Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 88"

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(German-only page for Hongloumeng chapter 88)
 
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== 博庭欢宝玉赞孤儿 / 正家法贾珍鞭悍仆 ==
 
== 博庭欢宝玉赞孤儿 / 正家法贾珍鞭悍仆 ==
  
aber zu teilen...“
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'''Bau-yü erfreut seine Großmutter, indem er eine Waise lobtDjia Dschën stärkt die Familiendisziplin, indem er zwei widerspenstige Diener bestraft.'''
Dai-yü schloß die Augen und senkte langsam den Kopf.
 
Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ –
 
„Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ –
 
„Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“
 
Dai-yü lachte.
 
„Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht. Dann gibt es Zeichen für alle Stile – die engen und die weiten schwingend, die steigenden und die fallenden gleitend, die Beize, das zitternd, das fallende gleitend0 mit offensaitigem Dröhnen...“
 
Bau-yü war außer sich vor Begeisterung.
 
„So perfekt, wie du das verstehst, Kusinchen, warum lernen wir nicht zusammem das Zitherspiel?“ –
 
„Das Wesen der Zither“, antwortete Dai-yü, „ist die Beherrschung. Es wurde vor langer Zeit erfunden, um sich selbst zu reinigen und ein gutes und besonnenes Leben zu führen, alle irdischen Lüste zu bezwingen und jeden zügellosen Impuls zu hemmen. Wenn du es zu spielen wünschst, mußt du dir erst eine ruhige Kammer suchen, ein Atelier mit weitem Ausblick oder einen höheren Raum, oder einen abgelegener Winkel über Hügeln und Bäumen, auf einem felsigen Gipfel, an einem Wasserufer...
 
Laß das Wetter klar und ruhig sein, eine leichte Brise, eine mondhelle Nacht. Entzünde Räucherstäbchen und sitz dort in stiller Meditation. Befreie deinen Geist von äußeren Gedanken. Die Balance von Atmung und Blut in perfekter Harmonie, nur so kann dein Geist sich dann mit dem Göttlichen verbinden und eine geheimnisvolle Einigung mit dem Dau antreten.
 
Wie die Alten sagen, es ist schwer, einen wahre Musikkenner zu treffen. Wenn es niemanden gibt, der die Wonne deiner Musik teilt, dann sitze allein und spiele der Brise und dem Mondlicht ein Lied, sing ein Loblied auf die alten Kiefern und die wettergegerbten Felsen; laß die wilden Affen und die ehrwürdigen Kraniche dein Lied hören, viel eher als das gemeine Volk, ihre dumpfen Ohren würden den kostbaren Klang des Zither nur besudeln.
 
So viel zur Umgebung. Das Nächstwesentliche sind die Fingertechnik und die Haltung. Bevor du das Instrument ergreifst, kleide dich angemessen – vorzugsweise mit einem baumwollenen Umhang oder einer antiken Robe. Übernimm die ehrenvollen Gebärden der Alten, die Art der Weisen, das ausgewählte Instrument zu tragen. Wasch deine Hände. Entzünde Räucherstäbchen. Setze dich auf die Ecke deiner Liege. Lege die Zither auf dem Tisch vor dir und setze dich so, daß du mit der Brust dem fünften Bund gegenüber sitzest. Erhebe beide Hände langsam und anmutig. Nun bist du mit Körper und Geist bereit zu beginnen.
 
„Während des Spielens mußt du sorgfältig die Tempi-Angaben beachten – leise, kräftig, munter-schnell, langsam0 – und bewahre die ganze Zeit eine entspannte und ernste Haltung.“ –
 
„Ach du meine Güte!“, rief Bau-yü aus, „ich dachte, wir könnten es zu unserem Vergnügen machen! Wenn das so kompliziert ist, glaube ich nicht, daß ich bereit dafür bin!“
 
Während sie sprachen, kam Dsï-djüan herein und fragte, als sie Bau-yü in dem Zimmer sah, mit einem Lächeln:
 
„Warum freuen Sie sich heute so sehr, Herr Bau-yü?“ –
 
„Kusine Dai hat mir eben etwas über die Zither beigebracht. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich könnte für immer zuhören!“ –
 
„Das meinte ich nicht“, sagte Dsï-djüan, „was ich meinte war, daß wir Sie in letzter Zeit so selten sehen, ich überlegte, ob etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Sie hierher führte?“ –
 
„Ich fürchte, es sieht wirklich so aus“, antwortete Bau-yü „Doch weshalb ich in der letzten Zeit nicht so oft vorbeischaute, war, weil es Kusine Dai-yü nicht gut ging und ich dachte, es sei besser, sie nicht zu stören. Und ich mußte auch zur Schule gehen...“ –
 
„Nun,“ unterbrach Dsï-djüan, „Fräulein Dai-yü hat gerade angefangen, sich besser zu fühlen, also warum laßt Ihr sie nicht lieber noch in Ruhe, statt sie um Unterricht zu bitten?“ –
 
„Oje! Wie gedankenlos von mir!“ stieß er mit einem Lachen hervor. „Ich war so gefangen von dem, was sie sagte, daß mir nicht in den Kopf kam, es könnte sie ermüden.“ –
 
„Das hat es auch nicht“, sagte Dai-yü lächelnd, „über Musik zu sprechen, ermüdet mich nie, ganz im Gegenteil, es weckt meine Geister. Ich mache mir nur Sorgen, daß ich vielleicht nur vor mich hin gesprochen habe und du das vielleicht gar nicht verstanden hast...“ –
 
„Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „nach und nach durchdringe ich es schon.“
 
Er stand auf.
 
„Doch im Ernst, ich sollte dich jetzt wirklich besser in Ruhe lassen. Morgen werde ich die dritte Schwester Tan und die vierte Schwester Hsi fragen, ob sie mit mir herüber kommen. Ihr drei könnt dann zusammen lernen. Ich werde dann dabei sitzen und...“ –
 
„Warum denn, du Faulpelz!“, lachte Dai-yü, „stell’ dir vor, wir drei lernen zu spielen und du bleibst so unwissend wie immer: so ist das wie Perlen vor die Säue werfen.“
 
An dieser Stelle stockte sie, weil sie plötzlich an eine Herzensangelegenheit dachte. Bau-yü lachte nur:
 
„Ich wäre schon froh, dich spielen zu hören. Dafür würde ich alles tun – sogar deine Sau sein!“
 
Dai-yü errötete, doch lachte dann auf. Dsï-djüan und Hsüä-yän lachten ebenfalls.
 
Bau-yü verabschiedete sich und erreichte gerade die Tür, als Tjiu-wën erschien, gefolgt von einer jüngeren Magd, die einen kleinen Topf mit Orchideen-Pflanzen trug.
 
„Die gnädige Herrin schickt vier Orchideentöpfe“, sagte Tjiu-wën, „und sie dachte, da sie im Palast sehr beschäftigt ist und keine Zeit hätte, sie zu pflegen, wäre es besser diese an Sie Herr Bau-yü, und Sie, Fräulein Dai-yü, weiterzugeben.“
 
Dai-yü betrachtete die Orchideen. Unter ihnen waren auch einige Doppelköpfige, und wie sie diese anschaute, hatte sie das merkwürdige Gefühl, es habe etwas zu bedeuten. Es war entweder Kummer oder Freude, worauf sie hindeuteten, sie konnte es nicht sagen. Doch es war etwas Wichtiges. Sie starrte sie an und war dabei in Gedanken verloren.
 
Im Gegensatz dazu war Bau-yüs Kopf immer noch voll mit schwingend und gleitend und als er ging, sagte er erheitert:
 
„Jetzt, da du diese Orchideen hast, Kusinchen, kannst du deinen eigenen eleganten Schreittanz, einen Pfauentanz0 der einsamen Orchideen komponieren. Und ich bin sicher, es wird so gut wie das von Konfuzius!“
 
Dai-yüs Herz war zu verärgert, um dieser Abschiedsgeste zu antworten. Sie ging wieder hinein und dachte bei sich, als sie die Orchideen anblickte:
 
‚Blumen haben ihren Frühling, eine Zeit der frischen Blüten und jungen Blätter. Ich bin jung, doch schwach – wie die Weide, die den ersten Hauch des Herbstes scheut... Wenn alles im Guten endet, werde ich wieder zu Kräften kommen. Aber wenn nicht, wird mein Schicksal ähnlich dem der Blütenblätter sein, die am Frühlingsende fallen, getrieben vom Regen und vom Wind verwirbelt...‘
 
Wegen dieser düsteren Gedanken kamen ihr die Tränen. Dsï-djüan war verwirrt, sie weinen zu sehen. ‚Eben gerade‘, dachte sie bei sich selbst, ‚als Herr Bau-yü hier war, waren die beiden so beflügelt; und schau’ sie dir jetzt an! Und das, als sie die schönen Blumen anschaute!’
 
Sie versuchte immer noch vergeblich, sie zu trösten, bis sie sah, daß Bau-tschai einige Dienerinnen hergeschickt hatte. Doch wer den Zweck ihres Besuches erfahren möchte, muß das nächste Kapitel lesen.
 
87. Die Kombination aus herbstlichen Klängen und traurigen Erinnerungen inspiriert eine Zither-Komposition
 
Und eine Flut von Leidenschaften erlaubt einem bösen Dämon, die Heiterkeit des Dsën zu stören.
 
  
Dai-yü bat die Dienstmädchen in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Nach der Begrüßung überreichte eine Magd einen Brief für Dai-. Dai-yü ließ sie mit den anderen Dienstmädchen Tee trinken gehen und öffnete den Brief. Er war von Bau-tschai und begann folgendermaßen:
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Hsi-tschun rätselte über dem Go-Handbuch, als sie jemanden draußen rufen hörte: „Tsai-ping!“
 
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Sie erkannte die Stimme von Yüan-yang. Tsai-ping ging hinaus in den Hof und erschien wieder mit Yüan-yang, gefolgt von einem jüngeren Dienstmädchen, das ein kleines Paket, das in gelbe Seide eingewickelt war, trug.
„Liebe Kusine,
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„Was ist das?“, lächelte und fragte Hsi-tschun. Yüan-yang erklärte: „Nächstes Jahr ist der einundachtzigste Geburtstag der gnädigen Frau und weil in einundachtzig die neun versteckt ist (sowohl die Wurzel als auch die Quersumme), hat sich vorgenommen und versprochen, neun Nächte Wohltaten und fromme Handlungen zu vollbringen, es müssen dreitausendsechshunderteinundfünfzig Kopien des Sutras des makellosen Diamanten angefertigt werden. Das alles wurde den Sutren-Schreiberlingen ausgehändigt. Aber es gibt da ein bekanntes Sprichwort: „Wenn das Diamantensutra die äußere Hülle der Magie ist, ist sein Herz das Sutra des Herzens der Weisheit.“ Mit anderen Worten, um die eigene Leistung zu steigern, sollte man auch in das Herz-Sutra schauen. Also will die gnädige Frau nun auch Kopien davon haben und weil diese eine große Bedeutung und eine Verbindung mit unserer Göttin der Barmherzigkeit haben, will sie 365 Kopien von den jungen Damen und jungen Herrinnen der Familie haben. Abgesehen von Frau Liän, die zu beschäftigt ist, den Haushalt zu machen und sowieso nicht schreiben kann, haben alle Herrinnen, die irgendwie schreiben können einen Anteil an diesem Akt der Frömmigkeit und Ergebenbheit, sogar Frau Dschën und die anderen Damen Herrn Dschëns aus dem östlichen Herrenhaus. Natürlich wird von jedem Familienangehörigen erwartet mitzumachen.“
 
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Hsi-tschun nickte.
Es muß ein schlechter Stern über dem Tag meiner Geburt gestanden haben! Unglück verfolgt die Familie zu jeder Gelegenheit! Vetter Tjin und ich sind vaterlos; Mutter ist in fortgeschrittenem Alter; dazu kommt der Lärm von bestialischem Gezetere, das zur Zeit aus unseren inneren Gemächern den ganzen Tag und Abend über zu hören ist; und um den Vortrag über das Familienelend zu vervollständigen, Bruder Pans kürzlicher und allerschlimmster Schlag! Oje! Wir werden in der Tat von heulendem Wind und sturzflutartigem Regen heimgesucht! Als ich nachts wach lag, mich in meinem Bett wälzend, unfähig meinen Kummer zu bewältigen, war mein einziger Trost der Gedanke an eine verwandte Seele wie die deine. Ach, liebe Kusine! Ich weiß, daß du die Last gerne mit mir teiltest, so wie du einst die Freuden des goldenen Herbstes teiltest, als Harmonie und Fröhlichkeit vorherrschten. Dann, vereint unter der Schirmherrschaft des Begonienbundes, kosteten wir Delikatessen wie Schalentiere und betrachteten Chrysanthemen. Einmal, ich erinnere mich, befragtest du die Blumen wie folgt:
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„Andere Dinge mache ich vielleicht nicht so gut, aber wenn es um das Abschreiben von Sutren geht, bin ich im eigenen Element. Laß sie gleich hier und trink etwas Tee!“, Yüan-yang stellte die kleinen Pakete auf den Tisch und setzte sich mit Hsi-tschun, während Tsai-ping ihr eine Tasse Tee einschenkte.
 
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Wirst du auch etwas kopieren?“, fragte Hsi-tschun mit einem Lächeln.
Wer, Weltverächter, teilt dein Versteck?
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„Ärgere mich nicht, Fräulein!“, antwortete Yüan-yang, „vor drei oder vier Jahren hätte ich das vielleicht gekonnt. – Aber ich habe keine Praxis mehr. Wann hast du mich zuletzt mit einem Pinsel in der Hand gesehen?“ –
Warum, von allen Blumen, blüht deine so spät?
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„Aber denke an das Verdienst, das du erlangen würdest.“
 
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„Ich habe schon daran gedacht“, antwortete Yüan-yang. „Jeden Tag, nachdem ich die gnädige Frau zu Bett gebracht habe, habe ich Buddhas Namen angerufen und meinen ‚Buddha-Reis‘ gezählt. Ich habe mehr als drei Jahre immer eine Schüssel Reiskörner, Korn für Korn mit einem Gebetsspruch durchmeditiert. Und ich werde diesen Reis jetzt gut aufbewahren, bis die Herzoginmutter die neuntägige Meditation macht. Dann werde ich sie als meine anzubetende Boddhisatva nehmen und das ist auch eine kleine Geste meines Mitgefühls und meiner Ergebung.“ – Hsi-tschun entgegnete: „Es hört sich an, als wenn unsere Herzoginmutter die Göttin der Barmherzigkeit und du die Tochter des Drachenkönigs würden!“ –
Diesen Zeilen gelingt es stets, mein Herz zu zerreißen. Sind wir beide denn nicht Chrysanthemen, die spät blühen und im sich nähernden Frost duften?
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„Oh nein, Fräulein!“, protestierte Yüan-yang, „das ist zu viel der Ehre. Es ist trotzdem wahr, ich könnte niemandem außer der gnädigen Frau dienen. Ich muß durch eine Art Karma aus einem früheren Leben an sie gebunden sein.“
Ich habe mich bemüht, eine Wehklage in vier Stanzen zu komponieren, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich bitte dich, lies es nicht als Stück Literatur, nur als einfaches Gefäß für meine Tränen.
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Mit diesen Worten erhob sich Yüan-yang, um zu gehen, und bat das jüngere Mädchen, das kleine Paket zu öffnen und den Inhalt Hsi-tschun zu zeigen.
 
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„Dieses Bündel weißen Papiers soll für die Sutren benutzt werden. Und während du schreibst“, fuhr sie fort und gab ihr ein Bündel tibetischer Räucherstäbchen, „sollst du die hier anzünden.“
Gezeiten wechseln, und wieder einmal
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Hsi-tschun nickte und Yüan-yang kehrte mit ihren anderen Dienstmädchen zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo sie dem Backgammon-ähnlichen Spiel Schuang-lu zwischen der Herzoginmutter und Li Wan zuschaute. Li Wan würfelte gut und räumte mit ihrem nächsten Zug einige der Steine der Herzoginmutter ab. Yüan-yang hatte Schwierigkeiten ein ernstes Gesicht zu machen.
bringt Wechsel Herbstfrost
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Sie wurden dann von ihrem Spiel durch die Ankunft von Bau-yü abgelenkt, der in jeder Hand einen kleinen geflochtenen Käfig hielt, in welchen sich Kampfgrashüpfer befanden.
vor uns're Tür, freudeleer.
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„Ich hörte, du habest nicht gut geschlafen, Großmutter“, sagte er, „also habe ich dir diese mitgebracht, damit sie dich aufheitern.“ Die Herzoginmutter lachte.
Voll Trauer und einsam
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„Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, hast du bloß noch Flausen im Kopf.“
- wie der Mutter Eintagslilie –
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Als er seine Unschuld beteuerte, fragte die Herzoginmutter:
ist mein Herz unruhig
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„Warum bist du dann nicht in der Schule? Was hast du denn überhaupt mit diesen Dingern vor?“ –
und sorgenvoll. Niemand
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„Das war nicht meine Idee, Großmutter“, erklärte Bau-yü, „vor ein oder zwei Tagen mußten Huan und Lan jeder ein Reimpaar in der Schule schreiben, und als Huan stecken blieb, flüsterte ich ihm etwas zu, um ihm zu helfen. Als er es zitierte, war der Lehrer beeindruckt und lobte ihn dafür sehr. Huan kaufte mir diese Kampfgrashüpfer zum Dank. Ich würde sie dir gerne schenken.“ –
enthebt mich meiner Sorgen.
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„Hat der Huan nicht täglich geübt?“, rief die Herzoginmutter aus, „kann er noch nicht einmal selbst ein Reimpaar machen? Dann sollte er von ein paar hinter die Ohren bekommen. Das würde ihm eine Lektion sein. Und du, hast du vergessen, wie es war, als dein Vater zu Hause war und dich um ein paar Verse gebeten hat? Du hattest so viel Respekt, daß du aussahst, wie ein kleines Gespenst. Bilde dir jetzt bloß nicht zuviel ein. Was für ein Bengel dieser Huan ist! Um Hilfe zu betteln und dann nach einem netten Geschenk zu suchen, um dich damit zu kaufen! So klein und weiß schon, wie man die anderen ausnutzt, er sollte sich schämen! Der Himmel alleine weiß, wie er sein wird, wenn er groß ist.
 
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Gelächter erfüllte den Raum.
Wolkenballen: Vorübergetrieben
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„Aber erzähl’ mir vom jungen Lan“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Wie hat er es geschafft? Als jüngster hätte ihm streng genommen Huan helfen müssen.
von schneidenden Herbstwinden!
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Bau-yü lachte: „Oh nein! Er brauchte keine Hilfe. Er konnte das alleine.“
Wohin gehe ich?
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„Das glaube ich dir nicht!“, sagte die Herzoginmutter, „das waren wieder du und deine Tricks, da bin ich mir sicher. Hör’ dich an! Ein Kamel, das aus einer Schafherde kommt! Nur weil du nun so erwachsen und so gut mit deinen Gedichten bist.“
Woher komme ich?
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Bau-yü lächelte: „Nein, ernsthaft, Lan hat es wirklich gut alleine geschafft. Der Lehrer war sehr zufrieden und sagte, er hätte eine großartige Zukunft vor sich. Wenn du mir nicht glaubst, Großmutter, laß ihn herkommen und teste ihn selbst.“ –
Verloren habe ich meine Freude.
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„Wenn das war ist“, sagte die Herzoginmutter, „dann bin ich überglücklich dies zu hören. Aber ich habe das Gefühl, daß du das alles nur erfindest. Wenn er diese Dinge wirklich in seinem Alter kann, kann er sehr selbständig werden, wenn er aufwächst.“
Schweigend grüble ich
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Sie sah Li Wan an und dachte an Djia Dschu [Lans Vater].
meinen Gedanken nach.
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„Welcher Trost, wäre das für den Tod deines älteren Bruders“, fuhr sie in Bau-yüs Richtung fort, „und was für eine gut verdiente Belohnung für die ganzen Anstrengungen deiner Schwägerin, ihn zu erziehen! Irgendwann wird er die Säule der Familie sein, um sie zu unterstützen, wie sein Vater es wäre!“
 
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Der Gedanke brachte sie zum Weinen. Li Wan war auch gerührt, aber als sie sah, daß die gnädige Frau von Gefühlen gepackt wurde, unterdrückte sie ihre eigenen Tränen und sagte mit einem mutigen Lächeln:
Der Wei-Lachs wohnt im tiefen See.
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„Was immer für ein Glück wir vielleicht haben werden, Großmutter, verdanken wir alles dir. Ich bete nur, daß Lan deinen Erwartungen gerecht und der ganzen Familie Glück bringen wird. Sein Forschritt sollte Anlaß zur Freude sein. Bitte rege dich nicht auf.“
Der Kranich thront auf seinem Dach.
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Sie drehte sich zu Bau-yü.
Den Fisch verbirgt sein Schuppengewand,
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„Und bitte pflanz ihm nicht deine übertriebenen Ideen des Erfolgs ein, Onkel Bau[-yü]. Du meinst es ja nur gut. Er ist nur ein Kind, erinnere dich daran. Er könnte dich ernst nehmen und nicht merken, daß du ihn nur ermutigen willst; und dann wird er stolz und eingebildet und niemals besser werden.“ –
Hummer und Krebs ihr Panzerharnisch.
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„Gut gesagt, meine Liebe“, kommentierte die Herzoginmutter, „aber denke auch daran, daß er immer noch sehr jung ist und nicht zu hart erzogen werden sollte. Kinder sind nur bis zu einem gewissen Punkt stark. Wenn man sie zu früh treibt, kann man sie ruinieren. Dann sind sie vielleicht nie fähig, anständig zu studieren, und all deine Mühen werden vergebens sein.“
Den Vogel schützt sein Federkleid.
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Li Wan konnte sich nicht länger beherrschen und brach in Tränen aus. Als Djia Huan und Djia Lan in das Zimmer kamen, trocknete sie schnell ihre Augen. Die beiden machten der Herzoginmutter ihre Abendaufwartung. Lan begrüßte dann seine Mutter und kehrte zurück, um voller Respekt an der Seite seiner Urgroßmutter zu stehen.
Grübelnd schau’ ich ins Weite und frage mich:
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„Ich habe gerade von deinem Onkel [Bau-yü] gehört“, sagte die Herzoginmutter, „wie gut du mit deinem Reimpaar warst und welches Lob du von deinem Lehrer bekommen hast.“
„Oh, Tiefen der Erde! Oh, endloser Himmel!
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Lan lächelte bescheiden. Yüan-yang kam nun herüber, um zu sagen, daß das Abendessen fertig war.
Was bleibt nach dieser Wunde?
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„Ich möchte Frau Hsüä einladen“, sagte die Herzoginmutter, und Hu-po schickte sofort ein Mädchen hinüber zu den Gemächern der Dame Wang. Bau-yü und Djia Huan zogen sich zurück, während Su-yün [Li Wans Mägde] und die jüngeren Dienstmädchen kamen, um das Backgammon-Spiel wegzuräumen. Li Wan wartete auf die Herzoginmutter, und Djia Lan stand seiner Mutter zur Seite:
Wer weiß es?
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„Ihr beide dürft zum Abendessen bei mir bleiben“, sagte die Herzoginmutter.
 
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Li Wan war einverstanden. Kurz darauf wurde das Abendessen hereingebracht und die Mädchen kehrten mit folgender Nachricht aus den Gemächern der Dame Wang zurück:
Unter der funkelnden Milchstraße
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„Frau Hsüä bedauert, daß sie sich in diesen Tagen um zuviel zu kümmern hat und nicht kommen kann. Sie kommt nach dem Abendessen nur für einen kurzen Besuch herüber.“
fühle ich eiskalte Luft hereindringen
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Die Herzoginmutter bat Djia Lan sich neben sie zu setzen. Unsere Erzählung läßt nun einige weitere Details dieses Abendessens aus. Nach dem Abendessen, als sie ihre Hände gewaschen und den Mund gespült hatte, legte sich die Herzoginmutter auf ihre Couch und plauderte mit ihrer Schwiegerenkelin und ihrem Urenkel. Ein junges Dienstmädchen kam herein und bat Hu-po zu sagen, daß Herr Dschën, der während der derzeitigen Abwesenheit von Djia Dschëng und Djia Liän die Geschäfte im Jung-guo-Anwesen beaufsichtigte, draußen wartete, um seine Abendaufwartung zu machen.
Das Mondlicht scheint schräg herunter,  
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„Sag’ ihm, daß ich mich für seine Aufwartung bedanke“, sagte die Herzoginmutter, „aber daß er nicht hereinkommen muß. Er kann nach Hause gehen und sich ausruhen. Er muß müde sein, nach diesem arbeitsreichen Tag.“
die Jadeuhr senkt sich in die Nacht.
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Das Mädchen gab dies an die alten Damen draußen weiter, Vetter Dschën wurde informiert und kehrte [zum Ning-guo-Anwesen] zurück.
Mein ruheloses Herz trauert immer noch;
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Am folgenden Tag kam er wieder herüber zum Jung-guo-Anwesen, um nach den Tagesgeschäften zu sehen. Die Dienstleute am Tor berichteten nacheinander von verschiedenen Dingen. Einer der Diener sagte, ein Landvogt sei mit Früchten gekommen. Vetter Dschën fragte nach der Liste, der Diener gab sie ihm, und er ging sie durch, sie enthielt meist Obst nach der Jahreszeit, etwas Wild und einiges Gemüse.
Ich lese noch einmal diese traurige Klage,  
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„Wer schaut normalerweise nach diesen Waren?“, fragte Djia Dschën.
bevor ich sie dir anvertraue,
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„Dschou Juee, Herr.“
meine verwandte Seele und Freundin!
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Dschou Juee wurde vorgeladen, und Vetter Dschën unterrichtete ihn: „Geh durch die gesamte Ware auf dieser Liste und zähle nach. Dann stelle ich eine Kopie und Bestätigung aus. Sag’ der Küche, sie sollen aus diesem Zutaten ein paar zusätzliche Gerichte kochen, wenn sie das Mittagessen für die Diener vorbereiten, die die Ware gebracht haben. Der Landvogt soll auch etwas zu essen haben, bevor er geht, und das übliche Trinkgeld.“ –
 
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„Ja, Herr.
Dai-yü war tief bewegt. ‚Sie wußte, ich würde sie verstehen, da wir in einer ähnlichen Situation sind!‘, dachte sie bei sich, „deswegen schreibt sie lieber mir als irgend jemand anderem.“ Sie war in traurigen Gedanken versunken, als eine Stimme von draußen rief:
+
Dschou Juee befahl den Dienern, die Ware in Hsi-fëngs Hof zu tragen und gab ihnen Anweisungen, die Waren zu zählen. Dann ging er, nur um kurz später vor Vetter Dschën zu erscheinen: „Entschuldigen Sie, Herr, hatten sie eigentlich schon den Eingang überprüft?“
„Ist Kusine Dai-zu Hause?“
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„Denkst du, ich habe Zeit, das zu machen?“, antwortete Djia Dschën ungeduldig. „Ich habe dir die Liste gegeben, und du sollst den Eingang nach der Liste überprüfen.“
Den Brief zusammenfaltend, antwortete sie in einem distanzierten Ton:
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„Ich habe alle Artikel, so gut ich kann, überpüft, Herr, und alles scheint in Ordnung zu sein. Aber vielleicht würden Sie gerne den Landvogt holen, da Sie selbst nur eine Kopie haben, um zu sehen, ob die Liste echt ist.
„Wer ist es?“
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„Was für eine Aufregung wegen ein bißchen Obst!“, rief Djia Dschën. „Es ist wirklich nicht so wichtig. Dein Wort reicht mir dafür.“ –
Ihre Besucher waren bereits auf dem Weg zu ihrem Zimmer – Tan‑tschun, Schï Hsiang‑yün und die zwei Schwestern Li-wën und Li Tchi. Die Mädchen tauschten Begrüßungen aus und Hsüä-yän brachte ihnen Tee. Während der darauf folgenden Unterhaltung kehrten Dai-yüs Gedanken zu der Versammlung vor zwei Jahren zurück, bei welcher sie die Chrysanthemen-Gedichte geschrieben hatten: „Denkst du nicht, daß es seltsam ist?“, bemerkte sie zu den anderen. „Seit Kusine Bau-tschai den Garten verlassen hat, kam sie nur zwei Mal, um uns alle zusammen zu sehen. Und heute kommt sie nicht einmal vorbei, wenn sie die Gelegenheit hat. Ich befürchte, sie kommt bewußt nicht zu uns.“
+
In diesem Moment kam Bau-örl in das Zimmer und machte vor Djia Dschën einen Kotau:
Tan‑tschun lächelte: „Natürlich, sie will ja herkommen! Nur im Moment stehen die Dinge etwas schwierig: Vetter Pans Frau ist eine sehr durchtriebene Person, Frau Hsüä kommt in die Jahre und mit Pans letztem Ärger, die Spitze von allem, muß Bau-tschai sich zu Hause um alles kümmern. Es ist nicht wie in den alten Tagen, als sie die Freiheit hatte zu tun, was sie wollte.“
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„Ich bitte darum, mich mit auswärtigen Aufgaben statt mit Aufgaben im Hause zu beauftragen, Herr“, sagte er.
Als sie sprach, hörten sie draußen plötzlich einen Windstoß und das Prasseln von fallenden Blättern gegen das Papierfenster. Ein zarter Duft strömte in den Raum. Sie überlegten alle, von welcher Blume er stammen könne.
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„Worum geht es hier?“, fragte Djia Dschën, der sich zu Bau-örl und Dschou Juee umdrehte.
„Es ist wie die Cassiablüte“, vermutete Dai-yü.
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„Ich darf mich hier nicht äußern“, antwortete Bau-örl.
Tan‑tschun lachte.
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„Wer hat dich denn gefragt?“, sagte Vetter Dschën brüsk.
„Immer noch eine Südländerin im Herzen! Es ist der neunte Monat, lange nach der Cassia-Zeit.
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„Ich habe es satt, andere Leute auszuspionieren!“, murmelte Bau-örl zu sich selbst.
Dai-yü lächelte.
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„Herr“, warf Dschou Juee unverzüglich ein, „ich bin seit Jahren für die Miete der Bauern und Einkommen verantwortlich und im Durchschnitt fließt, würde ich sagen, jedes Jahr ein Wert von um die drei- bis fünfhundertausend Taels durch meine Hände, und ich habe nie ein Wort der Unzufriedenheit vom Herrn oder den Herrinnen über irgendetwas gehört, schon gar nicht über so eine Kleinigkeit wie diese. Nach Bau-örl, werden wir mit dem ganzen Besitz und den Häusern der Familie meinetwegen Pleite gehen!“ –
„Du hast recht. Ich sagte ja nicht, es war, sondern nur wie.. .
+
‚Es sieht aus, als würde Bau-örl hier Unruhe stiften‘, dachte Vetter Dschën für sich. ‚Ich werde ihn besser los.‘ –
„Egal, Tan“, warf Hsiang‑yün ein, „rede nicht mehr so weiter. Kennst du nicht die Zeilen: ,Der Lotusduft strömt über Meilen, die Cassia blüht bis an das Herbst­ende.‘ Im Süden hat es die spät blühende Cassia zur Zeit am Besten. Du hast sie nur nie gesehen. Wenn du jemals die Gelegenheit bekommst, in den Süden zu reisen, wirst du sie selbst sehen können.“ –
+
„Geh mir aus den Augen!“, bellte er. Dann wandte er sich von Bau-örl zu Dschou Juee: „Das ist alles. Mach’ mit deiner Arbeit weiter.“
„Und was soll ich im Süden?“, entgegnete Tan‑tschun mit einem Lächeln. „Außerdem wußte ich das alles schon lange. Das mußt du mir doch nicht noch erklären.“
+
Die zwei Diener verschwanden.
Die Li Schwestern schwiegen und lächelten sich an.
+
Nicht viel später ruhte sich Djia Dschën in seinem Studierzimmer aus, als er einen großen Tumult vor dem Haupttor ausbrechen hörte. Er schickte einen Diener, um zu fragen, was los sei. Dieser kam zurück, um zu berichten, daß es einen Kampf zwischen Bau-örl und einem Adoptivsohn von Dschou Juee gebe.
„Du hast nicht ganz recht, Tan-tschun“, sagte Dai-yü, „wir sind ‚feenhafte und leichtfüßige Erdlinge‘, das sagt das Sprichwort. Heute sind wir hier, wo sind wir morgen? Nimm mich als Beispiel. Ich bin eine geborene Südländerin, doch lebe ich hier im Norden.“
+
„Wer ist dieser Adoptivsohn?“, fragte Djia Dschën.
Hsiang‑yün klatschte in die Hände und lachte: „Gut gesagt! Dai-yü hat gegenüber dir hier gepunktet, Tan-tschun! Und sie ist nicht die einzige, die diese Erfahrung gemacht hat. Schau den Rest von uns an. Manche von uns sind Nordländer, dort geboren und aufgewachsen. Manche sind im Süden geboren, doch im Norden aufgewachsen. Und manche sind im Süden aufgewachsen und kamen erst später hierher. Und jetzt sind wir alle zusammen hier. Du siehst, es ist unser Schicksal. Menschen und Orte haben eine Neigung zueinander. Ihr Karma bringt sie zusammen.“
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„Hë San ist sein Name, Herr“, antwortete der Diener. „Ein wertloser Zeitgenosse, der die meiste Zeit mit Trinken oder Ärgermachen vergeudet. Er kommt oft her und treibt sich im Pförtnerhaus herum. Er sah, daß es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Bau-örl und Dschou Juee gab und mischte sich ein.“ –
Sie alle nickten zu Hsiang‑yüns kleinem Diskurs, außer Tan‑tschun, die nur lächelte. Nachdem sie noch länger miteinander geredet hatten, machten sie sich auf zu gehen. Dai-yü ging mit ihnen bis zur Tür und wäre hinaus gegangen, doch die anderen rieten ihr davon ab:
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„Wie ekelhaft!“, rief  Djia Dschën. „Schickt einmal Bau-örl und diesen Kerl Hë San sofort zu mir! Was ist mit Dschou Juee?“ –
„Du fängst eben erst an, dich besser zu fühlen. Wenn du jetzt hinaus gehst, könntest du dich erkälten.“
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„Er verschwand, als der Kampf anfing, Herr.“ –
Also stand sie in der Tür, sagte ein paar Worte zum Abschied und schaute den vieren nach, bis sie aus dem Hof gegangen waren.
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„Find ihn sofort! Das ist ja unglaublich!“ –
Dann kam sie wieder herein und setzte sich. Die Vögel kehrten zu ihren Nestern zurück; die Sonne sank. Hsiang‑yüns Worte über den Süden tönten ihr noch in den Ohren und Dai-yü verfiel in einen Tagtraum. Wenn ihre Eltern noch lebten... Wenn sie immer noch im Süden lebte, dieses milde Land der Frühlingsblumen und des herbstlichen Mondlichtes, des klaren Wassers und der strahlenden Berge... Wie liebend gern sie wieder dort wäre, um die vierundzwanzig Brücken in Yangdschou zu besichtigen und all die berühmten historischen Bauten aus sechs Dynastien in Nanking! Im Süden hätte sie eine Menge eigener Dienstmädchen, die auf sie warteten. Sie konnte sagen und tun, was ihr gefiel, in einem bemalten Ausflugboot fahren und in parfümierten Kutschen reisen, die Felder von roten Aprikosenblüten vorübergehen sehen, die Gasthausschilder durch die Bäume erspähen... Sie wäre eine junge Dame mit ihren eigenen Rechten, kein Außenseiter, für alles von anderen abhängig. Wieviel die Djias auch für sie taten, sie fühlte stets die Dringlichkeit, sich von ihrer besten Seite zeigen zu müssen. Was hatte sie in ihrer früheren Verkörperung nur falsch gemacht, um dies einsame Dasein zu verdienen? Diese Worte wurden vom Kaiser der Südlichen Tang in der Gefangenschaft geschrieben: „Hier bade ich den ganzen Tag mein Gesicht in Tränen.“
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„Ja, Herr!“
Wie gut drückte dies ihre eigenen Gefühle aus! Ihre Seele schien in eine entfernte Region zu entschweben.
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Mitten in dieser Aufregung kehrte Djia Liän zurück und Djia Dschën erzählte ihm, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war.
Als Dsï-djüan eintrat, reichte ein einziger Blick, um den Grund für Dai-yüs ,Abwesenheit‘ zu erahnen. Sie war im Zimmer, als Hsiang-yün sprach und wußte, wie schnell Dai-yü bei der geringsten Erwähnung des Südens traurig wurde, da es ihr Herz anrührte.
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„Unglaublich! Das geht ja nicht!“, schrie Djia Liän. Er schickte einen weiteren Diener zur Hilfe, um Dschou Juee zu fassen, der bald merkte, daß eine Flucht unmöglich war, sich selbst aufgab und vor die Herren kam.
„Ich glaubte, du seist wieder müde, Fräulein“, sagte sie, „nach all deinen Besuchern und so vielen Gesprächen, deshalb habe ich Hsüä-yän in die Küche geschickt, um eine Chinakohlsuppe mit Schinken zu kochen. Sie sollte noch getrocknete Krabben und mit grünen jungen Bambussprossen und Seetang vermengen. Klingt das nicht gut?
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„Fesselt alle!“, befahl Djia Dschën, und Djia Liän fügte hinzu, sich hauptsächlich an Dschou Juee wendend: „Das, was ihr vorhin bei Herrn Dschën vorgebracht habt, war damit abgeschlossen. Warum geht ihr dann nach draußen und fangt wieder mit dem Streit an? Und als wäre das nicht schlimm genug, mußt du auch noch diese Brut von dir mithineinziehen, Hë San! Und als du ihn zur Ruhe bringen solltest, – verschwindest du einfach!“
„Doch ich vermute schon.“ –
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Er versetzte Dschou Juee ein paar kräftige Tritte.
„Und etwas südländischen Brei aus Klebreis?“ –
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„Es reicht nicht, nur ihn zu strafen“, sagte Djia Dschën eisern und befahl seinen Männern jedem, Bau-örl und Hë San, fünfzig Peitschenhiebe zu geben, und schickte sie zu packen. Als dies getan war, setzten sich er und Djia Liän zusammen, um über die Familienangelegenheiten zu reden.
Dai-yü nickte.
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In den Quartieren der Diener wurde dieser Vorfall das Thema vieler privater Unterhaltungen. Manche sahen es als Versuch Vetter Dschëns, von seiner eigenen Inkompetenz abzulenken; andere sagten, er sei nur unfähig, Konflikte zu lösen; während es wieder andere als einen Beleg für seinen unangenehmen Charakter hielten. „Vor einiger Zeit gab es doch diesen Skandal mit den Schwestern You. War es nicht Bau-örl, der Herrn Liän zurückgerufen hat, um den Konflikt zu lösen? Jetzt schimpft er, daß Bau-örl nicht gut arbeite. Wahrscheinlich war Bau-örls Ehefrau Herrn Dschën nicht so zu Diensten, wie sie es bei Djia Liän war. Es gab viele Gerüchte, und alle waren unterschiedlich.
„Ich hätte lieber, wenn du und Hsüä-yän den Reisbrei selber machtest. Laßt ihn nicht in der Küche zubereiten.“ –
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Währenddessen profitierten alle Mitglieder des Djia-Clans von Djia Dschëngs Aufstieg am Ministerium für Gewerbe und öffentliche Bauten. Djia Yün wollte sicherlich auch seinen Teil herausschlagen. Er ging herum, versprach Unternehmern Arbeit, handelte Prozente  für sich selbst aus  und machte sich auf den Weg zu den Gemächern
„Nein, Fräulein. Man kann nie sicher sein, wie sauber es in der Küche ist. Wir werden den Reisbrei selbst zubereiten. Ich habe Hsüä-yän aufgetragen, der Köchin Liu zu sagen, sie solle in der Küche besondere Acht auf die Suppe geben. Köchin Liu sagt, wir bräuchten uns nicht zu sorgen, sie wird persönlich danach sehen und sie selber zubereiten. Ihre fünfte Tochter Wu Er wird ein Auge darauf werfen, während sie köchelt.“
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seiner ehemaligen Gönnerin Hsi-fëng, nachdem er moderne Seidenwaren gekauft hatte.
„Das meinte ich nicht“, antwortete Dai-yü, „ich beklagte nicht, daß die Küche schmutzig sei. Es ist nur, weil ich den Leuten so lange aufgebürdet worden bin und meine Krankheit ohnehin genug zusätzlichen Aufwand bereitet hat. Mit all diesen besonderen Anweisungen für Suppe und Reisbrei fürchte ich, daß ich mich unbeliebt mache.“ –
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Hsi-fëng, die gerade von einem ihrer Dienstmädchen erfahren hatte, daß  „Herr Dschën und Herr Liän in einer schlechten Laune waren und die Diener schlugen“, war gerade dabei, jemanden hinüberzuschicken, um Einzelheiten herauszufinden, als sie sah, daß Djia Liän selbst hereinkam. Sie bekam die ganze Geschichte von ihm zu hören.
Ihre Augen glänzten leuchtend rot.
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„Es könnte alles wegen einer Kleinigkeit gewesen sein“, kommentierte sie, „aber wir müssen ein solches Benehmen wegen der Außenwirkung um jeden Preis verhindern. Wenn sie denken, sie könnten jetzt damit davonkommen, wenn das Familienvermögen sich vermehren sollte, was wird passieren, wenn die jüngere Generation alles übernimmt? Sie werden eine Meuterei vor sich haben. Ich erinnere mich, vor ein oder zwei Jahren, habe ich die schrecklichste Szene im Ning-guo-Anwesen gesehen: – Djiau Da lag total betrunken am Fuß der Treppe und fluchte wie ein Kesselflicker. Keiner von uns wurde verschont. Es ist mir egal, ob er in der Vergangenheit besondere Aufgaben erledigte. Diener sollten ihren Platz kennen und einen angemessenen Sinn für Respekt zeigen. Der Ärger mit Djia Dschëns Ehefrau – bitte versteh mich nicht falsch – ist, daß sie zu wenig Mißtrauen hat und ihre Angestellten mit allem davonkommen läßt. Dieser Bau-örl – oder was immer sein Name ist – bei ihnen, ist typisch. Wo ich gerade daran denke, war er früher nicht sehr hilfreich für dich und Djia Dschën? Seid ihr nicht etwas undankbar, wenn ihr jetzt anfangt, ihn auszupeitschen?“
„Oh Fräulein! Du stellst dir Sachen vor!“, protestierte Dsï-djüan. „Du bist die leibhafte Enkelin der gnädigen Frau, ihr eigenes Fleisch und Blut, ihr Herzstück. Um dir dienen zu dürfen, würden die Leute miteinander wetteifern. Wer würde sich denn darüber beschweren?
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Wie mit einem Stachel tief ins Herz getroffen, versuchte Djia Liän unbeholfen, das Thema zu wechseln. Sogleich fiel ihm eine wichtige Verabredung ein und er ging.
Dai-yü nickte nachdenklich.
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Hsiau-hung kam nun herein, um die Ankunft von Djia Yün anzukündigen.
„Übrigens“, fragte sie, „erwähntest du vorhin das Mädchen Wu Er, das sich gut mit Fang-guan verstand, als diese bei Herrn Bau-yü war?“ –
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‚Ich frage mich, was er diesmal vorhat?‘ grübelte Hsi-fëng. Dann sagte sie laut zu Hsiau-hung: „Du läßt ihn besser herein.“
„Das ist richtig.“ –
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Hsiau-hung ging hinaus. Sie sah Djia Yün ins Gesicht und lächelte leicht. Er ging auf sie zu und sagte: „Haben Sie gesagt, daß ich hier bin, Fräulein?“ Sie errötete: „Ich nehme an, Sie haben viele wichtige Geschäfte, Herr Yün.“ –
„Stimmt es, daß sie bei Herrn Bau-yü selbst den Dienst antreten wollte?“ –
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„Im Gegenteil, ich wünschte nur, ich hätte öfter Grund hierherzukommen und Sie zu ärgern, Fräulein... Ich erinnere mich an letztes Jahr, als Sie bei Onkel Bau-yü gearbeitet haben und ich mit Ihnen ...
„Ja, das stimmt. Doch dann wurde sie krank und, als sie genesen und bereit anzufangen war, kam der ganze Ärger über Tjing-wën, und es mußte verschoben werden.“ –
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Er wollte mehr sagen, aber Hsiau-hung, die Angst hatte, jemand könnte sie sehen, fragte schnell: „Ich hatte Ihnen damals ein Taschentuch gegeben, haben Sie es gesehen?“
„Dieses Mädchen war anscheinend sehr sauber“, sagte Dai-yü.
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Ihre Worte erfreuten und erregten Djia Yün so, daß ihm sein Herz aufging. Aber bevor er etwas sagen konnte, kam ein Mädchen aus Hsi-fëngs Zimmer herein, und er und Hsiau-hung waren verpflichtet, sofort hineinzugehen. Sie gingen Seite an Seite, nah genug, damit er ihr zuflüstern konnte:
Währenddessen kam eine Amme mit der Suppe und Hsüä-yän nahm sie entgegen.
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„Wenn ich gehe, mußt du mich hinausbegleiten. Ich muß dir etwas sagen, daß dich vielleicht amüsiert.
„Die Köchin Liu sagt, dies wurde speziell für Fräulein Dai-yü in einem eigenen Raum von Wu-örl zubereitet“, sagte die Amme, „weil wir ja wissen, daß Fräulein Dai-yü kein unreines Essen mag.“
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Sie errötete stark und warf ihm einen Blick zu, ohne ein Wort zu sagen. Sie ging vor ihm hinein, um Hsi-fëng von seinem Herannahen zu informieren, kehrte zurück, um ihn hineinzuführen, hob den Türvorhang und gab ihm ein Zeichen, während sie zu ihm in förmlichstem Ton sagte:
Hsüä-yän versicherte, sie würde die Nachricht überbringen, und brachte die Suppe ins Zimmer. Dai-yü hatte die Unterhaltung schon mitangehört und sagte Hsüä-yän, sie solle sofort zur Amme zurückgehen und sie bitten, Frau Liu dafür zu danken. Hsüä-yän tat dies, und die alte Frau ging.
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„Die Dame würde sich nun freuen, Sie zu sehen, Herr.
Hsüä-yän legte nun Dai-yüs Schüssel und Eßstäbchen auf den Tisch.
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Mit einem Lächeln folgte Djia Yün ihr in den Raum und grüßte Hsi-fëng. Er teilte die Grüße seiner Mutter mit, welche Hsi-fëng höflich erwiderte, bevor sie fragte: „Und was führt dich heute her?“
„Möchten Sie auch etwas von dem getrockneten Rübensalat, den wir aus dem Süden mitgebracht haben, Fräulein, wenn wir ihn mit etwas Sesamöl und Essig vermengen?“ –
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Djia Yün verfiel in eine Rede: „Die große Freundlichkeit meiner Tante mir gegenüber in der Vergangenheit war mir immer sehr bewußt und eine Quelle endloser Dankbarkeit. Ich habe auf eine Gelegenheit gewartet, dir ein Geschenk meiner Achtung zu überreichen und habe es nur aus Angst zurückgehalten, daß du so eine Geste unangebracht finden würdest. Das heutige Fest des neunten September ist endlich eine ausreichende Rechtfertigung für meinen Kauf von etwas Kleinem, was, obwohl ich weiß, daß du bereits von allem mehr als genug hast, ich dich ganz bescheiden bitte, mir zu Ehren als Zeichen meiner ehrlichen und bescheidenen Ergebenheit anzunehmen.“
„Wenn du magst. Doch mach’ dir nicht zuviel Umstände!
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Hsi-fëng lachte.
Hsüä-yän füllte ihre Schüssel mit Reisbrei. Dai-yü aß die Hälfte und trank ein paar Löffel von der Suppe. Sie legte ihren Löffel hin, und die zwei Mägde brachten die Sachen fort und säuberten den Tisch, welchen sie dann entfernten und durch den ersetzten, der gewöhnlich dort stand. Dai-yü spülte ihren Mund aus und wusch sich die Hände.
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„Komm schon. Hör’ auf mit dem Unsinn. Was soll das alles? Setz’ dich und erzähl’ es mir.“
„Dsï-djüan, hast du etwas Räucherstäbchen in das Kohlebecken gelegt?“ –
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Djia Yün nahm Platz und legte seine Mitbringsel behutsam mit beiden Händen auf den Tisch neben ihnen.
„Das wollte ich eben tun, Fräulein.“ –
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„Du bist doch aus der Familie“, fuhr Hsi-fëng fort, „also warum gibst du dein Geld so aus? Ich brauche solche Dinge nicht und erwarte sie nicht. Komm nun, erzähl’ mir, warum du wirklich hier bist.“ –
„Du und Hsüä-yän nehmt euch von der Suppe und dem Reisbrei. Sie sind gut und gesund. Ich schaue nach den Räucherstäbchen.“
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„Wahrlich, aus keinem anderen Grund als meine tiefe, und bis jetzt unausgedrückte Dankbarkeit...“
Die Mägde begaben sich in ein äußeres Zimmer, um zu essen. Dai-yü legte etwas Räucherstäbchen nach und setzte sich hin. Sie wollte sich eben ein Buch zum Lesen nehmen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich von der Melancholie des Windes, der draußen durch die Bäume heulte, ergriffen wurde. Ein langer Seufzer schwebte von einem Ende des Gartens zum anderen. Das Metallglockenspiel in Pferdeform unter dem Dachvorsprung begann zu erklingen.
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Da war nun die Spur eines Lächelns.
Hsüä-yän war als erste mit der Suppe fertig und kam herein, um zu sehen, ob Dai-yü irgend etwas fehlte.
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„Komm hör’ auf damit“, sagte Hsi-fëng. „Ich weiß ganz genau, daß du knapp bei Kasse bist, ich weiß Bescheid. Erwarte nicht von mir, daß ich Dinge von dir für nichts annehme. Wenn du willst, daß ich dein Geschenk annehme, dann sag’ mir die Wahrheit. Wenn du weiter statt den Knochen das Fleisch ausspuckst und dafür die Knochen im Mund behältst, wenn du also weiter so um den heißen Brei redest, werde ich die Geschenke sicherlich nicht annehmen.“
„Es wird kälter“, sagte Dai-yü, „wurden die pelzgefütterten Jacken schon gelüftet die, welche ich dich letztens bat, herauszuholen?“
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Djia Yün war gezwungen, zum Punkt zu kommen. Er erhob sich und schenkte sein unterwürfigstes Lächeln.
„Ja, Fräulein.“ –
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„Naja, es ist nicht so, daß ich mir das einbilde: Ich hörte vor ein paar Tagen, daß Herr Dschëng vom Ministerium die Oberaufsicht über den Bau des kaiserlichen Mausoleums bekommen hat und, da ich ein oder zwei Freunde mit beachtlicher Erfahrung in diesem Bereich habe – sehr kompetente Menschen, möchte ich hinzufügen –, möchte ich einfach fragen, ob es möglich für dich wäre, ein Wort für sie bei Herrn Dschëng einzulegen. Wenn ein oder zwei Aufträge bei ihnen hängenblieben, wäre ich dir für immer etwas schuldig. Und wenn du mich selbst hier am Herrenhaus für irgendetwas brauchen solltest, stehe ich selbstverständlich für dich, Tante Hsi-fëng, zur Verfügung.
„Bringst du sie mir her? Ich würde mir gerne etwas Warmes überziehen.“
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„Bei den meisten Angelegenheiten, weiß ich, daß ich einen bestimmten Einfluß habe“, antwortete Hsi-fëng, „aber wenn es um solche Sachen geht, so sind die großen Aufträge komplett in der Hand der Vorsteher und anderer Beamter, während kleinere Arbeiten an die Angestellten und Läufer gehen. Kein anderer erhält auch nur einen Blick da hinein, fürchte ich. Nur unsere eigenen Leute können bei Herrn Dschëng als sein Personal arbeiten. Sogar dein Onkel Liän  bekommt nur einen Fuß in die Tür, wenn es etwas gibt, daß direkt mit der Familie zu tun hat. Er hat nichts mit offiziellen Geschäften zu tun. Bei uns zu Hause dagegen ist es ja so, wenn die Sachen in einem Bereich geordnet sind, brechen in einem anderen Bereich wieder Probleme aus – sogar Herr Dschën hat Probleme, die Angelegenheiten in Ordnung zu halten. Du bist jung und Jungen wie du wären niemals fähig, so etwas zu meistern. Nein, ich fürchte, welche Arbeiten es auch immer am Ministerium gegeben hat, sie sind fast alle vergeben. Die Menschen sehnen sich nach Arbeit. Sicher gibt es zu Hause etwas, daß du tun kannst, um Körper und Seele im Einklang zu halten? Ich meine es ernst. Geh nach Hause und denk’ noch einmal darüber nach. Und erachte die Dankbarkeit als ausgedrückt an. Und nimm diese Sachen hier wieder mit, von wo auch immer sie herkommen.
Hsüä-yän ging hinaus und kehrte mit einem Bündel Pelzkleider, eingewickelt in Seide, zurück. Sie wickelte sie aus und hielt die Kleider vor Dai-yü, damit sie sich welche aussuchen konnte. Dai-yü bemerkte unter den Kleidern noch ein weiteres kleines Bündel, das in Seide gehüllt war. Sie streckte ihre Hand aus, um es zu nehmen, und wickelte es aus. Darin fand sie ein Paar seidener Taschentücher. Sie erkannte sie als jene, welche Bau-yü ihr heimlich während ihrer Genesungszeit geschickt hatte! Da waren die Verse, die sie darauf geschrieben hatte! Sogar die Tränenflecken konnte man noch sehen! Und daneben in dem Bündel war das parfümierte Duftkissen, das sie für ihn gestickt hatte, das halb aufgerissen war, ein paar Fächersäckchen und die abgeschnittenen Reste der seidenen Quaste, die sie für seinen magischen Jadestein gemacht hatte. Dsï-djüan mußte beim Sortieren der Kleider zum Lüften in einer der Kisten auf diese Andenken gestoßen sein und sie zur Sicherheit in dieses Bündel gelegt haben. Dai-yü schien Hsüä-yän und die Kleider völlig vergessen zu haben. Sie stand dort mit den Taschentüchern in ihrer Hand und starrte sie wie in Trance an. Als sie die Versen las, liefen ihr Tränen über die Wangen.
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Während sie sprach, war eine Gruppe Kindermädchen mit der kleinen Tjiau-djiä ins Zimmer gekommen, in einem farbenreich bestickten Kittel gekleidet und den Arm voller Spielsachen. Sie rannte zu Hsi-fëng [ihrer Mutter], lachte und plauderte. Djia Yün stand sofort auf, wandte seine Blickrichtung, seine Aufmerksamkeit und sein schmieriges Lächeln von Hsi-fëng zu ihrer Tochter.
Dsï-djüan kam herein, fand Hsüä-yän dort stumm herumstehen, immer noch die in Seide eingewickelten Kleider vor sich, während auf dem Tisch neben Dai-yü das Duftkissen, zwei, drei zusammengefaltete Fächersäckchen und die Reste der Quaste lagen. Dai-yü hielt zwei gelbliche Taschentücher mit etwas Geschriebenem in der Hand und blickte sie mit Tränen an. Das ist ja, wie es im Gedicht heißt:
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„Das ist also meine respektierte Kusine? Gibt es da irgendein kleines Geschenk, daß du gerne von mir hättest, Kleine?
 
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Ein lautes „Waaah!“ platzte zwischen Tjiau-djiäs Lippen hervor, und Djia Yün zog sich schnell zurück.
Ein Mensch, gescheitert,
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„Na, na, mein Schatz! Komm her!“ Hsi-fëng hielt das Kind dicht an sich, „das ist dein Vetter Yün. Erkennst Du ihn nicht mehr?“
tut Sinnloses.
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Djia Yün versuchte es wieder: „Was für ein süßes Mädchen! So ein hübsches Gesicht verspricht Glück auf Lebenszeit.“
Auf alte Tränen
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Tjiau-djiä drehte ihren kleinen Kopf, um ihn noch einmal kurz anzusehen und brach sofort wieder in Geschrei aus. Das wiederholte sich ein paar Mal. Djia Yün spürte, daß er nicht länger willkommen war und erhob sich zum Gehen.
fallen neue.
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„Vergiß deine Sachen nicht“, sagte Hsi-fëng.
 
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„Oh bitte, Tante! Tu mir diesen einen Gefallen...“ –
Dsï-djüan kannte die zarten Erinnerungen zu gut, die mit jedem dieser Dinge verbunden waren. Sie dachte, Mitleid würde in diesem Moment wenig Trost bringen und versuchte es statt dessen mit einem heiteren Tadel.
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„Wenn du sie nicht selbst mitnimmst, werde ich dir jemanden damit hinterher schicken. Ehrlich Yün, das ist nicht die Art, solche Dinge zu regeln. Du bist hier kein Fremder. Wenn eine Möglichkeit auftaucht, werde ich es dich sicher wissen lassen. Bis dahin gibt es nichts, was ich tun kann, und es gibt nichts, was du durch eine solche Verschwendung von Geld und Zeit gewinnen kannst.
„Nun kommen Sie schon, Fräulein, welchen Sinn hat es, die Dinge so zu sehen? Sie gehören der Vergangenheit an. Sie und Herr Bau-yü waren damals Kinder. Wer weiß, was ihr alles für dummes Zeug angestellt habt! In der einen Minute fröhlich lächelnd, in der nächsten kläglich weinend. Ein Glück, daß ihr beide nun älter seid und gelernt habt, das Leben etwas ernster zu nehmen. Du würdest solche schönen Dinge wie diese doch nicht verunzieren wollen, oder?
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Djia Yün konnte sehen, daß sie nicht nachgeben würde. Er errötete, als er das Haus verließ. „Ich werde trotzdem nach einem geeigneten Geschenk weitersuchen.“
Sie hatte es gut gemeint. Doch ihre Worte erinnerten Dai­yu an die alten Tage mit Bau-yü und brachen einer neuen Flut von Tränen Bahn. Dsï-djüan versuchte wieder, sie aufzuheitern:
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„Hsiau-hung, trag diese Dinge für Herr Yün in die Halle“, sagte Hsi-fëng höflich, „und begleite ihn hinaus.“  
„Jetzt kommen Sie aber, Fräulein. Hsüä-yän wartet. Bitte suchen Sie sich etwas zum Anziehen aus.
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‚Die Leute haben recht‘, dachte Yün bei sich auf seinem Weg nach draußen. ‚Sie ist ein wahrer Tyrann! Bewegt sich nicht einen Fingerbreit! Hart wie ein Knochen! Geschieht ihr Recht, wenn sie keinen Erben produzieren kann. Diese Tjiau-djiä hat mir auch ein komisches Gefühl gegeben... Sie schien etwas gegen mich zu haben, fast, als hätten wir eine Fehde aus einem früheren Leben. Was für ein Pech! Jetzt habe ich mich den ganzen Tag darum bemüht, alles umsonst!’
Dai-yü ließ die Taschentücher fallen. Dsï-djüan hob sie geschwind wieder auf, wickelte sie mit dem Duftkissen und den anderen Dingen wieder ein und legte sie weg.
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Hsiau-hung sah, daß Djia Yün enttäuscht war, und war auch selbst unglücklich. Sie nahm das Paket und folgte ihm hinaus. Er nahm es ihr ab und, als niemand sie sah, öffnete er es, nahm zwei bestickte Seidenstücke heraus und gab sie ihr heimlich. Erst wollte sie diese nicht annehmen und protestierte flüsternd: „Sie sollten das nicht, Herr Yün. Denken Sie daran, wie furchtbar das für uns beide aussehen muß, wenn Frau Liän das herausfinden würde.
Schließlich legte Dai-yü eine der pelzbesetzten Jacken über ihre Schultern und ging teilnahmslos in das äußere Zimmer. Sie setzte sich und sah Bau-tschais Gedicht und Brief immer noch auf dem Tisch liegen. Sie nahm sie an sich und las sie mehrere Male.
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„Sei nicht dumm. Behalt sie. Sie wird es nicht wissen. Wenn du es nicht annimmst, sehe ich das als persönliche Beleidigung an.“
„Das sind die gleichen Gefühle“, sagte sie zu sich selbst mit einem Seufzen, „sogar obwohl unsere Umstände verschieden sind. Ich sollte ihr etwas zur Antwort schreiben. Ich werde vier Strophen schreiben und sie mit Tönen für die Wölbbrettzither unterlegen. Dann kann man darauf spielen und singen. Morgen mache ich es fertig und schicke es ihr als Antwort.“
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Hsiau-hung lächelte eitel und nahm sie an. „Wenn Sie darauf bestehen. Aber ich will sie nicht. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.“
Sie trug Hsüä-yän auf, ihr ihren Pinsel und Tinte zu geben, die draußen auf dem Tisch standen und nach dem Eintauchen des Pinsels in die Tusche schwang sie diesen, um zu schreiben. Als sie die vier Strophen beendet hatte, nahm sie ein Wölbbrettzither-Handbuch von ihrer Ablage und schaute es durch. Sie beschloß, eine Suite aus den zwei Melodien aus der Pfauentanz  der einsamen Orchideen und der Heiligen Tugend zu wählen. Als sie mit dem Vertonen fertig war, machte sie eine saubere Abschrift und schickte sie Bau-tschai. Dann bat sie Hsüä-yän, die dreiviertel große Zither, die sie von zu Hause mitgebracht und in einem Koffer verstaut hatte, zu holen. Sie stimmte die Saiten und machte ein paar vorläufige Fingerübungen. Ihre natürliche Begabung glich ihren Mangel an praktischer Übung aus, und es dauerte nicht lange, bis alles, was sie als Kind gelernt hatte, zurückkehrte. Nachdem sie eine Weile gespielt hatte und sah, daß es bereits spät am Abend war, bat sie Hsüä-yän, die Zither wegzuräumen und ging ins Bett. Und so müssen wir sie nun verlassen.
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Ihr Gesicht brannte wieder. Djia Yün lachte und sagte: „Diese Dinge haben ja keine Bedeutung.
 
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Nun hatten sie das innere Tor erreicht und Djia Yün versteckte die übrigen Geschenke in seinem Gewand, während Hsiau-hung ihn drängte zu gehen.
Eines Tages begab sich Bau-yü, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, wie üblich mit Bee-ming zur Schule. Auf ihrem Weg begegneten sie Mo-, einen anderen der Pagen-Jungen, der ihnen hüpfend mit einem breiten Grinsen im Gesicht entgegenkam und verkündete:
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„Sie müssen jetzt gehen“, sagte sie, „wenn Sie hier irgendetwas wollen, fragen Sie nach mir. Nun, da ich Frau Liän diene, können Sie mich direkt ansprechen.“
„Gute Neuigkeiten, Herr Bau-yü! Der Lehrer ist heute nicht in der Schule und Ihr alle habt den heutigen Tag frei“ –
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Djia Yün nickte. „Sie ist ein solcher Tyrann. Ich kann leider nicht öfter kommen. Vergessen Sie aber nicht, was ich gerade sagte. Wenn ich die Möglichkeit habe, Sie wiederzusehen, erzähle ich Ihnen noch mehr.“
„Meinst du das ernst?“, fragte Bau-.
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Hsiau-hung errötete von Ohr zu Ohr. „Sie sollten jetzt wirklich besser gehen. Sie können so oft wiederkommen, wie Sie wollen. Sie sollten nicht zu ihr auf Distanz gehen.“ –
„Wenn ihr mir nicht glaubt, seht selbst: sind das nicht Herr Huan und der junge Herr Lan dort auf ihrem Weg zurück?“
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„Ich verstehe.“
Bau-yü schaute – tatsächlich, dort dann kamen ihm sein Halbbruder und junger Neffe mit einem Aufgebot an Pagen gerade entgegen, plauderten und kicherten, doch er bekam nicht mit, worüber sie sprachen. Als sie ihn sahen, hielten sie an und stellten sich mit den Armen an der Seite respektvoll hin.
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Djia Yün ging seinen Weg und Hsiau-hung stand im Tor und verfolgte ihn lange mit einem nachdenklichen Blick. Dann drehte sie sich um und ging wieder hinein.
„Warum seid ihr schon so früh aus der Schule?“, fragte sie Bau-yü.
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Währenddessen gab Hsi-fëng Anweisungen für das Abendessen und fragte die Dienerinnen, ob ihr Reisbrei fertig sei. Sie eilten davon, um danach zu fragen, und kehrten nach einer kurzen Weile zurück, um zu sagen, daß der Reisbrei zubereitet sei.
„Der Lehrer ist heute beschäftigt“, antwortete Huan, „und sagt, wir haben den heutigen Tag frei. Wir werden dort wie gewohnt morgen wieder zugegen sein.“
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„Ich hätte gerne ein paar Gerichte mit diesem eingelegten Gemüse, das gerade aus dem Süden gekommen ist“, sagte Hsi-fëng. Tjiu-tung übernahm die Verantwortung dafür und sagte den anderen Mädchen, mit dem Aufdecken weiterzumachen. Ping kam herein und sagte mit einem Lächeln:
Wie Bau-yü dies hörte, kehrte er auf der Stelle um, und als er die Neuigkeiten seiner Großmutter und seinem Vater berichtet hatte, kehrte er zum Hof der Freude am Roten zurück.
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„Ich hatte fast vergessen zu berichten: Als Ihr heute Mittag bei der gnädigen Frau wart, schickte eine Äbtissin vom Wassermondkloster, um jemanden bei Ihnen um zwei Gläser des eingelegten südlichen Gemüses und einen Vorschuß von ein paar Monaten zu bitten. Die Äbtissin sei gesundheitlich angeschlagen, berichtete die Botin. Ich fragte, was los sei, und sie sagte, es hätte alles vor vier oder fünf Tagen angefangen. Sie hatte Ärger mit einigen der buddhistischen und dauistischen Novizen, die trotz mehrerer Warnungen ihr Licht über Nacht anließen. Dann bemerkte sie eines Nachts, daß die Lampen bei Mitternacht noch immer brannten, und sie rief sie öfter. Sie hörte keine Antwort und dachte, daß sie eingeschlafen sein müßten, noch mit Licht an; also ging sie selbst, das Licht auszumachen. Als sie zurück zu ihrem Raum kam, passierte etwas Merkwürdiges: Sie sah einen Mann und eine Frau zusammen auf dem Ofenbett sitzen und als sie die beiden fragte, wer sie seien, fiel als Antwort eine Schlinge um ihren Hals. Ihre Hilfeschreie weckten die anderen Schwestern, die ihre Lichter anmachten und herausgeeilt kamen. Sie lag bereits auf dem Boden mit Schaum vor dem Mund. Dem Himmel sei Dank, sie wurde wieder wach. Sie kann noch immer kein richtiges Essen zu sich nehmen, weswegen sie daran dachte, um ein bißchen eingelegtes Gemüse zu bitten. Da Sie nicht hier waren, dachte ich, ich hätte keine Befugnis, ihr etwas zu geben. Ich erklärte ihr also, daß Sie keine Zeit hätten und oben wären, sagte, daß ich es später Ihnen gegenüber erwähnen würde und schickte sie zurück. Ich hätte es fast vergessen, wenn ich nicht gerade gehört hätte, wie Sie selbst um Gemüse baten.“
„Warum bist du wieder da?“, fragte Hsi-jën.
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Hsi-fëng starrte einen Moment lang nachdenklich. „Wir haben noch so viel südliches Gemüse“, sagte sie endlich, „schicke das Gemüse auf jeden Fall dahin. Das Geld kann ja Herr Tjin morgen hier abholen.
Er erzählte ihr, was sich ereignet hatte, und nachdem er ein Weilchen mit ihr zusammen gesessen hatte, wollte er wieder hinausgehen.
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Als sie noch sprachen, kam Hsiau-hung herein, um zu berichten, daß ein Bote von Djia Liän angekommen war. Das Geschäft habe ihn von der Stadt ferngehalten und er komme diese Nacht nicht zurück. Hsi-fëng sagte: „Ja.“ Während sie sprachen, hörte sie plötzlich ein Geschrei aus dem hinteren Haus kommen und eines der jüngeren Mädchen kam atemlos in den Hofgarten gerannt. Ping war bereits da, und nun standen mehrere andere Mädchen herum und fingen an, miteinander zu tuscheln.
„Warum bist du in solcher Eile?“, fragte sie. „Nur weil du heute keine Schule hast, heißt das nicht, daß du hier herumrennen mußt. Du solltest lieber einen Ruhetag einlegen.
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„Worüber sprecht ihr da?“, fragte Hsi-fëng.
Bau-yü stoppte seinen Lauf und ließ den Kopf hängen.
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„Eines der Mädchen hat sich erschrocken“, antwortete Ping, „sie sagt, sie hätte einen Geist oder so etwas gesehen.“ –
„Ich weiß, du hast Recht. Doch wann werde ich jemals wieder  eine Gelegenheit wie diesen freien Tag haben. So nutze ich ihn doch am besten, um ein bißchen zu spazieren. Hab doch Mitleid...“
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„Was hat sie über Geister gesagt?“, fragte Hsi-fëng scharf. Das besagte Mädchen betrat den Raum.
Hsi-jën sah, daß er ein so mitleidheischendes Gesicht machte, daß sie lachend nachgab:
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„Was soll der Unsinn mit Geistern?“, fragte Hsi-fëng.
„Der Herr entscheidet natürlich selbst“, sagte sie.
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„Ich war gerade hinten draußen, Herrin“, antwortete das Mädchen, „und habe eine der Frauen um mehr Kohle für den Ofen gebeten, als ich dieses laute, fürchterliche Geräusch hörte, das von den drei leeren Gebäuden kommt. Erst dachte ich, es sei nur eine Katze gewesen, die eine Maus jagt, aber dann hörte ich ein ‚Aach‘, als würde jemand seufzen. Ich habe mich sehr gefürchtet und rannte zurück.“
Währenddessen wurde das Mittagessen hereingebracht, und er mußte zum Essen bleiben. Er schlang es herunter, spülte seinen Mund aus und war fort. Schnell wie ein Windstoß eilte er zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Er fand Dsï-djüan im Hof, wie sie Taschentücher zum Trocknen aufhängte.
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„So ein Unsinn!“, schimpfte Hsi-fëng, „ich werde es nicht zulassen, daß Leute bei mir im Haus so einen abergläubigen Unsinn reden! Ich habe niemals an solche Dinge geglaubt. Raus mit dir!“
„Hat Fräulein Dai-yü schon zu Mittag gegessen?“, fragte er.
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Das Mädchen ging hinaus. Hsi-fëng ließ Tsai-ming die Haushaltsbücher des Tages überpüfen. Es war fast zehn Uhr, als sie fertig wurde. Hsi-fëng und die anderen unterhielten sich eine Weile, dann ging sie zu den Dienern, entließ sie in die Nacht und ging selbst zu Bett. Kurz vor zwölf lag sie im Halbschlaf im Bett, als es sie plötzlich gruselte und sie erschreckt aufwachte. Sie lag zitternd da, ihre Furcht wuchs, bis sie es nicht länger aushielt und nach Ping und Tjiu-tung herüberrief, damit sie ihr Gesellschaft leisteten. Keine von beiden verstand den merkwürdigen Zustand, indem sie sich befand.
„Sie hat vorhin eine halbe Schüssel Reisbrei gegessen“, antwortete Dsï-djüan, „doch war sie nicht sehr hungrig. Im Moment schläft sie. Geht besser woanders hin, Herr Bau-yü, und kommt etwas später wieder.“
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Tjiu-tung war eigentlich eher ablehnend gegenüber Hsi-fëng, aber sie war in Ungnade bei Djia Liän gefallen, wegen der Rolle, die sie in der Verfolgung der zweiten Schwester You gespielt hatte und war danach auf Hsi-fëngs Seite gezogen worden, obwohl ihre Loyalität eine Sache der Bequemlichkeit war und nicht mit der Hingabe Pings zu vergleichen war. Als sie in dieser Situation ihre Herrin in einem solchen Zustand sah, stand sie gehorsam neben dem Bett und gab ihr Tee. Hsi-fëng nahm einen Schluck und sagte: „Danke. Ihr könnt wieder schlafen gehen. Ping wird sich schon ausreichend um mich kümmern.“
Widerstrebend ging er und wußte nicht so recht, wohin er gehen sollte. Plötzlich fiel ihm ein, daß er Hsi‑tschun schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatte, und begann in Richtung der Laube des Knöterichwindes zu schlendern. Als er den Hof erreichte und an einem der Fenster stand, schien alles ruhig und verlassen. Er folgerte daraus, daß auch sie ihren Mittagsschlaf hielt und nicht gestört werden wollte. Er wollte gerade gehen, da hörte er ein leises Geräusch von innen, zu ungenau, um es zu erkennen. Er stand still und hörte wieder hin in der Hoffnung, es nun deutlicher zu hören. Nach einer Weile hörte er noch einmal ein Klacken. Er überlegte immer noch, was es sein könnte, als eine Stimme sagte:
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Aber Tjiu-tung wollte ihr gefallen und protestierte deshalb:
„Warum hast du diesen Zug gemacht und nicht hier gekontert?
+
„Sicher Herrin, wenn Sie nicht schlafen können, wäre es doch besser, wenn wir abwechselnd mit Ihnen aufbleiben würden?“
Es war ein Go-Spiel! Doch Bau-yü hatte nicht die Zeit, die Stimme des Sprechers zu ergründen. Er hörte Hsi‑tschun antworten:
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Hsi-fëng war bereits eingeschlafen. Die Mädchen hörten einen entfernten Hahnenschrei und, als sie sahen, daß Hsi-fëng nun fest schlief, legten sich beide noch voll bekleidet ein wenig bis zum Tagesanbruch hin. Dann erwachten sie und fingen geschäftig an, sich zurechtzumachen. Als Hsi-fëng erwachte, waren ihre Gedanken immer noch von dem Schrecken der Nacht beherrscht. Trotz ihrer Verwirrung wollte sie sich von ihrem Wesen her um jeden Preis durchsetzen und kämpfte sich mit großer Anstrengung hoch. Sie saß in Gedanken gehüllt, als sie ein Mädchen im Hof rufen hörte: „Ist Fräulein Ping da?
„Wozu die Mühe? Wenn du mich da schlägst, kontere ich einfach hier, und wenn du mich wieder schlägst, kontere ich noch einmal. Ich werde trotzdem vorankommen und am Ende wieder den Anschluß bekommen.“ –
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Ping-örl rief ihre Antwort hinaus, und das Mädchen hob den Türvorhang und kam herein. Es stellte sich heraus, daß sie von der Dame Wang geschickt wurde, um Djia Liän herbeizurufen.
„Und wenn ich dich hier schlage?“ –
+
„Da ist ein Bote vom Yamen mit drigenden Geschäften“, sagte sie, „und da der Herr gerade ausgegangen ist, schickt mich die gnädige Frau, um Herrn Liän zu bitten, herüberzukommen.“
„Ohje!“, rief Hsi‑tschun. „Du hast einen Ersatzplan im Ärmel. Darauf war ich ja gar nicht vorbereitet.“
+
Hsi-fëng erschrak.  
Die Stimme des anderen Mädchen war so vertraut! Doch noch erkannte er sie nicht. Es war keine seiner Kusinen, da war er sicher. Aber Hsi-tschun würde sich kaum mit einem Außenstehenden amüsieren. Den Türvorhang vorsichtig beiseite schiebend, spähte er hinein. Der Go‑Partner war niemand anders als die Ordensschwester des Klosters Gefangenes Grün, die außerhalb der Stadt wohnende Miau-yü. Er wagte nicht, weiter zu gehen. Die Mädchen waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie sie beobachtet wurden. Bau-yü stand weiter dort und schaute sie an. Miau-yü lehnte sich über das Brett und sagte zu Hsi‑tschun:
+
Um die Umstände dieses dringenden Geschäftes herauszufinden, lese man bitte das nächste Kapitel.
„Willst du diese ganze Ecke verlieren?“ –
 
„Natürlich nicht! Diese Ecke ist absolut sicher. All deine Figuren sind doch ‚tot‘ oder nicht?
 
„Bist du sicher? Zieh herüber und versuche es.“ –
 
„Nun gut. Es ist mein Zug. Jetzt laß uns sehen, was du tun kannst.
 
Ein Lächeln zeichnete sich in Miau-yüs Gesicht ab. Sie plazierte ihre nächste Figur so, daß sie es mit einer verbinden konnte, die  bereits an dieser
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Bau-yü beobachtet Miau-yü und Hsi-tschun beim Go-Spiel. Aus: Jingsi shanmin 1815.
 
 
 
Ecke des Bret­tes stand, stützte sich dann auf eine von Hsi‑tschuns Figuren und ver­nich­te­te die ganze Ecke. Sie lachte:
 
„Das nennt man ‚Bauernopfer‘!“
 
Bevor Hsi‑tschun Zeit zum Antworten fand, brach ihr unbeobachteter Beobachter, der sich nicht mehr beherrschen konnte, in gellendes Gelächter aus. Die beiden Mädchen blickten erschrocken auf.  
 
„Was fällt dir ein, hier einfach herumzuschleichen, ohne ein Wort zu sagen?“, rief Hsi‑tschun. „Was für eine unmögliche Art sich zu benehmen, wirklich! Wie lange warst du schon da?“
 
„Ich kam gerade herein, als du anfingst, diese Ecke zu spielen. Ich mußte doch abwarten.
 
Er beugte sich zu Miau-yü.
 
„Seid gegrüßt, ehrwürdige Schwester!“, sagte er mit einem Lächeln. „Wozu dieser seltene Ausflug aus den mystischen Portalen von Dsën? Welches Karma führt dich heute in irdische Gefilde?
 
Sie errötete bis über beide Ohren, sagte nichts, senkte ihren Kopf und blickte auf das Go-Brett. Bau-yü sah, daß er sie in Verlegenheit gebracht hatte und fuhr in einem lockeren Ton fort.
 
„Im Ernst“, sagte er mit einem reizenden Lächeln, „wie kann man Normalsterbliche mit jenen vergleichen, die, wie du, der Welt entsagt haben? An erster Stelle hast du inneren Frieden erreicht. Und mit dem Frieden kommt eine tiefe Geistigkeit. Und mit der Geistigkeit die klare Einsicht...“
 
Während er sprach, erhob Miau-yü ihren Blick und schaute ihn an. Dann blickte sie wieder nach unten und errötete noch mehr. Bau-yü merkte, daß sie absichtlich versuchte, ihn zu ignorieren und setzte sich ungeschickterweise mit an den Tisch. Hsi‑tschun wollte das Spiel fortsetzen, nach einer Pause sagte auch Miau-yü: „Laß uns weiterspielen.
 
Sie erhob sich, richtete ihr Kleid her und setzte sich wieder. Dann fragte sie, an Bau-yü gewandt, mit einer komischen Stimme: „Wo kommst du her?“
 
Es war eine große Erleichterung für Bau-, daß sie überhaupt mit ihm sprach, denn er konnte sein Versehen von vorhin kaum wiedergutmachen. Doch dann fiel ihm ein, daß ihre Frage nicht ganz so ernst gemeint war, wie sie klang. War das eine ihrer Dsën0-Eigenarten? Er saß dort sprachlos und mit rotem Gesicht. Miau-yü lächelte und drehte sich zu Hsi‑tschun hin. Hsi‑­tschun lächelte auch.
 
„Vetter Bau-yü“, sagte sie, „was ist so schwer daran? Kennst du nicht die Redensart ‚Ich komme, woher ich komme‘? Der Farbe deines Gesichtes nach zu urteilen, sitzt du hier unter Fremden. Sei nicht schüchtern!“
 
Miau-yü schien das sehr persönlich zu nehmen. Sie erfuhr eine seltsame Rührung der Gefühle, und ihr Gesicht wurde heiß. Sie wußte, daß sie wieder errötete und war sehr verwirrt. Sich erhebend sagte sie:
 
„Ich bin sehr lange hier gewesen. Ich sollte mich lieber auf den Weg zurück zum Tempel machen.“
 
Hsi‑tschun wußte um die Besonderheit von Miau-yüs Charakter und drängte sie nicht zu bleiben. Sie begleitete sie gerade nach draußen, als Miau-yü lachte und sagte:
 
„Ich war so lange nicht mehr hier, um dich zu sehen, und der Weg nach Hause ist voller Kurven und Abzweigungen. Ich fürchte, ich könnte mich verirren.“ –
 
„Erlaube mir, dich zu führen!“, erklärte sich Bau-yü sofort bereit.
 
„Das wäre eine große Ehre“, antwortete sie, „bitte geh vor, Bau-yü!“
 
Beide verabschiedeten sich von Hsi‑tschun und verließen die Laube des Knöterichwindes. Ihr gewundener Weg führte sie in die Nähe der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und, als sie sich ihr näherten, waren Klänge von Musik in der Luft.
 
„Das ist eine Zither“, sagte Miau-yü, „ich frage mich, woher das kommt?
 
„Kusine Dai-yü muß sie in ihrem Zimmer spielen“, antwortete Bau-yü.
 
„Wirklich? Ist das eine weitere ihrer Fähigkeiten? Sie hat es nie erwähnt.“
 
Bau-yü wiederholte, was Dai-yü ihm erzählt hatte.
 
„Sollen wir ihr dabei zusehen?, schlug er vor.
 
„Du meinst zuhören, nehme ich an?“, sagte Miau-yü. „Man hört einer Zither zu. Man sieht ihr nicht zu.“ –
 
„Da hast du es!“, sagte Bau-yü schmunzelnd. „Ich sagte, ich bin nur ein Normalsterblicher.
 
Sie hatten einen kleinen Steingarten bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreicht. Sie setzten sich, lauschten in Ruhe, berührt von der Melancholie der Melodie. Dann begann eine leise Stimme zu singen:
 
 
 
Der Wind weht, und tiefer wird
 
der Hauch des Herbstes.
 
Fern ist mein lieber Schatz,
 
tausend Meilen fern.
 
Voller Trauer bin ich,
 
schaue aus nach der Heimat
 
- einsam auf dem Balkon –
 
und weiß nicht, wo sie ist.
 
Die Tränen fließen.
 
 
 
Nach einer kurzen Pause ging das Lied weiter:
 
 
 
Berge und Seen liegen weit.
 
Durch mein Fenster scheint klar der Mond.
 
Dem Schlaflosen leuchtet
 
- verstreuter Nebel – die Milchstraße.
 
Dünn zittert – wie Tau in kaltem Wind
 
um mich mein Kleid.
 
 
 
Es gab eine weitere kurze Pause. Miau-yü sagte zu Bau-yü:
 
„Die erste Strophe hat das Thema ‚traurig‘, die zweite ‚Licht‘. Hören wir weiter.“
 
Sie sang:
 
 
 
Das Schicksal sagt 'Nein' zu deiner Freiheit,  
 
hält dich gefangen,
 
mich aber schlägt es mit Sorgen.
 
Du verstehst mich,
 
Ich gedenke der Taten der Ahnen,
 
Richtschnur meiner Tugend.
 
 
 
„Das muß das Ende der dritten Strophe sein“, sagte Miau-yü, „wie tragisch es ist!“ –
 
„Ich kenne mich mit Musik nicht aus“, sagte Bau-yü, „doch so wie sie sang, fand ich es sehr traurig.“
 
Es gab eine weitere Pause und dann hörten sie Dai-yü ihre Zither stimmen.
 
„Ihr B-Ton ist zu hell“, kommentierte Miau-yü.
 
Der Gesang begann wieder:
 
 
 
Oh! Dies Staubteilchen, menschliche Seele,
 
spielt seine Rolle vorherbestimmt.
 
Warum soll ich dem Rad des Karmas zuschauen,
 
voll Kummer? Wie könnte mein armes Herz
 
aufsteigen zum Himmel?
 
Wie dem Mond begegnen?
 
 
 
Miau-yü wurde bleich vor Schreck, als sie dies hörte.
 
„Hör’ doch nur, wie sie plötzlich die hellere vierte hier benutzt! Mit ihrer Intonation kann sie Bronze und Gestein zerschmettern! Das ist viel zu stark gespannt!“ –
 
„Was meinst du damit, zu stark gespannt?“, fragte Bau-yü.
 
„Das kann beim Anschlagen der Saite nicht lange gutgehen.
 
Als sie sprachen, hörten sie auf einmal einen Knall, und die B-Ton-Saite riß. Miau-yü stand sofort auf und ging los.
 
„Was ist los?“, fragte Bau-yü.
 
„Das wirst du bald herausfinden. Bitte, sprich nicht mehr darüber.
 
Sie ging weg und ließ Bau-yü in einem Zustand der Verwirrung zurück. Schließlich ging auch er nach Hause. Reden wir nicht mehr davon.
 
 
 
Miau-yü kam im Kloster Gefangenes Grün an und sah, daß die alten Ordensschwestern sie bereits am Tor empfingen. Sie schlossen das Tor hinter ihr, und sie saß eine Weile mit ihnen zusammen und las dabei die tägliche Dsën-Meditation noch einmal. Sie aßen zu Abend und danach wurden die Räucherstäbchen wieder nachgelegt.
 
Sie verbeugten sich alle vor dem Schrein des Bodhisattva, und die Frauen gingen ihren Verpflichtungen nach, Miau-yü alleinlassend. Ihre Liege und ihre Lehne des Dsën-Bettes wurden ihr zurechtgestellt. Mit überkreuzten Beinen sitzend, kontrollierte sie erst ihren Atem und schloß die Augen. Dann, von allen gegenwärtigen Gedanken gereinigt, begann ihr Geist, in die Bereiche einer höheren Wahrheit aufzusteigen. Bis nach Mitternacht saß sie in Meditation, als sie ein Geräusch hörte, als ob sich eine große Menge von Dachziegeln bewegten. Aus Angst, es könnten Einbrecher sein, erhob sie sich von ihrer Liege und ging in die Vorderhalle. Sie schaute sich um, aber alles, was sie sehen konnte, waren Wolken, die den Himmel bedeckten, und der Mond schien so klar wie durch Wasser. Es war eine milde Nacht, und sie blieb dort eine Weile über die Balustrade gelehnt.
 
Plötzlich begannen zwei Katzen auf dem Dach über ihrem Kopf zu jammern. Die Worte, die Bau-yü an diesem Nachmittag gesprochen hatte, fielen ihr blitzartig wieder ein. Sie fühlte, wie ihr Herz ungewollt raste, ihre Ohren brannten. Sie versuchte, sich wieder zu fassen, ging zurück in den Meditationsraum und setzte sich wieder auf ihre Liege. Ihre Anstrengungen waren umsonst. Etwas überwältigte sie. Sie fühlte zehntausend Pferde durch ihren Kopf galoppieren. Die Liege schien hin- und hergeschüttelt zu werden, und ihr Körper schien die Einsiedelei zu verlassen. Sie war umgeben von einer Handvoll junger Adeliger, die alle um ihre Hand anhielten. Ehestifter drängten sie gegen ihren Willen in eine Hochzeitskutsche. Plötzlich bedrohte sie eine Horde Raufbolde mit Schwertern und Knüppeln. Sie schrie um Hilfe.
 
Nun waren die Klosterfrauen und Ordensschwestern wieder hellwach und kamen mit Kerzen in die Halle geeilt, um nachzusehen. Sie sahen sie auf dem Boden liegen, mit ausgestreckten Armen und Schaum um den Mund. Sie erwachte aus ihrem offensichtlichen Koma, nur, um ihre Augen ins Leere starren zu lassen und mit scharlachroten Wangen auszurufen:
 
„Buddha ist mein Beschützer! Faßt mich nicht an, ihr Raufbolde!“
 
Die Frauen waren zu erschrocken, um irgendetwas zu tun, und riefen: „Wach auf! Wach auf! Wir sind jetzt hier!“ –
 
„Ich will nach Hause!“, antwortete Miau-yü. „Wer möchte der gute Mensch sein, mich nach Hause zu bringen?“ –
 
„Aber das ist doch dein Zuhause!“
 
Während die anderen weiter zu ihr sprachen, wurde eine Nonne losgeschickt, um zur Göttin der Barmherzigkeit zu beten. Sie holte den Bambushalter mit den Gebetsstäbchen unter dem Altar hervor, schüttelte sie, zog Stäbchen und trug denjenigen Text vor, in welchem der Yin-Geist der Toten des Südwest-Bereiches geschmäht wurde.
 
„Natürlich!“, rief eine der anderen, als sie zurückkam: „Der Südwest-Bereich des Gartens des Großen Anblicks war ursprünglich unbewohnt, deshalb ist es wahrscheinlich, daß er über eine hohe Konzentration Yin-Geist verfügt.“
 
Manche waren damit beschäftigt, eine Suppe zuzubereiten, andere brachten Wasser. Eine der Schwestern, die mit Miau-yü aus dem Süden kam und ihr deshalb näher und ergebener war als die anderen, saß bei ihr auf dem Dsën-Bett und legte den Arm schützend um sie. Miau-yü drehte ihren Kopf:
 
„Wer ist da?“ –
 
„Ich bin es nur.
 
Miau-yü betrachtete sie eine Weile neugierig.
 
„Oh wirklich!“, rief sie, schlang ihre Arme um die Nonne und schluchzte hysterisch. „Oh du bist ja meine Mutter, wenn du mich nicht rettest, möchte ich nicht mehr weiterleben!“  
 
Die Nonne rief nach ihr, um sie wieder zu Sinnen zu bringen, und begann, sie sachte zu massieren. Eine Amme brachte Tee. Sie saßen zusammen, erst  bei  Morgendämmerung  schlief  Miau-yü  endlich  ein. Die
 
 
 
 
 
Aus: Jingsi shanmin 1815.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 88

博庭欢宝玉赞孤儿 / 正家法贾珍鞭悍仆

Bau-yü erfreut seine Großmutter, indem er eine Waise lobtDjia Dschën stärkt die Familiendisziplin, indem er zwei widerspenstige Diener bestraft.

Hsi-tschun rätselte über dem Go-Handbuch, als sie jemanden draußen rufen hörte: „Tsai-ping!“ Sie erkannte die Stimme von Yüan-yang. Tsai-ping ging hinaus in den Hof und erschien wieder mit Yüan-yang, gefolgt von einem jüngeren Dienstmädchen, das ein kleines Paket, das in gelbe Seide eingewickelt war, trug. „Was ist das?“, lächelte und fragte Hsi-tschun. Yüan-yang erklärte: „Nächstes Jahr ist der einundachtzigste Geburtstag der gnädigen Frau und weil in einundachtzig die neun versteckt ist (sowohl die Wurzel als auch die Quersumme), hat sich vorgenommen und versprochen, neun Nächte Wohltaten und fromme Handlungen zu vollbringen, es müssen dreitausendsechshunderteinundfünfzig Kopien des Sutras des makellosen Diamanten angefertigt werden. Das alles wurde den Sutren-Schreiberlingen ausgehändigt. Aber es gibt da ein bekanntes Sprichwort: „Wenn das Diamantensutra die äußere Hülle der Magie ist, ist sein Herz das Sutra des Herzens der Weisheit.“ Mit anderen Worten, um die eigene Leistung zu steigern, sollte man auch in das Herz-Sutra schauen. Also will die gnädige Frau nun auch Kopien davon haben und weil diese eine große Bedeutung und eine Verbindung mit unserer Göttin der Barmherzigkeit haben, will sie 365 Kopien von den jungen Damen und jungen Herrinnen der Familie haben. Abgesehen von Frau Liän, die zu beschäftigt ist, den Haushalt zu machen und sowieso nicht schreiben kann, haben alle Herrinnen, die irgendwie schreiben können einen Anteil an diesem Akt der Frömmigkeit und Ergebenbheit, sogar Frau Dschën und die anderen Damen Herrn Dschëns aus dem östlichen Herrenhaus. Natürlich wird von jedem Familienangehörigen erwartet mitzumachen.“ Hsi-tschun nickte. „Andere Dinge mache ich vielleicht nicht so gut, aber wenn es um das Abschreiben von Sutren geht, bin ich im eigenen Element. Laß sie gleich hier und trink etwas Tee!“, Yüan-yang stellte die kleinen Pakete auf den Tisch und setzte sich mit Hsi-tschun, während Tsai-ping ihr eine Tasse Tee einschenkte. Wirst du auch etwas kopieren?“, fragte Hsi-tschun mit einem Lächeln. „Ärgere mich nicht, Fräulein!“, antwortete Yüan-yang, „vor drei oder vier Jahren hätte ich das vielleicht gekonnt. – Aber ich habe keine Praxis mehr. Wann hast du mich zuletzt mit einem Pinsel in der Hand gesehen?“ – „Aber denke an das Verdienst, das du erlangen würdest.“ – „Ich habe schon daran gedacht“, antwortete Yüan-yang. „Jeden Tag, nachdem ich die gnädige Frau zu Bett gebracht habe, habe ich Buddhas Namen angerufen und meinen ‚Buddha-Reis‘ gezählt. Ich habe mehr als drei Jahre immer eine Schüssel Reiskörner, Korn für Korn mit einem Gebetsspruch durchmeditiert. Und ich werde diesen Reis jetzt gut aufbewahren, bis die Herzoginmutter die neuntägige Meditation macht. Dann werde ich sie als meine anzubetende Boddhisatva nehmen und das ist auch eine kleine Geste meines Mitgefühls und meiner Ergebung.“ – Hsi-tschun entgegnete: „Es hört sich an, als wenn unsere Herzoginmutter die Göttin der Barmherzigkeit und du die Tochter des Drachenkönigs würden!“ – „Oh nein, Fräulein!“, protestierte Yüan-yang, „das ist zu viel der Ehre. Es ist trotzdem wahr, ich könnte niemandem außer der gnädigen Frau dienen. Ich muß durch eine Art Karma aus einem früheren Leben an sie gebunden sein.“ Mit diesen Worten erhob sich Yüan-yang, um zu gehen, und bat das jüngere Mädchen, das kleine Paket zu öffnen und den Inhalt Hsi-tschun zu zeigen. „Dieses Bündel weißen Papiers soll für die Sutren benutzt werden. Und während du schreibst“, fuhr sie fort und gab ihr ein Bündel tibetischer Räucherstäbchen, „sollst du die hier anzünden.“ Hsi-tschun nickte und Yüan-yang kehrte mit ihren anderen Dienstmädchen zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo sie dem Backgammon-ähnlichen Spiel Schuang-lu zwischen der Herzoginmutter und Li Wan zuschaute. Li Wan würfelte gut und räumte mit ihrem nächsten Zug einige der Steine der Herzoginmutter ab. Yüan-yang hatte Schwierigkeiten ein ernstes Gesicht zu machen. Sie wurden dann von ihrem Spiel durch die Ankunft von Bau-yü abgelenkt, der in jeder Hand einen kleinen geflochtenen Käfig hielt, in welchen sich Kampfgrashüpfer befanden. „Ich hörte, du habest nicht gut geschlafen, Großmutter“, sagte er, „also habe ich dir diese mitgebracht, damit sie dich aufheitern.“ Die Herzoginmutter lachte. „Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, hast du bloß noch Flausen im Kopf.“ Als er seine Unschuld beteuerte, fragte die Herzoginmutter: „Warum bist du dann nicht in der Schule? Was hast du denn überhaupt mit diesen Dingern vor?“ – „Das war nicht meine Idee, Großmutter“, erklärte Bau-yü, „vor ein oder zwei Tagen mußten Huan und Lan jeder ein Reimpaar in der Schule schreiben, und als Huan stecken blieb, flüsterte ich ihm etwas zu, um ihm zu helfen. Als er es zitierte, war der Lehrer beeindruckt und lobte ihn dafür sehr. Huan kaufte mir diese Kampfgrashüpfer zum Dank. Ich würde sie dir gerne schenken.“ – „Hat der Huan nicht täglich geübt?“, rief die Herzoginmutter aus, „kann er noch nicht einmal selbst ein Reimpaar machen? Dann sollte er von ein paar hinter die Ohren bekommen. Das würde ihm eine Lektion sein. Und du, hast du vergessen, wie es war, als dein Vater zu Hause war und dich um ein paar Verse gebeten hat? Du hattest so viel Respekt, daß du aussahst, wie ein kleines Gespenst. Bilde dir jetzt bloß nicht zuviel ein. Was für ein Bengel dieser Huan ist! Um Hilfe zu betteln und dann nach einem netten Geschenk zu suchen, um dich damit zu kaufen! So klein und weiß schon, wie man die anderen ausnutzt, er sollte sich schämen! Der Himmel alleine weiß, wie er sein wird, wenn er groß ist.“ Gelächter erfüllte den Raum. „Aber erzähl’ mir vom jungen Lan“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Wie hat er es geschafft? Als jüngster hätte ihm streng genommen Huan helfen müssen.“ Bau-yü lachte: „Oh nein! Er brauchte keine Hilfe. Er konnte das alleine.“ – „Das glaube ich dir nicht!“, sagte die Herzoginmutter, „das waren wieder du und deine Tricks, da bin ich mir sicher. Hör’ dich an! Ein Kamel, das aus einer Schafherde kommt! Nur weil du nun so erwachsen und so gut mit deinen Gedichten bist.“ Bau-yü lächelte: „Nein, ernsthaft, Lan hat es wirklich gut alleine geschafft. Der Lehrer war sehr zufrieden und sagte, er hätte eine großartige Zukunft vor sich. Wenn du mir nicht glaubst, Großmutter, laß ihn herkommen und teste ihn selbst.“ – „Wenn das war ist“, sagte die Herzoginmutter, „dann bin ich überglücklich dies zu hören. Aber ich habe das Gefühl, daß du das alles nur erfindest. Wenn er diese Dinge wirklich in seinem Alter kann, kann er sehr selbständig werden, wenn er aufwächst.“ Sie sah Li Wan an und dachte an Djia Dschu [Lans Vater]. „Welcher Trost, wäre das für den Tod deines älteren Bruders“, fuhr sie in Bau-yüs Richtung fort, „und was für eine gut verdiente Belohnung für die ganzen Anstrengungen deiner Schwägerin, ihn zu erziehen! Irgendwann wird er die Säule der Familie sein, um sie zu unterstützen, wie sein Vater es wäre!“ Der Gedanke brachte sie zum Weinen. Li Wan war auch gerührt, aber als sie sah, daß die gnädige Frau von Gefühlen gepackt wurde, unterdrückte sie ihre eigenen Tränen und sagte mit einem mutigen Lächeln: „Was immer für ein Glück wir vielleicht haben werden, Großmutter, verdanken wir alles dir. Ich bete nur, daß Lan deinen Erwartungen gerecht und der ganzen Familie Glück bringen wird. Sein Forschritt sollte Anlaß zur Freude sein. Bitte rege dich nicht auf.“ Sie drehte sich zu Bau-yü. „Und bitte pflanz ihm nicht deine übertriebenen Ideen des Erfolgs ein, Onkel Bau[-yü]. Du meinst es ja nur gut. Er ist nur ein Kind, erinnere dich daran. Er könnte dich ernst nehmen und nicht merken, daß du ihn nur ermutigen willst; und dann wird er stolz und eingebildet und niemals besser werden.“ – „Gut gesagt, meine Liebe“, kommentierte die Herzoginmutter, „aber denke auch daran, daß er immer noch sehr jung ist und nicht zu hart erzogen werden sollte. Kinder sind nur bis zu einem gewissen Punkt stark. Wenn man sie zu früh treibt, kann man sie ruinieren. Dann sind sie vielleicht nie fähig, anständig zu studieren, und all deine Mühen werden vergebens sein.“ Li Wan konnte sich nicht länger beherrschen und brach in Tränen aus. Als Djia Huan und Djia Lan in das Zimmer kamen, trocknete sie schnell ihre Augen. Die beiden machten der Herzoginmutter ihre Abendaufwartung. Lan begrüßte dann seine Mutter und kehrte zurück, um voller Respekt an der Seite seiner Urgroßmutter zu stehen. „Ich habe gerade von deinem Onkel [Bau-yü] gehört“, sagte die Herzoginmutter, „wie gut du mit deinem Reimpaar warst und welches Lob du von deinem Lehrer bekommen hast.“ Lan lächelte bescheiden. Yüan-yang kam nun herüber, um zu sagen, daß das Abendessen fertig war. „Ich möchte Frau Hsüä einladen“, sagte die Herzoginmutter, und Hu-po schickte sofort ein Mädchen hinüber zu den Gemächern der Dame Wang. Bau-yü und Djia Huan zogen sich zurück, während Su-yün [Li Wans Mägde] und die jüngeren Dienstmädchen kamen, um das Backgammon-Spiel wegzuräumen. Li Wan wartete auf die Herzoginmutter, und Djia Lan stand seiner Mutter zur Seite: „Ihr beide dürft zum Abendessen bei mir bleiben“, sagte die Herzoginmutter. Li Wan war einverstanden. Kurz darauf wurde das Abendessen hereingebracht und die Mädchen kehrten mit folgender Nachricht aus den Gemächern der Dame Wang zurück: „Frau Hsüä bedauert, daß sie sich in diesen Tagen um zuviel zu kümmern hat und nicht kommen kann. Sie kommt nach dem Abendessen nur für einen kurzen Besuch herüber.“ Die Herzoginmutter bat Djia Lan sich neben sie zu setzen. Unsere Erzählung läßt nun einige weitere Details dieses Abendessens aus. Nach dem Abendessen, als sie ihre Hände gewaschen und den Mund gespült hatte, legte sich die Herzoginmutter auf ihre Couch und plauderte mit ihrer Schwiegerenkelin und ihrem Urenkel. Ein junges Dienstmädchen kam herein und bat Hu-po zu sagen, daß Herr Dschën, der während der derzeitigen Abwesenheit von Djia Dschëng und Djia Liän die Geschäfte im Jung-guo-Anwesen beaufsichtigte, draußen wartete, um seine Abendaufwartung zu machen. „Sag’ ihm, daß ich mich für seine Aufwartung bedanke“, sagte die Herzoginmutter, „aber daß er nicht hereinkommen muß. Er kann nach Hause gehen und sich ausruhen. Er muß müde sein, nach diesem arbeitsreichen Tag.“ Das Mädchen gab dies an die alten Damen draußen weiter, Vetter Dschën wurde informiert und kehrte [zum Ning-guo-Anwesen] zurück. Am folgenden Tag kam er wieder herüber zum Jung-guo-Anwesen, um nach den Tagesgeschäften zu sehen. Die Dienstleute am Tor berichteten nacheinander von verschiedenen Dingen. Einer der Diener sagte, ein Landvogt sei mit Früchten gekommen. Vetter Dschën fragte nach der Liste, der Diener gab sie ihm, und er ging sie durch, sie enthielt meist Obst nach der Jahreszeit, etwas Wild und einiges Gemüse. „Wer schaut normalerweise nach diesen Waren?“, fragte Djia Dschën. „Dschou Juee, Herr.“ Dschou Juee wurde vorgeladen, und Vetter Dschën unterrichtete ihn: „Geh durch die gesamte Ware auf dieser Liste und zähle nach. Dann stelle ich eine Kopie und Bestätigung aus. Sag’ der Küche, sie sollen aus diesem Zutaten ein paar zusätzliche Gerichte kochen, wenn sie das Mittagessen für die Diener vorbereiten, die die Ware gebracht haben. Der Landvogt soll auch etwas zu essen haben, bevor er geht, und das übliche Trinkgeld.“ – „Ja, Herr.“ Dschou Juee befahl den Dienern, die Ware in Hsi-fëngs Hof zu tragen und gab ihnen Anweisungen, die Waren zu zählen. Dann ging er, nur um kurz später vor Vetter Dschën zu erscheinen: „Entschuldigen Sie, Herr, hatten sie eigentlich schon den Eingang überprüft?“ – „Denkst du, ich habe Zeit, das zu machen?“, antwortete Djia Dschën ungeduldig. „Ich habe dir die Liste gegeben, und du sollst den Eingang nach der Liste überprüfen.“ – „Ich habe alle Artikel, so gut ich kann, überpüft, Herr, und alles scheint in Ordnung zu sein. Aber vielleicht würden Sie gerne den Landvogt holen, da Sie selbst nur eine Kopie haben, um zu sehen, ob die Liste echt ist. – „Was für eine Aufregung wegen ein bißchen Obst!“, rief Djia Dschën. „Es ist wirklich nicht so wichtig. Dein Wort reicht mir dafür.“ – In diesem Moment kam Bau-örl in das Zimmer und machte vor Djia Dschën einen Kotau: „Ich bitte darum, mich mit auswärtigen Aufgaben statt mit Aufgaben im Hause zu beauftragen, Herr“, sagte er. „Worum geht es hier?“, fragte Djia Dschën, der sich zu Bau-örl und Dschou Juee umdrehte. „Ich darf mich hier nicht äußern“, antwortete Bau-örl. „Wer hat dich denn gefragt?“, sagte Vetter Dschën brüsk. „Ich habe es satt, andere Leute auszuspionieren!“, murmelte Bau-örl zu sich selbst.

„Herr“, warf Dschou Juee unverzüglich ein, „ich bin seit Jahren für die Miete der Bauern und Einkommen verantwortlich und im Durchschnitt fließt, würde ich sagen, jedes Jahr ein Wert von um die drei- bis fünfhundertausend Taels durch meine Hände, und ich habe nie ein Wort der Unzufriedenheit vom Herrn oder den Herrinnen über irgendetwas gehört, schon gar nicht über so eine Kleinigkeit wie diese. Nach Bau-örl, werden wir mit dem ganzen Besitz und den Häusern der Familie meinetwegen Pleite gehen!“ –

‚Es sieht aus, als würde Bau-örl hier Unruhe stiften‘, dachte Vetter Dschën für sich. ‚Ich werde ihn besser los.‘ – „Geh mir aus den Augen!“, bellte er. Dann wandte er sich von Bau-örl zu Dschou Juee: „Das ist alles. Mach’ mit deiner Arbeit weiter.“ Die zwei Diener verschwanden. Nicht viel später ruhte sich Djia Dschën in seinem Studierzimmer aus, als er einen großen Tumult vor dem Haupttor ausbrechen hörte. Er schickte einen Diener, um zu fragen, was los sei. Dieser kam zurück, um zu berichten, daß es einen Kampf zwischen Bau-örl und einem Adoptivsohn von Dschou Juee gebe. „Wer ist dieser Adoptivsohn?“, fragte Djia Dschën. „Hë San ist sein Name, Herr“, antwortete der Diener. „Ein wertloser Zeitgenosse, der die meiste Zeit mit Trinken oder Ärgermachen vergeudet. Er kommt oft her und treibt sich im Pförtnerhaus herum. Er sah, daß es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Bau-örl und Dschou Juee gab und mischte sich ein.“ – „Wie ekelhaft!“, rief Djia Dschën. „Schickt einmal Bau-örl und diesen Kerl Hë San sofort zu mir! Was ist mit Dschou Juee?“ – „Er verschwand, als der Kampf anfing, Herr.“ – „Find ihn sofort! Das ist ja unglaublich!“ – „Ja, Herr!“ Mitten in dieser Aufregung kehrte Djia Liän zurück und Djia Dschën erzählte ihm, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war. „Unglaublich! Das geht ja nicht!“, schrie Djia Liän. Er schickte einen weiteren Diener zur Hilfe, um Dschou Juee zu fassen, der bald merkte, daß eine Flucht unmöglich war, sich selbst aufgab und vor die Herren kam. „Fesselt alle!“, befahl Djia Dschën, und Djia Liän fügte hinzu, sich hauptsächlich an Dschou Juee wendend: „Das, was ihr vorhin bei Herrn Dschën vorgebracht habt, war damit abgeschlossen. Warum geht ihr dann nach draußen und fangt wieder mit dem Streit an? Und als wäre das nicht schlimm genug, mußt du auch noch diese Brut von dir mithineinziehen, Hë San! Und als du ihn zur Ruhe bringen solltest, – verschwindest du einfach!“ Er versetzte Dschou Juee ein paar kräftige Tritte. „Es reicht nicht, nur ihn zu strafen“, sagte Djia Dschën eisern und befahl seinen Männern jedem, Bau-örl und Hë San, fünfzig Peitschenhiebe zu geben, und schickte sie zu packen. Als dies getan war, setzten sich er und Djia Liän zusammen, um über die Familienangelegenheiten zu reden. In den Quartieren der Diener wurde dieser Vorfall das Thema vieler privater Unterhaltungen. Manche sahen es als Versuch Vetter Dschëns, von seiner eigenen Inkompetenz abzulenken; andere sagten, er sei nur unfähig, Konflikte zu lösen; während es wieder andere als einen Beleg für seinen unangenehmen Charakter hielten. „Vor einiger Zeit gab es doch diesen Skandal mit den Schwestern You. War es nicht Bau-örl, der Herrn Liän zurückgerufen hat, um den Konflikt zu lösen? Jetzt schimpft er, daß Bau-örl nicht gut arbeite. Wahrscheinlich war Bau-örls Ehefrau Herrn Dschën nicht so zu Diensten, wie sie es bei Djia Liän war. Es gab viele Gerüchte, und alle waren unterschiedlich. Währenddessen profitierten alle Mitglieder des Djia-Clans von Djia Dschëngs Aufstieg am Ministerium für Gewerbe und öffentliche Bauten. Djia Yün wollte sicherlich auch seinen Teil herausschlagen. Er ging herum, versprach Unternehmern Arbeit, handelte Prozente für sich selbst aus und machte sich auf den Weg zu den Gemächern seiner ehemaligen Gönnerin Hsi-fëng, nachdem er moderne Seidenwaren gekauft hatte. Hsi-fëng, die gerade von einem ihrer Dienstmädchen erfahren hatte, daß „Herr Dschën und Herr Liän in einer schlechten Laune waren und die Diener schlugen“, war gerade dabei, jemanden hinüberzuschicken, um Einzelheiten herauszufinden, als sie sah, daß Djia Liän selbst hereinkam. Sie bekam die ganze Geschichte von ihm zu hören. „Es könnte alles wegen einer Kleinigkeit gewesen sein“, kommentierte sie, „aber wir müssen ein solches Benehmen wegen der Außenwirkung um jeden Preis verhindern. Wenn sie denken, sie könnten jetzt damit davonkommen, wenn das Familienvermögen sich vermehren sollte, was wird passieren, wenn die jüngere Generation alles übernimmt? Sie werden eine Meuterei vor sich haben. Ich erinnere mich, vor ein oder zwei Jahren, habe ich die schrecklichste Szene im Ning-guo-Anwesen gesehen: – Djiau Da lag total betrunken am Fuß der Treppe und fluchte wie ein Kesselflicker. Keiner von uns wurde verschont. Es ist mir egal, ob er in der Vergangenheit besondere Aufgaben erledigte. Diener sollten ihren Platz kennen und einen angemessenen Sinn für Respekt zeigen. Der Ärger mit Djia Dschëns Ehefrau – bitte versteh mich nicht falsch – ist, daß sie zu wenig Mißtrauen hat und ihre Angestellten mit allem davonkommen läßt. Dieser Bau-örl – oder was immer sein Name ist – bei ihnen, ist typisch. Wo ich gerade daran denke, war er früher nicht sehr hilfreich für dich und Djia Dschën? Seid ihr nicht etwas undankbar, wenn ihr jetzt anfangt, ihn auszupeitschen?“ Wie mit einem Stachel tief ins Herz getroffen, versuchte Djia Liän unbeholfen, das Thema zu wechseln. Sogleich fiel ihm eine wichtige Verabredung ein und er ging. Hsiau-hung kam nun herein, um die Ankunft von Djia Yün anzukündigen. ‚Ich frage mich, was er diesmal vorhat?‘ grübelte Hsi-fëng. Dann sagte sie laut zu Hsiau-hung: „Du läßt ihn besser herein.“ Hsiau-hung ging hinaus. Sie sah Djia Yün ins Gesicht und lächelte leicht. Er ging auf sie zu und sagte: „Haben Sie gesagt, daß ich hier bin, Fräulein?“ Sie errötete: „Ich nehme an, Sie haben viele wichtige Geschäfte, Herr Yün.“ – „Im Gegenteil, ich wünschte nur, ich hätte öfter Grund hierherzukommen und Sie zu ärgern, Fräulein... Ich erinnere mich an letztes Jahr, als Sie bei Onkel Bau-yü gearbeitet haben und ich mit Ihnen ...“ Er wollte mehr sagen, aber Hsiau-hung, die Angst hatte, jemand könnte sie sehen, fragte schnell: „Ich hatte Ihnen damals ein Taschentuch gegeben, haben Sie es gesehen?“ Ihre Worte erfreuten und erregten Djia Yün so, daß ihm sein Herz aufging. Aber bevor er etwas sagen konnte, kam ein Mädchen aus Hsi-fëngs Zimmer herein, und er und Hsiau-hung waren verpflichtet, sofort hineinzugehen. Sie gingen Seite an Seite, nah genug, damit er ihr zuflüstern konnte: „Wenn ich gehe, mußt du mich hinausbegleiten. Ich muß dir etwas sagen, daß dich vielleicht amüsiert.“ Sie errötete stark und warf ihm einen Blick zu, ohne ein Wort zu sagen. Sie ging vor ihm hinein, um Hsi-fëng von seinem Herannahen zu informieren, kehrte zurück, um ihn hineinzuführen, hob den Türvorhang und gab ihm ein Zeichen, während sie zu ihm in förmlichstem Ton sagte: „Die Dame würde sich nun freuen, Sie zu sehen, Herr.“ Mit einem Lächeln folgte Djia Yün ihr in den Raum und grüßte Hsi-fëng. Er teilte die Grüße seiner Mutter mit, welche Hsi-fëng höflich erwiderte, bevor sie fragte: „Und was führt dich heute her?“ Djia Yün verfiel in eine Rede: „Die große Freundlichkeit meiner Tante mir gegenüber in der Vergangenheit war mir immer sehr bewußt und eine Quelle endloser Dankbarkeit. Ich habe auf eine Gelegenheit gewartet, dir ein Geschenk meiner Achtung zu überreichen und habe es nur aus Angst zurückgehalten, daß du so eine Geste unangebracht finden würdest. Das heutige Fest des neunten September ist endlich eine ausreichende Rechtfertigung für meinen Kauf von etwas Kleinem, was, obwohl ich weiß, daß du bereits von allem mehr als genug hast, ich dich ganz bescheiden bitte, mir zu Ehren als Zeichen meiner ehrlichen und bescheidenen Ergebenheit anzunehmen.“ Hsi-fëng lachte. „Komm schon. Hör’ auf mit dem Unsinn. Was soll das alles? Setz’ dich und erzähl’ es mir.“ Djia Yün nahm Platz und legte seine Mitbringsel behutsam mit beiden Händen auf den Tisch neben ihnen. „Du bist doch aus der Familie“, fuhr Hsi-fëng fort, „also warum gibst du dein Geld so aus? Ich brauche solche Dinge nicht und erwarte sie nicht. Komm nun, erzähl’ mir, warum du wirklich hier bist.“ – „Wahrlich, aus keinem anderen Grund als meine tiefe, und bis jetzt unausgedrückte Dankbarkeit...“ Da war nun die Spur eines Lächelns. „Komm hör’ auf damit“, sagte Hsi-fëng. „Ich weiß ganz genau, daß du knapp bei Kasse bist, ich weiß Bescheid. Erwarte nicht von mir, daß ich Dinge von dir für nichts annehme. Wenn du willst, daß ich dein Geschenk annehme, dann sag’ mir die Wahrheit. Wenn du weiter statt den Knochen das Fleisch ausspuckst und dafür die Knochen im Mund behältst, wenn du also weiter so um den heißen Brei redest, werde ich die Geschenke sicherlich nicht annehmen.“ Djia Yün war gezwungen, zum Punkt zu kommen. Er erhob sich und schenkte sein unterwürfigstes Lächeln. „Naja, es ist nicht so, daß ich mir das einbilde: Ich hörte vor ein paar Tagen, daß Herr Dschëng vom Ministerium die Oberaufsicht über den Bau des kaiserlichen Mausoleums bekommen hat und, da ich ein oder zwei Freunde mit beachtlicher Erfahrung in diesem Bereich habe – sehr kompetente Menschen, möchte ich hinzufügen –, möchte ich einfach fragen, ob es möglich für dich wäre, ein Wort für sie bei Herrn Dschëng einzulegen. Wenn ein oder zwei Aufträge bei ihnen hängenblieben, wäre ich dir für immer etwas schuldig. Und wenn du mich selbst hier am Herrenhaus für irgendetwas brauchen solltest, stehe ich selbstverständlich für dich, Tante Hsi-fëng, zur Verfügung.“ – „Bei den meisten Angelegenheiten, weiß ich, daß ich einen bestimmten Einfluß habe“, antwortete Hsi-fëng, „aber wenn es um solche Sachen geht, so sind die großen Aufträge komplett in der Hand der Vorsteher und anderer Beamter, während kleinere Arbeiten an die Angestellten und Läufer gehen. Kein anderer erhält auch nur einen Blick da hinein, fürchte ich. Nur unsere eigenen Leute können bei Herrn Dschëng als sein Personal arbeiten. Sogar dein Onkel Liän bekommt nur einen Fuß in die Tür, wenn es etwas gibt, daß direkt mit der Familie zu tun hat. Er hat nichts mit offiziellen Geschäften zu tun. Bei uns zu Hause dagegen ist es ja so, wenn die Sachen in einem Bereich geordnet sind, brechen in einem anderen Bereich wieder Probleme aus – sogar Herr Dschën hat Probleme, die Angelegenheiten in Ordnung zu halten. Du bist jung und Jungen wie du wären niemals fähig, so etwas zu meistern. Nein, ich fürchte, welche Arbeiten es auch immer am Ministerium gegeben hat, sie sind fast alle vergeben. Die Menschen sehnen sich nach Arbeit. Sicher gibt es zu Hause etwas, daß du tun kannst, um Körper und Seele im Einklang zu halten? Ich meine es ernst. Geh nach Hause und denk’ noch einmal darüber nach. Und erachte die Dankbarkeit als ausgedrückt an. Und nimm diese Sachen hier wieder mit, von wo auch immer sie herkommen.“ Während sie sprach, war eine Gruppe Kindermädchen mit der kleinen Tjiau-djiä ins Zimmer gekommen, in einem farbenreich bestickten Kittel gekleidet und den Arm voller Spielsachen. Sie rannte zu Hsi-fëng [ihrer Mutter], lachte und plauderte. Djia Yün stand sofort auf, wandte seine Blickrichtung, seine Aufmerksamkeit und sein schmieriges Lächeln von Hsi-fëng zu ihrer Tochter. „Das ist also meine respektierte Kusine? Gibt es da irgendein kleines Geschenk, daß du gerne von mir hättest, Kleine?“ Ein lautes „Waaah!“ platzte zwischen Tjiau-djiäs Lippen hervor, und Djia Yün zog sich schnell zurück. „Na, na, mein Schatz! Komm her!“ Hsi-fëng hielt das Kind dicht an sich, „das ist dein Vetter Yün. Erkennst Du ihn nicht mehr?“ Djia Yün versuchte es wieder: „Was für ein süßes Mädchen! So ein hübsches Gesicht verspricht Glück auf Lebenszeit.“ Tjiau-djiä drehte ihren kleinen Kopf, um ihn noch einmal kurz anzusehen und brach sofort wieder in Geschrei aus. Das wiederholte sich ein paar Mal. Djia Yün spürte, daß er nicht länger willkommen war und erhob sich zum Gehen. „Vergiß deine Sachen nicht“, sagte Hsi-fëng. „Oh bitte, Tante! Tu mir diesen einen Gefallen...“ – „Wenn du sie nicht selbst mitnimmst, werde ich dir jemanden damit hinterher schicken. Ehrlich Yün, das ist nicht die Art, solche Dinge zu regeln. Du bist hier kein Fremder. Wenn eine Möglichkeit auftaucht, werde ich es dich sicher wissen lassen. Bis dahin gibt es nichts, was ich tun kann, und es gibt nichts, was du durch eine solche Verschwendung von Geld und Zeit gewinnen kannst.“ Djia Yün konnte sehen, daß sie nicht nachgeben würde. Er errötete, als er das Haus verließ. „Ich werde trotzdem nach einem geeigneten Geschenk weitersuchen.“ – „Hsiau-hung, trag diese Dinge für Herr Yün in die Halle“, sagte Hsi-fëng höflich, „und begleite ihn hinaus.“ ‚Die Leute haben recht‘, dachte Yün bei sich auf seinem Weg nach draußen. ‚Sie ist ein wahrer Tyrann! Bewegt sich nicht einen Fingerbreit! Hart wie ein Knochen! Geschieht ihr Recht, wenn sie keinen Erben produzieren kann. Diese Tjiau-djiä hat mir auch ein komisches Gefühl gegeben... Sie schien etwas gegen mich zu haben, fast, als hätten wir eine Fehde aus einem früheren Leben. Was für ein Pech! Jetzt habe ich mich den ganzen Tag darum bemüht, alles umsonst!’ Hsiau-hung sah, daß Djia Yün enttäuscht war, und war auch selbst unglücklich. Sie nahm das Paket und folgte ihm hinaus. Er nahm es ihr ab und, als niemand sie sah, öffnete er es, nahm zwei bestickte Seidenstücke heraus und gab sie ihr heimlich. Erst wollte sie diese nicht annehmen und protestierte flüsternd: „Sie sollten das nicht, Herr Yün. Denken Sie daran, wie furchtbar das für uns beide aussehen muß, wenn Frau Liän das herausfinden würde.“ – „Sei nicht dumm. Behalt sie. Sie wird es nicht wissen. Wenn du es nicht annimmst, sehe ich das als persönliche Beleidigung an.“ Hsiau-hung lächelte eitel und nahm sie an. „Wenn Sie darauf bestehen. Aber ich will sie nicht. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.“ Ihr Gesicht brannte wieder. Djia Yün lachte und sagte: „Diese Dinge haben ja keine Bedeutung.“ Nun hatten sie das innere Tor erreicht und Djia Yün versteckte die übrigen Geschenke in seinem Gewand, während Hsiau-hung ihn drängte zu gehen. „Sie müssen jetzt gehen“, sagte sie, „wenn Sie hier irgendetwas wollen, fragen Sie nach mir. Nun, da ich Frau Liän diene, können Sie mich direkt ansprechen.“ Djia Yün nickte. „Sie ist ein solcher Tyrann. Ich kann leider nicht öfter kommen. Vergessen Sie aber nicht, was ich gerade sagte. Wenn ich die Möglichkeit habe, Sie wiederzusehen, erzähle ich Ihnen noch mehr.“ Hsiau-hung errötete von Ohr zu Ohr. „Sie sollten jetzt wirklich besser gehen. Sie können so oft wiederkommen, wie Sie wollen. Sie sollten nicht zu ihr auf Distanz gehen.“ – „Ich verstehe.“ Djia Yün ging seinen Weg und Hsiau-hung stand im Tor und verfolgte ihn lange mit einem nachdenklichen Blick. Dann drehte sie sich um und ging wieder hinein. Währenddessen gab Hsi-fëng Anweisungen für das Abendessen und fragte die Dienerinnen, ob ihr Reisbrei fertig sei. Sie eilten davon, um danach zu fragen, und kehrten nach einer kurzen Weile zurück, um zu sagen, daß der Reisbrei zubereitet sei. „Ich hätte gerne ein paar Gerichte mit diesem eingelegten Gemüse, das gerade aus dem Süden gekommen ist“, sagte Hsi-fëng. Tjiu-tung übernahm die Verantwortung dafür und sagte den anderen Mädchen, mit dem Aufdecken weiterzumachen. Ping kam herein und sagte mit einem Lächeln: „Ich hatte fast vergessen zu berichten: Als Ihr heute Mittag bei der gnädigen Frau wart, schickte eine Äbtissin vom Wassermondkloster, um jemanden bei Ihnen um zwei Gläser des eingelegten südlichen Gemüses und einen Vorschuß von ein paar Monaten zu bitten. Die Äbtissin sei gesundheitlich angeschlagen, berichtete die Botin. Ich fragte, was los sei, und sie sagte, es hätte alles vor vier oder fünf Tagen angefangen. Sie hatte Ärger mit einigen der buddhistischen und dauistischen Novizen, die trotz mehrerer Warnungen ihr Licht über Nacht anließen. Dann bemerkte sie eines Nachts, daß die Lampen bei Mitternacht noch immer brannten, und sie rief sie öfter. Sie hörte keine Antwort und dachte, daß sie eingeschlafen sein müßten, noch mit Licht an; also ging sie selbst, das Licht auszumachen. Als sie zurück zu ihrem Raum kam, passierte etwas Merkwürdiges: Sie sah einen Mann und eine Frau zusammen auf dem Ofenbett sitzen und als sie die beiden fragte, wer sie seien, fiel als Antwort eine Schlinge um ihren Hals. Ihre Hilfeschreie weckten die anderen Schwestern, die ihre Lichter anmachten und herausgeeilt kamen. Sie lag bereits auf dem Boden mit Schaum vor dem Mund. Dem Himmel sei Dank, sie wurde wieder wach. Sie kann noch immer kein richtiges Essen zu sich nehmen, weswegen sie daran dachte, um ein bißchen eingelegtes Gemüse zu bitten. Da Sie nicht hier waren, dachte ich, ich hätte keine Befugnis, ihr etwas zu geben. Ich erklärte ihr also, daß Sie keine Zeit hätten und oben wären, sagte, daß ich es später Ihnen gegenüber erwähnen würde und schickte sie zurück. Ich hätte es fast vergessen, wenn ich nicht gerade gehört hätte, wie Sie selbst um Gemüse baten.“ Hsi-fëng starrte einen Moment lang nachdenklich. „Wir haben noch so viel südliches Gemüse“, sagte sie endlich, „schicke das Gemüse auf jeden Fall dahin. Das Geld kann ja Herr Tjin morgen hier abholen.“ Als sie noch sprachen, kam Hsiau-hung herein, um zu berichten, daß ein Bote von Djia Liän angekommen war. Das Geschäft habe ihn von der Stadt ferngehalten und er komme diese Nacht nicht zurück. Hsi-fëng sagte: „Ja.“ Während sie sprachen, hörte sie plötzlich ein Geschrei aus dem hinteren Haus kommen und eines der jüngeren Mädchen kam atemlos in den Hofgarten gerannt. Ping war bereits da, und nun standen mehrere andere Mädchen herum und fingen an, miteinander zu tuscheln. „Worüber sprecht ihr da?“, fragte Hsi-fëng. „Eines der Mädchen hat sich erschrocken“, antwortete Ping, „sie sagt, sie hätte einen Geist oder so etwas gesehen.“ – „Was hat sie über Geister gesagt?“, fragte Hsi-fëng scharf. Das besagte Mädchen betrat den Raum. „Was soll der Unsinn mit Geistern?“, fragte Hsi-fëng. „Ich war gerade hinten draußen, Herrin“, antwortete das Mädchen, „und habe eine der Frauen um mehr Kohle für den Ofen gebeten, als ich dieses laute, fürchterliche Geräusch hörte, das von den drei leeren Gebäuden kommt. Erst dachte ich, es sei nur eine Katze gewesen, die eine Maus jagt, aber dann hörte ich ein ‚Aach‘, als würde jemand seufzen. Ich habe mich sehr gefürchtet und rannte zurück.“ „So ein Unsinn!“, schimpfte Hsi-fëng, „ich werde es nicht zulassen, daß Leute bei mir im Haus so einen abergläubigen Unsinn reden! Ich habe niemals an solche Dinge geglaubt. Raus mit dir!“ Das Mädchen ging hinaus. Hsi-fëng ließ Tsai-ming die Haushaltsbücher des Tages überpüfen. Es war fast zehn Uhr, als sie fertig wurde. Hsi-fëng und die anderen unterhielten sich eine Weile, dann ging sie zu den Dienern, entließ sie in die Nacht und ging selbst zu Bett. Kurz vor zwölf lag sie im Halbschlaf im Bett, als es sie plötzlich gruselte und sie erschreckt aufwachte. Sie lag zitternd da, ihre Furcht wuchs, bis sie es nicht länger aushielt und nach Ping und Tjiu-tung herüberrief, damit sie ihr Gesellschaft leisteten. Keine von beiden verstand den merkwürdigen Zustand, indem sie sich befand. Tjiu-tung war eigentlich eher ablehnend gegenüber Hsi-fëng, aber sie war in Ungnade bei Djia Liän gefallen, wegen der Rolle, die sie in der Verfolgung der zweiten Schwester You gespielt hatte und war danach auf Hsi-fëngs Seite gezogen worden, obwohl ihre Loyalität eine Sache der Bequemlichkeit war und nicht mit der Hingabe Pings zu vergleichen war. Als sie in dieser Situation ihre Herrin in einem solchen Zustand sah, stand sie gehorsam neben dem Bett und gab ihr Tee. Hsi-fëng nahm einen Schluck und sagte: „Danke. Ihr könnt wieder schlafen gehen. Ping wird sich schon ausreichend um mich kümmern.“ Aber Tjiu-tung wollte ihr gefallen und protestierte deshalb: „Sicher Herrin, wenn Sie nicht schlafen können, wäre es doch besser, wenn wir abwechselnd mit Ihnen aufbleiben würden?“ Hsi-fëng war bereits eingeschlafen. Die Mädchen hörten einen entfernten Hahnenschrei und, als sie sahen, daß Hsi-fëng nun fest schlief, legten sich beide noch voll bekleidet ein wenig bis zum Tagesanbruch hin. Dann erwachten sie und fingen geschäftig an, sich zurechtzumachen. Als Hsi-fëng erwachte, waren ihre Gedanken immer noch von dem Schrecken der Nacht beherrscht. Trotz ihrer Verwirrung wollte sie sich von ihrem Wesen her um jeden Preis durchsetzen und kämpfte sich mit großer Anstrengung hoch. Sie saß in Gedanken gehüllt, als sie ein Mädchen im Hof rufen hörte: „Ist Fräulein Ping da?“ Ping-örl rief ihre Antwort hinaus, und das Mädchen hob den Türvorhang und kam herein. Es stellte sich heraus, daß sie von der Dame Wang geschickt wurde, um Djia Liän herbeizurufen. „Da ist ein Bote vom Yamen mit drigenden Geschäften“, sagte sie, „und da der Herr gerade ausgegangen ist, schickt mich die gnädige Frau, um Herrn Liän zu bitten, herüberzukommen.“ Hsi-fëng erschrak. Um die Umstände dieses dringenden Geschäftes herauszufinden, lese man bitte das nächste Kapitel.