Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 115"

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== 惑偏私惜春矢素志 / 证同类宝玉失相知 ==
 
== 惑偏私惜春矢素志 / 证同类宝玉失相知 ==
  
ng seine eigentliche Absicht, Yüan-yang zu finden, vergessen und gab sich der neuen Neugierde über das hin, was vor ihm lag. Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete die Tür des er­sten Schrankes. Darin sah er eine große Zahl an Registern, und er schwebte in einem Rausch der Begeisterung. ‚Die Leute sagen immer, daß Träume Illusion sind‘, dachte er bei sich, „doch dieser scheint wahr zu sein! Wie oft habe ich mir gewünscht, diesen Traum noch einmal zu träumen! Und jetzt bin ich hier, und mein Wunsch ist wahr geworden. Ich frage mich, ob es die Register sind, die ich gesehen habe?‘
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'''Eine Besessenheit bestätigt Hsi-tschun in einem alten Schwur, den Staub der Welt hinter sich zu lassenEine physische Ähnlichkeit beraubt Bau-yü eines erdichteten Freundes'''
Er streckte seine Hand aus, nahm eines und hielt es in der Hand. Es trug die Aufschrift „Nanking, zwölf Schönheiten der Hauptliste“.
 
‚Ich erinnere mich‘, dachte er bei sich, ‚glaube ich... Wenn ich mich nur genau erinnern könnte!‘
 
Er schlug die erste Seite auf und betrachtete ein Bild, doch eines, das so verschwommen war, daß er kaum sagen konnte, was es darstellte. Es folgte eine Reihe von Buchstaben in einer kaum entzifferbaren Handschrift, worüber er gerade eben einige Zeilen erkennen konnte: „Jadegürtel“ (Daiyü), darüber „Wald“ (Lin).
 
‚Das muß sicher ein Rätsel für Kusine Dai-yü sein‘, dachte er bei sich und las konzentriert weiter. Die nächste Zeile enthielt die Zeichen ‚die Goldhaarnadel (Bau-tschai) im Schnee (Hsüä)‘.
 
„Wieso ist das denn schon wieder wie Bau-tschais Name!“, rief er laut.
 
Er las bis zum Ende des vierten und letzten Verses.
 
‚Das scheint nicht viel zu sagen. Es ist nur eine Reihe von Rätseln über die Namen Lin Dai-yü und Hsüä Bau-tschai. Daran ist nichts Außergewöhnliches. Nur Wörter wie „leiden“ und „seufzen“ klingen nicht gut. Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat?‘ – ‚ Ich sollte überhaupt nicht hier sein,‘ tadelte er sich selbst. ‚Wenn ich meine Zeit weiter mit Tagträumen verbringe und jemand kommt, werde ich meine Chance vertan haben, den Rest auch durchzusehen.‘
 
Er fuhr mit der Betrachtung der weiteren Register fort. Er gestattete sich keine Zeit, um über die nächsten Bilder zu blicken, sondern begab sich direkt zu dem Gedicht, welches mit den Worten endete:
 
„Wenn der Hase dem Tiger begegnet, wird dein großer Traum enden.“
 
Dabei kam ihm plötzlich die Erleuchtung: ‚Was für eine brilliante Weissagung! Es muß auf den Tod meiner ältesten Schwester Yüän-tschun bezogen sein. Wenn sie alle so klar sind, sollte ich sie abschreiben und sorgfältig studieren. Auf diese Weise kann ich alles über meine Schwestern und Kusinen herausfinden, wie lange sie leben werden, ob sie versagen oder im Leben Erfolg haben, ob sie wohlhabend oder arm werden. Zu Hause werde ich mein Wissen geheim halten. Doch mein inneres Wissen wird mich zuletzt vor unnötigem Kummer bewahren.‘
 
Er suchte überall nach Schreibwerkzeug, doch fand er weder Pinsel noch Tinte und fürchtete, daß ihn jemand überraschen könnte, so überflog er den Rest des Registers. Das nächste Bild zeigte einen Menschen, der einen Papierdrachen steigen ließ. Er war nicht in der Stimmung, sich die Bilder näher anzusehen, sondern las eilig die verbleibenden zwölf Gedichte. In einigen Fällen konnte er die versteckte Botschaft sofort erfassen, bei anderen mußte er länger nachdenken, während wieder andere unergründlich wirkten. Er versuchte, sich alle gut einzuprägen. Mit einem Seufzen nahm er das nächste Album, beschrieben mit „Ergänzungsregister zu Nanking“ und begann zu lesen. Er verweilte bei den Zeilen:
 
„Du wählst den Spieler des bevorzugten Glücks, ohne an deines Herren Untergang zu denken.“
 
Zunächst verstand er die Zeilen nicht. Dann betrachtete er das begleitende Bild, ein Bündel Blumen und eine Matte im gleichen Stil wie der fliegende Drache. Plötzlich brach er in Tränen aus.
 
Er wollte gerade weiter lesen, als er eine Stimme sagen hörte: „Schon wieder am Tagträumen! Komm, Kusine Dai-yü möchte dich sehen.“
 
Die Stimme ähnelte sehr der von Yüan-yang, doch als er sich umdrehte, um nachzusehen, war dort zu seiner großen Verwunderung niemand. Dann sah er plötzlich wieder Yüan-yang am Torweg stehen und ihm zuwinken.
 
Voller Begeisterung rannte er hinaus, doch ihre schattenhafte Gestalt schwebte stets vor ihm, und er konnte sie nicht einholen.
 
„Liebe Schwester, bitte warte auf mich!“, rief er.
 
Sie reagierte nicht und eilte weiter, während er ihr hinterher keuchte. Plötzlich tauchte eine weitere Aussicht vor ihm auf, von hohen Gebäuden und umständlich geformten Dächern, worin er verschwommen die Figuren der Palastdamen erahnen konnte. In seinem Eifer, diesen neuen Bereich zu erkunden, vergaß Bau-yü völlig Yüan-yang. Wie er durch einen der Torwege hineinging, fand er sich selbst inmitten verschiedenster Pflanzen und Blumen, keine davon kannte er. Eine darunter fiel ihm besonders auf, eine Krautpflanze umgeben von einer Marmorbalustrade, die Spitzen ihrer Blätter waren rötlich besetzt.
 
„Was für eine seltene Pflanze kann das sein“, überlegte er, „daß ihr so ein Ehrenplatz gebührt?“
 
Eine leichte Brise war zu spüren, und die Blätter der Pflanze bewegten sich in einem lang anhaltenden Zittern. Sie war klein und blütenlos, doch ihr erlesener Zauber hielt Bau-yüs Herz wie gebannt und entzückte seine Seele. Er starrte sie weiterhin entgeistert an, bis eine Stimme neben ihm sagte:
 
„Wo kommst du her, du großer Tölpel? Was fällt dir ein, diese Feenpflanze anzustarren?“
 
Aufgeschreckt aus seiner Träumerei, drehte sich Bau-yü um und sah eine junge Fee neben sich stehen. Er verbeugte sich und sagte zur Antwort: „Ich habe hier nach Yüan-yang gesucht. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihren besonderen Bereich unabsichtlich betreten habe. Können Sie mir bitte sagen, Schwester Fee, was dies für ein Ort ist und warum Yüan-yang sagte, das Kusine Dai-yü mich sehen möchte? Können Sie mir das bitte erklären?“ –
 
„Schwester hin, Kusine her! Solche Namen bedeuten mir nichts!“, antwortete die Fee. „Alles, was ich weiß, ist, daß ich die Verantwortung für diese Feenpflanze trage und daß es Sterblichen wie dir streng verboten ist, sich hier aufzuhalten. Du mußt sofort gehen.“
 
Bau-yü mußte dem Befehl der Fee gehorchen.
 
„Schwester Fee!“, flehte er nochmal, „wenn Sie die Verantwortung für diese Feenpflanze tragen, müssen Sie selbst eine Blumenfee sein. Können Sie mir sagen: was ist so besonders an dieser einen Pflanze?“ –
 
„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete die Fee. „Sie ist an den Ufern des Magischen Flusses gewachsen und wurde Purpurblume genannt. Sie welkte und begann zu sterben, doch sie wurde wiederbelebt und ihr wurde Unsterblichkeit durch das Eingreifen des Pagen Geisterjade verliehen, der sie größzügigerweise mit Tau wässerte. Danach stieg sie in die Menschenwelt hinab, um ihre Schuld mit den Tränen einer Lebenszeit zu bezahlen und da dies nun vollbracht ist, ist sie in ihre wahre Heimat zurückgekehrt. Die feenhafte Ernüchterung hat mir die Anweisung gegeben, sie zu pflegen und Bienen und Schmetterlinge von ihr fern zu halten.
 
Bau-yü verstand immer noch nicht. Er hatte den wachsenden Verdacht, daß dies wirklich die Blumenfee sein müsse, der er begegnet war und war entschlossen, sich so eine seltene Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Er fragte höflich: „Also tragen Sie, Schwester Fee, die Verantwortung für diese Pflanze. Doch jede dieser vielen feinen Blumen muß ihre eigene Fee zur Pflege haben. Ich möchte Sie nicht belästigen, doch ich frage mich, ob Sie mir nicht vielleicht sagen könnten, welche Fee sich um den Hibiskus kümmert?“ –
 
„Das weiß ich nicht. Dazu mußt du meine Herrin fragen.“ – „Wer ist denn Ihre Herrin?“ – „Meine Herrin ist die Königin des Hsiau-hsiang-Flusses.“ – „Ich wußte es!“, rief Bau-yü. „Das ist meine Kusine Lin Dai-yü!“ – „Absoluter Unsinn!“, erwiderte die nun sehr empörte Fee. „Muß ich dich wieder daran erinnern, daß dies ein himmlischer Bereich und das Reich der Feen ist. Meine Herrin mag zwar Flußkönigin genannt werden, doch sie hat nichts mit euren weltlichen Königinnen und so weiter zu tun. Wie könnte sie mit einer Sterblichen verbunden sein? Hör’ auf, so einen Unsinn zu reden, oder ich muß dich schlagen und von den Wachen hinauswerfen lassen.“
 
Bau-yü wurde von den Worten der Fee beinahe erschlagen und wurde sich schmerzhaft seiner Unreinheit bewußt. Er wollte gerade gehen, als er eine Botschafterin herbeieilen hörte, die rief: „Sie fragten nach dem Pagen Geisterjade!“ – „Ich weiß“, antwortete die Fee, „man sagte mir, ich solle nach ihm Ausschau halten. Deshalb habe ich hier die ganze Zeit gewartet. Doch ich habe hier keinen solchen Pagen gesehen. Was soll ich nun machen?“ – „Das war bestimmt der, der uns gerade verlassen hat!“, rief die Botschafterin lachend und eilte hinaus, um Bau-yü zu erwischen: „Sind sie der göttliche leuchtende Bote auf der Rückkehr?“
 
Bau-yü glaubte, sie müsse jemanden anderen meinen. Er hatte Angst, erwischt und gefangen zu werden und stolperte weiter vorwärts, um schnellstmöglich zu verschwinden. Als er aufblickte, sah er vor sich eine fabelartige Figur mit einem langen Schwert, die sich ihm in den Weg stellte: „Wohin gehst du?“
 
Bau-yü hatte große Angst, doch konnte er genug Mut zusammen nehmen, um nochmal hinzusehen. Er war überrascht und dann beruhigt, als er auf einmal You San-djie gegenüberstand.
 
„Oh Kusine!“, wimmerte er, „warum bist du auch hinter mir her?“ –
 
„Ihr Männer seid alle gleich!“, antwortete sie. „In eurer ganzen Gattung gibt es keinen guten. Ihr zerstört den Ruf der Mädchen, dann zerstört ihr ihre Ehe. Jetzt habe ich dich und du wirst mir nicht mehr entkommen!“
 
Bau-yü wußte, daß sie es toternst meinte und geriet in Panik, bis er eine andere Stimme hörte, die hinter ihm sagte: „Schwester! Halte diesen Mann sofort auf! Er darf nicht gehen!“ – „Ich habe meine Anweisungen von der Flußkönigin“, antwortete San-djie, „und ich habe lang auf so etwas gewartet. Jetzt sitzt du in meiner Falle und mit einem Hieb meines Schwertes werde ich die Lügen zerschmettern, die dich an die sterbliche Welt binden.“
 
Bau-yü war entsetzt. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte und drehte sich zur Flucht um, doch dann stand er der Stimme von vorhin gegenüber, es war Tjing-wën. Freude und Kummer umklammerten sein Herz.
 
„Ich bin verloren!“, rief er traurig, „ich bin völlig allein und laufe direkt in die Arme meines Feindes. Ich will hier weg und nach Hause, doch ich habe niemanden gefunden, der mich zurückbringt. Jetzt sollte ich doch sicher sein! Liebe Tjing-wën, nimmst du mich bitte mit nach Hause?“ – „Page Geisterjade, laß dich nicht entmutigen“, antwortete Tjing-wën. „Ich bin nicht Tjing-wën. Ich wurde nur von unserer Königin beauftragt, dich zu ihr zu geleiten. Ich will dir nichts antun.“
 
Bau-yü war nun völlig verwirrt: „Du sagst, ‚unsere Königin‘ schickt dich; doch wer ist eure Königin?“ – „Frag’ jetzt nicht“, antwortete Tjing-wën, „bald wirst du es selbst sehen.“
 
Bau-yü folgte ihr hilflos, und wie sie gingen, blickte er sie näher an. Sie ähnelte Tjing-wën bis ins kleinste Detail. ‚Ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Stimme sind wie Tjing-wëns!‘, dachte er bei sich selbst. ‚Wie kann sie nicht Tjing-wën sein? Ich bin verwirrt. Dann laß ich das eben. Ich sollte besser erst die Königin treffen. Obwohl ich etwas falsch gemacht habe, kann ich die Königin, wenn ich ihr vorgeführt werde, um Vergebung bitten. Frauen haben trotzdem weiche Herzen. Sie wird mir sicher vergeben.’
 
Sie hatten nun den eindrucksvollen Palast erreicht, aufwendig und brilliant verziert bis ins kleinste Detail. Im Hof vor ihnen wuchs ein hellgrüner Bambusstrauch, während am Torweg eine Reihe dunkler Fichten stand. Unter der Regenrinne standen einige Dienstmädchen, gekleidet in feine Palastgewänder, und als sie Bau-yü eintreten sahen, flüsterten sie zueinander: „Ist das nicht der Page Geisterjade?“
 
Bau-yüs Begleiterin unterrichtete sie: „Er ist es, also beeilt euch besser und kündigt seine Ankunft an!“
 
Eine der Damen warf Bau-yü ein Lächeln zu, und er folgte ihr durch verschiedene Gemächer, bis sie schließlich den Eingang zur Haupthalle des Palastes erreichten. Ein Perlenvorhang hing davor. Davor anhaltend drehte sich das Dienstmädchen zu Bau-yü um und sagte: „Wartet hier auf Anweisungen von ihrer Majestät!“
 
Bau-yü wagte nicht, ein Wort zu sagen, sondern wartete gehorsam vor dem Torweg. Dann kehrte das Dienstmädchen zurück und sagte: „Möge der Page bitte zur Audienz eintreten.“
 
Eine weitere Dienerin zog den Perlenvorhang zur Seite, und wie sie dies tat, konnte Bau-yü eine majestätische Person erkennen, mit einer Blumenkrone auf dem Kopf, bekleidet mit reichlich geschmückten Gewändern, die dort thronte. Er hob seinen Kopf, um sie besser sehen zu können. Dann sah er, wie sehr die Königin Dai-yü ähnelte und rief impulsiv aus: „Hier finde ich dich nun, Kusinchen! Oh, wie ich dich vermißt habe!“
 
Die Dienstmädchen außerhalb des Vorhangs flüsterten sich empört zu: „Was für schlechte Manieren dieser Page hat! Sofort hinaus mit ihm!“
 
Kaum hatten sie das gesagt, da ließ die andere Dienerin den Vorhang wieder herunter. Bau-yü war zu ängstlich, um einzutreten, doch war jeder Gedanke an Flucht unvorstellbar. Er wollte eines der Dienstmädchen um eine Erklärung bitten, doch als er sich umschaute, bemerkte er, daß sie ihm alle fremd waren. Jetzt drängten sie ihn hinaus, und er konnte nicht anders als gehen. Er wollte als letztes Mittel „Tjing-wën“ fragen. Doch als er sie suchte, konnte er sie nirgends finden. Eine tiefe Verwirrung und Vorahnung stiegen in ihm auf. Er ging fort, dieses Mal ohne Führung. Es gab keine Spur von dem Weg, den er gekommen war, und er überlegte, ob er jemals seinen Weg zurück fände, bis er zu seiner Überraschung die Gestalt von Hsi-fëng erblickte, die ihm unter der Dachrinne eines anderen Gebäudes zuwinkte.
 
„Dem Himmel sei Dank! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich meine Haltung nur so schnell verlieren?“
 
Er eilte zu ihr: „Da bist du ja! Sie waren alle so grausam zu mir und Kusine Dai-yü wollte mich nicht sehen. Ich weiß nicht warum!“
 
Er stand direkt neben Hsi-fëng. Doch bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, daß dies überhaupt nicht Hsi-fëng war, sondern Djia Jungs erste Frau, Tjin Kë-tjing. Er zögerte einen Moment und fragte sie dann, wo Hsi-fëng hingegangen sei. Doch die Dame gab keine Antwort, drehte sich dann um und ging hinein.
 
Bau-yü stand verblüfft da, wagte nicht, ihr zu folgen, sondern starrte nur entgeistert vor sich hin.
 
„Was habe ich heute nur falsch gemacht“, seufzte er,  „daß alles mißlingt, was ich nur anfasse?“
 
Als er gerade in Tränen ausbrach, kam eine Menge Wächter mit gelben Turbanen und Peitschen in der Hand auf ihn zugelaufen.
 
„Woher kommt dieser Mann und was fällt ihm ein, im Reich der Feen herumzulungern? Fort mit Ihnen, sofort!“
 
Bau-yü wagte kein Wort zu sagen und suchte einen Weg aus dem Palast. In der Ferne erblickte er eine Menge lachender Damen, die in seine Richtung liefen und dachte zu seiner Erleichterung, daß er Ying-tschun darunter erkannt hätte.
 
„Hilfe!“ schrie er. „Ich habe mich hier verlaufen! Rettet mich!“
 
Sogar als er schrie, stießen die Wachen ihn beständig von hinten an, und er taumelte hilflos vorwärts. Zu seinem Schrecken sah er, daß die Frauen sich in seltsame, schreckliche Ungeheuer verwandelt hatten und ihn auch verfolgten. Seine Nerven hielten das nicht mehr aus. Plötzlich erschien der Mönch vor ihm und hielt ihm einen Spiegel vor das Gesicht: „Durch Anordnung der kaiserlichen Nebenfrau Yüän-tschun muß ich dich retten!“
 
Auf einmal verschwanden die Ungeheuer, und Bau-yü war in die düstere Wildnis zurückversetzt, durch welche er diesen Bereich erst betreten hatte. Er ergriff die Hand des Mönches: „Ihr habt mich hergebracht, ich erinnere mich; und als nächstes weiß ich, daß ihr verschwunden wart und ich Menschen meiner Familie traf, doch sie wollten nichts mit mir zu tun haben und am Ende verwandelten sie sich in Monster! War das alles ein Traum, oder war es wirklich? Bitte Herr, ich flehe Sie an, mir die Wahrheit zu sagen.“ –
 
„Als Sie diesen Ort zuerst betreten hattet“, sagte der Mönch, „ist Ihnen da irgend etwas Besonderes aufgefallen?“
 
Bau-yü überlegte: ‚Wenn er mich schon in das Feenparadies führen konnte, muß er selbst ein Eingeweihter sein, deshalb ist es zwecklos, ihn in die Irre führen zu wollen. Aber ich will mehr wissen.‘
 
Er berichtete dem Mönch, daß er verschiedene Register gesehen habe.
 
„Hören Sie sich selbst doch mal zu!“, rief der Mönch. „Ihr habt die Register selbst gesehen und seid immer noch blind! Jetzt hört mir gut zu: vorbestimmte Anlagerungen im menschlichen Herzen sind nichts als blanke Einbildung, sie sind Hürden, die euren geistigen Weg behindert. Überlegen Sie gut, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Ich werde es dann erläutern, wenn wir uns wieder sehen.“
 
Dann versetzte er Bau-yü einen heftigen Stoß. „Geh zurück!“, rief er.
 
Bau-yü verlor den Halt, stolperte vorwärts und schrie vor Schreck „Ahh!“.
 
Die Familie stand an seinem Bett, als er plötzlich unmißverständliche Lebenszeichen von sich gab. Sie riefen seinen Namen, und er öffnete seine Augen, um sich selbst auf einem alten Ofenbett liegend zu finden. Vor ihm waren die Dame Wang, Bau-tschai und andere seiner Familienmitglieder, ihre Augen waren rot und tränenunterlaufen. Er überlegte einen Augenblick und versuchte sich aufzurichten.
 
‚Nun!‘, sagte er zu sich selbst, ‚ich habe die Sphäre der Toten besucht, und jetzt bin ich wieder zu den Lebenden zurückgekehrt!‘
 
Er dachte weiter über die Erlebnisse während seiner Seelenwanderung nach, und ein glasiger Blick durchdrang seine Augen. Zu seiner großen Erleichterung sah er, daß er sich immer noch an jedes Detail seines Traumes erinnern konnte und voller Befriedigung kicherte er laut: „So! So!“
 
Die Dame Wang vermutete die Rückkehr eines seiner früheren Anfälle und beschloß, daß der Arzt sofort wieder gerufen werden solle. Sie schickte eine Magd und eines der Dienstmädchen, um Herrn Dschëng zu berichten, daß Bau-yü das Bewußtsein wieder erlangt habe und daß seine vorige und offensichtlich tötliche Krise nur ein vorübergehender, mentaler Zusammenbruch war, von dem er sich nun erholt zu haben schien. Da es ihm nun besser ging und er sogar einige Sätze sprechen konnte, konnten sie sicher die Begräbnisvorbereitungen verwerfen. Djia Dschëng eilte herbei, um sich selbst von den Neuigkeiten zu überzeugen.
 
„Unglückseliges Geschöpf“, rief er, „wolltest du uns zu Tode er­schrecken?“
 
Gegen seinen Willen weinte er. Nach einigen heftigen Schluchzern fuhr er fort und schickte nach einem Arzt, der Bau-yüs Puls messen und ihm Medizin verschreiben sollte.
 
Es soll daran erinnert werden, daß Schë-yüä nur kurzzeitig an Selbstmord gedacht hatte. Doch da Bau-yü sich nun erholt hatte, war sie beruhigt. Die Dame Wang bestellte etwas Longanpflaumen0-Suppe und sagte Bau-yü, er solle ein wenig davon zu sich nehmen. Sie war höchst erleichtert, ihn wieder belebt zu sehen. Er hatte seine Haltung wiedererlangt, und sie schimpfte noch nicht einmal mit Schë-yüä wegen ihres vorigen Patzers, sondern trug nur einer der Mägde auf, die wieder gefundene Jade Bau-tschai zu bringen, die sie wieder um Bau-yüs Hals hängen sollte.
 
„Ich frage mich, wo der Mönch sie gefunden hat?“, fragte sie ihn laut. „Es scheint so merkwürdig. In einem Moment verlangte er sein Geld, im nächsten war er verschwuden. Glaubst du, er war eine Art Unsterblicher?“
 
„Von der ‚mysteriösen‘ Art zu urteilen, wie er hereinkam“, sagte Bau-tschai, „und von der ‚mysteriösen‘ Weise, auf die er verschwand, würde ich sagen, er hat ihn überhaupt nicht gefunden, sondern ihn überhaupt zuerst an sich genommen.“
 
„Wie hätte er sie direkt vor den Augen anderer wegnehmen können?“, fragte die Dame Wang.
 
„Wenn er sie zurückbringen konnte, so konnte er sie auch wegnehmen,“ beharrte Bau-tschai.
 
„Als der Jade verloren war,“ warfen Hsi-jën und Schë-yüä ein, „hatte Verwalter Lin Dschï-hsiau einen Wort-Wahrsager herbestellt – wir haben es Ihnen erzählt, Herrin, kurz nach der Hochzeit. Das Zeichen, das er vorausahnte, war shang, was ,Belohnung‘ bedeutet. Erinnert ihr euch, Herrin?“ –
 
„Ja, ihr habt Recht“, sagte Bau-tschai, „ihr sagtet, es hätte etwas mit dem Pfandhaus zu tun. Doch jetzt sehe ich, daß es wirklich auf das Wort „Mönch“ verwies, welches über dem Zeichen shang steht. Uns wurde von dem Wort-Wahrsager gesagt, ein Mönch habe sie genommen!“ –
 
„Der Mönch war ohnehin seltsam genug“, sagte die Dame Wang, „als Bau-yü vorher krank war, kam ein anderer Mönch - ich erinnere mich - und sagte uns, Bau-yü habe ein kostbares Objekt bei sich zu Hause, das ihn heilen könne. Er meinte den Jade damit. Er mußte von seinen magischen Eigenschaften gewußt haben: Es ist außergewöhnlich, daß Bau-yü mit diesem Stein im Mund auf die Welt kam! Habt ihr in der gesamten Weltgeschichte schon mal von so einer Begebenheit gehört? Wer weiß, was am Ende noch aus dem Stein wird? Und wer weiß, was aus Bau-yü wird! Sie scheint ein untrennbarer Teil seines Lebens zu sein, in Krankheit und Gesundheit, bei seiner Geburt und ...“
 
Sie hielt plötzlich inne, und Tränen traten ihr in die Augen. Bau-yü konnte für sich sagen, daß er nun die Antwort auf ihre Fragen nur zu gut wußte. Wie er zurückdachte, verstand er immer deutlicher die Wichtigkeit seines Besuches in der ‚anderen Welt‘. Doch er sagte nichts und behielt diese Gedanken still für sich.
 
Es war Hsi-tschun, die als nächstes sprach: „Als der Jadestein verloren war, baten wir Miau-yü, das Geisterschreibgerät zu unserer Hilfe zu befragen. Die Antwort, die sie von dem Geist erhielt, enthielt folgende Zeilen:
 
‚An grünen Berges Fuß steht eine Kiefer, uralt. [...]‘
 
Es endete mit: ‚Tritt ein durch meine Tür, und dich erwartet eine freudige Begegnung!‘
 
Es gibt viele Gedanken, die mit den Worten ‚tritt durch meine Tür‘ in Verbindung gebracht werden könnten. Das Tor des Dharma ist sicherlich weit und allumfassend, doch irgendwie bezweifle ich, daß Vetter Bau-yü sich durchzwängen konnte, wer auch immer der ‚Folgende‘ sein sollte.“
 
Bau-yü schnaubte verächtlich. Bau-tschai bemerkte seine Reaktion, fröstelte unfreiwillig und starrte zerstreut in den Raum.
 
„Du kannst doch deinen Buddha zu Rate ziehen“, warf You-schï ein. „Du willst doch immer noch in die Schwesternschaft eintreten, oder?“
 
Hsi-tschun lächelte und sagte: „Eigentlich, Schwiegerschwester, habe ich bereits den ersten Schritt gemacht. Vor langer Zeit habe ich geschworen, nur noch vegetarisch zu essen.“
 
„Mein Kind!“, sagte die Dame Wang, „im Namen von Buddha selbst! Nimm Abstand von dieser verrückten Idee!“ Hsi-tschun war still.
 
Während dieses Austausches erinnerte sich Bau-yü an die zwei Zeilen, die er in einem der Register gelesen hatte:
 
‚Oje, die Tochter eines so großen Hauses
 
An Buddhas Altar alleine schlafend.’
 
Er konnte einige leise Seufzer nicht zurückhalten. Dann erinnerte er sich an den Blumenstrauß und die Matte und blickte Hsi-jën an. Tränen füllten seine Augen. Als die Familie sah, auf welch merkwürdige Art er sich benahm, in der einen Minute lachend und in der nächsten weinend, konnten sie nur an Symptome seiner alten Anfälle denken. Keiner von ihnen wußte, daß ihre Reden Bau-yü eine plötzliche Erleuchtung bereitet hatten, mit dem Ergebnis, daß er sich Wort für Wort an jedes Gedicht aus den Registern seines Traumes erinnern konnte. Obwohl er nichts sagte, hatte er im Gedanken bereits einen neuen Entschluß gefaßt. Doch davon sehen wir ab.
 
Nach Bau-yüs plötzlicher Erholung verbesserte sich seine Gesundheit täglich und durch die regelmäßige Einnahme seiner Medizin machte er beständige Fortschritte. Da nun sein Sohn außer Gefahr war, hatte Djia Dschëng Sorgen um den Sarg der Herzoginmutter, der eine lange Zeit im Tempel gelegen hatte, und wollte mit der Beerdigung fortfahren. Er selbst trauerte immer noch und war deshalb von seinen öffentlichen Verpflichtungen befreit. Es gab immer noch keine Nachricht darüber, wann oder ob Djia Schë begnadigt würde, daher entschied Djia Dschëng, aus eigenem Antrieb zu handeln und zu veranlassen, daß die sterblichen Überreste seiner Mutter in den Süden gebracht und dort vernünftig beerdigt würden. Er schickte nach Djia Liän, um dies zu besprechen.
 
„Dein Vorschlag ist ausgezeichnet, Onkel“, sagte Djia Liän. „Es wäre das Beste, direkt damit zu beginnen. Wenn die Trauerzeit erst vorbei ist, wird es schwer sein, einen angemessenen Zeitpunkt zu finden. Vater ist nicht zu Hause, und es wäre anmaßend von mir, seine Aufgaben zu übernehmen. Mein einziges Bedenken sind die Kosten. Wir müssen einige tausend Tael aufbringen. Unser gestohlenes Eigentum muß ich leider als unwiederbringbaren Verlust notieren.“
 
„Damit habe ich mich bereits abgefunden“, sagte Djia Dschëng. „In der Abwesenheit deines Vaters habe ich eben nach dir geschickt, damit wir die besten Mittel und Wege besprechen können. Du kannst nicht gehen, dann wäre niemand mehr zu Haus. Ich werde selbst dorthin gehen und die Särge gleichzeitig transportieren. Ich werde etwas Unterstützung brauchen und denke daran, den jungen Djia Jung mitzunehmen. Es sind zusammen drei Särge, mitgezählt der seiner Frau und deiner Kusine Lin. Es war der Wunsch deiner Großmutter, daß ihre Enkelinnen mit ihr zusammen im Süden begraben werden. Und wegen des Geldes müssen wir halt irgendwo ein paar Tausend Tael leihen.“ –
 
„Es gibt heutzutage nur noch wenig Großzügigkeit“, kommentierte Djia Liän bitter. „Du bist in Trauer, Onkel, und Vater ist im Exil. Ich fürchte, wir können das Geld nirgends aufbringen. Dann müssen wir wohl eine Hypothek auf unser Eigentum aufnehmen.“
 
„Doch unsere Residenz steht uns durch Kaiserlichen Erlaß zu,“ warf Djia Dschëng ein, „es steht uns nicht frei, so damit zu verfahren.“ –
 
„Das ist wahr“, sagte Djia Liän, „doch wir haben anderes Eigentum, auf das wir eine Hypothek aufnehmen könnten. Nach deiner Trauerzeit kann es dann eingelöst werden und nach Vaters Rückkehr, – umso mehr, wenn er wieder eingesetzt wird. Unser wesentliches Bedenken ist, daß du dich mit so einer langen Reise in deinem Alter überlasten könntest.“
 
„Es ist ein Gefallen, den ich Großmutter schulde“, sagte Djia Dschëng, „während ich weg bin, zähle ich darauf, daß du den Haushalt führst und alles streng unter Kontrolle hältst.“ –
 
„Mach dir darüber keine Sorgen“, sagte Djia Liän, „ich werde mein Bestes geben. Wenn du einige Diener mitnimmst, sind das einige Mäuler weniger, die es hier zu stopfen gilt, so könnten wir ein wenig sparen. Wenn du auf deinem Weg irgendwelche Hilfe brauchst, so reise in der Nähe der offiziellen Residenz von Lai Schang-jung, dem Sohn des Verwalters Lai Da, ihn kannst du immer um Hilfe bitten.“ –
 
„Ich trage allein die Verantwortung dafür“, kommentierte Djia Dschëng trocken, „warum sollte ich die Hilfe von irgend jemandem brauchen?“ –
 
„Natürlich,“ stimmte Djia Liän zu und zog sich zurück, um seinen finanziellen Berechnungen nachzugehen.
 
Djia Dschëng teilte Frau Wang seine Pläne mit, wies sie an, ein wachsames Auge auf den Haushalt zu werfen, und wählte einen günstigen Tag im Almanach aus, an welchem die Reise stattfinden sollte. Dann traf er seine Vorbereitungen für den Aufbruch.
 
Bau-yü war nun wieder völlig gesund, Djia Huan und Djia Lan waren ernsthaft in ihre Studien vertieft. Djia Dschëng vertraute sie alle Djia Liän an und erinnerte ihn: „Dieses Jahr wird das Staatsexamen stattfinden. Huan wird es nicht beenden können, weil er immer noch um seine Mutter trauert. Es gibt nichts, was Lan davon abhalten könnte, doch da seine Trauerzeit nun kürzer ist, wird sie auch bald vorüber sein. Er und Bau-yü sollen das gemeinsam erledigen. Wenn sie das Examen bestehen und Provinzmagister werden, wird das helfen, die Familie von ihrer Schande zu befreien.“
 
Djia Liän versicherte ihm schnell, daß er seine Anweisungen ausführen werde. Djia Dschëng widmete sich dann länger den Hausangestellten, verabschiedete sich feierlich am Schrein der Ahnen, und er war, nachdem er einige Tage außerhalb der Stadt religiöse Dienste im Tempel verrichtet hatte, schließlich bereit, aufzubrechen. Verwalter Lin Dschï-hsiau und einige Diener reisten mit ihm. Einige Familienmitglieder begleiteten ihn ein Stück, um sich von ihm zu verabschieden. Er störte dabei keine weiteren Familienangehörige oder Freunde.
 
Da nun Bau-yü den Auftrag hatte, am nächsten Beamtenexamen teilzunehmen, begann die Dame Wang, mehr Druck auf ihn auszuüben und schaute beständig nach dem Fortschritt seiner Arbeit, während Bau-tschai und Hsi-jën ihn durch stetige Lektüre unterstützten. Sie bemerkten die tägliche Verbesserung seines Geistes, doch ihnen war nicht bewußt, daß sich in ihm eine große, innere Wandlung vollzogen hatte, die ihn in eine unvorhergesehene für ihn äußerst widernatürliche Richtung führte. Zusätzlich zu seiner tief verwurzelten Geringschätzung weltlichen Erfolgs und Fortschritts hatte er auch eine tiefe Abneigung gegenüber allen romantischen Anlagen entwickelt – mit einem Wort, gegenüber der Liebe. Doch diese radikale neue Haltung wurde um ihn herum kaum wahrgenommen, und er sagte nichts zu dieser Erkenntnis.
 
Dsï-djüan war eine der wenigen, die die frühen Symptome seines inneren Wandels bemerkt hatte, und sie zog ihre eigenen Schlüsse. Sie war gerade davon zurückgekehrt, Dai-yüs Sarg zur Anlegestelle zu begleiten und saß grübelnd und weinend in ihrem Zimmer. Sie dachte: „Wie kaltherzig Bau-yü ist! Er scheint es nicht im geringsten zu bedauern, daß Fräulein Lins Sarg nun fortgeschafft wurde. Er hat nicht mehr als eine einzige Träne vergossen.  Er sah,  wie ich mir die Augen ausweinte,  und hat noch nicht ein-
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Als Bau-yü seine Worte gegenüber Bau-tschai korrigieren wollte, kam Tjiu-wën herein und sagte: „Der gnädige Herr draußen wünscht den zweiten Herr [Bau-yü] zu sehen.“ Bau-yü kam dies gerade gelegen, und er ging sofort los.
mal versucht, mich zu trösten, sondern starrte mich nur an und lächelte. Was für eine Enttäuschung! All die freundlichen Worte, die er in der letzten Zeit zu uns gesagt hatte, haben uns nur genarrt. Ein Glück, daß ich ihn am nächsten Abend durchschaut hatte und nicht nochmal darauf hereinfiel! Doch eines verstehe ich immer noch nicht. Er scheint sogar Hsi-jën gegenüber noch kälter geworden zu sein. Ich weiß, daß Frau Bau-tschai von Natur aus kein warmer Mensch war, – vielleicht hat sie seinen Wandel im Herzen gar nicht bemerkt. Doch was ist mit Schë-yüä  und den anderen, fühlen  sie sich nicht schlecht behandelt? Sie haben sich von ihren Gefühlen zum Narren halten lassen und ihr halbes Leben für ihn verschwendet, nur um jetzt so verlassen zu sein!“
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„Ich will mit dir reden“, sagte Djia Dschëng, als er ankam, „was deine Studien angeht. Du bist noch in Trauer, und es wäre daher unüblich für dich, zur Schule zu gehen. Aber du kannst und mußt deine Aufsätze wiederholen. Über die nächsten paar Tage werde ich etwas Freizeit haben, und ich will, daß du mir zuhause ein paar Aufsätze schreibst. Ich werde dann fähig sein, selbst zu beurteilen, ob du in all der Zeit einen erkennbaren Fortschritt gemacht hast.“ –
Während sie grübelte, kam Wu-örl auf sie zu. „Weinst du immer noch um Fräulein Dai-yü?“, fragte Wu-örl, wie sie Dsï-djüans tränenüberflutetes Gesicht sah. „Wenn du meine Meinung über Herrn Bau-yü hören möchtest, ich denke, es ist Zeit, daß wir seinen Ruf vergessen und ihn so sehen, wie er wirklich ist. Man hatte mir immer gesagt, wie nett er sei, besonders gegenüber Mädchen. Deswegen hat sich meine Mutter so sehr darum bemüht, daß ich hier in Dienst treten kann. Von da an habe ich seit Beginn seiner Krankheit darauf gewartet. Doch wo es ihm nun besser geht, habe ich nicht ein freundliches Wort von ihm gehört. Ich glaube, er hat noch nicht einmal meine Anwesenheit bemerkt!“
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„Ja, Vater“, sagte Bau-yü eher erbärmlich.
Dsï-djüan brach in Gelächter aus zu dieser komischen Kummergeschichte. „Hör’ dich doch nur an, du kleiner Drachen!“, rief sie aus. „Wie soll Herr Bau-yü dich denn behandeln? Du solltest dich wirklich schämen! Wenn er sich noch nicht einmal für die Mägde interessiert, die ihm am nächsten stehen, erwartest du, daß er dann Zeit für dich findet?
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„Ich habe deinen Bruder Huan und deinen Neffen Lan beauftragt, dasselbe zu tun. Ich hoffe ernstlich, daß deine Arbeit besser als ihre ist.“ –
Sie lachte wieder und hielt Wu-örl einen mahnenden Finger vors Gesicht. „Wer bist du, daß du glaubst, Bau-yüs Gefühle für dich beanspruchen zu können?“
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„Ja, Vater.“ Bau-yü traute sich nicht mehr zu sagen, sondern stand wie angewurzelt auf der Stelle.
Wu-örl errötete über ihre eigene Dummheit. Sie wollte gerade erklären, daß es nicht ihre Behandlung von Bau-yü war, die ihr Sorge machte, sondern die aller Mägde, doch dann rief jemand von innen: „Der Mönch ist zurück! Und er verlangt seine zehntausend Tael! Die Dame weiß nicht, was zu tun ist, und wollte, daß Herr Liän mit ihm spricht, doch Herr Liän ist nicht zu Hause! Der Mönch ist draußen, tobt und schimpft vor sich hin. Die Herrin möchte, daß Frau Bau-tschai hinübergeht und sich mit ihr bespricht.“
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„Nun, dann geh!“
Um herauszufinden, wie sie den Mönch beruhigten, lese man bitte das nächste Kapitel.
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Als er aus dem Studierzimmer ging, ging Bau-yü an Lai Da und den anderen Verwaltern vorüber, die mit ihrem Registern kamen.
117. Zwei wunderschöne Jungfrauen halten den Jade fest und verhindern eine Flucht aus weltlicher Bindung
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Bau-yü war bald wie ein Blitz zurück in seinem Raum, und erzählte das Wichtigste der Unterhaltung Bau-tschai, die eher erfreut schien, dies zu hören. Bau-yü selbst stöhnte innerlich, aber wußte, daß es nicht ratsam wäre, faul zu erscheinen, und bereitete sich vor, sich zu setzen und zu konzentrieren, als zwei Nonnen vom Kloster Di-dsang eintrafen, um die zweite Herrin Bau-tschai zu begrüßen. Bau-tschai fragte etwas reserviert: „Wie geht es Euch?“ Sie befahl ihrer Magd, ihnen Tee zu bringen, während Bau-yü, der gerne mit den Nonnen geredet hätte, wußte, daß Bau-tschai ihre Gesellschaft nicht mochte, und sich daher zurückhielt.
Nichtsnutze nehmen das Anwesen ein und versammeln eine Menge an Kumpanen.
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Die Nonnen für ihren Teil wußten nur zu gut, daß Bau-tschai ihnen gegenüber keine Sympathie empfand; deshalb entschuldigten sie sich, nachdem sie eine kurze Weile dort gesessen hatten.
 
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„Wollen sie nicht etwas länger bleiben?“, fragte Bau-tschai etwas heuchlerisch.
Die Dame Wang schickte nach Bau-tschai, um sich mit ihr zu beraten, während Bau-yü, wie er hörte, daß der Mönch draußen war, zuerst auf den Hof eilte. „Wo ist mein Herr?“, rief er.
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„Wir müssen noch so viele Besuche bei den Damen und den jungen Damen machen“, antwortete eine von ihnen, „mit den Feierlichkeiten, die wir im Kloster Eiserne Schwelle halten mußten, waren wir sehr beschäftigt und haben die Damen und die jungen Damen seit langem nicht mehr besucht. Außer Ihnen haben wir bereits die Damen gesehen, aber wir wollen noch zu dem vierten Fräulein [Hsi-tschun].
Als es letztlich kein Lebenszeichen von dem Mönch gab, ging er hinaus, wo er sah, daß sein Knecht Li Guee dem Mönch den Weg versperrte.
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Bau-tschai nickte, und die Nonnen gingen weiter zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie fragten Tsai-ping, die sie empfing, wo ihr Fräulein zu finden sei.
„Meine Mutter bittet mich, Sie hereinzuführen“, sagte Bau-.
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„Fragen Sie mich nicht, das Fräulein hat seit Tagen nichts gegessen“, rief Tsai-ping, „und nun will sie nicht einmal von ihrem Bett aufstehen.“
Li Guee lockerte seinen Griff und der Mönch stolzierte herein. Bau-yü bemerkte sofort die Ähnlichkeit zwischen diesem Mönch und dem Führer in seinem Traum und die Wahrheit schien ihm immer deutlicher. Er verbeugte sich: „Herr, bitte vergeben Sie Ihrem Schüler, Sie so verzögert empfangen zu haben.“ –
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„Warum? Was geht hier vor?“ –
„Ich habe nicht das Verlangen danach, unterhalten zu werden“, sagte der Mönch. „Ich will nur mein Geld, und dann bin ich weg.
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„Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin sicher, daß sie Euch alles erzählen wird, wenn Ihr sie seht.“
‚Dies ist kaum die Art, die man von einem Mann mit solch geistigem Niveau erwartet!‘, dachte Bau-yü. Doch dann sah er sich den Kopf des Mönches an, der voller Schorf war, dazu trug er eine schmutzige, verschlissene Robe, und er dachte bei sich: ‚Es gibt ein altes Sprichwort: „Der wahre Weise offenbart sich nicht selbst und wer sich selbst offenbart, ist kein wahrer Weiser.“ Ich muß vorsichtig sein und mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich sollte ihn besser wegen des Geldes versichern und ihn etwas beruhigen.
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Hsi-tschun hatte sie reden hören, als sie hereinkamen, und setzte sich sofort auf. „Wie geht es Ihnen beiden?“, fragte sie. „Ich dachte, sie würden aufhören, uns zu besuchen, weil unser Haushaltsangelegenheiten sich so schlimm entwickelt haben...“ –
„Meister“, sagte er, „bitte seid geduldig. Meine Mutter bereitet gerade eben das Geld vor. Bitte setzt euch und wartet einen Moment. Darf ich euch fragen, Vater, ob ihr eben aus dem Land der Täuschungen zurückgekehrt seid?“
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„Amitabha!“ kam der fromme Ausruf. „Wohltäter sind Wohltäter, ob sie arm oder reich sind. Unser Kloster wurde von ihrer Familie gegründet, und wir waren immer sehr gut von der alten Dame ausgestattet worden. Wir sahen die Damen und die jungen Damen bei der Beerdigung der alten Dame, aber wir haben Sie dort nicht gesehen, Fräulein, und wir waren um Sie besorgt. Deswegen sind wir hierhergekommen, besonders um Sie heute zu besuchen.“
„Welche Täuschungen?“, rief der Mönch. „Ich komme, woher ich komme und gehe, wohin ich gehe. Ich kam her, um den Jade zurückzugeben. Doch laß mich dir eine Frage stellen: Woher hast du deine Jade?“
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Hsi-tschun fragte nach den Nonnen im Wassermond-Tempel.
Eine Weile lang fiel Bau-yü keine Antwort ein. Der Mönch lachte. „Wenn du nichts von deiner Herkunft weiß, wozu sich dann in meine vertiefen?“
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„Seit dem Skandal“, war die Antwort, „lassen die Pförtner sie keinen Fuß mehr hinein [in das Jung-guo-Anwesen] setzen.
Bau-yü war immer ein empfindsames und intelligentes Kind gewesen, und seine jetztige Erleuchtung hatte ihn unfähig gemacht, den Schleier weltlicher Einbildung und Illusion zu durchdringen. Doch er wußte immer noch nichts von seiner eigenen ‚Geschichte‘, und die Frage des Mönches hatte ihn wie ein Schlag getroffen.
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„Da wir von Skandal reden“, fuhr dieselbe Nonne fort, „ist es wahr, was wir den anderen Tag hörten, daß Meisterin Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün mit einem Mann durchgebrannt ist?“ –
„Ich weiß!“, rief er, „Sie wollen gar nicht mein Geld. Sie wollen, daß ich Ihnen meinen Jade zurückgebe.“ –
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„Was für ein Unsinn!“, antwortete Hsi-tschun. „Die Leute, die solche Geschichten erzählen, sollten aufpassen, daß ihre Zungen nicht in der Hölle herausgeschnitten werden! Das arme Mädchen wurde von einer Bande von Dieben entführt! Wie kann jemand das Herz haben, solche schlimmen Gerüchte in die Welt zu setzen!“ –
„Und das solltest du tun.“ kicherte der Mönch.
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„Meisterin Miau-yü war trotzdem eine merkwürdige Person“, sagte die Nonne. „Wir dachten immer, sie hätte es ein wenig übertrieben. Natürlich möchten wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“
Ohne ein Wort rannte Bau-yü ins Haus. Er erreichte seine Wohnung und wie er dort sah, daß Bau-tschai, Hsi-jën und die anderen hinausgegangen waren, um auf seine Mutter zu warten, nahm er schnell seinen Jade von der Stelle am Bett, wo er lag und rannte damit zurück. Als er den Raum verließ, stieß er mit Hsi-jën zusammen, was sie zu Tode erschreckte.
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„Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst.
„Die Herrin hat gerade eben gesagt, was für eine gute Idee es sei“, protestierte sie, „daß du dem Mönch Gesellschaft leistest, während sie versucht, das Geld aufzutreiben. Was machst du denn auf einmal wieder hier drin?“ –
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„Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten. Deshalb beten wir alle zu ihr und sagen: ‚Geheiligt sei Guanyin, Bodhisattva des Grenzenlosen Mitgefühls und der Anmut, Befreierin, Retterin, Heilerin!‘ 
„Ich möchte, daß du sofort zurückgehst,befahl Bau-, „und sag’ Mutter, sie muß sich nicht mehr um das Geld kümmern. Ich werde ihm den Jade zurückgeben. Damit ist die Rechnung beglichen.
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Eine Schwester führt ein schweres Leben, das ist wahr, härter als das einer jungen Dame aus einer reichen Familie. Doch wir sind errettet! Auch wenn wir nicht darauf hoffen können, ein Buddha oder eine Heilige zu werden, so werden wir wenigstens, wenn wir weiterhin unsere Ergebenheit zeigen, eines Tages in einem anderen Leben als Mann wiedergeboren. Allein das ist Belohnung genug. Wenigstens werden wir dann von den endlosen Versuchungen und stillen Drangsalen der Frauenwelt erlöst. Du bist noch zu jung, um das zu verstehen, Fräulein. Doch laß mich dir sagen, wenn eine junge Dame einst das Heim verläßt und heiratet, ist alles vorbei. Sie gehört für den Rest ihres Lebens ihrem Ehemann.
Hsi-jën hielt Bau-yü auf der Stelle fest: „Das ist völlig verrückt! Der Jade ist dein ganzes Leben! Wenn er ihn fortnimmt, wirst du bestimmt wieder krank.“ –
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Im wahren religiösen Leben ist es die Ergebenheit, die zählt. Die Meisterin Miau-yü hielt sich selbst immer für ausgezeichnet, einfühlsam, überlegen. Für sie waren wir nur gemeine Sterbliche. Wenigstens kann das gewöhnliche Volk wie wir einfaches Karma erwerben, und nun sieh dir die Katastrophe an, die sie ereilte!“
„Nicht jetzt“, antwortete Bau-yü, „ich werde nicht wieder krank. Da ich nun um meine wahre Bestimmung weiß, wofür brauche ich dann noch den Jade?“
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Was sie sagte, entsprach genau dem, was Hsi-tschun dachte. Ungehindert von der Anwesenheit der Mägde erzählte Hsi-tschun die ganze Geschichte davon, wie schlecht Frau You sie behandelt hatte und wie sie zum Bleiben gebracht wurde, um sich um das Haus zu kümmern, und mit welcher verheerenden Konsequenz. Sie zeigte ihnen, wo sie bereits ein Stück ihres Haares abgeschnitten hatte.
Er schüttelte Hsi-jën ab und ging. Sie eilte ihm nach und rief: „Komm zurück! Es gibt noch etwas, das ich dir sagen muß!“
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„Ihr haltet mich nur für ein weiteres Weltkind, das einem Wahn verfallen ist! Doch das ist falsch. Schon lange Zeit wollte ich eine Nonne sein. Ich wußte nur nicht, wie ich dieses Ziel erreichen sollte.“
Bau-yü blickte zurück zu ihr: „Es muß nichts mehr gesagt werden.
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Die Schwestern gaben sich bewegt: „Bitte, Fräulein, sagen Sie so etwas nicht! Wenn die erste Frau Dschën das hörte, würde sie uns gewaltig schelten und uns aus dem Kloster werfen. Ein junges Fräulein mit so einem guten Herz wie du, in so eine gute Familie geboren – du wirst mit Sicherheit einen netten jungen Schwiegersohn heiraten und dein Leben in Prunk und Gelassenheit verbringen.
Sie rannte hinterher, warf all ihre Hemmungen ab und weinte beim Rennen: „Erinnerst du dich nicht an das letzte Mal, als du sie verloren hast, wie es beinahe mein Ende war? Du hast sie gerade eben zurück, und wenn er sie wieder fort nimmt, wird es dein und mein Leben kosten! Du wirst mich in den Tod treiben.
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Hsi-tschuns errötete und fiel ihnen ins Wort: „Was läßt euch glauben, daß meine Schwiegerschwester euch fortgeschickt hätte und ich nicht Nonne werden kann?
Sie überholte ihn und hielt ihn leicht fest, während sie sprach. „Ob es deinen Tod bedeutet oder nicht“, sagte Bau-yü mit seltsamer Heftigkeit, „Ich werde sie trotzdem zurückgeben.
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Die Schwestern bemerkten, wie ernst es ihr war, und entschieden, sie noch etwas weiter anzutreiben: „Fühlen Sie sich nicht angegriffen, Fräulein. Doch glauben Sie wirklich, daß die Damen und die jungen Damen das Fräulein gehen lassen würden? Sie werden sich selbst damit nur unnötigen Ärger bereiten. Das Fräulein sollte sollten an sich denken.“ –
Er stieß Hsi-jën mit aller Kraft weg und versuchte, sich aus ihrem Griff zu lösen. Mit von seinem Griff wunden Handgelenken sank sie zu Boden, schluchzte und rief um Hilfe.
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„Wir werden sehen“, war Hsi-tschuns knapper Kommentar.
Die Mägde in den inneren Gemächern hörten den Lärm und kamen herausgerannt, um sie beide in ihrer verzweifelten Umarmung zu finden.
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Tsai-ping glaubte, das würde zu nichts führen, und warf den Nonnen einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie bemerkten den Hinweis und waren zu ängstlich, um Hsi-tschun weiter anzutreiben. Sie verabschiedeten sich. Hsi-tschun hielt sie nicht zurück, blickte ihnen verächtlich nach und sagte: „Glaubt nicht, Euer Kloster sei das einzige auf dieser Welt!“
„Schnell!“, rief Hsi-jën, „geht und sagt es Eurer Herrin! Herr Bau-yü will dem Mönch den Jade zurückgeben!
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Die Nonnen hielten es für klüger, nicht zu antworten.
Die Mägde eilten mit dieser Nachricht zur Dame Wang, während Bau-yü noch zorniger wurde und versuchte, sich Hsi-jëns Griff zu entwinden. Sie hielt um ihr Leben fest und Dsï-djüan hastete aus den inneren Gemächern, sobald sie gehört hatte, was Bau-yü vorhatte. Ihre Aufregung und Betroffenheit schienen noch größer als die von Hsi-jën, und ihr voriger Entschluß, gegenüber Bau-yü Gleichgültigkeit zu zeigen, schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sie half Hsi-jën mit ihrer Kraft und umfaßte Bau-yü, der, obwohl er als Mann gegen Frauen stand, sich nicht gegen ihre Verzweiflung wehren konnte. Unfähig, sich zu befreien, seufzte er und sagte: „Wollt ihr so kämpfen, nur um ein Stück Jade zu behalten? Was würdet ihr machen, wenn ich euch verließe?“
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Tsai-ping war über den Lauf der letzten Ereignisse betrübt und fürchtete, daß sie dafür beschuldigt werden könnte, wenn sie Frau You irgendeine bedauerliche Mitteilung vorenthielt: „das vierte Fräulein [Hsi-tschun] möchte sich immer noch den Kopf rasieren und eine Nonne werden. Sie war in den letzten Tagen nicht krank, sie lag zu Hause und haderte mit dem Schicksal. Vielleicht wäre es sicherer, ein bißchen aufzupassen. Wenn irgendwas passiert, werden wir später beschuldigt.“ –
Diese Worte riefen einen lauten Ausbruch des Schluchzens von Hsi-jën und Dsï-djüan hervor.
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„Sie will nicht wirklich von zuhause fort und einen heiligen Schwur ablegen“, sagte Frau You. „Sie glaubt nur, sie kann den ersten gnädigen Herr [Dschën] dazu benutzen, meine Autorität in Frage zu stellen. Nun, soweit ich betroffen bin, kann sie ruhig gehen und soll ihr Glück versuchen!“
Sie hatten ein Patt erreicht, bis die Dame Wang und Bau-tschai hinzukamen. Nun konnte die Dame Wang die Wahrheit des Berichtes mit eigenen Augen bezeugen.
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Tsai-ping versuchte dennoch, Hsi-tschun von ihrem drastischen Vorhaben abzubringen. Doch Hsi-tschun blieb bei ihrem Entschluß, sie aß nichts mehr und ihr einziger Gedanke war nun, den letzten Schritt zu wagen und ihr letztes Haar abzuschneiden. Tsai-ping und die anderen konnten das nicht länger ertragen und erzählte es allen Damen. Die Damen Wang und Hsing versuchten mehrere Male, es Hsi-tschun auszureden, doch ihre Mühen waren umsonst. Sie schien wie besessen.
„Bau-yü!“, schrie sie, ihre Stimme erstickte im Schluchzen, „hast du wieder den Verstand verloren?“
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Die zwei Damen Wang und Hsing wollten gerade gehen, um es Djia Dschëng zu berichten, als sie von draußen hörten: „Frau Dschën ist mit ihrem jungen Herr Bau-yü da.Sie eilten hinaus, um ihre Gäste zu empfangen, und führten sie [Frau Dschën] in die Gemächer der Dame Wang, wo sie sich alle setzten, förmliche Grüße austauschten und sich freundlich miteinander unterhielten. Näheres wird darüber nun nicht berichtet. Dame Wang machte eine Anspielung, dass Dschën Bau-yü und ihr eigener Bau-yü gleich aussähen. Sie wollte Dschën Bau-yü selbst sehen. Es wurde sofort nach ihm geschickt, doch als Antwort wurde überbracht, daß der junge Herr Dschën sich mit dem gnädigen Herrn [Dschëng] im äußeren Studierzimmer unterhielt und daß sie eine wichtige Angelegenheit klären müßten. Unser zweiter Herr [Bau-yü], der dritte Herr [Huan] und der ältere Bruder Lan wurden auch versammelt, um im Studierzimmer ihr Mittagessen einzunehmen. Nach dem Essen kämen sie her. Nun wurde den Damen das Mittagessen serviert.
Bau-yü wußte, daß er nach der Ankunft seiner Mutter nicht mehr entkommen konnte – und wechselte deswegen seine Strategie.
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Djia Dschëng, der selbst die anatomische Ähnlichkeit zwischen Dschën Bau-und [seinem eigenen Sohn] Bau-yü bemerkt hatte, fuhr fort, die literarischen und scholastischen Fertigkeiten des jungen Mannes zu testen und war zutiefst beeindruckt von den flüssigen Antworten, die er gab. Er schickte nach [seinem eigenen Sohn] Bau-yü und anderen zwei Jungen, um ihnen diese Vorbilder an Tugendhaftigkeit vorzuführen, als Anreiz und Ermahnung und insbesondere, um Bau-yü eine günstige Gelegenheit des Selbstvergleichs zu bieten.
„Es gibt keinen Grund, daß du dich so aufregst, Mutter“, sagte er mit einem friedlichen Lächeln. „Du machst aus nichts immer so einen Akt. Ich dachte, der Mönch sei hier allein von Sinnen, da er darauf bestand, daß man ihm jeden Münze seiner zehntausend Tael zahlen sollte. Das machte mich sehr wütend, und ich wollte ihm den Jade nur zurückgeben, um ihm zu sagen, daß er nicht echt sei. Wenn ich ihn davon überzeugen kann, daß er für uns nicht von Wert ist, dann würde er sicher annehmen, was immer wir ihm anbieten.“ –
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Bau-yü kam der Bitte sofort nach und erschien in farbloser Kleidung in Begleitung seines Bruders [Huan] und seines Neffen [Lan]. Als er Dschën Bau-yü zum ersten Mal sah, schien es ihm fast, als wäre er mit einem alten Freund wieder vereint, und die Freude beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie verbeugten sich voreinander, und Djia Huan und Djia Lan taten es ihnen gleich. Djia Dschëng saß auf einer Matte am Boden und hatte Dschën Bau-yü bei seiner Ankunft, einen Stuhl zum Sitzen angeboten, eine Einladung, die Dschën Bau-yü deutlich zurückwies, da der Ältere sich auf einer niederen Ebene befand. Stattdessen setzte er sich auf ein Kissen am Boden. Nun, da Bau-yü und die anderen beiden die Gesellschaft begleitet hatten, wäre es für sie kaum angemessen, mit Djia Dschëng auf dem Boden zu sitzen. Andererseits konnten sie auch nicht stehen bleiben, während Dschën Bau-yü, ihr Altersgenosse, unter ihnen saß. Djia Dschëng löste das Dilemma, indem er selbst aufstand, sich eine Weile mit ihnen unterhielt und dann die Diener anwies, das Mittagessen aufzutragen.
„Meine Güte! Ich dachte, du meinst es ernst!“, rief die Dame Wang. „Du hättest ruhig die Wahrheit sagen können! – Sieh nur, was du dadurch ausgelöst hast!“ –
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„Ich werde euch nun verlassen müssen“, sagte er zu Herrn Dschën, „bitte entschuldigt mich. Ich werde euch an die jüngere Generation weiterreichen, die noch viel von euch lernen wird.“ –
„Was Bau-yü vorschlägt, klingt nach einer guten Idee“, sagte Bau-tschai. „Doch ich denke trotzdem, daß es zu riskant ist, sie ihm zurückgeben zu wollen. Wenn du mich fragst, ist dieser Mönch irgendwie merkwürdig. Er könnte genausogut etwas Schreckliches tun und die ganze Familie wieder ins Chaos stürzen. Wir können immer noch Schmuck verkaufen, um das Geld aufzutreiben.
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„Wenn Ihr euch empfehlt, so bin ich es, Herr“, antwortete Dschën Bau-yü mit freundlicher Bescheidenheit, „der erfürchtig erwartet, viel von diesen Ehrenmännern zu lernen.“
„Ja“, sagte Frau Wang, „das versuchen wir zuerst.
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Djia Dschëng antwortete noch etwas und brach auf. Dabei hielt er freundlich Dschën Bau-yü davon ab, ihn zu begleiten, doch gestattete es Bau-yü und die anderen, die voranschritten und hinter der Schwelle auf Djia Dschëng warteten, um Djia Dschëng in das innere Studierzimmer zu geleiten.  
Bau-yü kommentierte das nicht. Bau-tschai kam auf ihn zu und nahm ihm den Jade aus der Hand.
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Sie kehrten zurück, baten Herr Dschën Bau-yü, sich wieder zu setzen und man unterhielt sich ganz gewöhnlich gemäß diesem langerwarteten und ersehnten Treffen; davon sollen nun keine Details berichtet werden.
„Es gibt keinen Anlaß, daß du dich darum kümmerst“, sagte sie, „Mutter und ich werden ihm das Geld geben.“ –
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Wie Djia Bau-yü Dschën Bau-yü sah, wurde er sofort an ihre frühere Traumbegegnung erinnert. Er wußte aus Berichten über Dschën Bau-yü, daß sein Jade-Gegenstück eine Person seines Herzens wäre und er bestimmt war, in ihm einen wahren Freund zu finden. Da dies nun ihre erste wirkliche Begegnung war und weil Djia Huan und Djia Lan anwesend waren, spürte er das Bedürfnis, etwas diskreter zu sein und behalf sich mit freundlichen Übertreibungen, die zu solchen Gelegenheiten üblich sind: „Lang habe ich Sie aus der Ferne bewundert, doch bis heute ist mir die Ehre verwehrt geblieben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Der heutige Tag ist ein Segen für mich. Vor mir sehe ich nun die Wiedergeburt eines perfekten Unsterblichen.“
„Nun gut, ich werde ihm den Jade nicht geben“, sagte Bau-yü. „Doch ich muß ihn zumindest noch einmal sehen.“
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Dschën Bau-yü hatte auch bereits viel von Djia Bau-yü gehört und fand, daß die Realität seine Erwartungen noch übertraf.
Hsi-jën und Dsï-djüan wagten immer noch nicht, ihn loszulassen. Am Ende war es Bau-tschai, die anordnete, ihn frei zu lassen: „Er sollte besser gehen, wenn er möchte.“
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‚Er scheint eine angemessene Begleitung für meine Studien‘, dachte er bei sich, ‚doch kaum jemand teilt mein Streben. Doch er hat meinen Namen und sieht aus wie ich. Wir müssen irgendwie über den Fels der Wiedergeburt seelenverwandt sein. Ich habe erst sehr spät Fortschritte im Verstehen der höheren Prinzipien gemacht und sollte deshalb versuchen, an ihn weiterzugeben, was ich gelernt habe. Doch da dies unser erstes Treffen ist und da ich nicht sicher bin, wo unsere Sympathien liegen, sollte ich behutsam vorgehen.’
Widerwillig gab Hsi-jën nach.  
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Er antwortete auf Djia Bau-yüs Bemerkungen auf eine Art, die ihm angemessen erschien: „Schon lange weiß ich um eure großen Begabungen. Ich fürchte, daß vor einer Person von solch hervorragender Reinheit, Feinheit und Anmut nur ein gewöhnlicher, dummer Sterblicher steht und durch unsere Namensgleichheit nur ihren Glanz beflecke.“
„Ihr alle scheint dem Jade mehr Wert beizumessen als dem Besitzer!“, sagte Bau-yü mit einem schiefen Lächeln. „Was wäre, wenn ich mit dem Mönch mitginge und euch mit dem Jade allein ließe? Dann würdet ihr reichlich blöde aussehen, nicht wahr?“
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‚Sein Charakter scheint sympathisch‘, überlegte Djia Bau-yü, wie er dies hörte. ‚Doch warum schmeichelt er mir, als sei ich ein Mädchen? Wir sind doch Männer und daher Geschöpfe der Unreinheit.
Dies erweckte wieder Angst bei Hsi-jën, und sie hätte ihn wieder ergriffen, wäre sie nicht durch die Anwesenheit der Dame Wang und Bau-tschais gehemmt und von der Notwendigkeit überzeugt gewesen, den Anschein von Respekt gegenüber Bau-yü zu bewahren. Es war ohnehin zu spät, für einen Augenblick lösten sie den Griff, und Bau-yü war fort. Hsi-jën stellte sich selbst zufrieden, indem sie eine jüngere Magd mit Anweisungen für Bee-ming und Bau-yüs anderen Pagen zum inneren Tor schickte, um ein Auge auf ihn zu werfen, da er sich „sehr seltsam“ benehme. Die Magd befolgte ihre Anweisung sofort.
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„Ihr lobt mich unverdienterweise“, sagte er, „meine Wenigkeit ist nichts als eine närrische Kreatur, eher ein Lump oder harter Stein. Wie kann ich mit einer Person von solcher Vorzüglichkeit und Erhabenheit wie euch verglichen werden? Ich bin es, der unwert ist, diesen Namen zu tragen.“
Die Dame Wang und Bau-tschai gingen währenddessen in Bau-yüs Gemächer und setzten sich. Sie fragten Hsi-jën, was genau passiert sei und diese berichtete ausführlich, was Bau-yü alles gesagt hatte. Sie waren beide sehr verstört und schickten einen weiteren Botschafter mit Anweisungen, daß die Diener Bau-yü gründlich bewachen und genau zuhören sollten, was der Mönch sagte. Einen Augenblick später kehrte eine jüngere Magd zurück und berichtete Frau Wang: „Herr Bau-yü benimmt sich äußerst merkwürdig, Herrin.
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„Als meine Wenigkeit jung war“, dachte Dschën Bau-yü laut zu Gunsten seines neuen Freundes, „war ich blind für meine eigene Beschränkung und folgte Ideen weit über meinem Rang. Doch dann geriet meine Familie in Bedrängnis und wir mußten die letzten Jahre in sehr bescheidenen Verhältnissen verbringen. Obwohl ich sonst kaum Erfahrungen mit der Wechselhaftigkeit des Lebens gemacht habe, fühle ich als Folge davon, daß ich ein höheres Wissen über die Wege der Welt und ein besseres Verständis von der ärmlichen Natur des Menschen erlangt habe. Andererseits haben Sie Ihr ganzes Leben überwiegend in Prunk verbracht, es hat Ihnen an nichts gemangelt, und ich bin sicher, Sie konnten Auszeichnung in literarischen Aufsätzen und in öffentlichen Angelegenheiten erwerben, Auszeichnungen, die Ihrem ehrwürdigen Vater gewiß großen Ruhm bereitet haben, so daß er Sie mit großem Stolz und Zuneigung sieht. Meine Wenigkeit wiederhole, Sie sind des Namens wert, den wir beide tragen.
 
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Djia Bau-yü erkannte nun die verräterische Rhetorik und blieb still, überlegte eine passende Antwort, während Djia Huan sich für seinen Teil unwohl fühlte, so von der Unterhaltung ausgeschlossen zu sein. Djia Lan fand Dschën Bau-yüs kleine Predigt trotzdem höchst geistreich: „Ihr seid einfach zu bescheiden, Herr. Sicher, im Bereich der literarischen Aufsätze und der öffentlichen Angelegenheiten, von denen ihr sprecht, rührt es gewiß von langer Erfahrung her, wahre Fertigkeit und Wissen zu erlangen. Meine Wenigkeit ist natürlich zu jung, um ein solches literarisches Wissen für mich zu beanspruchen, doch eine sorgfältige Prüfung von dem bißchen, was ich gelesen habe, hat mich zu dem Entschluß geführt, daß äußere Anmut und aufgesetzte Feinheit von geringem Wert sind, im Gegensatz zur Bildung eines guten Charakters.“
[[Category:Books]]
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Djia Bau-yü fand die Bemerkungen seines Neffen äußerst selbstgefällig und überlegte, wo der kleine Neffe nur so zu sprechen gelernt haben könnte. Er versuchte, Dschën Bau-yü eine Antwort vorwegzunehmen: „Meine Wenigkeit hat Sie so verstanden, daß Sie gewöhnliche und umgangssprachliche Äußerungen verurteilen und Ihre eigene Sicht der Welt gebildet haben. Meine Wenigkeit war so glücklich über die Gelegenheit, Sie heute zu treffen und von Ihnen etwas zu lernen, das mir hilft, aus der sterblichen Sphäre, in der wir leben, aufzusteigen und einen geistigeren Bereich zu betreten. Meine Wenigkeit ist sicher, daß eine solche Begegnung helfen würde, mein Herz von weltlichen Gelüsten zu befreien und meine Augen für eine tiefere Sicht der Dinge zu öffnen. Aber ach, meine Wenigkeit entnehme Ihren Worten, daß Sie mich für einen einfachen Menschen halten und mich nur aus Freundlichkeit zu diesem Geschwätz über weltliche Weisheit eingeladen haben.“
[[Category:Hongloumeng]]
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Dschën Bau-yü überlegte: ‚Mit Sicherheit hat er Geschichten von mir als kleines Kind gehört und denkt deshalb, daß ich aus Höflichkeit so spreche und dabei meine wahre Natur verdecke. Ich muß offen mit ihm sein. Wer weiß, vielleicht offenbart er sich doch als wahrer Freund.‘ - „Ich verstehe absolut den Ernst Eurer Bemerkungen“, begann er, „als meine Wenigkeit noch jung war, habe ich auch alles abgelehnt, das inhaltlich flach oder klischeebelastet war. Doch ich wurde älter, und als mein Vater degradiert wurde und keine Neigung mehr zu gesellschaftlicher Unterhaltung hatte, fiel die Führungsrolle auf meine Wenigkeit zurück. Im Zuge meiner Verpflichtungen bemerkte ich, daß jeder der erhabenen Edelleute, denen ich begegnete, unserem Familiennnamen auf die eine oder andere Art Ruhm und Ehre gebracht hatte. All ihre geschriebenen oder gesprochenen Worte waren voll Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit, ihr ganzes Leben war der Tugend und der Wahrheit gewidmet und sie waren in der Tat ein passender Beitrag zu der erleuchteten Rolle, in welcher ich lebe. Für die freundlichen und erleuchtenden Anweisungen ihrer Väter und Lehrer gebührt ihnen jede Menge Dankbarkeit. Also verwarf ich allmählich die wirren Theorien und närrischen Gelüste meiner Jugend. Gegenwärtig suche ich immer noch nach Lehrern und Freunden, die mich anleiten können und mich aus meiner benebelten Unwissenheit führen, und ich halte es für einen großen Segen, Sie getroffen zu haben. Ich bin sicher, daß ich von Ihnen viel zu lernen habe. Glauben Sie mir, was ich zuvor sagte, war ernst gemeint!“
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Je mehr Djia Bau-yü hörte, desto verärgerter wurde er. Um der Höflichkeit willen murmelte er etwas Ähnliches als Antwort und wurde vor weiteren Verlegenheiten durch einen Ruf in die inneren Gemächer bewahrt: „Wenn die Herren aufgegessen haben, würde Herr Dschën dann bitte den Damen Gesellschaft leisten?“
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Bau-yü nutzte diese Gelegenheit, um Dschën Bau-yü den Weg zu zeigen, und sie begaben sich begleitet von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zu den Gemächern der Dame Wang. Wie er die Frau Dschën am Ehrenplatz sitzen sah, begrüßte er sie, Djia Huan und Djia Lan taten es ihm gleich, und Dschën Bau-yü begrüßte die Dame Wang auf die gleiche Weise. Dann saßen sich die beiden Damen und ihre zwei „Jaden“ genau gegenüber. Obwohl Djia Bau-yü nun verheiratet war, war Frau Dschën alt genug, sich aus diesem Anlaß nicht zurückhalten zu müssen, besonders durch die langjährige Verbindung ihrer beiden Familien. Sie sah, wie ähnlich sich die beiden waren und erwärmte sich sofort für Djia Bau-yü. Mit der Dame Wang war es das Gleiche, sie nahm Dschën Bau-yü an die Hand und überhäufte ihn mit Fragen, fand ihn sogar noch reifer als ihren eigenen Bau-yü. Sie blickte Djia Lan an und dachte bei sich, daß er eine feine Figur besitze, doch nicht annähernd auf einer Ebene mit den zwei Bau-yüs war. Djia Huans grobe Erscheinung auf der anderen Seite erweckte keine Sympathie in ihr.
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Als bekannt wurde, daß beide Bau-yüs zusammen waren, kamen alle Mägde vorbei, um nachzusehen.
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„Unglaublich!“ murmelten sie zueinander.
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„Daß sie denselben Namen haben ist das eine; aber sie sehen ja noch gleich aus – Gesicht, Figur, alles! Glücklicherweise ist unser Bau-yü in Trauerweiß gekleidet, sonst könnte man sie nicht auseinanderhalten!“
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Dsï-djüan war besonders verblüfft. Sie dachte an Dai-yü: ‚Wenn Fräulein Lin nur noch leben würde! Sie hätten sie mit Dschën Bau-yü verheiraten können. Das hätte sie bestimmt gern getan.’
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Als sie eben diesen Gedanken faßte, hörte sie Frau Dschën sagen: „Vor einigen Tagen hat unser gnädiger Herr, der nun meint, unser Bau-yü sei in einem heiratsfähigen Alter, glaube ich, den gnädigen Herrn [Dschëng] gebeten, sich nach einer passenden Braut für ihn umzuschauen.“
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Die Dame Wang war bereits sehr von Dschën Bau-yü angetan und antwortete, ohne zu zögern: „Ich wäre froh, als Ehestifterin für Ihren Sohn dienen zu können. Von unseren vier Mädchen sind leider zwei gestorben und eine ist bereits verheiratet. Unser erster Neffe Dschën hat eine unverheiratete jüngere Schwester, doch sie ist noch ein wenig zu jung. Ich habe aber eine andere Idee. Meine ältere Schwiegertochter, hat zwei Kusinen, zwei gut aussehende Mädchen. Das zweite Fräulein ist bereits verlobt, doch das dritte Fräulein nicht und würde eine ausgezeichnete Braut für ihren Sohn abgeben. Ich könnte morgen für ihren Sohn einen Vorschlag einreichen. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß sich Ihre Familie in etwas bescheidenen Umständen befindet.“ –
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„Gnädige Herrin ist unnötig freundlich“, sagte Frau Dschën. „Heutzutage möchte jeder nur von sich herumprahlen. Tatsächlich könnten Sie uns unter Ihnen stehen sehen.“ –
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„Ihr Mann ist doch vor kurzem rehabilitiert worden“, sagte die Dame Wang, „und ich bin sicher, daß er in Zukunft nicht nur zu seinem alten Erfolg zurückkehren, sondern seinen Ruhm noch vermehren wird.“
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Frau Dschën lächelte: „Wenn Ihre Prophezeiungen nur wahr würden. Nun, in diesem Fall sollte ich dankbar sein, wenn die gnädige Herrin diesen Ehevorschlag für uns einreichen würdet.“
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Wie Dschën Bau-yü die Unterhaltung über seine Verlobung vernahm, entschuldigte er sich und wurde von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zurück ins Studierzimmer begleitet, wo sie Djia Dschëng wiedertrafen und sich eine Weile unterhielten. Dann erschien einer der Dschën-Diener, um nach Dschën Bau-yü zu rufen: „Gnädige Herrin [Dschën] bricht nun auf, Herr und möchte, daß ihr mitkommt.“
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Dschën Bau-yü verabschiedete sich und Djia Dschëng wies Bau-yü, [Djia] Huan und [Djia] Lan an, ihn hinaus zu begleiten. Und hier müssen wir ihn verlassen.
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Seit seiner früheren Begegnung mit Dschën Bau-yüs Vater hatte Djia Bau-yü voller Vorfreude und Ungeduld auf die Ankunft Dschën Bau-yü gewartet und gehofft, in ihm einen guten Freund zu finden. Da sie sich nun begegnet waren, war er völlig desillusioniert, hatte ihrer Unterhaltung entnommen, daß sie wie gegensätzliche Pole waren, weit voneinander entfernt wie sprichwörtlich Eis und Kohle. Er begab sich zurück in seine Gemächer in einer Stimmung absoluter Niedergeschlagenheit, sagte nicht ein Wort, gab nicht ein Lächeln von sich, sondern starrte leer in den Raum.
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„Nun?“, fragte Bau-tschai, „ist Dschën Bau-yü denn dein ‚lebendes Ebenbild‘?“
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„Er sieht auf jeden Fall aus wie ich“, antwortete Bau-yü, „doch daran, wie er sprach, konnte ich erkennen, daß er nur ein Narr ist, nur ein weiterer Karrierewurm.“ –
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„Da haben wir es, wieder suchst du nur nach den Fehlern!“, protestierte Bau-tschai, „wie kannst du so schnell wissen, daß er ein Karrierewurm ist?“ –
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„Er hat viel geredet“, antwortete Bau-yü, „und in dem, was er sagte, war nichts Tiefgründiges oder Erleuchtendes. Er sprudelte nur von ‚literarischen Aufsätzen und öffentlichen Angelegenheiten‘, und ‚Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit‘. Spricht so nicht ein Wurm? Es ist eine Schande, daß er aussieht wie ich. Da ich nun weiß, wie er ist, wünschte ich, er sähe anders aus.“
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Bau-tschai wußte, daß er wieder eine seiner Marotten hatte: „Was du sagst, ist doch lächerlich! Wie kannst du denn anders aussehen? Seine Gedanken erscheinen mir soweit vernünftig. Ein Mann sollte im Leben vorankommen wollen und etwas erreichen. Nur weil du so überempfindlich und von deinen Gefühlen so eingenommen bist, heißt das etwa, daß jeder andere auch so sein muß? Du bezeichnest ihn schimpflicherweise als einen Wurm, obwohl du es bist, der keine Charakterstärke hat!“
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Bau-yü fand Dschën Bau-yüs Predigt bereits ärgerlich genug. Mit Bau-tschais Hetzrede obendrauf fühlte er sich, als würde er in einem Sumpf der Verzweiflung versinken. Ein vertrautes Gefühl überwältigender Verschwommenheit schien ihn zu überkommen, und er konnte den nahenden Zusammenbruch spüren. Er sagte nichts, doch lächelte er leer, zur Verwirrung von Bau-tschai. Sie vermutete, daß er lächelte, um seine Empörung über ihre harten Worte zu verdecken, und entschied deshalb, ihn zu ignorieren. Doch für den Rest des Tages blieb er weiterhin so benebelt, weigerte sich sogar, mit Hsi-jën oder den anderen zu sprechen, als sie ihn reizten und als er am nächsten Morgen aufstand, sah er genauso aus wie vor seiner Genesung.
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Die Dame Wang hatte währenddessen beschlossen, Djia Dschëng über Hsi-tschuns Entschluß, sich den Kopf zu rasieren und das Gelübde abzulegen, informieren zu müssen. Frau You hatte sich als unfähig erwiesen, sie davon abzubringen, und es sah danach aus, daß es sie nur in den Selbstmord treiben würde, widersetzte man sich ihrem Willen weiter. Sie bewachten sie Tag und Nacht, doch das war nur eine vorübergehende Maßnahme. Ihr Vorhaben konnten so nicht für immer verhindert werden. Djia Dschëng seufzte und stampfte mit dem Fuß: „Womit hat das Östliche [Ning-guo-]Anwesen nur so ein Ende verdient.“
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Er schickte nach Djia Jung: „Geh und sag’ deiner Mutter, daß sie sich ein letztes Mal bemühen soll, Hsi-tschun davon abzubringen. Wenn das Mädchen dann weiterhin auf seiner Narrheit besteht, werden wir es einfach so behandeln, als sei es kein Mitglied unserer Familie mehr.“
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Frau You tat, wie es ihr aufgetragen war, doch ihre Mühe bewirkte nur das Gegenteil und rief noch mehr Selbstmorddrohungen von Hsi-tschun hervor. „Ich bin ein Mädchen, und du weißt, ich kann nicht für den Rest meines Lebens zu Hause bleiben. Was ist, wenn ich in einer miserablen Ehe wie die zweite Schwester [Ying-tschun] ende? Was hat sie der gnädige Herr [Dschëng] und die gnädige Herrin [Wang] nur für einen Kummer bereitet und dann ist sie gestorben... Wenn du mich liebst, denke von mir, ich sei tot, laß mich gehen, laß mich zumindest versuchen, ein reines Leben zu führen. Ich werde nicht weit weg von zuhause wohnen, nur im Kloster Gefangenes Grün, die ja ein Teil des Gartens und eine alte Familienadresse ist. Miau-yüs Nonnen leben immer noch dort. Das könnte mein Frauenkloster sein. Ihr könnt euch hier um meinen Bedarf kümmern. Bitte laßt mich das tun, das wäre ein Segen für mich. Wenn Sie sich weiterhin gegen mich wenden, zwingen Sie mich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Wenn es mir erlaubt ist, meinem gewählten Weg zu folgen und wenn dann mein Bruder zurückkehrt, so werde ich ihm sagen, daß es aus freiem Willen geschehen ist. Doch wenn ich sterbe, wird mein Bruder sicher behaupten, Sie hätten mich in den Tod getrieben.“
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Frau You und Hsi-tschun waren nie miteinander im Einklang gewesen und außerdem konnte Frau You ihre Einwände verstehen. Sie erzählte dies der Dame Wang. Doch die Dame Wang war in Bau-tschais Gemächern, wo sie eben selbst entdeckt hatte, wie sehr sich Bau-yüs Zustand verschlechtert hatte und warf Hsi-jën vor: „Ihr seid alle zu nachlässig! Ihr hättet mir sofort sagen sollen, daß der zweite Herr [Bau-yü] krank geworden ist!“ –
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„Doch Herrin“, flehte Hsi-jën, „Der zweite Herr [Bau-yü] ist oft krank, – an manchen Tagen geht es ihm besser und dann wieder schlechter. Er hat Euch besucht und jeden Morgen seine Pflichten erfüllt und bis jetzt ging es ihm wirklich gut. Nun scheint es eine verrückte Wendung gegeben zu haben. Die zweite Herrin [Bau-tschai] wollte gerade hinüber gehen und es euch mitteilen, sie wollte nur nicht, daß ihr uns scheltet, daß wir so einen Trubel darum machen.“
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Das Ausschelten Hsi-jëns und die Angst, daß sie und Bau-tschai seinetwegen leiden müßten, schien Bau-yüs Sinne wieder kurzzeitig zu beleben: „Mach’ Euch keine Sorgen, gnädige Frau [Mutter]keine Sorgen, Mutter. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich fühle mich nur ein wenig traurig.“ –
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Frau Wang sagte: „Vergiß nicht, daß du die Neigung hast, krank zu werden. Wenn ich es nur früher gewußt hätte, hätte ich einen Arzt rufen und etwas Medizin besorgen lassen können. Wenn du es selbst soweit kommen läßt, in so einen Zustand zu verfallen wie damals, als du deine Jade verloren hattest, wirst du uns wieder endlosen Ärger bereiten!“ –
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„Wenn gnädige Frau sich immer noch sorgt, Mutter“, sagte Bau-yü, „dann ruft meinetwegen einen Arzt und besorgt Medizin.“
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Die Dame Wang beauftragte sofort eine Magd, einen Arzt zu rufen und war viel zu sehr mit Bau-yü beschäftigt, um an Hsi-tschuns missliche Lage zu denken. Später kam der Arzt an, untersuchte Bau-yü und schrieb ein Rezept, anschließend kehrte die Dame Wang wieder in ihre eigenen Gemächer zurück.
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Über die nächsten Tage schien Bau-yü aber trotzdem noch geistesschwächer zu werden als jemals zuvor. Er hörte völlig auf zu essen und sein Zustand verursachte allgemeine Betroffenheit. Als die Zeit für die Zeremonie kam, die das Ende der Trauerperiode um die Herzoginmutter markierte, und da die Familie im Tempel besonders beschäftig war, wurde Djia Yün gerufen, um Bau-yüs Arzt zu befragen. Wegen des Mangels an Männern in Djia Liäns Umgebung, mußte Wang Jën auch hergebeten werden, um bei der Bewachung zu helfen. Tjiau-djiä-örl hatte ihre Mutter Tag und Nacht beweint und war auch krank geworden. In jeder Hinsicht bot das Jung-guo-Anwesen ein Bild des Chaos und des Elends.
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Als die Familie von ihrem Dienst im Tempel zurückkehrte, ging die Dame Wang sofort Bau-yü besuchen. Sie sah, daß Bau-yüs Zustand sich noch verschlechtert hatte. Bau-yü war bewußtlos und die Diener waren in hilfloser Panik. Die Dame Wang weinte bitterlich, ging zu Djia Dschëng und sagte: „Der Arzt sagt, es sei Zeitverschwendung, ihm weitere Medizin zu verschreiben und wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.“
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Djia Dschëng seufzte bitter und sah selbst nach. Bau-yü erweckte wirklich den Eindruck, daß er dem Tode nahe sei, und Djia Dschëng trug Djia Liän auf, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Djia Liän wagte nicht, ihm zu widersprechen und gab umgehend Anweisungen, Bau-yüs letzte Sachen vorbereiten zu lassen. Er fragte sich nur, woher sie das Geld für ein weiteres Begräbnis nehmen sollten, bis einer der Diener aufgeregt in den Raum eilte und schrie: „Der zweite Herr [Liän]! Etwas Schreckliches! Noch eine Katastrophe!“
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Djia Liän hatte keine Ahnung, was er meinen könnte, und blickte ihn erstarrt vor Angst an: „Was ist es?“
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„Da ist ein Mönch am Tor und sagt, er habe Bau-yüs verlorene Jade wiedergebracht. Er verlangt zehntausend Tael dafür.“
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Djia Liän spuckte dem Diener ins Gesicht: „Verdammt! Ich dachte von deiner Aufregung her, daß es etwas Ernstes sei. Hast du nichts von dem letzten Scherz gehört? Selbst wenn es die richtige Jade wäre, was würde sie dem Jungen denn noch bringen, wenn es bereits keine Hoffnung mehr für den ihn gibt?“ –
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„Das habe ich selbst gesagt, Herr. Doch der Mönch schwört, daß Bau-yü geheilt würde, sobald wir ihm das Geld gezahlt hätten.“
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Während er sprach, kam ein weiterer Diener schreiend herbeigerannt: „Der Mönch ist verrückt geworden! Er ist ohne zu fragen hereingekommen und niemand kann ihn aufhalten!“
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„Das ist unglaublich!“, rief Djia Liän, „das kann doch nicht wahr sein!“
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Als er erfuhr, was passiert war, verlor Djia Dschëng beinahe genauso seinen Verstand wie Djia Liän. Währenddessen kamen weitere Schreie von innen: „Der zweite Herr Bau[-yü] stirbt!“
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Djia Dschëng war völlig verzweifelt, als er den Mönch rufen hörte: „Wenn ihr wollt, daß der Junge lebt, dann gebt mir das Geld!“ Djia Dschëng dachte plötzlich: „Es war ein Mönch, der Bau-yüs damalige Krankheit geheilt hat; vielleicht kann ihm dieser Mönch auch helfen. Doch wenn es die richtige Jade ist, woher nehmen wir das Geld dafür?“
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Nach einiger Überlegung beschloß er: „Nun gut, darüber denken wir später nach. Laßt uns ihm erst helfen, verhandeln werden wir später.“
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Während Djia Dschëng seine Entscheidung getroffen und einen Diener mit der Einladung abgefertigt hatte, war der Mönch bereits auf seinem Weg und ging, ohne sich rückzuversichern, direkt in Bau-yüs Gemächer. Djia Liän versuchte ihn zurückzuhalten, indem er sagte: „Es sind Damen darin! Ein Landstreicher wie ihr kann da nicht einfach hineinplatzen!“ –
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„Nur eine Verzögerung“, rief der Mönch, „und es kann zu spät für ihn sein!“ Djia Liän war zu aufgeregt, um ihm zu folgen, und rief verwirrt: „Ruhe! Hört auf zu weinen! Der Mönch ist da!“
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Er rief so weiter, doch die Dame Wang und die anderen waren von Bau-yüs Zustand zu eingenommen, um ihm zuzuhören. Als die Dame Wang und die anderen sich umblickten, waren sie erstaunt, die große, schlacksige Figur des Mönchs auf sie zukommen zu sehen und versuchten im letzten Moment erfolglos, sich zu verstecken, während der Mönch sich direkt zum Ofenbett begab, auf welchem Bau-yü lag. Bau-tschai zog sich etwas zurück, doch Hsi-jën meinte, sie müsse bei der Dame Wang bleiben, die dort stehen blieb, wo sie war.
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„Meine Damen, ich habe den Jadestein mitgebracht“, verkündete der Mönch. Er hielt ihn hoch, als er fortfuhr: „Gebt mir das Geld, und ich kann ihm helfen.“
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Der Schock setzte die Dame Wang und die anderen völlig außer Gefecht und sie und die anderen Damen waren gewiß nicht in dem Zustand, die Echtheit des ihnen gezeigten Steins zu beurteilen.
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„Rettet ihn einfach“, riefen sie, „und das Geld gehört Ihnen!“ Der Mönch lachte. „Ich will es jetzt!“ –
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„Macht euch keine Sorgen“, sagte die Dame Wang. „Ihr werdet das Geld auf jeden Fall bekommen, auch wenn es das letzte ist, was wir haben.“
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Der Mönch schien seine Forderung äußerst lustig zu finden und nach einigem Gelächter hielt er den Jade in der ausgestreckten Hand, bückte sich und flüsterte in Bau-yüs Ohr: „Bau-yü! Bau-yü! Dein Jadestein kommt wieder zurück!“
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Kaum hatte er das gesagt, öffnete Bau-yü die Augen ein wenig. „Er lebt!“, rief Hsi-jën euphorisch.
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„Wo ist er?“, fragte Bau-yü.
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Der Mönch legte den Jadestein in Bau-yüs Hand.
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Zuerst umklammerte Bau-yü ihn sanft, dann hob er ihn leicht nach oben und brachte ihn auf Augenhöhe. Er sah ihn genau an und sagte: „Ah! Zuletzt sind wir doch vereint!“
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Jeder begann, inbrünstige Gebete an Buddha zu schicken, und sogar Bau-tschai schien nun über die männliche Gegenwart des Mönches hinwegzusehen. Djia Liän kam vorbei, um zu sehen, was geschehen war, und das Erblicken des lebendigen Bau-yü erwärmte sein Herz für einen Moment. Plötzlich ging er weg und ohne ein Wort eilte der Mönch ihm nach und holte ihn ein. Djia Liän hatte keine Wahl, als den Mönch in die Empfangshalle zu begleiten und dann hinüber zu Djia Dschëng zu eilen, um ihm davon zu berichten, der sehr erleichtert über diese Neuigkeiten war und umgehend nach dem Mönch schickte, um ihm seinen tiefen Dank auszusprechen. Der Mönch grüßte und setzte sich. Djia Liän dachte besorgt bei sich: „Jetzt wird er nicht mehr gehen, bis man ihn bezahlt hat.“
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Djia Dschëng befragte den Mönch. Er fand heraus, daß er keiner von denen war, die er bei einer anderen Angelegenheit schon gesehen haben könnte.
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„Von welcher heiligen Unterkunft stammen Sie?“, wollte er wissen. „Und wie lautet Ihr Name in Ihrer Religion? Wo haben Sie den Stein meines Sohnes gefunden? Wie kommt es, daß es meinem Sohn durch ihn so schnell besser ging?“
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Der Mönch begegnete diesem Strom an Fragen mit einem rätselhaften Lächeln: „Fragt mich nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gebt mir nur die Zehntausend Tael, und wir sind fertig.“
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Djia Dschëng konnte sehen, daß er es mit einem sehr groben Typen zu tun hatte und fürchtete eine Konfrontation: „Das Geld? Aber natürlich, Sie sollen es bekommen.“ –
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„Ich will es jetzt, ich habe es eilig.“ –
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„Bitte setzen Sie sich einen Moment, während ich sehe, ob es bereit liegt.“ –
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„Sie beeilen sich besser.“
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Djia Dschëng ging zu den anderen. Er sagte nichts von seinem Gespräch mit dem Mönch, sondern ging direkt zum Ofenbett, in dem Bau-yü lag. Als Bau-yü seinen Vater kommen sah, versuchte er aufzustehen, doch war er noch zu schwach dafür. Die Dame Wang hielt ihn zurück und verlangte, er solle sich auf keinen Fall bewegen, während Bau-yü lächelte und Djia Dschëng den Jadestein mit den Worten überreichte: „Du siehst, die kostbare Jade ist zurückgekehrt!“
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Djia Dschëng wußte um die übernatürlichen Eigenschaften des Steines. Er blickte ihn an und sagte zu der Dame Wang: „Da Bau-yü nun sein Bewußtsein wiedererlangt hat, wie können wir nun den Mönch bezahlen?“ –
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„Verkauf alles, was ich besitze!“, antwortete die Dame Wang sofort. „Das sollte reichen.“ –
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„Ich glaube kaum, daß er nach Geld verlangt,“ warf Bau-yü ein. „Oder?“ Djia Dschëng nickte nachdenklich: „Ich finde es selbst merkwürdig, muß ich sagen. Doch er besteht darauf.“ – „Der gnädige Herr muß gehen und ihn unterhalten“, sagte die Dame Wang, „wir werden sehen, was wir tun können.“
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Als Djia Dschëng fort war, begann Bau-yü, nach Essen zu verlangen. Zunächst aß er eine Schüssel Reisbrei, und dann wollte er etwas Reis, welchen ihm die Ammen brachten. Doch die Dame Wang verbot ihm zu essen.
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„Es ist alles in Ordnung“, protestierte Bau-yü, „es geht mir besser.“
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Er lehnte sich vor und bediente sich an der Schale Reis. Seine Lebensgeister schienen sichtlich wiederbelebt. Er wollte richtig aufrecht sitzen und Schë-yüä half ihm vorsichtig dabei. Von ihrer Begeisterung über seine Genesung überwältigt rief sie: „Was für ein Schatz dieser Stein sein muß! Man konnte förmlich sehen, wie er Euch half! Ein Glück, daß Ihr ihn nicht in Stücke zerbrochen habt!“
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Ihre Worte verursachten einen plötzlichen Wechsel in Bau-yüs Gesicht. Er warf den Stein zur Seite und fiel nach hinten.
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Doch um zu wissen, ob er überlebte, muß man zum nächsten Kapitel gehen.

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · 112 · 113 · 114 · 115 · 116 · 117 · 118 · 119 · 120 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 115

惑偏私惜春矢素志 / 证同类宝玉失相知

Eine Besessenheit bestätigt Hsi-tschun in einem alten Schwur, den Staub der Welt hinter sich zu lassenEine physische Ähnlichkeit beraubt Bau-yü eines erdichteten Freundes

Als Bau-yü seine Worte gegenüber Bau-tschai korrigieren wollte, kam Tjiu-wën herein und sagte: „Der gnädige Herr draußen wünscht den zweiten Herr [Bau-yü] zu sehen.“ Bau-yü kam dies gerade gelegen, und er ging sofort los. „Ich will mit dir reden“, sagte Djia Dschëng, als er ankam, „was deine Studien angeht. Du bist noch in Trauer, und es wäre daher unüblich für dich, zur Schule zu gehen. Aber du kannst und mußt deine Aufsätze wiederholen. Über die nächsten paar Tage werde ich etwas Freizeit haben, und ich will, daß du mir zuhause ein paar Aufsätze schreibst. Ich werde dann fähig sein, selbst zu beurteilen, ob du in all der Zeit einen erkennbaren Fortschritt gemacht hast.“ – „Ja, Vater“, sagte Bau-yü eher erbärmlich. „Ich habe deinen Bruder Huan und deinen Neffen Lan beauftragt, dasselbe zu tun. Ich hoffe ernstlich, daß deine Arbeit besser als ihre ist.“ – „Ja, Vater.“ Bau-yü traute sich nicht mehr zu sagen, sondern stand wie angewurzelt auf der Stelle. „Nun, dann geh!“ Als er aus dem Studierzimmer ging, ging Bau-yü an Lai Da und den anderen Verwaltern vorüber, die mit ihrem Registern kamen. Bau-yü war bald wie ein Blitz zurück in seinem Raum, und erzählte das Wichtigste der Unterhaltung Bau-tschai, die eher erfreut schien, dies zu hören. Bau-yü selbst stöhnte innerlich, aber wußte, daß es nicht ratsam wäre, faul zu erscheinen, und bereitete sich vor, sich zu setzen und zu konzentrieren, als zwei Nonnen vom Kloster Di-dsang eintrafen, um die zweite Herrin Bau-tschai zu begrüßen. Bau-tschai fragte etwas reserviert: „Wie geht es Euch?“ Sie befahl ihrer Magd, ihnen Tee zu bringen, während Bau-yü, der gerne mit den Nonnen geredet hätte, wußte, daß Bau-tschai ihre Gesellschaft nicht mochte, und sich daher zurückhielt. Die Nonnen für ihren Teil wußten nur zu gut, daß Bau-tschai ihnen gegenüber keine Sympathie empfand; deshalb entschuldigten sie sich, nachdem sie eine kurze Weile dort gesessen hatten. „Wollen sie nicht etwas länger bleiben?“, fragte Bau-tschai etwas heuchlerisch. „Wir müssen noch so viele Besuche bei den Damen und den jungen Damen machen“, antwortete eine von ihnen, „mit den Feierlichkeiten, die wir im Kloster Eiserne Schwelle halten mußten, waren wir sehr beschäftigt und haben die Damen und die jungen Damen seit langem nicht mehr besucht. Außer Ihnen haben wir bereits die Damen gesehen, aber wir wollen noch zu dem vierten Fräulein [Hsi-tschun].“ Bau-tschai nickte, und die Nonnen gingen weiter zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie fragten Tsai-ping, die sie empfing, wo ihr Fräulein zu finden sei. „Fragen Sie mich nicht, das Fräulein hat seit Tagen nichts gegessen“, rief Tsai-ping, „und nun will sie nicht einmal von ihrem Bett aufstehen.“ „Warum? Was geht hier vor?“ – „Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin sicher, daß sie Euch alles erzählen wird, wenn Ihr sie seht.“ Hsi-tschun hatte sie reden hören, als sie hereinkamen, und setzte sich sofort auf. „Wie geht es Ihnen beiden?“, fragte sie. „Ich dachte, sie würden aufhören, uns zu besuchen, weil unser Haushaltsangelegenheiten sich so schlimm entwickelt haben...“ – „Amitabha!“ kam der fromme Ausruf. „Wohltäter sind Wohltäter, ob sie arm oder reich sind. Unser Kloster wurde von ihrer Familie gegründet, und wir waren immer sehr gut von der alten Dame ausgestattet worden. Wir sahen die Damen und die jungen Damen bei der Beerdigung der alten Dame, aber wir haben Sie dort nicht gesehen, Fräulein, und wir waren um Sie besorgt. Deswegen sind wir hierhergekommen, besonders um Sie heute zu besuchen.“ Hsi-tschun fragte nach den Nonnen im Wassermond-Tempel. „Seit dem Skandal“, war die Antwort, „lassen die Pförtner sie keinen Fuß mehr hinein [in das Jung-guo-Anwesen] setzen.“ „Da wir von Skandal reden“, fuhr dieselbe Nonne fort, „ist es wahr, was wir den anderen Tag hörten, daß Meisterin Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün mit einem Mann durchgebrannt ist?“ – „Was für ein Unsinn!“, antwortete Hsi-tschun. „Die Leute, die solche Geschichten erzählen, sollten aufpassen, daß ihre Zungen nicht in der Hölle herausgeschnitten werden! Das arme Mädchen wurde von einer Bande von Dieben entführt! Wie kann jemand das Herz haben, solche schlimmen Gerüchte in die Welt zu setzen!“ – „Meisterin Miau-yü war trotzdem eine merkwürdige Person“, sagte die Nonne. „Wir dachten immer, sie hätte es ein wenig übertrieben. Natürlich möchten wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“ – „Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst. „Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten. Deshalb beten wir alle zu ihr und sagen: ‚Geheiligt sei Guanyin, Bodhisattva des Grenzenlosen Mitgefühls und der Anmut, Befreierin, Retterin, Heilerin!‘  Eine Schwester führt ein schweres Leben, das ist wahr, härter als das einer jungen Dame aus einer reichen Familie. Doch wir sind errettet! Auch wenn wir nicht darauf hoffen können, ein Buddha oder eine Heilige zu werden, so werden wir wenigstens, wenn wir weiterhin unsere Ergebenheit zeigen, eines Tages in einem anderen Leben als Mann wiedergeboren. Allein das ist Belohnung genug. Wenigstens werden wir dann von den endlosen Versuchungen und stillen Drangsalen der Frauenwelt erlöst. Du bist noch zu jung, um das zu verstehen, Fräulein. Doch laß mich dir sagen, wenn eine junge Dame einst das Heim verläßt und heiratet, ist alles vorbei. Sie gehört für den Rest ihres Lebens ihrem Ehemann. Im wahren religiösen Leben ist es die Ergebenheit, die zählt. Die Meisterin Miau-yü hielt sich selbst immer für ausgezeichnet, einfühlsam, überlegen. Für sie waren wir nur gemeine Sterbliche. Wenigstens kann das gewöhnliche Volk wie wir einfaches Karma erwerben, und nun sieh dir die Katastrophe an, die sie ereilte!“ Was sie sagte, entsprach genau dem, was Hsi-tschun dachte. Ungehindert von der Anwesenheit der Mägde erzählte Hsi-tschun die ganze Geschichte davon, wie schlecht Frau You sie behandelt hatte und wie sie zum Bleiben gebracht wurde, um sich um das Haus zu kümmern, und mit welcher verheerenden Konsequenz. Sie zeigte ihnen, wo sie bereits ein Stück ihres Haares abgeschnitten hatte. „Ihr haltet mich nur für ein weiteres Weltkind, das einem Wahn verfallen ist! Doch das ist falsch. Schon lange Zeit wollte ich eine Nonne sein. Ich wußte nur nicht, wie ich dieses Ziel erreichen sollte.“ Die Schwestern gaben sich bewegt: „Bitte, Fräulein, sagen Sie so etwas nicht! Wenn die erste Frau Dschën das hörte, würde sie uns gewaltig schelten und uns aus dem Kloster werfen. Ein junges Fräulein mit so einem guten Herz wie du, in so eine gute Familie geboren – du wirst mit Sicherheit einen netten jungen Schwiegersohn heiraten und dein Leben in Prunk und Gelassenheit verbringen.“ Hsi-tschuns errötete und fiel ihnen ins Wort: „Was läßt euch glauben, daß meine Schwiegerschwester euch fortgeschickt hätte und ich nicht Nonne werden kann?“ Die Schwestern bemerkten, wie ernst es ihr war, und entschieden, sie noch etwas weiter anzutreiben: „Fühlen Sie sich nicht angegriffen, Fräulein. Doch glauben Sie wirklich, daß die Damen und die jungen Damen das Fräulein gehen lassen würden? Sie werden sich selbst damit nur unnötigen Ärger bereiten. Das Fräulein sollte sollten an sich denken.“ – „Wir werden sehen“, war Hsi-tschuns knapper Kommentar. Tsai-ping glaubte, das würde zu nichts führen, und warf den Nonnen einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie bemerkten den Hinweis und waren zu ängstlich, um Hsi-tschun weiter anzutreiben. Sie verabschiedeten sich. Hsi-tschun hielt sie nicht zurück, blickte ihnen verächtlich nach und sagte: „Glaubt nicht, Euer Kloster sei das einzige auf dieser Welt!“ Die Nonnen hielten es für klüger, nicht zu antworten. Tsai-ping war über den Lauf der letzten Ereignisse betrübt und fürchtete, daß sie dafür beschuldigt werden könnte, wenn sie Frau You irgendeine bedauerliche Mitteilung vorenthielt: „das vierte Fräulein [Hsi-tschun] möchte sich immer noch den Kopf rasieren und eine Nonne werden. Sie war in den letzten Tagen nicht krank, sie lag zu Hause und haderte mit dem Schicksal. Vielleicht wäre es sicherer, ein bißchen aufzupassen. Wenn irgendwas passiert, werden wir später beschuldigt.“ – „Sie will nicht wirklich von zuhause fort und einen heiligen Schwur ablegen“, sagte Frau You. „Sie glaubt nur, sie kann den ersten gnädigen Herr [Dschën] dazu benutzen, meine Autorität in Frage zu stellen. Nun, soweit ich betroffen bin, kann sie ruhig gehen und soll ihr Glück versuchen!“ Tsai-ping versuchte dennoch, Hsi-tschun von ihrem drastischen Vorhaben abzubringen. Doch Hsi-tschun blieb bei ihrem Entschluß, sie aß nichts mehr und ihr einziger Gedanke war nun, den letzten Schritt zu wagen und ihr letztes Haar abzuschneiden. Tsai-ping und die anderen konnten das nicht länger ertragen und erzählte es allen Damen. Die Damen Wang und Hsing versuchten mehrere Male, es Hsi-tschun auszureden, doch ihre Mühen waren umsonst. Sie schien wie besessen. Die zwei Damen Wang und Hsing wollten gerade gehen, um es Djia Dschëng zu berichten, als sie von draußen hörten: „Frau Dschën ist mit ihrem jungen Herr Bau-yü da.“ Sie eilten hinaus, um ihre Gäste zu empfangen, und führten sie [Frau Dschën] in die Gemächer der Dame Wang, wo sie sich alle setzten, förmliche Grüße austauschten und sich freundlich miteinander unterhielten. Näheres wird darüber nun nicht berichtet. Dame Wang machte eine Anspielung, dass Dschën Bau-yü und ihr eigener Bau-yü gleich aussähen. Sie wollte Dschën Bau-yü selbst sehen. Es wurde sofort nach ihm geschickt, doch als Antwort wurde überbracht, daß der junge Herr Dschën sich mit dem gnädigen Herrn [Dschëng] im äußeren Studierzimmer unterhielt und daß sie eine wichtige Angelegenheit klären müßten. Unser zweiter Herr [Bau-yü], der dritte Herr [Huan] und der ältere Bruder Lan wurden auch versammelt, um im Studierzimmer ihr Mittagessen einzunehmen. Nach dem Essen kämen sie her. Nun wurde den Damen das Mittagessen serviert. Djia Dschëng, der selbst die anatomische Ähnlichkeit zwischen Dschën Bau-yü und [seinem eigenen Sohn] Bau-yü bemerkt hatte, fuhr fort, die literarischen und scholastischen Fertigkeiten des jungen Mannes zu testen und war zutiefst beeindruckt von den flüssigen Antworten, die er gab. Er schickte nach [seinem eigenen Sohn] Bau-yü und anderen zwei Jungen, um ihnen diese Vorbilder an Tugendhaftigkeit vorzuführen, als Anreiz und Ermahnung und insbesondere, um Bau-yü eine günstige Gelegenheit des Selbstvergleichs zu bieten. Bau-yü kam der Bitte sofort nach und erschien in farbloser Kleidung in Begleitung seines Bruders [Huan] und seines Neffen [Lan]. Als er Dschën Bau-yü zum ersten Mal sah, schien es ihm fast, als wäre er mit einem alten Freund wieder vereint, und die Freude beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie verbeugten sich voreinander, und Djia Huan und Djia Lan taten es ihnen gleich. Djia Dschëng saß auf einer Matte am Boden und hatte Dschën Bau-yü bei seiner Ankunft, einen Stuhl zum Sitzen angeboten, eine Einladung, die Dschën Bau-yü deutlich zurückwies, da der Ältere sich auf einer niederen Ebene befand. Stattdessen setzte er sich auf ein Kissen am Boden. Nun, da Bau-yü und die anderen beiden die Gesellschaft begleitet hatten, wäre es für sie kaum angemessen, mit Djia Dschëng auf dem Boden zu sitzen. Andererseits konnten sie auch nicht stehen bleiben, während Dschën Bau-yü, ihr Altersgenosse, unter ihnen saß. Djia Dschëng löste das Dilemma, indem er selbst aufstand, sich eine Weile mit ihnen unterhielt und dann die Diener anwies, das Mittagessen aufzutragen. „Ich werde euch nun verlassen müssen“, sagte er zu Herrn Dschën, „bitte entschuldigt mich. Ich werde euch an die jüngere Generation weiterreichen, die noch viel von euch lernen wird.“ – „Wenn Ihr euch empfehlt, so bin ich es, Herr“, antwortete Dschën Bau-yü mit freundlicher Bescheidenheit, „der erfürchtig erwartet, viel von diesen Ehrenmännern zu lernen.“ Djia Dschëng antwortete noch etwas und brach auf. Dabei hielt er freundlich Dschën Bau-yü davon ab, ihn zu begleiten, doch gestattete es Bau-yü und die anderen, die voranschritten und hinter der Schwelle auf Djia Dschëng warteten, um Djia Dschëng in das innere Studierzimmer zu geleiten. Sie kehrten zurück, baten Herr Dschën Bau-yü, sich wieder zu setzen und man unterhielt sich ganz gewöhnlich gemäß diesem langerwarteten und ersehnten Treffen; davon sollen nun keine Details berichtet werden. Wie Djia Bau-yü Dschën Bau-yü sah, wurde er sofort an ihre frühere Traumbegegnung erinnert. Er wußte aus Berichten über Dschën Bau-yü, daß sein Jade-Gegenstück eine Person seines Herzens wäre und er bestimmt war, in ihm einen wahren Freund zu finden. Da dies nun ihre erste wirkliche Begegnung war und weil Djia Huan und Djia Lan anwesend waren, spürte er das Bedürfnis, etwas diskreter zu sein und behalf sich mit freundlichen Übertreibungen, die zu solchen Gelegenheiten üblich sind: „Lang habe ich Sie aus der Ferne bewundert, doch bis heute ist mir die Ehre verwehrt geblieben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Der heutige Tag ist ein Segen für mich. Vor mir sehe ich nun die Wiedergeburt eines perfekten Unsterblichen.“ Dschën Bau-yü hatte auch bereits viel von Djia Bau-yü gehört und fand, daß die Realität seine Erwartungen noch übertraf. ‚Er scheint eine angemessene Begleitung für meine Studien‘, dachte er bei sich, ‚doch kaum jemand teilt mein Streben. Doch er hat meinen Namen und sieht aus wie ich. Wir müssen irgendwie über den Fels der Wiedergeburt seelenverwandt sein. Ich habe erst sehr spät Fortschritte im Verstehen der höheren Prinzipien gemacht und sollte deshalb versuchen, an ihn weiterzugeben, was ich gelernt habe. Doch da dies unser erstes Treffen ist und da ich nicht sicher bin, wo unsere Sympathien liegen, sollte ich behutsam vorgehen.’ Er antwortete auf Djia Bau-yüs Bemerkungen auf eine Art, die ihm angemessen erschien: „Schon lange weiß ich um eure großen Begabungen. Ich fürchte, daß vor einer Person von solch hervorragender Reinheit, Feinheit und Anmut nur ein gewöhnlicher, dummer Sterblicher steht und durch unsere Namensgleichheit nur ihren Glanz beflecke.“ ‚Sein Charakter scheint sympathisch‘, überlegte Djia Bau-yü, wie er dies hörte. ‚Doch warum schmeichelt er mir, als sei ich ein Mädchen? Wir sind doch Männer und daher Geschöpfe der Unreinheit.‘ „Ihr lobt mich unverdienterweise“, sagte er, „meine Wenigkeit ist nichts als eine närrische Kreatur, eher ein Lump oder harter Stein. Wie kann ich mit einer Person von solcher Vorzüglichkeit und Erhabenheit wie euch verglichen werden? Ich bin es, der unwert ist, diesen Namen zu tragen.“ „Als meine Wenigkeit jung war“, dachte Dschën Bau-yü laut zu Gunsten seines neuen Freundes, „war ich blind für meine eigene Beschränkung und folgte Ideen weit über meinem Rang. Doch dann geriet meine Familie in Bedrängnis und wir mußten die letzten Jahre in sehr bescheidenen Verhältnissen verbringen. Obwohl ich sonst kaum Erfahrungen mit der Wechselhaftigkeit des Lebens gemacht habe, fühle ich als Folge davon, daß ich ein höheres Wissen über die Wege der Welt und ein besseres Verständis von der ärmlichen Natur des Menschen erlangt habe. Andererseits haben Sie Ihr ganzes Leben überwiegend in Prunk verbracht, es hat Ihnen an nichts gemangelt, und ich bin sicher, Sie konnten Auszeichnung in literarischen Aufsätzen und in öffentlichen Angelegenheiten erwerben, Auszeichnungen, die Ihrem ehrwürdigen Vater gewiß großen Ruhm bereitet haben, so daß er Sie mit großem Stolz und Zuneigung sieht. Meine Wenigkeit wiederhole, Sie sind des Namens wert, den wir beide tragen.“ Djia Bau-yü erkannte nun die verräterische Rhetorik und blieb still, überlegte eine passende Antwort, während Djia Huan sich für seinen Teil unwohl fühlte, so von der Unterhaltung ausgeschlossen zu sein. Djia Lan fand Dschën Bau-yüs kleine Predigt trotzdem höchst geistreich: „Ihr seid einfach zu bescheiden, Herr. Sicher, im Bereich der literarischen Aufsätze und der öffentlichen Angelegenheiten, von denen ihr sprecht, rührt es gewiß von langer Erfahrung her, wahre Fertigkeit und Wissen zu erlangen. Meine Wenigkeit ist natürlich zu jung, um ein solches literarisches Wissen für mich zu beanspruchen, doch eine sorgfältige Prüfung von dem bißchen, was ich gelesen habe, hat mich zu dem Entschluß geführt, daß äußere Anmut und aufgesetzte Feinheit von geringem Wert sind, im Gegensatz zur Bildung eines guten Charakters.“ Djia Bau-yü fand die Bemerkungen seines Neffen äußerst selbstgefällig und überlegte, wo der kleine Neffe nur so zu sprechen gelernt haben könnte. Er versuchte, Dschën Bau-yü eine Antwort vorwegzunehmen: „Meine Wenigkeit hat Sie so verstanden, daß Sie gewöhnliche und umgangssprachliche Äußerungen verurteilen und Ihre eigene Sicht der Welt gebildet haben. Meine Wenigkeit war so glücklich über die Gelegenheit, Sie heute zu treffen und von Ihnen etwas zu lernen, das mir hilft, aus der sterblichen Sphäre, in der wir leben, aufzusteigen und einen geistigeren Bereich zu betreten. Meine Wenigkeit ist sicher, daß eine solche Begegnung helfen würde, mein Herz von weltlichen Gelüsten zu befreien und meine Augen für eine tiefere Sicht der Dinge zu öffnen. Aber ach, meine Wenigkeit entnehme Ihren Worten, daß Sie mich für einen einfachen Menschen halten und mich nur aus Freundlichkeit zu diesem Geschwätz über weltliche Weisheit eingeladen haben.“ Dschën Bau-yü überlegte: ‚Mit Sicherheit hat er Geschichten von mir als kleines Kind gehört und denkt deshalb, daß ich aus Höflichkeit so spreche und dabei meine wahre Natur verdecke. Ich muß offen mit ihm sein. Wer weiß, vielleicht offenbart er sich doch als wahrer Freund.‘ - „Ich verstehe absolut den Ernst Eurer Bemerkungen“, begann er, „als meine Wenigkeit noch jung war, habe ich auch alles abgelehnt, das inhaltlich flach oder klischeebelastet war. Doch ich wurde älter, und als mein Vater degradiert wurde und keine Neigung mehr zu gesellschaftlicher Unterhaltung hatte, fiel die Führungsrolle auf meine Wenigkeit zurück. Im Zuge meiner Verpflichtungen bemerkte ich, daß jeder der erhabenen Edelleute, denen ich begegnete, unserem Familiennnamen auf die eine oder andere Art Ruhm und Ehre gebracht hatte. All ihre geschriebenen oder gesprochenen Worte waren voll Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit, ihr ganzes Leben war der Tugend und der Wahrheit gewidmet und sie waren in der Tat ein passender Beitrag zu der erleuchteten Rolle, in welcher ich lebe. Für die freundlichen und erleuchtenden Anweisungen ihrer Väter und Lehrer gebührt ihnen jede Menge Dankbarkeit. Also verwarf ich allmählich die wirren Theorien und närrischen Gelüste meiner Jugend. Gegenwärtig suche ich immer noch nach Lehrern und Freunden, die mich anleiten können und mich aus meiner benebelten Unwissenheit führen, und ich halte es für einen großen Segen, Sie getroffen zu haben. Ich bin sicher, daß ich von Ihnen viel zu lernen habe. Glauben Sie mir, was ich zuvor sagte, war ernst gemeint!“ Je mehr Djia Bau-yü hörte, desto verärgerter wurde er. Um der Höflichkeit willen murmelte er etwas Ähnliches als Antwort und wurde vor weiteren Verlegenheiten durch einen Ruf in die inneren Gemächer bewahrt: „Wenn die Herren aufgegessen haben, würde Herr Dschën dann bitte den Damen Gesellschaft leisten?“ Bau-yü nutzte diese Gelegenheit, um Dschën Bau-yü den Weg zu zeigen, und sie begaben sich begleitet von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zu den Gemächern der Dame Wang. Wie er die Frau Dschën am Ehrenplatz sitzen sah, begrüßte er sie, Djia Huan und Djia Lan taten es ihm gleich, und Dschën Bau-yü begrüßte die Dame Wang auf die gleiche Weise. Dann saßen sich die beiden Damen und ihre zwei „Jaden“ genau gegenüber. Obwohl Djia Bau-yü nun verheiratet war, war Frau Dschën alt genug, sich aus diesem Anlaß nicht zurückhalten zu müssen, besonders durch die langjährige Verbindung ihrer beiden Familien. Sie sah, wie ähnlich sich die beiden waren und erwärmte sich sofort für Djia Bau-yü. Mit der Dame Wang war es das Gleiche, sie nahm Dschën Bau-yü an die Hand und überhäufte ihn mit Fragen, fand ihn sogar noch reifer als ihren eigenen Bau-yü. Sie blickte Djia Lan an und dachte bei sich, daß er eine feine Figur besitze, doch nicht annähernd auf einer Ebene mit den zwei Bau-yüs war. Djia Huans grobe Erscheinung auf der anderen Seite erweckte keine Sympathie in ihr. Als bekannt wurde, daß beide Bau-yüs zusammen waren, kamen alle Mägde vorbei, um nachzusehen. „Unglaublich!“ murmelten sie zueinander. „Daß sie denselben Namen haben ist das eine; aber sie sehen ja noch gleich aus – Gesicht, Figur, alles! Glücklicherweise ist unser Bau-yü in Trauerweiß gekleidet, sonst könnte man sie nicht auseinanderhalten!“ Dsï-djüan war besonders verblüfft. Sie dachte an Dai-yü: ‚Wenn Fräulein Lin nur noch leben würde! Sie hätten sie mit Dschën Bau-yü verheiraten können. Das hätte sie bestimmt gern getan.’ Als sie eben diesen Gedanken faßte, hörte sie Frau Dschën sagen: „Vor einigen Tagen hat unser gnädiger Herr, der nun meint, unser Bau-yü sei in einem heiratsfähigen Alter, glaube ich, den gnädigen Herrn [Dschëng] gebeten, sich nach einer passenden Braut für ihn umzuschauen.“ Die Dame Wang war bereits sehr von Dschën Bau-yü angetan und antwortete, ohne zu zögern: „Ich wäre froh, als Ehestifterin für Ihren Sohn dienen zu können. Von unseren vier Mädchen sind leider zwei gestorben und eine ist bereits verheiratet. Unser erster Neffe Dschën hat eine unverheiratete jüngere Schwester, doch sie ist noch ein wenig zu jung. Ich habe aber eine andere Idee. Meine ältere Schwiegertochter, hat zwei Kusinen, zwei gut aussehende Mädchen. Das zweite Fräulein ist bereits verlobt, doch das dritte Fräulein nicht und würde eine ausgezeichnete Braut für ihren Sohn abgeben. Ich könnte morgen für ihren Sohn einen Vorschlag einreichen. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß sich Ihre Familie in etwas bescheidenen Umständen befindet.“ – „Gnädige Herrin ist unnötig freundlich“, sagte Frau Dschën. „Heutzutage möchte jeder nur von sich herumprahlen. Tatsächlich könnten Sie uns unter Ihnen stehen sehen.“ – „Ihr Mann ist doch vor kurzem rehabilitiert worden“, sagte die Dame Wang, „und ich bin sicher, daß er in Zukunft nicht nur zu seinem alten Erfolg zurückkehren, sondern seinen Ruhm noch vermehren wird.“ Frau Dschën lächelte: „Wenn Ihre Prophezeiungen nur wahr würden. Nun, in diesem Fall sollte ich dankbar sein, wenn die gnädige Herrin diesen Ehevorschlag für uns einreichen würdet.“ Wie Dschën Bau-yü die Unterhaltung über seine Verlobung vernahm, entschuldigte er sich und wurde von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zurück ins Studierzimmer begleitet, wo sie Djia Dschëng wiedertrafen und sich eine Weile unterhielten. Dann erschien einer der Dschën-Diener, um nach Dschën Bau-yü zu rufen: „Gnädige Herrin [Dschën] bricht nun auf, Herr und möchte, daß ihr mitkommt.“ Dschën Bau-yü verabschiedete sich und Djia Dschëng wies Bau-yü, [Djia] Huan und [Djia] Lan an, ihn hinaus zu begleiten. Und hier müssen wir ihn verlassen. Seit seiner früheren Begegnung mit Dschën Bau-yüs Vater hatte Djia Bau-yü voller Vorfreude und Ungeduld auf die Ankunft Dschën Bau-yü gewartet und gehofft, in ihm einen guten Freund zu finden. Da sie sich nun begegnet waren, war er völlig desillusioniert, hatte ihrer Unterhaltung entnommen, daß sie wie gegensätzliche Pole waren, weit voneinander entfernt wie sprichwörtlich Eis und Kohle. Er begab sich zurück in seine Gemächer in einer Stimmung absoluter Niedergeschlagenheit, sagte nicht ein Wort, gab nicht ein Lächeln von sich, sondern starrte leer in den Raum. „Nun?“, fragte Bau-tschai, „ist Dschën Bau-yü denn dein ‚lebendes Ebenbild‘?“ „Er sieht auf jeden Fall aus wie ich“, antwortete Bau-yü, „doch daran, wie er sprach, konnte ich erkennen, daß er nur ein Narr ist, nur ein weiterer Karrierewurm.“ – „Da haben wir es, wieder suchst du nur nach den Fehlern!“, protestierte Bau-tschai, „wie kannst du so schnell wissen, daß er ein Karrierewurm ist?“ – „Er hat viel geredet“, antwortete Bau-yü, „und in dem, was er sagte, war nichts Tiefgründiges oder Erleuchtendes. Er sprudelte nur von ‚literarischen Aufsätzen und öffentlichen Angelegenheiten‘, und ‚Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit‘. Spricht so nicht ein Wurm? Es ist eine Schande, daß er aussieht wie ich. Da ich nun weiß, wie er ist, wünschte ich, er sähe anders aus.“ Bau-tschai wußte, daß er wieder eine seiner Marotten hatte: „Was du sagst, ist doch lächerlich! Wie kannst du denn anders aussehen? Seine Gedanken erscheinen mir soweit vernünftig. Ein Mann sollte im Leben vorankommen wollen und etwas erreichen. Nur weil du so überempfindlich und von deinen Gefühlen so eingenommen bist, heißt das etwa, daß jeder andere auch so sein muß? Du bezeichnest ihn schimpflicherweise als einen Wurm, obwohl du es bist, der keine Charakterstärke hat!“ Bau-yü fand Dschën Bau-yüs Predigt bereits ärgerlich genug. Mit Bau-tschais Hetzrede obendrauf fühlte er sich, als würde er in einem Sumpf der Verzweiflung versinken. Ein vertrautes Gefühl überwältigender Verschwommenheit schien ihn zu überkommen, und er konnte den nahenden Zusammenbruch spüren. Er sagte nichts, doch lächelte er leer, zur Verwirrung von Bau-tschai. Sie vermutete, daß er lächelte, um seine Empörung über ihre harten Worte zu verdecken, und entschied deshalb, ihn zu ignorieren. Doch für den Rest des Tages blieb er weiterhin so benebelt, weigerte sich sogar, mit Hsi-jën oder den anderen zu sprechen, als sie ihn reizten und als er am nächsten Morgen aufstand, sah er genauso aus wie vor seiner Genesung. Die Dame Wang hatte währenddessen beschlossen, Djia Dschëng über Hsi-tschuns Entschluß, sich den Kopf zu rasieren und das Gelübde abzulegen, informieren zu müssen. Frau You hatte sich als unfähig erwiesen, sie davon abzubringen, und es sah danach aus, daß es sie nur in den Selbstmord treiben würde, widersetzte man sich ihrem Willen weiter. Sie bewachten sie Tag und Nacht, doch das war nur eine vorübergehende Maßnahme. Ihr Vorhaben konnten so nicht für immer verhindert werden. Djia Dschëng seufzte und stampfte mit dem Fuß: „Womit hat das Östliche [Ning-guo-]Anwesen nur so ein Ende verdient.“ Er schickte nach Djia Jung: „Geh und sag’ deiner Mutter, daß sie sich ein letztes Mal bemühen soll, Hsi-tschun davon abzubringen. Wenn das Mädchen dann weiterhin auf seiner Narrheit besteht, werden wir es einfach so behandeln, als sei es kein Mitglied unserer Familie mehr.“ Frau You tat, wie es ihr aufgetragen war, doch ihre Mühe bewirkte nur das Gegenteil und rief noch mehr Selbstmorddrohungen von Hsi-tschun hervor. „Ich bin ein Mädchen, und du weißt, ich kann nicht für den Rest meines Lebens zu Hause bleiben. Was ist, wenn ich in einer miserablen Ehe wie die zweite Schwester [Ying-tschun] ende? Was hat sie der gnädige Herr [Dschëng] und die gnädige Herrin [Wang] nur für einen Kummer bereitet und dann ist sie gestorben... Wenn du mich liebst, denke von mir, ich sei tot, laß mich gehen, laß mich zumindest versuchen, ein reines Leben zu führen. Ich werde nicht weit weg von zuhause wohnen, nur im Kloster Gefangenes Grün, die ja ein Teil des Gartens und eine alte Familienadresse ist. Miau-yüs Nonnen leben immer noch dort. Das könnte mein Frauenkloster sein. Ihr könnt euch hier um meinen Bedarf kümmern. Bitte laßt mich das tun, das wäre ein Segen für mich. Wenn Sie sich weiterhin gegen mich wenden, zwingen Sie mich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Wenn es mir erlaubt ist, meinem gewählten Weg zu folgen und wenn dann mein Bruder zurückkehrt, so werde ich ihm sagen, daß es aus freiem Willen geschehen ist. Doch wenn ich sterbe, wird mein Bruder sicher behaupten, Sie hätten mich in den Tod getrieben.“ Frau You und Hsi-tschun waren nie miteinander im Einklang gewesen und außerdem konnte Frau You ihre Einwände verstehen. Sie erzählte dies der Dame Wang. Doch die Dame Wang war in Bau-tschais Gemächern, wo sie eben selbst entdeckt hatte, wie sehr sich Bau-yüs Zustand verschlechtert hatte und warf Hsi-jën vor: „Ihr seid alle zu nachlässig! Ihr hättet mir sofort sagen sollen, daß der zweite Herr [Bau-yü] krank geworden ist!“ – „Doch Herrin“, flehte Hsi-jën, „Der zweite Herr [Bau-yü] ist oft krank, – an manchen Tagen geht es ihm besser und dann wieder schlechter. Er hat Euch besucht und jeden Morgen seine Pflichten erfüllt und bis jetzt ging es ihm wirklich gut. Nun scheint es eine verrückte Wendung gegeben zu haben. Die zweite Herrin [Bau-tschai] wollte gerade hinüber gehen und es euch mitteilen, sie wollte nur nicht, daß ihr uns scheltet, daß wir so einen Trubel darum machen.“ Das Ausschelten Hsi-jëns und die Angst, daß sie und Bau-tschai seinetwegen leiden müßten, schien Bau-yüs Sinne wieder kurzzeitig zu beleben: „Mach’ Euch keine Sorgen, gnädige Frau [Mutter]keine Sorgen, Mutter. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich fühle mich nur ein wenig traurig.“ – Frau Wang sagte: „Vergiß nicht, daß du die Neigung hast, krank zu werden. Wenn ich es nur früher gewußt hätte, hätte ich einen Arzt rufen und etwas Medizin besorgen lassen können. Wenn du es selbst soweit kommen läßt, in so einen Zustand zu verfallen wie damals, als du deine Jade verloren hattest, wirst du uns wieder endlosen Ärger bereiten!“ – „Wenn gnädige Frau sich immer noch sorgt, Mutter“, sagte Bau-yü, „dann ruft meinetwegen einen Arzt und besorgt Medizin.“ Die Dame Wang beauftragte sofort eine Magd, einen Arzt zu rufen und war viel zu sehr mit Bau-yü beschäftigt, um an Hsi-tschuns missliche Lage zu denken. Später kam der Arzt an, untersuchte Bau-yü und schrieb ein Rezept, anschließend kehrte die Dame Wang wieder in ihre eigenen Gemächer zurück. Über die nächsten Tage schien Bau-yü aber trotzdem noch geistesschwächer zu werden als jemals zuvor. Er hörte völlig auf zu essen und sein Zustand verursachte allgemeine Betroffenheit. Als die Zeit für die Zeremonie kam, die das Ende der Trauerperiode um die Herzoginmutter markierte, und da die Familie im Tempel besonders beschäftig war, wurde Djia Yün gerufen, um Bau-yüs Arzt zu befragen. Wegen des Mangels an Männern in Djia Liäns Umgebung, mußte Wang Jën auch hergebeten werden, um bei der Bewachung zu helfen. Tjiau-djiä-örl hatte ihre Mutter Tag und Nacht beweint und war auch krank geworden. In jeder Hinsicht bot das Jung-guo-Anwesen ein Bild des Chaos und des Elends. Als die Familie von ihrem Dienst im Tempel zurückkehrte, ging die Dame Wang sofort Bau-yü besuchen. Sie sah, daß Bau-yüs Zustand sich noch verschlechtert hatte. Bau-yü war bewußtlos und die Diener waren in hilfloser Panik. Die Dame Wang weinte bitterlich, ging zu Djia Dschëng und sagte: „Der Arzt sagt, es sei Zeitverschwendung, ihm weitere Medizin zu verschreiben und wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.“ Djia Dschëng seufzte bitter und sah selbst nach. Bau-yü erweckte wirklich den Eindruck, daß er dem Tode nahe sei, und Djia Dschëng trug Djia Liän auf, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Djia Liän wagte nicht, ihm zu widersprechen und gab umgehend Anweisungen, Bau-yüs letzte Sachen vorbereiten zu lassen. Er fragte sich nur, woher sie das Geld für ein weiteres Begräbnis nehmen sollten, bis einer der Diener aufgeregt in den Raum eilte und schrie: „Der zweite Herr [Liän]! Etwas Schreckliches! Noch eine Katastrophe!“ Djia Liän hatte keine Ahnung, was er meinen könnte, und blickte ihn erstarrt vor Angst an: „Was ist es?“ „Da ist ein Mönch am Tor und sagt, er habe Bau-yüs verlorene Jade wiedergebracht. Er verlangt zehntausend Tael dafür.“ Djia Liän spuckte dem Diener ins Gesicht: „Verdammt! Ich dachte von deiner Aufregung her, daß es etwas Ernstes sei. Hast du nichts von dem letzten Scherz gehört? Selbst wenn es die richtige Jade wäre, was würde sie dem Jungen denn noch bringen, wenn es bereits keine Hoffnung mehr für den ihn gibt?“ – „Das habe ich selbst gesagt, Herr. Doch der Mönch schwört, daß Bau-yü geheilt würde, sobald wir ihm das Geld gezahlt hätten.“ Während er sprach, kam ein weiterer Diener schreiend herbeigerannt: „Der Mönch ist verrückt geworden! Er ist ohne zu fragen hereingekommen und niemand kann ihn aufhalten!“ „Das ist unglaublich!“, rief Djia Liän, „das kann doch nicht wahr sein!“ Als er erfuhr, was passiert war, verlor Djia Dschëng beinahe genauso seinen Verstand wie Djia Liän. Währenddessen kamen weitere Schreie von innen: „Der zweite Herr Bau[-yü] stirbt!“ Djia Dschëng war völlig verzweifelt, als er den Mönch rufen hörte: „Wenn ihr wollt, daß der Junge lebt, dann gebt mir das Geld!“ Djia Dschëng dachte plötzlich: „Es war ein Mönch, der Bau-yüs damalige Krankheit geheilt hat; vielleicht kann ihm dieser Mönch auch helfen. Doch wenn es die richtige Jade ist, woher nehmen wir das Geld dafür?“ Nach einiger Überlegung beschloß er: „Nun gut, darüber denken wir später nach. Laßt uns ihm erst helfen, verhandeln werden wir später.“ Während Djia Dschëng seine Entscheidung getroffen und einen Diener mit der Einladung abgefertigt hatte, war der Mönch bereits auf seinem Weg und ging, ohne sich rückzuversichern, direkt in Bau-yüs Gemächer. Djia Liän versuchte ihn zurückzuhalten, indem er sagte: „Es sind Damen darin! Ein Landstreicher wie ihr kann da nicht einfach hineinplatzen!“ – „Nur eine Verzögerung“, rief der Mönch, „und es kann zu spät für ihn sein!“ Djia Liän war zu aufgeregt, um ihm zu folgen, und rief verwirrt: „Ruhe! Hört auf zu weinen! Der Mönch ist da!“ Er rief so weiter, doch die Dame Wang und die anderen waren von Bau-yüs Zustand zu eingenommen, um ihm zuzuhören. Als die Dame Wang und die anderen sich umblickten, waren sie erstaunt, die große, schlacksige Figur des Mönchs auf sie zukommen zu sehen und versuchten im letzten Moment erfolglos, sich zu verstecken, während der Mönch sich direkt zum Ofenbett begab, auf welchem Bau-yü lag. Bau-tschai zog sich etwas zurück, doch Hsi-jën meinte, sie müsse bei der Dame Wang bleiben, die dort stehen blieb, wo sie war. „Meine Damen, ich habe den Jadestein mitgebracht“, verkündete der Mönch. Er hielt ihn hoch, als er fortfuhr: „Gebt mir das Geld, und ich kann ihm helfen.“ Der Schock setzte die Dame Wang und die anderen völlig außer Gefecht und sie und die anderen Damen waren gewiß nicht in dem Zustand, die Echtheit des ihnen gezeigten Steins zu beurteilen. „Rettet ihn einfach“, riefen sie, „und das Geld gehört Ihnen!“ Der Mönch lachte. „Ich will es jetzt!“ – „Macht euch keine Sorgen“, sagte die Dame Wang. „Ihr werdet das Geld auf jeden Fall bekommen, auch wenn es das letzte ist, was wir haben.“ Der Mönch schien seine Forderung äußerst lustig zu finden und nach einigem Gelächter hielt er den Jade in der ausgestreckten Hand, bückte sich und flüsterte in Bau-yüs Ohr: „Bau-yü! Bau-yü! Dein Jadestein kommt wieder zurück!“ Kaum hatte er das gesagt, öffnete Bau-yü die Augen ein wenig. „Er lebt!“, rief Hsi-jën euphorisch. „Wo ist er?“, fragte Bau-yü. Der Mönch legte den Jadestein in Bau-yüs Hand. Zuerst umklammerte Bau-yü ihn sanft, dann hob er ihn leicht nach oben und brachte ihn auf Augenhöhe. Er sah ihn genau an und sagte: „Ah! Zuletzt sind wir doch vereint!“ Jeder begann, inbrünstige Gebete an Buddha zu schicken, und sogar Bau-tschai schien nun über die männliche Gegenwart des Mönches hinwegzusehen. Djia Liän kam vorbei, um zu sehen, was geschehen war, und das Erblicken des lebendigen Bau-yü erwärmte sein Herz für einen Moment. Plötzlich ging er weg und ohne ein Wort eilte der Mönch ihm nach und holte ihn ein. Djia Liän hatte keine Wahl, als den Mönch in die Empfangshalle zu begleiten und dann hinüber zu Djia Dschëng zu eilen, um ihm davon zu berichten, der sehr erleichtert über diese Neuigkeiten war und umgehend nach dem Mönch schickte, um ihm seinen tiefen Dank auszusprechen. Der Mönch grüßte und setzte sich. Djia Liän dachte besorgt bei sich: „Jetzt wird er nicht mehr gehen, bis man ihn bezahlt hat.“ Djia Dschëng befragte den Mönch. Er fand heraus, daß er keiner von denen war, die er bei einer anderen Angelegenheit schon gesehen haben könnte. „Von welcher heiligen Unterkunft stammen Sie?“, wollte er wissen. „Und wie lautet Ihr Name in Ihrer Religion? Wo haben Sie den Stein meines Sohnes gefunden? Wie kommt es, daß es meinem Sohn durch ihn so schnell besser ging?“ Der Mönch begegnete diesem Strom an Fragen mit einem rätselhaften Lächeln: „Fragt mich nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gebt mir nur die Zehntausend Tael, und wir sind fertig.“ Djia Dschëng konnte sehen, daß er es mit einem sehr groben Typen zu tun hatte und fürchtete eine Konfrontation: „Das Geld? Aber natürlich, Sie sollen es bekommen.“ – „Ich will es jetzt, ich habe es eilig.“ – „Bitte setzen Sie sich einen Moment, während ich sehe, ob es bereit liegt.“ – „Sie beeilen sich besser.“ Djia Dschëng ging zu den anderen. Er sagte nichts von seinem Gespräch mit dem Mönch, sondern ging direkt zum Ofenbett, in dem Bau-yü lag. Als Bau-yü seinen Vater kommen sah, versuchte er aufzustehen, doch war er noch zu schwach dafür. Die Dame Wang hielt ihn zurück und verlangte, er solle sich auf keinen Fall bewegen, während Bau-yü lächelte und Djia Dschëng den Jadestein mit den Worten überreichte: „Du siehst, die kostbare Jade ist zurückgekehrt!“ Djia Dschëng wußte um die übernatürlichen Eigenschaften des Steines. Er blickte ihn an und sagte zu der Dame Wang: „Da Bau-yü nun sein Bewußtsein wiedererlangt hat, wie können wir nun den Mönch bezahlen?“ – „Verkauf alles, was ich besitze!“, antwortete die Dame Wang sofort. „Das sollte reichen.“ – „Ich glaube kaum, daß er nach Geld verlangt,“ warf Bau-yü ein. „Oder?“ Djia Dschëng nickte nachdenklich: „Ich finde es selbst merkwürdig, muß ich sagen. Doch er besteht darauf.“ – „Der gnädige Herr muß gehen und ihn unterhalten“, sagte die Dame Wang, „wir werden sehen, was wir tun können.“ Als Djia Dschëng fort war, begann Bau-yü, nach Essen zu verlangen. Zunächst aß er eine Schüssel Reisbrei, und dann wollte er etwas Reis, welchen ihm die Ammen brachten. Doch die Dame Wang verbot ihm zu essen. „Es ist alles in Ordnung“, protestierte Bau-yü, „es geht mir besser.“ Er lehnte sich vor und bediente sich an der Schale Reis. Seine Lebensgeister schienen sichtlich wiederbelebt. Er wollte richtig aufrecht sitzen und Schë-yüä half ihm vorsichtig dabei. Von ihrer Begeisterung über seine Genesung überwältigt rief sie: „Was für ein Schatz dieser Stein sein muß! Man konnte förmlich sehen, wie er Euch half! Ein Glück, daß Ihr ihn nicht in Stücke zerbrochen habt!“ Ihre Worte verursachten einen plötzlichen Wechsel in Bau-yüs Gesicht. Er warf den Stein zur Seite und fiel nach hinten. Doch um zu wissen, ob er überlebte, muß man zum nächsten Kapitel gehen.