Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 69"

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=== Mit kleinen Raenken wird ein fremdes Schwert zum Morden benutzt; In Vorahnung des Todes verschluckt sie rohes Gold und stirbt ===
 
=== Mit kleinen Raenken wird ein fremdes Schwert zum Morden benutzt; In Vorahnung des Todes verschluckt sie rohes Gold und stirbt ===
  
nen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof. Hier stand schon ein Sterndeuter bereit, und als er das Leichentuch anhob, um die Tote zu betrachten, sah ihr Gesicht so frisch wie das einer Lebenden aus, nur daß es noch schöner war.
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'''Durch einen kleinen Kunstgriff tötet Hsi-fëng ,mit fremder Hand‘,angesichts der großen Auswegslosigkeit nimmt die zweite Schwester You sich das Leben.'''
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Als die zweite Schwester You gehört hatte, was Hsi-fëng ihr sagte, fand sie kein Ende mit ihrem Dank und folgte ihr willig. Auch Frau You konnte natürlich bei so einem wichtigen Zeremoniell nicht fehlen, und so kam sie herüber, um dabeizusein, wenn Hsi-fëng die Sache der Herzoginmutter meldete. „Du halt den Mund und überlaß es mir, zu reden!“ wurde sie von Hsi-fëng ermahnt.
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„Das versteht sich von selbst“, sagte Frau You, „aber so wirst du die Vorwürfe einstecken müssen, wenn sich welche ergeben.“ Mit diesen Worten betraten sie die Räume der Herzoginmutter.
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Die Herzoginmutter plauderte und scherzte eben zum Zeitvertreib mit den Mädchen aus dem Garten, als sie plötzlich sah, daß Hsi-fëng eine schöne blutjunge Frau hereinführte. Rasch kniff sie die Augen zusammen, um sie zu mustern, dann fragte sie: „Aus wessen Familie ist sie? Sie sieht sympathisch aus.“
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Darauf trat Hsi-fëng vor und forderte sie auf: „Seht sie Euch genau an, alte Ahne! Gefällt sie Euch?“ Dann zog sie die zweite Schwester You flink an der Hand und sagte: „Das ist die Schwiegergroßmutter. Mach schnell deinen Stirnaufschlag vor ihr!“ Sofort ließ sich die zweite Schwester You auf die Knie nieder und begann, mit der Stirn auf den Boden zu schlagen.
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Dann wies Hsi-fëng der Reihe nach auf die Mädchen des Hauses, erklärte dabei, wer jede war, und setzte hinzu: „Merk dir, wer sie sind, und nachdem die gnädigen Frauen dich gesehen haben, entbietest du auch ihnen den zeremoniellen Gruß!“
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Vorläufig wechselte die zweite Schwester You mit jedem der Mädchen ein Grußwort, dann blieb sie mit gesenktem Kopf an der Seite stehen. Die Herzoginmutter betrachtete sie von oben bis unten und fragte dann: „Wie heißt du? Und wie alt bist du?“
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Aber lächelnd mischte Hsi-fëng sich ein: „Fragt sie nichts, alte Ahne! Sagt nur, ob sie schöner ist als ich!“
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Nun setzte die Herzoginmutter ihre Brille auf und befahl Yüan-yang und Hu-po: „Führt sie hierher, damit ich ihre Haut sehen kann!“
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Alle schmunzelten und mußten die zweite Schwester You wohl oder übel zur Herzoginmutter hinüberschieben. Diese nahm sie genau in Augenschein, dann befahl sie Hu-po: „Zeig mir ihre Hände!“ Und Yüan-yang mußte noch den Rock der zweiten Schwester You anheben.
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Als die Herzoginmutter fertig war mit der Besichtigung, nahm sie die Brille wieder ab und sagte lächelnd: „Ein makelloses Mädchen. Wie mir scheint, ist sie noch ein wenig schöner als du.“
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Da kniete Hsi-fëng rasch mit lächelnder Miene nieder, um die Geschichte, die sie sich drüben bei Frau You ausgedacht hatte, in allen Einzelheiten vorzutragen, und schloß mit der Bitte: „Ihr müßt gnädig sein, alte Ahne, und ihr gestatten, schon jetzt zu uns zu ziehen! Erst wenn ein Jahr vergangen ist, werden sie die Ehe vollziehen.“
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„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte die Herzoginmutter. „Es ist schön, daß du derart gütig bist. Aber die Ehe dürfen sie wirklich erst nach einem Jahr vollziehen!“
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Als Hsi-fëng das hörte, berührte sie mit der Stirn den Boden, dann bat sie die Herzoginmutter, sie solle ihr zwei Frauen mitgeben, die vor den gnädigen Frauen bestätigen konnten, daß alles ihr Wille sei. Die Herzoginmutter erklärte sich einverstanden und bestimmte zwei Sklavenfrauen, die die zweite Schwester You zu Dame Hsing und den anderen gnädigen Frauen begleiten mußten. Dame Wang, die tief bekümmert gewesen war über den schlechten Namen, den sich Hsi-fëng gemacht hatte, war natürlich über ihre jetzige Handlungsweise hocherfreut. Und die zweite Schwester You sah wieder Licht, als sie nun im Seitenflügel des Wohngehöfts von Djia Liän und Hsi-fëng wohnen durfte.
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Auf der anderen Seite ließ Hsi-fëng durch einen ihrer Beauftragten Dschang Hua anstacheln, er solle seine Verlobte zurückfordern, und versprach ihm, neben der reichen Mitgift, die er zu erwarten hätte, wolle sie ihm Silber geben, von dem das Paar sich einrichten und sein Leben fristen könnte.
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Dschang Hua klagte nur mutlos und lustlos noch einmal gegen die Djias. Dann mußte er hören, wie der von Djia Jung entsandte Verwalter aussagte: „Dschang Hua war es, der die Verlobung rückgängig gemacht hat. Seine Verlobte ist mit unserer Familie verwandt. Daß wir sie ins Haus genommen haben, ist wahr, die Behauptung über ihre Hochzeit jedoch ist erlogen. Nur weil Dschang Hua seine Schulden verschleppt hat und sie trotz Mahnung nicht begleichen wollte, hat er meine Herrschaften fälschlich dieser Dinge bezichtigt.“
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Der Zensor, dessen Familie schon seit Generationen mit den Djias und den Wangs befreundet war und der obendrein ein Schmiergeld erhalten hatte, sagte nur, Dschang Hua sei ein Schurke, der die Djias aus Armut erpressen wolle, er weigerte sich, die Anklageschrift entgegenzunehmen, und befahl, ihn durchzuprügeln und hinauszuwerfen. Draußen bestach Tjing-örl die Büttel, damit sie nicht zu stark zuschlugen, und anschließend setzte er Dschang Hua zu: „Mit dir war sie zuerst verlobt. Wenn du nur auf der Hochzeit bestehst, muß der Beamte sie dir zusprechen.“
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Also verklagte Dschang Hua die Djias ein weiteres Mal, wieder instruierte Wang Hsin den Zensor, und nun entschied er: „Dschang Hua soll das Silber, das er den Djias schuldet, termingemäß und in voller Höhe zurückzahlen. Seine Verlobte soll er heiraten, sobald er dazu in der Lage ist.“ Diesen Spruch verkündete er in der Amtshalle in Anwesenheit von Dschang Huas Vater, den er hatte vorladen lassen. Auch von Tjing-örl bekam Dschang Huas Vater alles erklärt, und froh über die Aussicht, die Schwiegertochter mit einer reichen Zugabe zurückzubekommen, begab er sich zu den Djias, um die zweite Schwester You abzuholen.
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Mit erschrockener Miene lief Hsi-fëng zur Herzoginmutter, berichtete ihr und sagte, das alles liege nur daran, daß Frau You so unklug gehandelt habe, das Verlöbnis mit den Dschangs nicht rückgängig zu machen, was die Leute dazu veranlaßt habe, eine Klage zu erheben, die nun amtlicherseits auf diese Weise entschieden worden sei.
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Sofort ließ die Herzoginmutter Frau You zu sich herüberrufen und warf ihr vor, sie habe unziemlich gehandelt. „Wenn deine jüngere Schwester schon als Kind im Mutterleib mit dem Mann verlobt worden war und du die Verlobung nicht rückgängig gemacht hast, warst du es, die ihn dazu gebracht hat, diese dumme Anklage zu erheben.“
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„Aber er hat doch das Silber genommen, wie kann er da nicht einverstanden gewesen sein?“ verteidigte sich Frau You.
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„Dschang Hua hat jetzt ausgesagt, er habe kein Silber gesehen und bei ihm sei auch niemand gewesen“, fiel Hsi-fëng ein, die am Rande stand. „Und sein Vater sagt: ‚Die Mutter der Verlobten hat einmal mit mir gesprochen, aber ich habe durchaus nicht zugestimmt. Nachdem ihre Mutter gestorben war, habt ihr sie als Nebenfrau ins Haus genommen.‘ Da wir keinen Gegenbeweis haben, mußten wir ihn reden lassen. Ein Glück nur, daß der junge Herr Liän nicht zu Hause ist und noch nicht die Ehe mit ihr vollzogen hat! Von daher gäbe es also keinen Hinderungsgrund. Aber da sie einmal hier ist, können wir sie schlecht wieder herausgeben, ohne daß unser Ansehen darunter leidet.“
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„Da die Ehe noch nicht vollzogen ist und da es unserem Ansehen noch mehr schaden würde, wenn wir jemand mit Gewalt die Verlobte wegnähmen, ist es das beste, wir schicken sie zurück“, entschied die Herzoginmutter. „Werden wir etwa kein anderes gutes Mädchen für ihn finden?“
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Als die zweite Schwester You das hörte, berichtete sie der Herzoginmutter: „Aber meine Mutter hat dem Mann wirklich an dem und dem Tag des soundsovielten Monats des Jahres sowieso zehn Liang Silber gegeben, und er hat sich mit der Aufhebung der Verlobung einverstanden erklärt. Er ist verrückt vor Armut, deshalb hat er uns angezeigt und behauptet dabei das Gegenteil. Meine ältere Schwester trifft keine Schuld.“
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„Da sieht man, daß man sich mit arglistigen Menschen nicht einlassen darf“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Wenn die Dinge so liegen, soll Hsi-fëng Rat schaffen.“
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Hsi-fëng hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Als sie in ihre Räume zurückgekehrt war, ließ sie Djia Jung Bescheid sagen. Dieser wußte nur zu gut, daß Hsi-fëng der Meinung war, es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, wenn man die zweite Schwester You durch Dschang Hua abholen ließe, darum meldete er die Sache an Djia Dschën weiter, und dann wurde in aller Heimlichkeit jemand zu Dschang Hua geschickt, um ihm zu sagen: „Du hast jetzt so viel Silber, warum willst du unbedingt deine ehemalige Verlobte wiederhaben? Hast du denn, wenn du dich so darauf versteifst, gar keine Angst, daß die Herrschaften böse werden und irgendeinen Vorwand gegen dich suchen, durch den du so ums Leben kommst, daß man sich die Beerdigung sparen kann? Mit dem Silber kannst du doch in eure Heimat zurückkehren und allemal eine gute Braut finden. Wenn du dich dazu entschließen kannst, bekommst du sogar noch etwas Reisegeld.“
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Dschang Hua dachte kurz nach und fand den Vorschlag annehmbar. Nachdem er sich noch mit seinem Vater beraten hatte und sie nun insgesamt an die hundert Liang Silber bekommen hatten, machten sie sich am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache auf den Weg und kehrten in ihren Heimatort zurück.
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Als Djia Jung auf seine Erkundigungen hin hiervon Kenntnis erhalten hatte, meldete er der Herzoginmutter und Hsi-fëng: „Aus Furcht vor einer Strafe für seine falsche Anklage ist Dschang Hua mit seinem Vater zusammen geflohen. Die Behörden wissen bereits davon und stellen keine weiteren Ermittlungen mehr an. Damit ist der Fall erledigt.“
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Nun überlegte Hsi-fëng: „Wenn ich dafür gesorgt hätte, daß Dschang Hua seine Verlobte zurückbekommt, wäre nicht auszuschließen gewesen, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr etwas Geld ausgegeben und sie wieder in seinen Besitz gebracht hätte. Dieser Dschang Hua hätte bestimmt nachgegeben. Da ist es schon besser, die zweite Schwester You bleibt hier, und ich denke mir etwas anderes aus. Ich weiß aber nicht, wohin Dschang Hua jetzt gegangen ist. Wenn ich zulasse, daß er irgend jemand von der Sache erzählt oder den Fall später unter einem Vorwand erneut aufrollt, schade ich mir nur selbst. Ich hätte das Ruder nie aus der Hand geben dürfen!“
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Ihre Reue fand kein Ende, ehe sie nicht einen neuen Plan gefaßt hatte und Lai Wang heimlich befahl, er solle Dschang Hua suchen lassen, um ihn dann entweder als Räuber vor Gericht zu bringen und hinrichten zu lassen oder aber heimlich mit ihm abzurechnen. Auf jeden Fall mußte Dschang Hua sterben, damit das Unheil mit der Wurzel ausgerottet wurde und ihr Ansehen keinen Schaden litt.
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Nachdem Lai Wang diesen Befehl erhalten hatte und wieder zu Hause war, sagte er sich: „Der Mann ist verschwunden, und damit ist der Fall erledigt. Weshalb also soviel Aufhebens machen? Ein Menschenleben geht den Himmel an und ist kein Kinderspiel. Ich will mir etwas ausdenken, wie ich sie hinters Licht führen kann!“ Also hielt er sich für ein paar Tage außerhalb verborgen, und als er zurückkam, sagte er zu Hsi-fëng: „Dschang Hua hatte etliches Silber bei sich, und schon am dritten Tag nach seiner Flucht ist er im Morgengrauen in der Gegend von Djing-kou<ref>Hier wohl als fiktiver Ortsname gebraucht, denn der Ort Djing-kou (Dan-tu) in der Provinz Djiang-su bzw. die Mündung des Tschang-djiang (Jangtsekiang), die ebenfalls Djing-kou genannt wurde, wären in der angegebenen Zeit nicht erreichbar gewesen.</ref> von Straßenräubern niedergeschlagen und umgebracht worden. Sein Vater ist dann in einem Gasthauszimmer durch den erlittenen Schreck gestorben. Es hat eine Leichenschau stattgefunden, und die beiden sind dort begraben worden.“
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Hsi-fëng wollte ihm nicht glauben und drohte: „Wenn du gelogen hast, und ich finde es durch jemand anders heraus, dann schlage ich dir die Zähne ein.“ Aber sie ließ die Sache auf sich beruhen und stellte keine weiteren Nachforschungen mehr an. Zur zweiten Schwester You war sie auffallend freundlich, noch zehnmal mehr als zu einer leiblichen Schwester.
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Als Djia Liän endlich seine Aufgabe erfüllt hatte und zurückkam, ritt er als Erstes zu seinem neuen Haus und fand es still und verschlossen. Nur ein alter Wächter war da, bei dem er sich erkundigte, was vorgefallen sei. Der Alte erzählte ihm alles so, wie es gewesen war, und Djia Liän stampfte mit dem Fuß, obwohl er im Sattel saß.
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Notgedrungen mußte er erst einmal Djia Schë und Dame Hsing begrüßen und über die Erledigung seines Auftrags berichten. Djia Schë war sehr zufrieden mit ihm und lobte, er sei ein brauchbarer Helfer. Dann belohnte er ihn mit einhundert Liang Silber und schenkte ihm obendrein ein siebzehnjähriges Sklavenmädchen namens Tjiu-tung aus seinen eigenen Räumen als Beischläferin. Djia Liän nahm sie mit einem Stirnaufschlag zum Zeichen des Dankes entgegen, und seine Freude kannte keine Grenze.
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Als er auch die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und dann seine eigenen Räume aufsuchte, waren seine Züge unvermeidlich ein wenig von Scham gezeichnet. Doch wider Erwarten machte Hsi-fëng nicht ihr übliches Gesicht, als sie ihm mit der zweiten Schwester You zusammen zur Begrüßung entgegentrat und sie die gebräuchlichen Phrasen über das Wetter miteinander wechselten.
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Während Djia Liän von Tjiu-tung erzählte, leuchteten natürlich Stolz und Selbstzufriedenheit aus seinen Augen. Hsi-fëng hörte ihn an, dann gab sie rasch den Befehl, zwei Sklavenfrauen sollten das Mädchen mit dem Wagen von drüben abholen. Noch war der erste Stachel aus ihrem Herzen nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter dazu. Doch wohl oder übel mußte sie es schweigend erdulden und gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie ließ dann zum einen eine Weintafel herrichten, um den Heimgekehrten zu bewillkommnen, und führte zum anderen Tjiu-tung zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den übrigen, um sie vorzustellen. Still bei sich war Djia Liän verwundert.
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Inzwischen war schon der zwölfte Tag des zwölften Monats gekommen, und Djia Dschën mußte aufbrechen. Zuerst entbot er seinen zeremoniellen Gruß im Ahnentempel, dann kam er herüber, um auch vor der Herzoginmutter und den übrigen zum Abschied niederzuknien.Alle Familienangehörigen gaben ihm das Geleit bis zum Pavillon der Tränen<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 629.</ref>, nur Djia Liän und Djia Jung begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang, und kehrten dann erst um. Den ganzen Weg über schärfte Djia Dschën ihnen ein, sie sollten alle Kraft auf die Führung des Hauswesens richten und dergleichen mehr, und mit dem Mund versprachen sie es ihm beide. Außerdem wechselten sie auch ein paar hochtönende Redensarten, die hier nicht umständlich wiedergegeben werden müssen.
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Wenn Hsi-fëng in ihren Räumen war, behandelte sie die zweite Schwester You äußerlich natürlich so, daß nichts daran auszusetzen war, in ihrem Herzen jedoch brütete sie andere Pläne aus, und als sie einmal mit der zweiten Schwester You allein war, legte sie los: „Von dir werden böse Dinge erzählt, meine Schwester. Sogar die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben davon gehört und sagen nun, schon als Mädchen im Haus deiner Mutter seist du nicht keusch gewesen und hättest auch mit deinem Schwager etwas gehabt.
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‚Du hast eine ausgesucht, die keiner mehr haben wollte‘, sagten sie mir vorwurfsvoll. ‚Willst du sie nicht wegschicken und eine bessere suchen?‘ Als ich das hörte, bin ich beinahe geplatzt vor Wut. Ich habe herauszufinden versucht, wer das erzählt hat, aber es war nicht festzustellen. Wie soll ich jetzt dem Sklavengesinde auf die Dauer ins Gesicht sehen? Etwas Schönes habe ich mir da aufgeladen!“
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Nachdem sie zweimal in dieser Weise geredet hatte, wurde sie vor Ärger krank und konnte nicht mehr essen und trinken. Mit Ausnahme von Ping-örl gab es unter den Sklavenmädchen und -frauen keine, die nicht alles mögliche daherredete, anzügliche Reden führte und insgeheim stichelte.
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Tjiu-tung dagegen war der Meinung, weil niemand anders als Djia Schë sie Djia Liän zum Geschenk gemacht hatte, könne es keine bessere geben als sie selbst, und so verachtete sie sogar Hsi-fëng und Ping-örl, von der zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Sooft sie den Mund aufmachte, hetzte sie: „So eine dahergelaufene Dirne! Erst hurt sie herum, und als sie keiner mehr wollte, hat sie geheiratet. Und so etwas will mir hier den Rang streitig machen!“ Wenn Hsi-fëng das hörte, freute sie sich im stillen, und wenn die zweite Schwester You es hörte, war sie im stillen beschämt, verärgert und wütend.
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Seitdem Hsi-fëng krank spielte, aß sie nicht mehr mit der zweiten Schwester You zusammen und ließ ihr das Essen jeden Tag durch das Gesinde in ihre Räume bringen. Aber Essen wie Tee waren gleichermaßen ungenießbar. Ping-örl, die das nicht mit ansehen konnte, ließ für ihr eigenes Geld Speisen herrichten, die sie ihr brachte. Manchmal sagte sie auch einfach, sie wolle mit ihr im Garten spazierengehen, um dann in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen zu lassen. Und niemand wagte es, Hsi-fëng davon zu unterrichten. Doch als Tjiu-tung die beiden einmal dabei ertappt hatte, bohrte sie bei Hsi-fëng: „Ausgerechnet von Ping-örl wird Euer Ruf untergraben, junge Herrin. Hier muß das schöne Essen verderben, und sie füttert diese Person heimlich im Garten.“
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Daraufhin wurde Ping-örl von Hsi-fëng gescholten: „Anderer Leute Katzen fangen Ratten, nur meine Katze muß Hühner stehlen.“
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Da Ping-örl nicht wagte, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, mußte sie sich fortan von der zweiten Schwester You fernhalten. Gegen Tjiu-tung aber hegte sie von nun an einen heimlichen Haß, über den sie schlecht etwas verlauten lassen konnte.
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Von den Gartenbewohnern sympathisierten Li Wan, Ying-tschun, Hsi-tschun und andere mit Hsi-fëng, während Bau-yü, Dai-yü und ihnen Gleichgesinnte sich insgeheim um die zweite Schwester You Sorgen machten. Zwar konnten sie nicht gut etwas unternehmen, aber sie sahen, daß man Mitleid mit ihr haben mußte, und sooft sie kam,  bedauerten sie sie.  Aber auch wenn niemand ihr Gespräch belauschen konnte, weinte die zweite Schwester You nur und wagte sich nicht zu beklagen.
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Hsi-fëng ließ auch keinerlei schlechte Absichten erkennen. Wenn Djia Liän nach Hause kam, sah er sie stets nur gütig, und deshalb war er unachtsam. Außerdem hegte Djia Liän angesichts der überaus zahlreichen Beischläferinnen und Sklavenmädchen, die Djia Schë sein eigen nannte, schon immer ungehörige Absichten und hatte nur nicht gewagt, sie in die Tat umzusetzen.
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Andererseits waren Tjiu-tung und ihresgleichen böse auf ihren Gebieter, weil er alt und trottelhaft war, zwar noch einen unersättlichen Appetit hatte, aber nicht mehr die Kraft, ordentlich zu kauen, so daß man sich fragen mußte, wozu er die vielen Mädchen eigentlich bei sich behielt. Abgesehen von einigen wenigen, die ein Gefühl für Anstand und Scham besaßen, vergnügten sich die übrigen wohl mit den Sklavenjungen vom Innentor, wenn sie nicht gar durch das Spiel ihrer Augen und Brauen versuchten, heimlich mit Djia Liän anzubändeln, wobei es nur aus Furcht vor Djia Schës Gewalt noch zu keinem Ergebnis gekommen war.
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Gerade Tjiu-tung war für Djia Liän eine alte Bekannte, wenn es auch kein einziges Mal zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen gekommen war. Jetzt hatte es der Himmel gut gemeint, und Djia Schë hatte sie Djia Liän zum Geschenk gemacht. Nun waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig, unzertrennlich wie Leim und Lack und unbeschwert fröhlich wie Neuvermählte. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Deshalb wurde Djia Liäns Interesse für die zweite Schwester You allmählich lau, und nur Tjiu-tung war für ihn noch das Leben.
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Für Hsi-fëng war Tjiu-tung selbst zwar ein Gegenstand des Hasses, aber erfreulich fand sie die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, um zuerst die zweite Schwester You loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe, so daß sie ‚mit fremder Hand töten‘ und ‚vom Berg aus den kämpfenden Tigern zusehen‘ könnte. Wenn Tjiu-tung die zweite Schwester You erledigt hätte, wollte sie ihrerseits Tjiu-tung erledigen.
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Nachdem dieser Plan einmal feststand, sagte sie häufig unter vier Augen zu Tjiu-tung: „Du bist noch jung und kennst dich nicht aus. Sie ist hier die jüngere gnädige Frau und der Liebling unseres jungen Herrn, selbst ich muß ihr einige Zugeständnisse machen. Du gräbst dir doch dein eigenes Grab, wenn du ihr mit Härte entgegentrittst.“
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Solche Worte verdrossen Tjiu-tung nur um so mehr, und Tag für Tag schalt sie mit lauter Stimme: „Die junge gnädige Frau ist zu weichlich. Derartige Nachsicht ist nichts für mich. Irgendwie ist ihr die ganze Autorität abhanden gekommen. Sie ist großmütig, ich aber lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Die Hure soll mich kennenlernen!“
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Hsi-fëng in ihrem Zimmer tat so, als ob sie nicht den Mut hätte, etwas dagegen zu sagen, und die zweite Schwester You in ihrem Zimmer weinte nur, aß nichts mehr und traute sich nicht, Djia Liän davon zu berichten. Als am nächsten Tag der Herzoginmutter auffiel, wie rot und geschwollen die Augen der zweiten Schwester You waren, fragte sie sie nach dem Grund, aber auch ihr wagte die zweite Schwester You nichts zu sagen.
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Tjiu-tung jedoch, die sich überall in den Vordergrund drängte und ihre Reize spielen ließ, bemerkte insgeheim zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag flennt sie grundlos herum. Hinter unserem Rücken aber betet sie, daß die zweite junge Herrin und ich nur bald sterben, damit sie ganz nach ihren Wünschen mit dem jungen Herrn leben kann.“
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„So eine betörende Schönheit läßt auf ein neidisches Herz schließen“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Hsi-fëng ist so gut zu ihr, sie aber muß Streit suchen und eifersüchtig sein. Sie ist wahrhaftig ein undankbares Ding!“ Und mit der Zeit ließ ihr Gefallen an der zweiten Schwester You nach.
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Als die anderen merkten, daß die zweite Schwester You von der Herzoginmutter nicht mehr gemocht wurde, trampelten sie natürlich erst recht auf ihr herum und brachten es damit so weit, daß die zweite Schwester You nicht leben und nicht sterben konnte. Ein Glück war es noch, daß Ping-örl sie immer wieder zu trösten versuchte, wenn sie sie hinter Hsi-fëngs Rücken so antraf.
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Aber die zweite Schwester You war ein Mensch mit Magen und Darm wie aus Blumen, mit Fleisch und Haut wie aus Schnee. Wie sollte sie da solchen Quälereien gewachsen sein! Nach nur einem Monat, den sie an ihrem heimlichen Groll gelitten hatte, wurde sie vor Ärger krank. Arme und Beine waren ihr träge geworden, und Appetit hatte sie auch nicht mehr, so daß sie allmählich gelb und mager wurde.
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Eines Abends, als sie die Augen schloß, um zu schlafen, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Ente-Erpel-Schwertern auf sich zutreten und hörte sie sagen: „Du hattest immer ein törichtes Herz und einen weichen Sinn, Schwester, deshalb mußt du jetzt diese Enttäuschung erleben. Glaub nicht mehr den blumigen Worten und den raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Nach außen hin ist sie gütig, aber innerlich ist sie verschlagen. Ihr Haß wird keine Ruhe finden, ehe sie dich nicht umgebracht hat.
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Wenn ich noch in dieser Welt lebte, hätte ich bestimmt nicht zugelassen, daß du zu ihr ziehst, oder zumindest nicht, daß sie dich so behandelt. Aber es mußte ja so kommen. Wir haben weder züchtig noch tüchtig gelebt und haben die Männer dazu gebracht, daß sie Anstand und Sitte zerstörten. Das ist nun die Vergeltung dafür. Hör jetzt auf mich und erschlage das eifersüchtige Weib mit diesen Schwertern, dann aber komm mit mir, tritt vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und laß sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, ohne daß dich jemand bedauert.“
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„Schwesterchen“, erwiderte die zweite Schwester You unter Tränen, „wenn ich mich mein Leben lang schlecht aufgeführt habe, ist die Vergeltung, die mich jetzt trifft, die zwangsläufige Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich nehmen? Laß mich nur weiter aushalten! Vielleicht hat der Himmel Erbarmen mit mir und läßt es mir wieder gut gehen. Wäre damit nicht beiden Seiten geholfen?“
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„Du bist und bleibst eine Närrin“, hielt die dritte Schwester You ihr vor und lächelte dabei. „Seit Anbeginn gilt ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend, sie sind grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.‘ Und ‚Der Weg des Himmels ist es, die Vergeltung zu lieben.‘ Auch wenn du das Vergangene bereust und ein neuer Mensch geworden bist, hast du doch zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet, daß sie sich verhalten haben wie die wilden Hirsche, die sich ein und dasselbe Weibchen teilen. Wie könnte es der Himmel da zulassen, daß du in Frieden lebst?“
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„Wenn ich nicht in Frieden leben darf, muß wohl auch das so sein, und ich werde keinen Groll deswegen hegen“, sagte die zweite Schwester You unter Tränen.
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Als die Jüngere das hörte, stieß sie einen langen Seufzer aus und verschwand. Die zweite Schwester You aber fuhr erschrocken auf und merkte, daß es ein Traum gewesen war. Als dann Djia Liän kam, um nach ihr zu sehen, sagte sie, da weiter niemand dabei war, unter Tränen zu ihm: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich jetzt bei dir und weiß, daß ich schwanger bin, wenn ich auch nicht wissen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Wenn der Himmel Mitleid mit mir hat, werde ich das Kind noch zur Welt bringen können. Wenn nicht, gibt es keine Sicherheit für mein Leben, geschweige denn für das des Kindes.“
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„Beruhige dich!“ sagte Djia Liän ebenfalls unter Tränen. „Ich werde einen verständigen Mann herbitten, der dich gesund macht.“ Und er ging hinaus, um sofort nach einem Arzt zu schicken.
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Wider Erwarten war jedoch Hofarzt Wang auf den Gedanken verfallen, sich bei der Armee Verdienste zu erwerben, die später seinen Kindern zugute kommen sollten. Deshalb kamen die Sklavenjungen mit einem Hofarzt namens Hu wieder, dessen Rufname Djün-jung lautete. Als er eingetreten war und der Kranken die Pulse gefühlt hatte, sagte er, sie leide unter einer unregelmäßigen Periode und brauche nur eine kräftige Stärkung.
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„Aber ihre Regel hat schon vor drei Monaten ausgesetzt, und sie muß sich häufig erbrechen. Ich vermute, sie wird wohl schwanger sein“, wandte Djia Liän ein.
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Daraufhin befahl Hu Djün-jung den alten Sklavenfrauen, sie sollten ihre Herrin bitten, ihm noch einmal die Hand zu zeigen, und wohl oder übel schob die zweite Schwester You noch einmal ihren Arm unter dem Bettvorhang durch.
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Hu Djün-jung fühlte ihr zum zweiten Mal lange die Pulse, dann verkündete er: „Bei einer Schwangerschaft müßte sich der Leberpuls kräftig anfühlen. Aber wenn das Element Holz zu üppig wird, entsteht Feuer. Die unregelmäßige Periode wird nur durch das Holz der Leber bewirkt. Ich muß so kühn sein, die junge gnädige Frau zu bitten, mir ihr kostbares Antlitz ein wenig zu enthüllen, damit ich sehen kann, was ihre Miene über ihren Lebenshauch offenbart. Dann erst wage ich, ihr ein Medikament zu verschreiben.“
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Djia Liän hatte keine andere Wahl, als anzuordnen, man solle den Bettvorhang einen Spalt weit anheben, und die zweite Schwester You solle ihr Gesicht sehen lassen. Doch der flüchtige Anblick genügte, um die Seele von Hu Djün-jung bis zum neunten Himmel entschweben zu lassen. Sein ganzer Körper war wie gelähmt, und sein Denken setzte aus.
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Nachdem der Bettvorhang wieder herabgelassen war, begleitete Djia Liän den Arzt hinaus und wollte wissen, was nun sei. „Das ist keine Schwangerschaft“, erklärte Hu Djün-jung, „es ist lediglich das angestaute Blut, das sich verdickt hat. Darum kommt es nur darauf an, dieses Blut abzuleiten und die Adern für die Periode durchlässig zu machen.“ Danach schrieb er sein Rezept, verabschiedete sich und ging.
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Djia Liän befahl, man solle dem Arzt sein Honorar bringen, die Zutaten für die Arznei holen, sie zubereiten und der zweiten Schwester You zu trinken geben. Noch in der Nacht bekam dann die zweite Schwester You Bauchschmerzen, die sich nicht stillen ließen, und schließlich ging ihr ein voll ausgebildeter männlicher Fötus ab. Danach setzte eine Blutung ein, die nicht wieder aufhören wollte, und die zweite Schwester You wurde ohnmächtig.
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Als Djia Liän die Neuigkeit erfuhr, fluchte er laut auf Hu Djün-jung, schickte nach einem anderen Arzt, um die Kranke behandeln zu lassen, und schickte auch jemand los, um Anklage gegen Hu Djün-jung zu erheben. Aber Hu Djün-jung erfuhr davon, schnürte flugs sein Bündel und machte sich aus dem Staub.
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Inzwischen stellte der neue Arzt fest: „Eure werte Gattin hat von Natur aus eine schwächliche Konstitution. Seitdem sie schwanger war, muß sie wohl einigen Ärger erfahren haben, der sich angestaut hat. Jener Herr hat mit seiner Tiger- und Wolfsmedizin den Lebenshauch Eurer werten Gattin zu acht, neun Zehnteln zerstört. An eine baldige Genesung ist nicht zu denken. Aber wenn sie Heiltränke und zugleich Arzneikugeln einnimmt und außerdem mit überflüssigem Gerede verschont wird, besteht vielleicht noch einige Aussicht auf Genesung.“ Mit diesen Worten ging er davon.
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Djia Liän aber ließ in seiner Wut feststellen, wer den Arzt Hu geholt hatte, und als er es heraushatte, schlug er den Schuldigen halbtot.
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Noch zehnmal aufgeregter als Djia Liän gebärdete sich Hsi-fëng. Klagend rief sie aus: „Uns war vom Schicksal kein Sohn bestimmt, und nachdem uns jetzt endlich einer in Aussicht stand, mußten wir an so einen unfähigen Arzt geraten!“ Dann brannte sie für Himmel und Erde Weihrauch ab, fiel auf die Knie und betete: „Auch wenn ich dafür krank werden muß, bitte ich nur um das eine, daß Schwester You wieder ganz gesundet, von neuem schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich auf ewig fleischlose Fastenspeisen essen und zu Buddha beten!“
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Djia Liän und alle anderen, die davon erfuhren, waren des Lobes voll.
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Wenn Djia Liän mit Tjiu-tung zusammen war, kochte Hsi-fëng Suppen und Brühen und ließ sie der zweiten Schwester You hinübertragen. Außerdem hielt sie Ping-örl vor, sie müsse zum Unglück geboren sein, und sagte: „Mit dir ist es dasselbe wie mit mir, aber ich bin viel krank, während du nie krank bist und trotzdem nicht schwanger wirst. Der jüngeren Herrin ist das bestimmt nur zugestoßen, weil uns beiden kein Glück beschieden ist. Oder vielleicht ist jemand daran schuld, der ihr auf Grund seines ungünstigen Horoskops entgegensteht.“
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Also schickte sie jemand aus, um die Wahrsager befragen zu lassen, und der Bescheid, den die Botin zurückbrachte, lautete: „Die Schuld trägt eine, die im Zeichen des Hasen geboren<ref>In der traditionellen chinesischen Zeitrechnung werden die Jahre in Sechzigerzyklen gezählt, die in kleinere Zyklen von zwölf Jahren unterteilt sind. Dem zwölfjährigen Zyklus entsprechen zwölf Symboltiere. Jahre des Hasen waren zu Tsau Hsüä-tjins Lebzeiten z. B. die Jahre 1722 und 1734.</ref> ist.“ Nun rechneten alle nach, und die einzige, auf die das zutraf, war Tjiu-tung. Darum hieß es, sie sei schuld.
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Tjiu-tung hatte mit ansehen müssen, wie Djia Liän in den letzten Tagen Ärzte holen und Arznei kochen ließ, wie er die Leute schlug und selbst die Hunde beschimpfte, und wie er die zweite Schwester You mit zärtlicher Fürsorge umgab. Schon das hatte genügt, um ihr Herz randvoll mit Essig zu füllen. Als sie jetzt noch hören mußte, sie solle die Schuldige sein, und als Hsi-fëng ihr riet, sie solle sich vorübergehend woanders einen Unterschlupf suchen und in ein paar Monaten wiederkommen, da schimpfte sie mit Tränen der Wut in den Augen: „Was kümmert es mich, was dieses blinde Wahrsagerpack zusammenschwindelt! ‚Brunnenwasser tut dem Flußwasser nichts zuleide‘, sagt man, warum also soll ich schuld sein? Draußen hat sich das feine Püppchen mit wer weiß wem abgegeben, und kaum daß sie hier ist, steht ihr jemand durch sein Horoskop entgegen.
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Wie will sie überhaupt mir nichts, dir nichts zu einem Kind gekommen sein? Davon hat sie doch nur erzählt, um unsern jungen Herrn kirre zu machen, so empfänglich wie er für Schmeicheleien ist. Und selbst wenn sie ein Kind gehabt hat, weiß man noch nicht, ob es mit Familiennamen Dschang oder Wang hätte heißen müssen. Wenn Ihr so viel Wert auf einen Bastard legt, junge gnädige Frau, ich hätte keine Freude daran! Und überhaupt – wer könnte auf die Dauer nicht auch ein Kind haben? Jede könnte das! Wenn ich in einem Jahr oder einem halben ein Kind habe, ist es wenigstens ohne jede Beimischung!“
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Allen war zum Lachen bei dieser Tirade, aber keine hatte den Mut dazu, es zu tun.
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Zufällig kam eben Dame Hsing, um nach der Kranken zu sehen, und sofort klagte ihr Tjiu-tung unter Tränen: „Der zweite junge Herr und die junge Herrin wollen mich hinauswerfen und obdachlos machen. Erbarmt Euch meiner, gnädige Frau!“
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Aufgeregt machte Dame Hsing zuerst Hsi-fëng eine Zeitlang Vorhaltungen, dann schalt sie Djia Liän: „Du undankbares Geschöpf! Welche Fehler sie auch immer haben mag, ist sie dennoch ein Geschenk deines Vaters. Wenn du sie um einer andern willen hinauswerfen willst, die du dir von draußen geholt hast, gilt dir dein Vater also nichts mehr, wie? Anstatt sie hinauszuwerfen, tätest du besser daran, sie ihm zurückzugeben.“ Damit ging sie wütend hinaus.
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Tjiu-tung aber hatte erreicht, was sie wollte, und ging nun so weit, sich unter die Fenster der zweiten Schwester You zu stellen, um dort laut zu schimpfen und zu weinen, was natürlich den Ärger der zweiten Schwester You nur vermehrte.
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Am Abend, als Djia Liän bei Tjiu-tung im Bett lag und Hsi-fëng bereits schlief, kam Ping-örl nach der zweiten Schwester You sehen und redete ihr leise zu: „Kurier dich nur schön und achte nicht auf das Biest!“
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„Meine Schwester!“ sagte die zweite Schwester You und griff nach Ping-örls Hand, „seitdem ich hier bin, habe ich das Glück, von dir umsorgt zu werden, und du mußtest wer weiß wie oft um meinetwillen leiden. Falls ich mit dem Leben davonkomme, will ich dir deine Güte vergelten, doch ich fürchte, es wird nichts daraus und du mußt bis zu meiner nächsten Existenz darauf warten.“
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Auch Ping-örl konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie ihr sagte: „Wenn ich es mir recht überlege, bin nur ich an deinem Unglück schuld. Ich habe ein törichtes Herz und habe  i h r  nie etwas verschwiegen, warum hätte ich es ihr also nicht sagen sollen, als ich erfuhr, daß es dich gibt. Und daraus ist dann all dieses Unheil entstanden.“
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„Da hast du unrecht!“ widersprach die zweite Schwester You eilig. „Auch wenn du ihr nichts gesagt hättest, herausgefunden hätte sie es doch. Du hast es ihr bloß als Erste gesagt. Außerdem war es ja mein ganzes Sinnen und Trachten, hierher zu ziehen, damit die Sache ihre Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun.“
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Beide weinten noch ein Weilchen zusammen, dann erteilte Ping-örl der zweiten Schwester You ein paar gutgemeinte Ermahnungen, und erst als es schon tiefe Nacht war, ging sie in ihr Zimmer zurück, um zu schlafen.
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Währenddessen sagte sich die zweite Schwester You: „da die Krankheit nun einmal Macht über mich gewonnen hat, und es mir von Tag zu Tag schlechter geht anstatt besser, werde ich bestimmt nicht wieder gesund. Wozu soll ich diesen kleinlichen Ärger ertragen, zumal ich mein Kind verloren habe, an das sich mein Herz hätte klammern können. Besser, ich sterbe und mache damit reinen Tisch! Ich habe die Leute oft sagen hören, man könne sich mit Rohgold umbringen<ref>Selbstmord mit Blattgold oder Goldbrocken entsprach der gesellschaftlichen Praxis im alten China.</ref>. Das ist doch sauberer, als wenn ich mich aufhänge oder mir die Kehle durchschneide!“
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Nachdem sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, rappelte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe, suchte ein Stück unbearbeitetes Gold heraus, ohne zu wissen, wieviel es wog, und mit Tränen in den Augen schob sie es sich gewaltsam in den Mund. Dann mußte sie mehrmals mit aller Macht schlucken, ehe sie es endlich herunter bekam. Dann zog sie sich in größter Eile ordentlich an, schmückte sich mit ihrem Kopfputz und legte sich auf das Ofenbett. Niemand hatte auch nur das geringste bemerkt.
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Als die Sklavenmädchen und -frauen die zweite Schwester You am nächsten Morgen nicht rufen hörten, machten sie sich unbekümmert an ihre eigene Toilette, während Hsi-fëng mit Tjiu-tung hinüberging, um den Älteren ihren Morgengruß zu entbieten.
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Da schalt Ping-örl, die es nicht länger mit ansehen konnte, die Sklavenmädchen: „Ihr seid wirklich nur wert, jemand zu bedienen, der kein Herz im Leibe hat und der euch schlägt und beschimpft, wenn ihr mit einer Kranken kein bißchen Mitleid habt. Wollt ihr nicht zeigen, daß ihr wißt, was sich gehört, auch wenn sie gutartig ist, anstatt daß ihr die Sache so übertreibt und ‚mitschiebt, wenn die Mauer schon im Fallen ist‘?“
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Nun machten die Sklavenmädchen die Tür auf, und als sie ins Zimmer traten, entdeckten sie, daß die zweite Schwester You sauber gekleidet und geschmückt tot auf dem Ofenbett lag. Zutiefst erschrocken, schrien und riefen sie durcheinander. Auch Ping-örl trat nun herein, und beim Anblick der Toten begann sie unwillkürlich, laut zu weinen. Auch die anderen wurden, obwohl sie in steter Furcht vor Hsi-fëng lebten, vom Schmerz gepackt bei dem Gedanken, daß die zweite Schwester You nun tot war, die sich doch Tieferstehenden gegenüber wirklich freundlich und nachsichtig benommen hatte und ein besserer Mensch als Hsi-fëng gewesen war, und da weinten sie ebenfalls um sie, wenn auch nicht so, daß sie dabei von Hsi-fëng überrascht werden konnten.
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Im Nu war der Vorfall im ganzen Anwesen bekannt. Djia Liän kam herein, nahm die Tote in seine Arme und weinte hemmungslos, ohne wieder aufzuhören. Auch Hsi-fëng klagte unter geheuchelten Tränen: „Du hartherzige Schwester! Warum hast du mich hier allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank gelohnt?“
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Frau You und Djia Jung kamen ebenfalls herüber, um ein Weilchen zu weinen, und trösteten Djia Liän. Dann erstattete Djia Liän Dame Wang über die Angelegenheit Bericht und bat darum, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufbahren zu dürfen, um sie dann ins Kloster Eiserne Schwelle zu überführen, und Dame Wang gestattete es. Also schickte Djia Liän rasch Leute zum Birnendufthof, die das Tor aufschlossen und die Haupträume leer machten, um den Leichnam dort aufzubahren.
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Da es nach Djia Liäns Ansicht keine Art war, die Tote durch den Hinterausgang hinauszutragen, ließ er dem Birnendufthof gegenüber eine große Bresche in die Hauptmauer schlagen. Zu beiden Seiten wurden Behelfsbauten aufgestellt und Altäre für die Totenrituale errichtet. Dann wurde die Tote auf eine mit atlasbezogenen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof. Hier stand schon ein Sterndeuter bereit, und als er das Leichentuch anhob, um die Tote zu betrachten, sah ihr Gesicht so frisch wie das einer Lebenden aus, nur daß es noch schöner war.
 
Noch einmal schloß Djia Liän die Tote in seine Arme, weinte laut und rief dabei aus: „Du bist rätselhaft gestorben, meine Frau! Doch ich allein bin daran schuld!“
 
Noch einmal schloß Djia Liän die Tote in seine Arme, weinte laut und rief dabei aus: „Du bist rätselhaft gestorben, meine Frau! Doch ich allein bin daran schuld!“
 
Rasch trat Djia Jung näher und redete ihm zu: „Faßt Euch, Onkel! Meiner Tante war kein Glück beschieden, das ist es.“ Dabei wies er mit der Hand nach Süden in Richtung der Mauer, hinter der der Garten des Großen Anblicks lag.
 
Rasch trat Djia Jung näher und redete ihm zu: „Faßt Euch, Onkel! Meiner Tante war kein Glück beschieden, das ist es.“ Dabei wies er mit der Hand nach Süden in Richtung der Mauer, hinter der der Garten des Großen Anblicks lag.
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„Am dritten Tag geht es auf keinen Fall, also am siebenten!“ sagte Djia Liän. „Da mein Onkel und mein Vetter nicht hier sind und da es auch nur ein kleinerer Trauerfall ist, wage ich nicht, die Aufbahrung im Hause in die Länge zu ziehen. Im Tempel wird sie noch fünfmal sieben Tage aufgebahrt bleiben, und erst nach einer großen Totenmesse soll der Sarg verschlossen werden. Im nächsten Jahr wird sie dann in den Süden übergeführt und begraben.“
 
„Am dritten Tag geht es auf keinen Fall, also am siebenten!“ sagte Djia Liän. „Da mein Onkel und mein Vetter nicht hier sind und da es auch nur ein kleinerer Trauerfall ist, wage ich nicht, die Aufbahrung im Hause in die Länge zu ziehen. Im Tempel wird sie noch fünfmal sieben Tage aufgebahrt bleiben, und erst nach einer großen Totenmesse soll der Sarg verschlossen werden. Im nächsten Jahr wird sie dann in den Süden übergeführt und begraben.“
 
Der Sterndeuter äußerte seine Zustimmung, dann stellte er den Totenschein  aus  und  ging  fort.  Inzwischen  war längst Bau-yü eingetroffen,  
 
Der Sterndeuter äußerte seine Zustimmung, dann stellte er den Totenschein  aus  und  ging  fort.  Inzwischen  war längst Bau-yü eingetroffen,  
 
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um die Tote eine Zeitlang zu beweinen, und auch die übrigen Sippenangehörigen kamen<ref>Dem Sterndeuter, den man im alten China bei jedem Todesfall brauchte, um die Termine für das Begräbniszeremoniell (Einsargung, Sargüberführung) zu bestimmen, oblag die Ausstellung einer Art von Totenschein. Bestand der Verdacht von Mord oder Selbstmord, durfte er den Totenschein nicht ausstellen und mußte Anzeige erstatten</ref>.
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
um die Tote eine Zeitlang zu beweinen, und auch die übrigen Sippenangehö­ri­gen kamen0.
 
 
Djia Liän eilte dann in seine Wohnräume zurück, um von Hsi-fëng Geld für den Sarg und das Trauerzeremoniell zu verlangen. Aber Hsi-fëng hatte, schon als die Tote hinausgetragen wurde, Krankheit vorgeschützt und erklärt: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben gesagt, für mich als Kranke seien Brautgemächer, Kreißzimmer und Sterbezimmer tabu, und deshalb dürfe nicht mit dabei sein.“ Anstatt Trauer anzulegen und an der Aufbahrungszeremonie teilzunehmen, hatte sie sich in den Garten des Großen Anblicks begeben, wo sie um die Berge herumging und an die nördliche Umfassungsmauer trat, um zu horchen,  was draußen gesprochen wurde.  Was sie dabei leise und verschwommen gehört hatte, berichtete sie anschließend der Herzoginmutter.
 
Djia Liän eilte dann in seine Wohnräume zurück, um von Hsi-fëng Geld für den Sarg und das Trauerzeremoniell zu verlangen. Aber Hsi-fëng hatte, schon als die Tote hinausgetragen wurde, Krankheit vorgeschützt und erklärt: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben gesagt, für mich als Kranke seien Brautgemächer, Kreißzimmer und Sterbezimmer tabu, und deshalb dürfe nicht mit dabei sein.“ Anstatt Trauer anzulegen und an der Aufbahrungszeremonie teilzunehmen, hatte sie sich in den Garten des Großen Anblicks begeben, wo sie um die Berge herumging und an die nördliche Umfassungsmauer trat, um zu horchen,  was draußen gesprochen wurde.  Was sie dabei leise und verschwommen gehört hatte, berichtete sie anschließend der Herzoginmutter.
 
„Was für ein Unfug!“ schimpfte die Herzoginmutter. „In allen andern Familien werden die Leichen von Mädchen, die an Auszehrung gestorben sind, verbrannt, und die Asche wird verstreut. Er aber will ein richtiges Trauerzeremoniell beginnen und ein Grab für sie anlegen. Da sie nun einmal zu seiner Nebenfrau bestimmt war, mag er sie fünfmal sieben Tage lang aufbahren lassen, aber dann soll sie verbrannt oder irgendwo verscharrt werden, und damit basta!“
 
„Was für ein Unfug!“ schimpfte die Herzoginmutter. „In allen andern Familien werden die Leichen von Mädchen, die an Auszehrung gestorben sind, verbrannt, und die Asche wird verstreut. Er aber will ein richtiges Trauerzeremoniell beginnen und ein Grab für sie anlegen. Da sie nun einmal zu seiner Nebenfrau bestimmt war, mag er sie fünfmal sieben Tage lang aufbahren lassen, aber dann soll sie verbrannt oder irgendwo verscharrt werden, und damit basta!“
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„Du hast recht“, sagte Djia Liän. Dann nahm er ihr das Silber ab und reichte ihr einen Rock, wobei er sagte: „Den hat sie immer zu Hause getragen. Heb ihn mir gut auf, damit ich ein Andenken habe!“
 
„Du hast recht“, sagte Djia Liän. Dann nahm er ihr das Silber ab und reichte ihr einen Rock, wobei er sagte: „Den hat sie immer zu Hause getragen. Heb ihn mir gut auf, damit ich ein Andenken habe!“
 
Notgedrungen verbarg Ping-örl den Rock an ihrem Körper, um ihn dann wegzulegen. Inzwischen übergab Djia Liän das Silber dem Gesinde und befahl, Bretter für den Sarg zu kaufen. Aber gutes Holz war teuer, und mittelmäßiges wollte er nicht. Also ritt er los, um selber danach zu suchen, und kam am Abend wirklich mit einer Partie guter Bretter zurück, die er allerdings zum Preis von fünfhundert Liang Silber auf Kredit erstanden hatte, und nun wurde die ganze Nacht hindurch der Sarg gezimmert. Zugleich bestimmte Djia Liän Leute, die in Trauerkleidung die Totenwache halten mußten. Auch er selbst kehrte am Abend nicht in die Wohnräume zurück und wachte statt dessen die Nacht über bei der Toten.
 
Notgedrungen verbarg Ping-örl den Rock an ihrem Körper, um ihn dann wegzulegen. Inzwischen übergab Djia Liän das Silber dem Gesinde und befahl, Bretter für den Sarg zu kaufen. Aber gutes Holz war teuer, und mittelmäßiges wollte er nicht. Also ritt er los, um selber danach zu suchen, und kam am Abend wirklich mit einer Partie guter Bretter zurück, die er allerdings zum Preis von fünfhundert Liang Silber auf Kredit erstanden hatte, und nun wurde die ganze Nacht hindurch der Sarg gezimmert. Zugleich bestimmte Djia Liän Leute, die in Trauerkleidung die Totenwache halten mußten. Auch er selbst kehrte am Abend nicht in die Wohnräume zurück und wachte statt dessen die Nacht über bei der Toten.
Wahrhaftig0:
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Wahrhaftig<ref>Das Schlußgedicht zum 69. Kapitel fehlt im Original.</ref>:  
70. Durch Lin Dai-yü wird der Pfirsichblütenbund neu begründet,
 
von Schï Hsiang-yün wird gelegentlich ein Weidenflockengedicht verfaßt.
 
 
 
Djia Liän hielt also im Birnendufthof sieben Tage und sieben Nächte die Totenwache, und jeden Tag lasen buddhistische und dauistische Mönche ununterbrochen Totenmessen. Unterdes ließ die Herzoginmutter Djia Liän zu sich rufen und verbot ihm, die Tote in den Familientempel überzuführen. So blieb ihm nichts weiter übrig, als noch einmal mit Schï-djüä zu sprechen und zu Häupten des Grabes der dritten Schwester You einen Platz bezeichnen zu lassen, um hier ein Grab für die zweite Schwester You anzulegen.
 
Als sie dort beigesetzt wurde, waren außer den Sippenangehörigen nur Wang Hsin mit seiner Frau und Frau You mit ihrer Schwiegertochter anwesend. Hsi-fëng aber kümmerte sich nicht im geringsten darum und ließ Djia Liän alles allein machen.
 
Inzwischen näherte sich das Jahresende, und zusätzlich zu allen übrigen Dingen, die es zu erledigen gab, erschien Lin Dschï-hsiau mit einer Liste, auf der die Namen von acht ledigen Sklavenburschen standen, die das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatten und nun eine Frau bekommen mußten, die man seiner Meinung nach gut unter jenen Sklavenmädchen aus den inneren Gemächern auswählen konnte, die ebenfalls das Heiratsalter erreicht hatten.
 
Hsi-fëng sah die Liste durch und fragte dann zuerst die Herzoginmutter und Dame Wang um Rat. Dabei ergab sich, daß wohl einige Sklavenmädchen da waren, die eigentlich verheiratet werden mußten, daß es aber bei jeder einen Hinderungsgrund gab.
 
Die erste war Yüan-yang, die geschworen hatte, nicht fortzugehen, und seit jenem Tag kein Wort mehr mit Bau-yü gesprochen hatte und sich auch nicht mehr prächtig gekleidet und üppig geschmückt hatte, so daß man sie schlecht zwingen konnte. Die zweite war Hu-po, die jedoch nicht gesund war und deshalb diesmal nicht in Frage kam. Auch Tsai-yün litt, seitdem sie sich vor kurzem mit Djia Huan überworfen hatte, an einer unheilbaren Krankheit. So mußten jetzt nur solche Sklavenmädchen aus dem Dienst entlassen werden, die bei Hsi-fëng beziehungsweise Li Wan grobe Arbeiten verrichteten, alle anderen waren noch zu jung, und deshalb wurde entschieden, die Sklavenburschen sollten sich ihre Bräute außerhalb des Anwesens selber suchen.
 
Da Hsi-fëng die ganze Zeit über krank gewesen war und Li Wan und Tan-tschun, die solange das Hauswesen führen mußten, keinen Augenblick mehr frei gehabt hatten, zum anderen aber auch wegen der vielen Verpflichtungen, die die Jahreswende und die Feiertage mit sich brachten, war der Dichterbund vollkommen eingeschlafen. Als jetzt der Frühling kam, war zwar wieder Zeit, aber in stetiger Folge war erst Liu Hsiang-liän ohne Abschied verschwunden, hatte sich nachher die dritte Schwester You die Kehle durchgeschnitten, hatte sich die zweite Schwester You mit Gold umgebracht, und Wu-örl schließlich war vor Kummer krank geworden.
 
Müßiger Kummer und törichter Zorn hatten Bau-yü stets von neuem befallen, noch ehe sie abgeklungen waren, und so hatte er das Aussehen eines Geistesgestörten angenommen, und seine Reden waren häufig wirr, ganz als ob er an einer manischen Krankheit litte. Darüber waren Hsi-jën und die anderen so bestürzt, daß sie sich nicht trauten, der Herzoginmutter davon Meldung zu machen, und sich nur mit allen Mitteln bemühten, Bau-yü aufzuheitern.
 
Eines Tages, als Bau-yü früh am Morgen erwacht war, hörte er aus dem Vorraum ein nicht enden wollendes Gegacker und Gekicher, und Hsi-jën forderte ihn lächelnd auf: „Geh schnell hinaus und schaff Frieden! Tjing-wën und Schë-yüä halten Venturina fest und kitzeln sie ab.“
 
Als Bau-yü sich rasch eine Jacke mit Fehfutter umgehängt hatte und hinausging, entdeckte er dort, daß die drei noch nicht ihr Bettzeug zusammengelegt und sich auch noch nicht angezogen hatten. Tjing-wën, die nur mit einer halblangen Jacke aus lauchgelber Pu-yüan-Seide0 sowie einer roten Hose und roten Bettschuhen bekleidet war und der das Haar offen um die Schultern hing, saß im Reitersitz auf Hsiung-nus Körper. Schë-yüä, die ein Brusttuch aus dünner roter Seide trug und darüber nur ein abgetragenes langes Gewand, das sie sich lose um die Schultern gelegt hatte, kitzelte Hsiung-nu in den Achselhöhlen. Hsiung-nu aber lag rücklings auf dem Ofenbett, sie hatte eine enganliegende Jacke mit Streublumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe an, strampelte wie wild mit den Beinen und bekam vor Lachen kaum noch Luft.
 
„Zwei Große bedrängen eine Kleine“, sagte Bau-yü lächelnd, während er schnell näher trat. „Paßt auf, wenn ich ihr helfe!“ Mit diesen Worten stieg er ebenfalls auf das Ofenbett und begann, Tjing-wën zu kitzeln. Das brachte sie so zum Lachen, daß sie sogleich von Hsiung-nu abließ, um auf Bau-yü loszugehen. Diese Gelegenheit aber machte sich Hsiung-nu zunutze, warf Tjing-wën nieder und kitzelte sie nun ihrerseits unter den Armen.
 
„Gebt acht, daß ihr euch nicht verkühlt!“ mahnte Hsi-jën, die amüsiert nach dem Knäuel aus vier ineinander verstrickten Leibern sah.
 
Plötzlich aber erschien Bi-yüä, um im Auftrag von Li Wan zu fragen: „Habt ihr vielleicht ein Taschentuch gefunden, das meine junge Herrin gestern abend hier vergessen hat?“
 
„Es ist da, es ist da“, sagte Hsiau-yän eifrig, „ich habe es vom Fußboden aufgehoben, ohne zu wissen, wem es gehört. Vorhin erst habe ich es gewaschen und zum Trocknen hinausgehängt. Es ist noch feucht.“
 
„Hier geht es ja hoch her“, sagte Bi-yüä schmunzelnd und schaute nach den vieren, die sich auf dem Ofenbett wälzten. „Schon am frühen Morgen, kaum daß ihr aufgestanden seid, kabbelt ihr euch mit Hihi und Haha.“
 
„Warum macht ihr denn das nicht?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ihr seid doch auch nicht wenig.“
 
„Unsere junge Herrin tollt nicht herum“, erwiderte Bi-yüä. „Und ihre beiden Kusinen und Fräulein Bau-tjin hat sie auch zur Räson gebracht. Jetzt ist Fräulein Bau-tjin wieder zur alten gnädigen Frau gezogen, dadurch ist es noch ruhiger geworden. Wenn die beiden Kusinen der jungen Herrin in diesem Jahr verlobt werden und noch vor dem nächsten Winter das Haus verlassen, wird es ganz und gar still werden. Sieh dir doch an, um wieviel eintöniger es bei Fräulein Bau-tschai geworden ist, seitdem Hsiang-ling wieder ausgezogen ist und Fräulein Hsiang-yün dort allein gelassen hat.“
 
Während sie das eben sagte, kam in Hsiang-yüns Auftrag Tsuee-lü herein, um auszurichten: „Der junge Herr wird gebeten, rasch zu kommen, um sich ein gutes Gedicht anzusehen.“
 
„Was für ein gutes Gedicht ist das?“ wollte Bau-yü sofort wissen.
 
„Die Fräulein sind alle im Duftgetränkten Pavillon“, berichtete Tsuee-lü lächelnd. „Geh hin, und du wirst es erfahren.“
 
Nachdem Bau-yü sich schnell frisiert und gewaschen hatte, ging er hinüber und fand Dai-yü, Bau-tschai, Hsiang-yün, Bau-tjin und Tan-tschun wirklich alle dort versammelt. In den Händen hielten sie ein Blatt mit einem Gedicht, das sie lasen. Als sie Bau-yü sahen, begrüßten sie ihn lächelnd: „Bist du endlich aufgestanden? Unser Dichterbund ist ein ganzes Jahr lang nicht zusammengetreten, und niemand hat ihm aufgeholfen. Jetzt ist Frühling, und alles regt sich zu neuem Leben, darum sollten wir auch den Dichterbund wieder aufleben lassen. Das wäre gut.“
 
„Es war Herbst, als wir den Bund zuerst gegründet haben, darum konnte er gar nicht zur Blüte kommen“, ergänzte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Jetzt dagegen ist alles auf Frühling, Wachsen und Werden eingestellt. Außerdem ist dieses Pfirsichblütengedicht so gut, daß wir den Begonienbund in einen Pfirsichblütenbund umwandeln sollten!“
 
„Ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü kopfnickend und verlangte sofort, er wolle das Gedicht lesen. Aber die anderen sagten: „Gehen wir die Alte Reisduftbäuerin besuchen und beratschlagen dort, wie wir den Bund am besten wieder in Gang bringen können!“
 
Alle standen auf und machten sich auf den Weg zum Reisduftdorf. Im Gehen las Bau-yü, was auf dem Blatt stand:
 
„Ein Pfirsichblütenlied
 
 
  Jenseits des Vorhangs schaukeln Blüten im Wind,
 
  diesseits des Vorhangs kämm ich träge mein Haar.
 
  Draußen sind Blüten, hier im Zimmer bin ich,
 
  wenig nur trennt uns, rote Blüten und Mensch.
 
  Der Wind strengt sich an, mein Fenster zu öffnen,
 
  die Blüten versuchen, durch den Vorhang zu spähn.
 
  Draußen die Blüten stehen üppig in Pracht,
 
  ich hier im Zimmer welke schmächtig dahin.
 
  Spüren sie Mitleid, so bedauern sie mich,
 
  der Wind trägt zu mir ihre Grüße herein.
 
  Windhauch durchs Fenster, voller Blüten der Hof,
 
  ein lenzliches Bild, doch es steigert mein Weh.
 
  Verlassen der Hof, niemand öffnet das Tor,
 
  einsam aufs Gatter steh ich abends gelehnt.
 
  Aufs Gatter gelehnt, wein im Abendwind ich,
 
  rot leuchtet mein Rock, wo die Bäume rot blühn.
 
  Blüten und Blätter miteinander vermischt,
 
  frischrot die Blüten, grün wie Jade das Laub.
 
  Tausender Stämme rotes Nebelgewölk,
 
  Häuser und Mauern sind in Gluthauch gehüllt.
 
  Rot brennt der Decke feiner Seidenbrokat,
 
  ich find keinen Schlaf auf des Kissens Korall.
 
  Schon bringt mir die Magd frisches Wasser herein,
 
  kalt auf den Wangen brennt das duftige Naß.
 
  Wie ist so brandrot auf den Wangen das Rouge,
 
  rot wie die Blüten sind die Tränen gefärbt.
 
  Glutroten Blüten meine Tränen sind gleich,
 
  fließen stets weiter, wenn die Blüten noch blühn.
 
  Schnell sind sie gestillt, schau die Blüten ich an,
 
  Tränen versiegen, frisches Blühen vergeht.
 
  Welkende Blüten mein Welken verbergen,
 
  die Blüten fallen, und so müde bin ich.
 
  Mit dem Kuckucksruf sagt der Frühling ade,
 
  aufs stille Fenster wirft der Mond bleichen Schein.“
 
Als Bau-yü zu Ende gelesen hatte, begann er zu weinen, anstatt das Gedicht zu loben, denn er fühlte, daß Dai-yü es verfaßt haben mußte, und das trieb ihm die Tränen in die Augen. Aber weil er Angst hatte, die anderen könnten etwas bemerken, wischte er sich die Tränen rasch selber ab und fragte: „Wie seid ihr zu dem Gedicht gekommen?“
 
„Rate mal, von wem es ist!“ forderte Bau-tjin ihn lächelnd auf.
 
„Es ist natürlich ein Manuskript der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß“, antwortete Bau-yü und lächelte ebenfalls.
 
„Nein, ich habe es geschrieben“, behauptete Bau-tjin lächelnd.
 
„Das glaube ich nicht“, gab Bau-yü, immer noch lächelnd, zurück. „Nach Tonfall und Ausdrucksweise entspricht es so gar nicht dem Stil der Edlen von Haselwurz, darum glaube ich dir nicht.“
 
„Da sieht man, daß du keine Ahnung hast“, mischte Bau-tschai sich lächelnd ein. „Als ob Du Fu in jenem Gedicht nur geschrieben hätte
 
‚Zweifach die Chrysanthemen blühn, weinend um andere Tage.‘
 
Dabei gibt es doch bei ihm auch herrliche Zeilen wie diese:
 
‚Üppig und rot macht der Regen die Aprikosen.‘
 
Oder auch diese:
 
‚In grünen Bändern treibt der Wind Wasserflott über den Teich.‘“
 
„Das stimmt schon“, sagte Bau-yü lächelnd. „Aber ich weiß, daß du deiner Kusine nie gestatten würdest, solche traurigen Zeilen zu dichten. Und obwohl sie durchaus das Talent dazu hat, würde sie so auch gar nicht schreiben wollen. Ganz etwas anderes ist es mit Kusine Dai-yü. Sie hat Kummer erlebt und dichtet in so traurigen Tönen.“
 
Alle lachten über seine Worte, aber schon waren sie im Reisduftdorf angelangt, wo sie das Gedicht Li Wan zeigten, die natürlich kein Ende fand mit ihrem Lob. Dann begannen sie, über den Dichterbund zu beraten, und legten fest, am nächsten Tag, dem zweiten des dritten Monats, solle der Bund seine Arbeit aufnehmen, und er solle von Begonienbund in Pfirsichblütenbund umbenannt sein. Die Leitung sollte diesmal Dai-yü haben.
 
Am nächsten Tag versammelten sie sich nach dem Frühstück in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und wollten ihr erstes Thema festlegen. „Jeder schreibt ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimen!“ sagte Dai-yü.
 
„Das ist nichts!“ wandte Bau-tschai ein. „Pfirsichblütengedichte gibt es seit alters her besonders viel. Wenn wir wirklich welche schreiben wollten, würden wir in Schablonen verfallen, und mit deinem Gedicht im alten Stil wären sie doch nicht zu vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes ausdenken!“
 
Kaum hatte sie das gesagt, wurde gemeldet: „Die gnädige Frau Tante ist da. Die Fräulein möchten kommen, um ihr ihren Gruß zu entbieten.“ Also gingen alle hinüber, begrüßten Wang Dsï-tëngs Frau und plauderten mit ihr. Nach dem Essen begleiteten sie sie in den Garten und führten sie überall herum. Erst nach dem Abendessen, als schon die Lampen brannten, fuhr sie wieder fort.
 
Der nächste Tag war Tan-tschuns Geburtstag, und schon am Morgen schickte Yüan-tschun zwei junge Eunuchen, die ihr einige Spielsachen überbrachten. Daß auch die ganze Familie ihr Geschenke machte, versteht sich von selbst. Nach dem Essen kleidete sich Tan-tschun in ihre Zeremonialgewänder und ging überall ihren offiziellen Gruß entbieten.
 
Lächelnd sagte jetzt Dai-yü zu den anderen: „Wieder habe ich den Bund nicht im richtigen Augenblick einberufen! Ich hatte ganz vergessen, daß in diesen Tagen ihr Geburtstag gefeiert wird. Wenn es auch keine Weintafel und keine Theatervorführung gibt, müssen wir ihr zumindest Gesellschaft leisten und den Tag mit der alten gnädigen Frau verplaudern, so daß uns wieder keine Zeit bleibt.“ Daraufhin wurde das Treffen des Dichterbundes auf den fünften verschoben.
 
Doch als an diesem Tag die Mädchen noch wartend dabeistanden, während die Herzoginmutter ihr Frühstück einnahm, traf eben ein Brief von Djia Dschëng ein. Bau-yü entbot seinen Gruß, öffnete das Schreiben an die Herzoginmutter und las es ihr vor. Aber es standen nur Grußworte darin und die Ankündigung, Djia Dschëng werde im sechsten Monat wieder in der Hauptstadt sein. Ein weiteres Schreiben, das an die Familie gerichtet war, wurde von Djia Liän und Dame Wang aufgemacht und gelesen. Alle waren unendlich froh darüber, daß Djia Dschëng im sechsten oder siebenten Monat wieder zu Hause sein würde.
 
Ausgerechnet in diesen Tagen war eine Tochter von Wang Dsï-tëng mit einem Sohn des Fürsten Bau-ning verlobt worden, und der zehnte Tag des fünften Monats war für die Hochzeit ausgewählt worden. Hsi-fëng war eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt, und so war sie häufig drei bis fünf Tage nicht zu Hause. Auch heute kam Wang Dsï-tëngs Frau, um Hsi-fëng abzuholen, und lud zugleich ihre Neffen und Nichten ein, den Tag in fröhlicher Muße bei ihr zu verbringen. Die Herzoginmutter und Dame Wang entschieden, Bau-yü, Tan-tschun, Dai-yü und Bau-tschai sollten Hsi-fëng zu viert begleiten, und da sie nicht wagten, ungehorsam zu sein, mußten sie in ihre Räume zurückkehren, um sich umzuziehen. Dann verabschiedeten sich alle fünf und blieben den Tag über fort. Erst als die Lampen schon brannnten, kamen sie zurück.
 
Als Bau-yü wieder im Hof der Freude am Roten war und sich einen Moment ausruhte, nahm Hsi-jën die Gelegenheit wahr, um ihm zu raten, er solle sich zusammennehmen und, wenn er frei sei, seine Bücher ordnen, um vorbereitet zu sein.
 
Bau-yü zählte die verbleibende Zeit an den Fingern ab, dann erwiderte er: „Es ist doch noch früh.“
 
„Die Bücher sind das eine“, hielt Hsi-jën ihm vor, „und die Schreibübungen sind das andere. Mit den Büchern magst du bis dahin zurechtkommen, aber wann willst du deine Schreibübungen machen?“
 
„Ich habe doch immer eine ganze Menge geschrieben“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Hast du das nicht aufgehoben?“
 
„Natürlich habe ich es aufgehoben“, gab Hsi-jën zurück. „Als du gestern nicht hier warst, habe ich alles hervorgeholt und zusammengezählt. Es sind nur an die fünfzig, sechzig Texte. Du kannst doch in mehr als drei Jahren nicht bloß diese paar Blätter geschrieben haben. Wenn du mich fragst, solltest du ab morgen alles andere sein lassen und rasch jeden Tag ein paar Blätter schreiben, um das Versäumte nachzuholen. Wenn du auch nicht für jeden Tag etwas vorzuweisen hast, könntest du damit ungefähr durchkommen.“
 
Sofort sah sich Bau-yü das Geschriebene selber an, und da er sich damit wirklich nicht durchschwindeln konnte, versprach er: „Von morgen an schreibe ich mindestens hundert Schriftzeichen pro Tag.“
 
Nach diesen Worten legten sich alle schlafen.
 
Kaum daß Bau-yü am nächsten Morgen aufgestanden war und sich gekämmt und gewaschen hatte, rieb er sich dicht am Fenster Tusche an und begann, Normalschrift zu schreiben und Schreibvorlagen zu kopieren. Die Herzoginmutter, die ihn vermißte, nahm an, er müsse krank geworden sein, und schickte schnell jemanden, um nachzufragen. Jetzt erst ging Bau-yü hinüber, um seine Grüße zu entbieten, und erklärte, daß er Schreibübungen mache. Dafür wolle er den frühen Morgen gleich nach dem Aufstehen nutzen, und sich dann erst anderen Dingen zuwenden. Deshalb sei er zu spät gekommen.
 
Als die Herzoginmutter das hörte, war sie sehr zufrieden und ordnete an: „Schreib und lies nur! Dann brauchst du auch nicht herüberzukommen. Geh und melde das der gnädigen Frau, damit sie Bescheid weiß!“
 
Sofort ging Bau-yü zu Dame Wang und sagte es ihr. Aber Dame Wang erwiderte darauf: „Die Lanze zu schleifen, wenn es schon in die Schlacht geht, ist auch nicht das Richtige. Selbst wenn du jetzt in aller Eile jeden Tag schreibst und liest, wirst du kaum alles schaffen. Eine Krankheit wirst du dir holen vor lauter Aufregung!“ Aber Bau-yü versicherte ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen.
 
Auch die Herzoginmutter äußerte die Befürchtung, Bau-yü könne sich überanstrengen, worauf Tan-tschun und Bau-tschai sagten: „Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, alte gnädige Frau! Für ihn lesen können wir nicht, aber schreiben können wir für ihn. Jede von uns wird jeden Tag einen Text für ihn abschreiben, um ihm über diese Klippe hinwegzuhelfen. Dann wird zum einen der gnädige Herr nicht zürnen, wenn er nach Hause kommt, und zum anderen wird sich Bau-yü nicht überanstrengen.“ Die Freude der Herzoginmutter über diese Worte fand kein Ende.
 
Als Dai-yü erfuhr, Djia Dschëng werde nach Hause kommen, hatte sie sich gesagt, er werde Bau-yü unbedingt nach seinen Lernergebnissen fragen, und so zersplittert, wie sich Bau-yü betätigte, werde er dann wohl einiges einstecken müssen. Darum tat sie einfach so, als ob sie die Lust verloren hätte, und rief den Dichterbund nicht zusammen. Genausowenig lenkte sie Bau-yü mit anderen Dingen ab.
 
Tan-tschun und Bau-tschai kopierten jeden Tag einen Text in Normalschriftzeichen für Bau-yü, und auch er selbst arbeitete mehr, als er sich vorgenommen hatte, und schrieb täglich zwei- bis dreihundert Schriftzeichen. So hatte sich bis zum Ende des dritten Monats bereits eine beachtliche Menge angesammelt, und Bau-yü sagte sich eben, wenn er noch weitere fünfzig Texte zusammenbekäme, dann könnte er sich schon durchmogeln, als plötzlich und unerwartet Dsï-djüan bei ihm erschien und ihm eine Rolle übergab. Als er sie aufmachte, waren es lauter Bogen aus Bambuspapier mit winzig kleinen Schriftzeichen in der Manier des Dschung You und des Wang Hsi-dschï0 darauf, und die Schriftform war ganz wie seine eigene. Überglücklich verbeugte sich Bau-yü mit zusammengelegten Händen vor Dsï-djüan und ging sich auch noch persönlich bedanken.
 
Hsiang-yün und Bau-tjin schickten ihm ebenfalls ein paar Texte, die sie für ihn abgeschrieben hatten, und alles zusammen reichte zwar nicht aus, um das Soll zu erfüllen, aber doch, um damit durchzukommen. Also war Bau-yü beruhigt und ging nun noch ein paarmal die Bücher durch, die er hatte lesen müssen.
 
Während Bau-yü so Tag für Tag fleißig arbeitete, wurde auf einmal das Küstengebiet von einer Flutwelle betroffen, die in mehreren Orten
 
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
Menschenleben vernichtete. Durch die Berichte der Lokalbeamten davon informiert, befahl der Kaiser in einem Erlaß, Djia Dschëng solle auf der Heimreise ge­naue Angaben darüber sammeln und Hilfsmaßnahmen einleiten. Das bedeutete, daß er erst gegen Ende des Winters zurück sein konnte. Als Bau-yü davon erfuhr, legte er Bücher und Schreibübungen wieder beiseite und gab sich von neuem dem Müßiggang hin.
 
Mittlerweile ging der Frühling zu Ende, und als Hsiang-yün in ihrer Langeweile die Weidenflocken durch die Luft treiben sah, dachte sie sich ein kleines tsï-Gedicht nach dem Tonmuster „Wie ein Traum“ aus, das folgendermaßen lautete:
 
„Sind das Seidenfadenfusseln,
 
  ist‘s ein Vorhang, duftgetränkt?
 
  Zarte Hände woll‘n es fassen,
 
  Kuckuck, Schwalbe zürnen drum.
 
  Haltet ein, haltet ein!
 
  Nehmt den Frühling nicht mit fort!“
 
Zufrieden mit ihrem Werk, schrieb sie es auf einen Streifen Papier und zeigte es Bau-tschai. Anschließend suchte sie auch Dai-yü damit auf. Nachdem Dai-yü die Verse gelesen hatte, sagte sie lächelnd: „Das ist dir gut gelungen. Neuartig und interessant ist es auch. Ich könnte das nicht.“
 
Darauf erwiderte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd: „Sooft unser Dichterbund getagt hat, haben wir nie tsï-Gedichte verfaßt. Willst du nicht den Bund für morgen zusammenrufen und tsï-Gedichte zur Aufgabe machen? Es wäre doch eine Abwechslung, wenn wir einmal eine andere Manier wählen würden.“
 
„Du hast ganz recht!“ lobte Dai-yü in spontaner Begeisterung. „Ich werde die andern gleich einladen!“
 
Anschließend gab sie den Befehl, allerlei Naschwerk vorzubereiten, zum anderen schickte sie Botinnen aus, um jeden einzeln einzuladen. Inzwischen einigte sie sich mit Hsiang-yün auf das Thema „Weidenflocken“ und legte mit ihr zusammen einige Tonmuster fest, die sie aufschrieben und an die Wand hefteten.
 
Am nächsten Tag kamen dann alle und sahen, das Thema war „Weidenflocken“, und dafür vorgeschrieben waren die verschiedensten kurzen Tonmuster. Als sie gelesen hatten, was Hsiang-yün verfaßt hatte, sparten sie nicht mit Lob. Bau-yü aber brachte lächelnd vor: „Auf dem Gebiet der tsï-Dichtung leisten wir nur Alltägliches, bestimmt wird es ein schöner Blödsinn werden, den wir zusammenschreiben.“
 
Anschließend losten sie die Tonmuster aus. Bau-tschai zog „Der Unsterbliche von Lin-djiang“, Bau-tjin „Mond überm Westfluß“, Tan-tschun „Baron von Süd-Ast“, Dai-yü „Vielfach zu Zeiten der Tang“, und Bau-yü schließlich „Die Schmetterlinge lieben die Blüten“.
 
Dsï-djüan zündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch an, und alle begannen zu grübeln. Schon bald darauf hatte Dai-yü ihre Verse beisammen und schrieb sie nieder. Dann waren auch Bau-tjin und Bau-tschai soweit. Als sie einander ihre Gedichte zeigten, verlangte Bau-tschai lächelnd: „Meins dürft ihr erst lesen, nachdem ich zuvor eure gesehen habe!“
 
„O weh!“ sagte inzwischen Tan-tschun, „warum verbrennt der Weihrauch heute so schnell? Schon sind nur noch drei Zehntel davon übrig, und ich habe mein Gedicht erst zur Hälfte fertig.“ Dann wollte sie von Bau-yü wissen, ob er seines schon fertig habe.
 
Bau-yü hatte zwar einiges geschrieben, aber weil es ihm nicht gefiel, hatte er es wieder durchgestrichen, um noch einmal von vorn zu beginnen. Doch als er sich nach dem Weihrauchstäbchen umsah, war es schon kurz vor dem Verlöschen.
 
„Das heißt verspielt!“ sagte Li Wan lächelnd zu ihm, dann forderte sie Tan-tschun auf: „Schreib deine fertige Hälfte auf, Gast unter Bananen!“
 
Rasch schrieb Tan-tschun die Verse nieder, und als sich die anderen das Blatt ansahen, stand wirklich nur ein halber „Baron von Süd-Ast“ darauf:
 
„Unnütz die zahllosen Schnüre,
 
zwecklos das dichte Gezweig,
 
das kann die Flocken nicht halten,
 
sie wirbeln ziellos davon.“
 
„Aber das schreibt sich doch leicht“, sagte Li Wan lächelnd. „Warum hast du es nicht fortgesetzt?“
 
Als Bau-yü sah, daß das Weihrauchstäbchen schon erloschen war, wollte er sich lieber geschlagen geben als versuchen, die Aufgabe mit Gewalt doch noch zu erfüllen, darum legte er den Schreibpinsel nieder und sah sich ebenfalls das Gedicht an, das Tan-tschun geschrieben hatte. Als er bemerkte, daß es unvollendet geblieben war, erwachte sein Interesse, und einer plötzlichen Eingebung folgend, griff er wieder zum Pinsel und schrieb die Fortsetzung:
 
„Gräm dich nicht, wenn wir verfliegen,
 
  wir kennen ja unsere Zeit.
 
  Geht der Frühling schon zu Ende,
 
  kehrn wir wieder nächstes Jahr.“
 
Lächelnd bemerkten die anderen dazu: „Was eigentlich deine Aufgabe war, hast du nicht gekonnt, und hierauf mußtest du kommen! Aber es wird dir nicht angerechnet, auch wenn es gut ist.“ Dann lasen sie Dai-yüs „Vielfach zu Zeiten der Tang“:
 
„Puderrest von der Blumeninsel,
 
  Düftespur aus dem Schwalbenturmhaus,
 
  von der Luft nur geballt zu Kugeln,
 
  leicht zerstört wie das menschliche Glück.
 
  Vergeblich die zarte Verstrickung,
 
  zu verderben bestimmt ist die Pracht.
 
  Empfinden auch Bäume mit Wehmut,
 
  wie das Alter die Haare bereift?
 
  Was niemand bereit ist zu halten,
 
  treibt davon, mit dem Ostwind vermählt.
 
  Drum fort auf dem Weg ohne Umkehr,
 
  meine Tränen, sie hindern es nicht.“
 
Nach der Lektüre nickten alle und seufzten ergriffen, ehe sie sagten: „Das ist zu traurig geschrieben, aber gut ist es!“ Anschließend lasen sie Bau-tjins „Mond überm Westfluß“:
 
„Spärlich im Han-Park standen die Weiden,
 
  reichlich bepflanzt war der Suee-Deich damit.
 
  Des Frühlings Schöpfung verweht mit dem Wind,
 
  ein Mondnachtblütentraum, mehr war sie nicht.
 
  Jeder Hof ist mit Blüten beschüttet,
 
  und alle Fenster sind duftig beschneit.
 
  Ob Nord oder Süd, das Bild ist sich gleich,
 
  und dennoch – die Trennung tut weh, so weh.“
 
Dann erklärten sie lächelnd: „Das ist kraftvoll geschrieben. Besonders gut sind die beiden Zeilen mit ‚jeder Hof‘ und ‚alle Fenster‘.“
 
Bau-tschai jedoch wandte ein: „Aber letzten Endes ist es natürlich zu kopfhängerisch. Für meine Begriffe sind Weidenflocken etwas Leichtes, das weder Wurzel noch Bindung hat, und das muß man von der positiven Seite her sehen, um nicht in Schablonen zu verfallen. So jedenfalls habe ich mein Gedicht zusammenphantasiert. Aber euch wird es kaum gefallen.“
 
„Nur keine falsche Bescheidenheit!“ sagten die anderen daraufhin lächelnd. „Wir werden es zu genießen und zu würdigen wissen, bestimmt ist es gut!“ Und sie lasen den „Unsterblichen von Lin-djiang“, der lautete:
 
„Frühlingstanz vor Jadehallen,
 
  wo Biene schwärmt und Schmetterling.
 
  Der Ostwind bläst dazu den Takt.“
 
„Das ist gut!“ lobte Hsiang-yün. „Und die Zeile ‚Der Ostwind bläst dazu den Takt‘ ist besser als jede andere in den übrigen Gedichten.“ Dann lasen sie weiter:
 
„Was heißt, sie stürben im Wasser
 
  und seien bestimmt für den Staub?
 
  Tausend Fäden, tausend Strähnen,
 
  so leicht getrennt wie leicht vereint.
 
  Scheltet sie nicht ungebunden!
 
  Ein günstiger Wind leiht seine Kraft
 
  Und trägt sie hoch in die Wolken.“
 
Alle schlugen auf den Tisch und schrien vor Begeisterung, ehe sie sagten: „Du hast wirklich viel Kraft hineingelegt, und natürlich ist dein Gedicht das beste von allen. Trauriger und ergreifender ist das der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß, gemütvoller und lieblicher das des Freundes, der sich aufs Abendrot bettet. Bau-tjin und der Gast unter Bananen sind diesmal durchgefallen und müssen bestraft werden.“
 
„Das müssen wir natürlich“, räumte Bau-tjin lächelnd ein, „aber wie wird erst der bestraft, der ein leeres Blatt abgegeben hat?“
 
„Nur nicht so hastig!“ wurde sie von Li Wan ermahnt. „Er wird auf jeden Fall streng bestraft, damit er fürs nächste Mal gewarnt ist!“
 
Das hatte sie kaum gesagt, als draußen etwas krachend in die Bambuswipfel stürzte. Es hörte sich an, als ob der Fensterflügel in einem Schiebefenster heruntergefallen wäre. Jedermann fuhr erschrocken zusammen, und die Sklavenmädchen liefen hinaus, um nachzusehen. Dann hörte man, wie eine von ihnen rief: „Ein großer Drachen in Schmetterlingsform hängt oben im Bambus.“
 
„So ein schöner Drachen!“ ließen sich auch die anderen Sklavenmädchen vernehmen. „Wer weiß, in wessen Familie man ihn hat steigen lassen, und dann ist die Schnur gerissen. Holen wir ihn herunter!“
 
Als Bau-yü und die anderen das hörten, gingen sie ebenfalls hinaus, um sich den Drachen anzusehen, und Bau-yü verkündete lächelnd: „Ich kenne diesen Drachen. Den hat Djiau-hung aus dem Gehöft des alten gnädigen Herrn steigen lassen. Holt ihn herunter und tragt ihn zu ihr hinüber!“
 
„Gibt es vielleicht in der ganzen Welt keine zwei Drachen, die genauso aussehen, und nur sie hatte solchen?“ fragte Dsï-djüan lächelnd. „Ich werde mich nicht darum kümmern und nehme ihn mir!“
 
„Auf einmal macht auch Dsï-djüan diese Kleine-Leute-Art nach“, rügte Tan-tschun. „Ihr habt doch ebensogut einen Drachen, und jetzt willst du dir einen nehmen, der jemand anders weggeflogen ist, ohne daß du dir Gedanken darüber machst, daß so etwas tabu ist.“
 
„Ja, eben“, fiel Dai-yü ein, „wer weiß, wer ihn hat wegfliegen lassen, damit sein böses Geschick mit wegfliegt. Schafft ihn nur schnell fort und holt unsern eigenen Drachen heraus, damit auch wir unser böses Geschick wegfliegen lassen können!“
 
Jetzt erst gab Dsï-djüan den kleineren Sklavenmädchen den Befehl, den Drachen zu den alten Frauen zu bringen, die am Gartentor Tagdienst hatten, damit ihn sich jemand, der ihn suchte, dort geben lassen könnte.
 
Die übrigen kleinen Sklavenmädchen stürzten, kaum daß sie hörten, Dai-yü wolle ihren Drachen steigen lassen, Hals über Kopf davon und kamen mit einem Drachen in Form eines schönen Mädchens wieder. Die einen holten einen hohen Schemel herbei, andere banden einen Zweig dergestalt an einem Bambusstab fest, daß eine Gabelstange entstand, und wieder andere wickelten eine Schnur auf eine Haspel.
 
Bau-tschai und die anderen stellten sich vor das Hoftor und befahlen den Sklavenmädchen, sie sollten den Drachen auf der freien Fläche außerhalb des Gehöfts steigen lassen. Da bemerkte Bau-tjin lächelnd: „Der Drachen ist aber nicht so schön wie Tan-tschuns großer Phönixdrachen mit weichen Flügeln.“
 
„Tatsächlich!“ bestätigte Bau-tschai, ebenfalls lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl Tsuee-mo: „Hol euren Drachen ebenfalls her!“
 
Wirklich ging Tsuee-mo lachend fort, um den Drachen zu holen, und nun kam auch Bau-yü auf den Geschmack und erteilte einem seiner kleineren Sklavenmädchen den Befehl: „Geh nach Hause und hol mir den großen Fisch, den ich gestern von Lai Das Frau geschenkt bekommen habe!“
 
Das Mädchen blieb lange fort und kam dann mit leeren Händen wieder, um lächelnd zu berichten: „Den Fisch hat Fräulein Tjing-wën gestern schon fliegen lassen.“
 
„Dabei hatte ich ihn noch kein einziges Mal steigen lassen“, sagte Bau-yü bedauernd.
 
„Und wenn schon“, tröstete Tan-tschun ihn lächelnd, „Tjing-wën hat ja für dich das böse Geschick wegfliegen lassen.“
 
„Na schön“, sagte Bau-yü, „dann hol mir statt dessen die große Krabbe!“
 
Wieder ging das Sklavenmädchen fort, aber als sie zurückkam, trug sie mit einigen Gefährtinnen zusammen einen Drachen, der ebenfalls die Form eines schönen Mädchens hatte, dazu eine Haspel mit Schnur, und diesmal meldete sie: „Fräulein Hsi-jën läßt sagen, die Krabbe habe sie gestern dem jungen Herrn Huan geschenkt. Diesen hier habe die Frau von Lin Dschï-hsiau eben erst für Euch gebracht, Ihr solltet ihn statt dessen steigen lassen.“
 
Bau-yü sah sich das Geschenk aufmerksam an und stellte dabei fest, daß die Schöne sehr sorgfältig gearbeitet war. Froh darüber, befahl er, man solle sie aufsteigen lassen.
 
Inzwischen war auch Tan-tschuns Drachen gebracht worden, und Tsuee-mo war eben mit einigen anderen kleinen Sklavenmädchen dabei, ihn vom Hang des Berges aus in die Luft steigen zu lassen. Nun befahl Bau-tjin ebenfalls, man solle ihr ihre große rote Fledermaus holen, und Bau-tschai, die gleichfalls Gefallen an der Sache gefunden hatte, ließ sich auch einen ihrer Drachen bringen, der aus einer Kette von sieben großen Wildgänsen bestand.
 
Nacheinander stiegen alle Drachen in die Luft empor, nur Bau-yüs Schöne wollte und wollte nicht fliegen. Da sagte Bau-yü, die Sklavenmädchen hätten keine Ahnung, und versuchte es selbst eine ganze Zeitlang. Aber der Drachen kam nicht weiter als bis in die Höhe der Dächer, dann stürzte er wieder herunter. Vor Aufregung stand Bau-yü schon der Schweiß auf der Stirn, und die anderen machten sich über ihn lustig. Wütend warf Bau-yü schließlich den Drachen auf die Erde, wies mit der Hand darauf und schimpfte: „Wenn du nicht ein Mädchen wärst, würde ich dich mit einem Fußtritt kurz und klein stampfen!“
 
Lächelnd verriet ihm Dai-yü: „Es liegt nur daran, daß mit der vorderen Schnur etwas nicht in Ordnung ist. Laß ihn wegbringen, damit man sie richtig anbringt, dann fliegt er auch.“
 
Also befahl Bau-yü, den Drachen wieder wegzutragen, und ließ sich zugleich einen anderen bringen, den er steigen ließ. Dann standen alle mit zurückgelegtem Kopf da und schauten den Drachen nach, die hoch in die Luft stiegen.
 
Bald darauf brachten die Sklavenmädchen noch die verschiedensten „Essenträger“0, mit denen sie sich dann eine Weile vergnügten. Lächelnd sagte Dsï-djüan schließlich: „Jetzt zieht er kräftig, nehmt Ihr ihn, Fräulein!“
 
Daraufhin legte sich Dai-yü ein Taschentuch über die Hand und ruckte probeweise an der Schnur. Tatsächlich hatte der Wind den Drachen bereits mit voller Kraft gepackt. Also nahm sie Dsï-djüan die Haspel ab und ließ sie frei auf der Achse rotieren. Vom Drachen gezogen, schnurrte die Schnur von der Haspel und war im Nu bis zum Ende abgespult. Jetzt forderte Dai-yü die anderen auf, sie sollten den Drachen für sie wegfliegen lassen, doch sie antworteten ihr: „Jeder hat seinen eigenen, laß du ihn fliegen!“
 
„Es macht zwar Spaß, ihn fliegen zu lassen, aber ich bringe es einfach nicht über mich“, klagte Dai-yü lächelnd.
 
„Aber es ist doch gerade dieser Spaß, den man erreichen will, wenn man Drachen steigen läßt, und nur darum sagt man doch, man lasse das böse Geschick wegfliegen. Gerade du mußt recht viele Drachen wegfliegen lassen, damit sie die Wurzeln deiner Krankheit ganz und gar mitnehmen“, wurde sie von Li Wan belehrt.
 
„Ihr werdet immer kleinlicher, Fräulein“, behauptete Dsï-djüan, an Dai-yü gewandt, „Jahr für Jahr haben wir mehrere Drachen wegfliegen lassen, und jetzt auf einmal tut es Euch leid darum. Wenn Ihr ihn nicht fliegen laßt, lasse ich ihn fliegen.“
 
Mit diesen Worten nahm sie Hsüä-yän eine kleine europäische Silberschere aus der Hand und setzte sie direkt an der Haspel an, so daß auch nicht ein Tsun mehr darauf übrigblieb. Ratsch! machte es, als die Schnur durchgeschnitten wurde. „Nun nimm aber auch die Krankheit samt allen Wurzeln mit fort!“ rief Dsï-djüan dem Drachen mit lächelnder Miene nach.
 
Der Drachen taumelte hin und her und entfernte sich dabei immer weiter. Schon war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er nicht mehr zu sehen. Alle hatten den Kopf in den Nacken geworfen, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Macht das Spaß, macht das Spaß!“
 
Bau-yü aber sagte: „Schade, daß man nicht weiß, wo er herunterkommt! Falls dort Menschen wohnen und Kinder ihn finden, ist es noch gut. Falls er aber in einer wüsten und menschenleeren Gegend herunterkommt, kann ich ihm die Einsamkeit nachfühlen, die er empfinden muß.
 
  
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== Anmerkungen ==
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<references/>

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 62 · 63 · 64 · 65 · 66 · 67 · 68 · 69 · 70 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 69

弄小巧用借劍殺人 / 覺大限吞生金自逝

Mit kleinen Raenken wird ein fremdes Schwert zum Morden benutzt; In Vorahnung des Todes verschluckt sie rohes Gold und stirbt

Durch einen kleinen Kunstgriff tötet Hsi-fëng ,mit fremder Hand‘,angesichts der großen Auswegslosigkeit nimmt die zweite Schwester You sich das Leben.

Als die zweite Schwester You gehört hatte, was Hsi-fëng ihr sagte, fand sie kein Ende mit ihrem Dank und folgte ihr willig. Auch Frau You konnte natürlich bei so einem wichtigen Zeremoniell nicht fehlen, und so kam sie herüber, um dabeizusein, wenn Hsi-fëng die Sache der Herzoginmutter meldete. „Du halt den Mund und überlaß es mir, zu reden!“ wurde sie von Hsi-fëng ermahnt. „Das versteht sich von selbst“, sagte Frau You, „aber so wirst du die Vorwürfe einstecken müssen, wenn sich welche ergeben.“ Mit diesen Worten betraten sie die Räume der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter plauderte und scherzte eben zum Zeitvertreib mit den Mädchen aus dem Garten, als sie plötzlich sah, daß Hsi-fëng eine schöne blutjunge Frau hereinführte. Rasch kniff sie die Augen zusammen, um sie zu mustern, dann fragte sie: „Aus wessen Familie ist sie? Sie sieht sympathisch aus.“ Darauf trat Hsi-fëng vor und forderte sie auf: „Seht sie Euch genau an, alte Ahne! Gefällt sie Euch?“ Dann zog sie die zweite Schwester You flink an der Hand und sagte: „Das ist die Schwiegergroßmutter. Mach schnell deinen Stirnaufschlag vor ihr!“ Sofort ließ sich die zweite Schwester You auf die Knie nieder und begann, mit der Stirn auf den Boden zu schlagen. Dann wies Hsi-fëng der Reihe nach auf die Mädchen des Hauses, erklärte dabei, wer jede war, und setzte hinzu: „Merk dir, wer sie sind, und nachdem die gnädigen Frauen dich gesehen haben, entbietest du auch ihnen den zeremoniellen Gruß!“ Vorläufig wechselte die zweite Schwester You mit jedem der Mädchen ein Grußwort, dann blieb sie mit gesenktem Kopf an der Seite stehen. Die Herzoginmutter betrachtete sie von oben bis unten und fragte dann: „Wie heißt du? Und wie alt bist du?“ Aber lächelnd mischte Hsi-fëng sich ein: „Fragt sie nichts, alte Ahne! Sagt nur, ob sie schöner ist als ich!“ Nun setzte die Herzoginmutter ihre Brille auf und befahl Yüan-yang und Hu-po: „Führt sie hierher, damit ich ihre Haut sehen kann!“ Alle schmunzelten und mußten die zweite Schwester You wohl oder übel zur Herzoginmutter hinüberschieben. Diese nahm sie genau in Augenschein, dann befahl sie Hu-po: „Zeig mir ihre Hände!“ Und Yüan-yang mußte noch den Rock der zweiten Schwester You anheben. Als die Herzoginmutter fertig war mit der Besichtigung, nahm sie die Brille wieder ab und sagte lächelnd: „Ein makelloses Mädchen. Wie mir scheint, ist sie noch ein wenig schöner als du.“ Da kniete Hsi-fëng rasch mit lächelnder Miene nieder, um die Geschichte, die sie sich drüben bei Frau You ausgedacht hatte, in allen Einzelheiten vorzutragen, und schloß mit der Bitte: „Ihr müßt gnädig sein, alte Ahne, und ihr gestatten, schon jetzt zu uns zu ziehen! Erst wenn ein Jahr vergangen ist, werden sie die Ehe vollziehen.“ „Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte die Herzoginmutter. „Es ist schön, daß du derart gütig bist. Aber die Ehe dürfen sie wirklich erst nach einem Jahr vollziehen!“ Als Hsi-fëng das hörte, berührte sie mit der Stirn den Boden, dann bat sie die Herzoginmutter, sie solle ihr zwei Frauen mitgeben, die vor den gnädigen Frauen bestätigen konnten, daß alles ihr Wille sei. Die Herzoginmutter erklärte sich einverstanden und bestimmte zwei Sklavenfrauen, die die zweite Schwester You zu Dame Hsing und den anderen gnädigen Frauen begleiten mußten. Dame Wang, die tief bekümmert gewesen war über den schlechten Namen, den sich Hsi-fëng gemacht hatte, war natürlich über ihre jetzige Handlungsweise hocherfreut. Und die zweite Schwester You sah wieder Licht, als sie nun im Seitenflügel des Wohngehöfts von Djia Liän und Hsi-fëng wohnen durfte. Auf der anderen Seite ließ Hsi-fëng durch einen ihrer Beauftragten Dschang Hua anstacheln, er solle seine Verlobte zurückfordern, und versprach ihm, neben der reichen Mitgift, die er zu erwarten hätte, wolle sie ihm Silber geben, von dem das Paar sich einrichten und sein Leben fristen könnte. Dschang Hua klagte nur mutlos und lustlos noch einmal gegen die Djias. Dann mußte er hören, wie der von Djia Jung entsandte Verwalter aussagte: „Dschang Hua war es, der die Verlobung rückgängig gemacht hat. Seine Verlobte ist mit unserer Familie verwandt. Daß wir sie ins Haus genommen haben, ist wahr, die Behauptung über ihre Hochzeit jedoch ist erlogen. Nur weil Dschang Hua seine Schulden verschleppt hat und sie trotz Mahnung nicht begleichen wollte, hat er meine Herrschaften fälschlich dieser Dinge bezichtigt.“ Der Zensor, dessen Familie schon seit Generationen mit den Djias und den Wangs befreundet war und der obendrein ein Schmiergeld erhalten hatte, sagte nur, Dschang Hua sei ein Schurke, der die Djias aus Armut erpressen wolle, er weigerte sich, die Anklageschrift entgegenzunehmen, und befahl, ihn durchzuprügeln und hinauszuwerfen. Draußen bestach Tjing-örl die Büttel, damit sie nicht zu stark zuschlugen, und anschließend setzte er Dschang Hua zu: „Mit dir war sie zuerst verlobt. Wenn du nur auf der Hochzeit bestehst, muß der Beamte sie dir zusprechen.“ Also verklagte Dschang Hua die Djias ein weiteres Mal, wieder instruierte Wang Hsin den Zensor, und nun entschied er: „Dschang Hua soll das Silber, das er den Djias schuldet, termingemäß und in voller Höhe zurückzahlen. Seine Verlobte soll er heiraten, sobald er dazu in der Lage ist.“ Diesen Spruch verkündete er in der Amtshalle in Anwesenheit von Dschang Huas Vater, den er hatte vorladen lassen. Auch von Tjing-örl bekam Dschang Huas Vater alles erklärt, und froh über die Aussicht, die Schwiegertochter mit einer reichen Zugabe zurückzubekommen, begab er sich zu den Djias, um die zweite Schwester You abzuholen. Mit erschrockener Miene lief Hsi-fëng zur Herzoginmutter, berichtete ihr und sagte, das alles liege nur daran, daß Frau You so unklug gehandelt habe, das Verlöbnis mit den Dschangs nicht rückgängig zu machen, was die Leute dazu veranlaßt habe, eine Klage zu erheben, die nun amtlicherseits auf diese Weise entschieden worden sei. Sofort ließ die Herzoginmutter Frau You zu sich herüberrufen und warf ihr vor, sie habe unziemlich gehandelt. „Wenn deine jüngere Schwester schon als Kind im Mutterleib mit dem Mann verlobt worden war und du die Verlobung nicht rückgängig gemacht hast, warst du es, die ihn dazu gebracht hat, diese dumme Anklage zu erheben.“ „Aber er hat doch das Silber genommen, wie kann er da nicht einverstanden gewesen sein?“ verteidigte sich Frau You. „Dschang Hua hat jetzt ausgesagt, er habe kein Silber gesehen und bei ihm sei auch niemand gewesen“, fiel Hsi-fëng ein, die am Rande stand. „Und sein Vater sagt: ‚Die Mutter der Verlobten hat einmal mit mir gesprochen, aber ich habe durchaus nicht zugestimmt. Nachdem ihre Mutter gestorben war, habt ihr sie als Nebenfrau ins Haus genommen.‘ Da wir keinen Gegenbeweis haben, mußten wir ihn reden lassen. Ein Glück nur, daß der junge Herr Liän nicht zu Hause ist und noch nicht die Ehe mit ihr vollzogen hat! Von daher gäbe es also keinen Hinderungsgrund. Aber da sie einmal hier ist, können wir sie schlecht wieder herausgeben, ohne daß unser Ansehen darunter leidet.“ „Da die Ehe noch nicht vollzogen ist und da es unserem Ansehen noch mehr schaden würde, wenn wir jemand mit Gewalt die Verlobte wegnähmen, ist es das beste, wir schicken sie zurück“, entschied die Herzoginmutter. „Werden wir etwa kein anderes gutes Mädchen für ihn finden?“ Als die zweite Schwester You das hörte, berichtete sie der Herzoginmutter: „Aber meine Mutter hat dem Mann wirklich an dem und dem Tag des soundsovielten Monats des Jahres sowieso zehn Liang Silber gegeben, und er hat sich mit der Aufhebung der Verlobung einverstanden erklärt. Er ist verrückt vor Armut, deshalb hat er uns angezeigt und behauptet dabei das Gegenteil. Meine ältere Schwester trifft keine Schuld.“ „Da sieht man, daß man sich mit arglistigen Menschen nicht einlassen darf“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Wenn die Dinge so liegen, soll Hsi-fëng Rat schaffen.“ Hsi-fëng hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Als sie in ihre Räume zurückgekehrt war, ließ sie Djia Jung Bescheid sagen. Dieser wußte nur zu gut, daß Hsi-fëng der Meinung war, es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, wenn man die zweite Schwester You durch Dschang Hua abholen ließe, darum meldete er die Sache an Djia Dschën weiter, und dann wurde in aller Heimlichkeit jemand zu Dschang Hua geschickt, um ihm zu sagen: „Du hast jetzt so viel Silber, warum willst du unbedingt deine ehemalige Verlobte wiederhaben? Hast du denn, wenn du dich so darauf versteifst, gar keine Angst, daß die Herrschaften böse werden und irgendeinen Vorwand gegen dich suchen, durch den du so ums Leben kommst, daß man sich die Beerdigung sparen kann? Mit dem Silber kannst du doch in eure Heimat zurückkehren und allemal eine gute Braut finden. Wenn du dich dazu entschließen kannst, bekommst du sogar noch etwas Reisegeld.“ Dschang Hua dachte kurz nach und fand den Vorschlag annehmbar. Nachdem er sich noch mit seinem Vater beraten hatte und sie nun insgesamt an die hundert Liang Silber bekommen hatten, machten sie sich am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache auf den Weg und kehrten in ihren Heimatort zurück. Als Djia Jung auf seine Erkundigungen hin hiervon Kenntnis erhalten hatte, meldete er der Herzoginmutter und Hsi-fëng: „Aus Furcht vor einer Strafe für seine falsche Anklage ist Dschang Hua mit seinem Vater zusammen geflohen. Die Behörden wissen bereits davon und stellen keine weiteren Ermittlungen mehr an. Damit ist der Fall erledigt.“ Nun überlegte Hsi-fëng: „Wenn ich dafür gesorgt hätte, daß Dschang Hua seine Verlobte zurückbekommt, wäre nicht auszuschließen gewesen, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr etwas Geld ausgegeben und sie wieder in seinen Besitz gebracht hätte. Dieser Dschang Hua hätte bestimmt nachgegeben. Da ist es schon besser, die zweite Schwester You bleibt hier, und ich denke mir etwas anderes aus. Ich weiß aber nicht, wohin Dschang Hua jetzt gegangen ist. Wenn ich zulasse, daß er irgend jemand von der Sache erzählt oder den Fall später unter einem Vorwand erneut aufrollt, schade ich mir nur selbst. Ich hätte das Ruder nie aus der Hand geben dürfen!“ Ihre Reue fand kein Ende, ehe sie nicht einen neuen Plan gefaßt hatte und Lai Wang heimlich befahl, er solle Dschang Hua suchen lassen, um ihn dann entweder als Räuber vor Gericht zu bringen und hinrichten zu lassen oder aber heimlich mit ihm abzurechnen. Auf jeden Fall mußte Dschang Hua sterben, damit das Unheil mit der Wurzel ausgerottet wurde und ihr Ansehen keinen Schaden litt. Nachdem Lai Wang diesen Befehl erhalten hatte und wieder zu Hause war, sagte er sich: „Der Mann ist verschwunden, und damit ist der Fall erledigt. Weshalb also soviel Aufhebens machen? Ein Menschenleben geht den Himmel an und ist kein Kinderspiel. Ich will mir etwas ausdenken, wie ich sie hinters Licht führen kann!“ Also hielt er sich für ein paar Tage außerhalb verborgen, und als er zurückkam, sagte er zu Hsi-fëng: „Dschang Hua hatte etliches Silber bei sich, und schon am dritten Tag nach seiner Flucht ist er im Morgengrauen in der Gegend von Djing-kou[1] von Straßenräubern niedergeschlagen und umgebracht worden. Sein Vater ist dann in einem Gasthauszimmer durch den erlittenen Schreck gestorben. Es hat eine Leichenschau stattgefunden, und die beiden sind dort begraben worden.“ Hsi-fëng wollte ihm nicht glauben und drohte: „Wenn du gelogen hast, und ich finde es durch jemand anders heraus, dann schlage ich dir die Zähne ein.“ Aber sie ließ die Sache auf sich beruhen und stellte keine weiteren Nachforschungen mehr an. Zur zweiten Schwester You war sie auffallend freundlich, noch zehnmal mehr als zu einer leiblichen Schwester. Als Djia Liän endlich seine Aufgabe erfüllt hatte und zurückkam, ritt er als Erstes zu seinem neuen Haus und fand es still und verschlossen. Nur ein alter Wächter war da, bei dem er sich erkundigte, was vorgefallen sei. Der Alte erzählte ihm alles so, wie es gewesen war, und Djia Liän stampfte mit dem Fuß, obwohl er im Sattel saß. Notgedrungen mußte er erst einmal Djia Schë und Dame Hsing begrüßen und über die Erledigung seines Auftrags berichten. Djia Schë war sehr zufrieden mit ihm und lobte, er sei ein brauchbarer Helfer. Dann belohnte er ihn mit einhundert Liang Silber und schenkte ihm obendrein ein siebzehnjähriges Sklavenmädchen namens Tjiu-tung aus seinen eigenen Räumen als Beischläferin. Djia Liän nahm sie mit einem Stirnaufschlag zum Zeichen des Dankes entgegen, und seine Freude kannte keine Grenze. Als er auch die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und dann seine eigenen Räume aufsuchte, waren seine Züge unvermeidlich ein wenig von Scham gezeichnet. Doch wider Erwarten machte Hsi-fëng nicht ihr übliches Gesicht, als sie ihm mit der zweiten Schwester You zusammen zur Begrüßung entgegentrat und sie die gebräuchlichen Phrasen über das Wetter miteinander wechselten. Während Djia Liän von Tjiu-tung erzählte, leuchteten natürlich Stolz und Selbstzufriedenheit aus seinen Augen. Hsi-fëng hörte ihn an, dann gab sie rasch den Befehl, zwei Sklavenfrauen sollten das Mädchen mit dem Wagen von drüben abholen. Noch war der erste Stachel aus ihrem Herzen nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter dazu. Doch wohl oder übel mußte sie es schweigend erdulden und gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie ließ dann zum einen eine Weintafel herrichten, um den Heimgekehrten zu bewillkommnen, und führte zum anderen Tjiu-tung zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den übrigen, um sie vorzustellen. Still bei sich war Djia Liän verwundert. Inzwischen war schon der zwölfte Tag des zwölften Monats gekommen, und Djia Dschën mußte aufbrechen. Zuerst entbot er seinen zeremoniellen Gruß im Ahnentempel, dann kam er herüber, um auch vor der Herzoginmutter und den übrigen zum Abschied niederzuknien.Alle Familienangehörigen gaben ihm das Geleit bis zum Pavillon der Tränen[2], nur Djia Liän und Djia Jung begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang, und kehrten dann erst um. Den ganzen Weg über schärfte Djia Dschën ihnen ein, sie sollten alle Kraft auf die Führung des Hauswesens richten und dergleichen mehr, und mit dem Mund versprachen sie es ihm beide. Außerdem wechselten sie auch ein paar hochtönende Redensarten, die hier nicht umständlich wiedergegeben werden müssen. Wenn Hsi-fëng in ihren Räumen war, behandelte sie die zweite Schwester You äußerlich natürlich so, daß nichts daran auszusetzen war, in ihrem Herzen jedoch brütete sie andere Pläne aus, und als sie einmal mit der zweiten Schwester You allein war, legte sie los: „Von dir werden böse Dinge erzählt, meine Schwester. Sogar die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben davon gehört und sagen nun, schon als Mädchen im Haus deiner Mutter seist du nicht keusch gewesen und hättest auch mit deinem Schwager etwas gehabt. ‚Du hast eine ausgesucht, die keiner mehr haben wollte‘, sagten sie mir vorwurfsvoll. ‚Willst du sie nicht wegschicken und eine bessere suchen?‘ Als ich das hörte, bin ich beinahe geplatzt vor Wut. Ich habe herauszufinden versucht, wer das erzählt hat, aber es war nicht festzustellen. Wie soll ich jetzt dem Sklavengesinde auf die Dauer ins Gesicht sehen? Etwas Schönes habe ich mir da aufgeladen!“ Nachdem sie zweimal in dieser Weise geredet hatte, wurde sie vor Ärger krank und konnte nicht mehr essen und trinken. Mit Ausnahme von Ping-örl gab es unter den Sklavenmädchen und -frauen keine, die nicht alles mögliche daherredete, anzügliche Reden führte und insgeheim stichelte. Tjiu-tung dagegen war der Meinung, weil niemand anders als Djia Schë sie Djia Liän zum Geschenk gemacht hatte, könne es keine bessere geben als sie selbst, und so verachtete sie sogar Hsi-fëng und Ping-örl, von der zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Sooft sie den Mund aufmachte, hetzte sie: „So eine dahergelaufene Dirne! Erst hurt sie herum, und als sie keiner mehr wollte, hat sie geheiratet. Und so etwas will mir hier den Rang streitig machen!“ Wenn Hsi-fëng das hörte, freute sie sich im stillen, und wenn die zweite Schwester You es hörte, war sie im stillen beschämt, verärgert und wütend. Seitdem Hsi-fëng krank spielte, aß sie nicht mehr mit der zweiten Schwester You zusammen und ließ ihr das Essen jeden Tag durch das Gesinde in ihre Räume bringen. Aber Essen wie Tee waren gleichermaßen ungenießbar. Ping-örl, die das nicht mit ansehen konnte, ließ für ihr eigenes Geld Speisen herrichten, die sie ihr brachte. Manchmal sagte sie auch einfach, sie wolle mit ihr im Garten spazierengehen, um dann in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen zu lassen. Und niemand wagte es, Hsi-fëng davon zu unterrichten. Doch als Tjiu-tung die beiden einmal dabei ertappt hatte, bohrte sie bei Hsi-fëng: „Ausgerechnet von Ping-örl wird Euer Ruf untergraben, junge Herrin. Hier muß das schöne Essen verderben, und sie füttert diese Person heimlich im Garten.“ Daraufhin wurde Ping-örl von Hsi-fëng gescholten: „Anderer Leute Katzen fangen Ratten, nur meine Katze muß Hühner stehlen.“ Da Ping-örl nicht wagte, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen, mußte sie sich fortan von der zweiten Schwester You fernhalten. Gegen Tjiu-tung aber hegte sie von nun an einen heimlichen Haß, über den sie schlecht etwas verlauten lassen konnte. Von den Gartenbewohnern sympathisierten Li Wan, Ying-tschun, Hsi-tschun und andere mit Hsi-fëng, während Bau-yü, Dai-yü und ihnen Gleichgesinnte sich insgeheim um die zweite Schwester You Sorgen machten. Zwar konnten sie nicht gut etwas unternehmen, aber sie sahen, daß man Mitleid mit ihr haben mußte, und sooft sie kam, bedauerten sie sie. Aber auch wenn niemand ihr Gespräch belauschen konnte, weinte die zweite Schwester You nur und wagte sich nicht zu beklagen. Hsi-fëng ließ auch keinerlei schlechte Absichten erkennen. Wenn Djia Liän nach Hause kam, sah er sie stets nur gütig, und deshalb war er unachtsam. Außerdem hegte Djia Liän angesichts der überaus zahlreichen Beischläferinnen und Sklavenmädchen, die Djia Schë sein eigen nannte, schon immer ungehörige Absichten und hatte nur nicht gewagt, sie in die Tat umzusetzen. Andererseits waren Tjiu-tung und ihresgleichen böse auf ihren Gebieter, weil er alt und trottelhaft war, zwar noch einen unersättlichen Appetit hatte, aber nicht mehr die Kraft, ordentlich zu kauen, so daß man sich fragen mußte, wozu er die vielen Mädchen eigentlich bei sich behielt. Abgesehen von einigen wenigen, die ein Gefühl für Anstand und Scham besaßen, vergnügten sich die übrigen wohl mit den Sklavenjungen vom Innentor, wenn sie nicht gar durch das Spiel ihrer Augen und Brauen versuchten, heimlich mit Djia Liän anzubändeln, wobei es nur aus Furcht vor Djia Schës Gewalt noch zu keinem Ergebnis gekommen war. Gerade Tjiu-tung war für Djia Liän eine alte Bekannte, wenn es auch kein einziges Mal zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen gekommen war. Jetzt hatte es der Himmel gut gemeint, und Djia Schë hatte sie Djia Liän zum Geschenk gemacht. Nun waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig, unzertrennlich wie Leim und Lack und unbeschwert fröhlich wie Neuvermählte. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Deshalb wurde Djia Liäns Interesse für die zweite Schwester You allmählich lau, und nur Tjiu-tung war für ihn noch das Leben. Für Hsi-fëng war Tjiu-tung selbst zwar ein Gegenstand des Hasses, aber erfreulich fand sie die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, um zuerst die zweite Schwester You loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe, so daß sie ‚mit fremder Hand töten‘ und ‚vom Berg aus den kämpfenden Tigern zusehen‘ könnte. Wenn Tjiu-tung die zweite Schwester You erledigt hätte, wollte sie ihrerseits Tjiu-tung erledigen. Nachdem dieser Plan einmal feststand, sagte sie häufig unter vier Augen zu Tjiu-tung: „Du bist noch jung und kennst dich nicht aus. Sie ist hier die jüngere gnädige Frau und der Liebling unseres jungen Herrn, selbst ich muß ihr einige Zugeständnisse machen. Du gräbst dir doch dein eigenes Grab, wenn du ihr mit Härte entgegentrittst.“ Solche Worte verdrossen Tjiu-tung nur um so mehr, und Tag für Tag schalt sie mit lauter Stimme: „Die junge gnädige Frau ist zu weichlich. Derartige Nachsicht ist nichts für mich. Irgendwie ist ihr die ganze Autorität abhanden gekommen. Sie ist großmütig, ich aber lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Die Hure soll mich kennenlernen!“ Hsi-fëng in ihrem Zimmer tat so, als ob sie nicht den Mut hätte, etwas dagegen zu sagen, und die zweite Schwester You in ihrem Zimmer weinte nur, aß nichts mehr und traute sich nicht, Djia Liän davon zu berichten. Als am nächsten Tag der Herzoginmutter auffiel, wie rot und geschwollen die Augen der zweiten Schwester You waren, fragte sie sie nach dem Grund, aber auch ihr wagte die zweite Schwester You nichts zu sagen. Tjiu-tung jedoch, die sich überall in den Vordergrund drängte und ihre Reize spielen ließ, bemerkte insgeheim zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag flennt sie grundlos herum. Hinter unserem Rücken aber betet sie, daß die zweite junge Herrin und ich nur bald sterben, damit sie ganz nach ihren Wünschen mit dem jungen Herrn leben kann.“ „So eine betörende Schönheit läßt auf ein neidisches Herz schließen“, sagte die Herzoginmutter darauf. „Hsi-fëng ist so gut zu ihr, sie aber muß Streit suchen und eifersüchtig sein. Sie ist wahrhaftig ein undankbares Ding!“ Und mit der Zeit ließ ihr Gefallen an der zweiten Schwester You nach. Als die anderen merkten, daß die zweite Schwester You von der Herzoginmutter nicht mehr gemocht wurde, trampelten sie natürlich erst recht auf ihr herum und brachten es damit so weit, daß die zweite Schwester You nicht leben und nicht sterben konnte. Ein Glück war es noch, daß Ping-örl sie immer wieder zu trösten versuchte, wenn sie sie hinter Hsi-fëngs Rücken so antraf. Aber die zweite Schwester You war ein Mensch mit Magen und Darm wie aus Blumen, mit Fleisch und Haut wie aus Schnee. Wie sollte sie da solchen Quälereien gewachsen sein! Nach nur einem Monat, den sie an ihrem heimlichen Groll gelitten hatte, wurde sie vor Ärger krank. Arme und Beine waren ihr träge geworden, und Appetit hatte sie auch nicht mehr, so daß sie allmählich gelb und mager wurde. Eines Abends, als sie die Augen schloß, um zu schlafen, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Ente-Erpel-Schwertern auf sich zutreten und hörte sie sagen: „Du hattest immer ein törichtes Herz und einen weichen Sinn, Schwester, deshalb mußt du jetzt diese Enttäuschung erleben. Glaub nicht mehr den blumigen Worten und den raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Nach außen hin ist sie gütig, aber innerlich ist sie verschlagen. Ihr Haß wird keine Ruhe finden, ehe sie dich nicht umgebracht hat. Wenn ich noch in dieser Welt lebte, hätte ich bestimmt nicht zugelassen, daß du zu ihr ziehst, oder zumindest nicht, daß sie dich so behandelt. Aber es mußte ja so kommen. Wir haben weder züchtig noch tüchtig gelebt und haben die Männer dazu gebracht, daß sie Anstand und Sitte zerstörten. Das ist nun die Vergeltung dafür. Hör jetzt auf mich und erschlage das eifersüchtige Weib mit diesen Schwertern, dann aber komm mit mir, tritt vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und laß sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, ohne daß dich jemand bedauert.“ „Schwesterchen“, erwiderte die zweite Schwester You unter Tränen, „wenn ich mich mein Leben lang schlecht aufgeführt habe, ist die Vergeltung, die mich jetzt trifft, die zwangsläufige Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich nehmen? Laß mich nur weiter aushalten! Vielleicht hat der Himmel Erbarmen mit mir und läßt es mir wieder gut gehen. Wäre damit nicht beiden Seiten geholfen?“ „Du bist und bleibst eine Närrin“, hielt die dritte Schwester You ihr vor und lächelte dabei. „Seit Anbeginn gilt ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend, sie sind grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.‘ Und ‚Der Weg des Himmels ist es, die Vergeltung zu lieben.‘ Auch wenn du das Vergangene bereust und ein neuer Mensch geworden bist, hast du doch zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet, daß sie sich verhalten haben wie die wilden Hirsche, die sich ein und dasselbe Weibchen teilen. Wie könnte es der Himmel da zulassen, daß du in Frieden lebst?“ „Wenn ich nicht in Frieden leben darf, muß wohl auch das so sein, und ich werde keinen Groll deswegen hegen“, sagte die zweite Schwester You unter Tränen. Als die Jüngere das hörte, stieß sie einen langen Seufzer aus und verschwand. Die zweite Schwester You aber fuhr erschrocken auf und merkte, daß es ein Traum gewesen war. Als dann Djia Liän kam, um nach ihr zu sehen, sagte sie, da weiter niemand dabei war, unter Tränen zu ihm: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich jetzt bei dir und weiß, daß ich schwanger bin, wenn ich auch nicht wissen kann, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Wenn der Himmel Mitleid mit mir hat, werde ich das Kind noch zur Welt bringen können. Wenn nicht, gibt es keine Sicherheit für mein Leben, geschweige denn für das des Kindes.“ „Beruhige dich!“ sagte Djia Liän ebenfalls unter Tränen. „Ich werde einen verständigen Mann herbitten, der dich gesund macht.“ Und er ging hinaus, um sofort nach einem Arzt zu schicken. Wider Erwarten war jedoch Hofarzt Wang auf den Gedanken verfallen, sich bei der Armee Verdienste zu erwerben, die später seinen Kindern zugute kommen sollten. Deshalb kamen die Sklavenjungen mit einem Hofarzt namens Hu wieder, dessen Rufname Djün-jung lautete. Als er eingetreten war und der Kranken die Pulse gefühlt hatte, sagte er, sie leide unter einer unregelmäßigen Periode und brauche nur eine kräftige Stärkung. „Aber ihre Regel hat schon vor drei Monaten ausgesetzt, und sie muß sich häufig erbrechen. Ich vermute, sie wird wohl schwanger sein“, wandte Djia Liän ein. Daraufhin befahl Hu Djün-jung den alten Sklavenfrauen, sie sollten ihre Herrin bitten, ihm noch einmal die Hand zu zeigen, und wohl oder übel schob die zweite Schwester You noch einmal ihren Arm unter dem Bettvorhang durch. Hu Djün-jung fühlte ihr zum zweiten Mal lange die Pulse, dann verkündete er: „Bei einer Schwangerschaft müßte sich der Leberpuls kräftig anfühlen. Aber wenn das Element Holz zu üppig wird, entsteht Feuer. Die unregelmäßige Periode wird nur durch das Holz der Leber bewirkt. Ich muß so kühn sein, die junge gnädige Frau zu bitten, mir ihr kostbares Antlitz ein wenig zu enthüllen, damit ich sehen kann, was ihre Miene über ihren Lebenshauch offenbart. Dann erst wage ich, ihr ein Medikament zu verschreiben.“ Djia Liän hatte keine andere Wahl, als anzuordnen, man solle den Bettvorhang einen Spalt weit anheben, und die zweite Schwester You solle ihr Gesicht sehen lassen. Doch der flüchtige Anblick genügte, um die Seele von Hu Djün-jung bis zum neunten Himmel entschweben zu lassen. Sein ganzer Körper war wie gelähmt, und sein Denken setzte aus. Nachdem der Bettvorhang wieder herabgelassen war, begleitete Djia Liän den Arzt hinaus und wollte wissen, was nun sei. „Das ist keine Schwangerschaft“, erklärte Hu Djün-jung, „es ist lediglich das angestaute Blut, das sich verdickt hat. Darum kommt es nur darauf an, dieses Blut abzuleiten und die Adern für die Periode durchlässig zu machen.“ Danach schrieb er sein Rezept, verabschiedete sich und ging. Djia Liän befahl, man solle dem Arzt sein Honorar bringen, die Zutaten für die Arznei holen, sie zubereiten und der zweiten Schwester You zu trinken geben. Noch in der Nacht bekam dann die zweite Schwester You Bauchschmerzen, die sich nicht stillen ließen, und schließlich ging ihr ein voll ausgebildeter männlicher Fötus ab. Danach setzte eine Blutung ein, die nicht wieder aufhören wollte, und die zweite Schwester You wurde ohnmächtig. Als Djia Liän die Neuigkeit erfuhr, fluchte er laut auf Hu Djün-jung, schickte nach einem anderen Arzt, um die Kranke behandeln zu lassen, und schickte auch jemand los, um Anklage gegen Hu Djün-jung zu erheben. Aber Hu Djün-jung erfuhr davon, schnürte flugs sein Bündel und machte sich aus dem Staub. Inzwischen stellte der neue Arzt fest: „Eure werte Gattin hat von Natur aus eine schwächliche Konstitution. Seitdem sie schwanger war, muß sie wohl einigen Ärger erfahren haben, der sich angestaut hat. Jener Herr hat mit seiner Tiger- und Wolfsmedizin den Lebenshauch Eurer werten Gattin zu acht, neun Zehnteln zerstört. An eine baldige Genesung ist nicht zu denken. Aber wenn sie Heiltränke und zugleich Arzneikugeln einnimmt und außerdem mit überflüssigem Gerede verschont wird, besteht vielleicht noch einige Aussicht auf Genesung.“ Mit diesen Worten ging er davon. Djia Liän aber ließ in seiner Wut feststellen, wer den Arzt Hu geholt hatte, und als er es heraushatte, schlug er den Schuldigen halbtot. Noch zehnmal aufgeregter als Djia Liän gebärdete sich Hsi-fëng. Klagend rief sie aus: „Uns war vom Schicksal kein Sohn bestimmt, und nachdem uns jetzt endlich einer in Aussicht stand, mußten wir an so einen unfähigen Arzt geraten!“ Dann brannte sie für Himmel und Erde Weihrauch ab, fiel auf die Knie und betete: „Auch wenn ich dafür krank werden muß, bitte ich nur um das eine, daß Schwester You wieder ganz gesundet, von neuem schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich auf ewig fleischlose Fastenspeisen essen und zu Buddha beten!“ Djia Liän und alle anderen, die davon erfuhren, waren des Lobes voll. Wenn Djia Liän mit Tjiu-tung zusammen war, kochte Hsi-fëng Suppen und Brühen und ließ sie der zweiten Schwester You hinübertragen. Außerdem hielt sie Ping-örl vor, sie müsse zum Unglück geboren sein, und sagte: „Mit dir ist es dasselbe wie mit mir, aber ich bin viel krank, während du nie krank bist und trotzdem nicht schwanger wirst. Der jüngeren Herrin ist das bestimmt nur zugestoßen, weil uns beiden kein Glück beschieden ist. Oder vielleicht ist jemand daran schuld, der ihr auf Grund seines ungünstigen Horoskops entgegensteht.“ Also schickte sie jemand aus, um die Wahrsager befragen zu lassen, und der Bescheid, den die Botin zurückbrachte, lautete: „Die Schuld trägt eine, die im Zeichen des Hasen geboren[3] ist.“ Nun rechneten alle nach, und die einzige, auf die das zutraf, war Tjiu-tung. Darum hieß es, sie sei schuld. Tjiu-tung hatte mit ansehen müssen, wie Djia Liän in den letzten Tagen Ärzte holen und Arznei kochen ließ, wie er die Leute schlug und selbst die Hunde beschimpfte, und wie er die zweite Schwester You mit zärtlicher Fürsorge umgab. Schon das hatte genügt, um ihr Herz randvoll mit Essig zu füllen. Als sie jetzt noch hören mußte, sie solle die Schuldige sein, und als Hsi-fëng ihr riet, sie solle sich vorübergehend woanders einen Unterschlupf suchen und in ein paar Monaten wiederkommen, da schimpfte sie mit Tränen der Wut in den Augen: „Was kümmert es mich, was dieses blinde Wahrsagerpack zusammenschwindelt! ‚Brunnenwasser tut dem Flußwasser nichts zuleide‘, sagt man, warum also soll ich schuld sein? Draußen hat sich das feine Püppchen mit wer weiß wem abgegeben, und kaum daß sie hier ist, steht ihr jemand durch sein Horoskop entgegen. Wie will sie überhaupt mir nichts, dir nichts zu einem Kind gekommen sein? Davon hat sie doch nur erzählt, um unsern jungen Herrn kirre zu machen, so empfänglich wie er für Schmeicheleien ist. Und selbst wenn sie ein Kind gehabt hat, weiß man noch nicht, ob es mit Familiennamen Dschang oder Wang hätte heißen müssen. Wenn Ihr so viel Wert auf einen Bastard legt, junge gnädige Frau, ich hätte keine Freude daran! Und überhaupt – wer könnte auf die Dauer nicht auch ein Kind haben? Jede könnte das! Wenn ich in einem Jahr oder einem halben ein Kind habe, ist es wenigstens ohne jede Beimischung!“ Allen war zum Lachen bei dieser Tirade, aber keine hatte den Mut dazu, es zu tun. Zufällig kam eben Dame Hsing, um nach der Kranken zu sehen, und sofort klagte ihr Tjiu-tung unter Tränen: „Der zweite junge Herr und die junge Herrin wollen mich hinauswerfen und obdachlos machen. Erbarmt Euch meiner, gnädige Frau!“ Aufgeregt machte Dame Hsing zuerst Hsi-fëng eine Zeitlang Vorhaltungen, dann schalt sie Djia Liän: „Du undankbares Geschöpf! Welche Fehler sie auch immer haben mag, ist sie dennoch ein Geschenk deines Vaters. Wenn du sie um einer andern willen hinauswerfen willst, die du dir von draußen geholt hast, gilt dir dein Vater also nichts mehr, wie? Anstatt sie hinauszuwerfen, tätest du besser daran, sie ihm zurückzugeben.“ Damit ging sie wütend hinaus. Tjiu-tung aber hatte erreicht, was sie wollte, und ging nun so weit, sich unter die Fenster der zweiten Schwester You zu stellen, um dort laut zu schimpfen und zu weinen, was natürlich den Ärger der zweiten Schwester You nur vermehrte. Am Abend, als Djia Liän bei Tjiu-tung im Bett lag und Hsi-fëng bereits schlief, kam Ping-örl nach der zweiten Schwester You sehen und redete ihr leise zu: „Kurier dich nur schön und achte nicht auf das Biest!“ „Meine Schwester!“ sagte die zweite Schwester You und griff nach Ping-örls Hand, „seitdem ich hier bin, habe ich das Glück, von dir umsorgt zu werden, und du mußtest wer weiß wie oft um meinetwillen leiden. Falls ich mit dem Leben davonkomme, will ich dir deine Güte vergelten, doch ich fürchte, es wird nichts daraus und du mußt bis zu meiner nächsten Existenz darauf warten.“ Auch Ping-örl konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie ihr sagte: „Wenn ich es mir recht überlege, bin nur ich an deinem Unglück schuld. Ich habe ein törichtes Herz und habe i h r nie etwas verschwiegen, warum hätte ich es ihr also nicht sagen sollen, als ich erfuhr, daß es dich gibt. Und daraus ist dann all dieses Unheil entstanden.“ „Da hast du unrecht!“ widersprach die zweite Schwester You eilig. „Auch wenn du ihr nichts gesagt hättest, herausgefunden hätte sie es doch. Du hast es ihr bloß als Erste gesagt. Außerdem war es ja mein ganzes Sinnen und Trachten, hierher zu ziehen, damit die Sache ihre Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun.“ Beide weinten noch ein Weilchen zusammen, dann erteilte Ping-örl der zweiten Schwester You ein paar gutgemeinte Ermahnungen, und erst als es schon tiefe Nacht war, ging sie in ihr Zimmer zurück, um zu schlafen. Währenddessen sagte sich die zweite Schwester You: „da die Krankheit nun einmal Macht über mich gewonnen hat, und es mir von Tag zu Tag schlechter geht anstatt besser, werde ich bestimmt nicht wieder gesund. Wozu soll ich diesen kleinlichen Ärger ertragen, zumal ich mein Kind verloren habe, an das sich mein Herz hätte klammern können. Besser, ich sterbe und mache damit reinen Tisch! Ich habe die Leute oft sagen hören, man könne sich mit Rohgold umbringen[4]. Das ist doch sauberer, als wenn ich mich aufhänge oder mir die Kehle durchschneide!“ Nachdem sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, rappelte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe, suchte ein Stück unbearbeitetes Gold heraus, ohne zu wissen, wieviel es wog, und mit Tränen in den Augen schob sie es sich gewaltsam in den Mund. Dann mußte sie mehrmals mit aller Macht schlucken, ehe sie es endlich herunter bekam. Dann zog sie sich in größter Eile ordentlich an, schmückte sich mit ihrem Kopfputz und legte sich auf das Ofenbett. Niemand hatte auch nur das geringste bemerkt. Als die Sklavenmädchen und -frauen die zweite Schwester You am nächsten Morgen nicht rufen hörten, machten sie sich unbekümmert an ihre eigene Toilette, während Hsi-fëng mit Tjiu-tung hinüberging, um den Älteren ihren Morgengruß zu entbieten. Da schalt Ping-örl, die es nicht länger mit ansehen konnte, die Sklavenmädchen: „Ihr seid wirklich nur wert, jemand zu bedienen, der kein Herz im Leibe hat und der euch schlägt und beschimpft, wenn ihr mit einer Kranken kein bißchen Mitleid habt. Wollt ihr nicht zeigen, daß ihr wißt, was sich gehört, auch wenn sie gutartig ist, anstatt daß ihr die Sache so übertreibt und ‚mitschiebt, wenn die Mauer schon im Fallen ist‘?“ Nun machten die Sklavenmädchen die Tür auf, und als sie ins Zimmer traten, entdeckten sie, daß die zweite Schwester You sauber gekleidet und geschmückt tot auf dem Ofenbett lag. Zutiefst erschrocken, schrien und riefen sie durcheinander. Auch Ping-örl trat nun herein, und beim Anblick der Toten begann sie unwillkürlich, laut zu weinen. Auch die anderen wurden, obwohl sie in steter Furcht vor Hsi-fëng lebten, vom Schmerz gepackt bei dem Gedanken, daß die zweite Schwester You nun tot war, die sich doch Tieferstehenden gegenüber wirklich freundlich und nachsichtig benommen hatte und ein besserer Mensch als Hsi-fëng gewesen war, und da weinten sie ebenfalls um sie, wenn auch nicht so, daß sie dabei von Hsi-fëng überrascht werden konnten. Im Nu war der Vorfall im ganzen Anwesen bekannt. Djia Liän kam herein, nahm die Tote in seine Arme und weinte hemmungslos, ohne wieder aufzuhören. Auch Hsi-fëng klagte unter geheuchelten Tränen: „Du hartherzige Schwester! Warum hast du mich hier allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank gelohnt?“ Frau You und Djia Jung kamen ebenfalls herüber, um ein Weilchen zu weinen, und trösteten Djia Liän. Dann erstattete Djia Liän Dame Wang über die Angelegenheit Bericht und bat darum, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufbahren zu dürfen, um sie dann ins Kloster Eiserne Schwelle zu überführen, und Dame Wang gestattete es. Also schickte Djia Liän rasch Leute zum Birnendufthof, die das Tor aufschlossen und die Haupträume leer machten, um den Leichnam dort aufzubahren. Da es nach Djia Liäns Ansicht keine Art war, die Tote durch den Hinterausgang hinauszutragen, ließ er dem Birnendufthof gegenüber eine große Bresche in die Hauptmauer schlagen. Zu beiden Seiten wurden Behelfsbauten aufgestellt und Altäre für die Totenrituale errichtet. Dann wurde die Tote auf eine mit atlasbezogenen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof. Hier stand schon ein Sterndeuter bereit, und als er das Leichentuch anhob, um die Tote zu betrachten, sah ihr Gesicht so frisch wie das einer Lebenden aus, nur daß es noch schöner war. Noch einmal schloß Djia Liän die Tote in seine Arme, weinte laut und rief dabei aus: „Du bist rätselhaft gestorben, meine Frau! Doch ich allein bin daran schuld!“ Rasch trat Djia Jung näher und redete ihm zu: „Faßt Euch, Onkel! Meiner Tante war kein Glück beschieden, das ist es.“ Dabei wies er mit der Hand nach Süden in Richtung der Mauer, hinter der der Garten des Großen Anblicks lag. Djia Liän verstand, was Djia Jung damit sagen wollte, stampfte leise mit dem Fuß auf und verkündete mit gedämpfter Stimme: „Ich war zu nachlässig, aber früher oder später werde ich herausfinden, was dahintersteckt, und dann wirst du gerächt!“ „Da die junge gnädige Frau heute früh in der zweiten Hälfte der vierten Doppelstunde gestorben ist, darf sie nicht am fünften Tag, sondern entweder am dritten oder am siebenten übergeführt werden“, erklärte der Sterndeuter. „Die dritte Doppelstunde des morgigen Tages ist ein glückverheißender Termin für die Einsargung.“ „Am dritten Tag geht es auf keinen Fall, also am siebenten!“ sagte Djia Liän. „Da mein Onkel und mein Vetter nicht hier sind und da es auch nur ein kleinerer Trauerfall ist, wage ich nicht, die Aufbahrung im Hause in die Länge zu ziehen. Im Tempel wird sie noch fünfmal sieben Tage aufgebahrt bleiben, und erst nach einer großen Totenmesse soll der Sarg verschlossen werden. Im nächsten Jahr wird sie dann in den Süden übergeführt und begraben.“ Der Sterndeuter äußerte seine Zustimmung, dann stellte er den Totenschein aus und ging fort. Inzwischen war längst Bau-yü eingetroffen, um die Tote eine Zeitlang zu beweinen, und auch die übrigen Sippenangehörigen kamen[5]. Djia Liän eilte dann in seine Wohnräume zurück, um von Hsi-fëng Geld für den Sarg und das Trauerzeremoniell zu verlangen. Aber Hsi-fëng hatte, schon als die Tote hinausgetragen wurde, Krankheit vorgeschützt und erklärt: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben gesagt, für mich als Kranke seien Brautgemächer, Kreißzimmer und Sterbezimmer tabu, und deshalb dürfe nicht mit dabei sein.“ Anstatt Trauer anzulegen und an der Aufbahrungszeremonie teilzunehmen, hatte sie sich in den Garten des Großen Anblicks begeben, wo sie um die Berge herumging und an die nördliche Umfassungsmauer trat, um zu horchen, was draußen gesprochen wurde. Was sie dabei leise und verschwommen gehört hatte, berichtete sie anschließend der Herzoginmutter. „Was für ein Unfug!“ schimpfte die Herzoginmutter. „In allen andern Familien werden die Leichen von Mädchen, die an Auszehrung gestorben sind, verbrannt, und die Asche wird verstreut. Er aber will ein richtiges Trauerzeremoniell beginnen und ein Grab für sie anlegen. Da sie nun einmal zu seiner Nebenfrau bestimmt war, mag er sie fünfmal sieben Tage lang aufbahren lassen, aber dann soll sie verbrannt oder irgendwo verscharrt werden, und damit basta!“ „Ihr habt vollkommen recht“, stimmte Hsi-fëng lächelnd zu. „Doch ich traue mich nicht, ihm das zu sagen.“ Im selben Moment kam ein Sklavenmädchen, um Hsi-fëng zu holen, und sagte: „Der zweite junge Herr erwartet Euch, um sich Silber geben zu lassen.“ Also mußte Hsi-fëng nach Hause gehen, aber dort fragte sie Djia Liän: „Was für Silber? Weißt du noch nicht, daß wir in der letzten Zeit knapp dran sind? Die Monatsgelder reichen nicht für den ganzen Monat, die Hühner fressen – wie man so sagt – schon die Körner vom nächsten Jahr. Gestern mußte ich zwei goldene Halsreifen gegen dreihundert Liang Silber verpfänden, und du gibst dich noch irgendwelchen Träumen hin. Zwanzig, dreißig Liang habe ich übrig, die kannst du bekommen, wenn du willst.“ Damit befahl sie Ping-örl, das Silber zu bringen und Djia Liän auszuhändigen, dann gab sie vor, die Herzoginmutter habe ihr noch etwas zu sagen, und ging wieder fort. Vor Wut waren Djia Liän die Worte im Hals steckengeblieben. Nun öffnete er die Truhen und Schränke der zweiten Schwester You, um dort seinen Privatbesitz zu suchen, den er ihr anvertraut hatte, aber alles war leer bis auf ein paar zerbrochene Haarpfeile, verwelkte Blumen und halbzerschlissene Seidenkleider, die die zweite Schwester You getragen hatte. Bei diesem Anblick wurde Djia Liän erneut von Kummer ergriffen und begann zu weinen. Dann steckte er die Sachen in einen Kleiderbeutel, und anstatt seine Sklavenjungen oder die Sklavenmädchen damit zu beauftragen, trug er ihn selber fort, um alles zu verbrennen. Ping-örl, die darüber zugleich gerührt und belustigt war, holte schnell in aller Heimlichkeit ein Päckchen mit zweihundert Liang Bruchsilber und ging damit in den Seitenflügel, wo sie Djia Liän am Arm faßte, ihm wortlos das Päckchen hinhielt und ihn dann ermahnte: „So sei doch still! Wenn du heulen willst, kannst du das draußen tun, soviel du willst. Du aber mußt ihr hier damit unter die Augen kommen!“ „Du hast recht“, sagte Djia Liän. Dann nahm er ihr das Silber ab und reichte ihr einen Rock, wobei er sagte: „Den hat sie immer zu Hause getragen. Heb ihn mir gut auf, damit ich ein Andenken habe!“ Notgedrungen verbarg Ping-örl den Rock an ihrem Körper, um ihn dann wegzulegen. Inzwischen übergab Djia Liän das Silber dem Gesinde und befahl, Bretter für den Sarg zu kaufen. Aber gutes Holz war teuer, und mittelmäßiges wollte er nicht. Also ritt er los, um selber danach zu suchen, und kam am Abend wirklich mit einer Partie guter Bretter zurück, die er allerdings zum Preis von fünfhundert Liang Silber auf Kredit erstanden hatte, und nun wurde die ganze Nacht hindurch der Sarg gezimmert. Zugleich bestimmte Djia Liän Leute, die in Trauerkleidung die Totenwache halten mußten. Auch er selbst kehrte am Abend nicht in die Wohnräume zurück und wachte statt dessen die Nacht über bei der Toten. Wahrhaftig[6]:

Anmerkungen

  1. Hier wohl als fiktiver Ortsname gebraucht, denn der Ort Djing-kou (Dan-tu) in der Provinz Djiang-su bzw. die Mündung des Tschang-djiang (Jangtsekiang), die ebenfalls Djing-kou genannt wurde, wären in der angegebenen Zeit nicht erreichbar gewesen.
  2. Vgl. o., Anm. zu S. 629.
  3. In der traditionellen chinesischen Zeitrechnung werden die Jahre in Sechzigerzyklen gezählt, die in kleinere Zyklen von zwölf Jahren unterteilt sind. Dem zwölfjährigen Zyklus entsprechen zwölf Symboltiere. Jahre des Hasen waren zu Tsau Hsüä-tjins Lebzeiten z. B. die Jahre 1722 und 1734.
  4. Selbstmord mit Blattgold oder Goldbrocken entsprach der gesellschaftlichen Praxis im alten China.
  5. Dem Sterndeuter, den man im alten China bei jedem Todesfall brauchte, um die Termine für das Begräbniszeremoniell (Einsargung, Sargüberführung) zu bestimmen, oblag die Ausstellung einer Art von Totenschein. Bestand der Verdacht von Mord oder Selbstmord, durfte er den Totenschein nicht ausstellen und mußte Anzeige erstatten
  6. Das Schlußgedicht zum 69. Kapitel fehlt im Original.