Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 82"

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== 老学究讲义警顽心 / 病潇湘痴魂惊恶梦 ==
 
== 老学究讲义警顽心 / 病潇湘痴魂惊恶梦 ==
  
ren läßt.“
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'''Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den KlassikernDie Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrickt wegen eines Geisteralptraums.'''
„Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“
 
„Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.“
 
Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“
 
„Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“
 
Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch. Bau-yü befahl ihm, sich damit neben ihn zu setzen, und lehnte sich an ihn.
 
Jetzt kam Ein-Pflaster-Wang ein Gedanke. Kichernd trat er näher und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hab‘s! Wahrscheinlich widmet sich der kleine Herr inzwischen schon den Schlafzimmerkünsten und möchte ein Stärkungsmittel haben. Stimmt‘s?“
 
Kaum hatte er das gesagt, fuhr Ming-yän ihn an: „Dafür verdienst du den Tod! Aufs Maul sollte man dir schlagen!“
 
Bau-yü, der gar nicht verstanden hatte, worum es ging, fragte: „Was hat er gesagt?“
 
„Unsinn hat er geschwatzt“, erwiderte Ming-yän kurz angebunden. Ein-Pflaster-Wang aber traute sich vor Schreck nicht, noch weiter zu fragen, und bat: „Sagt es nur klar heraus, kleiner Herr!“
 
„Was ich dich fragen möchte, ist, ob es ein Pflaster gibt, mit dem man eine Frau von der Eifersucht heilen kann“, sagte Bau-yü.
 
„Also nein!“ rief Ein-Pflaster-Wang lächelnd und schlug dabei die Hände zusammen, „dagegen habe ich keine Salbe, und ich habe auch nie gehört, daß es eine gibt, die dagegen hilft.“
 
„Dann sind deine Salben aber nicht viel wert“, urteilte Bau-yü lächelnd.
 
Doch rasch fuhr Ein-Pflaster-Wang fort: „Eine Salbe gegen die Eifersucht ist mir noch nicht untergekommen, aber einen Heiltrank gibt es, der vielleicht dagegen hilft. Nur wirkt er etwas langsam, der Erfolg stellt sich nicht im Handumdrehen ein.“
 
„Was für ein Trank ist das? Und wie muß man ihn einnehmen?“ erkundigte sich Bau-yü.
 
„Er heißt ‚Heiltrank gegen die Eifersucht‘“, gab Ein-Pflaster-Wang Auskunft. „Man kocht eine feste Birne mit zwei Tjiän Kandiszucker und einem Tjiän getrockneter Mandarinenschale in drei Schalen Wasser, bis sie weich ist. Wenn man jeden Morgen so eine Birne ißt, verliert sich die Eifersucht auf die Dauer.“
 
„Das wäre nicht teuer, aber ich fürchte, es wird nicht unbedingt helfen“, äußerte Bau-yü.
 
„Wenn eine Portion nicht hilft, nimmt man zehn, und solange die Wirkung nicht eintritt, nimmt man das Mittel weiter“, erläuterte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es in diesem Jahr noch nicht hilft, dann nimmt man es im nächsten weiter. Auf jeden Fall kräftigen alle drei Bestandteile die Lunge, regen den Appetit an und schaden nicht. Das Mittel ist süß und wohlschmeckend und ist auch gut gegen Husten. Wenn man es hundert Jahre genommen hat, stirbt man eines Tages, und wer tot ist, ist nicht mehr eifersüchtig. Spätestens dann setzt also die Wirkung ein.“
 
Kaum hatte er das gesagt, brachen Bau-yü und Ming-yän in Gelächter aus und schalten ihn eine glattzüngige Ochsenfratze.
 
Aber lächelnd entschuldigte sich Ein-Pflaster-Wang: „Es war doch nur ein harmloser Scherz, um dem kleinen Herrn nach dem Essen die Müdigkeit zu vertreiben. Und ist es nicht Geld wert, Euch zum Lachen gebracht zu haben? Um Euch die Wahrheit zu sagen, selbst meine Pflaster sind fauler Zauber. Wenn ich ein wirkliches Medikament kennen würde, hätte ich es schon längst genommen und wäre zum Unsterblichen geworden. Oder meint Ihr, ich würde dann noch hier herumkrebsen?“
 
Als er das eben sagte, war die glückverheißende Stunde gekommen, und er bat Bau-yü hinaus, um das Opfer zu vollziehen und dann die Opferspeisen zu verteilen. Erst als dies alles erledigt war, kehrte Bau-yü nach Hause in die Stadt zurück.
 
Um diese Zeit war Ying-tschun schon eine gute Weile im Hause, und die Sklavinnen der Familie Sun, die sie begleitet hatten, waren mit Abendessen bewirtet und wieder heimgeschickt worden. Jetzt erst klagte Ying-tschun bei Dame Wang im Zimmer schluchzend ihr Leid und berichtete: „Sun Schau-dsu hat nichts anderes im Kopf als Weibergeschichten, Glücksspiele  und  Trinkgelage.  Unter den  Sklavenfrauen und -mädchen  des
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Im Folgenden gibt es zu berichten, daß Bau-yü, als er aus der Schule heimkam, die Herzoginmutter traf. Sie sagte lachend zu ihm: „Gut! Nun ist das wilde Pferd gezähmt und hat ein Zaumzeug verpaßt bekommen. Geh, berichte deinem Vater, danach kannst du wiederkommen und spielen!“ Bau-yü war einverstanden und ging, Djia Dschëng zu sehen. Djia Dschëng fragte: „Ist die Schule jetzt schon aus? Hat dir der Lehrer Schularbeiten aufgegeben?“
Hauses ist kaum noch eine,  mit der er es nicht getrieben hätte.  Nachdem  ich  zwei oder drei Mal versucht hatte, ihm etwas ins Gewissen zu reden, schimpfte er, ich müsse in Essig eingelegt worden sein0. Außerdem behauptete er, mein Vater habe fünftausend Liang Silber von ihm in Verwahrung bekommen, die er nicht ausgeben sollte, und jetzt habe er sie schon ein paarmal zurückverlangt, aber nicht bekommen.
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Bau-yü antwortete: „Stimmt. Morgens muß ich früh aufstehen und Bücher repetieren, nach dem Essen Schreiben üben und nachmittags Bücher zusammenfassen und erläutern sowie Aufsätze lesen.“ Als Djia Dschëng das gehört hatte, nickte er und sagte: „Geh, setz’ dich noch zur alten Dame [deiner Großmutter]. Du solltest auch ein bißchen gesellschaftliche Umgangsformen lernen, nicht nur störrisch herumtollen. Geh abends ein bißchen früher schlafen und steh morgens ein bißchen früher für die Schule auf! Hast du das gehört?“ Bau-yü bejahte dies prompt mit ein paar „Jawohls“, ging hinaus, schaute eilig bei [seiner Mutter] Dame Wang vorbei und stattete dann der Herzoginmutter einen Besuch ab.  
Mit dem Finger hat er mir ins Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Meine Gattin willst du sein? Dein Vater hat meine fünftausend Liang Silber veruntreut und dich dafür in Zahlung gegeben. Wenn du dich nicht zu benehmen weißt, kannst du eine Tracht Prügel haben und in der Gesindestube schlafen. Seinerzeit, als dein Großvater noch lebte, stachen ihm der Reichtum und die Vornehmheit unserer Familie dermaßen in die Augen, daß er sich eilig an uns herangemacht hat. Obwohl ich eigentlich zur selben Generation wie dein Vater gehöre, war ich nun gezwungen, den Abstand einer ganzen Generation zu verschenken. Auch deshalb hätte ich mich auf die Hochzeit mit dir nicht einlassen sollen, damit mir niemand nachsagen kann, ich strebte nach Vorteil und Macht.‘“
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Er ging eilig hinaus und wollte zur Herberge am Hsiau-Hsiang-Fluß gehen. Kaum war er zur Tür hereingekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!“ Sein plötzliches Eintreffen erschreckte Dai-yü. Dsï Djüan zog den Vorhang auf, Bau-yü kam herein und setzte sich. Dai-yü sagte: „Ich dachte, ich hätte gehört, daß du zum Studieren gegangen seist. So schnell schon wieder da?“ Bau-yü antwortete: „Tja, unglaublich! Als mich mein Vater heute zum Studieren schickte, kam es mir vor, als würde ich euch nie wieder sehen. Ich habe den ganzen Tag kaum ertragen; als ich euch gerade sah, kam ich mir wie gestorben und wiedergeboren vor. Die Redewendung der Vorfahren, ein Tag Trennung komme einem wie drei Jahre vor, trifft wirklich zu.“
Während sie das erzählte, weinte sie herzzerreißend, und auch Dame Wang und allen Kusinen liefen die Tränen aus den Augen. Was aber konnte Dame Wang anderes tun, als auf sie einzureden: „Was kann man da noch machen, nachdem du einmal an diesen unverständigen Menschen geraten bist? Dein Onkel hat damals deinem Vater geraten, sich nicht auf diese Hochzeit einzulassen. Er aber wollte nicht hören und war ganz Feuer und Flamme dafür, und so ist es dazu gekommen. Es ist dein Schicksal, mein Kind.
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Dai-yü fragte: „Und hast du deine Aufwartungen gemacht?“, Bau-yü antwortete: „Alle“. Dai-fragte weiter: „Und warst du auch woanders?“ – „Nein.“ – „Du solltest auch bei deinen Kusinen vorbeischauen.“ Bau-yü entgegnete: „Mir ist gerade nicht danach, ich will nur ein Weilchen mit meiner kleinen Schwester hier sitzen und plaudern. Und dann heißt mich mein Vater noch früh schlafen gehen und früh aufstehen, ich muß morgen früh wieder bei ihnen vorbeischauen.“ Dai-yü sagte: „Setz’ dich ein bißchen, aber dann mußt du dich ausruhen gehen.“ Bau-yü sagte: „Müde soll ich sein? Ach, woher denn! Ich bin einfach niedergeschlagen. Da setzen wir uns gerade für einen Moment, die Niedergeschlagenheit verfliegt, und schon drängst du mich wieder.
„Ich kann nicht glauben, daß mir so ein schlechtes Schicksal beschieden ist“, bezweifelte Ying-tschun weinend, „schon als kleines Kind habe ich meine Mutter verloren, dann hatte ich das Glück, hier bei Euch, Tante, ein paar unbeschwerte Jahre verleben zu dürfen, und das soll jetzt das Ergebnis sein?“
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Dai-yü lächelte und wies Dsï-djüan an: „Gieß für den Herr eine Tasse meines Drachenbrunnentees auf! Jetzt, wo der Herr studiert, müssen wir ja respektvoll zurückbleiben.“ Dsï-djüan stimmte lachend zu, holte Teeblätter, und ließ ein junges Dienstmädchen Tee aufgießen. Bau-yü schloß sich mit den Worten an: „Was erwähnst du noch das Studieren, ich kann dieses akademische Gerede nicht ausstehen. Noch lächerlicher ist der Achtgliedrige Aufsatz, man braucht ihn nur, um zu Amt und Würden zu kommen und sein Auskommen zu haben; wie kann man behaupten, mit ihm die Sicht der Weisen wiederzugeben? Dann gibt es da Aufsätze, bei denen man ein paar Klassiker genommen und zusammengestückelt hat. Noch lächerlicher sind jene, die keine Substanz haben, von Ost nach West gezogen, zu Kuhgeistern und Schlangendämonen gemacht und für ein universelles Geheimnis gehalten werden, damit werden dann die Weisen erläutert. Nun ermahnt mich mein Vater immer und immer wieder, das zu lernen, und ich wage keine Widerworte, und da kommst du in diesem Moment wieder mit dem Studieren.
Dame Wang redete erst weiter begütigend auf Ying-tschun ein und fragte dann, wo sie am liebsten logieren wolle.
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Dai-yü sagte: „Wir Mädchen mögen das zwar nicht, aber ich habe ja in der Kindheit mit deinem Lehrer Yü-tsun auch schon einmal die Bücher gelesen. In ihnen gibt es auch Einfühlsames und Vernünftiges, Prägnantes wie Subtiles, aber Tiefgründiges. Obwohl ich es damals nicht ganz verstanden habe, habe ich doch die Qualität gespürt, man kann sie nicht kategorisch ablehnen. Darüberhinaus mußt du zu Amt und Würden kommen, das ist klarer und wertvoller.“ Bau-yü, der bis hierhin zugehört hatte, empfand die Worte als nicht sehr überzeugend, weil er Dai-yü nie für einen solchen Menschen gehalten hatte – wie konnte sie sich dafür nur so begeistern? Da er ihr auch nicht ins Gesicht widersprechen wollte, räusperte er sich nur einmal kurz zustimmend.  
„Seitdem ich meine Kusinen verlassen mußte, habe ich mich in Schlaf und Traum nach ihnen gesehnt“, erwiderte Ying-tschun. „Außerdem habe ich Sehnsucht nach meinen alten Zimmern im Garten. Wenn ich dort noch einmal drei oder fünf Tage wohnen darf, will ich zufrieden sterben. Wer weiß, ob ich noch ein weiteres Mal Gelegenheit haben werde, dort zu wohnen!
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Während sie noch sprachen, hörten sie, wie sich draußen zwei Leute unterhielten, und zwar Tjiu-wën und Dsï-djüan. Sie hörten gerade Tjiu-wën sagen: „Schwester Hsi-jën befahl mir, Bau-yü von der Herzoginmutter abzuholen, wer hätte gedacht, daß er hier ist.“ Dsï-djüan sagte: „Wir gießen erst hier Tee auf, es könnte auch sein, daß wir beide erst trinken lassen sollten und wir dann erst zur Herzoginmutter gehen.“ Die beiden kamen herein. Bau-yü sagte lachend zu Tjiu-wën: „Ich gehe gleich rüber, entschuldige, daß du soviel Mühe hattest, mich zu finden.“ Tjiu-wën kam gar nicht zu einer Erwiderung, da hatte Dsï-djüan schon gesagt: „Geh schnell rüber, wenn du den Tee getrunken hast, hier hat schon jemand den ganzen Tag nach dir gesucht.“ Tjiu-wën spuckte aus und sagte: „Pfui! Welch eine Bastard-Dienstmagd!“, so daß alle in Lachen ausbrachen. Bau-yü stand endlich auf und verabschiedete sich. Dai-yü brachte ihn bis zur Tür. Dsï-djüan stand am Fuß der Treppe, bis er gegangen war, erst dann kehrte sie wieder zurück ins Zimmer.
„Hör auf, so zu reden!“ ermahnte Dame Wang sie sogleich. „Ein kleiner Streit zwischen jungen Eheleuten kommt überall einmal vor. Wie kannst du gleich von Tod und Sterben sprechen?!“ Dann gab sie den Auftrag, rasch die Zimmer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herzurichten, und befahl den Mädchen, sie sollten ihrer Kusine Gesellschaft leisten und ihr Mut zusprechen. Bau-yü schärfte sie dann noch ein: „Kein Wort von alledem vor der alten gnädigen Frau! Wenn sie davon erfährt, hat sie es nur von dir.
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Als Bau-yü in seinem Roten Hof der Freude ankam, sah er, wie Hsi-jën gerade herauskam, um ihn zu begrüßen.
Gehorsam versprach Bau-yü, den Mund zu halten.
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„Bist du zurück?“, fragte sie.
In dieser Nacht schlief Ying-tschun wieder in ihrem alten Heim, und ihre Kusinen begegneten ihr mit größter Herzlichkeit. Erst drei Tage später begab sich Ying-tschun zu Dame Hsing hinüber. Zuvor aber nahm sie Abschied von der Herzoginmutter und Dame Wang. Als sie den Kusinen auf Wiedersehen sagen mußte, war sie vor Kummer und Schmerz nicht von ihnen loszubringen. Wieder mußten Dame Wang und Tante Hsüä auf sie einreden, ehe sie endlich nachgab und hinüberging.
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Tjiu-wën antwortete für ihn: „Oh, der Herr ist schon lange zurück, er war bei Fräulein Lin.“
Bei Dame Hsing blieb sie noch zwei Tage, bis Sun Schau-dsu seine Leute schickte, um sie wieder abzuholen. Ying-tschun hatte zwar nicht die geringste Lust, zu ihm zurückzukehren, aber aus Furcht vor seinen Boshaftigkeiten mußte sie sich schließlich bezwingen und Abschied nehmen.
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„Ist irgendetwas geschehen, als ich fort war?“, fragte Bau-yü.
Dame Hsing aber war nicht sehr aufmerksam. Sie fragte weder, wie sich die Gatten verstanden, noch erkundigte sie sich, wie Ying-tschun mit der Hausarbeit zu Rande kam. Alles, was sie tat, war, obenhin ihrer Pflicht nachzukommen.
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„Ach, nicht viel“, antwortete Hsi-jën spitz. „Nur ein Vortrag von Schwester Yüan-yang. Die Dame [Wang] schickte sie, um uns wissen zu lassen, daß dein gändiger Herr es dieses Mal ernst meinte mit deinem Studium und, falls irgendjemand von uns Dienstmädchen es wage, noch einmal mit dir zu spielen, es uns ergehen werde wie Tjing-wën und Sï-tji.“ Sie seufzte: „Ich denke, man hat immer sein Bestes getan, um dir zu dienen, und das ist der Dank dafür. Das macht doch keinen Spaß.“
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
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Während sie sprach, wurde sie traurig. Bau-yü eilte sich, sie zu trösten: „Liebe Schwester! Sei unbesorgt. So lange ich ein guter Schüler bin, wird keiner von euch noch irgendein Wort der [alten] Dame hören müssen. Ich habe vor, an diesem Abend noch einige Texte zu lesen. Der Lehrer hat mir sogar aufgegeben, für morgen eine schriftliche Darstellung vorzubereiten. Sollte es irgendetwas geben, daß ich brauche, so werden es Schë-yüä und Tjiu-wën für mich besorgen, du kannst dich derweil erholen.“
81. Vier Schöne angeln Glücksfische
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„Wenn du ernsthaft studieren willst“, sagte Hsi-jën, „dann macht es uns Spaß, dir zu dienen.“
Baoyu erhält eine Standpauke und muss wieder zur Hausschule
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Von ihren Worten angeregt, nahm Bau-yü eilig sein Abendessen ein und ließ die Leselampen anzünden. Er setzte sich weiter abseits, um das, was er bereits früher gelesen hatte, noch einmal durchzuarbeiten, die Vier Bücher [des konfuzianischen Kanons]. Nun, wie las er seine Texte? Er blätterte durch das erste Buch, las die Texte, schien sie auch im Wesentlichen zu verstehen. Doch in dem Moment, als er ins Detail vordrang, schienen sich die Texte seinem Zugriff zu verweigern. Er wandte sich hilfesuchend an die Anmerkungen, las die dazugehörenden Textstellen, strengte sich dabei so an, daß es sich anfühlte, als wäre er von einer Keule getroffen worden.
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,In Gedichten finde ich mich leicht zurecht‘, dachte er bei sich selbst, ,doch aus diesem Stoff werde ich einfach nicht schlau.‘
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Er lehnte sich zurück, sprach nur wirres Zeug vor sich hin. Schë-yüä und Hsi-jën halfen ihm, bis er ins Bett ging. Erst danach legten sich die beiden selbst schlafen.
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Kurz darauf erwachten sie und hörten, wie er sich unruhig auf dem Ofenbett hin und her wälzte.
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„Bist du immer noch wach? Denkst du immer noch nach?“, fragte Hsi-jën, „du sollst deine Geisteskräfte schonen, damit du morgen gut lernen kannst.“
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„Ich weiß“, sagte Bau-yü, „aber ich kann einfach nicht schlafen. Komm und nimm eine von meinen Decken herunter!“ –
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„Es ist nicht warm genug heute Nacht. Behalte sie lieber bei dir!“ sagte Hsi-jën.
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„Ich bin so aufgekratzt!“ Bau-yü warf die obere Decke nun selbst hinunter. Hsi-jën kletterte sofort hinüber, um die Decke zurückzulegen, und berührte mit der Hand seine Stirn. Sie fühlte sich leicht fiebrig an.
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„Bleib liegen!“, sagte sie, „du hast leicht Fieber.“ –
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„Nein, ich bin nicht krank.“ –
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„Aber was ist denn los?“ –
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„Es ist nichts. Ich bin nur nervös, das ist alles. Mach’ doch bitte keinen Staatsakt daraus! Wenn Vater das herausfindet, wird er mir sicherlich vorwerfen, ich suchte nach einer Ausrede, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Es scheint mir eher ein Zufall zu sein. Morgen früh fühle ich mich bereits wieder besser, und bin ich erst einmal in der Schule, dann läuft es wie immer.“
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Hsi-jën gab nach.
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„Ich werde hier an deiner Seite schlafen“, sagte sie. Sie bearbeitete eine Weile seinen Rücken mit Klopfmassage, und beide waren unmerklich eingeschlafen. Als sie aufwachten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel.
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„Hilfe!“, jammerte Bau-yü, „ich bin zu spät!“ Schnell wusch und kämmte er sich, absolvierte die Runde seiner Morgenaufwartungen und machte sich dann sofort auf den Weg zur Schule. Als er das Klassenzimmer betrat, verhieß der ernste Gesichtsausdruck Dai-jus nichts gutes.
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„Kein Wunder, daß dein Vater so sauer ist und du ihn dazu gebracht hast, dich einen Taugenichts zu nennen! Schon am zweiten Tag faulenzt du und kommst erst jetzt.“
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Bau-yü berichtete ihm von seinem Fieber in der Nacht zuvor, ging dann an seinen Tisch und setzte sich, um zu arbeiten.
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Es war spät nachmittags, als Dai-ju ihn nach vorne rief:
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„Bau-yü, komm nach vorne! Interpretiere diesen Text!“
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Bau-yü ging nach vorne. Nach In-Augenscheinnahme bemerkte er zu seiner Erleichterung, daß dieser Text zu denen gehörte, die er kannte: Gespräche, Kapitel 9, Vers 22: Die Jugend muß voller Ehrfurcht sein. ,Was für ein Glücksfall!‘, dachte er bei sich, ,Buddha sei Dank, es ist nicht aus der Großen Lehre oder der Doktrin der Mitte!‘ –
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„Wie soll ich das interpretieren, Herr Lehrer?“ –
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„Fasse diese Sätze zusammen!“ antwortete Dai-ju.
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Bau-yü rezitierte zunächst das ursprüngliche Kapitel laut und begann dann:
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„In diesem Vers haben wir die weisen Vorfahren, die ihre Nachkommen ermutigten, fleißig zu sein, sonst würden sie enden wie...“
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An dieser Stelle schaute Bau-yü zu Dai-ju auf. Dai-ju spürte, was kommen würde, und versuchte, seine Verlegenheit mit einem kurzen Auflachen zu verbergen: „Komm Junge, komm schon, sprich ruhig weiter! Was hält dich zurück? Denke daran: Die Auslegung der Klassiker ist von den normalen Regeln mündlicher Verbote befreit. In  den Riten, Buch I heißt es: ‚Beim Arbeiten mit den Klassikern gibt es keine Verbote für die Nomenklatur.‘ Also: Sonst würden sie enden wie ...?“
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„... wie jemand, der auch als Erwachsener nichts gelernt hat“, sagte Bau-yü. „Man nehme zuerst die beiden Wörter ‚voller Ehrfurcht‘. Diese beiden Wörter ermutigen die nachfolgende Generation. Wenn man dagegen nicht genügend Ehrfurcht hat, ist dies eine Warnung vor der Zukunft.“
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Er schaute wieder zu Dai-ju hoch.
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Dai-ju sagte: „Das könnte gehen. Zusammengefaßt heißt das?“
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Bau-yü begann wieder:
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„Unsere Eltern sagen: Wenn man jung ist, benutzt man seine geistige Kraft. Man ist intelligent und voller Kraft, das macht einem fast Angst. In dieser Phase scheint es so, daß man selbst eine rosigere Zukunft hat als die Eltern. Aber ist man schon vierzig oder fünfzig und immer noch nicht erfolgreich und berühmt, hat man kein Geschimpfe mehr zu befürchten und scheint nützlich zu sein. Dann hat man auch nichts mehr zu fürchten.“
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„Deine Interpretation war leidlich klar“, kommentierte Dai-ju mit einem trockenen Lächeln. „Aber ich fürchte, deine Ausdrucksweise ist noch recht kindisch. Der Ausdruck ‚nicht berühmt werden“ bezieht sich nicht auf den Erfolg im Weltlichen, also in der Beamtenkarriere, sondern mehr auf die persönlichen Errungenschaften in moralischer und intellektueller Hinsicht. In diesem Sinne beinhaltet das keinesfalls Amtsränge. Im Gegenteil, viele der großen Weisen des Altertums waren unbedeutende nicht verbeamtete Personen, die sich aus der Welt zurückzogen; und doch halten wir sie in höchsten Ehren, oder nicht?“
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„Du hast den letzten Satz nicht richtig ausgelegt“, fuhr er fort. „Der Ausdruck ‚nicht genügend Ehrfurcht haben’ bedeutet, daß jemand dich leicht durchschauen kann. Der Ausdruck ‚nichts wissend’ heißt nicht, daß man vor etwas Angst hat. Wenn man von innen nach außen sieht, erfährt man erst die Details. Verstehst du das?“ –
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Bau-yü: „Ich verstehe.“ –
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„Gut. Hier ist ein anderer Text, bitte interpretiere ihn ebenfalls!“, sagte Dai-ju.
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Dai-ju blätterte einen Artikel zurück und zeigte Bau-yü folgende Textstelle. Es waren wieder die Gespräche, dieses Mal Kapitel 9, Vers 18: „Die Seltenheit einer ernsthaften Liebe zur Tugend.“ Bau-yü witterte Gefahr und sagte mit seinem offensten Lächeln: „Ich befürchte, ich befürchte, ich weiß hierzu nichts zu sagen, Dai-ju.“ – „Unsinn, mein Junge! Würdest du das schreiben, wenn diese Textstelle als Thema in deinem Prüfungsaufsatz drankäme?“
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Bau-yü hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und begann widerstrebend: „Die Vorfahren erkannten, daß die Menschen die Tugend nicht liebten, stattdessen fielen sie beim ersten Anblick von Schönheit auf die Knie und beteten sie an. Sie hielten die Tugend für die natürliche Grundlage der Dinge. Die Menschen streben überhaupt nicht nach der Tugend. Auch Schönheit ist ein Geschenk des Himmels, wer möchte sie nicht besitzen. Schönheit gehört zu den menschlichen Verlockungen, wohingegen Tugend ein natürliches Prinzip ist. Wie kann ein Prinzip hoffen, mit der Begierde um die Zuneigung der Menschen zu wetteifern? Konfuzius beklagt sich über den Zustand der Welt und hofft auf eine Wandlung der Herzen. Das, was angestrebt wird, ist meist oberflächlich und kurzlebig. Wie schön wäre es, wenn die Menschen so nach Tugend streben würden wie nach Schönheit ...“ –
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„Danke, das ist genug“, sagte Dai-ju. „Ich habe nur noch eine Frage an dich. Wenn du die Worte der Vorfahren so gut verstanden hast, warum machst du immer wieder dieselben zwei Fehler? Ich bin nur ein Außenstehender, aber auch ohne Erläuterung von deinem Vater kann ich deine moralischen Schwächen erkennen. Wie könntest du dich nicht anstrengen, weiterzukommen? Du bist derzeit ein vielversprechender Jugendlicher, oder wie es in unseren Texten heißt: ‚berühmt zu werden“ und ‚nicht genügend Ehrfurcht haben“ – das liegt alles in deiner Macht. Ob du diese Chancen ergreifst oder nicht,  das  hängt  ganz  von  deinen eigenen An-
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strengungen ab. Wirst du ‚berühmt‘ oder wirst Du ‚nicht genügend Ehrfurcht haben‘?“ –
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„Ich gebe dir einen Monat Zeit, in der du deine alten Texte erneut gründlich durcharbeitest, und einen weiteren Monat, in dem du neue Texte studierst. Danach gebe ich dir Themen für Aufsätze. Wenn ich auch nur ein Zeichen von Nachlässigkeit bei dir entdecke, hast du keine Nachsicht von mir zu erwarten. Wie das Sprichwort sagt: ‚Das Erwachsenendasein bedeutet nicht zu faulenzen. Faulenzen führt zu Mißerfolg.‘ Wenn du ein guter Schüler sein willst, dann behältst du alles, was ich gesagt habe.“ – „Ja, Herr Lehrer.“
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Und so müssen wir Bau-yü für den Moment verlassen, ihn zu seinen täglichen Studien schicken, die er widerstrebend absolviert. Während seiner Abwesenheit an der Schule, wurde der Hof der Freude am Roten so ruhig, daß er nicht mehr wiederzuerkennen war, und die Tage vergingen langsam und ereignislos. Hsi-jën fand sogar Zeit, etwas zu nähen. Eines Tages saß sie dabei, einen Betelnuß-Beutel zu besticken, und dachte darüber nach, daß Bau-yü jetzt beschäftigt war und daß die Mädchen doch nicht hungern müßten. Wäre dies bereits früher so gewesen, hätte Tjing-wën niemals ein solch elendes Ende ereilt. Arme Tjing-wën! Hsi-jën seufzte: „Wenn der Hase stirbt, weint der Fuchs.“ Sie weinte unbemerkt. Plötzlich dachte sie, sie könne nie Bau-yüs Frau werden, nur seine Konkubine. So wie Bau-yü mit seinen Mitmenschen umging, war er sehr vertrauenswürdig. Doch was wäre, wenn er vorhätte, eine fürchterliche Frau zu heiraten? War es ihr Schicksal, die zweite Schwester You oder Hsiang-ling zu werden? Urteilte man danach, wie sich die Herzoginmutter und die Dame Wang schon immer verhalten hatten und was Hsi-fëng stets sagte, würde seine Braut unzweifelhaft Dai-yü werden. Aber Dai-yü ist jemand, der immer zweifelt.
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Bei diesen Gedanken  wurde  Hsi-jën  heiß  und ihr Herz raste.  Ihre Stickerei wurde ungenau. Schnell ließ sie diese liegen und begab sich seufzend zu Dai-yü.
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Dai-yü las ein Buch. Als sie Hsi-jën eintreten sah, rückte sie beiseite und forderte sie nickend auf, sich zu setzen.
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„Ich hoffe, Sie fühlen sich ein wenig besser, Fräulein“, begann Hsi-jën, ängstlich darauf bedacht, den richtigen Ton zu treffen.
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„Mir geht es etwas besser“, antwortete Dai-yü. „Was hast du daheim gemacht?“
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„Jetzt, wo mein Herr in der Schule ist“, antwortete Hsi-jën, „ist es zu Haus sehr ruhig, deshalb dachte ich, ich komme kurz auf ein Schwätzchen vorbei.“
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Während sie sprach, brachte Dsï-djüan Tee herein, und Hsi-jën erhob sich schnell.
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„Schwester, bleib’ doch sitzen.“ Sie lachte, als sie fortfuhr: „Ich hörte, daß Tjiu-wën sagte, daß du dich über uns lustig gemacht hast.“
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„Ihr glaubt doch nicht, was sie da erzählt, oder?“, sagte Dsï-djüan mit einem Lächeln. „Alles, was ich meinte, war, daß, wenn mein Herr den ganzen Tag in der Schule ist, Fräulein<ref>Hier wie auch an anderen Stellen wird das im Deutschen etwas seltsame 姑娘 „Mädchen“ mit „Fräulein“ übersetzt.</ref> Bau verhindert war und nicht einmal Hsiang-ling vorbeikam, um uns zu besuchen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie langweilig das ist?“
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Hsi-jën nutzte die Gelegenheit: „Hsiang-ling sagst du? Ach, das arme Mädchen! Sie tut mir so leid! Sie ist mit der Furie [Ehefrau von Herrn Pan] aneinandergeraten, sie hat es ja schwer! Sie ist sogar noch ärmer dran als eine gewisse Person ...“ An dieser Stelle hielt Hsi-jën zwei Finger hoch[, um auf die zweite junge Frau des Hauses zu verweisen – Hsi-fëng]. „Sie kann sich nicht einmal darum kümmern, was die Leute von ihr denken.“
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Dai-yü fuhr fort: „Sie hat aber auch genügend ertragen. Weißt du noch, wie die zweite Schwester You gestorben ist!“.
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„Ich weiß“, sagte Hsi-jën, „im Grunde sind doch beide Menschen. Nur ihre Einstellungen waren sehr verschieden. Wie kann man so giftig werden? Das ist nicht gut für den Namen der Familie.“
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Dies war das erste Mal, daß Dai-yü Hsi-jën derart tratschen hörte, und sie begann, Verdacht zu schöpfen, was wirklich dahinter steckte.
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„Das ist schwer zu beurteilen“, sagte sie, „in jeder familiären Angelegenheit muß entweder die eine oder die andere Seite gewinnen. Wenn es nicht der Ostwind ist, so ist es der Westwind.“ –
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„Eine Konkubine kennt in ihrem Herzen ihren rechten Platz und wagt es nicht, jemand anderen zu ärgern“, sagte Hsi-jën.
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An diesem Punkt der Unterhaltung hörte man die Stimme einer alten Amme auf dem äußeren Hof.
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„Wohnt hier Fräulein Lin? Ist sie hier?“ Hsüä-yän ging hinaus, um zu sehen, wer dort war und erkannte die Frau vage als eine von Frau Hsüäs Bediensteten.
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„Was möchten Sie?“, fragte sie.
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„Ich bin auf einem Botengang im Auftrag von unserem Fräulein [Bau-tschai]“, antwortete die alte Amme, „etwas für Fräulein Lin Dai-yü.“
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„Warten Sie einen Moment.“ Hsüä-yän ging hinein, um Dai-yü um Rat zu fragen. Diese beauftragte sie, die alte Amme herein zu lassen. Im Zimmer angelangt, machte sie einen Knicks vor Dai-yü, dann verdrehte sie die Augen und starrte sie neugierig an, sagte aber nicht, was sie hergebracht hatte. Dai-yü fühlte sich allmählich verwirrt und fragte danach, was Fräulein Bau[-tschai] ihr geschickt habe.
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„Mir wurde von Fräulein Bau-tschai aufgetragen, Ihnen einen Topf in Honig eingelegter Lychees zu bringen, Fräulein Lin“, antwortete die alte Amme, ihre Gesichtszüge entspannten sich zu einem Lächeln. Dann schaute sie zu Hsi-jën hinüber. „Ist dieses Mädchen nicht das hübsche Dienstmädchen aus den Gemächern des zweiten jungen Herrn Bau[-yü]?“
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„Woher kennen Sie mich, Mammchen?“, fragte Hsi-jën. Die alte Amme lachte: „Nun, während wir stets die Gemächer der Herrin [Hsüä] beaufsichtigen, schaffen wir es kaum, mit der Herrin und dem Fräulein für Besuche auszugehen, deshalb kennen sich die Mädchen untereinander nicht. Wir behalten allerdings all die jungen Mädchen, die uns über den Weg laufen, vage im Gedächtnis.“
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Sie reichte Hsüä-yän den Topf, schaute noch einmal hinüber zu Dai-yü, wandte sich dann zurück zu Hsi-jën und sagte mit einem vertrauten Lächeln:
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„Kein Wunder, daß unsere Herrin sagt, Fräulein Lin und der zweite junge Herr Bau[-yü] seien füreinander geschaffen! In ihrem Aussehen gleicht sie wahrlich einer Fee!“
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Hsi-jën machte einen gewagten Versuch, weitere Fehler abzuwenden.
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„Kommen Sie, Mammchen, Sie sind sicher müde! Warum setzen Sie sich nicht und trinken eine Tasse Tee?“
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„Ach nein – wir haben daheim zu viel zu tun“, die alte Amme schnatterte unbedacht weiter. „Wir sind drüben alle beschäftigt für Frau Dschang Luo-tjin. Und ich muß noch die zwei Töpfe mit Lychees hier von Fräulein Bau-tschai an den zweiten jungen Herrn Bau-yü abliefern.“
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Sie verabschiedete sich und watschelte geschäftig aus dem Zimmer. Dai-yü, die  Bau-tschai zuliebe versucht hatte, ihren Ärger über die Art und Weise, wie die alte Amme hereingeplatzt war, zu verbergen, wartete, bis sie hinausgegangen war und rief ihr nach:
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„Bitte danke Fräulein [Bau-tschai] für die Mühe.“
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Die alte Amme führte bla-bla-bla noch weiter Selbstgespräche: „Außer Bau-yü hätte sich niemand eine so feine junge Dame aussuchen können.“
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Dai-yü tat so, als hätte sie nichts gehört.
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„Wirklich“, sagte Hsi-jën und versuchte, die ganze Sache mit einem Lachen abzutun, „wenn man erst so ein Alter erreicht hat, redet man meist nur noch Unsinn. Da weiß man nicht, ob man zanken oder einfach nur lachen soll.“
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Hsüä-yän gab Dai-yü die Lychees.
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Dai-yü sagte: „Mir ist nicht danach, räumst du sie weg?“
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Sie unterhielten sich noch ein wenig und dann brach Hsi-jën auf.
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Als Dai-yü an diesem Abend ihre Gemächer betrat, um sich für die Nacht umzukleiden, erblickte sie wieder die Lychees. Diese erinnerten sie an den Besuch der alten Amme und ließen den stechenden Schmerz wieder aufleben, den sie durch ihr taktloses Geschnatter erdulden mußte. Die Dämmerung brach an, und in der Stille schienen sie tausend düstere Gedanken einzuholen und ihre Seele zu erdrücken.
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„Mit meiner Gesundheit geht es bergab..., und ich werde immer älter. Ich weiß, Bau-yü liebt mich mehr als jeden anderen. Aber Großmutter und Tante Wang haben es immer noch nicht bemerkt! Wenn doch nur meine Eltern dies schon arrangiert hätten, als sie noch am Leben waren... Doch angenommen, sie hätten es? Was wäre, wenn sie mich mit jemand anders verheiratet hätten? Wer wäre nur mit Bau-yü vergleichbar? Vielleicht bin ich letzten Endes so doch am besten bedient! Wenigstens gibt es noch etwas Hoffnung.“
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Wie eine Spindel zwischen den Fäden bewegten sich ihre geheimen Hoffnungen und Ängste auf und ab und zogen sich immer fester und fester um ihr Herz. Endlich, mit einem Seufzen und einigen Tränen, fiel sie ermattet und niedergeschlagen in ihrem Kleid aufs Bett.
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Nach einer Weile wurde sie eines jüngeren Dienstmädchens gewahr, welches eintrat und sagte:
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„Herr Djia Yü-tsun ist draußen und möchte das Fräulein [Lin] sehen.“ –
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,Was er wohl möchte?‘, dachte Dai-yü bei sich selbst, ,ich habe zwar an seinem Schulunterricht teilgenommen, konnte es aber nicht mit den männlichen Mitschülern aufnehmen, weshalb will er mich sehen?<ref>In der mit 1792 ein Jahr späteren Cheng-B Fassung lautet diese Stelle#: „ich bin zwar bei ihm zur Schule gegangen, wurde zwar von ihm unterrichtet bin keiner seiner regulären Schüler. Ich bin noch nicht mal ein Junge. Er unterrichtete mich lediglich als ich noch ein kleines Mädchen war.“</ref> Schließlich hat er all die Male, als er Onkel [Dschëng] besuchte, nie nach mir gefragt, warum sollte ich ihn jetzt sehen müssen?‘
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Sie trug der Magd auf: „Übermittle meinen größten Respekt, danke Herrn Djia Yü-tsun für das Aufwarten, doch sage ihm, meine schlechte Gesundheit verlangt von mir, im Bett zu bleiben.“
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„Aber Herrin“,<ref>Zwar steht im Chinesischen an diesen Stellen 姑娘 (Mädchen), das in der Regel mit „Fräulein“ übersetzt wird, aber bei direkter Ansprache durch Diener(innen) erscheint dem Übersetzer die Ausdrucksweise „Herrin“ angemessener.</ref> sagte die Magd, „ich denke, er ist gekommen, um Ihnen zu gratulieren, es sind auch einige Leute aus Nanking gekommen.“
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Während sie sprach, kam eine Gruppe, darunter Hsi-fëng, die Dame Hsing, die Dame Wang und Bau-tschai, ins Zimmer und verkündete jubelnd:
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„Gratulation, meine Liebe! Und gute Reise!“ –
 +
„Was meint ihr?“, fragte Dai-yü mit größter Verwunderung.
 +
„Nun komm schon!“ Es war Hsi-fëng, die antwortete. „Tu doch nicht so, als hättest du die Neuigkeiten noch nicht gehört! Schwiegersohn Lin [dein Vater] wurde zum Getreideinspekteur der Provinz Hubei ernannt und ist eine zweite, sehr glückliche Ehe eingegangen. Er halte es nicht für gut für deine Gesundheit, dich hier ganz allein zu lassen, und fragte deshalb Djia Yü-tsun, ob er als Vermittler agieren könnte. Du bist verpflichtet einen Mann zu ehelichen, der dich in Verbindung mit deiner neuen Stiefmutter bringt, ich glaube, es handelt sich dabei auch um einen Witwer. Sie schickt Leute, um dich mit nach Hause zu nehmen. Es ist gut möglich, daß du dann direkt heiraten wirst. All dies war die Idee deiner Stiefmutter. Aus Sorge, daß du unterwegs nicht genügend behütet wirst, haben wir deinen Vetter Liän beauftragt, dich zu begleiten.“
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Hsi-fëngs Worte ließen Dai-yü in Schweiß ausbrechen. Sie glaubte ihren Vater als Beamten dort stehen zu sehen. Sie begann, in Panik zu geraten und erwiderte trotzig:
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„Das ist nicht wahr! Das ist alles ein Trick von Hsi-fëng!“
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Sie sah, wie die Herrin Hsing der Herrin Wang einen bedeutungsvollen Blick zuwarf:
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„Sie glaubt uns nicht. Komm, wir verschwenden unsere Zeit!“
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„Tante Wang! Tante Hsing! Bitte geht nicht!“ Ihre Tränen zurückhaltend, flehte Dai-yü sie an. Doch sie erhielt keine Antwort. Alle schauten sie mit einem merkwürdigen Lächeln an und gingen dann gemeinsam fort.
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Als sie nun da stand und die Frauen gehen sah, wurde sie von Panik ergriffen. Sie versuchte zu sprechen, doch das einzige Geräusch, das ertönte, war ein ersticktes Schluchzen tief aus ihrer Kehle. Dann blickte sie um sich und sah, daß man sie bereits zu den Gemächern der Herzoginmutter gebracht hatte. Im selben Moment dachte sie bei sich: „Großmutter ist die einzige, die mich noch retten kann!“ Sie kniete vor der alten Dame und umfaßte sie.
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„Rette mich Großmutter, bitte! Ich sterbe lieber als mit ihnen nach Süden zu gehen! Diese Stiefmutter ist überhaupt nicht meine wirkliche Mutter. Ich möchte einfach nur hier bei dir bleiben!“
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Das Gesicht der Herzoginmutter ließ nur ein kaltes Lächeln erkennen. „Das hat nichts mit mir zu tun.“ –
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„Doch was wird jetzt aus mir, Großmutter?“, schluchzte sie.
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„Die zweite Ehefrau eines Mannes zu sein, hat seine Vorteile“, antwortete die Herzoginmutter. „Denke nur an die doppelte Mitgift.“ – „Wenn ich bleibe, werde ich dir keinen zusätzlichen Aufwand bereiten, ich verspreche es. Oh bitte rette mich!“ – „Das hilft dir nicht“, sagte die Herzoginmutter. „Alle Mädchen heiraten und verlassen das Haus. Du bist ein Kind und verstehst von solchen Dingen nichts. Du kannst hier nicht für immer leben, das weißt du doch.“ – „Ich würde alles tun, um zu bleiben – Ich werde für meine Bleibe arbeiten und Essen zubereiten, eine Sklavin sein, alles! Bitte hilf mir!“ Die Herzoginmutter antwortete nicht. Dai-yü umarmte sie wieder und schluchzte: „Oh, Großmutter! Du warst immer so gut zu mir, hast dich so um mich gekümmert – wie kannst du dich gar nicht mehr um mich kümmern, wo ich dich wirklich brauche? Sorgst du dich denn gar nicht mehr um mich? Ich bin zwar keines von deinen wirklichen Enkelkindern, eine echte Djia wie die anderen, aber meine Mutter war deine eigene Tochter, dein eigen Fleisch und Blut! Ihr zuliebe hab Erbarmen mit mir! Bitte beschütze mich!“
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Mit diesen letzten Worten warf sie sich wie verrückt an die alte Dame, begrub den Kopf in ihren Schoß und schluchzte gewaltig.
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„Yüan-yang“, befahl die alte Dame, „bring Frau Dai-yü in ihr Zimmer, um sich auszuruhen. Sie erschöpft mich.“
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Die Entschlossenheit in der Stimme der Herzoginmutter war nicht zu verkennen. Für Dai-yü erschien Selbstmord als letzter Ausweg. Sie erhob sich, und als sie aus dem Zimmer ging, schmerzte es sie, daß sie keine Mutter mehr hatte. All die Zuneigung von ihrer Großmutter, ihren Tanten und Kusinen stellte sich nun als das heraus, was es wirklich war und immer war – eine Schau. Plötzlich dachte sie: „Ausgerechnet Bau-yü habe ich heute noch nicht gesehen. Er könnte noch einen Ausweg wissen!“ Und als dieser Gedanke ih-ren Geist durchdrang, blickte sie auf, und auf einmal stand Bay-yü höchstpersönlich vor ihr.
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Dieser sagte lachend: „Dann mal meine besten Glückwünsche, Schwesterherz!“
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Das war zu viel für Dai-yü. Der letzte Rest ihrer damenhaften Zurückhaltung löste sich in Luft auf. Sie nahm ihn fest in die Arme und rief: „Jetzt weiß ich, wie herzlos und grausam du wirklich bist, Bau-yü!“ –
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„Nein, das stimmt nicht“, antwortete er. „Du hast jetzt deine eigene Familie, so müssen wir getrennte Wege gehen.“
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Dai-yü hörte immer verzweifelter zu und wußte nicht mehr, wie sie aus dieser Situation herauskommen soll. Hilflos klammerte sie sich an ihn und weinte:
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„Oh, Bau-yü! Wieso läßt du mich mit jemand anderem fortgehen?!“
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„Wenn du nicht gehen willst, dann bleib’ hier“, antwortete er gelassen. „Ursprünglich warst du mir versprochen. Deshalb kamst du zu uns. Wie habe ich dich immer behandelt, hast du nichts bemerkt?“
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Plötzlich schien alles klar. Sie war also doch Bau-yü versprochen. Natürlich war sie es! In einem Zug wandelte sich ihre Traurigkeit in Freude.
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„Ich habe mich festgelegt bis zum Tode. Aber du mußt mir sagen: Soll ich gehen oder bleiben?“
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„Ich habe dir gesagt, du sollst hier bei mir bleiben. Wenn du mir immer noch nicht vertraust, sieh in mein Herz!“
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Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und stach sich in die Brust. Das Blut schoß hervor. Voller Entsetzen versuchte Dai-yü, den Blutstrom mit der Hand zu stillen, und schrie:
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„Wie konntest du nur? Du hättest mich zuerst töten sollen!“ – „Beruhige dich!“, sagte Bau-yü, „ich zeige dir jetzt mein Herz.“
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Er tastete in dem offenen Fleisch herum, um das Herz zu finden, während Dai-yü zitterte, weinte und fürchtete, daß es noch schlimmer würde, sie hielt ihn fest und weinte bitterlich.
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„Oh nein!“, sagte Bau-yü, „es ist nicht mehr da! Meine Zeit ist gekommen!“
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Seine Augen flackerten, und er fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Dai-yü gab einen durchdringenden Schrei von sich. Sie hörte Dsï-djüan nach ihr rufen:
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„Fräulein! Fräulein! Sie haben einen Alptraum! Wachen Sie auf! Nun kommen Sie schon, Sie müssen sich ausziehen und richtig schlafen!“
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Dai-yü drehte sich um. Es war alles nur ein Alptraum. Doch sie konnte immer noch ihre beinahe zugeschnürte Kehle spüren, ihr Herz raste immer noch, die Oberseite ihres Kissens war schweißgetränkt, und ein kribbelnder, eisiger Schauer lief über ihren Rücken, der sogar ihr Herz erkalten ließ.
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,Mutter und Vater starben vor langer Zeit. Bau-yü und ich waren niemals verlobt‘, dachte sie bei sich, ,wie konnte ich nur so etwas träumen?‘
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Die Szenen ihres Traumes kamen ihr wieder vor Augen. Sie überlegte, daß sie in dieser Welt auf sich allein gestellt war. Angenommen Bau-yü stürbe wirklich – was dann? Der Gedanke allein reichte aus, all den Schmerz und die Verwirrung wiederzubringen. Sie begann zu weinen, und feine Reihen von Schweißperlen bedeckten ihren gesamten Körper. Letztlich rappelte sie sich auf, zog ihr Gewand aus und trug Dsï-djüan auf, ihr Bett herzurichten. Sie legte sich wieder hin und begann sich hin und her zu wälzen, unfähig zu schlafen. Sie konnte das zarte Säuseln des Windes außerhalb des Fensters hö-ren – oder war es der Nieselregen, der sanft auf das Dach fiel? Auf einmal ließ der Klang nach, und sie glaubte, jemanden in der Ferne nach ihr rufen zu hören. Doch es war nur Dsï-djüan, die bereits eingeschlafen war und in einer Ecke des Raumes schnarchte. Mit großer Mühe kämpfte sich Dai-yü aus dem Bett, wickelte die Bettdecke um sich und stand auf. Ein eisiger Durchzug aus einem Riß im Fensterrahmen brachte sie selbst unter der Decke zum Frösteln. Sie begann gerade einzuschlummern, als die Spatzen ihren Dämmerungschor aus ihren Nestern im Bambus einleiteten. Das erste Licht des Tages drang eben durch die Fensterläden.
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Dai-yü war nun wieder hellwach und begann zu husten. Dsï-djüan erwachte sofort.
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„Immer noch wach, Fräulein Lin? Auch noch husten – es klingt als hätten Sie sich erkältet. Es ist beinahe hell, bald wird es Morgen! Bitte versuchen Sie nicht zu viel nachzudenken und ruhen Sie sich aus. Sie müssen schlafen.“
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„Ich will nicht schlafen“, antwortete Dai-yü. „Was soll gut daran sein? Ich kann einfach nicht.“ – „Du wirst aber trotzdem schlafen.“ Diese Worte wurden von einem weiteren Hustenanfall unterbrochen.
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Dsï-djüan betrachtete die Gestalt von Dai-yü, wurde traurig und wollte nicht wieder schlafen gehen. Als sie wieder ihr Husten hörte, eilte sie hinüber, um einen Spucknapf zu besorgen. Inzwischen dämmerte es draußen.
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„Willst du nicht mehr schlafen?“, fragte Dai-yü.
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„Schlafen?“, antwortete Dsï-djüan heiter. „Es ist schon Tag.“
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„Wenn das so ist, könntest du den Spucknapf wechseln?“
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„Gewiß, Fräulein Lin.“
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Dsï-djüan legte den vollen Spucknapf auf einen Tisch außerhalb des Zimmers und besorgte zügig einen neuen, den sie am Fuße des Ofenbetts plazierte. Als sie dann die Tür des Zimmers sorgfältig hinter sich geschlossen und die blumenbestickte Gardine heruntergelassen hatte, ging sie hinaus, um Hsüä-yän zu wecken, und nahm den vollen Spucknapf mit sich. Als sie den Napf gerade auskippen wollte, betrachtete sie ihn genauer und entdeckte zu ihrem Entsetzen etwas Blut im Schleim.
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„Meine Güte!“ stieß sie aus. „Wie schrecklich!“
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„Was ist denn los?“, rief Dai-yü plötzlich von innen.
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„Ach, nichts, Herrin!“
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Dsï-djüan versuchte ihr bestes, ihren Fehler zu vertuschen. „Der Spucknapf verrutschte in meiner Hand und ist beinahe heruntergefallen.“ – „Hast du nichts Merkwürdiges im Schleim gefunden?“
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„Oh nein, Herrin.“ Dsï-djüan hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts mehr sagen. Tränen strömten ihr über die Wangen.
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Dai-yü hatte bereits einen süßlichen Geschmack im Mund bemerkt und schon Verdacht geschöpft, ihre Vermutungen wurden noch durch Dsï-djüans Schreck verstärkt und nun auch noch von dem unverkennbaren Ausdruck von Traurigkeit in der Stimme.
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Dai-yü fühlte sich in ihrem Herzen zu acht bis neun Zehntel darin bestätigt und rief darauf hin Dsï-djüan: „Komm herein, draußen könntest du dich erkälten.“
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„Ich komme, Herrin“, sagte sie, ihre Stimme klang noch jämmerlicher als zuvor. Ihr traurig schniefender Klang ließ Dai-yü erzittern. Die Tür öffnete sich, und sie trat ein, tupfte dabei immer noch ihre Augen mit einem Taschentuch trocken.
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„Nun komm her“, sagte Dai-yü, „so früh morgens am weinen?“
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„Wer weint?“, sagte Dsï-djüan und versuchte zu lächeln. „Ich fühle mich nur ein wenig unwohl so früh am Morgen, und meine Augen jucken ein wenig, das ist alles. Sie waren diese Nacht länger auf als je zuvor, nicht wahr, Herrin? Ich konnte sie die ganze Nacht husten hören.“
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„Ich weiß. Je mehr ich nach Schlaf verlangte, desto wacher wurde ich.“
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„Es geht Ihnen nicht gut, Herrin. Ich denke, all die Sorgen ruinieren Ihre Gesundheit. Und eine gute Gesundheit ist wie der Berg in dem Sprichwort: Bewahre den Berg grün, bewahre den Berg grün, und du wirst in keinem Winter mehr Holz zum Heizen entbehren. Nebenbei, jeder hier sorgt sich sehr um Sie. Ihre Großmutter, die Herrinnen, einfach jeder!“
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Wie konnte Dsï-djüan auch wissen, daß das bloße Aufzählen dieser heimischen Namen, die dazu gedacht waren, sie zu beruhigen und zu trösten, die Schrecken ihres Alptraumes wieder erweckten? Dai-yü fühlte ihr Herz trommeln, ihr wurde schwarz vor Augen, und sie war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Dsï-djüan holte schnell den Spucknapf herbei, während Hsüä-yän sanft den Rücken klopfmassierte. Nach einer Weile spie sie einen weiteren Mund voll Schleim aus. Darin waren dicke sich windende Fäden dunkelroten Blutes. Die beiden Dienstmädchen waren blaß vor Angst. An beiden Seiten wurde sie von ihnen gestützt, bis sie schließlich, kaum bei Bewußtsein, niedersank. Dsï-djüan, welcher ihr schwerer Zustand durchaus bewußt war, schaute zu Hsüä-yän, und sie ließ sie eilig jemanden rufen.
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Hsüä-yän war kaum aus der Tür, da kamen bereits Tsuee-lü und Tsuee-mo lachend in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gelaufen.
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„Wann kommt Frau Dai-yü aus dem Haus?“ erkundigte sich Tsuee-lü erheitert. „Meine Herrin und die dritte Herrin [Fräulein Tan-tschun] sind beide bei der vierten Herrin [Frau Hsi-tschun], um das Gemälde der vierten Herrin bewundern.“
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Hsüä-yän winkte mit der Hand ab.
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Beide erschraken und fragten: „Was ist denn los?“ Hsüä-yän schilderte ihnen, was passiert war, worauf sie vor Entsetzen erstarrten.
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„Das Ganze ist todernst! Warum hast du der Herzoginmutter noch nichts erzählt? Wie schrecklich! Wie konntest du so dumm sein!“
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„Ich war gerade auf dem Weg als ihr ankamt“, antwortete Hsüä-yän.
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„Wer redet da draußen?“, rief Dsï-djüan aus dem Schlafzimmer. „Frau Dai-yü möchte es wissen.“
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Die drei gingen gemeinsam hinein, um Dai-yü eingehüllt im Bett liegend zu finden.
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„Worüber all die Aufregung?“, fragte sie. „Wer erzählt solche Geschichten?“
 +
Es war Tsuee-mo, die antwortete:
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„Meine Herrin [Tan-tschun] und Fräulein [Hsiang-]yün sind eben hinüber zur vierten Herrin [Fräulein Hsi-tschun], um das Gemälde des vierten Fräuleins zu bewundern, und sie schickten uns, Sie zu fragen, ob Sie daran teilnehmen möchten, Fräulein Lin. Es tut uns leid zu hören, daß es Ihnen nicht gut geht.“
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„Es ist nichts Ernstes“, sagte Dai-yü. „Ich fühle mich nur ein wenig schwach, das ist alles. Es wird besser, wenn ich mich ausgeruht habe. Gebt ihr der dritten Herrin Tan-tschun und Fräulein [Hsiang-]yün Bescheid, daß sie nach dem Mittagessen doch zu mir kommen mögen, wenn sie nicht zu beschäftigt sind? Ich nehme an, der zweite junge Herr Bau[-yü] war noch nicht dort, oder doch?“ –
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„Nein, Herrin“, antworteten sie. Tsuee-mo sagte: „Der zweite junge Herr Bau[-yü] war die letzten paar Tage täglich in der Schule, und der Herr kontrolliert jeden Tag die Hausaufgaben, so kann er hier nicht mehr so herumspringen, wie er es sonst tut.“
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Dai-yü war still und in Gedanken versunken. Die zwei Dienstmädchen standen dort noch eine Weile und zogen sich dann diskret zurück.
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Am Lotus-Pavillon wurde Hsi-tschuns Gemälde, eine Übersicht über den Garten, von Tan-tschun und Hsiang-yün nach seinem ästhetischen Wert begutachtet. Zu viel hier, nicht genug dort, etwas zu dünn aufgetragen. Ein Platz, zu dicht ineinander gedrängt. Sie dachten an eine lyrische Inschrift und wünschten dafür Dai-yüs Rat. Sie diskutierten miteinander, als Tsuee-lü und Tsuee-mo zurückkamen und sehr nervös wirkten. Hsiang-yün war die erste, die fragte:
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„Warum ist Fräulein Dai-yü nicht mit euch gekommen?“ –
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„Sie hatte letzte Nacht einen schweren Rückfall, Herrin“, antwortete Tsuee-lü, „und hustete die ganze Nacht über. Laut Hsüä-yän war der Schleim in ihrem Spucknapf mit Blut durchsetzt.“ –
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„Bist du sicher?“, fragte Tan-tschun bestürzt.
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„Ziemlich sicher“, antwortete Tsuee-lü.
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„Wir waren eben dort, um nach ihr zu sehen, Herrin“, sagte Tsuee-mo. „Sie sieht fürchterlich aus und hat kaum Kraft zu sprechen.“
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„Wenn sie so krank ist, wird sie kaum in der Lage sein zu sprechen“, sagte Hsiang-yün unverblümt.
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Tan-tschun sagte: „Was für ein Unsinn, [Hsiang-]yün! Daß sie nicht sprechen kann, bedeutet doch nicht schon...“
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Tan-tschun brach mitten im Satz ab.
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„Schwester Lin [Dai-yü] hat einen wachen Geist“, sagte Hsi-tschun. Doch sie hat immer die Angewohnheit, alles zu ernst zu nehmen. Wenn sie doch nur über allem stehen könnte.“
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„Wir müssen ohnehin losgehen und schauen, wie es ihr geht“, sagte Tan-tschun. „Wenn es wirklich ernst ist, rufen wir besser Tante Wang und lassen es Großmutter wissen, so daß sie einen Arzt holen können und herausfinden, was zu tun ist.“
 +
Hsiang-yün stimmte zu und sie und Tan-tschun machten sich mit einigen der jüngeren Dienstmädchen auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hsi-tschun sagte, sie werde später nachkommen.
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Zu sehen, wie die Mädchen in ihr Zimmer kamen, verursachte Dai-yü ein merkwürdiges Gefühl und ließ sie noch mehr über ihren Traum nachdenken. Wenn die Herzoginmutter in ihrem Traum so kalt wirkte, würden Tan und Yün nicht auch so sein? Würden sie sich wirklich die Mühe machen, nach ihr zu sehen? Sie überlegte, ob sie sie darum gebeten haben könnte? All diese Zweifel verbergend, gab sie sich große Mühe und bat Dsï-djüan, ihr aufzuhelfen, den anderen raunte sie zu, sich zu setzen. Tan-tschun und Hsiang-yün saßen am Rande des Bettes und waren sehr traurig, Dai-Yü in einem solchen Zustand zu sehen.
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„Was glaubst du, könnte die Ursache sein, Schwester [Dai-yü]?“, fragte Tan-tschun.
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„Ach, es ist nichts Ernstes. Ich fühle mich nur sehr schwach.“
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Dsï-djüan, die auf der anderen Seite von Dai-yü stand, verwies heimlich auf den Spucknapf, und Hsiang-yün (die jüngere und von Natur aus weniger umsichtige der beiden Mädchen) nahm ihn und schaute ihn an. Es war zu spät:
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„Ist das deins, Schwester [Dai-yü]?“, fragte sie mit schriller Stimme, „wie schrecklich!“
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Vorher war Dai-yü zu müde, den Inhalt ihres Spucknapfes zu untersuchen. Doch Hsiang-yüns Frage erweckte nun ihren Verdacht. Ihr Herz stockte, als sie sich umblickte, um hineinzuschauen. Tan-tschun versuchte, es für Hsiang-yün zu verdecken:
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„Das heißt doch nur, daß du etwas zuviel Yang in der Lunge hast, eine Lungenentzündung mit etwas Auswurf hast. Das ist ganz normal. Yün ist so rührend, wie sie von Kleinigkeiten bewegt ist!“
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Hsiang-yün errötete und wünschte, sie hätte ihren Mund gehalten. Tan-tschun konnte sehen, wie schwach Dai-yüs Lebensgeister waren und daß sie sehr müde war. Sie erhob sich, um zu gehen:
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„Du mußt ruhen und dich im Bett erholen. Wir werden dich nun verlassen und später nochmal vorbeischauen.“
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„Dank euch beiden, daß ihr an mich gedacht habt.“
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„Kümmer’ dich gut um Fräulein Lin, Dsï-djüan.“ –
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„Jawohl, junge Herrin Tan-tschun.“
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Sie waren gerade dabei zu gehen, als die schweigsame Atmosphäre prompt von einem lauten Schrei draußen gestört wurde. Wenn du erfahren möchtest, wessen Stimme es war, lies das nächste Kapitel.
  
Nun laßt uns davon erzählen, was nach der Abfahrt von Ying-tschun geschah. Die Dame Hsing tat so, als sei nichts vorgefallen. Der Dame Wang aber, die Ying-tschun großgezogen hatte, ging es wirklich nahe. Man hörte sie in ihrem Zimmer seufzen. Bau-yü trat ein, um ihr seinen Respekt zu erweisen. Sie schien geweint zu haben, und er wagte es nicht, sich zu setzen. So blieb er neben ihr stehen. Erst nachdem seine Mutter ihn aufgefordert hatte, sich zu setzen, nahm er zögernd an der Seite auf dem Ofenbett Platz. Sie sah, daß er teilnahmslos vor sich hinstarrte und offensichtlich etwas auf dem Herzen hatte. Sie fragte: „Warum starrst du schon wieder so?“ Bau-yü antwortete: „Ach nichts, es ist nur, daß ich gestern hörte, in welch be­mitleidenswerter Lage sich Ying-tschun befindet. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, könnte ich ein so großes Unglück genauso wenig ertragen. Ich traue mich zwar nicht, Großmutter davon zu erzählen, konnte aber die beiden letzten Nächte nicht schlafen. Wie kann ein junges Mädchen aus einer Familie wie der unseren so ein Unrecht ertragen? Sie ist auch eine so zerbrechliche Person, sie stritt sich nie mit anderen. Wie schlimm, daß gerade sie auf so einen Unmenschen getroffen ist. Bis dahin wußte sie nichts von den Schwierigkeiten, denen Frauen begegnen können.“ Während er das sagte, fing er fast an zu weinen.
+
== Anmerkungen ==
Seine Mutter erwiderte: „Es gibt keinen Ausweg. Ein Sprichwort lautet: Eine verheiratete Tochter ist wie verschüttetes Wasser. Sag’ mir doch, was kann ich schon dagegen tun?“ Bau-yü entgegnete: „Gestern nacht kam mir eine Idee. Wie wäre es, wenn wir Großmutter berichten würden, Ying-tschun zurückzuholen und auf der Insel der Violetten Wassernüsse einzuquartieren, wo wir Geschwister wieder miteinander essen und spielen können? Somit kann sie dem Zorn dieses Bastards der Fa­mi­­lie Sun entgehen. Warten wir ab, bis er kommt, um sie zu holen, wir werden standhaft bleiben. Wenn er sie hundert Mal zurückholen will, werden wir sie hundert Mal behalten. Wir brauchen nur zu sagen, das sei im Sinne der Großmutter. Das ist doch ein tolle Idee, oder?“
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<references/>
Als die Dame Wang das gehört hatte, war sie leicht verstimmt, gleichzeitig aber auch amüsiert: „Du redest wieder nur Unsinn. Als Mädchen verläßt man eines Tages das Haus. Ist man verheiratet, dann zieht die Braut zu den Schwiegereltern. Wer nimmt dort auf sie Rücksicht? Die Braut muß sich auf ihr eigenes Schicksal verlassen. Mit etwas Glück hat sie einen guten Ehemann abbekommen. Wenn nicht, kann sie auch nichts dagegen tun. Hast du noch nie gehört: ‚Heiratet man einen Hahn, wird man ein Hahn, heiratet man einen Hund, wird man ein Hund.‘? Nicht jeder hat dasselbe Glück wie deine ältere Schwester, kaiserliche Nebenfrau dritten Ranges zu werden. Ying-tschun ist erst frisch verheiratet und ihr Ehemann noch jung. Ein jeder hat sein eigenes Temperament. Es ist normal, daß es anfängliche Schwierigkeiten zwischen Eheleuten gibt. Nach ein paar Jahren lernt ein jeder das Temperament des anderen kennen. Nach der Geburt eines Sohnes und dem Aufziehen einer Tochter nimmt alles ein gutes Ende. Du solltest in Anwesenheit der Großmutter kein Wort hierüber verlieren. Ich weiß, daß diese Situation dir nicht gefällt. Geh und kümmere dich um deine eigene Angelegenheit und rede hier nicht länger Unsinn!“ Nachdem sie geendet hatte, wagte Bau-yü kein Wort zu sagen, saß noch eine Weile und ging dann zerschlagen hinaus. Er unterdrückte seine Wut im Bauch, wußte nicht, an wem er sie auslassen sollte, lief in den Garten und dann direkt von dort zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Sobald er drinnen war, brach er in Tränen aus.
 
Dai-yü, die sich gerade schön gemacht hatte, erschrak beinahe zu Tode, als sie sah, in welchem Zustand sich Bau-yü befand. Sie fragte besorgt: „Was ist los mit dir? Wer belästigt dich?“ Obwohl sie mehrmals fragte, hielt Bau-yü den Kopf auf den Tisch gesenkt, schluchzte und brachte keinen Ton heraus. Dai-yü saß auf einem Stuhl und sah ihn verwundert an. Nach einer Weile fragte sie: „Hat dich jemand belästigt oder bin ich es, die dir etwas getan hat?“ Bau-yü winkte ab: „Nein, beides nicht.“ – „Warum bist du so unglücklich?“ – „Ich dachte gerade: je früher wir alle sterben, desto besser, weiterzuleben ist wirklich sinnlos.“ Dai-yü erschrak daraufhin erst recht und sagte: „Was redest du da, du mußt wirklich verrückt sein.“
 
Bau-yü erwiderte: „Verrückt bin ich auch nicht. Wenn ich es dir sagen würde, würdest du unter Garantie auch traurig werden. Als Ying-tschun bekümmert heimkam, hast du ja auch gesehen, in welchem Zustand sie hier ankam, und gehört, was sie sagte. Wieso muß man heiraten, wenn man groß wird? Wie man unter anderen zu leiden hat! Kannst du dich an die fröhliche Zeit erinnern, als wir den ‚Begonienbund‘ gründeten, Gedichte vortrugen und die anderen freihielten? Damals war viel los. Schwester Bau-tschai ist nach Hause zurückgekehrt, auch Hsiang-ling kann nicht mehr hierher kommen. Auch meine große Schwester Ying-tschun ist aus dem Haus. Alle Seelenverwandten sind nicht mehr bei mir, deshalb fühle ich mich so elend. Zunächst wollte ich Großmutter bitten, Ying-tschun wieder nach Hause zu holen. Wie hätte ich wissen können, daß dies nicht im Sinne meiner Großmutter war, sie behauptete, ich sei einfältig und redete Unsinn. Ich wagte nicht, ihr zu widersprechen. Sieh nur, in welch kurzer Zeit sich der Zustand des Gartens völlig verändert hat! Wer weiß, wie er in ein paar Jahren aussieht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto trauriger fühle ich mich, ich kann nicht anders.“
 
Dai-yü hörte ihm bis zu Ende zu, senkte langsam den Kopf, der Körper sackte auf das Ofenbett, sie sagte nichts mehr, seufzte und legte sich mit dem Gesicht aufs Bett hin. Dsï-djüan brachte gerade Tee herein und sah beide verwundert an. Dann kam auch Hsi-jën zur Bambushütte, sah Bau-yü und sagte: „Hier sind Sie also, zweiter Herr. Die gnädige Frau verlangt Sie zu sehen. Ich habe Sie schon hier vermutet.“ Dai-yü hörte, daß es Hsi-jën war. Sie richtete sich auf und bat sie, sich zu setzen. Dai-yüs Augen waren rot vom Weinen. Bau-yü sah das und sagte: „Schwester, ich habe eben etwas Unsinniges gesagt, bitte sei deswegen nicht traurig. Was mich angeht, achte lieber auf deine Gesundheit! Ruhe dich ein wenig aus! Ich komme sofort zurück, nachdem ich herausgefunden habe, was Großmutter von mir will.“ Dann ging er hinaus. Behutsam fragte Hsi-jën Dai-yü: „Was ist mit euch beiden wieder einmal los?“ – „Er ist traurig wegen seiner älteren Schwester Ying-tschun. Meine Augen haben nur gejuckt, das ist alles.“ Hsi-jën antwortete nicht und lief Bau-yü hinterher, schlug dann aber einen anderen Weg ein. Bau-yü kam zum Haus der Herzoginmutter, die jedoch bereits ihren Mittagsschlaf hielt. So ging er zurück zu seinem Roten Hof der Freude.
 
Nach dem Mittagsschlaf war ihm langweilig, er griff sich aufs Geratewohl ein Buch und begann zu lesen. Als Hsi-jën sah, daß er las, und begann eilig, Tee aufzugießen. Wer hätte gedacht, dass das Buch, dass er zufällig gegriffen hatte, das „Guyüä-fu“ war, eine Sammlung von alten Gedichten im Stil der Musikamtlieder? Er stieß auf ein Gedicht von Tsau Tsau mit dem Titel „Wein und Gesang sollte man auskosten, wie selten gibt es das im Leben“, es versetzte ihm unmerklich einen Stich ins Herz. So legte er das Buch weg und ergriff ein weiteres – es war Prosa aus der Djin-Dynastie. Schon nach ein paar Seiten legte er das Buch wieder weg, in Gedanken verloren stützte er sein Kinn in die Hand. Als Hsi-jën ihm den Tee brachte und ihn so geistesabwesend sitzen sah, fragte sie ihn: „Wieso hast du bereits aufgehört zu lesen?“ Bau-yü blieb stumm, nahm den Tee, trank einen Schluck und stellte ihn zurück. Hsi-jën, die neben ihm stand, betrachtete verständnislos kopfkratzend eine Weile das Geschehen, bis er endlich aufstand. Er nuschelte: „Was für ein freier Mensch!“ Hsi-jën hörte ihm amüsiert zu, traute sich jedoch nicht, ihn zu fragen. Es blieb ihr nur noch, ihm zu raten: „Wenn du diese Bücher nicht magst, so geh doch im Garten spazieren! Wenn du so nachdenkst, wirst du ja noch krank davon.“ Bau-yü stimmte murmelnd zu, und er verließ geistesabwesend den Raum.
 
Als er nach einer Weile am Duftgetränkten Pavillon angekommen war, bot sich ihm das Bild eines einsamen und verlassenen Ortes. Wieder am Haselwurzpark angekommen, verstärkte sich der Eindruck. Das Duftkraut wuchs wie zuvor, Türen und Fenster waren verriegelt. Im Vorbeigehen am Kiosk des Lotoswurzelduftes konnte man nur ein paar Menschen bei den Liauhsü-Büschen in der Ferne erkennen, die sich mit dem Rücken an ein Geländer lehnten. Ein paar Dienstmädchen suchten auf dem Boden hockend nach etwas. Bau-yü ging leise hinter einen kleinen künstlichen Felsen, um sie zu belauschen. Da hörte er, wie eine sagte: „Taucht er auf oder nicht?“ Das klang wie Li-wën. Eine andere sagte lachend: „Toll, er ist abgetaucht. Ich weiß, sie lassen sich sowieso nicht anlocken.“ Das war die Stimme von Tan-tschun. Eine andere antwortete: „Nein, Schwe­stern, rührt Euch nicht von der Stelle! Wartet nur! Der Bißanzeiger hat sich aufgerichtet.“ Wiederum ein anderes Mädchen rief: „Da ist einer!“ Die letzten beiden Stimmen gehörten Li-tji und Hsing Hsiu-yän.
 
Bau-yü konnte sich nicht zusammenreißen. Er griff nach einem kleinen Ziegelstein und warf ihn ins Wasser. Das dumpfe Geräusch des ins Wasser plumpsenden Steins erschreckte die vier Mädchen. „Wer ist dieser Frechdachs, der uns einen solchen Schrecken einjagt?“ Da sprang Bau-yü lachend hinter dem Hügel hervor: „Ihr amüsiert euch hier ohne mich?“ – Tan-tschun antwortete: „Beinahe hätte ich es mir denken können. Kein anderer kann so frech sein wie unser großer Bruder. Daß du den Fisch vertrieben hast, mußt du wieder gut machen. Das ist dir ja wohl klar! Er kam gerade hoch und war kurz davor anzubeißen, da hast du ihn verscheucht.“ Und Bau-yü lachte nur: „Ihr habt hier euren Spaß ohne mich. Dafür muß ich euch nach wie vor bestrafen.“ Alle mußten lachen. Da schlug Bau-yü vor: „Das Angeln soll unsere Zukunft voraussagen. Wer es schafft, einen Fisch zu fangen, hat dieses Jahr Glück, und wer keinen fängt, der wird eine Pechsträhne haben. Wer fängt an?“ Tan-tschun wollte, daß Li-wën anfing, aber die war damit nicht einverstanden. „Na gut, dann mach’ ich es eben“, entschied sich Tan-tschun lachend und sah Bau-yü an: „Bruder, verscheuche meinen Fisch nicht noch einmal – das kannst du mit mir nicht machen.“ Bau-yü entgegnete: „Eigentlich wollte ich euch eben bloß erschrecken, aber jetzt wollen wir ja alle Fische fangen.“
 
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
Tan-tschun warf die Angelschnur ins Wasser, und schneller, als man zehn Sätze sagen kann, hatte ein Beilbauch-Weißfisch angebissen und zog den Bißanzeiger nach unten. Tan-tschun riß die Angelrute hoch, und der Fisch fiel zappelnd auf den Boden.  Dai-schu griff mit beiden Händen nach dem Fisch und gab ihn in ein kleines mit frischem Wasser gefülltes Porzellangefäß. Tan-tschun gab die Angelrute an Li-wën weiter. Sie warf die Angelschnur ebenfalls ins Wasser, aber als sich die Schnur nur ein kleines bißchen bewegte, zog sie diese rasch aus dem Wasser – nichts war am Haken. Sie ließ die Schnur abermals ins Wasser. Erst nach einiger Zeit bewegte diese sich, sie zog sie heraus, und wieder war der Haken leer. Li-wën nahm den Haken näher in Augenschein und erkannte, daß er nach innen gebogen war. „Kein Wunder, daß ich nichts fange.“ Daraufhin ließ sie rasch Su-yün den Haken wieder zurecht biegen und einen neuen Wurm daran befestigen. Oben wurde noch ein Wasserpflanzenblatt angebracht. Nachdem die Angelschnur eine Weile im Wasser geruht hatte, versank das Blatt (das als Stopper diente) senkrecht im Wasser.  Eilig zog sie die Schnur heraus. Sie hatte ein fünf Zentimeter großes Karpfenjungtier gefangen. Sie lachte Bau-yü an und sagte: „Jetzt bist du dran.“ Darauf entgegnete er: „Warum lassen wir nicht den anderen beiden Schwestern den Vortritt?“ Hsiu-yän sagte nichts, Li-tji hingegen bestand darauf: „Versuch’ du es, Bruder.“ Während sie sich unterhielten, trat eine Luftblase an die Wasseroberfläche. Tan-tschun sagte: „Ihr verpaßt eure besten Chancen. Ihr müsst Euch nicht immer nur den Vortritt lassen! Die Fische sind alle dort bei Li-tji. Schnell, Schwes­ter Li-tji, angel!“
 
Li-tji nahm lachend die Angel. Wie erwartet, biß sofort ein Fisch an. Nachdem Hsiu-yän auch einen gefangen hatte, gab sie die Angel an Tan-tschun zurück, und dann kam erst Bau-yü dran. „Ich werde so gut fischen wie Großvater Djiang, bei dem die Fische freiwillig anbissen“, sagte er, ging die Steinstufen hinunter und setzte sich an den Teichrand und begann zu angeln. Die Fische bemerkten jedoch seinen Schatten und schwammen davon. Obwohl Bau-yü eine ganze Weile die Bambusangel hielt, bewegte sich die Schnur kein bißchen. Auf einmal blubberte ein Fisch an der Seite, und Bau-yü bewegte die Angel so heftig, daß der Fisch erschrocken die Flucht ergriff. Aufgeregt sagte Bau-yü: „Ich bin halt aufgeregter Natur, sie hingegen sind langsam. Was soll ich nur tun? Lieber, lieber Fisch, komm schnell her und hilf mir!“ Alle vier brachen in Gelächter aus.
 
Bau-yü hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da zuckte die Angelschnur. Bau-yü war überglücklich, zog den Fisch kraftvoll nach oben, schlug jedoch mit der Angelrute gegen einen Stein, sie brach entzwei, die Schnur riß ebenfalls,  auch der Haken flog  werweißwohin.  Die  Umstehenden
 
 
 
Li-wën und Li-tji. Aus: Gai Qi 1879.
 
lachten erst recht laut heraus. Tan-tschun sagte: „So einen unbeholfenen Kerl wie dich gibt’s kein zweites Mal.“ Da kam Schë-yüä aufgelöst herbeigeeilt und sagte: „Zweiter junger Herr, die Herzoginmutter ist erwacht und ruft nach Ihnen.“ Alle fünf erschraken.
 
Tan-tschun fragte Schë-yüä: „Was will die Herzoginmutter vom zweiten jungen Herrn?“ Schë-yüä erklärte: „Das weiß ich selbst nicht. Ich habe nur gehört, es gehe um einen Aufruhr, und sie wolle Bau-yü rufen,  um ihn zu befragen, und sie wolle dazu auch Herrin Liän befragen.“ Bau-yü war vor Schreck wie gelähmt und sagte: „Wer weiß, welches Mädchen diesmal krank geworden ist.“ Tan-tschun sagte: „Ich weiß nicht, worum es geht, zweiter älterer Bruder, aber geh schnell! Wenn es eine Neuigkeit gibt, schick’ sie zunächst Schë-yüä, um uns Bescheid zu geben!“ Nachdem sie das gesagt hatte, brach sie mit Li-wën, Li-tji und Hsiu-yän auf.
 
Als Bau-yü in die Gemächer der Herzoginmutter trat, sah er nur, wie seine Mutter ihr Gesellschaft beim Kartenspielen leistete. Da er sah, daß alles in Ordnung war, fühlte er sich schon halb erleichtert. Als die Herzoginmutter ihn eintreten sah, fragte sie ihn: „Als du vorletztes Jahr einmal schwer krank warst, haben dich glücklicherweise ein verrückter Mönch und ein lahmer dauistischer Priester geheilt. Wie hat sich damals die Krankheit angefühlt?“ Bau-yü dachte kurz nach und berichtete dann: „Ich erinnere mich, daß ich, als ich krank wurde, aufrecht stehend das Gefühl hatte, jemand schlüge von hinten mit einem Knüppel auf meinen Kopf. Mir wurde vor Schmerz schwarz vor Augen, das ganze Zimmer war auf einmal voller grüngesichtiger Dämonen mit langen Zähnen, die Messer und Stöcke trugen. Wenn ich auf dem Ofenbett lag, fühlte es sich an, als wenn mein Kopf mit einigen Kopfbändern umschnürt worden sei. Danach wurde ich vor Schmerzen ohnmächtig.
 
Als es mir wieder besser ging, erinnere ich mich, daß in der Haupthalle ein goldener Lichtstrahl direkt in mein Zimmer schien, die Dämonen hatten sich alle verkrochen und waren nicht mehr zu sehen. Mein Kopf schmerzte auch nicht mehr, ich war auf einmal wieder klar.“ Die Herzoginmutter sagte zur Dame Wang: „So ungefähr sah das auch aus.“
 
In dem Moment kam Hsi-fëng ins Zimmer und begrüßte die Herzoginmutter. Als sie sich umdrehte und die Dame Wang begrüßt hatte, fragte sie: „Was will die gnädige Frau mich fragen?“
 
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als du letztes Jahr diesen Anfall von Wahnsinn hattest?“, fragte die Herzoginmutter.
 
Hsi-fëng antwortete lachend: „Ich erinnere mich nicht mehr sehr gut, aber ich glaube, daß ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper hatte. Es war, als sei ich von bösen Geistern besessen, die mich dazu trieben, Leute umzubringen. Was auch immer ich in die Finger bekam, benutzte ich als Waffe und ging auf jeden los, der mir unter die Augen kam. Selbst fühlte ich mich sehr müde, dennoch konnte ich nicht aufhören.“
 
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als es dir wieder besser ging?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen. Hsi-fëng antwortete: „Als es mir wieder besser ging, war es, als ob jemand aus der Luft mir etwas zuflüsterte. Was es war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ –
 
„So wie du es beschrieben hast, klingt es so, als ob sie dafür verantwortlich gewesen sei. Kusine und Vetter hatten die gleichen Erlebnisse während ihrer Krankheit. Wie kann die alte Hexe so bösartig sein. Wenn ich daran denke, daß wir sie auch noch zu Bau-yüs Patin gemacht haben! Und bei dem buddhistischen Mönch und dem dauistischen Priester, die Bau-yüs Leben gerettet haben, gelobt sei Buddha, haben wir uns noch nicht einmal bedankt.“ –
 
„Warum interessieren Sie sich denn für unsere Anfälle, gnädige Frau?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Frag’ lieber deine Tante, ich möchte nicht darüber sprechen.“
 
Die Dame Wang fing an zu erklären: „Eben war dein ehrwürdiger Onkel hier und erzählte uns, daß Bau-yüs Patin als böse Hexe, die schwarze Magie praktiziert, entlarvt worden ist. Nachdem ihr Geheimnis bekannt geworden war, wurde sie von der Kriminalpolizei festgenommen und ins Gefängnis des Justizministeriums geworfen, wo sie eines Ver­bre­­chens angeklagt werden soll, das mit der Todesstrafe geahndet wird.
 
Vor ein paar Tagen hat irgendein Mann sie angezeigt, ich glaube er heißt Pan San-bau. Er hat sein Haus an die Pfandleihe schräg gegenüber verkauft.
 
Der Kaufpreis war um ein vielfaches höher als der eigentliche Wert des Hauses, aber Pan San-bau kriegte den Hals nicht voll und wollte sogar noch mehr, womit der Pfandleiher aber nicht einverstanden war.
 
Pan San-bau hat die alte Hexe angeheuert, weil sie öfter bei der Familie des Pfandleihers vorbeischaute und sich mit den weib­li­chen Angehörigen des Pfandleihers gut verstand.
 
Diesmal hat sie die Familie allerdings mit einem Fluch belegt, der die Menschen krank machte und Unglück über das Haus brachte.
 
Sie hat auch behauptet, daß sie die Krankheiten heilen könne, und dazu Opfer und Papiergeld verbrannt. Das hat tatsächlich geholfen.
 
Und dafür bekam sie von ihnen über ein Dutzend Liang Silber.
 
Aber weil Buddha alles sieht, mußte sie ja bald entlarvt wer­den:
 
Als sie eines Tages nach Hause eilte, verlor sie ein Seidenbündel.
 
Der Pfandleiher hob es auf, um es sich anzusehen, und entdeckte darin mehrere Papierpuppen und vier stark riechende Pillen.
 
Er wunderte sich noch darüber, als die Hexe zurückkam, um ihr Bündel zu suchen.
 
Die Leute hielten sie sofort fest und durchsuchten sie, wobei sie eine kleine Schachtel ans Licht zogen, in der zwei nackte Dämonenfiguren aus Elfenbein waren, eine männliche und eine weibliche, und außerdem sieben grellrote Sticknadeln.
 
Er hat die Person sofort zur Kriminalpolizei gebracht, wo sie verhört wurde und Geheimnisse vieler Frauen und Mädchen aus einflußreichen Familien preisgab.
 
Deswegen wurde der Polizei­trup­pe Meldung gemacht, um ihr Haus zu durchsuchen. Dort wurden viele Tonfiguren von bösen Geistern und Dämonen sowie Betäubungsmittel gefunden. Hinter dem Ofenbett befand sich ein leerer Raum mit einer Öllampe mit sieben Flammen, unter der einige Strohpuppen lagen. Manche von ihnen hatten eiserne Bänder um den Kopf, in den Brustkörben von anderen steckten Nägel, und wieder andere waren gefesselt.
 
Im Schrank waren unzählige Papierpuppen. Darunter lagen mehrere Geschäftsbücher, in denen die Namen verschiedener Familien aufgeführt waren und welche Summen die Hexe noch von ihnen erpressen wollte. Für Öl und Räucherstäbchen hatte sie ebenfalls viel Geld bekommen.“
 
Hsi-fëng sagte: „Bestimmt ist sie an unseren Anfällen schuld. Ich erinnere mich, daß ich sie nach unseren Anfällen einige Male bei Tante Dschau gesehen habe. Sie wollte Geld von ihr, und sobald sie mich sah, wurde sie blaß und stierte mich mit ihren pechschwarzen Augen böse an.
 
Ich war ihr gegenüber schon früher gelegentlich argwöhnisch, ohne zu wissen warum. Aber jetzt ist mir alles klar.
 
Da ich den Haushalt führe und es natürlich nicht immer allen recht machen kann, ist es kein Wunder, daß manche Leute mich bestrafen wollen.
 
Aber wieso sollte sich jemand auf so grausame Art und Weise an Bau-yü rächen wollen?“
 
Die Herzoginmutter antwortete: „Ich glaube der Grund dafür ist, daß ich Bau-yü Huan-örl vorziehe. Das sät Zwietracht.“
 
Die Dame Wang entgegnete: „Die alte Hexe muß sich bereits vor Gericht ver­antworten. Wir können sie kaum zur Beweisführung herkommen lassen. Da es keinen Beweis gibt, wird Konkubine Dschau nicht gestehen. Wenn diese ganze Geschichte bekannt wird, macht es keinen guten Ein­druck. Warten wir, bis sie die Suppe ausgelöffelt hat, die sie sich eingebrockt hat. Sie wird sich auf jeden Fall selbst verraten.“ -
 
„Du hast ganz recht“, sagte die Herzoginmutter, „Ohne Beweise kann man das schlecht regeln. Nur Buddha sieht alles, und Kusine und Vetter sind heute schon wieder so gesund und so sehr zu nichts zu gebrauchen wie nur irgendwer. Die Geschichte ist vorbei, Hsi-fëng, auch du solltest nicht mehr an das Vergangene denken! Bevor ihr heute geht, müssen du und deine Tante unbedingt noch mit mir Abend essen.“ Sie befahl Yüan-yang und Hu-po, das Essen zu servieren.
 
Hsi-fëng lächelte und sagte rasch: „Ehrenwerte Ahnin, machen Sie sich bloß keine Umstände!“ Auch die Dame Wang lächelte. Hsi-fëng sah einige Dienstmädchen, die draußen arbeiteten, und bat sofort eine von ihnen, Essen zu bringen: „Die gnädige Frau und ich essen zusammen mit der Herzoginmutter.“ Just in dem Moment kam Yü-tschuan und sagte zur Herzoginmutter: „Der gnädige Herr möchte etwas herausgesucht haben und bittet darum, dass die gnädige Frau, wenn sie mit der alten gnädigen Frau gespeist hat, dies selbst sucht.“ Die Herzoginmutter sagte: „Geh jetzt besser, wahrscheinlich hat dein Mann etwas Wichtiges!“ Die Dame Wang war einverstanden, sie verschwand, es blieb Hsi-fëng zurück, um aufzuwarten.
 
Sie ging zurück in ihr Zimmer, um noch ein wenig mit Djia Dschëng zu plaudern und ihm die gewünschten Sachen zu bringen. Djia Dschëng fragte: „Wie geht es Ying-tschun denn in der Familie Sun? Sie ist doch wieder daheim!?“ Die Dame Wang antwortete: „Sie hat bitterlich geweint und gesagt, ihr Mann sei unheimlich brutal.“ Dann erzählte sie, was Ying-tschun ihr berichtet hatte. Djia Dschëng seufzte: „Ich hatte mir gleich gedacht, daß das nichts wird, aber wenn mein Bruder, der ehrenwerte Herr, etwas beschließt, kann ich nichts dagegen tun. Nur ist Ying-tschun halt diejenige, die darunter zu leiden hat.“ Die Dame Wang sagte: „Sie ist erst seit kurzem verheiratet. Hoffen wir, daß es noch besser wird.“ Dann lachte sie höhnisch auf. Djia Dschëng fragte, warum sie lache. Sie antwortete: „Ich lache über Bau-yü. Heute kam er früh morgens zu mir und redete kindisches Zeug.“ – „Was hat er gesagt?“ Die Dame Wang erzählte es unter Lachen.
 
Djia Dschëng mußte auch lachen und fügte hinzu: „Apropos Bau-yü: Das bringt mich auf etwas. Es ist nicht gut, daß er jeden Tag im Garten spielt. Wenn man eine Tochter gebiert, ist sie keine Hilfe, schließlich wird sie sowieso irgendwann das Haus verlassen. Aber wenn der Sohn keine Hilfe ist, hat das größere Auswirkungen. Neulich hat mir jemand einen Lehrer empfohlen, der wie wir aus dem Süden stammt. Er soll sehr belesen sein und einen guten Charakter haben. Aber ich denke, daß die Leute aus dem Süden zu friedlich sind. Deswegen greifen sie nicht hart gegen unsere Lausebengel aus der Stadt durch. Einige von ihnen sind schlitzohrig und mogeln sich durch, sie trauen sich auch etwas. Die Lehrer aus dem Süden wollen das Gesicht der Kinder wahren. Sie vergeuden ihre Zeit damit, es den Kindern den ganzen Tag recht zu machen. Deshalb wollten unsere Vorfahren auch keine Fremden als Lehrer beschäftigen, sondern baten ältere Familienmitglieder mit ausreichender Bildung, sich um die Familienschule zu kümmern. Djia Dai-ju, der jetzt die Schule leitet, ist zwar nicht über die Maßen gebildet, aber er versteht es, die Kinder zu disziplinieren, und läßt nicht aus Dumm­heit den Dingen ihren Lauf. Ich finde es nicht gut, daß Bau-yü ein so ungeregeltes Leben führt, wir sollten ihn wieder in die Familienschule schicken.“ Die Dame Wang sagte: „Damit habt Ihr recht. Nachdem Ihr auf den Provinzposten versetzt worden wart, war Bau-yü oft krank und hat deswegen den Unterricht ein paar Jahre versäumt. Es wäre gut, wenn er alles noch einmal in der Familienschule auffrischen könnte.“ Djia Dschëng nickte und plauderte noch eine Weile.
 
Am nächsten Morgen stand Bau-yü auf, wusch sich und kämmte seine Haare, als die Diener kamen und ihm die Botschaft übermittelten, daß sein Vater ihn sehen wolle. Bau-yü brachte rasch seine Kleidung in Ordnung und ging in Djia Dschëngs Studierzimmer, wo er grüßte und abwartend stehen blieb. Djia Dschëng fragte ihn: „Was lernst du in letzter Zeit? Obwohl du einiges geschrieben hast, ist es doch oft trivial. Ich habe bemerkt, daß du in den letzten Jahren immer ungezügelter geworden bist. Ich hörte, daß du wegen Krankheiten nicht lernen willst. Heute scheint es dir ja gut zu gehen. Mir ist auch zu Ohren gekommen, daß Du täglich mit deiner Schwester und den Kusinen im Garten lachst und herumalberst, sogar mit den Dienstmägden Hallodrie treibst und dabei alle wichtigen Dinge vernachlässigst. Zwar hast du ein bißchen was an Poesie geschrieben, aber sie taugen nicht viel. Welche Stellen darin sind schon gelungen? Schließlich ist das Aufsatz-Schreiben in der Beamtenprüfung das Wichtigste, und darauf hast du dich gar nicht vorbereitet. Ich sage dir: Von heute an darfst du weder Gedichte noch Parallel­sätze mehr schreiben. Du wirst dich vielmehr intensiv mit dem Verfassen von Achtgliedrigen Essays aus­ein­an­der­set­zen. Ich gebe dir dafür ein Jahr Zeit – wenn du dann keine Fortschritte gemacht hast, brauchst du überhaupt nichts mehr lernen, denn dann will ich dich auch nicht mehr zum Sohn haben!“ Dann rief er nach Li Guee und sagte zu ihm: „Morgen früh soll Bee-ming mit Bau-yü die Bücher zusammensuchen, die er braucht, und sie mir zeigen. Ich werde ihn persönlich wieder in die Familienschule schicken.“ Bau-yü wies er an: „Geh jetzt! Komm morgen zeitig zu mir!“ Bau-yü hörte das, ihm fiel keine Antwort ein, und so ging er in den Roten Hof der Freude zurück.
 
Hsi-jën hatte besorgt auf Bau-yü gewartet, und die Nachricht, daß er wieder in die Schule gehen sollte, erfreute sie. Doch er ließ seiner Großmutter schnell die Neuigkeit überbringen, in der Hoffnung, daß sie noch etwas verhindern könne. Nachdem die Herzoginmutter die Nachricht erhalten hatte, schickte sie nach Bau-yü und sagte dann zu ihm: „Sei unbesorgt und geh erst einmal in die Schule, um den Zorn deines Vaters nicht zu erregen! Solltest du in Schwierigkeiten geraten, gibt es mich ja auch noch.“ Bau-yü blieb nichts anderes übrig, als den Dienerinnen zu sagen: „Weckt mich morgen ganz früh! Der gnädige Herr wünscht, daß ich zur Schule gehe.“ Hsi-jën und die anderen bestätigten die Anweisung. Sie und Schë-yüä hielten die Nacht über abwechselnd Wache, um den nächsten Morgen nicht zu verpassen.
 
Am Morgen des nächsten Tages wurde Bau-yü von Hsi-jën geweckt. Sie half ihm beim Kämmen, Waschen und Anziehen. Dann schickte sie ein Mädchen zum Tor von Bee-ming, welcher ihm helfen sollte, die Bü­cher und anderen Schulsachen zu tragen. Doch sie mußte Bau-yü zweimal antreiben, bevor er das Haus verließ. Als er das Studierzimmer von Djia Dschëng erreichte, fragte er als erstes: „Ist mein Vater bereits da?“ Aus dem Zimmer antwortete Hsiau-schë: „Grade eben bat ein Hausgast den Herrn, Bericht erstatten zu dürfen. Doch dieser sagte, er kämme und wasche sich gerade, und befahl ihm, draußen zu warten.“ Als Bau-yü dies hörte, fühlte er sich ein wenig beruhigter. Er eilte zu Djia Dschëngs Gemächern, er erreichte diese gerade, als sein Vater nach ihm rufen ließ. Er ging mit dem Boten hinein. Wie nicht anders zu erwarten, gab ihm Djia Dschëng noch einige Anweisungen und nahm ihn in seiner Sänfte mit. Bee-ming trug die Bücher und es ging direkt ins Innere der Privatschule.
 
Ein Diener eilte voran, um die Ankunft zu verkünden: „Der Herr ist gekommen.“ Dai-ju stand auf, als Djia Dschëng das Klassenzimmer betrat und ihn begrüßte. Dai-ju ergriff seine Hände, begrüßte ihn und fragte: „Wie geht es Ihrer werten Frau Mutter dieser Tage?“ Daraufhin kam auch Bau-yü, um ihn zu begrüßen, während sein Vater darauf wartete, daß Dai-ju Platz nahm, bevor auch er sich setzte. Djia Dschëng sprach: „Ich habe meinen Sohn heute hierher gebracht, weil ich eine Bitte habe. Er ist kein Kind mehr, und es ist nun für ihn die Zeit gekommen, für die Berufswelt der Erwachsenen zu lernen sowie sich zu behaupten, um sich einen Namen zu machen. Bis heutzutage albert er zu Hause mit den anderen Kindern herum. Obwohl er einiges von Poesie versteht, sind seine Verse unsinnig; auch wenn sie gelungen sind, haben die Ergüsse über Wind und Regen, über Mondschein und Tau, nichts mit den ernsthaften Dingen des Lebens zu tun.“ Dai-ju antwortete: „Er sieht ganz gut aus, und ist auch recht intelligent. Warum studiert er nicht die Bücher? Auch von Poesie kann man etwas lernen. Aber wenn du dich weiter ent­wickeln möchtest, solltest du weiter lernen, und es ist noch nicht zu spät.“
 
Djia Dschëng sprach: „Es ist nämlich so, dass wir derzeit eigentlich nur von ihm verlangen, daß er am Unterricht teilnimmt, Texte analysiert und Aufsätze schreibt. Falls er nicht gehorsam ist, bitte ich Sie, ihn gründlich zu disziplinieren, so daß er sein Leben nicht aufgrund mangelnder Bildung vergeudet.“ Nach diesen Worten stand er auf, verbeugte sich mit zusammengelegten Händen, plauderte noch ein bißchen und verabschiedete sich dann höflich. Dai-ju begleitete ihn zur Tür und bat, der Herzoginmutter beste Grüße auszurichten. Djia Dschëng nickte, stieg in die Sänfte und wurde weggetragen. Dai-ju drehte sich um, ging wieder hinein und sah, dass für Bau-yü in der Nähe des südwestlichen Fens­ters ein Pult aus Rosenholz aufgestellt worden war; auf der rechten Seite lagen zwei Stapel alter Bücher und ein dünnes Aufsatzheft. Der Lehrer rief Bee-ming, seine Schreibutensilien für ihn in den Schreibtisch zu räumen. „Bau-yü, ich habe gehört, daß du vor Kurzem krank warst. Geht es dir inzwischen wieder besser?“, fragte Dai-ju. Bau-yü stand auf und antwortete: „Ja, viel besser.“ – „Wenn ich dich heute hier sehe, mußt du aber auch wieder fleißig werden. Dein Vater wünscht sich inständig, dass etwas aus dir wird. Zu Beginn solltest du das, was du bisher gelesen hast, einmal im Kopf neu sortieren. Steh jeden Morgen früh auf, um die Bücher zu repetieren, schreib nach dem Essen Zeichen, analysiere nachmittags Texte, lies Aufsätze mehrfach – und das ist es schon!“ Bau-yü wiederholte: „Gut“, wandte sich zum Hinsetzen um und sah sich dabei un­will­kür­lich nach allen Seiten um. Er sah, wie frühere Mitschüler wie Tjin-dschung verschwunden waren, während die jüngeren, die hinzugekommen waren, alle vulgär und unkul­ti­viert waren. Plötzlich erinnerte er sich an Tjin-dschung und dachte voller Trauer daran, daß es niemanden mehr gab, mit dem er ein vertrauliches Gespräch führen könne. Obwohl er innerlich traurig war, wagte er nicht, etwas zu sagen, sondern verschloß es in seinem Herzen und begann zu lesen. Dai-ju teilte Bau-yü mit: „Da heute dein erster Schultag ist, kannst du heute früher gehen. Morgen interpretieren wir Texte. Da du ja nicht dumm bist, interpretierst du mir morgen ein, zwei Textabschnitte, so dass ich sehen kann, wie viel du in letzter Zeit gelesen hast. Dann weiß ich, wo du stehst.“ Als Bau-yü dies hörte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Wie Bau-yü tags darauf dem Unterricht folgte, erfährt man im nächsten Kapitel.
 
82. Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den Klassikern
 
Die Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrak wegen eines Geisteralptraums.
 
 
 
[[Category:Books]]
 
[[Category:Hongloumeng]]
 

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 82

老学究讲义警顽心 / 病潇湘痴魂惊恶梦

Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den KlassikernDie Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrickt wegen eines Geisteralptraums.

Im Folgenden gibt es zu berichten, daß Bau-yü, als er aus der Schule heimkam, die Herzoginmutter traf. Sie sagte lachend zu ihm: „Gut! Nun ist das wilde Pferd gezähmt und hat ein Zaumzeug verpaßt bekommen. Geh, berichte deinem Vater, danach kannst du wiederkommen und spielen!“ Bau-yü war einverstanden und ging, Djia Dschëng zu sehen. Djia Dschëng fragte: „Ist die Schule jetzt schon aus? Hat dir der Lehrer Schularbeiten aufgegeben?“ Bau-yü antwortete: „Stimmt. Morgens muß ich früh aufstehen und Bücher repetieren, nach dem Essen Schreiben üben und nachmittags Bücher zusammenfassen und erläutern sowie Aufsätze lesen.“ Als Djia Dschëng das gehört hatte, nickte er und sagte: „Geh, setz’ dich noch zur alten Dame [deiner Großmutter]. Du solltest auch ein bißchen gesellschaftliche Umgangsformen lernen, nicht nur störrisch herumtollen. Geh abends ein bißchen früher schlafen und steh morgens ein bißchen früher für die Schule auf! Hast du das gehört?“ Bau-yü bejahte dies prompt mit ein paar „Jawohls“, ging hinaus, schaute eilig bei [seiner Mutter] Dame Wang vorbei und stattete dann der Herzoginmutter einen Besuch ab. Er ging eilig hinaus und wollte zur Herberge am Hsiau-Hsiang-Fluß gehen. Kaum war er zur Tür hereingekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!“ Sein plötzliches Eintreffen erschreckte Dai-yü. Dsï Djüan zog den Vorhang auf, Bau-yü kam herein und setzte sich. Dai-yü sagte: „Ich dachte, ich hätte gehört, daß du zum Studieren gegangen seist. So schnell schon wieder da?“ Bau-yü antwortete: „Tja, unglaublich! Als mich mein Vater heute zum Studieren schickte, kam es mir vor, als würde ich euch nie wieder sehen. Ich habe den ganzen Tag kaum ertragen; als ich euch gerade sah, kam ich mir wie gestorben und wiedergeboren vor. Die Redewendung der Vorfahren, ein Tag Trennung komme einem wie drei Jahre vor, trifft wirklich zu.“ Dai-yü fragte: „Und hast du deine Aufwartungen gemacht?“, Bau-yü antwortete: „Alle“. Dai-yü fragte weiter: „Und warst du auch woanders?“ – „Nein.“ – „Du solltest auch bei deinen Kusinen vorbeischauen.“ Bau-yü entgegnete: „Mir ist gerade nicht danach, ich will nur ein Weilchen mit meiner kleinen Schwester hier sitzen und plaudern. Und dann heißt mich mein Vater noch früh schlafen gehen und früh aufstehen, ich muß morgen früh wieder bei ihnen vorbeischauen.“ Dai-yü sagte: „Setz’ dich ein bißchen, aber dann mußt du dich ausruhen gehen.“ Bau-yü sagte: „Müde soll ich sein? Ach, woher denn! Ich bin einfach niedergeschlagen. Da setzen wir uns gerade für einen Moment, die Niedergeschlagenheit verfliegt, und schon drängst du mich wieder.“ Dai-yü lächelte und wies Dsï-djüan an: „Gieß für den Herr eine Tasse meines Drachenbrunnentees auf! Jetzt, wo der Herr studiert, müssen wir ja respektvoll zurückbleiben.“ Dsï-djüan stimmte lachend zu, holte Teeblätter, und ließ ein junges Dienstmädchen Tee aufgießen. Bau-yü schloß sich mit den Worten an: „Was erwähnst du noch das Studieren, ich kann dieses akademische Gerede nicht ausstehen. Noch lächerlicher ist der Achtgliedrige Aufsatz, man braucht ihn nur, um zu Amt und Würden zu kommen und sein Auskommen zu haben; wie kann man behaupten, mit ihm die Sicht der Weisen wiederzugeben? Dann gibt es da Aufsätze, bei denen man ein paar Klassiker genommen und zusammengestückelt hat. Noch lächerlicher sind jene, die keine Substanz haben, von Ost nach West gezogen, zu Kuhgeistern und Schlangendämonen gemacht und für ein universelles Geheimnis gehalten werden, damit werden dann die Weisen erläutert. Nun ermahnt mich mein Vater immer und immer wieder, das zu lernen, und ich wage keine Widerworte, und da kommst du in diesem Moment wieder mit dem Studieren.“ Dai-yü sagte: „Wir Mädchen mögen das zwar nicht, aber ich habe ja in der Kindheit mit deinem Lehrer Yü-tsun auch schon einmal die Bücher gelesen. In ihnen gibt es auch Einfühlsames und Vernünftiges, Prägnantes wie Subtiles, aber Tiefgründiges. Obwohl ich es damals nicht ganz verstanden habe, habe ich doch die Qualität gespürt, man kann sie nicht kategorisch ablehnen. Darüberhinaus mußt du zu Amt und Würden kommen, das ist klarer und wertvoller.“ Bau-yü, der bis hierhin zugehört hatte, empfand die Worte als nicht sehr überzeugend, weil er Dai-yü nie für einen solchen Menschen gehalten hatte – wie konnte sie sich dafür nur so begeistern? Da er ihr auch nicht ins Gesicht widersprechen wollte, räusperte er sich nur einmal kurz zustimmend. Während sie noch sprachen, hörten sie, wie sich draußen zwei Leute unterhielten, und zwar Tjiu-wën und Dsï-djüan. Sie hörten gerade Tjiu-wën sagen: „Schwester Hsi-jën befahl mir, Bau-yü von der Herzoginmutter abzuholen, wer hätte gedacht, daß er hier ist.“ Dsï-djüan sagte: „Wir gießen erst hier Tee auf, es könnte auch sein, daß wir beide erst trinken lassen sollten und wir dann erst zur Herzoginmutter gehen.“ Die beiden kamen herein. Bau-yü sagte lachend zu Tjiu-wën: „Ich gehe gleich rüber, entschuldige, daß du soviel Mühe hattest, mich zu finden.“ Tjiu-wën kam gar nicht zu einer Erwiderung, da hatte Dsï-djüan schon gesagt: „Geh schnell rüber, wenn du den Tee getrunken hast, hier hat schon jemand den ganzen Tag nach dir gesucht.“ Tjiu-wën spuckte aus und sagte: „Pfui! Welch eine Bastard-Dienstmagd!“, so daß alle in Lachen ausbrachen. Bau-yü stand endlich auf und verabschiedete sich. Dai-yü brachte ihn bis zur Tür. Dsï-djüan stand am Fuß der Treppe, bis er gegangen war, erst dann kehrte sie wieder zurück ins Zimmer. Als Bau-yü in seinem Roten Hof der Freude ankam, sah er, wie Hsi-jën gerade herauskam, um ihn zu begrüßen. „Bist du zurück?“, fragte sie. Tjiu-wën antwortete für ihn: „Oh, der Herr ist schon lange zurück, er war bei Fräulein Lin.“ „Ist irgendetwas geschehen, als ich fort war?“, fragte Bau-yü. „Ach, nicht viel“, antwortete Hsi-jën spitz. „Nur ein Vortrag von Schwester Yüan-yang. Die Dame [Wang] schickte sie, um uns wissen zu lassen, daß dein gändiger Herr es dieses Mal ernst meinte mit deinem Studium und, falls irgendjemand von uns Dienstmädchen es wage, noch einmal mit dir zu spielen, es uns ergehen werde wie Tjing-wën und Sï-tji.“ Sie seufzte: „Ich denke, man hat immer sein Bestes getan, um dir zu dienen, und das ist der Dank dafür. Das macht doch keinen Spaß.“ Während sie sprach, wurde sie traurig. Bau-yü eilte sich, sie zu trösten: „Liebe Schwester! Sei unbesorgt. So lange ich ein guter Schüler bin, wird keiner von euch noch irgendein Wort der [alten] Dame hören müssen. Ich habe vor, an diesem Abend noch einige Texte zu lesen. Der Lehrer hat mir sogar aufgegeben, für morgen eine schriftliche Darstellung vorzubereiten. Sollte es irgendetwas geben, daß ich brauche, so werden es Schë-yüä und Tjiu-wën für mich besorgen, du kannst dich derweil erholen.“ „Wenn du ernsthaft studieren willst“, sagte Hsi-jën, „dann macht es uns Spaß, dir zu dienen.“ Von ihren Worten angeregt, nahm Bau-yü eilig sein Abendessen ein und ließ die Leselampen anzünden. Er setzte sich weiter abseits, um das, was er bereits früher gelesen hatte, noch einmal durchzuarbeiten, die Vier Bücher [des konfuzianischen Kanons]. Nun, wie las er seine Texte? Er blätterte durch das erste Buch, las die Texte, schien sie auch im Wesentlichen zu verstehen. Doch in dem Moment, als er ins Detail vordrang, schienen sich die Texte seinem Zugriff zu verweigern. Er wandte sich hilfesuchend an die Anmerkungen, las die dazugehörenden Textstellen, strengte sich dabei so an, daß es sich anfühlte, als wäre er von einer Keule getroffen worden. ,In Gedichten finde ich mich leicht zurecht‘, dachte er bei sich selbst, ,doch aus diesem Stoff werde ich einfach nicht schlau.‘ Er lehnte sich zurück, sprach nur wirres Zeug vor sich hin. Schë-yüä und Hsi-jën halfen ihm, bis er ins Bett ging. Erst danach legten sich die beiden selbst schlafen. Kurz darauf erwachten sie und hörten, wie er sich unruhig auf dem Ofenbett hin und her wälzte. „Bist du immer noch wach? Denkst du immer noch nach?“, fragte Hsi-jën, „du sollst deine Geisteskräfte schonen, damit du morgen gut lernen kannst.“ „Ich weiß“, sagte Bau-yü, „aber ich kann einfach nicht schlafen. Komm und nimm eine von meinen Decken herunter!“ – „Es ist nicht warm genug heute Nacht. Behalte sie lieber bei dir!“ sagte Hsi-jën. „Ich bin so aufgekratzt!“ Bau-yü warf die obere Decke nun selbst hinunter. Hsi-jën kletterte sofort hinüber, um die Decke zurückzulegen, und berührte mit der Hand seine Stirn. Sie fühlte sich leicht fiebrig an. „Bleib liegen!“, sagte sie, „du hast leicht Fieber.“ – „Nein, ich bin nicht krank.“ – „Aber was ist denn los?“ – „Es ist nichts. Ich bin nur nervös, das ist alles. Mach’ doch bitte keinen Staatsakt daraus! Wenn Vater das herausfindet, wird er mir sicherlich vorwerfen, ich suchte nach einer Ausrede, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Es scheint mir eher ein Zufall zu sein. Morgen früh fühle ich mich bereits wieder besser, und bin ich erst einmal in der Schule, dann läuft es wie immer.“ Hsi-jën gab nach. „Ich werde hier an deiner Seite schlafen“, sagte sie. Sie bearbeitete eine Weile seinen Rücken mit Klopfmassage, und beide waren unmerklich eingeschlafen. Als sie aufwachten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. „Hilfe!“, jammerte Bau-yü, „ich bin zu spät!“ Schnell wusch und kämmte er sich, absolvierte die Runde seiner Morgenaufwartungen und machte sich dann sofort auf den Weg zur Schule. Als er das Klassenzimmer betrat, verhieß der ernste Gesichtsausdruck Dai-jus nichts gutes. „Kein Wunder, daß dein Vater so sauer ist und du ihn dazu gebracht hast, dich einen Taugenichts zu nennen! Schon am zweiten Tag faulenzt du und kommst erst jetzt.“ Bau-yü berichtete ihm von seinem Fieber in der Nacht zuvor, ging dann an seinen Tisch und setzte sich, um zu arbeiten. Es war spät nachmittags, als Dai-ju ihn nach vorne rief: „Bau-yü, komm nach vorne! Interpretiere diesen Text!“ Bau-yü ging nach vorne. Nach In-Augenscheinnahme bemerkte er zu seiner Erleichterung, daß dieser Text zu denen gehörte, die er kannte: Gespräche, Kapitel 9, Vers 22: Die Jugend muß voller Ehrfurcht sein. ,Was für ein Glücksfall!‘, dachte er bei sich, ,Buddha sei Dank, es ist nicht aus der Großen Lehre oder der Doktrin der Mitte!‘ –

„Wie soll ich das interpretieren, Herr Lehrer?“ –

„Fasse diese Sätze zusammen!“ antwortete Dai-ju. Bau-yü rezitierte zunächst das ursprüngliche Kapitel laut und begann dann: „In diesem Vers haben wir die weisen Vorfahren, die ihre Nachkommen ermutigten, fleißig zu sein, sonst würden sie enden wie...“ An dieser Stelle schaute Bau-yü zu Dai-ju auf. Dai-ju spürte, was kommen würde, und versuchte, seine Verlegenheit mit einem kurzen Auflachen zu verbergen: „Komm Junge, komm schon, sprich ruhig weiter! Was hält dich zurück? Denke daran: Die Auslegung der Klassiker ist von den normalen Regeln mündlicher Verbote befreit. In den Riten, Buch I heißt es: ‚Beim Arbeiten mit den Klassikern gibt es keine Verbote für die Nomenklatur.‘ Also: Sonst würden sie enden wie ...?“ „... wie jemand, der auch als Erwachsener nichts gelernt hat“, sagte Bau-yü. „Man nehme zuerst die beiden Wörter ‚voller Ehrfurcht‘. Diese beiden Wörter ermutigen die nachfolgende Generation. Wenn man dagegen nicht genügend Ehrfurcht hat, ist dies eine Warnung vor der Zukunft.“ Er schaute wieder zu Dai-ju hoch. Dai-ju sagte: „Das könnte gehen. Zusammengefaßt heißt das?“ Bau-yü begann wieder: „Unsere Eltern sagen: Wenn man jung ist, benutzt man seine geistige Kraft. Man ist intelligent und voller Kraft, das macht einem fast Angst. In dieser Phase scheint es so, daß man selbst eine rosigere Zukunft hat als die Eltern. Aber ist man schon vierzig oder fünfzig und immer noch nicht erfolgreich und berühmt, hat man kein Geschimpfe mehr zu befürchten und scheint nützlich zu sein. Dann hat man auch nichts mehr zu fürchten.“ „Deine Interpretation war leidlich klar“, kommentierte Dai-ju mit einem trockenen Lächeln. „Aber ich fürchte, deine Ausdrucksweise ist noch recht kindisch. Der Ausdruck ‚nicht berühmt werden“ bezieht sich nicht auf den Erfolg im Weltlichen, also in der Beamtenkarriere, sondern mehr auf die persönlichen Errungenschaften in moralischer und intellektueller Hinsicht. In diesem Sinne beinhaltet das keinesfalls Amtsränge. Im Gegenteil, viele der großen Weisen des Altertums waren unbedeutende nicht verbeamtete Personen, die sich aus der Welt zurückzogen; und doch halten wir sie in höchsten Ehren, oder nicht?“ „Du hast den letzten Satz nicht richtig ausgelegt“, fuhr er fort. „Der Ausdruck ‚nicht genügend Ehrfurcht haben’ bedeutet, daß jemand dich leicht durchschauen kann. Der Ausdruck ‚nichts wissend’ heißt nicht, daß man vor etwas Angst hat. Wenn man von innen nach außen sieht, erfährt man erst die Details. Verstehst du das?“ – Bau-yü: „Ich verstehe.“ – „Gut. Hier ist ein anderer Text, bitte interpretiere ihn ebenfalls!“, sagte Dai-ju. Dai-ju blätterte einen Artikel zurück und zeigte Bau-yü folgende Textstelle. Es waren wieder die Gespräche, dieses Mal Kapitel 9, Vers 18: „Die Seltenheit einer ernsthaften Liebe zur Tugend.“ Bau-yü witterte Gefahr und sagte mit seinem offensten Lächeln: „Ich befürchte, ich befürchte, ich weiß hierzu nichts zu sagen, Dai-ju.“ – „Unsinn, mein Junge! Würdest du das schreiben, wenn diese Textstelle als Thema in deinem Prüfungsaufsatz drankäme?“ Bau-yü hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und begann widerstrebend: „Die Vorfahren erkannten, daß die Menschen die Tugend nicht liebten, stattdessen fielen sie beim ersten Anblick von Schönheit auf die Knie und beteten sie an. Sie hielten die Tugend für die natürliche Grundlage der Dinge. Die Menschen streben überhaupt nicht nach der Tugend. Auch Schönheit ist ein Geschenk des Himmels, wer möchte sie nicht besitzen. Schönheit gehört zu den menschlichen Verlockungen, wohingegen Tugend ein natürliches Prinzip ist. Wie kann ein Prinzip hoffen, mit der Begierde um die Zuneigung der Menschen zu wetteifern? Konfuzius beklagt sich über den Zustand der Welt und hofft auf eine Wandlung der Herzen. Das, was angestrebt wird, ist meist oberflächlich und kurzlebig. Wie schön wäre es, wenn die Menschen so nach Tugend streben würden wie nach Schönheit ...“ – „Danke, das ist genug“, sagte Dai-ju. „Ich habe nur noch eine Frage an dich. Wenn du die Worte der Vorfahren so gut verstanden hast, warum machst du immer wieder dieselben zwei Fehler? Ich bin nur ein Außenstehender, aber auch ohne Erläuterung von deinem Vater kann ich deine moralischen Schwächen erkennen. Wie könntest du dich nicht anstrengen, weiterzukommen? Du bist derzeit ein vielversprechender Jugendlicher, oder wie es in unseren Texten heißt: ‚berühmt zu werden“ und ‚nicht genügend Ehrfurcht haben“ – das liegt alles in deiner Macht. Ob du diese Chancen ergreifst oder nicht, das hängt ganz von deinen eigenen An- strengungen ab. Wirst du ‚berühmt‘ oder wirst Du ‚nicht genügend Ehrfurcht haben‘?“ – „Ich gebe dir einen Monat Zeit, in der du deine alten Texte erneut gründlich durcharbeitest, und einen weiteren Monat, in dem du neue Texte studierst. Danach gebe ich dir Themen für Aufsätze. Wenn ich auch nur ein Zeichen von Nachlässigkeit bei dir entdecke, hast du keine Nachsicht von mir zu erwarten. Wie das Sprichwort sagt: ‚Das Erwachsenendasein bedeutet nicht zu faulenzen. Faulenzen führt zu Mißerfolg.‘ Wenn du ein guter Schüler sein willst, dann behältst du alles, was ich gesagt habe.“ – „Ja, Herr Lehrer.“ Und so müssen wir Bau-yü für den Moment verlassen, ihn zu seinen täglichen Studien schicken, die er widerstrebend absolviert. Während seiner Abwesenheit an der Schule, wurde der Hof der Freude am Roten so ruhig, daß er nicht mehr wiederzuerkennen war, und die Tage vergingen langsam und ereignislos. Hsi-jën fand sogar Zeit, etwas zu nähen. Eines Tages saß sie dabei, einen Betelnuß-Beutel zu besticken, und dachte darüber nach, daß Bau-yü jetzt beschäftigt war und daß die Mädchen doch nicht hungern müßten. Wäre dies bereits früher so gewesen, hätte Tjing-wën niemals ein solch elendes Ende ereilt. Arme Tjing-wën! Hsi-jën seufzte: „Wenn der Hase stirbt, weint der Fuchs.“ Sie weinte unbemerkt. Plötzlich dachte sie, sie könne nie Bau-yüs Frau werden, nur seine Konkubine. So wie Bau-yü mit seinen Mitmenschen umging, war er sehr vertrauenswürdig. Doch was wäre, wenn er vorhätte, eine fürchterliche Frau zu heiraten? War es ihr Schicksal, die zweite Schwester You oder Hsiang-ling zu werden? Urteilte man danach, wie sich die Herzoginmutter und die Dame Wang schon immer verhalten hatten und was Hsi-fëng stets sagte, würde seine Braut unzweifelhaft Dai-yü werden. Aber Dai-yü ist jemand, der immer zweifelt. Bei diesen Gedanken wurde Hsi-jën heiß und ihr Herz raste. Ihre Stickerei wurde ungenau. Schnell ließ sie diese liegen und begab sich seufzend zu Dai-yü. Dai-yü las ein Buch. Als sie Hsi-jën eintreten sah, rückte sie beiseite und forderte sie nickend auf, sich zu setzen. „Ich hoffe, Sie fühlen sich ein wenig besser, Fräulein“, begann Hsi-jën, ängstlich darauf bedacht, den richtigen Ton zu treffen. „Mir geht es etwas besser“, antwortete Dai-yü. „Was hast du daheim gemacht?“ „Jetzt, wo mein Herr in der Schule ist“, antwortete Hsi-jën, „ist es zu Haus sehr ruhig, deshalb dachte ich, ich komme kurz auf ein Schwätzchen vorbei.“ Während sie sprach, brachte Dsï-djüan Tee herein, und Hsi-jën erhob sich schnell. „Schwester, bleib’ doch sitzen.“ Sie lachte, als sie fortfuhr: „Ich hörte, daß Tjiu-wën sagte, daß du dich über uns lustig gemacht hast.“ „Ihr glaubt doch nicht, was sie da erzählt, oder?“, sagte Dsï-djüan mit einem Lächeln. „Alles, was ich meinte, war, daß, wenn mein Herr den ganzen Tag in der Schule ist, Fräulein[1] Bau verhindert war und nicht einmal Hsiang-ling vorbeikam, um uns zu besuchen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie langweilig das ist?“ Hsi-jën nutzte die Gelegenheit: „Hsiang-ling sagst du? Ach, das arme Mädchen! Sie tut mir so leid! Sie ist mit der Furie [Ehefrau von Herrn Pan] aneinandergeraten, sie hat es ja schwer! Sie ist sogar noch ärmer dran als eine gewisse Person ...“ An dieser Stelle hielt Hsi-jën zwei Finger hoch[, um auf die zweite junge Frau des Hauses zu verweisen – Hsi-fëng]. „Sie kann sich nicht einmal darum kümmern, was die Leute von ihr denken.“ Dai-yü fuhr fort: „Sie hat aber auch genügend ertragen. Weißt du noch, wie die zweite Schwester You gestorben ist!“. „Ich weiß“, sagte Hsi-jën, „im Grunde sind doch beide Menschen. Nur ihre Einstellungen waren sehr verschieden. Wie kann man so giftig werden? Das ist nicht gut für den Namen der Familie.“ Dies war das erste Mal, daß Dai-yü Hsi-jën derart tratschen hörte, und sie begann, Verdacht zu schöpfen, was wirklich dahinter steckte. „Das ist schwer zu beurteilen“, sagte sie, „in jeder familiären Angelegenheit muß entweder die eine oder die andere Seite gewinnen. Wenn es nicht der Ostwind ist, so ist es der Westwind.“ – „Eine Konkubine kennt in ihrem Herzen ihren rechten Platz und wagt es nicht, jemand anderen zu ärgern“, sagte Hsi-jën. An diesem Punkt der Unterhaltung hörte man die Stimme einer alten Amme auf dem äußeren Hof. „Wohnt hier Fräulein Lin? Ist sie hier?“ Hsüä-yän ging hinaus, um zu sehen, wer dort war und erkannte die Frau vage als eine von Frau Hsüäs Bediensteten. „Was möchten Sie?“, fragte sie. „Ich bin auf einem Botengang im Auftrag von unserem Fräulein [Bau-tschai]“, antwortete die alte Amme, „etwas für Fräulein Lin Dai-yü.“ „Warten Sie einen Moment.“ Hsüä-yän ging hinein, um Dai-yü um Rat zu fragen. Diese beauftragte sie, die alte Amme herein zu lassen. Im Zimmer angelangt, machte sie einen Knicks vor Dai-yü, dann verdrehte sie die Augen und starrte sie neugierig an, sagte aber nicht, was sie hergebracht hatte. Dai-yü fühlte sich allmählich verwirrt und fragte danach, was Fräulein Bau[-tschai] ihr geschickt habe. „Mir wurde von Fräulein Bau-tschai aufgetragen, Ihnen einen Topf in Honig eingelegter Lychees zu bringen, Fräulein Lin“, antwortete die alte Amme, ihre Gesichtszüge entspannten sich zu einem Lächeln. Dann schaute sie zu Hsi-jën hinüber. „Ist dieses Mädchen nicht das hübsche Dienstmädchen aus den Gemächern des zweiten jungen Herrn Bau[-yü]?“ „Woher kennen Sie mich, Mammchen?“, fragte Hsi-jën. Die alte Amme lachte: „Nun, während wir stets die Gemächer der Herrin [Hsüä] beaufsichtigen, schaffen wir es kaum, mit der Herrin und dem Fräulein für Besuche auszugehen, deshalb kennen sich die Mädchen untereinander nicht. Wir behalten allerdings all die jungen Mädchen, die uns über den Weg laufen, vage im Gedächtnis.“ Sie reichte Hsüä-yän den Topf, schaute noch einmal hinüber zu Dai-yü, wandte sich dann zurück zu Hsi-jën und sagte mit einem vertrauten Lächeln: „Kein Wunder, daß unsere Herrin sagt, Fräulein Lin und der zweite junge Herr Bau[-yü] seien füreinander geschaffen! In ihrem Aussehen gleicht sie wahrlich einer Fee!“ Hsi-jën machte einen gewagten Versuch, weitere Fehler abzuwenden. „Kommen Sie, Mammchen, Sie sind sicher müde! Warum setzen Sie sich nicht und trinken eine Tasse Tee?“ „Ach nein – wir haben daheim zu viel zu tun“, die alte Amme schnatterte unbedacht weiter. „Wir sind drüben alle beschäftigt für Frau Dschang Luo-tjin. Und ich muß noch die zwei Töpfe mit Lychees hier von Fräulein Bau-tschai an den zweiten jungen Herrn Bau-yü abliefern.“ Sie verabschiedete sich und watschelte geschäftig aus dem Zimmer. Dai-yü, die Bau-tschai zuliebe versucht hatte, ihren Ärger über die Art und Weise, wie die alte Amme hereingeplatzt war, zu verbergen, wartete, bis sie hinausgegangen war und rief ihr nach: „Bitte danke Fräulein [Bau-tschai] für die Mühe.“ Die alte Amme führte bla-bla-bla noch weiter Selbstgespräche: „Außer Bau-yü hätte sich niemand eine so feine junge Dame aussuchen können.“ Dai-yü tat so, als hätte sie nichts gehört. „Wirklich“, sagte Hsi-jën und versuchte, die ganze Sache mit einem Lachen abzutun, „wenn man erst so ein Alter erreicht hat, redet man meist nur noch Unsinn. Da weiß man nicht, ob man zanken oder einfach nur lachen soll.“ Hsüä-yän gab Dai-yü die Lychees. Dai-yü sagte: „Mir ist nicht danach, räumst du sie weg?“ Sie unterhielten sich noch ein wenig und dann brach Hsi-jën auf. Als Dai-yü an diesem Abend ihre Gemächer betrat, um sich für die Nacht umzukleiden, erblickte sie wieder die Lychees. Diese erinnerten sie an den Besuch der alten Amme und ließen den stechenden Schmerz wieder aufleben, den sie durch ihr taktloses Geschnatter erdulden mußte. Die Dämmerung brach an, und in der Stille schienen sie tausend düstere Gedanken einzuholen und ihre Seele zu erdrücken. „Mit meiner Gesundheit geht es bergab..., und ich werde immer älter. Ich weiß, Bau-yü liebt mich mehr als jeden anderen. Aber Großmutter und Tante Wang haben es immer noch nicht bemerkt! Wenn doch nur meine Eltern dies schon arrangiert hätten, als sie noch am Leben waren... Doch angenommen, sie hätten es? Was wäre, wenn sie mich mit jemand anders verheiratet hätten? Wer wäre nur mit Bau-yü vergleichbar? Vielleicht bin ich letzten Endes so doch am besten bedient! Wenigstens gibt es noch etwas Hoffnung.“ Wie eine Spindel zwischen den Fäden bewegten sich ihre geheimen Hoffnungen und Ängste auf und ab und zogen sich immer fester und fester um ihr Herz. Endlich, mit einem Seufzen und einigen Tränen, fiel sie ermattet und niedergeschlagen in ihrem Kleid aufs Bett. Nach einer Weile wurde sie eines jüngeren Dienstmädchens gewahr, welches eintrat und sagte: „Herr Djia Yü-tsun ist draußen und möchte das Fräulein [Lin] sehen.“ – ,Was er wohl möchte?‘, dachte Dai-yü bei sich selbst, ,ich habe zwar an seinem Schulunterricht teilgenommen, konnte es aber nicht mit den männlichen Mitschülern aufnehmen, weshalb will er mich sehen?[2] Schließlich hat er all die Male, als er Onkel [Dschëng] besuchte, nie nach mir gefragt, warum sollte ich ihn jetzt sehen müssen?‘ Sie trug der Magd auf: „Übermittle meinen größten Respekt, danke Herrn Djia Yü-tsun für das Aufwarten, doch sage ihm, meine schlechte Gesundheit verlangt von mir, im Bett zu bleiben.“ „Aber Herrin“,[3] sagte die Magd, „ich denke, er ist gekommen, um Ihnen zu gratulieren, es sind auch einige Leute aus Nanking gekommen.“ Während sie sprach, kam eine Gruppe, darunter Hsi-fëng, die Dame Hsing, die Dame Wang und Bau-tschai, ins Zimmer und verkündete jubelnd: „Gratulation, meine Liebe! Und gute Reise!“ – „Was meint ihr?“, fragte Dai-yü mit größter Verwunderung. „Nun komm schon!“ Es war Hsi-fëng, die antwortete. „Tu doch nicht so, als hättest du die Neuigkeiten noch nicht gehört! Schwiegersohn Lin [dein Vater] wurde zum Getreideinspekteur der Provinz Hubei ernannt und ist eine zweite, sehr glückliche Ehe eingegangen. Er halte es nicht für gut für deine Gesundheit, dich hier ganz allein zu lassen, und fragte deshalb Djia Yü-tsun, ob er als Vermittler agieren könnte. Du bist verpflichtet einen Mann zu ehelichen, der dich in Verbindung mit deiner neuen Stiefmutter bringt, ich glaube, es handelt sich dabei auch um einen Witwer. Sie schickt Leute, um dich mit nach Hause zu nehmen. Es ist gut möglich, daß du dann direkt heiraten wirst. All dies war die Idee deiner Stiefmutter. Aus Sorge, daß du unterwegs nicht genügend behütet wirst, haben wir deinen Vetter Liän beauftragt, dich zu begleiten.“ Hsi-fëngs Worte ließen Dai-yü in Schweiß ausbrechen. Sie glaubte ihren Vater als Beamten dort stehen zu sehen. Sie begann, in Panik zu geraten und erwiderte trotzig: „Das ist nicht wahr! Das ist alles ein Trick von Hsi-fëng!“ Sie sah, wie die Herrin Hsing der Herrin Wang einen bedeutungsvollen Blick zuwarf: „Sie glaubt uns nicht. Komm, wir verschwenden unsere Zeit!“ „Tante Wang! Tante Hsing! Bitte geht nicht!“ Ihre Tränen zurückhaltend, flehte Dai-yü sie an. Doch sie erhielt keine Antwort. Alle schauten sie mit einem merkwürdigen Lächeln an und gingen dann gemeinsam fort. Als sie nun da stand und die Frauen gehen sah, wurde sie von Panik ergriffen. Sie versuchte zu sprechen, doch das einzige Geräusch, das ertönte, war ein ersticktes Schluchzen tief aus ihrer Kehle. Dann blickte sie um sich und sah, daß man sie bereits zu den Gemächern der Herzoginmutter gebracht hatte. Im selben Moment dachte sie bei sich: „Großmutter ist die einzige, die mich noch retten kann!“ Sie kniete vor der alten Dame und umfaßte sie. „Rette mich Großmutter, bitte! Ich sterbe lieber als mit ihnen nach Süden zu gehen! Diese Stiefmutter ist überhaupt nicht meine wirkliche Mutter. Ich möchte einfach nur hier bei dir bleiben!“ Das Gesicht der Herzoginmutter ließ nur ein kaltes Lächeln erkennen. „Das hat nichts mit mir zu tun.“ – „Doch was wird jetzt aus mir, Großmutter?“, schluchzte sie. „Die zweite Ehefrau eines Mannes zu sein, hat seine Vorteile“, antwortete die Herzoginmutter. „Denke nur an die doppelte Mitgift.“ – „Wenn ich bleibe, werde ich dir keinen zusätzlichen Aufwand bereiten, ich verspreche es. Oh bitte rette mich!“ – „Das hilft dir nicht“, sagte die Herzoginmutter. „Alle Mädchen heiraten und verlassen das Haus. Du bist ein Kind und verstehst von solchen Dingen nichts. Du kannst hier nicht für immer leben, das weißt du doch.“ – „Ich würde alles tun, um zu bleiben – Ich werde für meine Bleibe arbeiten und Essen zubereiten, eine Sklavin sein, alles! Bitte hilf mir!“ Die Herzoginmutter antwortete nicht. Dai-yü umarmte sie wieder und schluchzte: „Oh, Großmutter! Du warst immer so gut zu mir, hast dich so um mich gekümmert – wie kannst du dich gar nicht mehr um mich kümmern, wo ich dich wirklich brauche? Sorgst du dich denn gar nicht mehr um mich? Ich bin zwar keines von deinen wirklichen Enkelkindern, eine echte Djia wie die anderen, aber meine Mutter war deine eigene Tochter, dein eigen Fleisch und Blut! Ihr zuliebe hab Erbarmen mit mir! Bitte beschütze mich!“ Mit diesen letzten Worten warf sie sich wie verrückt an die alte Dame, begrub den Kopf in ihren Schoß und schluchzte gewaltig. „Yüan-yang“, befahl die alte Dame, „bring Frau Dai-yü in ihr Zimmer, um sich auszuruhen. Sie erschöpft mich.“ Die Entschlossenheit in der Stimme der Herzoginmutter war nicht zu verkennen. Für Dai-yü erschien Selbstmord als letzter Ausweg. Sie erhob sich, und als sie aus dem Zimmer ging, schmerzte es sie, daß sie keine Mutter mehr hatte. All die Zuneigung von ihrer Großmutter, ihren Tanten und Kusinen stellte sich nun als das heraus, was es wirklich war und immer war – eine Schau. Plötzlich dachte sie: „Ausgerechnet Bau-yü habe ich heute noch nicht gesehen. Er könnte noch einen Ausweg wissen!“ Und als dieser Gedanke ih-ren Geist durchdrang, blickte sie auf, und auf einmal stand Bay-yü höchstpersönlich vor ihr. Dieser sagte lachend: „Dann mal meine besten Glückwünsche, Schwesterherz!“ Das war zu viel für Dai-yü. Der letzte Rest ihrer damenhaften Zurückhaltung löste sich in Luft auf. Sie nahm ihn fest in die Arme und rief: „Jetzt weiß ich, wie herzlos und grausam du wirklich bist, Bau-yü!“ – „Nein, das stimmt nicht“, antwortete er. „Du hast jetzt deine eigene Familie, so müssen wir getrennte Wege gehen.“ Dai-yü hörte immer verzweifelter zu und wußte nicht mehr, wie sie aus dieser Situation herauskommen soll. Hilflos klammerte sie sich an ihn und weinte: „Oh, Bau-yü! Wieso läßt du mich mit jemand anderem fortgehen?!“ „Wenn du nicht gehen willst, dann bleib’ hier“, antwortete er gelassen. „Ursprünglich warst du mir versprochen. Deshalb kamst du zu uns. Wie habe ich dich immer behandelt, hast du nichts bemerkt?“ Plötzlich schien alles klar. Sie war also doch Bau-yü versprochen. Natürlich war sie es! In einem Zug wandelte sich ihre Traurigkeit in Freude. „Ich habe mich festgelegt bis zum Tode. Aber du mußt mir sagen: Soll ich gehen oder bleiben?“ „Ich habe dir gesagt, du sollst hier bei mir bleiben. Wenn du mir immer noch nicht vertraust, sieh in mein Herz!“ Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und stach sich in die Brust. Das Blut schoß hervor. Voller Entsetzen versuchte Dai-yü, den Blutstrom mit der Hand zu stillen, und schrie: „Wie konntest du nur? Du hättest mich zuerst töten sollen!“ – „Beruhige dich!“, sagte Bau-yü, „ich zeige dir jetzt mein Herz.“ Er tastete in dem offenen Fleisch herum, um das Herz zu finden, während Dai-yü zitterte, weinte und fürchtete, daß es noch schlimmer würde, sie hielt ihn fest und weinte bitterlich. „Oh nein!“, sagte Bau-yü, „es ist nicht mehr da! Meine Zeit ist gekommen!“ Seine Augen flackerten, und er fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Dai-yü gab einen durchdringenden Schrei von sich. Sie hörte Dsï-djüan nach ihr rufen: „Fräulein! Fräulein! Sie haben einen Alptraum! Wachen Sie auf! Nun kommen Sie schon, Sie müssen sich ausziehen und richtig schlafen!“ Dai-yü drehte sich um. Es war alles nur ein Alptraum. Doch sie konnte immer noch ihre beinahe zugeschnürte Kehle spüren, ihr Herz raste immer noch, die Oberseite ihres Kissens war schweißgetränkt, und ein kribbelnder, eisiger Schauer lief über ihren Rücken, der sogar ihr Herz erkalten ließ. ,Mutter und Vater starben vor langer Zeit. Bau-yü und ich waren niemals verlobt‘, dachte sie bei sich, ,wie konnte ich nur so etwas träumen?‘ Die Szenen ihres Traumes kamen ihr wieder vor Augen. Sie überlegte, daß sie in dieser Welt auf sich allein gestellt war. Angenommen Bau-yü stürbe wirklich – was dann? Der Gedanke allein reichte aus, all den Schmerz und die Verwirrung wiederzubringen. Sie begann zu weinen, und feine Reihen von Schweißperlen bedeckten ihren gesamten Körper. Letztlich rappelte sie sich auf, zog ihr Gewand aus und trug Dsï-djüan auf, ihr Bett herzurichten. Sie legte sich wieder hin und begann sich hin und her zu wälzen, unfähig zu schlafen. Sie konnte das zarte Säuseln des Windes außerhalb des Fensters hö-ren – oder war es der Nieselregen, der sanft auf das Dach fiel? Auf einmal ließ der Klang nach, und sie glaubte, jemanden in der Ferne nach ihr rufen zu hören. Doch es war nur Dsï-djüan, die bereits eingeschlafen war und in einer Ecke des Raumes schnarchte. Mit großer Mühe kämpfte sich Dai-yü aus dem Bett, wickelte die Bettdecke um sich und stand auf. Ein eisiger Durchzug aus einem Riß im Fensterrahmen brachte sie selbst unter der Decke zum Frösteln. Sie begann gerade einzuschlummern, als die Spatzen ihren Dämmerungschor aus ihren Nestern im Bambus einleiteten. Das erste Licht des Tages drang eben durch die Fensterläden. Dai-yü war nun wieder hellwach und begann zu husten. Dsï-djüan erwachte sofort. „Immer noch wach, Fräulein Lin? Auch noch husten – es klingt als hätten Sie sich erkältet. Es ist beinahe hell, bald wird es Morgen! Bitte versuchen Sie nicht zu viel nachzudenken und ruhen Sie sich aus. Sie müssen schlafen.“ „Ich will nicht schlafen“, antwortete Dai-yü. „Was soll gut daran sein? Ich kann einfach nicht.“ – „Du wirst aber trotzdem schlafen.“ Diese Worte wurden von einem weiteren Hustenanfall unterbrochen. Dsï-djüan betrachtete die Gestalt von Dai-yü, wurde traurig und wollte nicht wieder schlafen gehen. Als sie wieder ihr Husten hörte, eilte sie hinüber, um einen Spucknapf zu besorgen. Inzwischen dämmerte es draußen. „Willst du nicht mehr schlafen?“, fragte Dai-yü. „Schlafen?“, antwortete Dsï-djüan heiter. „Es ist schon Tag.“ „Wenn das so ist, könntest du den Spucknapf wechseln?“ „Gewiß, Fräulein Lin.“ Dsï-djüan legte den vollen Spucknapf auf einen Tisch außerhalb des Zimmers und besorgte zügig einen neuen, den sie am Fuße des Ofenbetts plazierte. Als sie dann die Tür des Zimmers sorgfältig hinter sich geschlossen und die blumenbestickte Gardine heruntergelassen hatte, ging sie hinaus, um Hsüä-yän zu wecken, und nahm den vollen Spucknapf mit sich. Als sie den Napf gerade auskippen wollte, betrachtete sie ihn genauer und entdeckte zu ihrem Entsetzen etwas Blut im Schleim. „Meine Güte!“ stieß sie aus. „Wie schrecklich!“ „Was ist denn los?“, rief Dai-yü plötzlich von innen. „Ach, nichts, Herrin!“ Dsï-djüan versuchte ihr bestes, ihren Fehler zu vertuschen. „Der Spucknapf verrutschte in meiner Hand und ist beinahe heruntergefallen.“ – „Hast du nichts Merkwürdiges im Schleim gefunden?“ „Oh nein, Herrin.“ Dsï-djüan hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts mehr sagen. Tränen strömten ihr über die Wangen. Dai-yü hatte bereits einen süßlichen Geschmack im Mund bemerkt und schon Verdacht geschöpft, ihre Vermutungen wurden noch durch Dsï-djüans Schreck verstärkt und nun auch noch von dem unverkennbaren Ausdruck von Traurigkeit in der Stimme. Dai-yü fühlte sich in ihrem Herzen zu acht bis neun Zehntel darin bestätigt und rief darauf hin Dsï-djüan: „Komm herein, draußen könntest du dich erkälten.“ „Ich komme, Herrin“, sagte sie, ihre Stimme klang noch jämmerlicher als zuvor. Ihr traurig schniefender Klang ließ Dai-yü erzittern. Die Tür öffnete sich, und sie trat ein, tupfte dabei immer noch ihre Augen mit einem Taschentuch trocken. „Nun komm her“, sagte Dai-yü, „so früh morgens am weinen?“ „Wer weint?“, sagte Dsï-djüan und versuchte zu lächeln. „Ich fühle mich nur ein wenig unwohl so früh am Morgen, und meine Augen jucken ein wenig, das ist alles. Sie waren diese Nacht länger auf als je zuvor, nicht wahr, Herrin? Ich konnte sie die ganze Nacht husten hören.“ „Ich weiß. Je mehr ich nach Schlaf verlangte, desto wacher wurde ich.“ „Es geht Ihnen nicht gut, Herrin. Ich denke, all die Sorgen ruinieren Ihre Gesundheit. Und eine gute Gesundheit ist wie der Berg in dem Sprichwort: Bewahre den Berg grün, bewahre den Berg grün, und du wirst in keinem Winter mehr Holz zum Heizen entbehren. Nebenbei, jeder hier sorgt sich sehr um Sie. Ihre Großmutter, die Herrinnen, einfach jeder!“ Wie konnte Dsï-djüan auch wissen, daß das bloße Aufzählen dieser heimischen Namen, die dazu gedacht waren, sie zu beruhigen und zu trösten, die Schrecken ihres Alptraumes wieder erweckten? Dai-yü fühlte ihr Herz trommeln, ihr wurde schwarz vor Augen, und sie war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Dsï-djüan holte schnell den Spucknapf herbei, während Hsüä-yän sanft den Rücken klopfmassierte. Nach einer Weile spie sie einen weiteren Mund voll Schleim aus. Darin waren dicke sich windende Fäden dunkelroten Blutes. Die beiden Dienstmädchen waren blaß vor Angst. An beiden Seiten wurde sie von ihnen gestützt, bis sie schließlich, kaum bei Bewußtsein, niedersank. Dsï-djüan, welcher ihr schwerer Zustand durchaus bewußt war, schaute zu Hsüä-yän, und sie ließ sie eilig jemanden rufen. Hsüä-yän war kaum aus der Tür, da kamen bereits Tsuee-lü und Tsuee-mo lachend in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gelaufen. „Wann kommt Frau Dai-yü aus dem Haus?“ erkundigte sich Tsuee-lü erheitert. „Meine Herrin und die dritte Herrin [Fräulein Tan-tschun] sind beide bei der vierten Herrin [Frau Hsi-tschun], um das Gemälde der vierten Herrin bewundern.“ Hsüä-yän winkte mit der Hand ab. Beide erschraken und fragten: „Was ist denn los?“ Hsüä-yän schilderte ihnen, was passiert war, worauf sie vor Entsetzen erstarrten. „Das Ganze ist todernst! Warum hast du der Herzoginmutter noch nichts erzählt? Wie schrecklich! Wie konntest du so dumm sein!“ „Ich war gerade auf dem Weg als ihr ankamt“, antwortete Hsüä-yän. „Wer redet da draußen?“, rief Dsï-djüan aus dem Schlafzimmer. „Frau Dai-yü möchte es wissen.“ Die drei gingen gemeinsam hinein, um Dai-yü eingehüllt im Bett liegend zu finden. „Worüber all die Aufregung?“, fragte sie. „Wer erzählt solche Geschichten?“ Es war Tsuee-mo, die antwortete: „Meine Herrin [Tan-tschun] und Fräulein [Hsiang-]yün sind eben hinüber zur vierten Herrin [Fräulein Hsi-tschun], um das Gemälde des vierten Fräuleins zu bewundern, und sie schickten uns, Sie zu fragen, ob Sie daran teilnehmen möchten, Fräulein Lin. Es tut uns leid zu hören, daß es Ihnen nicht gut geht.“ „Es ist nichts Ernstes“, sagte Dai-yü. „Ich fühle mich nur ein wenig schwach, das ist alles. Es wird besser, wenn ich mich ausgeruht habe. Gebt ihr der dritten Herrin Tan-tschun und Fräulein [Hsiang-]yün Bescheid, daß sie nach dem Mittagessen doch zu mir kommen mögen, wenn sie nicht zu beschäftigt sind? Ich nehme an, der zweite junge Herr Bau[-yü] war noch nicht dort, oder doch?“ – „Nein, Herrin“, antworteten sie. Tsuee-mo sagte: „Der zweite junge Herr Bau[-yü] war die letzten paar Tage täglich in der Schule, und der Herr kontrolliert jeden Tag die Hausaufgaben, so kann er hier nicht mehr so herumspringen, wie er es sonst tut.“ Dai-yü war still und in Gedanken versunken. Die zwei Dienstmädchen standen dort noch eine Weile und zogen sich dann diskret zurück. Am Lotus-Pavillon wurde Hsi-tschuns Gemälde, eine Übersicht über den Garten, von Tan-tschun und Hsiang-yün nach seinem ästhetischen Wert begutachtet. Zu viel hier, nicht genug dort, etwas zu dünn aufgetragen. Ein Platz, zu dicht ineinander gedrängt. Sie dachten an eine lyrische Inschrift und wünschten dafür Dai-yüs Rat. Sie diskutierten miteinander, als Tsuee-lü und Tsuee-mo zurückkamen und sehr nervös wirkten. Hsiang-yün war die erste, die fragte: „Warum ist Fräulein Dai-yü nicht mit euch gekommen?“ – „Sie hatte letzte Nacht einen schweren Rückfall, Herrin“, antwortete Tsuee-lü, „und hustete die ganze Nacht über. Laut Hsüä-yän war der Schleim in ihrem Spucknapf mit Blut durchsetzt.“ – „Bist du sicher?“, fragte Tan-tschun bestürzt. „Ziemlich sicher“, antwortete Tsuee-lü. „Wir waren eben dort, um nach ihr zu sehen, Herrin“, sagte Tsuee-mo. „Sie sieht fürchterlich aus und hat kaum Kraft zu sprechen.“ „Wenn sie so krank ist, wird sie kaum in der Lage sein zu sprechen“, sagte Hsiang-yün unverblümt. Tan-tschun sagte: „Was für ein Unsinn, [Hsiang-]yün! Daß sie nicht sprechen kann, bedeutet doch nicht schon...“ Tan-tschun brach mitten im Satz ab. „Schwester Lin [Dai-yü] hat einen wachen Geist“, sagte Hsi-tschun. Doch sie hat immer die Angewohnheit, alles zu ernst zu nehmen. Wenn sie doch nur über allem stehen könnte.“ „Wir müssen ohnehin losgehen und schauen, wie es ihr geht“, sagte Tan-tschun. „Wenn es wirklich ernst ist, rufen wir besser Tante Wang und lassen es Großmutter wissen, so daß sie einen Arzt holen können und herausfinden, was zu tun ist.“ Hsiang-yün stimmte zu und sie und Tan-tschun machten sich mit einigen der jüngeren Dienstmädchen auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hsi-tschun sagte, sie werde später nachkommen. Zu sehen, wie die Mädchen in ihr Zimmer kamen, verursachte Dai-yü ein merkwürdiges Gefühl und ließ sie noch mehr über ihren Traum nachdenken. Wenn die Herzoginmutter in ihrem Traum so kalt wirkte, würden Tan und Yün nicht auch so sein? Würden sie sich wirklich die Mühe machen, nach ihr zu sehen? Sie überlegte, ob sie sie darum gebeten haben könnte? All diese Zweifel verbergend, gab sie sich große Mühe und bat Dsï-djüan, ihr aufzuhelfen, den anderen raunte sie zu, sich zu setzen. Tan-tschun und Hsiang-yün saßen am Rande des Bettes und waren sehr traurig, Dai-Yü in einem solchen Zustand zu sehen. „Was glaubst du, könnte die Ursache sein, Schwester [Dai-yü]?“, fragte Tan-tschun. „Ach, es ist nichts Ernstes. Ich fühle mich nur sehr schwach.“ Dsï-djüan, die auf der anderen Seite von Dai-yü stand, verwies heimlich auf den Spucknapf, und Hsiang-yün (die jüngere und von Natur aus weniger umsichtige der beiden Mädchen) nahm ihn und schaute ihn an. Es war zu spät: „Ist das deins, Schwester [Dai-yü]?“, fragte sie mit schriller Stimme, „wie schrecklich!“ Vorher war Dai-yü zu müde, den Inhalt ihres Spucknapfes zu untersuchen. Doch Hsiang-yüns Frage erweckte nun ihren Verdacht. Ihr Herz stockte, als sie sich umblickte, um hineinzuschauen. Tan-tschun versuchte, es für Hsiang-yün zu verdecken: „Das heißt doch nur, daß du etwas zuviel Yang in der Lunge hast, eine Lungenentzündung mit etwas Auswurf hast. Das ist ganz normal. Yün ist so rührend, wie sie von Kleinigkeiten bewegt ist!“ Hsiang-yün errötete und wünschte, sie hätte ihren Mund gehalten. Tan-tschun konnte sehen, wie schwach Dai-yüs Lebensgeister waren und daß sie sehr müde war. Sie erhob sich, um zu gehen: „Du mußt ruhen und dich im Bett erholen. Wir werden dich nun verlassen und später nochmal vorbeischauen.“ „Dank euch beiden, daß ihr an mich gedacht habt.“ „Kümmer’ dich gut um Fräulein Lin, Dsï-djüan.“ – „Jawohl, junge Herrin Tan-tschun.“ Sie waren gerade dabei zu gehen, als die schweigsame Atmosphäre prompt von einem lauten Schrei draußen gestört wurde. Wenn du erfahren möchtest, wessen Stimme es war, lies das nächste Kapitel.

Anmerkungen

  1. Hier wie auch an anderen Stellen wird das im Deutschen etwas seltsame 姑娘 „Mädchen“ mit „Fräulein“ übersetzt.
  2. In der mit 1792 ein Jahr späteren Cheng-B Fassung lautet diese Stelle#: „ich bin zwar bei ihm zur Schule gegangen, wurde zwar von ihm unterrichtet bin keiner seiner regulären Schüler. Ich bin noch nicht mal ein Junge. Er unterrichtete mich lediglich als ich noch ein kleines Mädchen war.“
  3. Zwar steht im Chinesischen an diesen Stellen 姑娘 (Mädchen), das in der Regel mit „Fräulein“ übersetzt wird, aber bei direkter Ansprache durch Diener(innen) erscheint dem Übersetzer die Ausdrucksweise „Herrin“ angemessener.