Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 86"

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== 受私贿老官翻案牍 / 寄闲情淑女解琴书 ==
 
== 受私贿老官翻案牍 / 寄闲情淑女解琴书 ==
  
889b.
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'''Bestechung bringt einen alten Mandarin in Konflikt mit dem Lauf des GesetzesZeitvertreib mit einer jungen Dame, die die Philosophie des Zither-Spiels erklärt.'''
de­res, ganz zu Hsi-fëngs Erleichterung. Eine der jüngeren Mägde der Dame Wang erschien mit einem kleinen roten Päckchen.
 
„Wir haben etwas Bezoar gefunden, gnädige Frau. Die gnädige Herrin sagt, ihr sollt die Menge in zwei Rationen aufteilen und verwenden.“
 
Hsi-fëng bat die Magd, der Herzoginmutter ihren Dank auszusprechen. Wang nahm das Päckchen und trug Ping auf, die pulverisierten Perlen, Sumatrakampfer und Zinnober zusammen mit dem Bezoar in den vorgeschriebenen Mengen zusammenzukochen. Sie selbst wog die korrekte Menge des pulverisierten Bezoars aus und fügte es der Mixtur hinzu. Sie wartete, bis Tchiau-djie wieder aufwachte, um ihr dann den Trunk zu verabreichen.
 
Wer außer Djia Huan könnte genau in diesem Moment in den Raum platzen?
 
„Wie geht es Tchiau-djie, Kusine Hsi-fëng? Mutter schickte mich, um nachzufragen.“
 
Hsi-fëngs Nackenhaare sträubten sich immer vollständig, wenn sie ihn oder seine Mutter, Tante Dschau, sah.
 
„Es geht ihr etwas besser“, antwortete sie mit einem beißenden Ton. „Wenn du zurückgehst, sag’ deiner Mutter bitte, daß es mir leid tut, ihr so viel Ärger bereitet zu haben.“
 
Djia Huan murmelte etwas von Abschied, begann aber , im Zimmer herumzuschnüffeln.
 
„Sag’ mal“, sagte er nach einer Weile, „ich habe gehört, ihr habt etwas von diesem Bezoarzeug hier. Ich habe noch nie zuvor welches gesehen. Laß es mich doch mal ansehen.“
 
„Tchiau-djie erholt sich langsam“, sagte Hsi-fëng, „was winselst du dann noch hier rum? Die Bezoarsteine wurden bereits vollständig für ihren Trunk aufgebraucht.“
 
Dies vernehmend, faßte Djia Huan ungeschickt an die Bettvorhangs­quaste und warf dabei den heißen kochenden Medizintopf um. Es gab ein großes Zischen, als der Topf auslief und die kostbare Medizin sich in die Kohle ergoß und beinahe das Feuer löschte. Djia Huan sah, daß er in Schwierigkeiten war und zog sich schnell zurück. Hsi-fëng war so wütend, daß sie Funken vor Wut versprühte.
 
„Du Balg einer verkommenen Widersacherin!“ schrie sie ihm nach. „Fluch meines Lebens! Was habe ich in meinem vergangenen Leben nur angerichtet, um so eine Schmach zu verdienen? Deine Mutter versuchte, es mir einzuflößen, jetzt hat es Tchiau-djie erwischt! Wofür muß sich diese Fehde über so viele Generationen fortsetzen?“
 
Sie beschimpfte auch Ping, daß diese nicht vorsichtig genug gewesen sei. Während Hsi-fëng vollkommen in Rage war, kam eine Magd, um Djia Huan zu suchen.
 
„Geh und sag’ Frau Dschau,“ befahl Hsi-fëng, „daß sie sich keine Umstände machen muß. Tchiau-djie ist so gut wie tot, sie muß nicht mehr lange aushar­ren!“
 
Die Magd, verblüfft von Hsi-fëngs Bemerkungen, ging hinüber zu Ping, die eben einen neuen Trunk zubereitete und fragte flüsternd:
 
„Was hat Frau Liän denn so wütend gemacht?“
 
Ping erzählte ihr Djia Huans Debakel.
 
„Kein Wunder, daß er wegrannte und sich nicht traute, nach Hause zu kommen!“ erläuterte die Magd. „Er hat sich irgendwo versteckt. Ich weiß noch nicht, wie das morgen mit diesem Huan weitergehen wird! Kann ich beim Aufräumen helfen, Ping?“
 
„Mach’ dir keine Umstände. Glücklicherweise hatten wir noch einige Bezoarsteine übrig und alles ist fertig gemacht, du kannst nun ruhig gehen.“
 
„Ich werde gewiß Frau Dschau davon berichten, wenn ich zurück bin. Vielleicht hört sie dann auf, ständig von ihm zu prahlen.“
 
Die Magd ging wieder zurück, hielt ihr Wort und gab Tante Dschau einen ausführlichen Bericht von Djia Huans Debakel.
 
„Bring ihn zu mir!“, rief Tante Dschau mit erregter Stimme.
 
Nach kurzer Suche  entdeckte ihn die Magd im angrenzenden Raum  her­umschleichen und Tante Dschau begann unverzüglich, einen Hagel von Beschimpfungen auf ihn niederprasseln zu lassen:
 
„Du verkommener kleiner Wicht! Was mußtest du unbedingt losgehen und Unruhe stiften, indem du die ganze Medizin auf dem Boden verteiltest? Ich sagte, du solltest gehen und fragen, wie es ihr geht und nicht dort hineinstürmen! Doch du mußtest unbedingt, oder? Und als du drinnen warst, mußtest du unbedingt bleiben und Flöhe auf den Tigerkopf werfen. Warte nur, bis dein Vater davon hört! Er wird dir die Prügel geben, die du verdienst!“
 
Während sie Djia Huan beschimpfte, hörte sie noch schlimmere Beschimpfungen im äußeren Zimmer. Doch um es selbst zu hören, lese man im nächsten Kapitel weiter.
 
85. Ankündigung der Beförderung von Djia Dschëng in den Rang eines ständigen Geschäftsführers
 
Entdeckung, daß Hsüä Pan sich wieder der Gefahr der Verbannung aussetzt.
 
  
Bevor seine Mutter geendet hatte, hörte sie, wie Djia Huan im äußeren Zimmer rief: „Alles, was ich tat, war den Topf umzuwerfen und etwas Medizin zu verschütten! Dein widerliches kleines Balg ist ja nicht gestorben, oder? Es lohnt sich ja nicht, mich so zu beschimpfen! Du wirfst mir vor, daß ich ein schlechter Mensch sei und würdest mich auch noch zu Tode trampeln. Warte bis morgen, dann werde ich sie wirklich beseitigen! Das wäre euch eine Lektion! Sagt ihnen besser, sie sollen aufpassen!
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Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Bau-tschai Hsüä Kës Brief ihrer Mutter laut vorlas. Frau Hsüä rief den Dienstboten herbei und bat ihn zu wiederholen, was Hsüä Pan über sein Mißgeschick gesagt hatte.
Tante Dschau kam angerannt und hielt ihm den Mund zu.
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„Ich konnte nicht jedes Wort verstehen, gnädige Frau“, begann er, „doch ich hörte, daß Herr Pan Herrn Hsüä Kë erzählte, daß...
„Du verlangst völlig danach, solche schrecklichen Dinge zu sagen! Sie werden mich zuerst töten, mein Junge, paß auf, daß sie es nicht tun!“
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Er blickte sich schnell im Zimmer um und fuhr fort, als er sich vergewissert hatte, daß sonst niemand im Zimmer war:
Die zwei stritten sich eine Weile. Dann hörten sie Hsi-fëngs boshafte kleine Mitteilung, wodurch seine Mutter noch mehr verbittert wurde. Es kam nicht in Frage, daß sie jemanden zu Hsi-fëng mit einer Entschuldigung schicken sollte und obwohl Tchiau-djie sich einige Tage später wieder vollständig erholte, hatte diese Episode die Fehde zwischen den beiden Familiengruppen noch verstärkt.
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„...daß er die schrecklichen Szenen zu Hause nicht mehr ertragen könne und sich entschlossen habe, auf eine Geschäftsreise in den Süden zu gehen. Er kenne dort jemanden, etwa hundertfünfzehn Kilometer südlich der Stadt und denke daran, mit ihm zu reisen. Auf dem Weg zum Haus des Mannes traf er seinen Freund Djiang Yü-han, der mit einigen jungen Schauspielern auf dem Weg in die Hauptstadt war. Die beiden gingen in eine Gastwirtschaft, um etwas Wein zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, und da begann, alles schief zu laufen. Der Kellner starrte Herrn Djiang an, was Herrn Pan verärgerte. Nun, Herr Djiang brach noch am selben Tag auf.
Eines Tages kam Lin Dschï-hsiau, um Dji Dschëng zu berichten, daß der Prinz Bee-djing Geburtstag habe.
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Doch am nächsten Tag nahm Herr Pan diesen anderen Mann der, mit dem er vorhatte zu reisen – in dieselbe Bar mit, um etwas zu trinken. Nach einigen Runden erinnerte er sich an das üble Benehmen des Kellners am Tag zuvor und beschwerte sich über den Wein. Der Kellner brauchte viel Zeit, um eine neue Kanne zu bringen; Herr Pan fing sofort an zu schimpfen. Der Kellner fand das nicht in Ordnung. Und dann schlug Herr Pan mit seiner Schale sofort auf den Kellner ein. Niemand hatte vermutet, daß der Kellner nicht von der friedliebendsten Sorte war. Er streckte den Kopf bewußt vor und ließ den Herrn darauf einschlagen. Herr Pan schlug ihm mit Weinschale auf den Kopf, und es floß Blut. Er lag auf dem Boden, schimpfte erst noch vor sich hin, und danach brachte er keine Worte mehr heraus.
„Gibt es dazu irgendwelche besonderen Anweisungen, Herr?“
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„Doch warum hat denn keiner versucht, ihn aufzuhalten?“, fragte Frau Hsüä.
„Schicke, was wir gewöhnlich schicken“, antwortete Djia Dschëng.
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„Ich hörte Herrn Pan nichts davon sagen, gnädige Frau. Dies ist alles, was ich weiß.
„Berichte es erst Herrn Djia Schë, bevor du die Geschenke überbringst.“ – „Sehr wohl, Herr“, sagte Lin und ging, um die nötigen Dinge zu erledigen. Wenig später erschien Djia Schë selbst, um mit seinem Bruder die Einzelheiten des Besuches zu besprechen. Sie entschlossen sich, Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü mitzunehmen, um dem Prinzen  Bee-djing zu gratulieren. Während dies für die älteren Männer lediglich eine weitere gesellschaftliche Pflichtsache war, war es für Bau-yü eine lang erwartete Gelegenheit. Er war ein feuriger Bewunderer der ansehlichen Erscheinung und des anmutigen Betragens des Prinzen seit der ersten Begegnung, an die er sich erinnern konnte. Er wollte ihn öfter sehen. Er wechselte rasch seine Kleider und begab sich zu den anderen in die nördliche Halle.
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„Nun gut. Du kannst jetzt gehen und dich ausruhen.“ –
Bei der Ankunft am Palast präsentierten Djia Schë und Djia Dschëng ihre Visitenkarten und nach kurzer Zeit eilte ein Eunuch herbei, in der Hand eine buddhistische Perlenkette haltend: „Ich hoffe, Ihnen beiden geht es gut?
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„Vielen Dank, gnädige Frau.“
Sie erwiderten den Gruß, und die drei jüngeren Djias traten vor, um ihre Grüße zu bestellen.
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So gingen dann beide hinaus.
„Ihre Kaiserliche Hoheit wird erfreut sein, Sie jetzt zu empfangen.“ Der Eunuch führte die fünf hinein, durch zwei weitere Durchgänge und hinter ein riesiges Prunkgemach, zum inneren Tor der privaten Residenz des Prinzen. Hier hielten sie noch einmal an, während die Eunuchen hineingingen, um ihre Ankunft anzukündigen. Die Gäste ließen sie während ihres Wartens vor dem Tor von einer Gruppe jüngerer Eunuchen unterhalten.
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Frau Hsüä ging zuerst zu ihrer Schwester, der Dame Wang, und bat sie, Djia Dschëngs Unterstützung anzufordern. Als die Dame Wang die Angelegenheit vorbrachte und Djia Dschëng einen ausführlichen Bericht davon gab, was sich ereignet hatte, stotterte er zunächst unwillig herum und sagte, daß er nichts tun könne, bis Hsüä Kës Berufung die üblichen Dienstwege durchlaufen habe und der Richter sein Urteil ausgestellt hätte.
Nach kurzer Verzögerung kehrte die ursprüngliche Eskorte zurück.
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Frau Hsüä ließ im Pfandleihhaus Silber auswiegen und schickte es Hsüä Kë durch den Dienstboten.
„Bitte treten sie ein!“
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Drei Tage später kam der Brief, auf den sie warteten, an. Er wurde Frau Hsüä gegeben, die eine junge Magd schickte, um sofort Bau-tschai zu holen. Sie eilte herüber und las folgendes:
Alle traten ehrfürchtig und mit ernsten Gesichtern ein. Der Prinz, in voller Robe seines Standes gekleidet, erwies ihnen das Kompliment, sie in einem der versteckten Gänge in der Nähe des Eingangs zur Haupthalle zu begrüßen. Die zwei Brüder gingen voran, um ihre Aufwartung zu machen, nach Dienstalter geordnet, gefolgt von Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü. Der Prinz nahm Bau-yüs Hand.
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„Liebe Tante. Ich habe das Silber erhalten und unter den Gerichtsangehörigen verteilt. Pan wird im Gefängnis ordentlich behandelt. Mach’ dir deswegen keine Sorgen.
„Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich habe oft an dich gedacht.
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Unser Problem ist, daß die Leute hier sehr schwierig sind. Weder die Familie des Toten noch die Augenzeugen lassen mit sich handeln. Sogar Pans sogenannter Freund derjenige, den er zu der Reise einlud – ist auf ihrer Seite. Besonders hart ist es für Li Hsiang und mich selber als Fremde, doch glücklicherweise gelang es uns, einen guten Berufsschreiber zu finden, der versprach uns zu helfen – für ein kleines Entgelt. Sein Rat war, daß wir zuerst auf Wu Liang einwirken sollten (das ist der ,Freund‘). Zunächst, da er als erster Zeuge unter Bewachung gehalten wird, sollten wir jemanden finden, der für ihn bürgt; dann ihm Geld anbieten, um unsere Verteidigung des ‚Todes durch Unfall‘ zu untermauern. Falls Wu sich weigert, mit uns zu verhandeln, werden wir versuchen, ihn selbst als den Mörder anzuzeigen und einen Außenseiter als Sündenbock zu benutzen. Er sollte dann zu viel Angst haben, um nicht mitzuspielen. So weit, so gut. Wir haben Wu durch Bürgschaft draußen, die Familie und unsere Zeugen bestochen und unseren Einspruch vorgestern erhoben. Das Urteil wurde heute ausgestellt. Es spricht für sich.“
Er lächelte: „Sag’ mir, wie verhält es sich mit deinem Jadestein?“
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Bau-tschai fuhr fort und las die Kopie der Berufung vor „Seinem jüngeren Vetter und Mandanten für den Angeklagten, Hsüä Pan, fälschlicherweise des vorsätzlichen Mordes durch Schläge an Dschang San beschuldigt.
Bau-yü begab sich in eine halb knieende Position und antwortete mit gesenktem Haupt:
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Feststellung der Fakten: Der Angeklagte, mit registriertem Wohnsitz Nanking, zur Zeit wohnhaft in der Landeshauptstadt, verließ die Heimat am Soundsovielten des soundsovielten Monats, um in den südlichen Provinzen Geschäften nachzugehen. Wenige Tage später kehrte sein Diener nach Hause zurück mit der Nachricht, der Angeklagte sei in einen Zwischenfall verwickelt worden, bei welchem eine der Parteien ihr Leben verlor. Der Berufungsführer kam in aller Eile hierher, um festzustellen, daß der oben erwähnte Herr Dschang in der Tat sein Leben durch die Hand des Angeklagten verlor, doch daß es sich dabei um tödliche Körperverletzung durch Unfall und nicht um vorsätzlichen Mord durch Schläge handelte, wie zuvor behauptet.
„Die wohltätige Aura Euer Hoheit hat uns vor Unglück bewahrt. Uns geht es allen gut.
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Widerklage: Bei der Ankunft am Bezirksgefängnis wurde der Berufungsführer Zeuge der aufrichtigsten Unschuldsbekundungen seitens des Angeklagten. Er verneinte absolut jede Feindseligkeit gegenüber Herrn Dschang, mit welchem er in der Tat vor dem fraglichen Zwischenfall nicht im geringsten bekannt war, der lediglich das Resultat einer Unstimmigkeit über eine Weinschale war. Der Angeklagte entleerte nach einer Beschwerde den Inhalt seiner Weinschale auf den Boden. Genau in demselben Moment neigte sich der Verschiedene, um ein Objekt von einem angrenzenden Platz zu besorgen, rutschte dabei aus mit der unglücklichen, doch absolut unfallartigen Konsequenz, daß es eine tödliche Kollision zwischen der Weinschale des Angeklagten und dem Kopf des Verschiedenen gab.
„Es gibt heute nichts Besonderes zu essen,“ fuhr der Prinz fröhlich fort, „wir sollten aber die Gelegenheit nutzen, uns gut zu unterhalten, weil du da bist.
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Wenn Euer Ehren einsichtig wären und ihn einer gerichtlichen Befragung unterzögen, seine Qualen auf der Folterbank waren so schlimm, daß er den Vorwurf des Vorsätzlichen Mordes durch Schläge schnell gestand, was ihm das Urteil der Erdrosselung einbrachte, mit Möglichkeit der Umwandlung in Verbannung. Euer Ehren, eure große Weißheit und Gnade, sich keines Zweifels über eine versteckte Ungerechtigkeit bewußt, hat die Urteilsverkündung für die nächste Zeit verschoben. Der unter Bewachung stehende Angeklagte ist gesetzlich von einer Anrufung des Gerichts abgehalten. Der Berufungsführer wurde weiterhin von Überlegungen der Familienehre ermutigt, zu handeln, Euer Gnaden demütigst und aufrichtigst ersuchend, den Fall wieder aufzurollen und alle Parteien zu einer zweiten Anhörung einzuladen. Dies wäre eine großmütige Handlung und eine, welche die niemals endende Dankbarkeit und die lebenslange Untergebenheit des Berufungsführers und der gesamten Familie bedeuten würde.
Die älteren Eunuchen hoben die Vorhänge und der Prinz sagte: „Bitte einzutreten“, ging aber selbst zuerst hinein. Die Jias folgten dem Alter gemäß, bewegten sich mit ehrerbietender Haltung. Innen angelangt, war Djia Schë der erste, der seine Geburtstagsglückwünsche überbrachte. Diese nahm der Prinz bescheiden entgegen, während Djia Schë sich niederkniete. Die anderen taten es ihm gleich.
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Bautschai kam nun zum Urteil des Richters, worin folgendes stand:
Als diese Formalitäten (eine sehr detailreiche Beschreibung, die der Erzähler hier ausläßt) vorüber waren, begannen die Djias diskret, ihren Abschied einzuleiten. Der Prinz wandte sich an seine Eunuchen und gab Anweisungen, daß die Eunuchen sich in der Empfangshalle gut um sie, seine Verwandten und die auserwählten Gäste kümmern sollten. Er bat Bau-, für ein kleines Gespräch zu bleiben.
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Stellungnahme zum Berufungsantrag
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Es wurde eine Untersuchung des Verbrechens eingeleitet und die vernommene Aussage war überzeugend. Der Angeklagte war keiner Folter ausgesetzt, die zum Geständnis der Anklage geführt hätte: Mord durch Schläge. Sein Schuldgeständnis wurde nun offiziell in die Akten eingetragen.
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Sie, der Berufungsführer, ein Außenstehender ohne Wissen aus erster Hand über den Fall, der sich erdreistet, diese unfundierte Widerrufung einzuleiten, sind der Mißachtung des Gerichtes schuldig. In Anbetracht mildernder Umstände in Bezug auf die Familienehre, wird man nur ihren Berufungsantrag ablehnen.
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Berufung abgewiesen.
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„Es gibt keine Hoffnung mehr!“, jammerte Frau Hsüä, „wir können ihn nicht mehr retten.“ –
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„Wir haben es noch nicht fertig gelesen“, sagte Bautschai, „es gibt ein P. S.“
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Sie las weiter: „Für geheime Anweisungen, fragen sie den Jungen – dringend.“
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Frau Hsüä wandte sich umgehend an den Jungen, der folgende Information preisgab: „Die Leute im Yamen wissen, daß unsere Familie reich ist, gnädige Frau, und wir müssen familiäre Beziehungen in der Bezirkshauptstadt nutzen und eine weitere große Bestechung schicken, wenn wir eine Wiederanhörung und ein milderes Urteil erreichen wollen. Sie sagen, ihr müßt schnell handeln, gnädige Frau, jeder Aufschub bedeutet weitere Beschwernis für Herrn Pan.“
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Frau Hsüä entließ den Jungen und ging sofort wieder zu ihrer Schwester. Die Dame Wang flehte Djia Dschëng hilfesuchend an.
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Das Weitestgehende, das Djia Dschëng vorbereitet hatte, war, jemanden zu schicken, der sich mit dem Richter ,unterhält‘. Er wies es ab, über ,finanzielle Überlegungen‘ nachzudenken. Frau Hsüä, die fürchete, daß diese Geste ohne Erfolg bleiben würde, bat Hsi-fëng, mit Djia Liän zu sprechen. Es steigerte sich zu mehreren tausend Taels; doch am Ende erreichte man eine Übereinkunft und für Hsüä Kë war der Weg bereit, mit seinem Plan fortzuschreiten.
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Der Fall wurde offiziell wieder eröffnet, und alle betroffenen Parteien waren wieder im Gericht versammelt, der Gemeindediener, Augenzeugen, Verwandte des Verschiedenen etc. Hsüä Pan wurde aus der Zelle herausgeführt. Der Leiter des Gerichtes verlas die Namen und der Richter bestellte den Hauptgemeindediener, um die originalen Beweise zu bestätigen. Dann wurden Frau Dschang (geborene Wang) und Dschang Örl, Mutter und Onkel des Verschiedenen gerufen um auszusagen.
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Frau Dschang begann, ihre Aussage von Schluchzen unterbrochen, „Mein Mann ist Dschang Da. Wir leben im Dorf südlich. Vater Dschang ist seit achtzehn Jahren tot. Wir hatten drei Jungen, doch der älteste und der zweite sind auch schon verstorben. Allein übrig war unser drittes Kind, aber das ist jetzt auch weg!“ (Sie schluchzte weiter.)
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„Dreiundzwanzig wäre er dieses Jahr geworden, und er war immer noch Junggeselle. Er hat den Beruf in dieser Bar der Familie Li angenommen, um mir etwas auszuhelfen, weil unser Einkommen zu klein ist. Es muß Mittag gewesen sein, als Familie Li jemanden zu mir schickte. Der Mann sagte: ‚Dein Junge wurde erschlagen!‘ Mein armes Herz! Ich wäre fast gestorben! Ich rannte zur Familie Li, und da lag mein Junge auf dem Boden, Blut floß aus seinem Kopf, und er atmete schwer! Ich habe versucht, ihn zu fragen, was passiert war, doch er konnte nichts sagen, hat kaum geatmet und dann..., ja, dann war er weg! Wenn ich ihn nur in die Finger bekomme, diesen gottverdammten, elenden Mörder...“
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Ein Brummen der Mißbilligung ging durch die Reihen der Gerichtsuntergeordneten. Frau Dschang begab sich schnell zur Bank: „Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit! Ich hatte nur noch diesen einen Sohn!“ –
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„Nächster Zeuge – Besitzer Li Örl!“, rief der Richter entschieden.
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„War dieser Dschang in ihrem Betrieb angestellt?“, fragte der Richter.
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„Nicht angestellt, sondern eine gelegentlicher Aushilfe“, antwortete Li Örl.
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„Ich sehe hier, daß sie in ihrer ursprünglichen Aussage, die bei der Untersuchung aufgenommen wurde, feststellen, daß Hsüä Pan Dschang San einen tödlichen Schlag auf den Kopf versetzte. Sagen Sie mir, haben Sie diesen Schlag mit eigenen Augen mit angesehen?“ –
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„Nein, Euer Ehren. Zu dieser Zeit war ich hinter dem Tresen, im Schankraum. Ich hörte, daß einer der Gäste im Séparée Wein bestellte. Ein wenig später hörte ich, wie jemand rief: ‚Hilfe, jemand ist verletzt‘, ich rannte dorthin und sah Dschang San auf dem Boden liegen. Er konnte nicht sprechen. Ich informierte den Gemeindediener und schickte jemanden, der es seiner Mutter [Frau Dschang] mitteilte. Ich habe keine Ahnung, wie der Streit angefangen hat. Da saß ein junger Mann bei Herrn Hsüä am Tisch, Euer Ehren. Vielleicht verfügt er über die notwendigen Informationen...“
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„Was?“, donnerte der Richter eindrucksvoll. „In ihrer ursprünglichen Aussage steht sehr deutlich, daß sie den Zwischenfall mit eigenen Augen gesehen haben. Und jetzt wollen sie mir erzählen, sie hätten nichts gesehen?“ –
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„Als ich meine erste Aussage machte, Euer Ehren, war ich so verwirrt, daß ich mit den Tatsachen durcheinander gekommen sein muß...“
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Ein weiteres Brummen ging durch die Reihen.
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„Nächster Zeuge Wu Liang!“, befahl der Richter.
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„Sagen Sie mir“, fragte der Richter, „haben Sie zur Zeit des Verbrechens zusammen mit dem Angeklagten gegessen und getrunken? Wie genau vollzog sich der tödliche Schlag? Sagen Sie die Wahrheit.“ –
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„An dem fraglichen Tag, Euer Ehren“, antwortete Wu, „kam Herr Hsüä zu meinem Haus und lud mich freundlicherweise auf etwas zu trinken ein. Da er mit der Qualität des Weines unzufrieden war, bestellte er eine neue Weinschale. Doch der Wirt, Dschang San, wollte darauf nicht hören. Dies mißfiel Herrn Hsüä und aus Protest schüttete er dem Kellner den Inhalt seiner Schale ins Gesicht. Es ging alles sehr schnell, und irgendwie muß die Weinschale aus Hsüäs Hand gerutscht und mit Dschangs Kopf zusammengeprallt sein. Das ist der wahre Bericht des Vorfalls, den ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ –
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„Unsinn!“, rief der Richter, „warum hat dann der Angeklagte selbst bei der Untersuchung zugegeben, Dschang angegriffen und ihm selbst den tödlichen Schlag versetzt zu haben? Sie haben die Aussage selbst bestätigt. Das ist Meineid! Ohrfeigt ihn!“
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Ein bestätigender Schrei kam von der entsprechenden Abteilung des Gerichts und die Strafe sollte gerade vollzogen werden, als Wu protestierte: „Herr Hsüä hat den Streit niemals angefangen, Herr! Der Krug rutschte ihm aus der Hand und prallte mit Dschangs Kopf zusammen! Es war alles ein Unfall! Befragen sie den Angeklagten selbst! Habt Gnade!“
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Der Richter rief Hsüä Pan herbei.
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„Jetzt, Hsüä, zum letzten Mal, sag’ mir: was war dein Groll gegen Dschang San? Und wie ist er nun gestorben? Ich will die ganze Wahrheit!“ –
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„Euer Ehren, ich flehe Sie an, seien Sie gnädig!“, bat ihn Hsüä Pan. „Ich erhob niemals die Hand, um diesen Mann zu schlagen. Alles was ich tat, war meinen Krug auf dem Boden zu entleeren, weil er mir nicht, wie bestellt, den Wein brachte. Bevor ich es bemerkte, war mir der Krug aus der Hand gerutscht und gegen seinen Kopf geschlagen. Ich tat alles, um die Blutung zu stillen, doch es war hoffnungslos. Der Blutverlust war so hoch, daß er innerhalb kürzester Zeit verstarb. Während der Untersuchung war ich so voller Angst vor der Folter, daß ich falsche Angaben machte. Ich bitte Euer Gnaden dementsprechend Gnade walten zu lassen!“ –
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„Widerlicher Schuft!“, brüllte der Richter, „du hast dich bereits zu einem vorsätzlichen Anschlag schuldig bekannt. Und jetzt sagst du, du hast dich geärgert, weil er den Wein nicht wechseln wollte, und es war nichts weiter als ein unfallhafter Zusammenprall?“
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Er machte auf diese Weise weiter mit vielem dazu passenden und lautstarken Lärmen, bedrohte Pan in der einen Minute mit der Rute und in der nächsten mit der Folterbank, wenn er nicht gestünde. Doch dieses mal verweigerte Pan ein Geständnis.
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Der Gerichtsmediziner wurde nun herbeigerufen, um öffentlich die Ergebnisse seiner Obduktion bekannt zu geben.
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„Wenn es Euer Ehren gefällt, ich habe die Leiche von Dschang San genaustens untersucht und finde keine Verletzungsspuren außer einer einzigen an der Kopfhaut, die durch ein Porzellanstück verursacht wurde. Die Wunde ist annäherungsweise vier Fingerbreit lang, dringt zu einer Tiefe von etwa einem halben Fingerbreit ein. Das Scheitelbein hat eine Fraktur von annäherungsweise von etwas über einem halben Fingerbreit in der Länge erlitten. Die Art der Verletzung weist zweifelsfrei auf einen unfallartigen Zusammenprall hin.“
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Der Richter überprüfte das Zertifikat des Gerichtsmediziners, welches (wie er sehr gut wußte) von seinem Schreiber geändert worden war und forderte alle Betroffenen ohne Umschweife auf, ihre Aussagen zu unterzeichnen.
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„Aber!“, jammerte Frau Dschang. „Was ist denn mit all den anderen Wunden? Da waren doch so viele! Der Mediziner sagte es beim letzten Mal selber, ich erinnere mich! Wo sind sie alle auf einmal?“ –
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„Närrische Frau!“, rief der Richter. „Hier ist das Zertifikat, ordnungsgemäß unterzeichnet – sehen sie selbst.“
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Er rief den Onkel des Toten herbei (ein etwas kooperativerer Zeuge): „Dschang Örl, werden sie dem Gericht erzählen, wie viele Wunden auf der Leiche ihres Neffen waren?“ –
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„Nur die auf seinem Schädel, Herr“, antwortete Dschang.
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Der Richter wandte sich an Frau Dschang: „Was für einen Beweis brauchen Sie noch?“
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Er forderte den Gerichtsdiener auf, Frau Dschang das Zertifikat zu zeigen und wies den obersten Gemeindediener und Dschang Örl an, es ihr zu erklären. Die anderen Dokumente in diesem Fall wurden nun geordnet – der Verlauf der Befragung, ordentlich beglaubigt durch die Unterzeichnungen der Anwesenden und die Aussagen der Zeugen, welche nun darin einstimmten, daß es keinen Streit gegeben habe, also keinen Angriff, also war Hsüä Pan nur schuld daran, eine tödliche Körperverletzung bei einem Unfall verursacht zu haben, ein niederer Grad des Totschlages, tilgbar durch die Zahlung eines Bußgeldes. Von den Parteien wurde gefordert, ihre Unterschrift beizuheften, oder die Urkunde damit zu versehen, Hsüä Pan war bis zur Urteilsverkündung in Haft, und die anderen und ihr Bürge wurden freigelassen. Das Gericht vertagte sich.
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Als der Richter ging, brach Frau Dschang in einen weiteren Anfall des Weinens und Schluchzens aus, und er trug dem Gerichtsdiener auf, sie rauszuscheuchen. Onkel Dschang versuchte auch, sie wieder zu beruhigen:
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„Es war wirklich ein Unfall“, sagte er, „warum sollte man denn einen Unschuldigen verurteilen? Seine Ehren hat das Urteil jetzt verkündet, um Himmels willen, beruhige dich.“
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Hsüä Kë hatte draußen gewartet und war sichtlich erleichtert zu hören, daß sein Plan gut aufgegangen war. Er schickte einen Brief nach Hause, worin stand, daß er noch bleibe, bis die Urteilsbestätigung öffentlich war und Hsüä Pans Bußgeld bezahlt war.
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Als er später am Tag durch die Stadt ging, wurde er des Klanges einer angeregten Unterhaltung auf der Straße gewahr:
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„Habt ihr gehört? Eine der kaiserlichen Konkubinen ist verstorben, und alle Geschäfte am Hof werden für drei Tage eingestellt. Da das kaiserliche Mausoleum nicht weit von der Stadt entfernt war, dachte Hsüä Kë bei sich, würde der Richter nun sehr beschäftigt sein, das Begräbnis vorzubereiten und die Straße mit gelber Erde für die Prozession vorzubereiten. Er würde kaum Zeit haben, über legale Mittel nachzudenken, und er selber würde durch Herumhängen allein nichts erreichen. So ging er ins Gefängnis und erzählte Pan, daß er für ein paar Tage nach Hause gehe. Pan war um seiner Mutter willen sehr froh und schickte eine kurze Bemerkung, um sie rückzuversichern. „Es geht mir gut“, schrieb er, „ein paar Taels mehr in der richtigen Tasche, und ich bin zu Hause! Doch sorge bitte dafür, daß das Geld fließt!“ Hsüä Kë ließ den Jungen Li Hsiang dort und begab sich auf direktem Weg nach Hause.
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Bei seiner Ankunft gab er seiner Tante Hsüä einen ausführlichen Bericht davon, wie dem Richter die Umdeutung von ,Angriff‘ zu ,Unfall‘ gelungen war.
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„Alles, was noch nötig ist“, beendete er seinen Bericht, „ist, den Dschangs etwas mehr Geld zu geben. Dann, wenn die Umdeutung  beschlossen ist, wird alles vorbei sein.“
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Frau Hsüä seufzte vor Erleichterung.
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„Ich hatte gehofft, du könntest nach Hause kommen“, sagte sie, „ich wollte gerne hinübergehen und den Djias für alles danken, was sie getan haben, und ich dachte, es wäre nett, wenn du einen Blick auf Tante Wangs Angelegenheiten werfen und etwas Zeit mit den Mädchen verbringen könntest. Durch den Tod der Konkubine Dschou ist die Familie alle Tage außer Haus, und sie müssen zu Hause sehr einsam sein. Ich konnte noch nicht gehen, weil keiner hier war, der solange die Oberaufsicht übernimmt.“ –
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„Das Seltsame ist, daß ich auf meinem Weg hierhin hörte, daß es eine Djia-Konkubine war, die verstorben sei“, sagte Hsüä Kë. „Deswegen kam ich in solcher Eile zurück – obwohl ich sagen muß, daß es mir schwer fiel, es zu glauben, weil es unserer kaiserlichen Konkubinen Djia doch gut geht.“
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„Sie war eine Weile krank“, antwortete Frau Hsüä, „doch sie erholte sich, und ich habe seitdem nichts mehr von ihrer Krankheit gehört. Dennoch ist es merkwürdig: Die Herzoginmutter fühlte sich einige Tage zuvor nicht wohl, und immer, wenn sie ihre Augen schloß, hatte sie eine Vision von der kaiserlichen Nebenfrau. Zuerst war jeder sehr betroffen, und sie schickten sogar jemanden zum Hof, um sich zu erkundigen, doch ihnen wurde gesagt, daß die kaiserliche Nebenfrau bei guter Gesundheit sei: Dann, vor drei Tagen am Abend, sagte die Herzoginmutter plötzlich laut: ‚Warum ist die kaiserliche Nebenfrau diesen ganzen Weg allein gegangen, um mich zu sehen?‘ Diesmal schrieben sie es ihrer Krankheit zu und nahmen es nicht ernst. ‚Wenn du mir nicht glaubst,‘ sagte die Herzoginmutter, ‚laß mich dir sagen, was die kaiserliche Nebenfrau sagte: Wohlstand kann sehr schnell aufgebraucht sein; halte es zurück, halte es zurück, bevor es zu spät ist.‘ Sie dachten, sie würde bloß phantasieren – es war eben etwas, womit eine Dame ihres Alters sich schließlich noch beschäftigt – und schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Du kannst dir die Panik am nächsten Morgen nicht vorstellen, als sie jemanden vom Hof sagen hörten, daß eine der Konkubinen ernsthaft krank sei und alle betitelten Familienmitglieder sich im Palast versammeln sollten! Sie waren in einem schlimmen Zustand, als sie aufbrachen! Doch bevor sie noch den Palast verlassen hatten, hörten wir, daß es die Konkubine Dschou war. Es ist merkwürdig, findest du nicht auch, daß das Gerede, das du hörtest, der Vorahnung der Herzoginmutter gleicht?“ –
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„Die Öffentlichkeit vermischt die Tatsachen oftmals“, kommentierte Bautschai, „und unsere Familienmitglieder sind wegen der ganzen Angelegenheit so überempfindlich, daß sie nur die Worte ‚kaiserliche Nebenfrau‘ hören müssen, um zu den schlimmsten Schlußfolgerungen zu gelangen. Doch meistens stellt es sich als falscher Alarm heraus. Während der letzten Aufregung unterhielt ich mich gerade mit zweien der Mägde und älteren Dienstmädchen der kaiserlichen Nebenfrau, und sie verrieten mir, daß sie die ganze Zeit gewußt hätten, daß es die kaiserliche Nebenfrau gar nicht gewesen sein kann. Ich fragte eine von ihnen, wie sie sich da sicher sein könnten, und sie erzählten mir von etwas, das vor einigen Jahren geschehen war.
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„Es war der erste Monat des Jahres und da war ein Wahrsager aus einer der Provinzen nahe der Provinzhauptstadt hier, welcher der Familie auf Grund seiner Genauigkeit empfohlen wurde. Die Herzoginmutter gab Anweisungen, daß einige der Mägde die Acht Stämme und Zweige der kaiserlichen Nebenfrau in Erfahrung bringen sollten, damit sie den Mann nach ihrer Zukunft fragen könnten. Er wählte ihre sofort aus. ‚Hier muß ein Fehler vorliegen‘, sagte er. ‚Ich sehe, daß die junge Dame am ersten Tag des ersten Monats geboren wurde. Wenn Stamm und Zweig ihrer Geburtsstunde richtig wären, sollte sie eine Person von hohem Rang sein und keine Angehörige dieses normalen Haushaltes.‘ Herr Dschëng und die anderen drängten ihn, ungeachtet der Richtigkeit der Geburtsstunde ein Horoskop zu werfen, also fuhr er fort:
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„Das zyklische Jahr Jia Shen (Holz + Metall), der Erste Monat Bing Yin (Feuer + Holz). In diesen vier Zeichen sind Verlust von Reichtum und Niedergang im Beamtentum beide präsent. Obwohl das Jahr den Zweig Shen Rang und Wohlstand zeigt, ist es nicht ihr Schicksal, innerhalb des Haushaltes erhoben zu werden, die Aussicht in diesem Zweig ist nicht unbedingt günstig. Der Tag Yi Mau (Holz + Holz), Frühlingsanfang, da steht Holz im Zenit. Hier gibt es einen Konflikt, eine Konfiguration von Ebenbürtigem. Dadurch wird die Person erhöht, so wie feines Holz nur als Instrument wahrer Größe verarbeitet wird, wenn es die Axt berührt. Die Stunde Stamm Xin (Metall) zeigt Adel an, während die Stunde Zweig Sï (Feuer) auf Rang und Glück verweist, dieses Mal ist der Zenit bekannt als Ein glückliches Pferd reitet in den Himmel. Die Tagesverbindung zeigt höchsten Rang und daß die Kräfte des Himmels und des Mondes Vorsitz über ihr Schicksal haben. Sie wird mit einer Residenz im Kaiserlichen Schlafgemach beglückt. In dieser Stunde sind Stamm und Zweig korrekt, bei dieser Person muß es sich um eine kaiserliche Konkubine handeln.“ –
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„Wie die Magd sagte“, fuhr Bau-tschai fort, „paßte das Horoskop perfekt zur kaiserlichen Nebenfrau. Sie erinnerten sich auch an den Schlußteil: ‚Ach!‘ sagte er, ‚solche günstigen Winde sind leider nicht von Dauer. Wenn der Hase dem Tiger begegnet und Holz auf Holz trifft, in einem Mau Monat eines Yin Jahres, werden ihre Ebenbürtigen sie überstrahlen, der Niedergang wird seinen Tiefpunkt erreichen und das feine Holz, das zu lange geschnitzt wird, wird sein Wesen und seine Stabilität verlieren.“ Obwohl die Familie in ihrer Panik alles über die letzte Vorhersage vergaß, erinnerte sich die Magd daran, sie sagte zu Vetter Wan, „dies ist kein Yin-Jahr, und es ist nicht der Monat Mau, also kann es nicht die kaiserliche Nebenfrau sein!“
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Bau-tschai war kaum am Ende, als Hsüä Kë ausrief: „Vergiß die Djias für einen Moment; wenn es hier einen so guten Wahrsager gibt, warum befragen wir ihn nicht über unseren Bruder? Vielleicht kann er uns verraten, welche böse Kraft seinen Weg durchkreuzt hat und ihm dieses Jahr so viel Unglück brachte? Gib mir seinen Stamm und Zweige, und ich werde gehen und herausfinden, ob die Zukunft noch mehr Rückschläge dieser Art für ihn bereit hält.“ –
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„Der Wahrsager kam aus einer der Provinzen. Wer weiß, wo er jetzt in der Hauptstadt ist?“, erwiderte Bau-tschai.
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Während der Unterhaltung hatten sie bereits begonnen, Frau Hsüäs Sachen zu packen. Frau Hsüä ging hinüber zur Hauptvilla und sah, daß, wie erwartet, Li Wan, Tantschun und die Mädchen ganz allein dort waren. Sie hießen Frau Hsüä willkommen und fragten, wie es Hsüä Pan ginge. Sie waren sichtlich erleichtert, als sie ihnen erzählte, daß er außer Gefahr sei und nur noch auf die Bestätigung seines Urteils warte, in dem keine Todesstrafe zu erwarten sei.
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„Mutter meinte gestern Abend nur“, sagte Tantschun, „daß du dich früher immer darum gekümmert hast, wenn zuhause etwas danebenging. Doch dieses Mal hast du selbst Probleme. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Wir waren selbst sehr besorgt.“ –
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„Ich war zuhause sehr traurig deshalb“, antwortete Frau Hsüä, „Pan hat solche Probleme erwischt. Euer Vetter Kë war fort, um sich um Pans Angelegenheiten zu kümmern. Bau-tschai ist ja als Frau alleine zuhause, wie soll sie das denn machen. Außerdem ist meine Schwiegertochter [Djin Guee] nicht sehr verständig, deshalb konnte ich mich nicht freimachen und herkommen. Der einzige Grund, weshalb Kë nach Hause kommen und mich jetzt ablösen konnte, ist, daß der Richter für einige Tage beauftragt ist, die Vorbereitungen für die Beerdigung der Dschou Konkubine zu treffen und deshalb voreilig die Sache beendet hat.“ –
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„Wir wären sehr froh, wenn du ein oder zwei Tage bleiben könntest“, sagte Li Wan.
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Frau Hsüä nickte.
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„Ich würde sehr gern hierbleiben und euch Mädchen Gesellschaft leisten. Das einzige, was mich bekümmert, ist, daß Bautschai sich ohne mich bestimmt einsam fühlt.“ –
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„Warum fragst du sie nicht, ob sie nicht auch zu uns kommen möchte?“, schlug Hsitschun vor.
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Frau Hsüä mußte etwas lachen, „ach, das könnte ich nicht machen.“ –
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„Aber warum denn nicht? Sie hat hier doch mal gewohnt, oder nicht?“
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Li Wan antwortete für Frau Hsüä: „Ihr versteht nicht. Das ist nicht mehr dasselbe. Zur Zeit sind sie sehr beschäftigt, deshalb kann sie nicht kommen.“
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Hsitschun nahm an, daß dies der wahre Grund für Bau-tschais Abwesenheit war und fragte nicht weiter nach.
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Während sie miteinander sprachen, kehrten die Herzoginmutter und der Rest der Familie zurück. Als sie sahen, daß Frau Hsüä da war, wurden alle vorbereitenden Höflichkeiten für dieses Mal unterlassen und jeder wollte das Neueste über Pans Angelegenheiten wissen. Frau Hsüä erzählte ihnen die ganze Geschichte. Bau-yü war dabei und horchte auf, als Djiang Yühans Name erwähnt wurde. Obwohl er dachte, daß es nicht ratsam sei, vor den anderen so viel Interesse zu zeigen, fragte er sich insgeheim, ‚Warum hat er nicht bei mir vorbeigeschaut, wenn er schon zurück in der Hauptstadt war.‘  Als er dann bemerkte, daß Bau-tschai ihre Mutter nicht begleitet hatte, versuchte er sich vorzustellen, was sie nur zu Hause halten könnte. Als er wie erschlagen vor sich hingrübelte, kam Dai-yü unerwartet zur Begrüßung, seine Gedanken über Bau-tschai wurden von ihrem Auftauchen unterbrochen. Bau-yü wurde wieder fröhlicher. Er leistete Dai-yü Gesellschaft und blieb bis zum Abendbrot mit den anderen Schwestern bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen kehrte jeder in seine entsprechende Wohnung zurück, mit Ausnahme von Frau Hsüä, welche die ganze Nacht über im Gästezimmer der Herzoginmutter blieb.
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Bau-yü ging zurück in seine Gemächer und entledigte sich seiner Ausgehkleidung, als er sich plötzlich an das rote Leibtuch erinnerte, das Djiang Yühan ihm einst geschenkt hatte.
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„Das dunkelrote Leibtuch, welches du nicht tragen wolltest, hast du es noch?“, fragte er Hsi-jën.
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„Ich habe es hier irgendwo hingelegt. Warum fragst du?“ –
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„Ach, ich überlegte nur.“ –
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„Hast du nicht gehört, in welchen Ärger auf Leben und Tod Herr Hsüä Pan geraten ist, und das nur, weil er mit solchem Gesindel befreundet ist! Wirst du es nie lernen? Hast du nicht mehr Verstand, daß du so etwas anstellen mußt? Wende deine Kraft lieber auf deine Studien! Schiebe solche unwichtigen Sachen lieber beiseite.“ –
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„Also wirklich! Ich bin hier nun wirklich nicht in solchen Ärger verwickelt! Ich habe nur daran gedacht, das ist alles. Ich konnte doch nicht ahnen, ob du es noch hast oder nicht. Hätte ich gewußt, daß du mir eine Predigt halten würdest...“
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Hsi-jën lächelte: „Ich halte dir keine Predigt. Es ist nur, daß jeder, der Verstand hat, versucht, in der Welt voranzukommen. Wenn dein Liebling daher kommt, möchtest du doch sicher einen guten Eindruck machen?“ –
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„Meine Güte!“, rief Bau-yü, „ich erinnere mich! Bei Großmutter war so ein Trubel, da hatte ich nicht die Gelegenheit, mit Kusine Dai-yü zu sprechen, und sie hat mich auch nicht angesprochen. Sie war vor mir gegangen, sie ist vielleicht gerade jetzt zu Hause. Ich bin sofort wieder da.“
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Und schon war er fort.
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„Komm schnell wieder!“, rief Hsi-jën ihm nach. „Jetzt ist es passiert! Ich mußte ja damit anfangen, und dann kommst du plötzlich darauf!“
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Bau-yü antwortete nicht, setzte eine störrische Miene auf, senkte den Kopf und begab sich auf direktem Wege zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Bei seiner Ankunft fand er Dai-yü an ihrem Tisch in einem Buch blätternd.
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„Bist du schon lange zurück, Kusinchen?“, fragte er, ging dabei hinüber und stellte sich neben sie.
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„Da du mich nicht beachtet hast“, sagte sie mit zurückkehrendem Lächeln, „gab es für mich keinen Grund, länger zu bleiben...“
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Er lachte.
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„Alle haben sofort angefangen zu reden, und ich kam gar nicht zu Wort.“
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Auf die aufgeschlagene Seite vor ihr blickend, fand Bau-yü heraus, daß er nicht ein einziges Zeichen darauf verstand. Manche schienen ihm bekannt, wie die Zeichen für Pfingstrose und unermeßlich; doch bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, daß auch diese etwas verändert waren. Da war das Zeichen für Haken, mit einer fünf darin und einer neun und groß darüber; und da war eine fünf neben einer sechs, mit Holz darunter und einer anderen fünf ganz unten. Das war alles sehr verwirrend.
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„Du mußt schon sehr fortgeschritten sein, wenn du diese abstrusen Hieroglyphen entziffern kannst!“, sagte er.
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Dai-yü gab ein kleines „Thhh!“ von sich.
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„Was für ein Gelehrter, du kannst ja nicht einmal Noten lesen, die hier sind für die Wölbbrettzither.
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„Noten? Die kenne ich natürlich. Doch warum kenne ich keines der Zeichen? Weißt du, was sie bedeuten?“ –
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„Wenn ich die nicht kennen würde, wieso würde ich sie dann lesen...“ –
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„Wirklich? Ich glaube das nicht. Ich habe noch nie gehört, daß du spielst. Wußtest du von den Wölbbrettzithern, die an der Wand in der Hauptbibliothek hängen? Da gibt es einige. Ich erinnere mich an das vorletzte Jahr, als Vater mit einem Zitherspieler befreundet war – Antiquar Dji wurde er genannt, glaube ich. Vater bat ihn, ein Stück zu spielen, doch wie er die Instrumente ausprobierte, sagte er, man könne mit keinem von ihnen spielen. Weiterhin sagte er, wenn Vater ihn wirklich spielen hören wolle, würde er an einem anderen Tag mit seinem eigenen Instrument wiederkommen. Doch er kam nicht mehr. Er muß sich entschlossen haben, daß Vater auch nichts davon versteht. Wie konntest du dein Licht die ganze Zeit unter den Scheffel stellen und das geheim halten?“ –
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„Oh nein“, antwortete Dai-yü, „ich bin gar nicht gut. Es war nur so, daß ich vor ein oder zwei Tagen, als ich mich ein wenig besser fühlte, durch mein Bücherregal schaute und auf dieses alte Zither-Handbuch stieß. Es erschien mir sehr interessant und faszinierte mich beim Lesen. Es begann mit einem sehr eingängigen Vorwort über die Theorie der Zither, und dann führte es die praktische Methodik sehr klar und verständlich aus. Ich erkannte, daß das Zither-Spielen eine Form der Meditation ist und uns die spirituelle Energie den Ahnen näherbringt.
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„Als wir in Yangdschou  lebten, habe ich öfter das Zitherspiel gehört und es gelernt. Doch seit ich aus der Übung bin, ist es, wie man sagt, ‚drei Tage nicht gespielt, und es wachsen Stacheln aus der Hand‘. Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Zitherlieder gefunden, nur mit Liedtitel, aber ohne Text und ohne Noten. Doch jetzt habe ich ein Buch voller Noten und Text gefunden, und jetzt macht es erst Sinn. Das ist sehr interessant! Natürlich, ich erkenne, daß ich der Partitur niemals gerecht werden kann. Wenn man bedenkt, was die großen Meistermusiker der Vergangenheit vermochten – wie Meister Kuang, dessen Spiel Wind und Donner herbeirufen konnte, Drachen und Phoenix! Und wenn man bedenkt, daß Konfuzius von Meister Hsiangs Musik sagte, die ersten Noten, die er je gehört habe, sei das musikalische Portrait von König Wën gewesen! Eine Rhapsodie der Berge und Flüsse zu spielen und seine innere Bedeutung mit einem befreundeten Musikliebhaber zu teilen...“
 +
Sie schloß die Augen und senkte langsam den Kopf.
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Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ –
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„Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ –
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„Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“
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Dai-yü lachte.
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„Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht. Dann gibt es Zeichen für alle Stile – die engen und die weiten schwingend, die steigenden und die fallenden gleitend, die Beize, das zitternd, das fallende gleitend<ref>Die europäischen Fachbezeichnungen sind: vibrato, glissando, tremolo.</ref> mit offensaitigem Dröhnen...“
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Bau-yü war außer sich vor Begeisterung.
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„So perfekt, wie du das verstehst, Kusinchen, warum lernen wir nicht zusammem das Zitherspiel?“ –
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„Das Wesen der Zither“, antwortete Dai-yü, „ist die Beherrschung. Es wurde vor langer Zeit erfunden, um sich selbst zu reinigen und ein gutes und besonnenes Leben zu führen, alle irdischen Lüste zu bezwingen und jeden zügellosen Impuls zu hemmen. Wenn du es zu spielen wünschst, mußt du dir erst eine ruhige Kammer suchen, ein Atelier mit weitem Ausblick oder einen höheren Raum, oder einen abgelegener Winkel über Hügeln und Bäumen, auf einem felsigen Gipfel, an einem Wasserufer...
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Laß das Wetter klar und ruhig sein, eine leichte Brise, eine mondhelle Nacht. Entzünde Räucherstäbchen und sitz dort in stiller Meditation. Befreie deinen Geist von äußeren Gedanken. Die Balance von Atmung und Blut in perfekter Harmonie, nur so kann dein Geist sich dann mit dem Göttlichen verbinden und eine geheimnisvolle Einigung mit dem Dau antreten.
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Wie die Alten sagen, es ist schwer, einen wahre Musikkenner zu treffen. Wenn es niemanden gibt, der die Wonne deiner Musik teilt, dann sitze allein und spiele der Brise und dem Mondlicht ein Lied, sing ein Loblied auf die alten Kiefern und die wettergegerbten Felsen; laß die wilden Affen und die ehrwürdigen Kraniche dein Lied hören, viel eher als das gemeine Volk, ihre dumpfen Ohren würden den kostbaren Klang des Zither nur besudeln.
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So viel zur Umgebung. Das Nächstwesentliche sind die Fingertechnik und die Haltung. Bevor du das Instrument ergreifst, kleide dich angemessen – vorzugsweise mit einem baumwollenen Umhang oder einer antiken Robe. Übernimm die ehrenvollen Gebärden der Alten, die Art der Weisen, das ausgewählte Instrument zu tragen. Wasch deine Hände. Entzünde Räucherstäbchen. Setze dich auf die Ecke deiner Liege. Lege die Zither auf dem Tisch vor dir und setze dich so, daß du mit der Brust dem fünften Bund gegenüber sitzest. Erhebe beide Hände langsam und anmutig. Nun bist du mit Körper und Geist bereit zu beginnen.
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„Während des Spielens mußt du sorgfältig die Tempi-Angaben beachten – leise, kräftig, munter-schnell, langsam<ref>Die europäischen Bezeichnungen sind: piano, forte, allegro, adagio.</ref> – und bewahre die ganze Zeit eine entspannte und ernste Haltung.“ –
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„Ach du meine Güte!“, rief Bau-yü aus, „ich dachte, wir könnten es zu unserem Vergnügen machen! Wenn das so kompliziert ist, glaube ich nicht, daß ich bereit dafür bin!“
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Während sie sprachen, kam Dsï-djüan herein und fragte, als sie Bau-yü in dem Zimmer sah, mit einem Lächeln:
 +
„Warum freuen Sie sich heute so sehr, zweiter junger Herr Bau[-yü]?“ –
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„Kusine Dai hat mir eben etwas über die Zither beigebracht. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich könnte für immer zuhören!“ –
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„Das meinte ich nicht“, sagte Dsï-djüan, „was ich meinte war, daß wir Sie in letzter Zeit so selten sehen, ich überlegte, ob etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Sie hierher führte?“ –
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„Ich fürchte, es sieht wirklich so aus“, antwortete Bau-yü „Doch weshalb ich in der letzten Zeit nicht so oft vorbeischaute, war, weil es Kusine Dai-yü nicht gut ging und ich dachte, es sei besser, sie nicht zu stören. Und ich mußte auch zur Schule gehen...“ –
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„Nun,“ unterbrach Dsï-djüan, „Fräulein Dai-yü hat gerade angefangen, sich besser zu fühlen, also warum laßt Ihr sie nicht lieber noch in Ruhe, statt sie um Unterricht zu bitten?“ –
 +
„Oje! Wie gedankenlos von mir!“ stieß er mit einem Lachen hervor. „Ich war so gefangen von dem, was sie sagte, daß mir nicht in den Kopf kam, es könnte sie ermüden.“ –
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„Das hat es auch nicht“, sagte Dai-yü lächelnd, „über so etwas zu sprechen, ermüdet mich nie, ganz im Gegenteil, es weckt meine Geister. Ich mache mir nur Sorgen, daß ich vielleicht nur vor mich hin gesprochen habe und du das vielleicht gar nicht verstanden hast...“ –
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„Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „nach und nach durchdringe ich es schon.“
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Er stand auf.
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„Doch im Ernst, ich sollte dich jetzt wirklich besser in Ruhe lassen. Morgen werde ich die dritte Schwester [Tan] und die vierte Schwester [Hsi] fragen, ob sie mit mir herüber kommen. Ihr drei könnt dann zusammen lernen. Ich werde dann dabei sitzen und...“ –
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„Warum denn, du Faulpelz!“, lachte Dai-yü, „stell’ dir vor, wir drei lernen zu spielen und du bleibst so unwissend wie immer: so ist das wie Perlen vor die Säue werfen.“
 +
An dieser Stelle stockte sie, weil sie plötzlich an eine Herzensangelegenheit dachte. Bau-yü lachte nur:
 +
„Ich wäre schon froh, dich spielen zu hören. Dafür würde ich alles tun – sogar deine Sau sein!“
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Dai-yü errötete, doch lachte dann auf. Dsï-djüan und Hsüä-yän lachten ebenfalls.
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Bau-yü verabschiedete sich und erreichte gerade die Tür, als Tjiu-wën erschien, gefolgt von einer jüngeren Magd, die einen kleinen Topf mit Orchideen-Pflanzen trug.
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„Die gnädige Herrin schickt vier Orchideentöpfe“, sagte Tjiu-wën, „und sie dachte, da sie im Palast sehr beschäftigt ist und keine Zeit hätte, sie zu pflegen, wäre es besser diese an Sie Herr Bau-yü, und Sie, Fräulein Dai-yü, weiterzugeben.“
 +
Dai-yü betrachtete die Orchideen. Unter ihnen waren auch einige Doppelköpfige, und wie sie diese anschaute, hatte sie das merkwürdige Gefühl, es habe etwas zu bedeuten. Es war entweder Kummer oder Freude, worauf sie hindeuteten, sie konnte es nicht sagen. Doch es war etwas Wichtiges. Sie starrte sie an und war dabei in Gedanken verloren.
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Im Gegensatz dazu war Bau-yüs Kopf immer noch voll mit schwingend und gleitend und als er ging, sagte er erheitert:
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„Jetzt, da du diese Orchideen hast, Kusinchen, kannst du deinen eigenen eleganten Schreittanz, einen Pfauentanz<ref>Die europäische Bezeichnung lautet: Pavane.</ref> der einsamen Orchideen komponieren. Und ich bin sicher, es wird so gut wie das von Konfuzius!“
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Dai-yüs Herz war zu verärgert, um dieser Abschiedsgeste zu antworten. Sie ging wieder hinein und dachte bei sich, als sie die Orchideen anblickte:
 +
‚Blumen haben ihren Frühling, eine Zeit der frischen Blüten und jungen Blätter. Ich bin jung, doch schwach – wie die Weide, die den ersten Hauch des Herbstes scheut... Wenn alles im Guten endet, werde ich wieder zu Kräften kommen. Aber wenn nicht, wird mein Schicksal ähnlich dem der Blütenblätter sein, die am Frühlingsende fallen, getrieben vom Regen und vom Wind verwirbelt...‘
 +
Wegen dieser düsteren Gedanken kamen ihr die Tränen. Dsï-djüan war verwirrt, sie weinen zu sehen. ‚Eben gerade‘, dachte sie bei sich selbst, ‚als Herr Bau-yü hier war, waren die beiden so beflügelt; und schau’ sie dir jetzt an! Und das, als sie die schönen Blumen anschaute!’
 +
Sie versuchte immer noch vergeblich, sie zu trösten, bis sie sah, daß Bau-tschai einige Dienerinnen hergeschickt hatte. Doch wer den Zweck ihres Besuches erfahren möchte, muß das nächste Kapitel lesen.
  
Der Prinz von Bee-djing. Aus: Gai Qi 1879.
+
== Anmerkungen ==
„Setz’ dich!“, begann er, als die anderen gegangen waren. Bau-yü bedankte sich für diese Ehre mit einem Kotau. Er setzte sich vorsichtig auf einen seidenumhüllten Porzellanhocker nahe der Tür, sie sprachen eine Weile über seine Studien, seine Kompositionen und über andere Dinge. Der Prinz schien noch entzückter als je zuvor von seinem kleinen Schützling und bot ihm etwas Tee an. Weiterhin sagte er:
+
<references/>
„Exzellenz Direktor Wu war gestern in der Stadt für eine Audienz mit Seiner Majestät. Er sagte mir, daß dein Vater in seiner letzten Aufgabe als Bildungsbeauftragter eine gewissenhafte Unparteilichkeit gezeigt habe und sich den Respekt aller Kandidaten verdient habe, die er begutachtete. Als Ihre Majestät sich bei der Audienz erkundigte, erteilte Wu deinem Vater die größten Komplimente. Wirklich ein gutes Omen ...“
 
Bau-yü hatte sich eben flink erhoben, als der Prinz zu sprechen begann. Als er fertig war, antwortete er ihm:
 
„Ihr habt uns einen großen Vorzug erwiesen, Eure Hoheit, und Direktor Wu hat überschwengliche Freundlichkeit gezeigt.“
 
Während er sprach, kehrte ein jüngerer Eunuch von der Rezeption der vorderen Empfangshalle zurück, um den Dank verschiedener Adeliger und Ehrenmänner für das Bankett zu übermitteln, ihre Anerkennungskarten zu präsentieren und  die mittäglichen Grüße für den Prinzen zu übermitteln. Der Prinz warf einen kurzen Blick auf die Kärtchen und gab sie dem jungen Eunuchen lächelnd mit dem Zeichen der dankbaren Kenntnisnahme zurück.
 
Der Eunuch fuhr fort: „Die Mahlzeit, die ihr extra für Herrn Bau-yü vorbereiten ließt, ist nun bereit.“
 
Der Prinz gab weitere Anweisungen. Der Eunuch begleitete Bau-yü nach draußen zu einem kleinen, aber feinen Hof. Dort wurden die Anwesenden instruiert, während des Mahls zu seiner Verfügung zu stehen. Anschließend kehrte Bau-yü zurück, um dem Prinzen zu danken, und plauderte auf dieselbe höfliche Art mit ihm weiter. Plötzlich sagte dieser lächelnd: „Als ich das erste Mal diesen Stein von dir sah, war ich, wie du weißt, so davon hingerissen, daß ich bei meiner Rückkehr den Jadearbeitern eine Beschreibung von ihm gab und sie bat, mir auch einen solchen anzufertigen. Ich bin so froh, daß du heute hier bist. Du kannst Ihn dann mit nach Hause nehmen. Es wird dich sicher freuen, daß du ihn behalten darfst.“
 
Er beauftragte einen der jungen Eunuchen, den Jade hereinzubringen, und der Prinz selbst gab sie Bau-yü, der sie demütig mit beiden Händen empfing, sich bedankte und sich auf den Heimweg begab. Der Prinz trug zwei jungen Eunuchen auf, ihn nach draußen zu begleiten, wo Djia Schë und die anderen Familienmitglieder auf ihn warteten, und sie gingen alle nach Hause.
 
Bei ihrer Ankunft begrüßte Djia Schë die Herzoginmutter und begab sich in seine Wohnung. Djia Dschëng mit den drei anderen begrüßte die Herzoginmutter ebenso und gaben einen vollständigen Bericht von ihrem Empfang. Bau-yü berichtete seinem Vater die Neuigkeiten, die er über Direktor Wus großzügiges Handeln in Erfahrung gebracht hatte. „Direktor Wu“, erklärte Djia Dschëng, „hat uns ja schon immer sehr gut behandelt. Er ist meine Generation und ein Staatsmann höchster Integrität.“
 
Nach weiterem Plaudern erteilte die Herzoginmutter allen die Erlaubnis zu gehen. Djia Dschëng brach auf und Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü begleiteten ihn bis zur Tür.
 
Djia Dschëng sagte: „Geht zurück und leistet Eurer Großmutter noch etwas Gesellschaft!“, und begab sich zurück in seine Wohnung. Er war noch nicht lange da, als eine Magd hereinkam und ankündigte, daß Lin Dschï-hsiau draußen warte, um ihm etwas zu berichten. Sie überrreichte ihm auch eine rote Besucherkarte von „Direktor Wu“. Djia Dschëng wußte, daß es ein offizieller Besuch war, ließ das Dienstmädchen Lin hereinbitten und ging hinaus, um mit ihm im Wandelgang unter dem Dachvorsprung zu sprechen.
 
„Seine Exzellenz Direktor Wu wollte sie heute sehen, Herr,“ berichtete Lin. „Ich teilte ihm mit, sie seien unterwegs. Und noch etwas anderes, Herr; Ich habe gehört, daß die Stelle eines Dauerhaften Sekretärs im Arbeitsmini­ste­rium frei geworden ist. Verschiedene Leute außerhalb und innerhalb des Ministeriums sind alle der Meinung, daß Sie der Richtige für dieses Amt sind.“
 
„Hm...“, sagte Djia Dschëng, „wir werden sehen.“
 
Lin beriet sich mit seinem Herrn noch über einige andere Dinge und ging.
 
Nachdem Djia Dschëng die Herzoginmutter verlassen hatte, kehrten Vetter Dschën und Djia Liän in ihre eigenen Wohnungen zurück, während Bau-yü zur Herzoginmutter zurückkehrte. Jetzt konnte er ihr alles sagen, was im Palast geschehen war. Er beschrieb, wie freundlich der Prinz ihn behandelt hatte, und nahm den Jade heraus, der ihm geschenkt worden war. Alle schauten ihn sich an, es war eine heitere Stimmung. Die Herzoginmutter beauftragte eine Magd, ihn vorsichtig wegzulegen.
 
„Hast du deinen eigenen Jade gut aufbewahrt?“, sagte sie zu Bau-yü. „Sonst verwechselst du die beiden noch.“
 
Bau-yü nahm sofort das Original von seinem Hals.
 
„Aber sieh doch!“, sagte er, „die sind so verschieden, wie könnte ich sie jemals verwechseln? Großmutter, das erinnert mich an etwas, das mir letzte Nacht widerfahren ist, als ich gerade ins Bett ging. Ich hatte gerade meinen Jade abgenommen und sie hinter dem Bettvorhang aufgehängt, als sie anfing, zu leuchten. Der ganze Innenbereich meines Bettes war rot.“
 
„Dummer Junge!“, ermahnte ihn die Herzoginmutter. „Da sind rote Bänder an deiner Vorhangleiste. Kerzenlicht erzeugt dann natürlich ein rotes Leuchten.“
 
„Nein, die Kerzen waren alle aus, in meinem Zimmer war es stockfin­ster und ich sah es immer noch glimmen.“
 
Die Damen Hsing und Wang kicherten. Hsi-fëng konnte sich auch nicht zurückhalten rätselhaft zu bemerken:
 
„Kein Zweifel, das kündigt die Hochzeit an...“
 
„Welche Hochzeit?“, fragte Bau-yü.
 
„Davon verstehst du nichts“, sagte die Herzoginmutter, „aber jetzt komm! Es war ein turbulenter Tag für dich, und du solltest nun gehen und dich ausruhen und keine Zeit damit verschwenden, hier Geschichten zu erzählen.“
 
Bau-yü blieb noch ein bißchen und kehrte dann in den Garten zurück. Als er aus dem Zimmer war, wandte sich die Herzoginmutter an die Dame Wang:
 
„Nun, warst du schon bei Frau Hsüä und hast mit ihr darüber gesprochen?“ –
 
„Ja, Mutter, das wollte ich eigentlich sofort machen“, antwortete die Dame Wang. „Aber weil Hsi-fëng in den letzten Tagen mit der kranken Tchiau-djie beschäftigt war, konnte ich es erst zwei Tage später machen. Auf jeden Fall scheint meine Schwester sehr erfreut über diese Idee, doch sie sagt, sie müsse warten, bis Pan nach Hause komme, bevor sie sich auf etwas festlegt. Sie muß erst ihn als ältesten Mann der Familie befragen.“
 
„Wohl wahr“, sagte die Herzoginmutter, „dann müssen wir wohl abwarten, bis sie darüber gesprochen haben. Unterdessen kein Wort davon zu niemandem, bis eine endgültige Entscheidung von Frau Hsüä vorliegt.“
 
 
 
Wir müssen nun diese Hochzeits-Plauderei verlassen und begeben uns zur unwissenden Hauptperson, die sich bei ihrer Ankunft im Roten Hof der Freude Hsi-jën anvertraute:
 
„Großmutter und Tante Hsi-fëng haben über etwas sehr seltsam gesprochen heute morgen. Ich weiß nicht, um was es geht.“
 
Hsi-jën blickte einen Moment nachdenklich.
 
„Ich habe auch keine Ahnung“, entgegnete sie dann mit einem besonderen Lächeln: „Ich überlege, war Fräulein Dai-yü dabei, als sie darüber sprachen?“
 
„Seit Fräulein Dai-yü krank ist, wie könnte sie da bei der Großmutter sein?“
 
Das Gespräch wurde durch Geräusche von Schë-yüä und Tjiu-wën unterbrochen, die sich im Nebenzimmer stritten.
 
„Was ist los mit euch beiden?“, rief Hsi-jën. –
 
„Wir haben Karten gespielt. Tjiu-wën hat gewonnen und mein Geld genommen. Jetzt, wo sie verliert, will sie das Geld nicht mehr herausrücken. Jetzt bin ich komplett ausgeraubt“, antwortete Schë-yüä.
 
„Ach kommt schon!“ ermahnte sie Bau-yü lachend, „seid doch nicht dumm! Wer will sich schon über ein paar Taler streiten?“ Beide ließen von einander, gingen schmollend fort und ließen Hsi-jën Bau-yü für die Nacht herrichten.
 
Jetzt war Hsi-jën sicher, daß die rätselhafte Unterredung, die Bau-yü erwähnte, irgendwie mit seiner Verlobung zu tun haben mußte. Sie hatte ihre Unwissenheit nur vorgetäuscht, aus Angst, daß die Erwähnung eines solch ernsten Themas in seiner derzeitigen Verfassung noch mehr dummes Gerede Bau-yüs produzieren würde. In ihrem Herzen war dies aber eine sehr wichtige Angelegenheit, die sie beschäftigte. Sie selbst fürchtete diese Neuigkeiten und lag in dieser Nacht wach. Dabei fiel ihr ein, daß sie am besten gleich am nächsten Morgen Dsï-djüan besuchen würde. Sie würde schauen, ob es von ihrer Seite Anzeichen gab, und dann würde sie Bescheid wissen.
 
Also stand sie am nächsten Tag früh auf, machte sie sich selbst zurecht, nachdem sie Bau-yü zur Schule geschickt hatte, und spazierte durch den Garten zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Dsï-djüan war im Fronthof Blumen pflücken und grüßte sie mit einem Lächeln: „Komm her und setz’ dich nach drinnen!“ – Hsi-yän ging hinein und setzte sich.
 
„Nun, so setze ich mich. Wie ich sehe, bist du mit deinen Blumen beschäftigt... Was ist mit Fräulein Dai-yü?“
 
„Sie hat sich gerade zurechtgemacht. Sie wartet darauf, daß ihre Medizin aufgewärmt wird.“
 
Dsï-djüan nahm Hsi-jën mit nach innen. Dai-yü las ein Buch, was Hsi-jën direkt ein Gesprächsthema lieferte. Sie lächelte liebenswürdig: „Kein Wunder, daß Ihr Euch geistig verausgabt. Ihr steht auf und lest schon ein Buch. Wenn Herr Bau-yü Ihrem Beispiel nur ein bißchen folgen würde!“
 
Dai-yü lächelte und legte das Buch nieder. Währenddessen kam Hsüä-yän mit einem kleinen Teetablett mit einem Schüsselchen Medizin und einem mit Wasser. Gefolgt wurde sie von einer jungen Magd, die einen Spucknapf trug.
 
Eigentlich war es Hsi-jëns Absicht, sie auszuhorchen; doch irgendwie, inmitten all dieser medizinischen Fürsorge, fiel ihr kein passender Einstieg in das Thema ein, und sie erkannte, daß es das Risiko nicht wert war, das reizbare Fräulein zu kränken, um die Informationen zu erhalten, die sie brauchte. Nachdem sie nun eine Weile dort gesessen und planlos geplaudert hatte, verabschiedete sie sich und ging nach Hause.
 
Sie näherte sich dem Roten Hof der Freude, als sie zu ihrer großen Überraschung zwei männliche Figuren etwas weiter weg stehen sah. Sie hielt es für diskreter, sich nicht weiter zu nähern. Einer von ihnen hatte sie bereits gesichtet und rannte zu ihr herüber. Es stellte sich heraus, daß es Tschu-yau war, einer von Bau-yüs Pagen.
 
„Was tust du hier?“, fragte sie ihn.
 
„Herr Yün kam gerade mit einem Brief und sagte, er sei für Herrn Bau-yü, und deshalb bin ich hier.“
 
„Aber du mußt doch wissen, daß Herr Bau-yü jeden Tag in die Schule geht, worauf wartet ihr also?“
 
„Das habe ich ihm auch gesagt“, sagte der Page schüchtern grinsend. „Doch er sagte, ich solle es dir erzählen und stattdessen auf deine Antwort warten.“
 
Hsi-jën wollte gerade antworten, als sie bemerkte, daß der andere Mann begann, ihnen entgegenzuschlendern. Eine eingehende Betrachtung bestätigte, daß der heimliche Eindringling tatsächlich Djia Yün war. Sie drehte sich dem Pagen zu und sagte forsch:
 
„Sag’ ihm, ich werde den Brief unverzüglich an Herrn Bau-yü weiterleiten.“
 
Djia Yüns langsames Heranschreiten sollte sein wahres Ziel verdecken, welches war, mit dem angesehenen Fräulein Hsi-jën ein Tête-à-tête zu arrangieren, wollte sie aber auch nicht verärgern. Seine Abweisung (die er sehr deutlich vernahm), zwang ihn, wenn auch innerhalb seines Zielbereiches, seine Pläne zu verwerfen und zu einem vorzeitigen Stillstand zu kommen. Hsi-jën drehte sich auf ihrem Absatz um und begab sich zum Hof der Freude am Roten. Djia Yün konnte nichts tun und ging ganz enttäuscht mit Tschu-Yau zurück.
 
Hsi-jën teilte diesen Zwischenfall am Abend Bau-yü mit, als er von der Schule zurückkehrte:
 
„Dieser junge Herr Yün war heute hier“, sagte sie.
 
„Was wollte er?“
 
„Er hinterließ Ihnen einen Brief.“ –
 
„Wo ist er? Zeig’ ihn mir mal.“
 
Schë-yüä besorgte Yuns Brief von der Buchablage aus dem inneren Zimmer und gab ihn Bau-yü. Auf dem Umschlag stand: „An meinen verehrten Onkel.“
 
„Lustig“, sagte Bau-yü, „ich dachte, ich sollte sein Vater sein!“ –
 
„Was?“, erwiderte Hsi-jën.
 
„Erinnerst du dich nicht, vorletztes Jahr, als er mir weiße Zieräpfel brachte, bezeichnete er mich als ‚verehrter Vater‘? Und heute schreibt er auf dem Umschlag ‚Onkel‘ – er erkennt mich nicht mehr als Vater an...“ – Hsi-jën sagte: „Er schämt sich nicht, und du schämst dich auch nicht! Er ist ja schon groß und soll noch dein Sohn sein? Er sollte sich wirklich schämen. Du bist ja noch nicht mal...“
 
Hsi-jën stockte. Sie errötete und lächelte verlegen. Bau-yü bemerkte das.
 
„Wer weiß?“, witzelte er, „man sagt ja: ‚Ein Mönch hat keine Kinder, aber viele, die ihn wie einen Vater verehren.‘ Ich sehe ihn nur als einen einnehmenden Menschen, deshalb mache ich das überhaupt. Wenn er es nicht will, bereue ich es auch nicht.“ –
 
Während Bau-yü den Brief öffnete, fuhr Hsi-jën fort: „Wenn du es genau wissen willst, der kleine Herr Yün sah ja merkwürdig aus. Er guckt mal heraus, mal versteckt er sich, ich glaube, er ist ein schlechter Kerl.“
 
Bau-yü war zu sehr darin vertieft, den Brief zu öffnen, als daß er ihr zugehört hätte. Sie studierte sein Gesicht, während er las. Ein Stirnrunzeln, dann ein Lächeln, welches überging in ein Kopfschütteln und letztlich dem Ausdruck der Ungeduld. Als er fertig zu sein schien, fragte sie: „Worum geht es denn?“
 
Bau-yü antwortete nicht, sondern zerriß den Brief in Stücke. Hsi-jën sah das und wußte, daß sie nicht weiter fragen sollte. Stattdessen fragte sie:
 
„Hast du vor, nach dem Abendessen noch etwas zu lesen?“ –
 
„Was für ein lächerliches kleines Kind, dieser gemeine Yün!“
 
Hsi-jën lachte über diese Aussage, nach der sie nicht gefragt hatte, und fragte: „Worum geht es eigentlich?“ –
 
„Frag’ nicht! Laß uns zu Abend essen! Danach gehe ich gleich schlafen. Es ist nur nervig.“
 
Er wies eine der jüngeren Mägde an, Feuer anzuzünden und warf die Stücke von Yüns Brief hinein.
 
Das Abendessen wurde bald serviert, doch Bau-yü war dazu nicht in Stimmung und starrte nur mürrisch vor sich hin.
 
Hsi-jën drängelte ihn auf allerlei Arten, bis er endlich etwas aß, doch er stellte seine Schüssel wieder hin und saß halb aufgerichtet im Bett, plötzlich begann er zu weinen.
 
Weder sie noch Schë-yüä wußten, was sie tun sollten.
 
„Nun komm schon, du mußt es uns erzählen“, sagte Schë-yüa. „All dies ist Yüns Schuld, oder wie auch immer sein verdammter Name ist. Ich kann mir nicht vorstellen, was in diesem blöden Brief gestanden haben kann, daß er so einen Eindruck auf dich machte, in der einen Minute warst du am Lachen, in der nächsten bitterlich am Weinen. Wenn du noch länger auf so seltsame Art weiter machst, wie können wir das weiter ertragen.“
 
Sie war selbst den Tränen nahe. Hsi-jën fand das beinahe zum Lachen:
 
„Liebste Schë-yüä, mach’ doch bitte nicht alles noch schlimmer. Er plagt sich doch bereits mit genug Dingen herum. Vielmehr könnte man meinen, der Brief hätte etwas mit dir zu tun...“ –
 
„Also das ist wirklich eine dumme Bemerkung, muß ich sagen!“, antwortete Schë-yüä. „Du weißt, daß irgendwelche Dummheiten darin standen. Warum ziehst du mich da mit rein? Wenn du so sprichst, hat es vielleicht ja viel eher etwas mit dir zu tun...“
 
Bevor Hsi-jën antworten konnte, kam prasselndes Gelächter aus dem Bett, Bau-yü setzte sich auf, schüttelte seine Kleider und sagte zu beiden:
 
„Jetzt ist es aber genug. Laß uns schlafen! Ich muß morgen früh arbeiten.“ Mit diesen Worten zog er sich zurück und legte sich schlafen.
 
Die Nacht ging ereignislos vorüber und am nächsten Morgen, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, ging er in die Schule. Er ging gerade durch das Hoftor, als er sich an etwas erinnerte. Er sagte Bee-ming, sie solle warten. Er kehrte um und rief „Wo ist Schë-yüä?“ –
 
Sie kam herbeigeeilt: „Wieso sind Sie wieder zurück, was ist denn los?“ – „Wenn Yün heute wiederkommt, sag’ ihm, er soll keinen Ärger machen, oder ich werde es der gnädigen Frau und Herrn Dschëng berichten.“ – „Das werde ich.“ Bau-yü brach erneut auf und war auf dem Weg nach draußen, da sah er, wie Djia Yün nervös herkam. Als er Bau-yü sah, grüßte er sofort und sagte:
 
„Meine herzlichsten Glückwünsche, Onkel!“
 
Bau-yü verstand dies als Anspielung auf die Sache in dem Brief vom Vortag und antwortete knapp: „Du bist ja viel zu taktlos! Du kümmerst dich nicht darum, wie es anderen geht, du kommst nur um Chaos zu bringen...“ –
 
„Aber Onkel!“ protestierte Yün mit einem süffisanten Lächeln. „Wenn du mir nicht glaubst, schau’ dich selbst an. Die Massen stehen vor dem Tor.“ –
 
„Was erzählst du?“ gab Bau-yü kurz zurück, seine Stimme wurde wütender.
 
In diesem Moment schwappte eine Welle von Rufen und Pfeifen von der Straße herein.
 
„Hörst du das!“, rief Djia Yün. „Glaubst du mir nun?“
 
Bau-yü war noch verblüffter als zuvor. Aus dem ganzen Klamauk konnte er kein Wort erkennen. Er rief: „Habt ihr Leute keine Manieren? Was fällt euch ein, hierher zu kommen und so einen Aufstand zu machen?“
 
Eine Stimme antwortete: „Da Euer Vater befördert wurde, wie könnten wir nicht herkommen um Euch zu gratulieren? Andere Leute träumen davon und erreichen nichts.“
 
Bau-yü verstand, daß die Beförderung seines Vaters zuletzt offiziell ausgerufen worden war und daß der Lärm vor den Toren von einer Menge von Leuten kam, die gratulierten. Ihre Begeisterung steigerte die Lautstärke immer mehr. Er wollte gerade losgehen, als Djia Yün rief: „Freust du dich nicht, Onkel? Wenn du dich jetzt noch verloben würdest, verhieße das ja doppeltes Glück ...“
 
Bau-yü errötete heftig, und er spuckte Djia Yün ins Gesicht: „Pfui! Warum verschwindest du nicht einfach? Du ekelst mich an!“
 
Djia Yün errötete ebenfalls. „Was soll denn das? Ich sehe, du bist ein wenig...“ –
 
„Ein wenig was?“, fragte Bau-yü wütend.
 
Doch Djia Yüns Nerven ließen ihn im Stich und er ließ seine Bemerkung unvollendet.
 
Bau-yü eilte zur Schule, wo Dai-ju ihn mit einem Lächeln begrüßte:
 
„Ich habe eben die guten Nachrichten gehört, mein Junge. Ich muß sagen, ich bin überrascht, dich heute überhaupt hier zu sehen.“ –
 
„Ich dachte, ich sollte es euch zuerst berichten, Herr, bevor ich meine Glückwünsche überbringe“, antwortete Bau-yü mit einem freundlichen Lächeln.
 
„Ich verstehe. Also gut, heute brauchst du nicht zum Unterricht. Nutze deinen freien Tag. Doch bitte vertrödel dich nicht im Garten. Da du auf Grund deines Alters noch nicht aktiv an den familiären Angelegenheiten teilnehmen kannst, solltest du mit deinen älteren Vettern lernen.“ –
 
„Ja, Herr.“
 
Bau-yü kehrte nach Hause zurück. Als er sich dem zweiten Eingangstor näherte, kam ihm Li Guee entgegen, der ihm gratulierte.
 
 
 
Offizielle Bekanntgabe der Beförderung von Djia Dschëng. Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
„Bin ich froh, daß du zurück bist“, sagte Li Guee, der lächelnd neben ihm stehenblieb. „Ich wollte gerade zur Schule gehen, um dich zu holen.“ –
 
„Wer hat dir das aufgetragen?“, fragte Bau-yü.
 
„Die Herzoginmutter schickte jemanden zu dir“, antwortete Li Guee, „doch die Mägde sagten, du seist bereits in der Schule, deshalb schickte sie jemanden mit den Anweisungen, dich für ein paar Tage von der Schule zu befreien. Während die Herzoginmutter gerade Theaterschauspieler für die Festlichkeiten besorgt, kommst du gerade.“
 
Bau-yü ging hinein, um zu sehen, daß der Vorhof der Herzoginmutter von Mägden und Dienstmädchen überquoll, ihre Gesichter strahlten vor aufrichtiger Begeisterung:
 
„Sie sind spät, Herr Bau-yü! Beeilen Sie sich besser, um der gnädigen Frau zu gratulieren!“
 
Bau-yüs Gesicht erhellte sich. Als er den Raum betrat, fand er seine Großmutter mit Dai-yü links und Hsiang‑yün rechts neben ihr sitzend aufrecht auf dem Ofenbett, während darunter die Damen Hsing und Wang, Tan‑tschun, Hsi­-tschun, Li Wan und Hsi-fëng, Li Wans zwei Kusinen Wën und Tchi und die Dame Hsings Nichte Hsing Hsiu‑yän versammelt waren. Er bemerkte, daß Bau‑tschai, Bau‑tjin und Ying-tschun nicht dabei waren.
 
Überglücklich, eine solche Versammlung zu sehen, gratulierte Bau-yü seinerseits der Herzoginmutter herzlichst, dann seiner Mutter und der Dame Hsing und anschließend dem Rest der Familie. Er wandte sich lächelnd an Dai-yü und sagte: „Hast du dich denn etwas erholt, Kusine?“ –
 
„Ja, es geht mir viel besser“, antwortete Dai-yü lächelnd. „Und dir? Ich habe gehört, daß es dir auch nicht allzu gut ging.“ –
 
„Ja, in einer Nacht hatte ich plötzlich einen Schmerz in der Brust verspürt. Seit ein paar Tagen ist mir wieder besser, doch ich mußte jeden Tag zur Schule, deshalb konnte ich dich nicht besuchen kommen.“
 
Bevor er zu Ende sprechen konnte, wandte sich Dai-yü ab, um mit Tan‑tschun zu sprechen. Hsi-fëng stand in ihrer Nähe und bemerkte sarka­stisch:
 
„Ich dachte, ihr beiden wärt unzertrennlich? Wie höflich ihr miteinander redet, könnte man meinen, ihr seid Gäste. Das ist so wie in der Redewendung ‚sich zu respektieren wie Ehrengäste“.“ Alle lachten. Dai-yüs Gesicht verfärbte sich und zuerst war sie vor Verlegenheit sprachlos. Doch da sie dachte, von ihr würde nun irgendeine Antwort erwartet, entfuhr ihr schließlich:„Was verstehst du denn ...?“ Das schien alle noch mehr zu erheitern.
 
Nach kurzem Überlegen bemerkte Hsi-fëng, daß ihr Scherz deplaziert war, und sie wollte gerade ein neues Thema anfangen, um die Atmosphäre aufzulockern, als sich Bau-yü plötzlich zu Dai-yü wandte und sagte:
 
„Kusine, weißt du, was dieser taktlose, unmögliche Narr Yün versucht...“ Dann fiel ihm ein, daß er darüber besser nicht sprechen sollte. Verblüfftes Lachen kam von den anderen. Jemand sagte: „Wovon redest du?“
 
Dai-yü tappte ebenso wie sie im Dunkeln und lächelte unbeholfen. Bau-yü wand sich irgendwie heraus und ging zu einem anderen Thema über: „Ich habe vorhin erst gehört, daß einige Theaterschauspieler bestellt wurden. Wieviele Stücke werden denn aufgeführt?“
 
Alle guckten ihn lachend an. Hsi-fëng antwortete dann:
 
„Du hast es ja von draußen gehört. Du hast es uns ja jetzt berichtet. Wen willst du denn fragen?“
 
Bau-yü antwortete verlegen: „Ich gehe besser hinaus und sehe mal nach.“
 
„Jetzt auch noch nach draußen!“ warnte seine Großmutter. „Du möchtest doch nicht, daß sich die Menge über dich lustig macht, oder? Und denke daran, dies ist ein ganz besonderer Tag für deinen Vater und wenn er nach Hause kommt und du treibst dich herum, gibt es mit Sicherheit Ärger.“ –
 
„Ja, Großmutter“, antwortete Bau-yü und begab sich auf die Flucht.
 
Als er gegangen war, fragte die Herzoginmutter Hsi-fëng: „Wer hat etwas von Theater gesagt?“ –
 
„Der Familie von Onkel Wang Dsï‑scheng geht es gut“, antwortete Hsi-fëng, „sie möchten dir, Onkel Dschëng und den Damen gratulieren. Sie haben extra eine neue Truppe an Schauspielern engagiert und sagen, daß es Euch nicht nur gut gehe, sondern der ganze Tag glücklich werde.“
 
Hsi-fëng lachte: „Und das nicht nur auf eine Art.“
 
Sie schaute Dai-yü an und lächelte. Dai-yü lächelte schüchtern zurück.
 
„Natürlich!“ stieß die Dame Wang hervor. „Es ist der Geburtstag unserer Nichte!“
 
Als die Herzoginmutter das vernahm, lachte sie laut: „Das alles zeigt nur, wie geistesabwesend ich in meinem Alter werde! Es ist gut, daß Hsi-fëng hier alles organisiert. Nun, und was könnte besser sein: wir können die Beförderung deines Onkels Dschëng feiern und gleichzeitig deinen Geburtstag!“ Darauf mußte jeder lachen, und alle stimmten einhellig darin überein, daß die alte Dame die Ereignisse so druckreif zusammengeführt hatte, daß die Familie völlig zu Recht ein so ungeheures Glück genösse.
 
Bau-yü kam rechtzeitig zurück, um von der Feier zu hören, und tanzte vor Freude. Sie setzten sich alle zum Mittagessen in einer Atmosphäre größter Heiterkeit. Nach dem Essen kehrte Djia Dschëng von seiner Danksagung am Hof zurück. Nach einem zeremoniellen Kniefall vor dem Familienschrein kam er herein, um vor seiner Mutter einen Kotau zu machen. Dann erhob er sich und sagte ein paar Worte, bevor er draußen die Gäste empfing und sich bei ihnen bedankte.
 
Während der nächsten Tage herrschte durchgehender Betrieb und ein Durcheinander, als ein Schwall Verwandter das Jung-guo-Anwesen belagerte. Pferde und Kutschen drängten am Haupteingang, und in jeder Ecke wartete ein wichtig aussehender Edelmann auf seinen Einsatz, mit gestärktem Hut und Ehrendolch geschmückt. Es war wirklich, wie es heißt:
 
 
 
Über Blumenblüte
 
Bienen- und Schmetterlingstanz,
 
Unter weitem Himmel,
 
Über'm Ozean der Vollmond.
 
 
 
Zwei Tage später kamen die Theaterschauspieler, auf Anweisung von Wang Dsï‑scheng und weiteren Angehörigen, am frühen Morgen an. Sie bauten ihre Bühne im Hof der Herzoginmutter auf, der der Haupthalle gegenüber lag. Die Männer der Familie Djia waren in offiziellen Gewändern gekleidet und unterhielten ihre Gratulanten und Verwandten im offenen Hof, wo mehr als zehn Tische aufgestellt waren. Da eine Premiere gegeben wurde, wurde eine besondere gläserne Sichtwand zwischen Hof und Hinterzimmer aufgestellt, durch die das Spiel von der Nordseite angeschaut werden konnte. Vier Tische wurden im geschlossenen Raum aufgestellt, um den Damen und besonders der Herzoginmutter zu ermöglichen, die Spiele zu sehen. Alles war darauf ausgerichtet, besonders der Herzoginmutter eine Freude zu machen. Frau Hsüä saß am Kopf des Ehrentisches, umsäumt von ihrer Schwester, der Dame Wang, und ihrer Nichte Bau‑tjin, während die Herzoginmutter am Kopf des Tisches gegenüber saß, begleitet von der Dame Hsing und ihrer Nichte Hsiu‑yän. Die zwei verbleibenden Tische waren noch leer, und die Herzoginmutter rief den anderen zu, sich zu beeilen und zu setzen.
 
Hsi-fëng wurde von Dai-yü begleitet und holte sämtliche Dienstmägde. Dai-yü trug ein neues Kleid und sah, als sie hereinkam, aus wie die Mondgöttin, die auf die Erde niedersteigt. Sie begrüßte die Herzoginmutter, und ihre Tanten mit einem schüchternen Lächeln und Hsiang‑yün und die zwei Li-Schwestern baten sie, sich am Kopf ihres Tisches niederzulassen. Ihre freundliche Ablehnung wurde schnell von der Herzoginmutter überstimmt:
 
„Nun komm schon, Liebes, heute mußt du den Platz einnehmen!“ –
 
„Wirklich?“, stieß Frau Hsüä sich erhebend hervor. „Hat Fräulein Dai-yü heute auch etwas zu feiern?“
 
Die Herzoginmutter lachte: „Es ist ihr Geburtstag!“ –
 
„Ach, du meine Güte. Ich habe es vergessen! Wie schrecklich von mir!“ Frau Hsüä ging zu Dai-yü: „Es tut mir leid. Ich hoffe, du vergibst mir meine Vergeßlichkeit. Ich werde Bau‑tjin bitten, dich später aufzusuchen und dir alles Gute zu wünschen.“ –
 
„Bitte mach’ dir meinetwegen nicht solche Mühe“, sagte Dai-yü lächelnd. Sie blickte um sich, als sich alle setzten, und bemerkte, daß Bau‑tschai nicht gekommen war.
 
„Ich hoffe, Kusine Bau-tschai geht es gut. Warum konnte sie heute nicht kommen?“ –
 
„Sie wollte“, antwortete Frau Hsüä, „doch da zuhause niemand aufpaßt, mußte sie dort bleiben.“
 
Dai-yü errötete und sagte mit einem erstaunten Lächeln: „Jetzt, da Vetter Pan verheiratet ist und eine neue Schwägerin da ist, müßte sie doch nicht mehr zu Hause bleiben? Sie war sicher nicht in der Stimmung für diesen ganzen Lärm und die Aufregung. Es ist schade, daß sie nicht kommen konnte. Sie fehlt mir sehr.“ Frau Hsüä lächelte: „Das ist süß von dir, Liebes. Sie denkt auch ständig an dich. Ich werde ihr sagen, sie soll an einem Tag einmal zum Plaudern vorbeikommen.“
 
Die Mägde servierten bereits den Wein und deckten die Tische, während die Theatervorstellung draußen begonnen hatte. Selbstverständlich wurde sie mit zwei komödiantischen Stücken eröffnet. Bei dem dritten Stück schien es sich um eine Premiere zu handeln. Ein Chor goldener Pagen und Jade-Jungfrauen kam auf die Bühne, Feenbänder und Flaggen schwebten in der Höhe, um eine überaus betörende junge Dame zu enthüllen, ihr Kopf war mit einem Tuch schwarz drapiert, ihr Seidenkostüm schimmerte in den Farben eines Regenbogens, und sie trug eine gefiederten bunte Jacke. Der junge Mann in der Frauenrolle sang eine kurze Arie und verließ die Bühne.
 
Keiner aus der Familie konnte dieses Stück überhaupt kennen, und sie hörten, wie einer der Gäste sagte:
 
„Das war ,Die Verwandlung“, von einer ihrer letzten Darstellungen, Der Perlenpalast. Es wird die Geschichte von Chang E erzählt, die aus ihrem Mondpalast herunter auf die Erde kommt und sich gerade mit ihrem sterblichen Liebhaber vermählen will, als die Göttin der Barmherzigkeit ihr die Augen für die Wahrheit öffnet, und sie stirbt, bevor die Hochzeit stattfindet. In dieser Szene schwebt sie gerade zum Mond. Hast du den Text der Arie gehört?
 
 
 
Die Liebe, die der Menschen Geist beherrscht,
 
verdunkelt alle Spuren
 
ewiger Wahrheit:
 
Die Erntemonde schwinden,
 
des Frühlings frische Schönheit,
 
voll der Anmut, welkt.
 
Sterbliche Liebe war's,
 
die meiner Augen Licht benahm
 
und um mich spann
 
ein Netz von Dunkelheit.
 
 
 
Als viertes Stück stand die 21. Szene: ,Eine Ehefrau ißt Weizen und bezichtigt sich selbst’, aus ,Die Geschichte der Laute‘ auf dem Programm, gefolgt von dem fünften Stück ,Bodhidharma und seine Schüler überquerten den Fluß‘, aus ,Die Pilgerreise‘. Als Bühnenhintergrund wurde eine Fata Morgana-Szene aufgebaut, und es sah turbulent aus. Die Begeisterung hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht, als einer der Diener der Hsüä-Familie, mit schweißüberströmtem Gesicht, in den Hörsaal des Hofes platzte und zu Hsüä Kës Tisch eilte:
 
„Herr Ke! Kommen Sie schnell nach Hause! Und sagen Sie der Herrin Bescheid, daß sie auch kommen soll. Es ist sehr dringend!“ –
 
„Was ist passiert?“, fragte Hsüä Kë.
 
„Ich sage es ihnen, wenn wir zu Hause sind, Herr!“, keuchte der Junge.
 
Seinen Gastgebern unaufhörlich dankend, folgte Hsüä Kë dem Jungen aus dem Hof und schickte eine der Mägde mit einer Nachricht in den Damenbereich. Als Frau Hsüä die Neuigkeiten vernahm, verfinsterte sich ihre Miene. Bau‑tjin mit sich nehmend, verabschiedete sie sich unkonzentriert und begab sich direkt zu ihrer Sänfte, die ganze Versammlung dabei in höchstem Aufruhr verlassend.
 
„Wir schicken jemanden hin, um zu erfahren, was los ist“, sagte die Herzoginmutter, „alle machen sich Sorgen.“
 
Alle stimmten zu.
 
Die Spieler fuhren mit ihrem Programm fort. Doch wir müssen sie verlassen und Frau Hsüä folgen, die bei ihrer Ankunft zu Hause zwei Boten des Yamen am inneren Torweg warten sah. Bei ihnen waren einige Angestellte des Familienpfandhauses.
 
„Wenn Frau Hsüä erscheint“, sagten sie, „wird sie alles erklären können.“
 
Als die Boten des Yamen diese ältere Dame mit ihrem Gefolge männlicher und weiblicher Begleiter zum Tor eilen sahen und die erhöhte Position der Person sahen, mit der sie es zu tun hatten, standen sie stramm und ließen sie passieren. Frau Hsüä ging weiter durch die Empfangshalle und konnte bereits lautes Weinen aus der Wohnung ihrer Schwiegertochter vernehmen. Sie beschleunigte ihren Gang. Bau‑tschai kam ihr mit einem Gesicht naß vor Trä­nen entgegen.
 
„Hast du es gehört, Mama? Bitte keine Aufregung! Wir müssen etwas tun!“
 
Sie gingen zusammen hinein. Einige der Diener hatten Frau Hsüä auf ihrem Weg hinein bereits gesagt, worum es ging. Bau-tschai schluchzte und zitterte immer noch von dem Schrecken.
 
„Doch wer? Wer war es?“, fragte sie aufgewühlt.
 
„Herrin“, sagte einer der Diener, „solche Details werden an der Situation im Moment nichts ändern. Das Gesetz sagt: ‚Ein Leben muß mit einem Leben vergolten werden‘. Deshalb müssen wir überlegen, was zu tun ist.“ –
 
„Überlegen!“, schrie Frau Hsüä hysterisch, „was bringt denn schon Überlegen in so einem verdammten Moment wie jetzt?“ –
 
„Das Beste, wie wir finden“, fuhr der Diener fort, „ist dies. Zuerst
 
schicken wir den jungen Herr Ke mit etwas Geld, um Herrn Pan im Gefängnis zu besuchen. Was morgen zuerst zu tun ist: Herr Ke muß sich einen guten Berufsschreiber besorgen, jemand, der mit der gerichtlichen Terminologie vertraut ist. Er muß ihm ein gutes Honorar anbieten, um sicherzugehen, daß sein Todesurteil verworfen wird. Wenn das erledigt ist, müssen wir einen der Edelmänner der Familie Djia hier fragen, ob sie ein paar Fäden ziehen.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 86

受私贿老官翻案牍 / 寄闲情淑女解琴书

Bestechung bringt einen alten Mandarin in Konflikt mit dem Lauf des GesetzesZeitvertreib mit einer jungen Dame, die die Philosophie des Zither-Spiels erklärt.

Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Bau-tschai Hsüä Kës Brief ihrer Mutter laut vorlas. Frau Hsüä rief den Dienstboten herbei und bat ihn zu wiederholen, was Hsüä Pan über sein Mißgeschick gesagt hatte. „Ich konnte nicht jedes Wort verstehen, gnädige Frau“, begann er, „doch ich hörte, daß Herr Pan Herrn Hsüä Kë erzählte, daß...“ Er blickte sich schnell im Zimmer um und fuhr fort, als er sich vergewissert hatte, daß sonst niemand im Zimmer war: „...daß er die schrecklichen Szenen zu Hause nicht mehr ertragen könne und sich entschlossen habe, auf eine Geschäftsreise in den Süden zu gehen. Er kenne dort jemanden, etwa hundertfünfzehn Kilometer südlich der Stadt und denke daran, mit ihm zu reisen. Auf dem Weg zum Haus des Mannes traf er seinen Freund Djiang Yü-han, der mit einigen jungen Schauspielern auf dem Weg in die Hauptstadt war. Die beiden gingen in eine Gastwirtschaft, um etwas Wein zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, und da begann, alles schief zu laufen. Der Kellner starrte Herrn Djiang an, was Herrn Pan verärgerte. Nun, Herr Djiang brach noch am selben Tag auf. Doch am nächsten Tag nahm Herr Pan diesen anderen Mann – der, mit dem er vorhatte zu reisen – in dieselbe Bar mit, um etwas zu trinken. Nach einigen Runden erinnerte er sich an das üble Benehmen des Kellners am Tag zuvor und beschwerte sich über den Wein. Der Kellner brauchte viel Zeit, um eine neue Kanne zu bringen; Herr Pan fing sofort an zu schimpfen. Der Kellner fand das nicht in Ordnung. Und dann schlug Herr Pan mit seiner Schale sofort auf den Kellner ein. Niemand hatte vermutet, daß der Kellner nicht von der friedliebendsten Sorte war. Er streckte den Kopf bewußt vor und ließ den Herrn darauf einschlagen. Herr Pan schlug ihm mit Weinschale auf den Kopf, und es floß Blut. Er lag auf dem Boden, schimpfte erst noch vor sich hin, und danach brachte er keine Worte mehr heraus.“ „Doch warum hat denn keiner versucht, ihn aufzuhalten?“, fragte Frau Hsüä. „Ich hörte Herrn Pan nichts davon sagen, gnädige Frau. Dies ist alles, was ich weiß.“ – „Nun gut. Du kannst jetzt gehen und dich ausruhen.“ – „Vielen Dank, gnädige Frau.“ – So gingen dann beide hinaus. Frau Hsüä ging zuerst zu ihrer Schwester, der Dame Wang, und bat sie, Djia Dschëngs Unterstützung anzufordern. Als die Dame Wang die Angelegenheit vorbrachte und Djia Dschëng einen ausführlichen Bericht davon gab, was sich ereignet hatte, stotterte er zunächst unwillig herum und sagte, daß er nichts tun könne, bis Hsüä Kës Berufung die üblichen Dienstwege durchlaufen habe und der Richter sein Urteil ausgestellt hätte. Frau Hsüä ließ im Pfandleihhaus Silber auswiegen und schickte es Hsüä Kë durch den Dienstboten. Drei Tage später kam der Brief, auf den sie warteten, an. Er wurde Frau Hsüä gegeben, die eine junge Magd schickte, um sofort Bau-tschai zu holen. Sie eilte herüber und las folgendes: „Liebe Tante. Ich habe das Silber erhalten und unter den Gerichtsangehörigen verteilt. Pan wird im Gefängnis ordentlich behandelt. Mach’ dir deswegen keine Sorgen. Unser Problem ist, daß die Leute hier sehr schwierig sind. Weder die Familie des Toten noch die Augenzeugen lassen mit sich handeln. Sogar Pans sogenannter Freund – derjenige, den er zu der Reise einlud – ist auf ihrer Seite. Besonders hart ist es für Li Hsiang und mich selber als Fremde, doch glücklicherweise gelang es uns, einen guten Berufsschreiber zu finden, der versprach uns zu helfen – für ein kleines Entgelt. Sein Rat war, daß wir zuerst auf Wu Liang einwirken sollten (das ist der ,Freund‘). Zunächst, da er als erster Zeuge unter Bewachung gehalten wird, sollten wir jemanden finden, der für ihn bürgt; dann ihm Geld anbieten, um unsere Verteidigung des ‚Todes durch Unfall‘ zu untermauern. Falls Wu sich weigert, mit uns zu verhandeln, werden wir versuchen, ihn selbst als den Mörder anzuzeigen und einen Außenseiter als Sündenbock zu benutzen. Er sollte dann zu viel Angst haben, um nicht mitzuspielen. So weit, so gut. Wir haben Wu durch Bürgschaft draußen, die Familie und unsere Zeugen bestochen und unseren Einspruch vorgestern erhoben. Das Urteil wurde heute ausgestellt. Es spricht für sich.“ Bau-tschai fuhr fort und las die Kopie der Berufung vor „Seinem jüngeren Vetter und Mandanten für den Angeklagten, Hsüä Pan, fälschlicherweise des vorsätzlichen Mordes durch Schläge an Dschang San beschuldigt. Feststellung der Fakten: Der Angeklagte, mit registriertem Wohnsitz Nanking, zur Zeit wohnhaft in der Landeshauptstadt, verließ die Heimat am Soundsovielten des soundsovielten Monats, um in den südlichen Provinzen Geschäften nachzugehen. Wenige Tage später kehrte sein Diener nach Hause zurück mit der Nachricht, der Angeklagte sei in einen Zwischenfall verwickelt worden, bei welchem eine der Parteien ihr Leben verlor. Der Berufungsführer kam in aller Eile hierher, um festzustellen, daß der oben erwähnte Herr Dschang in der Tat sein Leben durch die Hand des Angeklagten verlor, doch daß es sich dabei um tödliche Körperverletzung durch Unfall und nicht um vorsätzlichen Mord durch Schläge handelte, wie zuvor behauptet. Widerklage: Bei der Ankunft am Bezirksgefängnis wurde der Berufungsführer Zeuge der aufrichtigsten Unschuldsbekundungen seitens des Angeklagten. Er verneinte absolut jede Feindseligkeit gegenüber Herrn Dschang, mit welchem er in der Tat vor dem fraglichen Zwischenfall nicht im geringsten bekannt war, der lediglich das Resultat einer Unstimmigkeit über eine Weinschale war. Der Angeklagte entleerte nach einer Beschwerde den Inhalt seiner Weinschale auf den Boden. Genau in demselben Moment neigte sich der Verschiedene, um ein Objekt von einem angrenzenden Platz zu besorgen, rutschte dabei aus mit der unglücklichen, doch absolut unfallartigen Konsequenz, daß es eine tödliche Kollision zwischen der Weinschale des Angeklagten und dem Kopf des Verschiedenen gab. Wenn Euer Ehren einsichtig wären und ihn einer gerichtlichen Befragung unterzögen, seine Qualen auf der Folterbank waren so schlimm, daß er den Vorwurf des Vorsätzlichen Mordes durch Schläge schnell gestand, was ihm das Urteil der Erdrosselung einbrachte, mit Möglichkeit der Umwandlung in Verbannung. Euer Ehren, eure große Weißheit und Gnade, sich keines Zweifels über eine versteckte Ungerechtigkeit bewußt, hat die Urteilsverkündung für die nächste Zeit verschoben. Der unter Bewachung stehende Angeklagte ist gesetzlich von einer Anrufung des Gerichts abgehalten. Der Berufungsführer wurde weiterhin von Überlegungen der Familienehre ermutigt, zu handeln, Euer Gnaden demütigst und aufrichtigst ersuchend, den Fall wieder aufzurollen und alle Parteien zu einer zweiten Anhörung einzuladen. Dies wäre eine großmütige Handlung und eine, welche die niemals endende Dankbarkeit und die lebenslange Untergebenheit des Berufungsführers und der gesamten Familie bedeuten würde. Bautschai kam nun zum Urteil des Richters, worin folgendes stand: Stellungnahme zum Berufungsantrag Es wurde eine Untersuchung des Verbrechens eingeleitet und die vernommene Aussage war überzeugend. Der Angeklagte war keiner Folter ausgesetzt, die zum Geständnis der Anklage geführt hätte: Mord durch Schläge. Sein Schuldgeständnis wurde nun offiziell in die Akten eingetragen. Sie, der Berufungsführer, ein Außenstehender ohne Wissen aus erster Hand über den Fall, der sich erdreistet, diese unfundierte Widerrufung einzuleiten, sind der Mißachtung des Gerichtes schuldig. In Anbetracht mildernder Umstände in Bezug auf die Familienehre, wird man nur ihren Berufungsantrag ablehnen. Berufung abgewiesen. „Es gibt keine Hoffnung mehr!“, jammerte Frau Hsüä, „wir können ihn nicht mehr retten.“ – „Wir haben es noch nicht fertig gelesen“, sagte Bautschai, „es gibt ein P. S.“ Sie las weiter: „Für geheime Anweisungen, fragen sie den Jungen – dringend.“ Frau Hsüä wandte sich umgehend an den Jungen, der folgende Information preisgab: „Die Leute im Yamen wissen, daß unsere Familie reich ist, gnädige Frau, und wir müssen familiäre Beziehungen in der Bezirkshauptstadt nutzen und eine weitere große Bestechung schicken, wenn wir eine Wiederanhörung und ein milderes Urteil erreichen wollen. Sie sagen, ihr müßt schnell handeln, gnädige Frau, jeder Aufschub bedeutet weitere Beschwernis für Herrn Pan.“ Frau Hsüä entließ den Jungen und ging sofort wieder zu ihrer Schwester. Die Dame Wang flehte Djia Dschëng hilfesuchend an. Das Weitestgehende, das Djia Dschëng vorbereitet hatte, war, jemanden zu schicken, der sich mit dem Richter ,unterhält‘. Er wies es ab, über ,finanzielle Überlegungen‘ nachzudenken. Frau Hsüä, die fürchete, daß diese Geste ohne Erfolg bleiben würde, bat Hsi-fëng, mit Djia Liän zu sprechen. Es steigerte sich zu mehreren tausend Taels; doch am Ende erreichte man eine Übereinkunft und für Hsüä Kë war der Weg bereit, mit seinem Plan fortzuschreiten. Der Fall wurde offiziell wieder eröffnet, und alle betroffenen Parteien waren wieder im Gericht versammelt, der Gemeindediener, Augenzeugen, Verwandte des Verschiedenen etc. Hsüä Pan wurde aus der Zelle herausgeführt. Der Leiter des Gerichtes verlas die Namen und der Richter bestellte den Hauptgemeindediener, um die originalen Beweise zu bestätigen. Dann wurden Frau Dschang (geborene Wang) und Dschang Örl, Mutter und Onkel des Verschiedenen gerufen um auszusagen. Frau Dschang begann, ihre Aussage von Schluchzen unterbrochen, „Mein Mann ist Dschang Da. Wir leben im Dorf südlich. Vater Dschang ist seit achtzehn Jahren tot. Wir hatten drei Jungen, doch der älteste und der zweite sind auch schon verstorben. Allein übrig war unser drittes Kind, aber das ist jetzt auch weg!“ (Sie schluchzte weiter.) „Dreiundzwanzig wäre er dieses Jahr geworden, und er war immer noch Junggeselle. Er hat den Beruf in dieser Bar der Familie Li angenommen, um mir etwas auszuhelfen, weil unser Einkommen zu klein ist. Es muß Mittag gewesen sein, als Familie Li jemanden zu mir schickte. Der Mann sagte: ‚Dein Junge wurde erschlagen!‘ Mein armes Herz! Ich wäre fast gestorben! Ich rannte zur Familie Li, und da lag mein Junge auf dem Boden, Blut floß aus seinem Kopf, und er atmete schwer! Ich habe versucht, ihn zu fragen, was passiert war, doch er konnte nichts sagen, hat kaum geatmet und dann..., ja, dann war er weg! Wenn ich ihn nur in die Finger bekomme, diesen gottverdammten, elenden Mörder...“ Ein Brummen der Mißbilligung ging durch die Reihen der Gerichtsuntergeordneten. Frau Dschang begab sich schnell zur Bank: „Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit! Ich hatte nur noch diesen einen Sohn!“ – „Nächster Zeuge – Besitzer Li Örl!“, rief der Richter entschieden. „War dieser Dschang in ihrem Betrieb angestellt?“, fragte der Richter. „Nicht angestellt, sondern eine gelegentlicher Aushilfe“, antwortete Li Örl. „Ich sehe hier, daß sie in ihrer ursprünglichen Aussage, die bei der Untersuchung aufgenommen wurde, feststellen, daß Hsüä Pan Dschang San einen tödlichen Schlag auf den Kopf versetzte. Sagen Sie mir, haben Sie diesen Schlag mit eigenen Augen mit angesehen?“ – „Nein, Euer Ehren. Zu dieser Zeit war ich hinter dem Tresen, im Schankraum. Ich hörte, daß einer der Gäste im Séparée Wein bestellte. Ein wenig später hörte ich, wie jemand rief: ‚Hilfe, jemand ist verletzt‘, ich rannte dorthin und sah Dschang San auf dem Boden liegen. Er konnte nicht sprechen. Ich informierte den Gemeindediener und schickte jemanden, der es seiner Mutter [Frau Dschang] mitteilte. Ich habe keine Ahnung, wie der Streit angefangen hat. Da saß ein junger Mann bei Herrn Hsüä am Tisch, Euer Ehren. Vielleicht verfügt er über die notwendigen Informationen...“ „Was?“, donnerte der Richter eindrucksvoll. „In ihrer ursprünglichen Aussage steht sehr deutlich, daß sie den Zwischenfall mit eigenen Augen gesehen haben. Und jetzt wollen sie mir erzählen, sie hätten nichts gesehen?“ – „Als ich meine erste Aussage machte, Euer Ehren, war ich so verwirrt, daß ich mit den Tatsachen durcheinander gekommen sein muß...“ Ein weiteres Brummen ging durch die Reihen. „Nächster Zeuge Wu Liang!“, befahl der Richter. „Sagen Sie mir“, fragte der Richter, „haben Sie zur Zeit des Verbrechens zusammen mit dem Angeklagten gegessen und getrunken? Wie genau vollzog sich der tödliche Schlag? Sagen Sie die Wahrheit.“ – „An dem fraglichen Tag, Euer Ehren“, antwortete Wu, „kam Herr Hsüä zu meinem Haus und lud mich freundlicherweise auf etwas zu trinken ein. Da er mit der Qualität des Weines unzufrieden war, bestellte er eine neue Weinschale. Doch der Wirt, Dschang San, wollte darauf nicht hören. Dies mißfiel Herrn Hsüä und aus Protest schüttete er dem Kellner den Inhalt seiner Schale ins Gesicht. Es ging alles sehr schnell, und irgendwie muß die Weinschale aus Hsüäs Hand gerutscht und mit Dschangs Kopf zusammengeprallt sein. Das ist der wahre Bericht des Vorfalls, den ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ – „Unsinn!“, rief der Richter, „warum hat dann der Angeklagte selbst bei der Untersuchung zugegeben, Dschang angegriffen und ihm selbst den tödlichen Schlag versetzt zu haben? Sie haben die Aussage selbst bestätigt. Das ist Meineid! Ohrfeigt ihn!“ Ein bestätigender Schrei kam von der entsprechenden Abteilung des Gerichts und die Strafe sollte gerade vollzogen werden, als Wu protestierte: „Herr Hsüä hat den Streit niemals angefangen, Herr! Der Krug rutschte ihm aus der Hand und prallte mit Dschangs Kopf zusammen! Es war alles ein Unfall! Befragen sie den Angeklagten selbst! Habt Gnade!“ Der Richter rief Hsüä Pan herbei. „Jetzt, Hsüä, zum letzten Mal, sag’ mir: was war dein Groll gegen Dschang San? Und wie ist er nun gestorben? Ich will die ganze Wahrheit!“ – „Euer Ehren, ich flehe Sie an, seien Sie gnädig!“, bat ihn Hsüä Pan. „Ich erhob niemals die Hand, um diesen Mann zu schlagen. Alles was ich tat, war meinen Krug auf dem Boden zu entleeren, weil er mir nicht, wie bestellt, den Wein brachte. Bevor ich es bemerkte, war mir der Krug aus der Hand gerutscht und gegen seinen Kopf geschlagen. Ich tat alles, um die Blutung zu stillen, doch es war hoffnungslos. Der Blutverlust war so hoch, daß er innerhalb kürzester Zeit verstarb. Während der Untersuchung war ich so voller Angst vor der Folter, daß ich falsche Angaben machte. Ich bitte Euer Gnaden dementsprechend Gnade walten zu lassen!“ – „Widerlicher Schuft!“, brüllte der Richter, „du hast dich bereits zu einem vorsätzlichen Anschlag schuldig bekannt. Und jetzt sagst du, du hast dich geärgert, weil er den Wein nicht wechseln wollte, und es war nichts weiter als ein unfallhafter Zusammenprall?“ Er machte auf diese Weise weiter mit vielem dazu passenden und lautstarken Lärmen, bedrohte Pan in der einen Minute mit der Rute und in der nächsten mit der Folterbank, wenn er nicht gestünde. Doch dieses mal verweigerte Pan ein Geständnis. Der Gerichtsmediziner wurde nun herbeigerufen, um öffentlich die Ergebnisse seiner Obduktion bekannt zu geben. „Wenn es Euer Ehren gefällt, ich habe die Leiche von Dschang San genaustens untersucht und finde keine Verletzungsspuren außer einer einzigen an der Kopfhaut, die durch ein Porzellanstück verursacht wurde. Die Wunde ist annäherungsweise vier Fingerbreit lang, dringt zu einer Tiefe von etwa einem halben Fingerbreit ein. Das Scheitelbein hat eine Fraktur von annäherungsweise von etwas über einem halben Fingerbreit in der Länge erlitten. Die Art der Verletzung weist zweifelsfrei auf einen unfallartigen Zusammenprall hin.“ Der Richter überprüfte das Zertifikat des Gerichtsmediziners, welches (wie er sehr gut wußte) von seinem Schreiber geändert worden war und forderte alle Betroffenen ohne Umschweife auf, ihre Aussagen zu unterzeichnen. „Aber!“, jammerte Frau Dschang. „Was ist denn mit all den anderen Wunden? Da waren doch so viele! Der Mediziner sagte es beim letzten Mal selber, ich erinnere mich! Wo sind sie alle auf einmal?“ – „Närrische Frau!“, rief der Richter. „Hier ist das Zertifikat, ordnungsgemäß unterzeichnet – sehen sie selbst.“ Er rief den Onkel des Toten herbei (ein etwas kooperativerer Zeuge): „Dschang Örl, werden sie dem Gericht erzählen, wie viele Wunden auf der Leiche ihres Neffen waren?“ – „Nur die auf seinem Schädel, Herr“, antwortete Dschang. Der Richter wandte sich an Frau Dschang: „Was für einen Beweis brauchen Sie noch?“ Er forderte den Gerichtsdiener auf, Frau Dschang das Zertifikat zu zeigen und wies den obersten Gemeindediener und Dschang Örl an, es ihr zu erklären. Die anderen Dokumente in diesem Fall wurden nun geordnet – der Verlauf der Befragung, ordentlich beglaubigt durch die Unterzeichnungen der Anwesenden und die Aussagen der Zeugen, welche nun darin einstimmten, daß es keinen Streit gegeben habe, also keinen Angriff, also war Hsüä Pan nur schuld daran, eine tödliche Körperverletzung bei einem Unfall verursacht zu haben, ein niederer Grad des Totschlages, tilgbar durch die Zahlung eines Bußgeldes. Von den Parteien wurde gefordert, ihre Unterschrift beizuheften, oder die Urkunde damit zu versehen, Hsüä Pan war bis zur Urteilsverkündung in Haft, und die anderen und ihr Bürge wurden freigelassen. Das Gericht vertagte sich. Als der Richter ging, brach Frau Dschang in einen weiteren Anfall des Weinens und Schluchzens aus, und er trug dem Gerichtsdiener auf, sie rauszuscheuchen. Onkel Dschang versuchte auch, sie wieder zu beruhigen: „Es war wirklich ein Unfall“, sagte er, „warum sollte man denn einen Unschuldigen verurteilen? Seine Ehren hat das Urteil jetzt verkündet, um Himmels willen, beruhige dich.“ Hsüä Kë hatte draußen gewartet und war sichtlich erleichtert zu hören, daß sein Plan gut aufgegangen war. Er schickte einen Brief nach Hause, worin stand, daß er noch bleibe, bis die Urteilsbestätigung öffentlich war und Hsüä Pans Bußgeld bezahlt war. Als er später am Tag durch die Stadt ging, wurde er des Klanges einer angeregten Unterhaltung auf der Straße gewahr: „Habt ihr gehört? Eine der kaiserlichen Konkubinen ist verstorben, und alle Geschäfte am Hof werden für drei Tage eingestellt. Da das kaiserliche Mausoleum nicht weit von der Stadt entfernt war, dachte Hsüä Kë bei sich, würde der Richter nun sehr beschäftigt sein, das Begräbnis vorzubereiten und die Straße mit gelber Erde für die Prozession vorzubereiten. Er würde kaum Zeit haben, über legale Mittel nachzudenken, und er selber würde durch Herumhängen allein nichts erreichen. So ging er ins Gefängnis und erzählte Pan, daß er für ein paar Tage nach Hause gehe. Pan war um seiner Mutter willen sehr froh und schickte eine kurze Bemerkung, um sie rückzuversichern. „Es geht mir gut“, schrieb er, „ein paar Taels mehr in der richtigen Tasche, und ich bin zu Hause! Doch sorge bitte dafür, daß das Geld fließt!“ Hsüä Kë ließ den Jungen Li Hsiang dort und begab sich auf direktem Weg nach Hause. Bei seiner Ankunft gab er seiner Tante Hsüä einen ausführlichen Bericht davon, wie dem Richter die Umdeutung von ,Angriff‘ zu ,Unfall‘ gelungen war. „Alles, was noch nötig ist“, beendete er seinen Bericht, „ist, den Dschangs etwas mehr Geld zu geben. Dann, wenn die Umdeutung beschlossen ist, wird alles vorbei sein.“ Frau Hsüä seufzte vor Erleichterung. „Ich hatte gehofft, du könntest nach Hause kommen“, sagte sie, „ich wollte gerne hinübergehen und den Djias für alles danken, was sie getan haben, und ich dachte, es wäre nett, wenn du einen Blick auf Tante Wangs Angelegenheiten werfen und etwas Zeit mit den Mädchen verbringen könntest. Durch den Tod der Konkubine Dschou ist die Familie alle Tage außer Haus, und sie müssen zu Hause sehr einsam sein. Ich konnte noch nicht gehen, weil keiner hier war, der solange die Oberaufsicht übernimmt.“ – „Das Seltsame ist, daß ich auf meinem Weg hierhin hörte, daß es eine Djia-Konkubine war, die verstorben sei“, sagte Hsüä Kë. „Deswegen kam ich in solcher Eile zurück – obwohl ich sagen muß, daß es mir schwer fiel, es zu glauben, weil es unserer kaiserlichen Konkubinen Djia doch gut geht.“ „Sie war eine Weile krank“, antwortete Frau Hsüä, „doch sie erholte sich, und ich habe seitdem nichts mehr von ihrer Krankheit gehört. Dennoch ist es merkwürdig: Die Herzoginmutter fühlte sich einige Tage zuvor nicht wohl, und immer, wenn sie ihre Augen schloß, hatte sie eine Vision von der kaiserlichen Nebenfrau. Zuerst war jeder sehr betroffen, und sie schickten sogar jemanden zum Hof, um sich zu erkundigen, doch ihnen wurde gesagt, daß die kaiserliche Nebenfrau bei guter Gesundheit sei: Dann, vor drei Tagen am Abend, sagte die Herzoginmutter plötzlich laut: ‚Warum ist die kaiserliche Nebenfrau diesen ganzen Weg allein gegangen, um mich zu sehen?‘ Diesmal schrieben sie es ihrer Krankheit zu und nahmen es nicht ernst. ‚Wenn du mir nicht glaubst,‘ sagte die Herzoginmutter, ‚laß mich dir sagen, was die kaiserliche Nebenfrau sagte: Wohlstand kann sehr schnell aufgebraucht sein; halte es zurück, halte es zurück, bevor es zu spät ist.‘ Sie dachten, sie würde bloß phantasieren – es war eben etwas, womit eine Dame ihres Alters sich schließlich noch beschäftigt – und schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Du kannst dir die Panik am nächsten Morgen nicht vorstellen, als sie jemanden vom Hof sagen hörten, daß eine der Konkubinen ernsthaft krank sei und alle betitelten Familienmitglieder sich im Palast versammeln sollten! Sie waren in einem schlimmen Zustand, als sie aufbrachen! Doch bevor sie noch den Palast verlassen hatten, hörten wir, daß es die Konkubine Dschou war. Es ist merkwürdig, findest du nicht auch, daß das Gerede, das du hörtest, der Vorahnung der Herzoginmutter gleicht?“ – „Die Öffentlichkeit vermischt die Tatsachen oftmals“, kommentierte Bautschai, „und unsere Familienmitglieder sind wegen der ganzen Angelegenheit so überempfindlich, daß sie nur die Worte ‚kaiserliche Nebenfrau‘ hören müssen, um zu den schlimmsten Schlußfolgerungen zu gelangen. Doch meistens stellt es sich als falscher Alarm heraus. Während der letzten Aufregung unterhielt ich mich gerade mit zweien der Mägde und älteren Dienstmädchen der kaiserlichen Nebenfrau, und sie verrieten mir, daß sie die ganze Zeit gewußt hätten, daß es die kaiserliche Nebenfrau gar nicht gewesen sein kann. Ich fragte eine von ihnen, wie sie sich da sicher sein könnten, und sie erzählten mir von etwas, das vor einigen Jahren geschehen war. „Es war der erste Monat des Jahres und da war ein Wahrsager aus einer der Provinzen nahe der Provinzhauptstadt hier, welcher der Familie auf Grund seiner Genauigkeit empfohlen wurde. Die Herzoginmutter gab Anweisungen, daß einige der Mägde die Acht Stämme und Zweige der kaiserlichen Nebenfrau in Erfahrung bringen sollten, damit sie den Mann nach ihrer Zukunft fragen könnten. Er wählte ihre sofort aus. ‚Hier muß ein Fehler vorliegen‘, sagte er. ‚Ich sehe, daß die junge Dame am ersten Tag des ersten Monats geboren wurde. Wenn Stamm und Zweig ihrer Geburtsstunde richtig wären, sollte sie eine Person von hohem Rang sein und keine Angehörige dieses normalen Haushaltes.‘ Herr Dschëng und die anderen drängten ihn, ungeachtet der Richtigkeit der Geburtsstunde ein Horoskop zu werfen, also fuhr er fort: „Das zyklische Jahr Jia Shen (Holz + Metall), der Erste Monat Bing Yin (Feuer + Holz). In diesen vier Zeichen sind Verlust von Reichtum und Niedergang im Beamtentum beide präsent. Obwohl das Jahr den Zweig Shen Rang und Wohlstand zeigt, ist es nicht ihr Schicksal, innerhalb des Haushaltes erhoben zu werden, die Aussicht in diesem Zweig ist nicht unbedingt günstig. Der Tag Yi Mau (Holz + Holz), Frühlingsanfang, da steht Holz im Zenit. Hier gibt es einen Konflikt, eine Konfiguration von Ebenbürtigem. Dadurch wird die Person erhöht, so wie feines Holz nur als Instrument wahrer Größe verarbeitet wird, wenn es die Axt berührt. Die Stunde Stamm Xin (Metall) zeigt Adel an, während die Stunde Zweig Sï (Feuer) auf Rang und Glück verweist, dieses Mal ist der Zenit bekannt als Ein glückliches Pferd reitet in den Himmel. Die Tagesverbindung zeigt höchsten Rang und daß die Kräfte des Himmels und des Mondes Vorsitz über ihr Schicksal haben. Sie wird mit einer Residenz im Kaiserlichen Schlafgemach beglückt. In dieser Stunde sind Stamm und Zweig korrekt, bei dieser Person muß es sich um eine kaiserliche Konkubine handeln.“ – „Wie die Magd sagte“, fuhr Bau-tschai fort, „paßte das Horoskop perfekt zur kaiserlichen Nebenfrau. Sie erinnerten sich auch an den Schlußteil: ‚Ach!‘ sagte er, ‚solche günstigen Winde sind leider nicht von Dauer. Wenn der Hase dem Tiger begegnet und Holz auf Holz trifft, in einem Mau Monat eines Yin Jahres, werden ihre Ebenbürtigen sie überstrahlen, der Niedergang wird seinen Tiefpunkt erreichen und das feine Holz, das zu lange geschnitzt wird, wird sein Wesen und seine Stabilität verlieren.“ Obwohl die Familie in ihrer Panik alles über die letzte Vorhersage vergaß, erinnerte sich die Magd daran, sie sagte zu Vetter Wan, „dies ist kein Yin-Jahr, und es ist nicht der Monat Mau, also kann es nicht die kaiserliche Nebenfrau sein!“ Bau-tschai war kaum am Ende, als Hsüä Kë ausrief: „Vergiß die Djias für einen Moment; wenn es hier einen so guten Wahrsager gibt, warum befragen wir ihn nicht über unseren Bruder? Vielleicht kann er uns verraten, welche böse Kraft seinen Weg durchkreuzt hat und ihm dieses Jahr so viel Unglück brachte? Gib mir seinen Stamm und Zweige, und ich werde gehen und herausfinden, ob die Zukunft noch mehr Rückschläge dieser Art für ihn bereit hält.“ – „Der Wahrsager kam aus einer der Provinzen. Wer weiß, wo er jetzt in der Hauptstadt ist?“, erwiderte Bau-tschai. Während der Unterhaltung hatten sie bereits begonnen, Frau Hsüäs Sachen zu packen. Frau Hsüä ging hinüber zur Hauptvilla und sah, daß, wie erwartet, Li Wan, Tantschun und die Mädchen ganz allein dort waren. Sie hießen Frau Hsüä willkommen und fragten, wie es Hsüä Pan ginge. Sie waren sichtlich erleichtert, als sie ihnen erzählte, daß er außer Gefahr sei und nur noch auf die Bestätigung seines Urteils warte, in dem keine Todesstrafe zu erwarten sei. „Mutter meinte gestern Abend nur“, sagte Tantschun, „daß du dich früher immer darum gekümmert hast, wenn zuhause etwas danebenging. Doch dieses Mal hast du selbst Probleme. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Wir waren selbst sehr besorgt.“ – „Ich war zuhause sehr traurig deshalb“, antwortete Frau Hsüä, „Pan hat solche Probleme erwischt. Euer Vetter Kë war fort, um sich um Pans Angelegenheiten zu kümmern. Bau-tschai ist ja als Frau alleine zuhause, wie soll sie das denn machen. Außerdem ist meine Schwiegertochter [Djin Guee] nicht sehr verständig, deshalb konnte ich mich nicht freimachen und herkommen. Der einzige Grund, weshalb Kë nach Hause kommen und mich jetzt ablösen konnte, ist, daß der Richter für einige Tage beauftragt ist, die Vorbereitungen für die Beerdigung der Dschou Konkubine zu treffen und deshalb voreilig die Sache beendet hat.“ – „Wir wären sehr froh, wenn du ein oder zwei Tage bleiben könntest“, sagte Li Wan. Frau Hsüä nickte. „Ich würde sehr gern hierbleiben und euch Mädchen Gesellschaft leisten. Das einzige, was mich bekümmert, ist, daß Bautschai sich ohne mich bestimmt einsam fühlt.“ – „Warum fragst du sie nicht, ob sie nicht auch zu uns kommen möchte?“, schlug Hsitschun vor. Frau Hsüä mußte etwas lachen, „ach, das könnte ich nicht machen.“ – „Aber warum denn nicht? Sie hat hier doch mal gewohnt, oder nicht?“ Li Wan antwortete für Frau Hsüä: „Ihr versteht nicht. Das ist nicht mehr dasselbe. Zur Zeit sind sie sehr beschäftigt, deshalb kann sie nicht kommen.“ Hsitschun nahm an, daß dies der wahre Grund für Bau-tschais Abwesenheit war und fragte nicht weiter nach. Während sie miteinander sprachen, kehrten die Herzoginmutter und der Rest der Familie zurück. Als sie sahen, daß Frau Hsüä da war, wurden alle vorbereitenden Höflichkeiten für dieses Mal unterlassen und jeder wollte das Neueste über Pans Angelegenheiten wissen. Frau Hsüä erzählte ihnen die ganze Geschichte. Bau-yü war dabei und horchte auf, als Djiang Yühans Name erwähnt wurde. Obwohl er dachte, daß es nicht ratsam sei, vor den anderen so viel Interesse zu zeigen, fragte er sich insgeheim, ‚Warum hat er nicht bei mir vorbeigeschaut, wenn er schon zurück in der Hauptstadt war.‘ Als er dann bemerkte, daß Bau-tschai ihre Mutter nicht begleitet hatte, versuchte er sich vorzustellen, was sie nur zu Hause halten könnte. Als er wie erschlagen vor sich hingrübelte, kam Dai-yü unerwartet zur Begrüßung, seine Gedanken über Bau-tschai wurden von ihrem Auftauchen unterbrochen. Bau-yü wurde wieder fröhlicher. Er leistete Dai-yü Gesellschaft und blieb bis zum Abendbrot mit den anderen Schwestern bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen kehrte jeder in seine entsprechende Wohnung zurück, mit Ausnahme von Frau Hsüä, welche die ganze Nacht über im Gästezimmer der Herzoginmutter blieb. Bau-yü ging zurück in seine Gemächer und entledigte sich seiner Ausgehkleidung, als er sich plötzlich an das rote Leibtuch erinnerte, das Djiang Yühan ihm einst geschenkt hatte. „Das dunkelrote Leibtuch, welches du nicht tragen wolltest, hast du es noch?“, fragte er Hsi-jën. „Ich habe es hier irgendwo hingelegt. Warum fragst du?“ – „Ach, ich überlegte nur.“ – „Hast du nicht gehört, in welchen Ärger auf Leben und Tod Herr Hsüä Pan geraten ist, und das nur, weil er mit solchem Gesindel befreundet ist! Wirst du es nie lernen? Hast du nicht mehr Verstand, daß du so etwas anstellen mußt? Wende deine Kraft lieber auf deine Studien! Schiebe solche unwichtigen Sachen lieber beiseite.“ – „Also wirklich! Ich bin hier nun wirklich nicht in solchen Ärger verwickelt! Ich habe nur daran gedacht, das ist alles. Ich konnte doch nicht ahnen, ob du es noch hast oder nicht. Hätte ich gewußt, daß du mir eine Predigt halten würdest...“ Hsi-jën lächelte: „Ich halte dir keine Predigt. Es ist nur, daß jeder, der Verstand hat, versucht, in der Welt voranzukommen. Wenn dein Liebling daher kommt, möchtest du doch sicher einen guten Eindruck machen?“ – „Meine Güte!“, rief Bau-yü, „ich erinnere mich! Bei Großmutter war so ein Trubel, da hatte ich nicht die Gelegenheit, mit Kusine Dai-yü zu sprechen, und sie hat mich auch nicht angesprochen. Sie war vor mir gegangen, sie ist vielleicht gerade jetzt zu Hause. Ich bin sofort wieder da.“ Und schon war er fort. „Komm schnell wieder!“, rief Hsi-jën ihm nach. „Jetzt ist es passiert! Ich mußte ja damit anfangen, und dann kommst du plötzlich darauf!“ Bau-yü antwortete nicht, setzte eine störrische Miene auf, senkte den Kopf und begab sich auf direktem Wege zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Bei seiner Ankunft fand er Dai-yü an ihrem Tisch in einem Buch blätternd. „Bist du schon lange zurück, Kusinchen?“, fragte er, ging dabei hinüber und stellte sich neben sie. „Da du mich nicht beachtet hast“, sagte sie mit zurückkehrendem Lächeln, „gab es für mich keinen Grund, länger zu bleiben...“ Er lachte. „Alle haben sofort angefangen zu reden, und ich kam gar nicht zu Wort.“ Auf die aufgeschlagene Seite vor ihr blickend, fand Bau-yü heraus, daß er nicht ein einziges Zeichen darauf verstand. Manche schienen ihm bekannt, wie die Zeichen für Pfingstrose und unermeßlich; doch bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, daß auch diese etwas verändert waren. Da war das Zeichen für Haken, mit einer fünf darin und einer neun und groß darüber; und da war eine fünf neben einer sechs, mit Holz darunter und einer anderen fünf ganz unten. Das war alles sehr verwirrend. „Du mußt schon sehr fortgeschritten sein, wenn du diese abstrusen Hieroglyphen entziffern kannst!“, sagte er. Dai-yü gab ein kleines „Thhh!“ von sich. „Was für ein Gelehrter, du kannst ja nicht einmal Noten lesen, die hier sind für die Wölbbrettzither. „Noten? Die kenne ich natürlich. Doch warum kenne ich keines der Zeichen? Weißt du, was sie bedeuten?“ – „Wenn ich die nicht kennen würde, wieso würde ich sie dann lesen...“ – „Wirklich? Ich glaube das nicht. Ich habe noch nie gehört, daß du spielst. Wußtest du von den Wölbbrettzithern, die an der Wand in der Hauptbibliothek hängen? Da gibt es einige. Ich erinnere mich an das vorletzte Jahr, als Vater mit einem Zitherspieler befreundet war – Antiquar Dji wurde er genannt, glaube ich. Vater bat ihn, ein Stück zu spielen, doch wie er die Instrumente ausprobierte, sagte er, man könne mit keinem von ihnen spielen. Weiterhin sagte er, wenn Vater ihn wirklich spielen hören wolle, würde er an einem anderen Tag mit seinem eigenen Instrument wiederkommen. Doch er kam nicht mehr. Er muß sich entschlossen haben, daß Vater auch nichts davon versteht. Wie konntest du dein Licht die ganze Zeit unter den Scheffel stellen und das geheim halten?“ – „Oh nein“, antwortete Dai-yü, „ich bin gar nicht gut. Es war nur so, daß ich vor ein oder zwei Tagen, als ich mich ein wenig besser fühlte, durch mein Bücherregal schaute und auf dieses alte Zither-Handbuch stieß. Es erschien mir sehr interessant und faszinierte mich beim Lesen. Es begann mit einem sehr eingängigen Vorwort über die Theorie der Zither, und dann führte es die praktische Methodik sehr klar und verständlich aus. Ich erkannte, daß das Zither-Spielen eine Form der Meditation ist und uns die spirituelle Energie den Ahnen näherbringt. „Als wir in Yangdschou lebten, habe ich öfter das Zitherspiel gehört und es gelernt. Doch seit ich aus der Übung bin, ist es, wie man sagt, ‚drei Tage nicht gespielt, und es wachsen Stacheln aus der Hand‘. Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Zitherlieder gefunden, nur mit Liedtitel, aber ohne Text und ohne Noten. Doch jetzt habe ich ein Buch voller Noten und Text gefunden, und jetzt macht es erst Sinn. Das ist sehr interessant! Natürlich, ich erkenne, daß ich der Partitur niemals gerecht werden kann. Wenn man bedenkt, was die großen Meistermusiker der Vergangenheit vermochten – wie Meister Kuang, dessen Spiel Wind und Donner herbeirufen konnte, Drachen und Phoenix! Und wenn man bedenkt, daß Konfuzius von Meister Hsiangs Musik sagte, die ersten Noten, die er je gehört habe, sei das musikalische Portrait von König Wën gewesen! Eine Rhapsodie der Berge und Flüsse zu spielen und seine innere Bedeutung mit einem befreundeten Musikliebhaber zu teilen...“ Sie schloß die Augen und senkte langsam den Kopf. Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ – „Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ – „Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“ Dai-yü lachte. „Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht. Dann gibt es Zeichen für alle Stile – die engen und die weiten schwingend, die steigenden und die fallenden gleitend, die Beize, das zitternd, das fallende gleitend[1] mit offensaitigem Dröhnen...“ Bau-yü war außer sich vor Begeisterung. „So perfekt, wie du das verstehst, Kusinchen, warum lernen wir nicht zusammem das Zitherspiel?“ – „Das Wesen der Zither“, antwortete Dai-yü, „ist die Beherrschung. Es wurde vor langer Zeit erfunden, um sich selbst zu reinigen und ein gutes und besonnenes Leben zu führen, alle irdischen Lüste zu bezwingen und jeden zügellosen Impuls zu hemmen. Wenn du es zu spielen wünschst, mußt du dir erst eine ruhige Kammer suchen, ein Atelier mit weitem Ausblick oder einen höheren Raum, oder einen abgelegener Winkel über Hügeln und Bäumen, auf einem felsigen Gipfel, an einem Wasserufer... Laß das Wetter klar und ruhig sein, eine leichte Brise, eine mondhelle Nacht. Entzünde Räucherstäbchen und sitz dort in stiller Meditation. Befreie deinen Geist von äußeren Gedanken. Die Balance von Atmung und Blut in perfekter Harmonie, nur so kann dein Geist sich dann mit dem Göttlichen verbinden und eine geheimnisvolle Einigung mit dem Dau antreten. Wie die Alten sagen, es ist schwer, einen wahre Musikkenner zu treffen. Wenn es niemanden gibt, der die Wonne deiner Musik teilt, dann sitze allein und spiele der Brise und dem Mondlicht ein Lied, sing ein Loblied auf die alten Kiefern und die wettergegerbten Felsen; laß die wilden Affen und die ehrwürdigen Kraniche dein Lied hören, viel eher als das gemeine Volk, ihre dumpfen Ohren würden den kostbaren Klang des Zither nur besudeln. So viel zur Umgebung. Das Nächstwesentliche sind die Fingertechnik und die Haltung. Bevor du das Instrument ergreifst, kleide dich angemessen – vorzugsweise mit einem baumwollenen Umhang oder einer antiken Robe. Übernimm die ehrenvollen Gebärden der Alten, die Art der Weisen, das ausgewählte Instrument zu tragen. Wasch deine Hände. Entzünde Räucherstäbchen. Setze dich auf die Ecke deiner Liege. Lege die Zither auf dem Tisch vor dir und setze dich so, daß du mit der Brust dem fünften Bund gegenüber sitzest. Erhebe beide Hände langsam und anmutig. Nun bist du mit Körper und Geist bereit zu beginnen. „Während des Spielens mußt du sorgfältig die Tempi-Angaben beachten – leise, kräftig, munter-schnell, langsam[2] – und bewahre die ganze Zeit eine entspannte und ernste Haltung.“ – „Ach du meine Güte!“, rief Bau-yü aus, „ich dachte, wir könnten es zu unserem Vergnügen machen! Wenn das so kompliziert ist, glaube ich nicht, daß ich bereit dafür bin!“ Während sie sprachen, kam Dsï-djüan herein und fragte, als sie Bau-yü in dem Zimmer sah, mit einem Lächeln: „Warum freuen Sie sich heute so sehr, zweiter junger Herr Bau[-yü]?“ – „Kusine Dai hat mir eben etwas über die Zither beigebracht. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich könnte für immer zuhören!“ – „Das meinte ich nicht“, sagte Dsï-djüan, „was ich meinte war, daß wir Sie in letzter Zeit so selten sehen, ich überlegte, ob etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Sie hierher führte?“ – „Ich fürchte, es sieht wirklich so aus“, antwortete Bau-yü „Doch weshalb ich in der letzten Zeit nicht so oft vorbeischaute, war, weil es Kusine Dai-yü nicht gut ging und ich dachte, es sei besser, sie nicht zu stören. Und ich mußte auch zur Schule gehen...“ – „Nun,“ unterbrach Dsï-djüan, „Fräulein Dai-yü hat gerade angefangen, sich besser zu fühlen, also warum laßt Ihr sie nicht lieber noch in Ruhe, statt sie um Unterricht zu bitten?“ – „Oje! Wie gedankenlos von mir!“ stieß er mit einem Lachen hervor. „Ich war so gefangen von dem, was sie sagte, daß mir nicht in den Kopf kam, es könnte sie ermüden.“ – „Das hat es auch nicht“, sagte Dai-yü lächelnd, „über so etwas zu sprechen, ermüdet mich nie, ganz im Gegenteil, es weckt meine Geister. Ich mache mir nur Sorgen, daß ich vielleicht nur vor mich hin gesprochen habe und du das vielleicht gar nicht verstanden hast...“ – „Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „nach und nach durchdringe ich es schon.“ Er stand auf. „Doch im Ernst, ich sollte dich jetzt wirklich besser in Ruhe lassen. Morgen werde ich die dritte Schwester [Tan] und die vierte Schwester [Hsi] fragen, ob sie mit mir herüber kommen. Ihr drei könnt dann zusammen lernen. Ich werde dann dabei sitzen und...“ – „Warum denn, du Faulpelz!“, lachte Dai-yü, „stell’ dir vor, wir drei lernen zu spielen und du bleibst so unwissend wie immer: so ist das wie Perlen vor die Säue werfen.“ An dieser Stelle stockte sie, weil sie plötzlich an eine Herzensangelegenheit dachte. Bau-yü lachte nur: „Ich wäre schon froh, dich spielen zu hören. Dafür würde ich alles tun – sogar deine Sau sein!“ Dai-yü errötete, doch lachte dann auf. Dsï-djüan und Hsüä-yän lachten ebenfalls. Bau-yü verabschiedete sich und erreichte gerade die Tür, als Tjiu-wën erschien, gefolgt von einer jüngeren Magd, die einen kleinen Topf mit Orchideen-Pflanzen trug. „Die gnädige Herrin schickt vier Orchideentöpfe“, sagte Tjiu-wën, „und sie dachte, da sie im Palast sehr beschäftigt ist und keine Zeit hätte, sie zu pflegen, wäre es besser diese an Sie Herr Bau-yü, und Sie, Fräulein Dai-yü, weiterzugeben.“ Dai-yü betrachtete die Orchideen. Unter ihnen waren auch einige Doppelköpfige, und wie sie diese anschaute, hatte sie das merkwürdige Gefühl, es habe etwas zu bedeuten. Es war entweder Kummer oder Freude, worauf sie hindeuteten, sie konnte es nicht sagen. Doch es war etwas Wichtiges. Sie starrte sie an und war dabei in Gedanken verloren. Im Gegensatz dazu war Bau-yüs Kopf immer noch voll mit schwingend und gleitend und als er ging, sagte er erheitert: „Jetzt, da du diese Orchideen hast, Kusinchen, kannst du deinen eigenen eleganten Schreittanz, einen Pfauentanz[3] der einsamen Orchideen komponieren. Und ich bin sicher, es wird so gut wie das von Konfuzius!“ Dai-yüs Herz war zu verärgert, um dieser Abschiedsgeste zu antworten. Sie ging wieder hinein und dachte bei sich, als sie die Orchideen anblickte: ‚Blumen haben ihren Frühling, eine Zeit der frischen Blüten und jungen Blätter. Ich bin jung, doch schwach – wie die Weide, die den ersten Hauch des Herbstes scheut... Wenn alles im Guten endet, werde ich wieder zu Kräften kommen. Aber wenn nicht, wird mein Schicksal ähnlich dem der Blütenblätter sein, die am Frühlingsende fallen, getrieben vom Regen und vom Wind verwirbelt...‘ Wegen dieser düsteren Gedanken kamen ihr die Tränen. Dsï-djüan war verwirrt, sie weinen zu sehen. ‚Eben gerade‘, dachte sie bei sich selbst, ‚als Herr Bau-yü hier war, waren die beiden so beflügelt; und schau’ sie dir jetzt an! Und das, als sie die schönen Blumen anschaute!’ Sie versuchte immer noch vergeblich, sie zu trösten, bis sie sah, daß Bau-tschai einige Dienerinnen hergeschickt hatte. Doch wer den Zweck ihres Besuches erfahren möchte, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Die europäischen Fachbezeichnungen sind: vibrato, glissando, tremolo.
  2. Die europäischen Bezeichnungen sind: piano, forte, allegro, adagio.
  3. Die europäische Bezeichnung lautet: Pavane.