Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 66"

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=== Die gefuehlvolle kleine Schwester geht vor Scham ueber die Liebe in die Unterwelt; Der kalte zweite junge Herr tritt nach einem Frostschauer ins Kloster ein ===
 
=== Die gefuehlvolle kleine Schwester geht vor Scham ueber die Liebe in die Unterwelt; Der kalte zweite junge Herr tritt nach einem Frostschauer ins Kloster ein ===
  
bestellen, ich hätte die Sachen bekommen, die Leute könnten jetzt gehen!“
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'''Ein empfindsames Mädchen betritt aus verschmähter Liebe das Reich der Toten,ein gefühlskalter Jüngling entsagt nach jäher Ernüchterung der Welt des Scheins.'''
„Was sind das für Sachen, daß sie so verpackt und verschnürt sind?“ wollten Tante Hsüä und Bau-tschai nun wissen.
 
Also ließ Hsüä Pan zwei von den Sklavenjungen hereinkommen, und als sie die Stricke aufgeschnürt, die Verschalungen entfernt und das Schloß aufgesperrt hatten, sah man, daß in der ersten Kiste Atlas, Brokat und andere Seidenstoffe, überseeische Waren und weitere Dinge lagen, wie man sie ständig im Haushalt braucht.
 
Dann sagte Hsüä Pan lächelnd: „Die zweite Truhe ist für dich, Schwester.“ Und er öffnete diese Truhe selbst.
 
Hier erblickten Mutter und Tochter Schreibpinsel, Tusche, Papier, Tuschereibsteine, verschiedenartiges Zierpapier, Riechbeutelchen, Perlenschnüre aus Duftholz, Fächer, Fächeranhänger, Blütenpuder, Rouge und so weiter, außerdem Trinkspiele und automatische Puppen, die Hsüä Pan vom Tigerhügel0 mitgebracht hatte, kobolzschießende Knabenfigürchen, die eine Quecksilberfüllung hatten, ‚Sandlampen‘, die außen mit Figuren verziert waren, deren papierne Köpfe und Gliedmaßen zu zucken begannen, wenn man die ‚Lampe‘ bewegte und dadurch den Sand, der darin war, in Bewegung brachte, mit blauer Seide bezogene Schachteln voller Tonfigürchen, die ganze Theatertruppen bildeten, und schließlich eine Tonstatuette, die Hsüä Pan am Tigerhügel von sich hatte anfertigen lassen und die ihm auch aufs Haar glich.
 
Dieser Statuette galt Bau-tschais ganze Aufmerksamkeit, kaum daß sie sie erblickt hatte, während alles andere sie gleichgültig ließ. Sie nahm sie in die Hand und betrachtete sie aufmerksam, danach betrachtete sie ihren Bruder und konnte sich schließlich das Lachen nicht verbeißen.
 
Dann erteilte sie Ying-örl den Auftrag, zusammen mit einigen alten Sklavenfrauen alles hinüber in den Garten zu bringen, einschließlich der Truhe. Sie selbst kehrte erst dorthin zurück, nachdem sie noch ein Weilchen mit Mutter und Bruder geplaudert hatte. Inzwischen nahm Tante Hsüä Stück für Stück aus der Truhe, die sie bekommen hatte, teilte alles sorgfältig ein Portionen ein und ließ diese von Tung-hsi zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den anderen tragen. Doch davon braucht hier nicht erzählt zu werden.
 
Als Bau-tschai wieder in ihren Räumen war, ließ sie all die Mitbringsel Revue passieren. Alles, was sie nicht selber gebrauchen wollte, stellte sie portionsweise zusammen: für die eine Schreibpinsel, Tusche, Papier und Tuschereibstein, für eine andere Riechbeutelchen, Fächer und Duftholzanhänger, für eine weitere Rouge, Puder und Haaröl und für manche auch nur etwas von den Spielsachen. Einzig Dai-yü wurde anders bedacht als die übrigen und bekam auch eine doppelte Portion. Nachdem Bau-tschai mit der Einteilung fertig war, ließ sie alles durch Ying-örl und eine alte Sklavin, die ihr folgen mußte, nach den einzelnen Wohnstätten tragen.
 
Jedes der Mädchen nahm seine Geschenke entgegen, belohnte die Botinnen mit einem Trinkgeld und kündigte an, sich beim nächsten Wiedersehen persönlich zu bedanken. Nur Dai-yü wurde durch den Anblick der Mitbringsel aus ihrer Heimat schmerzlich berührt. Sie mußte daran denken, daß ihre Eltern beide tot waren, daß sie keine Geschwister hatte und daß sie nur als Gast bei Verwandten lebte. „Für mich wird nie jemand etwas mitbringen, das aus meiner Heimat stammt!“ sagte sie sich, und unversehens wurde sie wieder einmal vom Kummer überwältigt.
 
Dsï-djüan kannte sich zutiefst in allen Gefühlsregungen von Dai-yü aus, wagte es aber nicht, ihr das zu verraten, und redete ihr nur zu: „Ihr leidet an vielerlei Krankheiten, Fräulein, und müßt früh und spät Medikamente einnehmen, auch wenn es in den letzten Tagen so aussah, als ob es Euch schon ein bißchen besser ginge. Selbst wenn Euer Lebensmut ein wenig gewachsen ist, seid Ihr doch noch nicht wieder ganz gesund. Jetzt hat Euch Fräulein Bau-tschai diese Geschenke bringen lassen, ein Beweis dafür, wie hoch sie Euch schätzt. Eigentlich müßtet Ihr Euch beim Anblick dieser Sachen freuen, statt dessen seid Ihr betrübt. Habt Ihr Euch etwa geärgert, weil Fräulein Bau-tschai Euch beschenkt hat? Es wäre ihr sicher peinlich, wenn sie das erführe.
 
Zum andern sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau mit allen Mitteln bemüht, gute Ärzte zu finden, die Euch untersuchen und behandeln, damit Ihr wieder gesund werdet. Aber fügt Ihr Eurem Körper nicht selber Schaden zu, wenn Ihr jetzt weint und heult, kaum daß es Euch ein bißchen besser geht? Würde es nicht der alten gnädigen Frau neuen Kummer bereiten, wenn sie Euch so sähe? Zumal Eure Krankheit daher rührt, daß Ihr Euch immer traurige Gedanken macht und Eure Lebenskraft dadurch geschädigt habt. Ihr dürft Euren kostbaren Körper nicht selber geringschätzen, Fräulein!“
 
Während sie so auf Dai-yü einredete, hörte sie, wie eines der kleineren Sklavenmädchen vom Hof her meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“
 
„Tretet ein, junger Herr!“ sagte Dsï-djüan sofort.
 
Schon trat Bau-yü ins Zimmer, und als Dai-yü ihn aufforderte, Platz zu nehmen, sah er, daß ihr ganzes Gesicht mit Tränenspuren bedeckt war. Darum fragte er: „Wer hat dich wieder einmal geärgert, Kusinchen?“
 
„Wer ärgert sich denn?“ erwiderte Dai-yü und zwang sich zu einem Lächeln.
 
Dsï-djüan, die neben ihr stand, wies mit dem Kinn nach dem Tisch hinter dem Bett. Bau-yü verstand, wie das gemeint war, warf einen Blick hinüber, und als er der vielen Dinge gewahr wurde, die dort aufgehäuft lagen, war ihm klar, daß es sich um die Geschenke von Bau-tschai handeln mußte. „Willst du einen Gemischtwarenladen aufmachen mit all diesen Sachen?“ scherzte er.
 
Aber Dai-yü antwortete ihm nicht. Statt dessen sagte Dsï-djüan mit lächelnder Miene: „Weil Ihr eben diese Sachen erwähnt – kaum daß Fräulein Bau-tschai sie bringen ließ, hat sich unser Fräulein betrübt. Ich war gerade dabei, ihr gut zuzureden, und Ihr kommt eben recht, um mir dabei zu helfen.“
 
Bau-yü wußte genau, warum Dai-yü sich grämte, aber er wagte nicht, davon anzufangen, und so sagte er lächelnd: „Wahrscheinlich hat euer Fräulein keinen anderen Grund, sich zu ärgern und zu betrüben, als den, daß Fräulein Bau-tschai ihr zuwenig geschickt hat. – Mach dir keine Sorgen, Kusinchen! Nächstes Jahr werde ich jemand in den Süden schicken und dir zwei reichliche Schiffsladungen mitbringen lassen, damit du nicht zu weinen brauchst.“
 
Als Dai-yü das hörte, war sie sich darüber im klaren, daß Bau-yü sie aufheitern wollte, und da sie ihm keine Abfuhr erteilen wollte, aber auch sein Gerede nicht ertragen konnte, sagte sie: „Ich mag mich nicht auskennen in der Welt, aber so wenig denn doch nicht, daß es mich ärgern und betrüben würde, wenn ich nicht genug geschenkt bekomme. Außerdem bin ich kein Kleinkind, und du hältst mich wohl für gar zu engherzig. Ich habe meine Gründe, aber was weißt denn du davon!“ Und schon begannen ihr wieder die Tränen zu fließen.
 
Rasch trat Bau-yü nun an das Bett, setzte sich neben Dai-yü und nahm die Sachen Stück für Stück in die Hand, um sie hin und her zu wenden und genau zu betrachten. Dabei fragte er absichtlich: „Was ist das hier?... Wie nennt man das?... Woraus ist das gemacht, daß es so niedlich aussieht?... Und was ist das? Wozu dient das?“ Dann wieder schlug er vor: „Das könntest du dir so hinstellen, daß du es immer vor Augen hast. Und das hier könntest du schön als Antiquität auf das schmale Tischchen stellen.“
 
So redete er in einem fort Belanglosigkeiten, bis es Dai-yü nicht mehr aushielt und sagte: „Spar dir dein Geschwätz! Gehen wir zu Kusine Bau-tschai hinüber!“
 
Nichts hatte Bau-yü sehnlicher gewünscht, als daß Dai-yü das Haus verlassen, ihre Laune abreagieren und ihren Kummer zerstreuen würde, darum sagte er: „Ja, wir müssen uns für die Geschenke bedanken gehen, die Kusine Bau-tschai uns geschickt hat!“
 
„Das ist unter den Kusinen eines Hauses nicht nötig“, widersprach Dai-yü. „Aber bestimmt hat Vetter Pan ihr viel von den alten Sehenswürdigkeiten im Süden erzählt, das will ich mir anhören, und es wird sein, als ob ich selbst eine Reise nach Hause machte.“ Bei diesen Worten röteten sich ihre Augenränder schon wieder, also stand Bau-yü wirklich auf, und nun blieb Dai-yü nichts weiter übrig, sie mußte mit ihm hinausgehen und Bau-tschai einen Besuch abstatten.
 
Indessen hatte Hsüä Pan, wie seine Mutter es verlangt hatte, rasch Einladungen geschrieben und befohlen, eine Weintafel herzurichten. Als am nächsten Tag die vier Gehilfen, die er eingeladen hatte, alle beisammen waren, drehte sich das Gespräch, wie nicht anders zu erwarten, zunächst um Kauf und Verkauf, Rechnungsführung und Warenversand. Bald aber bat Hsüä Pan seine Gäste, sie sollten an der Tafel Platz nehmen, und goß ihnen der Rangfolge nach Wein ein. Auch Tante Hsüä schickte jemanden hinaus, um ihre Dankesworte zu übermitteln. Als alle tranken und plauderten, bemerkte einer der Gehilfen: „Hier fehlen zwei gute Freunde.“
 
Alle fragten wie aus einem Munde, wen er meinte, und darauf erwiderte er: „Wen anders als den jungen Herrn Djia Liän aus dem Anwesen der Djias und den Schwurbruder unseres gnädigen Herrn, den jungen Herrn Liu!“
 
Nun erinnerten auch sie sich und fragten Hsüä Pan: „Warum habt Ihr die beiden jungen Herren nicht ebenfalls eingeladen?“
 
Hsüä Pan zog die Brauen zusammen und antwortete seufzend: „Der junge Herr Djia ist noch einmal nach Ping-an unterwegs und erst vor zwei Tagen aufgebrochen. An den jungen Herrn Liu aber darf ich gar nicht denken. Denn mit ihm ist es wirklich die merkwürdigste Sache von der Welt. Er ist überhaupt kein junger Herr mehr, vielmehr lebt er jetzt irgendwo als ein Jünger des Dau.“
 
„Wie das?“ fragten alle verwundert, und Hsüä Pan erzählte ihnen von Anfang bis Ende, was sich mit Liu Hsiang-liän zugetragen hatte.
 
Nun waren sie erst recht entsetzt und verwundert, und einer von ihnen sagte: „Da ist es kein Wunder, daß auch wir neulich im Geschäft mit halbem Ohr gehört haben, wie die Leute aufgeregt erzählten, ein Dauistenpriester habe mit ganz knappen Worten jemand auf den Pfad der Erkenntnis gebracht. Außerdem hieß es, ein Windstoß habe die beiden fortgetragen. Unklar blieb nur, wer es gewesen ist. Wir waren ja damit beschäftigt, die Waren zu verschicken, und hatten natürlich keine Zeit, uns näher zu erkundigen. Bis heute waren wir noch halbwegs im Zweifel, ob die Geschichte wahr sei. Wer hätte gedacht, daß es sich um den jungen Herrn Liu handelte! Hätten wir das gleich gewußt, dann hätten wir ihm alle gut zureden müssen, um ihn, koste es was es wolle, von diesem Schritt abzuhalten...“
 
„Vielleicht steckt aber auch ganz etwas anderes dahinter“, warf einer der Gehilfen ein. Und als die anderen fragten, was er damit meinte, erklärte er: „Wendig, wie er ist, muß sich der junge Herr Liu dem Dauistenpriester ja nicht wirklich angeschlossen haben. Er verstand sich doch ein wenig auf die Kunst, mit den Waffen umzugehen, und besaß auch Kraft. Wer weiß, ob er nicht die Hexereien dieses Dauisten durchschaute und nur zum Schein mitgegangen ist, um in Wirklichkeit mit ihm abzurechnen!“
 
„Wenn dem wirklich so wäre, könnte man die Sache auf sich beruhen lassen“, sagte Hsüä Pan. „Warum sollte sich nicht jemand finden, der einmal mit diesen Kerlen abrechnet, die mit ihren teuflischen Lehren die Leute verdummen?“
 
„Habt Ihr eigentlich nicht nach ihm suchen lassen, als Ihr von der Sache erfahren habt?“ wollten die Gehilfen nun wissen.
 
„Überall habe ich gesucht, innerhalb und außerhalb der Stadt“, beteuerte Hsüä Pan. „Auch wenn ihr vielleicht darüber lachen werdet, aber als ich ihn nicht finden konnte, habe ich sogar geweint.“ Nach diesen Worten seufzte und ächzte er und war überhaupt apathisch und unlustig, ganz anders als in früheren Tagen. Bei diesem Anblick konnten seine Handlungsgehilfen nicht gut lange bei ihm verweilen. So tranken sie nur noch ohne viel Umstände ein paar Becher Wein, aßen von den Speisen, und dann gingen sie wieder fort.
 
Als Bau-yü mit Dai-yü zu Bau-tschai kam, sagte er nach der Begrüßung: „Mit großer Anstrengung hat dir dein Bruder diese Sachen mitgebracht, und anstatt sie zu behalten, schenkst du sie uns.“
 
Lächelnd entgegnete Bau-tschai: „Es war ja nichts Besonderes, nur Lokalprodukte aus der Ferne. Wenn ihr ein wenig Spaß daran habt, ist alles in Ordnung.“
 
„In der Kindheit hat man solche Sachen gar nicht beachtet“, sagte Dai-yü. „Aber wenn man sie jetzt sieht, erscheinen sie einem wirklich als etwas Besonderes.“
 
„Weißt du“, erwiderte Bau-tschai lächelnd, „das ist nichts anderes als das Sprichwort besagt ‚Die Entfernung vom Heimatort macht die Dinge wertvoll.‘ Aber was stellen sie schon großartig dar!“
 
Als Bau-yü diese Worte hörte, die Dai-yü an ihren Kummer von eben erinnern mußten, lenkte er rasch ab: „Wenn dein Bruder vielleicht nächstes Jahr wieder nach dem Süden reist, muß er uns noch mehr davon mitbringen.“
 
Dai-yü schoß einen Blick zu ihm hinüber, dann sagte sie: „Wenn du etwas haben willst, dann sag es nur, aber zieh nicht andere mit hinein! – Hör dir das an, Kusine, er kommt sich nicht bei dir bedanken, er will eine Bestellung für nächstes Jahr aufgeben!“
 
Bau-tschai und Bau-yü lachten darüber, dann plauderten sie zu dritt weiter und kamen dabei auf Dai-yüs Krankheit zu sprechen. Nachdem Bau-tschai schon ein Weilchen auf Dai-yü eingeredet hatte, sagte sie schließlich: „Wenn du dich lustlos fühlst, mußt du dich mit Gewalt zusammenreißen und draußen spazierengehen, um die miese Stimmung zu vertreiben. Das ist auf jeden Fall besser, als traurig im Zimmer zu hocken. Habe ich mich vor ein paar Tagen nicht selbst auch träge und fiebrig gefühlt, und hatte ich nicht nur noch den Wunsch, mich hinzulegen? Aber weil ich bei diesem trügerischen Wetter fürchtete, krank zu werden, suchte ich mir Beschäftigung, um darüber hinwegzukommen. Erst in den letzten Tagen fühle ich mich wieder besser.“
 
„Du hast natürlich recht“, pflichtete Dai-yü ihr bei. „Ich denke genauso.“
 
Ehe sie sich trennten, saßen sie noch ein Weilchen beisammen, und dann begleitete Bau-yü erst Dai-yü bis ans Tor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, bevor er wieder seine eigenen Räume aufsuchte.
 
Als Nebenfrau Dschau sah, daß auch Djia Huan einige Geschenke von Bau-tschai erhielt, war sie hocherfreut und dachte sich: „Man kann wahrhaftig niemand einen Vorwurf machen, wenn er von dieser Bau-tschai sagt, sie wisse sich zu benehmen und sei großzügig. Wie es jetzt aussieht, ist das wirklich wahr. Wieviel kann denn ihr Bruder von diesen Sachen mitgebracht haben, und trotzdem schickt sie jemand damit von Tür zu Tür, übergeht niemand dabei und zeigt auch nicht, wer ihr mehr wert ist und wer weniger. Sogar an uns Unglücksmenschen hat sie noch gedacht. Dai-yü dagegen hätte an ihrer Stelle nicht einmal einen Blick für uns übrig gehabt, von Geschenken ganz zu schweigen.“
 
Bei diesen Überlegungen drehte und wendete sie die Geschenke, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, und plötzlich fiel ihr ein, daß ja Bau-tschai eine Blutsverwandte von Dame Wang war. Warum sollte sie also die Gelegenheit nicht nutzen, um sich bei Dame Wang einzuschmeicheln! Mit den Geschenken in der Hand ging sie verstohlen zu Dame Wang hinüber, nahm dort an der Seite Aufstellung, setzte ein Lächeln auf und sagte: „Das hier hat Huan eben von Fräulein Bau-tschai bekommen. Ist es nicht bewundernswert, daß ein junges Mädchen so aufmerksam ist?
 
Das ist wirklich die rechte Art für ein Fräulein aus großem Hause – aufgeschlossen und großzügig. Wie sollte man sie da nicht verehren?! Kein Wunder, daß die alte gnädige Frau und auch Ihr, gnädige Frau, sie nur immer mit Lob und Liebe bedenkt! Darum wage ich es auch nicht, die Geschenke ganz für uns allein zu behalten, und komme extra damit her, um sie Euch zu zeigen, damit auch Ihr Eure Freude daran habt, gnädige Frau.“
 
Dame Wang begriff natürlich sofort, warum Nebenfrau Dschau gekommen war, und hörte, daß es Unsinn war, was sie vorbrachte. Andererseits war es ihr nicht gut möglich, sie einfach unbeachtet zu lassen, darum sagte sie: „Nimm nur und laß Huan damit spielen!“
 
Nebenfrau Dschau war in Hochstimmung gekommen, nun aber hatte sie sich wider Erwarten eine Abfuhr geholt. Innerlich erfüllt von Wut, was sie nicht zu zeigen wagte, zog sie betreten wieder ab. Als sie in ihre Räume kam, warf sie die Sachen beiseite und murmelte: „Was ist das schon groß!“ Dann setzte sie sich nieder und brütete eine Weile ärgerlich vor sich hin.
 
Als Ying-örl und die alte Sklavenfrau alle Geschenke ausgetragen hatten und zurückkamen, machten sie Bau-tschai davon Meldung und berichteten ihr, was jeder zum Dank gesagt hatte und wieviel Trinkgeld sie bekommen hatten. Dann ging die alte Sklavenfrau hinaus, Ying-örl aber trat einen Schritt näher und sagte leise zu Bau-tschai: „Als ich eben bei der zweiten jungen gnädigen Frau war, hat sie ein ganz böses Gesicht gemacht. Nachdem ich ihr die Geschenke übergeben hatte und wieder draußen war, befragte ich heimlich Hsiau-hung, und sie hat mir erzählt, die zweite junge gnädige Frau sei eben aus den Räumen der alten gnädigen Frau zurückgekommen, aber gar nicht so fröhlich und ausgelassen wie sonst, habe Ping-örl zu sich gerufen und geheimnisvoll mit ihr geflüstert. Das sieht doch so aus, als ob etwas Schwerwiegendes vorgefallen wäre. Habt Ihr nicht gehört, ob es drüben bei der alten gnädigen Frau etwas gegeben hat?“
 
Auch Bau-tschai war verwundert und konnte sich nicht vorstellen, worüber Hsi-fëng böse sein sollte. Darum sagte sie: „Ein jeder hat seine eigenen Sorgen. Wie könnten wir uns um alles kümmern?! Geh mir jetzt Tee holen!“
 
Also ging Ying-örl hinaus und goß Tee ein, aber davon soll hier nicht erzählt werden.
 
Als Bau-yü dann Dai-yü nach Hause begleitet hatte, dachte er über ihre Einsamkeit und Bitternis nach, und unwillkürlich überkam auch ihn der Schmerz. Er hätte gern mit Hsi-jën darüber gesprochen, aber als er in seine Räume trat, waren nur Schë-yüä und Tjiu-wën da. Also erkundigte er sich: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“
 
„Wo könnte sie anders sein als in einem der Gehöfte hier?“ gab Schë-yüä zurück. „Sie geht dir schon nicht verloren. Kaum daß sie einmal nicht da ist, mußt du gleich nach ihr suchen.“
 
„Ich habe nicht Angst, daß sie mir verloren gehen könnte, sondern ich war eben bei Fräulein Lin und habe gesehen, daß sie wieder einmal sehr traurig ist“, sagte Bau-yü lächelnd. „Als ich nach dem Grund fragte, stellte sich heraus, daß der Anblick der Geschenke von Fräulein Hsüä, weil sie aus ihrer Heimatgegend kommen, alte Wunden bei ihr aufgerissen hat. Das wollte ich Hsi-jën sagen, damit sie zu Fräulein Lin hinübergeht, wenn sie etwas Muße hat, und sie tröstet.“
 
Bei diesen Worten kam Tjing-wën herein und sagte: „Da bist du ja! Wen willst du wieder einmal trösten lassen?“
 
Da erzählte Bau-yü auch ihr, was er eben gesagt hatte, und Tjing-wën berichtete: „Schwester Hsi-jën ist gerade erst fortgegangen. Ich habe gehört, wie sie gesagt hat, sie wolle zur zweiten jungen gnädigen Frau hinüber. Wer weiß, vielleicht schaut sie auch bei Fräulein Lin mit hinein.“
 
Nun sagte Bau-yü nichts mehr, und Tjiu-wën goß ihm Tee ein. Nachdem er sich den Mund damit gespült hatte, reichte er die Schale einem der kleineren Sklavenmädchen und streckte sich betrübt, wie er war, auf seinem Bett aus.
 
Hsi-jën hatte sich, als Bau-yü ausgegangen war, zunächst eine Zeitlang mit einer Handarbeit beschäftigt. Dann war ihr plötzlich eingefallen, daß ja Hsi-fëng sich nicht wohl fühlte, daß sie schon tagelang nicht bei ihr gewesen war und daß sie doch gehört hatte, Djia Liän sei nicht zu Hause. Eine günstige Gelegenheit für einen großen Plausch! Also sagte sie zu Tjing-wën: „Bleibt schön im Haus und lauft nicht alle weg, damit Bau-yü nicht etwa niemand vorfindet, wenn er zurückkommt!“
 
„O weh, du bist wirklich die einzige, die sich hier Gedanken um ihn macht, während alle andern nur Müßiggänger und unnütze Fresser sind“, gab Tjing-wën zurück.
 
Hsi-jën lachte nur darüber und ging hinaus, ohne etwas erwidert zu haben. Als sie an die Duftgetränkte Brücke kam, standen dort – denn es war die Zeit zwischen Sommerende und Herbstanfang – die Lotosblumen eben an der Schwelle zwischen Unversehrtheit und Verfall, und ihr Rot und Grün war schon in Auflösung begriffen. Im Weitergehen erfreute sich Hsi-jën an dem Anblick, der sich ihr am Deich entlang bot, doch als sie unversehens den Kopf hob, erblickte sie unter dem Weinspalier am anderen Ufer eine Gestalt, die einen Flederwisch in der Hand hielt und damit herumfuchtelte. Als sie näher kam, erkannte sie Mutter Dschu.
 
Kaum war die Alte auf Hsi-jën aufmerksam geworden, kam sie ihr mit lächelnder Miene entgegen und fragte: „Wie kommt es denn, daß Ihr heute Zeit habt, spazierenzugehen, Fräulein?“
 
„Woher denn!“ sagte Hsi-jën abwehrend, „ich bin auf dem Wege zur zweiten jungen gnädigen Frau, um nach ihr zu sehen. Aber was treibst du hier?“
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Lachend gab Bau Örls Frau Hsing-örl einen Klaps und sagte: „Es ist schon etwas Wahres daran, aber du dichtest so viel Unsinn dazu, daß man dir einfach nicht glauben kann. Deinem Gerede nach sollte man meinen, du gehörst nicht zum Gefolge des zweiten jungen Herrn, sondern zu Bau-yüs Leuten.
„Ich scheuche die Wespen fort“, entgegnete die Alte. „In diesem Jahr hat es während der Hundstage wenig Regen gegeben, und so sind die Obstbäume voller Ungeziefer. So zerfressen ist das Obst, daß vieles schon abgefallen  ist. Und  am  allerschlimmsten  sind  die Wespen.  Ihr habt das wahrscheinlich noch nicht gewußt, Fräulein, aber wenn sie von einer Traube auch nur zwei, drei Beeren anfressen und der Saft tropft daraus auf die guten Beeren, dann verfault die ganze Traube. Da, seht nur, während wir miteinander sprachen, hielt ich den Wedel still, und schon sitzen jede Menge Wespen auf den Beeren.
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Eben wollte die zweite Schwester You eine weitere Frage stellen, da kam ihr die dritte Schwester zuvor und erkundigte sich lächelnd: „Was macht eigentlich euer Bau-yü, außer zur Schule zu gehen?“
„Wie viele kannst du schon wegscheuchen, selbst wenn du ununterbrochen wedelst“, wandte Hsi-jën ein. „Du mußt den Einkäufern sagen, sie sollen viele, viele Beutel aus Baumwollgaze machen lassen, von denen dann einer über jede Traube gezogen wird. So bekommen sie Luft und sind trotzdem geschützt.“
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„Nach ihm solltet Ihr lieber nicht fragen, Frau Tante“, erwiderte Hsing-örl mit lächelnder Miene. „Denn wenn ich von ihm erzähle, werdet Ihr mir vielleicht nicht glauben. Groß, wie er ist, hat er nie einen ordentlichen Unterricht besucht. Welcher Mann in unserm Hause, vom alten Ahnherrn bis zu unserem jungen Herrn, hätte nicht zehn Jahre lang die Schulbank gedrückt?! Er aber mag nicht lernen, der Liebling der alten gnädigen Frau. Zu Anfang hat der gnädige Herr noch versucht, ihn zu bändigen, jetzt aber wagt er das nicht mehr.
„Ihr habt recht, Fräulein“, sagte die Alte lächelnd. „Ich mache das hier in diesem Jahr zum erstenmal, darum habe ich diesen Kniff noch nicht gekannt.“ Dann fuhr sie fort: „Es ist zwar viel Obst verdorben in diesem Jahr, aber wohlschmeckend ist es. Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, werde ich Euch etwas pflücken, damit Ihr kosten könnt.“
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Bau-yü gebärdet sich stets wie verrückt. Was er sagt, versteht keiner, und was er tut, weiß keiner. Alle sehen nur, daß er hübsch ist, und meinen, er müsse natürlich auch klug sein. In Wirklichkeit aber ist er äußerlich klar und innerlich trüb. Wenn er mit Leuten zusammentrifft, weiß er keinen einzigen Satz zu sagen, und sein Glück ist nur, daß er ein paar Schriftzeichen kennt, obwohl er keine Schule besucht hat. Weder treibt er literarische Studien, noch macht er militärische Übungen, und Besucher zu empfangen fürchtet er sich. Nur immer mit den Mädchen herumtollen möchte er.
„Wie ginge das an?!“ hielt Hsi-jën ihr mit ernsthafter Miene vor. „Ganz abgesehen davon, daß es noch nicht reif und deshalb nicht zu genießen ist, selbst wenn es reif wäre, könnten wir doch nicht davon essen, noch ehe den Oberen davon dargebracht ist. Du bist doch hier im Dienst alt geworden, hast du da etwa nicht einmal diese Regel begriffen?“
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Er hat auch kein Gefühl dafür, wo Härte angebracht ist und wo Nachgiebigkeit. Wenn er uns sieht, und er hat gute Laune, dann tobt er mit uns zusammen herum, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ist er aber nicht bei Laune, dann geht er allein seines Weges und kümmert sich um niemand. Wenn wir herumsitzen oder herumliegen und ihn nicht beachten, macht er uns keine Vorwürfe. Deshalb hat niemand Respekt vor ihm, und jeder kommt bei ihm durch, wie es ihm paßt.“
„Ihr seid ganz im Recht, Fräulein“, sagte die Alte rasch und lächelte dazu. „Nur weil ich mich so freute, Euch zu sehen, wagte ich, Euch von dem Obst anzubieten, und habe dadurch die Regel verletzt. Ich werde wirklich schon dumm vor Alter.“
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„So redet ihr, wenn die Herrschaft großzügig ist, wenn sie aber streng ist, beklagt ihr euch“, sagte die dritte Schwester You lächelnd. „Da sieht man, wie schwer mit euch auszukommen ist.
„Schon gut“, beschwichtigte Hsi-jën sie nun. „Wenn nur ihr alten Ammen den Jüngeren kein schlechtes Beispiel gebt, ist schon alles in Ordnung.“
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„Er hatte uns gut gefallen, und dabei steht es so mit ihm“, bemerkte die zweite Schwester You. „Schade um so einen guten Jungen!
Nach diesen Worten ging Hsi-jën geradewegs zum Gartentor hinaus und begab sich zu den Wohnräumen von Hsi-fëng. Kaum war sie hier in den Hof getreten, hörte sie Hsi-fëngs Stimme: „Hat man da noch Worte?! Während ich hier krank im Bett schmore, wird er mehr und mehr zum Banditen!
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„Glaub doch nicht, was er uns hier erzählt, Schwester!“ wandte die dritte Schwester You ein. „Wir haben ihn doch selbst schon öfter als ein- oder zweimal gesehen. Sein Benehmen, seine Ausdrucksweise und seine Eßgewohnheiten haben etwas Mädchenhaftes, aber das liegt einfach daran, daß er es aus den inneren Gemächern so gewöhnt ist. Dumm ist er nicht.
Hsi-jën begriff, daß etwas vorgefallen sein mußte und daß sie deshalb weder gut vor noch zurück konnte, darum trat sie etwas lauter auf und fragte durchs Fenster: „Bist du zu Hause, Schwester Ping-örl?
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Erinnerst du dich, wie wir in der Trauerzeit mit ihm zusammen waren? An dem Tag, als die Mönche da waren und betend den Sarg umschritten, standen wir alle dabei, und Bau-yü hat sich vor uns gestellt. Die andern sagten, er besäße kein Anstandsgefühl und sei aufdringlich, aber hat er uns nicht später leise gesagt: ‚Ihr müßt nicht denken, ich sei aufdringlich! Ich habe mir gesagt, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch würde euch durchräuchern.‘ Als er anschließend Tee trank und du auch welchen wolltest, goß dir die Alte den Tee in seine Schale, aber er hat sofort gesagt: ‚Ich habe die Schale verschmutzt, sie muß erst ausgewaschen werden!‘
Rasch antwortete Ping-örl von drinnen jawohl und ging Hsi-jën entgegen.
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Diese beiden Vorfälle scheinen mir bei nüchterner Betrachtung zu zeigen, daß er mit Mädchen auf jeden Fall auskommen kann. Außenstehende können ihn eben nicht verstehen, weil er nicht den Formen entspricht, die ihnen richtig erscheinen.“
„Ist die zweite junge gnädige Frau auch zu Hause? Geht es ihr wieder besser?“ erkundigte sich Hsi-jën, und schon stand sie im Zimmer.
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„Wenn man dich so hört, möchte man meinen, ihr beide harmoniert miteinander nach Gefühl und Verstand. Wäre es nicht doch gut, dich mit ihm zu verloben?“ fragte die zweite Schwester You lächelnd.
Hier gab sich Hsi-fëng den Anschein, als habe sie auf dem Bett geruht, und als Hsi-jën eintrat, erhob sie sich lächelnd und sagte: „Etwas besser geht es mir schon. Entschuldige, daß ich dir Sorgen bereitet habe! Aber warum bist du in all den Tagen nie herübergekommen, um ein Weilchen mit uns zusammenzusitzen?“
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In Gegenwart von Hsing-örl konnte die dritte Schwester You nicht gut etwas erwidern, darum senkte sie nur den Kopf und knackte Kürbiskerne.
„Ihr befindet Euch unwohl, junge gnädige Frau, und so müßten wir eigentlich tagtäglich kommen, um Euch Wohlergehen zu wünschen“, erklärte Hsi-jën. „Aber ich hatte mir gedacht, da Ihr nicht auf dem Posten seid, wolltet Ihr Euch bestimmt ungestört der Ruhe hingeben, und wenn wir kämen, würde unser Geschwätz Euch lästig werden.“
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Hsing-örl dagegen sagte lächelnd: „Nach Aussehen, Betragen und Charakter würden sie ein gutes Paar abgeben, aber Bau-yü hat schon jemand, wenn es auch noch nicht bekanntgegeben ist. Ganz ohne Zweifel ist Fräulein Lin seine Zukünftige. Nur weil sie so viel krank ist und sie beide noch zu jung sind, ist es noch nicht dazu gekommen. Aber wenn in zwei, drei Jahren die alte gnädige Frau das entscheidende Wort spricht, wird es bestimmt keine Einwände geben.“
„Von lästig kann nicht die Rede sein“, gab Hsi-fëng lächelnd zurück, „aber von all den Mädchen in Bau-yüs Räumen bist du die einzige, auf die Verlaß ist, und so kannst du wirklich nicht fort. Doch Ping-örl hat mir oft berichtet, wie du dich insgeheim um mich gesorgt und dich oft nach mir erkundigt hast. Damit hast du getan, was du konntest.“ Dann befahl sie Ping-örl, einen Hocker zu bringen und an ihr Bett zu stellen, damit Hsi-jën sich setzen konnte.
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Während sie so miteinander plauderten, kam Lung-örl wieder zurück und berichtete: „Der Auftrag des alten gnädigen Herrn ist vertraulich und von größter Wichtigkeit. Er schickt den jungen Herrn deswegen in die Bezirksstadt Ping-an<ref>Der Ortsname ist fiktiv.</ref>. Schon in drei bis fünf Tagen soll er sich auf den Weg machen, und für Hin- und Rückreise wird er bestimmt einen halben Monat brauchen. Heute kann der junge Herr nicht mehr kommen. Er läßt die gnädige Frau bitten, alles mit der Frau Tante abzusprechen, damit die Angelegenheit entschieden werden kann, wenn er morgen kommt.“
Als Fëng-örl dann den Tee hereinbrachte, verneigte sich Hsi-jën im Sitzen und forderte sie auf: „Nimm doch Platz, Schwester!“
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Nach diesen Worten ging Lung-örl wieder fort und nahm auch Hsing-örl mit. Die zweite Schwester You befahl dann, das Tor zu schließen, und ging früh zu Bett. Die ganze Nacht über setzte sie ihrer jüngeren Schwester mit Fragen zu.
Während sie dann miteinander plauderten, hörte Hsi-jën, wie im Vorraum ein kleineres Sklavenmädchen leise zu Ping-örl sagte: „Lai Wang ist da, er wartet am Innentor.“ Und Ping-örl erwiderte genauso leise: „Gut, ich weiß Bescheid. Schick ihn noch einmal weg, und wenn er dann wieder da ist, soll er hereinkommen, ohne am Tor stehenzubleiben.“
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Am nächsten Tag erschien Djia Liän erst am Nachmittag, und die zweite Schwester You redete ihm zu: „Wenn du etwas Wichtiges zu tun hast, warum mußt du dann hierher kommen, obwohl du in Eile bist? Auf keinen Fall darfst du um meinetwillen deine Pflichten vernachlässigen!“
Daraus schloß Hsi-jën, daß sie hier im Wege war, und nach einigen weiteren Sätzen stand sie auf, um zu gehen.
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„Es ist ja nichts Besonderes“, erwiderte Djia Liän, „ich muß nur wieder einmal eine weite Reise machen. Sobald der neue Monat begonnen hat, breche ich auf, und einen halben Monat später kann ich erst wieder zurück sein.“
„Wenn du wieder einmal Zeit hast, komm her, setz dich zu uns und plaudere mit uns, das macht mir Freude“, forderte Hsi-fëng sie auf. Dann befahl sie Ping-örl: „Begleite deine Schwester hinaus!“
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„Dann reite nur unbesorgt!“ riet ihm die zweite Schwester You. „Hier brauchst du dir um nichts Sorgen zu machen. Meine Schwester gehört nicht zu denen, die jeden Morgen und jeden Abend die Meinung ändern. Sie hat gesagt, sie bessert sich, also bessert sie sich auch. Und nachdem sie sich einmal jemand ausgesucht hat, brauchst du nur zuzustimmen, und alles ist in Ordnung.“
Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und trat mit Hsi-jën hinaus. Dort standen zwei, drei kleinere Sklavenmädchen in korrekter Haltung wartend bereit und wagten kaum zu atmen. Hsi-jën konnte sich keinen Reim darauf machen und ging ihres Weges.
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„Wer ist es denn nun?fragte Djia Liän.
Kaum hatte sie Hsi-jën draußen verabschiedet, ging Ping-örl wieder hinein und meldete Hsi-fëng: „Eben ist Lai Wang gekommen, aber weil Hsi-jën hier war, habe ich ihm sagen lassen, er solle draußen warten. Soll ich ihn jetzt gleich holen lassen, oder wollt Ihr warten, bis er wiederkommt? Ich bitte um Eure Weisung, junge Herrin.“
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„Er ist jetzt nicht hier, und niemand weiß, wann er zurückkommt“, sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Es ist erstaunlich, was meine Schwester für einen Blick hat! Sie sagt, wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr, und wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre. Wenn er aber tot ist und nie mehr wiederkommt, will sie sich das Haar scheren und Nonne werden, um bis ans Ende ihrer Tage Klosterkost zu essen und zu Buddha zu beten.“
„Laß ihn holen!“ sagte Hsi-fëng, und sofort befahl Ping-örl den kleinen Sklavenmädchen, hinauszugehen und Lai Wang zu bestellen, er solle jetzt kommen.
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„Wer ist es, der ihr Herz so beeindruckt hat?“ fragte Djia Liän erneut.
Dann erkundigte sich Hsi-fëng bei Ping-örl: „Wie hast du es erfahren?
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„Das ist eine lange Geschichte“, sagte die zweite Schwester You. „Als unsere Großmutter vor fünf Jahren ihren Geburtstag feierte, ging unsere Mutter mit uns zusammen zu ihr, um ihr ein langes Leben zu wünschen. Die Familie unserer Großmutter hatte eine Truppe von Liebhaberschauspielern zu sich gebeten, unter denen einer war, der junge Männer spielte und Liu Hsiang-liän hieß. In ihn hat sich meine Schwester verliebt und will jetzt nur ihn heiraten und keinen andern. Aber voriges Jahr hörten wir, er habe Unannehmlichkeiten gehabt und sei geflohen. Ob er jetzt wieder zurück ist, wissen wir nicht.“
„Eine kleine Magd hat es mir erzählt, dieselbe wie voriges Mal“, gab Ping-örl Auskunft. „Sie sagte, daß sie am Innentor gehört hätte, wie zwei von den Jungens hinter dem Tor miteinander sprachen und der eine sagte: ‚Die neue Frau des zweiten jungen Herrn ist schöner als die alte, und ein besseres Gemüt hat sie auch.‘ Dann habe Lai Wang oder wer die beiden angeschrien und gesagt: ‚Was heißt neue Frau, alte Frau?! Wollt ihr wohl endlich still sein! Wenn die drinnen davon erfahren, wird man euch die Zunge abschneiden!‘“
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„Schau einer an!“ rief Djia Liän aus, „ich frage mich, was für ein Mensch das sein muß, und nun stellt sich heraus, daß er es ist! Deine Schwester hat wirklich einen guten Blick. Ihr scheint aber nicht zu wissen, daß dieser junge Herr Liu zwar ein schöner Mann ist, aber sehr kühl und reserviert. Mit Durchschnittsmenschen hat er nicht viel im Sinn, aber mit Bau-yü kommt er bestens aus. Im vergangenen Jahr hat er diesen Dummkopf Hsüä Pan verprügelt, und weil es ihm danach peinlich war, mit uns zusammenzutreffen, ist er für eine Weile irgendwohin verschwunden.
Während Ping-örl das erzählte, kam eines der kleineren Sklavenmädchen herein, um zu melden: „Lai Wang wartet draußen.“
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Später habe ich zwar von jemand gehört, er sei zurückgekommen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt oder nur erdacht ist. Wir brauchen uns nur bei Bau-yüs Knaben danach zu erkundigen, dann wissen wir es. Wenn er aber noch nicht wieder hier ist, kann es bei seiner unsteten Lebensweise leicht sein, daß er erst in einigen Jahren wieder auftaucht. Hieße das nicht, daß deine Schwester ganz umsonst wartet?
Mit kühlem Lächeln befahl Hsi-fëng: „Er soll hereinkommen!
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„Was meine Schwester sagt, das meint sie auch so“, erwiderte die zweite Schwester You. „Halten wir uns also daran, was sie gesagt hat!“
Das Sklavenmädchen ging hinaus und sagte dort: „Die junge gnädige Frau läßt rufen.“ Sofort sagte Lai Wang jawohl und trat ins Haus. Nachdem er seinen Gruß entboten hatte, nahm er mit dienstfertig herabhängenden Armen an der Tür des Vorraums Aufstellung.
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Während die beiden miteinander sprachen, kam die dritte Schwester You dazu und sagte: „Sei unbesorgt, Schwager! Ich gehöre nicht zu den Leuten, deren Mund etwas anderes spricht, als das Herz empfindet. Was ich sage, das gilt. Wenn Liu kommt, dann heirate ich ihn. Von heute an werde ich fleischlose Kost essen, zu Buddha beten und meiner Mutter dienen, bis er kommt und ich ihn heiraten kann. Wenn er aber auch in hundert Jahren nicht kommt, dann will ich gehen und mich Andachtsübungen widmen.
„Komm her, ich will dich etwas fragen!“ sagte Hsi-fëng, und jetzt erst trat Lai Wang in den Innenraum und blieb wieder an der Tür stehen.
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Mit diesen Worten schlug sie einen jadenen Haarpfeil in zwei Hälften und setzte hinzu: „Wenn auch nur ein einziger Satz unwahr ist, soll es mir so ergehen wie diesem Haarpfeil!“ Dann begab sie sich in ihr Zimmer, und von Stund an gab es bei ihr keine Bewegung und kein Wort mehr, die nicht den Riten entsprochen hätten.
„Weißt du etwas davon, daß sich der junge Herr draußen jemand angeschafft hat?“ fragte Hsi-fëng.
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Djia Liän konnte nichts weiter tun, als mit der zweiten Schwester You noch ein paar Haushaltsangelegenheiten zu besprechen, dann kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück und beriet sich mit Hsi-fëng über seine Abreise. Außerdem aber schickte er jemand zu Ming-yän, um sich nach Liu Hsiang-liän zu erkundigen, und Ming-yän sagte: „Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber wahrscheinlich ist er noch nicht wieder zurück, sonst müßte ich davon wissen.Auch bei Lius Nachbarn ließ Djia Liän nachfragen, aber sie sagten ebenfalls, er sei noch nicht wieder da, und so konnte Djia Liän der zweiten Schwester You nichts anderes mitteilen als dies.
Noch einmal beugte Lai Wang das Knie und sagte: „Ich Sklave stehe tagtäglich in Erwartung von Aufträgen am Innentor, wie könnte ich davon wissen, was der junge Herr außerhalb tut?“
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Inzwischen kam der Termin für die Abreise immer näher, und schließlich sagte Djia Liän zwei Tage zu früh, er breche nun auf, während er sich in Wirklichkeit zunächst zur zweiten Schwester You begab, wo er noch zwei Nächte verbrachte, ehe er von hier aus die Reise in aller Stille wirklich antrat. Er konnte sich davon überzeugen, daß die dritte Schwester You gleichsam ein neuer Mensch geworden war, und er sah auch, daß die zweite Schwester You den Haushalt sehr umsichtig führte, so daß er sich wirklich keine Sorgen zu machen brauchte.
„Natürlich weißt du von nichts“, sagte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln, „wenn du etwas wüßtest, wie könntest du dann versuchen, ihn zu decken?!“
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Als der Tag des Aufbruchs gekommen war, verließ Djia Liän früh am Morgen die Stadt und schlug den Weg nach Ping-an ein. Am Tage ritt er, bei Nacht rastete er, wenn er durstig war, trank er, und wenn er hungrig war, aß er. Eben war er den dritten Tag unterwegs, da kamen ihm Packpferde und ein Trupp von etwa zehn Reitern, Herren und Diener, entgegen, und als er näher kam, erkannte er, daß es niemand anders als Hsüä Pan und Liu Hsiang-liän waren. Zutiefst verwundert ließ Djia Liän seinem Pferd die Zügel locker, und als er heran war und sie einander begrüßt und die üblichen Phrasen gewechselt hatten, kehrten sie in einem Wirtshaus ein, um zu rasten und sich auszusprechen.
Aus diesen Worten schloß Lai Wang, daß er sich schon verraten hatte, und da er fürchtete, nichts mehr vertuschen zu können, kniete er nieder und berichtete: „Ich Sklave weiß wahrhaftig nichts. Neulich habe ich Hsing-örl und Hsi-örl nur die Meinung gesagt, als sie diesen Unsinn schwatzten, aber die näheren Umstände kenne ich nicht, und ich möchte Euch keinen falschen Bericht geben, junge gnädige Frau. Fragt bitte Hsing-örl, er ist lange Zeit mit dem jungen Herrn zusammen draußen gewesen.
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„Nachdem ihr euren Krach miteinander hattet, wollten wir euch sofort wieder versöhnen, aber von Bruder Liu fehlte jede Spur. Wie kommt es, daß ihr heute zusammen seid?“ erkundigte sich Djia Liän lächelnd.
Als Hsi-fëng das gehört hatte, spuckte sie aus, so stark sie konnte, und schimpfte: „Ihr verkommenes, gewissenloses Pack! Ihr steckt doch alle unter einer Decke und glaubt, ich merke nichts. Hol mir Hsing-örl, diesen Hurensohn! Aber geh nicht fort! Wenn ich mit ihm fertig bin, rede ich mit dir weiter. Ha! Ein sauberes Gesindel habe ich da in meinen Diensten herangezogen!
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„Es gibt schon seltsame Dinge auf dieser Welt!“ erwiderte Hsüä Pan, ebenfalls lächelnd. „Ich hatte mit meinen Gehilfen zusammen Waren eingekauft, dann machten wir uns im Frühjahr auf den Heimweg und hatten auch eine gute Reise. Als wir jedoch neulich an die Bezirksgrenze von Ping-an kamen, stießen wir auf eine Bande von Räubern, die uns alles abnahmen, was wir hatten. Dann aber tauchte plötzlich Bruder Liu auf, schlug die Räuber in die Flucht, jagte ihnen unsere Waren wieder ab und rettete uns das Leben.
Lai Wang hatte keine andere Wahl, als immer wieder jawohl zu sagen. Dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, rappelte sich auf und ging hinaus, um Hsing-örl zu holen.
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Meine Dankgeschenke wollte er nicht annehmen, statt dessen haben wir miteinander Brüderschaft auf Leben und Tod geschlossen. Jetzt sind wir zusammen auf dem Weg in die Hauptstadt, und in Zukunft werden wir wie leibliche Brüder leben. Am nächsten Kreuzweg müssen wir uns allerdings noch einmal trennen, denn zweihundert Li südlich von dort wohnt eine Tante von Bruder Liu, die er besuchen will. Ich aber reise vor, und sobald ich meine Angelegenheiten geregelt habe, suche ich ihm ein Haus und eine gute Frau, und dann kann das Leben beginnen.“
Hsing-örl saß gerade mit anderen Sklavenjungen zusammen in der Buchhaltung beim Spiel, als er hörte, die zweite junge Herrin lasse ihn rufen. Im ersten Augenblick fuhr er vor Schreck zusammen, aber da er nicht ahnen konnte, was bereits im Gange war, folgte er Lai Wang rasch nach drinnen.
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„So ist das also! Und wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte Djia Liän. Und da schon von der Suche nach einer Frau die Rede war, fügte er rasch hinzu: „Ich wüßte eine Partie, die gerade das Richtige für Bruder Liu ist.Und er erzählte, wie er die zweite Schwester You zu seiner Frau gemacht hatte und daß er jetzt ihre jüngere Schwester verheiraten wollte. Nur daß die dritte Schwester You ihren Bräutigam selbst bestimmt hatte, verschwieg er. Dann schärfte er Hsüä Pan noch ein: „Du darfst aber zu Hause nichts davon erzählen! Sobald sie mir einen Sohn geboren hat, werden sie es natürlich erfahren.
Als Lai Wang zuerst allein hineinging und meldete, Hsing-örl sei da, brüllte Hsi-fëng mit furchtbarer Stimme: „Hol ihn herein!“
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Hsüä Pan fand größtes Gefallen an der Sache und sagte: „Das hättest du längst machen sollen. Schließlich ist Kusine Hsi-fëng selbst daran schuld...“
Kaum daß Hsing-örl diese Stimme vernahm, wußte er weder aus noch ein, aber wohl oder übel mußte er seinen Mut zusammennehmen und eintreten. Als Hsi-fëng ihn erblickte, sagte sie sofort: „Ein feiner Schlingel bist du! Und feine Dinge treibst du mit deinem Herrn! Los, raus mit der Sprache!
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„Du vergißt dich wieder einmal, wirst du wohl den Mund halten!“ unterbrach ihn Liu Hsiang-liän lächelnd.
Bei diesen Worten und beim Anblick von Hsi-fëngs Miene und den Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten bereitstanden, begannen Hsing-örl die Glieder zu schlottern, und schon kniete er nieder und schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden.
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Wirklich hielt Hsüä Pan rasch damit inne und lenkte ab: „Also, diese Verlobung müssen wir unbedingt zustande bringen!“
„Wie ich hörte, hast du ja mit der Sache nichts zu tun“, fuhr Hsi-fëng jetzt fort, „aber dein Fehler war es, daß du mir nicht schon längst davon berichtet hast. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, will ich dir noch verzeihen, aber wenn du auch nur ein einziges Wort lügen willst, dann überzeug dich besser als erstes, wie viele Köpfe du auf den Schultern hast!“
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„Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nur eine einmalige Schönheit zur Frau zu nehmen“, erklärte Liu Hsiang-liän, „aber aus Achtung vor meinen werten Brüdern will ich mich nicht lange bedenken, sondern eurem Urteil folgen und jeden Befehl akzeptieren.
Zitternd schlug Hsing-örl noch einmal mit der Stirn vor ihr auf den Boden, ehe er fragte: „Was für Dinge meint Ihr, junge gnädige Frau, die ich Sklave mit dem jungen Herrn zusammen verbrochen haben soll?“
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„Worte sind natürlich kein Beweis“, sagte Djia Liän, „aber wenn du meine Schwägerin erst siehst, wirst du feststellen, daß sie nach Charakter und Aussehen nicht ihresgleichen hat, soweit du auch in der Geschichte zurückgehen magst.“
Jetzt begann es in Hsi-fëng zu kochen, und sie schrie: „Aufs Maul schlagen!“
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Hocherfreut sagte Liu Hsiang-liän: „Wenn das so ist, wollen wir nur warten, bis ich meine Tante besucht habe! Noch in diesem Monat werde ich in der Hauptstadt sein, dann können wir die Sache festmachen. Wie wäre das?"
Schon trat Lai Wang näher und wollte zuschlagen, da schimpfte Hsi-fëng: „Du dummer Hurensohn! Er selbst soll sich schlagen, was braucht es dich! Für deine Ohrfeigen ist nachher noch Zeit, wenn ihr alle ihn schlagt.
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„Unser Wort soll als Abmachung gelten!“ sagte Djia Liän. „Nur habe ich nicht das rechte Vertrauen zu dir, Bruder Liu, denn deine Spuren sind unstet wie Entengrütze und Meereswellen. Es wäre schade um das Mädchen, wenn du spurlos verlorengehst. Darum mußt du mir ein Verlobungsgeschenk lassen.“
Tatsächlich holte Hsing-örl links und rechts aus und gab sich mehr als zehn Ohrfeigen.
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„Bricht ein Mann von Charakter vielleicht sein Wort?“ fragte Liu Hsiang-liän. „Außerdem bin ich bitterarm, und wer hat schon auf Reisen ein Verlobungsgeschenk bei sich?“
„Genug!“ rief Hsi-fëng und fragte: „Daß der junge Herr woanders eine neue Frau genommen hat, weißt du also nicht, nein?“
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„Habe ich nicht Sachen genug? Davon kann doch mein Vetter etwas bekommen und mitnehmen“, erbot sich Hsüä Pan.
Als Hsing-örl hörte, worum es ging, verlor er vollends den Kopf. Hastig riß er seine Mütze herunter, schlug mit der Stirn auf den Backsteinboden, daß es dröhnte, und versprach: „Wenn Ihr mir nur das Leben schenkt, junge gnädige Frau, werde ich Sklave mich nicht erdreisten, auch nur ein einziges Wort zu lügen.
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Aber lächelnd wehrte Djia Liän ab: „Es muß weder Gold noch Seide sein, sondern irgend etwas aus dem persönlichen Besitz von Bruder Liu. Der Wert spielt dabei keine Rolle, ich will es nur mitnehmen, damit es als Unterpfand dient.
„Also sprich, aber schnell!“ forderte Hsi-fëng ihn auf.
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„Wenn es so ist“, sagte Liu Hsiang-liän, „kommt, da ich dieses Schwert hier zu meiner Selbstverteidigung brauche und mich nicht davon trennen kann, nur eines in Frage, nämlich ein Paar Ente-Erpel-Schwerter<ref>Ente-Erpel-Schwerter (wörtlich: Mandarinentenpaarschwerter) war die übliche Bezeichnung für ein Schwerterpaar, dessen Klingen auf der Außenseite gewölbt, auf der Innenseite aber flach waren und das gemeinsam in einer Scheide getragen wurde. Beim Kampf wurde mit jeder Hand eines der beiden Schwerter geführt. Über die symbolische Bedeutung der Mandarinenten vgl. o., Anm. zu S. 868 (Brautentengurt).</ref>, das ich in meinem Gepäck habe. Es ist ein Familienerbstück, das ich ohnehin nicht zu benutzen wage und nur ständig bei mir trage, damit es wohlbehütet ist. Das kann Bruder Djia als Verlobungsgeschenk mitnehmen. Wenn ich auch den Charakter von fließendem Wasser und fallenden Blüten habe, auf dieses Schwerterpaar würde ich nie verzichten.“
Hsing-örl richtete sich in kniender Haltung kerzengerade auf, und dann berichtete er: „Ich Sklave hatte zuvor keine Ahnung von der Sache. Eines Tages aber, als der Leichnam des alten gnädigen Herrn aus dem anderen Anwesen schon in den Familientempel übergeführt worden war, kam Yü Lu dorthin, um sich vom gnädigen Herrn Dschën Silber geben zu lassen. Da ist unser junger Herr mit Herrn Jung zusammen in das andere Anwesen geritten, und unterwegs haben sie von den beiden Schwestern der Frau des gnädigen Herrn Dschën gesprochen. Als unser junger Herr die beiden gelobt hat, hat Herr Jung ihm zum Scherz angeboten, er wolle ihm die gnädige Frau Tante zur Frau geben...“
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Als die Sache auf diese Weise abgemacht war, tranken sie noch einige Becher, dann saßen sie wieder auf, verabschiedeten sich und ritten weiter.
Als Hsi-fëng bis hierher zugehört hatte, spuckte sie wütend aus und schnauzte ihn an: „Du schamloser Hurenbock! Was für eine gnädige Frau Tante ist sie für dich?!“
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Wahrhaftig:
Rasch schlug Hsing-örl erneut mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Ich Sklave habe den Tod verdient.“ Dann blickte er wieder auf, wagte aber nicht fortzufahren.
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Ohne vom Pferd zu steigen,
„War das schon alles? Warum sprichst du nicht weiter?fragte Hsi-fëng.
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sprengten die Feldherrn davon.
Jetzt erst machte Hsing-örl wieder den Mund auf und sagte: „Nur wenn Ihr mir Sklaven verzeiht, werde ich wagen weiterzusprechen, junge gnädige Frau.
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Eines Tages traf Djia Liän dann in Ping-an ein, wurde vom dortigen Ortskommandanten empfangen und entledigte sich seines Auftrages. Er erhielt die Weisung, um den zehnten Monat herum unbedingt noch einmal wiederzukommen, und nachdem er diesen Befehl entgegengenommen hatte, machte er sich schon am nächsten Tag wieder auf den Heimweg.  
„Einen Dreck werde ich tun!“ schimpfte Hsi-fëng, nachdem sie ein weiteres Mal ausgespuckt hatte. „Was heißt hier verzeihen? Erzähl nur hübsch weiter, es fehlt noch eine ganze Menge!
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Als erstes besuchte Djia Liän die zweite Schwester You. Sie hatte sich nach seiner Abreise höchst aufmerksam ihrem Haushalt gewidmet, hatte Tag für Tag das Tor verschlossen gehalten und sich nicht im geringsten um die Außenwelt gekümmert. Auch ihre jüngere Schwester hatte bewiesen, daß sie einen eisernen Willen besaß. In den Stunden, in denen sie nicht damit beschäftigt war, ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aufzuwarten, zog sie sich still zurück und verbrachte die Zeit, wie es ihrer Stellung entsprach. Obwohl die einsamen Nächte ungewohnt still für sie waren, hoffte sie nur, daß Liu Hsiang-liän bald käme, damit sie die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens verwirklichen konnte, und schlug sich jeden Gedanken an einen anderen aus dem Kopf. Als Djia Liän jetzt ins Haus trat und dieser Umstände gewahr wurde, fand seine Freude kein Ende, und er war tief beeindruckt von der Tugend der zweiten Schwester You. Nachdem sie die einleitenden Floskeln über das Wetter gewechselt hatten, erzählte Djia Liän, wie er unterwegs Liu Hsiang-liän begegnet war. Dann holte er das Schwerterpaar hervor und übergab es der dritten Schwester You. Diese sah, daß die Scheide mit Drachen und Ungeheuern verziert war und von Perlen und Edelsteinen funkelte. Als sie sie abzog, zeigten sich zwei eng aneinanderliegende Klingen, von denen eine die Aufschrift ‚Erpel‘, die andere die Aufschrift ‚Ente‘ trug. Ihr kalter Glanz erinnerte an zwei Streifen herbstliches Wasser.
Also fuhr Hsing-örl fort: „Als der junge Herr das hörte, hat er sich gefreut. Später ist dann, ich weiß nicht wie, Ernst aus der Sache geworden.“
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Überglücklich nahm die dritte Schwester You das Schwerterpaar in Verwahrung und hängte es in ihrem Zimmer über das Bett. Jeden Tag sah sie es an und sagte sich lächelnd, nun habe sie für den Rest ihres Lebens eine Stütze gefunden.
„Natürlich, wie könntest du das auch wissen!“ höhnte Hsi-fëng mit einem leichten ironischen Lächeln. „Alles, was du weißt, bringt dir nur Ärger ein. Also los, erzähl mir, was dann daraus geworden ist!
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Djia Liän blieb zwei Tage, dann begab er sich nach Hause, erstattete seinem Vater Bericht und entbot allen Familienangehörigen seinen Gruß. Hsi-fëng ging es inzwischen schon viel besser, sie hatte die Leitung des Hauswesens wieder übernommen und konnte auch wieder gehen.
„Dann hat Herr Jung für den jungen Herrn ein Haus gesucht“, fuhr Hsing-örl fort.
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Djia Liän berichtete auch Djia Dschën, was sich ereignet hatte, aber dieser hatte jegliches Interesse daran verloren, weil er eine neue Freundschaft geknüpft hatte, und überließ es Djia Liän, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Doch weil er Angst hatte, Djia Liäns Mittel könnten nicht ausreichen, gab er ihm immerhin dreißig Liang Silber. Djia Liän nahm es und gab es an die zweite Schwester You weiter, damit sie eine Aussteuer davon anschaffte.
„Wo ist dieses Haus?wollte Hsi-fëng sofort wissen.
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Liu Hsiang-liän traf dann erst im achten Monat in der Hauptstadt ein. Als erstes suchte er das Haus von Tante Hsüä auf, um ihr seinen Respekt zu bezeugen, und wurde dort von Hsüä Kë empfangen. Er mußte erfahren, daß Hsüä Pan den Anstrengungen der Reise und dem Ortswechsel nicht gewachsen gewesen war. Gleich nach seiner Rückkehr war er zusammengebrochen und befand sich noch immer in ärztlicher Behandlung.
„Hinter unserm Anwesen“, verriet Hsing-örl.
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Als Hsüä Pan erfuhr, Liu Hsiang-liän sei gekommen, ließ er ihn zu sich ins Schlafzimmer bitten, um ihn zu begrüßen. Auch Tante Hsüä ließ die Vergangenheit ruhen und war zutiefst bewegt von Lius Rettungstat. Mutter und Sohn dankten ihm immer wieder, dann kamen sie auf seine Hochzeit zu sprechen und berichteten ihm, alle Vorbereitungen seien getroffen, nur der Tag müsse noch bestimmt werden. Nun fand auch Liu Hsiang-liän mit seinen Dankesbeteuerungen kein Ende.
„Ach!“ sagte Hsi-fëng. Dann wandte sie sich um, blickte Ping-örl an und sagte: „Was waren wir dumm! Hör dir das an!“
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Am nächsten Tag machte Liu Hsiang-liän dann Bau-yü einen Besuch, und als sie sich wiedersahen, fühlten sie sich wie Fische, die man ins Wasser zurückgesetzt hat. Liu Hsiang-liän erkundigte sich nach Djia Liäns heimlicher Eheschließung mit seiner Nebenfrau, und Bau-yü erwiderte lächelnd: „Ich habe zwar von Ming-yän und anderen etwas darüber gehört, aber selbst gesehen habe ich nichts. Ich möchte mich auch nicht darum kümmern. Aber von Ming-yän weiß ich, daß mein Vetter Liän dringend nach dir gesucht hat, allerdings weiß ich nicht, was er dir sagen wollte.“
Ping-örl wagte kein Wort darauf zu erwidern, und Hsing-örl fuhr in seinem Bericht fort: „Die Familie Dschang hat vom gnädigen Herrn Dschën Silber bekommen, wieviel weiß ich nicht, und hat nichts dazu gesagt.“
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Nun erzählte ihm Liu Hsiang-liän ausführlich, was sich unterwegs ereignet hatte, und Bau-yü sagte lächelnd: „Ich gratuliere, ich gratuliere! So eine Schönheit ist schwer zu finden, sie hat wirklich nicht ihresgleichen in alter und neuer Zeit. Und auch ihrem Wesen nach paßt sie bestens zu dir.“
„Wieso kommt nun wieder eine Familie Dschang ins Spiel?“ erkundigte sich Hsi-fëng.
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„Aber wenn das so ist, müßte sie doch Freier genug haben“, wunderte sich Liu Hsiang-liän. „Warum hat dein Vetter nur an mich gedacht, obwohl ich mit ihm nie so vertraut gewesen bin, daß er sich um eine Frau für mich Gedanken machen müßte? Unterwegs ging alles so schnell, und er hat immer wieder darauf gedrängt, die Sache festzumachen. Kann denn die Familie des Mädchens einen Bräutigam suchen? Mir sind so meine Zweifel gekommen, und ich habe es schon bereut, ihm mein Schwerterpaar als Verlobungsgeschenk gegeben zu haben. Dann fiel mir ein, daß ich ja dich fragen kann, was dahintersteckt.
„Ihr müßt wissen, junge gnädige Frau, daß die gnädige junge Frau Tante...“ Hier unterbrach sich Hsing-örl und gab sich eine Ohrfeige. Als Hsi-fëng deswegen auflachte, verzogen auch die Sklavenmädchen, die auf beiden Seiten standen, den Mund zu einem Lächeln.
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„Du bist doch ein besonnener Mensch“, sagte Bau-. „Warum gibst du erst ein Verlobungsgeschenk, und dann fängst du an zu zweifeln? Früher hast du gesagt, du willst eine einmalige Schönheit, mehr nicht. Jetzt bekommst du eine, also gib dich zufrieden. Was mußt du noch zweifeln?“
Hsing-örl aber dachte nach und korrigierte sich dann: „Also die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën...
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„Woher weißt du überhaupt, daß sie so eine Schönheit ist, wenn du nicht einmal von dieser heimlichen Hochzeit etwas Genaues weißt?“ bohrte Liu Hsiang-liän weiter.
„Was war?“ fragte Hsi-fëng. „So rede doch endlich!“
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„Die beiden sind die Töchter der Stiefmutter von Vetter Dschëns Frau“, erklärte Bau-yü. „Ich war drüben einen ganzen Monat lang mit ihnen zusammen, wie sollte ich sie also nicht kennen?! Sie sind wirklich zwei bemerkenswerte Wesen, die nicht nur You – ‚bemerkenswert‘ – heißen.
„Die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën war eigentlich von klein auf mit einem gewissen Dschang verlobt“, erzählte Hsing-örl weiter. „Dschang Hua heißt er wohl. Aber der ist jetzt so arm, daß er auf Almosen angewiesen ist und sein Essen zusammenbetteln muß. Der gnädige Herr Dschën hat ihm Silber gegeben, und da hat er auf seine Verlobte verzichtet.“
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„An der Sache ist etwas faul, auf keinen Fall lasse ich mich darauf ein“, sagte Liu Hsiang-liän und stampfte mit dem Fuß auf. „Mit Ausnahme der beiden steinernen Löwenfiguren ist doch nichts sauber in eurem Anwesen, wahrscheinlich nicht einmal die Hunde und Katzen. Ich lasse mich nicht zum Hahnrei machen, indem ich mich mit den Resten begnüge, die ein anderer übriggelassen hat!“
Hier nickte Hsi-fëng, wandte sich zu ihren Sklavenmädchen und fragte: „Habt ihr das alles gehört? Aber zuerst hat dieser kleine Hurenbengel behauptet, er wisse von nichts.
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Bau-yü war rot geworden, als er dies hörte, und sofort schämte sich Liu Hsiang-liän seiner unbedachten Worte. Rasch machte er eine Verbeugung und sagte: „Ich habe den Tod verdient für den Unsinn, den ich schwatze! Aber sag mir wenigstens, wie es um ihren Charakter und ihr Betragen steht!“
Und wieder fuhr Hsing-örl fort: „Dann erst hat der junge Herr befohlen, das Haus neu zu tapezieren, und hat seine Frau dorthin geholt.“
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„Warum fragst du mich, wenn du so genau über alles Bescheid weißt?“ gab Bau-yü lächelnd zurück. „Vermutlich bin doch auch ich nicht sauber.“
„Woher hat er sie geholt?“ wollte Hsi-fëng wissen.
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„Sei doch bitte nicht so empfindlich, ich hatte mich einen Augenblick lang vergessen!“ bat Liu Hsiang-liän.
„Aus dem Haus ihrer Mutter“, antwortete Hsing-örl.
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„Mußt du noch einmal damit anfangen?“ fragte Bau-yü und lächelte. „Du scheinst es doch mit Absicht getan zu haben.“
„Schön“, sagte Hsi-fëng, um dann weiter zu fragen: „Hat niemand der Braut das Geleit gegeben?“
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Daraufhin verbeugte sich Liu Hsiang-liän zum Abschied und ging hinaus. „Soll ich zu Hsüä Pan gehen?“ fragte er sich. „Aber der liegt erstens krank zu Bett, und zweitens hat er ein leichtfertiges Wesen. Das beste ist, ich gehe hin und verlange mein Verlobungsgeschenk zurück!“ Kaum hatter diesen Entschluß gefaßt, machte er sich auf die Suche nach Djia Liän und fand ihn schließlich in seinem neuen Heim.
„Einzig Herr Jung“, sagte Hsing-örl, „sonst nur ein paar Mägde und alte Weiber, weiter niemand.“
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Als Djia Liän hörte, Liu Hsiang-liän sei gekommen, kannte seine Freude keine Grenze, und sofort ging er hinaus, um ihn willkommen zu heißen. Dann bat er ihn in die inneren Gemächer und machte ihn mit der alten Frau You bekannt. Liu Hsiang-liän verbeugte sich jedoch lediglich vor ihr und nannte sie auch nur „werte Frau Tante“, während er sich selbst als den ‚Spätgeborenen‘ bezeichnete, was Djia Liän reichlich verwirrte.
„Die junge gnädige Frau von drüben war nicht dabei?“ vergewisserte sich Hsi-fëng.
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Beim Teetrinken sagte Liu Hsiang-liän dann: „Auf der Reise hat mich der Zufall zu einem überstürzten Entschluß gebracht. Wie konnte ich ahnen, daß meine Tante schon im vierten Monat ein Verlöbnis für mich geschlossen hatte, ohne daß ich einen Einwand dagegen erheben konnte! Wollte ich deinem Wunsch folgen und meine Tante hintergehen, wäre das gegen jedes Prinzip. Wenn mein Verlobunsgeschenk aus Gold oder Seide bestanden hätte, würde ich nicht wagen, es zurückzufordern, dieses Schwerterpaar jedoch hat mir mein Großvater hinterlassen, und so muß ich schon bitten, es mir zurückzugeben.“
„Nein“, sagte Hsing-örl, „sie ist erst ein paar Tage später gekommen und hat Geschenke gebracht.
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Bei diesen Worten wurde Djia Liän unwohl zumute, aber er sagte: „Ein Verlobungsgeschenk ist das Unterpfand eines Versprechens. Gerade weil ich befürchtet habe, du könntest es dir anders überlegen, habe ich ein Pfand verlangt. Eine Verlobung kann man nicht nach Belieben schließen und wieder rückgängig machen. Du solltest dir das noch einmal überlegen!“
Hsi-fëng lächelte flüchtig, dann sah sie sich nach Ping-örl um und sagte: „Ist es ein Wunder, daß unser junger Herr die junge gnädige Frau von drüben in der letzten Zeit nur in einem fort gepriesen hat?“ Dann wandte sie sich wieder Hsing-örl zu, um ihn weiter auszufragen: „Wer bedient dort? Natürlich du!“
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„Gewiß!“ erwiderte Liu Hsiang-liän lächelnd, „ich will auch gern Schuld und Strafe auf mich nehmen, aber nachgeben werde ich in dieser Angelegenheit auf gar keinen Fall.“
Rasch schlug Hsing-örl mit der Stirn auf den Boden, sagte aber kein Wort. Also fragte Hsi-fëng: „Demnach war d a s seine Beschäftigung, wenn er in der letzten Zeit immer gesagt hat, er habe drüben im anderen Anwesen zu tun?“
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Als Djia Liän immer noch nicht lockerlassen wollte, stand Liu Hsiang-liän auf und schlug vor: „Setzen wir uns nach draußen, damit ich es dir erkläre, hier können wir schlecht reden!“
„Teils hatte er wirklich drüben zu tun, teils war er in seinem neuen Haus“, gestand Hsing-örl.
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Nun hatte die dritte Schwester You in ihrem Zimmer alles Wort für Wort mit angehört. Nachdem sie sich mühsam geduldet hatte, bis Liu Hsiang-liän wieder da war, mußte sie jetzt plötzlich hören, daß er die Sache bereute. Daraus schlußfolgerte sie, daß man ihm im Hause der Djias etwas von ihr erzählt haben müsse, weshalb er sie für ein schamloses Ding hielt, das nicht würdig war, seine Frau zu werden.
„Und wer wohnt mit ihm zusammen?“ wollte Hsi-fëng nun wissen.
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Wenn sie jetzt zuließe, daß er mit Djia Liän hinausging, um die Verlobung endgültig zu annullieren, würde Djia Liän nichts dagegen machen können, und sie würde den Ärger haben. Darum nahm sie, kaum daß Djia Liän sich bereiterklärt hatte hinauszugehen, das Schwerterpaar von der Wand, verbarg die ‚Enten‘-Klinge hinter dem Arm, trat vor die Männer hin und sagte: „Ihr braucht nicht hinauszugehen, um die Sache weiter zu besprechen. Hier ist das Verlobungsgeschenk zurück!“
„Ihre Mutter und zuerst auch noch ihre jüngere Schwester, aber die hat sich jetzt die Gurgel durchgeschnitten“, sagte Hsing-örl.
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Während ihre Tränen dicht wie Regentropfen fielen, reichte sie Liu Hsiang-liän mit der linken Hand das eine Schwert mit der Scheide, dann holte sie mit der rechten Hand aus und schnitt sich mit einem einzigen Streich die Kehle durch.
„Warum das nun wieder?“ fragte Hsi-fëng, und daraufhin erzählte Hsing-örl ihr die Sache mit Liu Hsiang-liän.
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O weh!
„Der Mann ist vom Glück begünstigt, möchte ich sagen, denn es ist ihm erspart geblieben, ein stadtbekannter Hahnrei zu werden“, kommentierte Hsi-fëng, um sich dann zu erkundigen: „Weiter war nichts?“
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Rote Pfirsichblüten bedecken den Boden,
„Weiter weiß ich Sklave nichts“, beteuerte Hsing-örl. „Und jedes Wort, das ich Sklave eben gesagt habe, ist wahr. Wenn Ihr herausfindet, daß auch nur ein Wort gelogen war, könnt Ihr mich totschlagen, ohne daß ich deswegen grollen werde, junge gnädige Frau.
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nichts hilft dem gestürzten Jadeberg wieder auf.
Hsi-fëng saß ein Weilchen mit gesenktem Kopf da, dann wies sie mit der Hand auf Hsing-örl und sagte: „Ich sollte dich wirklich totschlagen, du Affenbastard! Hast du geglaubt, du könntest mir etwas verheimlichen? Wolltest es verheimlichen, um dich bei deinem törichten Herrn und deiner neuen jungen Herrin einzuschmeicheln, ja? Wenn ich nicht gesehen hätte, daß du eben vor lauter Angst nicht zu lügen wagtest, würde ich dir die Beine brechen lassen. – Steh auf!“ herrschte sie ihn schließlich an, und Hsing-örl schlug ein weiteres Mal mit der Stirn auf den Boden, bevor er wieder aufstand und sich bis an die Tür des Vorraums zurückzog, wo er abwartend stehenblieb, weil er nicht einfach zu gehen wagte.
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Schon war ihre duftige Seele ins Ungewisse entschwunden.
„Komm her, ich habe dir noch etwas zu sagen!“ befahl ihm Hsi-fëng, und rasch nahm Hsing-örl mit herabhängenden Armen vor ihr Aufstellung, um ergeben zuzuhören.
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Erschrocken bemühten sich alle noch, sie zu retten, aber vergebens. Laut weinend schimpfte die alte Frau You auf Liu Hsiang-liän, Djia Liän aber packte ihn und befahl, man solle ihn binden und ins Amtsgebäude schaffen. Da trocknete die zweite Schwester You ihre Tränen und redete Djia Liän zu: „Du übertreibst. Er hat sie doch nicht gezwungen, sich zu töten. Sie hat vielmehr aus eigenem Antrieb Selbstmord begangen. Welchen Sinn sollte es also haben, wenn du ihn vor den Beamten bringst? Es werden im Gegenteil nur Ärger und Verdruß daraus entstehen. Darum ist es das beste, du läßt ihn laufen. Wäre das nicht am allereinfachsten?“
„Warum so eilig?“ fragte Hsi-fëng. „Deine neue junge Herrin wartet wohl mit einer Belohnung auf dich?“
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Djia Liän, der nichts dagegen einzuwenden wußte, ließ Liu Hsiang-liän los und befahl ihm zu verschwinden. Liu Hsiang-liän aber ging nicht fort und sagte unter Tränen: „Ich habe nicht im mindesten geahnt, daß meine edle Gattin so einen standhaften Charakter hatte. Sie war verehrungswürdig, verehrungswürdig!“ Dann warf er sich über den Leichnam und vergoß einen Strom von Tränen. Als ein Sarg gekauft war und die dritte Schwester You hineingebettet wurde, warf er sich auch über den Sarg und weinte bitterlich, ehe er sich endlich verabschiedete und fortging.
Hsing-örl wagte nicht einmal aufzublicken, und Hsi-fëng fuhr fort: „Ab sofort gehst du mir nicht mehr dorthin! Wann immer ich dich rufen lasse, kommst du zu mir! Und versuch es nur, auch nur einen Augenblick zu zögern. – Raus jetzt!
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Draußen wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte, und grübelte düster und schweigsam darüber nach, wie schön und wie standhaft die dritte Schwester You doch gewesen war und daß jede Reue zu spät kam.
Hastig sagte Hsing-örl mehrmals hintereinander jawohl, dann zog er sich vor die Tür zurück. Aber noch einmal rief Hsi-fëng: „Hsing-örl!“
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Während er so dahinging, erblickte er plötzlich einen von Hsüä Pans Sklavenjungen, der ihn nach Hause holen sollte. Willenlos ging er mit und wurde in ein Brautgemach geführt, das sehr ordentlich eingerichtet war. Auf einmal hörte es das Klimpern von jadenem Gürtelschmuck, und herein trat die dritte Schwester You.
Sofort antwortete er und kam wieder herein.
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In der einen Hand hielt sie das Schwerterpaar, in der anderen ein Heft und sagte weinend zu ihm: „In meiner törichten Liebe habe ich fünf Jahre lang auf Euch gewartet und nicht geahnt, daß Ihr wirklich ein kaltes Herz und ein kaltes Gesicht habt. Jetzt habe ich diese Torheit mit meinem Leben bezahlt. Auf Geheiß der Fee Warnendes Trugbild muß ich mich in die Wahngefilde der Großen Leere begeben, um die Akten aller in diesen Fall verwickelten Liebesnarren in Ordnung bringen zu lassen. Da ich mich nicht von Euch trennen konnte, bin ich noch einmal gekommen. In Zukunft können wir uns nicht mehr wiedersehen.“
„Jetzt willst du wohl schnell zu deinem Herrn eilen, um ihm alles zu erzählen, ja?fragte Hsi-fëng.
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Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen, und als Liu Hsiang-liän, der nicht von ihr lassen wollte, rasch auf sie zutrat, um sie festzuhalten und Näheres zu erfragen, sagte sie: „Ich kam aus dem Himmel der Liebe und verlasse die Erde der Liebe. In meiner letzten Existenz ließ ich mich von der Liebe betören, bin aber dadurch beschämt und erleuchtet worden. Mit Euch habe ich nichts mehr zu schaffen.“ Als sie ausgesprochen hatte, wehte ein wohlriechender Lufthauch, und sie war spurlos verschwunden.
„Ich Sklave werde es nicht wagen“, versicherte Hsing-örl.
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Vor Schreck kam Liu Hsiang-liän wieder zu sich, und ihm war, als ob es ein Traum und doch kein Traum gewesen wäre. Er sah sich mit großen Augen um, aber weder Hsüä Pans Sklavenjunge noch das Brautgemach konnte er entdecken. Statt dessen befand er sich in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein lahmer Dauistenpriester, der sich die Läuse absuchte. Also stand Liu Hsiang-liän auf, schlug vor dem Dauisten mit der Stirn auf den Boden und erkundigte sich: „Wo sind wir hier und wie ist Euer werter Tempelname, unsterblicher Lehrer?“
„Wenn du draußen auch nur ein Wort davon erwähnst, dann nimm dein Fell in acht!“ warnte ihn Hsi-fëng, und rasch sagte Hsing-örl jawohl dazu, ehe er wieder hinausging.
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Lächelnd erwiderte der Dauist: „Ich weiß selber nicht, wo wir hier sind und wer ich bin. Ich wollte mir hier lediglich kurz die Füße ausruhen.“
„Lai Wang?“ rief Hsi-fëng nun.
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Als Liu Hsiang-liän das hörte, wurde ihm unwillkürlich so kalt, als ob Frost und Eis in seine Knochen drangen. Er zog das ‚Erpel‘-Schwert aus der Scheide und schnitt sich mit einem Ruck die zehntausend Fäden des kummerbringenden Haupthaars ab. Dann folgte er dem Dauisten wer weiß wohin. In einem späteren Kapitel werden wir es erfahren.
Und sofort meldete sich Lai Wang und kam herein. Schweigend ließ Hsi-fëng ihren Blick so lange auf ihm ruhen, wie man braucht, um zwei, drei Sätze zu sprechen, dann erst sagte sie: „Brav, mein guter Lai Wang! Jetzt kannst du gehen, aber wenn irgendjemand draußen auch nur ein Wort über die Sache spricht, wirst du mir dafür geradestehen.
 
„Jawohl“, sagte Lai Wang und ging.
 
Inzwischen verlangte Hsi-fëng nach Tee, und die kleineren Sklavenmädchen verstanden, wie das gemeint war, und gingen sämtlich hinaus. Dann erst sagte Hsi-fëng sarkastisch zu Ping-örl: „Hast du das gehört? War das nicht gut?“ Aber Ping-örl wagte nichts zu erwidern und lächelte nur schweigend zu ihr hinüber.
 
Je länger Hsi-fëng über den Fall nachdachte, desto mehr geriet sie in Zorn. An ihre Kissen gelehnt, brütete sie stumm vor sich hin. Auf einmal aber runzelte sie die Brauen – jetzt hatte sie einen Plan bereit. „Ping-örl!“ rief sie, und Ping-örl sagte rasch jawohl und trat näher.
 
„Paß auf, wie wir es machen müssen!“ sagte Hsi-fëng. „Wir dürfen nicht warten, bis der junge Herr wieder zurück ist.“
 
Wer wissen will, was Hsi-fëng unternahm, muß das nächste Kapitel lesen.
 
68. Die unglückliche zweite Schwester You wird in den Garten des Großen Anblicks gelockt,
 
die eifersüchtige Hsi-fëng wütet im Ning-guo-Anwesen.
 
  
Als Djia Liän auf die Reise ging, war der Kommandant von Ping-an eben zu einer Grenzinspektion unterwegs und wurde erst in ungefähr einem Monat zurückerwartet. Da Djia Liän noch keine eindeutige Antwort von ihm bekommen hatte, blieb ihm nichts weiter übrig, als sich in einem Gasthaus einzumieten und zu warten. Bis der Kommandant endlich zurück war und sie sich gesehen und die Sache geregelt hatten, war Djia Liän bereits annähernd zwei Monate von zu Hause fort.
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== Anmerkungen ==
Wer konnte schon ahnen, daß Hsi-fëng alles längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer.
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<references/>
Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und ‑kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los.
 
Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 66

情小妹恥情歸地府 / 冷二郎一冷入空門

Die gefuehlvolle kleine Schwester geht vor Scham ueber die Liebe in die Unterwelt; Der kalte zweite junge Herr tritt nach einem Frostschauer ins Kloster ein

Ein empfindsames Mädchen betritt aus verschmähter Liebe das Reich der Toten,ein gefühlskalter Jüngling entsagt nach jäher Ernüchterung der Welt des Scheins.

Lachend gab Bau Örls Frau Hsing-örl einen Klaps und sagte: „Es ist schon etwas Wahres daran, aber du dichtest so viel Unsinn dazu, daß man dir einfach nicht glauben kann. Deinem Gerede nach sollte man meinen, du gehörst nicht zum Gefolge des zweiten jungen Herrn, sondern zu Bau-yüs Leuten.“ Eben wollte die zweite Schwester You eine weitere Frage stellen, da kam ihr die dritte Schwester zuvor und erkundigte sich lächelnd: „Was macht eigentlich euer Bau-yü, außer zur Schule zu gehen?“ „Nach ihm solltet Ihr lieber nicht fragen, Frau Tante“, erwiderte Hsing-örl mit lächelnder Miene. „Denn wenn ich von ihm erzähle, werdet Ihr mir vielleicht nicht glauben. Groß, wie er ist, hat er nie einen ordentlichen Unterricht besucht. Welcher Mann in unserm Hause, vom alten Ahnherrn bis zu unserem jungen Herrn, hätte nicht zehn Jahre lang die Schulbank gedrückt?! Er aber mag nicht lernen, der Liebling der alten gnädigen Frau. Zu Anfang hat der gnädige Herr noch versucht, ihn zu bändigen, jetzt aber wagt er das nicht mehr. Bau-yü gebärdet sich stets wie verrückt. Was er sagt, versteht keiner, und was er tut, weiß keiner. Alle sehen nur, daß er hübsch ist, und meinen, er müsse natürlich auch klug sein. In Wirklichkeit aber ist er äußerlich klar und innerlich trüb. Wenn er mit Leuten zusammentrifft, weiß er keinen einzigen Satz zu sagen, und sein Glück ist nur, daß er ein paar Schriftzeichen kennt, obwohl er keine Schule besucht hat. Weder treibt er literarische Studien, noch macht er militärische Übungen, und Besucher zu empfangen fürchtet er sich. Nur immer mit den Mädchen herumtollen möchte er. Er hat auch kein Gefühl dafür, wo Härte angebracht ist und wo Nachgiebigkeit. Wenn er uns sieht, und er hat gute Laune, dann tobt er mit uns zusammen herum, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ist er aber nicht bei Laune, dann geht er allein seines Weges und kümmert sich um niemand. Wenn wir herumsitzen oder herumliegen und ihn nicht beachten, macht er uns keine Vorwürfe. Deshalb hat niemand Respekt vor ihm, und jeder kommt bei ihm durch, wie es ihm paßt.“ „So redet ihr, wenn die Herrschaft großzügig ist, wenn sie aber streng ist, beklagt ihr euch“, sagte die dritte Schwester You lächelnd. „Da sieht man, wie schwer mit euch auszukommen ist.“ „Er hatte uns gut gefallen, und dabei steht es so mit ihm“, bemerkte die zweite Schwester You. „Schade um so einen guten Jungen!“ „Glaub doch nicht, was er uns hier erzählt, Schwester!“ wandte die dritte Schwester You ein. „Wir haben ihn doch selbst schon öfter als ein- oder zweimal gesehen. Sein Benehmen, seine Ausdrucksweise und seine Eßgewohnheiten haben etwas Mädchenhaftes, aber das liegt einfach daran, daß er es aus den inneren Gemächern so gewöhnt ist. Dumm ist er nicht.

Erinnerst du dich, wie wir in der Trauerzeit mit ihm zusammen waren? An dem Tag, als die Mönche da waren und betend den Sarg umschritten, standen wir alle dabei, und Bau-yü hat sich vor uns gestellt. Die andern sagten, er besäße kein Anstandsgefühl und sei aufdringlich, aber hat er uns nicht später leise gesagt: ‚Ihr müßt nicht denken, ich sei aufdringlich! Ich habe mir gesagt, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch würde euch durchräuchern.‘ Als er anschließend Tee trank und du auch welchen wolltest, goß dir die Alte den Tee in seine Schale, aber er hat sofort gesagt: ‚Ich habe die Schale verschmutzt, sie muß erst ausgewaschen werden!‘

Diese beiden Vorfälle scheinen mir bei nüchterner Betrachtung zu zeigen, daß er mit Mädchen auf jeden Fall auskommen kann. Außenstehende können ihn eben nicht verstehen, weil er nicht den Formen entspricht, die ihnen richtig erscheinen.“ „Wenn man dich so hört, möchte man meinen, ihr beide harmoniert miteinander nach Gefühl und Verstand. Wäre es nicht doch gut, dich mit ihm zu verloben?“ fragte die zweite Schwester You lächelnd. In Gegenwart von Hsing-örl konnte die dritte Schwester You nicht gut etwas erwidern, darum senkte sie nur den Kopf und knackte Kürbiskerne. Hsing-örl dagegen sagte lächelnd: „Nach Aussehen, Betragen und Charakter würden sie ein gutes Paar abgeben, aber Bau-yü hat schon jemand, wenn es auch noch nicht bekanntgegeben ist. Ganz ohne Zweifel ist Fräulein Lin seine Zukünftige. Nur weil sie so viel krank ist und sie beide noch zu jung sind, ist es noch nicht dazu gekommen. Aber wenn in zwei, drei Jahren die alte gnädige Frau das entscheidende Wort spricht, wird es bestimmt keine Einwände geben.“ Während sie so miteinander plauderten, kam Lung-örl wieder zurück und berichtete: „Der Auftrag des alten gnädigen Herrn ist vertraulich und von größter Wichtigkeit. Er schickt den jungen Herrn deswegen in die Bezirksstadt Ping-an[1]. Schon in drei bis fünf Tagen soll er sich auf den Weg machen, und für Hin- und Rückreise wird er bestimmt einen halben Monat brauchen. Heute kann der junge Herr nicht mehr kommen. Er läßt die gnädige Frau bitten, alles mit der Frau Tante abzusprechen, damit die Angelegenheit entschieden werden kann, wenn er morgen kommt.“ Nach diesen Worten ging Lung-örl wieder fort und nahm auch Hsing-örl mit. Die zweite Schwester You befahl dann, das Tor zu schließen, und ging früh zu Bett. Die ganze Nacht über setzte sie ihrer jüngeren Schwester mit Fragen zu. Am nächsten Tag erschien Djia Liän erst am Nachmittag, und die zweite Schwester You redete ihm zu: „Wenn du etwas Wichtiges zu tun hast, warum mußt du dann hierher kommen, obwohl du in Eile bist? Auf keinen Fall darfst du um meinetwillen deine Pflichten vernachlässigen!“ „Es ist ja nichts Besonderes“, erwiderte Djia Liän, „ich muß nur wieder einmal eine weite Reise machen. Sobald der neue Monat begonnen hat, breche ich auf, und einen halben Monat später kann ich erst wieder zurück sein.“ „Dann reite nur unbesorgt!“ riet ihm die zweite Schwester You. „Hier brauchst du dir um nichts Sorgen zu machen. Meine Schwester gehört nicht zu denen, die jeden Morgen und jeden Abend die Meinung ändern. Sie hat gesagt, sie bessert sich, also bessert sie sich auch. Und nachdem sie sich einmal jemand ausgesucht hat, brauchst du nur zuzustimmen, und alles ist in Ordnung.“ „Wer ist es denn nun?“ fragte Djia Liän. „Er ist jetzt nicht hier, und niemand weiß, wann er zurückkommt“, sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Es ist erstaunlich, was meine Schwester für einen Blick hat! Sie sagt, wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr, und wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre. Wenn er aber tot ist und nie mehr wiederkommt, will sie sich das Haar scheren und Nonne werden, um bis ans Ende ihrer Tage Klosterkost zu essen und zu Buddha zu beten.“ „Wer ist es, der ihr Herz so beeindruckt hat?“ fragte Djia Liän erneut. „Das ist eine lange Geschichte“, sagte die zweite Schwester You. „Als unsere Großmutter vor fünf Jahren ihren Geburtstag feierte, ging unsere Mutter mit uns zusammen zu ihr, um ihr ein langes Leben zu wünschen. Die Familie unserer Großmutter hatte eine Truppe von Liebhaberschauspielern zu sich gebeten, unter denen einer war, der junge Männer spielte und Liu Hsiang-liän hieß. In ihn hat sich meine Schwester verliebt und will jetzt nur ihn heiraten und keinen andern. Aber voriges Jahr hörten wir, er habe Unannehmlichkeiten gehabt und sei geflohen. Ob er jetzt wieder zurück ist, wissen wir nicht.“ „Schau einer an!“ rief Djia Liän aus, „ich frage mich, was für ein Mensch das sein muß, und nun stellt sich heraus, daß er es ist! Deine Schwester hat wirklich einen guten Blick. Ihr scheint aber nicht zu wissen, daß dieser junge Herr Liu zwar ein schöner Mann ist, aber sehr kühl und reserviert. Mit Durchschnittsmenschen hat er nicht viel im Sinn, aber mit Bau-yü kommt er bestens aus. Im vergangenen Jahr hat er diesen Dummkopf Hsüä Pan verprügelt, und weil es ihm danach peinlich war, mit uns zusammenzutreffen, ist er für eine Weile irgendwohin verschwunden. Später habe ich zwar von jemand gehört, er sei zurückgekommen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt oder nur erdacht ist. Wir brauchen uns nur bei Bau-yüs Knaben danach zu erkundigen, dann wissen wir es. Wenn er aber noch nicht wieder hier ist, kann es bei seiner unsteten Lebensweise leicht sein, daß er erst in einigen Jahren wieder auftaucht. Hieße das nicht, daß deine Schwester ganz umsonst wartet?“ „Was meine Schwester sagt, das meint sie auch so“, erwiderte die zweite Schwester You. „Halten wir uns also daran, was sie gesagt hat!“ Während die beiden miteinander sprachen, kam die dritte Schwester You dazu und sagte: „Sei unbesorgt, Schwager! Ich gehöre nicht zu den Leuten, deren Mund etwas anderes spricht, als das Herz empfindet. Was ich sage, das gilt. Wenn Liu kommt, dann heirate ich ihn. Von heute an werde ich fleischlose Kost essen, zu Buddha beten und meiner Mutter dienen, bis er kommt und ich ihn heiraten kann. Wenn er aber auch in hundert Jahren nicht kommt, dann will ich gehen und mich Andachtsübungen widmen.“ Mit diesen Worten schlug sie einen jadenen Haarpfeil in zwei Hälften und setzte hinzu: „Wenn auch nur ein einziger Satz unwahr ist, soll es mir so ergehen wie diesem Haarpfeil!“ Dann begab sie sich in ihr Zimmer, und von Stund an gab es bei ihr keine Bewegung und kein Wort mehr, die nicht den Riten entsprochen hätten. Djia Liän konnte nichts weiter tun, als mit der zweiten Schwester You noch ein paar Haushaltsangelegenheiten zu besprechen, dann kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück und beriet sich mit Hsi-fëng über seine Abreise. Außerdem aber schickte er jemand zu Ming-yän, um sich nach Liu Hsiang-liän zu erkundigen, und Ming-yän sagte: „Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber wahrscheinlich ist er noch nicht wieder zurück, sonst müßte ich davon wissen.“ Auch bei Lius Nachbarn ließ Djia Liän nachfragen, aber sie sagten ebenfalls, er sei noch nicht wieder da, und so konnte Djia Liän der zweiten Schwester You nichts anderes mitteilen als dies. Inzwischen kam der Termin für die Abreise immer näher, und schließlich sagte Djia Liän zwei Tage zu früh, er breche nun auf, während er sich in Wirklichkeit zunächst zur zweiten Schwester You begab, wo er noch zwei Nächte verbrachte, ehe er von hier aus die Reise in aller Stille wirklich antrat. Er konnte sich davon überzeugen, daß die dritte Schwester You gleichsam ein neuer Mensch geworden war, und er sah auch, daß die zweite Schwester You den Haushalt sehr umsichtig führte, so daß er sich wirklich keine Sorgen zu machen brauchte. Als der Tag des Aufbruchs gekommen war, verließ Djia Liän früh am Morgen die Stadt und schlug den Weg nach Ping-an ein. Am Tage ritt er, bei Nacht rastete er, wenn er durstig war, trank er, und wenn er hungrig war, aß er. Eben war er den dritten Tag unterwegs, da kamen ihm Packpferde und ein Trupp von etwa zehn Reitern, Herren und Diener, entgegen, und als er näher kam, erkannte er, daß es niemand anders als Hsüä Pan und Liu Hsiang-liän waren. Zutiefst verwundert ließ Djia Liän seinem Pferd die Zügel locker, und als er heran war und sie einander begrüßt und die üblichen Phrasen gewechselt hatten, kehrten sie in einem Wirtshaus ein, um zu rasten und sich auszusprechen. „Nachdem ihr euren Krach miteinander hattet, wollten wir euch sofort wieder versöhnen, aber von Bruder Liu fehlte jede Spur. Wie kommt es, daß ihr heute zusammen seid?“ erkundigte sich Djia Liän lächelnd. „Es gibt schon seltsame Dinge auf dieser Welt!“ erwiderte Hsüä Pan, ebenfalls lächelnd. „Ich hatte mit meinen Gehilfen zusammen Waren eingekauft, dann machten wir uns im Frühjahr auf den Heimweg und hatten auch eine gute Reise. Als wir jedoch neulich an die Bezirksgrenze von Ping-an kamen, stießen wir auf eine Bande von Räubern, die uns alles abnahmen, was wir hatten. Dann aber tauchte plötzlich Bruder Liu auf, schlug die Räuber in die Flucht, jagte ihnen unsere Waren wieder ab und rettete uns das Leben. Meine Dankgeschenke wollte er nicht annehmen, statt dessen haben wir miteinander Brüderschaft auf Leben und Tod geschlossen. Jetzt sind wir zusammen auf dem Weg in die Hauptstadt, und in Zukunft werden wir wie leibliche Brüder leben. Am nächsten Kreuzweg müssen wir uns allerdings noch einmal trennen, denn zweihundert Li südlich von dort wohnt eine Tante von Bruder Liu, die er besuchen will. Ich aber reise vor, und sobald ich meine Angelegenheiten geregelt habe, suche ich ihm ein Haus und eine gute Frau, und dann kann das Leben beginnen.“ „So ist das also! Und wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte Djia Liän. Und da schon von der Suche nach einer Frau die Rede war, fügte er rasch hinzu: „Ich wüßte eine Partie, die gerade das Richtige für Bruder Liu ist.“ Und er erzählte, wie er die zweite Schwester You zu seiner Frau gemacht hatte und daß er jetzt ihre jüngere Schwester verheiraten wollte. Nur daß die dritte Schwester You ihren Bräutigam selbst bestimmt hatte, verschwieg er. Dann schärfte er Hsüä Pan noch ein: „Du darfst aber zu Hause nichts davon erzählen! Sobald sie mir einen Sohn geboren hat, werden sie es natürlich erfahren.“ Hsüä Pan fand größtes Gefallen an der Sache und sagte: „Das hättest du längst machen sollen. Schließlich ist Kusine Hsi-fëng selbst daran schuld...“ „Du vergißt dich wieder einmal, wirst du wohl den Mund halten!“ unterbrach ihn Liu Hsiang-liän lächelnd. Wirklich hielt Hsüä Pan rasch damit inne und lenkte ab: „Also, diese Verlobung müssen wir unbedingt zustande bringen!“ „Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nur eine einmalige Schönheit zur Frau zu nehmen“, erklärte Liu Hsiang-liän, „aber aus Achtung vor meinen werten Brüdern will ich mich nicht lange bedenken, sondern eurem Urteil folgen und jeden Befehl akzeptieren.“ „Worte sind natürlich kein Beweis“, sagte Djia Liän, „aber wenn du meine Schwägerin erst siehst, wirst du feststellen, daß sie nach Charakter und Aussehen nicht ihresgleichen hat, soweit du auch in der Geschichte zurückgehen magst.“ Hocherfreut sagte Liu Hsiang-liän: „Wenn das so ist, wollen wir nur warten, bis ich meine Tante besucht habe! Noch in diesem Monat werde ich in der Hauptstadt sein, dann können wir die Sache festmachen. Wie wäre das?" „Unser Wort soll als Abmachung gelten!“ sagte Djia Liän. „Nur habe ich nicht das rechte Vertrauen zu dir, Bruder Liu, denn deine Spuren sind unstet wie Entengrütze und Meereswellen. Es wäre schade um das Mädchen, wenn du spurlos verlorengehst. Darum mußt du mir ein Verlobungsgeschenk lassen.“ „Bricht ein Mann von Charakter vielleicht sein Wort?“ fragte Liu Hsiang-liän. „Außerdem bin ich bitterarm, und wer hat schon auf Reisen ein Verlobungsgeschenk bei sich?“ „Habe ich nicht Sachen genug? Davon kann doch mein Vetter etwas bekommen und mitnehmen“, erbot sich Hsüä Pan. Aber lächelnd wehrte Djia Liän ab: „Es muß weder Gold noch Seide sein, sondern irgend etwas aus dem persönlichen Besitz von Bruder Liu. Der Wert spielt dabei keine Rolle, ich will es nur mitnehmen, damit es als Unterpfand dient.“ „Wenn es so ist“, sagte Liu Hsiang-liän, „kommt, da ich dieses Schwert hier zu meiner Selbstverteidigung brauche und mich nicht davon trennen kann, nur eines in Frage, nämlich ein Paar Ente-Erpel-Schwerter[2], das ich in meinem Gepäck habe. Es ist ein Familienerbstück, das ich ohnehin nicht zu benutzen wage und nur ständig bei mir trage, damit es wohlbehütet ist. Das kann Bruder Djia als Verlobungsgeschenk mitnehmen. Wenn ich auch den Charakter von fließendem Wasser und fallenden Blüten habe, auf dieses Schwerterpaar würde ich nie verzichten.“ Als die Sache auf diese Weise abgemacht war, tranken sie noch einige Becher, dann saßen sie wieder auf, verabschiedeten sich und ritten weiter. Wahrhaftig: Ohne vom Pferd zu steigen, sprengten die Feldherrn davon. Eines Tages traf Djia Liän dann in Ping-an ein, wurde vom dortigen Ortskommandanten empfangen und entledigte sich seines Auftrages. Er erhielt die Weisung, um den zehnten Monat herum unbedingt noch einmal wiederzukommen, und nachdem er diesen Befehl entgegengenommen hatte, machte er sich schon am nächsten Tag wieder auf den Heimweg. Als erstes besuchte Djia Liän die zweite Schwester You. Sie hatte sich nach seiner Abreise höchst aufmerksam ihrem Haushalt gewidmet, hatte Tag für Tag das Tor verschlossen gehalten und sich nicht im geringsten um die Außenwelt gekümmert. Auch ihre jüngere Schwester hatte bewiesen, daß sie einen eisernen Willen besaß. In den Stunden, in denen sie nicht damit beschäftigt war, ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aufzuwarten, zog sie sich still zurück und verbrachte die Zeit, wie es ihrer Stellung entsprach. Obwohl die einsamen Nächte ungewohnt still für sie waren, hoffte sie nur, daß Liu Hsiang-liän bald käme, damit sie die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens verwirklichen konnte, und schlug sich jeden Gedanken an einen anderen aus dem Kopf. Als Djia Liän jetzt ins Haus trat und dieser Umstände gewahr wurde, fand seine Freude kein Ende, und er war tief beeindruckt von der Tugend der zweiten Schwester You. Nachdem sie die einleitenden Floskeln über das Wetter gewechselt hatten, erzählte Djia Liän, wie er unterwegs Liu Hsiang-liän begegnet war. Dann holte er das Schwerterpaar hervor und übergab es der dritten Schwester You. Diese sah, daß die Scheide mit Drachen und Ungeheuern verziert war und von Perlen und Edelsteinen funkelte. Als sie sie abzog, zeigten sich zwei eng aneinanderliegende Klingen, von denen eine die Aufschrift ‚Erpel‘, die andere die Aufschrift ‚Ente‘ trug. Ihr kalter Glanz erinnerte an zwei Streifen herbstliches Wasser. Überglücklich nahm die dritte Schwester You das Schwerterpaar in Verwahrung und hängte es in ihrem Zimmer über das Bett. Jeden Tag sah sie es an und sagte sich lächelnd, nun habe sie für den Rest ihres Lebens eine Stütze gefunden. Djia Liän blieb zwei Tage, dann begab er sich nach Hause, erstattete seinem Vater Bericht und entbot allen Familienangehörigen seinen Gruß. Hsi-fëng ging es inzwischen schon viel besser, sie hatte die Leitung des Hauswesens wieder übernommen und konnte auch wieder gehen. Djia Liän berichtete auch Djia Dschën, was sich ereignet hatte, aber dieser hatte jegliches Interesse daran verloren, weil er eine neue Freundschaft geknüpft hatte, und überließ es Djia Liän, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Doch weil er Angst hatte, Djia Liäns Mittel könnten nicht ausreichen, gab er ihm immerhin dreißig Liang Silber. Djia Liän nahm es und gab es an die zweite Schwester You weiter, damit sie eine Aussteuer davon anschaffte. Liu Hsiang-liän traf dann erst im achten Monat in der Hauptstadt ein. Als erstes suchte er das Haus von Tante Hsüä auf, um ihr seinen Respekt zu bezeugen, und wurde dort von Hsüä Kë empfangen. Er mußte erfahren, daß Hsüä Pan den Anstrengungen der Reise und dem Ortswechsel nicht gewachsen gewesen war. Gleich nach seiner Rückkehr war er zusammengebrochen und befand sich noch immer in ärztlicher Behandlung. Als Hsüä Pan erfuhr, Liu Hsiang-liän sei gekommen, ließ er ihn zu sich ins Schlafzimmer bitten, um ihn zu begrüßen. Auch Tante Hsüä ließ die Vergangenheit ruhen und war zutiefst bewegt von Lius Rettungstat. Mutter und Sohn dankten ihm immer wieder, dann kamen sie auf seine Hochzeit zu sprechen und berichteten ihm, alle Vorbereitungen seien getroffen, nur der Tag müsse noch bestimmt werden. Nun fand auch Liu Hsiang-liän mit seinen Dankesbeteuerungen kein Ende. Am nächsten Tag machte Liu Hsiang-liän dann Bau-yü einen Besuch, und als sie sich wiedersahen, fühlten sie sich wie Fische, die man ins Wasser zurückgesetzt hat. Liu Hsiang-liän erkundigte sich nach Djia Liäns heimlicher Eheschließung mit seiner Nebenfrau, und Bau-yü erwiderte lächelnd: „Ich habe zwar von Ming-yän und anderen etwas darüber gehört, aber selbst gesehen habe ich nichts. Ich möchte mich auch nicht darum kümmern. Aber von Ming-yän weiß ich, daß mein Vetter Liän dringend nach dir gesucht hat, allerdings weiß ich nicht, was er dir sagen wollte.“ Nun erzählte ihm Liu Hsiang-liän ausführlich, was sich unterwegs ereignet hatte, und Bau-yü sagte lächelnd: „Ich gratuliere, ich gratuliere! So eine Schönheit ist schwer zu finden, sie hat wirklich nicht ihresgleichen in alter und neuer Zeit. Und auch ihrem Wesen nach paßt sie bestens zu dir.“ „Aber wenn das so ist, müßte sie doch Freier genug haben“, wunderte sich Liu Hsiang-liän. „Warum hat dein Vetter nur an mich gedacht, obwohl ich mit ihm nie so vertraut gewesen bin, daß er sich um eine Frau für mich Gedanken machen müßte? Unterwegs ging alles so schnell, und er hat immer wieder darauf gedrängt, die Sache festzumachen. Kann denn die Familie des Mädchens einen Bräutigam suchen? Mir sind so meine Zweifel gekommen, und ich habe es schon bereut, ihm mein Schwerterpaar als Verlobungsgeschenk gegeben zu haben. Dann fiel mir ein, daß ich ja dich fragen kann, was dahintersteckt.“ „Du bist doch ein besonnener Mensch“, sagte Bau-yü. „Warum gibst du erst ein Verlobungsgeschenk, und dann fängst du an zu zweifeln? Früher hast du gesagt, du willst eine einmalige Schönheit, mehr nicht. Jetzt bekommst du eine, also gib dich zufrieden. Was mußt du noch zweifeln?“ „Woher weißt du überhaupt, daß sie so eine Schönheit ist, wenn du nicht einmal von dieser heimlichen Hochzeit etwas Genaues weißt?“ bohrte Liu Hsiang-liän weiter. „Die beiden sind die Töchter der Stiefmutter von Vetter Dschëns Frau“, erklärte Bau-yü. „Ich war drüben einen ganzen Monat lang mit ihnen zusammen, wie sollte ich sie also nicht kennen?! Sie sind wirklich zwei bemerkenswerte Wesen, die nicht nur You – ‚bemerkenswert‘ – heißen.“ „An der Sache ist etwas faul, auf keinen Fall lasse ich mich darauf ein“, sagte Liu Hsiang-liän und stampfte mit dem Fuß auf. „Mit Ausnahme der beiden steinernen Löwenfiguren ist doch nichts sauber in eurem Anwesen, wahrscheinlich nicht einmal die Hunde und Katzen. Ich lasse mich nicht zum Hahnrei machen, indem ich mich mit den Resten begnüge, die ein anderer übriggelassen hat!“ Bau-yü war rot geworden, als er dies hörte, und sofort schämte sich Liu Hsiang-liän seiner unbedachten Worte. Rasch machte er eine Verbeugung und sagte: „Ich habe den Tod verdient für den Unsinn, den ich schwatze! Aber sag mir wenigstens, wie es um ihren Charakter und ihr Betragen steht!“ „Warum fragst du mich, wenn du so genau über alles Bescheid weißt?“ gab Bau-yü lächelnd zurück. „Vermutlich bin doch auch ich nicht sauber.“ „Sei doch bitte nicht so empfindlich, ich hatte mich einen Augenblick lang vergessen!“ bat Liu Hsiang-liän. „Mußt du noch einmal damit anfangen?“ fragte Bau-yü und lächelte. „Du scheinst es doch mit Absicht getan zu haben.“ Daraufhin verbeugte sich Liu Hsiang-liän zum Abschied und ging hinaus. „Soll ich zu Hsüä Pan gehen?“ fragte er sich. „Aber der liegt erstens krank zu Bett, und zweitens hat er ein leichtfertiges Wesen. Das beste ist, ich gehe hin und verlange mein Verlobungsgeschenk zurück!“ Kaum hatter diesen Entschluß gefaßt, machte er sich auf die Suche nach Djia Liän und fand ihn schließlich in seinem neuen Heim. Als Djia Liän hörte, Liu Hsiang-liän sei gekommen, kannte seine Freude keine Grenze, und sofort ging er hinaus, um ihn willkommen zu heißen. Dann bat er ihn in die inneren Gemächer und machte ihn mit der alten Frau You bekannt. Liu Hsiang-liän verbeugte sich jedoch lediglich vor ihr und nannte sie auch nur „werte Frau Tante“, während er sich selbst als den ‚Spätgeborenen‘ bezeichnete, was Djia Liän reichlich verwirrte. Beim Teetrinken sagte Liu Hsiang-liän dann: „Auf der Reise hat mich der Zufall zu einem überstürzten Entschluß gebracht. Wie konnte ich ahnen, daß meine Tante schon im vierten Monat ein Verlöbnis für mich geschlossen hatte, ohne daß ich einen Einwand dagegen erheben konnte! Wollte ich deinem Wunsch folgen und meine Tante hintergehen, wäre das gegen jedes Prinzip. Wenn mein Verlobunsgeschenk aus Gold oder Seide bestanden hätte, würde ich nicht wagen, es zurückzufordern, dieses Schwerterpaar jedoch hat mir mein Großvater hinterlassen, und so muß ich schon bitten, es mir zurückzugeben.“ Bei diesen Worten wurde Djia Liän unwohl zumute, aber er sagte: „Ein Verlobungsgeschenk ist das Unterpfand eines Versprechens. Gerade weil ich befürchtet habe, du könntest es dir anders überlegen, habe ich ein Pfand verlangt. Eine Verlobung kann man nicht nach Belieben schließen und wieder rückgängig machen. Du solltest dir das noch einmal überlegen!“ „Gewiß!“ erwiderte Liu Hsiang-liän lächelnd, „ich will auch gern Schuld und Strafe auf mich nehmen, aber nachgeben werde ich in dieser Angelegenheit auf gar keinen Fall.“ Als Djia Liän immer noch nicht lockerlassen wollte, stand Liu Hsiang-liän auf und schlug vor: „Setzen wir uns nach draußen, damit ich es dir erkläre, hier können wir schlecht reden!“ Nun hatte die dritte Schwester You in ihrem Zimmer alles Wort für Wort mit angehört. Nachdem sie sich mühsam geduldet hatte, bis Liu Hsiang-liän wieder da war, mußte sie jetzt plötzlich hören, daß er die Sache bereute. Daraus schlußfolgerte sie, daß man ihm im Hause der Djias etwas von ihr erzählt haben müsse, weshalb er sie für ein schamloses Ding hielt, das nicht würdig war, seine Frau zu werden. Wenn sie jetzt zuließe, daß er mit Djia Liän hinausging, um die Verlobung endgültig zu annullieren, würde Djia Liän nichts dagegen machen können, und sie würde den Ärger haben. Darum nahm sie, kaum daß Djia Liän sich bereiterklärt hatte hinauszugehen, das Schwerterpaar von der Wand, verbarg die ‚Enten‘-Klinge hinter dem Arm, trat vor die Männer hin und sagte: „Ihr braucht nicht hinauszugehen, um die Sache weiter zu besprechen. Hier ist das Verlobungsgeschenk zurück!“ Während ihre Tränen dicht wie Regentropfen fielen, reichte sie Liu Hsiang-liän mit der linken Hand das eine Schwert mit der Scheide, dann holte sie mit der rechten Hand aus und schnitt sich mit einem einzigen Streich die Kehle durch. O weh! Rote Pfirsichblüten bedecken den Boden, nichts hilft dem gestürzten Jadeberg wieder auf. Schon war ihre duftige Seele ins Ungewisse entschwunden. Erschrocken bemühten sich alle noch, sie zu retten, aber vergebens. Laut weinend schimpfte die alte Frau You auf Liu Hsiang-liän, Djia Liän aber packte ihn und befahl, man solle ihn binden und ins Amtsgebäude schaffen. Da trocknete die zweite Schwester You ihre Tränen und redete Djia Liän zu: „Du übertreibst. Er hat sie doch nicht gezwungen, sich zu töten. Sie hat vielmehr aus eigenem Antrieb Selbstmord begangen. Welchen Sinn sollte es also haben, wenn du ihn vor den Beamten bringst? Es werden im Gegenteil nur Ärger und Verdruß daraus entstehen. Darum ist es das beste, du läßt ihn laufen. Wäre das nicht am allereinfachsten?“ Djia Liän, der nichts dagegen einzuwenden wußte, ließ Liu Hsiang-liän los und befahl ihm zu verschwinden. Liu Hsiang-liän aber ging nicht fort und sagte unter Tränen: „Ich habe nicht im mindesten geahnt, daß meine edle Gattin so einen standhaften Charakter hatte. Sie war verehrungswürdig, verehrungswürdig!“ Dann warf er sich über den Leichnam und vergoß einen Strom von Tränen. Als ein Sarg gekauft war und die dritte Schwester You hineingebettet wurde, warf er sich auch über den Sarg und weinte bitterlich, ehe er sich endlich verabschiedete und fortging. Draußen wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte, und grübelte düster und schweigsam darüber nach, wie schön und wie standhaft die dritte Schwester You doch gewesen war und daß jede Reue zu spät kam.

Während er so dahinging, erblickte er plötzlich einen von Hsüä Pans Sklavenjungen, der ihn nach Hause holen sollte. Willenlos ging er mit und wurde in ein Brautgemach geführt, das sehr ordentlich eingerichtet war. Auf einmal hörte es das Klimpern von jadenem Gürtelschmuck, und herein trat die dritte Schwester You. 

In der einen Hand hielt sie das Schwerterpaar, in der anderen ein Heft und sagte weinend zu ihm: „In meiner törichten Liebe habe ich fünf Jahre lang auf Euch gewartet und nicht geahnt, daß Ihr wirklich ein kaltes Herz und ein kaltes Gesicht habt. Jetzt habe ich diese Torheit mit meinem Leben bezahlt. Auf Geheiß der Fee Warnendes Trugbild muß ich mich in die Wahngefilde der Großen Leere begeben, um die Akten aller in diesen Fall verwickelten Liebesnarren in Ordnung bringen zu lassen. Da ich mich nicht von Euch trennen konnte, bin ich noch einmal gekommen. In Zukunft können wir uns nicht mehr wiedersehen.“ Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen, und als Liu Hsiang-liän, der nicht von ihr lassen wollte, rasch auf sie zutrat, um sie festzuhalten und Näheres zu erfragen, sagte sie: „Ich kam aus dem Himmel der Liebe und verlasse die Erde der Liebe. In meiner letzten Existenz ließ ich mich von der Liebe betören, bin aber dadurch beschämt und erleuchtet worden. Mit Euch habe ich nichts mehr zu schaffen.“ Als sie ausgesprochen hatte, wehte ein wohlriechender Lufthauch, und sie war spurlos verschwunden. Vor Schreck kam Liu Hsiang-liän wieder zu sich, und ihm war, als ob es ein Traum und doch kein Traum gewesen wäre. Er sah sich mit großen Augen um, aber weder Hsüä Pans Sklavenjunge noch das Brautgemach konnte er entdecken. Statt dessen befand er sich in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein lahmer Dauistenpriester, der sich die Läuse absuchte. Also stand Liu Hsiang-liän auf, schlug vor dem Dauisten mit der Stirn auf den Boden und erkundigte sich: „Wo sind wir hier und wie ist Euer werter Tempelname, unsterblicher Lehrer?“ Lächelnd erwiderte der Dauist: „Ich weiß selber nicht, wo wir hier sind und wer ich bin. Ich wollte mir hier lediglich kurz die Füße ausruhen.“ Als Liu Hsiang-liän das hörte, wurde ihm unwillkürlich so kalt, als ob Frost und Eis in seine Knochen drangen. Er zog das ‚Erpel‘-Schwert aus der Scheide und schnitt sich mit einem Ruck die zehntausend Fäden des kummerbringenden Haupthaars ab. Dann folgte er dem Dauisten wer weiß wohin. In einem späteren Kapitel werden wir es erfahren.

Anmerkungen

  1. Der Ortsname ist fiktiv.
  2. Ente-Erpel-Schwerter (wörtlich: Mandarinentenpaarschwerter) war die übliche Bezeichnung für ein Schwerterpaar, dessen Klingen auf der Außenseite gewölbt, auf der Innenseite aber flach waren und das gemeinsam in einer Scheide getragen wurde. Beim Kampf wurde mit jeder Hand eines der beiden Schwerter geführt. Über die symbolische Bedeutung der Mandarinenten vgl. o., Anm. zu S. 868 (Brautentengurt).