Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 98"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 98 mit Navigation und Fussnoten)
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= Kapitel 98 =
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Achtundneunzigstes Kapitel
== 苦绛珠魂归离恨天 / 病神瑛泪洒相思地 ==
 
  
'''Ein leidender Geist kehrt zurück zum Ort der TrennungUnd ein genesender Stein weint am Ort vergangener Liebe.'''
+
Die bittere Purpurperle kehrt heim in den Himmel des Trennungsschmerzes,
 +
Der kranke Göttliche Glanzstein vergießt Tränen am Ort der Sehnsucht
  
Als er von seinem Vater zurückkehrte, fiel Bau-yü, wie wir gesehen haben, in den schlimmsten Zustand von geistiger Umnachtung überhaupt zurück. Ihm fehlte auch die Energie, sich zu bewegen und wollte nicht einmal essen, sondern ging ins Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Wieder einmal wurde der Arzt gerufen und wieder einmal nahm er Bau-yüs Puls und verschrieb ein Rezept für Medizin, die keine Wirkung zeigte. Er konnte nicht einmal mehr die Menschen um ihn herum erkennen. Und doch, wenn ihm in eine sitzende Position verholfen wurde, konnte er immer noch als jemand durchgehen, der gesund war. Dieser Zustand dauerte ein paar Tage an, bis zum neunten Tag nach der Hochzeit. Würden sie nicht hingehen, würde Frau Hsüä ihr Gesicht verlieren. Aber wenn sie mit Bau-yü in seinem derzeitigen Zustand, hingehen würden, was sollten sie da sagen? Sie wußten, daß der Grund der Krankheit in seiner Abhängigkeit von Dai-yü lag. Die Herzoginmutter hätte gerne reinen Tisch gemacht und es Frau Hsüä erzählt. Aber sie fürchtete, daß auch dies Verletzung und Mißstimmung bringen würde. Es war auch schwierig für sie, irgendein Trost für Bau-tschai zu sein, die in einer schwierigen Lage war, als neues Mitglied der Familie Djia. So ein Trost konnte nur von einem Besuch bei der Mutter des Mädchens gespendet werden, was schwierig wäre, wenn sie sie bereits verletzt hätten, indem sie den neunten Tag nicht feierten. Es mußte durchgezogen werden. Die Herzoginmutter teilte ihre Gedanken darüber der Dame Wang und Hsi-fëng mit:
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Wie berichtet, war Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> [宝玉] nach der Begegnung mit Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".</ref> [贾政] in sein Zimmer zurückgekehrt und fühlte sich erst recht benommen und elend im Kopf, war zu träge, sich zu bewegen, aß nicht einmal etwas und fiel in dumpfen Schlummer. Man holte wieder Ärzte herbei und gab ihm Medizin, doch nichts wirkte; schließlich konnte er nicht einmal mehr die Leute um sich herum erkennen. Half man ihm in eine sitzende Stellung, sah er aus wie ein normaler Mensch. So ging es mehrere Tage lang.
„Es ist nur Bau-yüs Kopf, der gegenwärtig angegriffen ist. Vor ein bisschen Bewegung schadet ihm nicht. Wir müssen zwei kleine Sänften vorbereiten und eine Magd schicken, um sie zu unterstützen. Sie können durch den Garten gehen. Wenn der neunte Tag einmal richtig gefeiert wurde, können wir Frau Hsüä bitten, herüberzukommen und Bau-tschai zu trösten, während wir unser Bestes geben, um Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen. Beide werden davon profitieren.“
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Die Dame Wang stimmte zu und begann sofort, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Buddha sei Dank war Bau-tschai eine unerfahrene Braut und Bau-yü in einem geistesschwachen Zustand, so daß beide einfach zu manipulieren waren. Bau-tschai kannte nun die volle Wahrheit, und gab in ihren Gedanken ihrer Mutter die Schuld für diese dumme Entscheidung. Aber nun, da die Dinge soweit waren, sagte sie nicht viel dazu. Als Frau Hsüä selbst Bau-yüs erbärmlichen Zustand sah, begann sie zu bedauern, jemals ihr Einverständnis gegeben zu haben, und wollte nur alles schnell erledigt haben, um nach außen die Normalität zu wahren.
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Dann kam der Tag des „Rückbesuchs am neunten Tag", und man sagte, wenn sie nicht hinübergingen, würde Tante Schnee [薛姨妈] das Gesicht verlieren; ginge man aber hin, dann wäre Schatzjades Zustand ein Hindernis. Die Herzoginmutter [贾母] wusste sehr wohl, dass seine Krankheit Kajaljades [黛玉] wegen entstanden war, und hätte ihm gerne reinen Wein eingeschenkt, fürchtete aber, dass ein Schock in seinem aufgebrachten Zustand etwas Schlimmes auslösen könnte. Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange".</ref> [宝钗] war eine frisch Vermählte, und es war schwierig, ihr Trost zu spenden; dazu wäre es nötig, dass ihre Mutter herüberkäme. Aber ginge man nicht zum „Rückbesuch am neunten Tag", würde die Tante sich beleidigt fühlen. So beriet sich die Herzoginmutter mit Wang Furen [王夫人] und Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref> [王熙凤]:
Als sie nach Hause zurückkehrten, schien Bau-yüs Zustand schlimmer zu werden. Am nächsten Tag konnte er nicht einmal aufrecht im Bett sitzen. Dieser Verfall verschlimmerte sich täglich, bis er sogar keine Flüssigkeit mehr zu sich nehmen konnte. Frau Hsüä war da und sie und die anderen Damen durchkämmten in ihrer rasenden Verzweiflung die Stadt nach bedeutenden Ärzten, ohne einen zu finden, der die Krankheit diagnostizieren konnte. Endlich entdeckten sie einen heruntergekommenen Arzt namens Bi Dschï-an, der außerhalb der Stadt in einem maroden Tempel logierte. Er diagnostizierte die Krankheit als einen schweren Fall eines emotionalen Schocks von Freude und Trauer, erschwert durch die Verfehlung, sich nicht in Einklang mit den Jahreszeiten gekleidet und unregelmäßig gegessen zu haben, mit konsequenter Anstauung von Zorn und der Blockierung der gesunden Lebensenergie und der Gemütsverfassungen. Kurz, innere Verletzung, die sich in äußeren Symptomen äußert. Er verschrieb ein Rezept, welches mit seiner Diagnose übereinstimmte. Es wurde an diesem Abend verabreicht. Nach elf Uhr abends zeigte es Wirkung. Bau-yü begann Zeichen des Bewußtseins zu zeigen und bat um Wasser zum Trinken. Die Herzoginmutter, die Dame Wang und all die anderen Damen versammelten sich um das Krankenbett und fühlten, daß sie endlich eine kurze Atempause von ihrer Nachtwache nehmen konnten, und Frau Hsüä wurde eingeladen, Bau-tschai zu den Gemächern der Herzoginmutter mitzubringen, um dort eine Weile auszuruhen.
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Sein kurzer Anfall von Klarheit erlaubte es Bau-yü, die Schwere seiner Krankheit zu erkennen. Als die anderen gegangen waren und er mit Hsi-jën alleine war, rief er sie an seine Seite, nahm sie an die Hand und sagte voller Tränen:
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„Ich sehe, Schatzjades Geist ist außer Leib und Leben. Ihn zu bewegen macht nichts; nehmt zwei kleine Sänften, lasst ihn stützen, und tragt ihn durch den Garten hinüber. Damit ist die glückverheißende Frist des neunten Tages eingehalten. Danach bitten wir die Tante herüber, um Schatzspange zu trösten, und wir können uns einmütig um Schatzjades Behandlung kümmern. Wäre das nicht in beiderlei Hinsicht günstig?"
„Bitte sage mir, wieso Kusine Bau-tschai hier ist? Ich erinnere mich, daß mein Vater mich mit Kusine Dai-yü verheiraten wollte. Warum hat Kusine Bau-tschai ihren Platz eingenommen? Sie hat kein Recht hier zu sein! Ich würde ihr das gerne sagen, aber ich will sie nicht verletzen. Wie hat es Kusine Dai-yü? Ist sie sehr wütend?
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Hsi-jën traute sich nicht, ihm die Wahrheit zu sagen, und sagte bloß: „Fräulein Dai-yü ist krank.
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Wang Furen stimmte zu, und man traf unverzüglich Vorbereitungen. Zum Glück war Schatzspange eine frisch Vermählte und Schatzjade ein verwirrter Narr, und so ließen beide sich von anderen lenken und hinüberführen. Schatzspange kannte die wahren Umstände nur zu gut und machte in ihrem Herzen einzig ihrer Mutter Vorwürfe, alles so töricht eingefädelt zu haben. Da die Dinge nun einmal so standen, wollte sie nicht viel dazu sagen. Nur Tante Schnee, als sie Schatzjades erbärmlichen Zustand sah, bereute sie alles zutiefst und wollte die Sache nur hastig hinter sich bringen.
„Ich muß gehen und sie sehen“, sagte Bau-yü. Er wollte aufstehen, aber die Tage ohne Essen und Trinken hatten seine Kräfte so geschwächt, daß er sich nicht länger bewegen konnte, sondern nur bitter weinen und sagte:
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„Ich weiß, daß ich sterben werde! Da geht mir etwas durch den Kopf, etwas sehr Wichtiges, von dem ich will, daß du es Großmutter für mich erzählst. Fräulein Lin ist dem Tod geweiht. So wie es um mich steht, kann ich sie auch nicht beschützen. Wenn zwei Kranke an verschiedenen Orten sterben, ist es doch schwer zu organisieren, wenn beide sterben. Es wäre besser, wenn sie jetzt ein Zimmer für uns vorbereiten und wenn sie uns dorthin bringen, bevor es zu spät ist, so können wir wenigstens zusammen vom Arzt behandelt werden, dort zusammen auf den Tod warten. Tu das für mich, um unserer Freundschaft willen!“
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Nach der Rückkehr verschlimmerte sich Schatzjades Zustand weiter. Am nächsten Tag konnte er nicht einmal mehr sitzend aufrecht bleiben. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer, bis er schließlich keinen Tropfen Suppe mehr hinunterbrachte. Tante Schnee und die anderen waren außer sich vor Sorge und ließen allenthalben berühmte Ärzte kommen, doch keiner konnte die Krankheitsursache benennen. Nur außerhalb der Stadtmauern, in einem verfallenen Tempel, wohnte ein mittelloser Arzt namens Bi, mit dem Beinamen Zhian, der die Ursache der Krankheit erkannte: Erschütterung durch Trauer und Freude zugleich, Durcheinander von Kälte und Wärme, unregelmäßiges Essen, Kummer und Zorn, die sich im Inneren gestaut hatten, so dass die aufrechte Lebensenergie blockiert war. Es handele sich um ein Zusammenspiel von innerer Verletzung und äußerer Erkältung. Er überlegte sorgfältig und verschrieb Medizin. Am Abend wurde sie verabreicht, und nach der zweiten Nachtwache zeigte sie tatsächlich etwas Wirkung: Schatzjade kam zu etwas Bewusstsein und verlangte nach Wasser. Die Herzoginmutter, Wang Furen und die anderen konnten endlich aufatmen. Man bat Tante Schnee, Schatzspange mitzunehmen, und alle gingen in die Gemächer der Herzoginmutter, um sich vorübergehend auszuruhen.
Hsi-jën fand diese Bitte zugleich verstörend, komisch und bewegend. Er weinte und gluckste. Bau-tschai, die zufällig mit Ying-örl vorbei ging, hörte jedes Wort und tadelte ihn sofort: „Anstatt dich auszuruhen und zu versuchen, wieder gesund zu werden, machst du dich noch kränker mit diesem düsteren Gerede! Großmutter hat kaum einen Moment aufgehört, sich um dich zu sorgen, und du hinterläßt hier noch mehr Ärger für sie. Sie ist nun über achtzig und lebt inzwischen nicht mehr dafür, daß du eine Beamtenkarriere machst, aber wenigstens kannst du ihr, indem du ein erwachsener Mensch wirst, alles zurückzahlen, was sie deinetwillen erlitten hat. Und ich möchte nicht einmal die Qualen erwähnen, die deine Mutter aushielt, als sie dich erziehen mußte. Du bist der einzige Sohn, den sie noch hat. Wenn du sterben solltest, denke daran, wie sie leiden würde! Und ich, ich habe zwar ein bescheideneres Schicksal, aber so habe ich es auch nicht verdient; du mußt ja keine Witwe aus mir machen. Aus diesen drei guten Gründen wird dich, selbst wenn du sterben willst, der Himmel nicht sterben lassen. Nach vier oder fünf Tagen angemessener Ruhe und Behandlung, wird deine Krankheit vergehen, und deine Lebensgeister werden wiederhergestellt sein, und deine Krankheit wird verschwunden sein.
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Für eine Weile konnte Bau-yü keine gute Antwort ersinnen. Endlich lachte er dumm und sagte: „Nachdem du so lange nicht mit mir gesprochen hast, stehst du hier und hältst mir einen Vortrag. Du kannst dir deine Worte sparen.“
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In einem kurzen Moment der Klarheit erkannte Schatzjade, dass er es wohl kaum überstehen würde. Als er sah, dass die anderen gegangen waren und nur Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> [袭人] im Zimmer war, rief er sie zu sich, ergriff ihre Hand und sprach unter Tränen:
Als Bau-tschai dies hörte, setzte sie erneut zu sprechen an: „Laß mich dir dann die volle Wahrheit sagen. Vor wenigen Tagen, während du bewußtlos warst, starb Kusine Dai-yü.
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Mit einer plötzlichen Bewegung setzte sich Bau-yü auf und schrie entsetzt:
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„Ich muss dich etwas fragen: Wie ist Schwester Schatzspange hierhergekommen? Ich erinnere mich doch, dass Vater mir Schwester Kajaljade [林妹妹] zur Frau genommen hat. Wie kann es sein, dass Schwester Schatzspange sie verdrängt hat? Was macht sie hier? Ich würde es ihr gern sagen, aber ich fürchte, sie zu beleidigen. Habt ihr gehört, wie es Schwester Kajaljade geht? Hat sie sehr geweint?"
„Ist sie wirklich tot?
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„Ist sie. Wie könnten dieser Mund und diese Zunge über so etwas wie den Tod falsches Zeugnis ablegen? Großmutter und Mutter wußten, wie wichtig ihr beide euch wart und wollten es dir nicht sagen, weil sie Angst hatten, daß du auch sterben würdest, wenn sie es täten.
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Dufthauch wagte nicht, offen zu sprechen, und sagte nur: „Fräulein Kajaljade ist krank."
Bau-yü begann hemmungslos zu heulen und warf sich zurück in sein Bett. Plötzlich war vor seinen Augen alles schwarz. Er konnte nicht sagen, wo er war, und begann, sich sehr verloren zu fühlen, als er dachte, er würde einen Mann auf sich zu gehen sehen und ihn in verwirrtem Ton fragen: „Wären Sie so freundlich mir zu sagen, wo ich bin?“ –
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„Dies“, antwortete der Fremde, „ist der Weg zu den Quellen der Unterwelt, „deine Zeit ist noch nicht gekommen. Was führt dich her?“ –
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Schatzjade erwiderte: „Ich will zu ihr gehen und nach ihr sehen." Er wollte aufstehen, doch nach den vielen Tagen ohne Essen und Trinken konnte er sich nicht mehr rühren. Da weinte er: „Ich werde sterben! Ich habe eine Bitte, die mir auf dem Herzen liegt: Richte der Herzoginmutter aus — auch Schwester Kajaljade liegt im Sterben, und auch ich kann nicht durchhalten. Zwei Kranke an zwei verschiedenen Orten, beide dem Tode nah — wenn dann beide sterben, wird es erst recht schwer sein, alles zu bewältigen. Besser wäre es, ein leeres Zimmer herzurichten und uns beide, mich und Schwester Kajaljade, dorthin zu bringen. Solange wir leben, kann man uns zusammen pflegen und behandeln; sterben wir, kann man uns zusammen aufbahren. Wenn du mir diesen Wunsch erfüllst, dann waren unsere Jahre der Freundschaft nicht vergebens."
„Ich habe gerade vom Tod meiner alten Freundin erfahren und war gekommen, um sie zu finden. Aber ich scheine mich verlaufen zu haben.“ –
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„Wer ist deine Freundin?“ –
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Dufthauch hörte diese Worte und wusste zugleich nicht, ob sie erschrecken, lachen oder weinen sollte.
„Lin Dai-yü aus Sudschou.
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Der Mann schenkte ihm ein kaltes Lächeln: „Im Leben war Lin Dai-yü keine normale Sterbliche, und im Tod wurde sie kein normaler Schatten. Eine normale Sterbliche hat zwei Seelen, welche sich bei der Geburt für den physischen Rahmen verbinden und beim Tod auflösen, um sich wieder ihrer kosmischen Strömung anzuschließen. Wenn du die Unmöglichkeit betrachtest, normale Menschen in der Unterwelt zu suchen, wirst du erkennen, was für eine aussichtslose Aufgabe es ist, Lin Dai-yü zu suchen. Du kehrst besser sofort zurück.“
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Schatzspange kam zufällig gerade mit Goldamsel [莺儿] vorbei, hörte alles mit an und sagte:
Nachdem er für einen Moment gedankenverloren da stand, fragte Bau-yü wieder: „Aber wenn Sie sagen, daß der Tod eine Auflösung ist, wie kann es dann einen Platz wie die Unterwelt geben?“ –
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„Den gibt es, wenn du sagst, daß es ihn gibt“, antwortete der Mann mit einem überlegenen Lächeln, „sagst du, es gäbe ihn nicht, so gibt es ihn nicht. Es ist eine Belehrung, ersonnen, um die Menschheit vor ihrer blinden Bindung an die Idee von Leben und Tod zu warnen. Der oberste Zorn erhebt sich durch die menschliche Dummheit in allen Formen – ob es das exzessive Bestreben ist, frühreife Begierde nach Selbstmord oder aussichtslose Selbstzerstörung durch Prasserei und ein Leben der maßlosen Gewalt. Die Hölle ist ein Ort, wo die Seelen, sowie diese gefangen sind, gezwungen werden, zahllose Qualen zu erleiden, um Buße für ihre Sünden tun. Diese Suche von dir nach Lin Dai-yü ist eine Falle, in die du nicht tappen darfst. Dai-yü kehrte zurück zum Land der Illusion und, wenn du sie wirklich finden willst, mußt du deine Gedanken beherrschen und deine spirituelle Natur stärken. Dann wirst du sie eines Tages wiedersehen. Aber wenn du nicht in dein normales Leben zurückkehrst, sondern des frühen Selbstmordes schuldig wirst, wirst du in die Hölle gesperrt. Und dann, obwohl es dir erlaubt sein wird, deine Eltern zu sehen, wirst du sicherlich nicht Dai-yü wiedersehen.
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„Statt dich zu schonen und deine Krankheit auszukurieren, redest du solches Unheil! Die Herzoginmutter hat sich gerade erst etwas beruhigt, und du schaffst neuen Kummer. Sie hat ihr ganzes Leben lang nur dich allein verwöhnt. Sie ist nun über achtzig Jahre alt. Selbst wenn ihr nicht an deinem Amt und deinem Titel liegt — wenn du ein rechtschaffener Mensch wirst, wird sie einen glücklichen Tag erleben. Das wäre nicht umsonst, nach all ihren Mühen. Und von deiner Mutter brauchen wir gar nicht erst zu sprechen — mit ihrem ganzen Herzblut und ihrer Kraft hat sie dich als einzigen Sohn großgezogen. Wenn du auf halbem Weg stirbst, was soll dann aus deiner Mutter werden? Ich selbst bin vielleicht vom Schicksal nicht begünstigt, aber so schlimm steht es auch mit mir nicht. Betrachte es von diesen drei Seiten: Selbst wenn du sterben wolltest — der Himmel würde es dir nicht erlauben! Also kannst du gar nicht sterben. Ruh dich vier, fünf Tage aus, lass den schädlichen Wind sich verflüchtigen, und wenn die große Harmonie und die aufrechte Lebensenergie sich wieder einstellen, verschwinden alle diese krankhaften Erscheinungen von selbst."
Als der Mann zu Ende gesprochen hatte, holte er einen Stein aus dem Inneren seines Ärmels und warf ihn auf Bau-yüs Brust. Die Worte, die er gesprochen hatte und der Aufprall des Steins, als er auf seiner Brust landete, versetzten Bau-yü zusammen so einen Schrecken, daß er sofort nach Hause zurückgegangen wäre, wenn er nur gewußt hätte, welchen Weg er nehmen mußte. In dieser Verwirrung hörte er plötzlich eine Stimme und, als er sich umdrehte, sah er die Figuren der Herzoginmutter, der Dame Wang, Bau-tschai, Hsi-jën und von seinen anderen Mägden, in einem Kreis um ihn stehend, weinend und seinen Namen rufend. Er lag nun in seinem eigenen Bett. Die rote Lampe stand auf seinem Beistelltisch. Der Mond schien leuchtend durch das Fenster. Er war wieder zurück in seiner bunten, prächtigen Welt. Ein kurzer Moment des Nachdenkens sagte ihm, daß das, was er gerade erlebt hatte, ein Traum gewesen war. Er war in kaltem Schweiß gebadet. Obwohl er sich innerlich frisch und kühl fühlte, verschlimmerte das Denken nur sein Gefühl der hilflosen Trostlosigkeit, und er stieß ein paar schwere Seufzer aus.
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Bau-tschai hatte von Dai-yüs Tod seit mehreren Tagen gewußt. Während die Herzoginmutter den Mägden verboten hatte, es ihm zu erzählen, aus Angst vor einer weiteren Verschlimmerung seiner Krankheit, dachte sie, sie wüßte es besser. Im Bewußtsein, daß es Dai-yü war, die die Wurzel seiner Krankheit war, und daß der Verlust seiner Jade nur ein zweitrangiger Faktor war, ergriff sie die Gelegenheit um die Wahrheit zu erzählen, damit der Schmerz seinen Höhepunkt erreichte und es nur wieder besser werden, sein Geist zurückfinden und er wieder gesund werden konnte. Die Herzoginmutter, die Dame Wang und die anderen, hatten keine Ahnung von Bau-tschais Absichten und tadelten sie zunächst für ihren Mangel an Vorsicht. Aber als sie sahen, daß Bau-yü sein Bewußtsein wiedererlangte, waren sie erleichtert und gingen sofort zur Bibliothek, um den Arzt Bi hereinzubitten, damit er seinen Patienten wieder untersuchen konnte. Der Doktor nahm vorsichtig seinen Puls.
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Schatzjade hörte dies und hatte wahrhaftig nichts darauf zu erwidern. Nach einer langen Weile sagte er schließlich, albern grinsend: „Du hast nun schon seit geraumer Zeit kein Wort mehr mit mir geredet, und jetzt hältst du mir diese großen Reden! Für wen sind die bestimmt?"
„Wie seltsam!“, rief er. „Sein Puls ist tief und ruhig, sein Geist still, die Beengung zerstreut. Morgen muß er eine regulierende Medizin nehmen, welche ich verschreibe, und dies sollte eine schnelle und vollständige Genesung hervorrufen.
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Der Arzt ging, und die Damen kehrten alle in erleichterter Stimmung zu ihren Gemächern zurück.
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Schatzspange hörte dies und sagte darauf: „Dann will ich dir die Wahrheit sagen. Vor ein paar Tagen, als du ohne Bewusstsein warst, ist Schwester Kajaljade gestorben."
Obwohl Hsi-jën Bau-tschai die Art sehr übel nahm, wie sie die Nachricht verraten hatte, traute sie sich nicht, es zu sagen. Ying-örl wiederum rügte ihre Herrin im Vertrauen dafür, daß sie, wie sie sagte, zu ungeduldig war.
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„Du weißt doch nicht, was gut und was schlecht ist!“, erwiderte Bau-tschai scharf, „überlaß das mir!“
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Schatzjade fuhr plötzlich hoch und rief laut und fassungslos: „Ist sie wirklich tot?"
Bau-tschai ignorierte die Meinungen und Kritiken von denen um sie herum, fuhr fort, ein wachsames Auge auf Bau-yüs Fortschritt zu halten und erforschte seine Krankheit wie ein Akupunkteur mit einer Nadel.
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Eines Tages begann er eine leichte Verbesserung in sich selbst zu fühlen, obwohl seine geistige Ausgeglichenheit noch immer leicht durch den kleinsten Gedanken an Dai-yü gestört werden konnte. Hsi-jën war stets an seiner Seite, mit solchen Worten des Trostes, wie: „Der Herr hat Fräulein Bau-tschai als ihre Braut gewählt, weil sie von vertrauenswürdigerer Natur ist. Er dachte, daß Fräulein Dai-yü zu schwierig und temperamentvoll für ihn wäre, und außerdem war dort immer die Angst, daß sie nicht lange leben würde. Dann, später, hatte die Herzoginmutter die Sorge, daß Sie nicht wüßten, was das Beste für Sie war. Sie hatte auch Angst, daß Sie sich während Ihrer Krankheit noch weitere Sorgen machten. Also bat sie Hsüä-yän herüber zu kommen, um zu versuchen die Dinge für Sie einfacher zu machen.
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Schatzspange sagte: „Wirklich und wahrhaftig tot. Sollte ich etwa mit rotem Mund und weißer Zunge jemanden totfluchten? Die Herzoginmutter und deine Mutter wussten, wie innig ihr Geschwisterkinder wart. Sie fürchteten, wenn du von ihrem Tod erfährst, willst du auch sterben. Deshalb haben sie es dir verschwiegen."
Dies trug nicht dazu bei, seine Trauer zu verringern, und er weinte oft untröstlich. Aber jedes Mal, wenn er daran dachte, seinem Leben ein Ende zu setzen, erinnerte er sich an die Worte des Fremden in seinem Traum; und dann dachte er an das Elend, das sein Tod seiner Mutter und seiner Groß-mutter bringen würde, und wußte, daß er sich nicht von ihnen losreißen konnte. Er dachte auch darüber nach, daß Dai-yü tot war und daß Bau-tschai auf ihre Art eine feine Dame war; da mußte nach allem etwas Wahres an dem Bund von Gold und Jade sein. Dieser Gedanke beruhigte seinen Geist ein wenig. Bau-tschai konnte sehen, daß sich die Dinge verbesserten und infolgedessen ging es ihr auch selbst besser. Jeden Tag absolvierte sie peinlich genau ihre Pflichten gegenüber der Herzoginmutter und der Dame Wang, und wenn diese fertig waren, tat sie alles, was sie konnte, um Bau-yüs Trauer zu heilen. Er war noch immer nicht fähig, für lange Zeit aufrecht zu sitzen, aber oft, wenn er sie an seinem Bett sitzen sah, schien seine alte Krankheit wieder auszubrechen. Sie versuchte auf eine ernste Art, ihn zu heilen und sagte: „Das Wichtigste ist, auf deine Gesundheit zu achten. Nun, da wir verheiratet sind, haben wir noch ein ganzes Leben miteinander vor uns.
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Er hörte ihrem Rat nur widerstrebend zu, aber da seine Großmutter, seine Mutter, Frau Hsüä und alle anderen abwechselnd während des Tages auf ihn aufpaßten und da Bau-tschai allein in einem angrenzenden Zimmer schlief und er nachts von ein oder zwei Mägden der Herzoginmutter bewacht wurde, blieb ihm keine andere Wahl, als sich auszuruhen und schnell wieder gesund zu werden. Und als die Zeit verging und Bau-tschai sich als eine sanfte und ergebene Freundin herausstellte, spürte er, daß ein kleiner Teil seiner Liebe zu Dai-yü sich auf sie übertrug. Aber dies gehört zu einem späteren Teil unserer Geschichte.
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Als Schatzjade dies hörte, brach er hemmungslos in lautes Weinen aus und fiel aufs Bett zurück. Plötzlich wurde alles vor seinen Augen pechschwarz, und er konnte keine Richtung mehr erkennen. In seinem Herzen war alles verschwommen und benebelt, da sah er, wie jemand vor ihm auftauchte und auf ihn zukam. Verwirrt fragte Schatzjade: „Verzeiht, wo bin ich hier?"
Kehren wir zum Hochzeitstag von Bau-yü zurück.
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Dai-yü, wie es zu erinnern gilt, hatte ihr Bewußtsein verloren, während es noch hell war, und ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Ihr schwaches Atmen und das bedenkliche Herzklopfen ließen Li Wan und Dsï-djüan verzweifelt heulen. Am Abend jedoch schien es ihr besser zu gehen. Sie öffnete kraftlos ihre Augen, und schien nach Wasser zu fragen. Hsüä-yän war bereits gegangen, und nur Li Wan und Dsï-djüan waren an ihrer Bettseite. Dsï-djüan brachte ihr eine kleine Tasse Birnensaft gemischt mit einem Sud von Drachenaugenfrüchten, und fütterte sie mit zwei oder drei kleinen Silberlöffeln davon. Dai-yü schloß ihre Augen und ruhte für eine Weile. Ihr Bewußtsein flackerte manchmal für einen Moment in ihr auf, dann verschwand es wieder. Li Wan erkannte diesen friedlichen Zustand als das letzte schwache Aufbäumen der Sterbenden, aber sie dachte, das Ende würde erst in ein paar Stunden kommen und kehrte deshalb kurz zum Duftreisdorf zurück, um sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern.
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Jener erwiderte: „Dies ist der Weg zur Unterwelt, zu den Gelben Quellen. Deine Lebensspanne ist noch nicht abgelaufen — wie kommst du hierher?"
Dai-yü öffnete wieder ihre Augen. Sie sah niemanden im Zimmer außer Dsï-djüan und ihre alte Amme und ein paar der anderen jüngeren Mädchen, sie packte Dsï-djüans Hand und sagte mit großer Anstrengung:
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„Ich bin am Ende! Nach den Jahren, die du damit verbracht hast, mir alles zu geben, was ich brauche, hatte ich gehofft, wir beide könnten immer zusammen sein. Aber nun...
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Schatzjade sagte: „Ich habe eben erfahren, dass eine alte Bekannte gestorben ist, und bin hergekommen, um sie zu suchen. Ohne es zu bemerken, habe ich mich verirrt."
Sie brach ab, nach Atem ringend, schloß ihre Augen und lag ruhig, erfaßte fest Dsï-djüans Hand. Dsï-djüan traute sich nicht, sich zu bewegen. Sie hatte gedacht, daß Dai-yü so viel besser aussah, hatte sogar gehofft, sie könnte nach allem noch durchkommen; aber diese Worte liefen ihr kalt über den Rücken. Nach einer langen Pause, sprach Dai-yü wieder:
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„Schwester [Dsï-djüan]! Ich habe keine eigene Familie hier. Mein Körper ist rein: versprich mir, sie zu bitten, mich zu Hause zu begraben!“
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Jener fragte: „Wer ist diese alte Bekannte?"
Sie schloß wieder ihre Augen und war still. Ihr Griff festigte sich noch mehr um Dsï-djüans Hand, und sie wurde von einem erneuten Krampf der Atemlosigkeit erfaßt. Als sie wieder atmen konnte, atmete sie länger aus und kürzer und schwächer ein. Die Atemzüge wurden so schnell, daß Dsï-djüan sehr aufgeregt wurde, und sie schickte sofort nach Li Wan. Tan-tschun kam zufällig genau in diesem Moment an. Dsï-djüan flüsterte dringlich zu ihr: „Fräulein! Kommen sie und schauen sie sich Fräulein Dai-yü an!“ Als sie sprach, fielen ihre Tränen herunter wie Regentropfen. Tan-tschun kam herüber und fühlte Dai-yüs Hand. Sie war bereits kalt, und ihre Augen glasig und offenbar leblos. Tan-tschun und Dsï-djüan weinten, als sie die Anweisungen gaben, Wasser zu holen, um Dai-yü zu waschen. Nun kam Li Wan hereingeeilt, sie, Tan-tschun und Dsï-djüan sahen einander an, aber waren zu erschrocken, um ein Wort zu sagen. Sie begannen Dai-yüs Gesicht mit einem Lappen zu waschen, als diese plötzlich mit lauter Stimmer schrie:
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„Bau-yü! Bau-yü! Wie konntest du ...
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Schatzjade sagte: „Lin Kajaljade aus Suzhou."
Ihr ganzer Körper brach in kalten Schweiß aus, und sie konnte nichts mehr sagen. Sie versuchten, sie zu beruhigen und zu unterstützen. Sie schwitzte mehr als reichlich, und ihr Körper wurde um Grade kälter. Tan-tschun und Li Wan sagten den Mädchen, sie sollten ihr Haar hochstecken und ihr die Begräbniskleidung anziehen, und sie sollten schnell damit sein. Da verdrehte Dai-yü die Augen und starb.
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Ihre wohlriechende Seele löste sich auf, schwebte auf der Brise, Ihre Sorgen waren nun Fäden, die nach Mitternacht in die Träume flossen.
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Jener lächelte kühl: „Lin Kajaljade war im Leben kein gewöhnlicher Mensch und im Tod kein gewöhnlicher Geist. Sie hat keine Seele und keinen Geisthauch wie andere — wo willst du sie suchen? Die Seele und der Geisthauch gewöhnlicher Menschen vereinen sich bei der Geburt und bilden die Gestalt; im Tod lösen sie sich auf und werden wieder zu Äther. Was bei normalen Sterblichen ist, kann man schon nicht suchen und finden — wie erst bei Lin Kajaljade? Kehre schleunigst zurück!"
Der Moment, in dem Dai-yü ihren letzten Atemzug tat, war genau der Moment, in dem Bau-yü Bau-tschai zu seiner Frau nahm. Dsï-djüan und Dai-yüs andere Mägde begannen zu jammern und zu klagen. Li Wan und Tan-tschun erinnerten sich an die vergangene Zuneigung zu ihr – eine Erinnerung noch ergreifender gemacht durch die einsamen Umstände ihres Todes, und auch sie weinten viele bittere und innige Tränen. Die neuen Gemächer von Bau-yü waren weit weg, und die Gäste hörten nichts von ihrem Wehklagen, aber in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, in einer kurzen Pause der Ruhe zwischen ihrem Klagen, hörten sie eine schwache Melodie in der Ferne. Sie lauschten hinterher, um sie zu hören, aber sie war schon wieder weg. Tan-tschun und Li Wan gingen hinaus in den Garten, um wieder zu lauschen, aber alles, was sie hören konnten, war wie der Wind die Bambusstaudenwipfel bewegte. Das Mondlicht warf einen schwankenden Schatten auf die Wand. Es war eine unheimliche, einsame Nacht.
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Gerade schickten sie nach Lin Dschï-hsiaus Frau. Sie hatte Dai-yü vernünftig zurechtgemacht. Die Mägde wurden angewiesen, die Leiche die ganze Nacht zu bewachen. Früh am nächsten Morgen berichteten sie Hsi-fëng von ihrem Tod, die nun  in  ein akutes Dilemma gedrängt wurde: Die Herzo-
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Schatzjade hörte dies und stand eine ganze Weile wie erstarrt da, dann sagte er: „Wenn es heißt, die Toten lösen sich auf — wozu gibt es dann diese Unterwelt?"
ginmutter und die Dame Wang waren beide sehr beschäftigt und verzweifelt, Djia Dschëng war dabei, abzureisen, Bau-yü war schwachsinniger denn je; wenn sie ihnen jetzt die schlechten Nachrichten erzählen würde, hatte sie Angst um die Gesundheit der Herzoginmutter und der Dame Wang. Sie waren bereits mit  so vielen Sorgen beladen  und könnten dem Schock vielleicht nicht gewachsen sein. So entschied sie sich, selbst zum Garten zu gehen. Als sie an der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß ankam und hineinging, konnte sie sich nicht helfen und weinte. Sie sprach mit Li Wan und Tan-tschun und erfuhr, daß alle richtigen Vorbereitungen getroffen worden waren, um sie aufzubahren.
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„Gut“, sagte sie und gewann ihren forschen Ton in der Stimme zurück: „Aber warum, hättet ihr es mir nur früher gesagt. Ich war so besorgt.“ –
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Jener lächelte kühl: „Diese Unterwelt — sagst du, es gibt sie, dann gibt es sie; sagst du, es gibt sie nicht, dann gibt es sie nicht. Sie wurde nur eingerichtet, weil die Welt der Sterblichen in Vorstellungen von Leben und Tod befangen ist. Man hat sie als warnende Belehrung erdacht. Denn der Himmel zürnt über die Torheiten der Menschen: Solche, die sich nicht mit ihrem Schicksal zufriedengeben; solche, deren Lebensfrist noch nicht abgelaufen ist und die sich doch selbst das Leben nehmen; solche, die der Wollust frönen, dem Zorn nachgeben und Gewalt ausüben und ohne Grund sich selbst zugrunde richten. Eigens für diese wurde die Hölle eingerichtet, um ihre Seelen einzukerkern und sie grenzenlose Qualen erleiden zu lassen — als Sühne für ihre Sünden zu Lebzeiten. Dass du nach Kajaljade suchst, ist ein Hineintappen in die eigene Falle. Zudem ist Kajaljade bereits ins Reich der Großen Leere zurückgekehrt. Wenn du sie aufrichtig suchen willst, pflege Besonnenheit und Selbstzucht in deinem Herzen — dann wirst du sie eines Tages wiedersehen. Wenn du aber nicht in Frieden lebst und dich des vorzeitigen Selbstmords schuldig machst, wirst du in der Unterwelt eingekerkert. Dann darfst du zwar deine Eltern sehen, aber Kajaljade wiederzusehen — das wird dir nimmer vergönnt sein."
„Wie hätten wir?“, antworteten sie. „Herr Dschëng reist gerade ab.“
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„Vielleicht war es aufmerksam“, sagte Hsi-fëng nachdenklich. „Nun, ich muß zurückgehen und jenen Geliebten besuchen. Ich weiß wirklich nicht, was ich am besten machen soll. Ich sollte es ihnen heute sagen. Aber wenn ich es tue, fürchte ich, daß es zu viel für Großmutter sein könnte.“ –
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Als jener ausgeredet hatte, zog er einen Stein aus seinem Ärmel und warf ihn Schatzjade gegen die Brust.
„Tu, was du für richtig hältst“, sagte Li Wan.
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Hsi-fëng nickte und eilte zurück. Sie kam an, um den Arzt bei Bau-yü vorzufinden. Weil sie hörte, daß er sagte, sein Zustand sei nun sorgenfrei, und sie sah, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang deshalb ruhiger waren, entschied sie sich, es ihnen ohne weitere Verzögerung zu sagen. Sie brachte ihnen die Neuigkeit so schonend wie möglich bei, an einem Ort, wo es keine Chance für Bau-yü gab, es zu hören. Die Nachrichten hatten eine erschütternde Wirkung, und die Herzoginmutter brach in Tränen aus.
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Schatzjade hatte diese Worte gehört und wurde zudem von dem Stein am Herzen getroffen; er erschrak so sehr, dass er sofort nach Hause zurückkehren wollte, doch er kannte den Weg nicht mehr. Gerade stand er ratlos da, als er plötzlich jemanden rufen hörte. Er blickte sich um — und es war niemand anderes als die Herzoginmutter, Wang Furen, Schatzspange, Dufthauch und die anderen, die weinend um ihn herumstanden und ihn beim Namen riefen. Er lag nach wie vor in seinem Bett. Auf dem Tischchen brannte die rote Lampe, vor dem Fenster schien der helle Mond — noch immer befand er sich inmitten von Brokat und Pracht, in der blühenden Welt. Als er sich sammelte und nachdachte, erkannte er: Es war alles nur ein großer Traum gewesen. Am ganzen Leib brach kalter Schweiß aus, aber sein Herz fühlte sich klar und rein an. Als er genauer darüber nachdachte, blieb nichts als ein hilfloses Seufzen.
„Ich bin schuld! Ich habe ihr das angetan! Aber warum mußte sie so eigensinnig und dumm sein?“
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Sie wollte in den Garten gehen, um zu trauern, war aber zwischen ihrer Trauer und der Sorge um Bau-yü hin- und hergerissen. Die Dame Wang und die anderen versuchten alle, sie davon abzubringen, indem sie ihre eigene Trauer so gut wie möglich zurückhielten und sagten:
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Von Anfang an hatte Schatzspange längst von Kajaljades Tod gewusst. Da die Herzoginmutter und die anderen dem gesamten Personal verboten hatten, Schatzjade davon zu erzählen aus Angst, dass die Krankheit sonst unheilbar würde —, hatte sie sich zurückgehalten. Doch sie selbst kannte die wahre Ursache von Schatzjades Krankheit genau: Es war wegen Kajaljade, und der Verlust des Jade kam erst an zweiter Stelle. Darum nutzte sie die Gelegenheit, ihm reinen Wein einzuschenken, damit der Schmerz einmal voll ausbrechen, die Seele sich wieder sammeln und eine Heilung möglich werden konnte. Die Herzoginmutter, Wang Furen und die anderen verstanden Schatzspanges Absicht nicht und waren ihr böse wegen ihres unbesonnenen Handelns. Als sie dann jedoch sahen, dass Schatzjade wieder zu Bewusstsein kam, waren sie erleichtert. Sogleich ließ man den Arzt Bi aus dem vorderen Arbeitszimmer hereinbitten, um den Puls zu nehmen. Der Arzt trat ein, fühlte den Puls und sagte:
„Du solltest nicht gehen, Mutter. Du mußt auf dich selbst aufpassen.
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Die Herzoginmutter unterwarf sich ihrem Rat und mußte sich damit abfinden, die Dame Wang an ihrer Stelle zu schicken.
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„Wie erstaunlich! Dieses Mal ist der Puls tief und ruhig, der Geist ist beruhigt und die gestaute Beklemmung hat sich aufgelöst. Morgen gebe ich ein regulierendes Mittel, und man darf auf Genesung hoffen."
„Gib ihrem Geist diese Nachricht von mir. Sag’ ihr: ,Es ist nicht, weil ich hartherzig bin, daß ich mich nicht von dir verabschiedet habe, sondern weil mein Enkelsohn mich hier braucht. Du bist das Kind meiner Tochter, ich weiß. Aber Bau-yü ist ein Djia, und ich kann ihn jetzt nicht verlassen. Wenn ich es tun würde und er sterben würde, wie würde ich seinem Vater jemals wieder ins Gesicht blicken können?‘ “
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Die Herzoginmutter weinte wieder. Die Dame Wang versuchte sie zu trösten.
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Er ging hinaus. Alle waren beruhigt und gingen auseinander.
„Wir wissen alle, wie sehr du Fräulein Dai-yü geliebt hast, Mutter. Aber das Schicksal hatte für sie einen frühen Tod bestimmt. Sie ist nun tot und es gibt nichts mehr, was wir für sie tun können, außer, daß wir ihr die bestmögliche Beerdigung geben. Das wird wenigstens ein Ausdruck unserer Liebe für sie sein und wird ihr etwas Friede für den verstorbenen Geist sein und den ihrer lieben Mutter.
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Diese Worte lösten bei der Herzoginmutter einen neuen und noch herzzerreißenderen Tränenausbruch aus. Hsi-fëng war besorgt, daß sie ihrer Gesundheit durch dieses Übermaß an Trauer schaden könnte und entschied sich, weil sie wußte, daß Bau-yü vernebelt war, für die Notlüge, daß Bau-yü drüben nach ihr rufen würde. Die Herzoginmutter hörte sofort auf zu weinen und fragte:
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Dufthauch hatte Schatzspange von Anfang an tief übelgenommen, dass sie alles verraten hatte, doch es kam ihr nicht über die Lippen. Goldamsel rügte ihre Herrin im Vertrauen: „Sie waren doch allzu voreilig, Fräulein."
„Liebe Güte! Warum?“
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Hsi-fëng lächelte schmeichelnd: „Es gibt keinen Grund. Er vermißt vielleicht nur seine Großmutter.
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Schatzspange erwiderte: „Was verstehst du schon davon? Komme, was da mag — ich stehe dafür ein."
Die Herzoginmutter legte sofort eine Hand auf Dschën-dschus Schulter und ging fort, begleitet von Hsi-fëng. Sie waren auf halbem Wege zu Bau-yüs Gemächern, als sie die Dame Wang trafen, wie sie von der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurückkehrte. Sie gab einen kurzen Bericht ihrer Mission, den die Herzoginmutter sehr bewegend fand. Aber sie war fest entschlossen, Bau-yü zu besuchen, mußte ihren Tränen trocknen und ihre Trauer zurückhalten.
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„Nachdem du jetzt dort gewesen bist und alles in Ordnung ist, werde ich nicht selbst hingehen, sondern alles dir überlassen. Es würde mich zu traurig machen, sie zu sehen. Ich werde mich auf dich verlassen, daß die Dinge ordentlich geregelt werden. Hauptsache, Ihr kränkt ihn nicht.“
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So ließ Schatzspange alle Vorwürfe und Tadel gelassen an sich abperlen und beobachtete nur aufmerksam Schatzjades Krankheit, um verborgen Nadelstiche zur Heilung zu setzen.
Die Dame Wang und Hsi-fëng antworteten, daß sie sehr recht damit habe, dies zu tun, und verließen sie auf ihrem weiteren Weg zu Bau-yü. Als sie ihn sah, fragte sie: „Was wolltest du von mir?
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Er lächelte matt und sagte: „Gestern Abend sah ich Kusine Dai-yü, und sie sagte mir, daß sie zurück in den Süden gehen werde. Ich habe gedacht, daß hier niemand sei, der sie überreden könnte zu bleiben, außer dir, Großmutter. Tust du es, um meinetwillen?“ –
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Eines Tages fühlte Schatzjade allmählich, wie sein Geist sich beruhigte. Wenn auch der Gedanke an Kajaljade ihn zuweilen überkam, war er dabei noch halb verwirrt. Zudem sprach Dufthauch ihm beständig zu und erklärte nach und nach: „Der Herr hat Fräulein Schatzspange ausgewählt, weil sie eine gütige und aufrichtige Natur hat. Er fand, Fräulein Kajaljades Wesen sei zu eigensinnig, und fürchtete ohnehin, dass sie nicht lange leben würde. Die Herzoginmutter hatte Sorge, Ihr wüsstet nicht, was gut für Euch ist, und würdet Euch in Eurer Krankheit noch mehr aufregen. Darum ließ sie Schneeammer [雪雁] herüberkommen, um Euch zu beruhigen."
„Natürlich, tue ich das“, antwortete die Herzoginmutter, „mach’ dir keine Sorgen!“
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Hsi-jën half Bau-yü sich wieder hinzulegen, und die Herzoginmutter ging in Bau-tschais Gemach. Das war, bevor Bau-tschai den neunten Tag nach der Hochzeit feierte, und sie fühlte sich immer noch sehr schüchtern in ihrer neuen Umgebung. Als die Herzoginmutter hereinkam, sah sie, daß das Gesicht der alten Dame naß von Tränen war. Sie gab ihr eine Tasse Tee. Danach bat die Herzoginmutter sie, sich zu setzen, was sie mit großer Zurückhaltung tat, sie setzte sich an ihre Seite und fragte: „Ich hörte, daß Kusine Dai-yü krank gewesen ist. Ich wusste nicht, ob es ihr besser ging.“
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Schatzjade fühlte sich trotzdem voller Bitterkeit und vergoss immer wieder Tränen. Wollte er den Tod suchen, so dachte er an die Worte des Fremden im Traum und fürchtete auch, der Herzoginmutter und seiner Mutter Kummer zu bereiten. Loslösen konnte er sich nicht. Dann dachte er auch: Kajaljade war nun tot, und Schatzspange war eine Persönlichkeit allerersten Ranges. So begann er an die „Bestimmung von Gold und Jade" zu glauben und fand allmählich etwas Frieden.
Tränen begannen, aus den Augen der Herzoginmutter zu strömen.
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„Mein Kind! Wenn ich es dir sage, mußt du versprechen, es nicht Bau-yü zu sagen. Es ist nur wegen deiner Kusine Dai-yü, daß du so leiden mußt. Aber nun, da du Bau-yüs Braut bist, muß ich dir die Wahrheit sagen. Deine Kusine Dai-yü ist nun schon zwei, drei Tage tot. Sie starb genau zu der Zeit, als ihr geheiratet habt. Diese gegenwärtige Krankheit von Bau-yü besteht nur ihretwegen. Ihr drei wart einmal Nachbarn im Garten, also bin ich sicher, daß du weißt, was ich meine.
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Schatzspange sah, dass keine ernste Gefahr mehr drohte, und so beruhigte sich auch ihr eigenes Herz. Nachdem sie gewissenhaft alle Pflichten einer Schwiegertochter gegenüber der Herzoginmutter und Wang Furen erfüllt hatte, sann sie auf Wege, Schatzjades Kummer zu lindern. Obwohl Schatzjade nicht oft aufsitzen konnte, sah er doch häufig Schatzspange an seinem Bett sitzen, und das alte Verlangen regte sich unwillkürlich wieder. Schatzspange ermahnte ihn jedes Mal mit ernsthaften Worten und tröstete ihn: „Die Gesundheit geht vor. Da wir nun Mann und Frau sind, kommt es auf die eine Stunde nicht an."
Bau-tschai wurde rot. Auch sie begann zu weinen, als sie an ihre verstorbene Freundin dachte. Die Herzoginmutter redete noch ein wenig mit ihr und ging dann.
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Es war von diesem Moment an, daß Bau-tschai anfing, sich den Kopf zu zerbrechen, um eine Heilung für Bau-yü zu finden. Sie dachte noch immer, daß sie vorsichtig sein müsse, und es war erst nach dem neunten Tag, als sie die nötige Zuversicht erlangte, um den Weg der Heilung zu gehen, welcher sich als sehr wirksam herausstellte. Mit Bau-yüs Erholung wurde es allen wieder möglich, offen mit ihm zu sprechen. Aber obwohl seine Gesundheit einen täglich neu zu bemerkenden Fortschritt zeigte, konnte nichts seine obsessive Liebe für Dai-yü dämpfen, und er begann darauf zu bestehen, selbst hinüber zu gehen und an ihrem Leichnam zu weinen. Die Herzoginmutter wußte, daß seine Krankheit noch nicht vollständig ausgemerzt war und verbot ihm, daran zu denken. Aber so eingesperrt – wie er es in seinem Zimmer war, begann seine Krankheit öfter zurückzukehren. Es war endlich der Arzt, der, in Anbetracht der psychologischen Natur der Krankheit, den Ausflug sehr empfahl, um die Wirkung der Medizin zu erhöhen und die Heilung zu beschleunigen. Als Bau-yü dies hörte, wollte er sofort zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gehen. Diesmal gab die Herzoginmutter widerstrebend ihre Erlaubnis und sagte ihnen, sie sollten einen Tragestuhl aus Bambus bringen und ihm hinein helfen. Sie und die Dame Wang gingen voraus. Als sie ankamen und Dai-yüs Sarg sahen, bekam die Herzoginmutter fast selbst einen Weinanfall und wurde nur durch das Eingreifen von Hsi-fëng und den anderen Anwesenden davor bewahrt. Die Dame Wang weinte auch. Li Wan bat dann die Herzoginmutter und die Dame Wang sich in die inneren Zimmer zurückzuziehen, was sie taten, noch immer weinend. Als Bau-yü ankam, gingen seine Gedanken zurück an die Tage, bevor er krank wurde. Heute war Dai-yü immer noch da, aber bereits tot. Wie nahe sie sich einmal standen! Heute verabschiedete er sich von einer Toten! Wie traurig das war! Die Leidenschaftlichkeit seiner Trauer begann alle zu besorgen, und alle versuchten, ihn zu trösten. Er war jedoch bereits außer sich vor Weinen und wollte selbst sterben. Das Beste, was sie tun konnten, war, ihm zu helfen, sich hinzulegen und sich auszuruhen. Die anderen, die ihn begleitet hatten, einschließlich Bau-tschai, weinten alle sehr bitter.
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In Schatzjades Herzen war zwar vieles nicht nach seinem Willen, doch tagsüber leisteten ihm die Herzoginmutter, Wang Furen, Tante Schnee und andere abwechselnd Gesellschaft. Nachts ging Schatzspange allein schlafen, und die Herzoginmutter schickte zudem Leute, um auf ihn achtzugeben. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Ruhe pflegen zu lassen. Als er Schatzspanges sanftes und zartes Wesen erlebte, übertrug er allmählich etwas von seiner Liebe zu Kajaljade auf Schatzspange. Doch davon wird später berichtet.
Als Bau-yü sich genügend erholt hatte, bestand er darauf, Dsï-djüan zu sehen, und fragte sie, was Dai-yüs letzte Worte gewesen waren. Ursprünglich haßte Dsï-djüan ihn zutiefst. Aber als sie sah, wie überwältigt er von Trauer war, wurde sie ihm gegenüber etwas weicher. Außerdem waren die Herzoginmutter und die Dame Wang da, und sie traute sich nicht, ihn in ihrer Anwesenheit zu beschimpfen. Also erzählte sie ihm genau, wie ihre Herrin wieder so plötzlich krank geworden war, wie sie die Taschentücher und die Gedichte verbrannt hatte und von den wenigen Worten, die sie vor ihrem Tod gesprochen hatte. Bau-yü heulte sich heiser. Tan-tschun nahm nun die Gelegenheit wahr, zu erwähnen, daß Dai-yü kurz vor ihrem Tod darum gebeten hatte, daß ihr Sarg in den Süden gebracht werde. Dies brachte die Herzoginmutter und die Dame Wang wieder zum Weinen. Glücklicherweise war Hsi-fëng mit mehr Worten des Trostes zu Stelle, und sie setzte sich bei ihnen durch, mit ihrer Trauer an sich zu halten. Dann schlug sie höflich vor, daß sie zu ihren Gemächern zurückkehren sollten. Bau-yü konnte sich nicht losreißen. Erst als die Herzoginmutter ihn dazu zwang, überwand er sich und kehrte zu seinen Gemächern zurück.
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Die Herzoginmutter fing an, wegen ihres Alters und der ständigen Aufregung, der im Haushalt seit dem Ausbruch von Bau-yüs Krankheit herrschte, Zeichen der Strapazen zu zeigen. Diese letzte Szene der Trauer und der Klage griffen sie so tief an, daß sie Fieber und Mattigkeit heraufkommen fühlte. Bei aller Sorge für Bau-yü fühlte sie sich der Situation nicht länger gewachsen. Sie war gezwungen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen und zu schlafen. Die Dame Wang war, wenn dies möglich war, sogar noch untröstlicher betroffen und zog sich ebenso zurück. Sie gab Tsai-yün die Anweisung, Hsi-jën zu helfen und auf Bau-yü aufzupassen, und fügte hinzu: „Wenn er noch weiter trauert, komm und sag’ es mir sofort.
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Nun muss erzählt werden, was sich am Tag von Schatzjades Hochzeit ereignete. Kajaljade hatte bei hellem Tag bereits das Bewusstsein verloren. Doch ein winziger Faden von Atemhauch in Brust und Mund riss nicht ab. Li Schleierfrau [李纨] und Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> [紫鹃] weinten, als ginge es um ihr eigenes Leben. Am Abend kam Kajaljade noch einmal zu sich, öffnete schwach die Augen und schien nach Wasser oder Suppe zu verlangen. Zu dieser Zeit war Schneeammer [雪雁] bereits gegangen; nur Purpurkuckuck und Li Schleierfrau waren noch an ihrer Seite. Purpurkuckuck brachte eine kleine Schale Longansuppe, vermischt mit Birnensaft, und flößte ihr mit einem silbernen Löffelchen zwei, drei Löffel ein. Kajaljade schloss die Augen und ruhte eine Weile. In ihrem Herzen war es bald hell, bald dunkel. Da Li Schleierfrau sah, dass es Kajaljade etwas besser ging, wusste sie genau, dass es das letzte Aufflackern vor dem Tod war, rechnete aber damit, dass es noch einen halben Tag dauern würde. So kehrte sie zum Duftreisdorf [稻香村] zurück, um sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.
Bau-tschai wußte, wie stark die Bindung zwischen Bau-yü und Dai-yü war, aber statt ihn zu trösten, fuhr sie fort, ihn in derselben verletzenden Art zu tadeln, wie vorher. Er, darauf bedacht sie nicht weiter zu verletzen, setzte seinem Weinen bald ein Ende und versuchte, seine Trauer zu mäßigen. Er ging schlafen und die Nacht verging ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen, als sie kamen, um zu sehen, wie es ihm ging, war er noch schwach und hatte wenig Energie, aber er schien über das Schlimmste hinweg zu sein. Sie pflegten ihn mit erneuter Sorge, und er fing an, stetig seine Kräfte zurückzugewinnen. Glücklicherweise wurde die Herzoginmutter nicht krank. Es war die Dame Wang, bei der der Schock einen dauerhaften Eindruck hinterließ.
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Als Frau Hsüä zu Besuch kam, war sie positiv überrascht, Bau-yü in viel besserer Stimmung vorzufinden. Sie blieb für ein paar Tage. An einem dieser Tage lud die Herzoginmutter sie zum Plaudern ein.
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Hier öffnete Kajaljade die Augen und sah, dass nur Purpurkuckuck, ihre Amme und einige kleine Mägde da waren. Mit einer Hand griff sie nach Purpurkuckucks Hand, presste sie fest und sagte unter größter Anstrengung:
„Wir verdanken dir Bau-yüs Leben,“ begann sie, „er ist nun außer Gefahr, glaube ich. Ich fühle mich nur schuldig wegen Bau-tschai, nach der Art, wie die Dinge passiert sind. Bau-yü hat sich nun hundert Tage erholt und ist wirklich wieder sehr kräftig; und nun, da die Trauerperiode für die kaiserliche Nebenfrau um ist, können wir daran denken, die Geschichte zu vollenden. Ich möchte, daß du einen glücklichen Tag im Kalender für diese Angelegenheit suchst.“ –
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„Deine Idee ist sehr gut“, erwiderte Frau Hsüä. „Aber warum fragst du mich? Bau-tschai mag ein einfaches Mädchen sein, aber sie hat eine empfindsame Natur und versteht diese Dinge. Ich denke, daß du mit ihrem Naturell vertraut sein mußt. Wenn die zwei in Harmonie zusammenleben können, wird es so eine Befreiung für dich, so ein Trost für meine Schwester sein, und es wird meine Gedanken auch beruhigen. Du mußt einen Tag auswählen. Werden wir Verwandte und Freunde zu der Feier einladen?“ –
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„Ich bin am Ende. Du hast mir so viele Jahre gedient, und ich hatte gehofft, wir beide könnten immer zusammenbleiben. Aber nun..."
„Ich denke, wir sollten“, antwortete die Herzoginmutter. „Nach allem ist es der wichtigste Tag ihres Lebens. Es gab so viele Probleme und Komplikationen, aber nun endlich scheint alles gelöst zu sein. Ich denke, wir sollten Einladungen verschicken und eine richtige mehrtägige Feier daraus machen. Wir werden all unsere Freunde und Verwandten einladen. Erstens feiern wir, daß unser Wunsch endlich in Erfüllung gegangen ist. Zweitens trinken wir alle zusammen ein Glas Wein, da all unsere Mühen und Sorgen nicht umsonst waren.“ Frau Hsüä hörte das, war selbstverständlich erfreut und bot noch einmal die Mitgift an.
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Die Herzoginmutter sagte: „Da dies alles in der Familie bleibt, gibt es keinen Grund für dich, dir solche Mühe zu machen. Sie haben bereits all die Möbel, die sie brauchen. Wenn überhaupt, bring einige von Bau-tschais liebsten Dingen. Aber bitte mach’ dir um nichts Anderes Sorge. Ja, Bau-tschai ist so ein ruhiges, verständnisvolles Mädchen, gar nicht wie meine arme Enkelin, deren überempfindliche Natur der Grund ihres Todes in einem so zarten Alter war.
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Sie brach ab und keuchte eine Weile, schloss die Augen und ruhte. Purpurkuckuck spürte, wie Kajaljade ihre Hand nicht losließ, und wagte selbst nicht, sich zu rühren. Ihrem Aussehen nach ging es ihr besser als am Vormittag, und Purpurkuckuck dachte schon, vielleicht könnte sie noch einmal umkehren. Doch als sie diese Worte hörte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Nach langer Zeit sprach Kajaljade wieder:
Frau Hsüä fing nun auch an zu weinen. Glücklicherweise kam Hsi-fëng in diesem Moment herein und fragte mit einem Lächeln: „Großmutter, Tantchen, was verstört euch?“ –
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„Wir redeten gerade über Fräulein Dai-yü“, antwortete Frau Hsüä, „deshalb sind wir so traurig.
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„Schwester — ich habe hier keine Verwandten. Mein Leib ist rein. Bitte sorge dafür, dass man mich nach Hause bringt."
Hsi-fëng lächelte wieder. „Ihr dürft nicht erlauben, euch aufzuregen. Hört euch das an – es ist ein Witz, den ich gerade gehört habe.“
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Die Herzoginmutter wischte ihre Tränen weg, und bekam ein mattes Lächeln zustande.
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Bei diesen Worten schloss sie wieder die Augen und verstummte. Ihre Hand aber wurde immer fester, der Atem ging stoßweise, die Atemzüge kamen lang heraus und kurz hinein, bereits sehr eilig und gehetzt.
„Über wen wirst du dich nun lustig machen? Komm schon, wir hören. Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, lassen wir dich nicht so leicht gehen.
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Hsi-fëng begann mit ihren Händen zu gestikulieren, aber war bereits durcheinander, bevor sie ein Wort herausbekam.  
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Purpurkuckuck geriet in Panik und ließ sogleich nach Li Schleierfrau schicken. Zum Glück kam gerade Frühlingsbote [探春] vorbei. Als Purpurkuckuck sie sah, flüsterte sie hastig:
Um zu wissen, was sie ihnen erzählen wollte, muß man das nächste Kapitel lesen.
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„Drittes Fräulein, schauen Sie doch bitte nach Fräulein Kajaljade!"
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Dabei fielen ihre Tränen wie Regen. Frühlingsbote trat heran und befühlte Kajaljades Hand — sie war bereits kalt. Auch der Blick aus ihren Augen hatte sich zerstreut. Frühlingsbote und Purpurkuckuck weinten und ließen Wasser bringen, um Kajaljade zu waschen. Gerade eilte Li Schleierfrau herein. Die drei sahen einander an, doch bevor sie ein Wort sagen konnten — gerade als sie Kajaljade abzuwischen begannen , rief Kajaljade plötzlich mit lauter, durchdringender Stimme:
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„Schatzjade! Schatzjade! Du hast doch ..."
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Beim Wort „doch" brach kalter Schweiß aus ihrem ganzen Körper, und sie verstummte. Purpurkuckuck und die anderen stützten sie eilig, doch der Schweiß strömte nur stärker, und ihr Körper wurde allmählich kalt. Frühlingsbote und Li Schleierfrau ließen die Mägde in aller Eile Haar und Kleidung richten. Da rollten Kajaljades Augen nach oben — es war aus!
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Die duftende Seele, ein Faden nur, verwehte im Wind,
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Die Sorge, ein Gespinst, floss in den Traum der dritten Nachtwache.
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In dem Augenblick, als Kajaljade den letzten Atemzug tat, war es genau die Stunde, in der Schatzjade Schatzspange zur Frau nahm. Purpurkuckuck und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Li Schleierfrau und Frühlingsbote dachten an Kajaljades liebenswerte Art von einst, und wie sie heute erst recht zu bedauern war. Sie weinten ebenfalls bittere Tränen. Da die Hsiaohsiang-Klause [潇湘馆] sehr weit von den Hochzeitsgemächern entfernt lag, hörte man dort drüben nichts davon. Eine Weile weinten alle laut, als sie in der Ferne den Klang von Musik vernahmen. Sie lauschten, doch dann war es wieder still. Frühlingsbote und Li Schleierfrau traten in den Hof hinaus und lauschten nochmals — nur das Rascheln der Bambusspitzen im Wind war zu hören, und der Mondschatten wanderte über die Mauer. Wie trostlos und einsam! Man schickte nach der Frau von Lin Zhixiao, ließ Kajaljade aufbahren und Leute zur Totenwache bestellen und wartete auf den nächsten Morgen, um Phönixglanz zu benachrichtigen.
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Phönixglanz hatte gesehen, wie die Herzoginmutter und Wang Furen bereits vor Aufregung ganz erschöpft waren. Kaufmann Aufrecht brach auf, und Schatzjades Zustand hatte sich noch verschlimmert. Sie war ohnehin schon äußerst besorgt. Würde sie jetzt auch noch die Todesnachricht von Kajaljade überbringen, fürchtete sie, dass die Herzoginmutter und Wang Furen vor Kummer und Sorge ernsthaft erkranken könnten. So ging sie persönlich in den Garten. Als sie in der Hsiaohsiang-Klause ankam, konnte auch sie nicht anders als zu weinen. Sie traf Li Schleierfrau und Frühlingsbote und erfuhr, dass alles Nötige vorbereitet war.
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„Sehr gut", sagte sie. „Nur — warum habt ihr vorhin nichts gesagt? Ich habe mir solche Sorgen gemacht."
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Frühlingsbote sagte: „Wir haben gerade den Herrn verabschiedet. Wie hätten wir es da sagen können?"
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Phönixglanz sagte: „Ihr beide habt Mitleid mit ihr gehabt, das war rücksichtsvoll. Aber jetzt muss ich drüben nach dem Sorgenkind sehen. Diese Sache hier ist aber schwierig: Wenn wir es heute nicht melden, geht es nicht. Melden wir es aber, fürchte ich, dass die Herzoginmutter es nicht verkraftet."
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Li Schleierfrau sagte: „Geh erst einmal hin und handle nach den Umständen. Berichte es dann, wenn sich die Gelegenheit ergibt."
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Phönixglanz nickte und eilte fort.
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Als Phönixglanz bei Schatzjade eintraf und hörte, dass der Arzt sagte, es bestehe keine Gefahr, waren die Herzoginmutter und Wang Furen etwas erleichtert. Da sprach Phönixglanz, abseits von Schatzjade, behutsam über Kajaljades Tod. Die Herzoginmutter und Wang Furen erschraken zutiefst. Der Herzoginmutter strömten die Tränen übers Gesicht:
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„Ich habe sie ins Verderben gestürzt! Aber dieses Kind war auch allzu töricht."
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Sie wollte in den Garten gehen, um an ihrem Totenbett zu weinen, doch ihr Herz hing auch an Schatzjade — sie konnte sich weder für das eine noch das andere entscheiden. Wang Furen und die anderen unterdrückten ihre Trauer und redeten der Herzoginmutter zu:
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„Gehen Sie nicht selbst hin, Mutter. Ihre Gesundheit ist wichtiger."
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Die Herzoginmutter hatte keine Wahl und bat Wang Furen, an ihrer Stelle zu gehen, und sagte noch: „Richte ihrem Geist von mir aus: ‚Nicht aus Herzlosigkeit bin ich nicht gekommen, um dich auf deinem letzten Weg zu begleiten. Nur gibt es Näheres und Ferneres: Du bist die Tochter meiner leiblichen Tochter, das ist mir nah genug. Aber verglichen mit Schatzjade ist Schatzjade mir noch näher. Sollte Schatzjade etwas zustoßen — wie könnte ich dann seinem Vater gegenübertreten?'"
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Bei diesen Worten weinte sie aufs Neue. Wang Furen sprach ihr Trost zu:
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„Fräulein Kajaljade war die, die die Herzoginmutter am meisten geliebt hat. Doch über Leben und Tod entscheidet das Schicksal; nun, da sie gestorben ist, können wir nichts mehr für sie tun. Nur bei der Bestattung sollten wir sie auf das Beste verabschieden. Erstens können wir damit unser Gewissen ein wenig beruhigen. Zweitens werden die Seelen der verstorbenen Tante und ihrer Tochter ein wenig Frieden finden."
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Die Herzoginmutter weinte bei diesen Worten nur noch bitterer.
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Phönixglanz fürchtete, dass die Alte sich zu sehr grämte, und schickte, da sie ja wusste, dass Schatzjades Verstand getrübt war, heimlich jemanden mit einer Notlüge: „Schatzjade drüben sucht nach der Herzoginmutter."
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Die Herzoginmutter hielt erst da inne mit Weinen und fragte: „Es gibt doch nicht wieder ein Unglück?"
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Phönixglanz lächelte beschwichtigend: „Nein, nichts dergleichen. Er vermisst wohl einfach seine Großmutter."
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Die Herzoginmutter stützte sich sogleich auf Perle [珍珠], und Phönixglanz folgte ihr.
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Auf halbem Weg trafen sie Wang Furen, die gerade zurückkam, und die erstattete der Herzoginmutter Bericht. Die Herzoginmutter trauerte natürlich von Neuem, doch da sie auf dem Weg zu Schatzjade war, schluckte sie ihre Tränen und sprach gefasst:
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„Wenn dem so ist, gehe ich auch nicht mehr hin. Macht ihr das unter euch aus. Wenn ich es sehe, bricht es mir das Herz. Nur tut ihr nicht unrecht — das ist alles, worum ich bitte."
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Wang Furen und Phönixglanz sagten einhellig zu.
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Die Herzoginmutter kam zu Schatzjades Bett. Als sie ihn sah, fragte sie: „Was wolltest du von mir?"
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Schatzjade lächelte: „Ich habe gestern Abend Schwester Kajaljade gesehen. Sie sagte, sie wolle nach Süden zurückkehren. Ich dachte, niemand könnte sie zum Bleiben bewegen außer Ihnen, Großmutter. Halten Sie sie doch für mich zurück!"
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Die Herzoginmutter sagte: „Gewiss, mach dir keine Sorgen."
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Dufthauch half Schatzjade sich hinzulegen. Die Herzoginmutter ging hinüber zu Schatzspange.
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Zu jener Zeit war Schatzspange noch nicht zum „Rückbesuch am neunten Tag" aufgebrochen, und so war ihr in Gesellschaft noch etwas schamhaft zumute. An diesem Tag sah sie, dass die Herzoginmutter mit tränennassem Gesicht kam. Sie reichte ihr Tee, und die Herzoginmutter bat sie, Platz zu nehmen. Schatzspange setzte sich seitlich neben sie und fragte:
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„Ich höre, Schwester Kajaljade ist krank. Geht es ihr besser?"
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Als die Herzoginmutter dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und sagte:
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„Mein Kind, ich sage es dir, aber du darfst Schatzjade nichts verraten. Alles ist wegen deiner Schwester Kajaljade geschehen, und du hast deswegen so viel Unrecht erdulden müssen. Nun, da du seine Ehefrau bist, sage ich es dir: Deine Schwester Kajaljade ist schon seit zwei, drei Tagen tot. Genau in der Stunde deiner Hochzeit ist sie gestorben. Diese Krankheit Schatzjades — sie rührt daher. Ihr alle habt früher zusammen im Garten gelebt. Ihr wisst das sicherlich."
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Schatzspange lief das Blut ins Gesicht. Als sie an Kajaljades Tod dachte, konnte auch sie die Tränen nicht halten. Die Herzoginmutter sprach noch eine Weile, dann ging sie.
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Von da an dachte Schatzspange tausendmal hin und her und fasste einen Plan, wagte aber nicht, überstürzt zu handeln. Erst als der „Rückbesuch am neunten Tag" vorüber war, setzte sie ihren Plan um. Und tatsächlich ging es Schatzjade daraufhin besser. Erst dann konnte man miteinander reden, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen.
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Nur Schatzjade — obwohl seine Krankheit von Tag zu Tag besser wurde, konnte sein eigensinniges Herz nicht loslassen: Er wollte unbedingt selbst hingehen und um sie weinen. Die Herzoginmutter und die anderen wussten, dass die Krankheit noch nicht an der Wurzel geheilt war, und erlaubten ihm kein wildes Grübeln. Doch sein Kummer war unerträglich, und er erlitt immer wieder Rückfälle. Da war es schließlich der Arzt, der die seelische Ursache der Krankheit erkannte und riet, man solle ihn ruhig seinen Gefühlen freien Lauf lassen, und danach mit Medizin regulieren — so würde die Heilung schneller voranschreiten.
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Als Schatzjade das hörte, wollte er sofort zur Hsiaohsiang-Klause. Die Herzoginmutter und die anderen ließen einen Bambusstuhl herbeibringen und halfen Schatzjade hinein. Die Herzoginmutter und Wang Furen gingen voraus. Als sie die Hsiaohsiang-Klause betraten und Kajaljades Sarg erblickten, hatte die Herzoginmutter bereits so viele Tränen vergossen, dass sie kaum noch atmen konnte. Phönixglanz und die anderen redeten mehrfach auf sie ein, bis sie sich beruhigte. Auch Wang Furen weinte bitterlich. Li Schleierfrau bat die Herzoginmutter und Wang Furen, sich im inneren Zimmer auszuruhen. Auch dort vergossen sie noch Tränen. Als Schatzjade eintraf, dachte er daran, wie er vor seiner Krankheit oft hierhergekommmen war. Heute standen die Räume noch, doch die Bewohnerin war nicht mehr. Er brach in hemmungsloses Schluchzen aus. Er dachte daran, wie vertraut sie einst miteinander gewesen waren, und dass er sie heute im Tod verabschiedete — wie konnte er da nicht erst recht von Trauer übermannt werden? Alle hatten befürchtet, Schatzjade würde sich nach seiner Krankheit zu sehr grämen, und versuchten, ihn zu trösten. Aber Schatzjade weinte bereits, als ginge es um sein Leben, und man musste ihn stützen und zur Ruhe bringen. Auch die anderen Begleiter, darunter Schatzspange, weinten alle bitterlich.
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Doch Schatzjade bestand darauf, Purpurkuckuck zu sich zu rufen, und fragte sie, was seine Schwester vor ihrem Tod noch gesagt habe. Purpurkuckuck hatte Schatzjade von Herzen gehasst, doch als sie ihn so sah, wurde ihr Herz etwas weicher. Zudem waren die Herzoginmutter und Wang Furen beide zugegen, und sie wagte nicht, Schatzjade zu schelten. So erzählte sie der Reihe nach: wie Fräulein Kajaljade wieder krank geworden war, wie sie die Tücher verbrannt und die Gedichtmanuskripte dem Feuer übergeben hatte, und was sie vor ihrem Tod gesagt hatte. Schatzjade weinte aufs Neue, bis ihm die Kehle zugeschnürt und der Mund ausgetrocknet war. Frühlingsbote nutzte die Gelegenheit und erzählte auch noch von Kajaljades letztem Wunsch, den Sarg in den Süden zurückzubringen. Die Herzoginmutter und Wang Furen begannen wieder zu weinen. Zum Glück verstand Phönixglanz es, mit guten Worten Trost zu spenden, so dass sie sich etwas beruhigten. Dann schlug sie vor, in die Gemächer zurückzukehren. Schatzjade wollte sich nicht losreißen, doch die Herzoginmutter drängte ihn, und er kehrte widerwillig in sein Zimmer zurück.
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Die Herzoginmutter, betagt wie sie war, hatte seit dem Beginn von Schatzjades Krankheit Tag und Nacht keine Ruhe gehabt. Nun, nach diesem erneuten Ausbruch tiefer Trauer, spürte sie Schwindel und Fieber aufkommen. Obwohl sie sich um Schatzjade sorgte, konnte sie sich nicht mehr aufrecht halten. Sie musste in ihr Zimmer zurückkehren und sich niederlegen. Auch Wang Furen, deren Herz noch stärker schmerzte, zog sich zurück. Sie schickte Buntwolke [彩云], um Dufthauch zu helfen und nach Schatzjade zu sehen, und sagte: „Wenn Schatzjade wieder trauert, kommt sofort und sagt uns Bescheid."
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Schatzspange wusste, dass Schatzjade seinen Schmerz nicht so bald verwinden konnte. Anstatt ihn zu trösten, stichelte sie mit feinen Worten. Schatzjade fürchtete, Schatzspange könnte sich gekränkt fühlen, und hielt seine Tränen zurück und fasste sich. Nach einer ruhigen Nacht kamen am nächsten Morgen alle, um nach ihm zu sehen. Er war zwar noch schwach und kraftlos, doch seine Seelennot schien um einiges leichter geworden. So pflegte man ihn mit besonderer Sorgfalt, und er erholte sich allmählich. Zum Glück erkrankte die Herzoginmutter nicht ernsthaft. Nur Wang Furen konnte ihren Herzschmerz nicht überwinden.
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Eines Tages kam Tante Schnee zu Besuch, sah, dass es Schatzjade etwas besser ging, und war beruhigt. Sie blieb vorläufig.
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An einem Tag lud die Herzoginmutter Tante Schnee eigens zu einer Besprechung ein und sagte:
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„Schatzjades Leben haben wir allein der Tante zu verdanken. Nun scheint keine Gefahr mehr zu drohen. Nur Eure Tochter hat so viel erdulden müssen. Wenn Schatzjade sich hundert Tage erholt hat und wieder bei Kräften ist, und die Trauerzeit für die Kaiserliche Nebenfrau [元妃] vorüber ist, wäre der rechte Zeitpunkt für die Hochzeitsnacht. Ich möchte Euch bitten, einen besonders günstigen Tag auszuwählen."
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Tante Schnee sagte: „Die Herzoginmutter hat eine vortreffliche Idee. Warum mich fragen? Meine Schatzspange mag äußerlich einfach wirken, aber sie hat ein klares Herz. Ihre Herzoginmutter kennt ihr Wesen seit jeher. Wenn die beiden nur in Eintracht miteinander leben — dann wird die Herzoginmutter viel Sorge los, meine Schwester wird getröstet, und auch mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter möge den Tag bestimmen. Werden wir auch Verwandte einladen oder nicht?"
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Die Herzoginmutter sagte: „Die Hochzeit von Schatzjade und Eurer Tochter — das ist die größte Sache ihres Lebens! Und nach wie vielen Schwierigkeiten haben wir endlich diesen Punkt erreicht. Wir müssen unbedingt mehrere Tage festlich feiern und alle Verwandten einladen. Erstens danken wir dem Himmel. Zweitens trinken wir gemeinsam ein Glas Wein zum Fest — ich als alte Frau habe mir genug Sorgen gemacht, das soll nicht umsonst gewesen sein."
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Tante Schnee hörte das und freute sich natürlich. Dann sprach sie über die Mitgiftvorbereitungen. Die Herzoginmutter sagte:
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„Wir sind Verwandte, die untereinander heiraten. Ich denke, all dieser Aufwand ist nicht nötig. Was die Einrichtung betrifft — ihr Zimmer ist ohnehin schon voll ausgestattet. Wenn Schatzspange ein paar besondere Lieblingsstücke hat, bringen Sie die einfach mit. Schatzspange ist nicht empfindlich in solchen Dingen — ganz anders als meine arme Enkelin, deren empfindliches Wesen der Grund war, dass sie nicht alt werden konnte."
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Bei diesen Worten weinte auch Tante Schnee.
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Gerade in diesem Moment kam Phönixglanz herein und fragte lachend: „Herzoginmutter, Tante — worüber seid ihr schon wieder traurig?"
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Tante Schnee sagte: „Wir sprachen gerade über Schwester Kajaljade, und da wurde es uns schwer ums Herz."
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Phönixglanz lachte: „Die Herzoginmutter und die Tante mögen jetzt bitte aufhören, traurig zu sein. Ich habe gerade einen Witz gehört und wollte ihn der Herzoginmutter und der Tante erzählen."
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Die Herzoginmutter wischte sich die Tränen ab und lächelte schwach: „Du willst dich bestimmt wieder über jemanden lustig machen! Erzähl schon, die Tante und ich hören zu. Aber wenn wir nicht lachen, lassen wir dich nicht so leicht davon."
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Da begann Phönixglanz, noch bevor sie den Mund aufgemacht hatte, schon mit beiden Händen herumzufuchteln, und bog sich vor Lachen.
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Was sie erzählte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
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== Anmerkungen ==
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<div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;">
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''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).''
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Revision as of 12:36, 15 April 2026

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE (Woesler) · ZH-DE

Achtundneunzigstes Kapitel

Die bittere Purpurperle kehrt heim in den Himmel des Trennungsschmerzes, Der kranke Göttliche Glanzstein vergießt Tränen am Ort der Sehnsucht

Wie berichtet, war Schatzjade[1] [宝玉] nach der Begegnung mit Kaufmann Aufrecht[2] [贾政] in sein Zimmer zurückgekehrt und fühlte sich erst recht benommen und elend im Kopf, war zu träge, sich zu bewegen, aß nicht einmal etwas und fiel in dumpfen Schlummer. Man holte wieder Ärzte herbei und gab ihm Medizin, doch nichts wirkte; schließlich konnte er nicht einmal mehr die Leute um sich herum erkennen. Half man ihm in eine sitzende Stellung, sah er aus wie ein normaler Mensch. So ging es mehrere Tage lang.

Dann kam der Tag des „Rückbesuchs am neunten Tag", und man sagte, wenn sie nicht hinübergingen, würde Tante Schnee [薛姨妈] das Gesicht verlieren; ginge man aber hin, dann wäre Schatzjades Zustand ein Hindernis. Die Herzoginmutter [贾母] wusste sehr wohl, dass seine Krankheit Kajaljades [黛玉] wegen entstanden war, und hätte ihm gerne reinen Wein eingeschenkt, fürchtete aber, dass ein Schock in seinem aufgebrachten Zustand etwas Schlimmes auslösen könnte. Schatzspange[3] [宝钗] war eine frisch Vermählte, und es war schwierig, ihr Trost zu spenden; dazu wäre es nötig, dass ihre Mutter herüberkäme. Aber ginge man nicht zum „Rückbesuch am neunten Tag", würde die Tante sich beleidigt fühlen. So beriet sich die Herzoginmutter mit Wang Furen [王夫人] und Phönixglanz[4] [王熙凤]:

„Ich sehe, Schatzjades Geist ist außer Leib und Leben. Ihn zu bewegen macht nichts; nehmt zwei kleine Sänften, lasst ihn stützen, und tragt ihn durch den Garten hinüber. Damit ist die glückverheißende Frist des neunten Tages eingehalten. Danach bitten wir die Tante herüber, um Schatzspange zu trösten, und wir können uns einmütig um Schatzjades Behandlung kümmern. Wäre das nicht in beiderlei Hinsicht günstig?"

Wang Furen stimmte zu, und man traf unverzüglich Vorbereitungen. Zum Glück war Schatzspange eine frisch Vermählte und Schatzjade ein verwirrter Narr, und so ließen beide sich von anderen lenken und hinüberführen. Schatzspange kannte die wahren Umstände nur zu gut und machte in ihrem Herzen einzig ihrer Mutter Vorwürfe, alles so töricht eingefädelt zu haben. Da die Dinge nun einmal so standen, wollte sie nicht viel dazu sagen. Nur Tante Schnee, als sie Schatzjades erbärmlichen Zustand sah, bereute sie alles zutiefst und wollte die Sache nur hastig hinter sich bringen.

Nach der Rückkehr verschlimmerte sich Schatzjades Zustand weiter. Am nächsten Tag konnte er nicht einmal mehr sitzend aufrecht bleiben. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer, bis er schließlich keinen Tropfen Suppe mehr hinunterbrachte. Tante Schnee und die anderen waren außer sich vor Sorge und ließen allenthalben berühmte Ärzte kommen, doch keiner konnte die Krankheitsursache benennen. Nur außerhalb der Stadtmauern, in einem verfallenen Tempel, wohnte ein mittelloser Arzt namens Bi, mit dem Beinamen Zhian, der die Ursache der Krankheit erkannte: Erschütterung durch Trauer und Freude zugleich, Durcheinander von Kälte und Wärme, unregelmäßiges Essen, Kummer und Zorn, die sich im Inneren gestaut hatten, so dass die aufrechte Lebensenergie blockiert war. Es handele sich um ein Zusammenspiel von innerer Verletzung und äußerer Erkältung. Er überlegte sorgfältig und verschrieb Medizin. Am Abend wurde sie verabreicht, und nach der zweiten Nachtwache zeigte sie tatsächlich etwas Wirkung: Schatzjade kam zu etwas Bewusstsein und verlangte nach Wasser. Die Herzoginmutter, Wang Furen und die anderen konnten endlich aufatmen. Man bat Tante Schnee, Schatzspange mitzunehmen, und alle gingen in die Gemächer der Herzoginmutter, um sich vorübergehend auszuruhen.

In einem kurzen Moment der Klarheit erkannte Schatzjade, dass er es wohl kaum überstehen würde. Als er sah, dass die anderen gegangen waren und nur Dufthauch[5] [袭人] im Zimmer war, rief er sie zu sich, ergriff ihre Hand und sprach unter Tränen:

„Ich muss dich etwas fragen: Wie ist Schwester Schatzspange hierhergekommen? Ich erinnere mich doch, dass Vater mir Schwester Kajaljade [林妹妹] zur Frau genommen hat. Wie kann es sein, dass Schwester Schatzspange sie verdrängt hat? Was macht sie hier? Ich würde es ihr gern sagen, aber ich fürchte, sie zu beleidigen. Habt ihr gehört, wie es Schwester Kajaljade geht? Hat sie sehr geweint?"

Dufthauch wagte nicht, offen zu sprechen, und sagte nur: „Fräulein Kajaljade ist krank."

Schatzjade erwiderte: „Ich will zu ihr gehen und nach ihr sehen." Er wollte aufstehen, doch nach den vielen Tagen ohne Essen und Trinken konnte er sich nicht mehr rühren. Da weinte er: „Ich werde sterben! Ich habe eine Bitte, die mir auf dem Herzen liegt: Richte der Herzoginmutter aus — auch Schwester Kajaljade liegt im Sterben, und auch ich kann nicht durchhalten. Zwei Kranke an zwei verschiedenen Orten, beide dem Tode nah — wenn dann beide sterben, wird es erst recht schwer sein, alles zu bewältigen. Besser wäre es, ein leeres Zimmer herzurichten und uns beide, mich und Schwester Kajaljade, dorthin zu bringen. Solange wir leben, kann man uns zusammen pflegen und behandeln; sterben wir, kann man uns zusammen aufbahren. Wenn du mir diesen Wunsch erfüllst, dann waren unsere Jahre der Freundschaft nicht vergebens."

Dufthauch hörte diese Worte und wusste zugleich nicht, ob sie erschrecken, lachen oder weinen sollte.

Schatzspange kam zufällig gerade mit Goldamsel [莺儿] vorbei, hörte alles mit an und sagte:

„Statt dich zu schonen und deine Krankheit auszukurieren, redest du solches Unheil! Die Herzoginmutter hat sich gerade erst etwas beruhigt, und du schaffst neuen Kummer. Sie hat ihr ganzes Leben lang nur dich allein verwöhnt. Sie ist nun über achtzig Jahre alt. Selbst wenn ihr nicht an deinem Amt und deinem Titel liegt — wenn du ein rechtschaffener Mensch wirst, wird sie einen glücklichen Tag erleben. Das wäre nicht umsonst, nach all ihren Mühen. Und von deiner Mutter brauchen wir gar nicht erst zu sprechen — mit ihrem ganzen Herzblut und ihrer Kraft hat sie dich als einzigen Sohn großgezogen. Wenn du auf halbem Weg stirbst, was soll dann aus deiner Mutter werden? Ich selbst bin vielleicht vom Schicksal nicht begünstigt, aber so schlimm steht es auch mit mir nicht. Betrachte es von diesen drei Seiten: Selbst wenn du sterben wolltest — der Himmel würde es dir nicht erlauben! Also kannst du gar nicht sterben. Ruh dich vier, fünf Tage aus, lass den schädlichen Wind sich verflüchtigen, und wenn die große Harmonie und die aufrechte Lebensenergie sich wieder einstellen, verschwinden alle diese krankhaften Erscheinungen von selbst."

Schatzjade hörte dies und hatte wahrhaftig nichts darauf zu erwidern. Nach einer langen Weile sagte er schließlich, albern grinsend: „Du hast nun schon seit geraumer Zeit kein Wort mehr mit mir geredet, und jetzt hältst du mir diese großen Reden! Für wen sind die bestimmt?"

Schatzspange hörte dies und sagte darauf: „Dann will ich dir die Wahrheit sagen. Vor ein paar Tagen, als du ohne Bewusstsein warst, ist Schwester Kajaljade gestorben."

Schatzjade fuhr plötzlich hoch und rief laut und fassungslos: „Ist sie wirklich tot?"

Schatzspange sagte: „Wirklich und wahrhaftig tot. Sollte ich etwa mit rotem Mund und weißer Zunge jemanden totfluchten? Die Herzoginmutter und deine Mutter wussten, wie innig ihr Geschwisterkinder wart. Sie fürchteten, wenn du von ihrem Tod erfährst, willst du auch sterben. Deshalb haben sie es dir verschwiegen."

Als Schatzjade dies hörte, brach er hemmungslos in lautes Weinen aus und fiel aufs Bett zurück. Plötzlich wurde alles vor seinen Augen pechschwarz, und er konnte keine Richtung mehr erkennen. In seinem Herzen war alles verschwommen und benebelt, da sah er, wie jemand vor ihm auftauchte und auf ihn zukam. Verwirrt fragte Schatzjade: „Verzeiht, wo bin ich hier?"

Jener erwiderte: „Dies ist der Weg zur Unterwelt, zu den Gelben Quellen. Deine Lebensspanne ist noch nicht abgelaufen — wie kommst du hierher?"

Schatzjade sagte: „Ich habe eben erfahren, dass eine alte Bekannte gestorben ist, und bin hergekommen, um sie zu suchen. Ohne es zu bemerken, habe ich mich verirrt."

Jener fragte: „Wer ist diese alte Bekannte?"

Schatzjade sagte: „Lin Kajaljade aus Suzhou."

Jener lächelte kühl: „Lin Kajaljade war im Leben kein gewöhnlicher Mensch und im Tod kein gewöhnlicher Geist. Sie hat keine Seele und keinen Geisthauch wie andere — wo willst du sie suchen? Die Seele und der Geisthauch gewöhnlicher Menschen vereinen sich bei der Geburt und bilden die Gestalt; im Tod lösen sie sich auf und werden wieder zu Äther. Was bei normalen Sterblichen ist, kann man schon nicht suchen und finden — wie erst bei Lin Kajaljade? Kehre schleunigst zurück!"

Schatzjade hörte dies und stand eine ganze Weile wie erstarrt da, dann sagte er: „Wenn es heißt, die Toten lösen sich auf — wozu gibt es dann diese Unterwelt?"

Jener lächelte kühl: „Diese Unterwelt — sagst du, es gibt sie, dann gibt es sie; sagst du, es gibt sie nicht, dann gibt es sie nicht. Sie wurde nur eingerichtet, weil die Welt der Sterblichen in Vorstellungen von Leben und Tod befangen ist. Man hat sie als warnende Belehrung erdacht. Denn der Himmel zürnt über die Torheiten der Menschen: Solche, die sich nicht mit ihrem Schicksal zufriedengeben; solche, deren Lebensfrist noch nicht abgelaufen ist und die sich doch selbst das Leben nehmen; solche, die der Wollust frönen, dem Zorn nachgeben und Gewalt ausüben und ohne Grund sich selbst zugrunde richten. Eigens für diese wurde die Hölle eingerichtet, um ihre Seelen einzukerkern und sie grenzenlose Qualen erleiden zu lassen — als Sühne für ihre Sünden zu Lebzeiten. Dass du nach Kajaljade suchst, ist ein Hineintappen in die eigene Falle. Zudem ist Kajaljade bereits ins Reich der Großen Leere zurückgekehrt. Wenn du sie aufrichtig suchen willst, pflege Besonnenheit und Selbstzucht in deinem Herzen — dann wirst du sie eines Tages wiedersehen. Wenn du aber nicht in Frieden lebst und dich des vorzeitigen Selbstmords schuldig machst, wirst du in der Unterwelt eingekerkert. Dann darfst du zwar deine Eltern sehen, aber Kajaljade wiederzusehen — das wird dir nimmer vergönnt sein."

Als jener ausgeredet hatte, zog er einen Stein aus seinem Ärmel und warf ihn Schatzjade gegen die Brust.

Schatzjade hatte diese Worte gehört und wurde zudem von dem Stein am Herzen getroffen; er erschrak so sehr, dass er sofort nach Hause zurückkehren wollte, doch er kannte den Weg nicht mehr. Gerade stand er ratlos da, als er plötzlich jemanden rufen hörte. Er blickte sich um — und es war niemand anderes als die Herzoginmutter, Wang Furen, Schatzspange, Dufthauch und die anderen, die weinend um ihn herumstanden und ihn beim Namen riefen. Er lag nach wie vor in seinem Bett. Auf dem Tischchen brannte die rote Lampe, vor dem Fenster schien der helle Mond — noch immer befand er sich inmitten von Brokat und Pracht, in der blühenden Welt. Als er sich sammelte und nachdachte, erkannte er: Es war alles nur ein großer Traum gewesen. Am ganzen Leib brach kalter Schweiß aus, aber sein Herz fühlte sich klar und rein an. Als er genauer darüber nachdachte, blieb nichts als ein hilfloses Seufzen.

Von Anfang an hatte Schatzspange längst von Kajaljades Tod gewusst. Da die Herzoginmutter und die anderen dem gesamten Personal verboten hatten, Schatzjade davon zu erzählen — aus Angst, dass die Krankheit sonst unheilbar würde —, hatte sie sich zurückgehalten. Doch sie selbst kannte die wahre Ursache von Schatzjades Krankheit genau: Es war wegen Kajaljade, und der Verlust des Jade kam erst an zweiter Stelle. Darum nutzte sie die Gelegenheit, ihm reinen Wein einzuschenken, damit der Schmerz einmal voll ausbrechen, die Seele sich wieder sammeln und eine Heilung möglich werden konnte. Die Herzoginmutter, Wang Furen und die anderen verstanden Schatzspanges Absicht nicht und waren ihr böse wegen ihres unbesonnenen Handelns. Als sie dann jedoch sahen, dass Schatzjade wieder zu Bewusstsein kam, waren sie erleichtert. Sogleich ließ man den Arzt Bi aus dem vorderen Arbeitszimmer hereinbitten, um den Puls zu nehmen. Der Arzt trat ein, fühlte den Puls und sagte:

„Wie erstaunlich! Dieses Mal ist der Puls tief und ruhig, der Geist ist beruhigt und die gestaute Beklemmung hat sich aufgelöst. Morgen gebe ich ein regulierendes Mittel, und man darf auf Genesung hoffen."

Er ging hinaus. Alle waren beruhigt und gingen auseinander.

Dufthauch hatte Schatzspange von Anfang an tief übelgenommen, dass sie alles verraten hatte, doch es kam ihr nicht über die Lippen. Goldamsel rügte ihre Herrin im Vertrauen: „Sie waren doch allzu voreilig, Fräulein."

Schatzspange erwiderte: „Was verstehst du schon davon? Komme, was da mag — ich stehe dafür ein."

So ließ Schatzspange alle Vorwürfe und Tadel gelassen an sich abperlen und beobachtete nur aufmerksam Schatzjades Krankheit, um verborgen Nadelstiche zur Heilung zu setzen.

Eines Tages fühlte Schatzjade allmählich, wie sein Geist sich beruhigte. Wenn auch der Gedanke an Kajaljade ihn zuweilen überkam, war er dabei noch halb verwirrt. Zudem sprach Dufthauch ihm beständig zu und erklärte nach und nach: „Der Herr hat Fräulein Schatzspange ausgewählt, weil sie eine gütige und aufrichtige Natur hat. Er fand, Fräulein Kajaljades Wesen sei zu eigensinnig, und fürchtete ohnehin, dass sie nicht lange leben würde. Die Herzoginmutter hatte Sorge, Ihr wüsstet nicht, was gut für Euch ist, und würdet Euch in Eurer Krankheit noch mehr aufregen. Darum ließ sie Schneeammer [雪雁] herüberkommen, um Euch zu beruhigen."

Schatzjade fühlte sich trotzdem voller Bitterkeit und vergoss immer wieder Tränen. Wollte er den Tod suchen, so dachte er an die Worte des Fremden im Traum und fürchtete auch, der Herzoginmutter und seiner Mutter Kummer zu bereiten. Loslösen konnte er sich nicht. Dann dachte er auch: Kajaljade war nun tot, und Schatzspange war eine Persönlichkeit allerersten Ranges. So begann er an die „Bestimmung von Gold und Jade" zu glauben und fand allmählich etwas Frieden.

Schatzspange sah, dass keine ernste Gefahr mehr drohte, und so beruhigte sich auch ihr eigenes Herz. Nachdem sie gewissenhaft alle Pflichten einer Schwiegertochter gegenüber der Herzoginmutter und Wang Furen erfüllt hatte, sann sie auf Wege, Schatzjades Kummer zu lindern. Obwohl Schatzjade nicht oft aufsitzen konnte, sah er doch häufig Schatzspange an seinem Bett sitzen, und das alte Verlangen regte sich unwillkürlich wieder. Schatzspange ermahnte ihn jedes Mal mit ernsthaften Worten und tröstete ihn: „Die Gesundheit geht vor. Da wir nun Mann und Frau sind, kommt es auf die eine Stunde nicht an."

In Schatzjades Herzen war zwar vieles nicht nach seinem Willen, doch tagsüber leisteten ihm die Herzoginmutter, Wang Furen, Tante Schnee und andere abwechselnd Gesellschaft. Nachts ging Schatzspange allein schlafen, und die Herzoginmutter schickte zudem Leute, um auf ihn achtzugeben. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Ruhe pflegen zu lassen. Als er Schatzspanges sanftes und zartes Wesen erlebte, übertrug er allmählich etwas von seiner Liebe zu Kajaljade auf Schatzspange. Doch davon wird später berichtet.

Nun muss erzählt werden, was sich am Tag von Schatzjades Hochzeit ereignete. Kajaljade hatte bei hellem Tag bereits das Bewusstsein verloren. Doch ein winziger Faden von Atemhauch in Brust und Mund riss nicht ab. Li Schleierfrau [李纨] und Purpurkuckuck[6] [紫鹃] weinten, als ginge es um ihr eigenes Leben. Am Abend kam Kajaljade noch einmal zu sich, öffnete schwach die Augen und schien nach Wasser oder Suppe zu verlangen. Zu dieser Zeit war Schneeammer [雪雁] bereits gegangen; nur Purpurkuckuck und Li Schleierfrau waren noch an ihrer Seite. Purpurkuckuck brachte eine kleine Schale Longansuppe, vermischt mit Birnensaft, und flößte ihr mit einem silbernen Löffelchen zwei, drei Löffel ein. Kajaljade schloss die Augen und ruhte eine Weile. In ihrem Herzen war es bald hell, bald dunkel. Da Li Schleierfrau sah, dass es Kajaljade etwas besser ging, wusste sie genau, dass es das letzte Aufflackern vor dem Tod war, rechnete aber damit, dass es noch einen halben Tag dauern würde. So kehrte sie zum Duftreisdorf [稻香村] zurück, um sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Hier öffnete Kajaljade die Augen und sah, dass nur Purpurkuckuck, ihre Amme und einige kleine Mägde da waren. Mit einer Hand griff sie nach Purpurkuckucks Hand, presste sie fest und sagte unter größter Anstrengung:

„Ich bin am Ende. Du hast mir so viele Jahre gedient, und ich hatte gehofft, wir beide könnten immer zusammenbleiben. Aber nun..."

Sie brach ab und keuchte eine Weile, schloss die Augen und ruhte. Purpurkuckuck spürte, wie Kajaljade ihre Hand nicht losließ, und wagte selbst nicht, sich zu rühren. Ihrem Aussehen nach ging es ihr besser als am Vormittag, und Purpurkuckuck dachte schon, vielleicht könnte sie noch einmal umkehren. Doch als sie diese Worte hörte, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Nach langer Zeit sprach Kajaljade wieder:

„Schwester — ich habe hier keine Verwandten. Mein Leib ist rein. Bitte sorge dafür, dass man mich nach Hause bringt."

Bei diesen Worten schloss sie wieder die Augen und verstummte. Ihre Hand aber wurde immer fester, der Atem ging stoßweise, die Atemzüge kamen lang heraus und kurz hinein, bereits sehr eilig und gehetzt.

Purpurkuckuck geriet in Panik und ließ sogleich nach Li Schleierfrau schicken. Zum Glück kam gerade Frühlingsbote [探春] vorbei. Als Purpurkuckuck sie sah, flüsterte sie hastig:

„Drittes Fräulein, schauen Sie doch bitte nach Fräulein Kajaljade!"

Dabei fielen ihre Tränen wie Regen. Frühlingsbote trat heran und befühlte Kajaljades Hand — sie war bereits kalt. Auch der Blick aus ihren Augen hatte sich zerstreut. Frühlingsbote und Purpurkuckuck weinten und ließen Wasser bringen, um Kajaljade zu waschen. Gerade eilte Li Schleierfrau herein. Die drei sahen einander an, doch bevor sie ein Wort sagen konnten — gerade als sie Kajaljade abzuwischen begannen —, rief Kajaljade plötzlich mit lauter, durchdringender Stimme:

„Schatzjade! Schatzjade! Du hast doch ..."

Beim Wort „doch" brach kalter Schweiß aus ihrem ganzen Körper, und sie verstummte. Purpurkuckuck und die anderen stützten sie eilig, doch der Schweiß strömte nur stärker, und ihr Körper wurde allmählich kalt. Frühlingsbote und Li Schleierfrau ließen die Mägde in aller Eile Haar und Kleidung richten. Da rollten Kajaljades Augen nach oben — es war aus!

Die duftende Seele, ein Faden nur, verwehte im Wind, Die Sorge, ein Gespinst, floss in den Traum der dritten Nachtwache.

In dem Augenblick, als Kajaljade den letzten Atemzug tat, war es genau die Stunde, in der Schatzjade Schatzspange zur Frau nahm. Purpurkuckuck und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Li Schleierfrau und Frühlingsbote dachten an Kajaljades liebenswerte Art von einst, und wie sie heute erst recht zu bedauern war. Sie weinten ebenfalls bittere Tränen. Da die Hsiaohsiang-Klause [潇湘馆] sehr weit von den Hochzeitsgemächern entfernt lag, hörte man dort drüben nichts davon. Eine Weile weinten alle laut, als sie in der Ferne den Klang von Musik vernahmen. Sie lauschten, doch dann war es wieder still. Frühlingsbote und Li Schleierfrau traten in den Hof hinaus und lauschten nochmals — nur das Rascheln der Bambusspitzen im Wind war zu hören, und der Mondschatten wanderte über die Mauer. Wie trostlos und einsam! Man schickte nach der Frau von Lin Zhixiao, ließ Kajaljade aufbahren und Leute zur Totenwache bestellen und wartete auf den nächsten Morgen, um Phönixglanz zu benachrichtigen.

Phönixglanz hatte gesehen, wie die Herzoginmutter und Wang Furen bereits vor Aufregung ganz erschöpft waren. Kaufmann Aufrecht brach auf, und Schatzjades Zustand hatte sich noch verschlimmert. Sie war ohnehin schon äußerst besorgt. Würde sie jetzt auch noch die Todesnachricht von Kajaljade überbringen, fürchtete sie, dass die Herzoginmutter und Wang Furen vor Kummer und Sorge ernsthaft erkranken könnten. So ging sie persönlich in den Garten. Als sie in der Hsiaohsiang-Klause ankam, konnte auch sie nicht anders als zu weinen. Sie traf Li Schleierfrau und Frühlingsbote und erfuhr, dass alles Nötige vorbereitet war.

„Sehr gut", sagte sie. „Nur — warum habt ihr vorhin nichts gesagt? Ich habe mir solche Sorgen gemacht."

Frühlingsbote sagte: „Wir haben gerade den Herrn verabschiedet. Wie hätten wir es da sagen können?"

Phönixglanz sagte: „Ihr beide habt Mitleid mit ihr gehabt, das war rücksichtsvoll. Aber jetzt muss ich drüben nach dem Sorgenkind sehen. Diese Sache hier ist aber schwierig: Wenn wir es heute nicht melden, geht es nicht. Melden wir es aber, fürchte ich, dass die Herzoginmutter es nicht verkraftet."

Li Schleierfrau sagte: „Geh erst einmal hin und handle nach den Umständen. Berichte es dann, wenn sich die Gelegenheit ergibt."

Phönixglanz nickte und eilte fort.

Als Phönixglanz bei Schatzjade eintraf und hörte, dass der Arzt sagte, es bestehe keine Gefahr, waren die Herzoginmutter und Wang Furen etwas erleichtert. Da sprach Phönixglanz, abseits von Schatzjade, behutsam über Kajaljades Tod. Die Herzoginmutter und Wang Furen erschraken zutiefst. Der Herzoginmutter strömten die Tränen übers Gesicht:

„Ich habe sie ins Verderben gestürzt! Aber dieses Kind war auch allzu töricht."

Sie wollte in den Garten gehen, um an ihrem Totenbett zu weinen, doch ihr Herz hing auch an Schatzjade — sie konnte sich weder für das eine noch das andere entscheiden. Wang Furen und die anderen unterdrückten ihre Trauer und redeten der Herzoginmutter zu:

„Gehen Sie nicht selbst hin, Mutter. Ihre Gesundheit ist wichtiger."

Die Herzoginmutter hatte keine Wahl und bat Wang Furen, an ihrer Stelle zu gehen, und sagte noch: „Richte ihrem Geist von mir aus: ‚Nicht aus Herzlosigkeit bin ich nicht gekommen, um dich auf deinem letzten Weg zu begleiten. Nur gibt es Näheres und Ferneres: Du bist die Tochter meiner leiblichen Tochter, das ist mir nah genug. Aber verglichen mit Schatzjade ist Schatzjade mir noch näher. Sollte Schatzjade etwas zustoßen — wie könnte ich dann seinem Vater gegenübertreten?'"

Bei diesen Worten weinte sie aufs Neue. Wang Furen sprach ihr Trost zu:

„Fräulein Kajaljade war die, die die Herzoginmutter am meisten geliebt hat. Doch über Leben und Tod entscheidet das Schicksal; nun, da sie gestorben ist, können wir nichts mehr für sie tun. Nur bei der Bestattung sollten wir sie auf das Beste verabschieden. Erstens können wir damit unser Gewissen ein wenig beruhigen. Zweitens werden die Seelen der verstorbenen Tante und ihrer Tochter ein wenig Frieden finden."

Die Herzoginmutter weinte bei diesen Worten nur noch bitterer.

Phönixglanz fürchtete, dass die Alte sich zu sehr grämte, und schickte, da sie ja wusste, dass Schatzjades Verstand getrübt war, heimlich jemanden mit einer Notlüge: „Schatzjade drüben sucht nach der Herzoginmutter."

Die Herzoginmutter hielt erst da inne mit Weinen und fragte: „Es gibt doch nicht wieder ein Unglück?"

Phönixglanz lächelte beschwichtigend: „Nein, nichts dergleichen. Er vermisst wohl einfach seine Großmutter."

Die Herzoginmutter stützte sich sogleich auf Perle [珍珠], und Phönixglanz folgte ihr.

Auf halbem Weg trafen sie Wang Furen, die gerade zurückkam, und die erstattete der Herzoginmutter Bericht. Die Herzoginmutter trauerte natürlich von Neuem, doch da sie auf dem Weg zu Schatzjade war, schluckte sie ihre Tränen und sprach gefasst:

„Wenn dem so ist, gehe ich auch nicht mehr hin. Macht ihr das unter euch aus. Wenn ich es sehe, bricht es mir das Herz. Nur tut ihr nicht unrecht — das ist alles, worum ich bitte."

Wang Furen und Phönixglanz sagten einhellig zu.

Die Herzoginmutter kam zu Schatzjades Bett. Als sie ihn sah, fragte sie: „Was wolltest du von mir?"

Schatzjade lächelte: „Ich habe gestern Abend Schwester Kajaljade gesehen. Sie sagte, sie wolle nach Süden zurückkehren. Ich dachte, niemand könnte sie zum Bleiben bewegen außer Ihnen, Großmutter. Halten Sie sie doch für mich zurück!"

Die Herzoginmutter sagte: „Gewiss, mach dir keine Sorgen."

Dufthauch half Schatzjade sich hinzulegen. Die Herzoginmutter ging hinüber zu Schatzspange.

Zu jener Zeit war Schatzspange noch nicht zum „Rückbesuch am neunten Tag" aufgebrochen, und so war ihr in Gesellschaft noch etwas schamhaft zumute. An diesem Tag sah sie, dass die Herzoginmutter mit tränennassem Gesicht kam. Sie reichte ihr Tee, und die Herzoginmutter bat sie, Platz zu nehmen. Schatzspange setzte sich seitlich neben sie und fragte:

„Ich höre, Schwester Kajaljade ist krank. Geht es ihr besser?"

Als die Herzoginmutter dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und sagte:

„Mein Kind, ich sage es dir, aber du darfst Schatzjade nichts verraten. Alles ist wegen deiner Schwester Kajaljade geschehen, und du hast deswegen so viel Unrecht erdulden müssen. Nun, da du seine Ehefrau bist, sage ich es dir: Deine Schwester Kajaljade ist schon seit zwei, drei Tagen tot. Genau in der Stunde deiner Hochzeit ist sie gestorben. Diese Krankheit Schatzjades — sie rührt daher. Ihr alle habt früher zusammen im Garten gelebt. Ihr wisst das sicherlich."

Schatzspange lief das Blut ins Gesicht. Als sie an Kajaljades Tod dachte, konnte auch sie die Tränen nicht halten. Die Herzoginmutter sprach noch eine Weile, dann ging sie.

Von da an dachte Schatzspange tausendmal hin und her und fasste einen Plan, wagte aber nicht, überstürzt zu handeln. Erst als der „Rückbesuch am neunten Tag" vorüber war, setzte sie ihren Plan um. Und tatsächlich ging es Schatzjade daraufhin besser. Erst dann konnte man miteinander reden, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen.

Nur Schatzjade — obwohl seine Krankheit von Tag zu Tag besser wurde, konnte sein eigensinniges Herz nicht loslassen: Er wollte unbedingt selbst hingehen und um sie weinen. Die Herzoginmutter und die anderen wussten, dass die Krankheit noch nicht an der Wurzel geheilt war, und erlaubten ihm kein wildes Grübeln. Doch sein Kummer war unerträglich, und er erlitt immer wieder Rückfälle. Da war es schließlich der Arzt, der die seelische Ursache der Krankheit erkannte und riet, man solle ihn ruhig seinen Gefühlen freien Lauf lassen, und danach mit Medizin regulieren — so würde die Heilung schneller voranschreiten.

Als Schatzjade das hörte, wollte er sofort zur Hsiaohsiang-Klause. Die Herzoginmutter und die anderen ließen einen Bambusstuhl herbeibringen und halfen Schatzjade hinein. Die Herzoginmutter und Wang Furen gingen voraus. Als sie die Hsiaohsiang-Klause betraten und Kajaljades Sarg erblickten, hatte die Herzoginmutter bereits so viele Tränen vergossen, dass sie kaum noch atmen konnte. Phönixglanz und die anderen redeten mehrfach auf sie ein, bis sie sich beruhigte. Auch Wang Furen weinte bitterlich. Li Schleierfrau bat die Herzoginmutter und Wang Furen, sich im inneren Zimmer auszuruhen. Auch dort vergossen sie noch Tränen. Als Schatzjade eintraf, dachte er daran, wie er vor seiner Krankheit oft hierhergekommmen war. Heute standen die Räume noch, doch die Bewohnerin war nicht mehr. Er brach in hemmungsloses Schluchzen aus. Er dachte daran, wie vertraut sie einst miteinander gewesen waren, und dass er sie heute im Tod verabschiedete — wie konnte er da nicht erst recht von Trauer übermannt werden? Alle hatten befürchtet, Schatzjade würde sich nach seiner Krankheit zu sehr grämen, und versuchten, ihn zu trösten. Aber Schatzjade weinte bereits, als ginge es um sein Leben, und man musste ihn stützen und zur Ruhe bringen. Auch die anderen Begleiter, darunter Schatzspange, weinten alle bitterlich.

Doch Schatzjade bestand darauf, Purpurkuckuck zu sich zu rufen, und fragte sie, was seine Schwester vor ihrem Tod noch gesagt habe. Purpurkuckuck hatte Schatzjade von Herzen gehasst, doch als sie ihn so sah, wurde ihr Herz etwas weicher. Zudem waren die Herzoginmutter und Wang Furen beide zugegen, und sie wagte nicht, Schatzjade zu schelten. So erzählte sie der Reihe nach: wie Fräulein Kajaljade wieder krank geworden war, wie sie die Tücher verbrannt und die Gedichtmanuskripte dem Feuer übergeben hatte, und was sie vor ihrem Tod gesagt hatte. Schatzjade weinte aufs Neue, bis ihm die Kehle zugeschnürt und der Mund ausgetrocknet war. Frühlingsbote nutzte die Gelegenheit und erzählte auch noch von Kajaljades letztem Wunsch, den Sarg in den Süden zurückzubringen. Die Herzoginmutter und Wang Furen begannen wieder zu weinen. Zum Glück verstand Phönixglanz es, mit guten Worten Trost zu spenden, so dass sie sich etwas beruhigten. Dann schlug sie vor, in die Gemächer zurückzukehren. Schatzjade wollte sich nicht losreißen, doch die Herzoginmutter drängte ihn, und er kehrte widerwillig in sein Zimmer zurück.

Die Herzoginmutter, betagt wie sie war, hatte seit dem Beginn von Schatzjades Krankheit Tag und Nacht keine Ruhe gehabt. Nun, nach diesem erneuten Ausbruch tiefer Trauer, spürte sie Schwindel und Fieber aufkommen. Obwohl sie sich um Schatzjade sorgte, konnte sie sich nicht mehr aufrecht halten. Sie musste in ihr Zimmer zurückkehren und sich niederlegen. Auch Wang Furen, deren Herz noch stärker schmerzte, zog sich zurück. Sie schickte Buntwolke [彩云], um Dufthauch zu helfen und nach Schatzjade zu sehen, und sagte: „Wenn Schatzjade wieder trauert, kommt sofort und sagt uns Bescheid."

Schatzspange wusste, dass Schatzjade seinen Schmerz nicht so bald verwinden konnte. Anstatt ihn zu trösten, stichelte sie mit feinen Worten. Schatzjade fürchtete, Schatzspange könnte sich gekränkt fühlen, und hielt seine Tränen zurück und fasste sich. Nach einer ruhigen Nacht kamen am nächsten Morgen alle, um nach ihm zu sehen. Er war zwar noch schwach und kraftlos, doch seine Seelennot schien um einiges leichter geworden. So pflegte man ihn mit besonderer Sorgfalt, und er erholte sich allmählich. Zum Glück erkrankte die Herzoginmutter nicht ernsthaft. Nur Wang Furen konnte ihren Herzschmerz nicht überwinden.

Eines Tages kam Tante Schnee zu Besuch, sah, dass es Schatzjade etwas besser ging, und war beruhigt. Sie blieb vorläufig.

An einem Tag lud die Herzoginmutter Tante Schnee eigens zu einer Besprechung ein und sagte:

„Schatzjades Leben haben wir allein der Tante zu verdanken. Nun scheint keine Gefahr mehr zu drohen. Nur Eure Tochter hat so viel erdulden müssen. Wenn Schatzjade sich hundert Tage erholt hat und wieder bei Kräften ist, und die Trauerzeit für die Kaiserliche Nebenfrau [元妃] vorüber ist, wäre der rechte Zeitpunkt für die Hochzeitsnacht. Ich möchte Euch bitten, einen besonders günstigen Tag auszuwählen."

Tante Schnee sagte: „Die Herzoginmutter hat eine vortreffliche Idee. Warum mich fragen? Meine Schatzspange mag äußerlich einfach wirken, aber sie hat ein klares Herz. Ihre Herzoginmutter kennt ihr Wesen seit jeher. Wenn die beiden nur in Eintracht miteinander leben — dann wird die Herzoginmutter viel Sorge los, meine Schwester wird getröstet, und auch mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Herzoginmutter möge den Tag bestimmen. Werden wir auch Verwandte einladen oder nicht?"

Die Herzoginmutter sagte: „Die Hochzeit von Schatzjade und Eurer Tochter — das ist die größte Sache ihres Lebens! Und nach wie vielen Schwierigkeiten haben wir endlich diesen Punkt erreicht. Wir müssen unbedingt mehrere Tage festlich feiern und alle Verwandten einladen. Erstens danken wir dem Himmel. Zweitens trinken wir gemeinsam ein Glas Wein zum Fest — ich als alte Frau habe mir genug Sorgen gemacht, das soll nicht umsonst gewesen sein."

Tante Schnee hörte das und freute sich natürlich. Dann sprach sie über die Mitgiftvorbereitungen. Die Herzoginmutter sagte:

„Wir sind Verwandte, die untereinander heiraten. Ich denke, all dieser Aufwand ist nicht nötig. Was die Einrichtung betrifft — ihr Zimmer ist ohnehin schon voll ausgestattet. Wenn Schatzspange ein paar besondere Lieblingsstücke hat, bringen Sie die einfach mit. Schatzspange ist nicht empfindlich in solchen Dingen — ganz anders als meine arme Enkelin, deren empfindliches Wesen der Grund war, dass sie nicht alt werden konnte."

Bei diesen Worten weinte auch Tante Schnee.

Gerade in diesem Moment kam Phönixglanz herein und fragte lachend: „Herzoginmutter, Tante — worüber seid ihr schon wieder traurig?"

Tante Schnee sagte: „Wir sprachen gerade über Schwester Kajaljade, und da wurde es uns schwer ums Herz."

Phönixglanz lachte: „Die Herzoginmutter und die Tante mögen jetzt bitte aufhören, traurig zu sein. Ich habe gerade einen Witz gehört und wollte ihn der Herzoginmutter und der Tante erzählen."

Die Herzoginmutter wischte sich die Tränen ab und lächelte schwach: „Du willst dich bestimmt wieder über jemanden lustig machen! Erzähl schon, die Tante und ich hören zu. Aber wenn wir nicht lachen, lassen wir dich nicht so leicht davon."

Da begann Phönixglanz, noch bevor sie den Mund aufgemacht hatte, schon mit beiden Händen herumzufuchteln, und bog sich vor Lachen.

Was sie erzählte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

Anmerkungen

  1. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  2. Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „aufrecht/Regierung".
  3. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange".
  4. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  5. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „die einen überfällt/umweht". Schatzjades erste Kammerzofe.
  6. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurner Kuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.

Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).