritisiert jemand mich, freust du dich. Dafür bist du jetzt nicht mehr betrübt — gehen wir also nach Hause." So plauderten und scherzten sie noch eine Weile, dann verabschiedeten sich die beiden von Schatzspange. Schatzjade brachte Kajaljade bis vor die Tür des Bambushain-Pavillons[19] und ging dann zu sich nach Hause. Doch davon genug.
Nun sei erzählt, dass die Nebenfrau Zhao, als sie Schatzspanges Geschenk für den jungen Huan[20] sah, es eilig entgegennahm und sich vor Freude nicht lassen konnte. Überschwänglich lobte sie: „Alle sagen, Fräulein Schatzspange versteht es, sich zu benehmen und ist großzügig — heute sehe ich, dass es stimmt. Ihr Bruder hat doch nur begrenzt Dinge mitbringen können, und sie verteilt von Haus zu Haus, vergisst niemanden und lässt nicht erkennen, wem sie mehr gibt und wem weniger — sogar an uns arme Schlucker hat sie gedacht. Wirklich bewundernswert! Wenn es Fräulein Kajaljade wäre — nun ja, ihr schickt ja niemand etwas; aber selbst wenn jemand etwas brächte, würde sie nur den Einflussreichen und Angesehenen etwas schenken — an unsereins käme sie nie heran! Man sieht: Wer es versteht, sich zu benehmen, der sticht wirklich heraus." Die Nebenfrau Zhao, ganz stolz, weil Huan etwas bekommen hatte, betrachtete die Gaben wieder und wieder in ihren Händen. Da Schatzspange eine Nichte von Frau Wang mütterlicherseits war, wollte sie die Gelegenheit nutzen, sich bei Frau Wang einzuschmeicheln. So trug sie die Sachen zu Frau Wangs Gemächern, stellte sich an die Seite und sprach: „Das hat Fräulein Schatzspange gerade dem jungen Huan geschickt. So jung und schon so umsichtig! Ich habe dem Botenmädchen zweihundert Kupfermünzen als Trinkgeld gegeben. Ich habe auch gehört, dass Tante Schnee der Gnädigen Frau etwas geschickt hat — was mag es wohl sein? Seht nur — aus einem Haus kommen zwei Portionen; wie viel kann es da schon sein? Kein Wunder, dass die Herzoginmutter und die Gnädige Frau sie so loben und lieben — sie macht sich wirklich beliebt." Damit reichte sie Frau Wang die Gaben zur Ansicht. Doch Frau Wang hob nicht einmal den Kopf, streckte nicht einmal die Hand aus und sagte nur: „Schön, gib es dem jungen Huan zum Spielen" — ohne auch nur hinzusehen. Die Nebenfrau Zhao hatte sich eine Abfuhr geholt und kehrte voller Ärger in ihr Zimmer zurück, warf die Sachen in eine Ecke und schimpfte endlos über dies und jenes, ohne dass ihr jemand zuhörte. Sie saß schmollend in ihrer Ecke. Man sieht: Die Nebenfrau Zhao war ein kleinlicher, begriffsstutziger Mensch — selbst wenn sie etwas Gutes erhielt, verdarb sie es durch ihr ärgerliches Geschwätz. Kein Wunder, dass Spürfrühling[21] sich über sie ärgerte und sie geringschätzte. Doch genug davon.
Nun sei erzählt, dass Schatzspanges Botenmädchen zurückkam und berichtete: „Alle haben gedankt, manche haben Trinkgeld gegeben. Nur das Päckchen für die kleine Qiaojie[22] — das habe ich zurückgebracht." Schatzspange fragte verwundert: „Warum denn? Hast du es nicht abgeliefert, oder hat man es nicht angenommen?" Oriölchen sagte: „Als ich bei der Familie des jungen Huan die Sachen abgab, sah ich, dass die Zweite Herrin zur Herzoginmutter gegangen war. Wenn die Zweite Herrin nicht zu Hause ist, wem sollte ich es dann geben? Darum habe ich es nicht abgegeben." Schatzspange sagte: „Du bist wirklich ein Dummchen! Wenn die Zweite Herrin nicht da ist — sind denn Friedchen[23] und Fenger auch nicht da? Du gibst es einfach bei ihnen ab, und wenn die Zweite Herrin zurückkommt, sagen sie es ihr. Muss man es unbedingt persönlich überreichen?"
Oriölchen nahm das Päckchen und ging erneut aus dem Garten hinaus zu Phönixglanz[24]. Unterwegs sagte sie zur alten Dienerin: „Hätte ich es gleich abgeliefert, wäre alles erledigt gewesen und mir dieser Gang erspart geblieben." Die Alte sagte: „Müßig herumzusitzen ist auch langweilig — ein kleiner Spaziergang schadet nicht. Nur hat das Fräulein heute schon viele Wege gemacht und ist sicher müde. Nach diesem letzten Gang können wir uns dann gemeinsam ausruhen." So plaudernd kamen sie bei Phönixglanz an, lieferten die Geschenke ab und kehrten zu Schatzspange zurück. Schatzspange fragte: „Hast du die Zweite Herrin gesehen?" Oriölchen sagte: „Nein." Schatzspange fragte: „Ist sie noch nicht zurück?" Das Mädchen sagte: „Doch, sie war zurück. Aber Fenger hat mir gesagt: ‚Die Zweite Herrin kam von der Herzoginmutter zurück und war nicht wie sonst fröhlich und vergnügt, sondern hatte einen zornigen Gesichtsausdruck. Sie hat Friedchen zu sich gerufen und tuschelt im Flüsterton mit ihr — niemand darf zuhören. Sogar mich hat sie hinausgeschickt. Geh besser nicht hinein — ich sage es ihr für dich.' Also hat Fenger die Sachen hineingetragen und kam mit der Nachricht zurück: ‚Die Zweite Herrin dankt dem Fräulein schön.' Sie hat uns einen Faden Kupfergeld als Trinkgeld gegeben, und damit bin ich zurückgekommen." Schatzspange hörte das, grübelte eine Weile und konnte sich nicht erklären, warum Phönixglanz so erzürnt war. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Nun sei erzählt, dass Dufthauch[25], als Schatzjade zurückkam, ihn fragte: „Warum bist du nicht spazieren gegangen und schon zurück? Du hattest doch gesagt, du wolltest Fräulein Kajaljade abholen und mit ihr gemeinsam zu Fräulein Schatzspange gehen — warst du dort?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Ich wollte Schwester Kajaljade abholen und gemeinsam gehen. Aber als ich ankam, saß sie in ihrem Zimmer, von den Mitbringseln umgeben, und war ganz unglücklich. Ich kenne ja ihre Gründe — man darf sie nicht direkt darauf ansprechen, man darf sie auch nicht tadeln. So tat ich, als wüsste ich von nichts, lenkte sie mit allerlei Plaudereien ab, bis sie sich beruhigte. Dann erst gingen wir zusammen zu Schwester Schatzspange, um zu danken, plauderten eine Weile und gingen. Ich habe sie nach Hause gebracht und bin dann erst selbst zurückgekehrt."
Dufthauch fragte: „Die Geschenke für Fräulein Kajaljade — waren es mehr oder weniger als deine, oder gleich viel?" Schatzjade sagte: „Ein- bis zweimal so viel wie meine." Dufthauch sagte: „Das ist eine verständige Frau, die es richtig macht. Fräulein Schatzspange weiß, dass alle anderen Schwestern nahe Verwandte haben, die sich um sie kümmern und ihnen Dinge schenken — nur Fräulein Kajaljade lebt zwei-, dreitausend Li von der Heimat entfernt und hat keinen einzigen Verwandten hier, der ihr etwas schicken würde. Zudem sind die beiden nicht nur verwandt, sondern auch Wahlschwestern — hast du vergessen, dass Fräulein Kajaljade letztes Jahr Tante Schnee zur Wahlmutter erkoren hat?[26] Deshalb ist es nur recht und billig, ihr mehr zu geben."
Friedchen kam herüber und bat Dufthauch um einige Rollen roten Damast für die Herstellung von Seidenschnüren, wobei sie scherzte, die letzte Lieferung sei aufgebraucht und man brauche dringend Nachschub. Dufthauch suchte die gewünschten Stoffe heraus und gab sie ihr. Die beiden plauderten über dies und jenes. Friedchen blieb eine Weile, und sie tranken zusammen Tee. Dufthauch bemerkte auf dem Bettrand ein Nähkästchen mit einem kleinen, aus rotem ausländischem Brokat genähten Leibchen. „Hat die Herrin bei all ihren tausend Geschäften wirklich noch Zeit zum Nähen?" fragte sie. Phönixglanz — die gerade hereingekommen war — sagte: „Ich kann ja von Natur aus nicht gut nähen. Jetzt, wo ich gerade erst genesen bin und die Hausgeschäfte mich nicht zur Ruhe kommen lassen, wo sollte ich da Zeit hernehmen? Das Wichtigste lasse ich liegen. Diesen Stoff habe ich bei der Herzoginmutter gesehen — Tante Schnee hatte ihn der Alten Dame geschickt. Die Herzoginmutter meinte: ‚Diese bunten Blumen und Farben — das wäre doch hübsch für kleine Kinderkleidchen!' Da habe ich gleich darum gebeten. Die Herzoginmutter hat mich ausgescholten — ich sei ihr ‚Plagegeist', der alles haben will und alles mitnimmt, was er sieht. Alle mussten lachen. Ihr wisst ja, ich bin ein dickes Fell und scheue kein Wort — die Alte Dame schimpft, und ich tu, als hörte ich nichts, nehme es und gehe. So habe ich es Friedchen gegeben, damit sie zuerst ein Leibchen für Qiaojie näht — den Rest für später."
Dufthauch lachte: „Auch nur unsere Herrin schafft es, die alte Ahnherrin so zum Lachen zu bringen." Sie nahm die Handarbeit in die Hand und lobte: „Wirklich hübsch! Alle Farben sind darin. Feines Material verdient geschickte Hände. Und dazu für Qiaojie — wenn man sie damit herumträgt, werden alle sie bewundern." Dann fragte sie: „Wo ist Qiaojie? Ich habe sie die ganze Zeit nicht gesehen." Friedchen sagte: „Vorhin hat Fräulein Schatzspange Spielsachen geschickt — Qiaojie war ganz begeistert und hat eine ganze Weile damit gespielt. Dann hat die Amme sie hinausgetragen — sie wird müde gewesen sein und schlafen." Dufthauch sagte: „Qiaojie wird von Mal zu Mal aufgeweckter." Friedchen sagte: „Das kleine Mondgesicht ist rund wie ein silbernes Becken. Wenn sie jemanden sieht, lacht sie — sie beleidigt nie jemanden. Wirklich der Trostschatz unserer Herrin." Phönixglanz fragte: „Was macht der junge Bruder Bao zu Hause?" Dufthauch lachte: „Ich habe ihn gebeten, zusammen mit Heitermuster[27] und den anderen auf das Haus aufzupassen, und bin dann hierhergekommen. Aber ich bin schon viel zu lange hier! Wenn Schatzjade sich zu Hause beschwert, ich hätte ein zu schweres Hinterteil und würde mich überall festsetzen, wo ich mich hinsetze ..." So stand sie auf, verabschiedete sich und kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Doch davon genug.
Nun sei erzählt, dass Phönixglanz, nachdem Friedchen die Dufthauch hinausbegleitet hatte, Friedchen erneut ins Zimmer rief und sie über die früheren Dinge ausfragte. Je mehr sie hörte, desto wütender wurde sie: „Der Zweite Herr heiratet draußen heimlich eine zweite Frau, und du sagst, du hättest es von den Burschen am Zweiten Tor gehört. Welcher genau hat es erzählt?"
Friedchen sagte: „Es war Wanger, der es gesagt hat." Phönixglanz ließ sofort Wanger rufen und fragte ihn: „Dein Zweiter Herr hat draußen ein Haus gekauft und eine Nebenfrau geheiratet — weißt du davon?" Wanger sagte: „Der Kleine steht den ganzen Tag am Zweiten Tor auf Posten — woher sollte ich die Angelegenheiten des Zweiten Herrn kennen? Ich habe es von Xing'er gehört." Phönixglanz fragte: „Wann hat Xing'er es dir erzählt?" Wanger sagte: „Noch bevor der Zweite Herr abgereist ist." Phönixglanz fragte weiter: „Wo ist Xing'er jetzt?" Wanger sagte: „Xing'er ist bei der Neuen Zweiten Herrin."
Phönixglanz war vor Wut außer sich, spuckte aus und schimpfte: „Du niederträchtiger Affenbalg! Was heißt hier ‚Neue Herrin' und ‚Alte Herrin'? Du verteilst eigenmächtig Titel! Mit deinem frechen Mundwerk — dafür gehörst du geohrfeigt!" Dann fragte sie: „Xing'er ist doch einer von denen, die dem Zweiten Herrn folgen — warum ist er nicht mitgereist?" Wanger sagte: „Er wurde eigens daheim gelassen, um auf die Zweite Schwester You aufzupassen." Phönixglanz rief in einem fort: „Hol mir sofort Xing'er her!"
Wanger rannte hinaus, fand Xing'er und sagte nur: „Die Zweite Herrin ruft dich." Xing'er spielte gerade draußen mit den Burschen herum. Als er den Ruf hörte, fragte er — wohlgemerkt — nicht einmal, was die Zweite Herrin von ihm wolle, sondern folgte Wanger eilig zum Zweiten Tor. Er meldete sich an, trat ein, begrüßte Phönixglanz mit der üblichen Verbeugung und stellte sich an die Seite.
Phönixglanz starrte ihn mit funkelnden Augen an und fuhr ihn an: „Euer Herr und Knecht treibt draußen feine Sachen! Ihr haltet mich wohl für dumm und ahnungslos? Du bist einer der engsten Begleiter des Zweiten Herrn — du musst alles ganz genau wissen. Erzähl mir jetzt Punkt für Punkt die Wahrheit! Wenn du auch nur das Geringste verschweigst oder lügst, breche ich dir die Beine!" Xing'er fiel auf die Knie und stammelte: „Was will die Herrin denn wissen? Was soll ich getan haben?" Phönixglanz schrie: „Du elender kleiner Bastard! Du wagst es, mich hinzuhalten? Ich frage dich: Wie kam es, dass der Zweite Herr sich draußen mit der Zweiten Schwester You eingelassen hat? Wie hat er das Haus gekauft, die Ausstattung besorgt? Wie hat er sie geheiratet? Eins nach dem anderen — alles, und zwar sofort! Dann verschone ich dein Hundeleben!"
Xing'er, am ganzen Leib zitternd, hatte keine andere Wahl als von Anfang bis Ende alles zu erzählen — wie Kaufmann Schein-Echt und Kaufmann Herrlichkeit die Sache eingefädelt hatten, wie das Haus gekauft, die Hochzeit inszeniert und die Zweite Schwester You als Nebenfrau aufgenommen worden war. Phönixglanz hörte zu, und mit jedem Wort wuchs ihr Zorn. Als er geendet hatte, sagte sie mit schneidender Stimme: „Geh und sag kein Wort zu niemandem! Wenn ich erfahre, dass du geredet hast, schlage ich dich tot!" Xing'er kroch auf allen vieren hinaus.
Phönixglanz rief Friedchen zu sich, schloss die Tür und sagte mit einem bitteren Lachen: „Da hast du es. Der feine Herr hat also draußen seine Hochzeit gefeiert, mit Haus und allem Drum und Dran, und alle wissen es — nur ich, die Ehefrau, bin die Letzte, die es erfährt. Gut, gut! Er soll mich kennenlernen!" Friedchen wagte kaum zu atmen und sagte leise: „Die Herrin sollte sich nicht so aufregen. Es muss auch daran gedacht werden, wie es nach außen wirkt." Phönixglanz sagte: „Hab keine Angst — ich werde nichts Unüberlegtes tun. Aber diese Sache lasse ich nicht auf sich beruhen. Lass mich erst einen Plan ausdenken."
Die ganze Nacht grübelte Phönixglanz. Am nächsten Morgen war ihr Gesicht wieder freundlich, als wäre nichts geschehen. Doch in ihrem Herzen brütete sie finstere Rache. Von diesem Tage an merkte sich Phönixglanz jedes Wort und jede Handlung und wartete auf den richtigen Augenblick, um zuzuschlagen.
Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
- ↑ Dritte Schwester You: Chin. 尤三姐 Yóu Sānjiě, die stolze und leidenschaftliche jüngere Schwester der Zweiten Schwester You. Sie nahm sich in Kapitel 66 das Leben.
- ↑ Kaufmann Schein-Echt: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).
- ↑ Kaufmann Herrlichkeit: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Kaufmann Schein-Echt.
- ↑ Kaufmann Jadeschale: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Kaufmann Begnadigung, Ehemann von Phönixglanz.
- ↑ Liu Xianglian (柳湘莲): Ein stolzer, unabhängiger junger Mann von edlem Charakter. Er hatte sich mit der Dritten Schwester You verlobt, die Verlobung dann aber gelöst, was ihren Selbstmord auslöste.
- ↑ Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, Mutter von Schnee Becken und Schatzspange, Schwester von Frau Wang.
- ↑ Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, die tugendhafte und kluge Tochter der Tante Schnee.
- ↑ 天有不测风云,人有旦夕祸福: Klassisches chinesisches Sprichwort über die Unvorhersehbarkeit des Schicksals.
- ↑ Schnee Becken: Chin. 薛蟠 Xuē Pán, der ungehobelte Sohn der Tante Schnee und Bruder von Schatzspange.
- ↑ 笨雀儿先飞 bèn què'ér xiān fēi: Sprichwort — wer weniger begabt ist, muss früher anfangen.
- ↑ 虎丘 Hǔqiū: Der Tigerberg bei Suzhou, eine berühmte Sehenswürdigkeit, bekannt für Kunsthandwerk und Souvenirs.
- ↑ Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Frau Wang: Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, Ehefrau von Kaufmann Aufrecht, Mutter von Schatzjade.
- ↑ Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, die empfindsame und hochbegabte Cousine von Schatzjade. Ihre Eltern stammten aus dem Süden (Jiangnan).
- ↑ Oriölchen: Chin. 莺儿 Yīng'ér, die geschickte Leibmagd von Schatzspange.
- ↑ Li Schleierfrau: Chin. 李纨 Lǐ Wán, die tugendhafte junge Witwe des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, der Hauptheld des Romans, ein empfindsamer junger Mann.
- ↑ Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, die treue und verständnisvolle Leibmagd von Kajaljade.
- ↑ 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn: Der „Pavillon am Flüstern der Bambusblätter", Kajaljades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung.
- ↑ Kaufmann Huan (Unheil): Chin. 贾环 Jiǎ Huán, der Sohn der Nebenfrau Zhao und jüngerer Halbbruder von Schatzjade.
- ↑ Spürfrühling: Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, die dritte Tochter des Kaufmann-Hauses, Tochter der Nebenfrau Zhao, aber weit über ihre Mutter hinaus begabt und würdevoll.
- ↑ Qiaojie (巧姐): Die kleine Tochter von Kaufmann Jadeschale und Phönixglanz.
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kaufmann Jadeschale.
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 Xīrén, die aufmerksame und pflichtbewusste Leibmagd von Schatzjade.
- ↑ Kajaljade hat Tante Schnee als Adoptivmutter angenommen (认干妈), was die besondere Verbundenheit zwischen den Familien Schnee und Wald bekräftigte.
- ↑ Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, eine hübsche und temperamentvolle Dienerin von Schatzjade.