Hongloumeng/Chapter 10
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第十回
金寡妇贪利权受辱
张太医论病细穷源
Aus Gewinnsucht nimmt Djin Jungs verwitwete Mutter die Schande in Kauf, bei der Krankendiagnose geht der Arzt Dschang bis ins letzte Detail.
| 中文原文 (庚辰本) | Deutsche Übersetzung (Schwarz) |
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話說金榮因人多勢眾,又兼賈瑞勒令,賠了不是,給秦鐘磕了頭,寶玉方纔不吵鬧了。大家散了學,金榮回到家中,越想越氣,說:「秦鐘不過是賈蓉的小舅子,又不是賈家的子孫,附學讀書,也不過和我一樣。他因仗著寶玉和他好,他就目中無人。他既是這樣,就該行些正經事,人也沒的說。他素日又和寶玉鬼鬼祟祟的,只當我們都是瞎子,看不見。今日他又去勾搭人,偏偏的撞在我眼裡。就是鬧出事來,我還怕什麼不成?」 他母親胡氏聽見他咕咕嘟嘟的說,因問道:「你又要爭什麼閒氣?好容易我望你姑媽說了,你姑媽千方百計的才向他們西府里的璉二奶奶跟前說了,你才得了這個念書的地方。若不是仗著人家,咱們家裡還有力量請的起先生?況且人家學里,茶也是現成的,飯也是現成的。你這二年在那裡念書,家裡也省好大的嚼用呢。省出來的,你又愛穿件鮮明衣服。再者,不是因你在那裡念書,你就認得什麼薛大爺了?那薛大爺一年不給不給,這二年也幫了咱們有七八十兩銀子。你如今要鬧出了這個學房,再要找這麼個地方,我告訴你說罷,比登天還難呢!你給我老老實實的頑一會子睡你的覺去,好多著呢。」於是金榮忍氣吞聲,不多一時他自去睡了。次日仍舊上學去了。不在話下。 且說他姑娘,原聘給的是賈家玉字輩的嫡派,名喚賈璜。但其族人那裡皆能象寧榮二府的富勢,原不用細說。這賈璜夫妻守著些小的產業,又時常到寧榮二府里去請請安,又會奉承鳳姐兒並尤氏,所以鳳姐兒尤氏也時常資助資助他,方能如此度日。今日正遇天氣晴明,又值家中無事,遂帶了一個婆子,坐上車,來家裡走走,瞧瞧寡嫂並侄兒。 閒話之間,金榮的母親偏提起昨日賈家學房裡的那事,從頭至尾,一五一十都向他小姑子說了。這璜大奶奶不聽則已,聽了,一時怒從心上起,說道:「這秦鐘小崽子是賈門的親戚,難道榮兒不是賈門的親戚?人都別忒勢利了,況且都作的是什麼有臉的好事!就是寶玉,也犯不上向著他到這個樣。等我去到東府瞧瞧我們珍大奶奶,再向秦鐘他姐姐說說,叫他評評這個理。這金榮的母親聽了這話,急的了不得,忙說道:「這都是我的嘴快,告訴了姑奶奶了,求姑奶奶別去,別管他們誰是誰非。倘或鬧起來,怎麼在那裡站得住。若是站不住,家裡不但不能請先生,反倒在他身上添出許多嚼用來呢。」璜大奶奶聽了,說道:「那裡管得許多,你等我說了,看是怎麼樣!」也不容他嫂子勸,一面叫老婆子瞧了車,就坐上往寧府里來。 到了寧府,進了車門,到了東邊小角門前下了車,進去見了賈珍之妻尤氏。也未敢氣高,殷殷勤勤敘過寒溫,說了些閒話,方問道:「今日怎麼沒見蓉大奶奶?」尤氏說道:「他這些日子不知怎麼著,經期有兩個多月沒來。叫大夫瞧了,又說並不是喜。那兩日,到了下半天就懶待動,話也懶待說,眼神也發眩。我說他:『你且不必拘禮,早晚不必照例上來,你就好生養養罷。就是有親戚一家兒來,有我呢。就有長輩們怪你,等我替你告訴。』連蓉哥我都囑咐了,我說:『你不許累他,不許招他生氣,叫他靜靜的養養就好了。他要想什麼吃,只管到我這裡取來。倘或我這裡沒有,只管望你璉二嬸子那裡要去。倘或他有個好和歹,你再要娶這麼一個媳婦,這麼個模樣兒,這麼個性情的人兒,打著燈籠也沒地方找去。』他這為人行事,那個親戚,那個一家的長輩不喜歡他?所以我這兩日好不煩心,焦的我了不得。偏偏今日早晨他兄弟來瞧他,誰知那小孩子家不知好歹,看見他姐姐身上不大爽快,就有事也不當告訴他,別說是這麼一點子小事,就是你受了一萬分的委曲,也不該向他說才是。誰知他們昨兒學房裡打架,不知是那裡附學來的一個人欺侮了他了。裡頭還有些不幹不淨的話,都告訴了他姐姐。嬸子,你是知道那媳婦的:雖則見了人有說有笑,會行事兒,他可心細,心又重,不拘聽見個什麼話兒,都要度量個三日五夜才罷。這病就是打這個秉性上頭思慮出來的。今兒聽見有人欺負了他兄弟,又是惱,又是氣。惱的是那群混帳狐朋狗友的扯是搬非、調三惑四那些人;氣的是他兄弟不學好,不上心念書,以致如此學里吵鬧。他聽了這事,今日索性連早飯也沒吃。我聽見了,我方到他那邊安慰了他一會子,又勸解了他兄弟一會子。我叫他兄弟到那府里去找寶玉去了,我才看著他吃了半盞燕窩湯,我才過來了。嬸子,你說我心焦不心焦?況且如今又沒個好大夫,我想到他這病上,我心裡倒象針扎似的。你們知道有什麼好大夫沒有?」 金氏聽了這半日話,把方纔在他嫂子家的那一團要向秦氏理論的盛氣,早嚇的都丟在爪窪國去了。聽見尤氏問他有知道好大夫的話,連忙答道:「我們這麼聽著,實在也沒見人說有個好大夫。如今聽起大奶奶這個來,定不得還是喜呢。嫂子倒別教人混治。倘或認錯了,這可是了不得的。」尤氏道:「可不是呢。」正是說話間,賈珍從外進來,見了金氏,便向尤氏問道:「這不是璜大奶奶麼?」金氏向前給賈珍請了安。賈珍向尤氏說道:「讓這大妹妹吃了飯去。」賈珍說著話,就過那屋裡去了。金氏此來,原要向秦氏說說秦鐘欺負了他侄兒的事,聽見秦氏有病,不但不能說,亦且不敢提了。況且賈珍尤氏又待的很好,反轉怒為喜,又說了一會子話兒,方家去了。 金氏去後,賈珍方過來坐下,問尤氏道:「今日他來,有什麼說的事情麼?」尤氏答道:「倒沒說什麼。一進來的時候,臉上倒象有些著了惱的氣色似的,及說了半天話,又提起媳婦這病,他倒漸漸的氣色平定了。你又叫讓他吃飯,他聽見媳婦這麼病,也不好意思只管坐著,又說了幾句閒話兒就去了,倒沒求什麼事。如今且說媳婦這病,你到那裡尋一個好大夫來與他瞧瞧要緊,可別耽誤了。現今咱們家走的這群大夫,那裡要得?一個個都是聽著人的口氣兒,人怎麼說,他也添幾句文話兒說一遍。可倒殷勤的很,三四個人一日輪流著倒有四五遍來看脈。他們大家商量著立個方子,吃了也不見效,倒弄得一日換四五遍衣裳,坐起來見大夫,其實於病人無益。」賈珍說道:「可是。這孩子也糊塗,何必脫脫換換的,倘再著了涼,更添一層病,那還了得。衣裳任憑是什麼好的,可又值什麼,孩子的身子要緊,就是一天穿一套新的,也不值什麼。我正進來要告訴你:方纔馮紫英來看我,他見我有些抑鬱之色,問我是怎麼了。我才告訴他說,媳婦忽然身子有好大的不爽快,因為不得個好太醫,斷不透是喜是病,又不知有妨礙無妨礙,所以我這兩日心裡著實著急。馮紫英因說起他有一個幼時從學的先生,姓張名友士,學問最淵博的,更兼醫理極深,且能斷人的生死。今年是上京給他兒子來捐官,現在他家住著呢。這麼看來,竟是合該媳婦的病在他手裡除災亦未可知。我即刻差人拿我的名帖請去了。今日倘或天晚了不能來,明日想必一定來。況且馮紫英又即刻回家親自去求他,務必叫他來瞧瞧。等這個張先生來瞧了再說罷。」 尤氏聽了,心中甚喜,因說道:「後日是太爺的壽日,到底怎麼辦?」賈珍說道:「我方纔到了太爺那裡去請安,兼請太爺來家來受一受一家子的禮。太爺因說道:『我是清淨慣了的,我不願意往你們那是非場中去鬧去。你們必定說是我的生日,要叫我去受眾人些頭,莫過你把我從前注的《陰騭文》給我令人好好的寫出來刻了,比叫我無故受眾人的頭還強百倍呢。倘或後日這兩日一家子要來,你就在家裡好好的款待他們就是了。也不必給我送什麼東西來,連你後日也不必來,你要心中不安,你今日就給我磕了頭去。倘或後日你要來,又跟隨多少人來鬧我,我必和你不依。』如此說了又說,後日我是再不敢去的了。且叫來升來,吩咐他預備兩日的筵席。」尤氏因叫人叫了賈蓉來:「吩咐來升照舊例預備兩日的筵席,要豐豐富富的。你再親自到西府里去請老太太、大太太、二太太和你璉二嬸子來逛逛。你父親今日又聽見一個好大夫,業已打發人請去了,想必明日必來。你可將他這些日子的病症細細的告訴他。」 賈蓉一一的答應著出去了。正遇著方纔去馮紫英家請那先生的小子回來了,因回道:「奴才方纔到了馮大爺家,拿了老爺的名帖請那先生去。那先生說道:『方纔這裡大爺也向我說了。但是今日拜了一天的客,才回到家,此時精神實在不能支持,就是去到府上也不能看脈。』他說等調息一夜,明日務必到府。他又說,他『醫學淺薄,本不敢當此重薦,因我們馮大爺和府上的大人既已如此說了,又不得不去,你先替我回明大人就是了。大人的名帖實不敢當。』仍叫奴才拿回來了。哥兒替奴才回一聲兒罷。」賈蓉轉身復進去,回了賈珍尤氏的話,方出來叫了來升來,吩咐他預備兩日的筵席的話。來升聽畢,自去照例料理。不在話下。 且說次日午間,人回道:「請的那張先生來了。」賈珍遂延入大廳坐下。茶畢,方開言道:「昨承馮大爺示知老先生人品學問,又兼深通醫學,小弟不勝欽仰之至。」張先生道:「晚生粗鄙下士,本知見淺陋,昨因馮大爺示知,大人家第謙恭下士,又承呼喚,敢不奉命。但毫無實學,倍增顏汗。」賈珍道:「先生何必過謙。就請先生進去看看兒婦,仰仗高明,以釋下懷。」於是,賈蓉同了進去。到了賈蓉居室,見了秦氏,向賈蓉說道:「這就是尊夫人了?」賈蓉道:「正是。請先生坐下,讓我把賤內的病說一說再看脈如何?」那先生道:「依小弟的意思,竟先看過脈再說的為是。我是初造尊府的,本也不曉得什麼,但是我們馮大爺務必叫小弟過來看看,小弟所以不得不來。如今看了脈息,看小弟說的是不是,再將這些日子的病勢講一講,大家斟酌一個方兒,可用不可用,那時大爺再定奪。」賈蓉道:「先生實在高明,如今恨相見之晚。就請先生看一看脈息,可治不可治,以便使家父母放心。」於是家下媳婦們捧過大迎枕來,一面給秦氏拉著袖口,露出脈來。先生方伸手按在右手脈上,調息了至數,寧神細診了有半刻的工夫,方換過左手,亦復如是。診畢脈息,說道:「我們外邊坐罷。」 賈蓉於是同先生到外間房裡床上坐下,一個婆子端了茶來。賈蓉道:「先生請茶。」於是陪先生吃了茶,遂問道:「先生看這脈息,還治得治不得?」先生道:「看得尊夫人這脈息:左寸沉數,左關沉伏,右寸細而無力,右關需而無神。其左寸沉數者,乃心氣虛而生火;左關沉伏者,乃肝家氣滯血虧。右寸細而無力者,乃肺經氣分太虛;右關需而無神者,乃脾土被肝木剋制。心氣虛而生火者,應現經期不調,夜間不寐。肝家血虧氣滯者,必然肋下疼脹,月信過期,心中發熱。肺經氣分太虛者,頭目不時眩暈,寅卯間必然自汗,如坐舟中。脾土被肝木剋制者,必然不思飲食,精神倦怠,四肢酸軟。據我看這脈息,應當有這些癥候才對。或以這個脈為喜脈,則小弟不敢從其教也。」旁邊一個貼身伏侍的婆子道:「何嘗不是這樣呢。真正先生說的如神,倒不用我們告訴了。如今我們家裡現有好幾位太醫老爺瞧著呢,都不能的當真切的這麼說。有一位說是喜,有一位說是病,這位說不相干,那位說怕冬至,總沒有個準話兒。求老爺明白指示指示。」 那先生笑道:「大奶奶這個癥候,可是那眾位耽擱了。要在初次行經的日期就用藥治起來,不但斷無今日之患,而且此時已全愈了。如今既是把病耽誤到這個地位,也是應有此災。依我看來,這病尚有三分治得。吃了我的藥看,若是夜裡睡的著覺,那時又添了二分拿手了。據我看這脈息:大奶奶是個心性高強聰明不過的人,聰明忒過,則不如意事常有,不如意事常有,則思慮太過。此病是憂慮傷脾,肝木忒旺,經血所以不能按時而至。大奶奶從前的行經的日子問一問,斷不是常縮,必是常長的。是不是?」這婆子答道:「可不是,從沒有縮過,或是長兩日三日,以至十日都長過。」先生聽了道:「妙啊!這就是病源了。從前若能夠以養心調經之藥服之,何至於此。這如今明顯出一個水虧木旺的癥候來。待用藥看看。」於是寫了方子,遞與賈蓉,上寫的是: 益氣養榮補脾和肝湯 人參二錢 白術二錢土炒 雲苓三錢 熟地四錢 歸身二錢酒洗 白芍二錢 川芎錢半 黃芪三錢 香附米二錢制 醋柴胡八分 懷山藥二錢炒 真阿膠二錢蛤粉炒 延胡索錢半酒炒 炙甘草八分 引用建蓮子七粒去心 紅棗二枚 賈蓉看了,說:「高明的很。還要請教先生,這病與性命終久有妨無妨?」先生笑道:「大爺是最高明的人。人病到這個地位,非一朝一夕的癥候,吃了這藥也要看醫緣了。依小弟看來,今年一冬是不相干的。總是過了春分,就可望全愈了。」賈蓉也是個聰明人,也不往下細問了。於是賈蓉送了先生去了,方將這藥方子並脈案都給賈珍看了,說的話也都回了賈珍並尤氏了。尤氏向賈珍說道:「從來大夫不象他說的這麼痛快,想必用的藥也不錯。」賈珍道:「人家原不是混飯吃久慣行醫的人。因為馮紫英我們好,他好容易求了他來了。既有這個人,媳婦的病或者就能好了。他那方子上有人參,就用前日買的那一斤好的罷。」賈蓉聽畢話,方出來叫人打藥去煎給秦氏吃。不知秦氏服了此藥病勢如何,下回分解。 注释 |
üä brachte Tee, und Bau-yü sagte: „Komm Tee trinken, Kusinchen!“ Alle lachten und sagten ihm: „Kusine Lin ist längst fort, und du bietest ihr noch Tee an!“ Als Bau-yü eine halbe Schale Tee getrunken hatte, fiel ihm der Tee vom Morgen ein, und er fragte Tjiän-hsüä: „Ich hatte doch heute morgen eine Schale Tee mit dem Tau von Ahornblättern aufbrühen lassen und gesagt, er entfalte sein volles Aroma erst beim dritten oder vierten Aufguß. Warum hast du jetzt anderen Tee gebrüht?“ „Ich hatte ihn ja aufgehoben“, rechtfertigte sich Tjiän-hsüä, „aber dann kam Amme Li und wollte ihn gern kosten, dabei hat sie ihn ausgetrunken.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, schleuderte er wütend die Teeschale hin, daß sie klirrend auf dem Boden zersplitterte und der Tee sich über Tjiän-hsüäs Rock ergoß. Dann sprang er auf und schrie Tjiän-hsüä an: „Von welchem Zweig der Familie ist sie denn die gnädige Frau, daß ihr alle so respektvoll zu ihr seid? Nur weil ich ein paar Tage von ihr die Brust bekommen habe, als ich klein war, gilt sie mehr als die Ahne! Aber heute bekomme ich nicht mehr die Brust, wozu müssen wir da für nichts und wieder nichts so eine Ahne durchfüttern? Wir schmeißen sie raus, damit hier Ruhe wird!“ Und er wollte auf der Stelle zur Herzoginmutter gehen, um ihr alles zu berichten, damit sie seine Amme hinauswarf. Hsi-jën, die in Wirklichkeit gar nicht schlief, sondern sich nur schlafend gestellt hatte, um Bau-yü zu animieren, sie zu necken, hatte keinen Grund gesehen aufzustehen, als von den Schriftzeichen die Rede gewesen war und als Bau-yü dann nach den Klößchen und dem Tee gefragt hatte. Als er jetzt aber die Teeschale zerschmetterte und in Wut geriet, stand sie rasch auf, um ihm gut zuzureden. Schon kam auch eine Botin der Herzoginmutter, um zu fragen, was passiert sei. Rasch sagte Hsi-jën: „Ich hatte gerade Tee eingegossen, da bin ich auf einem Schneeklümpchen ausgerutscht, dabei ist mir die Teeschale aus der Hand gefallen und zerbrochen.“ Danach sprach sie beruhigend auf Bau-yü ein. „Du bist also entschlossen, sie hinauszuwerfen?“ fragte sie. „Bitte schön! Wir können auch alle gehen, warum willst du uns bei der Gelegenheit nicht gleich mit hinauswerfen lassen? Das wäre gut für uns, und du brauchtest auch nicht traurig zu sein und könntest Bessere als uns nehmen, um dich bedienen zu lassen.“ Als Bau-yü das hörte, sagte er nichts mehr und ließ sich von Hsi-jën und den anderen zum Ofenbett bringen, wo sie ihm das Festgewand auszogen und dann in sein Nachtzeug halfen. Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber die Zunge gehorchte ihm nicht mehr, und die Augen wurden noch trüber, also legten sie ihn rasch schlafen. Hsi-jën nahm ihm seinen Jadestein ab, wickelte ihn in ihr eigenes Tschentuch und schob ihn unter die Matratze, damit er am nächsten Tag nicht zu kalt war, wenn Bau-yü ihn wieder anlegte. Bau-yü schlief ein, kaum daß sein Kopf das Kissen berührte. Auch Amme Li war inzwischen mit den anderen Frauen gekommen, aber als sie hörte, Bau-yü habe sich betrunken, wagte sie sich nicht herein, um nicht wieder mit ihm aneinanderzugeraten. Sie erkundigte sich nur leise, ob er schliefe, und ging dann beruhigt fort. Als Bau-yü am nächsten Morgen erwachte, wurde ihm gemeldet: „Der junge Herr Jung aus dem Ning-guo-Anwesen und der junge Herr Tjin Dschung sind gekommen, um hier ihre Aufwartung zu machen.“ Rasch ging Bau-yü zu ihnen hinaus und führte sie zur Herzoginmutter. Als die Herzoginmutter sah, daß Tjin Dschung ein schönes Gesicht und sanfte Manieren hatte und der richtige Lerngefährte für Bau-yü sein mußte, war sie zutiefst erfreut und behielt ihn zum Tee und zum Essen bei sich und ließ ihn auch zu Dame Wang führen. Frau Tjin war bei allen beliebt, und als man jetzt sah, was Tjin Dschung für ein Mensch war, gewann auch er allgemeine Sympathie. Beim Abschied machten ihm alle Geschenke, auch die Herzoginmutter verehrte ihm ein besticktes Täschchen und ein goldenes Kuee-hsing-Figürchen PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT , die Harmonie und Erfolg symbolisieren sollten. PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT Außerdem legte sie ihm ans Herz: „Du wohnst weit weg von hier. Wenn es dir wegen des Wetters oder mit dem Essen zu unbequem ist, nach Hause zu gehen, bleib nur hier, solange du willst! Und halte dich in der Schule nur an deinen Onkel Bau-yü, gib dich nicht mit den Faulpelzen dort ab!“ Tjin Dschung versprach es ihr und ging nach Hause, um seinen Vater über alles zu unterrichten. Sein Vater Tjin Yä hatte jetzt den Posten eines Ministerialsekretärs im Bauamt inne und ging auf die siebzig zu. Seine Frau war früh gestorben, und da er keinen Sohn und keine Tochter von ihr gehabt hatte, hatte er sich einen Jungen und ein Mädchen aus dem Waisenhaus geholt. Dann war der Junge wider Erwarten gestorben, übrig blieb nur das Mädchen, das mit Kindheitsnamen Kë-tjing hieß und zu einer zarten Schönheit mit edlem Charakter heranwuchs. Auf Grund einer entfernten Verwandtschaft war das Mädchen Djia Jung zur Frau gegeben worden. Erst als Tjin Yä die fünfzig schon hinter sich gelassen hatte, war ihm Tjin Dschung geboren worden. Nachdem sein Lehrer im Jahr zuvor gestorben war und der Vater noch keine Muße gehabt hatte, einen anderen hervorragenden Gelehrten zu suchen, war Tjin Dschung nichts weiter übrig geblieben, als einstweilen zu Hause den alten Lehrstoff zu wiederholen. Gerade als Tjin Yä mit der Familie seines Schwiegersohns darüber sprechen wollte, Tjin Dschung in die dortige Familienschule zu schicken, damit sein Geist nicht länger brachliegen mußte, hatte der Zufall Tjin Dschung mit Bau-yü zusammengeführt. Tjin Yä wußte auch, daß die Familienschule der Djias zur Zeit von Djia Dai-ju geleitet wurde, den er als erfahrenen Gelehrten kannte. Wenn Tjin Dschung dort Unterricht bekam, würde er mit Sicherheit im Lernen vorankommen und zu der Hoffnung berechtigen, sich einmal einen Namen machen zu können. Darüber war Tjin Yä sehr froh. Nur war er ein armer Beamter ohne Geld in der Tasche, und bei den Djias hatte hoch und niedrig nichts anderes im Kopf als Reichtum und Vornehmheit, so daß ihm im Interesse der Zukunft seines Sohnes gar keine andere Wahl blieb, als mühselig vierundzwanzig Liang Silber als Besuchsgeschenk zusammenzukratzen, um damit ehrerbietig selbst zu Djia Dai-ju zu gehen, zusammen mit Tjin Dschung, damit der Sohn seinen Fußfall vor dem Lehrer machte. Dann warteten sie, weil für Bau-yü erst ein Glückstag für den Schulanfang ausgesucht werden sollte, ehe Tjin Dschung mit ihm zusammen den Unterricht aufnehmen konnte. Wahrlich: Wär‘ nur der Ärger zu ahnen gewesen, hätt‘ er den Sohn nicht zur Schule geschickt. 9. Vertraute Freunde, die das Schöne lieben, treten in die Familienschule ein; ungezogene Knaben, die einen Verdacht hegen, stiften Unruhe im Schulzimmer. Tjin Yä und sein Sohn warteten also nur darauf, daß ihnen ein Bote der Djias die Nachricht brachte, es sei ein Glückstag für den Schulanfang ausgesucht worden. Aber Bau-yü war so begierig darauf, mit Tjin Dschung zusammenzukommen, daß er nichts anderes mehr im Sinn hatte und bestimmte, er wolle unbedingt vom übernächsten Tag an den Unterricht besuchen. „Übermorgen früh bitte ich den jungen Herrn Tjin zu mir, und dann gehen wir gemeinsam zur Schule“, lautete die Nachricht, die er übermitteln ließ. Als der Tag gekommen war und Bau-yü in aller Frühe aufstand, hatte Hsi-jën längst die Bücher und das Schreibzeug ordentlich zusammengelegt und saß geistesabwesend bei Bau-yü auf der Bettkante. Als sie sah, daß er wach war, mußte sie ihm wohl oder übel beim Frisieren und Waschen zur Hand gehen. Bau-yü bemerkte, daß Hsi-jën in gedrückter Stimmung war, und so fragte er lächelnd: „Was fehlt dir wieder einmal, liebste Schwester? Du bist mir doch nicht etwa böse, weil ich zur Schule gehe und euch hier einsam zurücklasse?“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Wie kannst du so etwas sagen! Lernen ist doch etwas sehr Gutes. Wenn man nicht lernt, vertut man leichtfertig sein Leben, und wie steht man dann da? Es geht mir nur darum: Denk beim Lernen an die Bücher, und sonst denk an Zuhause, anstatt mit denen dort herumzutoben! Wenn der gnädige Herr dich bei so etwas trifft, ist mit ihm nicht zu spaßen! Und dann – wenn es auch heißt, man muß sich tüchtig anstrengen –, solltest du besser nicht so viele Stunden nehmen. Zum einen kann man nicht richtig kauen, wenn man zu gierig ißt, zum anderen muß man auch auf seine Gesundheit achten. Das ist es, woran ich gedacht habe und was du erwägen solltest.“ Bau-yü stimmte jedem Wort zu, das sie gesagt hatte, und sie fuhr fort: „Den Pelz habe ich zusammengepackt und den Dienerknaben gegeben. Denk daran, ihn anzuziehen, wenn es kalt ist in der Schule! Dort ist es nicht wie zu Hause, wo andere für dich darauf achten. Holzkohle für den Fußofen und den Handofen habe ich ihnen auch gegeben. Aber du mußt ihnen befehlen nachzulegen, diese Faulenzer tun keinen Handschlag, wenn du nichts sagst, und lassen dich einfach erfrieren.“ „Sei unbesorgt!“ erwiderte Bau-yü darauf. „Außer Hause kann ich gut alles selbst regeln. Kommt ihr mir hier nicht um vor Langeweile! Ihr müßt öfter einmal zu Kusine Lin gehen und euch mit ihr zusammen die Zeit vertreiben!“ Inzwischen war Bau-yü fertig angezogen, und Hsi-jën drängte ihn, die Herzogimutter, Djia Dschëng und Dame Wang aufzusuchen. Bau-yü aber ermahnte erst noch Tjing-wën, Schë-yüä und die anderen mit ein paar Sätzen, ehe er zur Herzoginmutter ging, die ihm natürlich auch noch einiges mit auf den Weg zu geben hatte. Danach ging er zu Dame Wang und anschließend in die Bibliothek zu Djia Dschëng. Ausgerechnet heute war Djia Dschëng etwas früher nach Hause zurückgekommen und unterhielt sich in der Bibliothek eben mit seinen Schützlingen. Als plötzlich Bau-yü hereinkam, um ihm seinen Gruß zu entbieten, und dann berichtete, er gehe zur Schule, lachte Djia Dschëng sarkastisch und sagte: „Wenn du noch einmal sagst, du gehst zur Schule, komme ich um vor Scham! Mir scheint, es wäre richtiger zu sagen, du gehst spielen. Gib acht, daß du meinen Boden nicht beschmutzt, auf dem du stehst, und meine Tür, an die du dich lehnst!“ Seine Kostgänger und Schützlinge, die sich längst von ihren Plätzen erhoben hatten, sagten jetzt lächelnd: „Warum müßt Ihr nur wieder so sein, ehrwürdiger Freund unserer Väter? Heute geht Euer Sohn zur Schule, und in zwei, drei Jahren kann er sich bei den Prüfungen einen Namen machen. Er ist ganz bestimmt nicht mehr so kindisch wie ehedem. Aber jetzt ist schon bald Essenszeit, und er muß sich endlich verabschieden!“ Damit faßten zwei ältere unter ihnen Bau-yü an den Händen und gingen mit ihm hinaus. „Wer begleitet Bau-yü?“ erkundigte sich Djia Dschëng. Von draußen waren Antwortrufe zu hören, und schon kamen drei, vier kräftige Männer herein, die mit gebeugtem Knie ihren Gruß entboten. Djia Dschëng erkannte Li Guee, den Sohn von Bau-yüs Amme Li, unter ihnen und sprach ihn an: „Ihr seid doch ganze Tage beim Unterricht mit ihm zusammen, was hat er denn nun für Bücher studiert? Wahrscheinlich hat er irgendwelchen haltlosen Unsinn gelesen und sich ein paar extrafeine Rüpeleien zu eigen gemacht. Wartet nur, bis ich ein wenig Muße habe, dann werde ich zuerst Euch die Haut vom Leibe schinden, und dann rechne ich mit diesem Versager ab!“ Damit hatte er Li Guee so sehr erschreckt, daß er rasch auf beide Knie niederfiel, die Mütze abnahm und hörbar mit der Stirn auf den Boden schlug, wobei er immer wieder sagte: „Sehr wohl, sehr wohl!“ Dann berichtete er: „Er hat das ‚Buch der Lieder‘ schon bis zum dritten Band gelesen, wo es heißt ‚You, you! schrei‘n die Hirsche, PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT Lotosblätter und Entengrütze.‘ Ich sage wirklich die Wahrheit!“ Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus, und selbst Djia Dschëng konnte nicht an sich halten und lachte mit. Dann sagte er: „Und wenn er noch dreißig Bände vom ‚Buch der Lieder‘ liest, macht er doch damit nur sich selbst etwas vor und hält die Leute zum besten. Bestell dem Herrn Lehrer in der Schule einen Gruß und richte ihm aus, ich hätte gesagt, er brauche sich nicht routinemäßig mit dem ‚Buch der Lieder‘ und der klassischen Prosa aufzuhalten, er solle vielmehr in einem Zug die Vier Bücher PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT erklären und auswendig lernen lassen. Das ist das Allerwichtigste!“ Li Guee antwortete rasch : „Sehr wohl!“ Und als er merkte, daß Djia Dschëng ihm nichts weiter sagen wollte, zog er sich wieder zurück. Bau-yü hatte inzwischen ganz allein außerhalb des Hofes gewartet und dabei kaum zu atmen gewagt. Als jetzt seine Begleiter erschienen, ging er rasch mit ihnen davon. Li Guee klopfte sich den Staub von den Kleidern und sagte dabei: „Habt Ihr das gehört, kleiner Herr? Zuerst will er uns die Haut abziehen! Anderer Leute Sklaven gewinnen noch ein bißchen Ansehen durch ihren Herrn, unsereiner aber wird für nichts und wieder nichts mit geschlagen und mit gescholten. Habt doch in Zukunft ein wenig Mitleid mit uns!“ „Nimm es dir nicht zu Herzen, Bruder!“ erwiderte Bau-yü lächelnd. „Morgen werde ich dich bewirten.“ „Wer wagt wohl zu hoffen, von Euch bewirtet zu werden, kleiner Gebieter!“ sagte Li Guee. „Es reicht ja, wenn Ihr auf einen Satz hört, den man Euch sagt, oder wenigstens auf einen halben!“ Mittlerweile waren sie in die Räume der Herzoginmutter gekommen, wo Tjin Dschung schon lange wartete. Die Herzoginmutter sprach eben mit ihm. Als Tjin Dschung und Bau-yü einander begrüßt und sich dann von der Herzoginmutter verabschiedet hatten, fiel Bau-yü plötzlich ein, daß er Dai-yü noch nicht auf Wiedersehen gesagt hatte. Also ging er rasch in ihr Zimmer, wo sie am Fenster vor dem Spiegel saß und ihren Putz in Ordnung brachte. Als Dai-yü hörte, wie Bau-yü sagte, er gehe jetzt in die Schule, bemerkte sie lächelnd: „Dann wirst du ja bald ‚im Krötenpalast einen Kassiazweig brechen‘ PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT . Begleiten kann ich dich nicht.“ „Liebstes Kusinchen“, bat Bau-yü, „iß bitte erst, wenn ich aus der Schule zurück bin, und misch auch deine Schminkpaste erst, wenn ich wieder hier bin!“ So schwatzten sie noch lange, ehe Bau-yü endlich ging. Da rief Dai-yü ihn noch einmal an und fragte: „Warum gehst du dich von Kusine Bau-tschai nicht verabschieden?“ Aber Bau-yü lachte nur, anstatt zu antworten. Er begab sich jetzt mit Tjin Dschung geradeswegs zur Schule. Die Freischule der Djias war nicht weit entfernt, nicht mehr als ein Li. Der Urahn hatte sie eingerichtet, weil er fürchtete, es könnte junge Leute in der Sippe geben, für die aus Armut kein Lehrer angestellt werden konnte. Sie sollten hier eintreten und lernen können. Jeder aus der Sippe, der einen Beamtenposten innehatte, steuerte je nach der Höhe seines Gehalts eine bestimmte Menge Silber für die Schulkosten bei, und gemeinsam wählten sie einen bejahrten, tugendhaften Mann zum Schulleiter, der die jungen Leute unterrichtete. Als Bau-yü und Tjin Dschung heute in die Schule gekommen waren und mit jedem einzelnen Mitschüler den zeremoniellen Gruß gewechselt hatten, begannen sie ihre Lektüre. Von diesem Tag an kamen und gingen sie gemeinsam, setzten sich zusammen hin und standen zusammen wieder auf, und so wurden sie immer vertrauter miteinander. Es kam noch hinzu, daß die Herzoginmutter in ihrer liebevollen Fürsorge Tjin Dschung häufig für drei oder fünf Tage dabehielt und ihn genausogern hatte wie ihre Urenkelkinder. Weil sie sah, daß Tjin Dschung nicht eben sehr begütert war, half sie ihm auch mit Kleidung, Schuhen und anderen Dingen. Es brauchte keinen vollen Monat, damit Tjin Dschung im Jung-guo-Anwesen heimisch wurde. Nun war Bau-yü ein Mensch, der mit seinem Los nie zufrieden war und den Regungen seines Herzens stets freien Lauf ließ. Er zeigte auch jetzt seine alte Schwäche, indem er verstohlen zu Tjin Dschung sagte: „Wir beide sind gleichaltrig, überdies sind wir Schulkameraden, darum wollen wir uns in Zukunft nicht mehr als Onkel und Neffe anreden, sondern nur noch als Bruder und Freund!“ Tjin Dschung sträubte sich anfangs dagegen, aber als Bau-yü nicht auf ihn hören wollte und ihn nur noch Bruder nannte oder ihn mit seinem Ehrennamen Djing-tjing anredete, blieb ihm nichts weiter übrig, als ihn einmal so, einmal so anzureden. In die Schule gingen zwar nur Angehörige der eigenen Sippe und einige angeheiratete junge Leute, aber wie der Volksmund richtig sagt, kann ein Drache neun Junge haben, und jedes ist von einer anderen Art. Wo viele Menschen beisammen sind, findet man unvermeidlich Schlangen unter die Drachen gemischt, und so gab es auch hier niedriggesinnte Menschen. Als jetzt Bau-yü und Tjin Dschung dazugekommen waren, die beide ein blumengleiches Aussehen hatten, und die Mitschüler bemerkten, daß Tjin Dschung sanft und schüchtern war, ein jedes Mal errötete, bevor er den Mund aufmachte, und daß Bau-yü imstande war, sich ihm zuliebe zu demütigen und seinen Zorn zu besänftigen, daß er mitfühlend in seiner Art und zart in seiner Sprache war, wodurch sie sich beide so nahe gekommen waren, da war es kein Wunder, daß sie bei einer Reihe von Mitschülern in Verdacht gerieten. Hinter ihrem Rücken wurde geschwatzt und gemunkelt, Schmähreden und Gerüchte verbreiteten sich in der Schule und außerhalb. Auch Hsüä Pan hatte, nachdem sie zu den Djias gezogen waren, erfahren, daß es hier eine Familienschule gab, die von vielen jungen Leuten besucht wurde, und da war es nicht zu vermeiden, daß sich ein plötzliches Gelüste nach Knabenschönheit bei ihm regte. So hatte auch er dem Namen nach begonnen, die Schule zu besuchen. Allerdings war er ein Fischer, der drei Tage lang fischte und zwei Tage lang die Netze trocknen ließ. Die Schulkosten und gelegentliche Geschenke, die Djia Dai-ju von Hsüä Pan bekam, waren sinnlos vertan, denn dieser lernte nicht das mindeste bei ihm, es kam ihm nur darauf an, hier seine ‚Brüderschaften‘ zu schließen. Tatsächlich gab es unter den kleineren Schülern etliche, die auf das Silber und das Geld, das Essen und die Kleidung aus waren, die sie von Hsüä Pan erhielten, und sich von ihm betören ließen. Aber davon braucht nicht weiter berichtet zu werden. Besonders waren es zwei gefühlvolle kleinere Schüler, von denen ich nicht weiß, zu welchem Zweig der Familie sie gehörten. Ich habe auch nicht nachgeforscht, wie sie hießen. In der Schule hatten sie, weil sie von edlem, anmutigem Wuchs waren, die Spitznamen ‚Duftliebchen‘ und ‚Jadeschätzchen‘ bekommen. Und obwohl alle ein heimliches Verlangen nach ihnen hatten und Wünsche hegten, die den Knaben schädlich sind, wagte es aus Furcht vor Hsüä Pans Macht niemand, sich ihnen zu nähern. Als jetzt Bau-yü und Tjin Dschung in die Schule kamen und die beiden sahen, war es nicht anders möglich, als daß auch sie sich unwiderstehlich zu ihnen hingezogen fühlten. Doch weil sie erfuhren, die beiden seien mit Hsüä Pan befreundet, wagten sie nicht, leichtfertig vorzugehen. Duftliebchen und Jadeschätzchen fanden genauso an Bau-yü und Tjin Dschung Gefallen. So hatten zwar alle vier denselben Wunsch, aber noch war er nicht Wirklichkeit geworden. Jeder von ihnen setzte sich täglich bei Unterrichtsbeginn auf seinen Platz, aber ihre Blicke trafen sich, sie redeten in Anspielungen miteinander, machten sich versteckte Komplimente und verstanden einander auch von weitem. Dabei waren sie äußerlich bemüht, alles vor fremden Augen geheimzuhalten. Wider Erwarten gab es aber doch ein paar gewiefte Burschen, die die Sache durchschauten und hinter dem Rücken der vier die Augen verdrehten, hüstelten oder die Stimme erhoben. Und so ging es nicht nur einen Tag. Einmal war Djia Dai-ju einer Erledigung wegen schon früher nach Hause gegangen und hatte den Schülern aufgegeben, zu einem siebensilbigen Satz einen Parallelsatz zu bilden, den sie am nächsten Tag vorlegen sollten. Die Aufsicht über die Schulangelegenheiten hatte er einstweilen Djia Juee übertragen. Der Zufall wollte es, daß Hsüä Pan in der letzten Zeit nicht einmal zu jeder Anwesenheitskontrolle in die Schule kam. So nahm Tjin Dschung die Gelegenheit wahr und machte Duftliebchen mit Augen und Brauen heimliche Zeichen, woraufhin sie beide unter dem Vorwand, ein kleines Geschäft verrichten zu wollen, in den hinteren Hof gingen, um ein vertrautes Gespräch zu führen. „Kümmern sich die Erwachsenen bei dir zu Hause darum, mit wem du befreundet bist...?“ fragte Tjin Dschung den anderen als erstes. Aber noch ehe er ausgesprochen hatte, hustete es hinter ihnen, und als sie erschrocken mit den Köpfen herumfuhren, erblickten sie ihren Schulkameraden Djin Jung. Duftliebchen, dessen Temperament etwas hitzig war, fragte, erregt vor Scham und Zorn: „Was gibt es da zu husten? Dürfen wir beide vielleicht nicht miteinander sprechen?“ „Und darf ich vielleicht nicht husten, wenn ihr miteinander sprecht?“ fragte Djin Jung grinsend. „Ich möchte bloß wissen, warum ihr euch nicht in aller Öffentlichkeit unterhaltet, wenn ihr etwas zu bereden habt. Wer hat euch eigentlich erlaubt, so heimlich und verstohlen hierher zu schleichen, und was treibt ihr hier für Geschichten? Jetzt habe ich euch erwischt, da hilft kein Leugnen! Entweder ihr laßt mich auch mal mitmachen, dann sage ich kein Wort davon, oder aber die ganze Schule erfährt es!“ Tjin Dschung und Duftliebchen schoß vor Erregung das Blut ins Gesicht, und sie fragten: „Wobei hast du uns erwischt?“ „Auf frischer Tat habe ich euch erwischt“, sagte Djin Jung. Dann klatschte er in die Hände und rief lachend: „Hier werden prima Sesambrötchen gebacken! Wer kauft eins zum Essen?“ Zornig und aufgebracht eilten Tjin Dschung und Duftliebchen in den Unterrichtsraum zurück und beklagten sich bei Djia Juee über Djin Jung. Djin Jung habe sie ohne jeden Grund beleidigt, sagten sie. Nun war dieser Djia Juee ein Mensch, der vor allem auf seinen Vorteil bedacht war und keinerlei Anstand besaß. Seine Stellung in der Schule nutzte er aus, um die Jüngeren zu zwingen, ihn freizuhalten. Später hatte er sich an Hsüä Pan gehängt, weil er auf das Silber und das Geld, den Wein und das Fleisch erpicht war, das er bei ihm bekam. Er ließ ihm jede tyrannische Eigenmächtigkeit durchgehen, und anstatt ihn zu zügeln, machte er sich, nur um sein Wohlgefallen zu erringen, sogar zum ‚Helfershelfer des Tyrannen‘. Hsüä Pan aber hatte die Beständigkeit von Entengrütze, die auf dem Wasser treibt, seine Zuneigung ging heute nach Ost und morgen nach West. Er hatte unlängst neue Freunde gefunden, Duftliebchen und Jadeschätzchen aber hatte er fallengelassen. Selbst Djin Jung war einstmals sein Freund gewesen, hatte aber zugunsten von Duftliebchen und Jadeschätzchen den Laufpaß bekommen. Jetzt waren Duftliebchen und Jadeschätzchen ihrerseits verstoßen worden, und Djia Juee hatte niemanden mehr, der bei Hsüä Pan ein gutes Wort für ihn einlegen konnte. Er störte sich aber nicht etwa an Hsüä Pans Treulosigkeit, vielmehr war er auf Duftliebchen und Jadeschätzchen böse, weil sie ihm nicht mehr als Fürsprecher dienten. So waren Djia Juee, Djin Jung und ihresgleichen eifersüchtig auf Duftliebchen und Jadeschätzchen, und als sich jetzt Tjin Dschung und Duftliebchen über Djin Jung beschwerten, ging das Djia Juee erst recht gegen den Strich. Nun konnte er Tjin Dschung nicht gut herunterputzen, statt dessen wollte er an Duftliebchen ein Exempel statuieren und hielt ihm entgegen, er sei ein aufdringlicher Nörgler. Dazu machte er ihm noch einige ernsthafte Vorhaltungen. So holte sich nicht nur Duftliebchen eine Abfuhr, auch Tjin Dschung fühlte sich mit beschämt, und sie kehrten beide auf ihre Plätze zurück. Djin Jung war außerordentlich zufrieden. Er wiegte seinen Kopf, schnalzte mit der Zunge und schwatzte allen möglichen Unsinn. Das aber konnte Jadeschätzchen nicht mit anhören, und so begannen sie sich von Platz zu Platz tuschelnd zu zanken. Dabei behauptete Djin Jung steif und fest: „Eben habe ich klar und deutlich gesehen, wie sich die beiden im Hof geküßt und die Hintern befummelt haben. Sie hatten ausgemacht, sich gegenseitig zu ficken, und wollten Grashalme ziehen, damit der, der den längeren zog, als erster durfte.“ So redete er den größten Unfug daher, nur weil es ihm Spaß machte, und war nicht auf der Hut, daß auch noch andere ihn hören konnten. Und schon hatte er jemanden in Wut gebracht. Wer das war? Er hieß Djia Tjiang und war einer der Ururenkel der Hauptlinie der Djias im Ning-guo-Anwesen. Seine Eltern waren beide früh gestorben, er hatte von klein auf bei Djia Dschën gelebt. Jetzt war er sechzehn Jahre alt und sah noch edler und lieblicher aus als sein Vetter Djia Jung, mit dem er auf vertrautem Fuß stand und häufig beisammen war. Nun gab es aber viele Leute im Ning-guo-Anwesen und ebensoviel Geschwätz. Unzufriedene Sklaven verstehen sich bestens darauf, Gerüchte in die Welt zu setzen und ihre Herrschaft zu schmähen. Ich weiß nicht, welcher niedrigdenkende Mensch wieder Verleumdungen in Umlauf gesetzt hatte, aber Djia Dschën mußte wohl etwas Häßliches munkeln gehört haben und hatte, um sich auch selbst vor Verdächtigungen zu schützen, Djia Tjiang eigene Räume außerhalb des Ning-guo-Anwesens zugewiesen, wo er einen selbständigen Haushalt führen sollte. Djia Tjiang war nicht nur schön von Gestalt, er war dabei auch schlau. Dem Namen nach ging er zwar zur Schule, aber das war bloße Tarnung, denn er besuchte weiter Hahnenkämpfe und Hunderennen und verbrachte seine Zeit in Freudenhäusern. Dabei verließ er sich ganz darauf, daß Djia Dschën eine Schwäche für ihn hatte und Djia Jung ihm behilflich war. Wer von den Sippenangehörigen hätte es da gewagt, ihm zu nahe zu treten! So gut wie sich Djia Tjiang mit Djia Jung stand, konnte er es nicht dulden, daß Tjin Dschung von jemandem beleidigt wurde. Schon wollte er mutig vortreten, um das Unrecht zu sühnen, aber dann überdachte er die Sache noch einmal in seinem Herzen. „Djin Jung und Djia Juee sind mit Onkel Hsüä befreundet“, sagte er sich. „Und ich bin mit Onkel Hsüä auch immer gut ausgekommen. Wenn ich jetzt offen in Erscheinung trete und die anderen erzählen es Alt Hsüä, leidet natürlich unser gutes Verhältnis darunter. Mische ich mich aber nicht ein, sind doch diese Gerüchte zu beschämend für alle. Warum sollte ich nicht eine List gebrauchen, damit dieses Gerede aufhört und gleichzeitig mein Ansehen gewahrt bleibt?“ Als dieser Gedanke zur Klarheit gereift war, gab er ebenfalls vor, ein kleines Geschäft verrichten zu müssen, und ging hinaus, wo er heimlich Bau-yüs Bücherknaben Ming-yän zu sich rief und ihn, „So und so...“, mit ein paar Sätzen aufstachelte. Ming-yän war der tüchtigste von Bau-yüs Sklavenjungen, dazu jung und unerfahren. Jetzt hörte er von Djia Tjiang, Djin Jung habe Tjin Dschung so beleidigt, daß selbst sein Herr Bau-yü mit davon betroffen sei, und Djin Jung würde sich ohne einen ordentlichen Denkzettel beim nächsten Mal sicher noch größere Dreistigkeiten erlauben und dann kaum noch zu bändigen sein. Nun war Ming-yän fähig, auch ohne Grund jemandem Gewalt anzutun. Darum stürmte er jetzt, als er die Nachricht vernommen hatte und sich von Djia Tjiang unterstützt sah, Hals über Kopf in den Unterrichtsraum, um sich Djin Jung vorzuknöpfen. Er redete ihn nicht einmal mit ‚junger Herr‘ an, sondern sagte einfach: „He, Djin! Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“ Jetzt stampfte Djia Tjiang mit den Stiefeln auf, brachte betont seine Kleidung in Ordnung, schaute nach dem Sonnenstand, sagte: „Es wird Zeit!“, und erklärte Djia Juee, er habe eine Besorgung zu machen und müsse deshalb etwas früher gehen. Djia Juee, der es nicht wagte, ihn aufzuhalten, mußte ihn gehen lassen. Inzwischen hatte Ming-yän Djin Jung am Arm gepackt und fragte ihn: „Hat das etwas mit deinem Schwanz zu tun, ob wir arschficken oder nicht? Schließlich haben wir nicht deinen Vater gefickt, verdammt noch mal! Wenn du ein Kerl bist, komm raus und versuch dein Glück mit Herrn Ming-yän!“ Alle im Raum glotzten vor Schreck wie versteinert. Djia Juee schrie Ming-yän an, er solle sich benehmen, und Djin Jung, dessen Gesicht vor Wut fahl geworden war, sagte: „Du wagst es, du Sklave, du niedriger Wicht? Das werde ich mit deinem Herrn abmachen!“ Damit riß er sich los und wollte sich auf Bau-yü und Tjin Dschung stürzen. Aber noch ehe er den ersten Schritt gemacht hatte, kam sausend ein Tuschereibstein von hinten geflogen, den wer weiß wer geworfen hatte. Glücklicherweise traf er nicht und schlug vielmehr auf einem der Nachbarplätze auf, wo Djia Lan und Djia Djün saßen. Djia Djün gehörte zur Generation der Urenkel im Jung-guo-Anwesen und entstammte einer nahe verwandten Nebenlinie der Sippe. Auch seine Mutter war in jungen Jahren Witwe geworden und hatte nur diesen einen Sohn. Djia Djün war mit Djia Lan eng befreundet, und darum saßen sie zusammen an einem Tisch. Wenn Djia Djün auch noch klein war, hatte er doch große Vorsätze und war dreist und unerschrocken. Es hatte ihn kalt gelassen, als er sah, daß einer von Djin Jungs Freunden diesen heimlich unterstützen wollte, indem er einen Tuschereibstein nach Ming-yän schleuderte. Aber wie konnte er ruhig bleiben, als der Reibstein, anstatt Aus: Jinyuyuan 1889b. Ming-yän zu treffen, gerade vor ihm auf den Tisch niederkrachte und den Wasserbehälter aus Porzellan zertrümmerte, so daß schmutziges Wasser seine Bücher bespritzte! „Ihr Sträflingspack!“ schimpfte er. „Jetzt geht es erst richtig los!“ Damit ergriff er den Tuschereibstein und wollte ihn zurückwerfen, aber Djia Lan, der Unannehmlichkeiten lieber aus dem Wege ging, hielt den Reibstein fest und redete nach Kräften auf Djia Djün ein. „Liebster Vetter“, sagte er, „uns geht doch das nichts an!“ Aber Djia Djün konnte die Angelegenheit natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Er packte deshalb mit beiden Händen einen Kasten mit Büchern und warf ihn durch den Raum. Aber klein und schlapp, wie er war, erreichte sein Geschoß nicht das Ziel und landete genau auf dem Tisch, an dem Bau-yü und Tjin Dschung saßen. Krach! machte es, und Bücher, Papier, Pinsel und Reibstein flogen durcheinander über den ganzen Tisch. Auch Bau-yüs Teeschale war mit getroffen. Die Schale zerbrach, und der Tee lief aus. Nun sprang Djia Djün auf, um den Jungen zu packen, der den Tuschereibstein geworfen hatte. Djin Jung hatte sich inzwischen einen großen Bambusprügel gegriffen, konnte aber in dem engen Raum voller Jungen das lange Ding nicht richtig herumwirbeln lassen. Doch schon hatte Ming-yän einen Schlag damit abbekommen und schrie jetzt aufgeregt: „Wollt ihr nicht endlich mitmachen?“ Bau-yü hatte noch drei andere kleine Sklavenjungen – Tschu-yau, Sau-hung und Mo-yü, einer so frech wie der andere. „Ihr Konkubinenbrut, habt ihr zu den Waffen gegriffen?!“ schrien sie, und Mo-yü faßte den schweren Balken, der dazu diente, die Tür zu versperren, während Sau-hung und Tschu-yau ihre Pferdepeitschen zur Hand hatten. So stürzten sie wie ein Bienenschwarm hinein. Djia Juee stellte sich in seiner Aufregung hier jemandem in den Weg und redete dort auf jemanden ein, aber wer hörte schon auf ihn! Alle tobten wild durcheinander. Von der Menge der zuchtlosen Knaben trugen die einen dazu bei, die Stimmung zu heben, indem sie im rechten Augenblick ungefährdet ein paar Schläge von hinten austeilten, andere verkrochen sich ängstlich am Rande, und manche standen hoch aufgerichtet auf den Tischen, klatschten in die Hände, lachten wie verrückt und schrien: „Feste, feste!“ So war der Raum in wenigen Augenblicken zu einem brodelnden Kessel geworden. Als Li Guee und die anderen erwachsenen Sklaven von draußen hörten, daß drinnen der Aufruhr tobte, gingen sie rasch hinein, geboten Ruhe und fragten nach dem Grund für die Aufregung. Aber darüber war die Meinung geteilt, der eine sagte so, der andere so. Also schimpfte Li Guee erst einmal Ming-yän und seine drei Gefährten aus und jagte sie aus dem Raum. Tjin Dschung hatte eine Schramme am Kopf, der mit Djin Jungs Bambusprügel Bekanntschaft gemacht hatte, und Bau-yü wischte sie eben mit dem Aufschlag seines Gewandes ab. Als er sah, daß alle zur Ruhe gebracht waren, befahl er Li Guee: „Sammle meine Bücher ein und bring mein Pferd! Ich will zum gnädigen Herrn, ihm alles zu berichten! Man hat uns beleidigt, mehr will ich gar nicht davon sagen, und als wir uns in aller Form bei Herrn Djia Juee darüber beklagten, hat er uns die Schuld aufgegeben. Er hat geduldet, daß die andern uns beschimpfen, und hat sie noch aufgestachelt, unsern Ming-yän zu hauen. Tjin Dschung haben sie sogar den Kopf aufgeschlagen. Wie soll ich noch länger hier lernen? Ming-yän hatte sich doch nur eingemischt, weil ich beleidigt worden war. Das Beste ist wirklich, ich gehe!“ „Nicht so hitzig, kleiner Herr!“ redete Li Guee ihm zu. „Wenn der gnädige Herr schon wieder zu Hause ist, weil er hier etwas zu tun hat, und Ihr ihn wegen so einer Lappalie belästigt, würde uns das sehr ins Unrecht setzen. Ich halte es für das Beste, solche Sachen immer gleich an Ort und Stelle zu erledigen. Warum müßt Ihr unbedingt den gnädigen Herrn auf Euch aufmerksam machen?“ Dann fuhr er fort: „Alles ist nur Eure Schuld, Herr Djia Juee! Wenn Euer Großvater nicht in der Schule ist, seid Ihr hier der Leiter, und alle verhalten sich so, wie Ihr sie leitet. Wenn sie sich etwas zuschulden kommen lassen, muß Schläge bekommen, wer Schläge verdient, und Strafe, wer Strafe verdient. Wie konntet Ihr es zulassen, daß so ein Tumult entsteht, ohne daß Ihr eingegriffen habt?“ „Ich habe ja geschrien, aber keiner hat auf mich gehört“, verteidigte sich Djia Juee. „Nehmt es mir nicht übel“, erwiderte Li Guee mit einem Lächeln, „aber für gewöhnlich benehmt Ihr Euch selbst nicht ganz korrekt, und deshalb hören sie nicht auf Euch. Wenn der Skandal jetzt bis vor den gnädigen Herrn gelangt, kommt Ihr auch nicht ungeschoren davon. Also macht Euch lieber rasch Gedanken, wie die Sache beizulegen ist!“ „Was heißt hier beilegen?“ wandte Bau-yü ein. „Ich gehe es melden, auf jeden Fall!“ Und Tjin Dschung sagte unter Tränen: „Wo Djin Jung ist, gehe ich nicht länger zur Schule!“ „Was soll denn das heißen?“ fragte Bau-yü. „Sollen die etwa kommen dürfen und wir nicht? Ich werde allen genau darüber berichten, und Djin Jung wird hinausgeworfen.“ Dann wandte er sich an Li Guee, um zu fragen: „Über welchen Zweig der Familie ist Djin Jung überhaupt mit uns verwandt?“ Li Guee dachte kurz nach und sagte dann: „Ihr solltet besser nicht danach fragen, damit das Verhältnis von Euch jungen Herren untereinander nicht noch mehr leidet.“ Aber da rief Ming-yän durchs Fenster: „Er ist der Neffe der Frau Eures Vetters Huang aus der Ostgasse, und so einer will kräftig genug sein, andern den Rücken zu stärken und uns Angst einzujagen! Herrn Djia Huangs Frau ist seine Tante väterlicherseits. – Du, Deine Tante ist eine Speichelleckerin, die vor der Frau von Herrn Djia Liän immer nur auf den Knien rutscht und sie bittet, ihr Sachen zu borgen, die sie in die Pfandleihe schaffen kann. Solche Art Herrschaften kann ich nur verachten!“ „Du verfluchtes kleines Aas!“ fuhr Li Guee ihn an. „Mußt ausgerechnet du von diesen Klatschgeschichten wissen?“ „Ich hatte gedacht, er sei mit wer weiß wem verwandt“, sagte Bau-yü mit höhnischem Lächeln. „Dabei ist er ein Neffe der Frau von Vetter Huang. Mit der werde ich gleich mal ein Wörtchen reden!“ Damit wollte er wirklich gehen und befahl Ming-yän, hereinzukommen und ihm die Bücher zusammenzupacken. Während Ming-yän damit beschäftigt war, sagte er mit Genugtuung: „Warum wollt Ihr selbst gehen, Herr? Ich werde zu ihr gehen und sagen, die alte gnädige Frau wolle sie etwas fragen. Dann miete ich einen Wagen und bringe sie, und Ihr könnt sie in Gegenwart der alten gnädigen Frau zur Rede stellen. Ist das nicht einfacher?“ „Daß du verrecken mögest!“ schrie Li Guee ihn an. „Paß auf, daß ich dir nicht zuerst eine ordentliche Tracht verpasse, wenn wir zu Hause sind, und dann dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau berichte, daß Bau-yü nur von dir aufgehetzt worden ist! Kaum habe ich ihn hier mit Müh und Not halbwegs zur Ruhe gebracht, da kommst du wieder mit einer neuen Idee. Du hast die ganze Schule in Aufruhr versetzt, und anstatt nun mit einem andern Mittel auch wieder für Ruhe zu sorgen, wie es sich gehören würde, willst du die Sache immer noch schlimmer machen.“ Jetzt erst wagte sich Ming-yän nicht mehr zu mucksen. Auch Djia Juee, dessen Gewissen alles andere als rein war, hatte Angst, der Skandal könnte noch weitere Kreise ziehen, darum demütigte er sich und leistete erst bei Tjin Dschung und dann bei Bau-yü Abbitte. Zuerst wollten die beiden nichts davon wissen, aber dann sagte Bau-yü: „Ich brauche es auch nicht zu melden, aber Djin Jung muß sich entschuldigen, dann erst ist die Sache erledigt!“ Djin Jung weigerte sich zunächst, aber Djia Juees Druck konnte er schließlich nicht widerstehen. Auch Li Guee und die anderen redeten ihm gut zu. „Du hast die Sache angefangen, jetzt mußt du ihr auch ein Ende machen“, sagten sie. Nun konnte sich Djin Jung nicht länger sträuben, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich vor Tjin Dschung zu verbeugen. Bau-yü war das noch nicht genug, er bestand auf einem Stirnaufschlag. Djia Juee, der keinen anderen Wunsch hatte, als die Sache erst einmal beizulegen, redete Djin Jung leise zu: „Was heißt hier umbringen, wenn nur der Kopf ab soll, sagt der Volksmund. Alles halb so schlimm! Und wer sich selbst in Unannehmlichkeiten bringt, der kann nicht umhin, seinen Zorn herunterzuschlucken. Mach einen Stirnaufschlag, und der Fall ist erledigt!“ Djin Jung blieb nun keine andere Wahl, er mußte vor Tjin Dschung niederknien und mit der Stirn den Boden berühren. Im nächsten Kapitel soll alles näher erläutert werden. 10. Aus Gewinnsucht nimmt Djin Jungs verwitwete Mutter die Schande in Kauf, bei der Krankendiagnose geht der Arzt Dschang bis ins letzte Detail. Erst als sich Djin Jung infolge der gegnerischen Übermacht und unter dem Druck von Djia Juee bei Tjin Dschung entschuldigt und einen Stirnaufschlag vor ihm gemacht hatte, gab sich Bau-yü zufrieden, und alle gingen auseinander. Doch nachdem Djin Jung zu Hause war, wurde er immer wütender, je länger er über die Sache nachdachte, und murrte vor sich hin: „Tjin Dschung ist bloß der Schwager von Djia Jung und kein Kind der Familie Djia. In der Schule ist er genau wie ich nur geduldet. Doch im Vertrauen auf Bau-yüs Freundschaft dünkt er sich besser als andere. Aber dann müßte er sich auch anständig benehmen, und kein Mensch würde etwas sagen. Statt dessen hat er dauernd Heimlichkeiten mit Bau-yü und glaubt, alle andern seien blind, daß sie nichts merken. Heute wollte er wieder mit jemand anbändeln, und ich mußte ausgerechnet dazukommen. Warum soll ich eigentlich Angst haben, wenn ein Skandal daraus wird?“ „Was willst du wieder für einen Skandal anzetteln?“ fragte seine Mutter, Frau Hu, die ihn murmeln gehört hatte. „So viel Mühe hat es mich gekostet, mit der Tante zu sprechen, und sie hat wieder tausendfache List gebrauchen müssen, ehe sie endlich mit der Frau von Djia Liän im Westanwesen sprechen konnte. Nur so hast du Gelegenheit bekommen zu lernen. Hätten wir wohl die Mittel, ohne fremde Hilfe einen Lehrer anzustellen? Dazu bekommst du noch in der Schule Tee und Essen. In den zwei Jahren, seitdem du dort lernst, haben wir zu Hause ganz schön Wirtschaftsgeld sparen können. Von dem Ersparten hast du hübsche Sachen bekommen, wie du sie gern trägst. Und hast du nicht durch die Schule auch diesen Herrn Hsüä kennengelernt, der uns das ganze Jahr hindurch unter die Arme greift, so daß wir in den zwei Jahren siebzig oder achtzig Liang Silber von ihm bekommen haben? Wenn du jetzt einen Skandal machst und deswegen aus der Schule geworfen wirst, wird es schwerer sein, eine zweite derartige Stelle für dich zu finden, als in den Himmel zu steigen, das sage ich dir. Spiel jetzt lieber noch ein Weilchen, und dann geh schlafen!“ Also verbiß sich Djia Jung den Ärger und hielt seinen Mund. Bald darauf legte er sich schlafen. Am nächsten Tag ging er in die Schule wie immer, und es soll nicht weiter davon die Rede sein. Djin Jungs Tante väterlicherseits war mit einem Angehörigen der Hauptlinie der Djia-Sippe aus der Jade-Generation PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT verheiratet worden, der Djia Huang hieß. Unnötig zu sagen, daß nicht alle Sippenangehörigen der Djias so reich und mächtig waren wie die Djias im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen. Djia Huang und seine Frau verfügten über einen kleinen Besitz und gingen ansonsten auch häufig ins Ning-guo- und ins Jung-guo-Anwesen, um ihren Gruß zu entbieten. Sie verstanden es, Hsi-fëng und Frau You zu schmeicheln, und wurden deshalb von diesen immer wieder mit Geld und Gut unterstützt. Nur so konnten sie ihr Leben in der jetzigen Weise führen. Heute war das Wetter klar, zu Hause gab es nichts zu tun, darum bestieg Frau Hu mit einer alten Dienerin einen Wagen und fuhr in ihr Elternhaus, um dort ihre verwitwete Schwägerin und ihren Neffen zu besuchen. |