Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 89"

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== 人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒 ==
 
== 人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒 ==
  
Eine Amme brachte Tee. Sie saßen zusammen,  erst  bei  Morgendämmerung  schlief  Miau-yü  endlich  ein.  Die
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'''Unser Held sieht das Werk einer vergangenen Liebe und ist so bewegt, daß er eine Ode verfaßtDai-yü<ref>In den Kapitelüberschriften werden die Romanfiguren oft bei ihrem Zi-Namen genannt. Auch hier steht im chinesischen Original 颦卿Pin-tching [Pinqing] statt Dai-yü.</ref> fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern.'''
 
 
 
 
Aus: Jingsi shanmin 1815.
 
 
 
Nonne schickte nach den Ärzten, verschiedene kamen und nahmen ihren Puls. Es gab ebenso viele unterschiedliche Diagnosen wie Doktoren. Exzessive Sorgen, die die Milz schädigten; entzündliches Eindringen in den Blutkreislauf; Angriff eines bösen Geistes; Kombination einer inneren Erkältung und äußeren Unterkühlung. Keine dieser Diagnosen schien überzeugend. Schließlich kam ein Arzt, dessen erste Frage nach dem Pulsfühlen war: „Hat das Fräulein Meditation praktiziert?“
 
Eine ältere Nonne informierte ihn, daß sie regelmäßig meditiere.
 
„Und ist diese Krankheit recht plötzlich letzte Nacht ausgebrochen?“ – „Ja.“ – „Zweifellos Hitze im Herzbereich aufgrund des Eindringens eines umherwandernden bösen Dämons.“ –
 
„Wird sie wieder gesund?“ –
 
„Glücklicherweise schien die Meditation nicht allzu weit fortgeschritten, so daß der Geist nicht zu tief in sie eindringen konnte. Sie wird sich höchstwahrscheinlich erholen.“
 
Er schrieb ein Rezept für einen Kräutersud, der das Herzfeuer senken sollte. Miau-yü zeigte bereits nach einer Dosis der Medikation Zeichen der Besserung.
 
Die Nachricht ihres Anfalls breitete sich schnell aus und wurde zum Stadtgespräch. „Es war vorherbestimmt, daß all diese Sittsamkeit und Religion für ein Mädchen ihres Alters zuviel war. Besonders für so ein attraktives, lebendiges Ding..., außerdem hat sie einen anständigen und empfindsamen Charakter. Irgendwann wird sie jemandem folgen und dort unterkommen und wird sich damit unter Wert verkaufen.“
 
Nach ein paar Tagen ging es Miau-yü ein wenig besser. Aber ihre Konzentration schien fort zu sein, und sie fühlte sich wie in Trance.
 
Hsi-tschun saß in ihrem Zimmer, als plötzlich Tsai-ping hereinkam.
 
„Fräulein, haben sie gehört, was mit Schwester Miau-yü geschehen ist?“ –
 
„Nein – was denn?“ –
 
„Ich hörte Fräulein Hsing und Frau Dschu gestern darüber sprechen. Erinnern sie sich an den Tag, an welchem sie Go spielte? Offensichtlich hatte sie in der folgenden Nacht einen Anfall. Sie erzählte von Banditen, die sie verschleppen wollten, und ähnliche seltsame Dinge. Sie hat sich immer noch nicht erholt. Finden Sie das nicht auch merkwürdig?“
 
 
 
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
Hsi-tschun dachte bei sich: ‚Miau-yü ist zwar rein, aber sie hat den weltlichen Kontakt noch nicht abgebrochen. Wäre ich nur in eine andere Familie geboren worden! Hätte ich nur die Freiheit, eine Ordensschwester zu werden! Ich würde niemals von bösen Geistern in Versuchung geführt. Ich weiß, ich könnte jeden schlechten Gedanken überwinden und die vollständige Loslösung von der Welt mitsamt ihren Verwirrungen erreichen.‘ - Mit diesen Gedanken erfuhr sie eine plötzliche Erleuchtung, die man so beschreiben könnte:
 
 
 
Am Anfang, als noch kein Raum war,
 
hatte kein Ding seinen Ort.
 
Alles kommt aus der Leere,
 
zur Leere kehrt alles zurück.
 
 
 
Sie forderte eine Magd auf, etwas Räucherstäbchen anzuzünden, und meditierte eine Weile. Dann nahm sie ihr Go-Handbuch und begann, es durchzusehen und die Techniken so großer Go-Meister wie den alten Kung Jung und Wang Dji-hsin zu studieren. Es gab die Strategien „In Lotusblüten eingerollter Krebs“ und „Der Wellensittich schlägt den Hasen“; doch sie fand nichts davon besonders eindrucksvoll und „Tod aus den Ecken in sechs­und­dreißig Zügen“ fand sie schwer zu verstehen und noch schwerer zu merken. Es war die „Drachenkette der zehn galoppierenden Pferde“, die ihr Interesse weckte. Sie übte sie gerade, als sie jemanden in den Hof kommen hörte, der rief:
 
„Tsai-ping!“
 
Doch um zu wissen, wer dieser Besucher war, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
 
88. Bau-yü erfreut seine Großmutter, indem er einen Waisen lobt
 
Djia Dschën stärkt die Familiendisziplin, indem er zwei widerspenstige Diener bestraft.
 
 
 
Hsi-tschun rätselte über dem Go-Handbuch, als sie jemanden draußen rufen hörte: „Tsai-ping!“
 
Sie erkannte die Stimme von Yüan-yang. Tsai-ping ging hinaus in den Hof und erschien wieder mit Yüan-yang, gefolgt von einem jüngeren Dienstmädchen, das ein kleines Paket, das in gelbe Seide eingewickelt war, trug.
 
„Was ist das?“, fragte Hsi-tschun, ihre Neugierde wurde größer. Yüan-yang erklärte: „Nächstes Jahr ist der einundachtzigste Geburtstag der gnädigen Frau und weil in einundachtzig die neun versteckt ist (sowohl die Wurzel als auch die Quersumme), hat sich vorgenommen und versprochen, neun Nächte Wohltaten und fromme Handlungen zu vollbringen, es müssen dreitausendsechshunderteinundfünfzig Kopien des Sutras des makellosen Diamanten angefertigt werden. Das alles wurde den Sutren-Schreiberlingen ausgehändigt. Aber es gibt da ein bekanntes Sprichwort: „Wenn das Diamantensutra die äußere Hülle der Magie ist, ist sein Herz das Sutra des Herzens der Weisheit.“ Mit anderen Worten, um die eigene Leistung zu steigern, sollte man auch in das Herz-Sutra schauen. Also will die gnädige Frau nun auch Kopien davon haben und weil diese eine große Bedeutung und eine Verbindung mit unserer Göttin der Barmherzigkeit haben, will sie 365 Kopien von den jungen Damen und jungen Herrinnen der Familie haben. Abgesehen von Fräulein Liän, die zu beschäftigt ist, den Haushalt zu machen und sowieso nicht schreiben kann, haben alle Herrinnen, die irgendwie schreiben können einen Anteil an diesem Akt der Frömmigkeit und Ergebenbheit, sogar Frau Dschën und die anderen Damen Herrn Dschëns aus dem östlichen Herrenhaus. Natürlich wird von jedem Familienangehörigen erwartet mitzumachen.“
 
Hsi-tschun nickte.
 
„Andere Dinge mache ich vielleicht nicht so gut, aber wenn es um das Abschreiben von Sutren geht, bin ich im eigenen Element. Laß sie gleich hier und trink etwas Tee!“, Yüan-yang stellte die kleinen Pakete auf den Tisch und setzte sich mit Hsi-tschun, während Tsai-ping ihr eine Tasse Tee einschenkte.
 
Wirst du auch etwas kopieren?“, fragte Hsi-tschun mit einem Lächeln.
 
„Ärgere mich nicht, Fräulein!“, antwortete Yüan-yang, „vor drei oder vier Jahren hätte ich das vielleicht gekonnt. – Aber ich habe keine Praxis mehr. Wann hast du mich zuletzt mit einem Pinsel in der Hand gesehen?“ –
 
„Aber denke an das Verdienst, das du erlangen würdest.“ –
 
„Ich habe schon daran gedacht“, antwortete Yüan-yang. „Jeden Tag, nachdem ich die gnädige Frau zu Bett gebracht habe, habe ich Buddhas Namen angerufen und meinen ‚Buddha-Reis‘ gezählt. Ich habe mehr als drei Jahre immer eine Schüssel Reiskörner, Korn für Korn mit einem Gebetsspruch durchmeditiert. Und ich werde diesen Reis jetzt gut aufbewahren, bis die Herzoginmutter die neuntägige Meditation macht. Dann werde ich sie als meine anzubetende Boddhisatva nehmen und das ist auch eine kleine Geste meines Mitgefühls und meiner Ergebung für die gnädige Frau.“ – Hsi-tschun entgegnete: „Es hört sich an, als wenn unsere Herzoginmutter die Göttin der Barmherzigkeit und du die Tochter des Drachenkönigs würden!“ –
 
„Oh nein, Fräulein!“, protestierte Yüan-yang, „das ist zu viel der Ehre. Es ist trotzdem wahr, ich könnte niemandem außer der gnädigen Frau dienen. Ich muß durch eine Art Karma aus einem früheren Leben an sie gebunden sein.“
 
Mit diesen Worten erhob sich Yüan-yang, um zu gehen, und bat das jüngere Mädchen, das kleine Paket zu öffnen und den Inhalt Hsi-tschun zu zeigen.
 
„Dieses Bündel weißen Papiers soll für die Sutren benutzt werden. Und während du schreibst“, fuhr sie fort und gab ihr ein Bündel tibetischer Räucherstäbchen, „sollst du die hier anzünden.“
 
Hsi-tschun nickte und Yüan-yang kehrte mit ihren anderen Dienstmädchen zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo sie dem Backgammon-ähnlichen Spiel Schuang-lu zwischen der Herzoginmutter und Li Wan zuschaute. Li Wan würfelte gut und räumte mit ihrem nächsten Zug einige der Steine der Herzoginmutter ab. Yüan-yang hatte Schwierigkeiten ein ern­stes Gesicht zu machen.
 
Sie wurden dann von ihrem Spiel durch die Ankunft von Bau-yü abgelenkt, der in jeder Hand einen kleinen geflochtenen Käfig hielt, in welchen sich Kampfgrashüpfer befanden.
 
„Ich hörte, du habest nicht gut geschlafen, Großmutter“, sagte er, „also habe ich dir diese mitgebracht, damit sie dich aufheitern.“ Die Herzoginmutter lachte.
 
„Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, hast du bloß noch Flausen im Kopf.“
 
Als er seine Unschuld beteuerte, fragte die Herzoginmutter:
 
„Warum bist du dann nicht in der Schule? Was hast du denn überhaupt mit diesen Dingern vor?“ –
 
„Das war nicht meine Idee, Großmutter“, erklärte Bau-yü, „vor ein oder zwei Tagen mußten Huan und Lan jeder ein Reimpaar in der Schule schreiben, und als Huan stecken blieb, flüsterte ich ihm etwas zu, um ihm zu helfen. Als er es zitierte, war der Lehrer beeindruckt und lobte ihn dafür sehr. Huan kaufte mir diese Kampfgrashüpfer zum Dank. Ich würde sie dir gerne schenken.“ –
 
„Hat der Huan nicht täglich geübt?“, rief die Herzoginmutter aus, „kann er noch nicht einmal selbst ein Reimpaar machen? Dann sollte er von seinem Lehrer ein paar hinter die Ohren bekommen. Das würde ihm eine Lektion sein. Und du, hast du vergessen, wie es war, als dein Vater zu Hause war und dich um ein paar Verse gebeten hat? Du hattest soviel Respekt, daß du aussahst, wie ein kleines Gespenst. Bilde dir jetzt bloß nicht zuviel ein. Was für ein Bengel dieser Huan ist! Um Hilfe zu betteln und dann nach einem netten Geschenk zu suchen, um dich damit zu kaufen! So klein und weiß schon, wie man die anderen ausnutzt, er sollte sich schämen! Der Himmel alleine weiß, wie er sein wird, wenn er groß ist.“
 
Gelächter erfüllte den Raum.
 
„Aber erzähl’ mir vom jungen Lan“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Wie hat er es geschafft? Als jüngster hätte ihm streng genommen Huan helfen müssen.“
 
Bau-yü lachte: „Oh nein! Er brauchte keine Hilfe. Er konnte das allei­ne.“ –
 
„Das glaube ich dir nicht!“, sagte die Herzoginmutter, „das waren wieder du und deine Tricks, da bin ich mir sicher. Hör’ dich an! Ein Kamel, das aus einer Schafherde kommt! Nur weil du nun so erwachsen und so gut mit deinen Gedichten bist.“
 
Bau-yü lächelte: „Nein, ernsthaft, Lan hat es wirklich gut alleine ge­schafft. Der Lehrer war sehr zufrieden und sagte, er hätte eine großartige Zukunft vor sich. Wenn du mir nicht glaubst, Großmutter, laß ihn herkommen und teste ihn selbst.“ –
 
„Wenn das war ist“, sagte die Herzoginmutter, „dann bin ich überglücklich dies zu hören. Aber ich habe das Gefühl, daß du das alles nur erfindest. Wenn er diese Dinge wirklich in seinem Alter kann, kann er sehr selbständig werden, wenn er aufwächst.“
 
Sie sah Li Wan an und dachte an Lans Vater Djia Dschu.
 
„Welcher Trost, wäre das für den Tod deines älteren Bruders“, fuhr sie in Bau-yüs Richtung fort, „und was für eine gut verdiente Belohnung für die ganzen Anstrengungen seiner Mutter, ihn zu erziehen! Irgendwann wird er die Säule der Familie sein, um sie zu unterstützen, wie sein Vater es wäre!“
 
Der Gedanke brachte sie zum Weinen. Li Wan war auch gerührt, aber als sie sah, daß die gnädige Frau von Gefühlen gepackt wurde, unterdrückte sie ihre eigenen Tränen und sagte mit einem mutigen Lächeln:
 
„Was immer für ein Glück wir vielleicht haben werden, Großmutter, verdanken wir alles dir. Ich bete nur, daß Lan deinen Erwartungen gerecht und der ganzen Familie Glück bringen wird. Sein Forschritt sollte Anlaß zur Freude sein. Bitte rege dich nicht auf.“
 
Sie drehte sich zu Bau-yü.
 
„Und bitte pflanz ihm nicht deine übertriebenen Ideen des Erfolgs ein, Bau-yü. Du meinst es ja nur gut. Er ist nur ein Kind, erinnere dich daran. Er könnte dich ernst nehmen und nicht merken, daß du ihn nur ermutigen willst; und dann wird er stolz und eingebildet und niemals besser werden.“ –
 
„Gut gesagt, meine Liebe“, kommentierte die Herzoginmutter, „aber denke auch daran, daß er immer noch sehr jung ist und nicht zu hart erzogen werden sollte. Kinder sind nur bis zu einem gewissen Punkt stark. Wenn man sie zu früh treibt, kann man sie ruinieren. Dann sind sie vielleicht nie fähig, anständig zu studieren, und all deine Mühen werden vergebens sein.“
 
Li Wan konnte sich nicht länger beherrschen und brach in Tränen aus. Als Djia Huan und Djia Lan in das Zimmer kamen, trocknete sie schnell ihre Augen. Die beiden machten der Herzoginmutter ihre Abendaufwartung. Lan begrüßte dann seine Mutter und kehrte zurück, um voller Respekt an der Seite seiner Urgroßmutter zu stehen.
 
„Ich habe gerade von deinem Onkel Bau-yü gehört“, sagte die Herzo­gin­mutter, „wie gut du mit deinem Reimpaar warst und welches Lob du von deinem Lehrer bekommen hast.“
 
Lan lächelte bescheiden. Yüan-yang kam nun herüber, um zu sagen, daß das Abendessen fertig war.
 
„Ich möchte Frau Hsüä einladen“, sagte die Herzoginmutter, und Hu-po schickte sofort ein Mädchen hinüber zu den Gemächern der Dame Wang. Bau-yü und Djia Huan zogen sich zurück, während Li Wans Mägde Su-yün und die jüngeren Dienstmädchen kamen, um das Backgammon-Spiel wegzuräumen. Li Wan wartete auf die Herzoginmutter, und Djia Lan stand seiner Mutter zur Seite:
 
„Ihr beide dürft zum Abendessen bei mir bleiben“, sagte die Herzogin­mut­ter.
 
„Ja, Großmutter“, antwortete Li Wan. Kurz darauf wurde das Abend­essen herein gebracht und die Mädchen kehrten mit folgender Nachricht aus den Gemächern der Dame Wang zurück:
 
„Frau Hsüä bedauert, daß sie sich in diesen Tagen um zuviel zu kümmern hat und nicht kommen kann. Sie kommt nach dem Abendessen nur für einen kurzen Besuch herüber.“
 
Die Herzoginmutter bat Djia Lan sich neben sie zu setzen. Unsere Erzählung läßt nun einige weitere Details dieses Abendessens aus. Nach dem Abendessen, als sie ihre Hände gewaschen und den Mund gespült hatte, legte sich die Herzoginmutter auf ihre Couch und plauderte mit ihrer Schwieger­en­ke­lin und ihrem Urenkel. Ein junges Dienstmädchen kam herein und bat Hu-po zu sagen, daß Herr Dschën, der während der derzeitigen Abwesenheit von Djia Dschëng und Djia Liän die Geschäfte im Jung-guo-Anwesen beauf­sich­tig­te, draußen wartete, um seine Abendaufwartung zu machen.
 
„Sag’ ihm, daß ich mich für seine Aufwartung bedanke“, sagte die Her­zo­ginmutter, „aber daß er nicht hereinkommen muß. Er kann nach Hause ge­hen und sich ausruhen. Er muß müde sein, nach diesem arbeitsreichen Tag.“
 
Das Mädchen gab dies an die alten Damen draußen weiter, Vetter Dschën wurde informiert und kehrte zum Ning-guo-Anwesen zurück.
 
Am folgenden Tag kam er wieder herüber zum Jung-guo-Anwesen, um nach den Tagesgeschäften zu sehen. Die Dienstleute am Tor berichteten nacheinander von verschiedenen Dingen. Einer der Diener sagte, ein Landvogt sei mit Früchten gekommen. Vetter Dschën fragte nach der Liste, der Diener gab sie ihm, und er ging sie durch, sie enthielt meist Obst nach der Jahreszeit, etwas Wild und einiges Gemüse.
 
„Wer schaut normalerweise nach diesen Waren?“, fragte Djia Dschën.
 
„Dschou Juee, Herr.“
 
Dschou Juee wurde vorgeladen, und Vetter Dschën unterrichtete ihn: „Geh durch die gesamte Ware auf dieser Liste und zähle nach. Dann stelle ich eine Kopie und Bestätigung aus. Sag’ der Küche, sie sollen aus diesem Zutaten ein paar zusätzliche Gerichte kochen, wenn sie das Mittagessen für die Diener vorbereiten, die die Ware gebracht haben. Der Landvogt soll auch etwas zu essen haben, bevor er geht, und das übliche Trinkgeld.“ –
 
„Ja, Herr.“
 
Dschou Juee befahl den Dienern, die Ware in Hsi-fëngs Hof zu tragen und gab ihnen Anweisungen, die Waren zu zählen. Dann ging er, nur um kurz später vor Vetter Dschën zu erscheinen: „Entschuldigen Sie, Herr, hatten sie eigentlich schon den Eingang überprüft?“ –
 
„Denkst du, ich habe Zeit, das zu machen?“, antwortete Djia Dschën ungeduldig. „Ich habe dir die Liste gegeben, und du sollst den Eingang nach der Liste überprüfen.“ –
 
„Ich habe alle Artikel, so gut ich kann, überpüft, Herr, und alles scheint in Ordnung zu sein. Aber vielleicht würden Sie gerne den Landvogt holen, da Sie selbst nur eine Kopie haben, um zu sehen, ob die Liste echt ist. –
 
„Was für eine Aufregung wegen ein bißchen Obst!“, rief Djia Dschën. „Es ist wirklich nicht so wichtig. Dein Wort reicht mir dafür.“ –
 
In diesem Moment kam Bau-örl in das Zimmer und machte vor Djia Dschën einen Kotau:
 
„Ich bitte darum, mich mit auswärtigen Aufgaben statt mit Aufgaben im Hause zu beauftragen, Herr“, sagte er.
 
„Worum geht es hier?“, fragte Djia Dschën, der sich zu Bau-örl und Dschou Juee umdrehte.
 
„Ich darf mich hier nicht äußern“, antwortete Bau-örl.
 
„Wer hat dich denn gefragt?“, sagte Vetter Dschën brüsk.
 
„Ich habe es satt, andere Leute auszuspionieren!“, murmelte Bau-örl zu sich selbst.
 
„Herr“, warf Dschou Juee unverzüglich ein, „ich bin seit Jahren für die Miete der Bauern und Einkommen verantwortlich und im Durchschnitt fließt, würde ich sagen, jedes Jahr ein Wert von um die drei- bis fünfhundertausend Taels durch meine Hände, und ich habe nie ein Wort der Unzufriedenheit vom Herrn oder den Herrinnen über irgendetwas gehört, schon gar nicht über so eine Kleinigkeit wie diese. Nach Bau-örl, werden wir mit dem ganzen Besitz und den Häusern der Familie meinetwegen Pleite gehen!“ –
 
‚Es sieht aus, als würde Bau-örl hier Unruhe stiften‘, dachte Vetter Dschën für sich. ‚Ich werde ihn besser los.‘ –
 
„Geh mir aus den Augen!“, bellte er. Dann wandte er sich von Bau-örl zu Dschou Juee: „Das ist alles. Mach’ mit deiner Arbeit weiter.“
 
Die zwei Diener verschwanden.
 
Nicht viel später ruhte sich Djia Dschën in seinem Studierzimmer aus, als er einen großen Tumult vor dem Haupttor ausbrechen hörte. Er schickte einen Diener, um zu fragen, was los sei. Dieser kam zurück, um zu berichten, daß es einen Kampf zwischen Bau-örl und einem Adoptivsohn von Dschou Juee gebe.
 
„Wer ist dieser Adoptivsohn?“, fragte Djia Dschën.
 
„Hë San ist sein Name, Herr“, antwortete der Diener. „Ein wertloser Zeitgenosse, der die meiste Zeit mit Trinken oder Ärgermachen vergeudet. Er kommt oft her und treibt sich im Pförtnerhaus herum. Er sah, daß es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Bau-örl und Dschou Juee gab und mischte sich ein.“ –
 
„Wie ekelhaft!“, rief  Djia Dschën. „Schickt einmal Bau-örl und diesen Kerl Hë San sofort zu mir! Was ist mit Dschou Juee?“ –
 
„Er verschwand, als der Kampf anfing, Herr.“ –
 
„Find ihn sofort! Das ist ja unglaublich!“ –
 
„Ja, Herr!“
 
Mitten in dieser Aufregung kehrte Djia Liän zurück und Djia Dschën erzählte ihm, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war.
 
„Unglaublich! Das geht ja nicht!“, schrie Djia Liän. Er schickte einen weiteren Diener zur Hilfe, um Dschou Juee zu fassen, der bald merkte, daß eine Flucht unmöglich war, sich selbst aufgab und vor die Herren kam.
 
„Fesselt alle!“, befahl Djia Dschën, und Djia Liän fügte hinzu, sich hauptsächlich an Dschou Juee wendend: „Das, was ihr vorhin bei Herrn Dschën vorgebracht habt, war damit abgeschlossen. Warum geht ihr dann nach draußen und fangt wieder mit dem Streit an? Und als wäre das nicht schlimm genug, mußt du auch noch diese Brut von dir mithineinziehen, Hë San! Und als du ihn zur Ruhe bringen solltest, – verschwindest du einfach!“
 
Er versetzte Dschou Juee ein paar kräftige Tritte.
 
„Es reicht nicht, nur ihn zu strafen“, sagte Djia Dschën eisern und befahl seinen Männern jedem, Bau-örl und Hë San, fünfzig Peitschenhiebe zu geben, und schickte sie zu packen. Als dies getan war, setzten sich er und Djia Liän zusammen, um über die Familienangelegenheiten zu reden.
 
In den Quartieren der Diener wurde dieser Vorfall das Thema vieler privater Unterhaltungen. Manche sahen es als Versuch Vetter Dschëns, von seiner eigenen Inkompetenz abzulenken; andere sagten, er sei nur unfähig, Konflikte zu lösen; während es wieder andere als einen Beleg für seinen unangenehmen Charakter hielten. „Vor einiger Zeit gab es doch diesen Skandal mit den Schwestern You. War es nicht Bau-örl, der Herrn Liän zurückgerufen hat, um den Konflikt zu lösen? Jetzt schimpft er, daß Bau-örl nicht gut arbeite. Wahrscheinlich war Bau-örls Ehefrau Herrn Dschën nicht so zu Diensten, wie sie es bei Djia Liän war. Es gab viele Gerüchte, und alle waren unterschiedlich.
 
Währenddessen verlor der Djia-Clan keine Zeit damit, Djia Dschëngs Aufstieg am Ministerium für Gewerbe und öffentliche Bauten zu ihrem finanziellen Vorteil zu nutzen. Djia Yün wollte sicherlich auch seinen Teil her­aus­schlagen. Er ging herum, versprach Unternehmern Arbeit, handelte Prozente  für sich selbst aus  und machte sich auf den Weg zu den Gemächern
 
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
seiner ehemaligen Gönnerin Hsi-fëng, nachdem er moderne Seidenwaren ge­kauft hatte.
 
Hsi-fëng, die gerade von einem ihrer Dienstmädchen erfahren hatte, daß  „Herr Dschën und Herr Liän in einer schlechten Laune waren und die Die­­ner schlugen“, war gerade dabei, jemanden hinüber zu schicken, um Ein­zel­heiten herauszufinden, als sie sah, daß Djia Liän selbst hereinkam. Sie be­kam die ganze Geschichte von ihm zu hören.
 
„Es könnte alles wegen einer Kleinigkeit gewesen sein“, kommentierte sie, „aber wir müssen ein solches Benehmen wegen der Außenwirkung um jeden Preis verhindern. Wenn sie denken, sie könnten jetzt damit davon kommen, wenn das Familienvermögen sich vermehren sollte, was wird passieren, wenn die jüngere Generation alles übernimmt? Sie werden eine Meuterei vor sich haben. Ich erinnere mich, vor ein oder zwei Jahren, habe ich die schrecklichste Szene im Ning-guo-Anwesen gesehen: –Djiau Da-tschi lag breit auf der Treppe, war total betrunken und fluchte wie ein Kesselflicker. Keiner von uns wurde verschont. Es ist mir egal, ob er in der Vergangenheit besondere Aufgaben erledigte. Diener sollten ihren Platz kennen und einen angemessenen Sinn für Respekt zeigen. Der Ärger mit Djia Dschëns Ehefrau – bitte versteh mich nicht falsch – ist, daß sie zu wenig Mißtrauen hat und ihre Angestellten mit allem davonkommen läßt. Dieser Bau-örl – oder was immer sein Name ist – bei ihnen, ist typisch. Wo ich gerade daran denke, war er früher nicht sehr hilfreich für dich und Djia Dschën? Seid ihr nicht etwas undankbar, wenn ihr jetzt anfangt, ihn auszupeitschen?“
 
Wie mit einem Stachel tief ins Herz getroffen, versuchte Djia Liän un­be­holfen, das Thema zu wechseln. Sogleich fiel ihm eine wichtige Ver­ab­re­dung ein und er ging.
 
Hsiau-hung kam nun herein, um die Ankunft von Djia Yün an­zu­kün­di­gen.
 
‚Ich frage mich, was er diesmal vorhat?‘ grübelte Hsi-fëng. Dann sagte sie laut zu Hsiau-hung: „Du läßt ihn besser herein.“
 
Hsiau-hung ging hinaus. Sie sah Djia Yün ins Gesicht und lächelte leicht. Er ging auf sie zu und sagte: „Haben Sie Fräulein Liän gesagt, daß ich hier bin, Hsiau-hung?“ Sie errötete: „Ich nehme an, Sie haben viele wichtige Geschäfte, Herr Yün.“ –
 
„Im Gegenteil, ich wünschte nur, ich hätte öfter Grund hierherzu­kom­men und Sie zu ärgern, Fräulein Hsiau-hung... Ich erinnere mich an letztes Jahr, als Sie bei Onkel Bau-yü gearbeitet haben und ich mit Ihnen ...“
 
Er wollte mehr sagen, aber Hsiau-hung, die Angst hatte, jemand könnte sie sehen, fragte schnell: „Ich hatte Ihnen damals ein Taschentuch gegeben, haben Sie es gesehen?“
 
Ihre Worte erfreuten und erregten Djia Yün so, daß ihm sein Herz aufging. Aber bevor er etwas sagen konnte, kam ein Mädchen aus Hsi-fëngs Zimmer herein, und er und Hsiau-hung waren verpflichtet, sofort hineinzugehen. Sie gingen Seite an Seite, nah genug, damit er ihr zuflüstern konnte:
 
„Wenn ich gehe, mußt du mich hinausbegleiten. Ich muß dir etwas sagen, daß dich vielleicht amüsiert.“
 
Sie errötete stark und warf ihm einen Blick zu, ohne ein Wort zu sagen. Sie ging vor ihm hinein, um Hsi-fëng von seinem Herannahen zu informieren, kehrte zurück, um ihn hineinzuführen, hob den Türvorhang und gab ihm ein Zeichen, während sie zu ihm in förmlichstem Ton sagte:
 
„Die Dame würde sich nun freuen, sie zu sehen, Herr.“
 
Mit einem Lächeln folgte Djia Yün ihr in den Raum und grüßte Hsi-fëng. Er teilte die Grüße seiner Mutter mit, welche Hsi-fëng höflich erwiderte, bevor sie fragte: „Und was führt dich heute her?“
 
Djia Yün verfiel in eine Rede: „Die große Freundlichkeit meiner Tante mir gegenüber in der Vergangenheit war mir immer sehr bewußt und eine Quelle endloser Dankbarkeit. Ich habe auf eine Gelegenheit gewartet, dir ein Geschenk meiner Achtung zu überreichen und habe es nur aus Angst zurückgehalten, daß du so eine Geste unangebracht finden würdest. Das heutige Fest des neunten September ist endlich eine ausreichende Rechtfertigung für meinen Kauf von etwas Kleinem, was, obwohl ich weiß, daß du bereits von allem mehr als genug hast, ich dich ganz bescheiden bitte, mir zu Ehren als Zeichen meiner ehrlichen und bescheidenen Ergebenheit anzunehmen.“
 
Hsi-fëng lachte.
 
„Komm schon. Hör’ auf mit dem Unsinn. Was soll das alles? Setz’ dich und erzähl’ es mir.“
 
Djia Yün nahm Platz und legte seine Mitbringsel behutsam mit beiden Händen auf den Tisch neben ihnen.
 
„Du bist doch aus der Familie“, fuhr Hsi-fëng fort, „also warum gibst du dein Geld so aus? Ich brauche solche Dinge nicht und erwarte sie nicht. Komm nun, erzähl’ mir, warum du wirklich hier bist.“ –
 
„Wahrlich, aus keinem anderen Grund als meine tiefe, und bis jetzt unausgedrückte Dankbarkeit...“
 
Da war nun die Spur eines Lächelns.
 
„Komm hör’ auf damit“, sagte Hsi-fëng. „Ich weiß ganz genau, daß du knapp bei Kasse bist, ich weiß Bescheid. Erwarte nicht von mir, das ich Dinge von dir für nichts annehme. Wenn du willst, daß ich dein Geschenk annehme, dann sag’ mir die Wahrheit. Wenn du weiter statt den Knochen das Fleisch ausspuckst und dafür die Knochen im Mund behältst, wenn du also weiter so um den heißen Brei redest, werde ich die Geschenke sicherlich nicht annehmen.“
 
Djia Yün war gezwungen, zum Punkt zu kommen. Er erhob sich und schenkte sein unterwürfigstes Lächeln.
 
„Naja, es ist nicht so, daß ich mir das einbilde: Ich hörte vor ein paar Tagen, daß Herr Dschëng vom Ministerium die Oberaufsicht über den Bau des kaiserlichen Mausoleums bekommen hat und, da ich ein oder zwei Freunde mit beachtlicher Erfahrung in diesem Bereich habe – sehr kompetente Menschen, möchte ich hinzufügen –, möchte ich einfach fragen, ob es möglich für dich wäre, ein Wort für sie bei Herrn Dschëng einzulegen. Wenn ein oder zwei Aufträge bei ihnen hängenblieben, wäre ich dir für immer etwas schuldig. Und wenn du mich selbst hier am Herrenhaus für irgendetwas brauchen solltest, stehe ich selbstverständlich für dich, Tante Hsi-fëng, zur Verfügung.“ –
 
„Bei den meisten Angelegenheiten, weiß ich, daß ich einen bestimmten Einfluß habe“, antwortete Hsi-fëng, „aber wenn es um solche Sachen geht, so sind die großen Aufträge komplett in der Hand der Vorsteher und anderer Beamter, während kleinere Arbeiten an die Angestellten und Läufer gehen. Kein anderer erhält auch nur einen Blick da hinein, fürchte ich. Nur unsere eigenen Leute können bei Herrn Dschëng als sein Personal arbeiten. Sogar dein Onkel Liän  bekommt nur einen Fuß in die Tür, wenn es etwas gibt, daß direkt mit der Familie zu tun hat. Er hat nichts mit offiziellen Geschäften zu tun. Bei uns zu Hause dagegen ist es ja so, wenn die Sachen in einem Bereich geordnet sind, brechen in einem anderen Bereich wieder Probleme aus – sogar Herr Dschën hat Probleme, die Angelegenheiten in Ordnung zu halten. Du bist jung und Jungen wie du wären niemals fähig, so etwas zu meistern. Nein, ich fürchte, welche Arbeiten es auch immer am Ministerium gegeben hat, sie sind fast alle vergeben. Die Menschen sehnen sich nach Arbeit. Sicher gibt es zu Hause etwas, daß du tun kannst, um Körper und Seele im Einklang zu halten? Ich meine es ernst. Geh nach Hause und denk’ noch einmal darüber nach. Und erachte die Dankbarkeit als ausgedrückt an. Und nimm diese Sachen hier wieder mit, von wo auch immer sie herkommen.“
 
Während sie sprach, war eine Gruppe Kindermädchen mit der kleinen Tchiau-djie ins Zimmer gekommen, in einem farbenreich bestickten Kittel gekleidet und den Arm voller Spielsachen. Sie rannte zu ihrer Mutter, lachte und plauderte. Djia Yün stand sofort auf, wandte seine Blickrichtung, seine Aufmerksamkeit und sein schmieriges Lächeln von Hsi-fëng zu ihrer Tochter.
 
„Das ist also meine respektierte Kusine? Gibt es da irgendein kleines Geschenk, daß du gerne von mir hättest, Kleine?“
 
Ein lautes „Waaah!“ platzte zwischen Tchiau-djies Lippen hervor, und Djia Yün zog sich schnell zurück.
 
„Na, na, mein Schatz! Komm her!“ Hsi-fëng hielt das Kind dicht an sich, „das ist dein Vetter Yün. Erkennst Du ihn nicht mehr?“
 
Djia Yün versuchte es wieder: „Was für ein süßes Mädchen! So ein hübsches Gesicht verspricht Glück auf Lebenszeit.“
 
Tchiau-djie drehte ihren kleinen Kopf, um ihn noch einmal kurz anzusehen und brach sofort wieder in Geschrei aus. Das wiederholte sich ein paar Mal. Djia Yün spürte, daß er nicht länger willkommen war und erhob sich zum Gehen.
 
„Vergiß deine Sachen nicht“, sagte Hsi-fëng.
 
„Oh bitte, Tante Feng! Tu mir diesen einen Gefallen...“ –
 
„Wenn du sie nicht selbst mitnimmst, werde ich dir jemanden damit hinterher schicken. Ehrlich Yün, das ist nicht die Art, solche Dinge zu regeln. Du bist hier kein Fremder. Wenn eine Möglichkeit auftaucht, werde ich es dich sicher wissen lassen. Bis dahin gibt es nichts, was ich tun kann, und es gibt nichts, was du durch eine solche Verschwendung von Geld und Zeit gewinnen kannst.“
 
Djia Yün konnte sehen, daß sie nicht nachgeben würde. Er errötete, als er das Haus verließ. „Ich werde trotzdem nach einem geeigneten Geschenk weitersuchen.“ –
 
„Hsiau-hung, trag diese Dinge für Herr Yün in die Halle“, sagte Hsi-fëng höflich, „und begleite ihn hinaus.“
 
‚Die Leute haben recht‘, dachte Yün bei sich auf seinem Weg nach draußen. ‚Sie ist ein wahrer Tyrann! Bewegt sich nicht einen Fingerbreit! Hart wie ein Knochen! Geschieht ihr Recht, wenn sie keinen Erben produzieren kann. Ihr kleines Mädchen hat mir auch ein komisches Gefühl gegeben... Sie schien etwas gegen mich zu haben, fast, als hätten wir eine Fehde aus einem früheren Leben. Was für ein Pech! Jetzt habe ich mich den ganzen Tag darum bemüht, alles umsonst!’
 
Hsiau-hung sah, daß Djia Yün enttäuscht war, und war auch selbst unglücklich. Sie nahm das Paket und folgte ihm hinaus. Er nahm es ihr ab und, als niemand sie sah, öffnete er es, nahm zwei bestickte Seidenstücke heraus und gab sie ihr heimlich. Erst wollte sie diese nicht annehmen und protestierte flüsternd: „Sie sollten das nicht, Herr Yün. Denken Sie daran, wie furchtbar das für uns beide aussehen muß, wenn Frau Liän das herausfinden würde.“ –
 
„Sei nicht dumm. Behalt sie. Sie wird es nicht wissen. Wenn du es nicht annimmst, sehe ich das als persönliche Beleidigung an.“
 
Hsiau-hung lächelte eitel und nahm sie an. „Wenn Sie darauf bestehen. Aber ich will sie nicht. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.“
 
Ihr Gesicht brannte wieder. Djia Yün lachte und sagte: „Diese Dinge haben ja keine Bedeutung.“
 
Nun hatten sie das innere Tor erreicht und Djia Yün versteckte die übrigen Geschenke in seinem Gewand, während Hsiau-hung ihn drängte zu gehen.
 
„Sie müssen jetzt gehen“,  sagte sie, „wenn Sie hier irgendetwas wollen, fragen Sie nach mir. Nun, da ich Fräulein Liän diene, können Sie mich direkt ansprechen.“
 
Djia Yün nickte. „Sie ist ein solcher Tyrann. Ich kann leider nicht öfter kommen. Vergessen Sie aber nicht, was ich gerade sagte. Wenn ich die Möglichkeit habe, Sie wiederzusehen, erzähle ich Ihnen noch mehr.“
 
Hsiau-hung errötete von Ohr zu Ohr. „Sie sollten jetzt wirklich besser gehen. Sie können so oft wiederkommen, wie Sie wollen. Sie sollten nicht zu  Fräulein Liän auf Distanz gehen.“ –
 
„Ich verstehe.“
 
Djia Yün ging seinen Weg und Hsiau-hung stand im Tor und verfolgte ihn lange mit einem nachdenklichen Blick. Dann drehte sie sich um und ging wieder hinein.
 
Währenddessen gab Hsi-fëng Anweisungen für das Abendessen und fragte die Dienerinnen, ob ihr Reisbrei fertig sei. Sie eilten davon, um danach zu fragen, und kehrten nach einer kurzen Weile zurück, um zu sagen, daß der Reisbrei zubereitet sei.
 
„Ich hätte gerne ein paar Gerichte mit diesem eingelegten Gemüse, das gerade aus dem Süden gekommen ist“, sagte Hsi-fëng. Tchiu-tung übernahm die Verantwortung dafür und sagte den anderen Mädchen, mit dem Auf­decken weiterzumachen. Ping kam herein und sagte mit einem Lächeln:
 
„Ich hatte fast vergessen zu berichten: Als Ihr heute mittag bei der gnädigen Frau wart, schickte eine Äbtissin vom Wassermondkloster, um jemanden bei Ihnen um zwei Gläser des eingelegten südlichen Gemüses und einen Vorschuß von ein paar Monaten zu bitten. Die Äbtissin sei gesundheitlich angeschlagen, berichtete die Botin. Ich fragte, was los sei, und sie sagte, es hätte alles vor vier oder fünf Tagen angefangen. Sie hatte Ärger mit einigen der buddhistischen und dauistischen Novizen, die trotz mehrerer Warnungen ihr Licht über Nacht anließen. Dann bemerkte sie eines Nachts, daß die Lampen bei Mitternacht noch immer brannten, und sie rief sie öfter. Sie hörte keine Antwort und dachte, daß sie eingeschlafen sein müßten, noch mit Licht an; also ging sie selbst, das Licht auszumachen. Als sie zurück zu ihrem Raum kam, passierte etwas Merkwürdiges: Sie sah einen Mann und eine Frau zusammen auf dem Ofenbett sitzen und als sie die beiden fragte, wer sie seien, fiel als Antwort eine Schlinge um ihren Hals. Ihre Hilfeschreie weckten die anderen Schwestern, die ihre Lichter anmachten und herausgeeilt kamen. Sie lag bereits auf dem Boden mit Schaum vor dem Mund. Dem Himmel sei Dank, sie wurde wieder wach. Sie kann noch immer kein richtiges Essen zu sich nehmen, weswegen sie daran dachte, um ein bißchen eingelegtes Gemüse zu bitten. Da Sie nicht hier waren, dachte ich, ich hätte keine Befugnis, ihr etwas zu geben. Ich erklärte ihr also, daß Sie keine Zeit hätten und oben wären, sagte, daß ich es später Ihnen gegenüber erwähnen würde und schickte sie zurück. Ich hätte es fast vergessen, wenn ich nicht gerade gehört hätte, wie Sie selbst um Gemüse baten.“
 
Hsi-fëng starrte einen Moment lang nachdenklich. „Wir haben noch so viel südliches Gemüse“, sagte sie endlich, „schicke das Gemüse auf jeden Fall dahin. Das Geld kann ja Herr Tjin morgen hier abholen.“
 
Als sie noch sprachen, kam Hsiau-hung herein, um zu berichten, daß ein Bote von Djia Liän angekommen war. Das Geschäft habe ihn von der Stadt ferngehalten und er komme diese Nacht nicht zurück. Hsi-fëng sagte: „Ja.“ Während sie sprachen, hörte sie plötzlich ein Geschrei aus dem hinteren Haus kommen und eines der jüngeren Mädchen kam atemlos in den Hofgarten gerannt. Ping war bereits da, und nun standen mehrere andere Mädchen herum und fingen an, miteinander zu tuscheln.
 
„Worüber sprecht ihr da?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Eines der Mädchen hat sich erschrocken“, antwortete Ping, „sie sagt, sie hätte einen Geist oder so etwas gesehen.“ –
 
„Was hat sie über Geister gesagt?“, fragte Hsi-fëng scharf. Das besagte Mädchen betrat den Raum.
 
„Was soll der Unsinn mit Geistern?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Ich war gerade hinten draußen, Herrin“, antwortete das Mädchen, „und habe eine der Frauen um mehr Kohle für den Ofen gebeten, als ich dieses laute, fürchterliche Geräusch hörte, das von den drei leeren Gebäuden kommt. Erst dachte ich, es sei nur eine Katze gewesen, die eine Maus jagt, aber dann hörte ich ein ‚Aach‘, als würde jemand seufzen. Ich habe mich sehr gefürchtet und rannte zurück.“
 
„So ein Unsinn!“, schimpfte Hsi-fëng, „ich werde es nicht zulassen, daß Leute bei mir im Haus so einen abergläubigen Unsinn reden! Ich habe niemals an solche Dinge geglaubt. Raus mit dir!“
 
Das Mädchen ging hinaus. Hsi-fëng ließ Tsai-ming die Haushaltsbücher des Tages überpüfen. Es war fast zehn Uhr, als sie fertig wurde. Hsi-fëng und die anderen unterhielten sich eine Weile, dann ging sie zu den Dienern, entließ sie in die Nacht und ging selbst zu Bett. Kurz vor zwölf lag sie im Halbschlaf im Bett, als es sie plötzlich gruselte und sie erschreckt aufwachte. Sie lag zitternd da, ihre Furcht wuchs, bis sie es nicht länger aushielt und nach Ping und Tchiu-tung herüberrief, damit sie ihr Gesellschaft leisteten. Keine von beiden verstand den merkwürdigen Zustand, indem sie sich befand.
 
Tchiu-tung war eigentlich eher ablehnend gegenüber Hsi-fëng, aber sie war in Ungnade bei Djia Liän gefallen, wegen der Rolle, die sie in der Verfolgung von You Örl-djie gespielt hatte und war danach auf Hsi-fëngs Seite gezogen worden, obwohl ihre Loyalität eine Sache der Bequemlichkeit war und nicht mit der Hingabe Pings zu vergleichen war. Als sie in dieser Situation ihre Herrin in einem solchen Zustand sah, stand sie gehorsam neben dem Bett und gab ihr Tee. Hsi-fëng nahm einen Schluck und sagte: „Danke. Ihr könnt wieder schlafen gehen. Ping wird sich schon ausreichend um mich kümmern.“
 
Aber Tchiu-tung wollte ihr gefallen und protestierte deshalb:
 
„Sicher Herrin, wenn Sie nicht schlafen können, wäre es doch besser, wenn wir abwechselnd mit Ihnen aufbleiben würden?“
 
Hsi-fëng war bereits eingeschlafen. Die Mädchen hörten einen entfernten Hahnenschrei und, als sie sahen, daß Hsi-fëng nun fest schlief, legten sich beide noch voll bekleidet ein wenig bis zum Tagesanbruch hin. Dann erwachten sie und fingen geschäftig an, sich zurecht zu machen. Als Hsi-fëng erwachte, waren ihre Gedanken immer noch von dem Schrecken der Nacht beherrscht. Trotz ihrer Verwirrung wollte sie sich von ihrem Wesen her um jeden Preis durchsetzen und kämpfte sich mit großer Anstrengung hoch. Sie saß in Gedanken gehüllt, als sie ein Mädchen im Hof rufen hörte: „Ist Ping-örl da?“
 
Ping-örl rief ihre Antwort hinaus, und das Mädchen hob den Türvorhang und kam herein. Es stellte sich heraus, daß sie von der Dame Wang geschickt wurde, um Djia Liän herbeizurufen.
 
„Da ist ein Bote vom Yamen mit drigenden Geschäften“, sagte sie, „und da der Herr gerade ausgegangen ist, schickt mich die gnädige Frau, um Herrn Liän zu bitten, herüberzukommen.“
 
Hsi-fëng erschrak.
 
Um die Umstände dieses dringenden Geschäftes herauszufinden, lese man bitte das nächste Kapitel.
 
89. Unser Held sieht das Werk einer vergangenen Liebe und ist so bewegt, daß er eine Ode verfaßt
 
Dai-yü fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern.
 
  
 
Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam.
 
Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam.
 
„Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert.
 
„Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert.
„Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach Herrn Liän zu fragen.“
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„Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach dem zweiten Herrn [Liän] zu fragen.“
 
Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war.
 
Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war.
„Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß Herr Liän letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ –
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„Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß der zweite Herr [Liän] letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach dem gnädigen Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ –
 
„Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging.
 
„Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging.
 
Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang.
 
Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang.
 
„Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“
 
„Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“
Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, sein Vater könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte.
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Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, Djia Dschëng [sein Vater] könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte.
 
Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen.
 
Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen.
 
„Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“
 
„Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“
Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls Herr Bau-yü sich umziehen möchte.“
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Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls der zweite Herr [Bau-yü] sich umziehen möchte.“
 
Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen.
 
Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen.
 
Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt.
 
Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt.
 
„Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum.
 
„Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum.
„Es wird kälter, Herr Bau-yü.
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„Es wird kälter, der zweite Herr. Sie ziehen besser etwas Wärmeres an.“
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Bau-yü nickte und sah, daß Bee-ming eine Jacke in der Hand hielt. Der Anblick des Stoffes hatte einen interessanten Effekt auf Bau-yü, der ihn anstarrte, als wäre er in Trance. Die anderen Junge schauten fasziniert hin. Es war der Goldpfau-Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte.
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„Warum mußtest du das mitbringen?“, fragte Bau-yü. „Wer hat dir das gegeben?“
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Er hatte es sofort als den Goldpfau-Umhang erkannt, den Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte.
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„Die Mädchen haben ihn zusammengerollt und mir befohlen, ihn mitzunehmen“, antwortete Bee-ming.
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„Nun, mir ist nicht sehr kalt“, sagte Bau-yü, „ich glaube nicht, daß ich ihn jetzt tragen werde. Du kannst ihn genausogut wieder zusammenrollen.“
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Der Lehrer sah, daß Bau-yü zögerte, einen solch kostbaren Stoff anzulegen, und nahm freudig diesen Beweis für Sparsamkeit zur Kenntnis.
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„Bitte legt ihn an, zweiter Herr!“, bat Bee-ming, „um meinetwillen! Sie wissen, daß ich Ärger bekomme, wenn der zweite Herr eine Erkältung bekommt.“
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Mit großem Unwillen legte Bau-yü den Umhang an, setzte sich wieder und starrte mürrisch auf seine Bücher. Der Lehrer nahm an, daß er sich wieder einmal auf die Studien konzentrierte und beachtete den Vorfall nicht weiter.
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Als an diesem Nachmittag die Schulstunden für den Tag vorüber waren, sagte Bau-yü, er fühle sich nicht gut, und bat, von der Schule für den nächsten Tag entschuldigt zu sein. Dai-ju war, wenn auch spät, so weit gekommen, seine Schüler nachsichtiger zu sehen, mehr als Kameraden, die ihn sein eigenes Alter vergessen ließen. Seine eigene Gesundheit war schlecht, und er war froh, die Last der Arbeit durch vernünftige Einteilung der Krankentage zu verringern. Außerdem wußte er, daß Djia Dschëng wichtigere Dinge im Kopf hatte und daß die Herzoginmutter immer ihren liebsten Enkel verhätschelte. Mit einem Nicken gab er Bau-yü zu verstehen, daß seine Anfrage bewilligt war.
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Bau-yü ging sofort nach Hause. Nachdem er kurz nach Dame Wang und der Herzoginmutter geschaut hatte, wobei keine von beiden seine Krankheitsausrede hinterfragte, kehrte er zu seinem Hof zurück und sah Hsi-jën und die anderen. Er lächelte und plauderte nicht wie sonst, sondern legte sich, angezogen wie er war, auf das Ofenbett.
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„Abendessen ist fertig“, sagte Hsi-jën, „wollen Sie es jetzt, oder wollen Sie bis später warten?“
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Bau-yü: „Ich werde nichts essen. Ich fühle mich nicht gut. Iß nur dein eigenes.“
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Hsi-jën: „Nun, Sie könnten wenigstens den schönen Umhang abnehmen. Sie könnten ihn verkrumpeln und ruinieren.“ –
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„Ich will ihn anbehalten.“ –
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„Es ist nicht nur der Umhang, über den ich mir Sorgen mache. Sehen Sie, wie vorsichtig er genäht wurde. Sie werden die Stiche ruinieren.“
 +
Das rührte Bau-yü an einem wunden Punkt. Er gab einen tiefen Seufzer von sich. „Oh, na gut! Dann räume ihn weg. Wickel ihn vorsichtig ein. Ich werde ihn nie wieder tragen.“
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Er stand auf, um den Umhang abzulegen. Hsi-jën kam herüber, um ihn ihm abzunehmen, aber er hatte bereits selbst angefangen, ihn zu falten.
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„Warum ist der zweite Herr heute so arbeitsam?“, fragte sie überrascht.
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Er gab keine Antwort, sondern faltete weiter.
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„Wo ist die Hülle?“, fragte er. als er fertig war.
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Schë-yüä gab sie ihm, und als er vorsichtig den Umhang einwickelte, wendete sie sich an Hsi-jën und zwinkerte ihr zu. Bau-yü aber bemerkte beide nicht und setzte sich, er sah sehr niedergeschlagen aus. Die Uhr auf dem Regal läutete, und er sah hinab auf seine Uhr. Es war bereits halb sechs. Kurz danach kam eines der jungen Dienstmädchen herein und zündete die Lampen an.
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„Wenn Sie nicht richtig essen, dann nehmen Sie wenigstens einen Schluck Reisbrei“, bat Hsi-jën. „Wenn Sie mit einem leeren Magen zu Bett gehen, können Sie leicht zuviel Yin bekommen und Fieber kriegen. Und bedenken Sie den Ärger, den wir dann haben werden.“
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Er schüttelte den Kopf.
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„Ich bin nicht hungrig. Ich würde mich noch schlimmer fühlen, wenn ich etwas herunter würgen müßte.“ –
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„Nun, in dem Fall“, sagte Hsi-jën, „sollten Sie wenigstens früh schlafen.“
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Sie und Schë-yüä machten sein Bett, und Bau-yü legte sich hin. Er drehte und wälzte sich im Bett, aber konnte nicht einschlafen. Endlich, bei Tagesanbruch schlief er ein, nur um keine Stunde später vorzeitig wieder aufzuwachen.
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„Ich hörte, wie Sie sich bis in den frühen Morgen im Bett wälzten“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte Sie nicht stören. Dann schlief ich selbst ein. Sind Sie denn am Ende doch noch eingeschlafen?“ –
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„Ein bißchen. Aber ich bin fast sofort wieder aufgewacht.“ –
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„Fühlen Sie sich nicht wohl?“ –
 +
„Nein. Mein Herz ist nur so unruhig.“ –
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„Werden Sie heute zur Schule gehen?“ –
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„Nein. Ich bat gestern darum, den Tag frei zu bekommen. Ich dachte, vielleicht gehe ich im Garten spazieren, und versuche mich ein bißchen zu entspannen. Aber ich fürchte mich vor der Kälte. Kannst du Bescheid sagen, daß man ein Zimmer aufräumt, Räucherstäbchen dort anzündet und Papier, Pinsel und Tusche dort bereitstellen soll? Ich werde euch heute nicht brauchen. Ich möchte nur für mich eine Weile ruhig da sitzen. Sag’ den anderen, daß ich nicht gestört werden will.“ –
 +
„Natürlich wird Sie keiner stören, wenn sie ruhig studieren möchten“, sagte Schë-yüä, sobald sie das hörte.
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„Ich denke, das ist eine wunderbare Idee“, sagte Hsi-jën, „sie werden sich nicht erkälten, lernen einen Tag für sich und Ihr Herz wird stetiger werden.“ Sie fügte hinzu: „Aber bitte, wenn Sie sich nicht danach fühlen, ein vernünftiges Essen zu sich zu nehmen, was hätten Sie dann denn gerne? Sagen Sie es mir jetzt, und ich werde es in der Küche vorbereiten lassen.“ –
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„Was immer am leichtesten ist“, antwortete Bau-yü. „Macht nicht zuviel Arbeit. Es wäre nett, ein paar Früchte im Zimmer zu haben, wegen des Geruchs.“ –
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„Welches Zimmer bevorzugen Sie?“, fragte Hsi-jën. „Die sind alle eher nicht sauber, außer Tjing-wëns altes Zimmer, welches schon eine ganze Weile leer steht. Das wäre aber vielleicht etwas kalt und ruhig.“ –
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„Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „tragt den Kohleofen da hinein.“
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Hsi-jën gab die Anweisungen, dies zu tun. Sie sah ein anderes Dienstmädchen, das mit einem Tablett hereinkam. Darauf stand eine Schüssel und lagen ein Paar Eßstäbchen aus Elfenbein, welche sie Schë-yüä gab und sagte: „Hier ist das, was Fräulein Hua von der Küche bestellt hat.“ Schë-yüä nahm das Tablett und sah, daß die Schüssel eine Vogelnestsuppe enthielt.
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„Ist das das, was Sie bestellt haben?“, fragte sie Hsi-jën.
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„Ja“, antwortete Hsi-jën mit einem Lächeln. „Ich dachte, da der zweite Herr letzte Nacht nichts zu essen hatte und da er die meiste Zeit der Nacht damit verbracht hatte, sich im Bett zu wälzen, würde er sich heute Morgen sehr leer fühlen, also schickte ich die jüngeren Mädchen, dies hier speziell aus der Küche zu holen.“
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Sie befahl dem Mädchen, einen Tisch zu bringen, und Schë-yüä servierte Bau-yü die Suppe. Als er diese getrunken hatte und seinen Mund spülte, kam Tjiu-wën herein:
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„Das Zimmer ist fertig“, sagte sie. „Wir warten, damit das Feuer richtig brennt und die Luft klar wird, und dann können Sie hineingehen, der zweite Herr.“
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Er nickte, aber er war zu sehr in Gedanken verloren, um zu antworten. Kurz darauf kam ein Mädchen herein, um zu sagen, daß seine Schreibsachen ausgelegt wurden. Bau-yü sagte: „Ich weiß.“ Er wurde sofort von einem anderen Mädchen abgelöst, das das fertige Frühstück ankündigte und fragte, wo es bereit gestellt werden soll. „Oh, bring es nur her“, sagte Bau-yü. „Es gibt keinen Grund für all die Mühe.“
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Das Mädchen ging hinaus und kehrte mit dem Frühstück zurück. Bau-yü lächelte, wendete sich an Schë-yüä und Hsi-jën und sagte: „Ich fühle mich so traurig. Ich denke wirklich nicht, daß ich das allein herunterkriege. Warum setzt ihr zwei euch nicht zu mir? Das würde das Essen leckerer machen, und dann würde ich wahrscheinlich mehr zu essen.“
 +
Schë-yüä lächelte.
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„Der zweite Herr wäre zwar froh, aber wie könnten wir es wagen?“
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„Ich stimme da nicht überein“, sagte Hsi-jën, „wir haben früher oft Wein zusammen getrunken. Ich denke, es könnte als Ausnahme gelten, um ihn aufzuheitern. Doch natürlich käme das als ein reguläres Treffen nicht in Frage.“
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Also setzten sich die drei, Bau-yü am Kopf und die zwei Mädchen an den Seiten des Tisches. Nach dem Frühstück brachte ein junges Dienstmädchen den Tee, um den Mund auszuspülen. Die zweibeaufsichtigten das Abräumen des Tisches. Der Tee wurde serviert, und Bau-yü saß wieder in nachdenklicher Stille dort. „Ist das Zimmer endlich fertig?“, fragte er schließlich.
 +
„Gerade kam doch schon jemand, um Ihnen das zu sagen.“, sagte Schë-yüä, „Was fragst du das jetzt schon wieder!“
 +
Nachdem sie dort noch eine Weile länger gesessen hatten, machte er sich auf den Weg hinüber zu [Tjing-wëns] Zimmer. Nachdem er ein Räucherstäbchen angezündet und die Früchte auf den Tisch gelegt hatte, entließ er alle Mädchen und schloß die Tür. Hsi-jën und die anderen standen mit angehaltenem Atem draußen.
 +
Er wählte ein Stück rosa Papier mit goldenen Spritzern und Blumenmustern in den Ecken aus, betete kurz, hob seinen Pinsel und begann zu schreiben:
 +
Vom Herrn der Freude am Roten
 +
ist diese Ode – gleich zu verbrennen! –
 +
Schwester Tjing
 +
gewidmet
 +
mit einem
 +
Trunk von Tee
 +
und
 +
dem Duft verbrannter Räucherstäbchen
 +
in der Hoffnung
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daß sie dir gefällt.
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Oh Gefährtin, oh unzertrennliche Freundin!
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Daß in einem so schrecklichen Sturm
 +
dein Leben enden mußte!
 +
Deine Stimme ging fort,
 +
ihre sanfte Musik wird niemand mehr vernehmen.
 +
Gen Osten strömt der Fluß, für immer,
 +
und kehrt niemals zurück.
 +
In meinen Träumen wird nie wieder
 +
Dein Antlitz aufscheinen:
 +
Doch seh' ich deinen Umhang aus Goldpfauenfedern,
 +
bringt jeder Herzschlag mir Kummer. 
 +
Als er mit dem Schreiben fertig war, nahm Bau-yü ein brennendes Räucherstäbchen, hielt das Papier daran und verbrannte die Ode. Er saß still, bis das Bündel der Räucherstäbchen herabgebrannt war, dann öffnete er die Tür und ging hinaus.
 +
„Warum kommen Sie schon wieder so früh heraus?“, fragte Hsi-jën. „Sind sie verrückt vor Kummer?“
 +
Er heuchelte ein Lachen und gab vor: „Ich war vorher etwas unruhig. Ich mußte nur ein wenig an einem ruhigen Ort alleine sein. Ich fühle mich jetzt besser. Ich denke, ich werde etwas spazieren gehen.“
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Er ging sofort aus dem Haus in den Garten. Als er die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte, rief er vom Hof: „Ist Kusine Lin zu Hause?“
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„Wer ist das?“, antwortete Dsï-djüan.
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Sie hob den Türvorhang und sah ihn dort stehen. „Oh, Sie sind es, zweiter Herr Bau“, sagte sie mit einem Lächeln. „Fräulein ist drinnen. Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich.“
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Als Bau-yü mit ihr hineinging, konnte man Dai-yüs Stimme aus dem inneren Zimmer hören:
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„Dsï-djüan, bitte sag’ Herrn Bau-yü, er solle hereinkommen und einen Moment warten.“
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Bau-yü hielt an, um ein paar Papierrollen mit neu geschriebener Kalligraphie zu bewundern, die auf jeder Seite des Flures hingen, als er auf das innere Zimmer zuging. Die Kalligraphien sahen neu aus und waren mit schwarzvioletter Tinte aufgetragen und mit goldenen Spritzern und Wolken und Drachenmustern verziert. Die zwei Zeilen lauteten:
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Durch den grünen Fensterrahmen scheint der Mond noch immer hell;
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in Bambuschroniken sind die Ahnen nur leere Worte.
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Bau-yü las sie mit einem anerkennenden Lächeln und ging rasch durch in das innere Zimmer.
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„Was machst du, Kusinchen?“, fragte er mit einem Lächeln. Dai-yü stand auf, tat ein paar Schritte auf ihn zu, lächelte und sagte:
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„Bitte setz’ dich! Ich schreibe gerade dieses Sutra ab. Ich muß nur noch zwei Zeilen machen. Ich mache sie nur noch fertig, und dann können wir hier sitzen und reden.“
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Sie bat Hsüä-yän, ihm etwas Tee einzuschenken.
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„Bitte schreib weiter“, sagte Bau-yü, „nimm keine Rücksicht auf mich.“
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Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Bild an der Stirnseite des Zimmers angezogen. Es war eine vertikale Rolle, die Chang E zeigte, die Mondgöttin, mit einem ihrer Helfer und einer anderen Fee, auch mit einem Helfer, der etwas trug, das wie ein langes Gewand aussah. Neben den Wolken, die die Figuren umrandeten, gab es da keine weiteren Hintergrunddetails irgendwelcher Art. Der schlichte, ungezierte Bildstil folgte dem des Meistermalers Li Lung-miän. Es hatte den Titel „Der Wettkampf in der Kälte“, dieser Titel war im bafen-Kalligraphiestil der Tjin-Dynastie geschrieben.
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„Hast du das Bild von dem ‚Wettkampf in der Kälte‘ vor kurzem aufgehängt, Kusinchen?“, fragte Bau-yü.
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„Ja. Ich erinnerte mich gestern daran, während sie das Zimmer aufräumten, und daher holte ich es heraus und bat sie, es aufzuhängen.“
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„Was ist die Andeutung in dem Titel?“
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Dai-yü lachte. „Sicher weißt du das! Es ist ein so bekanntes Gedicht, da fragst du noch?“ –
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„Ich kann mich im Moment nicht daran erinnern,“ beichtete Bau-yü, eher schüchtern lächelnd, „bitte sag’ es mir.“
 +
„Wie könntest du die Verse [von Li Schang-yin] nicht gehört haben:
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Die jungen Damen Frost und Mond ertragen gemeinsam die Kälte,
 +
wetteifern mit ihrer Anmut und Schönheit...?“
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„Natürlich!“, rief Bau-yü. „Ausgezeichnet! Und was für ein außergewöhnliches Thema! Das ist auch die perfekte Jahreszeit, es aufzuhängen.“
 +
Er fuhr fort durch das Zimmer zu schlendern, inspizierte es auf eine lockere Art, links und rechts schauend, und Hsüä-yän brachte ihm eine Tasse Tee. Er trank diesen Tee, und nach ein paar Minuten war Dai-yü mit dem Abschreiben des Sutra, das sie kopierte, fertig und stand auf.
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„Vergib mir“, sagte sie.
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„Das Kusinchen ist immer noch so höflich“, antwortete er mit einem Lächeln.
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Er beobachtete, daß sie eine kleine blaßblaue bestickte Pelzjacke sowie eine Hermelin-besetzte Stola trug, während ihr Haar in einer Alltagsfrisur hochgesteckt war, in der keine Blumen steckten, sondern eine flache Haarnadel aus purem Gold. Ihr wattierter Rock war rosa und mit Blumen bestickt. Wie anmutig sie wirkte, wie ein Jadebaum, der sich an den Wind lehnt; wie behutsam, wie der Duft einer Lotusblume, deren Blüte noch vom Morgentau feucht ist!
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„Hast du deine Zither überhaupt die letzten Tage gespielt?“, fragte er.
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„Nicht mal ein oder zwei Tage. Dieses Sutra-Abschreiben kühlt meine Hände zu sehr. Wie könnte ich dann auch noch Instrumente spielen.“ –
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„Vielleicht ist es gut so“, sagte Bau-yü. „Ich weiß, daß das Zitherspiel eine feine Sache ist, in seiner Art, aber ich sehe nicht, daß es irgendetwas nützt. Ich habe noch nie gehört, daß es Reichtum oder ein langes Leben beschert; es scheint nur Sorge und Furcht zu bringen. Außerdem, wenn man Instrumente spielt, muß man sich stets damit beschäftigen, das ist doch sehr mühsam. Da die Kusine so eine zierliche Person ist, sollte sie sich gar nicht damit auseinandersetzen.“
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Dai-yü lächelte etwas verächtlich.
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„Ist das die Zither, die du spielst?“ fuhr Bau-yü fort und zeigte auf ein an der Wand hängendes Stück. „Ist sie nicht zu kurz?“ –
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„Nicht wirklich“, erklärte Dai-yü. „Als ich als kleines Mädchen damit anfing, das zu lernen, konnte ich die Griffe einer normalen Zither nicht erreichen, so daß wir diese hier speziell machen ließen. Die Vorfahren sagen, das beste Holz sei das durch Feuer gehärtete Wutong-Holz. Meine Zither ist zwar nicht aus diesem Holz, aber es hat eine Kranichfee und einen Phönixschwanz und das Drachenbecken-Tonloch und den Gänsefuß-Abstimmstöpsel. Alle sind in der richtigen Größe. Und schau’ dir die Risse im Lack an. Sieht das für dich nicht auch wie Kuh-Haarrisse aus, was ja ein Zeichen für eine feine Verarbeitung ist? Das sorgt für einen klaren Ton.“
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„Hast du in den letzten Tagen irgendwelche Gedichte geschrieben, Kusinchen?“, fragte Bau-yü weiter.
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„Nicht viele, seit unserem letzten Clubtreffen.“
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Er lachte. „Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Ich hörte dich singen: Wie könnte mein bescheidenes Herz in den Himmel aufsteigen, um dem Mond zu begegnen? Als du dein Zither-Spiel mit diesen Versen untermaltest, klang es besonders hell. Hast du das gesungen?“
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Dai-yü: „Wie kommt es, daß du es gehört hast?“
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Bau-yü: „Ich hörte dich spielen, als ich vor ein paar Tagen von der Laube des Knöterichwindes zurückkehrte. Die Musik war so schön, und ich wollte dich nicht unterbrechen, also saß ich einfach da und habe dir zugehört und ging dann weiter. Da ist eine Sache, die ich dich fragen wollte. Mir ist aufgefallen, daß du im ersten Teil einen Regeltonreim benutzt, aber plötzlich zu einem abgestuften Ton am Ende wechselst. Warum tust du das?“
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Dai-yü: „Das ist eben freie Komposition. Man muß nicht irgendwelche Regeln aufrechterhalten. Man geht eben dahin, wohin einen die Eingebung trägt.“
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Bau-yü: „Ich verstehe! Schade, daß ich keine Musik verstehe. Dann habe ich eine Weile als Banause zugehört.“
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Dai-yü: „Wahre Musikliebhaber waren immer selten.“
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Bau-yü merkte, daß er, ohne es zu wollen, das Falsche gesagt hatte, und hatte Angst, daß es Dai-yü verletzt hatte. Er saß eine Weile einfach da. Es gab so viel, was er sagen wollte, aber nun war er viel zu nervös, um seinen Mund wieder zu öffnen. Dai-yü hatte auch gesprochen, ohne vorher nachzudenken und beim Nachdenken wünschte sie, daß sie nicht so beißend gewesen wäre und zog sich still in ihre Schale zurück. Ihre Stille nährte Bau-yüs eigene Zweifel, und schließlich stand er etwas verlegen auf und sagte:
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„Ich muß mich auf den Weg machen und die dritte jüngere Schwester Tan-tschun besuchen. - Bitte steh nicht auf.“ –
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„Grüße sie von mir, wenn du sie siehst, ja?“, sagte Dai-yü.
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„Ja“, antwortete er und ging. Dai-yü führte ihn zur Tür, kehrte dann zurück und blieb vor sich hinbrütend alleine dort sitzen. ,Bau-yü war so merkwürdig in letzter Zeit. Er scheint nicht zu sagen, was er denkt. Er ist mal kalt, mal warm. Ich wundere mich, was das wohl bedeuten mag?‘
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Dsï-djüan kam herein. „Sie sind schon fertig, Herrin? Soll ich Ihre Schreibsachen jetzt wegräumen?“ –
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„Ich werde wohl nicht mehr weitermachen“, antwortete Dai-yü, „du kannst sie wegräumen.“
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Dai-yü ging in das innere Zimmer und legte sich auf ihr Bett, langsam zergliederte sie alles in ihren Gedanken. Dsï-djüan kam herein, um zu fragen, ob sie etwas Tee mochte.
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„Nein, danke. Ich möchte nur alleine sein und mich für eine Weile hinlegen. Geh ruhig.“
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Dsï-djüan ging hinaus, um Hsüä-yän zu finden, die in der Tür stand und merkwürdig vor sich hin starrte. Sie ging auf sie zu und sagte: „Was ist los mit dir?“
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Hsüä-yän war in Gedanken verloren, und die Frage brachte sie auf.
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„Schrei’ nicht so! Ich habe etwas sehr Komisches gehört. Wenn ich dir das sage, musst du versprechen, keinem Menschen auch nur ein Wort zu sagen.“
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Als sie das sagte, deutete Hsüä-yän mit den Lippen zu Dai-yüs Schlafzimmer hinüber, dann ging sie los und bedeutete Dsï-djüan nickend, ihr zu folgen. Sie erreichten den Fuß der Terrasse, und sie fuhr im Flüsterton fort: „Liebe Schwester, hast du gehört, daß Bau-yü verlobt ist und heiraten wird?“
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Dsï-djüan starrte sie an. „Das glaube ich dir nicht! Das kann nicht wahr sein!“ –
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„Doch ist es! Fast jeder weiß es, außer uns.“
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„Wer hat dir das erzählt?“
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„Schï-schu hat es mir erzählt. Dieses Mädchen ist die Tochter eines Präfekten. Sie ist sehr hübsch und kommt aus einer wohlhabenden Familie.“ –
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Als Hsüä-yän sprach, hörte Dsï-djüan Dai-yü husten und dachte, sie könnte sie wieder aufstehen hören. Aus Angst, sie könnte herauskommen und ihnen zuhören, nahm sie Hsüä-yän an der Hand und gab ihr zu verstehen, leise zu sein. Sie sah hinein, aber alles schien ruhig zu sein. Sie fragte Hsüä-yän ganz leise: „Was genau hat Schï-schu gesagt?“
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„Erinnerst du dich“, antwortete Hsüä-yän, „vor ein oder zwei Tagen hast du mich zur dritten Herrin geschickt, um ihr für irgendetwas zu danken. Nun, sie war nicht zu Hause, aber Schï-schu war da. Wir fingen an zu reden; und eine von uns erwähnte zufällig den zweiten Herrn Bau und seine freche Art. Sie sagte: „Wann wird der zweite Herr Bau endlich erwachsen? Er nimmt nichts ernst. Wenn man bedenkt, daß er verlobt ist und bald heiraten wird – und immer noch so dumm, wie eh und jeh!“ Ich fragte sie, ob die Verlobung sicher sei, und sie sagte, daß es so sei und daß der Vermittler ein Herr Wang sei, der eine enge Beziehung zur Ning-guo-Seite<ref>An einigen Stellen steht hier im chinesischen Original die Bezeichnung 东府 (Östliches Anwesen). Zur besseren Orientierung des Lesers wurde hier (wie bei Schwester Feng, die immer als Hsi-feng übersetzt wird) die einheitliche Übersetzung Ning-guo beibehalten (Ausnahme: wenn die Himmelsrichtung eine Bedeutung hat).</ref> habe, deshalb muß man auch nicht noch einmal überprüfen, ob die Familie so reich ist; wenn die darüber sprechen, wird es wohl so sein.“
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Dsï-djüan drehte ihren Kopf nachdenklich zur Seite. ‚Wie merkwür-dig!‘, dachte sie bei sich.
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„Warum hat das niemand in der Familie erwähnt?“, fragte sie Hsüä-yän.
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„Das ist die Idee der gnädigen Frau“,  so sagte Schï-schu. „Damit Bau-yü nicht von seinen Studien abgelenkt wird. Ich mußte ihr versprechen, keiner Menschenseele etwas davon zu sagen, und sagte, sie würde mich verantwortlich machen, wenn auch nur ein Wort herauskommen sollte.“
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Hsüä-yän zeigte zum Haus.
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„Deswegen habe ich es nicht vor ihr erwähnt. Aber als du heute fragtest, dachte ich, ich könnte dir die Wahrheit erzählen.“
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Während sie sprach, ahmte plötzlich der Papagei laut eine menschliche Stimme nach: „Das Fräulein ist zurück! Serviert Tee!“
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Dsï-djüan und Hsüä-yän erschraken sich, drehten sich herum und erwarteten, Dai-yü zu sehen. Aber sie sahen niemanden, und als sie ihren Fehler erkannten, beschimpften sie den Vogel und gingen hinein. Sie fanden Dai-yü auf ihrem Stuhl. Sie war außer Atem und hatte sich offensichtlich gerade erst hingesetzt. Dsï-djüan fragte eher linkisch, ob sie etwas Tee oder Wasser möchte.
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„Wo warst du all die Zeit?“, fragte Dai-yü, „niemand kam, als ich rief.“
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Sie ging zurück zum Ofenbett und legte sich noch einmal hin, mit dem Gesicht zu Wand, und bat sie, die Bettvorhänge herunterzulassen. Das taten sie und verließen das Zimmer, wobei jede heimlich bei sich dachte, daß sie sie gehört hatte, aber keine hatte den Mut, es auszusprechen.
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Dai-yü brütete in ihrem Bett, sie hatte sie draußen flüstern gehört und war in Hörweite zur Tür gekrochen. Sie konnte keine Details des Gesprächs verstehen, aber der Hauptteil war deutlich. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen großen Ozean gefallen. Die Prophezeiung aus ihren Albtraum wurde also doch erfüllt. Bitterkeit und Trauer überkamen sie. Da war nur ein Ausweg übrig. Sie mußte sterben. Sie wollte nicht leben, um mitansehen zu müssen, wie dieses ungeplante Ereignis stattfand. Sie fühlte sich bedeutungslos. Sie hatte keine eigenen Eltern, wo sie hätte hingehen können. Sicher, wenn sie sich von nun an täglich mehr vernachlässigen würde, würde sie nach einem halben oder einem Jahr ihre Gesundheit ausreichend untergraben haben, um sorglos im Himmel zu sein?
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Als sie diesen Beschluß gefaßt hatte, ohne sich damit zu bemühen, die Decke überzuziehen oder Extrakleidung für die Nacht anzuziehen, schloß sie ihre Augen und tat, als würde sie schlafen. Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen mehrere Male herein, um ihr aufzuwarten, aber sie sahen kein Zeichen der Bewegung und trauten sich nicht, sie zu stören, selbst nicht zum Abendessen. Als die Lampen später angezündet wurden, lugte Dsï-djüan durch den Vorhang und sah, daß sie eingeschlafen war, ihre Decke in einen Haufen an ihren Füßen zusammengeschoben. Beängstigt, sie könne eine Erkältung bekommen, deckte Dsï-djüan sie sanft zu. Dai-yü lag still, bis sie gegangen war, warf die Decke dann wieder von sich.
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Währenddessen fragte Dsï-djüan Hsüä-yän wieder: „Bist du sicher, daß du das nicht alles erfunden hast?“ –
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„Natürlich habe ich das nicht!“, antwortete Hsüä-yän etwas entrüstet.
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Dsï-djüan: „Aber wie hat Schï-schu das herausgefunden?“ Hsüä-yän: „Es war Hsiau-hung, die es gehört hatte.“
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Dsï-djüan: „Ich denke, das Fräulein muß uns gehört haben. Ich weiß, daß sie irgendetwas sehr aufgeregt hat. Wir müssen vorsichtig sein und es nie wieder erwähnen.“
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Die beiden Dienstmädchen räumten auf und machten sich für das Bett fertig. Dsï-djüan ging hinaus, um zu sehen, wie es Dai-yü ging, und fand die Decke in demselben zusammengeschoben Haufen wie zuvor wieder. Sie deckte sie wieder leicht zu. Die Nacht verging ohne weitere Ereignisse.
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Früh am nächsten Morgen stand Dai-yü auf, ohne jemanden zu wecken, und saß gedankenverloren alleine da. Dsï-djüan erwachte und sah, daß sie bereits auf war und sagte überrascht: „Sie sind diesen Morgen sehr früh auf, Herrin!“ –
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„Natürlich“, antwortete Dai-yü sehr kurz, „früh eingeschlafen, früh aufgewacht.“
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Dsï-djüan zog sich schnell an und weckte Hsüä-yän, und die zwei warteten auf Dai-yü an ihrem Bad. Sie saß da und starrte sich im Spiegel an. Tränen begannen ihr Gesicht hinunterzufließen und ihr Seidenschal war schnell durchnäßt. Mit den Worten des Dichters:
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Ein Schatten, schwankend-zierlich,
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sich spiegelnd im Frühlingswasser:
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So: Mitleid fließt
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von Schatten zum Spiegelbild
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und wieder zurück
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Dsï-djüan stand daneben und traute sich nicht, sie zu beruhigen, aus Angst, sie könnte das Falsche sagen und die alte Verletzung wieder aufreißen. Dai-yü saß eine erhebliche Weile bewegungslos da, dann machte sie sich einfach zurecht, nur die Tränen in ihren Augen versiegten nicht. Als sie fertig war, blieb sie für einige Zeit sitzen, wo sie saß und bat dann Dsï-djüan, die tibetischen Räucherstäbchen zu entzünden.
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„Aber Fräulein“, protestierte Dsï-djüan, „Sie haben kaum geschlafen. Warum wollen sie denn die Räucherstäbchen angezündet haben? Sie werden doch sicherlich nicht wieder anfangen, die Sutren abzuschreiben, oder doch?“
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Dai-yü nickte.
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„Aber Sie sind so früh aufgewacht, Fräulein. Wenn Sie nun anfangen zu schreiben, werden Sie sich verausgaben.“ –
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„Was macht das aus? Je eher ich das fertig mache, desto besser. Ich will das nur machen, um mich selbst abzulenken. Wenn Ihr später meine Abschriften lest, werdet Ihr Euch an mich erinnern.“
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Als sie das sagte, begannen Tränen an ihren Wangen herunterzufließen, und Dsï-djüan war nicht länger fähig´, sie zu trösten, sondern brach selbst in Tränen aus.
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Dai-yü hatte entschieden, daß sie von diesem Tag an freiwillig ihre Gesundheit zerstören würde. Sie verlor bald ihren Appetit und fing langsam an dahinzusiechen. Bau-yü besuchte sie, wann immer er dies nach der Schule konnte, aber obwohl da eine Million Dinge waren, die sie ihm sagen wollte, war ihr bewußt, daß sie nicht länger Kinder waren. Dies verbot ihr, ihre Gefühle für ihn zu zeigen und ihn in ihrer üblichen Art zu necken. In ihrem Inneren hatten sich soviele Sorgen angestaut, daß sie kein Wort mehr aussprechen konnte. Bau-yü für seinen Teil hätte gerne ernsthaft mit ihr gesprochen  und  spendete  ihr  aufrichtigen  Trost;  aber  er  hatte Angst,  ihre
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Krankheit zu verschlimmern, indem er sie auf irgendeine Weise beleidigte.  Deshalb trösteten sie sich immer, wenn sie sich trafen, gegenseitig mit oberflächlichen Worten. Ihr Fall war ein echter Fall, in dem Liebe im Extrem zur Entfremdung führte.
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Die Herzoginmutter und die Dame Wang zeigten mütterliches Mitleid für Dai-yü, was jedoch nicht weiter ging, als den Arzt zu rufen. Es hieß nur, es sei eine chronische Krankheit, woher hätte man von ihrem Herzschmerz wissen sollen? Dsï-djüan und Hsüä-yän waren viel zu verängstigt, um ihnen ihnen die Wahrheit zu sagen. Dai-yü wurde von Tag zu Tag schwächer. Nach zwei Wochen war ihr Magen so weit zusammengeschrumpft, daß sie nicht einmal mehr einfache Reissuppe zu sich zu nehmen konnte. Jede Unterhaltung, die sie während des Tages hörte, schien für sie irgendwie mit Bau-yüs Verlobung zusammenzuhängen. Jeder Diener, den sie vor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah, schien in die Vorbereitungen einbezogen zu sein. Als Frau Hsüä sie besuchen kam, bestätigte die Abwesenheit Bau-tschais ihre Vermutung. Sie begann zu hoffen, daß niemand sie besuchen würde. Sie weigerte sich, die Medizin zu nehmen. Ihr einziger, übriggebliebener Wunsch war, allein gelassen zu werden und so schnell wie möglich zu sterben. In ihren Träumen hörte sie ständig, wie Menschen eine neue „zweite Frau Bau“ ansprachen. Ihre Gedanken waren ganz besessen von der Idee, wie der sprichwörtliche Trinker, der, wenn er einen gewölbten Bogen in seiner Tasse sieht, davon überzeugt ist, eine Schlange getrunken zu haben.
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Eines Tages hörte sie sogar auf zu essen. Nach ein paar Wochen dieses selbstauferlegten Hungerns sah es aus, als würde sie bald sterben. Sogar einfache Reissuppe war nun eine Unmöglichkeit. Ihre Atmung war nur schwer wahrnehmbar. Sie hing nun am seidenen Faden.
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Um zu erfahren, ob sie diese Krise überleben wird oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel.
  
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== Anmerkungen ==
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 89

人亡物在公子填词 / 蛇影杯弓颦卿绝粒

Unser Held sieht das Werk einer vergangenen Liebe und ist so bewegt, daß er eine Ode verfaßtDai-yü[1] fällt hysterischer Angst zum Opfer und beschließt zu verhungern.

Wir haben im letzten Kapitel gesehen, wie Hsi-fëng sich zwang aufzustehen und brütend in ihren Gemächern saß, als plötzlich ein Mädchen mit Neuigkeiten hereinkam. „Um welche Amtssache geht es?“, fragte sie alarmiert. „Ich weiß es nicht, Herrin“, antwortete das Mädchen, „einer der Torwächter vom zweiten, inneren Tor berichtete, daß es für euren Herrn wichtige Angelegenheiten gebe. Die gnädige Frau schickte mich her, um nach dem zweiten Herrn [Liän] zu fragen.“ Hsi-fëng wurde langsam ruhiger, als sie erfuhr, daß es nur eine Ministeriumsangelegenheit war. „Sag’ der gnädigen Frau“, antwortete sie, „daß der zweite Herr [Liän] letzte Nacht geschäftlich unterwegs war und noch nicht zurückgekehrt ist. Sie sollte besser nach dem gnädigen Herrn Dschën im anderen Haus schicken.“ – „Ja, Herrin.“ Das Mädchen ging. Nun kam Djia Dschën hinüber zum Jung-guo-Anwesen, um den Boten des Ministeriums zu empfangen. Als er die Fakten herausfand, berichtete er dies der Dame Wang. „Der Bote sagt, das gestern der Minister zum Schutz des Gelben Flusses am südlichen Fluß eine Versammlung abgehalten habe, weil der Deich gebrochen sei. Es gibt Überflutungen mehrerer Provinzen, Präfekturen, Gebiete und Distrikte. Sie sammeln Geld für den Wiederaufbau des Stadtwalls. Das bedeutet, daß alle Beamten des Ministeriums mitarbeiten, deshalb hat das Ministerium mich hergeschickt, um Eurem Herrn Bescheid zu sagen.“ Er sagte das und ging. Djia Dschëng wurde sofort bei seiner Rückkehr informiert und war fast den ganzen Winter täglich sehr beschäftigt und verbrachte fast die ganze Zeit im Ministerium. Das Studium für Bau-yü wurde immer entspannter. Er hatte Angst, Djia Dschëng [sein Vater] könnte ihn dabei entdecken. Das bewirkte, daß er stets zur Schule ging und daß er nicht mehr so viel Zeit mit Dai-yü verbrachte. Eines Morgens mitten im zehnten Mondmonat, stand Bau-yü auf und bereitete sich darauf vor, wieder in die Schule zu gehen. Das Wetter wurde plötzlich kälter, und er sah Hsi-jën mit einem Bündel Winterkleidung kommen. „Es ist sehr kalt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“ Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls der zweite Herr [Bau-yü] sich umziehen möchte.“ Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen. Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt. „Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum. „Es wird kälter, der zweite Herr. Sie ziehen besser etwas Wärmeres an.“ Bau-yü nickte und sah, daß Bee-ming eine Jacke in der Hand hielt. Der Anblick des Stoffes hatte einen interessanten Effekt auf Bau-yü, der ihn anstarrte, als wäre er in Trance. Die anderen Junge schauten fasziniert hin. Es war der Goldpfau-Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte.

„Warum mußtest du das mitbringen?“, fragte Bau-yü. „Wer hat dir das gegeben?“

Er hatte es sofort als den Goldpfau-Umhang erkannt, den Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte. „Die Mädchen haben ihn zusammengerollt und mir befohlen, ihn mitzunehmen“, antwortete Bee-ming. „Nun, mir ist nicht sehr kalt“, sagte Bau-yü, „ich glaube nicht, daß ich ihn jetzt tragen werde. Du kannst ihn genausogut wieder zusammenrollen.“ Der Lehrer sah, daß Bau-yü zögerte, einen solch kostbaren Stoff anzulegen, und nahm freudig diesen Beweis für Sparsamkeit zur Kenntnis. „Bitte legt ihn an, zweiter Herr!“, bat Bee-ming, „um meinetwillen! Sie wissen, daß ich Ärger bekomme, wenn der zweite Herr eine Erkältung bekommt.“ Mit großem Unwillen legte Bau-yü den Umhang an, setzte sich wieder und starrte mürrisch auf seine Bücher. Der Lehrer nahm an, daß er sich wieder einmal auf die Studien konzentrierte und beachtete den Vorfall nicht weiter. Als an diesem Nachmittag die Schulstunden für den Tag vorüber waren, sagte Bau-yü, er fühle sich nicht gut, und bat, von der Schule für den nächsten Tag entschuldigt zu sein. Dai-ju war, wenn auch spät, so weit gekommen, seine Schüler nachsichtiger zu sehen, mehr als Kameraden, die ihn sein eigenes Alter vergessen ließen. Seine eigene Gesundheit war schlecht, und er war froh, die Last der Arbeit durch vernünftige Einteilung der Krankentage zu verringern. Außerdem wußte er, daß Djia Dschëng wichtigere Dinge im Kopf hatte und daß die Herzoginmutter immer ihren liebsten Enkel verhätschelte. Mit einem Nicken gab er Bau-yü zu verstehen, daß seine Anfrage bewilligt war. Bau-yü ging sofort nach Hause. Nachdem er kurz nach Dame Wang und der Herzoginmutter geschaut hatte, wobei keine von beiden seine Krankheitsausrede hinterfragte, kehrte er zu seinem Hof zurück und sah Hsi-jën und die anderen. Er lächelte und plauderte nicht wie sonst, sondern legte sich, angezogen wie er war, auf das Ofenbett. „Abendessen ist fertig“, sagte Hsi-jën, „wollen Sie es jetzt, oder wollen Sie bis später warten?“ Bau-yü: „Ich werde nichts essen. Ich fühle mich nicht gut. Iß nur dein eigenes.“ Hsi-jën: „Nun, Sie könnten wenigstens den schönen Umhang abnehmen. Sie könnten ihn verkrumpeln und ruinieren.“ – „Ich will ihn anbehalten.“ – „Es ist nicht nur der Umhang, über den ich mir Sorgen mache. Sehen Sie, wie vorsichtig er genäht wurde. Sie werden die Stiche ruinieren.“ Das rührte Bau-yü an einem wunden Punkt. Er gab einen tiefen Seufzer von sich. „Oh, na gut! Dann räume ihn weg. Wickel ihn vorsichtig ein. Ich werde ihn nie wieder tragen.“ Er stand auf, um den Umhang abzulegen. Hsi-jën kam herüber, um ihn ihm abzunehmen, aber er hatte bereits selbst angefangen, ihn zu falten. „Warum ist der zweite Herr heute so arbeitsam?“, fragte sie überrascht. Er gab keine Antwort, sondern faltete weiter. „Wo ist die Hülle?“, fragte er. als er fertig war. Schë-yüä gab sie ihm, und als er vorsichtig den Umhang einwickelte, wendete sie sich an Hsi-jën und zwinkerte ihr zu. Bau-yü aber bemerkte beide nicht und setzte sich, er sah sehr niedergeschlagen aus. Die Uhr auf dem Regal läutete, und er sah hinab auf seine Uhr. Es war bereits halb sechs. Kurz danach kam eines der jungen Dienstmädchen herein und zündete die Lampen an. „Wenn Sie nicht richtig essen, dann nehmen Sie wenigstens einen Schluck Reisbrei“, bat Hsi-jën. „Wenn Sie mit einem leeren Magen zu Bett gehen, können Sie leicht zuviel Yin bekommen und Fieber kriegen. Und bedenken Sie den Ärger, den wir dann haben werden.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht hungrig. Ich würde mich noch schlimmer fühlen, wenn ich etwas herunter würgen müßte.“ – „Nun, in dem Fall“, sagte Hsi-jën, „sollten Sie wenigstens früh schlafen.“ Sie und Schë-yüä machten sein Bett, und Bau-yü legte sich hin. Er drehte und wälzte sich im Bett, aber konnte nicht einschlafen. Endlich, bei Tagesanbruch schlief er ein, nur um keine Stunde später vorzeitig wieder aufzuwachen. „Ich hörte, wie Sie sich bis in den frühen Morgen im Bett wälzten“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte Sie nicht stören. Dann schlief ich selbst ein. Sind Sie denn am Ende doch noch eingeschlafen?“ – „Ein bißchen. Aber ich bin fast sofort wieder aufgewacht.“ – „Fühlen Sie sich nicht wohl?“ – „Nein. Mein Herz ist nur so unruhig.“ – „Werden Sie heute zur Schule gehen?“ – „Nein. Ich bat gestern darum, den Tag frei zu bekommen. Ich dachte, vielleicht gehe ich im Garten spazieren, und versuche mich ein bißchen zu entspannen. Aber ich fürchte mich vor der Kälte. Kannst du Bescheid sagen, daß man ein Zimmer aufräumt, Räucherstäbchen dort anzündet und Papier, Pinsel und Tusche dort bereitstellen soll? Ich werde euch heute nicht brauchen. Ich möchte nur für mich eine Weile ruhig da sitzen. Sag’ den anderen, daß ich nicht gestört werden will.“ – „Natürlich wird Sie keiner stören, wenn sie ruhig studieren möchten“, sagte Schë-yüä, sobald sie das hörte. „Ich denke, das ist eine wunderbare Idee“, sagte Hsi-jën, „sie werden sich nicht erkälten, lernen einen Tag für sich und Ihr Herz wird stetiger werden.“ Sie fügte hinzu: „Aber bitte, wenn Sie sich nicht danach fühlen, ein vernünftiges Essen zu sich zu nehmen, was hätten Sie dann denn gerne? Sagen Sie es mir jetzt, und ich werde es in der Küche vorbereiten lassen.“ – „Was immer am leichtesten ist“, antwortete Bau-yü. „Macht nicht zuviel Arbeit. Es wäre nett, ein paar Früchte im Zimmer zu haben, wegen des Geruchs.“ – „Welches Zimmer bevorzugen Sie?“, fragte Hsi-jën. „Die sind alle eher nicht sauber, außer Tjing-wëns altes Zimmer, welches schon eine ganze Weile leer steht. Das wäre aber vielleicht etwas kalt und ruhig.“ – „Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „tragt den Kohleofen da hinein.“ Hsi-jën gab die Anweisungen, dies zu tun. Sie sah ein anderes Dienstmädchen, das mit einem Tablett hereinkam. Darauf stand eine Schüssel und lagen ein Paar Eßstäbchen aus Elfenbein, welche sie Schë-yüä gab und sagte: „Hier ist das, was Fräulein Hua von der Küche bestellt hat.“ Schë-yüä nahm das Tablett und sah, daß die Schüssel eine Vogelnestsuppe enthielt. „Ist das das, was Sie bestellt haben?“, fragte sie Hsi-jën. „Ja“, antwortete Hsi-jën mit einem Lächeln. „Ich dachte, da der zweite Herr letzte Nacht nichts zu essen hatte und da er die meiste Zeit der Nacht damit verbracht hatte, sich im Bett zu wälzen, würde er sich heute Morgen sehr leer fühlen, also schickte ich die jüngeren Mädchen, dies hier speziell aus der Küche zu holen.“ Sie befahl dem Mädchen, einen Tisch zu bringen, und Schë-yüä servierte Bau-yü die Suppe. Als er diese getrunken hatte und seinen Mund spülte, kam Tjiu-wën herein: „Das Zimmer ist fertig“, sagte sie. „Wir warten, damit das Feuer richtig brennt und die Luft klar wird, und dann können Sie hineingehen, der zweite Herr.“ Er nickte, aber er war zu sehr in Gedanken verloren, um zu antworten. Kurz darauf kam ein Mädchen herein, um zu sagen, daß seine Schreibsachen ausgelegt wurden. Bau-yü sagte: „Ich weiß.“ Er wurde sofort von einem anderen Mädchen abgelöst, das das fertige Frühstück ankündigte und fragte, wo es bereit gestellt werden soll. „Oh, bring es nur her“, sagte Bau-yü. „Es gibt keinen Grund für all die Mühe.“ Das Mädchen ging hinaus und kehrte mit dem Frühstück zurück. Bau-yü lächelte, wendete sich an Schë-yüä und Hsi-jën und sagte: „Ich fühle mich so traurig. Ich denke wirklich nicht, daß ich das allein herunterkriege. Warum setzt ihr zwei euch nicht zu mir? Das würde das Essen leckerer machen, und dann würde ich wahrscheinlich mehr zu essen.“ Schë-yüä lächelte. „Der zweite Herr wäre zwar froh, aber wie könnten wir es wagen?“ „Ich stimme da nicht überein“, sagte Hsi-jën, „wir haben früher oft Wein zusammen getrunken. Ich denke, es könnte als Ausnahme gelten, um ihn aufzuheitern. Doch natürlich käme das als ein reguläres Treffen nicht in Frage.“ Also setzten sich die drei, Bau-yü am Kopf und die zwei Mädchen an den Seiten des Tisches. Nach dem Frühstück brachte ein junges Dienstmädchen den Tee, um den Mund auszuspülen. Die zweibeaufsichtigten das Abräumen des Tisches. Der Tee wurde serviert, und Bau-yü saß wieder in nachdenklicher Stille dort. „Ist das Zimmer endlich fertig?“, fragte er schließlich. „Gerade kam doch schon jemand, um Ihnen das zu sagen.“, sagte Schë-yüä, „Was fragst du das jetzt schon wieder!“ Nachdem sie dort noch eine Weile länger gesessen hatten, machte er sich auf den Weg hinüber zu [Tjing-wëns] Zimmer. Nachdem er ein Räucherstäbchen angezündet und die Früchte auf den Tisch gelegt hatte, entließ er alle Mädchen und schloß die Tür. Hsi-jën und die anderen standen mit angehaltenem Atem draußen. Er wählte ein Stück rosa Papier mit goldenen Spritzern und Blumenmustern in den Ecken aus, betete kurz, hob seinen Pinsel und begann zu schreiben: Vom Herrn der Freude am Roten ist diese Ode – gleich zu verbrennen! – Schwester Tjing gewidmet mit einem Trunk von Tee und dem Duft verbrannter Räucherstäbchen in der Hoffnung daß sie dir gefällt. Oh Gefährtin, oh unzertrennliche Freundin! Daß in einem so schrecklichen Sturm dein Leben enden mußte! Deine Stimme ging fort, ihre sanfte Musik wird niemand mehr vernehmen. Gen Osten strömt der Fluß, für immer, und kehrt niemals zurück. In meinen Träumen wird nie wieder Dein Antlitz aufscheinen: Doch seh' ich deinen Umhang aus Goldpfauenfedern, bringt jeder Herzschlag mir Kummer. Als er mit dem Schreiben fertig war, nahm Bau-yü ein brennendes Räucherstäbchen, hielt das Papier daran und verbrannte die Ode. Er saß still, bis das Bündel der Räucherstäbchen herabgebrannt war, dann öffnete er die Tür und ging hinaus. „Warum kommen Sie schon wieder so früh heraus?“, fragte Hsi-jën. „Sind sie verrückt vor Kummer?“ Er heuchelte ein Lachen und gab vor: „Ich war vorher etwas unruhig. Ich mußte nur ein wenig an einem ruhigen Ort alleine sein. Ich fühle mich jetzt besser. Ich denke, ich werde etwas spazieren gehen.“ Er ging sofort aus dem Haus in den Garten. Als er die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte, rief er vom Hof: „Ist Kusine Lin zu Hause?“ „Wer ist das?“, antwortete Dsï-djüan. Sie hob den Türvorhang und sah ihn dort stehen. „Oh, Sie sind es, zweiter Herr Bau“, sagte sie mit einem Lächeln. „Fräulein ist drinnen. Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich.“ Als Bau-yü mit ihr hineinging, konnte man Dai-yüs Stimme aus dem inneren Zimmer hören: „Dsï-djüan, bitte sag’ Herrn Bau-yü, er solle hereinkommen und einen Moment warten.“ Bau-yü hielt an, um ein paar Papierrollen mit neu geschriebener Kalligraphie zu bewundern, die auf jeder Seite des Flures hingen, als er auf das innere Zimmer zuging. Die Kalligraphien sahen neu aus und waren mit schwarzvioletter Tinte aufgetragen und mit goldenen Spritzern und Wolken und Drachenmustern verziert. Die zwei Zeilen lauteten: Durch den grünen Fensterrahmen scheint der Mond noch immer hell; in Bambuschroniken sind die Ahnen nur leere Worte. Bau-yü las sie mit einem anerkennenden Lächeln und ging rasch durch in das innere Zimmer. „Was machst du, Kusinchen?“, fragte er mit einem Lächeln. Dai-yü stand auf, tat ein paar Schritte auf ihn zu, lächelte und sagte: „Bitte setz’ dich! Ich schreibe gerade dieses Sutra ab. Ich muß nur noch zwei Zeilen machen. Ich mache sie nur noch fertig, und dann können wir hier sitzen und reden.“ Sie bat Hsüä-yän, ihm etwas Tee einzuschenken. „Bitte schreib weiter“, sagte Bau-yü, „nimm keine Rücksicht auf mich.“ Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Bild an der Stirnseite des Zimmers angezogen. Es war eine vertikale Rolle, die Chang E zeigte, die Mondgöttin, mit einem ihrer Helfer und einer anderen Fee, auch mit einem Helfer, der etwas trug, das wie ein langes Gewand aussah. Neben den Wolken, die die Figuren umrandeten, gab es da keine weiteren Hintergrunddetails irgendwelcher Art. Der schlichte, ungezierte Bildstil folgte dem des Meistermalers Li Lung-miän. Es hatte den Titel „Der Wettkampf in der Kälte“, dieser Titel war im bafen-Kalligraphiestil der Tjin-Dynastie geschrieben. „Hast du das Bild von dem ‚Wettkampf in der Kälte‘ vor kurzem aufgehängt, Kusinchen?“, fragte Bau-yü. „Ja. Ich erinnerte mich gestern daran, während sie das Zimmer aufräumten, und daher holte ich es heraus und bat sie, es aufzuhängen.“ „Was ist die Andeutung in dem Titel?“ Dai-yü lachte. „Sicher weißt du das! Es ist ein so bekanntes Gedicht, da fragst du noch?“ – „Ich kann mich im Moment nicht daran erinnern,“ beichtete Bau-yü, eher schüchtern lächelnd, „bitte sag’ es mir.“ „Wie könntest du die Verse [von Li Schang-yin] nicht gehört haben: Die jungen Damen Frost und Mond ertragen gemeinsam die Kälte, wetteifern mit ihrer Anmut und Schönheit...?“ „Natürlich!“, rief Bau-yü. „Ausgezeichnet! Und was für ein außergewöhnliches Thema! Das ist auch die perfekte Jahreszeit, es aufzuhängen.“ Er fuhr fort durch das Zimmer zu schlendern, inspizierte es auf eine lockere Art, links und rechts schauend, und Hsüä-yän brachte ihm eine Tasse Tee. Er trank diesen Tee, und nach ein paar Minuten war Dai-yü mit dem Abschreiben des Sutra, das sie kopierte, fertig und stand auf. „Vergib mir“, sagte sie. „Das Kusinchen ist immer noch so höflich“, antwortete er mit einem Lächeln. Er beobachtete, daß sie eine kleine blaßblaue bestickte Pelzjacke sowie eine Hermelin-besetzte Stola trug, während ihr Haar in einer Alltagsfrisur hochgesteckt war, in der keine Blumen steckten, sondern eine flache Haarnadel aus purem Gold. Ihr wattierter Rock war rosa und mit Blumen bestickt. Wie anmutig sie wirkte, wie ein Jadebaum, der sich an den Wind lehnt; wie behutsam, wie der Duft einer Lotusblume, deren Blüte noch vom Morgentau feucht ist! „Hast du deine Zither überhaupt die letzten Tage gespielt?“, fragte er. „Nicht mal ein oder zwei Tage. Dieses Sutra-Abschreiben kühlt meine Hände zu sehr. Wie könnte ich dann auch noch Instrumente spielen.“ – „Vielleicht ist es gut so“, sagte Bau-yü. „Ich weiß, daß das Zitherspiel eine feine Sache ist, in seiner Art, aber ich sehe nicht, daß es irgendetwas nützt. Ich habe noch nie gehört, daß es Reichtum oder ein langes Leben beschert; es scheint nur Sorge und Furcht zu bringen. Außerdem, wenn man Instrumente spielt, muß man sich stets damit beschäftigen, das ist doch sehr mühsam. Da die Kusine so eine zierliche Person ist, sollte sie sich gar nicht damit auseinandersetzen.“ Dai-yü lächelte etwas verächtlich. „Ist das die Zither, die du spielst?“ fuhr Bau-yü fort und zeigte auf ein an der Wand hängendes Stück. „Ist sie nicht zu kurz?“ – „Nicht wirklich“, erklärte Dai-yü. „Als ich als kleines Mädchen damit anfing, das zu lernen, konnte ich die Griffe einer normalen Zither nicht erreichen, so daß wir diese hier speziell machen ließen. Die Vorfahren sagen, das beste Holz sei das durch Feuer gehärtete Wutong-Holz. Meine Zither ist zwar nicht aus diesem Holz, aber es hat eine Kranichfee und einen Phönixschwanz und das Drachenbecken-Tonloch und den Gänsefuß-Abstimmstöpsel. Alle sind in der richtigen Größe. Und schau’ dir die Risse im Lack an. Sieht das für dich nicht auch wie Kuh-Haarrisse aus, was ja ein Zeichen für eine feine Verarbeitung ist? Das sorgt für einen klaren Ton.“ „Hast du in den letzten Tagen irgendwelche Gedichte geschrieben, Kusinchen?“, fragte Bau-yü weiter. „Nicht viele, seit unserem letzten Clubtreffen.“ Er lachte. „Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Ich hörte dich singen: Wie könnte mein bescheidenes Herz in den Himmel aufsteigen, um dem Mond zu begegnen? Als du dein Zither-Spiel mit diesen Versen untermaltest, klang es besonders hell. Hast du das gesungen?“ Dai-yü: „Wie kommt es, daß du es gehört hast?“ Bau-yü: „Ich hörte dich spielen, als ich vor ein paar Tagen von der Laube des Knöterichwindes zurückkehrte. Die Musik war so schön, und ich wollte dich nicht unterbrechen, also saß ich einfach da und habe dir zugehört und ging dann weiter. Da ist eine Sache, die ich dich fragen wollte. Mir ist aufgefallen, daß du im ersten Teil einen Regeltonreim benutzt, aber plötzlich zu einem abgestuften Ton am Ende wechselst. Warum tust du das?“ Dai-yü: „Das ist eben freie Komposition. Man muß nicht irgendwelche Regeln aufrechterhalten. Man geht eben dahin, wohin einen die Eingebung trägt.“ Bau-yü: „Ich verstehe! Schade, daß ich keine Musik verstehe. Dann habe ich eine Weile als Banause zugehört.“ Dai-yü: „Wahre Musikliebhaber waren immer selten.“ Bau-yü merkte, daß er, ohne es zu wollen, das Falsche gesagt hatte, und hatte Angst, daß es Dai-yü verletzt hatte. Er saß eine Weile einfach da. Es gab so viel, was er sagen wollte, aber nun war er viel zu nervös, um seinen Mund wieder zu öffnen. Dai-yü hatte auch gesprochen, ohne vorher nachzudenken und beim Nachdenken wünschte sie, daß sie nicht so beißend gewesen wäre und zog sich still in ihre Schale zurück. Ihre Stille nährte Bau-yüs eigene Zweifel, und schließlich stand er etwas verlegen auf und sagte: „Ich muß mich auf den Weg machen und die dritte jüngere Schwester Tan-tschun besuchen. - Bitte steh nicht auf.“ – „Grüße sie von mir, wenn du sie siehst, ja?“, sagte Dai-yü. „Ja“, antwortete er und ging. Dai-yü führte ihn zur Tür, kehrte dann zurück und blieb vor sich hinbrütend alleine dort sitzen. ,Bau-yü war so merkwürdig in letzter Zeit. Er scheint nicht zu sagen, was er denkt. Er ist mal kalt, mal warm. Ich wundere mich, was das wohl bedeuten mag?‘ Dsï-djüan kam herein. „Sie sind schon fertig, Herrin? Soll ich Ihre Schreibsachen jetzt wegräumen?“ – „Ich werde wohl nicht mehr weitermachen“, antwortete Dai-yü, „du kannst sie wegräumen.“ Dai-yü ging in das innere Zimmer und legte sich auf ihr Bett, langsam zergliederte sie alles in ihren Gedanken. Dsï-djüan kam herein, um zu fragen, ob sie etwas Tee mochte. „Nein, danke. Ich möchte nur alleine sein und mich für eine Weile hinlegen. Geh ruhig.“ Dsï-djüan ging hinaus, um Hsüä-yän zu finden, die in der Tür stand und merkwürdig vor sich hin starrte. Sie ging auf sie zu und sagte: „Was ist los mit dir?“ Hsüä-yän war in Gedanken verloren, und die Frage brachte sie auf. „Schrei’ nicht so! Ich habe etwas sehr Komisches gehört. Wenn ich dir das sage, musst du versprechen, keinem Menschen auch nur ein Wort zu sagen.“ Als sie das sagte, deutete Hsüä-yän mit den Lippen zu Dai-yüs Schlafzimmer hinüber, dann ging sie los und bedeutete Dsï-djüan nickend, ihr zu folgen. Sie erreichten den Fuß der Terrasse, und sie fuhr im Flüsterton fort: „Liebe Schwester, hast du gehört, daß Bau-yü verlobt ist und heiraten wird?“ Dsï-djüan starrte sie an. „Das glaube ich dir nicht! Das kann nicht wahr sein!“ – „Doch ist es! Fast jeder weiß es, außer uns.“ „Wer hat dir das erzählt?“ „Schï-schu hat es mir erzählt. Dieses Mädchen ist die Tochter eines Präfekten. Sie ist sehr hübsch und kommt aus einer wohlhabenden Familie.“ – Als Hsüä-yän sprach, hörte Dsï-djüan Dai-yü husten und dachte, sie könnte sie wieder aufstehen hören. Aus Angst, sie könnte herauskommen und ihnen zuhören, nahm sie Hsüä-yän an der Hand und gab ihr zu verstehen, leise zu sein. Sie sah hinein, aber alles schien ruhig zu sein. Sie fragte Hsüä-yän ganz leise: „Was genau hat Schï-schu gesagt?“ „Erinnerst du dich“, antwortete Hsüä-yän, „vor ein oder zwei Tagen hast du mich zur dritten Herrin geschickt, um ihr für irgendetwas zu danken. Nun, sie war nicht zu Hause, aber Schï-schu war da. Wir fingen an zu reden; und eine von uns erwähnte zufällig den zweiten Herrn Bau und seine freche Art. Sie sagte: „Wann wird der zweite Herr Bau endlich erwachsen? Er nimmt nichts ernst. Wenn man bedenkt, daß er verlobt ist und bald heiraten wird – und immer noch so dumm, wie eh und jeh!“ Ich fragte sie, ob die Verlobung sicher sei, und sie sagte, daß es so sei und daß der Vermittler ein Herr Wang sei, der eine enge Beziehung zur Ning-guo-Seite[2] habe, deshalb muß man auch nicht noch einmal überprüfen, ob die Familie so reich ist; wenn die darüber sprechen, wird es wohl so sein.“ Dsï-djüan drehte ihren Kopf nachdenklich zur Seite. ‚Wie merkwür-dig!‘, dachte sie bei sich. „Warum hat das niemand in der Familie erwähnt?“, fragte sie Hsüä-yän. „Das ist die Idee der gnädigen Frau“, so sagte Schï-schu. „Damit Bau-yü nicht von seinen Studien abgelenkt wird. Ich mußte ihr versprechen, keiner Menschenseele etwas davon zu sagen, und sagte, sie würde mich verantwortlich machen, wenn auch nur ein Wort herauskommen sollte.“ Hsüä-yän zeigte zum Haus. „Deswegen habe ich es nicht vor ihr erwähnt. Aber als du heute fragtest, dachte ich, ich könnte dir die Wahrheit erzählen.“ Während sie sprach, ahmte plötzlich der Papagei laut eine menschliche Stimme nach: „Das Fräulein ist zurück! Serviert Tee!“ Dsï-djüan und Hsüä-yän erschraken sich, drehten sich herum und erwarteten, Dai-yü zu sehen. Aber sie sahen niemanden, und als sie ihren Fehler erkannten, beschimpften sie den Vogel und gingen hinein. Sie fanden Dai-yü auf ihrem Stuhl. Sie war außer Atem und hatte sich offensichtlich gerade erst hingesetzt. Dsï-djüan fragte eher linkisch, ob sie etwas Tee oder Wasser möchte. „Wo warst du all die Zeit?“, fragte Dai-yü, „niemand kam, als ich rief.“ Sie ging zurück zum Ofenbett und legte sich noch einmal hin, mit dem Gesicht zu Wand, und bat sie, die Bettvorhänge herunterzulassen. Das taten sie und verließen das Zimmer, wobei jede heimlich bei sich dachte, daß sie sie gehört hatte, aber keine hatte den Mut, es auszusprechen. Dai-yü brütete in ihrem Bett, sie hatte sie draußen flüstern gehört und war in Hörweite zur Tür gekrochen. Sie konnte keine Details des Gesprächs verstehen, aber der Hauptteil war deutlich. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen großen Ozean gefallen. Die Prophezeiung aus ihren Albtraum wurde also doch erfüllt. Bitterkeit und Trauer überkamen sie. Da war nur ein Ausweg übrig. Sie mußte sterben. Sie wollte nicht leben, um mitansehen zu müssen, wie dieses ungeplante Ereignis stattfand. Sie fühlte sich bedeutungslos. Sie hatte keine eigenen Eltern, wo sie hätte hingehen können. Sicher, wenn sie sich von nun an täglich mehr vernachlässigen würde, würde sie nach einem halben oder einem Jahr ihre Gesundheit ausreichend untergraben haben, um sorglos im Himmel zu sein? Als sie diesen Beschluß gefaßt hatte, ohne sich damit zu bemühen, die Decke überzuziehen oder Extrakleidung für die Nacht anzuziehen, schloß sie ihre Augen und tat, als würde sie schlafen. Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen mehrere Male herein, um ihr aufzuwarten, aber sie sahen kein Zeichen der Bewegung und trauten sich nicht, sie zu stören, selbst nicht zum Abendessen. Als die Lampen später angezündet wurden, lugte Dsï-djüan durch den Vorhang und sah, daß sie eingeschlafen war, ihre Decke in einen Haufen an ihren Füßen zusammengeschoben. Beängstigt, sie könne eine Erkältung bekommen, deckte Dsï-djüan sie sanft zu. Dai-yü lag still, bis sie gegangen war, warf die Decke dann wieder von sich. Währenddessen fragte Dsï-djüan Hsüä-yän wieder: „Bist du sicher, daß du das nicht alles erfunden hast?“ – „Natürlich habe ich das nicht!“, antwortete Hsüä-yän etwas entrüstet. Dsï-djüan: „Aber wie hat Schï-schu das herausgefunden?“ Hsüä-yän: „Es war Hsiau-hung, die es gehört hatte.“ Dsï-djüan: „Ich denke, das Fräulein muß uns gehört haben. Ich weiß, daß sie irgendetwas sehr aufgeregt hat. Wir müssen vorsichtig sein und es nie wieder erwähnen.“ Die beiden Dienstmädchen räumten auf und machten sich für das Bett fertig. Dsï-djüan ging hinaus, um zu sehen, wie es Dai-yü ging, und fand die Decke in demselben zusammengeschoben Haufen wie zuvor wieder. Sie deckte sie wieder leicht zu. Die Nacht verging ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen stand Dai-yü auf, ohne jemanden zu wecken, und saß gedankenverloren alleine da. Dsï-djüan erwachte und sah, daß sie bereits auf war und sagte überrascht: „Sie sind diesen Morgen sehr früh auf, Herrin!“ – „Natürlich“, antwortete Dai-yü sehr kurz, „früh eingeschlafen, früh aufgewacht.“ Dsï-djüan zog sich schnell an und weckte Hsüä-yän, und die zwei warteten auf Dai-yü an ihrem Bad. Sie saß da und starrte sich im Spiegel an. Tränen begannen ihr Gesicht hinunterzufließen und ihr Seidenschal war schnell durchnäßt. Mit den Worten des Dichters: Ein Schatten, schwankend-zierlich, sich spiegelnd im Frühlingswasser: So: Mitleid fließt von Schatten zum Spiegelbild und wieder zurück Dsï-djüan stand daneben und traute sich nicht, sie zu beruhigen, aus Angst, sie könnte das Falsche sagen und die alte Verletzung wieder aufreißen. Dai-yü saß eine erhebliche Weile bewegungslos da, dann machte sie sich einfach zurecht, nur die Tränen in ihren Augen versiegten nicht. Als sie fertig war, blieb sie für einige Zeit sitzen, wo sie saß und bat dann Dsï-djüan, die tibetischen Räucherstäbchen zu entzünden. „Aber Fräulein“, protestierte Dsï-djüan, „Sie haben kaum geschlafen. Warum wollen sie denn die Räucherstäbchen angezündet haben? Sie werden doch sicherlich nicht wieder anfangen, die Sutren abzuschreiben, oder doch?“ Dai-yü nickte. „Aber Sie sind so früh aufgewacht, Fräulein. Wenn Sie nun anfangen zu schreiben, werden Sie sich verausgaben.“ – „Was macht das aus? Je eher ich das fertig mache, desto besser. Ich will das nur machen, um mich selbst abzulenken. Wenn Ihr später meine Abschriften lest, werdet Ihr Euch an mich erinnern.“ Als sie das sagte, begannen Tränen an ihren Wangen herunterzufließen, und Dsï-djüan war nicht länger fähig´, sie zu trösten, sondern brach selbst in Tränen aus. Dai-yü hatte entschieden, daß sie von diesem Tag an freiwillig ihre Gesundheit zerstören würde. Sie verlor bald ihren Appetit und fing langsam an dahinzusiechen. Bau-yü besuchte sie, wann immer er dies nach der Schule konnte, aber obwohl da eine Million Dinge waren, die sie ihm sagen wollte, war ihr bewußt, daß sie nicht länger Kinder waren. Dies verbot ihr, ihre Gefühle für ihn zu zeigen und ihn in ihrer üblichen Art zu necken. In ihrem Inneren hatten sich soviele Sorgen angestaut, daß sie kein Wort mehr aussprechen konnte. Bau-yü für seinen Teil hätte gerne ernsthaft mit ihr gesprochen und spendete ihr aufrichtigen Trost; aber er hatte Angst, ihre Krankheit zu verschlimmern, indem er sie auf irgendeine Weise beleidigte. Deshalb trösteten sie sich immer, wenn sie sich trafen, gegenseitig mit oberflächlichen Worten. Ihr Fall war ein echter Fall, in dem Liebe im Extrem zur Entfremdung führte. Die Herzoginmutter und die Dame Wang zeigten mütterliches Mitleid für Dai-yü, was jedoch nicht weiter ging, als den Arzt zu rufen. Es hieß nur, es sei eine chronische Krankheit, woher hätte man von ihrem Herzschmerz wissen sollen? Dsï-djüan und Hsüä-yän waren viel zu verängstigt, um ihnen ihnen die Wahrheit zu sagen. Dai-yü wurde von Tag zu Tag schwächer. Nach zwei Wochen war ihr Magen so weit zusammengeschrumpft, daß sie nicht einmal mehr einfache Reissuppe zu sich zu nehmen konnte. Jede Unterhaltung, die sie während des Tages hörte, schien für sie irgendwie mit Bau-yüs Verlobung zusammenzuhängen. Jeder Diener, den sie vor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah, schien in die Vorbereitungen einbezogen zu sein. Als Frau Hsüä sie besuchen kam, bestätigte die Abwesenheit Bau-tschais ihre Vermutung. Sie begann zu hoffen, daß niemand sie besuchen würde. Sie weigerte sich, die Medizin zu nehmen. Ihr einziger, übriggebliebener Wunsch war, allein gelassen zu werden und so schnell wie möglich zu sterben. In ihren Träumen hörte sie ständig, wie Menschen eine neue „zweite Frau Bau“ ansprachen. Ihre Gedanken waren ganz besessen von der Idee, wie der sprichwörtliche Trinker, der, wenn er einen gewölbten Bogen in seiner Tasse sieht, davon überzeugt ist, eine Schlange getrunken zu haben. Eines Tages hörte sie sogar auf zu essen. Nach ein paar Wochen dieses selbstauferlegten Hungerns sah es aus, als würde sie bald sterben. Sogar einfache Reissuppe war nun eine Unmöglichkeit. Ihre Atmung war nur schwer wahrnehmbar. Sie hing nun am seidenen Faden. Um zu erfahren, ob sie diese Krise überleben wird oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel.

Anmerkungen

  1. In den Kapitelüberschriften werden die Romanfiguren oft bei ihrem Zi-Namen genannt. Auch hier steht im chinesischen Original 颦卿Pin-tching [Pinqing] statt Dai-yü.
  2. An einigen Stellen steht hier im chinesischen Original die Bezeichnung 东府 (Östliches Anwesen). Zur besseren Orientierung des Lesers wurde hier (wie bei Schwester Feng, die immer als Hsi-feng übersetzt wird) die einheitliche Übersetzung Ning-guo beibehalten (Ausnahme: wenn die Himmelsrichtung eine Bedeutung hat).