Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 114"

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== 王熙凤历幻返金陵 / 甄应嘉蒙恩还玉阙 ==
 
== 王熙凤历幻返金陵 / 甄应嘉蒙恩还玉阙 ==
  
en wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“ –
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'''Wang Hsi-fëng beendet ihre Lebensillusion und wird nach Nanking übergeführtDschën Ying-djia erhält eine Ehrung des Kaisers und wird zum Palast berufen.'''
„Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst.
 
„Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten. Deshalb beten wir alle zu ihr und sagen: ‚Geheiligt sei Guanyin, Bodhisattva des Grenzenlosen Mitgefühls und der Anmut, Befreierin, Retterin, Heilerin!‘ 
 
Eine Schwester führt ein schweres Leben, das ist wahr, härter als das einer jungen Dame aus einer reichen Familie. Doch wir sind errettet! Auch wenn wir nicht darauf hoffen können, ein Buddha oder eine Heilige zu werden, so werden wir wenigstens, wenn wir weiterhin unsere Ergebenheit zeigen, eines Tages in einem anderen Leben als Mann wiedergeboren. Allein das ist Belohnung genug. Wenigstens werden wir dann von den endlosen Versuchungen und stillen Drangsalen der Frauenwelt erlöst. Du bist noch zu jung, um das zu verstehen, Fräulein. Doch laß mich dir sagen, wenn eine junge Dame einst das Heim verläßt und heiratet, ist alles vorbei. Sie gehört für den Rest ihres Lebens ihrem Ehemann.
 
Im wahren religiösen Leben ist es die Ergebenheit, die zählt. Die Mei­ste­rin Miau-yü hielt sich selbst immer für ausgezeichnet, einfühlsam, überlegen. Für sie waren wir nur gemeine Sterbliche. Wenigstens kann das gewöhnliche Volk wie wir einfaches Karma erwerben, und nun sieh dir die Katastrophe an, die sie ereilte!“
 
Ihre Worte trafen auf ein offenes Ohr. Ungehindert von der Anwesenheit der Mägde erzählte Hsi-tschun die ganze Geschichte davon, wie schlecht You-schï sie behandelt hatte und wie sie zum Bleiben gebracht wurde, um sich um das Haus zu kümmern, und mit welcher verheerenden Konsequenz. Sie zeigte ihnen, wo sie bereits ein Stück ihres Haares abgeschnitten hatte.
 
„Ihr haltet mich nur für ein weiteres Weltkind, das einem Wahn verfallen ist! Doch das ist falsch. Schon lange Zeit wollte ich eine Nonne sein. Ich wußte nur nicht, wie ich dieses Ziel erreichen sollte.“
 
Die Schwestern gaben sich bewegt: „Bitte, Fräulein, sagen Sie so etwas nicht! Wenn Frau Dschën das hörte, würde sie uns gewaltig schelten und uns aus dem Kloster werfen. Eine junge Dame mit so einem guten Herz wie du, in so eine gute Familie geboren – du wirst mit Sicherheit einen netten jungen Mann heiraten und dein Leben in Prunk und Gelassenheit verbringen.“
 
Hsi-tschuns errötete und fiel ihnen ins Wort: „Was läßt euch glauben, daß meine Schwiegerschwester euch fortgeschickt hätte und ich nicht Nonne werden kann?“
 
Die Schwestern bemerkten, wie ernst es ihr war, und entschieden, sie noch etwas weiter anzutreiben: „Fühlen Sie sich nicht angegriffen, Fräulein. Doch glauben Sie wirklich, daß die Damen und die jungen Damen Sie gehen lassen würden? Sie werden sich selbst damit nur unnötigen Ärger bereiten. Sie sollten an sich denken.“ –
 
„Wir werden sehen“, war Hsi-tschuns knapper Kommentar.
 
Tsai-ping glaubte, das würde zu nichts führen, und warf den Schwestern einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie bemerkten den Hinweis und waren zu ängstlich, um Hsi-tschun weiter anzutreiben. Sie verabschiedeten sich. Hsi-tschun hielt sie nicht zurück, blickte ihnen verächtlich nach und sagte: „Glaubt nicht, Euer Kloster sei das einzige auf dieser Welt!“
 
Die Schwestern hielten es für klüger, nicht zu antworten.
 
Tsai-ping war über den Lauf der letzten Ereignisse betrübt und fürchtete, daß sie dafür beschuldigt werden könnte, wenn sie You-schï irgendeine bedauerliche Mitteilung vorenthielt: „Fräulein Hsi-tschun möchte sich immer noch den Kopf rasieren und eine Schwester werden. Sie war in den letzten Tagen nicht krank, sie lag zu Hause und haderte mit dem Schicksal. Vielleicht wäre es sicherer, ein bißchen aufzupassen. Wenn irgendwas passiert, werden wir später beschuldigt.“ –
 
„Sie will nicht wirklich von zuhause fort und einen heiligen Schwur ablegen“, sagte You-schï. „Sie glaubt nur, sie kann Herrn Dschën dazu benutzen, meine Autorität in Frage zu stellen. Nun, soweit ich betroffen bin, kann sie ruhig gehen und soll ihr Glück versuchen!“
 
Tsai-ping versuchte dennoch, Hsi-tschun von ihrem drastischen Vorhaben abzubringen. Doch Hsi-tschun blieb bei ihrem Entschluß, sie aß nichts mehr und ihr einziger Gedanke war nun, den letzten Schritt zu wagen und ihr letztes Haar abzuschneiden. Tsai-ping konnte das nicht länger ertragen und erzählte es allen Damen. Die Damen Wang und Hsing versuchten mehrere Male, es Hsi-tschun auszureden, doch ihre Mühen waren umsonst. Sie schien wie besessen.
 
Die zwei Damen wollten gerade gehen, um es Djia Dschëng zu berichten, als einer der Diener draußen die Ankunft von Frau Dschën und dem jungen Herrn Dschën Bau-yü ankündigte. Sie eilten hinaus, um ihre Gäste zu empfangen, und führten Frau Dschën in die Gemächer der Dame Wang, wo sie sich alle setzten, förmliche Grüße austauschten und sich freundlich miteinander unterhielten. Näheres wird darüber nun nicht berichtet. Frau Wang machte eine Anspielung auf die Ähnlichkeit ihrer beiden Söhne, der „zwei Jaden“ und drückte ihr Verlangen aus, Dschën Bau-yü selbst zu sehen. Es wurde sofort nach ihm geschickt, doch als Antwort wurde überbracht, daß er sich mit Herrn Dschëng im äußeren Studierzimmer unterhielt und daß sie eine wichtige Angelegenheit klären müßten. Bau-yü, Huan und Lan wurden auch versammelt, um im Studierzimmer ihr Mittagessen einzunehmen. Nach dem Essen kämen sie her. Nun wurde den Damen das Mittagessen serviert.
 
Djia Dschëng, der selbst die anatomische Ähnlichkeit zwischen Dschën Bau-yü und seinem eigenen Sohn bemerkt hatte, fuhr fort, die literarischen und scholastischen Fertigkeiten des jungen Mannes zu testen und war zutiefst beeindruckt von den flüssigen Antworten, die er gab. Er schickte nach seinem eigenen Bau-yü und anderen zwei Jungen, um ihnen diese Vorbilder an Tugendhaftigkeit vorzuführen, als Anreiz und Ermahnung und insbesondere, um Bau-eine günstige Gelegenheit des Selbstvergleichs zu bieten.
 
Bau-yü kam der Bitte sofort nach und erschien in farbloser Kleidung in Begleitung von Huan und Lan. Als er Dschën Bau-yü zum ersten Mal sah, schien es ihm fast, als wäre er mit einem alten Freund wieder vereint, und die Freude beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie verbeugten sich voreinander, und Huan und Lan taten es ihnen gleich. Djia Dschëng saß auf einer Matte am Boden und hatte Herrn Dschën bei seiner Ankunft, einen Stuhl zum Sitzen angeboten, eine Einladung, die Herr Dschën deutlich zurückwies, da der Ältere sich auf einer niederen Ebene befand. Stattdessen setzte er sich auf ein Kissen am Boden. Nun, da Bau-yü und die anderen beiden die Gesellschaft begleitet hatten, wäre es für sie kaum angemessen, mit Djia Dschëng auf dem Boden zu sitzen. Andererseits konnten sie auch nicht stehen bleiben, während Herr Dschën, ihr Altersgenosse, unter ihnen saß. Djia Dschëng löste das Dilemma, indem er selbst aufstand, sich eine Weile mit ihnen unterhielt und dann die Diener anwies, das Mittagessen aufzutragen.
 
„Ich werde euch nun verlassen müssen“, sagte er zu Herr Dschën, „bitte entschuldigt mich. Ich werde euch an die jüngere Generation weiterreichen, die noch viel von euch lernen wird.“ –
 
„Wenn Ihr euch empfehlt, so bin ich es, Herr“, antwortete Dschën mit freundlicher Bescheidenheit, „der erfürchtig erwartet, viel von diesen Ehrenmännern zu lernen.“
 
Djia Dschëng antwortete noch etwas und brach auf. Dabei hielt er freundlich seinen jungen Besucher davon ab, ihn zu begleiten, doch gestattete er es Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan, die voranschritten und hinter der Schwelle auf ihn warteten, um ihn in das innere Studierzimmer zu geleiten.  
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Bau-yü und Bau-tschai wurden geweckt und ihnen mitgeteilt, daß Hsi-fëng sterben würde. Sie erhoben sich sofort vom Bett, eine Magd entzündete eine Kerze, und sie waren auf ihrem Weg hinaus auf den Hof, als ein anderer Bote von der Dame Wang kam: „Frau Liäns Zustand ist kritisch, aber sie lebt noch, und Herr und Frau Bau-yü sollten eine Weile warten. Da gibt es etwas Merkwürdiges an Frau Liäns Zustand. Von Mitternacht bis zwei Uhr morgens hörte sie nicht auf, zu reden, und wir konnten keinen Sinn in dem finden, was sie sagte. Einmal wollte sie ein Boot, dann eine Sänfte. Dann war sie in Jinling, um in das Register aufgenommen zu werden. Niemand konnte ein Wort verstehen, und sie weinte und jammerte weiter. Herrn Liän blieb nichts anderes übrig, als ein Papierboot zu bestellen und eine Sänfte für sie machen zu lassen. Er kam noch nicht wieder, und Frau Liän wartet auf ihn, nach Atem ringend. Die Dame will, daß Sie beide warten und wiederkommen nachdem Frau Liän endlich verstorben ist.“  
Sie kehrten zurück, baten Herr Dschën, sich wieder zu setzen und man unterhielt sich ganz gewöhnlich in Bezug auf dieses langerwartete und ersehnte Treffen; davon sollen nun keine Details berichtet werden.
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„Wie außergewöhnlich!“, rief Bau-yü. „Was will sie in Jinling?“ –
Wie Djia Bau-yü Dschën Bau-yü sah, wurde er sofort an ihre frühere Traumbegegnung erinnert. Er wußte aus Berichten über Dschën Bau-yü, daß sein Jade-Gegenstück eine Person seines Herzens wäre und er bestimmt war, in ihm einen wahren Freund zu finden. Da dies nun ihre erste wirkliche Begegnung war und weil Huan und Lan anwesend waren, spürte er das Bedürfnis, etwas diskreter zu sein und behalf sich mit freundlichen Übertreibungen, die zu solchen Gelegenheiten üblich sind: „Lang habe ich Sie aus der Ferne bewundert, doch bis heute ist mir die Ehre verwehrt geblieben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Der heutige Tag ist ein Segen für mich. Vor mir sehe ich nun die Wiedergeburt eines perfekten Unsterblichen.“
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„Hast du nicht einmal in deinem Traum ein paar Register gesehen?“ flüsterte Hsi-jën. „Vielleicht will Frau Liän dorthin gehen.“
Dschën Bau-yü hatte auch bereits viel von seinem Namensvetter gehört und fand, daß die Realität seine Erwartungen noch übertraf.
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Bau-yü nickte: „Ja! Wenn ich nur nicht vergessen hätte, was darin geschrieben stand. Unsere Leben sind wirklich ein vorgegebenes Schicksal. Ich frage mich, wohin das Schicksal Kusine Dai-yü gebracht hat? Was du gerade sagtest, Hsi-jën, über die Register, hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn ich jemals wieder so einen Traum habe, muß ich mehr beobachten. Ich mag Dinge sehen und vielleicht die Zukunft vorhersagen können.
‚Er scheint eine angemessene Begleitung für meine Studien‘, dachte er bei sich, ‚doch kaum jemand teilt mein Streben. Doch er hat meinen Namen und sieht aus wie ich. Wir müssen irgendwie über den Fels der Wiedergeburt seelenverwandt sein. Ich habe erst sehr spät Fortschritte im Verstehen der höheren Prinzipien gemacht und sollte deshalb versuchen, an ihn weiterzugeben, was ich gelernt habe. Doch da dies unser erstes Treffen ist und da ich nicht sicher bin, wo unsere Sympathien liegen, sollte ich behutsam vorgehen.
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„Hör’ dich an!“, sagte Hsi-jën scharf. „Es ist unmöglich, eine mehrbödige Unterhaltung mit dir zu führen. Du bestehst darauf, eine einfache Bemerkung von mir tödlich ernst zu nehmen. Selbst wenn wir annehmen würden, daß du in die Zukunft sehen könntest, wozu wäre das gut?“  
Er antwortete auf Djia Bau-yüs Bemerkungen auf eine Art, die ihm angemessen erschien: „Schon lange weiß ich um eure großen Begabungen. Ich fürchte, daß vor einer Person von solch hervorragender Reinheit, Feinheit und Anmut nur ein gewöhnlicher, dummer Sterblicher steht und durch unsere Namensgleichheit nur ihren Glanz beflecke.“  
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„Es würde wahrscheinlich nie etwas nützen“, antwortete Bau-yü, „aber wenn ich jemals die Zukunft kennen könnte, dann würde es wenigstens ein Ende für die Sorgen bedeuten, die mich deinetwegen plagen.
‚Sein Charakter scheint sympathisch‘, überlegte Djia Bau-yü, wie er dies hörte. ‚Doch warum schmeichelt er mir, als sei ich ein Mädchen? Wir sind doch Männer und daher Geschöpfe der Unreinheit.
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Bau-tschai kam zu ihnen: „Worüber redet ihr zwei?“
„Ihr lobt mich unverdienterweise“, sagte er, „ich bin nichts als eine närrische Kreatur, eher ein Lump oder harter Stein. Wie kann ich mit einer Person von solcher Vorzüglichkeit und Erhabenheit wie euch verglichen werden? Ich bin es, der unwert ist, diesen Namen zu tragen.“  
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Bau-yü befürchtete, das Subjekt einer ihrer Inquisitionen zu werden, und antwortete bloß: „Wir diskutieren über Schwester Hsi-fëng.“  
„Als ich jung war“, dachte Dschën Bau-yü laut zu Gunsten seines neuen Freundes, „war ich blind für meine eigene Beschränkung und folgte Ideen weit über meinem Rang. Doch dann geriet meine Familie in Bedrängnis und wir mußten die letzten Jahre in sehr bescheidenen Verhältnissen verbringen. Obwohl ich sonst kaum Erfahrungen mit der Wechselhaftigkeit des Lebens gemacht habe, fühle ich als Folge davon, daß ich ein höheres Wissen über die Wege der Welt und ein besseres Verständis von der ärmlichen Natur des Menschen erlangt habe. Andererseits haben Sie Ihr ganzes Leben überwiegend in Prunk verbracht, es hat Ihnen an nichts gemangelt, und ich bin sicher, Sie konnten Auszeichnung in literarischen Aufsätzen und in öffentlichen Angelegenheiten erwerben, Auszeichnungen, die Ihrem ehrwürdigen Vater gewiß großen Ruhm bereitet haben, so daß er Sie mit großem Stolz und Zuneigung sieht. Ich wiederhole, Sie sind des Namens wert, den wir beide tragen.
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„Sie wird bald sterben“, rief Bau-tschai, „und ihr diskutiert über sie! Du hast mich letztes Jahr beschuldigt, übertrieben unglücklich zu sein und ihr Pech zu bringen. Aber war nicht meine Deutung des Orakels am Ende richtig?“
Djia Bau-yü erkannte nun die verräterische Rhetorik und blieb still, überlegte eine passende Antwort, während Djia Huan sich für seinen Teil unwohl fühlte, so von der Unterhaltung ausgeschlossen zu sein. Djia Lan fand Dschën Bau-yüs kleine Predigt trotzdem höchst geistreich: „Ihr seid einfach zu bescheiden, Herr. Sicher, im Bereich der literarischen Aufsätze und der öffentlichen Angelegenheiten, von denen ihr sprecht, rührt es gewiß von langer Erfahrung her, wahre Fertigkeit und Wissen zu erlangen. Ich bin natürlich zu jung, um ein solches literarisches Wissen für mich zu beanspruchen, doch eine sorgfältige Prüfung von dem bißchen, was ich gelesen habe, hat mich zu dem Entschluß geführt, daß äußere Anmut und aufgesetzte Feinheit von geringem Wert sind, im Gegensatz zur Bildung eines guten Charakters.“
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Bau-yü dachte einen Moment nach und klatschte dann in die Hände: „Natürlich! Natürlich, du hattest recht! Du bist offensichtlich der Prophet in der Familie! Nun, laß mich dich selbst um Rat fragen. Was ist für mich drin?“ –
Djia Bau-yü fand die Bemerkungen seines Neffen äußerst selbstgefällig und überlegte, wo er nur so zu sprechen gelernt haben könnte. Er versuchte, Dschën Bau-yü eine Antwort vorwegzunehmen: „Ich habe Sie so verstanden, daß Sie gewöhnliche und umgangssprachliche Äußerungen verurteilen und Ihre eigene Sicht der Welt gebildet haben. Ich war so glücklich über die Gelegenheit, Sie heute zu treffen und von Ihnen etwas zu lernen, das mir hilft, aus der sterblichen Sphäre, in der wir leben, aufzusteigen und einen geistigeren Bereich zu betreten. Ich bin sicher, daß eine solche Begegnung helfen würde, mein Herz von weltlichen Gelüsten zu befreien und meine Augen für eine tiefere Sicht der Dinge zu öffnen. Aber ach, ich entnehme Ihren Worten, daß Sie mich für einen einfachen Menschen halten und mich nur aus Freundlichkeit zu diesem Geschwätz über weltliche Weisheit eingeladen haben.
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„Du driftest wieder weg, zu einer deiner Freizeitbeschäftigungen!“, tadelte ihn Bau-tschai mit einem Lächeln. „Ich habe einfach eine Erklärung aus dem Stegreif für die wörtliche Bedeutung des Orakels. Es gibt keinen Grund, dies ernstzunehmen. Du bist so schlimm wie Hsiu-yän. Als du deinen Jadestein verloren hattest, bat sie Miau-yü eine Seherin zu konsultieren, und die Antwort war allen ganz unverständlich. Aber das hinderte Hsiu-yän nicht daran, privat mit mir über die erstaunliche Gabe der Vorhersage Miau-yüs zu sprechen. Hsiu-yän sagte mir, wie aufgeklärt und fortgeschritten sie in ihrem Dsën-Glauben bereits war. Und doch, sieh dir das Unglück an, welches über Miau-yü gekommen ist, nun, warum konnte sie das nicht vorhersehen? Welche Art der Vorhersehung soll das sein? Nur, weil ich einmal etwas über Hsi-fëng sagte, heißt das nicht, daß ich jemals behauptete, ich könne in ihre Zukunft sehen, oder in meine eigene, wenn wir schon dabei sind. Ansprüche wie diese sind fantastisch und verdienen es nicht, ernst genommen zu werden.
Der junge Dschën überlegte: ‚Mit Sicherheit hat er Geschichten von mir als kleines Kind gehört und denkt deshalb, daß ich aus Höflichkeit so spreche und dabei meine wahre Natur verdecke. Ich muß offen mit ihm sein. Wer weiß, vielleicht offenbart er sich doch als wahrer Freund.‘ - „Ich verstehe absolut den Ernst Eurer Bemerkungen“, begann er, „als ich noch jung war, habe ich auch alles abgelehnt, das inhaltlich flach oder klischeebelastet war. Doch ich wurde älter, und als mein Vater degradiert wurde und keine Neigung mehr zu gesellschaftlicher Unterhaltung hatte, fiel die Führungsrolle auf mich zurück. Im Zuge meiner Verpflichtungen bemerkte ich, daß jeder der erhabenen Edelleute, denen ich begegnete, unserem Familiennnamen auf die eine oder andere Art Ruhm und Ehre gebracht hatte. All ihre geschriebenen oder gesprochenen Worte waren voll Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit, ihr ganzes Leben war der Tugend und der Wahrheit gewidmet und sie waren in der Tat ein passender Beitrag zu der erleuchteten Rolle, in welcher ich lebe. Für die freundlichen und erleuchtenden Anweisungen ihrer Väter und Lehrer gebührt ihnen jede Menge Dankbarkeit. Also verwarf ich allmählich die wirren Theorien und närrischen Gelüste meiner Jugend. Gegenwärtig suche ich immer noch nach Lehrern und Freunden, die mich anleiten können und mich aus meiner benebelten Unwissenheit führen, und ich halte es für einen großen Segen, Sie getroffen zu haben. Ich bin sicher, daß ich von Ihnen viel zu lernen habe. Glauben Sie mir, was ich zuvor sagte, war ernst gemeint!“
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„Na gut“, sagte Bau-yü, „laß uns das Thema wechseln. Erzähl’ stattdessen etwas über Hsiu-yän. Wir waren so beschäftigt, daß ihre Hochzeit ganz an uns vorbeigegangen zu sein scheint. Das war ein wichtiges Erlebnis für deine Familie, und doch wurde es mit so einer kleinen Zeremonie gefeiert. Habt ihr nicht einmal Freunde oder Verwandte eingeladen?“
Je mehr Djia Bau-yü hörte, desto verärgerter wurde er. Um der Höflichkeit willen murmelte er etwas Ähnliches als Antwort und wurde vor weiteren Verlegenheiten durch einen Ruf in die inneren Gemächer bewahrt: „Wenn die Herren aufgegessen haben, würde Herr Dschën dann bitte den Damen Gesellschaft leisten?“  
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„Du hast wieder nichts begriffen“, antwortete Bau-tschai. „Meine eigenen engsten Verwandten sind die Djias und die Wangs. Nun gibt es keinen Respektablen mehr in der Wang-Familie, und die Djias wurden nicht eingeladen, weil meine Mutter wußte, daß wir mit der Beerdigung der Großmutter zu beschäftigt waren. Liän half ein wenig, und ein oder zwei andere Verwandte kamen, aber du wußtest das nicht, weil du nicht da warst. Wenn du darüber nachdenkst, waren die Dinge fast dieselben für Hsiu-yän wie für mich. Sie war formal mit Vetter Kë verlobt, und Mama wollte eine modische Hochzeit. Aber zuerst kam, daß Pan noch im Gefängnis war, also wollte Vetter Kë es schlicht halten. Dann war da Großmutters Beerdigung, und Hsiu-yän hatte so eine harte Zeit bei Tante Hsing, besonders nach der Beschlagnahme, als Tante Hsing geiziger denn je wurde. Arme Hsiu-yän, sie konnte es kaum ertragen. Ich redete mit Mama, und am Ende entschied sie sich für die einfache Zeremonie. Hsiu-yän scheint nun viel glücklicher zu sein, und sie ist so gut zu Mama, zehnmal besser, als ihre eigene Schwiegertochter jemals war. Sie ist eine wunderbare Ehefrau für den zweitältesten Bruder Kë und geht gut mit Hsiang-ling um. Wenn Kë aus gewissen Gründen weg muß, kommen die zwei noch fröhlich miteinander aus. Sie haben etwas wenig Geld, aber Mama ist viel entspannter, als sie früher war. Sie wird immer noch traurig wegen Pan, und er schreibt ihr immer aus dem Gefängnis und bittet sie um mehr Geld. Aber glücklicherweise war Vetter Kë fähig, ein paar Schulden einzutreiben, und hat Pan das Geld geschickt. Manche unserer eigenen Stadtgrundstücke wurden auch verpfändet. Wir haben noch ein Haus übrig, und dahin plant Mama nun umzuziehen.“
Bau-yü nutzte diese Gelegenheit, um Dschën Bau-yü den Weg zu zeigen, und sie begaben sich begleitet von den anderen Jungen zu den Gemächern der Dame Wang. Wie er die Frau Dschën am Ehrenplatz sitzen sah, begrüßte Djia Bau-yü sie, Djia Huan und Djia Lan taten es ihm gleich, und Dschën Bau-yü begrüßte die Dame Wang auf die gleiche Weise. Dann saßen sich die beiden Damen und ihre zwei „Jaden“ genau gegenüber. Obwohl Djia Bau-yü nun verheiratet war, war Frau Dschën alt genug, sich aus diesem Anlaß nicht zurückhalten zu müssen, besonders durch die langjährige Verbindung ihrer beiden Familien. Sie sah, wie ähnlich sich die beiden waren und erwärmte sich sofort für Djia Bau-yü. Mit der Dame Wang war es das Gleiche, sie nahm Dschën Bau-yü an die Hand und überhäufte ihn mit Fragen, fand ihn sogar noch reifer als ihren eigenen Sohn. Sie blickte Djia Lan an und dachte bei sich, daß er eine feine Figur besitze, doch nicht annähernd auf einer Ebene mit seinen zwei Begleitern. Djia Huans grobe Erscheinung auf der anderen Seite erweckte keine Sympathie in ihr.
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„Wieso?“ protestierte Bau-yü. „Es ist so viel angenehmer für dich, sie nahe bei dir wohnen zu haben. Wenn sie so weit weg ziehen, wird es ein Tagesausflug werden, um sie zu besuchen.“
Als bekannt wurde, daß beide Bau-yüs zusammen waren, kamen alle Mägde vorbei, um nachzusehen.
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„Selbst wenn Familien so eng verwandt sind wie unsere“, sagte Bau-tschai, „ist es wirklich viel besser, in Zukunft unabhängig zu sein. Mama kann nicht für immer in Wohltätigkeit leben.
„Unglaublich!“ murmelten sie zueinander.
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Bau-yü war dabei, weitere Gründe zu suchen, weshalb sie nicht umziehen sollten, als eine letzte Nachricht von der Dame Wang kam, um zu sagen, daß Hsi-fëng nun gestorben war und die ganze Familie in ihren Gemächern angekommen war. Ob Bau-yü und Bau-tschai bitte dort zu ihnen stoßen würden? Bau-yü stampfte mit dem Fuß auf und kämpfte mit den Tränen. Bau-tschai war auch sehr bewegt, aber kontrollierte sich, aus Angst, sie könnte Bau-yü noch mehr aufregen. „Wir sollten uns unsere Tränen für später aufheben,“ riet sie.
„Daß sie denselben Namen haben ist das eine; aber sie sehen ja noch gleich aus – Gesicht, Figur, alles! Glücklicherweise ist unser Bau-yü in Trauerweiß gekleidet, sonst könnte man sie nicht auseinanderhalten!“
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Sie gingen beide direkt zu Hsi-fëngs Gemach, wo sie einen weinenden Pulk versammelt fanden. Bau-tschai ging vor an die Bettseite, wo Hsi-fëngs Körper bereits ausgelegt war, und stieß einen lauten Schrei vor Trauer aus. Bau-yü hielt Djia Liäns Hand und schluchzte laut, was Djia Liän wieder zum Weinen brachte. Ping-örl, die sah, daß niemand anderes fähig war, Trost zu spenden, ging vor, versuchte, ihre eigene Trauer zu verstecken, und erzwang Mäßigung. Der Klang untröstlichen Weinens füllten trotzdem weiter den Raum.
Dsï-djüan war besonders verblüfft. Sie dachte an Dai-yü: ‚Wenn sie nur noch leben würde! Sie hätten sie mit Dschën Bau-yü verheiraten können. Das hätte sie bestimmt gern getan.’
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Djia Liän schwankte hilflos her und her. Er schickte nach Lai Da, und sagte ihm, was er für die Vorbereitungen der Beerdigung tun solle. Er selbst berichtete Hsi-fëngs Tod Djia Dschëng und sah dann, welche anderen Anstalten er machen konnte. Aber es gab einfach kein Geld. Es war ein unmöglicher Auftrag. Liebe Erinnerungen an Hsi-fëng brachten ständig Tränen in seine Augen. Seine Trauer wurde noch schlimmer beim elenden Anblick von Tjiau-djiäs, die sich um ihre Mutter die Seele aus dem Leib weinte. Das Weinen war die ganze Nacht zu hören. Am Morgen schickte Djia Liän einen Boten zu Hsi-fëngs älterem Bruder, Wang Jën.
Als sie eben diesen Gedanken faßte, hörte sie Frau Dschën sagen: „Vor einigen Tagen hat mein Ehemann, der nun meint, Bau-yü sei in einem heiratsfähigen Alter, glaube ich, Herrn Dschëng gebeten, sich nach einer passenden Braut für ihn umzuschauen.
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Der Tod seines älteren Onkels Wang Dsï-tëng hatte Wang Jën so frei hinterlassen, daß er machen konnte, was er wollte. Dsï-scheng, der überlebende jüngere Onkel, war ein zu unberechenbarer Charakter, um ihn zu kontrollieren; Wang Jëns Benehmen hatte schon zu ordentlichen Unstimmigkeiten in der Familie geführt. Nun, als er vom Tod seiner jüngeren Schwester erfuhr, eilte er mit leichtem Unbehagen hinüber, um seine Pflicht als Bruder zu erfüllen und um sie zu trauern. Bei seiner Ankunft entdeckte er sofort, wie behelfsmäßig die Beerdigungsanstrengungen waren, er war sehr ärgerlich und sagte: „Jahrelang hat meine Schwester für euch geschuftet, und sie hat das auch gut gemacht. Das Wenigste, was Sie ihr schulden, ist eine anständige Beerdigung. Wieso ist das alles nicht gut vorbereitet?
Die Dame Wang war bereits sehr von Dschën Bau-yü angetan und antwortete, ohne zu zögern: „Ich wäre froh, als Ehestifterin für Ihren Sohn dienen zu können. Von unseren eigenen Mädchen sind leider zwei gestorben und eine ist bereits verheiratet. Vetter Dschën aus dem Ning-guo-Anwesen hat eine unverheiratete jüngere Schwester, doch sie ist noch ein wenig zu jung. Ich habe aber eine andere Idee. Meine ältere Schwiegertochter, von Geburt ein Mitglied der Li Familie, hat zwei Kusinen, zwei gut aussehende Mädchen. Die ältere der beiden ist bereits verlobt, doch die jüngere nicht und würde eine ausgezeichnete Braut für ihren Sohn abgeben. Ich könnte morgen für Sie einen Vorschlag einreichen. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß sich Ihre Familie in etwas bescheidenen Umständen befindet.“ –
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Djia Liän war niemals gut auf seinen Schwager zu sprechen gewesen, und hatte, als er ihn so poltern hörte, nur ein taubes Ohr für ihn übrig. Wang Jën rief als Nächstes seine Nichte Tjiau-djiä an seine Seite.
„Ihr seid unnötig freundlich“, sagte Frau Dschën. „Heutzutage möchte jeder nur von sich herumprahlen. Tatsächlich könnten Sie uns unter Ihnen stehen sehen.“
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Er sagte zu ihr: „Während deine Mutter noch lebte, hatte sie eine Schwäche: Sie war zu beschäftigt damit, der Herzoginmutter zu gefallen und als Ergebnis hat sie ihre eigene Familie vernachlässigt. Nichte, du bist nun schon groß genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen! Sieh mich an, habe ich jemals versucht, von euch zu profitieren? Nun, da deine Mutter tot ist, mußt du zu mir aufsehen und tun, was ich dir sage. Dein zweiter Onkel und ich sind die Familie deiner Mutter. Ich kenne deinen Vater schon lange. Er würde eher seinen Weg verlassen, um sich anderen gegenüber unterwürfig zu verhalten, als uns auch nur zu bemerken. Als Frau You starb, war ich nicht in der Stadt, aber ich hörte, daß viel Geld für sie ausgegeben wurde. Und nun geizt er bei der Beerdigung deiner eigenen Mutter. Denkst du nicht, du solltest darüber mit ihm reden und ihn zur Vernunft bringen?“
„Ihr Mann hat doch vor kurzem eine Beförderung erhalten“, sagte die Dame Wang, „und ich bin sicher, daß er in Zukunft nicht nur zu seinem alten Erfolg zurückkehren, sondern seinen Ruhm noch vermehren wird.
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„Vater hätte nichts lieber als eine schöne Beerdigung“, sagte Tjiau-djiä, „aber die Dinge haben sich geändert. Wir haben nicht genug Geld, also müssen wir natürlich etwas sparsam sein.
Frau Dschën lächelte: „Wenn Ihre Prophezeiungen nur wahr würden. Nun, in diesem Fall sollte ich dankbar sein, wenn Ihr diesen Ehevorschlag für uns einreichen würdet.
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„Was ist mit deinen eigenen Dingen?“, fragte Wang Jën unerbittlich weiter. „Sicher hast du selbst etwas übrig?“  
Wie Dschën Bau-yü die Unterhaltung über seine Verlobung vernahm, entschuldigte er sich und wurde von Djia Bau-yü und den anderen Jungen zurück ins Studierzimmer begleitet, wo sie Djia Dschëng wiedertrafen und sich eine Weile unterhielten. Dann erschien einer der Dschën-Diener, um nach Dschën Bau-yü zu rufen: „Frau Dschën bricht nun auf, Herr und möchte, daß ihr mitkommt.
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„Es ging alles bei der Razzia letztes Jahr verloren, und ich bekomme es nicht mehr wieder“, sagte Tjiau-djiä.
Dschën Bau-yü verabschiedete sich und Djia Dschëng wies Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan an, ihn hinaus zu begleiten. Und hier müssen wir ihn verlassen.
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„Lügst du mich auch an?“, fragte sie Wang Jën. „Ich weiß, daß die Dame Djia alle möglichen Dinge an Familiengehörige weggegeben hat. Du solltest deinen Teil nun hervorholen.
Seit seiner früheren Begegnung mit Dschën Bau-yüs Vater hatte Djia Bau-yü voller Vorfreude und Ungeduld auf die Ankunft seines vermeintlichen alter ego gewartet und gehofft, in ihm einen guten Freund zu finden. Da sie sich nun begegnet waren, war er völlig desillusioniert, hatte ihrer Unterhaltung entnommen, daß sie wie gegensätzliche Pole waren, weit voneinander entfernt wie sprichwörtlich Eis und Kohle. Er begab sich zurück in seine Gemächer in einer Stimmung absoluter Niedergeschlagenheit, sagte nicht ein Wort, gab nicht ein Lächeln von sich, sondern starrte leer in den Raum.
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Tjiau-djiä konnte sich nicht dazu durchringen, zuzugeben, daß ihr Vater bereits ihre Sachen genommen und verkauft hatte, und so tat sie so, als würde sie nicht verstehen, worauf er anspielte.
„Nun?“, fragte Bau-tschai, „ist er denn dein ‚lebendes Ebenbild‘?“
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„Ich weiß!“, rief Wang Jën, „du behältst es für deine Aussteuer!
„Er sieht auf jeden Fall aus wie ich“, antwortete Bau-yü, „doch daran, wie er sprach, konnte ich erkennen, daß er nur ein Narr ist, nur ein weiterer Karrierewurm.“ –
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Tjiau-djiä verweigerte jedes weitere Wort. Wang Jën hatte sie bereits mit seinen Bemerkungen beleidigt, und sie begann zu weinen, bis sie fast an ihren Gefühlen erstickte.
„Da haben wir es, wieder suchst du nur nach den Fehlern!“, protestierte Bau-tschai, „wie kannst du so schnell wissen, daß er ein Karrierewurm ist?
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„Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, Herr“, protestierte Ping-örl erhitzt, „warten Sie bitte, bis Herr Liän zurück kommt. Fräulein Tjiau-djiä ist viel zu jung, um zu verstehen.“ –
„Er hat viel geredet“, antwortete Bau-, „und in dem, was er sagte, war nichts Tiefgründiges oder Erleuchtendes. Er sprudelte nur von ‚literarischen Aufsätzen und öffentlichen Angelegenheiten‘, und ‚Loyalität und brüderlicher Frömmigkeit‘. Spricht so nicht ein Wurm? Es ist eine Schande, daß er aussieht wie ich. Da ich nun weiß, wie er ist, wünschte ich, er sähe anders aus.
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„Und ihr, ihr habt nur darauf gewartet, daß mein Schwester stirbt, oder nicht!“ höhnte Wang Jën. „Ihr Pack! Damit du in ihre Spuren treten kannst. Ich bitte nicht um viel, nur um eine anständige Beerdigung. Sicher wollt ihr eure eigene Familie nicht schänden?“
Bau-tschai wußte, daß er wieder eine seiner Marotten hatte: „Was du sagst, ist doch lächerlich! Wie kannst du denn anders aussehen? Seine Gedanken erscheinen mir soweit vernünftig. Ein Mann sollte im Leben vorankommen wollen und etwas erreichen. Nur weil du so überempfindlich und von deinen Gefühlen so eingenommen bist, heißt das etwa, daß jeder andere auch so sein muß? Du bezeichnest ihn schimpflicherweise als einen Wurm, obwohl du es bist, der keine Charakterstärke hat!“
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Er setzte sich auf eine selbstsichere Art hin.
Bau-yü fand Dschën Bau-yüs Predigt bereits ärgerlich genug. Mit Bau-tschais Hetzrede obendrauf fühlte er sich, als würde er in einem Sumpf der Verzweiflung versinken. Ein vertrautes Gefühl überwältigender Verschwommenheit schien ihn zu überkommen, und er konnte den nahenden Zusammenbruch spüren. Er sagte nichts, doch lächelte er leer, zur Verwirrung von Bau-tschai. Sie vermutete, daß er lächelte, um seine Empörung über ihre harten Worte zu verdecken, und entschied deshalb, ihn zu ignorieren. Doch für den Rest des Tages blieb er weiterhin so benebelt, weigerte sich sogar, mit Hsi-jën oder den anderen zu sprechen, als sie ihn reizten und als er am näch­sten Morgen aufstand, sah er genauso aus wie vor seiner Genesung.
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Tjiau-djiä fühlte sich sehr schlecht. ,Ich weiß, daß Vater sich darum sorgt‘, dachte sie bei sich, ‚und außerdem, als Mutter lebte, schlich sich Onkel Jen selbst mit allen möglichen Dingen von ihr davon, also hat er nicht das Recht, sich zu beschweren.
Die Dame Wang hatte währenddessen beschlossen, Djia Dschëng über Hsi-tschuns Entschluß, sich den Kopf zu rasieren und das Gelübde abzulegen, informieren zu müssen. You-schï hatte sich als unfähig erwiesen, sie davon abzubringen, und es sah danach aus, daß eine weitere Widersetzung ihres Willens sie nur in den Selbstmord treiben würde. Sie bewachten sie Tag und Nacht, doch das war nur eine vorübergehende Maßnahme. Sie und ihr Vorhaben konnten so nicht für immer verhindert werden. Djia Dschëng seufzte und stampfte mit dem Fuß: „Womit hat das Ning-guo-Anwesen nur so ein Ende verdient.
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In ihren Augen war Wang Jën eine eher verabscheuungswürdige Person. Er für seinen Teil rechnete heimlich damit, daß Hsi-fëng ihren eigenen privaten Anteil gehabt haben mußte und daß trotz der Razzia da etwas Silber irgendwo in ihren Gemächern sein mußte – und sogar ein großer Teil.
Er schickte nach Djia Jung: „Geh und sag’ deiner Mutter, daß sie sich ein letztes Mal bemühen soll, Hsi-tschun davon abzubringen. Wenn das Mädchen dann weiterhin auf seiner Narrheit besteht, werden wir es einfach behandeln, als sei es kein Mitglied unserer Familie mehr.“
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„Sie denken bestimmt, daß ich zum Schnorren gekommen bin, und das Mädchen versucht, sie zu schützen. Sie wird mir nicht nützen, die kleine Göre!“
You-schï tat, wie es ihr aufgetragen war, doch ihre Mühe bewirkte nur das Gegenteil und rief noch mehr Selbstmorddrohungen von Hsi-tschun hervor. „Ich bin ein Mädchen, und du weißt, ich kann nicht für den Rest meines Lebens zu Hause bleiben. Was ist, wenn ich in einer miserablen Ehe wie Ying-tschun ende? Was hat sie ihren Eltern Onkel Dschëng und Tante Wang nur für einen Kummer bereitet und dann ist sie gestorben... Wenn du mich liebst, denke von mir, ich sei tot, laß mich gehen, laß mich zumindest versuchen, ein reines Leben zu führen. Ich werde nicht weit weg von zuhause wohnen, nur im Kloster Gefangenes Grün, die ja ein Teil des Gartens und eine alte Familienadresse ist. Miau-yüs Nonnen leben immer noch dort. Das könnte mein Frauenkloster sein. Ihr könnt euch hier um meinen Bedarf kümmern. Bitte laßt mich das tun, das wäre ein Segen für mich. Wenn Sie sich weiterhin gegen mich wenden, zwingen Sie mich, meinem Leben ein Ende zu setzen. Wenn es mir erlaubt ist, meinem gewählten Weg zu folgen und wenn dann mein Bruder zurückkehrt, so werde ich ihm sagen, daß es aus freiem Willen geschehen ist. Doch wenn ich sterbe, wird er sicher behaupten, Sie hätten mich in den Tod getrieben.“
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Er begann, eine starke Abneigung gegenüber seiner Nichte zu spüren.
You-schï und Hsi-tschun waren nie miteinander im Einklang gewesen und außerdem konnte You-schï ihre Einwände verstehen. Sie erzählte dies der Dame Wang. Doch die Dame Wang war in Bau-tschais Gemächern, wo sie eben selbst entdeckt hatte, wie sehr sich Bau-yüs Zustand verschlechtert hatte und warf Hsi-jën vor: „Ihr seid alle zu nachlässig! Ihr hättet mir sofort sagen sollen, daß Bau-yü krank geworden ist!“ –
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Djia Liän war zu beschäftigt, um Geld für die Beerdigung zu organisieren oder um all diese Verwicklungen mitzubekommen. Er hatte die ‚äußeren‘ Formalitäten an Lai Da deligiert, aber brauchte noch immer viel Geld für die ‚innere‘ Feier und sah keinen Weg, wie er dies organisieren sollte. Ping-örl war sich seiner mißlichen Lage bewußt.
„Doch Herrin“, flehte Hsi-jën, „Bau-yü ist oft krank, – an manchen Tagen geht es ihm besser und dann wieder schlechter. Er hat Euch besucht und jeden Morgen seine Pflichten erfüllt und bis jetzt ging es ihm wirklich gut. Nun scheint es eine verrückte Wendung gegeben zu haben. Frau Bau-tschai wollte gerade hinüber gehen und es euch mitteilen, sie wollte nur nicht, daß ihr uns scheltet, daß wir so einen Trubel darum machen.“
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„Sie dürfen die Dinge nicht zu ernst nehmen, Herr,“ drängte sie ihn. „Sie machen sich nur krank.“
Das Ausschelten Hsi-jëns und die Angst, daß sie und Bau-tschai seinetwegen leiden müßten, schien Bau-yüs Sinne wieder kurzzeitig zu beleben: „Mach’ dir keine Sorgen, Mutter. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich fühle mich nur ein wenig traurig.
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„Krank!“, rief Djia Liän, etwas hysterisch. „Das ist das letzte meiner Probleme! Wir können nicht einmal Geld auftreiben, um Tag für Tag auszukommen, und dann erst für eine Beerdigung. Und um alles noch schlimmer zu machen, habe ich diesen Idioten am Hals!“
„Mein Kind, vergiß nicht, daß du die Neigung hast, krank zu werden. Wenn ich es nur früher gewußt hätte, hätte ich einen Arzt rufen und etwas Medizin besorgen lassen können. Wenn du es selbst soweit kommen läßt, in so einen Zustand zu verfallen wie damals, als du deine Jade verloren hattest, wirst du uns wieder endlosen Ärger bereiten!“ –
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„Es gibt wirklich keinen Grund, sich in so einen Zustand zu bringen, Herr“, sagte Ping-örl. „Wenn Sie kein Geld haben, habe ich ein paar Sachen, die nicht in der Razzia mitgenommen wurden. Benutzen Sie die, wenn Sie das wünschen.
„Wenn du dich immer noch sorgst, Mutter“, sagte Bau-yü, „dann ruf meinetwegen einen Arzt und besorge Medizin.
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‚Das ist doch sehr gut!‘, dachte Djia Liän bei sich. Er lächelte Ping-örl an: „Das würde mich davor bewahren, herumzurennen und Geld aufzutreiben. Ich werde es dir sobald wie möglich zurückzahlen.“
Frau Wang beauftragte sofort eine Magd, einen Arzt zu rufen und war viel zu sehr mit Bau-yü beschäftigt, um an Hsi-tschuns missliche Lage zu denken. Später kam der Arzt an, untersuchte Bau-yü und schrieb ein Rezept, anschließend kehrte die Dame Wang wieder in ihre eigenen Gemächer zurück.
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„Was immer ich habe, wurde mir zuerst von Frau Liän gegeben“, sagte Ping-örl, „also gibt es da wirklich keinen Grund, es mir zurückzuzahlen. Ich will nur, daß die Beerdigung vernünftig wird, das ist alles.“
Über die nächsten Tage schien Bau-yü aber trotzdem noch geistesschwächer zu werden als jemals zuvor. Er hörte völlig auf zu essen und sein Zustand verursachte allgemeine Betroffenheit. Als die Zeit für die Zeremonie kam, die das Ende der Trauerperiode um die Herzoginmutter markierte, und da die Familie im Tempel besonders beschäftig war, wurde Djia Yün gerufen, um Bau-yüs Arzt zu befragen. Wegen des Mangels an Männern in Djia Liäns Umgebung, mußte Wang Jën auch hergebeten werden, um bei der Bewachung zu helfen. Tchiau-djie hatte ihre Mutter Tag und Nacht beweint und war auch krank geworden. In jeder Hinsicht bot das Jung-guo-Anwesen ein Bild des Chaos und des Elends.
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Djia Liän akzepierte Ping-örls Angebot mit ehrlicher Dankbarkeit und verpfändete ihren Besitz für die Beerdigungskosten. Von da an fand er es wichtig, über alles mit ihr zu diskutieren. Tjiu-tung war sehr aufgebracht und nahm jede Gelegenheit wahr, um sich zu beschweren: „Nun, da Frau Liän weg ist, denkt Ping-örl, sie könne alles übernehmen. Der Herr gab mich zu Herrn Liän. Wie kann Ping-örl denken, eine höhere Position als meine zu erlangen?“
Als die Familie von ihrem Dienst im Tempel zurückkehrte, ging die Dame Wang sofort Bau-yü besuchen. Sie sah, daß sein Zustand sich noch verschlechtert hatte. Er war bewußtlos und die Diener waren in hilfloser Panik. Die Dame Wang weinte bitterlich, ging zu Djia Dschëng und sagte: „Der Arzt sagt, es sei Zeitverschwendung, ihm weitere Medizin zu verschreiben und wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein.“
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Ping-örl bemerkte Tjiu-tungs verärgerte Art, aber schenkte ihr keine Beachtung. Djia Liän, für seinen Teil, fand Tjiu-tungs Ablehnung, welche er sehr bald bemerkte, sehr unangenehm, und wann immer etwas geschah, das ihn verärgerte, ließ er seine schlechte Laune an ihr aus. Die Dame Hsing kritisierte ihn dafür, und sie fühlte sich wiederum berufen, ihn dafür zu tadeln. Aber nun nichts mehr davon.
Djia Dschëng seufzte bitter und sah selbst nach. Bau-yü erweckte wirklich den Eindruck, daß er dem Tode nahe sei, und Djia Dschëng trug Djia Liän auf, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Djia Liän wagte nicht, ihm zu widersprechen und gab umgehend Anweisungen, Bau-yüs letzte Sachen vorbereiten zu lassen. Er fragte sich nur, woher sie das Geld für ein weiteres Begräbnis nehmen sollten, bis einer der Diener aufgeregt in den Raum eilte und schrie: „Herr Liän! Etwas Schreckliches! Noch eine Katastrophe!“
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Nach gegebener Zeit, nachdem Hsi-fëngs Körper im Sarg für über zehn Tage ausgestellt worden war, wurde er zum Tempel gebracht. Djia Dschëng war noch am Trauern für die Herzoginmutter und blieb in seinem Studierzimmer während Hsi-fëngs Beerdigung. Sein Gefolge der literarischen Herren hatten ihn nach und nach verlassen. Nur Tscheng Ji-hsing besuchte ihn regelmäßig: Bei einer Gelegenheit sprach Djia Dschëng zu ihm über das allgemeine Thema des Untergangs seiner Familie: „Sieh, wie einer nach dem anderen stirbt! Mein älterer Bruder und der junge Dschën sind beide in der Verbannung. Unsere Finanzen verschlechtern sich täglich. Und wer weiß, was aus unserem Landbesitz in den östlichen Provinzen wird. Alles zusammen ist es ein katastrophaler Zustand!“  
Djia Liän hatte keine Ahnung, was er meinen könnte, und blickte ihn erstarrt vor Angst an: „Was ist es?“  
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„Ich war viele Jahre hier, Herr“, sagte Tscheng, „und ich habe selbst gesehen, wie beschäftigt Ihr Personal damit ist, sich selbst auf Eure Kosten zu bereichern. Jedes Jahr zeigt, wie das Geld aus Euren Taschen in deren Taschen regnet. Das ruiniert Sie. Dann brauchen Sie das Geld für die Familien von Herrn Schë und Herrn Dschën, und außerdem haben Sie sich beachtliche Schulden zugezogen. Und dann der Verlust, der durch den letzten Überfall entstand, wovon ich nicht glaube, daß das Diebesgut wiedergefunden wird. Wenn sie wünschen, daß Ihr Haus wieder in Ordnung gebracht wird, Herr, wäre die einzige Abhilfe, die ich mir vorstellen kann, das gesamte Personal zu versammeln, und Ihren vertrauenswürdigsten Verwalter mit einer umfangreichen Untersuchung Ihrer Konten zu beauftragen. Auf diese Art können sie beurteilen, in welchem Bereich Einsparungen möglich sind. Defizite sollten vom verantwortlichen Verwalter übernommen werden. Auf diese Art wissen Sie wenigstens, wo Sie stehen. Dann ist da der Garten. Er ist zu groß, um von jemandem gekauft zu werden. Aber es ist eine Schande, daß ein Ort mit soviel Potential für Gewinn so vernachlässigt wird. Während der Jahre, die Sie weg waren, Herr, hat das Personal dort alle Sorten von erschreckenden Geschichten fabriziert, welche den Effekt hatten, jeden davon abzuhalten, den Ort zu betreten. All ihr Ärger kommt, zusammengefaßt, von den Taten Ihrer Angestellten. Sie sollten eine gute Untersuchung führen und unzufriedenstellende Elemente unter ihnen entlassen. Es wäre eine Abhilfe, die Sinn ergäbe.“  
„Da ist ein Mönch am Tor und sagt, er habe Bau-yüs verlorene Jade wiedergebracht. Er verlangt zehntausend Tael dafür.“
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„Mein lieber Tscheng“, antwortete Djia Dschëng, mit dem Kopf schwer nickend, „du scheinst nicht mitzubekommen: Ich kann nicht mal meinem eigenen Neffen trauen, ganz zu schweigen von den Angestellten! Und wenn ich selbst so eine Untersuchung, wie du sie vorschlägst, machen würde, würde ich es nicht zu hoffen wagen, die Wurzel der Probleme zu finden. Nicht daß ich mich nicht in so eine Sache einarbeiten könnte, während ich noch trauere. Selbst wenn ich dies täte, habe ich in der Vergangenheit den Haushaltsdetails nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, daher habe ich wirklich keine Ahnung, was wir haben sollten und was nicht. Ich weiß nicht einmal, wo ich nachsehen soll.“  
Djia Liän spuckte dem Diener ins Gesicht: „Verdammt! Ich dachte von deiner Aufregung her, daß es etwas Ernstes sei. Hast du nichts von dem letzten Scherz gehört? Selbst wenn es die richtige Jade wäre, was würde sie dem Jungen denn noch bringen, wenn es bereits keine Hoffnung mehr für den ihn gibt?“ –
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„Sie sind ein großzügiger und rechtschaffener Mann“, erwiderte Tscheng. „In jeder anderen Familie von vergleichbarer Position könnten die Herren, selbst wenn die Dinge diesen kritischen Zustand erreicht haben, darauf zählen, die Katastrophe für fünf oder zehn Jahre aufzuschieben, indem sie ihre Verwalter um Geld bitten. Ich weiß, daß einer ihrer Männer sogar zu einem Magistrat des Bezirks berufen wurde.“  
„Das habe ich selbst gesagt, Herr. Doch der Mönch schwört, daß Bau-yü geheilt würde, sobald wir ihm das Geld gezahlt hätten.“
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„Nein!“, unterbrach ihn Djia Dschëng streng, „wenn ein Mann sich erniedrigt und Geld von seinen eigenen Angestellten borgt, ist das der Anfang vom Ende. Wir müssen einfach unsere Gürtel enger schnallen. Wenn wir noch den Grund besitzen, der in unseren Büchern steht, gut und schön. Aber ich persönlich neige dazu zu glauben, daß wenig Realität in diesen Einträgen steckt.“  
Während er sprach, kam ein weiterer Diener schreiend herbeigerannt: „Der Mönch ist verrückt geworden! Er ist ohne zu fragen hereingekommen und niemand kann ihn aufhalten!“
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„Genau, Herr“, antwortete Tscheng, „das war genau mein Grund, eine Untersuchung der Konten vorzuschlagen.“  
„Das ist unglaublich!“, rief Djia Liän, „das kann doch nicht wahr sein!
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„Warum, hast du was gehört?“, fragte Djia Dschëng.
Als er erfuhr, was passiert war, verlor Djia Dschëng beinahe genauso seinen Verstand wie Djia Liän. Währenddessen kamen weitere Schreie von innen: „Bau-yü stirbt!
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„Ich habe von manchen Freveln, die von ihren Angestellten begangen wurden, gehört“, antwortete Tscheng, „aber ich hätte sie kaum in Ihrer Anwesenheit melden können, Herr.
Djia Dschëng war völlig verzweifelt, als er den Mönch rufen hörte: „Wenn ihr wollt, daß der Junge lebt, dann gebt mir das Geld!“ Djia Dschëng dachte plötzlich: „Es war ein Mönch, der Bau-yüs damalige Krankheit geheilt hat; vielleicht kann ihm dieser Mönch auch helfen. Doch wenn es die richtige Jade ist, woher nehmen wir das Geld dafür?
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Djia Dschëng erriet aus dem Ton in Tschengs Stimme, daß er die Wahrheit sagte.
Nach einiger Überlegung beschloß er: „Nun gut, darüber denken wir später nach. Laßt uns ihm erst helfen, verhandeln werden wir später.
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„Ach!seufzte er, „seit den Tagen meines Großvaters, haben wir dasHerkommen in meiner Familie, daß wir unserem Personal gegenüber freundlich und großzügig sind. Wir haben sie nie schlecht behandelt oder ihnen einen Grund zur Beschwerde gegeben. Was ist aus der jetztigen Generation geworden! Es wird täglich schlimmer. Und wenn ich jetzt plötzlich wie ein strenger Herr handle, glaube ich nicht, daß ich ernst genommen würde.
Während er seine Entscheidung getroffen und einen Diener mit der Einladung abgefertigt hatte, war der Mönch bereits auf seinem Weg und ging, ohne sich rückzuversichern, direkt in Bau-yüs Gemächer. Djia Liän versuchte ihn zurückzuhalten, indem er sagte: „Es sind Damen darin! Ein Landstreicher wie ihr kann da nicht einfach hineinplatzen!“ –
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Als sie sprachen, kam einer der Hausmeister herein und kündigte seine Exzellenz Dschën von der Familie aus Djiangnan an, der zu Besuch gekommen war. „Was treibt ihn in die Hauptstadt?, fragte Djia Dschëng.
„Nur eine Verzögerung“, rief der Mönch, „und es kann zu spät für ihn sein!“ Djia Liän war zu aufgeregt, um ihm zu folgen, und rief verwirrt: „Ruhe! Hört auf zu weinen! Der Mönch ist da!
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„Wie ich verstehe, Herr“, antwortete der Diener, „wurde er durch die Gunst des Kaisers befördert.
Er rief so weiter, doch die Dame Wang und die anderen waren von Bau-yüs Zustand zu eingenommen, um ihm zuzuhören. Als sie sich umblickten, waren sie erstaunt, die große, schlacksige Figur des Mönchs auf sie zukommen zu sehen und versuchten im letzten Moment erfolglos, sich zu verstecken, während der Mönch sich direkt zum Ofenbett begab, auf welchem Bau-yü lag. Bau-tschai zog sich etwas zurück, doch Hsi-jën meinte, sie müsse bei der Dame Wang bleiben, die dort stehen blieb, wo sie war.
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„Bring ihn sofort herein“, sagte Djia Dschëng.
„Meine Damen, ich habe den Jadestein mitgebracht“, verkündete der Mönch. Er hielt ihn hoch, als er fortfuhr: „Gebt mir das Geld, und ich kann dem Jungen helfen.
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Der Diener ging hinaus, um den Besucher hereinzuführen. Seine Exzellenz Dschën war der Vater von Dschën Bau-yü. Sein voller Name war Dschën Ying-djia, sein Hofname You-dschung<ref>Dies bedeutet ‚Freund der Loyalen‘.</ref>, was ‚Freund der Loyalen‘ bedeutete. Die Dschëns waren, wie erinnert werden soll, wie die Djias, eine angesehene Familie von Nanking, und die beiden Familien hatten eine lange Familienbeziehung und sich oft besucht. Dschën Ying-djia hatte seinen Posten vor ein oder zwei Jahren verloren aufgrund eines Vergehens, und der Familienbesitz wurde daraufhin beschlagnahmt. Nun hatte sein Majestät der Kaiser an ihm einen besonderen Gefallen als Nachfahre eines treuen und verdienten Menschen, hatte ihn wieder in seine ererbte Position eingesetzt und ihn in die Hauptstadt zu einer Audienz berufen. Er wußte, daß die Herzoginmutter kürzlich verstorben war, also hatte Dschën eine Gabe vorbereitet und einen günstigen Tag aus dem Kalender gewählt, an welchem man die Gabe im Tempel, wo ihre sterblichen Überreste lagen, überreichen solle. Bevor er das tun wollte, besuchte er das Jung-guo-Anwesen, um seinen Respekt zu zeigen.
Der Schock setzte die Dame Wang völlig außer Gefecht und sie und die anderen Damen waren gewiß nicht in dem Zustand, die Echtheit des ihnen gezeigten Steins zu beurteilen.
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Die Traueretikette hinderte Djia Dschëng daran, hinauszugehen und seinen Gast zu begrüßen, aber er hieß ihn von der Schwelle seines äußeren Studierzimmers willkommen. Als Dschën Ying-djia ihn sah, mischten sich Trauer und Freude in seiner Brust. Beide Herren unterließen jede umständliche Form der Zeremonie, gaben sich stattdessen einfach die Hand und tauschten Grüße aus. Sie setzten sich an einen Tisch, Djia Dschëng bot seinem Gast etwas Tee, und sie redeten eine Weile.
„Rettet ihn einfach“, riefen sie, „und das Geld gehört Ihnen!“ Der Mönch lachte. „Ich will es jetzt!“ –
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„Wann wurdest du von seiner Majestät empfangen?“, fragte Djia Dschëng. „Vorgestern“, antwortete Dschën Ying-jia.
„Macht euch keine Sorgen“, sagte die Dame Wang. „Ihr werdet das Geld auf jeden Fall bekommen, auch wenn es das letzte ist, was wir haben.“
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„Seine Majestät muß dich in seiner großen Freundlichkeit sicherlich mit ein paar Einweisungen befördert haben.“
Der Mönch schien seine Forderung äußerst lustig zu finden und nach einigem Gelächter hielt er den Jade in der ausgestreckten Hand, bückte sich und flüsterte in Bau-yüs Ohr: „Bau-yü! Bau-yü! Dein Jadestein kommt wieder zurück!“
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„Ja, in der Tat. Seine Majestät, dessen Freundlichkeit den Himmel überschreitet, haben mich mit einem Erlaß befördert.“ –
Kaum hatte er das gesagt, öffnete Bau-die Augen ein wenig. „Er lebt!“, rief Hsi-jën euphorisch.
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„Darf ich nach seinem Inhalt fragen?“ –
„Wo ist er?“, fragte Bau-yü.
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„Mit Blick auf die letzten Ausbrüche der Piraterie an der Südküste und die beunruhigenden Zustände, denen die Leute dort ausgesetzt sind, haben seine Majestät den Herzog An-guo auf eine Friedensmission gegen die Rebellen geschickt. Weil ich mit der Gegend so vertraut bin, hat er mich beauftragt, an der Aktion teilzunehmen, ich muß fast sofort abreisen. Als ich gestern hörte, daß die Herzoginmutter verstorben ist, habe ich eine bescheidene Gabe von Blüten-Räucherstäbchen vorbereitet, um es vor ihrem Sarg verbrennen zu lassen, als kleiner Ausdruck meiner Andacht.
Der Mönch legte den Jadestein in Bau-yüs Hand.
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Djia Dschëng verneigte sich dankend und antwortete: „Ich bin sicher, dieses Unternehmen wird eine Gelegenheit für dich sein, die Gedanken seiner Majestät zu beruhigen und der Nation Frieden zu bringen. Ich zweifle auch nicht daran, daß es dir großen persönlichen Ruhm einbringen wird! Ich bedaure nur, daß ich nicht fähig bin, dies mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern mich damit zufrieden geben muß, die Neuigkeiten deiner Siege von weit weg zu hören. Der gegenwärtige Kommandant der Dschënhai-Küstenregion ist ein Verwandter von mir, und ich hoffe, daß du ihn freundlich empfangen wirst, wenn du ihn triffst.“
Zuerst umklammerte Bau-yü ihn sanft, dann hob er ihn leicht nach oben und brachte ihn auf Augenhöhe. Er sah ihn genau an und sagte: „Ah! Zuletzt sind wir doch vereint!“
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„Wie bist du mit dem Kommandanten verwandt?“, fragte Dschën Ying-djia.
Jeder begann, inbrünstige Gebete an Buddha zu schicken, und sogar Bau-tschai schien nun über die männliche Gegenwart des Mönches hinwegzusehen. Djia Liän kam vorbei, um zu sehen, was geschehen war, und das Erblicken des lebendigen Bau-yü erwärmte sein Herz für einen Moment. Plötzlich ging er weg und ohne ein Wort eilte der Mönch ihm nach und holte ihn ein. Djia Liän hatte keine Wahl, als den Mönch in die Empfangshalle zu begleiten und dann hinüber zu Djia Dschëng zu eilen, um ihm davon zu berichten, der sehr erleichtert über diese Neuigkeiten war und umgehend nach dem Mönch schickte, um ihm seinen tiefen Dank auszusprechen. Der Mönch grüßte und setzte sich. Djia Liän dachte besorgt bei sich: „Jetzt wird er nicht mehr gehen, bis man ihn bezahlt hat.“
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„Während meiner Zeit im Amt als Getreide-Intendant in Djianghsi“, antwortete Djia Dschëng, „habe ich meine Tochter mit seinem Sohn verlobt, und sie sind nun seit drei Jahren verheiratet. Eine ausgedehnte Störung an der Küste und die weitere Konzentration auf die Piraten in der Region haben für eine Weile verhindert, daß uns Neuigkeiten von da erreichten. Ich bin sehr um das Wohlergehen meiner Tochter besorgt und flehe dich ernsthaft an, sie zu besuchen, wenn deine Pflichten erfüllt sind und sich eine gute Gelegenheit bietet. In der Zwischenzeit werde ich ihr einen kurzen Brief schreiben, und, wenn du so nett wärst, es für mich von einem deiner Männer dorthin bringen zu lassen, wäre ich dir ewig dankbar.“  
Djia Dschëng befragte den Mönch. Er fand heraus, daß er keiner von denen war, die er bei einer anderen Angelegenheit schon gesehen haben könnte.
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„Kinder sind die Wurzel der Sorge für alle von uns“, antwortete Dschën. „Ich selbst war dabei, dich um einen ähnlichen Gefallen zu bitten. Als ich meine Anweisungen von seiner Majestät erhielt, zur Hauptstadt zu kommen, entschied ich mich, meine Familie mit mir zu nehmen. Mein Sohn ist in einem zarten Alter, und wir haben nur wenig Personal zu Hause. Ich mußte vorauseilen, während meine Familie mir auf einem bequemeren Weg folgt und jeden Tag hier ankommen sollte. Mir wurden bereits meine Marschpläne gegeben, und ich darf mich nicht noch mehr verspäten. Wenn meine Familie ankommt, können sie sich sicher bei dir melden, und ich habe meinem Sohn Anweisung gegeben, dir seinen Respekt zu erweisen, in der Hoffnung, daß er von deinem Rat profitieren kann. Sollte ein passendes Angebot für eine Hochzeit für dich zu erkennen sein, wäre ich sehr dankbar, wenn du uns dieses präsentieren würdest.“  
„Von welcher heiligen Unterkunft stammen Sie?“, wollte er wissen. „Und wie lautet Ihr Name in Ihrer Religion? Wo haben Sie den Stein meines Sohnes gefunden? Wie kommt es, daß es ihm durch ihn so schnell besser ging?“
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„Das mache ich,“ versicherte ihm Djia Dschëng. Nach ein wenig mehr Geplauder erhob sich Dschën Ying-djia, um zu gehen, und sagte: „Ich hoffe dich morgen außerhalb der Stadt zu sehen.“
Der Mönch begegnete diesem Strom an Fragen mit einem rätselhaften Lächeln: „Fragt mich nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gebt mir nur die Zehntausend Tael, und wir sind fertig.
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Djia Dschëng wußte, daß Dschën viele andere Verabredungen haben mußte und wollte ihn nicht bedrängen zu bleiben. Er brachte ihn zur Tür des Studierzimmers, wo Djia Liän und Bau-yü darauf warteten, ihn hinauszubegleiten. Weil Djia Dschëng sie nicht hereingebeten hatte, hatten sie draußen gewartet. Die beiden jüngeren Männer gingen vor, um Herrn Dschën Ying-djia ihn zu begrüßen. Dieser schien sehr erstaunt über den Anblick von Bau-yü.
Djia Dschëng konnte sehen, daß er es mit einem sehr groben Typen zu tun hatte und fürchtete eine Konfrontation: „Das Geld? Aber natürlich, Sie sollen es bekommen.“ –
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‚Denk’ die weiße Trauerkleidung weg‘, dachte er bei sich. ‚und dieser junge Mann ist das genaue Abbild unseres eigenen Bau-yü!‘ –
„Ich will es jetzt, ich habe es eilig.“
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„Es ist so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte er höflich, „daß ich fast eure Namen vergessen habe.“
„Bitte setzen Sie sich einen Moment, während ich sehe, ob es bereit liegt.“ –
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Djia Dschëng zeigt auf Djia Liän: „Der Sohn meines älteren Bruders Schë.“
„Sie beeilen sich besser.“
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Dann zeigte er auf Bau-yü: „Mein eigener zweiter Sohn, Bau-yü.
Djia Dschëng ging zu den anderen. Er sagte nichts von seinem Gespräch mit dem Mönch, sondern ging direkt zum Ofenbett, in dem Bau-yü lag. Als Bau-yü seinen Vater kommen sah, versuchte er aufzustehen, doch war er noch zu schwach dafür. Die Dame Wang hielt ihn zurück und verlangte, er solle sich auf keinen Fall bewegen, während Bau-yü lächelte und seinem Vater den Jadestein mit den Worten überreichte: „Du siehst, die kostbare Jade ist zurückgekehrt!“
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Dschën klatschte in die Hände: „Wie außergewöhnlich! Ich hörte die Geschichte zu Hause, daß du einen sehr geliebten Sohn hast, der mit einem Jadestein  geboren wurde, und daß sein Name Bau-yü sei. Ich war erst sehr überrascht, daß unsere Söhne denselben Namen teilen, aber später dachte ich, daß solche Zufälle sehr häufig sind. Nun habe ich ihn in Fleisch und Blut gesehen und bin wieder völlig erstaunt! Er ist das lebende Abbild meines eigenen Sohnes! Nicht nur seine Züge, die ganze Art und die Bewegungen sind diesselben!
Djia Dschëng wußte um die übernatürlichen Eigenschaften des Steines. Er blickte ihn an und sagte zu der Dame Wang: „Da Bau-yü nun sein Bewußtsein wiedererlangt hat, wie können wir nun den Mönch bezahlen?
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Als ihm Bau-yüs Alter genannt wurde, kommentierte er: „Mein Sohn ist ein Jahr jünger.“
„Verkauf alles, was ich besitze!“, antwortete die Dame Wang sofort. „Das sollte reichen.“
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Djia Dschëng fuhr fort, daß er bereits einige Informationen über Dschën Bau-yü von Bau Yung gesammelt hatte, den Dschën Ying-djia selbst empfohlen hatte. Als er Bau Yung erwähnt hatte, wiederholte Dschën Ying-djia, daß die beiden Söhne denselben Namen hatten. Weil er Bau-yü sehr liebte, mochte er auch nicht nach dem Betragen von Bau Yung forschen, sondern rief weiter: „Sehr außergewöhnlich! Sehr außergewöhnlich!“
„Ich glaube kaum, daß er nach Geld verlangt,“ warf Bau-yü ein. „Oder?“ Djia Dschëng nickte nachdenklich: „Ich finde es selbst merkwürdig, muß ich sagen. Doch er besteht darauf.“ – „Du mußt gehen und ihn unterhalten“, sagte die Dame Wang, „wir werden sehen, was wir tun können.“
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Er nahm Bau-yü an der Hand und war ihm gegenüber sehr freundlich. Ihre Unterhaltung hätte länger gedauert, wenn der Herzog An-guo es mit dem Aufbruch nicht eilig gehabt hätte. Dschën wollte nicht, daß sich sein Vorgesetzter verspätete und mußte selbst noch eilige Vorbereitungen für die bevorstehende lange Reise treffen. Er zwang sich daher, auf Wiedersehen zu sagen, und verabschiedete sich würdig, begleitet von Djia Liän und Bau-yü. Auf dem ganzen Weg bedrängte er Bau-yü förmlich mit Fragen. Endlich stieg er in seinen Wagen und fuhr fort; Djia Liän und Bau-yü kehrten zurück, um sich bei Djia Dschëng zu melden. Sie erzählten ihm noch einmal, was Dschëng Ying-djia gesagt hatte. Als sie entlassen wurden, ging Djia Liän noch einmal, um sich zu bemühen, seine Konten für Hsi-fëngs Beerdigung zu regeln.
Als Djia Dschëng fort war, begann Bau-yü, nach Essen zu verlangen. Zunächst aß er eine Schüssel Reisbrei, und dann wollte er etwas Reis, welchen ihm die Ammen brachten. Doch die Dame Wang verbot ihm zu essen.
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Bau-yü kehrte zu seinen eigenen Gemächern zurück und erzählte Bau-tschai von seinem Treffen mit Dschën Ying-djia.
„Es ist alles in Ordnung“, protestierte Bau-yü, „es geht mir besser.“
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„Ich hätte nie gedacht, daß ich eine Chance hätte, diesen Dschën Bau-yü zu sehen, von dem wir ständig hören, aber nun habe ich seinen Vater gesehen, und anscheinend wird er in den nächsten Tagen herkommen, um meinen Vater zu besuchen. Alle sagen immer, er sei mein ‚lebendes Abbild‘, was ich schwer glauben kann. Wenn dieser andere Bau-yü kommt, müßt ihr alle einen Blick auf ihn werfen, und entscheiden, ob es da wirklich eine Ähnlichkeit gibt.“
Er lehnte sich vor und bediente sich an der Schale Reis. Seine Lebensgeister schienen sichtlich wiederbelebt. Er wollte richtig aufrecht sitzen und Schë-yüä half ihm vorsichtig dabei. Von ihrer Begeisterung über seine Genesung überwältigt rief sie: „Was für ein Schatz dieser Stein sein muß! Man konnte förmlich sehen, wie er Euch half! Ein Glück, daß Ihr ihn nicht in
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„Schande über dich!“, rief Bau-tschai aus, „ehrlich, du redest täglich mehr und mehr sonderliches Zeug! Erst erzählst du uns irgendeine Geschichte über einen jungen Mann, der wie du aussehen soll, dann willst du, daß wir einen ‚Blick‘ auf ihn werfen!“
Stücke zerbrochen habt!“
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Bau-yü erkannte, daß er da etwas Falsches gesagt hatte, und errötete. Er versuchte einen Weg zu finden, seinen Fauxpas zu beheben.
Ihre Worte verursachten einen plötzlichen Wechsel in Bau-yüs Gesicht. Er warf den Stein zur Seite und fiel nach hinten.
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Aber um mehr zu erfahren, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
Doch um zu wissen, ob er überlebte, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
 
116. Menschliche Schicksale werden enthüllt und der Stein wird seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben
 
Sterbliche Überreste werden in ihre weltliche Heimat zurückgebracht und ein pietätvoller Sohn erfüllt seine Pflicht.
 
  
Schë-yüäs zeitlich unpassende Erwähnung einer empfindlichen Periode aus Bau-yüs Vergangenheit ließ ihn ohnmächtig werden und zurück in sein Bett fallen. Die Dame Wang und die versammelte Familie begannen von Neuem zu weinen und zu wimmern, während Schë-yüä selbst, wie sie bemerkte, daß ihre unbedachte Äußerung Schuld daran war, zu weinen begann, obwohl Frau Wang noch keine Zeit hatte, sie auszuschelten. Sie faßte zur gleichen Zeit einen verzweifelten Entschluß: „Wenn Bau-yü stirbt, werde ich mein Leben beenden und mit ihm sterben!“
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== Anmerkungen ==
Die Dame Wang konnte sehen, daß kein Versuch, Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen, überhaupt Wirkung zeigen würde, und schickte dem Mönch die dringende Nachricht, er solle ihn bitte wieder retten. Doch der Mönch war nirgends zu sehen. Djia Dschëng war vorher in die Halle zurückgekehrt, um herauszufinden, daß sein exzentrischer Gast sich in Luft aufgelöst hatte. Dieser neue Aufschrei aus den inneren Gemächern erreichte nun Djia Dschëngs Ohren, und er beeilte sich. Er fand Bau-yü wieder ohne Bewußtsein vor, mit verkrampftem Gebiß und keiner Spur eines Pulses. Er fühlte seine Brust und fand sie immer noch recht warm, rief aus Verzweiflung einen Arzt, um auf irgendeine Art eine Wiederbelebung zu erzwingen.
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Doch Bau-yüs Geist hatte bereits sein sterbliches Umfeld verlassen. Das heißt doch, er sei tot, werden Sie sagen? Die genaue Situation, lieber Leser, war wie folgt: sein Geist war in körperlosem Zustand in die Empfangshalle geschwebt, wo er den jadebringenden Mönch sah und ihn mit einer Verbeugung begrüßte. Der Mönch erhob sich, berührte ihn an der Hand und verschwand. Bau-yüs Geist folgte, leicht wie eine Feder im Wind. Sie begaben sich auf den Weg nach draußen, nicht um am Eingang zu verweilen. Doch dann konnte er den Weg nicht mehr erkennen, und sie erreichten einen offenen Raum, eine Wildnis, wo er in der Ferne einen ihm merkwürdig bekannten Torbogen erblickte. Er wollte den Mönch gerade fragen, was es war, als eine nebelhafte weibliche Gestalt hinter ihm erschien.
 
„Was macht so eine wunderschöne Kreatur an einem so verlassenen Ort?“, fragte sich Bau-yü. „Sie muß eine Göttin auf Erden sein.“
 
Er näherte sich ihr und schaute sie genau an. Ihr Gesicht war ihm so vertraut wie der Torweg, doch irgendwie konnte er sich nicht daran erinnern, wer sie war. Sie begrüßte den Mönch und verschwand plötzlich aus der Sicht. Im selben Moment fiel Bau-yü ein, wem sie ähnelte: You San-djie. Was hatte sie hier zu suchen? Noch verwirrter als vorher, wollte er nun den Mönch befragen. Doch bevor er das konnte, führte der Mönch ihn an der Hand durch den Torweg. Inmitten des Bogens war folgende Inschrift zu lesen:
 
Das Paradies der Wahrheit
 
Ein Reimpaar in kleineren Buchstaben stand auf beiden Seiten:
 
„Wenn dasErdichtete schwindet und Wahrheit erscheint,
 
Wird die Wahrheit siegen;
 
Obwohl das Unwirkliche einst wirklich war,
 
Ist das Wirkliche niemals unwirklich.“
 
Als sie den Torweg durchquert hatten, erreichten sie plötzlich ein Palasttor, über dem in wagerechter Ausrichtung geschrieben stand:
 
„Gesegnet seien die Tugendhaften, Unglück den Verdorbenen.“
 
Folgende Worte waren senkrecht auf beiden Seiten zu lesen:
 
„Der menschliche Geist kann niemals die Geheimnisse der Zeit erfassen, und die engste Sippe kann niemals das Schicksal herausfordern.“
 
‚Nun...‘, dachte Bau-yü bei sich, ‚es ist Zeit, daß ich mehr über das Wirken des Schicksals erfahre.‘ Als er daran dachte, sah er unter den Leuten Yüan-yang etwas entfernt stehen, winkte und rief nach ihr.
 
‚Nach all der Zeit bin ich immer noch im Garten daheim!‘ überlegte er erstaunt. ‚Doch warum hat es sich so verändert?‘
 
Er eilte voran, um mit Yüan-yang zu sprechen, doch kurz darauf war sie verschwunden, und er stand alleine dort, noch verwirrter als zuvor. Er ging weiter zu dem Ort, an dem Yüan-yang gestanden hatte, und dabei bemerkte er eine Reihe von Gebäuden neben sich und über den Eingängen eines jeden Gebäudes hing ein Namensschild. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich die Gebäude näher anzusehen, sondern suchte weiter nach Yüan-yang. Der Eingang hinter der Stelle, an der sie gestanden hatte, war halb geöffnet, doch er wagte nicht einzutreten, er wollte lieber seinen Führer dazu befragen. Und als er sich gerade nach ihm umsehen wollte, war der Mönch verschwunden. Bau-yü war verwirrt. Die Gebäude um ihn herum erschienen ihm auf einmal sehr groß, und es schien Bau-yü allmählich, daß dies überhaupt nicht der Garten des Großen Anblicks war. Er stand still und hob seinen Kopf, um die Worte über dem Torweg direkt vor ihm zu lesen:
 
Erwacht durch die Narrheit der Liebe
 
Das Reimpaar an jeder Seite lautete:
 
„Lächeln der Zufriedenheit, Tränen des Kummers, alles ist Täuschung;
 
Jedes Streben entspringt einzig der Narrheit.“
 
Bau-yü senkte seinen Kopf und seufzte. Er wollte immer noch den Torweg durchschreiten und nach Yüan-yang suchen, um zu fragen, was dies für ein Ort sei. Er spürte das wachsende Gefühl, er sei bereits einmal da gewesen. Zuletzt faßte er den Mut, die Tür zu öffnen und ging hinein. Er schaute überall, aber fand keine Spur von Yüan-yang. Es war innen stockfinster und er wollte gerade seiner Angst nachgeben und wieder heraus gehen, als seine Augen in der Dunkelheit verschwommen die Formen eines Dutzend großer Schränke erspähte, ihre Türen waren zwar zu, doch nicht verschlossen. Eine plötzliche Erkenntnis erleuchtete ihn: ‚Ich weiß, daß ich hier schon irgendwie gewesen bin. Ich erinnere mich daran. Es war in einem Traum. Was für ein Segen, in eine Traumszene meiner Kindheit zurückzukehren!‘
 
Plötzlich hatte er in seiner Verwirrung seine eigentliche Absicht, Yüan-yang zu finden, vergessen und gab sich der neuen Neugierde über das hin, was vor ihm lag. Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete die Tür des er­sten Schrankes. Darin sah er eine große Zahl an Registern, und er schwebte in einem Rausch der Begeisterung. ‚Die Leute sagen immer, daß Träume Illusion sind‘, dachte er bei sich, „doch dieser scheint wahr zu sein! Wie oft habe ich mir gewünscht, diesen Traum noch einmal zu träumen! Und jetzt bin ich hier, und mein Wunsch ist wahr geworden. Ich frage mich, ob es die Register sind, die ich gesehen habe?‘
 
Er streckte seine Hand aus, nahm eines und hielt es in der Hand. Es trug die Aufschrift „Nanking, zwölf Schönheiten der Hauptliste“.
 
‚Ich erinnere mich‘, dachte er bei sich, ‚glaube ich... Wenn ich mich nur genau erinnern könnte!‘
 
Er schlug die erste Seite auf und betrachtete ein Bild, doch eines, das so verschwommen war, daß er kaum sagen konnte, was es darstellte.
 
 
 
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Kapitel 114

王熙凤历幻返金陵 / 甄应嘉蒙恩还玉阙

Wang Hsi-fëng beendet ihre Lebensillusion und wird nach Nanking übergeführtDschën Ying-djia erhält eine Ehrung des Kaisers und wird zum Palast berufen.

Bau-yü und Bau-tschai wurden geweckt und ihnen mitgeteilt, daß Hsi-fëng sterben würde. Sie erhoben sich sofort vom Bett, eine Magd entzündete eine Kerze, und sie waren auf ihrem Weg hinaus auf den Hof, als ein anderer Bote von der Dame Wang kam: „Frau Liäns Zustand ist kritisch, aber sie lebt noch, und Herr und Frau Bau-yü sollten eine Weile warten. Da gibt es etwas Merkwürdiges an Frau Liäns Zustand. Von Mitternacht bis zwei Uhr morgens hörte sie nicht auf, zu reden, und wir konnten keinen Sinn in dem finden, was sie sagte. Einmal wollte sie ein Boot, dann eine Sänfte. Dann war sie in Jinling, um in das Register aufgenommen zu werden. Niemand konnte ein Wort verstehen, und sie weinte und jammerte weiter. Herrn Liän blieb nichts anderes übrig, als ein Papierboot zu bestellen und eine Sänfte für sie machen zu lassen. Er kam noch nicht wieder, und Frau Liän wartet auf ihn, nach Atem ringend. Die Dame will, daß Sie beide warten und wiederkommen nachdem Frau Liän endlich verstorben ist.“ „Wie außergewöhnlich!“, rief Bau-yü. „Was will sie in Jinling?“ – „Hast du nicht einmal in deinem Traum ein paar Register gesehen?“ flüsterte Hsi-jën. „Vielleicht will Frau Liän dorthin gehen.“ Bau-yü nickte: „Ja! Wenn ich nur nicht vergessen hätte, was darin geschrieben stand. Unsere Leben sind wirklich ein vorgegebenes Schicksal. Ich frage mich, wohin das Schicksal Kusine Dai-yü gebracht hat? Was du gerade sagtest, Hsi-jën, über die Register, hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn ich jemals wieder so einen Traum habe, muß ich mehr beobachten. Ich mag Dinge sehen und vielleicht die Zukunft vorhersagen können.“ „Hör’ dich an!“, sagte Hsi-jën scharf. „Es ist unmöglich, eine mehrbödige Unterhaltung mit dir zu führen. Du bestehst darauf, eine einfache Bemerkung von mir tödlich ernst zu nehmen. Selbst wenn wir annehmen würden, daß du in die Zukunft sehen könntest, wozu wäre das gut?“ „Es würde wahrscheinlich nie etwas nützen“, antwortete Bau-yü, „aber wenn ich jemals die Zukunft kennen könnte, dann würde es wenigstens ein Ende für die Sorgen bedeuten, die mich deinetwegen plagen.“ Bau-tschai kam zu ihnen: „Worüber redet ihr zwei?“ Bau-yü befürchtete, das Subjekt einer ihrer Inquisitionen zu werden, und antwortete bloß: „Wir diskutieren über Schwester Hsi-fëng.“ „Sie wird bald sterben“, rief Bau-tschai, „und ihr diskutiert über sie! Du hast mich letztes Jahr beschuldigt, übertrieben unglücklich zu sein und ihr Pech zu bringen. Aber war nicht meine Deutung des Orakels am Ende richtig?“ Bau-yü dachte einen Moment nach und klatschte dann in die Hände: „Natürlich! Natürlich, du hattest recht! Du bist offensichtlich der Prophet in der Familie! Nun, laß mich dich selbst um Rat fragen. Was ist für mich drin?“ – „Du driftest wieder weg, zu einer deiner Freizeitbeschäftigungen!“, tadelte ihn Bau-tschai mit einem Lächeln. „Ich habe einfach eine Erklärung aus dem Stegreif für die wörtliche Bedeutung des Orakels. Es gibt keinen Grund, dies ernstzunehmen. Du bist so schlimm wie Hsiu-yän. Als du deinen Jadestein verloren hattest, bat sie Miau-yü eine Seherin zu konsultieren, und die Antwort war allen ganz unverständlich. Aber das hinderte Hsiu-yän nicht daran, privat mit mir über die erstaunliche Gabe der Vorhersage Miau-yüs zu sprechen. Hsiu-yän sagte mir, wie aufgeklärt und fortgeschritten sie in ihrem Dsën-Glauben bereits war. Und doch, sieh dir das Unglück an, welches über Miau-yü gekommen ist, nun, warum konnte sie das nicht vorhersehen? Welche Art der Vorhersehung soll das sein? Nur, weil ich einmal etwas über Hsi-fëng sagte, heißt das nicht, daß ich jemals behauptete, ich könne in ihre Zukunft sehen, oder in meine eigene, wenn wir schon dabei sind. Ansprüche wie diese sind fantastisch und verdienen es nicht, ernst genommen zu werden.“ „Na gut“, sagte Bau-yü, „laß uns das Thema wechseln. Erzähl’ stattdessen etwas über Hsiu-yän. Wir waren so beschäftigt, daß ihre Hochzeit ganz an uns vorbeigegangen zu sein scheint. Das war ein wichtiges Erlebnis für deine Familie, und doch wurde es mit so einer kleinen Zeremonie gefeiert. Habt ihr nicht einmal Freunde oder Verwandte eingeladen?“ „Du hast wieder nichts begriffen“, antwortete Bau-tschai. „Meine eigenen engsten Verwandten sind die Djias und die Wangs. Nun gibt es keinen Respektablen mehr in der Wang-Familie, und die Djias wurden nicht eingeladen, weil meine Mutter wußte, daß wir mit der Beerdigung der Großmutter zu beschäftigt waren. Liän half ein wenig, und ein oder zwei andere Verwandte kamen, aber du wußtest das nicht, weil du nicht da warst. Wenn du darüber nachdenkst, waren die Dinge fast dieselben für Hsiu-yän wie für mich. Sie war formal mit Vetter Kë verlobt, und Mama wollte eine modische Hochzeit. Aber zuerst kam, daß Pan noch im Gefängnis war, also wollte Vetter Kë es schlicht halten. Dann war da Großmutters Beerdigung, und Hsiu-yän hatte so eine harte Zeit bei Tante Hsing, besonders nach der Beschlagnahme, als Tante Hsing geiziger denn je wurde. Arme Hsiu-yän, sie konnte es kaum ertragen. Ich redete mit Mama, und am Ende entschied sie sich für die einfache Zeremonie. Hsiu-yän scheint nun viel glücklicher zu sein, und sie ist so gut zu Mama, zehnmal besser, als ihre eigene Schwiegertochter jemals war. Sie ist eine wunderbare Ehefrau für den zweitältesten Bruder Kë und geht gut mit Hsiang-ling um. Wenn Kë aus gewissen Gründen weg muß, kommen die zwei noch fröhlich miteinander aus. Sie haben etwas wenig Geld, aber Mama ist viel entspannter, als sie früher war. Sie wird immer noch traurig wegen Pan, und er schreibt ihr immer aus dem Gefängnis und bittet sie um mehr Geld. Aber glücklicherweise war Vetter Kë fähig, ein paar Schulden einzutreiben, und hat Pan das Geld geschickt. Manche unserer eigenen Stadtgrundstücke wurden auch verpfändet. Wir haben noch ein Haus übrig, und dahin plant Mama nun umzuziehen.“ „Wieso?“ protestierte Bau-yü. „Es ist so viel angenehmer für dich, sie nahe bei dir wohnen zu haben. Wenn sie so weit weg ziehen, wird es ein Tagesausflug werden, um sie zu besuchen.“ „Selbst wenn Familien so eng verwandt sind wie unsere“, sagte Bau-tschai, „ist es wirklich viel besser, in Zukunft unabhängig zu sein. Mama kann nicht für immer in Wohltätigkeit leben.“ Bau-yü war dabei, weitere Gründe zu suchen, weshalb sie nicht umziehen sollten, als eine letzte Nachricht von der Dame Wang kam, um zu sagen, daß Hsi-fëng nun gestorben war und die ganze Familie in ihren Gemächern angekommen war. Ob Bau-yü und Bau-tschai bitte dort zu ihnen stoßen würden? Bau-yü stampfte mit dem Fuß auf und kämpfte mit den Tränen. Bau-tschai war auch sehr bewegt, aber kontrollierte sich, aus Angst, sie könnte Bau-yü noch mehr aufregen. „Wir sollten uns unsere Tränen für später aufheben,“ riet sie. Sie gingen beide direkt zu Hsi-fëngs Gemach, wo sie einen weinenden Pulk versammelt fanden. Bau-tschai ging vor an die Bettseite, wo Hsi-fëngs Körper bereits ausgelegt war, und stieß einen lauten Schrei vor Trauer aus. Bau-yü hielt Djia Liäns Hand und schluchzte laut, was Djia Liän wieder zum Weinen brachte. Ping-örl, die sah, daß niemand anderes fähig war, Trost zu spenden, ging vor, versuchte, ihre eigene Trauer zu verstecken, und erzwang Mäßigung. Der Klang untröstlichen Weinens füllten trotzdem weiter den Raum. Djia Liän schwankte hilflos her und her. Er schickte nach Lai Da, und sagte ihm, was er für die Vorbereitungen der Beerdigung tun solle. Er selbst berichtete Hsi-fëngs Tod Djia Dschëng und sah dann, welche anderen Anstalten er machen konnte. Aber es gab einfach kein Geld. Es war ein unmöglicher Auftrag. Liebe Erinnerungen an Hsi-fëng brachten ständig Tränen in seine Augen. Seine Trauer wurde noch schlimmer beim elenden Anblick von Tjiau-djiäs, die sich um ihre Mutter die Seele aus dem Leib weinte. Das Weinen war die ganze Nacht zu hören. Am Morgen schickte Djia Liän einen Boten zu Hsi-fëngs älterem Bruder, Wang Jën. Der Tod seines älteren Onkels Wang Dsï-tëng hatte Wang Jën so frei hinterlassen, daß er machen konnte, was er wollte. Dsï-scheng, der überlebende jüngere Onkel, war ein zu unberechenbarer Charakter, um ihn zu kontrollieren; Wang Jëns Benehmen hatte schon zu ordentlichen Unstimmigkeiten in der Familie geführt. Nun, als er vom Tod seiner jüngeren Schwester erfuhr, eilte er mit leichtem Unbehagen hinüber, um seine Pflicht als Bruder zu erfüllen und um sie zu trauern. Bei seiner Ankunft entdeckte er sofort, wie behelfsmäßig die Beerdigungsanstrengungen waren, er war sehr ärgerlich und sagte: „Jahrelang hat meine Schwester für euch geschuftet, und sie hat das auch gut gemacht. Das Wenigste, was Sie ihr schulden, ist eine anständige Beerdigung. Wieso ist das alles nicht gut vorbereitet?“ Djia Liän war niemals gut auf seinen Schwager zu sprechen gewesen, und hatte, als er ihn so poltern hörte, nur ein taubes Ohr für ihn übrig. Wang Jën rief als Nächstes seine Nichte Tjiau-djiä an seine Seite. Er sagte zu ihr: „Während deine Mutter noch lebte, hatte sie eine Schwäche: Sie war zu beschäftigt damit, der Herzoginmutter zu gefallen und als Ergebnis hat sie ihre eigene Familie vernachlässigt. Nichte, du bist nun schon groß genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen! Sieh mich an, habe ich jemals versucht, von euch zu profitieren? Nun, da deine Mutter tot ist, mußt du zu mir aufsehen und tun, was ich dir sage. Dein zweiter Onkel und ich sind die Familie deiner Mutter. Ich kenne deinen Vater schon lange. Er würde eher seinen Weg verlassen, um sich anderen gegenüber unterwürfig zu verhalten, als uns auch nur zu bemerken. Als Frau You starb, war ich nicht in der Stadt, aber ich hörte, daß viel Geld für sie ausgegeben wurde. Und nun geizt er bei der Beerdigung deiner eigenen Mutter. Denkst du nicht, du solltest darüber mit ihm reden und ihn zur Vernunft bringen?“ „Vater hätte nichts lieber als eine schöne Beerdigung“, sagte Tjiau-djiä, „aber die Dinge haben sich geändert. Wir haben nicht genug Geld, also müssen wir natürlich etwas sparsam sein.“ „Was ist mit deinen eigenen Dingen?“, fragte Wang Jën unerbittlich weiter. „Sicher hast du selbst etwas übrig?“ „Es ging alles bei der Razzia letztes Jahr verloren, und ich bekomme es nicht mehr wieder“, sagte Tjiau-djiä. „Lügst du mich auch an?“, fragte sie Wang Jën. „Ich weiß, daß die Dame Djia alle möglichen Dinge an Familiengehörige weggegeben hat. Du solltest deinen Teil nun hervorholen.“ Tjiau-djiä konnte sich nicht dazu durchringen, zuzugeben, daß ihr Vater bereits ihre Sachen genommen und verkauft hatte, und so tat sie so, als würde sie nicht verstehen, worauf er anspielte.

„Ich weiß!“, rief Wang Jën, „du behältst es für deine Aussteuer!“

Tjiau-djiä verweigerte jedes weitere Wort. Wang Jën hatte sie bereits mit seinen Bemerkungen beleidigt, und sie begann zu weinen, bis sie fast an ihren Gefühlen erstickte. „Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, Herr“, protestierte Ping-örl erhitzt, „warten Sie bitte, bis Herr Liän zurück kommt. Fräulein Tjiau-djiä ist viel zu jung, um zu verstehen.“ – „Und ihr, ihr habt nur darauf gewartet, daß mein Schwester stirbt, oder nicht!“ höhnte Wang Jën. „Ihr Pack! Damit du in ihre Spuren treten kannst. Ich bitte nicht um viel, nur um eine anständige Beerdigung. Sicher wollt ihr eure eigene Familie nicht schänden?“ Er setzte sich auf eine selbstsichere Art hin. Tjiau-djiä fühlte sich sehr schlecht. ,Ich weiß, daß Vater sich darum sorgt‘, dachte sie bei sich, ‚und außerdem, als Mutter lebte, schlich sich Onkel Jen selbst mit allen möglichen Dingen von ihr davon, also hat er nicht das Recht, sich zu beschweren.‘ In ihren Augen war Wang Jën eine eher verabscheuungswürdige Person. Er für seinen Teil rechnete heimlich damit, daß Hsi-fëng ihren eigenen privaten Anteil gehabt haben mußte und daß trotz der Razzia da etwas Silber irgendwo in ihren Gemächern sein mußte – und sogar ein großer Teil. „Sie denken bestimmt, daß ich zum Schnorren gekommen bin, und das Mädchen versucht, sie zu schützen. Sie wird mir nicht nützen, die kleine Göre!“ Er begann, eine starke Abneigung gegenüber seiner Nichte zu spüren. Djia Liän war zu beschäftigt, um Geld für die Beerdigung zu organisieren oder um all diese Verwicklungen mitzubekommen. Er hatte die ‚äußeren‘ Formalitäten an Lai Da deligiert, aber brauchte noch immer viel Geld für die ‚innere‘ Feier und sah keinen Weg, wie er dies organisieren sollte. Ping-örl war sich seiner mißlichen Lage bewußt. „Sie dürfen die Dinge nicht zu ernst nehmen, Herr,“ drängte sie ihn. „Sie machen sich nur krank.“ „Krank!“, rief Djia Liän, etwas hysterisch. „Das ist das letzte meiner Probleme! Wir können nicht einmal Geld auftreiben, um Tag für Tag auszukommen, und dann erst für eine Beerdigung. Und um alles noch schlimmer zu machen, habe ich diesen Idioten am Hals!“ „Es gibt wirklich keinen Grund, sich in so einen Zustand zu bringen, Herr“, sagte Ping-örl. „Wenn Sie kein Geld haben, habe ich ein paar Sachen, die nicht in der Razzia mitgenommen wurden. Benutzen Sie die, wenn Sie das wünschen.“ ‚Das ist doch sehr gut!‘, dachte Djia Liän bei sich. Er lächelte Ping-örl an: „Das würde mich davor bewahren, herumzurennen und Geld aufzutreiben. Ich werde es dir sobald wie möglich zurückzahlen.“ „Was immer ich habe, wurde mir zuerst von Frau Liän gegeben“, sagte Ping-örl, „also gibt es da wirklich keinen Grund, es mir zurückzuzahlen. Ich will nur, daß die Beerdigung vernünftig wird, das ist alles.“ Djia Liän akzepierte Ping-örls Angebot mit ehrlicher Dankbarkeit und verpfändete ihren Besitz für die Beerdigungskosten. Von da an fand er es wichtig, über alles mit ihr zu diskutieren. Tjiu-tung war sehr aufgebracht und nahm jede Gelegenheit wahr, um sich zu beschweren: „Nun, da Frau Liän weg ist, denkt Ping-örl, sie könne alles übernehmen. Der Herr gab mich zu Herrn Liän. Wie kann Ping-örl denken, eine höhere Position als meine zu erlangen?“ Ping-örl bemerkte Tjiu-tungs verärgerte Art, aber schenkte ihr keine Beachtung. Djia Liän, für seinen Teil, fand Tjiu-tungs Ablehnung, welche er sehr bald bemerkte, sehr unangenehm, und wann immer etwas geschah, das ihn verärgerte, ließ er seine schlechte Laune an ihr aus. Die Dame Hsing kritisierte ihn dafür, und sie fühlte sich wiederum berufen, ihn dafür zu tadeln. Aber nun nichts mehr davon. Nach gegebener Zeit, nachdem Hsi-fëngs Körper im Sarg für über zehn Tage ausgestellt worden war, wurde er zum Tempel gebracht. Djia Dschëng war noch am Trauern für die Herzoginmutter und blieb in seinem Studierzimmer während Hsi-fëngs Beerdigung. Sein Gefolge der literarischen Herren hatten ihn nach und nach verlassen. Nur Tscheng Ji-hsing besuchte ihn regelmäßig: Bei einer Gelegenheit sprach Djia Dschëng zu ihm über das allgemeine Thema des Untergangs seiner Familie: „Sieh, wie einer nach dem anderen stirbt! Mein älterer Bruder und der junge Dschën sind beide in der Verbannung. Unsere Finanzen verschlechtern sich täglich. Und wer weiß, was aus unserem Landbesitz in den östlichen Provinzen wird. Alles zusammen ist es ein katastrophaler Zustand!“ „Ich war viele Jahre hier, Herr“, sagte Tscheng, „und ich habe selbst gesehen, wie beschäftigt Ihr Personal damit ist, sich selbst auf Eure Kosten zu bereichern. Jedes Jahr zeigt, wie das Geld aus Euren Taschen in deren Taschen regnet. Das ruiniert Sie. Dann brauchen Sie das Geld für die Familien von Herrn Schë und Herrn Dschën, und außerdem haben Sie sich beachtliche Schulden zugezogen. Und dann der Verlust, der durch den letzten Überfall entstand, wovon ich nicht glaube, daß das Diebesgut wiedergefunden wird. Wenn sie wünschen, daß Ihr Haus wieder in Ordnung gebracht wird, Herr, wäre die einzige Abhilfe, die ich mir vorstellen kann, das gesamte Personal zu versammeln, und Ihren vertrauenswürdigsten Verwalter mit einer umfangreichen Untersuchung Ihrer Konten zu beauftragen. Auf diese Art können sie beurteilen, in welchem Bereich Einsparungen möglich sind. Defizite sollten vom verantwortlichen Verwalter übernommen werden. Auf diese Art wissen Sie wenigstens, wo Sie stehen. Dann ist da der Garten. Er ist zu groß, um von jemandem gekauft zu werden. Aber es ist eine Schande, daß ein Ort mit soviel Potential für Gewinn so vernachlässigt wird. Während der Jahre, die Sie weg waren, Herr, hat das Personal dort alle Sorten von erschreckenden Geschichten fabriziert, welche den Effekt hatten, jeden davon abzuhalten, den Ort zu betreten. All ihr Ärger kommt, zusammengefaßt, von den Taten Ihrer Angestellten. Sie sollten eine gute Untersuchung führen und unzufriedenstellende Elemente unter ihnen entlassen. Es wäre eine Abhilfe, die Sinn ergäbe.“ „Mein lieber Tscheng“, antwortete Djia Dschëng, mit dem Kopf schwer nickend, „du scheinst nicht mitzubekommen: Ich kann nicht mal meinem eigenen Neffen trauen, ganz zu schweigen von den Angestellten! Und wenn ich selbst so eine Untersuchung, wie du sie vorschlägst, machen würde, würde ich es nicht zu hoffen wagen, die Wurzel der Probleme zu finden. Nicht daß ich mich nicht in so eine Sache einarbeiten könnte, während ich noch trauere. Selbst wenn ich dies täte, habe ich in der Vergangenheit den Haushaltsdetails nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, daher habe ich wirklich keine Ahnung, was wir haben sollten und was nicht. Ich weiß nicht einmal, wo ich nachsehen soll.“ „Sie sind ein großzügiger und rechtschaffener Mann“, erwiderte Tscheng. „In jeder anderen Familie von vergleichbarer Position könnten die Herren, selbst wenn die Dinge diesen kritischen Zustand erreicht haben, darauf zählen, die Katastrophe für fünf oder zehn Jahre aufzuschieben, indem sie ihre Verwalter um Geld bitten. Ich weiß, daß einer ihrer Männer sogar zu einem Magistrat des Bezirks berufen wurde.“ „Nein!“, unterbrach ihn Djia Dschëng streng, „wenn ein Mann sich erniedrigt und Geld von seinen eigenen Angestellten borgt, ist das der Anfang vom Ende. Wir müssen einfach unsere Gürtel enger schnallen. Wenn wir noch den Grund besitzen, der in unseren Büchern steht, gut und schön. Aber ich persönlich neige dazu zu glauben, daß wenig Realität in diesen Einträgen steckt.“ „Genau, Herr“, antwortete Tscheng, „das war genau mein Grund, eine Untersuchung der Konten vorzuschlagen.“ „Warum, hast du was gehört?“, fragte Djia Dschëng. „Ich habe von manchen Freveln, die von ihren Angestellten begangen wurden, gehört“, antwortete Tscheng, „aber ich hätte sie kaum in Ihrer Anwesenheit melden können, Herr.“ Djia Dschëng erriet aus dem Ton in Tschengs Stimme, daß er die Wahrheit sagte. „Ach!“ seufzte er, „seit den Tagen meines Großvaters, haben wir dasHerkommen in meiner Familie, daß wir unserem Personal gegenüber freundlich und großzügig sind. Wir haben sie nie schlecht behandelt oder ihnen einen Grund zur Beschwerde gegeben. Was ist aus der jetztigen Generation geworden! Es wird täglich schlimmer. Und wenn ich jetzt plötzlich wie ein strenger Herr handle, glaube ich nicht, daß ich ernst genommen würde.“ Als sie sprachen, kam einer der Hausmeister herein und kündigte seine Exzellenz Dschën von der Familie aus Djiangnan an, der zu Besuch gekommen war. „Was treibt ihn in die Hauptstadt?“, fragte Djia Dschëng. „Wie ich verstehe, Herr“, antwortete der Diener, „wurde er durch die Gunst des Kaisers befördert.“ – „Bring ihn sofort herein“, sagte Djia Dschëng. Der Diener ging hinaus, um den Besucher hereinzuführen. Seine Exzellenz Dschën war der Vater von Dschën Bau-yü. Sein voller Name war Dschën Ying-djia, sein Hofname You-dschung[1], was ‚Freund der Loyalen‘ bedeutete. Die Dschëns waren, wie erinnert werden soll, wie die Djias, eine angesehene Familie von Nanking, und die beiden Familien hatten eine lange Familienbeziehung und sich oft besucht. Dschën Ying-djia hatte seinen Posten vor ein oder zwei Jahren verloren aufgrund eines Vergehens, und der Familienbesitz wurde daraufhin beschlagnahmt. Nun hatte sein Majestät der Kaiser an ihm einen besonderen Gefallen als Nachfahre eines treuen und verdienten Menschen, hatte ihn wieder in seine ererbte Position eingesetzt und ihn in die Hauptstadt zu einer Audienz berufen. Er wußte, daß die Herzoginmutter kürzlich verstorben war, also hatte Dschën eine Gabe vorbereitet und einen günstigen Tag aus dem Kalender gewählt, an welchem man die Gabe im Tempel, wo ihre sterblichen Überreste lagen, überreichen solle. Bevor er das tun wollte, besuchte er das Jung-guo-Anwesen, um seinen Respekt zu zeigen. Die Traueretikette hinderte Djia Dschëng daran, hinauszugehen und seinen Gast zu begrüßen, aber er hieß ihn von der Schwelle seines äußeren Studierzimmers willkommen. Als Dschën Ying-djia ihn sah, mischten sich Trauer und Freude in seiner Brust. Beide Herren unterließen jede umständliche Form der Zeremonie, gaben sich stattdessen einfach die Hand und tauschten Grüße aus. Sie setzten sich an einen Tisch, Djia Dschëng bot seinem Gast etwas Tee, und sie redeten eine Weile. „Wann wurdest du von seiner Majestät empfangen?“, fragte Djia Dschëng. „Vorgestern“, antwortete Dschën Ying-jia. „Seine Majestät muß dich in seiner großen Freundlichkeit sicherlich mit ein paar Einweisungen befördert haben.“ „Ja, in der Tat. Seine Majestät, dessen Freundlichkeit den Himmel überschreitet, haben mich mit einem Erlaß befördert.“ – „Darf ich nach seinem Inhalt fragen?“ – „Mit Blick auf die letzten Ausbrüche der Piraterie an der Südküste und die beunruhigenden Zustände, denen die Leute dort ausgesetzt sind, haben seine Majestät den Herzog An-guo auf eine Friedensmission gegen die Rebellen geschickt. Weil ich mit der Gegend so vertraut bin, hat er mich beauftragt, an der Aktion teilzunehmen, ich muß fast sofort abreisen. Als ich gestern hörte, daß die Herzoginmutter verstorben ist, habe ich eine bescheidene Gabe von Blüten-Räucherstäbchen vorbereitet, um es vor ihrem Sarg verbrennen zu lassen, als kleiner Ausdruck meiner Andacht.“ Djia Dschëng verneigte sich dankend und antwortete: „Ich bin sicher, dieses Unternehmen wird eine Gelegenheit für dich sein, die Gedanken seiner Majestät zu beruhigen und der Nation Frieden zu bringen. Ich zweifle auch nicht daran, daß es dir großen persönlichen Ruhm einbringen wird! Ich bedaure nur, daß ich nicht fähig bin, dies mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern mich damit zufrieden geben muß, die Neuigkeiten deiner Siege von weit weg zu hören. Der gegenwärtige Kommandant der Dschënhai-Küstenregion ist ein Verwandter von mir, und ich hoffe, daß du ihn freundlich empfangen wirst, wenn du ihn triffst.“ – „Wie bist du mit dem Kommandanten verwandt?“, fragte Dschën Ying-djia. „Während meiner Zeit im Amt als Getreide-Intendant in Djianghsi“, antwortete Djia Dschëng, „habe ich meine Tochter mit seinem Sohn verlobt, und sie sind nun seit drei Jahren verheiratet. Eine ausgedehnte Störung an der Küste und die weitere Konzentration auf die Piraten in der Region haben für eine Weile verhindert, daß uns Neuigkeiten von da erreichten. Ich bin sehr um das Wohlergehen meiner Tochter besorgt und flehe dich ernsthaft an, sie zu besuchen, wenn deine Pflichten erfüllt sind und sich eine gute Gelegenheit bietet. In der Zwischenzeit werde ich ihr einen kurzen Brief schreiben, und, wenn du so nett wärst, es für mich von einem deiner Männer dorthin bringen zu lassen, wäre ich dir ewig dankbar.“ „Kinder sind die Wurzel der Sorge für alle von uns“, antwortete Dschën. „Ich selbst war dabei, dich um einen ähnlichen Gefallen zu bitten. Als ich meine Anweisungen von seiner Majestät erhielt, zur Hauptstadt zu kommen, entschied ich mich, meine Familie mit mir zu nehmen. Mein Sohn ist in einem zarten Alter, und wir haben nur wenig Personal zu Hause. Ich mußte vorauseilen, während meine Familie mir auf einem bequemeren Weg folgt und jeden Tag hier ankommen sollte. Mir wurden bereits meine Marschpläne gegeben, und ich darf mich nicht noch mehr verspäten. Wenn meine Familie ankommt, können sie sich sicher bei dir melden, und ich habe meinem Sohn Anweisung gegeben, dir seinen Respekt zu erweisen, in der Hoffnung, daß er von deinem Rat profitieren kann. Sollte ein passendes Angebot für eine Hochzeit für dich zu erkennen sein, wäre ich sehr dankbar, wenn du uns dieses präsentieren würdest.“ „Das mache ich,“ versicherte ihm Djia Dschëng. Nach ein wenig mehr Geplauder erhob sich Dschën Ying-djia, um zu gehen, und sagte: „Ich hoffe dich morgen außerhalb der Stadt zu sehen.“ Djia Dschëng wußte, daß Dschën viele andere Verabredungen haben mußte und wollte ihn nicht bedrängen zu bleiben. Er brachte ihn zur Tür des Studierzimmers, wo Djia Liän und Bau-yü darauf warteten, ihn hinauszubegleiten. Weil Djia Dschëng sie nicht hereingebeten hatte, hatten sie draußen gewartet. Die beiden jüngeren Männer gingen vor, um Herrn Dschën Ying-djia ihn zu begrüßen. Dieser schien sehr erstaunt über den Anblick von Bau-yü. ‚Denk’ die weiße Trauerkleidung weg‘, dachte er bei sich. ‚und dieser junge Mann ist das genaue Abbild unseres eigenen Bau-yü!‘ – „Es ist so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte er höflich, „daß ich fast eure Namen vergessen habe.“ Djia Dschëng zeigt auf Djia Liän: „Der Sohn meines älteren Bruders Schë.“ Dann zeigte er auf Bau-yü: „Mein eigener zweiter Sohn, Bau-yü.“ Dschën klatschte in die Hände: „Wie außergewöhnlich! Ich hörte die Geschichte zu Hause, daß du einen sehr geliebten Sohn hast, der mit einem Jadestein geboren wurde, und daß sein Name Bau-yü sei. Ich war erst sehr überrascht, daß unsere Söhne denselben Namen teilen, aber später dachte ich, daß solche Zufälle sehr häufig sind. Nun habe ich ihn in Fleisch und Blut gesehen und bin wieder völlig erstaunt! Er ist das lebende Abbild meines eigenen Sohnes! Nicht nur seine Züge, die ganze Art und die Bewegungen sind diesselben!“ Als ihm Bau-yüs Alter genannt wurde, kommentierte er: „Mein Sohn ist ein Jahr jünger.“ Djia Dschëng fuhr fort, daß er bereits einige Informationen über Dschën Bau-yü von Bau Yung gesammelt hatte, den Dschën Ying-djia selbst empfohlen hatte. Als er Bau Yung erwähnt hatte, wiederholte Dschën Ying-djia, daß die beiden Söhne denselben Namen hatten. Weil er Bau-yü sehr liebte, mochte er auch nicht nach dem Betragen von Bau Yung forschen, sondern rief weiter: „Sehr außergewöhnlich! Sehr außergewöhnlich!“ Er nahm Bau-yü an der Hand und war ihm gegenüber sehr freundlich. Ihre Unterhaltung hätte länger gedauert, wenn der Herzog An-guo es mit dem Aufbruch nicht eilig gehabt hätte. Dschën wollte nicht, daß sich sein Vorgesetzter verspätete und mußte selbst noch eilige Vorbereitungen für die bevorstehende lange Reise treffen. Er zwang sich daher, auf Wiedersehen zu sagen, und verabschiedete sich würdig, begleitet von Djia Liän und Bau-yü. Auf dem ganzen Weg bedrängte er Bau-yü förmlich mit Fragen. Endlich stieg er in seinen Wagen und fuhr fort; Djia Liän und Bau-yü kehrten zurück, um sich bei Djia Dschëng zu melden. Sie erzählten ihm noch einmal, was Dschëng Ying-djia gesagt hatte. Als sie entlassen wurden, ging Djia Liän noch einmal, um sich zu bemühen, seine Konten für Hsi-fëngs Beerdigung zu regeln. Bau-yü kehrte zu seinen eigenen Gemächern zurück und erzählte Bau-tschai von seinem Treffen mit Dschën Ying-djia. „Ich hätte nie gedacht, daß ich eine Chance hätte, diesen Dschën Bau-yü zu sehen, von dem wir ständig hören, aber nun habe ich seinen Vater gesehen, und anscheinend wird er in den nächsten Tagen herkommen, um meinen Vater zu besuchen. Alle sagen immer, er sei mein ‚lebendes Abbild‘, was ich schwer glauben kann. Wenn dieser andere Bau-yü kommt, müßt ihr alle einen Blick auf ihn werfen, und entscheiden, ob es da wirklich eine Ähnlichkeit gibt.“ „Schande über dich!“, rief Bau-tschai aus, „ehrlich, du redest täglich mehr und mehr sonderliches Zeug! Erst erzählst du uns irgendeine Geschichte über einen jungen Mann, der wie du aussehen soll, dann willst du, daß wir einen ‚Blick‘ auf ihn werfen!“ Bau-yü erkannte, daß er da etwas Falsches gesagt hatte, und errötete. Er versuchte einen Weg zu finden, seinen Fauxpas zu beheben. Aber um mehr zu erfahren, muß man zum nächsten Kapitel gehen.

Anmerkungen

  1. Dies bedeutet ‚Freund der Loyalen‘.