Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 61"

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=== Um die Ratte zu treffen, ohne das Gefaess zu beschaedigen, vertuscht Baoyu den Diebstahl; Pinger urteilt im Streitfall und ubt ihre Befugnis aus ===
 
=== Um die Ratte zu treffen, ohne das Gefaess zu beschaedigen, vertuscht Baoyu den Diebstahl; Pinger urteilt im Streitfall und ubt ihre Befugnis aus ===
  
llon‘0.“
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'''Um eine Unschuldige zu schonen, vertuscht Bau-yü einen Diebstahl;auf ihre Autorität gestützt, schlichtet Ping-örl einen Rechtsstreit. '''
Eine andere entgegnete sogar: „Ich habe eine Pi-pa-Frucht aus der ‚Geschichte von der Laute‘.“0
 
Schließlich sagte Dou-guan: „Ich habe eine Schwesternblume.“
 
Niemand wußte etwas dagegenzuhalten, bis Hsiang-ling sagte: „Ich habe eine Mann-und-Frau-Orchidee.“
 
„Von so einer Orchidee habe ich noch nie etwas gehört“, wandte Dou-guan ein.
 
„Orchideen mit nur einer Blüte an jedem Stengel heißen lan, und solche mit mehreren Blüten an einem Stengel heißen huee“, erklärte Hsiang-ling. „Sitzen zwei Blüten unterschiedlich hoch, sagt man dazu Brüder-Orchidee, wachsen sie Kopf an Kopf, nennt man das Mann-und-Frau-Orchidee. An meinem Stengel sind die Blüten direkt nebeneinander, was also stimmt nicht daran?“
 
Diese Begründung wußte Dou-guan nicht zu entkräften, darum stand sie auf und sagte spöttisch: „Und wenn die beiden Blüten unterschiedlich groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Blicken sie aber in verschiedene Richtungen, so ist das eine Feindes-Orchidee, was? Dein Mann ist jetzt schon über ein halbes Jahr auf Reisen, darum denkst du dir vor lauter Verlangen nach den Dingen, die Mann und Frau miteinander treiben, jetzt aus, daß es auch bei Orchideen Mann und Frau geben soll. Daß du dich nicht schämst!“
 
Hsiang-ling errötete und wollte aufstehen, um Dou-guan zur Strafe zu kneifen. Dabei schimpfte sie lächelnd: „Dich werde ich, du kleines Spitzbein mit deinem verfaulten Mundwerk! Das sind ja Fieberphantasien, was du da erzählst!“
 
Als Dou-guan sah, daß Hsiang-ling sich schon erhob, um sie zu packen, wollte sie das natürlich nicht zulassen. Rasch drückte sie Hsiang-ling nieder, wandte den Kopf zu Juee-guan und den anderen und bat sie lachend. „Kommt und helft mir, ihr in ihr Lügenmaul zu kneifen!“
 
Während sich die beiden im Gras wälzten, klatschten die anderen lachend in die Hände und warnten nur: „Paß auf, da ist eine Pfütze! Es wäre schade um ihren neuen Rock!“
 
Dou-guan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser, aber schon war Hsiang-lings Rock zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riß sich Dou-guan von Hsiang-ling los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten, weil sie aber Angst hatten, Hsiang-ling würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander.
 
Hsiang-ling stand auf und blickte an sich herab. Als sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief, schimpfte sie wie ein Rohrspatz.
 
Bau-yü, der gesehen hatte, daß die Mädchen das Pflanzenspiel spielten, hatte inzwischen ebenfalls einige Blumen gesammelt und kam jetzt näher, um mitzuspielen. Plötzlich sah er, wie alle davonliefen und nur Hsiang-ling übrigblieb, die sich mit gesenktem Kopf an ihrem Rock zu schaffen machte. „Warum sind sie weggelaufen?“ fragte er.
 
„Ich hatte eine Mann-und-Frau-Orchidee, und weil sie nicht wußten, daß es so etwas gibt, sagten sie, ich hätte mir das nur ausgedacht“, berichtete Hsiang-ling. „Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben.“
 
„Du hast eine Mann-und-Frau-Orchidee, und ich habe ein Blütenpärchen von der Wassernuß“, sagte Bau-yü lächelnd und hielt ihr dabei wirklich einen Stengel mit zwei Blüten hin, während er mit der anderen Hand nach der Orchidee griff.
 
„Was interessieren mich noch Mann-und-Frau-Blumen oder Blütenpärchen?! Schau dir mal meinen Rock an!“ erwiderte Hsiang-ling mißmutig.
 
Jetzt erst schaute Bau-yü an ihr herab. „O weh!“ rief er aus, dann fragte er: „Wie bist du denn damit in den Schlamm geraten? Leider verträgt gerade diese granatapfelrote Seide keinen Schmutz.“
 
„Den Stoff hatte Fräulein Bau-tjin mitgebracht, Fräulein Bau-tschai bekam einen Rock daraus und ich auch, ich habe ihn heute zum ersten Mal an“, erzählte Hsiang-ling.
 
„Eure Familie könnte es sich leisten, hundert solche Röcke am Tag zu verderben, aber wenn der Stoff von Fräulein Bau-tjin ist und außer dir nur meine Kusine Bau-tschai so einen Rock hat, der noch gut ist, während deiner schon verdorben ist, wird sich Fräulein Bau-tjin gekränkt fühlen“, sagte Bau-yü seufzend und stampfte dabei mit dem Fuß auf. „Außerdem ist meine Tante eine alte Nörglerin. Ich habe oft genug gehört, wie sie sagte, ihr hättet keine Ahnung vom Leben, würdet nur alles kaputt machen und keine Mäßigkeit kennen. Wenn sie jetzt das hier sieht, macht sie dir wieder endlose Vorwürfe.“
 
Diese Worte waren Hsiang-ling aus dem Herzen gesprochen, und darüber wurde sie wieder froh. Lächelnd sagte sie: „Du hast vollkommen recht. Ich habe zwar noch ein paar neue Röcke, aber keinen wie diesen hier. Wenn ich noch so einen hätte und mich schnell umziehen könnte, wäre fürs erste alles gut, und später könnten wir weitersehen.
 
„Beweg dich nicht, bleib ganz ruhig stehen, sonst machst du dir auch noch Hosen, Beinlinge und Schuhkappen schmutzig“, befahl ihr Bau-yü. „Ich habe eine Idee. Vorigen Monat hat sich Hsi-jën einen Rock genäht, der ganz genauso aussieht wie dieser hier. Aber da sie Trauer hat, trägt sie ihn nicht. Wie wäre es, wenn du dir den geben ließest?“
 
Lächelnd schüttelte Hsiang-ling den Kopf und sagte: „Das geht nicht. Wenn jemand davon erfährt, wird alles nur noch schlimmer.“
 
„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Niemand hindert dich ja, ihr dafür zu schenken, was sie mag, sobald ihre Trauerzeit um ist. Du bist doch sonst nicht so! Außerdem ist das nichts, was man vor den andern geheimhalten müßte, also sag es meiner Kusine Bau-tschai nur. Bloß meine Tante darf es nicht erfahren, damit sie nicht böse wird.“
 
Hsiang-ling dachte darüber nach und fand, Bau-yü habe recht. Darum nickte sie und sagte lächelnd: „Also gut, machen wir es so! Ich will dich in deiner Hilfsbereitschaft nicht enttäuschen. Ich werde hier warten, aber du mußt unbedingt dafür sorgen, daß Hsi-jën mir den Rock selber herbringt.“
 
Froh über ihre Zustimmung, versprach Bau-yü, sich daran zu halten, und begab sich eilends in seine Räume hinüber. Dabei dachte er sich: „Wie schade, daß so ein Mädchen keine Eltern mehr hat und nicht einmal den ei­ge-­
 
  
Aus: Chengjiaben 1791.
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„Du kleiner Affe!“ schimpfte Frau Liu lachend. „Hast du nicht einen Onkel mehr, wenn sich deine Tante einen Liebhaber nimmt? Was hast du also zu zweifeln? Muß ich dir erst deine Pißpottdeckelfrisur ausreißen, ehe du das Tor aufmachst und mich einläßt?“
nen Familiennamen mehr weiß! Warum mußte sie entführt und ausgerechnet an diesen Tyrannen verkauft werden?“ Dann fiel ihm ein, wie er seinerzeit unverhofft Ping-örl hatte helfen können, aber noch viel unverhoffter, sagte er sich, sei jetzt die Gelegenheit gekommen, Hsiang-ling etwas Gutes zu tun. Unter diesen törichten Überlegungen war er zu Hause angekommen, wo er Hsi-jën beiseite nahm und ihr alles genau erzählte.
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Doch anstatt ihr das Tor zu öffnen, verlangte der Junge lachend: „Wenn du in den Garten gehst, mußt du ein paar Aprikosen für mich stehlen, Tante Liu! Ich warte hier. Und wenn du es vergißt, mache ich dir in Zukunft nicht mehr das Tor auf, wenn du spät in der Nacht Wein oder Öl kaufen gehst. Nicht einmal antworten werde ich dir, und du kannst dir die Kehle ausschreien.
Hsiang-ling war auf Grund ihres Wesens ohnehin bei jedermann beliebt, Hsi-jën aber war schon immer freigebig gewesen, und da sie sich mit Hsiang-ling stets gut vertragen hatte, ging sie jetzt, kaum daß sie Bau-yüs Bericht vernommen hatte, an ihre Truhe, holte den Rock heraus, legte ihn zusammen und machte sich mit Bau-yü zusammen auf die Suche nach Hsiang-ling, die tatsächlich noch auf demselben Fleck stand und wartete.
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„Also, du bist verrückt!“ sagte Frau Liu und spuckte aus. „Dieses Jahr ist es nicht mehr wie früher. Alles ist unter die einzelnen Frauen aufgeteilt, und mit keiner von ihnen ist gut auszukommen. Kaum daß man unter einem Baum bloß vorbeigeht, funkeln ihre Augen schon wie bei einem Kampfhahn, und da soll man noch die Früchte anrühren?
„Ich wußte es doch“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Unartig, wie du bist, mußte erst etwas passieren, ehe du Ruhe gibst.“
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Als ich gestern unter einem Pflaumbaum vorbeikam, flog mir eine Biene ins Gesicht, und als ich sie wegscheuchen wollte, hat das deine feine Tante gesehen, aber weil sie zu weit weg war und es nicht richtig erkennen konnte, dachte sie, ich pflückte Pflaumen, und gleich fing sie an zu zetern. Noch sei Buddha kein Opfer davon gebracht worden, hat sie gesagt, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien nicht zu Hause und hätten noch nichts davon bekommen, und wenn die Herrschaften ihr Teil hätten, würden auch die andern etwas abbekommen. Sie hat sich aufgeführt, als ob sich jemand vor Gier nach diesen Pflaumen umbringen wollte. Konnte ich ihr darauf mit Freundlichkeiten antworten? Vorhaltungen habe ich ihr gemacht.
Hsiang-ling errötete, sagte aber lächelnd: „Vielen Dank, Schwester! Wer konnte schon ahnen, daß diese Bösewichter so gemein sein können!“ Dann ließ sie sich den Rock geben, entfaltete ihn und stellte fest, daß er wirklich genauso aussah wie ihr eigener. Also befahl sie Bau-yü, er solle sich umdrehen, dann zog sie sich unter ihrem Obergewand den schmutzigen Rock aus und den sauberen an.
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Aber sag einmal, alle deine Tanten und Anverwandten haben etwas im Garten zugeteilt bekommen, warum fragst du da nicht sie, sondern mich? Das ist ja wie mit der Speicherratte, die von der Krähe Reis borgen geht – die ihn bewacht, hat keinen, und die fliegt, soll welchen haben.
„Gib den schmutzigen mir!“ forderte Hsi-jën sie auf. „Ich nehme ihn mit und bringe ihn in Ordnung, dann schicke ich jemand damit zu dir. Wenn du ihn mitnimmst und es sieht dich jemand damit, wird man dir deswegen Fragen stellen.
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„O weh, o weh!“ sagte der Sklavenjunge lachend. „Wenn du keine hast, dann eben nicht. Wozu das Geschwätz? Ich sehe schon, du brauchst mich in Zukunft nicht mehr. Aber wenn deine Tochter erst ihre schöne Stellung hat, wird sie uns noch oft genug brauchen, und wenn wir nicht reagieren, was dann?
„Nimm ihn mit und gib ihn irgendwem von den Mädchen“, sagte Hsiang-ling. „Wenn ich diesen hier habe, brauche ich den nicht mehr.
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„Was phantasierst du da, du kleines Affengespenst?“ fragte Frau Liu lächelnd. „Was für eine schöne Stellung soll meine Tochter haben?“
„Das ist großzügig gedacht“, sagte Hsi-jën.
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„Mach mir doch nichts vor, ich weiß es schon längst!“ erwiderte der Sklavenjunge ebenfalls lächelnd. „Meinst du, nur ihr habt eure Beziehungen, und wir nicht? Mein Posten ist zwar hier draußen, aber ich habe drinnen ein paar Schwestern, die auch etwas darstellen, und so bleibt uns nichts verborgen.
Noch einmal bedankte sich Hsiang-ling und knickste dazu, dann ging Hsi-jën mit dem schmutzigen Rock fort.
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Als er das eben sagte, rief drinnen eine alte Sklavenfrau: „Holt endlich Schwägerin Liu, ihr kleinen Affen! Wenn sie jetzt nicht kommt, ist es zu spät.
Als Hsiang-ling sich jetzt nach Bau-yü umsah, hockte er auf der Erde. Mit einem Zweig hatte er eine Grube gegraben, die er mit einer Handvoll Blütenblätter auspolsterte. Dann legte er die Mann-und-Frau-Orchidee zusammen mit dem Wassernuß-Blütenpärchen darauf, deckte sie mit weiteren Blütenblättern zu und häufte Erde über das Loch.
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Ohne sich noch weiter um den Sklavenjungen zu kümmern, schob Frau Liu rasch das Tor auf, ging hinein und sagte lächelnd: „Keine Sorge! Hier bin ich.
„Was treibst du denn da?“ fragte Hsiang-ling lächelnd und zog ihn am Ärmel. „Kein Wunder, daß alle sagen, wenn du unbeobachtet bist, machst du den größten Unsinn, der einem die Haare zu Berge stehen läßt. Schau nur, wie schwarz und schmierig deine Hände von Schlamm und Moos geworden sind! Willst du dich nicht waschen gehen?“
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In der Küche waren zwar einige ihrer Gefährtinnen anwesend, aber sie hatten nicht gewagt, selbständig etwas zu entscheiden, und gewartet, daß Frau Liu kam, um die Speisen einzuteilen und austragen zu lassen.
Lächelnd stand Bau-yü auf und ging fort, um sich die Hände zu waschen. Auch Hsiang-ling ging ihres Weges, aber als sie schon ein paar Schritte voneinander entfernt waren, drehte sie sich noch einmal um, kam zurück und rief Bau-yü an. Bau-yü, der nicht wußte, was sie ihm noch sagen wollte, wandte sich lächelnd um, streckte seine schmutzstarrenden Hände von sich und fragte: „Was ist?“
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„Wo ist Wu-örl?“ erkundigte sich Frau Liu.
Hsiang-ling stand nur da und lächelte stumm. Da kam ihr Sklavenmädchen Dschën-örl dazu und meldete: „Das zweite Fräulein möchte Euch sprechen.“
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„Sie ist eben in die Teeküche zu den anderen Mädchen gegangen“, lautete die Antwort.
Jetzt erst sagte Hsiang-ling bittend: „Die Sache mit dem Rock darfst du nicht deinem Vetter Pan erzählen.“ Dann wandte sie sich wieder um und ging fort.
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Da legte Frau Liu den Kokosporlingsschnee weg und teilte die Speisen für die einzelnen Gartenhäuser ein. Plötzlich aber erschien das kleine Sklavenmädchen Liän-hua aus den Räumen von Ying-tschun mit der Bestellung: „Schwester Sï-tji läßt sagen, sie möchte eine Schüssel ganz zart geschmorte Eier haben.“
„Bin ich vielleicht verrückt?“ rief Bau-yü ihr lächelnd hinterher. „Meinst du, ich werde dem Tiger meinen Kopf in den Rachen stecken?“ Und damit ging er fort, um sich die Hände zu waschen.
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„Vornehm, vornehm!“ sagte Frau Liu. „Ich weiß nicht warum, aber Eier sind knapp in diesem Jahr. Nicht einmal für zehn Münzen pro Stück bekommt man sie zu kaufen. Als die Herrschaften gestern Lebensmittelgeschenke an die Verwandtschaft schickten, waren vier oder fünf Einkäufer unterwegs und haben mit Mühe und Not zweitausend Eier zusammengebracht. Woher soll ich also welche nehmen? Sag ihr, sie kann sie ein andermal haben.
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
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„Als sie neulich Bohnenkäse haben wollte, hast du ihr welchen geschickt, der verdorben war, und ich habe eine Standpauke dafür bekommen“, sagte Liän-hua. „Heute will sie Eier, und es sind keine da. Was sind schon Eier für eine Seltenheit! Ich glaube nicht, daß du keine hast. Muß ich erst selber nachsehen?“ Mit diesen Worten trat sie wirklich näher, klappte die Vorratskiste auf und erblickte darin tatsächlich an die zehn Eier. „Und was ist das?“ fragte sie. „Warum hast du dich so? Was wir essen, hat die Herrschaft uns zugeteilt, und es braucht dir nicht darum leid zu tun. Oder hast vielleicht du diese Eier gelegt, daß niemand sie essen darf?“
63. Zu Bau-yüs Geburtstag feiern alle Blumen ein nächtliches Fest,
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Sofort legte Frau Liu ihre Arbeit aus der Hand, trat näher und sagte: „Hör auf, solchen Unsinn zu schwatzen! Deine Mutter legt vielleicht Eier. Die paar sind alles, was ich noch habe. Damit will ich die Speisen garnieren. Aber solange die Fräulein nicht ausdrücklich danach verlangen, hebe ich sie als Notvorrat auf. Wenn ich sie euch mache, und dann kommt eine Bestellung von den Fräulein, habe ich gar nichts Gutes mehr, nicht einmal Eier. Ihr lebt hier sorglos in Hallen und Höfen, wenn ihr trinken wollt, streckt ihr nur die Hand aus, und wenn ihr essen wollt, macht ihr nur den Mund auf, und Eier sind für euch etwas ganz Gewöhnliches. Es gibt Jahre, in denen es nicht einmal mehr Graswurzeln zu kaufen gibt, von Eiern ganz zu schweigen.
bei Djia Djings Tod regelt eine einsame Schöne das Trauerzeremoniell.
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Darum rate ich euch, ein bißchen bescheidener zu sein bei dem weißen Reis, den fetten Hühnern und den großen Enten, die ihr tagtäglich bekommt. So verwöhnt seid ihr davon, daß ihr euch jeden Tag etwas anderes ausdenkt – mal Eier und Bohnenkäse, dann wieder Mehlklüter und eingelegte Rüben. Ihr versteht euch wirklich auf Abwechslung! Aber ich bin doch nicht für euch da. Wenn aus jedem Haus ein Extragericht verlangt wird, macht das zusammen mehr als zehn. Da kann ich aufhören, für die Herrschaftsfräulein zu kochen, und sorge nur noch für die Fräulein Dienerinnen.“
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Rot im Gesicht, rief Liän-hua: „Wer verlangt jeden Tag etwas anderes von dir, daß du hier schwatzen mußt wie ein Wasserfall? Wozu hat man dich hierher geholt, wenn nicht zu unserer Bequemlichkeit? Als neulich Tschun-yän kam und dir sagte, Schwester Tjing-wën wolle Estragongemüse essen, da hast du gleich gefragt, ob sie es mit Schweinefleisch oder mit Hühnerfleisch wolle. Als Tschun-yän sagte, es solle gar nicht mit Fleisch sein, und dir befahl, es mit Mehlklütern zu schmoren, aber mit wenig Öl, hast du dich sofort entschuldigt, daß du so gedankenlos warst, hast dir die Hände gewaschen und das Essen nicht nur geschmort, sondern auch selber hingetragen. Am liebsten hättest du noch mit dem Schwanz gewedelt. An mir aber willst du jetzt ein Exempel statuieren und schmierst mich hier vor allen Leuten aus.“
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„Buddha Amitabha, alle sind meine Zeugen!“ erwiderte Frau Liu. „Nicht nur das eine Mal, sondern immer, seitdem im vergangenen Jahr die Küche hier eingerichtet wurde, lassen die Fräulein und Mädchen aus allen Häusern, wenn sie etwas extra haben wollen, zuerst das Geld bringen, um davon einzukaufen. Das hört sich so schön an – ich verwalte ja nur den Fräulein die Küche, habe nicht viel zu tun und streiche noch einen Gewinn dabei ein. Aber wenn man es einmal überrechnet, kann einem übel werden.
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Alle Fräulein und Mädchen sind zusammen vierzig bis fünfzig Personen, doch wir bekommen pro Tag nicht mehr als zwei Hühner, zwei Enten, etwas über zehn Djin Schweinefleisch und für eine Münzschnur Gemüse. Rechne dir selber aus, wie weit man damit kommt! Es reicht kaum für die beiden Mahlzeiten am Tag, wie könnte es da genug sein, damit sich der eine dies und der andere jenes bestellen kann und damit wir nachkaufen, wenn jemandem nicht schmeckt, was wir haben. Da wäre es das beste, mit der gnädigen Frau zu sprechen, damit sie die Zuweisungen erhöht, und dann werden genau wie in der großen Küche, wo für die alte gnädige Frau gekocht wird, alle Gerichte, die man sich denken kann, auf eine Tafel geschrieben, jeder ißt, was er möchte, und einmal im Monat wird bar bezahlt.
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Als sich Fräulein Tan-tschun und Fräulein Bau-tschai neulich abgesprochen hatten,  geschmorte Bocksdorntriebe zu essen, schickten sie gleich ein Mädchen mit fünfhundert Bronzemünzen zu mir. Da habe ich gelacht und gesagt, selbst wenn sie dem dickbäuchigen Buddha Maitreya glichen<ref>Maitreya, der verheißene Buddha einer künftigen Welt, wird in der chinesischen Ikonographie als fettleibiger Mönch mit lachend geöffnetem Mund dargestellt.</ref>, könnten die Fräulein nicht für fünfhundert Münzen Bocksdorntriebe essen, zwanzig oder dreißig seien genug, und habe das Restgeld zurückgeschickt. Aber sie haben es nicht genommen und gesagt, ich solle mir Wein dafür kaufen.
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Außerdem meinten sie, daß es jetzt, wo wir im Garten eine eigene Küche hätten, nicht zu verhindern sei, daß sich die Leute aus den einzelnen Gartenhäusern alles mögliche hier holten. Aber auch Salz und Sojawürze kosteten Geld. Wenn ich ihnen nichts gäbe, sei das nicht gut, aber wenn ich es ihnen gebe, könne ich den Verlust nicht ersetzen, darum solle dies Geld den Fehlbetrag ausgleichen, der dadurch entstehe. Das sind zwei verständige Fräulein, und darum beten wir auch zu Buddha für sie.
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Dann aber hat Nebenfrau Dschau von der Sache erfahren, ist wütend geworden und hat gesagt, man mache es mir zu leicht. Keine zehn Tage später hat sie eine der kleineren Mägde geschickt, um mal dies und mal das zu verlangen. Mir war wirklich zum Lachen zumute. Jetzt aber macht ihr das zur Regel und verlangt ebenfalls mal dies und mal das. Aber wovon soll ich das alles ersetzen?“
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Während sie sich so ereiferte, erschien eine andere Botin von Sï-tji, um Liän-hua zu mahnen, und fragte sie: „Bist du hier gestorben, oder warum kommst du nicht zurück?“
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Wütend kehrte Liän-hua in ihre Räume zurück und berichtete Sï-tji mit einigen Ausschmückungen, was vorgefallen war. Als Sï-tji das erfuhr, loderte natürlich die Wut in ihrem Herzen auf, und da ihr Dienst bei Ying-tschuns Abendmahlzeit schon beendet war, führte sie die kleineren Sklavenmädchen zur Küche hinüber. Hier saßen die Küchenfrauen eben beim Essen, aber als sie Sï-tji kommen sahen und erkannten, daß dies nichts Gutes bedeuten konnte, standen sie eilfertig auf und boten ihr lächelnd an, Platz zu nehmen. Aber Sï-tji gab den kleinen Sklavenmädchen das Kommando: „Werft alle Eßwaren, die sie in Kisten und Schränken haben, den Hunden zum Fraß vor! Niemand soll hier einen Gewinn haben!“
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Darauf hatten die Sklavenmädchen nur gewartet. Sofort stürzten sie vor und warfen alles durcheinander. Die Küchenfrauen versuchten unter Zureden, sie wegzuziehen. Gleichzeitig wandten sie sich an Sï-tji mit den Worten: „Ihr habt vielleicht falsch verstanden, was Euch das Mädchen berichtet hat. Selbst wenn Schwägerin Liu nicht einen, sondern acht Köpfe hätte, würde sie es nicht wagen, Euch zu kränken. Es stimmt wirklich, daß Eier schwer zu bekommen sind. Aber wir haben ihr eben schon gesagt, daß sie gut und böse nicht zu unterscheiden weiß und daß sie sich überlegen muß, wie sie zu den Dingen kommt, die von ihr verlangt werden. Sie hat ihren Fehler eingesehen und gleich die Eier für Euch aufgestellt. Wenn Ihr es nicht glaubt, seht Euch an, was dort auf dem Feuer steht!“
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Erst dieser Zuspruch der Küchenfrauen konnte Sï-tjis Wut ein wenig lindern, und auch die kleinen Sklavenmädchen ließen sich beiseite schieben, ehe sie alles zerschlagen hatten.
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Schimpfend und scheltend rumorte Sï-tji dann noch einige Zeit, ehe sie sich überreden ließ zu gehen. Klappernd sammelte Frau Liu die Schalen und Teller zusammen und murrte dabei vor sich hin. Als die Eier fertig gedämpft waren, ließ sie sie zu Sï-tji hinübertragen, Sï-tji aber schüttete sie verächtlich auf die Erde. Doch davon wagte die Botin nichts zu sagen, als sie zurückkam, denn sie fürchtete, es würde ein neuer Skandal daraus entstehen.
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Frau Liu gab ihrer Tochter etwas Brühe und eine halbe Schale nüchterne Reissuppe zu essen, dann erzählte sie ihr die Sache mit dem Kokosporlingsschnee. Als Wu-örl alles gehört hatte, wollte sie Fang-guan gern etwas von dem Mittel abgeben, darum wickelte sie die Hälfte davon in ein Stück Papier und machte sich im Schutz der Dämmerung, als nur noch wenige Menschen auf den Beinen waren, auf den Weg zu Fang-guan, wobei sie sich immer im Schatten der Blumen und Weiden hielt. So gelangte sie glücklich bis an das Tor des Hofes der Freude am Roten, ohne von jemandem aufgehalten zu werden, hier aber konnte sie nicht einfach eintreten, und so blieb sie hinter einem Rosenstrauch stehen und hielt Ausschau.
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Nach der Zeit, die man brauchte, um eine Schale Tee zu trinken, kam zufällig Tschun-yän heraus, und sofort trat Wu-örl vor und rief sie an. Zuerst wußte Tschun-yän nicht, wer da war. Erst als sie einander dicht gegenüberstanden, konnte sie es erkennen und fragte: „Was willst du hier?“
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Lächelnd bat Wu-örl: „Ruf Fang-guan heraus, ich muß mit ihr sprechen.“
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Tschun-yän lachte leise, dann sagte sie: „Du bist zu ungeduldig, Schwester. In zehn Tagen etwa wirst du ohnehin hier sein. Warum also kommst du jetzt einfach hergelaufen? Fang-guan ist eben mit einem Auftrag unterwegs, und du müßtest auf sie warten. Sonst aber sag mir, was du ihr sagen wolltest, und ich bestelle es ihr, denn lange wirst du nicht warten können, die Gartentore werden wohl bald geschlossen.“
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Also gab Wu-örl ihr den Porlingsschnee und erklärte ihr, was das sei, wie man es einzunehmen müsse und wie es wirke. Dann sagte sie: „Ich habe ein wenig davon bekommen und möchte ihr etwas abgeben. Sei so lieb und gib es ihr. Das ist alles.“ Dann verabschiedete sie sich und ging. Als sie eben in die Gegend am Knöterichstrand kam, erblickte sie plötzlich Lin Dschï-hsiaus Frau, die ihr mit einigen alten Sklavinnen entgegenkam. Da keine Zeit mehr war, sich zu verstecken, blieb Wu-örl nichts anderes übrig, als vorzutreten und zu grüßen.
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„Ich hatte gehört, du seist krank, warum läufst du dann hier herum?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau.
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Lächelnd erwiderte Wu-örl: „In den letzten Tagen geht es mir etwas besser, und darum hat mich meine Mutter in den Garten mitgenommen, damit ich auf andere Gedanken komme. Eben habe ich im Auftrag meiner Mutter etwas in den Hof der Freude am Roten gebracht.“
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„Das kann doch nicht stimmen“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „gerade erst habe ich deine Mutter getroffen, als sie den Garten verließ, und habe hinter ihr das Tor abgeschlossen. Wenn du in ihrem Auftrag unterwegs wärst, hätte sie mir doch gesagt, daß du hier bist, und wäre nicht einfach hinausgegangen und hätte mich das Tor abschließen lassen. Daran sieht man, daß du lügst.“
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„Den Auftrag hatte mir meine Mutter schon heute früh gegeben, aber ich hatte es vergessen, und erst jetzt war es mir wieder eingefallen. Meine Mutter wird gedacht haben, ich hätte den Garten schon verlassen, und hat Euch deshalb nichts gesagt“, versuchte sich Wu-örl herauszureden.
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Da diese Erklärung unglaubwürdig klang und Wu-örls Gesichtsausdruck unaufrichtig war, wurde Lin Dschï-hsiaus Frau vollends mißtrauisch, zumal Yü-tschuan kürzlich berichtet hatte, es seien Gegenstände aus Dame Wangs Hauptraum verschwunden, und die anderen Sklavenmädchen erklärt hatten, sie wüßten von nichts, so daß der Schuldige noch nicht ermittelt war.
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Zufällig kamen jetzt Tschan-djiä und Liän-hua mit einigen Sklavenfrauen des Weges, und als sie die Situation erkannten, rieten sie Lin Dschï-hsiaus Frau: „Ihr solltet sie genauer verhören! In den letzten Tagen ist sie andauernd hier hereingekommen, und immer so verstohlen, daß man nicht wußte, was man davon halten sollte.“
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„Richtig!“ setzte Tschan-djiä noch hinzu. „Schwester Yü-tschuan hat gesagt, im Nebengebäude des Anwesens der gnädigen Frau habe ein Schrank offengestanden und es fehlten allerhand Sachen daraus, und als die zweite junge gnädige Frau Ping-örl zu Yü-tschuan geschickt hat, um etwas Rosennektar zu holen, fehlte auch davon eine Flasche. Es wäre nicht einmal aufgefallen, wenn sie nicht davon gebraucht hätten.“
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„Das wußte ich gar nicht“, sagte wieder Liän-hua, „eine Flasche mit Rosennektar habe ich heute gesehen.“
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„Wo?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau sofort, die sich in dieser Angelegenheit bisher  nicht zu helfen gewußt hatte und auf Hsi-fëngs Geheiß täglich von Ping-örl gemahnt wurde.
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„Bei ihnen in der Küche“, gab Liän-hua Auskunft.
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Jetzt befahl Lin Dschï-hsiaus Frau, eine Laterne anzuzünden, dann ging sie an der Spitze der Sklavenfrauen los, um selbst nachzusehen.
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Aufgeregt erklärte Wu-örl: „Der Rosennektar ist ein Geschenk von Fang-guan aus den Räumen des jungen Herrn.“
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„Papperlapapp!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „zunächst ist das ein Beweisstück, und ich werde es melden. Vor der Herrschaft kannst du dich verteidigen.“
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Bei diesen Worten betraten sie die Küche, und unter Liän-huas Führung wurde die Flasche mit dem Rosennektar hervorgeholt. Da zu vermuten war, daß noch anderes Diebesgut zum Vorschein kommen würde, wurde eine sorgfältige Durchsuchung vorgenommen, bei der man auf das Päckchen mit dem Kokosporlingsschnee stieß, das ebenfalls mitgenommen wurde. Dann sollte Wu-örl vor Li Wan und Tan-tschun geführt werden, da aber Djia Lan erkrankt war, kümmerte sich Li Wan nicht um Haushaltsangelegenheiten und verwies Lin Dschï-hsiaus Frau an Tan-tschun.
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Tan-tschun war bereits in ihre Räume zurückgekehrt, und die Sklavin, die ihr Meldung machen sollte, fand alle Sklavenmädchen im Hof, wo sie die Kühle genossen, während Tan-tschun sich drinnen wusch. Nur Dai-schu erklärte sich bereit, ihr den Fall vorzutragen, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Das Fräulein hat es zur Kenntnis genommen und gesagt, ihr solltet zu Ping-örl gehen, damit sie es der zweiten jungen gnädigen Frau meldet.“
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So mußte Lin Dschï-hsiaus Frau ihren Trupp wieder hinausführen und zu Hsi-fëngs Räumen hinübergehen, wo sie zuerst Ping-örl suchte. Als Ping-örl hineinging, um Meldung zu machen, hatte Hsi-fëng sich eben zu Bett gelegt. Sie hörte sich die Sache an und befahl: „Die Mutter bekommt vierzig Schläge mit dem Prügel und wird hinausgeworfen. Sie darf nie wieder zum Innentor herein. Wu-örl bekommt ebenfalls vierzig Schläge und wird sofort aufs Dorf geschickt, um dort entweder verkauft oder verheiratet zu werden.“
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Als Ping-örl herauskam und die Entscheidung so, wie sie sie empfangen hatte, an Lin Dschï-hsiaus Frau weitergab, begann Wu-örl vor Angst laut zu weinen. Sie warf sich vor Ping-örl auf die Knie und berichtete ihr in allen Einzelheiten, was sie mit Fang-guan zu tun gehabt hatte.
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„Das ergibt keine Schwierigkeiten“, sagte Ping-örl darauf. „Morgen werden wir Fang-guan fragen, und dann wissen wir, was wahr ist und was gelogen. Aber der Kokosporlingsschnee ist gerade erst gebracht worden, und wir warten ab, bis die alte gnädige Frau und die gnädige Frau ihn gesehen haben, bevor wir ihn anrühren. Davon hättest du nichts nehmen dürfen.“
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Als Wu-örl diesen Vorwurf hörte, erzählte sie rasch, wie sie den Kokosporlingsschnee von ihrem Onkel geschenkt bekommen hatten.
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„Dann wärst du ja vollkommen unschuldig, und man wollte dich nur zum Sündenbock machen“, sagte Ping-örl lächelnd und entschied: „Es ist jetzt schon spät, und die junge gnädige Frau hat eben ihre Medizin eingenommen und sich schlafen gelegt, da können wir sie schlecht wegen so einer Lappalie belästigen. Übergebt also Wu-örl den Nachtwachen, damit sie die Nacht über in Gewahrsam bleibt, morgen früh aber spreche ich noch einmal mit der jungen gnädigen Frau, und dann sehen wir weiter.“
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Lin Dschï-hsiaus Frau wagte nicht zu widersprechen. Sie führte Wu-örl hinaus und übergab sie den Nachtwächtersklavinnen zur Beaufsichtigung, dann ging sie fort. Wu-örl aber befand sich nun in Haft und wagte keinen überflüssigen Schritt zu tun. Hinzu kam noch, daß einige der Sklavenfrauen ihr ins Gewissen redeten, sie hätte so etwas Ehrloses nicht tun dürfen, während andere sich beklagten: „Nachtwache zu halten ist gerade schon schwer genug, und nun müssen wir auch noch eine Diebin bewachen. Wenn sie sich unbemerkt das Leben nimmt oder ausrückt, wird man uns die Schuld geben.“
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Es gab aber auch Leute, die mit den Lius verfeindet waren und die sich jetzt höchst zufrieden zeigten und extra kamen, um ihren Spott mit Wu-örl zu treiben.
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Wu-örl war zugleich wütend und beschämt, doch sie konnte sich bei niemandem beklagen. Kränklich und schwächlich, wie sie war, bekam sie doch die Nacht über keinen Schluck Tee und keinen Schluck Wasser, kein Kissen und auch keine Decke. Unentwegt schluchzte sie bis zum Morgen.
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Die Feindinnen von Mutter und Tochter Liu, die nichts sehnlicher wünschten, als die beiden hinausgeworfen zu sehen, und die befürchteten, das Urteil könne noch revidiert werden, standen dann in aller Frühe auf und gingen heimlich zu Ping-örl, um sie für sich zu gewinnen. Sie machten ihr Geschenke, lobten ihre resolute Art und berichteten ihr von vielerlei Verfehlungen, derer sich Frau Liu schuldig gemacht haben sollte.
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Ping-örl sagte zu allem ja, ja und schickte die Frauen fort. Dann begab sie sich in aller Stille zu Hsi-jën hinüber, um sie zu fragen, ob Wu-örl den Rosennektar wirklich von Fang-guan bekommen hatte.
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„Fang-guan hatte ich welchen gegeben“, bestätigte Hsi-jën. „Aber an wen sie ihn weitergegeben hat, weiß ich nicht.“
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Als Hsi-jën sich bei Fang-guan danach erkundigte, bekam diese einen Riesenschreck und beteuerte, sie selbst habe Wu-örl den Rosennektar gebracht. Dann erzählte sie Bau-yü von der Sache, und sofort wurde auch er unruhig und sagte: „Mit dem Rosennektar ist alles klar, aber wenn sie der Sache mit dem Porlingsschnee nachgehen, wird sie natürlich auch darüber wahrheitsgemäß aussagen. Wenn sie dann erfahren, daß ihr Onkel ihn beim Tordienst erhalten hat, ist wieder er bloßgestellt. Stürzen wir ihn da nicht einer Sache wegen ins Unglück, die er nur gut gemeint hat?“
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Sofort beriet er sich mit Ping-örl und sagte: „Das mit dem Rosennektar ist erledigt, aber an der Sache mit dem Porlingsschnee ist etwas faul. Liebste Schwester, sag doch Wu-örl, sie solle angeben, den Porlingsschnee habe sie ebenfalls von Fang-guan bekommen, dann ist auch das abgetan.“
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„Schön und gut“, wandte Ping-örl lächelnd ein, „aber sie hat gestern schon gesagt, daß sie den Porlingsschnee von ihrem Onkel hat. Wie kann sie jetzt sagen, er käme von dir? Außerdem ist nun für den Rosennektar, der drüben verschwunden ist, noch kein Täter gefunden. Glaubst du, sie lassen jemand straffrei ausgehen, bei dem ein Beweisstück gefunden wurde, und suchen jemand anders? Wer wird die Tat jetzt noch gestehen? Und die Leute würden sich auch nicht damit zufriedengeben.“
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Lächelnd trat Tjing-wën näher und sagte: „Den Rosennektar bei der gnädigen Frau hat ganz eindeutig niemand anders als Tsai-yün gestohlen, um ihn dem jungen Herrn Huan zu geben. Wozu also das ganze Gerede?“
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„Wer wüßte nicht, daß es so ist?“ entgegnete Ping-örl lächelnd. „Yü-tschuan heult schon vor lauter Aufregung. Wenn man Tsai-yün in aller Stille fragen könnte und sie es zugeben würde,  dann könnte Yü-tschuan  Ruhe geben, und alle würden mit Stillschweigen darüber hinweggehen. Schließlich haben wir kein Interesse daran, die Sache absichtlich aufzubauschen.
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Das Dumme ist nur, daß Tsai-yün den Diebstahl nicht nur leugnet, sondern auf Yü-tschuan schiebt. Die beiden haben sich so miteinander verzankt, daß das ganze Haus davon weiß, also können wir nicht so tun, als sei nichts gewesen, und müssen die Sache schon untersuchen. Alle wissen, daß diejenige, die den Diebstahl gemeldet hat, selber der Dieb ist, aber wie sollen wir sie beschuldigen, wenn kein Beweisstück da ist?“
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„Laß gut sein!“ sagte Bau-yü. „Ich werde auch das auf mich nehmen. Ich sage, ich wollte ihnen einen Schreck einjagen, und habe den Rosennektar heimlich weggenommen. Dann sind beide Fälle erledigt.“
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„Damit würdest du gewiß im Verborgenen eine gute Tat vollbringen, indem du sie vor dem Vorwurf des Diebstahls schützt“, erklärte Hsi-jën, „aber wenn die gnädige Frau davon erfährt, wird sie wieder sagen, du benähmst dich kindisch und wüßtest nicht, was du tust.“
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„Das ist doch nur eine Kleinigkeit“, warf Ping-örl lächelnd ein. „Es wäre ein leichtes, das Beweisstück in den Räumen von Nebenfrau Dschau zu finden. Ich habe nur Angst, das würde dem Ansehen eines guten Menschen schaden. Alle andern würde es nicht groß kümmern, diese eine aber würde sich wieder aufregen. Mit ihr hatte ich Mitleid, ihretwegen wollte ich nicht ‚nach der Ratte werfen und dabei die Jadevase zerschlagen.‘“
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Bei diesen Worten hatte sie drei Finger in die Luft gestreckt, und Hsi-jën wie auch alle anderen begriffen, sie meinte Tan-tschun, das dritte Fräulein des Hauses. Sofort bestätigten sie: „Du hast recht. Es ist das beste, wir nehmen die Sache auf uns.“
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„Wir müssen aber auch die beiden Übeltäter Tsai-yün und Yü-tschuan herrufen und uns ihrer Zustimmung versichern“, ergänzte Ping-örl lächelnd. „Sonst werden sie entlastet und meinen, nicht dies sei der Grund, sondern meine Unfähigkeit, die Sache aufzuklären, und ich hätte euch nur damit belästigt, um den Fall zu einem Abschluß zu bringen. Dann würden die einen weiter stehlen und die andern weiter den Dingen ihren Lauf lassen.“
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„Völlig richtig!“ stimmten ihr Hsi-jën und die anderen zu. „Dein Stand muß gewahrt bleiben.“
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Nun ließ Ping-örl die beiden rufen und eröffnete ihnen: „Ihr braucht euch nicht länger aufzuregen, die Diebin ist gefunden.“
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„Wo ist sie?“ fragte Yü-tschuan.
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„Jetzt ist sie bei der zweiten jungen gnädigen Frau drüben“, sagte Ping-örl. „Sie gibt alles zu, was man sie fragt. Aber ich weiß genau, daß nicht sie es war, die gestohlen hat. Die Ärmste gesteht alles nur aus Angst. Dem jungen Herrn tut das so leid, daß er die Hälfte der Schuld auf sich nehmen will. Ich könnte die wahre Schuldige nennen, aber es ist eine von uns, die ich gern mag. Dagegen ist mir die Empfängerin der gestohlenen Sachen gleichgültig. Es würde aber außerdem ein guter Mensch um sein Ansehen gebracht werden. Und das ist der Grund, warum ich den jungen Herrn bitten will, die Sache auf sich zu nehmen, damit allen andern der Ärger erspart bleibt.
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Jetzt aber möchte ich von euch wissen, wie ihr dazu steht. Wenn ihr in Zukunft genau wie alle andern umsichtig handeln und auf euer Ansehen bedacht sein wollt, werde ich den jungen Herrn bitten. Wenn nicht, dann mache ich der zweiten jungen gnädigen Frau Meldung, damit nicht ein guter Mensch unschuldig leiden muß.“
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Diese Worte trieben Tsai-yün die Schamröte in die Wangen, und sie sagte: „Sei unbesorgt, Schwester! Kein guter Mensch soll unschuldig leiden, und kein Unbeteiligter soll um sein Ansehen gebracht werden. Nebenfrau Dschau war es, die mich immer wieder gebeten hat zu stehlen, und so habe ich einiges für den jungen Herrn Huan genommen. Das ist die Wahrheit. Auch wenn die gnädige Frau zu Hause war, haben wir von den Sachen genommen, und jeder hat davon verschenkt. Ich hatte geglaubt, nach ein paar Tagen Aufregung würde alles vergessen sein, aber wenn jetzt ein guter Mensch deswegen leiden soll, kann ich das nicht ertragen. Also bring mich zur zweiten jungen gnädigen Frau, und ich werde alles gestehen.“
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Alle waren verwundert über ihren Mut, und Bau-yü sagte lächelnd: „Du bist wirklich ein anständiger Mensch, Schwester Tsai-yün. Aber du brauchst nichts zu gestehen. Ich werde sagen, ich hätte den Rosennektar heimlich genommen, um euch einen Schreck einzujagen, aber nachdem jetzt ein Skandal daraus geworden ist, wolle ich es zugeben. Ich bitte euch nur um das eine – daß ihr nämlich in Zukunft dafür sorgt, daß es weniger Ärger gibt. Das wäre zu unser aller Vorteil.“
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„Warum willst du etwas gestehen, was ich getan habe?“ fragte Tsai-yün. „Ich muß es auf mich nehmen, was immer dabei herauskommt.“
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„So geht das nicht!“ wandten Ping-örl und Hsi-jën rasch ein. „Wenn du es gestehst, bringst du unvermeidlich Nebenfrau Dschau mit ins Spiel, und wenn dann Fräulein Tan-tschun davon erfährt, regt sie sich natürlich auf. Darum ist es das beste, wenn Bau-yü die Sache gesteht und niemand weiter damit zu tun hat. Niemand außer uns weiß etwas davon, es ist eine saubere Lösung. In Zukunft aber müssen unbedingt alle vorsichtiger sein. Wenn ihr etwas nehmen wollt, geduldet euch, bis die gnädige Frau wieder da ist. Dann könnt ihr getrost das ganze Haus verschenken, mit uns hat es nichts zu tun.“
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Tsai-yün senkte den Kopf und dachte ein Weilchen nach, dann stimmte sie zu. Nachdem sie zusammen alles abgesprochen hatten, ging Ping-örl mit Tsai-yün, Yü-tschuan und Fang-guan hinüber, wo die Sklavenfrauen von der Nachtwache saßen, ließ Wu-örl rufen und instruierte sie heimlich, sie solle angeben, auch den Kokosporlingsschnee habe sie von Fang-guan bekommen. Wu-örls Dank fand kein Ende.
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Nun führte Ping-örl sie mit den anderen Mädchen zu ihren eigenen Räumen hinüber, wo sie Lin Dschï-hsiaus Frau erblickte, die mit einigen Sklavinnen zusammen Frau Liu hergebracht hatte und schon lange wartete.
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„Ich habe sie in aller Frühe hergeschafft“, meldete Lin Dschï-hsiaus Frau, „und weil ich Angst hatte, nun sei niemand da, der sich um das Essen für die Fräulein kümmert, habe ich einstweilen Tjin Hsiäns Frau damit beauftragt. Berichtet bitte auch das der jungen gnädigen Frau und sagt ihr, sie sei reinlich und umsichtig und könne diese Arbeit in Zukunft ständig machen.“
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„Und wer ist Tjin Hsiäns Frau?“ fragte Ping-örl. „Ich glaube nicht, daß ich sie kenne.“
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„Sie ist Nachtwächterin am südlichen Nebentor und hat daher am Tage nichts hier zu schaffen, deshalb kennt Ihr sie nicht“, erläuterte Lin Dschï-hsiaus Frau. „Sie hat hohe Backenknochen und große Augen, und sie ist wirklich reinlich und flink.“
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„Ja“, bestätigte Yü-tschuan, „wie konntest du sie vergessen? Sie ist die Tante von Sï-tji, die bei Fräulein Ying-tschun dient. Sï-tjis Eltern sind zwar drüben beim alten gnädigen Herrn, aber ihr Onkel und ihre Tante sind hier bei uns.“
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Jetzt erst fiel Ping-örl ein, um wen es sich handelte, und lächelnd meinte sie: „Ach, das hättest du gleich sagen sollen, dann hätte ich Bescheid gewußt!“ Und lächelnd setzte sie hinzu: „Das war ein bißchen vorschnell gehandelt. Denn der Fall hat sich aufgeklärt. Auch wer die Sachen aus den Räumen der gnädigen Frau genommen hat, wissen wir jetzt. Bau-yü war es, der hinübergegangen war und diese beiden nichtsnutzigen Dinger um etwas gebeten hatte. Um ihn zu ärgern, haben die beiden gesagt, solange die gnädige Frau nicht da sei, wagten sie nichts zu nhehmen. Daraufhin hat Bau-yü einen unbeobachteten Augenblick abgepaßt, ist selber hineingegangen und hat einiges weggenommen. Weil die beiden nichts davon wußten, haben sie einen Riesenschreck bekommen.
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Nachdem Bau-yü jetzt erfahren hat, daß jemand anders verdächtigt wird, hat er mir alles erklärt und die Sachen herausgegeben. Ich habe mich selbst überzeugt, daß nichts fehlt. Den Kokosporlingsschnee hatte Bau-yü von draußen bekommen, und er hat viele Leute damit beschenkt, nicht nur hier im Garten. Selbst die alten Muttchen haben sich welchen erbeten und ihren Verwandten davon gegeben, damit sie ihn einnehmen, aber auch von denen ist etwas davon noch weiterverschenkt worden. Auch Hsi-jën hat Fang-guan und anderen davon gegeben. Daß auch sie ihre privaten Freundschaften haben, ist nichts Außergewöhnliches. Die beiden Korbbehälter aber stehen noch in der Palaverhalle, und die Siegel daran sind unversehrt. Wie kann man also einfach jemand verdächtigen? Jetzt werde ich der jungen gnädigen Frau berichten, und dann sehen wir weiter!“ Damit machte sie kehrt und ging zu Hsi-fëng ins Schlafzimmer, wo sie ihr den Fall mit denselben Worten erklärte.
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„Schön und gut“, sagte Hsi-fëng, „aber Bau-yü hält Recht und Unrecht nicht auseinander und liebt es, sich um alles und jedes zu kümmern. Wenn man ihn um etwas bittet, wird er nach ein paar guten Worten weich, und wenn man ihm schmeichelt, nimmt er jede Schuld auf sich. Wenn wir ihm diesmal glauben, wie wollen wir dann in Zukunft zurechtkommen, wenn es um größere Dinge geht? Darum sollten wir den Fall gründlichst untersuchen!
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Meiner Meinung nach sollten wir alle Mägde aus den Räumen der gnädigen Frau hier herüberholen. Wir können sie zwar nicht gut schlagen, aber wir könnten sie in der Sonne auf Porzellanscherben knien lassen und ihnen nichts zu essen und nichts zu trinken geben, und das den ganzen Tag lang, wenn sie nicht reden. Da müßten sie schon aus Eisen sein, wenn sie nach einem Tag nicht gestehen.
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Und wie man sagt, gehen die Fliegen nicht an ein Ei, wenn es nicht einen Knacks hat.
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Wenn diese Liu auch nichts gestohlen hat, muß doch etwas mit ihr faul sein, sonst hätten die andern sie nicht bezichtigt. Wir müssen sie ja nicht als Diebin behandeln, aber trotzdem sollte sie aus dem Dienst entfernt werden. Das ist keine Schande.“
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„Wozu die Mühe?“ fragte Ping-örl. „Wenn man nachgeben muß, soll man nachgeben. Was ist das schon für eine großartige Affäre, daß Ihr nicht Gnade vor Recht ergehen lassen könnt? Wie sehr Ihr Euch auch ins Zeug legt, Ihr gehört doch nicht hierher, sondern nach drüben. Warum also die Feindschaft der kleinen Leute erwecken und sich ihren Groll zuziehen?
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Zumal Ihr den Sohn, mit dem Ihr nach tausend Schwierigkeiten endlich schwanger wart, nur deshalb im sechsten oder siebenten Monat verloren habt, weil Ihr Euch immer überanstrengt und alles zu schwer genommen habt. Wäre es da nicht besser, sich nur noch um die Hälfte von allem zu kümmern?“
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Lachend sagte Hsi-fëng: „So mach schon, was du willst, kleines Spitzbein! Ich fühle mich eben etwas besser und möchte mich nicht schon wieder ärgern.“
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„Das ist recht!“ sagte Ping-örl strahlend und ging hinaus, um dort ihre Anordnungen zu treffen.
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Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.  
  
Bau-yü kehrte also in seine Räume zurück, um sich die Hände zu waschen. Anschließend sagte er zu Hsi-jën: „Wenn wir heute abend Wein trinken, wollen wir alle vergnügt sein, ohne uns Zwang anzutun! Und sag rechtzeitig Bescheid, was wir essen wollen, damit alles vorbereitet wird!“
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== Anmerkungen ==
„Sei unbesorgt!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Tjing-wën, Schë-yüä, Tjiu-wën und ich haben je fünf Tjiän Silber gespendet, das macht zusammen drei Liang und zwei Tjiän. Dieses Silber ist längst Schwägerin Liu ausgehändigt worden, damit sie vierzig Teller mit Zuspeisen für uns vorbereitet. Außerdem habe ich mit Ping-örl gesprochen, und wir haben einen großen Tonbehälter voll Schau-hsing-Wein0 hergeschafft und hier versteckt. So richten wir dir zu acht den Geburtstag aus.“
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<references/>
Froh über das Gehörte, sagte Bau-yü: „Woher sollen die Mädchen das Geld nehmen? Du hättest nicht von ihnen verlangen dürfen, daß sie etwas geben!“
 
„Haben wir vielleicht Geld und sie nicht?“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das Herz ist es, das zählt. Also laß dir den Freundschaftsbeweis gefallen, selbst wenn das Geld gestohlen ist!“
 
„Da hast du recht!“ pflichtete Bau-yü ihr bei.
 
„Wenn sie dich nicht zweimal am Tag mit frechen Worten zum Narren hält, fehlt dir etwas“, bemerkte Hsi-jën lächelnd.
 
„Du gehörst wohl auch zu denen, die stets das Feuer schüren müssen, wenn sie nur selbst in Sicherheit sind?“ erkundigte sich Tjing-wën.
 
Alle lachten darüber, dann verlangte Bau-yü: „Macht das Hoftor zu!“
 
„Nicht umsonst nennt man dich den emsigen Nichtstuer“, rügte Hsi-jën lächelnd. „Wenn wir jetzt schon das Tor zumachen, wecken wir nur Verdacht. Wir müssen noch ein bißchen warten!“
 
Bau-yü nickte zustimmend und sagte: „Ich muß noch einmal hinaus. Sï-örl geht Wasser schöpfen, und Tschun-yän wird mich begleiten!“ Damit verließ er das Gehöft, und als sie allein waren, erkundigte er sich, wie es mit Wu-örl stehe.
 
„Schwägerin Liu habe ich vorhin Bescheid gesagt, und sie hat sich selbstverständlich sehr gefreut“, berichtete Tschun-yän. „Aber Wu-örl hat sich über die Schmach, die man ihr neulich die Nacht über antat, so aufgeregt, daß sie vor Ärger wieder krank geworden ist, kaum daß sie nach Hause kam. So kann sie natürlich nicht zu uns kommen, und wir müssen uns gedulden, bis sie gesund ist.“
 
Bau-yü seufzte bedauernd, dann fragte er: „Weiß Hsi-jën davon?“
 
„Ich habe ihr nichts gesagt“, antwortete Tschun-yän. „Ob Fang-guan etwas erwähnt hat, weiß ich nicht.“
 
„Ich habe mit ihr noch nicht über Wu-örl gesprochen“, fuhr Bau-yü fort. „Aber egal, ich sage es ihr, und damit basta!“ Mit diesen Worten ging er wieder hinein und wusch sich drinnen demonstrativ die Hände.
 
Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Da hörten sie plötzlich, wie ein ganzer Trupp Leute durchs Hoftor kam, also spähten sie durch die Fenster und erkannten Lin Dschï-hsiaus Frau mit mehreren verantwortlichen Sklavenfrauen, von denen die vorderste eine große Laterne trug.
 
„Sie kommen die Nachtwachen kontrollieren“, sagte Tjing-wën leise und lächelte dabei. „Wenn sie wieder weg sind, können wir zumachen.“
 
Nun sahen sie, wie alle Nachtwächterinnen ihres Gehöfts hinaustraten, und als Lin Dschï-hsiaus Frau sich überzeugt hatte, daß keine fehlte, mahnte sie: „Spielt keine Glücksspiele, trinkt keinen Wein, und daß ihr mir nicht einfach in den hellen Tag hinein schlaft! Kommt mir so etwas zu Ohren, dann kenne ich kein Erbarmen!“
 
„Wer würde wohl wagen, so dreist zu sein!“ erwiderten die Nachtwächterinnen lächelnd.
 
„Hat der junge Herr sich schlafen gelegt?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau dann. Aber alle sagten, sie wüßten das nicht.
 
Rasch gab Hsi-jën Bau-yü einen Stoß, so daß er in seine Schuhe schlüpfte und hinaustrat, um Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd zu antworten: „Ich schlafe noch nicht. Kommt nur herein und ruht Euch einen Augenblick aus!“ Und er befahl Hsi-jën, sie solle Tee eingießen.
 
Sofort trat Lin Dschï-hsiaus Frau ins Haus und sagte lächelnd: „Ihr schlaft noch nicht? Die Tage sind jetzt lang und die Nächte kurz, da müßt Ihr früh schlafen gehen, damit Ihr auch früh aufstehen könnt. Wenn Ihr spät aufsteht, werden die Leute Euch auslachen und sagen, das ist kein junger Herr, der die Bücher studiert, sondern ein Lastträger.“
 
„Ihr habt ganz recht“, stimmte Bau-yü ihr eilfertig zu und lächelte dabei ebenfalls. „Sonst bin ich auch jeden Tag früh schlafen gegangen und habe es gar nicht gemerkt, wenn Ihr kamt. Aber heute, nach dem Nudelessen, fürchtete ich, eine Verstopfung zu bekommen, darum bin ich etwas länger aufgeblieben.“
 
„Da müßt ihr Pu-örl-Tee0 aufbrühen!“ wandte sich Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd an Hsi-jën und die übrigen Sklavenmädchen.
 
„Wir haben schon eine Kanne Tee aus Wu-tung-Blättern0 gebrüht, und der junge Herr hat zwei Schälchen davon getrunken“, berichteten Hsi-jën und Tjing-wën sofort. „Probiert auch Ihr davon, Tante! Es ist noch welcher da.“ Und schon goß Tjing-wën eine Schale voll ein.
 
„In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, daß der junge Herr seine Ausdrucksweise verändert hat und auch die größeren von euch einfach beim Namen nennt“, nahm Lin Dschï-hsiaus Frau wieder lächelnd das Wort. „Obwohl ihr in seinen Räumen dient, gehört ihr doch zum Gefolge der alten gnädigen Frau, darum müßte er schon respektvoller sein. Wenn er sich nur gelegentlich einmal im Ausdruck vergreift, mag das noch angehen, aber wenn er euch ständig so anredet, werden seine Vettern und Neffen es ihm nachmachen und damit den Spott der Leute herausfordern, die sagen werden, in dieser Familie habe man keinen Respekt vor den Älteren.“
 
Wieder pflichtete Bau-yü ihr bei: „Ihr habt ganz recht, aber es geschieht wirklich nur gelegentlich.“
 
Auch Hsi-jën und Tjing-wën versicherten lächelnd: „Deswegen dürft Ihr dem jungen Herrn keinen Vorwurf machen. Er redet uns bis heute noch brav als ältere Schwestern an, nur im Scherz gebraucht er manchmal unsere Namen. Aber wenn jemand dabei ist, redet er uns nicht anders an als bisher.“
 
„So ist es recht, so benimmt sich jemand, der die Schriften studiert und mit den Riten vertraut ist“, lobte Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd. „Je zuvorkommender man ist, desto mehr wird man geachtet. Nicht nur Leute, die eigentlich in die Räume der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau gehören und deren Familien schon seit drei oder fünf Generationen hier dienen, darf man nicht leichtfertig kränken, für jedes Kätzchen oder Hündchen von dort gilt dasselbe. Das ist das rechte Benehmen für einen Sohn aus gutem Hause, der Erziehung genossen hat.“ Damit trank sie ihren Tee, dann verabschiedete sie sich: „Ich wünsche angenehme Ruhe! Wir gehen.“
 
Bau-yü forderte sie zwar noch zum Bleiben auf, aber schon ging sie an der Spitze ihres Gefolges hinaus, um auch noch die anderen Plätze zu kontrollieren.
 
Rasch ließ jetzt Tjing-wën das Tor schließen, dann kam sie wieder herein und sagte lächelnd: „Die Frau muß irgendwo einen Schluck getrunken haben, daß sie uns hier die Ohren vollsabbelt und uns dabei noch Vorwürfe macht.“
 
„Aber sie meint es doch nur gut“, versuchte Schë-yüä lächelnd zu beschwichtigen. „Sie muß uns schon immer wieder ermahnen, damit wir nicht völlig außer Rand und Band geraten.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um sich um den Wein und die Zukost zu kümmern.
 
„Wir wollen uns nicht an den hohen Tisch setzen!“ schlug Hsi-jën vor. „Wir stellen den niedrigen runden Palisandertisch auf das Ofenbett und setzen uns alle herum! So haben wir es bequem und sind nicht eingeengt.“
 
Der Tisch wurde geholt, und dann begannen Schë-yüä und Sï-örl, die Zukost hereinzutragen. Mit zwei großen Servierbrettern mußten sie vier oder fünf Mal hin- und hergehen, ehe alles herbeigeschafft war. Im Vorraum kauerten zwei alte Sklavenfrauen am Kohlebecken und wärmten den Wein.
 
„Bei dem heißen Wetter sollten wir alle die Überkleider ablegen“, sagte Bau-yü.
 
„Zieh dich nur aus, wenn dir danach ist“, sagten die Mädchen. „Wir dagegen müssen erst noch den Vorschriften der Etikette Genüge tun.“
 
„Eure Etikette wird bis in die fünfte Nachtwache dauern, wenn ihr erst einmal damit anfangt“, sagte Bau-yü. „Was ich am meisten fürchte, sind diese profanen Förmlichkeiten. In Anwesenheit von Fremden kommt man freilich nicht drum herum, aber wenn ihr jetzt auch mich noch damit ärgern wollt, ist das nicht schön.“
 
„Ganz wie du willst!“ sagten alle, und anstatt sich hinzusetzen, gingen sie ihren Schmuck und einen Teil ihrer Kleider ablegen. Bald darauf trugen sie statt des normalen Kopfputzes nur einfache Haarknoten und waren nur mit langen Röcken und halblangen Jacken bekleidet. Bau-yü hatte nur noch eine kurze dunkelrote Baumwolljacke und eine einfach gefütterte Hose aus schwarzbedruckter grüner Seide an, deren Beine er nicht zugeschnürt hatte. Er stützte sich auf ein neues jadefarbenes Baumwollkissen, das mit Blütenblättern von Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fang-guan Fingerknobeln.
 
Auch Fang-guan hatte über die Hitze gestöhnt und trug jetzt nur noch eine dünn gefütterte kurze Jacke, die aus quadratischen Seidenstücken in dreierlei Farben – Jade, schwärzlich und braunrot – zusammengesetzt war, eine weidengrüne Leibbinde und eine dünn gefütterte rosa Hose mit Streublumenmuster, deren Beine sie ebenfalls nicht verschnürt hatte.
 
Ihr Haar war zu einem Kranz dünner Zöpfchen geflochten, die auf dem Scheitel zu einem einzigen starken Zopf zusammenliefen, der so dick war wie ein Gänseei und am Hinterkopf herunterbaumelte. Im rechten Ohrläppchen trug sie nur einen Jadestöpsel, der nicht größer war als ein Reiskorn, am linken Ohr dagegen ein Gehänge mit einem goldgefaßten roten Stein, so groß wie eine Gingkonuß. Dadurch schien ihr Gesicht noch reiner als der Vollmond, und ihre Augen wirkten klarer als Herbstwasser.
 
Lachend bemerkten die anderen: „Wie Zwillingsbrüder sehen die beiden aus.“
 
„Wartet noch mit dem Fingerknobeln!“ bat Hsi-jën, die inzwischen Wein eingegossen hatte. „Wenn wir schon auf die Etikette verzichten, muß dafür jeder einen Schluck aus dem Becher trinken, den ich ihm reiche.“ Damit hob sie ihren Becher an die Lippen und nahm einen Schluck. Dann ließ sie der Rangfolge nach einen nach dem anderen trinken, und danach erst setzten sie sich rund um den Tisch auf das Ofenbett. Nur Tschun-yän und Sï-örl, die dort keinen Platz fanden, stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Die vierzig Teller mit der Zukost zum Wein waren einheitlich aus imitiertem weißen Ding-dschou-Porzellan0 und nicht größer als kleine Teeteller. Sie enthielten alles erdenkliche Naschwerk aus sämtlichen Gegenden des Landes sowie aus dem Ausland, frisch und getrocknet, Produkte des Festlands ebenso wie solche aus dem Wasser.
 
„Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ verlangte Bau-yü.
 
„Es muß aber etwas Gesittetes sein“, mahnte Hsi-jën. „Wenn wir dabei schreien und lärmen, wird man uns hören. Außerdem können wir nicht schreiben und lesen, darum darf es nichts Literarisches sein.“
 
„Dann wollen wir würfeln!“ schlug Schë-yüä vor.
 
„Das ist zu langweilig“, widersprach Bau-yü, „wir wollen lieber Blumenlotto spielen!“
 
„Au ja“, unterstützte ihn Tjing-wën, „das wollte ich schon immer einmal spielen.“
 
„Das Spiel ist zwar gut, aber wenn wir nur so ein paar Leute sind, macht es keinen Spaß“, gab Hsi-jën zu bedenken.
 
„Ich finde, wir sollten in aller Stille noch Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin einladen. Wenn sie bis zur zweiten Nachtwache mit uns spielen, kommen sie noch immer früh genug ins Bett“, schlug Tschun-yän lächelnd vor.
 
„Da müssen wir ja noch einmal unser Hoftor aufmachen, und dort müssen wir am Tor rufen“, wandte Hsi-jën ein. „Was ist, wenn wir auf die Wächterinnen stoßen?“
 
„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Auch meine Schwester Tan-tschun trinkt gern Wein, wir sollten sie ebenfalls holen, genauso Fräulein Bau-tjin.“
 
„Fräulein Bau-tjin nicht“, protestierten die anderen, „sie wohnt bei der älteren jungen Herrin, da gibt es ein großes Hin und Her.“
 
„Was macht das schon! Beeilt euch und holt sie her!“sagte Bau-yü.
 
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, gingen Tschun-yän und Sï-örl hinaus und ließen sich das Tor öffnen. Dann trennten sich ihre Wege.
 
„Wenn diese beiden die Einladung überbringen, werden Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin wohl nicht kommen“, orakelten Tjing-wën, Schë-yüä und Hsi-jën. „Da müssen wir schon gehen und sie auf Gedeih und Verderb herschleppen!“ Und rasch befahlen Hsi-jën und Tjing-wën einer alten Sklavin, eine Laterne anzuzünden, dann machten auch sie sich auf den Weg.
 
Tatsächlich sagte Bau-tschai, es sei schon zu spät, während Dai-yü sich auf ihre schwache Gesundheit berief. Aber die beiden ließen nicht locker und baten immer wieder: „So gönnt uns doch ein wenig Ehre! Setzt Euch ein Weilchen zu uns, und dann geht Ihr wieder!“
 
Tan-tschun dagegen freute sich, als ihr die Einladung überbracht wurde, doch sie sagte sich, es wäre nicht schön, wenn man Li Wan nicht einladen würde und sie es vielleicht zu erfahren bekäme. Deshalb befahl sie Tsuee-mo, sie solle mit Tschun-yän zu ihr gehen, und vereint baten die beiden dann Li Wan und Bau-tjin ein um das andere Mal, die Gesellschaft komplett zu machen.
 
Schließlich trafen alle nacheinander im Hof der Freude am Roten ein. Selbst Hsiang-ling wurde von Hsi-jën herbeigeschafft. Jetzt mußte noch ein zweiter Tisch aufs Ofenbett gestellt werden, ehe jeder einen Platz fand.
 
„Kusine Lin friert leicht, sie soll sich lieber hier an die hölzerne Trennwand setzen!“ empfahl Bau-yü und schob ein Rückenpolster für sie zurecht. Hsi-jën und die anderen Sklavenmädchen stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett.
 
Dai-yü lehnte sich weit vom Tisch entfernt an ihr Polster, lächelte Bau-tschai, Li Wan und Tan-tschun zu und sagte: „Ihr haltet den Leuten stets vor, daß sie sich nachts heimlich treffen, um Wein zu trinken und Glücksspiele zu spielen. Jetzt aber treiben wir genau dasselbe. Da könnt ihr in Zukunft niemand mehr einen Vorwurf machen.“
 
Lächelnd erwiderte Li Wan: „Was sollte uns daran hindern? Wenn man nicht jede Nacht so zusammenkommt, sondern immer nur zu Geburts- und Feiertagen, dann ist auch nichts zu befürchten.“
 
Inzwischen brachte Tjing-wën schon den mit Schnitzereien verzierten Bambuszylinder, der die elfenbeinernen Spielsteine für das Blumenlotto enthielt. Nachdem sie den Behälter geschüttelt hatte, stellte sie ihn mitten auf das Ofenbett. Dann holte sie noch Würfel, tat sie in ein Kästchen und schüttelte sie. Als sie das Kästchen wieder aufmachte, zeigten sich fünf Augen. Sie zählte ab, und die Fünfte in der Tischrunde war Bau-tschai, die nun lächelnd sagte: „Ich ziehe als Erste, ich bin gespannt, was es ist!“ Damit schüttelte sie den Bambuszylinder, griff hinein und holte einen Spielstein heraus.
 
Alle schauten ihn sich an und sahen, daß eine Päonienblüte darauf gemalt war. Darunter stand „Durch üppige Schönheit die Erste unter den Blumen.“ Und in kleineren Schriftzeichen war eine Zeile aus einem Tang-Gedicht eingekerbt:
 
„Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“0
 
Die Anweisung lautete: „Jeder leert seinen Becher. Da dies die Königin der Blumen ist, kann sie nach Belieben jemanden bestimmen, der ein Lied oder ein Gedicht vortragen muß, um die Stimmung zu heben.“
 
Als das verlesen war, hieß es: „Wie sich das trifft! Eine Päonienblüte paßt am besten zu dir.“ Und damit tranken sie ihr zu. Nachdem auch Bau-tschai getrunken hatte, ordnete sie lächelnd an: „Fang-guan soll uns ein Lied singen!“
 
„Gut, aber zuvor muß jeder noch einen Becher trinken, damit er besser zuhören kann“, verlangte Fang-guan. Als alle getrunken hatten, begann sie:
 
„Welch schöner Platz, den Geburtstag zu feiern...“
 
„Halt!“ riefen alle dazwischen. „Du mußt ihm nicht noch einmal gratulieren, sing uns das schönste Lied, das du kennst!“
 
So blieb Fang-guan keine andere Wahl, und mit feiner Stimme sang sie:
 
„Mit einem Besen aus Phönixfedern0
 
feg ich Blüten vor der Heiligen Tor.
 
Schau nur, Jadestaub wirbelt im Winde.
 
Doch selbst die Abendwolken, die hohen,
 
steigen zu unserer Schwelle nicht auf.
 
Sei auf der Hut vor dem Gelben Drachen,
 
kehr auch nicht ein bei dem gastfreien Wirt,
 
denk nur stets an die himmlischen Fluren!
 
Ach, Dung-bin!
 
Nicht für ewig am Tor möchte ich stehen,
 
mich zu vertreten, bring jemand herbei!“
 
Während Bau-yü auf den Gesang hörte und Fang-guan ansah, hielt er den Spielstein in der Hand und wiederholte still für sich die Zeile „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“ Dann aber nahm ihm Hsiang-yün den Stein weg und warf ihn Bau-tschai zu, die mit den Würfeln sechzehn Augen erzielte und beim Abzählen auf Tan-tschun kam.
 
„Was werde ich wohl bekommen?“ sagte Tan-tschun lächelnd, griff in den Bambuszylinder und nahm einen Spielstein heraus. Aber kaum hatte sie ihn angesehen, warf sie ihn errötend auf den Boden und sagte lächelnd: „Das taugt nichts! Wozu spielen wir überhaupt dieses Spiel? Das könnnen die Männer draußen spielen, es steht lauter Unsinn darauf.“
 
Niemand verstand, was sie meinte, bis Hsi-jën den Spielstein rasch aufhob und alle sahen, daß ein Zweig Aprikosenblüten darauf abgebildet war, unter dem in roten Schriftzeichen geschrieben stand „Götterblüten vom himmlischen Jadeteich.“0 Die Gedichtzeile war:
 
„Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten.“0
 
Die Anweisung aber besagte: „Wer diesen Stein zieht, bekommt einen vornehmen Mann. Alle trinken ihr zu, um sie zu beglückwünschen, dann trinken alle zusammen einen weiteren Becher.“
 
„Das war alles?“ fragten die anderen lachend. „Aber es ist doch ein Spiel für Mädchen, und wenn auch zwei, drei Steine wie dieser dabei sind, ist doch nichts Anstößiges daran. Es gibt also keinen Hinderungsgrund. Eine kaiserliche Nebenfrau haben wir schon in der Familie, wirst du vielleicht die nächste sein? Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!“
 
Alle tranken ihr zu, Tan-tschun aber wollte nicht mithalten, und so mußten ihr Hsiang-yün, Hsiang-ling und Li Wan den Wein mit Gewalt einflößen. Tan-tschun verlangte nach wie vor, das Spiel aufzugeben und ein anderes zu spielen, aber damit waren die übrigen durchaus nicht einverstanden. Deshalb griff Hsiang-yün nach Tan-tschuns Hand und zwang sie, die Würfel zu schütteln. Das Ergebnis waren neunzehn Augen, und das bedeutete, daß diesmal Li Wan an der Reihe war.
 
Li Wan schüttelte also den Bambuszylinder und holte einen Spielstein heraus. Sie warf einen Blick darauf, dann sagte sie strahlend: „Ausgezeichnet! Schaut euch das nur an, das Ding ist gar nicht so verkehrt!“
 
Alle sahen sich den Spielstein an und fanden darauf den blühenden Ast eines alten Pflaumbaums und das Motto „Kalte Pracht am frostigen Morgen.“ Die Gedichtzeile hieß:
 
„Strohhütte und Bambuszaun sind all ihr Begehren.“0
 
Die Anweisung verlangte: „Allein einen Becher trinken, die nächste muß würfeln.“
 
„Das ist gut so“, sagte Li Wan lächelnd. „Würfelt ihr nur, was ihr wollt, während ich in Ruhe meinen Wein trinke!“ Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Becher, während sie das Kästchen mit den Würfeln an Dai-yü weiterreichte. Dai-yü warf achtzehn Augen, was ergab, daß Hsiang-yün an die Reihe kam.
 
Hsiang-yün schlug ihren Ärmel zurück, faßte in den Bambuszylinder und griff einen Spielstein heraus. Alle sahen ihn sich an und erblickten darauf einen blühenden Zierapfelzweig mit der Inschrift „Tief versunken in duftigen Schlaf.“ Die Gedichtzeile lautete:
 
„Spät ist die Nacht, die Blüten schlafen wohl schon.“0
 
„Statt ‚spät ist die Nacht‘ sollte es besser heißen ‚kalt ist der Stein‘“, sagte Dai-yü lächelnd. Alle begriffen, daß sie darauf anspielte, wie Hsiang-yün am Tage betrunken eingeschlafen war, und lachten.
 
Hsiang-yün aber lachte ebenfalls, wies auf das mechanische Bootsmodell und sagte zu Dai-yü: „Du steig in das Boot und fahr nach Hause, anstatt Unsinn zu schwatzen!“
 
Auch darüber lachten die anderen nicht weniger. Dann lasen sie die Anweisung auf dem Spielstein: „Da es heißt, sie sei tief versunken in duftigen Schlaf, kann diejenige, die diesen Stein gezogen hat, nicht gut trinken. Statt dessen trinken die Nachbarn zur Rechten und Linken.“
 
„Buddha Amitabha, das ist ein guter Stein!“ sagte Hsiang-yün und klatschte vor Freude in die Hände. Ihre Nachbarn waren niemand anders als Dai-yü und Bau-yü. Man füllte ihnen die Becher, und sie mußten trinken. Bau-yü leerte seinen Becher jedoch nur zur Hälfte, dann reichte er ihn in einem unbeobachteten Augenblick Fang-guan, die ihn in einem Zug austrank. Dai-yü dagegen entleerte ihren Wein, während sie angeregt plauderte, in eine Mundspülschale.
 
Als Hsiang-yün nun würfelte, warf sie neun Augen, und dadurch mußte als nächste Schë-yüä einen Spielstein ziehen. Als sie ihn in der Hand hielt und alle darauf schauten, sahen sie einen blühenden Rosenzweig und die Inschrift „Schönheit in höchster Vollendung.“ Die Gedichtzeile lautete:
 
„Die Rosenblüte bringt der Frühlingsblumen Ende.“0
 
Die Anweisung verlangte: „Jeder Anwesende trinkt drei Becher, um den Frühling zu verabschieden.“
 
„Wie ist das zu verstehen?“ fragte Schë-yüä. Aber mit schmerzlich verzogenen Brauen verbarg Bau-yü den Spielstein und sagte nur: „Also trinken wir!“
 
Jeder trank drei Schlucke, um die geforderten drei Becher anzudeuten, dann würfelte Schë-yüä neunzehn Augen, und ausgezählt wurde Hsiang-ling.
 
Hsiang-ling zog das Bild einer Doppelblüte an einem Stengel und das Motto „Gemeinsamer Frühling, glückliches Omen.“ Die Gedichtzeile dazu hieß:
 
„Gemeinsamem Zweig sind die Blüten entsprossen.“0
 
Die Anweisung besagte: „Von allen beglückwünscht, muß diejenige, die den Stein gezogen hat, drei Becher trinken, alle anderen trinken zur Gesellschaft einen Becher mit.“
 
Dann würfelte Hsiang-ling sechs Augen, und Dai-yü war an der Reihe. „Wird noch ein guter Stein für mich darunter sein?“ fragte sie sich im stillen, und mit diesem Gedanken faßte sie in den Bambuszylinder, griff einen Spielstein heraus und entdeckte darauf eine Hibiskusblüte mit dem Motto „Stummer Gram in Wind und Tau.“ Die zugehörige Gedichtzeile war:
 
„Groll nicht dem Ostwind, beklag nur dich selbst.“0
 
Die Anweisung schrieb vor: „Den eigenen Becher leeren, die Päonienblüte trinkt zur Gesellschaft mit.“
 
„Das paßt bestens!“ sagten alle mit lächelnder Miene. „Wer sonst entspräche der Hibiskusblüte?!“ Auch Dai-yü selbst lächelte froh und trank ihren Wein. Dann würfelte sie, und durch die zwanzig Augen, die sie warf, kam die Reihe diesmal an Hsi-jën.
 
Hsi-jën zog einen Spielstein, und er zeigte einen blühenden Pfirsichzweig, dazu das Motto „Wu-ling – eine andere Welt.“0 Als Gedichtzeile stand da:
 
„Pfirsichblüten bringen eines neuen Jahres Lenz.“0
 
Die Anweisung bestimmte: „Die Aprikosenblüte trinkt einen Becher zur Gesellschaft mit, desgleichen, wer von den Anwesenden im selben Jahr geboren ist, wer am selben Tag geboren ist und wer denselben Familiennamen trägt.“
 
„Jetzt wird es lebhaft und interessant“, sagten die anderen lächelnd. Dann stellten sie fest, daß Hsiang-ling, Tjing-wën und Bau-tschai im selben Jahr wie Hsi-jën geboren waren und Dai-yü am selben Tag, nur jemand mit demselben Familiennamen fanden sie nicht, bis Fang-guan erklärte: „Mein Familienname ist Hua, ich muß mittrinken.“
 
Als frischer Wein eingegossen war, wandte sich Dai-yü an Tan-tschun und forderte sie lächelnd auf: „Trink, Aprikosenblüte, wie es die Anweisung verlangt, du Braut eines vornehmen Mannes, damit auch wir trinken können!“
 
„Sei nicht so frech!“ wehrte Tan-tschun sich lächelnd. „Gib ihr eins auf den Mund, Schwägerin!“
 
„Sie bekommt schon keinen vornehmen Mann, und da soll ich sie noch schlagen? Das bringe ich nicht fertig“, sträubte Li Wan sich lächelnd und rief damit eine neue Lachsalve hervor.
 
Eben wollte nun Hsi-jën würfeln, da hörten sie, daß am Tor jemand rief. Als die alten Sklavinnen rasch hinausgingen, um nachzufragen, erwies sich, daß Tante Hsüä eine Botin geschickt hatte, um Dai-yü abzuholen.
 
„Wie spät ist es denn?“ fragten nun alle, und jemand gab Auskunft: „Die zweite Nachtwache ist vorüber, die Uhr hat elf geschlagen.“ Bau-yü wollte es nicht glauben und ließ sich seine Taschenuhr reichen, aber als er darauf schaute, wiesen die Zeiger schon auf zehn Minuten nach elf.
 
„Ich kann auch nicht mehr“, erklärte Dai-yü und stand auf. „Wenn ich zu Hause bin, muß ich noch meine Medizin einnehmen.“
 
Während die meisten anderen nun ebenfalls sagten, es sei Zeit auseinanderzugehen, verlangten Hsi-jën und Bau-yü, sie sollten noch bleiben. Aber Li Wan und Bau-tschai erklärten: „Es ist schon gar zu spät, schon jetzt haben wir die üblichen Regeln durchbrochen.“
 
„Dann muß jede noch einen Becher zum Abschied trinken!“ forderte Hsi-jën. Und schon goß Tjing-wën noch einmal ein. Alle tranken, dann befahlen sie, die Laternen anzuzünden, und Hsi-jën begleitete die Gäste bis über das Wasser am Duftgetränkten Pavillon.
 
Als sie zurückkam, ließ sie das Hoftor wieder verschließen, dann nahmen sie noch einmal das Trinkspiel auf. Zugleich füllte Hsi-jën einige große Becher mit Wein und stellte ein paar Teller mit Naschwerk zusammen, damit auch die alten Sklavenfrauen ihren Anteil bekamen.
 
Schon zu drei Zehnteln betrunken, machten sie sich sodann ans Faustraten0 und ließen jeden Verlierer ein Liedchen singen. Da die alten Frauen aber nicht nur tranken, was man ihnen gegeben hatte, sondern sich auch heimlich selbst versorgten, war der große tönerne Weinbehälter in der vierten Nachtwache leer. Alle waren zwar darüber verwundert, aber sie räumten auf, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und gingen schlafen.
 
Fang-guan hatte so viel getrunken, daß ihre Wangen glühten wie rot geschminkt, auch der Ausdruck ihrer Augen hatte an Liebreiz beträchtlich gewonnen. Unfähig, sich noch länger aufrecht zu halten, lehnte sie sich im Einschlafen an Hsi-jën und klagte nur noch: „Schwester, mein Herz klopft so wild!“
 
„Warum mußtest du auch so viel trinken, bis nichts mehr hineinging!“ sagte Hsi-jën und lächelte.
 
Auch für Tschun-yän und Sï-örl war es zuviel gewesen war, so daß sie an Ort und Stelle vom Schlaf übermannt worden waren. Tjing-wën versuchte, sie wachzurufen, aber Bau-yü redete ihr zu: „Laß sie doch! Wir schlafen ein bißchen, so gut es eben geht!“ Damit legte er seinen Kopf auf das Kissen mit den Blütenblättern und streckte sich aus, und schon war auch er eingeschlafen.
 
Hsi-jën hatte Angst, Fang-guan werde sich übergeben müssen, wenn man sie weckte, darum stand sie vorsichtig auf, bettete Fang-guan neben Bau-yü und ließ sie schlafen. Sie selbst ließ sich gegenüber auf die Ruhebank sinken. Dann schliefen alle in süßer Betäubung, ohne zu merken, was weiter geschah.
 
Als Hsi-jën am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah sie, daß es schon heller Tag war. „Ist das aber spät!“ rief sie aus. Als sie nach dem Ofenbett blickte, lag Fang-guan mit dem Kopf dicht am Bettrand und schlief offenbar noch. Rasch stand Hsi-jën auf und rief sie an.
 
Bau-yü, der ebenfalls wach wurde, drehte sich auf die andere Seite und fragte lächelnd: „So spät ist es schon?“ Dann stieß er Fang-guan an, damit sie aufstand.
 
Fang-guan setzte sich im Bett auf und rieb sich verwundert die Augen. „Schämst du dich nicht?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „So betrunken warst du, daß du dich einfach schlafen gelegt hast, ohne zu wissen, wo du bist.“
 
Jetzt erst sah Fang-guan sich um und entdeckte, daß sie mit Bau-yü auf demselben Bett geschlafen hatte. Lachend sprang sie auf den Boden und fragte: „Warum habe ich davon nichts gewußt?“
 
„Ich habe es auch nicht gewußt, sonst hätte ich dir das Gesicht mit schwarzer Tusche bemalt“, sagte Bau-yü lächelnd.
 
Bei diesen Worten kamen die anderen Sklavenmädchen herein, um Bau-yü beim Waschen und Frisieren aufzuwarten. „Gestern bin ich euch zur Last gefallen, heute lade ich euch meinerseits ein“, sagte Bau-yü fröhlich.
 
„Laß gut sein!“ wehrte Hsi-jën lächelnd ab, „wir können uns heute nicht noch einmal so aufführen, sonst gibt es Gerede.“
 
„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Was sind schon zwei Mal? Aber wir müssen ganz schön trinken können, daß wir diesen Behälter leer gemacht haben. Schade nur, daß der Wein alle war, als es eben am schönsten war!“
 
„So war es genau richtig“, widersprach Hsi-jën lächelnd. „Wäre uns nicht auf dem Höhepunkt der Wein ausgegangen, wäre der Nachgeschmack heute ein anderer. Aber gestern waren alle so schön in Stimmung, selbst Tjing-wën hatte ihre Scheu überwunden. Ich kann mich erinnern, daß sie gesungen hat.“
 
„Und daß du selbst gesungen hast, hast du wohl vergessen, Schwester?“ fragte Sï-örl lächelnd. „Jeder am Tisch hat gesungen.“
 
Errötend schlugen alle die Hände vors Gesicht und lachten ohne Ende, bis plötzlich Ping-örl in den Raum trat und gutgelaunt sagte: „Ich bin extra gekommen, um allen, die gestern dabei waren, für heute eine Gegeneinladung auszusprechen. Es darf keiner fehlen.“
 
Rasch bot man ihr einen Platz an und goß ihr Tee ein.
 
„Schade, daß sie gestern nacht nicht mit von der Partie gewesen ist“, bedauerte Tjing-wën.
 
„Was habt ihr denn getrieben?“ erkundigte Ping-örl sich sofort.
 
„Das können wir dir nicht erzählen“, nahm Hsi-jën das Wort, „aber es ist hoch hergegangen. Selbst die Feste, die die alte gnädige Frau und die gnädige Frau für uns alle gegeben haben, waren nichts gegen gestern nacht. Den ganzen Weinbehälter haben wir leer gemacht. Alle haben wir so getrunken, daß wir keine Hemmungen mehr hatten, und ehe man sich‘s versah, haben wir alle gesungen. Erst in der vierten Nachtwache haben wir uns endlich hingelegt, wie es gerade kam, und ein bißchen geschlafen.“
 
Lächelnd beschwerte sich Ping-örl: „Erst laßt ihr euch einfach den Wein von mir geben und ladet mich nicht einmal ein, und dann erzählt ihr mir noch, wie schön es war, um mich zu ärgern!“
 
„Heute gibt er uns ein Fest, bestimmt wirst du auch eingeladen. Wart es nur ab!“ tröstete Tjing-wën.
 
„Wer ist ‚er‘? Zu wem sagst du ‚er‘?“ fragte Ping-örl lächelnd.
 
Ebenfalls lächelnd, gab Tjing-wën ihr einen Klaps und sagte: „Mußt du so scharfe Ohren haben und alles so genau verstehen?“
 
„Ich habe noch etwas zu tun und muß jetzt gehen, deshalb kann ich mich vorerst nicht weiter mit dir befassen“, sagte Ping-örl. „Nachher schicke ich jemand, um euch zu holen. Und wenn auch nur eine fehlt, komme ich selbst und schlage euch die Tür ein.“
 
Bau-yü machte noch Anstalten, Ping-örl zurückzuhalten, aber schon war sie gegangen. Also frisierte und wusch er sich und trank dann Tee. Dabei fiel sein Blick auf ein Blatt Papier, das unter seinem Tuschereibstein klemmte. „Es ist nicht schön von euch, alle möglichen Zettel hier abzulegen“, tadelte er.
 
„Was ist?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“
 
„Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“
 
Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“
 
Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“
 
Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“
 
Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 62 · 63 · 64 · 65 · 66 · 67 · 68 · 69 · 70 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 61

投鼠忌器寶玉瞞贓 / 判冤決獄平兒行權

Um die Ratte zu treffen, ohne das Gefaess zu beschaedigen, vertuscht Baoyu den Diebstahl; Pinger urteilt im Streitfall und ubt ihre Befugnis aus

Um eine Unschuldige zu schonen, vertuscht Bau-yü einen Diebstahl;auf ihre Autorität gestützt, schlichtet Ping-örl einen Rechtsstreit.

„Du kleiner Affe!“ schimpfte Frau Liu lachend. „Hast du nicht einen Onkel mehr, wenn sich deine Tante einen Liebhaber nimmt? Was hast du also zu zweifeln? Muß ich dir erst deine Pißpottdeckelfrisur ausreißen, ehe du das Tor aufmachst und mich einläßt?“ Doch anstatt ihr das Tor zu öffnen, verlangte der Junge lachend: „Wenn du in den Garten gehst, mußt du ein paar Aprikosen für mich stehlen, Tante Liu! Ich warte hier. Und wenn du es vergißt, mache ich dir in Zukunft nicht mehr das Tor auf, wenn du spät in der Nacht Wein oder Öl kaufen gehst. Nicht einmal antworten werde ich dir, und du kannst dir die Kehle ausschreien.“ „Also, du bist verrückt!“ sagte Frau Liu und spuckte aus. „Dieses Jahr ist es nicht mehr wie früher. Alles ist unter die einzelnen Frauen aufgeteilt, und mit keiner von ihnen ist gut auszukommen. Kaum daß man unter einem Baum bloß vorbeigeht, funkeln ihre Augen schon wie bei einem Kampfhahn, und da soll man noch die Früchte anrühren? Als ich gestern unter einem Pflaumbaum vorbeikam, flog mir eine Biene ins Gesicht, und als ich sie wegscheuchen wollte, hat das deine feine Tante gesehen, aber weil sie zu weit weg war und es nicht richtig erkennen konnte, dachte sie, ich pflückte Pflaumen, und gleich fing sie an zu zetern. Noch sei Buddha kein Opfer davon gebracht worden, hat sie gesagt, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien nicht zu Hause und hätten noch nichts davon bekommen, und wenn die Herrschaften ihr Teil hätten, würden auch die andern etwas abbekommen. Sie hat sich aufgeführt, als ob sich jemand vor Gier nach diesen Pflaumen umbringen wollte. Konnte ich ihr darauf mit Freundlichkeiten antworten? Vorhaltungen habe ich ihr gemacht. Aber sag einmal, alle deine Tanten und Anverwandten haben etwas im Garten zugeteilt bekommen, warum fragst du da nicht sie, sondern mich? Das ist ja wie mit der Speicherratte, die von der Krähe Reis borgen geht – die ihn bewacht, hat keinen, und die fliegt, soll welchen haben.“ „O weh, o weh!“ sagte der Sklavenjunge lachend. „Wenn du keine hast, dann eben nicht. Wozu das Geschwätz? Ich sehe schon, du brauchst mich in Zukunft nicht mehr. Aber wenn deine Tochter erst ihre schöne Stellung hat, wird sie uns noch oft genug brauchen, und wenn wir nicht reagieren, was dann?“ „Was phantasierst du da, du kleines Affengespenst?“ fragte Frau Liu lächelnd. „Was für eine schöne Stellung soll meine Tochter haben?“ „Mach mir doch nichts vor, ich weiß es schon längst!“ erwiderte der Sklavenjunge ebenfalls lächelnd. „Meinst du, nur ihr habt eure Beziehungen, und wir nicht? Mein Posten ist zwar hier draußen, aber ich habe drinnen ein paar Schwestern, die auch etwas darstellen, und so bleibt uns nichts verborgen.“ Als er das eben sagte, rief drinnen eine alte Sklavenfrau: „Holt endlich Schwägerin Liu, ihr kleinen Affen! Wenn sie jetzt nicht kommt, ist es zu spät.“ Ohne sich noch weiter um den Sklavenjungen zu kümmern, schob Frau Liu rasch das Tor auf, ging hinein und sagte lächelnd: „Keine Sorge! Hier bin ich.“ In der Küche waren zwar einige ihrer Gefährtinnen anwesend, aber sie hatten nicht gewagt, selbständig etwas zu entscheiden, und gewartet, daß Frau Liu kam, um die Speisen einzuteilen und austragen zu lassen. „Wo ist Wu-örl?“ erkundigte sich Frau Liu. „Sie ist eben in die Teeküche zu den anderen Mädchen gegangen“, lautete die Antwort. Da legte Frau Liu den Kokosporlingsschnee weg und teilte die Speisen für die einzelnen Gartenhäuser ein. Plötzlich aber erschien das kleine Sklavenmädchen Liän-hua aus den Räumen von Ying-tschun mit der Bestellung: „Schwester Sï-tji läßt sagen, sie möchte eine Schüssel ganz zart geschmorte Eier haben.“ „Vornehm, vornehm!“ sagte Frau Liu. „Ich weiß nicht warum, aber Eier sind knapp in diesem Jahr. Nicht einmal für zehn Münzen pro Stück bekommt man sie zu kaufen. Als die Herrschaften gestern Lebensmittelgeschenke an die Verwandtschaft schickten, waren vier oder fünf Einkäufer unterwegs und haben mit Mühe und Not zweitausend Eier zusammengebracht. Woher soll ich also welche nehmen? Sag ihr, sie kann sie ein andermal haben.“ „Als sie neulich Bohnenkäse haben wollte, hast du ihr welchen geschickt, der verdorben war, und ich habe eine Standpauke dafür bekommen“, sagte Liän-hua. „Heute will sie Eier, und es sind keine da. Was sind schon Eier für eine Seltenheit! Ich glaube nicht, daß du keine hast. Muß ich erst selber nachsehen?“ Mit diesen Worten trat sie wirklich näher, klappte die Vorratskiste auf und erblickte darin tatsächlich an die zehn Eier. „Und was ist das?“ fragte sie. „Warum hast du dich so? Was wir essen, hat die Herrschaft uns zugeteilt, und es braucht dir nicht darum leid zu tun. Oder hast vielleicht du diese Eier gelegt, daß niemand sie essen darf?“ Sofort legte Frau Liu ihre Arbeit aus der Hand, trat näher und sagte: „Hör auf, solchen Unsinn zu schwatzen! Deine Mutter legt vielleicht Eier. Die paar sind alles, was ich noch habe. Damit will ich die Speisen garnieren. Aber solange die Fräulein nicht ausdrücklich danach verlangen, hebe ich sie als Notvorrat auf. Wenn ich sie euch mache, und dann kommt eine Bestellung von den Fräulein, habe ich gar nichts Gutes mehr, nicht einmal Eier. Ihr lebt hier sorglos in Hallen und Höfen, wenn ihr trinken wollt, streckt ihr nur die Hand aus, und wenn ihr essen wollt, macht ihr nur den Mund auf, und Eier sind für euch etwas ganz Gewöhnliches. Es gibt Jahre, in denen es nicht einmal mehr Graswurzeln zu kaufen gibt, von Eiern ganz zu schweigen. Darum rate ich euch, ein bißchen bescheidener zu sein bei dem weißen Reis, den fetten Hühnern und den großen Enten, die ihr tagtäglich bekommt. So verwöhnt seid ihr davon, daß ihr euch jeden Tag etwas anderes ausdenkt – mal Eier und Bohnenkäse, dann wieder Mehlklüter und eingelegte Rüben. Ihr versteht euch wirklich auf Abwechslung! Aber ich bin doch nicht für euch da. Wenn aus jedem Haus ein Extragericht verlangt wird, macht das zusammen mehr als zehn. Da kann ich aufhören, für die Herrschaftsfräulein zu kochen, und sorge nur noch für die Fräulein Dienerinnen.“ Rot im Gesicht, rief Liän-hua: „Wer verlangt jeden Tag etwas anderes von dir, daß du hier schwatzen mußt wie ein Wasserfall? Wozu hat man dich hierher geholt, wenn nicht zu unserer Bequemlichkeit? Als neulich Tschun-yän kam und dir sagte, Schwester Tjing-wën wolle Estragongemüse essen, da hast du gleich gefragt, ob sie es mit Schweinefleisch oder mit Hühnerfleisch wolle. Als Tschun-yän sagte, es solle gar nicht mit Fleisch sein, und dir befahl, es mit Mehlklütern zu schmoren, aber mit wenig Öl, hast du dich sofort entschuldigt, daß du so gedankenlos warst, hast dir die Hände gewaschen und das Essen nicht nur geschmort, sondern auch selber hingetragen. Am liebsten hättest du noch mit dem Schwanz gewedelt. An mir aber willst du jetzt ein Exempel statuieren und schmierst mich hier vor allen Leuten aus.“ „Buddha Amitabha, alle sind meine Zeugen!“ erwiderte Frau Liu. „Nicht nur das eine Mal, sondern immer, seitdem im vergangenen Jahr die Küche hier eingerichtet wurde, lassen die Fräulein und Mädchen aus allen Häusern, wenn sie etwas extra haben wollen, zuerst das Geld bringen, um davon einzukaufen. Das hört sich so schön an – ich verwalte ja nur den Fräulein die Küche, habe nicht viel zu tun und streiche noch einen Gewinn dabei ein. Aber wenn man es einmal überrechnet, kann einem übel werden. Alle Fräulein und Mädchen sind zusammen vierzig bis fünfzig Personen, doch wir bekommen pro Tag nicht mehr als zwei Hühner, zwei Enten, etwas über zehn Djin Schweinefleisch und für eine Münzschnur Gemüse. Rechne dir selber aus, wie weit man damit kommt! Es reicht kaum für die beiden Mahlzeiten am Tag, wie könnte es da genug sein, damit sich der eine dies und der andere jenes bestellen kann und damit wir nachkaufen, wenn jemandem nicht schmeckt, was wir haben. Da wäre es das beste, mit der gnädigen Frau zu sprechen, damit sie die Zuweisungen erhöht, und dann werden genau wie in der großen Küche, wo für die alte gnädige Frau gekocht wird, alle Gerichte, die man sich denken kann, auf eine Tafel geschrieben, jeder ißt, was er möchte, und einmal im Monat wird bar bezahlt. Als sich Fräulein Tan-tschun und Fräulein Bau-tschai neulich abgesprochen hatten, geschmorte Bocksdorntriebe zu essen, schickten sie gleich ein Mädchen mit fünfhundert Bronzemünzen zu mir. Da habe ich gelacht und gesagt, selbst wenn sie dem dickbäuchigen Buddha Maitreya glichen[1], könnten die Fräulein nicht für fünfhundert Münzen Bocksdorntriebe essen, zwanzig oder dreißig seien genug, und habe das Restgeld zurückgeschickt. Aber sie haben es nicht genommen und gesagt, ich solle mir Wein dafür kaufen. Außerdem meinten sie, daß es jetzt, wo wir im Garten eine eigene Küche hätten, nicht zu verhindern sei, daß sich die Leute aus den einzelnen Gartenhäusern alles mögliche hier holten. Aber auch Salz und Sojawürze kosteten Geld. Wenn ich ihnen nichts gäbe, sei das nicht gut, aber wenn ich es ihnen gebe, könne ich den Verlust nicht ersetzen, darum solle dies Geld den Fehlbetrag ausgleichen, der dadurch entstehe. Das sind zwei verständige Fräulein, und darum beten wir auch zu Buddha für sie. Dann aber hat Nebenfrau Dschau von der Sache erfahren, ist wütend geworden und hat gesagt, man mache es mir zu leicht. Keine zehn Tage später hat sie eine der kleineren Mägde geschickt, um mal dies und mal das zu verlangen. Mir war wirklich zum Lachen zumute. Jetzt aber macht ihr das zur Regel und verlangt ebenfalls mal dies und mal das. Aber wovon soll ich das alles ersetzen?“ Während sie sich so ereiferte, erschien eine andere Botin von Sï-tji, um Liän-hua zu mahnen, und fragte sie: „Bist du hier gestorben, oder warum kommst du nicht zurück?“ Wütend kehrte Liän-hua in ihre Räume zurück und berichtete Sï-tji mit einigen Ausschmückungen, was vorgefallen war. Als Sï-tji das erfuhr, loderte natürlich die Wut in ihrem Herzen auf, und da ihr Dienst bei Ying-tschuns Abendmahlzeit schon beendet war, führte sie die kleineren Sklavenmädchen zur Küche hinüber. Hier saßen die Küchenfrauen eben beim Essen, aber als sie Sï-tji kommen sahen und erkannten, daß dies nichts Gutes bedeuten konnte, standen sie eilfertig auf und boten ihr lächelnd an, Platz zu nehmen. Aber Sï-tji gab den kleinen Sklavenmädchen das Kommando: „Werft alle Eßwaren, die sie in Kisten und Schränken haben, den Hunden zum Fraß vor! Niemand soll hier einen Gewinn haben!“ Darauf hatten die Sklavenmädchen nur gewartet. Sofort stürzten sie vor und warfen alles durcheinander. Die Küchenfrauen versuchten unter Zureden, sie wegzuziehen. Gleichzeitig wandten sie sich an Sï-tji mit den Worten: „Ihr habt vielleicht falsch verstanden, was Euch das Mädchen berichtet hat. Selbst wenn Schwägerin Liu nicht einen, sondern acht Köpfe hätte, würde sie es nicht wagen, Euch zu kränken. Es stimmt wirklich, daß Eier schwer zu bekommen sind. Aber wir haben ihr eben schon gesagt, daß sie gut und böse nicht zu unterscheiden weiß und daß sie sich überlegen muß, wie sie zu den Dingen kommt, die von ihr verlangt werden. Sie hat ihren Fehler eingesehen und gleich die Eier für Euch aufgestellt. Wenn Ihr es nicht glaubt, seht Euch an, was dort auf dem Feuer steht!“ Erst dieser Zuspruch der Küchenfrauen konnte Sï-tjis Wut ein wenig lindern, und auch die kleinen Sklavenmädchen ließen sich beiseite schieben, ehe sie alles zerschlagen hatten. Schimpfend und scheltend rumorte Sï-tji dann noch einige Zeit, ehe sie sich überreden ließ zu gehen. Klappernd sammelte Frau Liu die Schalen und Teller zusammen und murrte dabei vor sich hin. Als die Eier fertig gedämpft waren, ließ sie sie zu Sï-tji hinübertragen, Sï-tji aber schüttete sie verächtlich auf die Erde. Doch davon wagte die Botin nichts zu sagen, als sie zurückkam, denn sie fürchtete, es würde ein neuer Skandal daraus entstehen. Frau Liu gab ihrer Tochter etwas Brühe und eine halbe Schale nüchterne Reissuppe zu essen, dann erzählte sie ihr die Sache mit dem Kokosporlingsschnee. Als Wu-örl alles gehört hatte, wollte sie Fang-guan gern etwas von dem Mittel abgeben, darum wickelte sie die Hälfte davon in ein Stück Papier und machte sich im Schutz der Dämmerung, als nur noch wenige Menschen auf den Beinen waren, auf den Weg zu Fang-guan, wobei sie sich immer im Schatten der Blumen und Weiden hielt. So gelangte sie glücklich bis an das Tor des Hofes der Freude am Roten, ohne von jemandem aufgehalten zu werden, hier aber konnte sie nicht einfach eintreten, und so blieb sie hinter einem Rosenstrauch stehen und hielt Ausschau. Nach der Zeit, die man brauchte, um eine Schale Tee zu trinken, kam zufällig Tschun-yän heraus, und sofort trat Wu-örl vor und rief sie an. Zuerst wußte Tschun-yän nicht, wer da war. Erst als sie einander dicht gegenüberstanden, konnte sie es erkennen und fragte: „Was willst du hier?“ Lächelnd bat Wu-örl: „Ruf Fang-guan heraus, ich muß mit ihr sprechen.“ Tschun-yän lachte leise, dann sagte sie: „Du bist zu ungeduldig, Schwester. In zehn Tagen etwa wirst du ohnehin hier sein. Warum also kommst du jetzt einfach hergelaufen? Fang-guan ist eben mit einem Auftrag unterwegs, und du müßtest auf sie warten. Sonst aber sag mir, was du ihr sagen wolltest, und ich bestelle es ihr, denn lange wirst du nicht warten können, die Gartentore werden wohl bald geschlossen.“ Also gab Wu-örl ihr den Porlingsschnee und erklärte ihr, was das sei, wie man es einzunehmen müsse und wie es wirke. Dann sagte sie: „Ich habe ein wenig davon bekommen und möchte ihr etwas abgeben. Sei so lieb und gib es ihr. Das ist alles.“ Dann verabschiedete sie sich und ging. Als sie eben in die Gegend am Knöterichstrand kam, erblickte sie plötzlich Lin Dschï-hsiaus Frau, die ihr mit einigen alten Sklavinnen entgegenkam. Da keine Zeit mehr war, sich zu verstecken, blieb Wu-örl nichts anderes übrig, als vorzutreten und zu grüßen. „Ich hatte gehört, du seist krank, warum läufst du dann hier herum?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau. Lächelnd erwiderte Wu-örl: „In den letzten Tagen geht es mir etwas besser, und darum hat mich meine Mutter in den Garten mitgenommen, damit ich auf andere Gedanken komme. Eben habe ich im Auftrag meiner Mutter etwas in den Hof der Freude am Roten gebracht.“ „Das kann doch nicht stimmen“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „gerade erst habe ich deine Mutter getroffen, als sie den Garten verließ, und habe hinter ihr das Tor abgeschlossen. Wenn du in ihrem Auftrag unterwegs wärst, hätte sie mir doch gesagt, daß du hier bist, und wäre nicht einfach hinausgegangen und hätte mich das Tor abschließen lassen. Daran sieht man, daß du lügst.“ „Den Auftrag hatte mir meine Mutter schon heute früh gegeben, aber ich hatte es vergessen, und erst jetzt war es mir wieder eingefallen. Meine Mutter wird gedacht haben, ich hätte den Garten schon verlassen, und hat Euch deshalb nichts gesagt“, versuchte sich Wu-örl herauszureden. Da diese Erklärung unglaubwürdig klang und Wu-örls Gesichtsausdruck unaufrichtig war, wurde Lin Dschï-hsiaus Frau vollends mißtrauisch, zumal Yü-tschuan kürzlich berichtet hatte, es seien Gegenstände aus Dame Wangs Hauptraum verschwunden, und die anderen Sklavenmädchen erklärt hatten, sie wüßten von nichts, so daß der Schuldige noch nicht ermittelt war. Zufällig kamen jetzt Tschan-djiä und Liän-hua mit einigen Sklavenfrauen des Weges, und als sie die Situation erkannten, rieten sie Lin Dschï-hsiaus Frau: „Ihr solltet sie genauer verhören! In den letzten Tagen ist sie andauernd hier hereingekommen, und immer so verstohlen, daß man nicht wußte, was man davon halten sollte.“ „Richtig!“ setzte Tschan-djiä noch hinzu. „Schwester Yü-tschuan hat gesagt, im Nebengebäude des Anwesens der gnädigen Frau habe ein Schrank offengestanden und es fehlten allerhand Sachen daraus, und als die zweite junge gnädige Frau Ping-örl zu Yü-tschuan geschickt hat, um etwas Rosennektar zu holen, fehlte auch davon eine Flasche. Es wäre nicht einmal aufgefallen, wenn sie nicht davon gebraucht hätten.“ „Das wußte ich gar nicht“, sagte wieder Liän-hua, „eine Flasche mit Rosennektar habe ich heute gesehen.“ „Wo?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau sofort, die sich in dieser Angelegenheit bisher nicht zu helfen gewußt hatte und auf Hsi-fëngs Geheiß täglich von Ping-örl gemahnt wurde. „Bei ihnen in der Küche“, gab Liän-hua Auskunft. Jetzt befahl Lin Dschï-hsiaus Frau, eine Laterne anzuzünden, dann ging sie an der Spitze der Sklavenfrauen los, um selbst nachzusehen. Aufgeregt erklärte Wu-örl: „Der Rosennektar ist ein Geschenk von Fang-guan aus den Räumen des jungen Herrn.“ „Papperlapapp!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „zunächst ist das ein Beweisstück, und ich werde es melden. Vor der Herrschaft kannst du dich verteidigen.“ Bei diesen Worten betraten sie die Küche, und unter Liän-huas Führung wurde die Flasche mit dem Rosennektar hervorgeholt. Da zu vermuten war, daß noch anderes Diebesgut zum Vorschein kommen würde, wurde eine sorgfältige Durchsuchung vorgenommen, bei der man auf das Päckchen mit dem Kokosporlingsschnee stieß, das ebenfalls mitgenommen wurde. Dann sollte Wu-örl vor Li Wan und Tan-tschun geführt werden, da aber Djia Lan erkrankt war, kümmerte sich Li Wan nicht um Haushaltsangelegenheiten und verwies Lin Dschï-hsiaus Frau an Tan-tschun. Tan-tschun war bereits in ihre Räume zurückgekehrt, und die Sklavin, die ihr Meldung machen sollte, fand alle Sklavenmädchen im Hof, wo sie die Kühle genossen, während Tan-tschun sich drinnen wusch. Nur Dai-schu erklärte sich bereit, ihr den Fall vorzutragen, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Das Fräulein hat es zur Kenntnis genommen und gesagt, ihr solltet zu Ping-örl gehen, damit sie es der zweiten jungen gnädigen Frau meldet.“ So mußte Lin Dschï-hsiaus Frau ihren Trupp wieder hinausführen und zu Hsi-fëngs Räumen hinübergehen, wo sie zuerst Ping-örl suchte. Als Ping-örl hineinging, um Meldung zu machen, hatte Hsi-fëng sich eben zu Bett gelegt. Sie hörte sich die Sache an und befahl: „Die Mutter bekommt vierzig Schläge mit dem Prügel und wird hinausgeworfen. Sie darf nie wieder zum Innentor herein. Wu-örl bekommt ebenfalls vierzig Schläge und wird sofort aufs Dorf geschickt, um dort entweder verkauft oder verheiratet zu werden.“ Als Ping-örl herauskam und die Entscheidung so, wie sie sie empfangen hatte, an Lin Dschï-hsiaus Frau weitergab, begann Wu-örl vor Angst laut zu weinen. Sie warf sich vor Ping-örl auf die Knie und berichtete ihr in allen Einzelheiten, was sie mit Fang-guan zu tun gehabt hatte. „Das ergibt keine Schwierigkeiten“, sagte Ping-örl darauf. „Morgen werden wir Fang-guan fragen, und dann wissen wir, was wahr ist und was gelogen. Aber der Kokosporlingsschnee ist gerade erst gebracht worden, und wir warten ab, bis die alte gnädige Frau und die gnädige Frau ihn gesehen haben, bevor wir ihn anrühren. Davon hättest du nichts nehmen dürfen.“ Als Wu-örl diesen Vorwurf hörte, erzählte sie rasch, wie sie den Kokosporlingsschnee von ihrem Onkel geschenkt bekommen hatten. „Dann wärst du ja vollkommen unschuldig, und man wollte dich nur zum Sündenbock machen“, sagte Ping-örl lächelnd und entschied: „Es ist jetzt schon spät, und die junge gnädige Frau hat eben ihre Medizin eingenommen und sich schlafen gelegt, da können wir sie schlecht wegen so einer Lappalie belästigen. Übergebt also Wu-örl den Nachtwachen, damit sie die Nacht über in Gewahrsam bleibt, morgen früh aber spreche ich noch einmal mit der jungen gnädigen Frau, und dann sehen wir weiter.“ Lin Dschï-hsiaus Frau wagte nicht zu widersprechen. Sie führte Wu-örl hinaus und übergab sie den Nachtwächtersklavinnen zur Beaufsichtigung, dann ging sie fort. Wu-örl aber befand sich nun in Haft und wagte keinen überflüssigen Schritt zu tun. Hinzu kam noch, daß einige der Sklavenfrauen ihr ins Gewissen redeten, sie hätte so etwas Ehrloses nicht tun dürfen, während andere sich beklagten: „Nachtwache zu halten ist gerade schon schwer genug, und nun müssen wir auch noch eine Diebin bewachen. Wenn sie sich unbemerkt das Leben nimmt oder ausrückt, wird man uns die Schuld geben.“ Es gab aber auch Leute, die mit den Lius verfeindet waren und die sich jetzt höchst zufrieden zeigten und extra kamen, um ihren Spott mit Wu-örl zu treiben. Wu-örl war zugleich wütend und beschämt, doch sie konnte sich bei niemandem beklagen. Kränklich und schwächlich, wie sie war, bekam sie doch die Nacht über keinen Schluck Tee und keinen Schluck Wasser, kein Kissen und auch keine Decke. Unentwegt schluchzte sie bis zum Morgen. Die Feindinnen von Mutter und Tochter Liu, die nichts sehnlicher wünschten, als die beiden hinausgeworfen zu sehen, und die befürchteten, das Urteil könne noch revidiert werden, standen dann in aller Frühe auf und gingen heimlich zu Ping-örl, um sie für sich zu gewinnen. Sie machten ihr Geschenke, lobten ihre resolute Art und berichteten ihr von vielerlei Verfehlungen, derer sich Frau Liu schuldig gemacht haben sollte. Ping-örl sagte zu allem ja, ja und schickte die Frauen fort. Dann begab sie sich in aller Stille zu Hsi-jën hinüber, um sie zu fragen, ob Wu-örl den Rosennektar wirklich von Fang-guan bekommen hatte. „Fang-guan hatte ich welchen gegeben“, bestätigte Hsi-jën. „Aber an wen sie ihn weitergegeben hat, weiß ich nicht.“ Als Hsi-jën sich bei Fang-guan danach erkundigte, bekam diese einen Riesenschreck und beteuerte, sie selbst habe Wu-örl den Rosennektar gebracht. Dann erzählte sie Bau-yü von der Sache, und sofort wurde auch er unruhig und sagte: „Mit dem Rosennektar ist alles klar, aber wenn sie der Sache mit dem Porlingsschnee nachgehen, wird sie natürlich auch darüber wahrheitsgemäß aussagen. Wenn sie dann erfahren, daß ihr Onkel ihn beim Tordienst erhalten hat, ist wieder er bloßgestellt. Stürzen wir ihn da nicht einer Sache wegen ins Unglück, die er nur gut gemeint hat?“ Sofort beriet er sich mit Ping-örl und sagte: „Das mit dem Rosennektar ist erledigt, aber an der Sache mit dem Porlingsschnee ist etwas faul. Liebste Schwester, sag doch Wu-örl, sie solle angeben, den Porlingsschnee habe sie ebenfalls von Fang-guan bekommen, dann ist auch das abgetan.“ „Schön und gut“, wandte Ping-örl lächelnd ein, „aber sie hat gestern schon gesagt, daß sie den Porlingsschnee von ihrem Onkel hat. Wie kann sie jetzt sagen, er käme von dir? Außerdem ist nun für den Rosennektar, der drüben verschwunden ist, noch kein Täter gefunden. Glaubst du, sie lassen jemand straffrei ausgehen, bei dem ein Beweisstück gefunden wurde, und suchen jemand anders? Wer wird die Tat jetzt noch gestehen? Und die Leute würden sich auch nicht damit zufriedengeben.“ Lächelnd trat Tjing-wën näher und sagte: „Den Rosennektar bei der gnädigen Frau hat ganz eindeutig niemand anders als Tsai-yün gestohlen, um ihn dem jungen Herrn Huan zu geben. Wozu also das ganze Gerede?“ „Wer wüßte nicht, daß es so ist?“ entgegnete Ping-örl lächelnd. „Yü-tschuan heult schon vor lauter Aufregung. Wenn man Tsai-yün in aller Stille fragen könnte und sie es zugeben würde, dann könnte Yü-tschuan Ruhe geben, und alle würden mit Stillschweigen darüber hinweggehen. Schließlich haben wir kein Interesse daran, die Sache absichtlich aufzubauschen. Das Dumme ist nur, daß Tsai-yün den Diebstahl nicht nur leugnet, sondern auf Yü-tschuan schiebt. Die beiden haben sich so miteinander verzankt, daß das ganze Haus davon weiß, also können wir nicht so tun, als sei nichts gewesen, und müssen die Sache schon untersuchen. Alle wissen, daß diejenige, die den Diebstahl gemeldet hat, selber der Dieb ist, aber wie sollen wir sie beschuldigen, wenn kein Beweisstück da ist?“ „Laß gut sein!“ sagte Bau-yü. „Ich werde auch das auf mich nehmen. Ich sage, ich wollte ihnen einen Schreck einjagen, und habe den Rosennektar heimlich weggenommen. Dann sind beide Fälle erledigt.“ „Damit würdest du gewiß im Verborgenen eine gute Tat vollbringen, indem du sie vor dem Vorwurf des Diebstahls schützt“, erklärte Hsi-jën, „aber wenn die gnädige Frau davon erfährt, wird sie wieder sagen, du benähmst dich kindisch und wüßtest nicht, was du tust.“ „Das ist doch nur eine Kleinigkeit“, warf Ping-örl lächelnd ein. „Es wäre ein leichtes, das Beweisstück in den Räumen von Nebenfrau Dschau zu finden. Ich habe nur Angst, das würde dem Ansehen eines guten Menschen schaden. Alle andern würde es nicht groß kümmern, diese eine aber würde sich wieder aufregen. Mit ihr hatte ich Mitleid, ihretwegen wollte ich nicht ‚nach der Ratte werfen und dabei die Jadevase zerschlagen.‘“ Bei diesen Worten hatte sie drei Finger in die Luft gestreckt, und Hsi-jën wie auch alle anderen begriffen, sie meinte Tan-tschun, das dritte Fräulein des Hauses. Sofort bestätigten sie: „Du hast recht. Es ist das beste, wir nehmen die Sache auf uns.“ „Wir müssen aber auch die beiden Übeltäter Tsai-yün und Yü-tschuan herrufen und uns ihrer Zustimmung versichern“, ergänzte Ping-örl lächelnd. „Sonst werden sie entlastet und meinen, nicht dies sei der Grund, sondern meine Unfähigkeit, die Sache aufzuklären, und ich hätte euch nur damit belästigt, um den Fall zu einem Abschluß zu bringen. Dann würden die einen weiter stehlen und die andern weiter den Dingen ihren Lauf lassen.“ „Völlig richtig!“ stimmten ihr Hsi-jën und die anderen zu. „Dein Stand muß gewahrt bleiben.“ Nun ließ Ping-örl die beiden rufen und eröffnete ihnen: „Ihr braucht euch nicht länger aufzuregen, die Diebin ist gefunden.“ „Wo ist sie?“ fragte Yü-tschuan. „Jetzt ist sie bei der zweiten jungen gnädigen Frau drüben“, sagte Ping-örl. „Sie gibt alles zu, was man sie fragt. Aber ich weiß genau, daß nicht sie es war, die gestohlen hat. Die Ärmste gesteht alles nur aus Angst. Dem jungen Herrn tut das so leid, daß er die Hälfte der Schuld auf sich nehmen will. Ich könnte die wahre Schuldige nennen, aber es ist eine von uns, die ich gern mag. Dagegen ist mir die Empfängerin der gestohlenen Sachen gleichgültig. Es würde aber außerdem ein guter Mensch um sein Ansehen gebracht werden. Und das ist der Grund, warum ich den jungen Herrn bitten will, die Sache auf sich zu nehmen, damit allen andern der Ärger erspart bleibt. Jetzt aber möchte ich von euch wissen, wie ihr dazu steht. Wenn ihr in Zukunft genau wie alle andern umsichtig handeln und auf euer Ansehen bedacht sein wollt, werde ich den jungen Herrn bitten. Wenn nicht, dann mache ich der zweiten jungen gnädigen Frau Meldung, damit nicht ein guter Mensch unschuldig leiden muß.“ Diese Worte trieben Tsai-yün die Schamröte in die Wangen, und sie sagte: „Sei unbesorgt, Schwester! Kein guter Mensch soll unschuldig leiden, und kein Unbeteiligter soll um sein Ansehen gebracht werden. Nebenfrau Dschau war es, die mich immer wieder gebeten hat zu stehlen, und so habe ich einiges für den jungen Herrn Huan genommen. Das ist die Wahrheit. Auch wenn die gnädige Frau zu Hause war, haben wir von den Sachen genommen, und jeder hat davon verschenkt. Ich hatte geglaubt, nach ein paar Tagen Aufregung würde alles vergessen sein, aber wenn jetzt ein guter Mensch deswegen leiden soll, kann ich das nicht ertragen. Also bring mich zur zweiten jungen gnädigen Frau, und ich werde alles gestehen.“ Alle waren verwundert über ihren Mut, und Bau-yü sagte lächelnd: „Du bist wirklich ein anständiger Mensch, Schwester Tsai-yün. Aber du brauchst nichts zu gestehen. Ich werde sagen, ich hätte den Rosennektar heimlich genommen, um euch einen Schreck einzujagen, aber nachdem jetzt ein Skandal daraus geworden ist, wolle ich es zugeben. Ich bitte euch nur um das eine – daß ihr nämlich in Zukunft dafür sorgt, daß es weniger Ärger gibt. Das wäre zu unser aller Vorteil.“ „Warum willst du etwas gestehen, was ich getan habe?“ fragte Tsai-yün. „Ich muß es auf mich nehmen, was immer dabei herauskommt.“ „So geht das nicht!“ wandten Ping-örl und Hsi-jën rasch ein. „Wenn du es gestehst, bringst du unvermeidlich Nebenfrau Dschau mit ins Spiel, und wenn dann Fräulein Tan-tschun davon erfährt, regt sie sich natürlich auf. Darum ist es das beste, wenn Bau-yü die Sache gesteht und niemand weiter damit zu tun hat. Niemand außer uns weiß etwas davon, es ist eine saubere Lösung. In Zukunft aber müssen unbedingt alle vorsichtiger sein. Wenn ihr etwas nehmen wollt, geduldet euch, bis die gnädige Frau wieder da ist. Dann könnt ihr getrost das ganze Haus verschenken, mit uns hat es nichts zu tun.“ Tsai-yün senkte den Kopf und dachte ein Weilchen nach, dann stimmte sie zu. Nachdem sie zusammen alles abgesprochen hatten, ging Ping-örl mit Tsai-yün, Yü-tschuan und Fang-guan hinüber, wo die Sklavenfrauen von der Nachtwache saßen, ließ Wu-örl rufen und instruierte sie heimlich, sie solle angeben, auch den Kokosporlingsschnee habe sie von Fang-guan bekommen. Wu-örls Dank fand kein Ende. Nun führte Ping-örl sie mit den anderen Mädchen zu ihren eigenen Räumen hinüber, wo sie Lin Dschï-hsiaus Frau erblickte, die mit einigen Sklavinnen zusammen Frau Liu hergebracht hatte und schon lange wartete. „Ich habe sie in aller Frühe hergeschafft“, meldete Lin Dschï-hsiaus Frau, „und weil ich Angst hatte, nun sei niemand da, der sich um das Essen für die Fräulein kümmert, habe ich einstweilen Tjin Hsiäns Frau damit beauftragt. Berichtet bitte auch das der jungen gnädigen Frau und sagt ihr, sie sei reinlich und umsichtig und könne diese Arbeit in Zukunft ständig machen.“ „Und wer ist Tjin Hsiäns Frau?“ fragte Ping-örl. „Ich glaube nicht, daß ich sie kenne.“ „Sie ist Nachtwächterin am südlichen Nebentor und hat daher am Tage nichts hier zu schaffen, deshalb kennt Ihr sie nicht“, erläuterte Lin Dschï-hsiaus Frau. „Sie hat hohe Backenknochen und große Augen, und sie ist wirklich reinlich und flink.“ „Ja“, bestätigte Yü-tschuan, „wie konntest du sie vergessen? Sie ist die Tante von Sï-tji, die bei Fräulein Ying-tschun dient. Sï-tjis Eltern sind zwar drüben beim alten gnädigen Herrn, aber ihr Onkel und ihre Tante sind hier bei uns.“ Jetzt erst fiel Ping-örl ein, um wen es sich handelte, und lächelnd meinte sie: „Ach, das hättest du gleich sagen sollen, dann hätte ich Bescheid gewußt!“ Und lächelnd setzte sie hinzu: „Das war ein bißchen vorschnell gehandelt. Denn der Fall hat sich aufgeklärt. Auch wer die Sachen aus den Räumen der gnädigen Frau genommen hat, wissen wir jetzt. Bau-yü war es, der hinübergegangen war und diese beiden nichtsnutzigen Dinger um etwas gebeten hatte. Um ihn zu ärgern, haben die beiden gesagt, solange die gnädige Frau nicht da sei, wagten sie nichts zu nhehmen. Daraufhin hat Bau-yü einen unbeobachteten Augenblick abgepaßt, ist selber hineingegangen und hat einiges weggenommen. Weil die beiden nichts davon wußten, haben sie einen Riesenschreck bekommen. Nachdem Bau-yü jetzt erfahren hat, daß jemand anders verdächtigt wird, hat er mir alles erklärt und die Sachen herausgegeben. Ich habe mich selbst überzeugt, daß nichts fehlt. Den Kokosporlingsschnee hatte Bau-yü von draußen bekommen, und er hat viele Leute damit beschenkt, nicht nur hier im Garten. Selbst die alten Muttchen haben sich welchen erbeten und ihren Verwandten davon gegeben, damit sie ihn einnehmen, aber auch von denen ist etwas davon noch weiterverschenkt worden. Auch Hsi-jën hat Fang-guan und anderen davon gegeben. Daß auch sie ihre privaten Freundschaften haben, ist nichts Außergewöhnliches. Die beiden Korbbehälter aber stehen noch in der Palaverhalle, und die Siegel daran sind unversehrt. Wie kann man also einfach jemand verdächtigen? Jetzt werde ich der jungen gnädigen Frau berichten, und dann sehen wir weiter!“ Damit machte sie kehrt und ging zu Hsi-fëng ins Schlafzimmer, wo sie ihr den Fall mit denselben Worten erklärte. „Schön und gut“, sagte Hsi-fëng, „aber Bau-yü hält Recht und Unrecht nicht auseinander und liebt es, sich um alles und jedes zu kümmern. Wenn man ihn um etwas bittet, wird er nach ein paar guten Worten weich, und wenn man ihm schmeichelt, nimmt er jede Schuld auf sich. Wenn wir ihm diesmal glauben, wie wollen wir dann in Zukunft zurechtkommen, wenn es um größere Dinge geht? Darum sollten wir den Fall gründlichst untersuchen! Meiner Meinung nach sollten wir alle Mägde aus den Räumen der gnädigen Frau hier herüberholen. Wir können sie zwar nicht gut schlagen, aber wir könnten sie in der Sonne auf Porzellanscherben knien lassen und ihnen nichts zu essen und nichts zu trinken geben, und das den ganzen Tag lang, wenn sie nicht reden. Da müßten sie schon aus Eisen sein, wenn sie nach einem Tag nicht gestehen. Und wie man sagt, gehen die Fliegen nicht an ein Ei, wenn es nicht einen Knacks hat. Wenn diese Liu auch nichts gestohlen hat, muß doch etwas mit ihr faul sein, sonst hätten die andern sie nicht bezichtigt. Wir müssen sie ja nicht als Diebin behandeln, aber trotzdem sollte sie aus dem Dienst entfernt werden. Das ist keine Schande.“ „Wozu die Mühe?“ fragte Ping-örl. „Wenn man nachgeben muß, soll man nachgeben. Was ist das schon für eine großartige Affäre, daß Ihr nicht Gnade vor Recht ergehen lassen könnt? Wie sehr Ihr Euch auch ins Zeug legt, Ihr gehört doch nicht hierher, sondern nach drüben. Warum also die Feindschaft der kleinen Leute erwecken und sich ihren Groll zuziehen? Zumal Ihr den Sohn, mit dem Ihr nach tausend Schwierigkeiten endlich schwanger wart, nur deshalb im sechsten oder siebenten Monat verloren habt, weil Ihr Euch immer überanstrengt und alles zu schwer genommen habt. Wäre es da nicht besser, sich nur noch um die Hälfte von allem zu kümmern?“ Lachend sagte Hsi-fëng: „So mach schon, was du willst, kleines Spitzbein! Ich fühle mich eben etwas besser und möchte mich nicht schon wieder ärgern.“ „Das ist recht!“ sagte Ping-örl strahlend und ging hinaus, um dort ihre Anordnungen zu treffen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Maitreya, der verheißene Buddha einer künftigen Welt, wird in der chinesischen Ikonographie als fettleibiger Mönch mit lachend geöffnetem Mund dargestellt.