Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 83"

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== 省宫闱贾元妃染恙 / 闹闺阃薛宝钗吞声 ==
 
== 省宫闱贾元妃染恙 / 闹闺阃薛宝钗吞声 ==
  
ährend die jüngeren, die hinzugekommen waren, alle vulgär und unkul­ti­viert waren. Plötzlich erinnerte er sich an Tjin-dschung und dachte voller Trauer daran, daß es niemanden mehr gab, mit dem er ein vertrauliches Gespräch führen könne. Obwohl er innerlich traurig war, wagte er nicht, etwas zu sagen, sondern verschloß es in seinem Herzen und begann zu lesen. Dai-ju teilte Bau-yü mit: „Da heute dein erster Schultag ist, kannst du heute früher gehen. Morgen interpretieren wir Texte. Da du ja nicht dumm bist, interpretierst du mir morgen ein, zwei Textabschnitte, so dass ich sehen kann, wie viel du in letzter Zeit gelesen hast. Dann weiß ich, wo du stehst.“ Als Bau-yü dies hörte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Wie Bau-yü tags darauf dem Unterricht folgte, erfährt man im nächsten Kapitel.
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'''Eine Unpäßlichkeit der kaiserlichen Nebenfrau Djia Yüan[-tschun] – Rufe nach einem FamilienbesuchUngehorsamkeit in den inneren Gemächern – Das Leid der Hsüä Bau-tschai.'''
82. Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den Klassikern
 
Die Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrak wegen eines Geisteralptraums.
 
  
Im Folgenden gibt es zu berichten, daß Bau-, als er aus der Schule heimkam, die Herzoginmutter traf. Sie sagte lachend zu ihm: „Gut! Nun ist das wilde Pferd gezähmt und hat ein Zaumzeug verpaßt bekommen. Geh, berichte deinem Vater, danach kannst du wiederkommen und spielen!“ Bau-yü war einverstanden und ging, Djia Dschëng zu sehen. Dieser fragte: „Ist die Schule jetzt schon aus? Hat dir der Lehrer Schularbeiten aufgegeben?“
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Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Tan-tschun und Hsiang-yün, die gerade im Begriff waren zu gehen, draußen eine Stimme hörten. Diese rief:
Bau-yü antwortete: „Stimmt. Morgens muß ich früh aufstehen und Bücher repetieren, nach dem Essen Schreiben üben und nachmittags Bücher zusammenfassen und erläutern sowie Aufsätze lesen.“ Als Djia Dschëng das gehört hatte, nickte er und sagte: „Geh, setz’ dich noch zu deiner Großmutter. Du solltest auch ein biß­chen gesellschaftliche Umgangsformen lernen, nicht nur störrisch herumtollen. Geh abends ein bißchen früher schlafen und steh morgens ein bißchen früher für die Schule auf! Hast du das gehört?“ Bau-yü bejahte dies prompt mit ein paar „Jawohls“, kam heraus, schaute eilig bei seiner Mutter vorbei und stattete dann seiner Großmutter einen Besuch ab.  
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„Was macht so ein kleiner Unruhestifter wie du überhaupt im Garten? Du bist nichts als eine Plage!“
Er kam eilig heraus und wollte zur Herberge am Hsiau-Hsiang-Fluß gehen. Kaum war er zur Tür hereingekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!“ Sein plötzliches Eintreffen erschreckte Dai-yü. Zi Juan zog den Vorhang auf, Bau-yü kam herein und setzte sich. Dai-yü sagte: „Ich dachte, ich hätte gehört, daß du zum Studieren gegangen seist. So schnell schon wieder da?Bau-yü antwortete: „Tja, unglaublich! Als mich mein Vater heute zum Studieren schickte, kam es mir vor, als würde ich euch nie wieder sehen. Ich habe den ganzen Tag kaum ertragen; als ich euch gerade sah, kam ich mir wie gestorben und wiedergeboren vor. Die Redewendung der Vorfahren, ein Tag Trennung komme einem wie drei Jahre vor, trifft wirklich zu.“
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Dai-yü stieß plötzlich einen fürchterlichen Schrei aus:
Dai-yü fragte: „Und hast du deine Aufwartungen gemacht?“, Bau-yü antwortete: „Alle“. Dai-yü fragte weiter: „Und warst du auch woanders?– „Nein.“ – „Du solltest auch bei deinen Kusinen vorbeischauen.“ Bau-yü entgegnete: „Mir ist gerade nicht danach, ich will nur ein Weilchen mit meiner kleinen Schwester hier sitzen und plaudern. Und dann heißt mich mein Vater noch früh schlafen gehen und früh aufstehen, ich muß morgen früh wieder bei ihnen vorbeischauen.“ Dai-yü sagte: „Setz’ dich ein bißchen, aber dann mußt du dich ausruhen gehen.“ Bau-yü sagte: „Müde soll ich sein? Ach, woher denn! Ich bin einfach niedergeschlagen. Da setzen wir uns gerade für einen Moment, die Niedergeschlagenheit verfliegt, und schon drängst du mich wieder.
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„Ich kann hier nicht länger bleiben!“
Dai-yü lächelte und wies Dsï-djüan an: „Gieß für den Herr eine Tasse meines Drachenbrunnentees auf! Jetzt, wo der Herr studiert, müssen wir ja respektvoll zurückbleiben.“ Dsï-djüan stimmte lachend zu, holte Teeblätter, und ließ ein junges Dienstmädchen Tee aufgießen. Bau-yü schloß sich mit den Worten an: „Was erwähnst du noch das Studieren, ich kann dieses akademische Gerede nicht ausstehen. Noch lächerlicher ist der Achtgliedrige Aufsatz, man braucht ihn nur, um zu Amt und Würden zu kommen und sein Auskommen zu haben; wie kann man behaupten, mit ihm die Sicht der Weisen wiederzugeben? Dann gibt es da Aufsätze, bei denen man ein paar Klassiker genommen und zusammengestückelt hat. Noch lächerlicher sind jene, die keine Substanz haben, von Ost nach West gezogen, zu Kuhgeistern und Schlangendämonen gemacht und für ein universelles Geheimnis gehalten werden, damit werden dann die Weisen erläutert. Nun ermahnt mich mein Vater immer und immer wieder, das zu lernen, und ich wage keine Widerworte, und da kommst du in diesem Moment wieder mit dem Studieren.“
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Sie verdrehte die Augen und bewegte eine Hand in Richtung des Fensters.
Dai-yü sagte: „Wir Mädchen mögen das zwar nicht, aber ich habe ja in der Kindheit mit deinem Lehrer Yü-tsun auch schon einmal die Bücher gelesen. In ihnen gibt es auch Einfühlsames und Vernünftiges, Prägnantes wie Subtiles, aber Tiefgründiges. Obwohl ich es damals nicht ganz verstanden habe, habe ich doch die Qualität gespürt, man kann sie nicht kategorisch ablehnen. Darüberhinaus mußt du zu Amt und Würden kommen, das ist klarer und wertvoller.“ Bau-yü, der bis hierhin zugehört hatte, empfand die Worte als nicht sehr überzeugend, weil er Dai-yü nie für einen solchen Menschen gehalten hatte – wie konnte sie sich dafür nur so begeistern? Da er ihr auch nicht ins Gesicht widersprechen wollte, räusperte er sich nur einmal kurz zustimmend.  
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Tatsächlich litt Dai-yü nach all der Zeit, trotz der beständigen Liebe und dem Schutz der Herzoginmutter, immer noch unter dem Gefühl, ein „Außenseiter im Garten“ zu sein. Anscheinend dachte sie, die alte Amme hätte sie beschimpft, und stellte sich sofort folgende Verschwörung vor: Irgendjemand, der sich einen Vorteil davon verschaffen wollte, schickte diese Amme, um sie, ein feines Hoffräulein und Waise, öffentlich zu verhöhnen. Sie glaubte, ihr Herz und ihre Eingeweide müßten zerreißen. Diese Ungerechtigkeit war mehr, als sie ertragen konnte. Sie weinte und wurde ohnmächtig.
Während sie noch sprachen, hörten sie, wie sich draußen zwei Leute unterhielten, und zwar Tjiu-wën und Dsï-djüan. Sie hörten gerade Tjiu-wën sagen: „Hsi-jën befahl mir, Bau-yü von der Herzoginmutter abzuholen, wer hätte gedacht, daß er hier ist.Dsï-djüan sagte: „Wir gießen erst hier Tee auf, es könnte auch sein, daß wir beide erst trinken lassen sollten und wir dann erst zur Herzoginmutter gehen.“ Die beiden kamen herein. Bau-yü sagte lachend zu Tjiu-wën: „Ich gehe gleich rüber, entschuldige, daß du soviel Mühe hattest, mich zu finden.Tjiu-wën kam gar nicht zu einer Erwiderung, da hatte Dsï-djüan schon gesagt: „Geh schnell rüber, wenn du den Tee getrunken hast, hier hat schon jemand den ganzen Tag nach dir gesucht.“ Tjiu-wën spuckte aus und sagte: „Pfui! Welch eine Bastard-Dienstmagd!“, so daß alle in Lachen ausbrachen. Bau-yü stand endlich auf und verabschiedete sich. Dai-yü brachte ihn bis zur Tür. Dsï-djüan stand am Fuß der Treppe, bis er gegangen war, erst dann kehrte sie wieder zurück ins Zimmer.  
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„Was ist los, Fräulein?“, Dsï-djüan war selbst in Tränen aufgelöst. „Bitte wacht auf!“
Als Bau-yü in seinem Roten Hof der Freude ankam, sah er, wie Hsi-jën gerade herauskam, um ihn zu begrüßen.
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Tan-tschun rief auch eine Weile, und endlich kam Dai-yü zu sich. Sie konnte nicht sprechen, die Hand zeigte immer noch in Richtung des Fensters. Tan-tschun verstand. Sie öffnete die Tür und entdeckte draußen eine alte Amme mit einem Stock in der Hand, mit welchem sie ein schmutziges kleines Mädchen verfolgte.
„Bist du zurück?“, fragte sie.
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„Ich versuche, mit meiner Gartenarbeit voranzukommen“, schimpfte sie. „Du hast hier nichts verloren. Warte nur, bis wir zu Hause sind und ich dich in die Finger bekomme! Ich werde es dir schon zeigen!
Tjiu-wën antwortete für ihn: „Oh, der Herr ist schon lange zurück, er war bei Frau Lin.“
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Das kleine Mädchen verdrehte den Kopf, steckte einen Finger in den Mund und starrte die alte Amme mit einem frechen Grinsen an.
„Ist irgendetwas geschehen, als ich fort war?“, fragte Bau-yü.
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„Habt ihr beide den Verstand verloren?“, rief Tan-tschun in strengem Ton. „Wie kannst du hier herumschimpfen?“
„Ach, nicht viel“, antwortete Hsi-jën spitz.“ Nur ein Vortrag von Yüan-yang. Frau Fang Tsai schickte sie, um uns wissen zu lassen, daß dein Herr Vater es dieses Mal ernst meinte mit deinem Studium und, falls irgendjemand von uns Dienstmädchen es wage, noch einmal mit dir zu spielen, es uns ergehen werde wie Tjing-wën und Sï-tji.Sie seufzte: „Ich denke, ich habe immer mein Bestes getan, um dir zu dienen, und das ist der Dank dafür. Das gibt doch keinen Sinn.
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Als die alte Amme sah, dass es Tan-tschun war, nahm sie sich geschickt zusammen und antwortete mit ihrem schmeichelhaftesten Lächeln:
Während sie sprach, wurde sie traurig. Bau-yü eilte sich, sie zu trösten: „Liebe Schwester! Sei unbesorgt. So lange ich ein guter Schüler bin, wird keiner von euch noch irgendein Wort von der Herzoginmutter hören müssen. Ich habe vor, an diesem Abend noch einige Texte zu lesen. Der Lehrer hat mir sogar aufgegeben, für morgen eine schriftliche Darstellung vorzubereiten. Sollte es irgendetwas geben, daß ich brauche, so werden es Schë-yüä und Tjiu-wën für mich besorgen, du kannst dich derweil erholen.“
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„Dies hier ist meine Enkelin. Sie hat mich gesehen und ist mir hierher gefolgt. Ich hatte Angst, daß das Kind Krach macht, deshalb schimpfe ich, um sie nach Hause zu scheuchen. Meine Liebe, hätte ich bedacht, wo ich bin, hätte ich niemals so meine Stimme erhoben.“
„Wenn du ernsthaft studieren willst“, sagte Hsi-jën, „dann macht es uns Spaß, dir zu dienen.“
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„Das reicht“, sagte Tan-tschun, „geht beide fort. Fräulein Lin fühlt sich heute nicht gut, – also beeilt euch und verschwindet!“
Von ihren Worten angeregt, nahm Bau-yü eilig sein Abendessen ein und ließ die Leselampen anzünden. Er setzte sich weiter abseits, um das, was er bereits früher gelesen hatte, noch einmal durchzuarbeiten, die Vier Bücher des konfuzianischen Kanons. Nun, wie las er seine Texte? Er blätterte durch das erste Buch, las die Texte, schien sie auch im Wesentlichen zu verstehen. Doch in dem Moment, als er ins Detail vordrang, schienen sich die Texte seinem Zugriff zu verweigern. Er wandte sich hilfesuchend an die Anmerkungen, las die dazugehörenden Textstellen, strengte sich dabei so an, daß es sich anfühlte, als wäre er von einer Keule getroffen worden.
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„Sehr wohl, Fräulein! Auf der Stelle, Fräulein!Die alte Amme setzte sich in Bewegung, und ihre Enkelin folgte ihr.
,In Gedichten finde ich mich leicht zurecht‘, dachte er bei sich selbst, ,doch aus diesem Stoff werde ich einfach nicht schlau.‘
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Als sie wieder eintrat, fand Tan-tschun Hsiang-yün Dai-yüs Hand halten und hilflos weinen, während Dsï-djüan Dai-yü mit der einen Hand stützte und mit der anderen Dai-yüs Brust massierte. Langsam kehrte wieder Leben in Dai-yüs Augen und sie blickte auf. Tan-tschun lächelte freundlich:
Er lehnte sich zurück, sprach nur wirres Zeug vor sich hin. Schë-yüä und Hsi-jën halfen ihm, bis er ins Bett ging. Erst danach legten sich die beiden selbst schlafen.  
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„Fühltest du dich angegriffen durch das, was die alte Amme sagte?
Kurz darauf erwachten sie und hörten, wie er sich unruhig auf dem Ofenbett hin und her wälzte.
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Dai-yü antwortete mit einem kraftlosen Kopfschütteln.
„Bist du immer noch wach? Denkst du immer noch nach?“, fragte Hsi-jën, „du sollst deine Geistekräfte schonen, damit du morgen gut lernen kannst.
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„Sie hat ihre eigene Enkelin angeschrien,Tan-tschun fuhr fort zu erklären: „Sie erzählte mir alles. Menschen wie sie sind das Letzte. Sie wissen niemals, wann sie den Mund zu halten haben.“
„Ich weiß“, sagte Bau-yü, „aber ich kann einfach nicht schlafen. Komm und nimm eine von meinen Decken herunter!“ –
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Dai-yü seufzte und hielt Tan-tschuns Hand.
„Es ist nicht warm genug heute Nacht. Behalte sie lieber bei dir!“  
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„Oh Tan...“, sie weinte kläglich, doch konnte nichts weiter sagen.
„Ich bin so aufgekratzt!Er warf die obere Decke nun selbst hinunter. Hsi-jën kletterte sofort hinüber, um die Decke zurückzulegen, und berührte mit der Hand seine Stirn. Sie fühlte sich leicht fiebrig an.
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„Komm, zerbrich dir nicht den Kopf“, sagte Tan-tschun. „Wir sind Kusinen und Kusinen halten zusammen. Deshalb kam ich zu dir. Nebenbei, du kannst mir ein bißchen behilflich sein. Hör’ zu, alles, was du tun mußt, ist vernünftig deine Medizin zu nehmen und die Dinge von ihrer guten Seite zu betrachten, bald wird sich deine Kraft wieder herstellen. Dann können wir wieder unsere Treffen im Poesie-Verein abhalten, wie könnte das nicht gut werden.
„Bleib liegen!“, sagte sie, „du hast leicht Fieber.“ –
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„Die dritte Schwester Tan hat recht, wie könnte das nicht lustig werden“ wiederholte Hsiang-yün. – „Ach, wenn ihr wüßtet!“ seuftze Dai-yü. „Ich fühle mich so schwach. Ich denke nicht, daß ich durchkomme.
„Nein, ich bin nicht krank.“ –
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„So sollten wir nicht reden“, sagte Tan-tschun. „Wir alle werden mal krank, und wir alle haben unsere Sorgen. Du hast keinen Grund, so pessimistisch zu sein. Sei einsichtig und ruhe dich gut aus. Wir gehen besser zur alten Dame. Wir kommen dann später wieder, um nach dir zu sehen. Wenn es irgendetwas gibt, das du brauchst, sag’ es Dsï-djüan, sie wird mir Bescheid sagen.“
„Aber was ist denn los?“ –
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„Gute Tan, wenn du die alte Dame siehst, sag’ ihr bitte, daß ich sie auch besuchen möchte, mach’ einen Knicks für mich, ich fühle mich nur ein bißchen schlecht, es ist keine große Krankheit. Ich will nicht, daß sie sich Sorgen macht.“ Tränen flossen über Dai-yüs Gesicht, während sie sprach.
„Es ist nichts. Ich bin nur nervös, das ist alles. Mach’ doch bitte keinen Staatsakt daraus! Wenn Vater das herausfindet, wird er mir sicherlich vorwerfen, ich suchte nach einer Ausrede, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Es scheint mir eher ein Zufall zu sein. Morgen früh fühle ich mich bereits wieder besser, und bin ich erst einmal in der Schule, dann läuft es wie immer.“
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„Natürlich. Doch nun rege dich nicht mehr auf. Ruhe dich aus, und es wird besser.“ Tan-tschun und Hsiang-yün machten sich auf den Weg.
Hsi-jën gab nach.
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Als sie gegangen waren, legte Dsï-djüan Dai-yü wieder hin. Sie überließ alle Besorgungen Hsüä-yüan und blieb die ganze Zeit an Dai-yüs Seite, wobei sie versuchte, ihren Kummer zurückzuhalten. Dai-yü schloß die Augen und lag einen Moment ruhig da. Doch der Schlaf kam nicht. Der Garten draußen, der sonst immer ein Paradies der Ruhe und Einsamkeit war, schien durch Geräusche sehr belebt – der Wind, das Summen der Insekten, das Schnattern der Vögel, der Klang menschlicher Schritte, Kinder, die in der Ferne schrieen – all dies zog leicht durch das Fenster und ging ihr auf die Nerven. Sie trug Dsï-djüan auf, einen Vorhang um ihr Bett herabzulassen.
„Ich werde hier an deiner Seite schlafen“, sagte sie. Sie bearbeitete eine Weile seinen Rücken mit Klopfmassage, und beide waren unmerklich eingeschlafen. Als sie aufwachten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel.
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Sogleich erschien Hsüä-yän, die eine Schüssel Vogelnestsuppe bei sich trug und sie Dsï-djüan gab, welche durch die Vorhänge flüsterte:
„Hilfe!“, jammerte Bau-yü, „ich bin zu spät!“ Schnell wusch und kämmte er sich, absolvierte die Runde seiner Morgenaufwartungen und machte sich dann sofort auf den Weg zur Schule. Als er das Klassenzimmer betrat, verhieß der ernste Gesichtsausdruck des Lehrers nichts gutes.
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„Möchten sie etwas Suppe, Fräulein?
„Kein Wunder, daß dein Vater so sauer ist und du ihn dazu gebracht hast, dich einen Taugenichts zu nennen! Schon am zweiten Tag faulenzt du und kommst erst jetzt.“
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Ein schwaches „Ja“ war von innen zu hören, Dsï-djüan reichte die Suppe einen Moment an Hsüä-yän zurück, um Dai-yü zu einer angenehmen Sitzposition zu helfen. Als sie sich umdrehte, um die Schüssel entgegenzunehmen, probierte sie selber den Inhalt und hielt sie vorsichtig an Dai-yüs Lippen, während sie behutsam einen Arm um ihre Schulter legte. Dai-yü öffnete kraftlos ihre Augen, nahm ein paar Schlucke und zeigte mit einem leichten Kopfschütteln an, daß sie nicht mehr schaffe. Dsï-djüan gab Hsüä-yän die Schüssel zurück, und legte sie sanft wieder hin.  
Bau-yü berichtete ihm von seinem Fieber in der Nacht zuvor, ging dann an seinen Tisch und setzte sich, um zu arbeiten.
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Für einige Minuten war alles still und Dai-yü schien friedvoller. Dann hörten sie außerhalb des Fensters ein Flüstern:
Es war spät nachmittags, als der Lehrer ihn nach vorne rief:
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„Ist Schwester Dsï-djüan hier?“
„Bau-yü, komm nach vorne! Interpretiere diesen Text!“
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Hsüä-yän eilte hinaus. Es war Hsi-jën.
Bau-yü ging nach vorne. Nach In-Augenscheinnahme bemerkte er zu seiner Erleichterung, daß dieser Text zu denen gehörte, die er kannte: Gespräche, Kapitel 9, Vers 22: Die Jugend muß voller Ehrfurcht sein. ,Was für ein Glücksfall!‘, dachte er bei sich, ,Buddha sei Dank, es ist nicht aus der Großen Lehre oder der Doktrin der Mitte!‘ –
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„Komm herein,“ flüsterte sie.
„Wie soll ich das interpretieren, Herr Lehrer?“ –
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„Wie geht es dem Fräulein?“, fragte Hsi-jën.
„Fasse diese Sätze zusammen!“ –
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Sie gingen gemeinsam zum Eingang, und Hsi-jën lauschte entsetzt, als Hsüä-yän beschrieb, was an diesem Morgen und in der vorhergehenden Nacht geschehen war.
Bau-yü rezitierte zunächst das ursprüngliche Kapitel laut und begann dann:
+
„Kein Wunder!“, rief sie. „Tsuee-lü erzählte auch so etwas und der zweite junge Herr Bau war so besorgt, daß er mich sofort losgeschickt hat.
„In diesem Vers haben wir die weisen Vorfahren, die ihre Nachkommen ermutigten, fleißig zu sein, sonst würden sie enden wie...“
+
Während sie redeten, hob Dsï-djüan den Vorhang an und winkte Hsi-jën zu, die leise in den Raum schlich:
An dieser Stelle schaute Bau-yü zu Dai-ju auf. Der Lehrer spürte, was kommen würde, und versuchte, seine Verlegenheit mit einem kurzen Auflachen zu verbergen: „Komm Junge, komm schon, sprich ruhig weiter! Was hält dich zurück? Denke daran: Die Auslegung der Klassiker ist von den normalen Regeln mündlicher Verbote befreit. In  den Riten, Buch I heißt es: ‚Beim Arbeiten mit den Klassikern gibt es keine Verbote für die Nomenklatur.‘ Also: Sonst würden sie enden wie ...?“
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„Ist das Fräulein eingeschlafen?“
„... wie jemand, der auch als Erwachsener nichts gelernt hat“, sagte Bau-. „Man nehme zuerst die beiden Wörter ‚voller Ehrfurcht‘. Diese beiden Wörter ermutigen die nachfolgende Generation. Wenn man dagegen nicht genügend Ehrfurcht hat, ist dies eine Warnung vor der Zukunft.
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Dsï-djüan nickte. „Hast du, Schwester, es jetzt erst gehört?“, Hsi-jën nickte.
Er schaute wieder zu Dai-ju hoch.
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Sie blickte finster drein und sagte:
Dai-ju sagte: „Das könnte gehen. Zusammengefaßt heißt das?“
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„Das ist schrecklich! Jemand hat mir letzte Nacht auch große Sorgen bereitet!
Bau-yü begann wieder:
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„Was meinst du?“, fragte Dsï-djüan. Hsi-jën erzählte:
„Unsere Eltern sagen: Wenn man jung ist, benutzt man seine geistige Kraft. Man ist intelligent und voller Kraft, das macht einem fast Angst. In dieser Phase scheint es so, daß man selbst eine rosigere Zukunft hat als die Eltern. Aber ist man schon vierzig oder fünfzig und immer noch nicht erfolgreich und berühmt, hat man kein Geschimpfe mehr zu befürchten und scheint nützlich zu sein. Dann hat man auch nichts mehr zu fürchten.
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„Als er an diesem Abend schlafen ging, schien noch alles in Ordnung. Doch mitten in der Nacht begann er fürchterlich zu schreien, zuerst über ein Stechen in seinem Herzen, dann darüber, erstochen zu werden – er war im Delirium und beruhigte sich nicht bis zum Morgengrauen. Wärst du nicht auch erschrocken gewesen? Er darf heute nicht in die Schule gehen, der Arzt wurde bereits gerufen, um ihm etwas zu verschreiben.“
„Deine Interpretation war leidlich klar“, kommentierte Dai-ju mit einem trockenen Lächeln. „Aber ich fürchte, deine Ausdrucksweise ist noch recht kindisch. Der Ausdruck ‚nicht berühmt werden“ bezieht sich nicht auf den Erfolg im Weltlichen, also in der Beamtenkarriere, sondern mehr auf die persönlichen Errungenschaften in moralischer und intellektueller Hinsicht. In diesem Sinne beinhaltet das keinesfalls Amtsränge. Im Gegenteil, viele der großen Weisen des Altertums waren unbedeutende nicht verbeamtete Personen, die sich aus der Welt zurückzogen; und doch halten wir sie in höchsten Ehren, oder nicht?“
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Während sie redeten, hörten sie Dai-yü in ihrem Bett wieder husten, und Dsï-djüan eilte herbei, um den Spucknapf zu holen. Dai-yü öffnete leicht ihre Augen und fragte Dsï-djüan:
„Du hast den letzten Satz nicht richtig ausgelegt“, fuhr er fort. „Der Ausdruck „nicht genügend Ehrfurcht haben“ bedeutet, daß jemand dich leicht durchschauen kann. Der Ausdruck „nichts wissend“ heißt nicht, daß man vor etwas Angst hat. Wenn man von innen nach außen sieht, erfährt man erst die Details. Verstehst du das?“ –
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„Mit wem redest du?“ – „Es ist Hsi-jën, Fräulein. Sie kam, um zu fragen, wie es dir geht.
Bau-yü: „Ich verstehe.“ –
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Während sie sprach, kam Hsi-jën ans Bett. Dai-yü bat Dsï-djüan, sie aufzurichten, und zeigte Hsi-jën an, sich auf den Bettrand zu setzen. Hsi-jën setzte sich auf die Ecke und sagte mit ihrer besten Krankenbett-Manier:
„Gut. Hier ist ein anderer Text, bitte interpretiere ihn ebenfalls!“, sagte Dai-ju.
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„Sollten Sie nicht lieber liegen, Fräulein?“ –
Dai-ju blätterte einen Artikel zurück und zeigte Bau-yü folgende Textstelle. Es waren wieder die Gespräche, dieses Mal Kapitel 9, Vers 18: „Die Seltenheit einer ernsthaften Liebe zur Tugend.“ Bau-yü witterte Gefahr und sagte mit seinem offensten Lächeln: „Ich befürchte, ich befürchte, ich weiß hierzu nichts zu sagen, Herr Lehrer.“ – „Unsinn, mein Junge! Würdest du das schreiben, wenn diese Textstelle als Thema in deinem Prüfungsaufsatz drankäme?
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„Keine Sorge“, erwiderte Dai-yü, „übertreibe nicht! Von wem erzähltest du gerade eben, er habe heute Nacht einen stechenden Schmerz im Herzen gehabt?“
Bau-yü hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und begann widerstrebend: „Die Vorfahren erkannten, daß die Menschen die Tugend nicht liebten, stattdessen fielen sie beim ersten Anblick von Schönheit auf die Knie und beteten sie an. Sie hielten die Tugend für die natürliche Grundlage der Dinge. Die Menschen streben überhaupt nicht nach der Tugend. Auch Schönheit ist ein Geschenk des Himmels, wer möchte sie nicht besitzen. Schönheit gehört zu den menschlichen Verlockungen, wohingegen Tugend ein natürliches Prinzip ist. Wie kann ein Prinzip hoffen, mit der Begierde um die Zuneigung der Menschen zu wetteifern? Konfuzius beklagt sich über den Zustand der Welt und hofft auf eine Wandlung der Herzen. Das, was angestrebt wird, ist meist oberflächlich und kurzlebig. Wie schön wäre es, wenn die Menschen so nach Tugend streben würden wie nach Schönheit ...“ –
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„Ach, das war nichts Ernstes!“, sagte Hsi-jën. „Es war nur ein Alptraum, den der zweite Herr Bau hatte.
„Danke, das ist genug“, sagte Dai-ju. „Ich habe nur noch eine Frage an dich. Wenn du die Worte der Vorfahren so gut verstanden hast, warum machst du immer wieder dieselben zwei Fehler? Ich bin nur ein Außenstehender, aber auch ohne Erläuterung von deinem Vater kann ich deine moralischen Schwächen erkennen. Wie könntest du dich nicht anstrengen, weiterzukommen? Du bist derzeit ein vielversprechender Jugendlicher, oder wie es in unseren Texten heißt: ‚berühmt zu werden“ und ‚nicht genügend Ehrfurcht haben“ – das liegt alles in deiner Macht. Ob du diese Chancen ergreifst oder nicht, das hängt  ganz  von  deinen eigenen An-
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Dai-yü hatte sofort verstanden: ,Hsi-jën versucht aus Rücksicht, mich von meinem Kummer abzubringen. Sie war ihr dankbar, und gleichzeitig war sie schmerzlich berührt.‘ Sie versuchte es noch einmal, diesmal noch eindringlicher:
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„Was war das für einen Alptraum? Was hat er gesagt?“
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„Ach, er hat gar nichts mehr gesagt“, sagte Hsi-jën.
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Dai-yü nickte nachdenklich und verharrte für einige Minuten still. Dann seufzte sie wieder und sagte:
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„Du solltest meine Krankheit dem zweiten Herrn Bau gegenüber nicht erwähnen. Es könnte seine Arbeit beeinträchtigen und ihm Ärger mit dem gnädigen Herrn [Dschëng] bescheren.“
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„Natürlich nicht, Fräulein,versicherte Hsi-jën ihr. „Doch nun lege dich hin und ruhe dich aus.
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Dai-yü nickte und bat Dsï-djüan, sie niederzulegen. Hsi-jën blieb etwas länger an ihrer Seite, sagte ein paar tröstende Worte und brach auf. Als sie wieder in seinem Hof der Freude am Roten anlangte, berichtete sie, Dai-yü sei zur Zeit unpäßlich, doch daß es nichts Ernstes sei, dies beruhigte Bau-yü zutiefst.
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Tan-tschun und Hsiang-yün verließen die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und machten sich auf den Weg zum Hof der Herzoginmutter. Als sie gingen, warnte Tan-tschun Hsiang-yün:
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„Wenn wir die alte Dame sehen, sei bitte vorsichtig mit dem, was du sagst.“
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Hsiang-yün nickte:
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„Das werde ich. Nur vorhin war ich von Herrin Dai-yüs Zustand so erschüttert, daß ich im Moment die Fassung verlor.“
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Sie gelangten bei der Herzoginmutter an und Tan-tschun erwähnte Dai-yüs Krankheit. Wie sie es vorhergesehen hatte, war die Herzoginmutter sehr genervt: „Ausgerechnet meine zwei Jade-Enkel<ref>Bau-yü heißt wörtlich „Schatzjade“, Dai-yü „Kajaljade“.</ref>sind mit soviel Krankheiten und Katastrophen übersät! Fräulein Lin muß ja krank werden von so viel Hin und Her in letzter Zeit. Ihre Gesundheit ist das Wichtigste. Ich weiß, daß sie sich zuviel Gedanken macht.“
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Niemand wagte, etwas zu sagen. Sie wandte sich zu Yüan-yang: „Der Arzt kommt morgen, um nach Bau-yü zu sehen. Danach wird er bei Fräulein Lin vorbeischauen.“ – „Ja, meine Dame“, antwortete Yüan-yang und ging hinaus, um die Dienstmädchen zu unterweisen, welche die Anweisungen weitergaben. Tan-tschun und Hsiang-yün verweilten bei der Herzoginmutter bis zum Abendessen und kehrten gemeinsam in den Garten zurück.
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Am nächsten Tag kam der Doktor. Er schaute bei Bau-yü vorbei und berichtete, daß nur das Essen nicht ausgewogen genug war, er sei ein bißchen erkältet, das sei nichts Besonderes, er müsse sich nur ein wenig ausruhen, dann würde es schon wieder besser werden. Die Damen Wang und Hsi-fëng schickten das Rezept zur Herzoginmutter und schickten zur selben Zeit jemanden zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Bescheid zu sagen, daß der Arzt auf dem Weg sei. Dsï-djüan deckte Dai-yü eilig zu und ließ den Bettvorhang herunter, während Hsüä-yän schnell das Zimmer aufräumte.
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Dann traf bereits Djia Liän mit dem Arzt ein, er kündigte an, daß dies ihr vertrauter Hausarzt sei und die Mädchen nicht verschwinden müßten. Eine Amme hob den Vorhang hoch, Djia Liän führte den Arzt ins Zimmer und die beiden Männer setzten sich. Djia Liän begann: „Schwester Dsï-djüan, bitte erzähle Doktor Wang, was du über die Krankheit deiner Herrin weißt.“
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„Langsam,“ warf der Arzt ein, „bitte erlaubt mir doch, zunächst ihren Puls zu messen, um meine eigene Diagnose zu machen. Dann können Sie mir sagen, ob ich richtig liege. Wenn ich daneben liege, korrigieren Sie mich bitte.
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Dsï-djüan setzte Dai-yü so hin, daß eine ihrer Hände für die Untersuchungen aus dem Vorhang herausragte, legte die Hand auf ein Kissen vor dem Bett und schob behutsam ihren Armreif und Ärmel beiseite, sodaß sie den Puls nicht behindern konnten. Der Arzt fühlte lange Zeit den Puls der einen Hand, dann den der anderen. Als er fertig war, zog er sich mit Djia Liän in den äußeren Raum zurück, wo sie sich beide setzten.
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„Alle sechs Pulse haben einen extrem langsamen Wert“, sagte der Arzt, „und verweisen auf eine fortgeschrittene schwere Krankheit.“
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Während er sprach, erschien Dsï-djüan im Eingang. Der Arzt wandte sich ihr zu und sagte: „Der Zustand läßt sich wie folgt beschreiben: Schwächeanfälle, Appetitverlust, häufige Träume und unruhiger Schlaf in den frühen Morgenstunden; tagsüber Überempfindlichkeit und generell eine psychotische Empfindlichkeit gegenüber anderen Menschen. Außenstehende würden dies als Charakterzug mißdeuten, doch damit irren sie. Dies alles setzt sich zusammen aus einem Mangel an Yin in der Leber mit einer begleitenden fortschreitenden Herzschwäche. Stimmt meine Diagnose mit dem überein, was ihr beobachtet habt?“
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Dsï-djüan nickte und sagte zu Djia Liän gewandt: „Sie haben es schon ganz richtig gesagt.“
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„Gut“, sagte Doktor Wang, sich von seinem Stuhl erhebend. „Wir fahren fort.
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Djia Liän geleitete ihn aus dem Schlafzimmer heraus und hinüber in das Arbeitszimmer, wo die Dienstmädchen bereits rote Blätter für Rezepte bereit gelegt hatten. Tee wurde serviert, dann nahm Doktor Wang den Pinsel und schrieb:
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DIAGNOSE
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Die sechs Pulse sind langsam. Der Grund ist eine Ansammlung verschiedener Schwächen.
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Der linker Fernpuls ist schwach. Fortschreitende Herzschwäche.
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Der Hauptpuls ist stark und unregelmäßig. Die Leber (Holz) ist hyperaktiv.
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Ihre Kraft kann nicht abfließen. Das beeinträchtigt nach oben hin die Milz (Erde), das führt zu konsequentem Appetitverlust. Und das Ganze wird noch verstärkt durch eine Schwächung der Lunge (Metall).
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Daß die Körpersäfte nicht mehr richtig zirkulieren, hat den Schleim erstarren lassen. Aufwallen und Auswurf von Blut.
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Behandlung
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1. Beruhigung der Leber.
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2. Wiederherstellung der Lungen.
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3. Stärkung von Herz und Milz.
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„Stärkungsmittel werden keine Wirkung zeigen. Für den Anfang schlage ich die Mischung ‚Schwarze ätherische Essenz‘ vor, dadurch wird die Lunge gestärkt und damit das Metall gefestigt. Hilft dies nicht, müssen Sie einen besseren Arzt kommen lassen.“
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Der Arzt schrieb ein Rezept für sieben Zutaten und eine Zubereitungs-Anleitung. Djia Liän nahm das Papier und begutachtete die Liste.
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„Ich sehe, sie führen Sichelblättriges Hasenohr in dem Rezept auf“, sagte er. „Entschuldigen sie, wenn ich falsch liege, doch ich dachte es würde die Hyperaktivität des Blutkreislaufes erhöhen?“
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„Es erhöht auch das Tji, so daß das schlechte Blut ausgespuckt wird“, antwortete Doktor Wang mit einem wissenden Lächeln. „Es ist wohlbekannt, daß im Falle von Bluthusten oder Nasenbluten dieses bestimmte Kraut kontraindiziert ist. Doch gestatte mir, dich darüber aufzuklären, daß es in Verarbeitung mit Schildkrötenblut (wie in meinem Rezept) das einzig effektive Heilmittel erzeugt, womit wir den Körpersaft der niederen Yang-Peripherie der Gallenblase ableiten können. Wie man sieht, hat die verständige Beimischung von Schildkrötenblut den bemerkenswerten Effekt, die Brechreiz-Eigenschaften vom Hasenohr zu fördern, während es das Yin der Leber wiederherstellt und die entzündlichen Störungen (Feuer) eindämmt. Mit den Worten des kaiserlichen Medizinbuchs: „Bekämpfe Durchfall mit Beruhigungsmittel, bekämpfe Verstopfungen mit Stärkungsmittel.“ Und die – auf den ersten Blick – paradoxe Verwendung von Hasenohr ist die klassische List aus der Han-Dynastie, daß sich ein loyaler Berater mit dem Thronräuber anfreundete.“
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„Ich verstehe“, sagte Djia Liän verständig nickend. „Ach so verhält es sich also, das ist es.“
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Der Arzt fuhr fort:
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„Ich hätte gern, daß sie zwei Dosen von dem Sud einnimmt, dann werden wir sehen, ob wir etwas an der Rezeptur ändern sollten oder zusammen eine neue anfertigen müssen. Ich habe jetzt einen weiteren Termin, bitte entschuldige Sie mich. Ich werde mich in den nächsten Tagen melden.“
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Djia Liän begleitete den Arzt nach draußen und fragte ihn:
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„Und was haben sie meinem Vetter [Bau-yü] verschrieben?“
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„Ach, er hat keine schwere Krankheit. Nur eine Dosis von dem Pulver, das ich ihm verschrieben habe, und alles ist wieder gut.“
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Mit diesen Worten stieg Doktor Wang in seinen Wagen.
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Djia Liän schickte einen Diener, um die erforderlichen Arzneimittel zu besorgen, und ging wieder hinein, um Hsi-fëng über Dai-yüs Diagnose zu informieren. Sie hatten noch nicht lange miteinander gesprochen, da erschien Dschou Juees Frau, um mit Hsi-fëng über einige drängende Dinge in der Haushaltsführung zu sprechen. Nachdem sie eine Weile zugehört hatte, erhob sich Djia Liän, um aufzubrechen.
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„Berichten Sie ruhig der zweiten Herrin [Hsi-fëng] weiter, ich habe noch etwas zu erledigen.
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Nun, da er aus dem Zimmer war und der verbleibende Hausstand seiner Arbeit nachging, war Dschou Juees Frau in der Lage, zum eigentlichen Anliegen ihres Besuches zu kommen.
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„Ich komme gerade von Fräulein Lin. Ich kann ihren Anblick nicht ertragen! Da ist nicht ein Hauch Farbe auf ihren Wangen und wenn man sie berührt, spürt man nur Haut und Knochen. Ich fragte sie, was denn los sei, doch sie konnte nicht sprechen, saß nur da und weinte. Danach sagte mir Dsï-djüan, das Fräulein sei derzeit sehr krank. Wenn sie etwas brauche, sei sie zu stolz, um das zu äußern. Ich habe vor, die zweite Herrin [Hsi-fëng] zu fragen, ob sie ihr ein bis zwei Monate Geld borgen könne. Die Arznei wurde ja aus der Haushaltkasse bezahlt, aber sie benötigt das Geld für kleinere Ausgaben. Ich versicherte ihr, es an Sie weiterzuleiten, gnädige Frau.“
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Hsi-fëng senkte ihren Kopf für einen Moment, antwortete dann:
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„In Ordnung, machen wir es so, ich schenke ihr einige Dutzend Tael Silber. Dennoch muß man es Fräulein Lin nicht erzählen. Das Geld für diesen Monat ist nicht einfach zu bezahlen. Wenn ich bei einer Person eine Ausnahme mache, wollen es andere auch. Beginnt man einmal damit, gibt es kein Ende mehr. Erinnerst du dich noch daran, als Frau Dschau und das dritte Fräulein [Tan-tschun] sich darüber lebhaft gestritten haben? Damals ging es auch um das Monatsgeld. Außerdem weißt du doch, daß wir derzeit hohe Ausgaben haben und wenig Einnahmen. Wir hoffen, daß wir über die Runden kommen.“
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Nach einer Pause fuhr sie fort:
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„Manche behaupten, ich wirtschaftete schlecht. Manche böse Zungen behaupten, ich würde die Familie Wang auf Kosten der Familie Djia ernähren. Doch du weißt es besser, Schwägerin Dschou. Du bist ja eine gute Hauswirtschafterin, du weißt sicher Bescheid.“ –
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„Dieses Gerede kann ja wirklich jemanden so unfair behandeln, daß er stirbt“, sagte Dschou Juees Gattin. „Wer außer Euch, aufopferungsvoller Schwägerin könnte diesen großen und weitläufigen Haushalt aufrechterhalten? Man sagt immer, wir Frauen könnten das nicht. Selbst ein ausgewachsener Mann mit sechs Armen und drei Köpfen würde an dieser Belastung verzweifeln, da bin ich sicher! Was für ein Blödsinn wird da geredet!“ Während sie redete, lachte sie auf.
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„Sie haben ja noch nicht gehört, daß Leute von außerhalb noch blöder sind! Vor einiger Zeit, als Dschou Juee nach Hause kam, erzählte er, daß jemand von außerhalb versucht herauszubekommen, wie wohlhabend die Familie ist. Manche erzählen, „die Djias haben einige Gemächer für Silber und einige für Gold! Jedes Möbelstück im Haus ist aus Gold und mit Jadesteinen verziert!“ Manche lästern über die kaiserliche Nebenfrau: „Ihre Tochter am Hofe, ist die Frau des Kaisers. Natürlich wird der Kaiser die Hälfte seines Reichtums dem Mädchen geschenkt haben. Als sie damals zu ihrem großen Besuch war, sahen wir mit unseren eigenen Augen, daß sie Fuhren Gold und Silber mit sich brachte, so daß sich zu Hause die Reichtümer wie ein Kristallpalast auftürmten … Und als die Familie zu der großen Feier am Tempel einlud, hat sie dafür zigtausend Tael Silber ausgegeben, das hat sie noch nicht einmal gejuckt! Manche sagten, daß die Steinlöwen vor dem Haupttor aus massiver Jade seien, und im Garten gibt es ein goldenes Kylin-Fabeltier, ursprünglich seien es zwei gewesen, bis eines gestohlen wurde! Von den Damen in der Familie Djia braucht man gar nicht zu sprechen. Selbst die Dienstmädchen würden sich kaum bewegen, tränken Wein, spielten Go, musizierten und malten Kalligraphie. Es gäbe unvorstellbar viele Diener. Sie kümmern sich nur darum, was sie anziehen, was sie essen, was sie tragen; kennen normale Menschen nicht. Und die Kinder! So verwöhnt, daß selbst wenn sie nach einem Mondscheinstrahl verlangten, sich jemand auf den Weg machen würde, einen zu besorgen, daß die kleinen Lieblinge damit spielen können! Es gibt sogar ein Lied über Sie:
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‚Familie Ning-guo, Familie Jung-guo
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Gold, Silber und Reichtum ist wie Kot und Erde.
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Sie können sich nicht arm fressen und nicht arm anziehen.
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Wenn man es zusammenrechnet ...’“
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Frau Dschou brach in der Mitte ab. Die letzten zwei Zeilen ihres Liedes lauteten wirklich:
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„Wenn man sie zusammenrechnet, ist alles nichts!“
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Sie hatte sich von ihrer eigenen Darbietung davontragen lassen, sie schluckte, und es verschlug ihr die Sprache. Hsi-fëng konnte erahnen, daß das Lied eine bittere Pointe hatte.
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„Das ist nicht so schlimm,“ bemerkte sie beiläufig, „nur was könnte die Geschichte des goldenen Kylins begründet haben?“
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„Es muß das kleine Kylin gemeint sein, welches der alte Abt Dschang dem zweiten jungen Herrn Bau im Tempel gegeben hat“, antwortete Frau Dschou. „Er verlor es, und einige Tage später fand das junge Fräulein Schï es für ihn wieder. Eine solche Kleinigkeit ist schon genug für diese Stadtleute, um ihre Fäden herumzuspinnen! Sind sie nicht alle lächerlich, gnädige Frau?“ –
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„Ich finde das nicht unbedingt witzig“, antwortete Hsi-fëng, „es ist eher beängstigend. Bei uns wird es Tag für Tag schwieriger, und die Leute draußen reden so etwas. Es gibt ein bekanntes Sprichwort: Ein Mensch fürchtet die Berühmtheit, ein Schwein die Fettleibigkeit. Das Schlimmste ist, daß es bei uns nur so scheint. Manchmal frage ich mich, wohin das ganze führen soll.“ –
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„Ich verstehe Eure Sorgen, gnädige Frau“, sagte die Gemahlin Dschou Juees Frau. „Doch Geschwätz wie dieses kursiert bestimmt mindestens schon ein Jahr in der Stadt, in den Teestuben und Weinläden, in jeder Passage. Wie könnte man den Mund von so vielen stopfen?“
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Hsi-fëng nickte. Sie wies Ping an, ein Paar Tael Silber abzuwiegen und gab sie Dschou Juees Frau.
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„Gib dies Dsï-djüan. Sag’, es sei nur eine Kleinigkeit von mir, um zusätzliche Dinge zu kaufen. Falls noch weitere Anschaffungen anfallen sollten, soll sie sich nicht scheuen, es zu sagen. Trotzdem, keine Rede mehr von Vorschüssen. Ich weiß, daß Dsï-djüan ein kluges Kind ist und versteht, was ich meine. Sag’ ihr, daß ich hinüber gehen werde, um nach Fräulein zu sehen, wenn ich Zeit habe.“
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Dschou Juees Frau nahm das Geld und ging, um die Anweisungen auszuführen.
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Djia Liän ging nach draußen, sah einen Dienstboten auf ihn zukommern, der ihm berichtete: „Der Herr wünscht den zweiten Herrn zu sprechen.“ Djia Liän lief direkt zu [seinem Vater] Djia Schë.
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„Vorhin habe ich gehört, daß der Kaiserliche Hofarzt und zwei Berater verlangt werden, weil jemand am Hof krank ist“, sagte Djia Schë. „Ich denke, daß es [unsere Tochter] die kaiserliche Nebenfrau ist. Haben wir in den letzten Tagen etwas von ihr gehört.“
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„Nein, nichts“, antwortete Djia Liän.
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„Geh los und frage den zweiten Herrn und deinen Onkel Dschën“, sagte Djia Schë. „Find heraus, ob sie mehr darüber wissen. Wenn nicht, schicke jemanden, der sich im Kaiserlichen Krankenhaus erkundigt. Wir müssen herausbekommen, um was es geht.“ –
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„Ja, Vater.“
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Djia Liän verfolgte beide Erkundungslinien gleichzeitig, entsendete einen seiner Männer zum Krankenhaus, während er sich eiligst auf den Weg machte, Djia Dschëng und Djia Dschën zu besuchen.
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„Wo hast du das denn gehört?“, fragte Djia Dschëng, nachdem er die Geschichte gehört hatte.
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„Gerade eben von dem alten Herrn.“ –
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„Du solltest mit deinem Vetter Dschën zusammen zum kaiserlichen Krankenhaus gehen und sehen, was man dort herausfinden kann.“
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„Ich habe bereits jemanden zum Krankenhaus geschickt“, antwortete Djia Liän, „um zu sehen, ob es etwas Neues gibt.“
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Während er sprach, machte er sich auf den Weg, um Djia Dschën zu suchen. Er sah aber, daß ihm Djia Dschën entgegenkam, und erzählte ihm, was los war. Dieser entgegnete: „Ja, Ich habe das gleiche auch gehört. Der alte und der zweite Herr gehen auch dorthin.“ Beide gingen zusammen wieder zu Djia Dschëng, der sagte:
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„Wenn es die kaiserliche Nebenfrau Yüan ist, werden wir gewiß früher oder später darüber aufgeklärt.“
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Während er sprach, kam auch noch Djia Schë dazu.
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Am Mittag warteten die vier immer noch auf die Rückkehr von Kundschaftern aus dem Krankenhaus, als einer der Torwächter eintrat, um die Ankunft zweier Eunuchen aus dem Palast mit einer kaiserlichen Nachricht für die zwei Herren anzukündigen.
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„Führ sie herein,“ befahl Djia Schë und ging mit Djia Dschëng zum inneren Tor, um sie zu begrüßen. In der Art der Manchus knieten die Brüder nieder und gaben Ehrenbekundungen wie „Die allerdemütigsten Diener der kaiserlichen Nebenfrau“ von sich, bevor sie die kaiserliche Delegation durch den Torweg und über den Innenhof zur Empfangshalle führten, wo sie jene baten, sich zu setzen. Einer der Eunuchen erhob sich und sagte:
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„Die kaiserliche Nebenfrau, fühlte sich vorgestern unwohl. Gestern befahl der Kaiser, daß vier Verwandten aus Eurer Familie sie im Palast besuchen. Jeder Dame ist es gestattet, ein Dienstmädchen zur Begleitung zu wählen. Mehr ist nicht erforderlich. Männliche Verwandte dürfen nur bis zu den Palasttoren voranschreiten und ihre Karten vorlegen. Sie dürfen nicht weitergehen, sollen jedoch ihre Huldigung bezeugen und außerhalb des Tores weitere Anweisungen erwarten. Morgens sollen Sie zwischen  neun bis elfUhr ankommen, abends zwischen siebzehn und neunzehn Uhr abreisen.“
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Djia Dschëng und Djia Schë und alle anderen Anwesenden empfingen den Erlaß stehend. Als er geendet hatte, setzten sie sich wieder hin und boten den Eunuchen Tee an, danach verabschiedete sich die kaiserliche Gesellschaft. Djia Schë und Djia Dschëng sahen ihnen bis zum Haupttor nach und gingen wieder hinein, um der Herzoginmutter davon zu berichten.
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„Vier?“, fragte die Herzoginmutter. „Eure beiden Damen und ich selber sind drei. Für wen ist der vierte Platz bestimmt?“
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Nach einer Weile des Nachdenkens fuhr die Herzoginmutter fort: „Damit muß Hsi-fëng gemeint sein. Sie findet sich in jeder Situation zurecht. Nun, ihr Männer geht jetzt und besprecht das.“
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Djia Schë und Djia Dschëng nickten, brachen unverzüglich auf und gaben Anweisungen, daß abgesehen von Djia Liän und Djia Jung, deren Aufgabe es war, zu bleiben und sich um die beiden Wohnhäuser zu kümmern, ein volles Aufgebot aller Generationen erwartet würde. Darauf wurden die Diener beauftragt, vier der besten grünen Hofsänften der Familie ausstaffieren zu lassen und mehr als zehn große Wagen<ref>大车. In der Ausgabe Cheng B steht hier: 翠蓋车, etwa: Wagen mit blauen Baldachinen.</ref> und all dies vor dem ersten Licht des Tages herzurichten. Die Diener gingen eilig ihrer Arbeit nach, während Djia Schë und Djia Dschëng zu einer letzten Besprechung mit der Herzoginmutter zurückkehrten.
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„Wir müssen zwischen sieben und neun Uhr ankommen und zwischen siebzehn und neunzehn Uhr herauskommen. Es scheint ratsam, noch früher als gewöhnlich aufzustehen, wenn wir am Morgen unverzüglich aufbrechen wollen. Wir brauchen ausreichend Zeit, um uns für den Hof herzurichten.“
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„Nun gut“, antwortete die Herzoginmutter, „ihr könnt jetzt gehen.“
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Schë und Dschëng entfernten sich, verließen die Herzoginmutter mit Dame Hsing, Dame Wang und Hsi-fëng. Sie sprachen eine Weile über die Krankeit der kaiserlichen Nebenfrau Yüän und über Belanglosigkeiten und zogen sich für die Nacht zurück.
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Am nächsten Morgen noch vor Tagesanbruch, zündeten Mägde die Lichter in allen Wohnungen an, und die Damen begannen, sich herzurichten. Um fünf Uhr, als die Damen bereit waren, und die Herren ihren feierlichen Gewändern den letzten Schliff verliehen hatten, kamen Lin Dschï-hsiau und Lai Da zum Inneren Tor, um zu berichten, daß die Sänften und Wagen wie angeordnet draußen bereit stünden. Djia Schë und die Dame Hsing kamen an, und die Gesellschaft war vollständig. Nach dem Frühstück, welches sie zusammen einnahmen, führte die Herzoginmutter, die sich auf Hsi-fëngs Arm stützte, alle hinaus, und der Hausstand versammelte sich, als die vier Damen, jede von einer einzigen Magd begleitet, langsam hinausgingen. Eine Vorhut, bestehend aus Li Guee und einem Älteren, ritt zu den äußeren Toren des Palastes, um die Vorbereitungen abzusprechen. Alle Generationen der Familie Djia stiegen in ihre Wagen oder setzten sich auf ihre Pferde. Die Prozession schloß sich an und mit Gefolgsleuten, die den Zug begleiteten, bewegten sie sich über die Straßen. Djia Liän und Djia Jung blieben zurück, um die beiden Wohnsitze zu beaufsichtigen.
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Die Prozession hielt unter dem Westwall-Tor an, einem der äußeren Tore der Verbotenen Stadt, und kurz darauf traten die Eunuchen hervor, um anzukündigen:
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„Angehörige der Familie Djia! Die Damen werden jetzt den Palast für ihren privaten Besuch betreten. Die Herren treten vor und halten am inneren Tor. Sie werden den inneren Bereich nicht betreten, sondern von dort ihre Ehrerbietungen erweisen.“
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Die Männer am Tor drängten die Gesellschaft herein. Ein jüngerer Eunuch leitete die vier Sänften der Damen weiter, während die Herren, ihre Diener am äußeren Tor zurücklassend, den Sänften gemessenenSchrittes zu Fuß folgten. Als sie sich dem inneren Tor näherten, konnten sie dort einige ältere Eunuchen sitzen sehen, die sich erhoben, als die Prozession ankam, und meldeten:
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„Herren der Djia Familie! Haltet hier!“
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Djia Schë und Djia Dschëng ließen ihre Männer außerhalb des Tores ihre Stellung beziehen, während die Sänften der Damen unter dem inneren Tor anhielten, wo die Damen ausstiegen. Eine Eskorte jüngerer Eunuchen zeigte den Weg, und die Djia Damen, jede am Arm von ihrer Magd gestützt, gingen zu Fuß weiter in den inneren Bereich des Palastes, bis sie vor sich die überreich verzierte Fassade und die glanzvoll verglasten Dachziegel der Kaiserlichen Schlafgemächer der Konkubinen vor sich sahen.
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Zwei junge Kammerfrauen kamen ihnen entgegen, um sie darüber aufzuklären, daß die einzig notwenige Formalität ein Knicks sei. Die Wertschätzung für diese Gunst bekundend, näherten sich die Besucher dem Bett und knicksten der Reihe nach. Die kaiserliche Nebenfrau Yüän forderte sie auf, sich zu setzen, was sie nach einem freundlichen Zögern auch taten. Zuerst sprach sie zur Herzoginmutter:
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„Sind Sie bei guter Gesundheit?“
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An ihre Magd gelehnt, erhob sich die Herzoginmutter zitternd und antwortete:
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„Dank der wohltätigen Aura der kaiserlichen Nebenfrau bin ich noch wohlauf.“
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Die kaiserliche Nebenfrau Yüän sprach nun weiter zu den Damen Wang und Hsing, die beide auf die gleiche Art antworteten. Dann wandte sie sich an Hsi-fëng:
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„Wie läuft es zu Hause?
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Hsi-fëng erhob sich.
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„Wir schaffen es, zurechtzukommen, kaiserliche Nebenfrau“, antwortete sie und setzte sich hin.
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„Ich schätze“, sagte die kaiserliche Nebenfrau Yüän, „daß es in den vergangenen Jahren nicht leicht für euch war.“
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Hsi-fëng war dabei, sich wieder zu erheben und zu antworten, als eine Kammerfrau mit vielen offiziellen Karten zur Begutachtung für die kaiserliche Nebenfrau eintrat. Als sie die Familiennamen erkannte, fühlte die kaiserliche Nebenfrau Yüän einen stechenden Schmerz und Tränen liefen ihr über die Wangen. Die Kammerfrau nahm ein Seidentaschentuch, mit dem sie ihre Tränen wegwischte und sagte dabei:
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„Es geht mir heute ein wenig besser, bitte sag’ es ihnen. Und bitte sie, draußen zu warten.“
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Die Djia Damen erhoben sich noch einmal und drückten ihre Dankbarkeit aus. Die kaiserliche Nebenfrau Yüän Augen waren immer noch gefüllt mit Tränen.
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„Familien einfachen Standes sind so viel glücklicher als wir! Wenigstens können sie zusammen sein!“
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Der Herzoginmutter und den anderen standen auch die Tränen in den Augen.
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„Wir flehen die kaiserliche Nebenfrau an, nicht traurig zu sein. Euer erhabener Segen ließ unsere Familie sich bereits tausendfach glücklich fühlen.“
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„Wie geht es Bau-yü?“, fragte die kaiserliche Nebenfrau Yüän.
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„Er nimmt seine Studien zur Zeit sehr ernst“, antwortete die Herzoginmutter. „Sein Vater war sehr streng mit ihm, er entwickelt sich langsam zu einem kleinen Gelehrten.“
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„Ich bin sehr froh, das zu hören.“
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Die kaiserliche Nebenfrau Yüän gab Anweisungen, das Mittagessen in der äußeren Empfangshalle servieren zu lassen, und zwei Kammerfrauen, von vier jüngeren Eunuchen unterstützt, geleiteten sie hinaus. Die Sitzordnung wurde in Übereinstimmung mit der Rangordnung der Dija Familie festgelegt und die Damen setzten sich nieder zu einem tadellosen Mahl, Einzelheiten brauchen wir nicht schildern.
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Als das Mittagessen vorüber war, dankten die Herzoginmutter und ihre drei Schwiegertöchter<ref>Wörtlich übersetzt. Gemeint sind die zwei Schwiegertöchter Dame Hsing und Dame Wang, sowie die Schwiegerenkelin Hsi-fëng.</ref> für das Essen und blieben noch eine Weile. Schließlich sahen sie, daß es bald fünf Uhr war und aus Angst, die Vorgabe zu überschreiten, machten sie sich auf den Weg. Die kaiserliche Nebenfrau Yüän schickte eine ihrer Kammerfrauen, sie bis zum inneren Tor zu begleiten, wo bereits dieselben vier Eunuchen warteten, sie hinauszuführen. Die  Herzoginmutter  und  ihre Begleitung bestiegen ihre Sänften und wurden
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zum äußeren Tor getragen, wo sie Djia Schë und die Männer antrafen. Die ganze Familie kehrte so in ihrer Prozession zurück.
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Der Besuch wurde am nächsten Tag wiederholt und am Tag darauf und da die Prozeduren alle miteinander die gleichen waren, müssen wir dies hier nicht weiter ausführen.
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Währenddessen erging es der Familie Hsüä immer schlechter. Seit Hsia Djin-guee Hsüä Pan rausgeworfen hatte, hatte sie niemals Mangel an Partnern gespürt. Tjiu-ling zog aus, und lebte bei Bau-tschai, und die einzig übriggebliebene Person in diesem Bereich war Bau-tschan. Doch seit ihrer Beförderung in des Herren Bett, hatte sich Bau-tschan eine neue Selbstversicherung besorgt und Djin-guee beobachtete bald, daß ihre List, Bau-tschan Pan zu geben, versagt hatte. Ihre Magd wurde in der Tat ihre größte Rivalin. ‚Nun gut‘, dachte sie bei sich eines Tages, nachdem sie viel getrunken hatte und auf ihrem Ofenbett mit weinerlichem Gemüt lag, ‚laß uns sehen, was sie wert ist ...‘ Eine Runde oder zwei mit Bau-tschan könnte genau das Selters sein, das sie brauchte.
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„Komm schon!“ verhöhnte sie sie. „Wohin ist unser prächtiger Herr bloß verschwunden? Wo versteckt er sich? Du weißt es, natürlich weißt du es, oder?“
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„Ich habe nicht die geringste Ahnung“, antwortete Bau-tschan. „Wenn er es euch nicht erzählt hat, meine Herrin, wird es wohl sonst keiner wissen.“
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„Verschone mich bloß mit „Herrin! Das ist doch auch Eure Welt geworden“, sagte Djin-guee mit einem hämischen Lächeln. „Andere Leute können wir nicht verärgern, die haben Beschützer. Ich wage es auch nicht, auf dem Kopf des Tigers nach Flöhen zu suchen. Doch du bist immer noch meine Magd, von dir muß ich mir keine Frechheiten gefallen lassen! Du versteckst Sachen vor mir. Wenn du deiner selbst so sicher bist, warum machst du nicht weiter und erwürgst mich? Dann haben du und Tjiu-ling euer Ziel erreicht! Wer möchte denn dann die Dame werden? Leider bin ich noch nicht tot und stehe Euch im Weg!“
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Bau-tschan konnte dies nicht so hinnehmen. Sie schaute Djin-guee an:
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„Herrin, das was Sie erzählt haben, kann ja nur von fremden Leuten stammen. Ich habe der Herrin gar nicht widersprochen. Die Herrin möchte die anderen nicht verärgern, warum müssen Sie das an mir auslassen, der kleinen schwachen? Tatsächlich tut ihr immer so, als hättet ihr nichts gehört. Alle sind immer unschuldig.“
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Beim Sprechen fing sie an, laut zu weinen. Djin-guee wurde noch wütender, stand vom Ofenbett auf und wollte sie schlagen. Bau-tschan hatte den Charakter der Familie Hsia und wollte kein Stück zurückweichen. Djin-guee überhörte Bau-tschans Unschuldsbeteuerungen und schlug mit voller Wucht Tische und Stühle kurz und klein.
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Frau Hsüä war gerade in Bau-tschais Zimmer und hörte den fürchterlichen Lärm, den sie machten.
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„Hsiang-ling,“ befahl sie, ohne nachzudenken, „geh hinüber und sieh nach, was los ist! Bring’ sie dazu, sich zu beruhigen.“
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„Du kannst unmöglich Hsiang-ling schicken,“ erinnerte sie Bau-tschai. „Das ist wie Öl ins Feuer zu gießen.“
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„Nun gut, dann gehe ich eben selbst“, erklärte Frau Hsüä.
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„Tu das besser nicht, Mama,“ wandte Bau-tschai ein, „sie sollen das unter sich ausmachen. Ich fürchte, es gibt nichts, das wir tun können.“
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„Dieser Zustand ist einfach nicht tragbar!“ schrie Frau Hsüä und, von einer ihrer Mägde gestützt, begab sie sich in Richtung von Djin-guees Wohnung. Bau-tschai folgte ihr unwillig, gab dabei Hsiang-ling strenge Anweisungen, zurückzubleiben. Als sie sich Djin-guees Wohnung näherten, konnten sie innen den Sturm hören, der nicht abklingen wollte.
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„Was hat das alles zu bedeuten?“, rief Frau Hsüä. „Schaut euch nur an! Was für eine schändliche Art, sich zu benehmen! Ihr wißt, daß andere Leute euch hören können. Schämt ihr euch nicht für das, was die Verwandschaft wohl denken mag? Habt ihr keine Angst, euch zu Witzfiguren zu machen?“
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„Ich eine Witzfigur – das reicht!“ keifte Djin-guee von innen. „Eure ganze verkommene Familie ist eine Witzfigur. Es gibt keinen Familienvorstand, keine Dienstmagd, keine Ehefrau und Nebenfrau, das ist eine Welt der Chaoten! Ich wurde ganz anders erzogen, das kann ich euch sagen! Bei mir zu Hause kannte jeder seinen Platz. Ich habe genug in eurer Familie ertragen müssen!“
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„Schwägerin,“ flehte Bau-tschai, „Mutter ist nur gekommen, weil sie euch zwei kämpfen hörte. Falls du glaubst, sie hätte dich beleidigt, ist es nur, weil sie nicht zwischen der Herrin und Bau-tschan unterschied, sie war doch nur traurig. Mit Sicherheit meinte sie es nicht so. Wäre es nicht besser, in Ruhe zu erklären, was dir nicht gefällt, und wir alle finden gemeinsam eine friedliche Lösung? Arme Mutter, wir bekümmern sie noch zu Tode.“
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„Ja,“ fügte Frau Hsüä hinzu, „bevor du mich beschuldigst, erklär’ mir bitte, welche Probleme es gibt.“
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„So ein gutes Mädchen!“, sagte Djin-guee an Bau-tschai gewandt. „Ich bin sicher, so eine feine Dame wie du wird sicher einen guten Ehemann finden und in einem schönen Haus wohnen – nicht wie ich, ich sitze hier, wie eine lebendige Witwe, keine Verwandten um mich und werde von allen und jedem ausgenutzt! Was für eine Närrin ich nur bin! Verurteile mich nicht zu hart. Ich bin nur eine arme vaterlose Kreatur, die es nicht besser gelernt hat. Und ich bin sicher, es wäre dir lieber, wenn ich die schmutzigen Details von dem aussparen würde, was wirklich zwischen meinem Mann und großen und kleinen Damen vorgeht, ganz zu schweigen von den Dienstmägden!“
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Als Bau-tschai dies hörte, schämte sie sich und wurde wütend. Ihre Mutter in dieser Situation zu sehen, tat ihr im Herzen weh. Sie hielt die Luft an und sprach zur Schwägerin:
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„Schwägerin,“ flehte sie, „bitte sag’ nichts mehr. Niemand verurteilt dich, niemand nutzt dich aus – auch Tjiu-ling niemals.“
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Darauf begann Djin-guee auf ihr Ofenbett zu schlagen und schrie mit grellster Stimme:
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„Tjiu-ling! Wie kann man mich nur mit ihr vergleichen? Ich bin den Schlamm unter ihren Füßen nicht wert, nicht  wahr? Sie ist viel länger als ich hier, sie versteht euch und weiß, wie man euch Honig ums Maul schmiert und ich nicht, ich bin nur ein Neuankömmling! Ich kann das nicht. Wie könntet Ihr mich mit ihr vergleichen. Was solls. Wir können nicht alle Kaiserliche Nebenfrau sein; gehe besser deinen eigenen Weg und paß auf, daß du nicht so enden wirst wie ich, verheiratet mit einem dummen Tölpel und wie eine lebendige Witwe dasitzend, daß mich jeder beliebig verspotten kann!“
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Frau Hsüä hörte das, wurde sehr wütend, stand auf und sagte:
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„Ich verteidige sie nicht nur, weil sie meine Tochter ist; ich rate dir, hüte deinen Mund. Sie hat alles versucht, um sich mit dir zu vertragen, doch du hast nur im Sinn, sie weiter zu reizen. Was auch immer dein Problem ist, laß das arme Mädchen in Ruhe! Wenn du jemanden bestrafen willst, warum erwürgst du nicht mich stattdessen?“ –
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„Bitte werd du nicht auch noch böse, Mama,“ bettelte Bau-tschai. „Wir haben nur versucht zu helfen. Wenn alles, was wir tun, es nur noch schlimmer macht, denke ich ehrlich, wir sollten gehen. Laß uns ihr Zeit geben, über alles nachzudenken. Und du hör’ auf, noch weiteren Ärger zu verursachen!“ Die letzte Bemerkung war an Bau-tschan gerichtet.
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So gingen die beiden und kehrten in ihre eigene Wohnung zurück. Als sie den Hof durchquerten, sahen sie ein Dienstmädchen der Herzoginmutter mit Tjiu-ling herauskommen, und sie liefen ihnen entgegen, um sie zu grüßen.
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„Welchen Weg habt ihr genommen?“, fragte Frau Hsüä und fügte hinzu: „Wir hoffen, der Herzoginmutter geht es gut.“
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„Es geht ihr gut, vielen Dank, gnädige Frau“, antwortete die Magd. „Die Herzoginmutter trug mir auf, Euch ihre Hochachtung zu übermitteln, Euch für die Lychees zu danken, die Ihr letztens geschickt habt und Fräulein Tjin zu ihrer Verlobung zu gratulieren.“
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„Wann sind Sie denn gekommen?“, fragte Bau-tschai.
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„Vor einer ganzen Weile,“ war ihre Antwort. Frau Hsüä wurde rot, als sie bemerkte, wieviel die Magd mitgehört haben mußte.
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„Ich fürchte, bei uns ist es so chaotisch derzeit“, sagte sie, „wir müssen in euren Augen Witzfiguren sein.“
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„Ach, gnädige Frau, das ist nichts Ernstes“, sagte die Magd. „Jede Familie hat ihre kleinen Probleme. Das ist so natürlich wie das Klirren von Tellern im Picknickkorb. Ihr sorgt euch zu sehr.“
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Sie ging mit ihnen hinein und setzte sich einen Moment hin, bevor sie zur Herzoginmutter zurückkehrte.
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Eine Weile später, Bau-tschai war damit beschäftigt, Hsiang-ling Anweisungen zu geben, als Frau Hsüä plötzlich schrie:
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„Au! Meine linke Brust!“
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Sie legte sich nieder auf das Ofenbett und versetzte Bau-tschai und Hsiang-ling in große Panik. Doch wenn Sie den Ausgang dieser Begebenheit wissen wollen, müssen Sie zum nächsten Kapitel übergehen.
  
Bau-yü in der Hausschule mit seinem Lehrer Dai-ju. Aus: Jinyuyuan 1889b.
+
== Anmerkungen ==
strengungen ab. Wirst du ‚berühmt‘ oder wirst Du ‚nicht genügend Ehrfurcht haben‘?“ –
+
<references/>
„Ich gebe dir einen Monat Zeit, in der du deine alten Texte erneut gründlich durcharbeitest, und einen weiteren Monat, in dem du neue Texte studierst. Danach gebe ich dir Themen für Aufsätze. Wenn ich auch nur ein Zeichen von Nachlässigkeit bei dir entdecke, hast du keine Nachsicht von mir zu erwarten. Wie das Sprichwort sagt: ‚Das Erwachsenendasein bedeutet nicht zu faulenzen. Faulenzen führt zu Mißerfolg.‘ Wenn du ein guter Schüler sein willst, dann behältst du alles, was ich gesagt habe.“ – „Ja, Herr Lehrer.“
 
Und so müssen wir Bau-yü für den Moment verlassen, ihn zu seinen täglichen Studien schicken, die er widerstrebend absolviert. Während seiner Abwesenheit an der Schule, wurde der Hof der Freude am Roten so ruhig, daß er nicht mehr wiederzuerkennen war, und die Tage vergingen langsam und ereignislos. Hsi-jën fand sogar Zeit, etwas zu nähen. Eines Tages saß sie dabei, einen Betelnuß-Beutel zu besticken, und dachte darüber nach, daß Bau-yü jetzt beschäftigt war und daß die Mädchen doch nicht hungern müßten. Wäre dies bereits früher so gewesen, hätte Tjing-wën niemals ein solch elendes Ende ereilt. Arme Tjing-wën! Hsi-jën seufzte: „Wenn der Hase stirbt, weint der Fuchs.“ Sie weinte unbemerkt. Plötzlich dachte sie, sie könne nie Bau-yüs Frau werden, nur seine Konkubine. So wie Bau-yü mit seinen Mitmenschen umging, war er sehr vertrauenswürdig. Doch was wäre, wenn er vorhätte, eine fürchterliche Frau zu heiraten? War es ihr Schicksal, eine zweite You Örl-djie oder Hsiang-ling zu werden? Die Herzoginmutter und die Dame Wang ließen gelegentlich durchblicken, daß Hsi-fëng seine Braut werde. Damit war natürlich Dai-yü gemeint. Aber Dai-yü ist jemand, der immer zweifelt.
 
Bei diesen Gedanken  wurde  Hsi-jën  heiß  und ihr Herz raste.  Ihre Sticke­rei wurde ungenau. Schnell ließ sie diese liegen und begab sich seufzend zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß.
 
Dai-yü las ein Buch. Als sie Hsi-jën eintreten sah, rückte sie beiseite und forderte sie nickend auf, sich zu setzen.
 
„Ich hoffe, Sie fühlen sich ein wenig besser, Fräulein“, begann Hsi-jën, ängstlich darauf bedacht, den richtigen Ton zu treffen.
 
„Mir geht es etwas besser“, antwortete Dai-yü. „Was hast du daheim gemacht?“
 
„Jetzt, wo mein Herr in der Schule ist“, antwortete Hsi-jën, „ist es zu Haus sehr ruhig, deshalb dachte ich, ich komme kurz auf ein Schwätzchen vorbei.“
 
Dsï-djüan kam mit Tee herein, und Hsi-jën erhob sich schnell.
 
„Bleib’ sitzen, liebe Dsï-djüan.“ Sie lachte, als sie fortfuhr: „Ich hörte, daß Tjiu-wën sagte, daß du dich über uns lustig gemacht hast.“
 
„Ihr glaubt doch nicht, was sie da erzählt, oder?“, sagte Dsï-djüan mit einem Lächeln. „Alles, was ich meinte, war, daß, wenn mein Herr den ganzen Tag in der Schule ist, Schwester Bau verhindert war und nicht einmal Hsiang-ling vorbeikam, um uns zu besuchen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie langweilig das ist?“
 
Hsi-jën nutzte die Gelegenheit: „Hsiang-ling sagst du? Ach, das arme Mädchen! Sie tut mir so leid! Sie ist mit der Ehefrau von Herrn Pan aneinander geraten, sie hat es ja schwer! Sie ist sogar noch ärmer dran als eine gewisse Person ...“ An dieser Stelle hielt Hsi-jën zwei Finger hoch, um auf die zweite junge Frau des Hauses zu verweisen – Hsi-fëng. „Sie kann sich nicht einmal darum kümmern, was die Leute von ihr denken.“
 
Dai-yü fuhr fort: „Sie hat aber auch genügend ertragen. Weißt du noch, wie das Mädchen You Er gestorben ist!“.
 
„Ich weiß“, sagte Hsi-jën, „im Grunde sind doch beide Menschen. Nur ihre Einstellungen waren sehr verschieden. Wie kann man so giftig werden? Das ist nicht gut für den Namen der Familie.“
 
Dies war das erste Mal, daß Dai-yü Hsi-jën derart tratschen hörte, und sie begann, Verdacht zu schöpfen, was wirklich dahinter steckte.
 
„Das ist schwer zu beurteilen“, sagte sie, „in jeder familiären Angelegenheit muß entweder die eine oder die andere Seite gewinnen. Wenn es nicht der Ostwind ist, so ist es der Westwind.“ –
 
„Eine Konkubine kennt in ihrem Herzen ihren rechten Platz und wagt es nicht, jemand anderen zu ärgern“, sagte Hsi-jën.
 
An diesem Punkt der Unterhaltung hörte man die Stimme einer älteren Dame auf dem äußeren Hof.
 
„Wohnt hier Frau Lin? Ist sie hier?“ Hsüä-yän ging hinaus, um zu sehen, wer dort war und erkannte die Frau vage als eine von Frau Hsüäs Bediensteten.
 
„Was möchten Sie?“, fragte sie.
 
„Ich bin auf einem Botengang im Auftrag von Fräulein Bau-tschai“, antwortete die Dame, „etwas für Frau Lin.“
 
„Warten Sie einen Moment.“ Hsüä-yän ging hinein, um Dai-yü um Rat zu fragen. Diese beauftragte sie, die alte Dame herein zu lassen. Im Zimmer angelangt, machte sie einen Knicks vor Dai-yü, dann verdrehte sie die Augen und starrte sie neugierig an, sprach aber nicht davon, was sie hergebracht hatte. Dai-yü fühlte sich allmählich verwirrt und fragte danach, warum sie Bau-tschai geschickt habe.
 
„Einen Topf in Honig eingelegter Lychees wurde mir von Frau Bau-tschai aufgetragen, Ihnen zu bringen, Frau Lin“, antwortete die alte Dame, ihre Gesichtszüge entspannten sich zu einem Lächeln. Dann schaute sie zu Hsi-jën hinüber. „Ist das nicht das hübsche Dienstmädchen von Herrn Bau-yü?“
 
„Woher kennen Sie mich, liebe  Amme?“, fragte Hsi-jën. Die alte Dame lachte: „Nun, während wir stets das Zimmer von Frau Bau-tschai beaufsichti-gen, schaffen wir es kaum, mit der Herrin und Frau Bau-tschai für Besuche auszugehen, deshalb kennen sich die Mädchen untereinander nicht.Wir behalten allerdings all die jungen Mädchen, die uns über den Weg laufen, vage im Gedächtnis.“
 
Sie reichte Hsüä-yän den Topf, schaute noch einmal hinüber zu Dai-yü, wandte sich dann zurück zu Hsi-jën und sagte mit einem vertrauten Lächeln:
 
„Kein Wunder, daß unsere Herrin sagt, Herrin Dai-yü und Ihr Herr Djia Bau-yü seien füreinander geschaffen! In ihrem Aussehen gleicht sie wahrlich einer Fee!“
 
Hsi-jën machte einen gewagten Versuch, weitere Fehler abzuwenden.
 
„Komm, Amme, Sie sind sicher müde! Warum setzen Sie sich nicht und trinken eine Tasse Tee?“
 
„Ach nein – wir haben daheim zu viel zu tun“, die alte Dame schnatterte unbedacht weiter. „Wir sind drüben alle beschäftigt für Frau Luo-tjin. Und ich muß noch die zwei Töpfe mit Lychees hier von Frau Bau-tschai an Herrn Bau-yü abliefern.“
 
Sie verabschiedete sich und watschelte geschäftig aus dem Zimmer. Dai-yü, die  Bau-tschai zuliebe versucht hatte, ihren Ärger über die Art und Weise, wie die alte Frau hereinplatzte, zu verbergen, rief ihr nach:
 
„Bitte danke Frau Bau-tschai für dieses nette Geschenk.“
 
„Bla-bla-bla-bla-bla“, man konnte die alte Dame noch Selbstgespräche führen hören. „Außer Bau-yü hätte sich niemand eine so feine junge Dame aussuchen können.“
 
Dai-yü gab vor, nichts zu hören.
 
„Wirklich“, sagte Hsi-jën und versuchte, die ganze Sache mit einem Lachen abzutun, „wenn man erst so ein Alter erreicht hat, redet man meist nur noch Unsinn. Da weiß man nicht, ob man zanken oder einfach nur lachen soll.“
 
Hsüä-yän gab Dai-yü die Lychees.
 
Dai-yü sagte: „Mir ist nicht danach, räumst du sie weg?“
 
Sie unterhielten sich noch ein wenig und dann brach Hsi-jën auf.
 
Als Dai-yü an diesem Abend ihre Gemächer betrat, um sich für die Nacht umzukleiden, erblickte sie wieder die Lychees. Diese erinnerten sie an den Besuch der alten Dienstmagd und ließen den stechenden Schmerz wieder aufleben, den sie durch ihr taktloses Geschnatter erdulden mußte. Die Däm-merung brach an, und in der Stille schienen sie tausend düstere Gedanken einzuholen und ihre Seele zu erdrücken.
 
„Mit meiner Gesundheit geht es bergab..., und ich werde immer älter. Ich weiß, Bau-yü liebt mich mehr als jeden anderen. Aber Großmutter und Tante Wang haben es immer noch nicht bemerkt! Wenn doch nur meine Eltern dies schon arrangiert hätten, als sie noch am Leben waren... Doch angenommen, sie hätten es? Was wäre, wenn sie mich mit jemand anders verheiratet hätten? Wer wäre nur mit Bau-yü vergleichbar? Vielleicht bin ich letzten Endes so doch am besten bedient! Wenigstens gibt es noch etwas Hoffnung.“
 
Wie eine Spindel zwischen den Fäden bewegten sich ihre geheimen Hoffnungen und Ängste auf und ab und zogen sich immer fester und fester um ihr Herz. Endlich, mit einem Seufzen und einigen Tränen, fiel sie ermattet und niedergeschlagen in ihrem Kleid aufs Bett.
 
Nach einer Weile wurde sie eines jüngeren Dienstmädchens gewahr, welches eintrat und sagte:
 
„Frau Lin, Herr Djia Yü-tsun ist draußen und möchte Sie sehen.“ –
 
,Was er wohl möchte?‘, dachte Dai-yü bei sich selbst, ,ich bin keiner seiner regulären Schüler. Ich bin noch nicht mal ein Junge. Er unterrichtete mich lediglich als ich noch ein kleines Mädchen war. Schließlich hat er all die Male, als er Onkel Dschëng besuchte, nie nach mir gefragt, warum sollte ich ihn jetzt sehen müssen?‘
 
Sie trug der Magd auf, ihren größten Respekt zu übermitteln und Herrn Djia Yü-tsun für das Aufwarten zu danken, doch zu sagen, daß ihre schlechte Gesundheit von ihr verlange, im Bett zu bleiben.
 
„Aber Herrin“, sagte die Magd, „ich denke, er ist gekommen, um Ihnen zu gratulieren, es sind auch einige Leute aus Nanking gekommen.“
 
Während sie sprach, kam eine Gruppe, darunter Hsi-fëng, die Dame Hsing, die Dame Wang und Bau-tschai, ins Zimmer und verkündete jubelnd:
 
„Gratulation, meine Liebe! Und gute Reise!“ –
 
„Was meint ihr?“, fragte Dai-yü mit größter Verwunderung.
 
„Nun komm schon!“ Es war Hsi-fëng, die antwortete. „Tu doch nicht so, als hättest du die Neuigkeiten noch nicht gehört! Dein Vater wurde zum Getreideinspekteur der Provinz Hubei ernannt und ist eine zweite, sehr glückliche Ehe eingegangen. Er halte es nicht für gut für deine Gesundheit, dich hier ganz allein zu lassen, und fragte deshalb Djia Yü-tsun, ob er als Vermittler agieren könnte. Du bist verpflichtet einen Mann zu ehelichen, der dich in Verbindung mit deiner neuen Stiefmutter bringt, ich glaube, es handelt sich dabei auch um einen Witwer. Sie schickt Leute, um dich mit nach Hause zu nehmen. Es ist gut möglich, daß du dann direkt heiraten wirst. All dies war die Idee deiner Stiefmutter. Aus Sorge, daß du unterwegs nicht genügend behütet wirst, haben wir deinen Vetter Liän beauftragt, dich zu begleiten.“
 
Hsi-fëngs Worte ließen Dai-yü in Schweiß ausbrechen. Sie glaubte ihren Vater als Beamten dort stehen zu sehen. Sie begann, in Panik zu geraten und erwiderte trotzig:
 
„Das ist nicht wahr! Das ist alles ein Trick von Hsi-fëng!“
 
Sie sah, wie die Herrin Hsing der Herrin Wang einen bedeutungsvollen Blick zuwarf:
 
„Sie glaubt uns nicht. Komm, wir verschwenden unsere Zeit!“
 
„Tante Wang! Tante Hsing! Bitte geht nicht!“ Ihre Tränen zurückhaltend, flehte Dai-yü sie an. Doch sie erhielt keine Antwort. Alle schauten sie mit einem merkwürdigen Lächeln an und gingen dann gemeinsam fort.
 
Als sie nun da stand und die Frauen gehen sah, wurde sie von Panik ergriffen. Sie versuchte zu sprechen, doch das einzige Geräusch, das ertönte, war ein ersticktes Schluchzen tief aus ihrer Kehle. Dann blickte sie um sich und sah, daß man sie bereits zu den Gemächern der Herzoginmutter gebracht hatte. Im selben Moment dachte sie bei sich: „Großmutter ist die einzige, die mich noch retten kann!“ Sie kniete vor der alten Dame und umfaßte sie.
 
„Rette mich Großmutter, bitte! Ich sterbe lieber als mit ihnen nach Süden zu gehen! Diese Stiefmutter ist überhaupt nicht meine wirkliche Mutter. Ich möchte einfach nur hier bei dir bleiben!“
 
Das Gesicht der Herzoginmutter ließ nur ein kaltes Lächeln erkennen. „Das hat nichts mit mir zu tun.“ –
 
„Doch was wird jetzt aus mir, Großmutter?“, schluchzte sie.
 
„Die zweite Ehefrau eines Mannes zu sein, hat seine Vorteile“, antwortete die Herzoginmutter. „Denke nur an die doppelte Mitgift.“ – „Wenn ich bleibe, werde ich dir keinen zusätzlichen Aufwand bereiten, ich verspreche es. Oh bitte rette mich!“ – „Das hilft dir nicht“, sagte die Herzoginmutter. „Alle Mädchen heiraten und verlassen das Haus. Du bist ein Kind und verstehst von solchen Dingen nichts. Du kannst hier nicht für immer leben, das weißt du doch.“ – „Ich würde alles tun, um zu bleiben – Ich werde für meine Bleibe arbeiten und Essen zubereiten, eine Sklavin sein, alles! Bitte hilf mir!“ Die Herzoginmutter antwortete nicht. Dai-yü umarmte sie wieder und schluchzte: „Oh, Großmutter! Du warst immer so gut zu mir, hast dich so um mich ge­kümmert – wie kannst du dich gar nicht mehr um mich kümmern, wo ich dich wirklich brauche? Sorgst du dich denn gar nicht mehr um mich? Ich bin zwar keines von deinen wirklichen Enkelkindern, eine echte Djia wie die anderen, aber meine Mutter war deine eigene Tochter, dein eigen Fleisch und Blut! Ihr zuliebe hab Erbarmen mit mir! Bitte beschütze mich!“
 
Mit diesen letzten Worten warf sie sich wie verrückt an die alte Dame, begrub den Kopf in ihren Schoß und schluchzte gewaltig.
 
„Yüan-yang“, befahl die alte Dame, „bring Frau Dai-yü in ihr Zimmer, um sich auszuruhen. Sie erschöpft mich.“
 
Die Entschlossenheit in der Stimme der Herzoginmutter war nicht zu verkennen. Für Dai-yü erschien Selbstmord als letzter Ausweg. Sie erhob sich, und als sie aus dem Zimmer ging, schmerzte es sie, daß sie keine Mutter mehr hatte. All die Zuneigung von ihrer Großmutter, ihren Tanten und Kusinen stellte sich nun als das heraus, was es wirklich war und immer war – eine Schau. Plötzlich dachte sie: „Ausgerechnet Bau-yü habe ich heute noch nicht gesehen. Er könnte noch einen Ausweg wissen!“ Und als dieser Gedanke ih-ren Geist durchdrang, blickte sie auf, und auf einmal stand Bay-yü höchstper­sönlich vor ihr.
 
Dieser sagte lachend: „Dann mal meine besten Glückwünsche, Schwe­ster­­herz!“
 
Das war zu viel für Dai-yü. Der letzte Rest ihrer damenhaften Zurückhaltung löste sich in Luft auf. Sie nahm ihn fest in die Arme und rief: „Jetzt weiß ich, wie herzlos und grausam du wirklich bist, Bau-yü!“ –
 
„Nein, das stimmt nicht“, antwortete er. „Du hast jetzt deine eigene Familie, so müssen wir getrennte Wege gehen.“
 
Dai-yü hörte immer verzweifelter zu und wußte nicht mehr, wie sie aus dieser Situation herauskommen soll. Hilflos klammerte sie sich an ihn und weinte:
 
„Oh, Bau-yü! Wieso läßt du mich mit jemand anderem fortgehen?!“
 
„Wenn du nicht gehen willst, dann bleib’ hier“, antwortete er gelassen. „Ursprünglich warst du mir versprochen. Deshalb kamst du zu uns. Wie habe ich dich immer behandelt, hast du nichts bemerkt?“
 
Plötzlich schien alles klar. Sie war also doch Bau-yü versprochen. Natürlich war sie es! In einem Zug wandelte sich ihre Traurigkeit in Freude.
 
„Ich habe mich festgelegt bis zum Tode. Aber du mußt mir sagen: Soll ich gehen oder bleiben?“
 
„Ich habe dir gesagt, du sollst hier bei mir bleiben. Wenn du mir immer noch nicht vertraust, sieh in mein Herz!“
 
Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und stach sich in die Brust. Das Blut schoß hervor. Voller Entsetzen versuchte Dai-yü, den Blutstrom mit der Hand zu stillen, und schrie:
 
„Wie konntest du nur? Du hättest mich zuerst töten sollen!“ – „Beruhige dich!“, sagte Bau-yü, „ich zeige dir jetzt mein Herz.“
 
Er tastete in dem offenen Fleisch herum, um das Herz zu finden, während Dai-yü zitterte, weinte und fürchtete, daß es noch schlimmer würde, sie hielt ihn fest und weinte bitterlich.
 
„Oh nein!“, sagte Bau-yü, „es ist nicht mehr da! Meine Zeit ist gekommen!“
 
Seine Augen flackerten, und er fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Dai-yü gab einen durchdringenden Schrei von sich. Sie hörte Dsï-djüan nach ihr rufen:
 
„Frau Lin! Frau Lin! Sie haben einen Alptraum! Wachen Sie auf! Nun kommen Sie schon, Sie müssen sich ausziehen und richtig schlafen!“
 
Dai-yü drehte sich um. Es war alles nur ein Alptraum. Doch sie konnte immer noch ihre beinahe zugeschnürte Kehle spüren, ihr Herz raste immer noch, die Oberseite ihres Kissens war schweißgetränkt, und ein kribbelnder, eisiger Schauer lief über ihren Rücken, der sogar ihr Herz erkalten ließ.
 
,Mutter und Vater starben vor langer Zeit. Bau-yü und ich waren niemals verlobt‘, dachte sie bei sich, ,wie konnte ich nur so etwas träumen?‘
 
Die Szenen ihres Traumes kamen ihr wieder vor Augen. Sie überlegte, daß sie in dieser Welt auf sich allein gestellt war. Angenommen Bau-yü stürbe wirklich – was dann? Der Gedanke allein reichte aus, all den Schmerz und die Verwirrung wiederzubringen. Sie begann zu weinen, und feine Reihen von Schweißperlen bedeckten ihren gesamten Körper. Letztlich rappelte sie sich auf, zog ihr Gewand aus und trug Dsï-djüan auf, ihr Bett herzurichten. Sie legte sich wieder hin und begann sich hin und her zu wälzen, unfähig zu schlafen. Sie konnte das zarte Säuseln des Windes außerhalb des Fensters hö-ren – oder war es der Nieselregen, der sanft auf das Dach fiel? Auf einmal ließ der Klang nach, und sie glaubte, jemanden in der Ferne nach ihr rufen zu hören. Doch es war nur Dsï-djüan, die bereits eingeschlafen war und in einer Ecke des Raumes schnarchte. Mit großer Mühe kämpfte sich Dai-yü aus dem Bett, wickelte die Bettdecke um sich und stand auf. Ein eisiger Durchzug aus einem Riß im Fensterrahmen brachte sie selbst unter der Decke zum Frö­steln. Sie begann gerade einzuschlummern, als die Spatzen ihren Dämmerungschor aus ihren Nestern im Bambus einleiteten. Das erste Licht des Tages drang eben durch die Fensterläden.
 
Dai-yü war nun wieder hellwach und begann zu husten. Dsï-djüan erwachte sofort.
 
„Immer noch wach, Frau Lin? Auch noch husten – es klingt als hätten Sie sich erkältet. Es ist beinahe hell, bald wird es Morgen! Bitte versuchen Sie nicht zu viel nachzudenken und ruhen Sie sich aus. Sie müssen schlafen.“
 
„Ich will nicht schlafen“, antwortete Dai-yü. „Was soll gut daran sein? Ich kann einfach nicht.“ – „Du wirst aber trotzdem schlafen.“ Diese Worte wurden von einem weiteren Hustenanfall unterbrochen.
 
Dsï-djüan betrachtete die Gestalt von Frau Lin, wurde traurig und wollte nicht wieder schlafen gehen. Als sie wieder ihr Husten hörte, eilte sie hinüber, um einen Spucknapf zu besorgen. Inzwischen dämmerte es draußen.
 
„Willst du nicht mehr schlafen?“, fragte Dai-yü.
 
„Schlafen?“, antwortete Dsï-djüan heiter. „Es ist schon Tag.“
 
„Wenn das so ist, könntest du den Spucknapf wechseln?“
 
„Gewiß, Frau Lin.“
 
Dsï-djüan legte den vollen Spucknapf auf einen Tisch außerhalb des Zimmers und besorgte zügig einen neuen, den sie am Fuße des Ofenbetts plazierte. Als sie dann die Tür des Zimmers sorgfältig hinter sich geschlossen und die blumenbestickte Gardine heruntergelassen hatte, ging sie hinaus, um Hsüä-yän zu wecken, und nahm den vollen Spucknapf mit sich. Als sie den Napf gerade auskippen wollte, betrachtete sie ihn genauer und entdeckte zu ihrem Entsetzen etwas Blut im Schleim.
 
„Meine Güte!“ stieß sie aus. „Wie schrecklich!“
 
„Was ist denn los?“, rief Dai-yü plötzlich von innen.
 
„Ach, nichts, Herrin!“
 
Dsï-djüan versuchte ihr bestes, ihren Fehler zu vertuschen. „Der Spucknapf verrutschte in meiner Hand und ist beinahe heruntergefallen.“ – „Hast du nichts Merkwürdiges im Schleim gefunden?“
 
„Oh nein, Herrin.“ Dsï-djüan hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts mehr sagen. Tränen strömten ihr über die Wangen.
 
Dai-yü hatte bereits einen süßlichen Geschmack im Mund bemerkt und schon Verdacht geschöpft, ihre Vermutungen wurden noch durch Dsï-djüans Schreck verstärkt und nun auch noch von dem unverkennbaren Ausdruck von Traurigkeit in der Stimme.
 
Dai-yü fühlte sich in ihrem Herzen zu acht bis neun Zehntel darin be­stä­tigt und rief darauf hin Dsï-djüan: „Komm herein, draußen könntest du dich erkälten.“
 
„Ich komme, Herrin“, sagte sie, ihre Stimme klang noch jämmerlicher als zuvor. Ihr traurig schniefender Klang ließ Dai-yü erzittern. Die Tür öffnete sich, und sie trat ein, tupfte dabei immer noch ihre Augen mit einem Taschentuch trocken.
 
„Nun komm her“, sagte Dai-yü, „so früh morgens am weinen?“
 
„Wer weint?“, sagte Dsï-djüan und versuchte zu lächeln. „Ich fühle mich nur ein wenig unwohl so früh am Morgen, und meine Augen jucken ein wenig, das ist alles. Sie waren diese Nacht länger auf als je zuvor, nicht wahr, Herrin? Ich konnte sie die ganze Nacht husten hören.“
 
„Ich weiß. Je mehr ich nach Schlaf verlangte, desto wacher wurde ich.“
 
„Es geht Ihnen nicht gut, Herrin. Ich denke, all die Sorgen ruinieren Ihre Gesundheit. Und eine gute Gesundheit ist wie der Berg in dem Sprichwort: Bewahre den Berg grün, bewahre den Berg grün, und du wirst in keinem Winter mehr Holz zum Heizen entbehren. Nebenbei, jeder hier sorgt sich sehr um Sie. Ihre Großmutter, die Herrinnen, einfach jeder!“
 
Wie konnte Dsï-djüan auch wissen, daß das bloße Aufzählen dieser heimischen Namen, die dazu gedacht waren, sie zu beruhigen und zu trösten, die Schrecken ihres Alptraumes wieder erweckten? Dai-yü fühlte ihr Herz trommeln, ihr wurde schwarz vor Augen, und sie war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Dsï-djüan holte schnell den Spucknapf herbei, während Hsüä-yän sanft den Rücken klopfmassierte. Nach einer Weile spie sie einen weiteren Mund voll Schleim aus. Darin waren dicke sich windende Fäden dunkelroten Blutes. Die beiden Dienstmädchen waren blaß vor Angst. An beiden Seiten wurde sie von ihnen gestützt, bis sie schließlich, kaum bei Bewußtsein, niedersank. Dsï-djüan, welcher ihr schwerer Zustand durchaus bewußt war, schaute zu Hsüä-yän, und sie ließ sie eilig jemanden rufen.
 
Hsüä-yän war kaum aus der Tür, da kamen bereits Tsuee-lou und Tsui-mo lachend in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gelaufen.
 
„Wann kommt Frau Dai-yü aus dem Haus?“ erkundigte sich Tsuee-lou erheitert. „Meine Herrin und die dritte Herrin Frau Tan-tschun sind beide bei der vierten Herrin Frau Hsi-tschun, um das Gemälde der vierten Herrin bewundern.“
 
Hsüä-yän winkte mit der Hand ab.
 
Beide erschraken und fragten: „Was ist denn los?“ Hsüä-yän schilderte ihnen, was passiert war, worauf sie vor Entsetzen erstarrten.
 
„Das Ganze ist todernst! Warum hast du der Herzoginmutter noch nichts erzählt? Wie schrecklich! Wie konntest du so dumm sein!“
 
„Ich war gerade auf dem Weg als ihr ankamt“, antwortete Hsüä-yän.
 
„Wer redet da draußen?“, rief Dsï-djüan aus dem Schlafzimmer. „Frau Dai-yü möchte es wissen.“
 
Die drei gingen gemeinsam hinein, um Dai-yü eingehüllt im Bett liegend zu finden.
 
„Worüber all die Aufregung?“, fragte sie. „Wer erzählt solche Geschichten?“
 
Es war Tsui-mo, die antwortete:
 
„Frau Tan-tschun und Frau Hsiang-yün sind eben hinüber zu Frau Hsi-tschun, um das Gemälde der vierten Herrin zu bewundern, und sie schickten uns, Sie zu fragen, ob Sie daran teilnehmen möchten, Frau Lin. Es tut uns leid zu hören, daß es Ihnen nicht gut geht.“
 
„Es ist nichts Ernstes“, sagte Dai-yü. „Ich fühle mich nur ein wenig schwach, das ist alles. Es wird besser, wenn ich mich ausgeruht habe. Gebt ihr Frau Tan-tschun und Frau Hsiang-yün Bescheid, daß sie nach dem Mittagessen doch zu mir kommen mögen, wenn sie nicht zu beschäftigt sind? Ich nehme an, Herr Bau-yü war noch nicht dort, oder doch?“ –
 
„Nein, Herrin“, antworteten sie. Tsui-mo sagte: „Herr Bau-yü war die letzten paar Tage täglich in der Schule, und der Herr kontrolliert jeden Tag die Hausaufgaben, so kann er hier nicht mehr so herumspringen, wie er es sonst tut.“
 
Dai-yü war still und in Gedanken versunken. Die zwei Dienstmädchen standen dort noch eine Weile und zogen sich dann diskret zurück.
 
Am Lotus-Pavillon wurde Hsi-tschuns Gemälde, eine Übersicht über den Garten, von Tan-tschun und Hsiang-yün nach seinem ästhetischen Wert begutachtet. Zu viel hier, nicht genug dort, etwas zu dünn aufgetragen. Ein Platz, zu dicht ineinander gedrängt. Sie dachten an eine lyrische Inschrift und wünschten dafür Dai-yüs Rat. Sie diskutierten miteinander, als Tsuee-lou und Tsui-mo zurückkamen und sehr nervös wirkten. Hsiang-yün war die erste, die fragte:
 
„Warum ist Fräulein Dai-yü nicht mit euch gekommen?“ –
 
„Sie hatte letzte Nacht einen schweren Rückfall, Herrin“, antwortete Tsuee-lou, „und hustete die ganze Nacht über. Laut Hsüä-yän war der Schleim in ihrem Spucknapf mit Blut durchsetzt.“ –
 
„Bist du sicher?“, fragte Tan-tschun bestürzt.
 
„Ziemlich sicher“, antwortete Tsuee-lou.
 
„Wir waren eben dort, um nach ihr zu sehen, Herrin“, sagte Tsui-mo. „Sie sieht fürchterlich aus und hat kaum Kraft zu sprechen.“
 
„Wenn sie so krank ist, wird sie kaum in der Lage sein zu sprechen“, sagte Hsiang-yün unverblümt.
 
Tan-tschun sagte: „Was für ein Unsinn, Yun! Daß sie nicht sprechen kann, bedeutet doch nicht schon...“
 
Tan-tschun brach mitten im Satz ab.
 
„Dai hat einen wachen Geist“, sagte Hsi-tschun. Doch sie hat immer die Angewohnheit, alles zu ernst zu nehmen. Wenn sie doch nur über allem stehen könnte.“
 
„Wir müssen ohnehin losgehen und schauen, wie es ihr geht“, sagte Tan-tschun. „Wenn es wirklich ernst ist, rufen wir besser Tante Wang und lassen es Großmutter wissen, so daß sie einen Arzt holen können und herausfinden, was zu tun ist.“
 
Hsiang-yün stimmte zu und sie und Tan-tschun machten sich mit einigen der jüngeren Dienstmädchen auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hsi-tschun sagte, sie werde später nachkommen.
 
Zu sehen, wie die Mädchen in ihr Zimmer kamen, verursachte Dai-yü ein merkwürdiges Gefühl und ließ sie noch mehr über ihren Traum nachdenken.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 83

省宫闱贾元妃染恙 / 闹闺阃薛宝钗吞声

Eine Unpäßlichkeit der kaiserlichen Nebenfrau Djia Yüan[-tschun] – Rufe nach einem FamilienbesuchUngehorsamkeit in den inneren Gemächern – Das Leid der Hsüä Bau-tschai.

Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Tan-tschun und Hsiang-yün, die gerade im Begriff waren zu gehen, draußen eine Stimme hörten. Diese rief: „Was macht so ein kleiner Unruhestifter wie du überhaupt im Garten? Du bist nichts als eine Plage!“ Dai-yü stieß plötzlich einen fürchterlichen Schrei aus: „Ich kann hier nicht länger bleiben!“ Sie verdrehte die Augen und bewegte eine Hand in Richtung des Fensters. Tatsächlich litt Dai-yü nach all der Zeit, trotz der beständigen Liebe und dem Schutz der Herzoginmutter, immer noch unter dem Gefühl, ein „Außenseiter im Garten“ zu sein. Anscheinend dachte sie, die alte Amme hätte sie beschimpft, und stellte sich sofort folgende Verschwörung vor: Irgendjemand, der sich einen Vorteil davon verschaffen wollte, schickte diese Amme, um sie, ein feines Hoffräulein und Waise, öffentlich zu verhöhnen. Sie glaubte, ihr Herz und ihre Eingeweide müßten zerreißen. Diese Ungerechtigkeit war mehr, als sie ertragen konnte. Sie weinte und wurde ohnmächtig. „Was ist los, Fräulein?“, Dsï-djüan war selbst in Tränen aufgelöst. „Bitte wacht auf!“ Tan-tschun rief auch eine Weile, und endlich kam Dai-yü zu sich. Sie konnte nicht sprechen, die Hand zeigte immer noch in Richtung des Fensters. Tan-tschun verstand. Sie öffnete die Tür und entdeckte draußen eine alte Amme mit einem Stock in der Hand, mit welchem sie ein schmutziges kleines Mädchen verfolgte. „Ich versuche, mit meiner Gartenarbeit voranzukommen“, schimpfte sie. „Du hast hier nichts verloren. Warte nur, bis wir zu Hause sind und ich dich in die Finger bekomme! Ich werde es dir schon zeigen!“ Das kleine Mädchen verdrehte den Kopf, steckte einen Finger in den Mund und starrte die alte Amme mit einem frechen Grinsen an. „Habt ihr beide den Verstand verloren?“, rief Tan-tschun in strengem Ton. „Wie kannst du hier herumschimpfen?“ Als die alte Amme sah, dass es Tan-tschun war, nahm sie sich geschickt zusammen und antwortete mit ihrem schmeichelhaftesten Lächeln: „Dies hier ist meine Enkelin. Sie hat mich gesehen und ist mir hierher gefolgt. Ich hatte Angst, daß das Kind Krach macht, deshalb schimpfe ich, um sie nach Hause zu scheuchen. Meine Liebe, hätte ich bedacht, wo ich bin, hätte ich niemals so meine Stimme erhoben.“ „Das reicht“, sagte Tan-tschun, „geht beide fort. Fräulein Lin fühlt sich heute nicht gut, – also beeilt euch und verschwindet!“ „Sehr wohl, Fräulein! Auf der Stelle, Fräulein!“ Die alte Amme setzte sich in Bewegung, und ihre Enkelin folgte ihr. Als sie wieder eintrat, fand Tan-tschun Hsiang-yün Dai-yüs Hand halten und hilflos weinen, während Dsï-djüan Dai-yü mit der einen Hand stützte und mit der anderen Dai-yüs Brust massierte. Langsam kehrte wieder Leben in Dai-yüs Augen und sie blickte auf. Tan-tschun lächelte freundlich: „Fühltest du dich angegriffen durch das, was die alte Amme sagte?“ Dai-yü antwortete mit einem kraftlosen Kopfschütteln. „Sie hat ihre eigene Enkelin angeschrien,“ Tan-tschun fuhr fort zu erklären: „Sie erzählte mir alles. Menschen wie sie sind das Letzte. Sie wissen niemals, wann sie den Mund zu halten haben.“ Dai-yü seufzte und hielt Tan-tschuns Hand. „Oh Tan...“, sie weinte kläglich, doch konnte nichts weiter sagen. „Komm, zerbrich dir nicht den Kopf“, sagte Tan-tschun. „Wir sind Kusinen und Kusinen halten zusammen. Deshalb kam ich zu dir. Nebenbei, du kannst mir ein bißchen behilflich sein. Hör’ zu, alles, was du tun mußt, ist vernünftig deine Medizin zu nehmen und die Dinge von ihrer guten Seite zu betrachten, bald wird sich deine Kraft wieder herstellen. Dann können wir wieder unsere Treffen im Poesie-Verein abhalten, wie könnte das nicht gut werden.“ „Die dritte Schwester Tan hat recht, wie könnte das nicht lustig werden“ wiederholte Hsiang-yün. – „Ach, wenn ihr wüßtet!“ seuftze Dai-yü. „Ich fühle mich so schwach. Ich denke nicht, daß ich durchkomme.“ „So sollten wir nicht reden“, sagte Tan-tschun. „Wir alle werden mal krank, und wir alle haben unsere Sorgen. Du hast keinen Grund, so pessimistisch zu sein. Sei einsichtig und ruhe dich gut aus. Wir gehen besser zur alten Dame. Wir kommen dann später wieder, um nach dir zu sehen. Wenn es irgendetwas gibt, das du brauchst, sag’ es Dsï-djüan, sie wird mir Bescheid sagen.“ „Gute Tan, wenn du die alte Dame siehst, sag’ ihr bitte, daß ich sie auch besuchen möchte, mach’ einen Knicks für mich, ich fühle mich nur ein bißchen schlecht, es ist keine große Krankheit. Ich will nicht, daß sie sich Sorgen macht.“ Tränen flossen über Dai-yüs Gesicht, während sie sprach. „Natürlich. Doch nun rege dich nicht mehr auf. Ruhe dich aus, und es wird besser.“ Tan-tschun und Hsiang-yün machten sich auf den Weg. Als sie gegangen waren, legte Dsï-djüan Dai-yü wieder hin. Sie überließ alle Besorgungen Hsüä-yüan und blieb die ganze Zeit an Dai-yüs Seite, wobei sie versuchte, ihren Kummer zurückzuhalten. Dai-yü schloß die Augen und lag einen Moment ruhig da. Doch der Schlaf kam nicht. Der Garten draußen, der sonst immer ein Paradies der Ruhe und Einsamkeit war, schien durch Geräusche sehr belebt – der Wind, das Summen der Insekten, das Schnattern der Vögel, der Klang menschlicher Schritte, Kinder, die in der Ferne schrieen – all dies zog leicht durch das Fenster und ging ihr auf die Nerven. Sie trug Dsï-djüan auf, einen Vorhang um ihr Bett herabzulassen. Sogleich erschien Hsüä-yän, die eine Schüssel Vogelnestsuppe bei sich trug und sie Dsï-djüan gab, welche durch die Vorhänge flüsterte: „Möchten sie etwas Suppe, Fräulein?“ Ein schwaches „Ja“ war von innen zu hören, Dsï-djüan reichte die Suppe einen Moment an Hsüä-yän zurück, um Dai-yü zu einer angenehmen Sitzposition zu helfen. Als sie sich umdrehte, um die Schüssel entgegenzunehmen, probierte sie selber den Inhalt und hielt sie vorsichtig an Dai-yüs Lippen, während sie behutsam einen Arm um ihre Schulter legte. Dai-yü öffnete kraftlos ihre Augen, nahm ein paar Schlucke und zeigte mit einem leichten Kopfschütteln an, daß sie nicht mehr schaffe. Dsï-djüan gab Hsüä-yän die Schüssel zurück, und legte sie sanft wieder hin. Für einige Minuten war alles still und Dai-yü schien friedvoller. Dann hörten sie außerhalb des Fensters ein Flüstern: „Ist Schwester Dsï-djüan hier?“ Hsüä-yän eilte hinaus. Es war Hsi-jën. „Komm herein,“ flüsterte sie. „Wie geht es dem Fräulein?“, fragte Hsi-jën. Sie gingen gemeinsam zum Eingang, und Hsi-jën lauschte entsetzt, als Hsüä-yän beschrieb, was an diesem Morgen und in der vorhergehenden Nacht geschehen war. „Kein Wunder!“, rief sie. „Tsuee-lü erzählte auch so etwas und der zweite junge Herr Bau war so besorgt, daß er mich sofort losgeschickt hat.“ Während sie redeten, hob Dsï-djüan den Vorhang an und winkte Hsi-jën zu, die leise in den Raum schlich: „Ist das Fräulein eingeschlafen?“ Dsï-djüan nickte. „Hast du, Schwester, es jetzt erst gehört?“, Hsi-jën nickte. Sie blickte finster drein und sagte: „Das ist schrecklich! Jemand hat mir letzte Nacht auch große Sorgen bereitet!“ „Was meinst du?“, fragte Dsï-djüan. Hsi-jën erzählte: „Als er an diesem Abend schlafen ging, schien noch alles in Ordnung. Doch mitten in der Nacht begann er fürchterlich zu schreien, zuerst über ein Stechen in seinem Herzen, dann darüber, erstochen zu werden – er war im Delirium und beruhigte sich nicht bis zum Morgengrauen. Wärst du nicht auch erschrocken gewesen? Er darf heute nicht in die Schule gehen, der Arzt wurde bereits gerufen, um ihm etwas zu verschreiben.“ Während sie redeten, hörten sie Dai-yü in ihrem Bett wieder husten, und Dsï-djüan eilte herbei, um den Spucknapf zu holen. Dai-yü öffnete leicht ihre Augen und fragte Dsï-djüan: „Mit wem redest du?“ – „Es ist Hsi-jën, Fräulein. Sie kam, um zu fragen, wie es dir geht.“ Während sie sprach, kam Hsi-jën ans Bett. Dai-yü bat Dsï-djüan, sie aufzurichten, und zeigte Hsi-jën an, sich auf den Bettrand zu setzen. Hsi-jën setzte sich auf die Ecke und sagte mit ihrer besten Krankenbett-Manier: „Sollten Sie nicht lieber liegen, Fräulein?“ – „Keine Sorge“, erwiderte Dai-yü, „übertreibe nicht! Von wem erzähltest du gerade eben, er habe heute Nacht einen stechenden Schmerz im Herzen gehabt?“ „Ach, das war nichts Ernstes!“, sagte Hsi-jën. „Es war nur ein Alptraum, den der zweite Herr Bau hatte.“ Dai-yü hatte sofort verstanden: ,Hsi-jën versucht aus Rücksicht, mich von meinem Kummer abzubringen. Sie war ihr dankbar, und gleichzeitig war sie schmerzlich berührt.‘ Sie versuchte es noch einmal, diesmal noch eindringlicher: „Was war das für einen Alptraum? Was hat er gesagt?“ „Ach, er hat gar nichts mehr gesagt“, sagte Hsi-jën. Dai-yü nickte nachdenklich und verharrte für einige Minuten still. Dann seufzte sie wieder und sagte: „Du solltest meine Krankheit dem zweiten Herrn Bau gegenüber nicht erwähnen. Es könnte seine Arbeit beeinträchtigen und ihm Ärger mit dem gnädigen Herrn [Dschëng] bescheren.“ „Natürlich nicht, Fräulein,“ versicherte Hsi-jën ihr. „Doch nun lege dich hin und ruhe dich aus.“ Dai-yü nickte und bat Dsï-djüan, sie niederzulegen. Hsi-jën blieb etwas länger an ihrer Seite, sagte ein paar tröstende Worte und brach auf. Als sie wieder in seinem Hof der Freude am Roten anlangte, berichtete sie, Dai-yü sei zur Zeit unpäßlich, doch daß es nichts Ernstes sei, dies beruhigte Bau-yü zutiefst. Tan-tschun und Hsiang-yün verließen die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und machten sich auf den Weg zum Hof der Herzoginmutter. Als sie gingen, warnte Tan-tschun Hsiang-yün: „Wenn wir die alte Dame sehen, sei bitte vorsichtig mit dem, was du sagst.“ Hsiang-yün nickte: „Das werde ich. Nur vorhin war ich von Herrin Dai-yüs Zustand so erschüttert, daß ich im Moment die Fassung verlor.“ Sie gelangten bei der Herzoginmutter an und Tan-tschun erwähnte Dai-yüs Krankheit. Wie sie es vorhergesehen hatte, war die Herzoginmutter sehr genervt: „Ausgerechnet meine zwei Jade-Enkel[1]sind mit soviel Krankheiten und Katastrophen übersät! Fräulein Lin muß ja krank werden von so viel Hin und Her in letzter Zeit. Ihre Gesundheit ist das Wichtigste. Ich weiß, daß sie sich zuviel Gedanken macht.“ Niemand wagte, etwas zu sagen. Sie wandte sich zu Yüan-yang: „Der Arzt kommt morgen, um nach Bau-yü zu sehen. Danach wird er bei Fräulein Lin vorbeischauen.“ – „Ja, meine Dame“, antwortete Yüan-yang und ging hinaus, um die Dienstmädchen zu unterweisen, welche die Anweisungen weitergaben. Tan-tschun und Hsiang-yün verweilten bei der Herzoginmutter bis zum Abendessen und kehrten gemeinsam in den Garten zurück. Am nächsten Tag kam der Doktor. Er schaute bei Bau-yü vorbei und berichtete, daß nur das Essen nicht ausgewogen genug war, er sei ein bißchen erkältet, das sei nichts Besonderes, er müsse sich nur ein wenig ausruhen, dann würde es schon wieder besser werden. Die Damen Wang und Hsi-fëng schickten das Rezept zur Herzoginmutter und schickten zur selben Zeit jemanden zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Bescheid zu sagen, daß der Arzt auf dem Weg sei. Dsï-djüan deckte Dai-yü eilig zu und ließ den Bettvorhang herunter, während Hsüä-yän schnell das Zimmer aufräumte. Dann traf bereits Djia Liän mit dem Arzt ein, er kündigte an, daß dies ihr vertrauter Hausarzt sei und die Mädchen nicht verschwinden müßten. Eine Amme hob den Vorhang hoch, Djia Liän führte den Arzt ins Zimmer und die beiden Männer setzten sich. Djia Liän begann: „Schwester Dsï-djüan, bitte erzähle Doktor Wang, was du über die Krankheit deiner Herrin weißt.“ „Langsam,“ warf der Arzt ein, „bitte erlaubt mir doch, zunächst ihren Puls zu messen, um meine eigene Diagnose zu machen. Dann können Sie mir sagen, ob ich richtig liege. Wenn ich daneben liege, korrigieren Sie mich bitte.“ Dsï-djüan setzte Dai-yü so hin, daß eine ihrer Hände für die Untersuchungen aus dem Vorhang herausragte, legte die Hand auf ein Kissen vor dem Bett und schob behutsam ihren Armreif und Ärmel beiseite, sodaß sie den Puls nicht behindern konnten. Der Arzt fühlte lange Zeit den Puls der einen Hand, dann den der anderen. Als er fertig war, zog er sich mit Djia Liän in den äußeren Raum zurück, wo sie sich beide setzten. „Alle sechs Pulse haben einen extrem langsamen Wert“, sagte der Arzt, „und verweisen auf eine fortgeschrittene schwere Krankheit.“ Während er sprach, erschien Dsï-djüan im Eingang. Der Arzt wandte sich ihr zu und sagte: „Der Zustand läßt sich wie folgt beschreiben: Schwächeanfälle, Appetitverlust, häufige Träume und unruhiger Schlaf in den frühen Morgenstunden; tagsüber Überempfindlichkeit und generell eine psychotische Empfindlichkeit gegenüber anderen Menschen. Außenstehende würden dies als Charakterzug mißdeuten, doch damit irren sie. Dies alles setzt sich zusammen aus einem Mangel an Yin in der Leber mit einer begleitenden fortschreitenden Herzschwäche. Stimmt meine Diagnose mit dem überein, was ihr beobachtet habt?“ Dsï-djüan nickte und sagte zu Djia Liän gewandt: „Sie haben es schon ganz richtig gesagt.“ „Gut“, sagte Doktor Wang, sich von seinem Stuhl erhebend. „Wir fahren fort.“ Djia Liän geleitete ihn aus dem Schlafzimmer heraus und hinüber in das Arbeitszimmer, wo die Dienstmädchen bereits rote Blätter für Rezepte bereit gelegt hatten. Tee wurde serviert, dann nahm Doktor Wang den Pinsel und schrieb: DIAGNOSE Die sechs Pulse sind langsam. Der Grund ist eine Ansammlung verschiedener Schwächen. Der linker Fernpuls ist schwach. Fortschreitende Herzschwäche. Der Hauptpuls ist stark und unregelmäßig. Die Leber (Holz) ist hyperaktiv. Ihre Kraft kann nicht abfließen. Das beeinträchtigt nach oben hin die Milz (Erde), das führt zu konsequentem Appetitverlust. Und das Ganze wird noch verstärkt durch eine Schwächung der Lunge (Metall). Daß die Körpersäfte nicht mehr richtig zirkulieren, hat den Schleim erstarren lassen. Aufwallen und Auswurf von Blut. Behandlung 1. Beruhigung der Leber. 2. Wiederherstellung der Lungen. 3. Stärkung von Herz und Milz. „Stärkungsmittel werden keine Wirkung zeigen. Für den Anfang schlage ich die Mischung ‚Schwarze ätherische Essenz‘ vor, dadurch wird die Lunge gestärkt und damit das Metall gefestigt. Hilft dies nicht, müssen Sie einen besseren Arzt kommen lassen.“ Der Arzt schrieb ein Rezept für sieben Zutaten und eine Zubereitungs-Anleitung. Djia Liän nahm das Papier und begutachtete die Liste. „Ich sehe, sie führen Sichelblättriges Hasenohr in dem Rezept auf“, sagte er. „Entschuldigen sie, wenn ich falsch liege, doch ich dachte es würde die Hyperaktivität des Blutkreislaufes erhöhen?“ „Es erhöht auch das Tji, so daß das schlechte Blut ausgespuckt wird“, antwortete Doktor Wang mit einem wissenden Lächeln. „Es ist wohlbekannt, daß im Falle von Bluthusten oder Nasenbluten dieses bestimmte Kraut kontraindiziert ist. Doch gestatte mir, dich darüber aufzuklären, daß es in Verarbeitung mit Schildkrötenblut (wie in meinem Rezept) das einzig effektive Heilmittel erzeugt, womit wir den Körpersaft der niederen Yang-Peripherie der Gallenblase ableiten können. Wie man sieht, hat die verständige Beimischung von Schildkrötenblut den bemerkenswerten Effekt, die Brechreiz-Eigenschaften vom Hasenohr zu fördern, während es das Yin der Leber wiederherstellt und die entzündlichen Störungen (Feuer) eindämmt. Mit den Worten des kaiserlichen Medizinbuchs: „Bekämpfe Durchfall mit Beruhigungsmittel, bekämpfe Verstopfungen mit Stärkungsmittel.“ Und die – auf den ersten Blick – paradoxe Verwendung von Hasenohr ist die klassische List aus der Han-Dynastie, daß sich ein loyaler Berater mit dem Thronräuber anfreundete.“ „Ich verstehe“, sagte Djia Liän verständig nickend. „Ach so verhält es sich also, das ist es.“ Der Arzt fuhr fort: „Ich hätte gern, daß sie zwei Dosen von dem Sud einnimmt, dann werden wir sehen, ob wir etwas an der Rezeptur ändern sollten oder zusammen eine neue anfertigen müssen. Ich habe jetzt einen weiteren Termin, bitte entschuldige Sie mich. Ich werde mich in den nächsten Tagen melden.“ Djia Liän begleitete den Arzt nach draußen und fragte ihn: „Und was haben sie meinem Vetter [Bau-yü] verschrieben?“ „Ach, er hat keine schwere Krankheit. Nur eine Dosis von dem Pulver, das ich ihm verschrieben habe, und alles ist wieder gut.“ Mit diesen Worten stieg Doktor Wang in seinen Wagen. Djia Liän schickte einen Diener, um die erforderlichen Arzneimittel zu besorgen, und ging wieder hinein, um Hsi-fëng über Dai-yüs Diagnose zu informieren. Sie hatten noch nicht lange miteinander gesprochen, da erschien Dschou Juees Frau, um mit Hsi-fëng über einige drängende Dinge in der Haushaltsführung zu sprechen. Nachdem sie eine Weile zugehört hatte, erhob sich Djia Liän, um aufzubrechen. „Berichten Sie ruhig der zweiten Herrin [Hsi-fëng] weiter, ich habe noch etwas zu erledigen.“ Nun, da er aus dem Zimmer war und der verbleibende Hausstand seiner Arbeit nachging, war Dschou Juees Frau in der Lage, zum eigentlichen Anliegen ihres Besuches zu kommen. „Ich komme gerade von Fräulein Lin. Ich kann ihren Anblick nicht ertragen! Da ist nicht ein Hauch Farbe auf ihren Wangen und wenn man sie berührt, spürt man nur Haut und Knochen. Ich fragte sie, was denn los sei, doch sie konnte nicht sprechen, saß nur da und weinte. Danach sagte mir Dsï-djüan, das Fräulein sei derzeit sehr krank. Wenn sie etwas brauche, sei sie zu stolz, um das zu äußern. Ich habe vor, die zweite Herrin [Hsi-fëng] zu fragen, ob sie ihr ein bis zwei Monate Geld borgen könne. Die Arznei wurde ja aus der Haushaltkasse bezahlt, aber sie benötigt das Geld für kleinere Ausgaben. Ich versicherte ihr, es an Sie weiterzuleiten, gnädige Frau.“ Hsi-fëng senkte ihren Kopf für einen Moment, antwortete dann: „In Ordnung, machen wir es so, ich schenke ihr einige Dutzend Tael Silber. Dennoch muß man es Fräulein Lin nicht erzählen. Das Geld für diesen Monat ist nicht einfach zu bezahlen. Wenn ich bei einer Person eine Ausnahme mache, wollen es andere auch. Beginnt man einmal damit, gibt es kein Ende mehr. Erinnerst du dich noch daran, als Frau Dschau und das dritte Fräulein [Tan-tschun] sich darüber lebhaft gestritten haben? Damals ging es auch um das Monatsgeld. Außerdem weißt du doch, daß wir derzeit hohe Ausgaben haben und wenig Einnahmen. Wir hoffen, daß wir über die Runden kommen.“ Nach einer Pause fuhr sie fort: „Manche behaupten, ich wirtschaftete schlecht. Manche böse Zungen behaupten, ich würde die Familie Wang auf Kosten der Familie Djia ernähren. Doch du weißt es besser, Schwägerin Dschou. Du bist ja eine gute Hauswirtschafterin, du weißt sicher Bescheid.“ – „Dieses Gerede kann ja wirklich jemanden so unfair behandeln, daß er stirbt“, sagte Dschou Juees Gattin. „Wer außer Euch, aufopferungsvoller Schwägerin könnte diesen großen und weitläufigen Haushalt aufrechterhalten? Man sagt immer, wir Frauen könnten das nicht. Selbst ein ausgewachsener Mann mit sechs Armen und drei Köpfen würde an dieser Belastung verzweifeln, da bin ich sicher! Was für ein Blödsinn wird da geredet!“ Während sie redete, lachte sie auf. „Sie haben ja noch nicht gehört, daß Leute von außerhalb noch blöder sind! Vor einiger Zeit, als Dschou Juee nach Hause kam, erzählte er, daß jemand von außerhalb versucht herauszubekommen, wie wohlhabend die Familie ist. Manche erzählen, „die Djias haben einige Gemächer für Silber und einige für Gold! Jedes Möbelstück im Haus ist aus Gold und mit Jadesteinen verziert!“ Manche lästern über die kaiserliche Nebenfrau: „Ihre Tochter am Hofe, ist die Frau des Kaisers. Natürlich wird der Kaiser die Hälfte seines Reichtums dem Mädchen geschenkt haben. Als sie damals zu ihrem großen Besuch war, sahen wir mit unseren eigenen Augen, daß sie Fuhren Gold und Silber mit sich brachte, so daß sich zu Hause die Reichtümer wie ein Kristallpalast auftürmten … Und als die Familie zu der großen Feier am Tempel einlud, hat sie dafür zigtausend Tael Silber ausgegeben, das hat sie noch nicht einmal gejuckt! Manche sagten, daß die Steinlöwen vor dem Haupttor aus massiver Jade seien, und im Garten gibt es ein goldenes Kylin-Fabeltier, ursprünglich seien es zwei gewesen, bis eines gestohlen wurde! Von den Damen in der Familie Djia braucht man gar nicht zu sprechen. Selbst die Dienstmädchen würden sich kaum bewegen, tränken Wein, spielten Go, musizierten und malten Kalligraphie. Es gäbe unvorstellbar viele Diener. Sie kümmern sich nur darum, was sie anziehen, was sie essen, was sie tragen; kennen normale Menschen nicht. Und die Kinder! So verwöhnt, daß selbst wenn sie nach einem Mondscheinstrahl verlangten, sich jemand auf den Weg machen würde, einen zu besorgen, daß die kleinen Lieblinge damit spielen können! Es gibt sogar ein Lied über Sie: ‚Familie Ning-guo, Familie Jung-guo Gold, Silber und Reichtum ist wie Kot und Erde. Sie können sich nicht arm fressen und nicht arm anziehen. Wenn man es zusammenrechnet ...’“ Frau Dschou brach in der Mitte ab. Die letzten zwei Zeilen ihres Liedes lauteten wirklich: „Wenn man sie zusammenrechnet, ist alles nichts!“ Sie hatte sich von ihrer eigenen Darbietung davontragen lassen, sie schluckte, und es verschlug ihr die Sprache. Hsi-fëng konnte erahnen, daß das Lied eine bittere Pointe hatte. „Das ist nicht so schlimm,“ bemerkte sie beiläufig, „nur was könnte die Geschichte des goldenen Kylins begründet haben?“ „Es muß das kleine Kylin gemeint sein, welches der alte Abt Dschang dem zweiten jungen Herrn Bau im Tempel gegeben hat“, antwortete Frau Dschou. „Er verlor es, und einige Tage später fand das junge Fräulein Schï es für ihn wieder. Eine solche Kleinigkeit ist schon genug für diese Stadtleute, um ihre Fäden herumzuspinnen! Sind sie nicht alle lächerlich, gnädige Frau?“ – „Ich finde das nicht unbedingt witzig“, antwortete Hsi-fëng, „es ist eher beängstigend. Bei uns wird es Tag für Tag schwieriger, und die Leute draußen reden so etwas. Es gibt ein bekanntes Sprichwort: Ein Mensch fürchtet die Berühmtheit, ein Schwein die Fettleibigkeit. Das Schlimmste ist, daß es bei uns nur so scheint. Manchmal frage ich mich, wohin das ganze führen soll.“ – „Ich verstehe Eure Sorgen, gnädige Frau“, sagte die Gemahlin Dschou Juees Frau. „Doch Geschwätz wie dieses kursiert bestimmt mindestens schon ein Jahr in der Stadt, in den Teestuben und Weinläden, in jeder Passage. Wie könnte man den Mund von so vielen stopfen?“ Hsi-fëng nickte. Sie wies Ping an, ein Paar Tael Silber abzuwiegen und gab sie Dschou Juees Frau. „Gib dies Dsï-djüan. Sag’, es sei nur eine Kleinigkeit von mir, um zusätzliche Dinge zu kaufen. Falls noch weitere Anschaffungen anfallen sollten, soll sie sich nicht scheuen, es zu sagen. Trotzdem, keine Rede mehr von Vorschüssen. Ich weiß, daß Dsï-djüan ein kluges Kind ist und versteht, was ich meine. Sag’ ihr, daß ich hinüber gehen werde, um nach Fräulein zu sehen, wenn ich Zeit habe.“ Dschou Juees Frau nahm das Geld und ging, um die Anweisungen auszuführen. Djia Liän ging nach draußen, sah einen Dienstboten auf ihn zukommern, der ihm berichtete: „Der Herr wünscht den zweiten Herrn zu sprechen.“ Djia Liän lief direkt zu [seinem Vater] Djia Schë. „Vorhin habe ich gehört, daß der Kaiserliche Hofarzt und zwei Berater verlangt werden, weil jemand am Hof krank ist“, sagte Djia Schë. „Ich denke, daß es [unsere Tochter] die kaiserliche Nebenfrau ist. Haben wir in den letzten Tagen etwas von ihr gehört.“ „Nein, nichts“, antwortete Djia Liän. „Geh los und frage den zweiten Herrn und deinen Onkel Dschën“, sagte Djia Schë. „Find heraus, ob sie mehr darüber wissen. Wenn nicht, schicke jemanden, der sich im Kaiserlichen Krankenhaus erkundigt. Wir müssen herausbekommen, um was es geht.“ – „Ja, Vater.“ Djia Liän verfolgte beide Erkundungslinien gleichzeitig, entsendete einen seiner Männer zum Krankenhaus, während er sich eiligst auf den Weg machte, Djia Dschëng und Djia Dschën zu besuchen. „Wo hast du das denn gehört?“, fragte Djia Dschëng, nachdem er die Geschichte gehört hatte. „Gerade eben von dem alten Herrn.“ – „Du solltest mit deinem Vetter Dschën zusammen zum kaiserlichen Krankenhaus gehen und sehen, was man dort herausfinden kann.“ „Ich habe bereits jemanden zum Krankenhaus geschickt“, antwortete Djia Liän, „um zu sehen, ob es etwas Neues gibt.“ Während er sprach, machte er sich auf den Weg, um Djia Dschën zu suchen. Er sah aber, daß ihm Djia Dschën entgegenkam, und erzählte ihm, was los war. Dieser entgegnete: „Ja, Ich habe das gleiche auch gehört. Der alte und der zweite Herr gehen auch dorthin.“ Beide gingen zusammen wieder zu Djia Dschëng, der sagte: „Wenn es die kaiserliche Nebenfrau Yüan ist, werden wir gewiß früher oder später darüber aufgeklärt.“ Während er sprach, kam auch noch Djia Schë dazu. Am Mittag warteten die vier immer noch auf die Rückkehr von Kundschaftern aus dem Krankenhaus, als einer der Torwächter eintrat, um die Ankunft zweier Eunuchen aus dem Palast mit einer kaiserlichen Nachricht für die zwei Herren anzukündigen. „Führ sie herein,“ befahl Djia Schë und ging mit Djia Dschëng zum inneren Tor, um sie zu begrüßen. In der Art der Manchus knieten die Brüder nieder und gaben Ehrenbekundungen wie „Die allerdemütigsten Diener der kaiserlichen Nebenfrau“ von sich, bevor sie die kaiserliche Delegation durch den Torweg und über den Innenhof zur Empfangshalle führten, wo sie jene baten, sich zu setzen. Einer der Eunuchen erhob sich und sagte: „Die kaiserliche Nebenfrau, fühlte sich vorgestern unwohl. Gestern befahl der Kaiser, daß vier Verwandten aus Eurer Familie sie im Palast besuchen. Jeder Dame ist es gestattet, ein Dienstmädchen zur Begleitung zu wählen. Mehr ist nicht erforderlich. Männliche Verwandte dürfen nur bis zu den Palasttoren voranschreiten und ihre Karten vorlegen. Sie dürfen nicht weitergehen, sollen jedoch ihre Huldigung bezeugen und außerhalb des Tores weitere Anweisungen erwarten. Morgens sollen Sie zwischen neun bis elfUhr ankommen, abends zwischen siebzehn und neunzehn Uhr abreisen.“ Djia Dschëng und Djia Schë und alle anderen Anwesenden empfingen den Erlaß stehend. Als er geendet hatte, setzten sie sich wieder hin und boten den Eunuchen Tee an, danach verabschiedete sich die kaiserliche Gesellschaft. Djia Schë und Djia Dschëng sahen ihnen bis zum Haupttor nach und gingen wieder hinein, um der Herzoginmutter davon zu berichten. „Vier?“, fragte die Herzoginmutter. „Eure beiden Damen und ich selber sind drei. Für wen ist der vierte Platz bestimmt?“ Nach einer Weile des Nachdenkens fuhr die Herzoginmutter fort: „Damit muß Hsi-fëng gemeint sein. Sie findet sich in jeder Situation zurecht. Nun, ihr Männer geht jetzt und besprecht das.“ Djia Schë und Djia Dschëng nickten, brachen unverzüglich auf und gaben Anweisungen, daß abgesehen von Djia Liän und Djia Jung, deren Aufgabe es war, zu bleiben und sich um die beiden Wohnhäuser zu kümmern, ein volles Aufgebot aller Generationen erwartet würde. Darauf wurden die Diener beauftragt, vier der besten grünen Hofsänften der Familie ausstaffieren zu lassen und mehr als zehn große Wagen[2] und all dies vor dem ersten Licht des Tages herzurichten. Die Diener gingen eilig ihrer Arbeit nach, während Djia Schë und Djia Dschëng zu einer letzten Besprechung mit der Herzoginmutter zurückkehrten. „Wir müssen zwischen sieben und neun Uhr ankommen und zwischen siebzehn und neunzehn Uhr herauskommen. Es scheint ratsam, noch früher als gewöhnlich aufzustehen, wenn wir am Morgen unverzüglich aufbrechen wollen. Wir brauchen ausreichend Zeit, um uns für den Hof herzurichten.“ „Nun gut“, antwortete die Herzoginmutter, „ihr könnt jetzt gehen.“ Schë und Dschëng entfernten sich, verließen die Herzoginmutter mit Dame Hsing, Dame Wang und Hsi-fëng. Sie sprachen eine Weile über die Krankeit der kaiserlichen Nebenfrau Yüän und über Belanglosigkeiten und zogen sich für die Nacht zurück. Am nächsten Morgen noch vor Tagesanbruch, zündeten Mägde die Lichter in allen Wohnungen an, und die Damen begannen, sich herzurichten. Um fünf Uhr, als die Damen bereit waren, und die Herren ihren feierlichen Gewändern den letzten Schliff verliehen hatten, kamen Lin Dschï-hsiau und Lai Da zum Inneren Tor, um zu berichten, daß die Sänften und Wagen wie angeordnet draußen bereit stünden. Djia Schë und die Dame Hsing kamen an, und die Gesellschaft war vollständig. Nach dem Frühstück, welches sie zusammen einnahmen, führte die Herzoginmutter, die sich auf Hsi-fëngs Arm stützte, alle hinaus, und der Hausstand versammelte sich, als die vier Damen, jede von einer einzigen Magd begleitet, langsam hinausgingen. Eine Vorhut, bestehend aus Li Guee und einem Älteren, ritt zu den äußeren Toren des Palastes, um die Vorbereitungen abzusprechen. Alle Generationen der Familie Djia stiegen in ihre Wagen oder setzten sich auf ihre Pferde. Die Prozession schloß sich an und mit Gefolgsleuten, die den Zug begleiteten, bewegten sie sich über die Straßen. Djia Liän und Djia Jung blieben zurück, um die beiden Wohnsitze zu beaufsichtigen. Die Prozession hielt unter dem Westwall-Tor an, einem der äußeren Tore der Verbotenen Stadt, und kurz darauf traten die Eunuchen hervor, um anzukündigen: „Angehörige der Familie Djia! Die Damen werden jetzt den Palast für ihren privaten Besuch betreten. Die Herren treten vor und halten am inneren Tor. Sie werden den inneren Bereich nicht betreten, sondern von dort ihre Ehrerbietungen erweisen.“ Die Männer am Tor drängten die Gesellschaft herein. Ein jüngerer Eunuch leitete die vier Sänften der Damen weiter, während die Herren, ihre Diener am äußeren Tor zurücklassend, den Sänften gemessenenSchrittes zu Fuß folgten. Als sie sich dem inneren Tor näherten, konnten sie dort einige ältere Eunuchen sitzen sehen, die sich erhoben, als die Prozession ankam, und meldeten: „Herren der Djia Familie! Haltet hier!“ Djia Schë und Djia Dschëng ließen ihre Männer außerhalb des Tores ihre Stellung beziehen, während die Sänften der Damen unter dem inneren Tor anhielten, wo die Damen ausstiegen. Eine Eskorte jüngerer Eunuchen zeigte den Weg, und die Djia Damen, jede am Arm von ihrer Magd gestützt, gingen zu Fuß weiter in den inneren Bereich des Palastes, bis sie vor sich die überreich verzierte Fassade und die glanzvoll verglasten Dachziegel der Kaiserlichen Schlafgemächer der Konkubinen vor sich sahen. Zwei junge Kammerfrauen kamen ihnen entgegen, um sie darüber aufzuklären, daß die einzig notwenige Formalität ein Knicks sei. Die Wertschätzung für diese Gunst bekundend, näherten sich die Besucher dem Bett und knicksten der Reihe nach. Die kaiserliche Nebenfrau Yüän forderte sie auf, sich zu setzen, was sie nach einem freundlichen Zögern auch taten. Zuerst sprach sie zur Herzoginmutter: „Sind Sie bei guter Gesundheit?“ An ihre Magd gelehnt, erhob sich die Herzoginmutter zitternd und antwortete: „Dank der wohltätigen Aura der kaiserlichen Nebenfrau bin ich noch wohlauf.“ Die kaiserliche Nebenfrau Yüän sprach nun weiter zu den Damen Wang und Hsing, die beide auf die gleiche Art antworteten. Dann wandte sie sich an Hsi-fëng: „Wie läuft es zu Hause? Hsi-fëng erhob sich. „Wir schaffen es, zurechtzukommen, kaiserliche Nebenfrau“, antwortete sie und setzte sich hin. „Ich schätze“, sagte die kaiserliche Nebenfrau Yüän, „daß es in den vergangenen Jahren nicht leicht für euch war.“ Hsi-fëng war dabei, sich wieder zu erheben und zu antworten, als eine Kammerfrau mit vielen offiziellen Karten zur Begutachtung für die kaiserliche Nebenfrau eintrat. Als sie die Familiennamen erkannte, fühlte die kaiserliche Nebenfrau Yüän einen stechenden Schmerz und Tränen liefen ihr über die Wangen. Die Kammerfrau nahm ein Seidentaschentuch, mit dem sie ihre Tränen wegwischte und sagte dabei: „Es geht mir heute ein wenig besser, bitte sag’ es ihnen. Und bitte sie, draußen zu warten.“ Die Djia Damen erhoben sich noch einmal und drückten ihre Dankbarkeit aus. Die kaiserliche Nebenfrau Yüän Augen waren immer noch gefüllt mit Tränen. „Familien einfachen Standes sind so viel glücklicher als wir! Wenigstens können sie zusammen sein!“ Der Herzoginmutter und den anderen standen auch die Tränen in den Augen. „Wir flehen die kaiserliche Nebenfrau an, nicht traurig zu sein. Euer erhabener Segen ließ unsere Familie sich bereits tausendfach glücklich fühlen.“ „Wie geht es Bau-yü?“, fragte die kaiserliche Nebenfrau Yüän. „Er nimmt seine Studien zur Zeit sehr ernst“, antwortete die Herzoginmutter. „Sein Vater war sehr streng mit ihm, er entwickelt sich langsam zu einem kleinen Gelehrten.“ „Ich bin sehr froh, das zu hören.“ Die kaiserliche Nebenfrau Yüän gab Anweisungen, das Mittagessen in der äußeren Empfangshalle servieren zu lassen, und zwei Kammerfrauen, von vier jüngeren Eunuchen unterstützt, geleiteten sie hinaus. Die Sitzordnung wurde in Übereinstimmung mit der Rangordnung der Dija Familie festgelegt und die Damen setzten sich nieder zu einem tadellosen Mahl, Einzelheiten brauchen wir nicht schildern. Als das Mittagessen vorüber war, dankten die Herzoginmutter und ihre drei Schwiegertöchter[3] für das Essen und blieben noch eine Weile. Schließlich sahen sie, daß es bald fünf Uhr war und aus Angst, die Vorgabe zu überschreiten, machten sie sich auf den Weg. Die kaiserliche Nebenfrau Yüän schickte eine ihrer Kammerfrauen, sie bis zum inneren Tor zu begleiten, wo bereits dieselben vier Eunuchen warteten, sie hinauszuführen. Die Herzoginmutter und ihre Begleitung bestiegen ihre Sänften und wurden zum äußeren Tor getragen, wo sie Djia Schë und die Männer antrafen. Die ganze Familie kehrte so in ihrer Prozession zurück. Der Besuch wurde am nächsten Tag wiederholt und am Tag darauf und da die Prozeduren alle miteinander die gleichen waren, müssen wir dies hier nicht weiter ausführen. Währenddessen erging es der Familie Hsüä immer schlechter. Seit Hsia Djin-guee Hsüä Pan rausgeworfen hatte, hatte sie niemals Mangel an Partnern gespürt. Tjiu-ling zog aus, und lebte bei Bau-tschai, und die einzig übriggebliebene Person in diesem Bereich war Bau-tschan. Doch seit ihrer Beförderung in des Herren Bett, hatte sich Bau-tschan eine neue Selbstversicherung besorgt und Djin-guee beobachtete bald, daß ihre List, Bau-tschan Pan zu geben, versagt hatte. Ihre Magd wurde in der Tat ihre größte Rivalin. ‚Nun gut‘, dachte sie bei sich eines Tages, nachdem sie viel getrunken hatte und auf ihrem Ofenbett mit weinerlichem Gemüt lag, ‚laß uns sehen, was sie wert ist ...‘ Eine Runde oder zwei mit Bau-tschan könnte genau das Selters sein, das sie brauchte. „Komm schon!“ verhöhnte sie sie. „Wohin ist unser prächtiger Herr bloß verschwunden? Wo versteckt er sich? Du weißt es, natürlich weißt du es, oder?“ „Ich habe nicht die geringste Ahnung“, antwortete Bau-tschan. „Wenn er es euch nicht erzählt hat, meine Herrin, wird es wohl sonst keiner wissen.“ „Verschone mich bloß mit „Herrin! Das ist doch auch Eure Welt geworden“, sagte Djin-guee mit einem hämischen Lächeln. „Andere Leute können wir nicht verärgern, die haben Beschützer. Ich wage es auch nicht, auf dem Kopf des Tigers nach Flöhen zu suchen. Doch du bist immer noch meine Magd, von dir muß ich mir keine Frechheiten gefallen lassen! Du versteckst Sachen vor mir. Wenn du deiner selbst so sicher bist, warum machst du nicht weiter und erwürgst mich? Dann haben du und Tjiu-ling euer Ziel erreicht! Wer möchte denn dann die Dame werden? Leider bin ich noch nicht tot und stehe Euch im Weg!“ Bau-tschan konnte dies nicht so hinnehmen. Sie schaute Djin-guee an: „Herrin, das was Sie erzählt haben, kann ja nur von fremden Leuten stammen. Ich habe der Herrin gar nicht widersprochen. Die Herrin möchte die anderen nicht verärgern, warum müssen Sie das an mir auslassen, der kleinen schwachen? Tatsächlich tut ihr immer so, als hättet ihr nichts gehört. Alle sind immer unschuldig.“ Beim Sprechen fing sie an, laut zu weinen. Djin-guee wurde noch wütender, stand vom Ofenbett auf und wollte sie schlagen. Bau-tschan hatte den Charakter der Familie Hsia und wollte kein Stück zurückweichen. Djin-guee überhörte Bau-tschans Unschuldsbeteuerungen und schlug mit voller Wucht Tische und Stühle kurz und klein. Frau Hsüä war gerade in Bau-tschais Zimmer und hörte den fürchterlichen Lärm, den sie machten. „Hsiang-ling,“ befahl sie, ohne nachzudenken, „geh hinüber und sieh nach, was los ist! Bring’ sie dazu, sich zu beruhigen.“ „Du kannst unmöglich Hsiang-ling schicken,“ erinnerte sie Bau-tschai. „Das ist wie Öl ins Feuer zu gießen.“ „Nun gut, dann gehe ich eben selbst“, erklärte Frau Hsüä. „Tu das besser nicht, Mama,“ wandte Bau-tschai ein, „sie sollen das unter sich ausmachen. Ich fürchte, es gibt nichts, das wir tun können.“ „Dieser Zustand ist einfach nicht tragbar!“ schrie Frau Hsüä und, von einer ihrer Mägde gestützt, begab sie sich in Richtung von Djin-guees Wohnung. Bau-tschai folgte ihr unwillig, gab dabei Hsiang-ling strenge Anweisungen, zurückzubleiben. Als sie sich Djin-guees Wohnung näherten, konnten sie innen den Sturm hören, der nicht abklingen wollte. „Was hat das alles zu bedeuten?“, rief Frau Hsüä. „Schaut euch nur an! Was für eine schändliche Art, sich zu benehmen! Ihr wißt, daß andere Leute euch hören können. Schämt ihr euch nicht für das, was die Verwandschaft wohl denken mag? Habt ihr keine Angst, euch zu Witzfiguren zu machen?“ „Ich eine Witzfigur – das reicht!“ keifte Djin-guee von innen. „Eure ganze verkommene Familie ist eine Witzfigur. Es gibt keinen Familienvorstand, keine Dienstmagd, keine Ehefrau und Nebenfrau, das ist eine Welt der Chaoten! Ich wurde ganz anders erzogen, das kann ich euch sagen! Bei mir zu Hause kannte jeder seinen Platz. Ich habe genug in eurer Familie ertragen müssen!“ „Schwägerin,“ flehte Bau-tschai, „Mutter ist nur gekommen, weil sie euch zwei kämpfen hörte. Falls du glaubst, sie hätte dich beleidigt, ist es nur, weil sie nicht zwischen der Herrin und Bau-tschan unterschied, sie war doch nur traurig. Mit Sicherheit meinte sie es nicht so. Wäre es nicht besser, in Ruhe zu erklären, was dir nicht gefällt, und wir alle finden gemeinsam eine friedliche Lösung? Arme Mutter, wir bekümmern sie noch zu Tode.“ „Ja,“ fügte Frau Hsüä hinzu, „bevor du mich beschuldigst, erklär’ mir bitte, welche Probleme es gibt.“ „So ein gutes Mädchen!“, sagte Djin-guee an Bau-tschai gewandt. „Ich bin sicher, so eine feine Dame wie du wird sicher einen guten Ehemann finden und in einem schönen Haus wohnen – nicht wie ich, ich sitze hier, wie eine lebendige Witwe, keine Verwandten um mich und werde von allen und jedem ausgenutzt! Was für eine Närrin ich nur bin! Verurteile mich nicht zu hart. Ich bin nur eine arme vaterlose Kreatur, die es nicht besser gelernt hat. Und ich bin sicher, es wäre dir lieber, wenn ich die schmutzigen Details von dem aussparen würde, was wirklich zwischen meinem Mann und großen und kleinen Damen vorgeht, ganz zu schweigen von den Dienstmägden!“ Als Bau-tschai dies hörte, schämte sie sich und wurde wütend. Ihre Mutter in dieser Situation zu sehen, tat ihr im Herzen weh. Sie hielt die Luft an und sprach zur Schwägerin: „Schwägerin,“ flehte sie, „bitte sag’ nichts mehr. Niemand verurteilt dich, niemand nutzt dich aus – auch Tjiu-ling niemals.“ Darauf begann Djin-guee auf ihr Ofenbett zu schlagen und schrie mit grellster Stimme: „Tjiu-ling! Wie kann man mich nur mit ihr vergleichen? Ich bin den Schlamm unter ihren Füßen nicht wert, nicht wahr? Sie ist viel länger als ich hier, sie versteht euch und weiß, wie man euch Honig ums Maul schmiert und ich nicht, ich bin nur ein Neuankömmling! Ich kann das nicht. Wie könntet Ihr mich mit ihr vergleichen. Was solls. Wir können nicht alle Kaiserliche Nebenfrau sein; gehe besser deinen eigenen Weg und paß auf, daß du nicht so enden wirst wie ich, verheiratet mit einem dummen Tölpel und wie eine lebendige Witwe dasitzend, daß mich jeder beliebig verspotten kann!“ Frau Hsüä hörte das, wurde sehr wütend, stand auf und sagte: „Ich verteidige sie nicht nur, weil sie meine Tochter ist; ich rate dir, hüte deinen Mund. Sie hat alles versucht, um sich mit dir zu vertragen, doch du hast nur im Sinn, sie weiter zu reizen. Was auch immer dein Problem ist, laß das arme Mädchen in Ruhe! Wenn du jemanden bestrafen willst, warum erwürgst du nicht mich stattdessen?“ – „Bitte werd du nicht auch noch böse, Mama,“ bettelte Bau-tschai. „Wir haben nur versucht zu helfen. Wenn alles, was wir tun, es nur noch schlimmer macht, denke ich ehrlich, wir sollten gehen. Laß uns ihr Zeit geben, über alles nachzudenken. Und du hör’ auf, noch weiteren Ärger zu verursachen!“ Die letzte Bemerkung war an Bau-tschan gerichtet. So gingen die beiden und kehrten in ihre eigene Wohnung zurück. Als sie den Hof durchquerten, sahen sie ein Dienstmädchen der Herzoginmutter mit Tjiu-ling herauskommen, und sie liefen ihnen entgegen, um sie zu grüßen. „Welchen Weg habt ihr genommen?“, fragte Frau Hsüä und fügte hinzu: „Wir hoffen, der Herzoginmutter geht es gut.“ „Es geht ihr gut, vielen Dank, gnädige Frau“, antwortete die Magd. „Die Herzoginmutter trug mir auf, Euch ihre Hochachtung zu übermitteln, Euch für die Lychees zu danken, die Ihr letztens geschickt habt und Fräulein Tjin zu ihrer Verlobung zu gratulieren.“ „Wann sind Sie denn gekommen?“, fragte Bau-tschai. „Vor einer ganzen Weile,“ war ihre Antwort. Frau Hsüä wurde rot, als sie bemerkte, wieviel die Magd mitgehört haben mußte. „Ich fürchte, bei uns ist es so chaotisch derzeit“, sagte sie, „wir müssen in euren Augen Witzfiguren sein.“ „Ach, gnädige Frau, das ist nichts Ernstes“, sagte die Magd. „Jede Familie hat ihre kleinen Probleme. Das ist so natürlich wie das Klirren von Tellern im Picknickkorb. Ihr sorgt euch zu sehr.“ Sie ging mit ihnen hinein und setzte sich einen Moment hin, bevor sie zur Herzoginmutter zurückkehrte. Eine Weile später, Bau-tschai war damit beschäftigt, Hsiang-ling Anweisungen zu geben, als Frau Hsüä plötzlich schrie: „Au! Meine linke Brust!“ Sie legte sich nieder auf das Ofenbett und versetzte Bau-tschai und Hsiang-ling in große Panik. Doch wenn Sie den Ausgang dieser Begebenheit wissen wollen, müssen Sie zum nächsten Kapitel übergehen.

Anmerkungen

  1. Bau-yü heißt wörtlich „Schatzjade“, Dai-yü „Kajaljade“.
  2. 大车. In der Ausgabe Cheng B steht hier: 翠蓋车, etwa: Wagen mit blauen Baldachinen.
  3. Wörtlich übersetzt. Gemeint sind die zwei Schwiegertöchter Dame Hsing und Dame Wang, sowie die Schwiegerenkelin Hsi-fëng.