Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 89"
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== 人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒 == | == 人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒 == | ||
| − | + | '''Unser Held sieht das Werk einer vergangenen Liebe und ist so bewegt, daß er eine Ode verfaßtDai-yü<ref>In den Kapitelüberschriften werden die Romanfiguren oft bei ihrem Zi-Namen genannt. Auch hier steht im chinesischen Original 颦卿Pin-tching [Pinqing] statt Dai-yü.</ref> fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern.''' | |
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| − | Dai-yü fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern. | ||
Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam. | Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam. | ||
„Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert. | „Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert. | ||
| − | „Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach Herrn Liän zu fragen.“ | + | „Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach dem zweiten Herrn [Liän] zu fragen.“ |
Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war. | Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war. | ||
| − | „Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß Herr Liän letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ – | + | „Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß der zweite Herr [Liän] letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach dem gnädigen Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ – |
„Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging. | „Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging. | ||
Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang. | Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang. | ||
„Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“ | „Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“ | ||
| − | Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, sein Vater könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte. | + | Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, Djia Dschëng [sein Vater] könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte. |
Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen. | Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen. | ||
„Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“ | „Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“ | ||
| − | Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls Herr Bau-yü sich umziehen möchte.“ | + | Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls der zweite Herr [Bau-yü] sich umziehen möchte.“ |
Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen. | Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen. | ||
Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt. | Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt. | ||
„Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum. | „Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum. | ||
| − | „Es wird kälter, Herr Bau-yü. | + | „Es wird kälter, der zweite Herr. Sie ziehen besser etwas Wärmeres an.“ |
| + | Bau-yü nickte und sah, daß Bee-ming eine Jacke in der Hand hielt. Der Anblick des Stoffes hatte einen interessanten Effekt auf Bau-yü, der ihn anstarrte, als wäre er in Trance. Die anderen Junge schauten fasziniert hin. Es war der Goldpfau-Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte. | ||
| + | „Warum mußtest du das mitbringen?“, fragte Bau-yü. „Wer hat dir das gegeben?“ | ||
| + | Er hatte es sofort als den Goldpfau-Umhang erkannt, den Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte. | ||
| + | „Die Mädchen haben ihn zusammengerollt und mir befohlen, ihn mitzunehmen“, antwortete Bee-ming. | ||
| + | „Nun, mir ist nicht sehr kalt“, sagte Bau-yü, „ich glaube nicht, daß ich ihn jetzt tragen werde. Du kannst ihn genausogut wieder zusammenrollen.“ | ||
| + | Der Lehrer sah, daß Bau-yü zögerte, einen solch kostbaren Stoff anzulegen, und nahm freudig diesen Beweis für Sparsamkeit zur Kenntnis. | ||
| + | „Bitte legt ihn an, zweiter Herr!“, bat Bee-ming, „um meinetwillen! Sie wissen, daß ich Ärger bekomme, wenn der zweite Herr eine Erkältung bekommt.“ | ||
| + | Mit großem Unwillen legte Bau-yü den Umhang an, setzte sich wieder und starrte mürrisch auf seine Bücher. Der Lehrer nahm an, daß er sich wieder einmal auf die Studien konzentrierte und beachtete den Vorfall nicht weiter. | ||
| + | Als an diesem Nachmittag die Schulstunden für den Tag vorüber waren, sagte Bau-yü, er fühle sich nicht gut, und bat, von der Schule für den nächsten Tag entschuldigt zu sein. Dai-ju war, wenn auch spät, so weit gekommen, seine Schüler nachsichtiger zu sehen, mehr als Kameraden, die ihn sein eigenes Alter vergessen ließen. Seine eigene Gesundheit war schlecht, und er war froh, die Last der Arbeit durch vernünftige Einteilung der Krankentage zu verringern. Außerdem wußte er, daß Djia Dschëng wichtigere Dinge im Kopf hatte und daß die Herzoginmutter immer ihren liebsten Enkel verhätschelte. Mit einem Nicken gab er Bau-yü zu verstehen, daß seine Anfrage bewilligt war. | ||
| + | Bau-yü ging sofort nach Hause. Nachdem er kurz nach Dame Wang und der Herzoginmutter geschaut hatte, wobei keine von beiden seine Krankheitsausrede hinterfragte, kehrte er zu seinem Hof zurück und sah Hsi-jën und die anderen. Er lächelte und plauderte nicht wie sonst, sondern legte sich, angezogen wie er war, auf das Ofenbett. | ||
| + | „Abendessen ist fertig“, sagte Hsi-jën, „wollen Sie es jetzt, oder wollen Sie bis später warten?“ | ||
| + | Bau-yü: „Ich werde nichts essen. Ich fühle mich nicht gut. Iß nur dein eigenes.“ | ||
| + | Hsi-jën: „Nun, Sie könnten wenigstens den schönen Umhang abnehmen. Sie könnten ihn verkrumpeln und ruinieren.“ – | ||
| + | „Ich will ihn anbehalten.“ – | ||
| + | „Es ist nicht nur der Umhang, über den ich mir Sorgen mache. Sehen Sie, wie vorsichtig er genäht wurde. Sie werden die Stiche ruinieren.“ | ||
| + | Das rührte Bau-yü an einem wunden Punkt. Er gab einen tiefen Seufzer von sich. „Oh, na gut! Dann räume ihn weg. Wickel ihn vorsichtig ein. Ich werde ihn nie wieder tragen.“ | ||
| + | Er stand auf, um den Umhang abzulegen. Hsi-jën kam herüber, um ihn ihm abzunehmen, aber er hatte bereits selbst angefangen, ihn zu falten. | ||
| + | „Warum ist der zweite Herr heute so arbeitsam?“, fragte sie überrascht. | ||
| + | Er gab keine Antwort, sondern faltete weiter. | ||
| + | „Wo ist die Hülle?“, fragte er. als er fertig war. | ||
| + | Schë-yüä gab sie ihm, und als er vorsichtig den Umhang einwickelte, wendete sie sich an Hsi-jën und zwinkerte ihr zu. Bau-yü aber bemerkte beide nicht und setzte sich, er sah sehr niedergeschlagen aus. Die Uhr auf dem Regal läutete, und er sah hinab auf seine Uhr. Es war bereits halb sechs. Kurz danach kam eines der jungen Dienstmädchen herein und zündete die Lampen an. | ||
| + | „Wenn Sie nicht richtig essen, dann nehmen Sie wenigstens einen Schluck Reisbrei“, bat Hsi-jën. „Wenn Sie mit einem leeren Magen zu Bett gehen, können Sie leicht zuviel Yin bekommen und Fieber kriegen. Und bedenken Sie den Ärger, den wir dann haben werden.“ | ||
| + | Er schüttelte den Kopf. | ||
| + | „Ich bin nicht hungrig. Ich würde mich noch schlimmer fühlen, wenn ich etwas herunter würgen müßte.“ – | ||
| + | „Nun, in dem Fall“, sagte Hsi-jën, „sollten Sie wenigstens früh schlafen.“ | ||
| + | Sie und Schë-yüä machten sein Bett, und Bau-yü legte sich hin. Er drehte und wälzte sich im Bett, aber konnte nicht einschlafen. Endlich, bei Tagesanbruch schlief er ein, nur um keine Stunde später vorzeitig wieder aufzuwachen. | ||
| + | „Ich hörte, wie Sie sich bis in den frühen Morgen im Bett wälzten“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte Sie nicht stören. Dann schlief ich selbst ein. Sind Sie denn am Ende doch noch eingeschlafen?“ – | ||
| + | „Ein bißchen. Aber ich bin fast sofort wieder aufgewacht.“ – | ||
| + | „Fühlen Sie sich nicht wohl?“ – | ||
| + | „Nein. Mein Herz ist nur so unruhig.“ – | ||
| + | „Werden Sie heute zur Schule gehen?“ – | ||
| + | „Nein. Ich bat gestern darum, den Tag frei zu bekommen. Ich dachte, vielleicht gehe ich im Garten spazieren, und versuche mich ein bißchen zu entspannen. Aber ich fürchte mich vor der Kälte. Kannst du Bescheid sagen, daß man ein Zimmer aufräumt, Räucherstäbchen dort anzündet und Papier, Pinsel und Tusche dort bereitstellen soll? Ich werde euch heute nicht brauchen. Ich möchte nur für mich eine Weile ruhig da sitzen. Sag’ den anderen, daß ich nicht gestört werden will.“ – | ||
| + | „Natürlich wird Sie keiner stören, wenn sie ruhig studieren möchten“, sagte Schë-yüä, sobald sie das hörte. | ||
| + | „Ich denke, das ist eine wunderbare Idee“, sagte Hsi-jën, „sie werden sich nicht erkälten, lernen einen Tag für sich und Ihr Herz wird stetiger werden.“ Sie fügte hinzu: „Aber bitte, wenn Sie sich nicht danach fühlen, ein vernünftiges Essen zu sich zu nehmen, was hätten Sie dann denn gerne? Sagen Sie es mir jetzt, und ich werde es in der Küche vorbereiten lassen.“ – | ||
| + | „Was immer am leichtesten ist“, antwortete Bau-yü. „Macht nicht zuviel Arbeit. Es wäre nett, ein paar Früchte im Zimmer zu haben, wegen des Geruchs.“ – | ||
| + | „Welches Zimmer bevorzugen Sie?“, fragte Hsi-jën. „Die sind alle eher nicht sauber, außer Tjing-wëns altes Zimmer, welches schon eine ganze Weile leer steht. Das wäre aber vielleicht etwas kalt und ruhig.“ – | ||
| + | „Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „tragt den Kohleofen da hinein.“ | ||
| + | Hsi-jën gab die Anweisungen, dies zu tun. Sie sah ein anderes Dienstmädchen, das mit einem Tablett hereinkam. Darauf stand eine Schüssel und lagen ein Paar Eßstäbchen aus Elfenbein, welche sie Schë-yüä gab und sagte: „Hier ist das, was Fräulein Hua von der Küche bestellt hat.“ Schë-yüä nahm das Tablett und sah, daß die Schüssel eine Vogelnestsuppe enthielt. | ||
| + | „Ist das das, was Sie bestellt haben?“, fragte sie Hsi-jën. | ||
| + | „Ja“, antwortete Hsi-jën mit einem Lächeln. „Ich dachte, da der zweite Herr letzte Nacht nichts zu essen hatte und da er die meiste Zeit der Nacht damit verbracht hatte, sich im Bett zu wälzen, würde er sich heute Morgen sehr leer fühlen, also schickte ich die jüngeren Mädchen, dies hier speziell aus der Küche zu holen.“ | ||
| + | Sie befahl dem Mädchen, einen Tisch zu bringen, und Schë-yüä servierte Bau-yü die Suppe. Als er diese getrunken hatte und seinen Mund spülte, kam Tjiu-wën herein: | ||
| + | „Das Zimmer ist fertig“, sagte sie. „Wir warten, damit das Feuer richtig brennt und die Luft klar wird, und dann können Sie hineingehen, der zweite Herr.“ | ||
| + | Er nickte, aber er war zu sehr in Gedanken verloren, um zu antworten. Kurz darauf kam ein Mädchen herein, um zu sagen, daß seine Schreibsachen ausgelegt wurden. Bau-yü sagte: „Ich weiß.“ Er wurde sofort von einem anderen Mädchen abgelöst, das das fertige Frühstück ankündigte und fragte, wo es bereit gestellt werden soll. „Oh, bring es nur her“, sagte Bau-yü. „Es gibt keinen Grund für all die Mühe.“ | ||
| + | Das Mädchen ging hinaus und kehrte mit dem Frühstück zurück. Bau-yü lächelte, wendete sich an Schë-yüä und Hsi-jën und sagte: „Ich fühle mich so traurig. Ich denke wirklich nicht, daß ich das allein herunterkriege. Warum setzt ihr zwei euch nicht zu mir? Das würde das Essen leckerer machen, und dann würde ich wahrscheinlich mehr zu essen.“ | ||
| + | Schë-yüä lächelte. | ||
| + | „Der zweite Herr wäre zwar froh, aber wie könnten wir es wagen?“ | ||
| + | „Ich stimme da nicht überein“, sagte Hsi-jën, „wir haben früher oft Wein zusammen getrunken. Ich denke, es könnte als Ausnahme gelten, um ihn aufzuheitern. Doch natürlich käme das als ein reguläres Treffen nicht in Frage.“ | ||
| + | Also setzten sich die drei, Bau-yü am Kopf und die zwei Mädchen an den Seiten des Tisches. Nach dem Frühstück brachte ein junges Dienstmädchen den Tee, um den Mund auszuspülen. Die zweibeaufsichtigten das Abräumen des Tisches. Der Tee wurde serviert, und Bau-yü saß wieder in nachdenklicher Stille dort. „Ist das Zimmer endlich fertig?“, fragte er schließlich. | ||
| + | „Gerade kam doch schon jemand, um Ihnen das zu sagen.“, sagte Schë-yüä, „Was fragst du das jetzt schon wieder!“ | ||
| + | Nachdem sie dort noch eine Weile länger gesessen hatten, machte er sich auf den Weg hinüber zu [Tjing-wëns] Zimmer. Nachdem er ein Räucherstäbchen angezündet und die Früchte auf den Tisch gelegt hatte, entließ er alle Mädchen und schloß die Tür. Hsi-jën und die anderen standen mit angehaltenem Atem draußen. | ||
| + | Er wählte ein Stück rosa Papier mit goldenen Spritzern und Blumenmustern in den Ecken aus, betete kurz, hob seinen Pinsel und begann zu schreiben: | ||
| + | Vom Herrn der Freude am Roten | ||
| + | ist diese Ode – gleich zu verbrennen! – | ||
| + | Schwester Tjing | ||
| + | gewidmet | ||
| + | mit einem | ||
| + | Trunk von Tee | ||
| + | und | ||
| + | dem Duft verbrannter Räucherstäbchen | ||
| + | in der Hoffnung | ||
| + | daß sie dir gefällt. | ||
| + | Oh Gefährtin, oh unzertrennliche Freundin! | ||
| + | Daß in einem so schrecklichen Sturm | ||
| + | dein Leben enden mußte! | ||
| + | Deine Stimme ging fort, | ||
| + | ihre sanfte Musik wird niemand mehr vernehmen. | ||
| + | Gen Osten strömt der Fluß, für immer, | ||
| + | und kehrt niemals zurück. | ||
| + | In meinen Träumen wird nie wieder | ||
| + | Dein Antlitz aufscheinen: | ||
| + | Doch seh' ich deinen Umhang aus Goldpfauenfedern, | ||
| + | bringt jeder Herzschlag mir Kummer. | ||
| + | Als er mit dem Schreiben fertig war, nahm Bau-yü ein brennendes Räucherstäbchen, hielt das Papier daran und verbrannte die Ode. Er saß still, bis das Bündel der Räucherstäbchen herabgebrannt war, dann öffnete er die Tür und ging hinaus. | ||
| + | „Warum kommen Sie schon wieder so früh heraus?“, fragte Hsi-jën. „Sind sie verrückt vor Kummer?“ | ||
| + | Er heuchelte ein Lachen und gab vor: „Ich war vorher etwas unruhig. Ich mußte nur ein wenig an einem ruhigen Ort alleine sein. Ich fühle mich jetzt besser. Ich denke, ich werde etwas spazieren gehen.“ | ||
| + | Er ging sofort aus dem Haus in den Garten. Als er die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte, rief er vom Hof: „Ist Kusine Lin zu Hause?“ | ||
| + | „Wer ist das?“, antwortete Dsï-djüan. | ||
| + | Sie hob den Türvorhang und sah ihn dort stehen. „Oh, Sie sind es, zweiter Herr Bau“, sagte sie mit einem Lächeln. „Fräulein ist drinnen. Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich.“ | ||
| + | Als Bau-yü mit ihr hineinging, konnte man Dai-yüs Stimme aus dem inneren Zimmer hören: | ||
| + | „Dsï-djüan, bitte sag’ Herrn Bau-yü, er solle hereinkommen und einen Moment warten.“ | ||
| + | Bau-yü hielt an, um ein paar Papierrollen mit neu geschriebener Kalligraphie zu bewundern, die auf jeder Seite des Flures hingen, als er auf das innere Zimmer zuging. Die Kalligraphien sahen neu aus und waren mit schwarzvioletter Tinte aufgetragen und mit goldenen Spritzern und Wolken und Drachenmustern verziert. Die zwei Zeilen lauteten: | ||
| + | Durch den grünen Fensterrahmen scheint der Mond noch immer hell; | ||
| + | in Bambuschroniken sind die Ahnen nur leere Worte. | ||
| + | Bau-yü las sie mit einem anerkennenden Lächeln und ging rasch durch in das innere Zimmer. | ||
| + | „Was machst du, Kusinchen?“, fragte er mit einem Lächeln. Dai-yü stand auf, tat ein paar Schritte auf ihn zu, lächelte und sagte: | ||
| + | „Bitte setz’ dich! Ich schreibe gerade dieses Sutra ab. Ich muß nur noch zwei Zeilen machen. Ich mache sie nur noch fertig, und dann können wir hier sitzen und reden.“ | ||
| + | Sie bat Hsüä-yän, ihm etwas Tee einzuschenken. | ||
| + | „Bitte schreib weiter“, sagte Bau-yü, „nimm keine Rücksicht auf mich.“ | ||
| + | Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Bild an der Stirnseite des Zimmers angezogen. Es war eine vertikale Rolle, die Chang E zeigte, die Mondgöttin, mit einem ihrer Helfer und einer anderen Fee, auch mit einem Helfer, der etwas trug, das wie ein langes Gewand aussah. Neben den Wolken, die die Figuren umrandeten, gab es da keine weiteren Hintergrunddetails irgendwelcher Art. Der schlichte, ungezierte Bildstil folgte dem des Meistermalers Li Lung-miän. Es hatte den Titel „Der Wettkampf in der Kälte“, dieser Titel war im bafen-Kalligraphiestil der Tjin-Dynastie geschrieben. | ||
| + | „Hast du das Bild von dem ‚Wettkampf in der Kälte‘ vor kurzem aufgehängt, Kusinchen?“, fragte Bau-yü. | ||
| + | „Ja. Ich erinnerte mich gestern daran, während sie das Zimmer aufräumten, und daher holte ich es heraus und bat sie, es aufzuhängen.“ | ||
| + | „Was ist die Andeutung in dem Titel?“ | ||
| + | Dai-yü lachte. „Sicher weißt du das! Es ist ein so bekanntes Gedicht, da fragst du noch?“ – | ||
| + | „Ich kann mich im Moment nicht daran erinnern,“ beichtete Bau-yü, eher schüchtern lächelnd, „bitte sag’ es mir.“ | ||
| + | „Wie könntest du die Verse [von Li Schang-yin] nicht gehört haben: | ||
| + | Die jungen Damen Frost und Mond ertragen gemeinsam die Kälte, | ||
| + | wetteifern mit ihrer Anmut und Schönheit...?“ | ||
| + | „Natürlich!“, rief Bau-yü. „Ausgezeichnet! Und was für ein außergewöhnliches Thema! Das ist auch die perfekte Jahreszeit, es aufzuhängen.“ | ||
| + | Er fuhr fort durch das Zimmer zu schlendern, inspizierte es auf eine lockere Art, links und rechts schauend, und Hsüä-yän brachte ihm eine Tasse Tee. Er trank diesen Tee, und nach ein paar Minuten war Dai-yü mit dem Abschreiben des Sutra, das sie kopierte, fertig und stand auf. | ||
| + | „Vergib mir“, sagte sie. | ||
| + | „Das Kusinchen ist immer noch so höflich“, antwortete er mit einem Lächeln. | ||
| + | Er beobachtete, daß sie eine kleine blaßblaue bestickte Pelzjacke sowie eine Hermelin-besetzte Stola trug, während ihr Haar in einer Alltagsfrisur hochgesteckt war, in der keine Blumen steckten, sondern eine flache Haarnadel aus purem Gold. Ihr wattierter Rock war rosa und mit Blumen bestickt. Wie anmutig sie wirkte, wie ein Jadebaum, der sich an den Wind lehnt; wie behutsam, wie der Duft einer Lotusblume, deren Blüte noch vom Morgentau feucht ist! | ||
| + | „Hast du deine Zither überhaupt die letzten Tage gespielt?“, fragte er. | ||
| + | „Nicht mal ein oder zwei Tage. Dieses Sutra-Abschreiben kühlt meine Hände zu sehr. Wie könnte ich dann auch noch Instrumente spielen.“ – | ||
| + | „Vielleicht ist es gut so“, sagte Bau-yü. „Ich weiß, daß das Zitherspiel eine feine Sache ist, in seiner Art, aber ich sehe nicht, daß es irgendetwas nützt. Ich habe noch nie gehört, daß es Reichtum oder ein langes Leben beschert; es scheint nur Sorge und Furcht zu bringen. Außerdem, wenn man Instrumente spielt, muß man sich stets damit beschäftigen, das ist doch sehr mühsam. Da die Kusine so eine zierliche Person ist, sollte sie sich gar nicht damit auseinandersetzen.“ | ||
| + | Dai-yü lächelte etwas verächtlich. | ||
| + | „Ist das die Zither, die du spielst?“ fuhr Bau-yü fort und zeigte auf ein an der Wand hängendes Stück. „Ist sie nicht zu kurz?“ – | ||
| + | „Nicht wirklich“, erklärte Dai-yü. „Als ich als kleines Mädchen damit anfing, das zu lernen, konnte ich die Griffe einer normalen Zither nicht erreichen, so daß wir diese hier speziell machen ließen. Die Vorfahren sagen, das beste Holz sei das durch Feuer gehärtete Wutong-Holz. Meine Zither ist zwar nicht aus diesem Holz, aber es hat eine Kranichfee und einen Phönixschwanz und das Drachenbecken-Tonloch und den Gänsefuß-Abstimmstöpsel. Alle sind in der richtigen Größe. Und schau’ dir die Risse im Lack an. Sieht das für dich nicht auch wie Kuh-Haarrisse aus, was ja ein Zeichen für eine feine Verarbeitung ist? Das sorgt für einen klaren Ton.“ | ||
| + | „Hast du in den letzten Tagen irgendwelche Gedichte geschrieben, Kusinchen?“, fragte Bau-yü weiter. | ||
| + | „Nicht viele, seit unserem letzten Clubtreffen.“ | ||
| + | Er lachte. „Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Ich hörte dich singen: Wie könnte mein bescheidenes Herz in den Himmel aufsteigen, um dem Mond zu begegnen? Als du dein Zither-Spiel mit diesen Versen untermaltest, klang es besonders hell. Hast du das gesungen?“ | ||
| + | Dai-yü: „Wie kommt es, daß du es gehört hast?“ | ||
| + | Bau-yü: „Ich hörte dich spielen, als ich vor ein paar Tagen von der Laube des Knöterichwindes zurückkehrte. Die Musik war so schön, und ich wollte dich nicht unterbrechen, also saß ich einfach da und habe dir zugehört und ging dann weiter. Da ist eine Sache, die ich dich fragen wollte. Mir ist aufgefallen, daß du im ersten Teil einen Regeltonreim benutzt, aber plötzlich zu einem abgestuften Ton am Ende wechselst. Warum tust du das?“ | ||
| + | Dai-yü: „Das ist eben freie Komposition. Man muß nicht irgendwelche Regeln aufrechterhalten. Man geht eben dahin, wohin einen die Eingebung trägt.“ | ||
| + | Bau-yü: „Ich verstehe! Schade, daß ich keine Musik verstehe. Dann habe ich eine Weile als Banause zugehört.“ | ||
| + | Dai-yü: „Wahre Musikliebhaber waren immer selten.“ | ||
| + | Bau-yü merkte, daß er, ohne es zu wollen, das Falsche gesagt hatte, und hatte Angst, daß es Dai-yü verletzt hatte. Er saß eine Weile einfach da. Es gab so viel, was er sagen wollte, aber nun war er viel zu nervös, um seinen Mund wieder zu öffnen. Dai-yü hatte auch gesprochen, ohne vorher nachzudenken und beim Nachdenken wünschte sie, daß sie nicht so beißend gewesen wäre und zog sich still in ihre Schale zurück. Ihre Stille nährte Bau-yüs eigene Zweifel, und schließlich stand er etwas verlegen auf und sagte: | ||
| + | „Ich muß mich auf den Weg machen und die dritte jüngere Schwester Tan-tschun besuchen. - Bitte steh nicht auf.“ – | ||
| + | „Grüße sie von mir, wenn du sie siehst, ja?“, sagte Dai-yü. | ||
| + | „Ja“, antwortete er und ging. Dai-yü führte ihn zur Tür, kehrte dann zurück und blieb vor sich hinbrütend alleine dort sitzen. ,Bau-yü war so merkwürdig in letzter Zeit. Er scheint nicht zu sagen, was er denkt. Er ist mal kalt, mal warm. Ich wundere mich, was das wohl bedeuten mag?‘ | ||
| + | Dsï-djüan kam herein. „Sie sind schon fertig, Herrin? Soll ich Ihre Schreibsachen jetzt wegräumen?“ – | ||
| + | „Ich werde wohl nicht mehr weitermachen“, antwortete Dai-yü, „du kannst sie wegräumen.“ | ||
| + | Dai-yü ging in das innere Zimmer und legte sich auf ihr Bett, langsam zergliederte sie alles in ihren Gedanken. Dsï-djüan kam herein, um zu fragen, ob sie etwas Tee mochte. | ||
| + | „Nein, danke. Ich möchte nur alleine sein und mich für eine Weile hinlegen. Geh ruhig.“ | ||
| + | Dsï-djüan ging hinaus, um Hsüä-yän zu finden, die in der Tür stand und merkwürdig vor sich hin starrte. Sie ging auf sie zu und sagte: „Was ist los mit dir?“ | ||
| + | Hsüä-yän war in Gedanken verloren, und die Frage brachte sie auf. | ||
| + | „Schrei’ nicht so! Ich habe etwas sehr Komisches gehört. Wenn ich dir das sage, musst du versprechen, keinem Menschen auch nur ein Wort zu sagen.“ | ||
| + | Als sie das sagte, deutete Hsüä-yän mit den Lippen zu Dai-yüs Schlafzimmer hinüber, dann ging sie los und bedeutete Dsï-djüan nickend, ihr zu folgen. Sie erreichten den Fuß der Terrasse, und sie fuhr im Flüsterton fort: „Liebe Schwester, hast du gehört, daß Bau-yü verlobt ist und heiraten wird?“ | ||
| + | Dsï-djüan starrte sie an. „Das glaube ich dir nicht! Das kann nicht wahr sein!“ – | ||
| + | „Doch ist es! Fast jeder weiß es, außer uns.“ | ||
| + | „Wer hat dir das erzählt?“ | ||
| + | „Schï-schu hat es mir erzählt. Dieses Mädchen ist die Tochter eines Präfekten. Sie ist sehr hübsch und kommt aus einer wohlhabenden Familie.“ – | ||
| + | Als Hsüä-yän sprach, hörte Dsï-djüan Dai-yü husten und dachte, sie könnte sie wieder aufstehen hören. Aus Angst, sie könnte herauskommen und ihnen zuhören, nahm sie Hsüä-yän an der Hand und gab ihr zu verstehen, leise zu sein. Sie sah hinein, aber alles schien ruhig zu sein. Sie fragte Hsüä-yän ganz leise: „Was genau hat Schï-schu gesagt?“ | ||
| + | „Erinnerst du dich“, antwortete Hsüä-yän, „vor ein oder zwei Tagen hast du mich zur dritten Herrin geschickt, um ihr für irgendetwas zu danken. Nun, sie war nicht zu Hause, aber Schï-schu war da. Wir fingen an zu reden; und eine von uns erwähnte zufällig den zweiten Herrn Bau und seine freche Art. Sie sagte: „Wann wird der zweite Herr Bau endlich erwachsen? Er nimmt nichts ernst. Wenn man bedenkt, daß er verlobt ist und bald heiraten wird – und immer noch so dumm, wie eh und jeh!“ Ich fragte sie, ob die Verlobung sicher sei, und sie sagte, daß es so sei und daß der Vermittler ein Herr Wang sei, der eine enge Beziehung zur Ning-guo-Seite<ref>An einigen Stellen steht hier im chinesischen Original die Bezeichnung 东府 (Östliches Anwesen). Zur besseren Orientierung des Lesers wurde hier (wie bei Schwester Feng, die immer als Hsi-feng übersetzt wird) die einheitliche Übersetzung Ning-guo beibehalten (Ausnahme: wenn die Himmelsrichtung eine Bedeutung hat).</ref> habe, deshalb muß man auch nicht noch einmal überprüfen, ob die Familie so reich ist; wenn die darüber sprechen, wird es wohl so sein.“ | ||
| + | Dsï-djüan drehte ihren Kopf nachdenklich zur Seite. ‚Wie merkwür-dig!‘, dachte sie bei sich. | ||
| + | „Warum hat das niemand in der Familie erwähnt?“, fragte sie Hsüä-yän. | ||
| + | „Das ist die Idee der gnädigen Frau“, so sagte Schï-schu. „Damit Bau-yü nicht von seinen Studien abgelenkt wird. Ich mußte ihr versprechen, keiner Menschenseele etwas davon zu sagen, und sagte, sie würde mich verantwortlich machen, wenn auch nur ein Wort herauskommen sollte.“ | ||
| + | Hsüä-yän zeigte zum Haus. | ||
| + | „Deswegen habe ich es nicht vor ihr erwähnt. Aber als du heute fragtest, dachte ich, ich könnte dir die Wahrheit erzählen.“ | ||
| + | Während sie sprach, ahmte plötzlich der Papagei laut eine menschliche Stimme nach: „Das Fräulein ist zurück! Serviert Tee!“ | ||
| + | Dsï-djüan und Hsüä-yän erschraken sich, drehten sich herum und erwarteten, Dai-yü zu sehen. Aber sie sahen niemanden, und als sie ihren Fehler erkannten, beschimpften sie den Vogel und gingen hinein. Sie fanden Dai-yü auf ihrem Stuhl. Sie war außer Atem und hatte sich offensichtlich gerade erst hingesetzt. Dsï-djüan fragte eher linkisch, ob sie etwas Tee oder Wasser möchte. | ||
| + | „Wo warst du all die Zeit?“, fragte Dai-yü, „niemand kam, als ich rief.“ | ||
| + | Sie ging zurück zum Ofenbett und legte sich noch einmal hin, mit dem Gesicht zu Wand, und bat sie, die Bettvorhänge herunterzulassen. Das taten sie und verließen das Zimmer, wobei jede heimlich bei sich dachte, daß sie sie gehört hatte, aber keine hatte den Mut, es auszusprechen. | ||
| + | Dai-yü brütete in ihrem Bett, sie hatte sie draußen flüstern gehört und war in Hörweite zur Tür gekrochen. Sie konnte keine Details des Gesprächs verstehen, aber der Hauptteil war deutlich. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen großen Ozean gefallen. Die Prophezeiung aus ihren Albtraum wurde also doch erfüllt. Bitterkeit und Trauer überkamen sie. Da war nur ein Ausweg übrig. Sie mußte sterben. Sie wollte nicht leben, um mitansehen zu müssen, wie dieses ungeplante Ereignis stattfand. Sie fühlte sich bedeutungslos. Sie hatte keine eigenen Eltern, wo sie hätte hingehen können. Sicher, wenn sie sich von nun an täglich mehr vernachlässigen würde, würde sie nach einem halben oder einem Jahr ihre Gesundheit ausreichend untergraben haben, um sorglos im Himmel zu sein? | ||
| + | Als sie diesen Beschluß gefaßt hatte, ohne sich damit zu bemühen, die Decke überzuziehen oder Extrakleidung für die Nacht anzuziehen, schloß sie ihre Augen und tat, als würde sie schlafen. Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen mehrere Male herein, um ihr aufzuwarten, aber sie sahen kein Zeichen der Bewegung und trauten sich nicht, sie zu stören, selbst nicht zum Abendessen. Als die Lampen später angezündet wurden, lugte Dsï-djüan durch den Vorhang und sah, daß sie eingeschlafen war, ihre Decke in einen Haufen an ihren Füßen zusammengeschoben. Beängstigt, sie könne eine Erkältung bekommen, deckte Dsï-djüan sie sanft zu. Dai-yü lag still, bis sie gegangen war, warf die Decke dann wieder von sich. | ||
| + | Währenddessen fragte Dsï-djüan Hsüä-yän wieder: „Bist du sicher, daß du das nicht alles erfunden hast?“ – | ||
| + | „Natürlich habe ich das nicht!“, antwortete Hsüä-yän etwas entrüstet. | ||
| + | Dsï-djüan: „Aber wie hat Schï-schu das herausgefunden?“ Hsüä-yän: „Es war Hsiau-hung, die es gehört hatte.“ | ||
| + | Dsï-djüan: „Ich denke, das Fräulein muß uns gehört haben. Ich weiß, daß sie irgendetwas sehr aufgeregt hat. Wir müssen vorsichtig sein und es nie wieder erwähnen.“ | ||
| + | Die beiden Dienstmädchen räumten auf und machten sich für das Bett fertig. Dsï-djüan ging hinaus, um zu sehen, wie es Dai-yü ging, und fand die Decke in demselben zusammengeschoben Haufen wie zuvor wieder. Sie deckte sie wieder leicht zu. Die Nacht verging ohne weitere Ereignisse. | ||
| + | Früh am nächsten Morgen stand Dai-yü auf, ohne jemanden zu wecken, und saß gedankenverloren alleine da. Dsï-djüan erwachte und sah, daß sie bereits auf war und sagte überrascht: „Sie sind diesen Morgen sehr früh auf, Herrin!“ – | ||
| + | „Natürlich“, antwortete Dai-yü sehr kurz, „früh eingeschlafen, früh aufgewacht.“ | ||
| + | Dsï-djüan zog sich schnell an und weckte Hsüä-yän, und die zwei warteten auf Dai-yü an ihrem Bad. Sie saß da und starrte sich im Spiegel an. Tränen begannen ihr Gesicht hinunterzufließen und ihr Seidenschal war schnell durchnäßt. Mit den Worten des Dichters: | ||
| + | Ein Schatten, schwankend-zierlich, | ||
| + | sich spiegelnd im Frühlingswasser: | ||
| + | So: Mitleid fließt | ||
| + | von Schatten zum Spiegelbild | ||
| + | und wieder zurück | ||
| + | Dsï-djüan stand daneben und traute sich nicht, sie zu beruhigen, aus Angst, sie könnte das Falsche sagen und die alte Verletzung wieder aufreißen. Dai-yü saß eine erhebliche Weile bewegungslos da, dann machte sie sich einfach zurecht, nur die Tränen in ihren Augen versiegten nicht. Als sie fertig war, blieb sie für einige Zeit sitzen, wo sie saß und bat dann Dsï-djüan, die tibetischen Räucherstäbchen zu entzünden. | ||
| + | „Aber Fräulein“, protestierte Dsï-djüan, „Sie haben kaum geschlafen. Warum wollen sie denn die Räucherstäbchen angezündet haben? Sie werden doch sicherlich nicht wieder anfangen, die Sutren abzuschreiben, oder doch?“ | ||
| + | Dai-yü nickte. | ||
| + | „Aber Sie sind so früh aufgewacht, Fräulein. Wenn Sie nun anfangen zu schreiben, werden Sie sich verausgaben.“ – | ||
| + | „Was macht das aus? Je eher ich das fertig mache, desto besser. Ich will das nur machen, um mich selbst abzulenken. Wenn Ihr später meine Abschriften lest, werdet Ihr Euch an mich erinnern.“ | ||
| + | Als sie das sagte, begannen Tränen an ihren Wangen herunterzufließen, und Dsï-djüan war nicht länger fähig´, sie zu trösten, sondern brach selbst in Tränen aus. | ||
| + | Dai-yü hatte entschieden, daß sie von diesem Tag an freiwillig ihre Gesundheit zerstören würde. Sie verlor bald ihren Appetit und fing langsam an dahinzusiechen. Bau-yü besuchte sie, wann immer er dies nach der Schule konnte, aber obwohl da eine Million Dinge waren, die sie ihm sagen wollte, war ihr bewußt, daß sie nicht länger Kinder waren. Dies verbot ihr, ihre Gefühle für ihn zu zeigen und ihn in ihrer üblichen Art zu necken. In ihrem Inneren hatten sich soviele Sorgen angestaut, daß sie kein Wort mehr aussprechen konnte. Bau-yü für seinen Teil hätte gerne ernsthaft mit ihr gesprochen und spendete ihr aufrichtigen Trost; aber er hatte Angst, ihre | ||
| + | Krankheit zu verschlimmern, indem er sie auf irgendeine Weise beleidigte. Deshalb trösteten sie sich immer, wenn sie sich trafen, gegenseitig mit oberflächlichen Worten. Ihr Fall war ein echter Fall, in dem Liebe im Extrem zur Entfremdung führte. | ||
| + | Die Herzoginmutter und die Dame Wang zeigten mütterliches Mitleid für Dai-yü, was jedoch nicht weiter ging, als den Arzt zu rufen. Es hieß nur, es sei eine chronische Krankheit, woher hätte man von ihrem Herzschmerz wissen sollen? Dsï-djüan und Hsüä-yän waren viel zu verängstigt, um ihnen ihnen die Wahrheit zu sagen. Dai-yü wurde von Tag zu Tag schwächer. Nach zwei Wochen war ihr Magen so weit zusammengeschrumpft, daß sie nicht einmal mehr einfache Reissuppe zu sich zu nehmen konnte. Jede Unterhaltung, die sie während des Tages hörte, schien für sie irgendwie mit Bau-yüs Verlobung zusammenzuhängen. Jeder Diener, den sie vor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah, schien in die Vorbereitungen einbezogen zu sein. Als Frau Hsüä sie besuchen kam, bestätigte die Abwesenheit Bau-tschais ihre Vermutung. Sie begann zu hoffen, daß niemand sie besuchen würde. Sie weigerte sich, die Medizin zu nehmen. Ihr einziger, übriggebliebener Wunsch war, allein gelassen zu werden und so schnell wie möglich zu sterben. In ihren Träumen hörte sie ständig, wie Menschen eine neue „zweite Frau Bau“ ansprachen. Ihre Gedanken waren ganz besessen von der Idee, wie der sprichwörtliche Trinker, der, wenn er einen gewölbten Bogen in seiner Tasse sieht, davon überzeugt ist, eine Schlange getrunken zu haben. | ||
| + | Eines Tages hörte sie sogar auf zu essen. Nach ein paar Wochen dieses selbstauferlegten Hungerns sah es aus, als würde sie bald sterben. Sogar einfache Reissuppe war nun eine Unmöglichkeit. Ihre Atmung war nur schwer wahrnehmbar. Sie hing nun am seidenen Faden. | ||
| + | Um zu erfahren, ob sie diese Krise überleben wird oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel. | ||
| − | + | == Anmerkungen == | |
| − | + | <references/> | |
Revision as of 13:46, 12 April 2026
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 89
人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒
Unser Held sieht das Werk einer vergangenen Liebe und ist so bewegt, daß er eine Ode verfaßtDai-yü[1] fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern.
Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam. „Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert. „Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach dem zweiten Herrn [Liän] zu fragen.“ Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war. „Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß der zweite Herr [Liän] letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach dem gnädigen Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ – „Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging. Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang. „Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“ Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, Djia Dschëng [sein Vater] könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte. Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen. „Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“ Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls der zweite Herr [Bau-yü] sich umziehen möchte.“ Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen. Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt. „Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum. „Es wird kälter, der zweite Herr. Sie ziehen besser etwas Wärmeres an.“ Bau-yü nickte und sah, daß Bee-ming eine Jacke in der Hand hielt. Der Anblick des Stoffes hatte einen interessanten Effekt auf Bau-yü, der ihn anstarrte, als wäre er in Trance. Die anderen Junge schauten fasziniert hin. Es war der Goldpfau-Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte.
„Warum mußtest du das mitbringen?“, fragte Bau-yü. „Wer hat dir das gegeben?“
Er hatte es sofort als den Goldpfau-Umhang erkannt, den Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte. „Die Mädchen haben ihn zusammengerollt und mir befohlen, ihn mitzunehmen“, antwortete Bee-ming. „Nun, mir ist nicht sehr kalt“, sagte Bau-yü, „ich glaube nicht, daß ich ihn jetzt tragen werde. Du kannst ihn genausogut wieder zusammenrollen.“ Der Lehrer sah, daß Bau-yü zögerte, einen solch kostbaren Stoff anzulegen, und nahm freudig diesen Beweis für Sparsamkeit zur Kenntnis. „Bitte legt ihn an, zweiter Herr!“, bat Bee-ming, „um meinetwillen! Sie wissen, daß ich Ärger bekomme, wenn der zweite Herr eine Erkältung bekommt.“ Mit großem Unwillen legte Bau-yü den Umhang an, setzte sich wieder und starrte mürrisch auf seine Bücher. Der Lehrer nahm an, daß er sich wieder einmal auf die Studien konzentrierte und beachtete den Vorfall nicht weiter. Als an diesem Nachmittag die Schulstunden für den Tag vorüber waren, sagte Bau-yü, er fühle sich nicht gut, und bat, von der Schule für den nächsten Tag entschuldigt zu sein. Dai-ju war, wenn auch spät, so weit gekommen, seine Schüler nachsichtiger zu sehen, mehr als Kameraden, die ihn sein eigenes Alter vergessen ließen. Seine eigene Gesundheit war schlecht, und er war froh, die Last der Arbeit durch vernünftige Einteilung der Krankentage zu verringern. Außerdem wußte er, daß Djia Dschëng wichtigere Dinge im Kopf hatte und daß die Herzoginmutter immer ihren liebsten Enkel verhätschelte. Mit einem Nicken gab er Bau-yü zu verstehen, daß seine Anfrage bewilligt war. Bau-yü ging sofort nach Hause. Nachdem er kurz nach Dame Wang und der Herzoginmutter geschaut hatte, wobei keine von beiden seine Krankheitsausrede hinterfragte, kehrte er zu seinem Hof zurück und sah Hsi-jën und die anderen. Er lächelte und plauderte nicht wie sonst, sondern legte sich, angezogen wie er war, auf das Ofenbett. „Abendessen ist fertig“, sagte Hsi-jën, „wollen Sie es jetzt, oder wollen Sie bis später warten?“ Bau-yü: „Ich werde nichts essen. Ich fühle mich nicht gut. Iß nur dein eigenes.“ Hsi-jën: „Nun, Sie könnten wenigstens den schönen Umhang abnehmen. Sie könnten ihn verkrumpeln und ruinieren.“ – „Ich will ihn anbehalten.“ – „Es ist nicht nur der Umhang, über den ich mir Sorgen mache. Sehen Sie, wie vorsichtig er genäht wurde. Sie werden die Stiche ruinieren.“ Das rührte Bau-yü an einem wunden Punkt. Er gab einen tiefen Seufzer von sich. „Oh, na gut! Dann räume ihn weg. Wickel ihn vorsichtig ein. Ich werde ihn nie wieder tragen.“ Er stand auf, um den Umhang abzulegen. Hsi-jën kam herüber, um ihn ihm abzunehmen, aber er hatte bereits selbst angefangen, ihn zu falten. „Warum ist der zweite Herr heute so arbeitsam?“, fragte sie überrascht. Er gab keine Antwort, sondern faltete weiter. „Wo ist die Hülle?“, fragte er. als er fertig war. Schë-yüä gab sie ihm, und als er vorsichtig den Umhang einwickelte, wendete sie sich an Hsi-jën und zwinkerte ihr zu. Bau-yü aber bemerkte beide nicht und setzte sich, er sah sehr niedergeschlagen aus. Die Uhr auf dem Regal läutete, und er sah hinab auf seine Uhr. Es war bereits halb sechs. Kurz danach kam eines der jungen Dienstmädchen herein und zündete die Lampen an. „Wenn Sie nicht richtig essen, dann nehmen Sie wenigstens einen Schluck Reisbrei“, bat Hsi-jën. „Wenn Sie mit einem leeren Magen zu Bett gehen, können Sie leicht zuviel Yin bekommen und Fieber kriegen. Und bedenken Sie den Ärger, den wir dann haben werden.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht hungrig. Ich würde mich noch schlimmer fühlen, wenn ich etwas herunter würgen müßte.“ – „Nun, in dem Fall“, sagte Hsi-jën, „sollten Sie wenigstens früh schlafen.“ Sie und Schë-yüä machten sein Bett, und Bau-yü legte sich hin. Er drehte und wälzte sich im Bett, aber konnte nicht einschlafen. Endlich, bei Tagesanbruch schlief er ein, nur um keine Stunde später vorzeitig wieder aufzuwachen. „Ich hörte, wie Sie sich bis in den frühen Morgen im Bett wälzten“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte Sie nicht stören. Dann schlief ich selbst ein. Sind Sie denn am Ende doch noch eingeschlafen?“ – „Ein bißchen. Aber ich bin fast sofort wieder aufgewacht.“ – „Fühlen Sie sich nicht wohl?“ – „Nein. Mein Herz ist nur so unruhig.“ – „Werden Sie heute zur Schule gehen?“ – „Nein. Ich bat gestern darum, den Tag frei zu bekommen. Ich dachte, vielleicht gehe ich im Garten spazieren, und versuche mich ein bißchen zu entspannen. Aber ich fürchte mich vor der Kälte. Kannst du Bescheid sagen, daß man ein Zimmer aufräumt, Räucherstäbchen dort anzündet und Papier, Pinsel und Tusche dort bereitstellen soll? Ich werde euch heute nicht brauchen. Ich möchte nur für mich eine Weile ruhig da sitzen. Sag’ den anderen, daß ich nicht gestört werden will.“ – „Natürlich wird Sie keiner stören, wenn sie ruhig studieren möchten“, sagte Schë-yüä, sobald sie das hörte. „Ich denke, das ist eine wunderbare Idee“, sagte Hsi-jën, „sie werden sich nicht erkälten, lernen einen Tag für sich und Ihr Herz wird stetiger werden.“ Sie fügte hinzu: „Aber bitte, wenn Sie sich nicht danach fühlen, ein vernünftiges Essen zu sich zu nehmen, was hätten Sie dann denn gerne? Sagen Sie es mir jetzt, und ich werde es in der Küche vorbereiten lassen.“ – „Was immer am leichtesten ist“, antwortete Bau-yü. „Macht nicht zuviel Arbeit. Es wäre nett, ein paar Früchte im Zimmer zu haben, wegen des Geruchs.“ – „Welches Zimmer bevorzugen Sie?“, fragte Hsi-jën. „Die sind alle eher nicht sauber, außer Tjing-wëns altes Zimmer, welches schon eine ganze Weile leer steht. Das wäre aber vielleicht etwas kalt und ruhig.“ – „Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „tragt den Kohleofen da hinein.“ Hsi-jën gab die Anweisungen, dies zu tun. Sie sah ein anderes Dienstmädchen, das mit einem Tablett hereinkam. Darauf stand eine Schüssel und lagen ein Paar Eßstäbchen aus Elfenbein, welche sie Schë-yüä gab und sagte: „Hier ist das, was Fräulein Hua von der Küche bestellt hat.“ Schë-yüä nahm das Tablett und sah, daß die Schüssel eine Vogelnestsuppe enthielt. „Ist das das, was Sie bestellt haben?“, fragte sie Hsi-jën. „Ja“, antwortete Hsi-jën mit einem Lächeln. „Ich dachte, da der zweite Herr letzte Nacht nichts zu essen hatte und da er die meiste Zeit der Nacht damit verbracht hatte, sich im Bett zu wälzen, würde er sich heute Morgen sehr leer fühlen, also schickte ich die jüngeren Mädchen, dies hier speziell aus der Küche zu holen.“ Sie befahl dem Mädchen, einen Tisch zu bringen, und Schë-yüä servierte Bau-yü die Suppe. Als er diese getrunken hatte und seinen Mund spülte, kam Tjiu-wën herein: „Das Zimmer ist fertig“, sagte sie. „Wir warten, damit das Feuer richtig brennt und die Luft klar wird, und dann können Sie hineingehen, der zweite Herr.“ Er nickte, aber er war zu sehr in Gedanken verloren, um zu antworten. Kurz darauf kam ein Mädchen herein, um zu sagen, daß seine Schreibsachen ausgelegt wurden. Bau-yü sagte: „Ich weiß.“ Er wurde sofort von einem anderen Mädchen abgelöst, das das fertige Frühstück ankündigte und fragte, wo es bereit gestellt werden soll. „Oh, bring es nur her“, sagte Bau-yü. „Es gibt keinen Grund für all die Mühe.“ Das Mädchen ging hinaus und kehrte mit dem Frühstück zurück. Bau-yü lächelte, wendete sich an Schë-yüä und Hsi-jën und sagte: „Ich fühle mich so traurig. Ich denke wirklich nicht, daß ich das allein herunterkriege. Warum setzt ihr zwei euch nicht zu mir? Das würde das Essen leckerer machen, und dann würde ich wahrscheinlich mehr zu essen.“ Schë-yüä lächelte. „Der zweite Herr wäre zwar froh, aber wie könnten wir es wagen?“ „Ich stimme da nicht überein“, sagte Hsi-jën, „wir haben früher oft Wein zusammen getrunken. Ich denke, es könnte als Ausnahme gelten, um ihn aufzuheitern. Doch natürlich käme das als ein reguläres Treffen nicht in Frage.“ Also setzten sich die drei, Bau-yü am Kopf und die zwei Mädchen an den Seiten des Tisches. Nach dem Frühstück brachte ein junges Dienstmädchen den Tee, um den Mund auszuspülen. Die zweibeaufsichtigten das Abräumen des Tisches. Der Tee wurde serviert, und Bau-yü saß wieder in nachdenklicher Stille dort. „Ist das Zimmer endlich fertig?“, fragte er schließlich. „Gerade kam doch schon jemand, um Ihnen das zu sagen.“, sagte Schë-yüä, „Was fragst du das jetzt schon wieder!“ Nachdem sie dort noch eine Weile länger gesessen hatten, machte er sich auf den Weg hinüber zu [Tjing-wëns] Zimmer. Nachdem er ein Räucherstäbchen angezündet und die Früchte auf den Tisch gelegt hatte, entließ er alle Mädchen und schloß die Tür. Hsi-jën und die anderen standen mit angehaltenem Atem draußen. Er wählte ein Stück rosa Papier mit goldenen Spritzern und Blumenmustern in den Ecken aus, betete kurz, hob seinen Pinsel und begann zu schreiben: Vom Herrn der Freude am Roten ist diese Ode – gleich zu verbrennen! – Schwester Tjing gewidmet mit einem Trunk von Tee und dem Duft verbrannter Räucherstäbchen in der Hoffnung daß sie dir gefällt. Oh Gefährtin, oh unzertrennliche Freundin! Daß in einem so schrecklichen Sturm dein Leben enden mußte! Deine Stimme ging fort, ihre sanfte Musik wird niemand mehr vernehmen. Gen Osten strömt der Fluß, für immer, und kehrt niemals zurück. In meinen Träumen wird nie wieder Dein Antlitz aufscheinen: Doch seh' ich deinen Umhang aus Goldpfauenfedern, bringt jeder Herzschlag mir Kummer. Als er mit dem Schreiben fertig war, nahm Bau-yü ein brennendes Räucherstäbchen, hielt das Papier daran und verbrannte die Ode. Er saß still, bis das Bündel der Räucherstäbchen herabgebrannt war, dann öffnete er die Tür und ging hinaus. „Warum kommen Sie schon wieder so früh heraus?“, fragte Hsi-jën. „Sind sie verrückt vor Kummer?“ Er heuchelte ein Lachen und gab vor: „Ich war vorher etwas unruhig. Ich mußte nur ein wenig an einem ruhigen Ort alleine sein. Ich fühle mich jetzt besser. Ich denke, ich werde etwas spazieren gehen.“ Er ging sofort aus dem Haus in den Garten. Als er die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte, rief er vom Hof: „Ist Kusine Lin zu Hause?“ „Wer ist das?“, antwortete Dsï-djüan. Sie hob den Türvorhang und sah ihn dort stehen. „Oh, Sie sind es, zweiter Herr Bau“, sagte sie mit einem Lächeln. „Fräulein ist drinnen. Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich.“ Als Bau-yü mit ihr hineinging, konnte man Dai-yüs Stimme aus dem inneren Zimmer hören: „Dsï-djüan, bitte sag’ Herrn Bau-yü, er solle hereinkommen und einen Moment warten.“ Bau-yü hielt an, um ein paar Papierrollen mit neu geschriebener Kalligraphie zu bewundern, die auf jeder Seite des Flures hingen, als er auf das innere Zimmer zuging. Die Kalligraphien sahen neu aus und waren mit schwarzvioletter Tinte aufgetragen und mit goldenen Spritzern und Wolken und Drachenmustern verziert. Die zwei Zeilen lauteten: Durch den grünen Fensterrahmen scheint der Mond noch immer hell; in Bambuschroniken sind die Ahnen nur leere Worte. Bau-yü las sie mit einem anerkennenden Lächeln und ging rasch durch in das innere Zimmer. „Was machst du, Kusinchen?“, fragte er mit einem Lächeln. Dai-yü stand auf, tat ein paar Schritte auf ihn zu, lächelte und sagte: „Bitte setz’ dich! Ich schreibe gerade dieses Sutra ab. Ich muß nur noch zwei Zeilen machen. Ich mache sie nur noch fertig, und dann können wir hier sitzen und reden.“ Sie bat Hsüä-yän, ihm etwas Tee einzuschenken. „Bitte schreib weiter“, sagte Bau-yü, „nimm keine Rücksicht auf mich.“ Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Bild an der Stirnseite des Zimmers angezogen. Es war eine vertikale Rolle, die Chang E zeigte, die Mondgöttin, mit einem ihrer Helfer und einer anderen Fee, auch mit einem Helfer, der etwas trug, das wie ein langes Gewand aussah. Neben den Wolken, die die Figuren umrandeten, gab es da keine weiteren Hintergrunddetails irgendwelcher Art. Der schlichte, ungezierte Bildstil folgte dem des Meistermalers Li Lung-miän. Es hatte den Titel „Der Wettkampf in der Kälte“, dieser Titel war im bafen-Kalligraphiestil der Tjin-Dynastie geschrieben. „Hast du das Bild von dem ‚Wettkampf in der Kälte‘ vor kurzem aufgehängt, Kusinchen?“, fragte Bau-yü. „Ja. Ich erinnerte mich gestern daran, während sie das Zimmer aufräumten, und daher holte ich es heraus und bat sie, es aufzuhängen.“ „Was ist die Andeutung in dem Titel?“ Dai-yü lachte. „Sicher weißt du das! Es ist ein so bekanntes Gedicht, da fragst du noch?“ – „Ich kann mich im Moment nicht daran erinnern,“ beichtete Bau-yü, eher schüchtern lächelnd, „bitte sag’ es mir.“ „Wie könntest du die Verse [von Li Schang-yin] nicht gehört haben: Die jungen Damen Frost und Mond ertragen gemeinsam die Kälte, wetteifern mit ihrer Anmut und Schönheit...?“ „Natürlich!“, rief Bau-yü. „Ausgezeichnet! Und was für ein außergewöhnliches Thema! Das ist auch die perfekte Jahreszeit, es aufzuhängen.“ Er fuhr fort durch das Zimmer zu schlendern, inspizierte es auf eine lockere Art, links und rechts schauend, und Hsüä-yän brachte ihm eine Tasse Tee. Er trank diesen Tee, und nach ein paar Minuten war Dai-yü mit dem Abschreiben des Sutra, das sie kopierte, fertig und stand auf. „Vergib mir“, sagte sie. „Das Kusinchen ist immer noch so höflich“, antwortete er mit einem Lächeln. Er beobachtete, daß sie eine kleine blaßblaue bestickte Pelzjacke sowie eine Hermelin-besetzte Stola trug, während ihr Haar in einer Alltagsfrisur hochgesteckt war, in der keine Blumen steckten, sondern eine flache Haarnadel aus purem Gold. Ihr wattierter Rock war rosa und mit Blumen bestickt. Wie anmutig sie wirkte, wie ein Jadebaum, der sich an den Wind lehnt; wie behutsam, wie der Duft einer Lotusblume, deren Blüte noch vom Morgentau feucht ist! „Hast du deine Zither überhaupt die letzten Tage gespielt?“, fragte er. „Nicht mal ein oder zwei Tage. Dieses Sutra-Abschreiben kühlt meine Hände zu sehr. Wie könnte ich dann auch noch Instrumente spielen.“ – „Vielleicht ist es gut so“, sagte Bau-yü. „Ich weiß, daß das Zitherspiel eine feine Sache ist, in seiner Art, aber ich sehe nicht, daß es irgendetwas nützt. Ich habe noch nie gehört, daß es Reichtum oder ein langes Leben beschert; es scheint nur Sorge und Furcht zu bringen. Außerdem, wenn man Instrumente spielt, muß man sich stets damit beschäftigen, das ist doch sehr mühsam. Da die Kusine so eine zierliche Person ist, sollte sie sich gar nicht damit auseinandersetzen.“ Dai-yü lächelte etwas verächtlich. „Ist das die Zither, die du spielst?“ fuhr Bau-yü fort und zeigte auf ein an der Wand hängendes Stück. „Ist sie nicht zu kurz?“ – „Nicht wirklich“, erklärte Dai-yü. „Als ich als kleines Mädchen damit anfing, das zu lernen, konnte ich die Griffe einer normalen Zither nicht erreichen, so daß wir diese hier speziell machen ließen. Die Vorfahren sagen, das beste Holz sei das durch Feuer gehärtete Wutong-Holz. Meine Zither ist zwar nicht aus diesem Holz, aber es hat eine Kranichfee und einen Phönixschwanz und das Drachenbecken-Tonloch und den Gänsefuß-Abstimmstöpsel. Alle sind in der richtigen Größe. Und schau’ dir die Risse im Lack an. Sieht das für dich nicht auch wie Kuh-Haarrisse aus, was ja ein Zeichen für eine feine Verarbeitung ist? Das sorgt für einen klaren Ton.“ „Hast du in den letzten Tagen irgendwelche Gedichte geschrieben, Kusinchen?“, fragte Bau-yü weiter. „Nicht viele, seit unserem letzten Clubtreffen.“ Er lachte. „Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Ich hörte dich singen: Wie könnte mein bescheidenes Herz in den Himmel aufsteigen, um dem Mond zu begegnen? Als du dein Zither-Spiel mit diesen Versen untermaltest, klang es besonders hell. Hast du das gesungen?“ Dai-yü: „Wie kommt es, daß du es gehört hast?“ Bau-yü: „Ich hörte dich spielen, als ich vor ein paar Tagen von der Laube des Knöterichwindes zurückkehrte. Die Musik war so schön, und ich wollte dich nicht unterbrechen, also saß ich einfach da und habe dir zugehört und ging dann weiter. Da ist eine Sache, die ich dich fragen wollte. Mir ist aufgefallen, daß du im ersten Teil einen Regeltonreim benutzt, aber plötzlich zu einem abgestuften Ton am Ende wechselst. Warum tust du das?“ Dai-yü: „Das ist eben freie Komposition. Man muß nicht irgendwelche Regeln aufrechterhalten. Man geht eben dahin, wohin einen die Eingebung trägt.“ Bau-yü: „Ich verstehe! Schade, daß ich keine Musik verstehe. Dann habe ich eine Weile als Banause zugehört.“ Dai-yü: „Wahre Musikliebhaber waren immer selten.“ Bau-yü merkte, daß er, ohne es zu wollen, das Falsche gesagt hatte, und hatte Angst, daß es Dai-yü verletzt hatte. Er saß eine Weile einfach da. Es gab so viel, was er sagen wollte, aber nun war er viel zu nervös, um seinen Mund wieder zu öffnen. Dai-yü hatte auch gesprochen, ohne vorher nachzudenken und beim Nachdenken wünschte sie, daß sie nicht so beißend gewesen wäre und zog sich still in ihre Schale zurück. Ihre Stille nährte Bau-yüs eigene Zweifel, und schließlich stand er etwas verlegen auf und sagte: „Ich muß mich auf den Weg machen und die dritte jüngere Schwester Tan-tschun besuchen. - Bitte steh nicht auf.“ – „Grüße sie von mir, wenn du sie siehst, ja?“, sagte Dai-yü. „Ja“, antwortete er und ging. Dai-yü führte ihn zur Tür, kehrte dann zurück und blieb vor sich hinbrütend alleine dort sitzen. ,Bau-yü war so merkwürdig in letzter Zeit. Er scheint nicht zu sagen, was er denkt. Er ist mal kalt, mal warm. Ich wundere mich, was das wohl bedeuten mag?‘ Dsï-djüan kam herein. „Sie sind schon fertig, Herrin? Soll ich Ihre Schreibsachen jetzt wegräumen?“ – „Ich werde wohl nicht mehr weitermachen“, antwortete Dai-yü, „du kannst sie wegräumen.“ Dai-yü ging in das innere Zimmer und legte sich auf ihr Bett, langsam zergliederte sie alles in ihren Gedanken. Dsï-djüan kam herein, um zu fragen, ob sie etwas Tee mochte. „Nein, danke. Ich möchte nur alleine sein und mich für eine Weile hinlegen. Geh ruhig.“ Dsï-djüan ging hinaus, um Hsüä-yän zu finden, die in der Tür stand und merkwürdig vor sich hin starrte. Sie ging auf sie zu und sagte: „Was ist los mit dir?“ Hsüä-yän war in Gedanken verloren, und die Frage brachte sie auf. „Schrei’ nicht so! Ich habe etwas sehr Komisches gehört. Wenn ich dir das sage, musst du versprechen, keinem Menschen auch nur ein Wort zu sagen.“ Als sie das sagte, deutete Hsüä-yän mit den Lippen zu Dai-yüs Schlafzimmer hinüber, dann ging sie los und bedeutete Dsï-djüan nickend, ihr zu folgen. Sie erreichten den Fuß der Terrasse, und sie fuhr im Flüsterton fort: „Liebe Schwester, hast du gehört, daß Bau-yü verlobt ist und heiraten wird?“ Dsï-djüan starrte sie an. „Das glaube ich dir nicht! Das kann nicht wahr sein!“ – „Doch ist es! Fast jeder weiß es, außer uns.“ „Wer hat dir das erzählt?“ „Schï-schu hat es mir erzählt. Dieses Mädchen ist die Tochter eines Präfekten. Sie ist sehr hübsch und kommt aus einer wohlhabenden Familie.“ – Als Hsüä-yän sprach, hörte Dsï-djüan Dai-yü husten und dachte, sie könnte sie wieder aufstehen hören. Aus Angst, sie könnte herauskommen und ihnen zuhören, nahm sie Hsüä-yän an der Hand und gab ihr zu verstehen, leise zu sein. Sie sah hinein, aber alles schien ruhig zu sein. Sie fragte Hsüä-yän ganz leise: „Was genau hat Schï-schu gesagt?“ „Erinnerst du dich“, antwortete Hsüä-yän, „vor ein oder zwei Tagen hast du mich zur dritten Herrin geschickt, um ihr für irgendetwas zu danken. Nun, sie war nicht zu Hause, aber Schï-schu war da. Wir fingen an zu reden; und eine von uns erwähnte zufällig den zweiten Herrn Bau und seine freche Art. Sie sagte: „Wann wird der zweite Herr Bau endlich erwachsen? Er nimmt nichts ernst. Wenn man bedenkt, daß er verlobt ist und bald heiraten wird – und immer noch so dumm, wie eh und jeh!“ Ich fragte sie, ob die Verlobung sicher sei, und sie sagte, daß es so sei und daß der Vermittler ein Herr Wang sei, der eine enge Beziehung zur Ning-guo-Seite[2] habe, deshalb muß man auch nicht noch einmal überprüfen, ob die Familie so reich ist; wenn die darüber sprechen, wird es wohl so sein.“ Dsï-djüan drehte ihren Kopf nachdenklich zur Seite. ‚Wie merkwür-dig!‘, dachte sie bei sich. „Warum hat das niemand in der Familie erwähnt?“, fragte sie Hsüä-yän. „Das ist die Idee der gnädigen Frau“, so sagte Schï-schu. „Damit Bau-yü nicht von seinen Studien abgelenkt wird. Ich mußte ihr versprechen, keiner Menschenseele etwas davon zu sagen, und sagte, sie würde mich verantwortlich machen, wenn auch nur ein Wort herauskommen sollte.“ Hsüä-yän zeigte zum Haus. „Deswegen habe ich es nicht vor ihr erwähnt. Aber als du heute fragtest, dachte ich, ich könnte dir die Wahrheit erzählen.“ Während sie sprach, ahmte plötzlich der Papagei laut eine menschliche Stimme nach: „Das Fräulein ist zurück! Serviert Tee!“ Dsï-djüan und Hsüä-yän erschraken sich, drehten sich herum und erwarteten, Dai-yü zu sehen. Aber sie sahen niemanden, und als sie ihren Fehler erkannten, beschimpften sie den Vogel und gingen hinein. Sie fanden Dai-yü auf ihrem Stuhl. Sie war außer Atem und hatte sich offensichtlich gerade erst hingesetzt. Dsï-djüan fragte eher linkisch, ob sie etwas Tee oder Wasser möchte. „Wo warst du all die Zeit?“, fragte Dai-yü, „niemand kam, als ich rief.“ Sie ging zurück zum Ofenbett und legte sich noch einmal hin, mit dem Gesicht zu Wand, und bat sie, die Bettvorhänge herunterzulassen. Das taten sie und verließen das Zimmer, wobei jede heimlich bei sich dachte, daß sie sie gehört hatte, aber keine hatte den Mut, es auszusprechen. Dai-yü brütete in ihrem Bett, sie hatte sie draußen flüstern gehört und war in Hörweite zur Tür gekrochen. Sie konnte keine Details des Gesprächs verstehen, aber der Hauptteil war deutlich. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen großen Ozean gefallen. Die Prophezeiung aus ihren Albtraum wurde also doch erfüllt. Bitterkeit und Trauer überkamen sie. Da war nur ein Ausweg übrig. Sie mußte sterben. Sie wollte nicht leben, um mitansehen zu müssen, wie dieses ungeplante Ereignis stattfand. Sie fühlte sich bedeutungslos. Sie hatte keine eigenen Eltern, wo sie hätte hingehen können. Sicher, wenn sie sich von nun an täglich mehr vernachlässigen würde, würde sie nach einem halben oder einem Jahr ihre Gesundheit ausreichend untergraben haben, um sorglos im Himmel zu sein? Als sie diesen Beschluß gefaßt hatte, ohne sich damit zu bemühen, die Decke überzuziehen oder Extrakleidung für die Nacht anzuziehen, schloß sie ihre Augen und tat, als würde sie schlafen. Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen mehrere Male herein, um ihr aufzuwarten, aber sie sahen kein Zeichen der Bewegung und trauten sich nicht, sie zu stören, selbst nicht zum Abendessen. Als die Lampen später angezündet wurden, lugte Dsï-djüan durch den Vorhang und sah, daß sie eingeschlafen war, ihre Decke in einen Haufen an ihren Füßen zusammengeschoben. Beängstigt, sie könne eine Erkältung bekommen, deckte Dsï-djüan sie sanft zu. Dai-yü lag still, bis sie gegangen war, warf die Decke dann wieder von sich. Währenddessen fragte Dsï-djüan Hsüä-yän wieder: „Bist du sicher, daß du das nicht alles erfunden hast?“ – „Natürlich habe ich das nicht!“, antwortete Hsüä-yän etwas entrüstet. Dsï-djüan: „Aber wie hat Schï-schu das herausgefunden?“ Hsüä-yän: „Es war Hsiau-hung, die es gehört hatte.“ Dsï-djüan: „Ich denke, das Fräulein muß uns gehört haben. Ich weiß, daß sie irgendetwas sehr aufgeregt hat. Wir müssen vorsichtig sein und es nie wieder erwähnen.“ Die beiden Dienstmädchen räumten auf und machten sich für das Bett fertig. Dsï-djüan ging hinaus, um zu sehen, wie es Dai-yü ging, und fand die Decke in demselben zusammengeschoben Haufen wie zuvor wieder. Sie deckte sie wieder leicht zu. Die Nacht verging ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen stand Dai-yü auf, ohne jemanden zu wecken, und saß gedankenverloren alleine da. Dsï-djüan erwachte und sah, daß sie bereits auf war und sagte überrascht: „Sie sind diesen Morgen sehr früh auf, Herrin!“ – „Natürlich“, antwortete Dai-yü sehr kurz, „früh eingeschlafen, früh aufgewacht.“ Dsï-djüan zog sich schnell an und weckte Hsüä-yän, und die zwei warteten auf Dai-yü an ihrem Bad. Sie saß da und starrte sich im Spiegel an. Tränen begannen ihr Gesicht hinunterzufließen und ihr Seidenschal war schnell durchnäßt. Mit den Worten des Dichters: Ein Schatten, schwankend-zierlich, sich spiegelnd im Frühlingswasser: So: Mitleid fließt von Schatten zum Spiegelbild und wieder zurück Dsï-djüan stand daneben und traute sich nicht, sie zu beruhigen, aus Angst, sie könnte das Falsche sagen und die alte Verletzung wieder aufreißen. Dai-yü saß eine erhebliche Weile bewegungslos da, dann machte sie sich einfach zurecht, nur die Tränen in ihren Augen versiegten nicht. Als sie fertig war, blieb sie für einige Zeit sitzen, wo sie saß und bat dann Dsï-djüan, die tibetischen Räucherstäbchen zu entzünden. „Aber Fräulein“, protestierte Dsï-djüan, „Sie haben kaum geschlafen. Warum wollen sie denn die Räucherstäbchen angezündet haben? Sie werden doch sicherlich nicht wieder anfangen, die Sutren abzuschreiben, oder doch?“ Dai-yü nickte. „Aber Sie sind so früh aufgewacht, Fräulein. Wenn Sie nun anfangen zu schreiben, werden Sie sich verausgaben.“ – „Was macht das aus? Je eher ich das fertig mache, desto besser. Ich will das nur machen, um mich selbst abzulenken. Wenn Ihr später meine Abschriften lest, werdet Ihr Euch an mich erinnern.“ Als sie das sagte, begannen Tränen an ihren Wangen herunterzufließen, und Dsï-djüan war nicht länger fähig´, sie zu trösten, sondern brach selbst in Tränen aus. Dai-yü hatte entschieden, daß sie von diesem Tag an freiwillig ihre Gesundheit zerstören würde. Sie verlor bald ihren Appetit und fing langsam an dahinzusiechen. Bau-yü besuchte sie, wann immer er dies nach der Schule konnte, aber obwohl da eine Million Dinge waren, die sie ihm sagen wollte, war ihr bewußt, daß sie nicht länger Kinder waren. Dies verbot ihr, ihre Gefühle für ihn zu zeigen und ihn in ihrer üblichen Art zu necken. In ihrem Inneren hatten sich soviele Sorgen angestaut, daß sie kein Wort mehr aussprechen konnte. Bau-yü für seinen Teil hätte gerne ernsthaft mit ihr gesprochen und spendete ihr aufrichtigen Trost; aber er hatte Angst, ihre Krankheit zu verschlimmern, indem er sie auf irgendeine Weise beleidigte. Deshalb trösteten sie sich immer, wenn sie sich trafen, gegenseitig mit oberflächlichen Worten. Ihr Fall war ein echter Fall, in dem Liebe im Extrem zur Entfremdung führte. Die Herzoginmutter und die Dame Wang zeigten mütterliches Mitleid für Dai-yü, was jedoch nicht weiter ging, als den Arzt zu rufen. Es hieß nur, es sei eine chronische Krankheit, woher hätte man von ihrem Herzschmerz wissen sollen? Dsï-djüan und Hsüä-yän waren viel zu verängstigt, um ihnen ihnen die Wahrheit zu sagen. Dai-yü wurde von Tag zu Tag schwächer. Nach zwei Wochen war ihr Magen so weit zusammengeschrumpft, daß sie nicht einmal mehr einfache Reissuppe zu sich zu nehmen konnte. Jede Unterhaltung, die sie während des Tages hörte, schien für sie irgendwie mit Bau-yüs Verlobung zusammenzuhängen. Jeder Diener, den sie vor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah, schien in die Vorbereitungen einbezogen zu sein. Als Frau Hsüä sie besuchen kam, bestätigte die Abwesenheit Bau-tschais ihre Vermutung. Sie begann zu hoffen, daß niemand sie besuchen würde. Sie weigerte sich, die Medizin zu nehmen. Ihr einziger, übriggebliebener Wunsch war, allein gelassen zu werden und so schnell wie möglich zu sterben. In ihren Träumen hörte sie ständig, wie Menschen eine neue „zweite Frau Bau“ ansprachen. Ihre Gedanken waren ganz besessen von der Idee, wie der sprichwörtliche Trinker, der, wenn er einen gewölbten Bogen in seiner Tasse sieht, davon überzeugt ist, eine Schlange getrunken zu haben. Eines Tages hörte sie sogar auf zu essen. Nach ein paar Wochen dieses selbstauferlegten Hungerns sah es aus, als würde sie bald sterben. Sogar einfache Reissuppe war nun eine Unmöglichkeit. Ihre Atmung war nur schwer wahrnehmbar. Sie hing nun am seidenen Faden. Um zu erfahren, ob sie diese Krise überleben wird oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel.
Anmerkungen
- ↑ In den Kapitelüberschriften werden die Romanfiguren oft bei ihrem Zi-Namen genannt. Auch hier steht im chinesischen Original 颦卿Pin-tching [Pinqing] statt Dai-yü.
- ↑ An einigen Stellen steht hier im chinesischen Original die Bezeichnung 东府 (Östliches Anwesen). Zur besseren Orientierung des Lesers wurde hier (wie bei Schwester Feng, die immer als Hsi-feng übersetzt wird) die einheitliche Übersetzung Ning-guo beibehalten (Ausnahme: wenn die Himmelsrichtung eine Bedeutung hat).