Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 116"

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== 得通灵幻境悟仙缘 / 送慈柩故乡全孝道 ==
 
== 得通灵幻境悟仙缘 / 送慈柩故乡全孝道 ==
  
n, den Anschein von Respekt gegenüber Bau-yü zu bewahren. Es war ohnehin zu spät, für einen Augenblick lösten sie den Griff, und Bau-yü war fort. Hsi-jën stellte sich selbst zufrieden, indem sie eine jüngere Magd mit Anweisungen für Bee-ming und Bau-yüs anderen Pagen zum inneren Tor schickte, um ein Auge auf ihn zu werfen, da er sich „sehr seltsam“ benehme. Die Magd befolgte ihre Anweisung sofort.
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'''Menschliche Schicksale werden enthüllt und der Stein wird seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegebenSterbliche Überreste werden in ihre weltliche Heimat zurückgebracht und ein pietätvoller Sohn erfüllt seine Pflicht.'''
Die Dame Wang und Bau-tschai gingen währenddessen in Bau-yüs Gemächer und setzten sich. Sie fragten Hsi-jën, was genau passiert sei und diese berichtete ausführlich, was Bau-yü alles gesagt hatte. Sie waren beide sehr verstört und schickten einen weiteren Botschafter mit Anweisungen, daß die Diener Bau-yü gründlich bewachen und genau zuhören sollten, was der Mönch sagte. Einen Augenblick später kehrte eine jüngere Magd zurück und berichtete Frau Wang: „Herr Bau-yü benimmt sich äußerst merkwürdig, Herrin. Die Pagen draußen sagen, daß, weil Sie ihm den Jade nicht gegeben haben, er sich nun selbst an seiner Stelle anbiete.“ –
 
„Ausgezeichnet!“, rief Frau Wang. „Und was hat der Mönch darauf gesagt?“ –
 
„Er sagte, er wolle den Jade, nicht den Mann“, antwortete die Magd. „Nicht das Geld?“, fragte Bau-tschai.
 
„Das hatten sie gar nicht erwähnt. Danach standen der Mönch und Herr Bau-yü sich unterhaltend da und lachten zusammen. Doch viel davon habe ich nicht mitbekommen.“ –
 
„Diese kleinen Dummköpfe!“, nörgelte die Dame Wang. „Wenn sie es schon nicht verstanden haben, könnten sie es wenigstens für uns wiederholen. Geh und sag’ ihnen, sie sollen herkommen!“
 
Die Magd mußte sich einer Befragung der Dame Wang unterziehen. Dann erschien Bee-ming, stand draußen im Flur, mischte sich ein und begrüßte sie durch das Fenster.
 
„Natürlich“, so die Dame Wang, „wenn ihr die Bedeutung nicht von dem verstanden habt, was Herr Bau-yü und der Mönch sagten, sollte es doch wenigstens möglich sein, uns die Worte zu wiederholen.“ –
 
„Alles, was wir gehört haben“, antwortete Bee-ming, „war etwas über einen großen einsamen Berg und ein grünen Bergesfuß. Und dann etwas über ein Land der Täuschungen und „sich auflösende weltliche Bänder“.
 
Für die Dame Wang ergab das genauso wenig Sinn wie für den Pagen. Doch Bau-tschai, die stumm vor sich hin starrte, konnte etwas damit anfangen.
 
Sie wollten gerade jemanden schicken, der Bau-yü zurückholt, bis er selbst breit lächelnd eintrat und verkündete: „Alles ist gut! Alles ist gut!“
 
Bau-tschai starrte ihn kummervoll an, während die Dame Wang fragte: „Was gab es denn mit dem Mönch zu plaudern?“
 
„Es war kein Geplauder. Es war ein ernsthaftes Gespräch. Es hat sich herausgestellt, daß er mich kennt und daß er mich im Grunde genommen nur sehen wollte. Er wollte niemals Geld. Er hoffte nur auf eine freundliche Zuwendung, welche gutes Karma hervorruft. Sobald er sich verstanden gefühlt hatte, war er auch schon gegangen. Ganz einfach. Daher wirst du mir sicher zustimmen, daß alles gut ist!“
 
Frau Wang konnte das nicht glauben und fragte Bee-ming, die immer noch auf der anderen Seite des Fensters stand, ob sie Bau-yüs Geschichte bestätigen könne. Er eilte fort, um den Torwächter zu befragen und kehrte sofort zurück, um zu berichten: „Es ist wahr. Der Mönch ist wirklich fort. Als er ging, sagte er: „Die Herrin braucht sich nicht zu sorgen. Das Geld wollte ich niemals.“ Er sagt, er wolle nur, daß Herr Bau-yü ihn oft besucht. ‚Laß alles mit Karma angereichert werden! In allen Dingen liegt eine feste Bestimmung.‘ Das waren seine Abschiedsworte.“ –
 
„Also war er nur ein guter Mönch“, rief die Dame Wang, „hat ihn irgend jemand gefragt, wo er denn lebt?“
 
„Der Torwächter meint, der Mönch sagte, Herr Bau-yü würde wissen, wo er ihn zu finden habe.“
 
Frau Wang wandte sich an Bau-yü: „Nun – und wo lebt er?“
 
Bau-yü lächelte rätselhaft: „Seine Unterkunft ist weit weg und zugleich ganz in der Nähe. Es hängt alles davon ab, von wo aus man es betrachtet.“ –
 
„Um Himmels willen!“, unterbrach Bau-tschai ihn ungeduldig, bevor er zu Ende gesprochen hatte. „Reiß dich zusammen und hör’ mit dem Unsinn auf! Du weißt, wie sehr Mutter und Vater dich lieben! Und Vater hat dir gesagt, wie wichtig es im Leben sei, Erfolg zu haben!“ –
 
„Zählt das, worüber ich spreche, nicht als Erfolg?“, fragte Bau-yü auf heitere Art. „Kennst du nicht das Sprichwort: ‚Wenn ein Sohn ein Mönch wird, werden die Seelen von sieben Generationen in den Himmel aufsteigen‘? “
 
Als sie dies hörte, war die Dame Wang  noch verzeifelter als vorher: „Unsere Familie ist ruiniert! Hsi-tschun spricht nur noch von ihrer Schwe­stern­schaft, und jetzt fängt auch er noch damit an! Warum soll ich mein Leben dann noch unnötig verlängern?“
 
Sie begann, hysterisch zu schluchzen. Bau-tschai versuchte sie zu trö­sten, doch Bau-yü lachte nur und sagte: „Das war ein Scherz! Es gibt doch keinen Grund, das ernst zu nehmen.“ Die Dame Wang trocknete ihre Tränen: „Wie kann man über so etwas nur scherzen?“
 
In diesem kritischen Augenblick kam eine Magd herein, um die Ankuft von Djia Liän anzukündigen: „Er sieht auch traurig aus, Herrin. Er möchte sich gerne mit ihnen unterhalten.“
 
Das war ein weiterer Schock für die Dame Wang. „Frag’ ihn bitte, ob er herkommen kann. Frau Bau-tschai ist seine Kusine, also muß er sich um ihre Anwesenheit nicht kümmern!“
 
Djia Liän kam ordnungsgemäß herein und begrüßte die Dame Wang. Bau-tschai grüßte ihn auch, dann sagte er: „Ich habe eben einen Brief von Vater erhalten“, sagte Djia Liän, „darin steht, er sei schwer krank geworden. Ich  muß schnell zu ihm gehen, bevor es zu spät ist!“ Tränen flossen ihm über die Wangen.
 
„Stand in dem Brief, was für eine Krankheit er hat?“, fragte die Dame Wang.
 
„Es begann als eine Grippe, die sich zu einer Lungenentzündung ent­wickelt hat, die sich nun in einem kritischen Stadium befindet. Ein spezieller Botschafter reiste Tag und Nacht, um die Neuigkeiten zu überbringen und sagte, daß wenn sich meine Abreise um einen Tag verzögere, es schon zu spät sein könnte. Ich muß schnellstmöglich aufbrechen. Ich fürchte, da Onkel nun im Süden ist, wird niemand hier sein, um sich um alles zu kümmern. Ihr müßtet dann mit Tchiang-örl und Yün-örl zurechtkommen. So groß ihre Schwächen auch sein mögen, wenigstens sind sie Männer und können mit euch über alles reden, was draußen geschieht. In meinen Gemächern muß man sich nicht um viel kümmern. Tchiu-tung ist die ganze Zeit am Weinen und Klagen und sagt, daß sie gehen will, deshalb habe ich ihrer Familie gesagt, sie solle sie abholen. Das wird das Leben für Ping-örl immerhin erträglicher machen. Es ist niemand da, der sich um Tchiau-djie kümmern kann, ich weiß, doch Ping-örl kommt gut mit ihr zurecht. Tchiau-djie ist ein sehr einfühlsames Mädchen, doch hat sie einen noch härteren Charakter als ihre Mutter, deshalb hoffe ich, daß du sie weitgehend führen kannst, Tantchen.“
 
Während er sprach, erröteten seine Augen verräterisch, und er nahm ein seidenes Taschentuch aus seiner Betelnußtasche am Bauch und tupfte sie damit ab.
 
„Wenn ihre eigene Großmutter unmittelbar in der Nähe ist, warum vertraust du sie dann mir an?“, fragte die Dame Wang.
 
„Wenn Sie sich so eine Haltung angewöhnen, kann ich mich genau so gut totschlagen!“, sagte Djia Liän zur Dame Wang mit leiser Stimme. „Ich werde nichts mehr sagen, ich bitte dich nur, nett zu mir zu sein und zu tun, was du kannst.“
 
Er kniete vor ihr.
 
„Steh sofort auf!“, rief die Dame Wang, ihre Augen waren naß vor Tränen. „Was ist das für eine Art, wie Tante und Neffe miteinander reden? Eines sollten wir noch besprechen. Das Kind hat nun sein Alter erreicht. Wenn deinem Vater irgend etwas Unerwartetes zugestoßen ist und du zurückgehalten wirst und wenn in dieser Zeit eine angemessene Familie ein Heiratsangebot macht, soll ich damit dann auf deine Rückkehr warten, oder soll ich deine Mutter während deiner Abwesenheit entscheiden lassen?“
 
„Natürlich brauchst du nicht auf mich warten. Wenn du und Mutter hier seid, könnt ihr beide so entscheiden, wie ihr es für richtig haltet.“ –
 
„Dann geh jetzt besser“, sagte Frau Wang. „Schreibe deinem Onkel Dschëng eine Nachricht. Sag’ ihm, daß dein Vater in einem bedenklichen Gesundheitszustand ist und daß keine Männer im Haus sind. Bitte ihn, die Beerdigungsriten für Großmutter schnellstmöglich zu beenden und so zügig wie möglich nach Hause zu kommen.“
 
„Nun gut, Tante.“
 
Als er gerade gehen wollte, kehrte er noch einmal um und sagte: „Es sollten genug Diener im Haus sein. Doch es ist niemand im Garten. Der Ort ist zu verlassen, besonders da Bau Yung mit den Dschëns zurückgegangen ist und Vetter Ke und Frau Hsüä in ihr altes Gelände in der Nähe des Gartens gezogen sind, um in ihren eigenen Gemächern zu wohnen. Alle Gebäude im Garten sind leer und vernachlässigt. Ihr solltet jemanden schicken, der sich diesen Ort näher anschaut. Das Kloster Gefangenes Grün ist ein Familienstift, und da Miau-yü verschwunden ist, muß etwas mit ihren Begleitern geschehen. Die Oberin glaubt nicht, sie könne selbst eine Entscheidung treffen und möchte, daß jemand aus der Familie das übernimmt.“
 
„Das wird warten müssen“, antwortete die Dame Wang. „Wenn unser eigener Haushalt schon in solchem Chaos ist, sind wir nicht in der Lage, zusätzliche Verpflichtungen zu übernehmen. Das darfst du auf keinen Fall gegenüber Hsi-tschun erwähnen. Das würde sie nur in ihrem Vorhaben bestärken. Meine Güte, wie weit ist es nur mit uns gekommen? Eine Nonne in der Familie wäre eine Katastrophe!“ –
 
„Das hätte ich schon nicht selbst erwähnt“, sagte Djia Liän, „doch da du es nun getan hast, sollte ich vielleicht meinen Rat anbieten. Hsi-tschun gehört trotz allem zur Ning-guo-Seite der Familie. Von ihren Eltern lebt keiner mehr, ihr älterer Bruder wurde in die Verbannung geschickt, und sie und ihre Schwiegerschwester kommen schlecht miteinander aus. Ich habe gehört, daß sie einige Male versucht hat, Selbstmord zu begehen. Wenn sie wirklich fest entschlossen ist, eine Nonne zu werden, und wir immer noch auf unserer Ablehnung beharren, wird sie sich wirklich das Leben nehmen. Und dann hätten wir sie ganz verloren!“
 
Die Dame Wang nickte: „Diese Last ist zu schwer für mich! Das gehört wirklich nicht zu meiner Verantwortung. Ich muß es ihrer Schwiegerschwester überlassen, das zu entscheiden.“
 
Djia Liän sagte noch etwas und brach dann auf. Er rief die Diener herbei und gab ihnen Anweisungen. Dann schrieb er einen Brief an Djia Dschëng und packte seine Sachen. Ping-örl bat ihn, gut auf sich acht zu geben, während Tchiau-djie sehr traurig über die Abreise ihres Vaters war. Djia Liän formulierte seinen Wunsch, sie solle sich um Onkel Wang Jën kümmern, doch das wollte sie nicht. Und wie sie erfuhr, daß Djia Yün-örl und Djia Tchiang-örl außerhalb verpflichtet waren, war sie sehr widerspenstig und sagte nichts mehr. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater und beschloß, zu Hause ein ruhiges Leben mit Ping-örl zu verbringen.
 
Fëng-örl und Hsiau-hung waren seit Hsi-fëngs Tod völlig von der Rolle, in einem Moment wollten sie gehen, im anderen gaben sie vor, krank zu sein. Ping-örl hatte eine junge Dame aus einem anderen Zweig ihrer Familie hergebeten, um bei ihnen zu bleiben, zum Teil, um Tchiau-djie Gesellschaft zu leisten, zum Teil, um sie zu erziehen, doch die einzigen Namen, die ihr einfielen, waren Hsi-luan und Si-djie, die Liebste der Herzoginmutter, und von den beiden hatte Si-djie kürzlich geheiratet, während Hsi-luan verlobt und kurz davor war, das Haus zu verlassen.
 
Djia Yün und Djia Tchiang begleiteten Djia Liän hinaus und kamen dann wieder herein, um den Damen Hsing und Wang zu berichten. Die zwei Männer erfüllten ihre nächtlichen Pflichten im äußeren Studierzimmer, und während des Tages vergnügten sie sich mit den Dienern, veranstalteten Feste und luden verschiedene Freunde ein, die sich als Gastgeber stets abwechselten. Es gab sogar ernsthaftes Glücksspiel. Die Damen hatten davon natürlich keine Ahnung.
 
Eines Tages kamen der Bruder der Dame Hsing, Hsing Dë-tchüän und Wang Jën vorbei. Wie sie erfuhren, daß Yün und Tchiang nun im Jung-guo-Anwesen eingesetzt waren, und wie sie mitbekamen, wie sie ihre Zeit genossen, begannen sie regelmäßig, ‚nach dem Rechten zu sehen‘ und richteten ein regelmäßiges Trinken und Spielen im äußeren Studierzimmer ein. Alle derzeitigen Diener hatten entweder Djia Dschëng oder Djia Liän begleitet und die übrigen männlichen Diener waren Söhne und Neffen von Verwalter Lai und Lin, die nun dem leichten Leben zugeneigt waren, welches ihre Eltern ihnen zufällig vermacht hatten; sie interessierten sich recht wenig für die Grundsätze, wie ein Haushalt vernünftig geführt werden sollte. Da ihre Eltern fort waren, glichen sie jungen Hengsten, die man auf der Weide losgelassen hat. Und durch die zwei jüngeren Herren, die sie weiter anspornten, kannten ihre Vergnügen keine Grenzen.
 
Unter dieser Herrschaft hätte das Familienmotto einfach lauten können: ‚Erlaubt ist, was gefällt.‘
 
Djia Tchiang hatte überlegt, Bau-yü einzuladen, doch Djia Yün verwarf die Idee schnell: „Der Kerl ist ein absoluter Spaßverderber. Der würde nur Ärger machen. Vor ein oder zwei Jahren hatte ich die perfekte Hochzeit für ihn vorbereitet. Der Vater des Mädchens war ein Steuereintreiber aus einer der Provinzen, die Familie besaß mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen selbst war einfach zuckersüß. Ich habe viele Strapazen auf mich genommen und ihm einen langen Brief geschrieben, doch die Mühe hätte ich mir sparen können. Er ist der reinste Spielverderber.“
 
Yün blickte um sich, um sicher zu gehen, daß niemand zuhörte und fuhr fort:
 
„In Wirklichkeit hatte er schon seine neue Frau im Auge! Und dann war da noch Fräulein Dai-yü, davon mußt du gehört haben. Sie starb an gebrochenen Herzen, das ist allgemein bekannt. Und es war alles seine Schuld. Doch das ist eine andere Geschichte. Jedem gebührt sein eigenes Schicksal in der Liebe, nehme ich an. Alles dasselbe, ich sehe nicht ein, warum er böse auf mich sein und mir alles vermasseln sollte. Vielleicht glaubte er, ich würde in Schulden geraten oder so.“
 
Djia Tchiang nickte und gab die Idee auf, Bau-yü einzuladen. Was keiner von ihnen wußte, war, daß Bau-yü seit seinem Treffen mit dem Mönch völlig von seinen weltlichen Fesseln gelöst war. Während der Anwesenheit seiner Mutter benahm er sich so normal wie möglich, doch seine Beziehungen zu Bau-tschai und Hsi-jën waren um einiges kälter geworden. Die Mägde hatten von diesem Wandel nichts bemerkt und behandelten ihn wie vorher, wobei sie allerdings von seiner Seite ignoriert wurden. Er schien praktische Haushaltsangelegenheiten völlig vergessen zu haben. Und was seine Studien betrifft, wann immer seine Mutter und Bau-tschai sich danach erkundigten, heuchelte er Strebsamkeit, doch in Wirklichkeit konnte er nur an den Mönch und seine rätselhafte Reise in das Feenreich denken. Jeder um ihn schien so unerträglich banal, und er begann, sich in seiner familiären Umgebung immer weniger wohl zu fühlen. Wenn er von Verpflichtungen befreit war, war es Hsi-tschun, die er als Begleitung aussuchte. Die beiden entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten, und ihre belebten Unterhaltungen festigten seinen Entschluß. Für Djia Huan und Djia Lan hatte er nur noch wenig Zeit.
 
Djia Huan begann nun, da sein Vater von Zuhause fort und seine Mutter, Frau Dschau, tot war, und seit die Dame Wang ihm nur noch wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte, sich zu Djia Tchiang und seinen Kumpanen hingezogen zu fühlen. Tsai-yün, die stets versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, empfing nichts als Beschimpfungen für ihre Mühen. Yü-tschuan bemerkte selbst, daß Bau-yü noch gestörter als zuvor war und fragte ihre Mutter, ob sie aus dem Dienst genommen werden könnte. Derzeit gelang es Bau-yü und Djia Huan auf ihre Weise, die Leute um sich herum abzuschrecken. Djia Lan saß im Gegensatz dazu fleißig studierend an der Seite seiner Mutter. Und wenn er einen Aufsatz beendet hatte, ging er damit zur Familienschule, um Kommentare des Lehrers zu erhalten. Zur Zeit war der Lehrer lange Zeit bettlägerig gewesen, und Djia Lan mußte ständig alleine arbeiten. Seine Mutter Li Wan mochte es immer friedlich und ruhig und, außer die Dame Wang und Bau-tschai zu treffen, tat sie weiter nicht viel, als zu Hause zu sitzen und Djia Lan bei seiner Arbeit zuzusehen. So ging das Leben im Jung-guo-Anwesen weiter, jeder ging seinen eigenen Geschäft nach, was Djia Huan, Djia Tchiang und der Gesellschaft die Freiheit ließ, ungestört fortzufahren. Bald hatten sie alles Familieneigentum heimlich verpfändet oder verkauft, um ihre unehrenhaften Geschäfte zu bezahlen. Djia Huan war am schlimmsten. Seine Hurerei und sein Spiel kannten keine Grenzen.
 
Eines Tages wollten Hsing Dë-tchüän und Wang Jën, die bereits heiter trinkend im Studierzimmer waren Unterhaltung. Sie waren ganz berauscht und verlangten nach ein paar Singmädchen, die sie mit einigen Liedern unterhalten und ihnen beim Zechen Gesellschaft leisten sollten.
 
„Das wird doch die reinste Orgie!“, protestierte Djia Tchiang scherzhaft. „Ich schlage vor, wir veranstalten ein Trinkspiel, um etwas in Stimmung zu kommen.“
 
Jeder hielt das für eine gute Idee. „Reich’ den Becher auf das Wort ‚Mond‘ weiter,“ schlug Djia Tchiang vor. „Ich nenne einen Vers und zähle, und wer das Wort ‚Mond‘ bekommt, muß trinken und zwei Verse nennen – einen Einleitungs- und einen Endvers – meinen Anweisungen folgend. Die Strafe sind drei große Becher.“
 
Jeder stimmte seinen Regeln zu. Zuerst trank Djia Tchiang einen Becher zum Auftakt und zitierte dann Li Bos Vers: „Die Pfauenbecher fliegen, der betrunkene Mond...“ Der ‚Mond‘ fiel auf Djia Huan.
 
„Für den Einleitungsvers gib einen Vers mit ‚Cassia‘ “, sagte Djia Tchiang.
 
Djia Huan zitierte einen Vers des Tang-Dichters Wang Djiän: „Kalter Tau benäßt still die Cassia-Blumen...“ –
 
„Und Duft für den Endvers“, folgerte Djia Tchiang.
 
Djia Huan war mit dem Vers eines weiteren Tang-Dichters an der Reihe, Sung Dschï-wën: „Hinter den Wolken weht ein himmlischer Duft...“.
 
„Langweilig! Langweilig!“ beschwerte sich Hsing Dë-tchüän. „Hör’ auf rumzupoetisieren, Huan, alter Junge! Was weißt du schon von Poesie! Das macht überhaupt keinen Spaß. Es reicht, du machst mich krank! Wir machen Schluß und spielen lieber Fingerraten. Der Verlierer trinkt und singt ein Lied, eine doppelte Strafe. Wer nicht singen kann, muß statt dessen einen Witz erzählen. Doch es sollte besser ein lustiger sein.“
 
Alle stimmten dem neuen Vorschlag zu, und es gab einen großen Lärm, als sie begannen, die Finger auszuwürfeln. Wang Jën war der erste Verlierer. Er trank und sang ein Lied.
 
„Bravo!“, riefen sie und machten weiter. Als nächstes verlor eines der Mädchen. Sie sang ein Lied mit dem Namen „Lilien-Fräulein-Zauberhaft“. Dann war Hsing Dë-tchüän an der Reihe. Jeder wollte, daß er ein Lied sang, doch er beharrte darauf, er sei taubstumm. „Dann erzähl’ uns einen Witz!“ –
 
„Wenn keiner lacht,“ warnte ihn Djia Tchiang, „mußt du auch Strafe zahlen.“
 
Hsing senkte den Becher und erzählte seine Geschichte: „Meine Damen und Herren: Es war einmal in einem bestimmten Dorf, da waren zwei Tempel, – ein Großer, dem Großen Gott des Nordens gewidmet und daneben ein Kleinerer, dem Dorfgott gewidmet. Der Große Gott lud den Dorfgott immer zum Plaudern ein. Eines Tages wurde ihm etwas aus seinem Tempel gestohlen, und er bat den Dorfgott, der Sache auf den Grund zu gehen. ‚Doch es gibt in dieser Gegend keine Diebe‘, protestierte der Dorfgott. ‚Es muß die Nachlässigkeit einer deiner Torwächter sein. Jemand muß sich hineingeschlichen und die Dinge gestohlen haben.‘ – ‚Unsinn!‘ antwortete der Große Gott. ‚Du hast zur Zeit Schulden. Wenn es einen Dieb gibt, trägst du die Verantwortung. Was soll denn das auch? Du solltest den Dieb besser suchen, als die Torwächter der Nachlässigkeit zu beschuldigen!‘ – ‚Was ich mit nachlässig meinte‘, verdrehte der Dorfgott, ‚ist, daß dein Tempel schlecht plaziert ist, die Drachenlinien müssen sich irren.‘ – ‚Ich wußte nicht, daß du über Fengshui Bescheid weißt‘, kommentierte der Große Gott ungläubig. ‚Erlaube mir, selbst nachzusehen‘, bot der Dorfgott an, ‚und wir werden sehen, was ich sehe.‘ Er ging um den Tempel, untersuchte jede Nische und jedes Versteck und nach einer Weile berichtete er: ‚Mein Herr, hinter deinem Thron ist eine doppelblättrige, rote Tür. Eine unsichere Konstruktion. Ich persönlich habe hinter meinem Thron eine stabile Steinmauer, deshalb wird mir nichts gestohlen. Du kannst dir in der jetztigen Situation einfach damit behelfen, an Stelle des Thrones eine Mauer zu bauen.‘ Dies erschien dem Großen Gott einleuchtend, und er wies die Torwächter an, Arbeiter zu rufen, die eine solche Mauer errichten sollten. ‚Doch wir können uns nicht einmal eine Kerze oder ein Weihrauchstäbchen für diesen Tempel leisten!‘, klagten die Torwächter. ‚Wie können wir uns dann Steine und Mörtel leisten und die Arbeiter bezahlen?‘ Dem Großen Gott fiel keine Lösung ein. Er trug ihnen auf, eine zu finden, doch sie waren zu ratlos dazu. Doch der Schildkrötengeneral, dessen ruhende Steinform zu Füßen des Großen Gottes lag, stand auf und sagte: ‚Ihr seid eine nutzlose Bande! Ich habe eine Idee: reißt die rote Tür nieder und benutzt meinen Bauch, um die Öffnung zu blockieren. Ich bin sicher, das wird seinen Zweck erfüllen.‘ – ‚Ein ausgezeichneter Plan!‘, riefen die Torwächter im Chor, ‚einfach, zuverlässig und umsonst!‘ So wurde der Schildkrötengeneral zur Rückwand, und es herrschte Frieden – eine Weile. Dann begannen wieder, Dinge aus dem Tempel zu verschwinden. Die Torwächter riefen den Dorfgott herbei und klagten: ‚Ihr habt uns Sicherheit garantiert, wenn wir eine Mauer errichten, doch nun seht, was geschehen ist! Wir haben eine Mauer und verlieren immer noch Dinge!‘ – ‚Die Mauer kann nicht stabil genug sein.‘ – ‚Schaut selbst nach,‘ forderten sie. Dies tat der Dorfgott. Die Mauer schien durchaus stabil. Das war seltsam. Dann fühlte er mit seiner Hand. ‚Aaah!‘, rief er, ‚kein Wunder! Ich meinte eine vernünftig gebaute Mauer. Ein alter Dieb könnte diese Mauer herunterdrücken (Djia Tchiang).‘ “
 
Alle lachten, sogar Tchiang, dessen Name als Grundlage für diesen Witz diente. „Komm schon, Onkel Hsing!“, protestierte er. „Sei fair! Ich habe niemals etwas von Witzen auf Kosten von Namen gesagt! Dafür mußt du einen trinken!“
 
Onkel Hsing, der bereits ein Blatt im Wind war, gab willig nach. Sie tranken alle noch ein paar Becher und im allgemeinen Rausch ließ der dumme Onkel einige boshafte Bemerkungen über seine Schwester, die Dame Hsing los, während Wang Jën eine entwürdigende Erinnerung an seineSchwester Hsi-fëng beisteuerte, – beide waren voller Bitterkeit. Ihr Beispiel und der Wein verliehen Djia Huan mehr Mut, und auch er lieferte einen Beitrag, bemängelte, wie herzlos Hsi-fëng gewesen sei und wie sie versucht habe, so viele ihrer Leben zu ruinieren. „Ja, die Leute sollten allgemein mehr Anstand zeigen“, stimmten alle ein. „Wie sie Frau Djias Einfluß genutzt hat, jeden zu schikanieren, war furchtbar. Sie war starr, ohne einen Erben zu ge­bäh­ren. Sie hatte nur eine Tochter. Vergeltung noch zu Lebzeiten!“
 
Djia Yün, der sich nur zu gut daran erinnern konnte, wie grob Hsi-fëng einst zu ihm war und wie Tchiau-djie immer anfing zu brüllen, wenn sie ihn erblickte, verfiel dem herrschenden Ton und gab auch seine Schmähungen zum Besten. Djia Tchiang wollte die rachsüchtige Gesellschaft wieder etwas aufheitern: „Laßt uns lieber noch einen Becher trinken! Das Gerede führt doch zu nichts!“ –
 
„Wie alt ist denn die junge Dame, die du erwähnt hast?“, erkundigten sich die beiden Gesangsmädchen. „Ist sie hübsch?“ –
 
„Oh ja“, antwortete Djia Tchiang, „sehr sogar. Sie ist etwa dreizehn.“ –
 
„In diesem Fall ist es eine Schande, daß sie in eine Familie wie eure hineingeboren wurde,“ bemerkten die Mädchen, „wenn sie nur aus einem ehrbaren Haus wäre, könnte sie eine Stellung erreichen, wodurch sie für ihre Familie gute Arbeit finden und haufenweise Geld bringen würde.“ –
 
„Was meinst du?“ –
 
„Wir kennen einen bestimmten mongolischen Prinzen“, antworteten die Mädchen, „er ist wirklich ein Mann der Damen. Er sucht nach einer Konkubine, und die Dame, die seinen Vorstellungen entspricht, könnte mit ihrer ganzen Familie im Palast leben. Was für ein unsagbares Glück das für jemanden wäre!“
 
Keiner von ihnen schien wirklich zuzuhören, mit Ausnahme von Wang Jën, der sehr nachdenklich aussah. Zunächst sagte er nichts und trank weiter.
 
Ein wenig später kamen zwei junge Männer herein, jüngere Söhne der Verwalter Lai und Lin.
 
„Ihr scheint euch die Zeit gut zu vertreiben, ihr Herren, in Anbetracht der Umstände“, riefen sie.
 
Jeder erhob sich, um sie zu grüßen.
 
„Wo wart ihr zwei denn so lange? Wir haben so lange auf euch gewartet.“
 
Sie erklärten: „Am frühen Morgen hörten wir das üble Gerücht, unsere Familie sei wieder in ernsthaften Schwierigkeiten; also eilten wir hin, um zu sehen, welche Neuigkeiten im Palast herauszufinden seien. Es stellte sich heraus, daß es gar nichts mit unserer Familie zu tun hatte.“
 
Alle fragten: „Wenn dem so ist, warum seid ihr dann nicht direkt hergekommen?“
 
Die beiden erklärten: „Es betraf nicht genau unsere Familie, doch es hat etwas mit uns zu tun. Es war dieser Herr Djia Yü-tsun. Als wir am Palast waren, sahen wir ihn in Ketten gelegt. Man sagte uns, er würde zum Hohen Gericht zu einem Verhör gebracht. Wir wußten, daß er hier regelmäßig zu Besuch war und fürchteten, daß uns dieser Fall doch beträfe, deshalb folgten wir ihm, um zu sehen, was dabei heraus käme.“
 
„Gut bedacht, Männer!“, rief Djia Yün. „Wir sind euch zu Dank verpflichtet. Setzt euch, trinkt etwas und erzählt uns davon.“
 
Die zwei setzten sich nach höflicher Zurückhaltung und fuhren trinkend fort: „Dieser Herr Yü-tsun ist bestimmt ein fachverständiger Mann und weiß, wie man die Fäden zu ziehen hat. Bis jetzt hatte er das immer gut getan. Doch er hat einiges Schmiergeld genommen und wurde verraten. Wie wir alle wissen, ist unser derzeitiger erhabener Herrscher überaus weise, mitleidig und wohltätig. Es gibt nur eine Sache, die ihn wirklich erzürnt, und das ist Korruption, jede Form tyrannischen oder schikanierenden Benehmens. Daher beschloß seine Majestät, daß der Beschuldigte in diesem Fall festgenommen und vor Gericht gebracht werden solle. Wenn er für schuldig befunden wird, sieht es sehr schlecht für ihn aus. Wird er frei gesprochen, dann geraten die Männer, die ihn angeklagt haben, in Schwierigkeiten. Es ist überaus beruhigend zu sehen, in welch gerechten Zeiten wir leben! Glückliche Zeiten auf jeden Fall für Beamte.“ –
 
„Wie dein älterer Bruder“, sagten die Männer und bezogen sich dabei auf Verwalter Lai Das ältesten Sohn, Lai Shang-jung. „Er ist Bezirksma­gi­strat. Er hat wohl für sich ausgesorgt.“
 
„Wohl wahr“, antwortete der junge Lai, „doch sein Verhalten läßt durchaus zu wünschen übrig, fürchte ich. Seine Stellung wird er nicht so lange behalten.“ –
 
„Hat er sich selbst in einen Engpaß getrieben?“
 
Lai nickte und senkte sein Glas.
 
„Was für andere Neuigkeiten habt ihr aus dem Palast mitgebracht?“, fragten sie die beiden.
 
„Ach, nicht viel. Eine Zahl Verbrecher an der Küste wurde festgenommen und zum Hohen Gericht geschickt. Während ihrer Verhandlung haben sie wohl sämtliche Mitwirkenden bekannt gegeben, die hier in der Stadt ansässig sind, die alles beobachten und auf eine gute Gelegenheiten für weitere Verbrechen warten. Glücklicherweise haben die zivilen und militärischen Autoritäten hier soweit alles im Griff und sind ihrem Dienst für den Thron so ergeben, daß alle kriminellen Elemente sicher kontrolliert werden.“ –
 
„Wenn ihr von solchen Fällen gehört habt, vielleicht gibt es etwas Neues von unserem Diebstahl?“, fragten die Männer.
 
„Ich fürchte nicht,“ war die Antwort, „ich hörte nur etwas von einem Mann aus den inneren Provinzen, der sich hier in der Stadt dafür Ärger einhandelte, daß er eine Frau entführte und mit ihr an die Küste verschwand. Sie setzte sich zur Wehr und das endete mit ihrem Tod. Sie nahmen ihn an der Grenze fest und richteten ihn auf der Stelle hin.“ –
 
„War Schwester Miau-yü aus dem Kloster Gefangenes Grün nicht unter ähnlichen Umständen entführt worden?“ warf einer der anderen ein. „Könnte sie es nicht gewesen sein?“ –
 
„Sie war es“, murrte Djia Huan.
 
„Woher weißt du das?“, fragten sie ihn.
 
„Sie war eine äußerst unsympathische Person“, sagte Djia Huan. „Sie hielt sich selbst immer für etwas Besseres. Sie mußte nur Bau-yü anschauen, da lächelte sie schon über das ganze Gesicht. Doch meine Existenz hat sie nie zur Kenntnis genommen. Ich hoffe, sie war es!“
 
„Es werden ständig Leute entführt“, kommentierte jemand. „Es könnte genau so gut jemand anderes gewesen sein.“
 
„Ich kann mir gut vorstellen, daß sie es war“, sagte Djia Yün. „Vorgestern habe ich gehört, daß eine der Schwestern in der Herberge einen Traum hatte, in welchem Miau-yü ermordet wurde.“
 
Das wurde mit Spott aufgenommen: „Träume kann man doch nicht ernst nehmen.“
 
„Traum oder nicht Traum, das ist mir alles gleich“, protestierte Onkel Hsing. „Laßt uns lieber erst zu Abend essen und dann eine ordentliche Partie spielen.“
 
Das wurde allgemein begrüßt und, sobald sie ihr Essen beendet hatten, spielten sie intensiv. Bis nach Mitternacht waren sie damit beschäftigt, als sie in den inneren Gemächern einen plötzlichen Aufruhr hörten. Sie wurden schließlich informiert, daß Hsi-tschun mit You-schï gestritten hatte und das Ergebnis war, daß sie ihr ganzes Haar abgeschnitten hatte und zu den Damen Hsing und Wang gerannt war. Dort verbeugte sie sich und flehte sie an, ihrem Wunsch nachzugeben. Wenn nicht, so drohte sie, sich sofort das Leben zu nehmen. Die beiden Damen waren mit ihren Nerven am Ende und schickten nach Djia Tchiang und Djia Yün, um einzugreifen. Djia Yün wußte aber, daß dies etwas war, das Hsi-tschun schon längst hätte tun sollen, spätestens seit der fatalen Nacht der Plünderung, als ihr allein die Verantwortung des Hauses übertragen worden war, und ihm schien es, daß es kaum noch Hoffnung gab, sie davon abbringen zu können. Er besprach es mit Djia Tchiang: „Die Dame Wang sagt, wir sollen eingreifen, doch ich wüßte nicht, wie wir etwas erreichen könnten. Das ist eine schwere Verantwortung, und sie wollen sie auf uns abwälzen. Wir müssen uns einiges einfallen lassen, um Hsi-tschun von ihrem Plan abzubringen, und dann, wenn sie nicht zuhören will, müssen wir sie den Damen wieder übergeben. Währenddessen schreibe ich Onkel Liän einen Brief, der uns von aller Schuld befreit.“
 
Sie stimmten beide seinem Plan zu, riefen die Damen Hsing und Wang und versuchten nun, Hsi-tschun zu überzeugen. Wie vorhergesagt, blieb sie hartnäckig. Wenn sie in keinen Konvent außerhalb des Familiengrundstücks flüchten könne, würde sie sich, wie sie sagte, einige stille Zimmer einrichten, worin sie ihre Sutras rezitieren und ihre Gebete aufsagen konnte. So konnte You-schï sehen, daß die Tanten nicht in der Lage waren, diese Verantwortung zu übernehmen. Ihre eigene Angst, daß Hsi-tschun Selbstmord begehen könnte, war sie los, und sie zwang sich selbst zu einem Kompromiß.
 
„Ich werde sehen, daß ich die Schuld auf mich nehme. Nun gut. Laß sie sagen, daß ich es war, der ich die Schwester meines eigenen Mannes nicht geduldet habe und sie in die Schwesternschaft getrieben habe. Was kümmert es mich? Doch ich kann ihr nicht gestatten, das Haus zu verlassen. Das steht außer Frage. Sie wird hier bleiben müssen. Damen Hsing und Wang, ich bitte Sie, meine Entscheidung zu bezeugen. Djia Tchiang, schreibe bitte einen Brief, worin du meinem Eheman und dem Vetter Liän mitteiltest, was vorgefallen ist.“
 
Djia Tchiang und Djia Yün stimmten You-schïs Entscheidung zu.
 
Doch um zu erfahren, ob die Damen Hsing und Frau Wang dies auch taten, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
118. Von beißender Abneigung getrieben, planen Onkel und Vetter den Untergang eines unschuldigen Mädchens
 
Von rätselhaften Äußerungen alarmiert, protestieren Frau und Dienerin gegen ihren verwirrten Herrn.
 
  
Die Damen Hsing und Wang schlossen aus You-schïs Worten, daß die Situation nicht zu retten war.
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Schë-yüäs zeitlich unpassende Erwähnung einer empfindlichen Periode aus Bau-yüs Vergangenheit ließ ihn ohnmächtig werden und zurück in sein Bett fallen. Die Dame Wang und die versammelte Familie begannen von Neuem zu weinen und zu wimmern, während Schë-yüä selbst, wie sie bemerkte, daß ihre unbedachte Äußerung Schuld daran war, zu weinen begann, obwohl Frau Wang noch keine Zeit hatte, sie auszuschelten. Sie faßte zur gleichen Zeit einen verzweifelten Entschluß: „Wenn Bau-yü stirbt, werde ich mein Leben beenden und mit ihm sterben!“
„Wenn unsere Nichte es wünscht, eine Nonne zu werden“, sagte die Dame Wang mit resignierendem Unterton, „dann muß dies in einem früheren Leben bestimmt worden sein. Dies ist offensichtlich ihr Karma, und wir können nichts tun, um das abzuwenden. Dennoch sieht es sehr schlecht für ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren aus, wenn sie in ein Kloster geht. Das ist unvorstellbar.
+
Die Dame Wang konnte sehen, daß kein Versuch, Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen, überhaupt Wirkung zeigen würde, und schickte dem Mönch die dringende Nachricht, er solle ihn bitte wieder retten. Doch der Mönch war nirgends zu sehen. Djia Dschëng war vorher in die Halle zurückgekehrt, um herauszufinden, daß sein exzentrischer Gast sich in Luft aufgelöst hatte. Dieser neue Aufschrei aus den inneren Gemächern erreichte nun Djia Dschëngs Ohren, und er beeilte sich. Er fand Bau-yü wieder ohne Bewußtsein vor, mit verkrampftem Gebiß und keiner Spur eines Pulses. Er fühlte seine Brust und fand sie immer noch recht warm, rief aus Verzweiflung einen Arzt, um auf irgendeine Art eine Wiederbelebung zu erzwingen.
Sie wandte sich an Hsi-tschun: „Deine Schwiegerschwester hat dir die Erlaubnis erteilt, und wir können ihr nur zustimmen. Doch ich muß dich bitten, nicht deinen Kopf zu rasieren. Was zählt, ist deine gedankliche Haltung, nicht deine Frisur. Auch Miau-yü hat ihre Haare nicht rasiert. Und ich muß wieder sagen, daß ich dieses schreckliche Geschäft nicht verstehe! Wie konnte sie sich nur so leicht verführen lassen? Doch egal, wenn du wirklich fest dazu entschlossen bist, dann werden wir uns um deine Unterkunft in geweihten Räumen kümmern. Deine Diener und Mägde sollten bald dorthin geschickt werden, und wir lassen ihnen die Wahl. Diejenigen, die bei dir bleiben wollen, können dies tun, und für die anderen werden wir einen Ehemann finden.
+
Doch Bau-yüs Geist hatte bereits sein sterbliches Umfeld verlassen. Das heißt doch, er sei tot, werden Sie sagen? Die genaue Situation, lieber Leser, war wie folgt: sein Geist war in körperlosem Zustand in die Empfangshalle geschwebt, wo er den jadebringenden Mönch sah und ihn mit einer Verbeugung begrüßte. Der Mönch erhob sich, berührte ihn an der Hand und verschwand. Bau-yüs Geist folgte, leicht wie eine Feder im Wind. Sie begaben sich auf den Weg nach draußen, nicht um am Eingang zu verweilen. Doch dann konnte er den Weg nicht mehr erkennen, und sie erreichten einen offenen Raum, eine Wildnis, wo er in der Ferne einen ihm merkwürdig bekannten Torbogen erblickte. Er wollte den Mönch gerade fragen, was es war, als eine nebelhafte weibliche Gestalt hinter ihm erschien.
Hsi-tschun hörte schließlich auf zu weinen und verbeugte sich dankbar vor den Damen Hsing und Wang, Li Wan, You-schï und den anderen Anwesenden.
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„Was macht so eine wunderschöne Kreatur an einem so verlassenen Ort?“, fragte sich Bau-. „Sie muß eine Göttin auf Erden sein.“
Frau Wang wandte sich nun an Tsai-ping und Hsi-tschuns andere Mägde:„Welche von euch möchte das religiöse Leben eurer Herrin teilen?“ –
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Er näherte sich ihr und schaute sie genau an. Ihr Gesicht war ihm so vertraut wie der Torweg, doch irgendwie konnte er sich nicht daran erinnern, wer sie war. Sie begrüßte den Mönch und verschwand plötzlich aus der Sicht. Im selben Moment fiel Bau-yü ein, wem sie ähnelte: der dritten Schwester You. Was hatte sie hier zu suchen? Noch verwirrter als vorher, wollte er nun den Mönch befragen. Doch bevor er das konnte, führte der Mönch ihn an der Hand durch den Torweg. Inmitten des Bogens war folgende Inschrift zu lesen:
„Wir werden tun, was immer Sie befehlen, Herrin“, lautete ihre Antwort.
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Das Paradies der Wahrheit
Die Dame Wang konnte sich sagen, daß keine von ihnen es wirklich wollte und überlegte, wer sonst eine passende Begleitung für Hsi-tschuns neues Leben war. Hsi-jën stand hinter Bau-yü, erwartete nach Hsi-tschuns Entscheidung zu sehen, daß er weinte oder einen seiner Anfälle bekäme, doch zu ihrer Überraschung und zu ihrem Kummer, seufzte er nur vor Bewunderung und sagte: „Daß ich das erleben darf!“
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Ein Reimpaar in kleineren Buchstaben stand auf beiden Seiten:
Bau-tschai gab keinen Kommentar ab. Doch sie hielt ständig Ausschau nach verräterischen Zeichen, um die Gefühle und Absichten ihres Ehemannes einzuschätzen und konnte über dieses offensichtliche Zeichen seines verwirrten Geistes, wie sie glaubte, nur still weinen.
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„Wenn dasErdichtete schwindet und Wahrheit erscheint,
Die Dame Wang wollte gerade alle Mägde zur Versammlung rufen, um sie zu befragen, als Dsï-djüan plötzlich erschien und vor ihr niederkniete:
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Wird die Wahrheit siegen;
„Haben sie bereits entschieden, Madam, wer dazu geeignet ist, Fräulein Hsi-tschun aufzuwarten?“
+
Obwohl das Unwirkliche einst wirklich war,
„Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu zwingen“, antwortete Frau Wang, „wer bereit dazu ist, soll seine Stimme erheben.“
+
Ist das Wirkliche niemals unwirklich.“
„Fräulein Hsi-tschun hat ein religiöses Leben gewählt“, sagte Dsï-djüan. „Doch es scheint, daß keine ihrer Mägde ihr Bestreben teilt. Es gibt etwas, das ich gern sagen möchte, Herrin. Zwar wünsche ich nicht, daß Fräulein Hsi-tschun von ihren Mägden getrennt wird, doch man strebt nicht immer nach demselben. Ich habe Fräulein Dai-yü eine lange Zeit gedient, und wie ihr wißt, Herrin, hat sie mich mit einer Güte behandelt, die ich niemals zurückzahlen kann. Als sie starb, war es mein einziger Wunsch, ihr ins Grab zu folgen. Doch weil sie kein Mitglied dieser Familie war und weil ich auch euch allen so viel zu verdanken habe, war es zu schwer für mich, diesen Schritt zu gehen. Da Fräulein Hsi-tschun nun wünscht, eine Schwester zu werden, bitte ich Sie Herrin, daß ich sie begleiten und ihr den Rest meines Lebens dienen darf. Wenn Sie, Herrin, mir nur diesen einen Wunsch erfüllen, werde ich mein Glück finden!
+
Als sie den Torweg durchquert hatten, erreichten sie plötzlich ein Palasttor, über dem in wagerechter Ausrichtung geschrieben stand:
Als Dsï-djüan zu Ende gesprochen hatte und noch bevor die Damen Hsing und Wang antworten konnten, lachte Bau-yü, der zunächst bei der Erwähnung von Dai-yüs Namen in einen Zustand des Kummers verfallen war, plötzlich laut auf und sprach: „Eigentlich liegt es nicht an mir, das zu sagen, ich weiß, doch da ihr so gut wart, Dsï-djüan zum Arbeiten in meine Gemächer zu schicken, Mutter, hoffe ich, daß ich meine Gedanken frei äußern darf. Bitte erfüllt ihr diesen Wunsch, und erlaubt ihr, diese Entscheidung zu treffen.
+
„Gesegnet seien die Tugendhaften, Unglück den Verdorbenen.“
„Wenn irgendeine andere Kusine wegen einer Heirat das Haus verläßt“, antwortete die Dame Wang, „würdest du dir die Augen ausweinen. Doch jetzt, da Hsi-tschun uns verlassen möchte, weil sie eine Nonne werden will, bestärkst du sie noch, anstatt sie davon abzubringen. Ich fürchte, ich verstehe überhaupt nicht mehr, was in dir vorgeht.“ –
+
Folgende Worte waren senkrecht auf beiden Seiten zu lesen:
„Laßt mich zuerst wissen, ob diese Angelegenheit fest beschlossen ist“, sagte Bau-yü. „Ist Hsi-tschun wirklich fest davon überzeugt? Und hat man ihr endgültig die Erlaubnis erteilt? Wenn das wirklich wahr ist, dann gibt es noch ewas, das ich dir erzählen muß, Mutter. Doch wenn es noch nicht sicher ist, muß ich zurückhalten, was ich weiß.
+
„Der menschliche Geist kann niemals die Geheimnisse der Zeit erfassen, und die engste Sippe kann niemals das Schicksal herausfordern.“
„Was für eine seltsame Art zu reden!“, bemerkte Hsi-tschun. „Ganz im Ernst, glaubst du wirklich, ich hätte meine Tanten so einfach überzeugen können? Ich fühle mich genauso wie Dsï-djüan: Wenn sie mich tun lassen, was ich wünsche, halte ich das für einen Segen. Wenn nicht, dann sterbe ich lieber, als mein Leben so weiter zu führen! Also gibt es nichts zu befürchten. Was immer du zu sagen hast, sag’ es.“ –
+
‚Nun..., dachte Bau-yü bei sich, ‚es ist Zeit, daß ich mehr über das Wirken des Schicksals erfahre.‘ Als er daran dachte, sah er unter den Leuten Yüan-yang etwas entfernt stehen, winkte und rief nach ihr.
„Wenn ich dir das sage, würde ich kaum ein Geheimnis verraten“, sagte Bau-yü, „Es bezieht sich auf etwas, das ohnehin vorherbestimmt ist. Ich bitte euch alle zuzuhören, während ich ein Gedicht vortrage.“ –
+
‚Nach all der Zeit bin ich immer noch im Garten daheim!‘ überlegte er erstaunt. ‚Doch warum hat es sich so verändert?‘
„Also wirklich!“ ermahnten sie ihn. „In so einem Moment, in dem Menschen wirklich leiden, denkst du nur an Poesie! Wie fürchterlich!
+
Er eilte voran, um mit Yüan-yang zu sprechen, doch kurz darauf war sie verschwunden, und er stand alleine dort, noch verwirrter als zuvor. Er ging weiter zu dem Ort, an dem Yüan-yang gestanden hatte, und dabei bemerkte er eine Reihe von Gebäuden neben sich und über den Eingängen eines jeden Gebäudes hing ein Namensschild. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich die Gebäude näher anzusehen, sondern suchte weiter nach Yüan-yang. Der Eingang hinter der Stelle, an der sie gestanden hatte, war halb geöffnet, doch er wagte nicht einzutreten, er wollte lieber seinen Führer dazu befragen. Und als er sich gerade nach ihm umsehen wollte, war der Mönch verschwunden. Bau-yü war verwirrt. Die Gebäude um ihn herum erschienen ihm auf einmal sehr groß, und es schien Bau-yü allmählich, daß dies überhaupt nicht der Garten des Großen Anblicks war. Er stand still und hob seinen Kopf, um die Worte über dem Torweg direkt vor ihm zu lesen:
„Es ist keines von mir. Ich habe es einmal irgendwo gesehen. Ich möchte doch nur, daß ihr zuhört.“ –
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Erwacht durch die Narrheit der Liebe
„Nun gut. Dann beeil’ dich. Genug mit dem Geplauder!“ Bau-yü versuchte nicht, sich weiter zu erklären, sondern begann seinen Vortrag:
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Das Reimpaar an jeder Seite lautete:
„Wenn du den Zustand der kurzlebigen Frühlingsszenerie betrachtest,
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„Lächeln der Zufriedenheit, Tränen des Kummers, alles ist Täuschung; Jedes Streben entspringt einzig der Narrheit.
wird die Tracht einer schwarzen Nonne bald deine eigene ersetzen.  
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Bau-yü senkte seinen Kopf und seufzte. Er wollte immer noch den Torweg durchschreiten und nach Yüan-yang suchen, um zu fragen, was dies für ein Ort sei. Er spürte das wachsende Gefühl, er sei bereits einmal da gewesen. Zuletzt faßte er den Mut, die Tür zu öffnen und ging hinein. Er schaute überall, aber fand keine Spur von Yüan-yang. Es war innen stockfinster und er wollte gerade seiner Angst nachgeben und wieder heraus gehen, als seine Augen in der Dunkelheit verschwommen die Formen eines Dutzend großer Schränke erspähte, ihre Türen waren zwar zu, doch nicht verschlossen. Eine plötzliche Erkenntnis erleuchtete ihn: ‚Ich weiß, daß ich hier schon irgendwie gewesen bin. Ich erinnere mich daran. Es war in einem Traum. Was für ein Segen, in eine Traumszene meiner Kindheit zurückzukehren!‘
Oje, diese Tochter aus solch einem reichen Hause,
+
Plötzlich hatte er in seiner Verwirrung seine eigentliche Absicht, Yüan-yang zu finden, vergessen und gab sich der neuen Neugierde über das hin, was vor ihm lag. Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete die Tür des ersten Schrankes. Darin sah er eine große Zahl an Registern, und er schwebte in einem Rausch der Begeisterung. ‚Die Leute sagen immer, daß Träume Illusion sind‘, dachte er bei sich, „doch dieser scheint wahr zu sein! Wie oft habe ich mir gewünscht, diesen Traum noch einmal zu träumen! Und jetzt bin ich hier, und mein Wunsch ist wahr geworden. Ich frage mich, ob es die Register sind, die ich gesehen habe?‘
sollte an Buddhas Altarlicht alleine schlafen.
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Er streckte seine Hand aus, nahm eines und hielt es in der Hand. Es trug die Aufschrift „Nanking, zwölf Schönheiten der Hauptliste“.
Li Wan und Bau-tschai riefen beide entsetzt: „Oje, er ist radikal geistlich geworden!“
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‚Ich erinnere mich‘, dachte er bei sich, ‚glaube ich... Wenn ich mich nur genau erinnern könnte!‘
Die Dame Wang schüttelte ihren Kopf und seufzte: „Bau-yü, wo hast du dieses Gedicht nur gelesen?“
+
Er schlug die erste Seite auf und betrachtete ein Bild, doch eines, das so verschwommen war, daß er kaum sagen konnte, was es darstellte. Es folgte eine Reihe von Buchstaben in einer kaum entzifferbaren Handschrift, worüber er gerade eben einige Zeilen erkennen konnte: „Jadegürtel“ (Daiyü), darüber „Wald“ (Lin).
Bau-yü war unwillig, noch mehr zu sagen und bemerkte nur: „Bitte frag’ nicht, Mutter! Denke nur an diese Worte!“
+
‚Das muß sicher ein Rätsel für Kusine Dai-yü sein‘, dachte er bei sich und las konzentriert weiter. Die nächste Zeile enthielt die Zeichen ‚die Goldhaarnadel (Bau-tschai) im Schnee (Hsüä)‘.
Als die Bedeutung des Gedichtes ihr langsam einleuchtete, begann die Dame Wang wieder zu schluchzen: „Letztens sagtest du, es sei ein Scherz, als du davon gesprochen hattest, selbst ein Mönch zu werden. Und nun plötzlich dieses Gedicht! Genug! Ich verstehe. Was soll ich tun? Es gibt nichts, das ich tun kann, außer dich deine eigenen Wege gehen zu lassen. Wenn du nur damit gewartet hättest, bis ich tot bin! Dann hättet ihr machen können, was ihr wollt!
+
„Wieso ist das denn schon wieder wie Bau-tschais Name!“, rief er laut.
Bau-tschai versuchte, sie zu trösten, war aber selbst kaum dazu in der Lage. Der Schmerz, den sie ertragen mußte, durchstach ihr Herz wie ein Messer, und dann brach sie zusammen und begann bitterlich zu weinen. Hsi-jën weinte ebenso und mußte von Tjiu-wën gestützt werden. Bau-yü vergoß weder eine Träne, noch bot er irgendeinen Trost an. Er blieb völlig still. Djia Lan und Djia Huan waren bereits gegangen, und nur Li Wan konnte noch versuchen, die Situation zu retten: „Ich glaube einfach, daß Bau-yü selbst über Hsi-tschuns Entscheidung zu traurig ist, daß er nicht mehr weiß, was er sagt. Wir sollten das nicht zu ernst nehmen. Dsï-djüan muß trotzdem eine Antwort erhalten. Wir müssen sie aufstehen lassen. Wird ihre Bitte nun erfüllt oder nicht?“
+
Er las bis zum Ende des vierten und letzten Verses.
„Welchen Unterschied macht das schon?“, antwortete die Dame Wang. „Sie hat sich das gut genug überlegt und, wenn jemand fest zu etwas entschlossen ist, kann ihn nichts mehr aufhalten. Ohne Zweifel wird uns Bau-yü erzählen, daß Dsï-djüans Entscheidung vorherbestimmt war.
+
‚Das scheint nicht viel zu sagen. Es ist nur eine Reihe von Rätseln über die Namen Lin Dai-yü und Hsüä Bau-tschai. Daran ist nichts Außergewöhnliches. Nur Wörter wie „leiden“ und „seufzen“ klingen nicht gut. Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat?‘ – ‚ Ich sollte überhaupt nicht hier sein,‘ tadelte er sich selbst. ‚Wenn ich meine Zeit weiter mit Tagträumen verbringe und jemand kommt, werde ich meine Chance vertan haben, den Rest auch durchzusehen.‘
Dsï-djüan verbeugte sich und Hsi-tschun dankte der Dame Wang. Dsï-djüan verbeugte sich auch vor Bau-und Bau-tschai.
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Er fuhr mit der Betrachtung der weiteren Register fort. Er gestattete sich keine Zeit, um über die nächsten Bilder zu blicken, sondern begab sich direkt zu dem Gedicht, welches mit den Worten endete:
„Amitabha!“, rief Bau-yü fromm. „Wie nobel! Wie selten! Ich hätte niemals gedacht, daß du als erste von uns errettet wirst!“
+
„Wenn der Hase dem Tiger begegnet, wird dein großer Traum enden.
Bau-tschais Selbstbeherrschung versagte wieder, und Hsi-jën brach ungeachtet von der Anwesenheit der Dame Wang in Schluchzen aus und rief: „Ich will mit Fräulein Hsi-tschun gehen!“
+
Dabei kam ihm plötzlich die Erleuchtung: ‚Was für eine brilliante Weissagung! Es muß auf den Tod meiner ältesten Schwester Yüän-tschun bezogen sein. Wenn sie alle so klar sind, sollte ich sie abschreiben und sorgfältig studieren. Auf diese Weise kann ich alles über meine Schwestern und Kusinen herausfinden, wie lange sie leben werden, ob sie versagen oder im Leben Erfolg haben, ob sie wohlhabend oder arm werden. Zu Hause werde ich mein Wissen geheim halten. Doch mein inneres Wissen wird mich zuletzt vor unnötigem Kummer bewahren.
Bau-yü lächelte: „Du strebst auch nach etwas Gutem. Aber ein Leben in Abgeschiedenheit hat das Schicksal für dich nicht bestimmt.“  
+
Er suchte überall nach Schreibwerkzeug, doch fand er weder Pinsel noch Tinte und fürchtete, daß ihn jemand überraschen könnte, so überflog er den Rest des Registers. Das nächste Bild zeigte einen Menschen, der einen Papierdrachen steigen ließ. Er war nicht in der Stimmung, sich die Bilder näher anzusehen, sondern las eilig die verbleibenden zwölf Gedichte. In einigen Fällen konnte er die versteckte Botschaft sofort erfassen, bei anderen mußte er länger nachdenken, während wieder andere unergründlich wirkten. Er versuchte, sich alle gut einzuprägen. Mit einem Seufzen nahm er das nächste Album, beschrieben mit „Ergänzungsregister zu Nanking“ und begann zu lesen. Er verweilte bei den Zeilen:
„Dann möchte ich lieber sterben!“, schluchzte Hsi-jën.
+
„Du wählst den Spieler des bevorzugten Glücks, ohne an deines Herren Untergang zu denken.“
Entgegen seiner neu gefundenen Distanziertheit, war Bau-yü von ihren Worten sehr bewegt. Doch er sagte nichts.
+
Zunächst verstand er die Zeilen nicht. Dann betrachtete er das begleitende Bild, ein Bündel Blumen und eine Matte im gleichen Stil wie der fliegende Drache. Plötzlich brach er in Tränen aus.
Es war bereits vier Uhr morgens, und er schlug seiner Mutter vor, sich zur Nachtruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen zurück in ihre Gemächer und Tsai-ping geleitete Hsi-tschun in ihr Zimmer, wo sie darauf wartete, daß bald Ehemänner für Hsi-tschuns Mägde gefunden würden und Dsï-djüan verbrachte den Rest des Tages damit, ihr demütig zu dienen. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen.
+
Er wollte gerade weiter lesen, als er eine Stimme sagen hörte: „Schon wieder am Tagträumen! Komm, Kusine Dai-yü möchte dich sehen.“
Djia Dschëng hatte den Sarg der Herzoginmutter immer weiter gen Süden übergeführt.
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Die Stimme ähnelte sehr der von Yüan-yang, doch als er sich umdrehte, um nachzusehen, war dort zu seiner großen Verwunderung niemand. Dann sah er plötzlich wieder Yüan-yang am Torweg stehen und ihm zuwinken.
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Voller Begeisterung rannte er hinaus, doch ihre schattenhafte Gestalt schwebte stets vor ihm, und er konnte sie nicht einholen.
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„Liebe Schwester, bitte warte auf mich!“, rief er.
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Sie reagierte nicht und eilte weiter, während er ihr hinterher keuchte. Plötzlich tauchte eine weitere Aussicht vor ihm auf, von hohen Gebäuden und umständlich geformten Dächern, worin er verschwommen die Figuren der Palastdamen erahnen konnte. In seinem Eifer, diesen neuen Bereich zu erkunden, vergaß Bau-yü völlig Yüan-yang. Wie er durch einen der Torwege hineinging, fand er sich selbst inmitten verschiedenster Pflanzen und Blumen, keine davon kannte er. Eine darunter fiel ihm besonders auf, eine Krautpflanze umgeben von einer Marmorbalustrade, die Spitzen ihrer Blätter waren rötlich besetzt.
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„Was für eine seltene Pflanze kann das sein“, überlegte er, „daß ihr so ein Ehrenplatz gebührt?
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Eine leichte Brise war zu spüren, und die Blätter der Pflanze bewegten sich in einem lang anhaltenden Zittern. Sie war klein und blütenlos, doch ihr erlesener Zauber hielt Bau-yüs Herz wie gebannt und entzückte seine Seele. Er starrte sie weiterhin entgeistert an, bis eine Stimme neben ihm sagte:
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„Wo kommst du her, du großer Tölpel? Was fällt dir ein, diese Feenpflanze anzustarren?“
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Aufgeschreckt aus seiner Träumerei, drehte sich Bau-yü um und sah eine junge Fee neben sich stehen. Er verbeugte sich und sagte zur Antwort: „Ich habe hier nach Yüan-yang gesucht. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihren besonderen Bereich unabsichtlich betreten habe. Können Sie mir bitte sagen, Schwester Fee, was dies für ein Ort ist und warum Yüan-yang sagte, das Kusine Dai-yü mich sehen möchte? Können Sie mir das bitte erklären?
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„Schwester hin, Kusine her! Solche Namen bedeuten mir nichts!“, antwortete die Fee. „Alles, was ich weiß, ist, daß ich die Verantwortung für diese Feenpflanze trage und daß es Sterblichen wie dir streng verboten ist, sich hier aufzuhalten. Du mußt sofort gehen.
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Bau-yü mußte dem Befehl der Fee gehorchen.
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„Schwester Fee!“, flehte er nochmal, „wenn Sie die Verantwortung für diese Feenpflanze tragen, müssen Sie selbst eine Blumenfee sein. Können Sie mir sagen: was ist so besonders an dieser einen Pflanze?“ –
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„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete die Fee. „Sie ist an den Ufern des Magischen Flusses gewachsen und wurde Purpurblume genannt. Sie welkte und begann zu sterben, doch sie wurde wiederbelebt und ihr wurde Unsterblichkeit durch das Eingreifen des Pagen Geisterjade verliehen, der sie größzügigerweise mit Tau wässerte. Danach stieg sie in die Menschenwelt hinab, um ihre Schuld mit den Tränen einer Lebenszeit zu bezahlen und da dies nun vollbracht ist, ist sie in ihre wahre Heimat zurückgekehrt. Die feenhafte Ernüchterung hat mir die Anweisung gegeben, sie zu pflegen und Bienen und Schmetterlinge von ihr fern zu halten.
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Bau-yü verstand immer noch nicht. Er hatte den wachsenden Verdacht, daß dies wirklich die Blumenfee sein müsse, der er begegnet war und war entschlossen, sich so eine seltene Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Er fragte höflich: „Also tragen Sie, Schwester Fee, die Verantwortung für diese Pflanze. Doch jede dieser vielen feinen Blumen muß ihre eigene Fee zur Pflege haben. Ich möchte Sie nicht belästigen, doch ich frage mich, ob Sie mir nicht vielleicht sagen könnten, welche Fee sich um den Hibiskus kümmert?“ –
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„Das weiß ich nicht. Dazu mußt du meine Herrin fragen.“ – „Wer ist denn Ihre Herrin?“ – „Meine Herrin ist die Königin des Hsiau-hsiang-Flusses.“ – „Ich wußte es!“, rief Bau-yü. „Das ist meine Kusine Lin Dai-yü!“ – „Absoluter Unsinn!“, erwiderte die nun sehr empörte Fee. „Muß ich dich wieder daran erinnern, daß dies ein himmlischer Bereich und das Reich der Feen ist. Meine Herrin mag zwar Flußkönigin genannt werden, doch sie hat nichts mit euren weltlichen Königinnen und so weiter zu tun. Wie könnte sie mit einer Sterblichen verbunden sein? Hör’ auf, so einen Unsinn zu reden, oder ich muß dich schlagen und von den Wachen hinauswerfen lassen.“
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Bau-yü wurde von den Worten der Fee beinahe erschlagen und wurde sich schmerzhaft seiner Unreinheit bewußt. Er wollte gerade gehen, als er eine Botschafterin herbeieilen hörte, die rief: „Sie fragten nach dem Pagen Geisterjade!“ – „Ich weiß“, antwortete die Fee, „man sagte mir, ich solle nach ihm Ausschau halten. Deshalb habe ich hier die ganze Zeit gewartet. Doch ich habe hier keinen solchen Pagen gesehen. Was soll ich nun machen?“ – „Das war bestimmt der, der uns gerade verlassen hat!“, rief die Botschafterin lachend und eilte hinaus, um Bau-yü zu erwischen: „Sind sie der göttliche leuchtende Bote auf der Rückkehr?“
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Bau-yü glaubte, sie müsse jemanden anderen meinen. Er hatte Angst, erwischt und gefangen zu werden und stolperte weiter vorwärts, um schnellstmöglich zu verschwinden. Als er aufblickte, sah er vor sich eine fabelartige Figur mit einem langen Schwert, die sich ihm in den Weg stellte: „Wohin gehst du?“
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Bau-yü hatte große Angst, doch konnte er genug Mut zusammen nehmen, um nochmal hinzusehen. Er war überrascht und dann beruhigt, als er auf einmal der dritten Schwester You gegenüberstand.
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„Oh Kusine!“, wimmerte er, „warum bist du auch hinter mir her?“ –
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„Ihr Männer seid alle gleich!“, antwortete sie. „In eurer ganzen Gattung gibt es keinen guten. Ihr zerstört den Ruf der Mädchen, dann zerstört ihr ihre Ehe. Jetzt habe ich dich und du wirst mir nicht mehr entkommen!“
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Bau-yü wußte, daß sie es toternst meinte und geriet in Panik, bis er eine andere Stimme hörte, die hinter ihm sagte: „Schwester! Halte diesen Mann sofort auf! Er darf nicht gehen!“ – „Ich habe meine Anweisungen von der Flußkönigin“, antwortete die dritte Schwester You, „und ich habe lang auf so etwas gewartet. Jetzt sitzt du in meiner Falle und mit einem Hieb meines Schwertes werde ich die Lügen zerschmettern, die dich an die sterbliche Welt binden.“
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Bau-yü war entsetzt. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte und drehte sich zur Flucht um, doch dann stand er der Stimme von vorhin gegenüber, es war Tjing-wën. Freude und Kummer umklammerten sein Herz.
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„Ich bin verloren!“, rief er traurig, „ich bin völlig allein und laufe direkt in die Arme meines Feindes. Ich will hier weg und nach Hause, doch ich habe niemanden gefunden, der mich zurückbringt. Jetzt sollte ich doch sicher sein! Liebe Tjing-wën, nimmst du mich bitte mit nach Hause?“ – „Page Geisterjade, laß dich nicht entmutigen“, antwortete Tjing-wën. „Ich bin nicht Tjing-wën. Ich wurde nur von unserer Königin beauftragt, dich zu ihr zu geleiten. Ich will dir nichts antun.“
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Bau-yü war nun völlig verwirrt: „Du sagst, ‚unsere Königin‘ schickt dich; doch wer ist eure Königin?“ – „Frag’ jetzt nicht“, antwortete Tjing-wën, „bald wirst du es selbst sehen.“
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Bau-yü folgte ihr hilflos, und wie sie gingen, blickte er sie näher an. Sie ähnelte Tjing-wën bis ins kleinste Detail. ‚Ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Stimme sind wie Tjing-wëns!‘, dachte er bei sich selbst. ‚Wie kann sie nicht Tjing-wën sein? Ich bin verwirrt. Dann laß ich das eben. Ich sollte besser erst die Königin treffen. Obwohl ich etwas falsch gemacht habe, kann ich die Königin, wenn ich ihr vorgeführt werde, um Vergebung bitten. Frauen haben trotzdem weiche Herzen. Sie wird mir sicher vergeben.’
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Sie hatten nun den eindrucksvollen Palast erreicht, aufwendig und brilliant verziert bis ins kleinste Detail. Im Hof vor ihnen wuchs ein hellgrüner Bambusstrauch, während am Torweg eine Reihe dunkler Fichten stand. Unter der Regenrinne standen einige Dienstmädchen, gekleidet in feine Palastgewänder, und als sie Bau-yü eintreten sahen, flüsterten sie zueinander: „Ist das nicht der Page Geisterjade?“
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Bau-yüs Begleiterin unterrichtete sie: „Er ist es, also beeilt euch besser und kündigt seine Ankunft an!“
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Eine der Damen warf Bau-yü ein Lächeln zu, und er folgte ihr durch verschiedene Gemächer, bis sie schließlich den Eingang zur Haupthalle des Palastes erreichten. Ein Perlenvorhang hing davor. Davor anhaltend drehte sich das Dienstmädchen zu Bau-yü um und sagte: „Wartet hier auf Anweisungen von ihrer Majestät!“
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Bau-yü wagte nicht, ein Wort zu sagen, sondern wartete gehorsam vor dem Torweg. Dann kehrte das Dienstmädchen zurück und sagte: „Möge der Page bitte zur Audienz eintreten.“
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Eine weitere Dienerin zog den Perlenvorhang zur Seite, und wie sie dies tat, konnte Bau-yü eine majestätische Person erkennen, mit einer Blumenkrone auf dem Kopf, bekleidet mit reichlich geschmückten Gewändern, die dort thronte. Er hob seinen Kopf, um sie besser sehen zu können. Dann sah er, wie sehr die Königin Dai-yü ähnelte und rief impulsiv aus: „Hier finde ich dich nun, Kusinchen! Oh, wie ich dich vermißt habe!“
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Die Dienstmädchen außerhalb des Vorhangs flüsterten sich empört zu: „Was für schlechte Manieren dieser Page hat! Sofort hinaus mit ihm!“
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Kaum hatten sie das gesagt, da ließ die andere Dienerin den Vorhang wieder herunter. Bau-yü war zu ängstlich, um einzutreten, doch war jeder Gedanke an Flucht unvorstellbar. Er wollte eines der Dienstmädchen um eine Erklärung bitten, doch als er sich umschaute, bemerkte er, daß sie ihm alle fremd waren. Jetzt drängten sie ihn hinaus, und er konnte nicht anders als gehen. Er wollte als letztes Mittel „Tjing-wën“ fragen. Doch als er sie suchte, konnte er sie nirgends finden. Eine tiefe Verwirrung und Vorahnung stiegen in ihm auf. Er ging fort, dieses Mal ohne Führung. Es gab keine Spur von dem Weg, den er gekommen war, und er überlegte, ob er jemals seinen Weg zurück fände, bis er zu seiner Überraschung die Gestalt von Hsi-fëng erblickte, die ihm unter der Dachrinne eines anderen Gebäudes zuwinkte.
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„Dem Himmel sei Dank! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich meine Haltung nur so schnell verlieren?“
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Er eilte zu ihr: „Da bist du ja! Sie waren alle so grausam zu mir und Kusine Dai-yü wollte mich nicht sehen. Ich weiß nicht warum!“
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Er stand direkt neben Hsi-fëng. Doch bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, daß dies überhaupt nicht Hsi-fëng war, sondern Djia Jungs erste Frau, Tjin Kë-tjing. Er zögerte einen Moment und fragte sie dann, wo Hsi-fëng hingegangen sei. Doch die Dame gab keine Antwort, drehte sich dann um und ging hinein.
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Bau-yü stand verblüfft da, wagte nicht, ihr zu folgen, sondern starrte nur entgeistert vor sich hin.
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„Was habe ich heute nur falsch gemacht“, seufzte er,  „daß alles mißlingt, was ich nur anfasse?“
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Als er gerade in Tränen ausbrach, kam eine Menge Wächter mit gelben Turbanen und Peitschen in der Hand auf ihn zugelaufen.
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„Woher kommt dieser Mann und was fällt ihm ein, im Reich der Feen herumzulungern? Fort mit Ihnen, sofort!“
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Bau-yü wagte kein Wort zu sagen und suchte einen Weg aus dem Palast. In der Ferne erblickte er eine Menge lachender Damen, die in seine Richtung liefen und dachte zu seiner Erleichterung, daß er Ying-tschun darunter erkannt hätte.
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„Hilfe!“ schrie er. „Ich habe mich hier verlaufen! Rettet mich!“
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Sogar als er schrie, stießen die Wachen ihn beständig von hinten an, und er taumelte hilflos vorwärts. Zu seinem Schrecken sah er, daß die Frauen sich in seltsame, schreckliche Ungeheuer verwandelt hatten und ihn auch verfolgten. Seine Nerven hielten das nicht mehr aus. Plötzlich erschien der Mönch vor ihm und hielt ihm einen Spiegel vor das Gesicht: „Durch Anordnung der kaiserlichen Nebenfrau Yüän-tschun muß ich dich retten!“
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Auf einmal verschwanden die Ungeheuer, und Bau-yü war in die düstere Wildnis zurückversetzt, durch welche er diesen Bereich erst betreten hatte. Er ergriff die Hand des Mönches: „Ihr habt mich hergebracht, ich erinnere mich; und als Nächstes weiß ich, daß ihr verschwunden wart und ich Menschen meiner Familie traf, doch sie wollten nichts mit mir zu tun haben und am Ende verwandelten sie sich in Monster! War das alles ein Traum, oder war es wirklich? Bitte Herr, ich flehe Sie an, mir die Wahrheit zu sagen.“ –
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„Als Sie diesen Ort zuerst betreten hattet“, sagte der Mönch, „ist Ihnen da irgend etwas Besonderes aufgefallen?“
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Bau-yü überlegte: ‚Wenn er mich schon in das Feenparadies führen konnte, muß er selbst ein Eingeweihter sein, deshalb ist es zwecklos, ihn in die Irre führen zu wollen. Aber ich will mehr wissen.‘
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Er berichtete dem Mönch, daß er verschiedene Register gesehen habe.
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„Hören Sie sich selbst doch mal zu!“, rief der Mönch. „Ihr habt die Register selbst gesehen und seid immer noch blind! Jetzt hört mir gut zu: vorbestimmte Anlagerungen im menschlichen Herzen sind nichts als blanke Einbildung, sie sind Hürden, die euren geistigen Weg behindert. Überlegen Sie gut, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Ich werde es dann erläutern, wenn wir uns wieder sehen.“
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Dann versetzte er Bau-yü einen heftigen Stoß. „Geh zurück!“, rief er.
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Bau-yü verlor den Halt, stolperte vorwärts und schrie vor Schreck „Ahh!“.
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Die Familie stand an seinem Bett, als er plötzlich unmißverständliche Lebenszeichen von sich gab. Sie riefen seinen Namen, und er öffnete seine Augen, um sich selbst auf einem alten Ofenbett liegend zu finden. Vor ihm waren die Dame Wang, Bau-tschai und andere seiner Familienmitglieder, ihre Augen waren rot und tränenunterlaufen. Er überlegte einen Augenblick und versuchte sich aufzurichten.
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‚Nun!‘, sagte er zu sich selbst, ‚ich habe die Sphäre der Toten besucht, und jetzt bin ich wieder zu den Lebenden zurückgekehrt!‘
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Er dachte weiter über die Erlebnisse während seiner Seelenwanderung nach, und ein glasiger Blick durchdrang seine Augen. Zu seiner großen Erleichterung sah er, daß er sich immer noch an jedes Detail seines Traumes erinnern konnte und voller Befriedigung kicherte er laut: „So! So!“
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Die Dame Wang vermutete die Rückkehr eines seiner früheren Anfälle und beschloß, daß der Arzt sofort wieder gerufen werden solle. Sie schickte eine Magd und eines der Dienstmädchen, um Herrn Dschëng zu berichten, daß Bau-yü das Bewußtsein wieder erlangt habe und daß seine vorige und offensichtlich tödliche Krise nur ein vorübergehender, mentaler Zusammenbruch war, von dem er sich nun erholt zu haben schien. Da es ihm nun besser ging und er sogar einige Sätze sprechen konnte, konnten sie sicher die Begräbnisvorbereitungen verwerfen. Djia Dschëng eilte herbei, um sich selbst von den Neuigkeiten zu überzeugen.
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„Unglückseliges Geschöpf“, rief er, „wolltest du uns zu Tode erschrecken?“
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Gegen seinen Willen weinte er. Nach einigen heftigen Schluchzern fuhr er fort und schickte nach einem Arzt, der Bau-yüs Puls messen und ihm Medizin verschreiben sollte.
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Es soll daran erinnert werden, daß Schë-yüä nur kurzzeitig an Selbstmord gedacht hatte. Doch da Bau-yü sich nun erholt hatte, war sie beruhigt. Die Dame Wang bestellte etwas Longanpflaumen<ref>Chinesische Bezeichnung für die ‚Drachenaugenwurz’, Linkeng, z. T. tropische Obstbäume mit pflaumengroßen Früchten, deren fleischiger Samenmantel eßbar ist.</ref>-Suppe und sagte Bau-yü, er solle ein wenig davon zu sich nehmen. Sie war höchst erleichtert, ihn wieder belebt zu sehen. Er hatte seine Haltung wiedererlangt, und sie schimpfte noch nicht einmal mit Schë-yüä wegen ihres vorigen Patzers, sondern trug nur einer der Mägde auf, die wieder gefundene Jade Bau-tschai zu bringen, die sie wieder um Bau-yüs Hals hängen sollte.
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„Ich frage mich, wo der Mönch sie gefunden hat?“, fragte sie ihn laut. „Es scheint so merkwürdig. In einem Moment verlangte er sein Geld, im nächsten war er verschwuden. Glaubst du, er war eine Art Unsterblicher?“
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„Von der ‚mysteriösen‘ Art zu urteilen, wie er hereinkam“, sagte Bau-tschai, „und von der ‚mysteriösen‘ Weise, auf die er verschwand, würde ich sagen, er hat ihn überhaupt nicht gefunden, sondern ihn überhaupt zuerst an sich genommen.“
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„Wie hätte er sie direkt vor den Augen anderer wegnehmen können?“, fragte die Dame Wang.
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„Wenn er sie zurückbringen konnte, so konnte er sie auch wegnehmen,“ beharrte Bau-tschai.
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„Als der Jade verloren war,“ warfen Hsi-jën und Schë-yüä ein, „hatte Verwalter Lin Dschï-hsiau einen Wort-Wahrsager herbestellt – wir haben es Ihnen erzählt, Herrin, kurz nach der Hochzeit. Das Zeichen, das er vorausahnte, war shang, was ,Belohnung‘ bedeutet. Erinnert ihr euch, Herrin?“ –
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„Ja, ihr habt Recht“, sagte Bau-tschai, „ihr sagtet, es hätte etwas mit dem Pfandhaus zu tun. Doch jetzt sehe ich, daß es wirklich auf das Wort „Mönch“ verwies, welches über dem Zeichen shang steht. Uns wurde von dem Wort-Wahrsager gesagt, ein Mönch habe sie genommen!“ –
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„Der Mönch war ohnehin seltsam genug“, sagte die Dame Wang, „als Bau-yü vorher krank war, kam ein anderer Mönch - ich erinnere mich - und sagte uns, Bau-yü habe ein kostbares Objekt bei sich zu Hause, das ihn heilen könne. Er meinte den Jade damit. Er mußte von seinen magischen Eigenschaften gewußt haben: Es ist außergewöhnlich, daß Bau-yü mit diesem Stein im Mund auf die Welt kam! Habt ihr in der gesamten Weltgeschichte schon mal von so einer Begebenheit gehört? Wer weiß, was am Ende noch aus dem Stein wird? Und wer weiß, was aus Bau-yü wird! Sie scheint ein untrennbarer Teil seines Lebens zu sein, in Krankheit und Gesundheit, bei seiner Geburt und ...“
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Sie hielt plötzlich inne, und Tränen traten ihr in die Augen. Bau-yü konnte für sich sagen, daß er nun die Antwort auf ihre Fragen nur zu gut wußte. Wie er zurückdachte, verstand er immer deutlicher die Wichtigkeit seines Besuches in der ‚anderen Welt‘. Doch er sagte nichts und behielt diese Gedanken still für sich.
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Es war Hsi-tschun, die als Nächstes sprach: „Als der Jadestein verloren war, baten wir Miau-yü, das Geisterschreibgerät zu unserer Hilfe zu befragen. Die Antwort, die sie von dem Geist erhielt, enthielt folgende Zeilen:
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‚An grünen Berges Fuß steht eine Kiefer, uralt. [...]‘
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Es endete mit: ‚Tritt ein durch meine Tür, und dich erwartet eine freudige Begegnung!‘
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Es gibt viele Gedanken, die mit den Worten ‚tritt durch meine Tür‘ in Verbindung gebracht werden könnten. Das Tor des Dharma ist sicherlich weit und allumfassend, doch irgendwie bezweifle ich, daß Vetter Bau-yü sich durchzwängen konnte, wer auch immer der ‚Folgende‘ sein sollte.“
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Bau-yü schnaubte verächtlich. Bau-tschai bemerkte seine Reaktion, fröstelte unfreiwillig und starrte zerstreut in den Raum.
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„Du kannst doch deinen Buddha zu Rate ziehen“, warf Frau You ein. „Du willst doch immer noch in die Schwesternschaft eintreten, oder?“
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Hsi-tschun lächelte und sagte: „Eigentlich, Schwiegerschwester, habe ich bereits den ersten Schritt gemacht. Vor langer Zeit habe ich geschworen, nur noch vegetarisch zu essen.“
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„Mein Kind!“, sagte die Dame Wang, „im Namen von Buddha selbst! Nimm Abstand von dieser verrückten Idee!“ Hsi-tschun war still.
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Während dieses Austausches erinnerte sich Bau-yü an die zwei Zeilen, die er in einem der Register gelesen hatte:
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‚Oje, die Tochter eines so großen Hauses
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An Buddhas Altar alleine schlafend.’
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Er konnte einige leise Seufzer nicht zurückhalten. Dann erinnerte er sich an den Blumenstrauß und die Matte und blickte Hsi-jën an. Tränen füllten seine Augen. Als die Familie sah, auf welch merkwürdige Art er sich benahm, in der einen Minute lachend und in der nächsten weinend, konnten sie nur an Symptome seiner alten Anfälle denken. Keiner von ihnen wußte, daß ihre Reden Bau-yü eine plötzliche Erleuchtung bereitet hatten, mit dem Ergebnis, daß er sich Wort für Wort an jedes Gedicht aus den Registern seines Traumes erinnern konnte. Obwohl er nichts sagte, hatte er im Gedanken bereits einen neuen Entschluß gefaßt. Doch davon sehen wir ab.
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Nach Bau-yüs plötzlicher Erholung verbesserte sich seine Gesundheit täglich und durch die regelmäßige Einnahme seiner Medizin machte er beständige Fortschritte. Da nun sein Sohn außer Gefahr war, hatte Djia Dschëng Sorgen um den Sarg der Herzoginmutter, der eine lange Zeit im Tempel gelegen hatte, und wollte mit der Beerdigung fortfahren. Er selbst trauerte immer noch und war deshalb von seinen öffentlichen Verpflichtungen befreit. Es gab immer noch keine Nachricht darüber, wann oder ob Djia Schë begnadigt würde, daher entschied Djia Dschëng, aus eigenem Antrieb zu handeln und zu veranlassen, daß die sterblichen Überreste seiner Mutter in den Süden gebracht und dort vernünftig beerdigt würden. Er schickte nach Djia Liän, um dies zu besprechen.
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„Dein Vorschlag ist ausgezeichnet, Onkel“, sagte Djia Liän. „Es wäre das Beste, direkt damit zu beginnen. Wenn die Trauerzeit erst vorbei ist, wird es schwer sein, einen angemessenen Zeitpunkt zu finden. Vater ist nicht zu Hause, und es wäre anmaßend von mir, seine Aufgaben zu übernehmen. Mein einziges Bedenken sind die Kosten. Wir müssen einige tausend Tael aufbringen. Unser gestohlenes Eigentum muß ich leider als unwiederbringbaren Verlust notieren.“
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„Damit habe ich mich bereits abgefunden“, sagte Djia Dschëng. „In der Abwesenheit deines Vaters habe ich eben nach dir geschickt, damit wir die besten Mittel und Wege besprechen können. Du kannst nicht gehen, dann wäre niemand mehr zu Haus. Ich werde selbst dorthin gehen und die Särge gleichzeitig transportieren. Ich werde etwas Unterstützung brauchen und denke daran, den jungen Djia Jung mitzunehmen. Es sind zusammen drei Särge, mitgezählt der seiner Frau und deiner Kusine Lin. Es war der Wunsch deiner Großmutter, daß ihre Enkelinnen mit ihr zusammen im Süden begraben werden. Und wegen des Geldes müssen wir halt irgendwo ein paar Tausend Tael leihen.“ –
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„Es gibt heutzutage nur noch wenig Großzügigkeit“, kommentierte Djia Liän bitter. „Du bist in Trauer, Onkel, und Vater ist im Exil. Ich fürchte, wir können das Geld nirgends aufbringen. Dann müssen wir wohl eine Hypothek auf unser Eigentum aufnehmen.“
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„Doch unsere Residenz steht uns durch Kaiserlichen Erlaß zu,“ warf Djia Dschëng ein, „es steht uns nicht frei, so damit zu verfahren.“ –
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„Das ist wahr“, sagte Djia Liän, „doch wir haben anderes Eigentum, auf das wir eine Hypothek aufnehmen könnten. Nach deiner Trauerzeit kann es dann eingelöst werden und nach Vaters Rückkehr, – umso mehr, wenn er wieder eingesetzt wird. Unser wesentliches Bedenken ist, daß du dich mit so einer langen Reise in deinem Alter überlasten könntest.“
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„Es ist ein Gefallen, den ich Großmutter schulde“, sagte Djia Dschëng, „während ich weg bin, zähle ich darauf, daß du den Haushalt führst und alles streng unter Kontrolle hältst.“ –
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„Mach dir darüber keine Sorgen“, sagte Djia Liän, „ich werde mein Bestes geben. Wenn du einige Diener mitnimmst, sind das einige Mäuler weniger, die es hier zu stopfen gilt, so könnten wir ein wenig sparen. Wenn du auf deinem Weg irgendwelche Hilfe brauchst, so reise in der Nähe der offiziellen Residenz von Lai Schang-jung, [dem Sohn des Verwalters Lai Da], ihn kannst du immer um Hilfe bitten.“ –
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„Ich trage allein die Verantwortung dafür“, kommentierte Djia Dschëng trocken, „warum sollte ich die Hilfe von irgend jemandem brauchen?“ –
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„Natürlich,“ stimmte Djia Liän zu und zog sich zurück, um seinen finanziellen Berechnungen nachzugehen.
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Djia Dschëng teilte Frau Wang seine Pläne mit, wies sie an, ein wachsames Auge auf den Haushalt zu werfen, und wählte einen günstigen Tag im Almanach aus, an welchem die Reise stattfinden sollte. Dann traf er seine Vorbereitungen für den Aufbruch.
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Bau-yü war nun wieder völlig gesund, Djia Huan und Djia Lan waren ernsthaft in ihre Studien vertieft. Djia Dschëng vertraute sie alle Djia Liän an und erinnerte ihn: „Dieses Jahr wird das Staatsexamen stattfinden. Huan wird es nicht beenden können, weil er immer noch um seine Mutter trauert. Es gibt nichts, was Lan davon abhalten könnte, doch da seine Trauerzeit nun kürzer ist, wird sie auch bald vorüber sein. Er und Bau-yü sollen das gemeinsam erledigen. Wenn sie das Examen bestehen und Provinzmagister werden, wird das helfen, die Familie von ihrer Schande zu befreien.“
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Djia Liän versicherte ihm schnell, daß er seine Anweisungen ausführen werde. Djia Dschëng widmete sich dann länger den Hausangestellten, verabschiedete sich feierlich am Schrein der Ahnen, und er war, nachdem er einige Tage außerhalb der Stadt religiöse Dienste im Tempel verrichtet hatte, schließlich bereit, aufzubrechen. Verwalter Lin Dschï-hsiau und einige Diener reisten mit ihm. Einige Familienmitglieder begleiteten ihn ein Stück, um sich von ihm zu verabschieden. Er störte dabei keine weiteren Familienangehörige oder Freunde.
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Da nun Bau-yü den Auftrag hatte, am nächsten Beamtenexamen teilzunehmen, begann die Dame Wang, mehr Druck auf ihn auszuüben und schaute beständig nach dem Fortschritt seiner Arbeit, während Bau-tschai und Hsi-jën ihn durch stetige Lektüre unterstützten. Sie bemerkten die tägliche Verbesserung seines Geistes, doch ihnen war nicht bewußt, daß sich in ihm eine große, innere Wandlung vollzogen hatte, die ihn in eine unvorhergesehene für ihn äußerst widernatürliche Richtung führte. Zusätzlich zu seiner tief verwurzelten Geringschätzung weltlichen Erfolgs und Fortschritts hatte er auch eine tiefe Abneigung gegenüber allen romantischen Anlagen entwickelt – mit einem Wort, gegenüber der Liebe. Doch diese radikale neue Haltung wurde um ihn herum kaum wahrgenommen, und er sagte nichts zu dieser Erkenntnis.
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Dsï-djüan war eine der wenigen, die die frühen Symptome seines inneren Wandels bemerkt hatte, und sie zog ihre eigenen Schlüsse. Sie war gerade davon zurückgekehrt, Dai-yüs Sarg zur Anlegestelle zu begleiten und saß grübelnd und weinend in ihrem Zimmer. Sie dachte: „Wie kaltherzig Bau-yü ist! Er scheint es nicht im geringsten zu bedauern, daß Fräulein Lins Sarg nun fortgeschafft wurde. Er hat nicht mehr als eine einzige Träne vergossen.  Er sah,  wie ich mir die Augen ausweinte,  und hat noch nicht ein-
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mal versucht, mich zu trösten, sondern starrte mich nur an und lächelte. Was für eine Enttäuschung! All die freundlichen Worte, die er in der letzten Zeit zu uns gesagt hatte, haben uns nur genarrt. Ein Glück, daß ich ihn am nächsten Abend durchschaut hatte und nicht nochmal darauf hereinfiel! Doch eines verstehe ich immer noch nicht.  Er scheint sogar Hsi-jën gegenüber noch kälter geworden zu sein. Ich weiß, daß Frau Bau-tschai von Natur aus kein warmer Mensch war, – vielleicht hat sie seinen Wandel im Herzen gar nicht bemerkt. Doch was ist mit Schë-yüä  und den anderen,  fühlen  sie sich nicht  schlecht behandelt? Sie haben sich von ihren Gefühlen zum Narren halten lassen und ihr halbes Leben für ihn verschwendet, nur um jetzt so verlassen zu sein!“
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Während sie grübelte, kam Wu-örl auf sie zu. „Weinst du immer noch um Fräulein Dai-yü?“, fragte Wu-örl, wie sie Dsï-djüans tränenüberflutetes Gesicht sah. „Wenn du meine Meinung über Herrn Bau-yü hören möchtest, ich denke, es ist Zeit, daß wir seinen Ruf vergessen und ihn so sehen, wie er wirklich ist. Man hatte mir immer gesagt, wie nett er sei, besonders gegenüber Mädchen. Deswegen hat sich meine Mutter so sehr darum bemüht, daß ich hier in Dienst treten kann. Von da an habe ich seit Beginn seiner Krankheit darauf gewartet. Doch wo es ihm nun besser geht, habe ich nicht ein freundliches Wort von ihm gehört. Ich glaube, er hat noch nicht einmal meine Anwesenheit bemerkt!“
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Dsï-djüan brach in Gelächter aus zu dieser komischen Kummergeschichte. „Hör’ dich doch nur an, du kleiner Drachen!“, rief sie aus. „Wie soll Herr Bau-yü dich denn behandeln? Du solltest dich wirklich schämen! Wenn er sich noch nicht einmal für die Mägde interessiert, die ihm am nächsten stehen, erwartest du, daß er dann Zeit für dich findet?“
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Sie lachte wieder und hielt Wu-örl einen mahnenden Finger vors Gesicht. „Wer bist du, daß du glaubst, Bau-yüs Gefühle für dich beanspruchen zu können?“
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Wu-örl errötete über ihre eigene Dummheit. Sie wollte gerade erklären, daß es nicht ihre Behandlung von Bau-yü war, die ihr Sorge machte, sondern die aller Mägde, doch dann rief jemand von innen: „Der Mönch ist zurück! Und er verlangt seine zehntausend Tael! Die Dame weiß nicht, was zu tun ist, und wollte, daß Herr Liän mit ihm spricht, doch Herr Liän ist nicht zu Hause! Der Mönch ist draußen, tobt und schimpft vor sich hin. Die Herrin möchte, daß Frau Bau-tschai hinübergeht und sich mit ihr bespricht.“
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Um herauszufinden, wie sie den Mönch beruhigten, lese man bitte das nächste Kapitel.
  
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== Anmerkungen ==
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · 112 · 113 · 114 · 115 · 116 · 117 · 118 · 119 · 120 · ← Inhalt

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Kapitel 116

得通灵幻境悟仙缘 / 送慈柩故乡全孝道

Menschliche Schicksale werden enthüllt und der Stein wird seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegebenSterbliche Überreste werden in ihre weltliche Heimat zurückgebracht und ein pietätvoller Sohn erfüllt seine Pflicht.

Schë-yüäs zeitlich unpassende Erwähnung einer empfindlichen Periode aus Bau-yüs Vergangenheit ließ ihn ohnmächtig werden und zurück in sein Bett fallen. Die Dame Wang und die versammelte Familie begannen von Neuem zu weinen und zu wimmern, während Schë-yüä selbst, wie sie bemerkte, daß ihre unbedachte Äußerung Schuld daran war, zu weinen begann, obwohl Frau Wang noch keine Zeit hatte, sie auszuschelten. Sie faßte zur gleichen Zeit einen verzweifelten Entschluß: „Wenn Bau-yü stirbt, werde ich mein Leben beenden und mit ihm sterben!“ Die Dame Wang konnte sehen, daß kein Versuch, Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen, überhaupt Wirkung zeigen würde, und schickte dem Mönch die dringende Nachricht, er solle ihn bitte wieder retten. Doch der Mönch war nirgends zu sehen. Djia Dschëng war vorher in die Halle zurückgekehrt, um herauszufinden, daß sein exzentrischer Gast sich in Luft aufgelöst hatte. Dieser neue Aufschrei aus den inneren Gemächern erreichte nun Djia Dschëngs Ohren, und er beeilte sich. Er fand Bau-yü wieder ohne Bewußtsein vor, mit verkrampftem Gebiß und keiner Spur eines Pulses. Er fühlte seine Brust und fand sie immer noch recht warm, rief aus Verzweiflung einen Arzt, um auf irgendeine Art eine Wiederbelebung zu erzwingen. Doch Bau-yüs Geist hatte bereits sein sterbliches Umfeld verlassen. Das heißt doch, er sei tot, werden Sie sagen? Die genaue Situation, lieber Leser, war wie folgt: sein Geist war in körperlosem Zustand in die Empfangshalle geschwebt, wo er den jadebringenden Mönch sah und ihn mit einer Verbeugung begrüßte. Der Mönch erhob sich, berührte ihn an der Hand und verschwand. Bau-yüs Geist folgte, leicht wie eine Feder im Wind. Sie begaben sich auf den Weg nach draußen, nicht um am Eingang zu verweilen. Doch dann konnte er den Weg nicht mehr erkennen, und sie erreichten einen offenen Raum, eine Wildnis, wo er in der Ferne einen ihm merkwürdig bekannten Torbogen erblickte. Er wollte den Mönch gerade fragen, was es war, als eine nebelhafte weibliche Gestalt hinter ihm erschien. „Was macht so eine wunderschöne Kreatur an einem so verlassenen Ort?“, fragte sich Bau-yü. „Sie muß eine Göttin auf Erden sein.“ Er näherte sich ihr und schaute sie genau an. Ihr Gesicht war ihm so vertraut wie der Torweg, doch irgendwie konnte er sich nicht daran erinnern, wer sie war. Sie begrüßte den Mönch und verschwand plötzlich aus der Sicht. Im selben Moment fiel Bau-yü ein, wem sie ähnelte: der dritten Schwester You. Was hatte sie hier zu suchen? Noch verwirrter als vorher, wollte er nun den Mönch befragen. Doch bevor er das konnte, führte der Mönch ihn an der Hand durch den Torweg. Inmitten des Bogens war folgende Inschrift zu lesen: Das Paradies der Wahrheit Ein Reimpaar in kleineren Buchstaben stand auf beiden Seiten: „Wenn dasErdichtete schwindet und Wahrheit erscheint, Wird die Wahrheit siegen; Obwohl das Unwirkliche einst wirklich war, Ist das Wirkliche niemals unwirklich.“ Als sie den Torweg durchquert hatten, erreichten sie plötzlich ein Palasttor, über dem in wagerechter Ausrichtung geschrieben stand: „Gesegnet seien die Tugendhaften, Unglück den Verdorbenen.“ Folgende Worte waren senkrecht auf beiden Seiten zu lesen: „Der menschliche Geist kann niemals die Geheimnisse der Zeit erfassen, und die engste Sippe kann niemals das Schicksal herausfordern.“ ‚Nun...‘, dachte Bau-yü bei sich, ‚es ist Zeit, daß ich mehr über das Wirken des Schicksals erfahre.‘ Als er daran dachte, sah er unter den Leuten Yüan-yang etwas entfernt stehen, winkte und rief nach ihr. ‚Nach all der Zeit bin ich immer noch im Garten daheim!‘ überlegte er erstaunt. ‚Doch warum hat es sich so verändert?‘ Er eilte voran, um mit Yüan-yang zu sprechen, doch kurz darauf war sie verschwunden, und er stand alleine dort, noch verwirrter als zuvor. Er ging weiter zu dem Ort, an dem Yüan-yang gestanden hatte, und dabei bemerkte er eine Reihe von Gebäuden neben sich und über den Eingängen eines jeden Gebäudes hing ein Namensschild. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich die Gebäude näher anzusehen, sondern suchte weiter nach Yüan-yang. Der Eingang hinter der Stelle, an der sie gestanden hatte, war halb geöffnet, doch er wagte nicht einzutreten, er wollte lieber seinen Führer dazu befragen. Und als er sich gerade nach ihm umsehen wollte, war der Mönch verschwunden. Bau-yü war verwirrt. Die Gebäude um ihn herum erschienen ihm auf einmal sehr groß, und es schien Bau-yü allmählich, daß dies überhaupt nicht der Garten des Großen Anblicks war. Er stand still und hob seinen Kopf, um die Worte über dem Torweg direkt vor ihm zu lesen: Erwacht durch die Narrheit der Liebe Das Reimpaar an jeder Seite lautete: „Lächeln der Zufriedenheit, Tränen des Kummers, alles ist Täuschung; Jedes Streben entspringt einzig der Narrheit.“ Bau-yü senkte seinen Kopf und seufzte. Er wollte immer noch den Torweg durchschreiten und nach Yüan-yang suchen, um zu fragen, was dies für ein Ort sei. Er spürte das wachsende Gefühl, er sei bereits einmal da gewesen. Zuletzt faßte er den Mut, die Tür zu öffnen und ging hinein. Er schaute überall, aber fand keine Spur von Yüan-yang. Es war innen stockfinster und er wollte gerade seiner Angst nachgeben und wieder heraus gehen, als seine Augen in der Dunkelheit verschwommen die Formen eines Dutzend großer Schränke erspähte, ihre Türen waren zwar zu, doch nicht verschlossen. Eine plötzliche Erkenntnis erleuchtete ihn: ‚Ich weiß, daß ich hier schon irgendwie gewesen bin. Ich erinnere mich daran. Es war in einem Traum. Was für ein Segen, in eine Traumszene meiner Kindheit zurückzukehren!‘ Plötzlich hatte er in seiner Verwirrung seine eigentliche Absicht, Yüan-yang zu finden, vergessen und gab sich der neuen Neugierde über das hin, was vor ihm lag. Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete die Tür des ersten Schrankes. Darin sah er eine große Zahl an Registern, und er schwebte in einem Rausch der Begeisterung. ‚Die Leute sagen immer, daß Träume Illusion sind‘, dachte er bei sich, „doch dieser scheint wahr zu sein! Wie oft habe ich mir gewünscht, diesen Traum noch einmal zu träumen! Und jetzt bin ich hier, und mein Wunsch ist wahr geworden. Ich frage mich, ob es die Register sind, die ich gesehen habe?‘ Er streckte seine Hand aus, nahm eines und hielt es in der Hand. Es trug die Aufschrift „Nanking, zwölf Schönheiten der Hauptliste“. ‚Ich erinnere mich‘, dachte er bei sich, ‚glaube ich... Wenn ich mich nur genau erinnern könnte!‘ Er schlug die erste Seite auf und betrachtete ein Bild, doch eines, das so verschwommen war, daß er kaum sagen konnte, was es darstellte. Es folgte eine Reihe von Buchstaben in einer kaum entzifferbaren Handschrift, worüber er gerade eben einige Zeilen erkennen konnte: „Jadegürtel“ (Daiyü), darüber „Wald“ (Lin). ‚Das muß sicher ein Rätsel für Kusine Dai-yü sein‘, dachte er bei sich und las konzentriert weiter. Die nächste Zeile enthielt die Zeichen ‚die Goldhaarnadel (Bau-tschai) im Schnee (Hsüä)‘. „Wieso ist das denn schon wieder wie Bau-tschais Name!“, rief er laut. Er las bis zum Ende des vierten und letzten Verses. ‚Das scheint nicht viel zu sagen. Es ist nur eine Reihe von Rätseln über die Namen Lin Dai-yü und Hsüä Bau-tschai. Daran ist nichts Außergewöhnliches. Nur Wörter wie „leiden“ und „seufzen“ klingen nicht gut. Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat?‘ – ‚ Ich sollte überhaupt nicht hier sein,‘ tadelte er sich selbst. ‚Wenn ich meine Zeit weiter mit Tagträumen verbringe und jemand kommt, werde ich meine Chance vertan haben, den Rest auch durchzusehen.‘ Er fuhr mit der Betrachtung der weiteren Register fort. Er gestattete sich keine Zeit, um über die nächsten Bilder zu blicken, sondern begab sich direkt zu dem Gedicht, welches mit den Worten endete: „Wenn der Hase dem Tiger begegnet, wird dein großer Traum enden.“ Dabei kam ihm plötzlich die Erleuchtung: ‚Was für eine brilliante Weissagung! Es muß auf den Tod meiner ältesten Schwester Yüän-tschun bezogen sein. Wenn sie alle so klar sind, sollte ich sie abschreiben und sorgfältig studieren. Auf diese Weise kann ich alles über meine Schwestern und Kusinen herausfinden, wie lange sie leben werden, ob sie versagen oder im Leben Erfolg haben, ob sie wohlhabend oder arm werden. Zu Hause werde ich mein Wissen geheim halten. Doch mein inneres Wissen wird mich zuletzt vor unnötigem Kummer bewahren.‘ Er suchte überall nach Schreibwerkzeug, doch fand er weder Pinsel noch Tinte und fürchtete, daß ihn jemand überraschen könnte, so überflog er den Rest des Registers. Das nächste Bild zeigte einen Menschen, der einen Papierdrachen steigen ließ. Er war nicht in der Stimmung, sich die Bilder näher anzusehen, sondern las eilig die verbleibenden zwölf Gedichte. In einigen Fällen konnte er die versteckte Botschaft sofort erfassen, bei anderen mußte er länger nachdenken, während wieder andere unergründlich wirkten. Er versuchte, sich alle gut einzuprägen. Mit einem Seufzen nahm er das nächste Album, beschrieben mit „Ergänzungsregister zu Nanking“ und begann zu lesen. Er verweilte bei den Zeilen: „Du wählst den Spieler des bevorzugten Glücks, ohne an deines Herren Untergang zu denken.“ Zunächst verstand er die Zeilen nicht. Dann betrachtete er das begleitende Bild, ein Bündel Blumen und eine Matte im gleichen Stil wie der fliegende Drache. Plötzlich brach er in Tränen aus. Er wollte gerade weiter lesen, als er eine Stimme sagen hörte: „Schon wieder am Tagträumen! Komm, Kusine Dai-yü möchte dich sehen.“ Die Stimme ähnelte sehr der von Yüan-yang, doch als er sich umdrehte, um nachzusehen, war dort zu seiner großen Verwunderung niemand. Dann sah er plötzlich wieder Yüan-yang am Torweg stehen und ihm zuwinken. Voller Begeisterung rannte er hinaus, doch ihre schattenhafte Gestalt schwebte stets vor ihm, und er konnte sie nicht einholen. „Liebe Schwester, bitte warte auf mich!“, rief er. Sie reagierte nicht und eilte weiter, während er ihr hinterher keuchte. Plötzlich tauchte eine weitere Aussicht vor ihm auf, von hohen Gebäuden und umständlich geformten Dächern, worin er verschwommen die Figuren der Palastdamen erahnen konnte. In seinem Eifer, diesen neuen Bereich zu erkunden, vergaß Bau-yü völlig Yüan-yang. Wie er durch einen der Torwege hineinging, fand er sich selbst inmitten verschiedenster Pflanzen und Blumen, keine davon kannte er. Eine darunter fiel ihm besonders auf, eine Krautpflanze umgeben von einer Marmorbalustrade, die Spitzen ihrer Blätter waren rötlich besetzt. „Was für eine seltene Pflanze kann das sein“, überlegte er, „daß ihr so ein Ehrenplatz gebührt?“ Eine leichte Brise war zu spüren, und die Blätter der Pflanze bewegten sich in einem lang anhaltenden Zittern. Sie war klein und blütenlos, doch ihr erlesener Zauber hielt Bau-yüs Herz wie gebannt und entzückte seine Seele. Er starrte sie weiterhin entgeistert an, bis eine Stimme neben ihm sagte: „Wo kommst du her, du großer Tölpel? Was fällt dir ein, diese Feenpflanze anzustarren?“ Aufgeschreckt aus seiner Träumerei, drehte sich Bau-yü um und sah eine junge Fee neben sich stehen. Er verbeugte sich und sagte zur Antwort: „Ich habe hier nach Yüan-yang gesucht. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihren besonderen Bereich unabsichtlich betreten habe. Können Sie mir bitte sagen, Schwester Fee, was dies für ein Ort ist und warum Yüan-yang sagte, das Kusine Dai-yü mich sehen möchte? Können Sie mir das bitte erklären?“ – „Schwester hin, Kusine her! Solche Namen bedeuten mir nichts!“, antwortete die Fee. „Alles, was ich weiß, ist, daß ich die Verantwortung für diese Feenpflanze trage und daß es Sterblichen wie dir streng verboten ist, sich hier aufzuhalten. Du mußt sofort gehen.“ Bau-yü mußte dem Befehl der Fee gehorchen. „Schwester Fee!“, flehte er nochmal, „wenn Sie die Verantwortung für diese Feenpflanze tragen, müssen Sie selbst eine Blumenfee sein. Können Sie mir sagen: was ist so besonders an dieser einen Pflanze?“ – „Das ist eine lange Geschichte“, antwortete die Fee. „Sie ist an den Ufern des Magischen Flusses gewachsen und wurde Purpurblume genannt. Sie welkte und begann zu sterben, doch sie wurde wiederbelebt und ihr wurde Unsterblichkeit durch das Eingreifen des Pagen Geisterjade verliehen, der sie größzügigerweise mit Tau wässerte. Danach stieg sie in die Menschenwelt hinab, um ihre Schuld mit den Tränen einer Lebenszeit zu bezahlen und da dies nun vollbracht ist, ist sie in ihre wahre Heimat zurückgekehrt. Die feenhafte Ernüchterung hat mir die Anweisung gegeben, sie zu pflegen und Bienen und Schmetterlinge von ihr fern zu halten. Bau-yü verstand immer noch nicht. Er hatte den wachsenden Verdacht, daß dies wirklich die Blumenfee sein müsse, der er begegnet war und war entschlossen, sich so eine seltene Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Er fragte höflich: „Also tragen Sie, Schwester Fee, die Verantwortung für diese Pflanze. Doch jede dieser vielen feinen Blumen muß ihre eigene Fee zur Pflege haben. Ich möchte Sie nicht belästigen, doch ich frage mich, ob Sie mir nicht vielleicht sagen könnten, welche Fee sich um den Hibiskus kümmert?“ – „Das weiß ich nicht. Dazu mußt du meine Herrin fragen.“ – „Wer ist denn Ihre Herrin?“ – „Meine Herrin ist die Königin des Hsiau-hsiang-Flusses.“ – „Ich wußte es!“, rief Bau-yü. „Das ist meine Kusine Lin Dai-yü!“ – „Absoluter Unsinn!“, erwiderte die nun sehr empörte Fee. „Muß ich dich wieder daran erinnern, daß dies ein himmlischer Bereich und das Reich der Feen ist. Meine Herrin mag zwar Flußkönigin genannt werden, doch sie hat nichts mit euren weltlichen Königinnen und so weiter zu tun. Wie könnte sie mit einer Sterblichen verbunden sein? Hör’ auf, so einen Unsinn zu reden, oder ich muß dich schlagen und von den Wachen hinauswerfen lassen.“ Bau-yü wurde von den Worten der Fee beinahe erschlagen und wurde sich schmerzhaft seiner Unreinheit bewußt. Er wollte gerade gehen, als er eine Botschafterin herbeieilen hörte, die rief: „Sie fragten nach dem Pagen Geisterjade!“ – „Ich weiß“, antwortete die Fee, „man sagte mir, ich solle nach ihm Ausschau halten. Deshalb habe ich hier die ganze Zeit gewartet. Doch ich habe hier keinen solchen Pagen gesehen. Was soll ich nun machen?“ – „Das war bestimmt der, der uns gerade verlassen hat!“, rief die Botschafterin lachend und eilte hinaus, um Bau-yü zu erwischen: „Sind sie der göttliche leuchtende Bote auf der Rückkehr?“ Bau-yü glaubte, sie müsse jemanden anderen meinen. Er hatte Angst, erwischt und gefangen zu werden und stolperte weiter vorwärts, um schnellstmöglich zu verschwinden. Als er aufblickte, sah er vor sich eine fabelartige Figur mit einem langen Schwert, die sich ihm in den Weg stellte: „Wohin gehst du?“ Bau-yü hatte große Angst, doch konnte er genug Mut zusammen nehmen, um nochmal hinzusehen. Er war überrascht und dann beruhigt, als er auf einmal der dritten Schwester You gegenüberstand. „Oh Kusine!“, wimmerte er, „warum bist du auch hinter mir her?“ – „Ihr Männer seid alle gleich!“, antwortete sie. „In eurer ganzen Gattung gibt es keinen guten. Ihr zerstört den Ruf der Mädchen, dann zerstört ihr ihre Ehe. Jetzt habe ich dich und du wirst mir nicht mehr entkommen!“ Bau-yü wußte, daß sie es toternst meinte und geriet in Panik, bis er eine andere Stimme hörte, die hinter ihm sagte: „Schwester! Halte diesen Mann sofort auf! Er darf nicht gehen!“ – „Ich habe meine Anweisungen von der Flußkönigin“, antwortete die dritte Schwester You, „und ich habe lang auf so etwas gewartet. Jetzt sitzt du in meiner Falle und mit einem Hieb meines Schwertes werde ich die Lügen zerschmettern, die dich an die sterbliche Welt binden.“ Bau-yü war entsetzt. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte und drehte sich zur Flucht um, doch dann stand er der Stimme von vorhin gegenüber, es war Tjing-wën. Freude und Kummer umklammerten sein Herz. „Ich bin verloren!“, rief er traurig, „ich bin völlig allein und laufe direkt in die Arme meines Feindes. Ich will hier weg und nach Hause, doch ich habe niemanden gefunden, der mich zurückbringt. Jetzt sollte ich doch sicher sein! Liebe Tjing-wën, nimmst du mich bitte mit nach Hause?“ – „Page Geisterjade, laß dich nicht entmutigen“, antwortete Tjing-wën. „Ich bin nicht Tjing-wën. Ich wurde nur von unserer Königin beauftragt, dich zu ihr zu geleiten. Ich will dir nichts antun.“ Bau-yü war nun völlig verwirrt: „Du sagst, ‚unsere Königin‘ schickt dich; doch wer ist eure Königin?“ – „Frag’ jetzt nicht“, antwortete Tjing-wën, „bald wirst du es selbst sehen.“ Bau-yü folgte ihr hilflos, und wie sie gingen, blickte er sie näher an. Sie ähnelte Tjing-wën bis ins kleinste Detail. ‚Ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Stimme sind wie Tjing-wëns!‘, dachte er bei sich selbst. ‚Wie kann sie nicht Tjing-wën sein? Ich bin verwirrt. Dann laß ich das eben. Ich sollte besser erst die Königin treffen. Obwohl ich etwas falsch gemacht habe, kann ich die Königin, wenn ich ihr vorgeführt werde, um Vergebung bitten. Frauen haben trotzdem weiche Herzen. Sie wird mir sicher vergeben.’ Sie hatten nun den eindrucksvollen Palast erreicht, aufwendig und brilliant verziert bis ins kleinste Detail. Im Hof vor ihnen wuchs ein hellgrüner Bambusstrauch, während am Torweg eine Reihe dunkler Fichten stand. Unter der Regenrinne standen einige Dienstmädchen, gekleidet in feine Palastgewänder, und als sie Bau-yü eintreten sahen, flüsterten sie zueinander: „Ist das nicht der Page Geisterjade?“ Bau-yüs Begleiterin unterrichtete sie: „Er ist es, also beeilt euch besser und kündigt seine Ankunft an!“ Eine der Damen warf Bau-yü ein Lächeln zu, und er folgte ihr durch verschiedene Gemächer, bis sie schließlich den Eingang zur Haupthalle des Palastes erreichten. Ein Perlenvorhang hing davor. Davor anhaltend drehte sich das Dienstmädchen zu Bau-yü um und sagte: „Wartet hier auf Anweisungen von ihrer Majestät!“ Bau-yü wagte nicht, ein Wort zu sagen, sondern wartete gehorsam vor dem Torweg. Dann kehrte das Dienstmädchen zurück und sagte: „Möge der Page bitte zur Audienz eintreten.“ Eine weitere Dienerin zog den Perlenvorhang zur Seite, und wie sie dies tat, konnte Bau-yü eine majestätische Person erkennen, mit einer Blumenkrone auf dem Kopf, bekleidet mit reichlich geschmückten Gewändern, die dort thronte. Er hob seinen Kopf, um sie besser sehen zu können. Dann sah er, wie sehr die Königin Dai-yü ähnelte und rief impulsiv aus: „Hier finde ich dich nun, Kusinchen! Oh, wie ich dich vermißt habe!“ Die Dienstmädchen außerhalb des Vorhangs flüsterten sich empört zu: „Was für schlechte Manieren dieser Page hat! Sofort hinaus mit ihm!“ Kaum hatten sie das gesagt, da ließ die andere Dienerin den Vorhang wieder herunter. Bau-yü war zu ängstlich, um einzutreten, doch war jeder Gedanke an Flucht unvorstellbar. Er wollte eines der Dienstmädchen um eine Erklärung bitten, doch als er sich umschaute, bemerkte er, daß sie ihm alle fremd waren. Jetzt drängten sie ihn hinaus, und er konnte nicht anders als gehen. Er wollte als letztes Mittel „Tjing-wën“ fragen. Doch als er sie suchte, konnte er sie nirgends finden. Eine tiefe Verwirrung und Vorahnung stiegen in ihm auf. Er ging fort, dieses Mal ohne Führung. Es gab keine Spur von dem Weg, den er gekommen war, und er überlegte, ob er jemals seinen Weg zurück fände, bis er zu seiner Überraschung die Gestalt von Hsi-fëng erblickte, die ihm unter der Dachrinne eines anderen Gebäudes zuwinkte. „Dem Himmel sei Dank! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich meine Haltung nur so schnell verlieren?“ Er eilte zu ihr: „Da bist du ja! Sie waren alle so grausam zu mir und Kusine Dai-yü wollte mich nicht sehen. Ich weiß nicht warum!“ Er stand direkt neben Hsi-fëng. Doch bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, daß dies überhaupt nicht Hsi-fëng war, sondern Djia Jungs erste Frau, Tjin Kë-tjing. Er zögerte einen Moment und fragte sie dann, wo Hsi-fëng hingegangen sei. Doch die Dame gab keine Antwort, drehte sich dann um und ging hinein. Bau-yü stand verblüfft da, wagte nicht, ihr zu folgen, sondern starrte nur entgeistert vor sich hin. „Was habe ich heute nur falsch gemacht“, seufzte er, „daß alles mißlingt, was ich nur anfasse?“ Als er gerade in Tränen ausbrach, kam eine Menge Wächter mit gelben Turbanen und Peitschen in der Hand auf ihn zugelaufen. „Woher kommt dieser Mann und was fällt ihm ein, im Reich der Feen herumzulungern? Fort mit Ihnen, sofort!“ Bau-yü wagte kein Wort zu sagen und suchte einen Weg aus dem Palast. In der Ferne erblickte er eine Menge lachender Damen, die in seine Richtung liefen und dachte zu seiner Erleichterung, daß er Ying-tschun darunter erkannt hätte. „Hilfe!“ schrie er. „Ich habe mich hier verlaufen! Rettet mich!“ Sogar als er schrie, stießen die Wachen ihn beständig von hinten an, und er taumelte hilflos vorwärts. Zu seinem Schrecken sah er, daß die Frauen sich in seltsame, schreckliche Ungeheuer verwandelt hatten und ihn auch verfolgten. Seine Nerven hielten das nicht mehr aus. Plötzlich erschien der Mönch vor ihm und hielt ihm einen Spiegel vor das Gesicht: „Durch Anordnung der kaiserlichen Nebenfrau Yüän-tschun muß ich dich retten!“ Auf einmal verschwanden die Ungeheuer, und Bau-yü war in die düstere Wildnis zurückversetzt, durch welche er diesen Bereich erst betreten hatte. Er ergriff die Hand des Mönches: „Ihr habt mich hergebracht, ich erinnere mich; und als Nächstes weiß ich, daß ihr verschwunden wart und ich Menschen meiner Familie traf, doch sie wollten nichts mit mir zu tun haben und am Ende verwandelten sie sich in Monster! War das alles ein Traum, oder war es wirklich? Bitte Herr, ich flehe Sie an, mir die Wahrheit zu sagen.“ – „Als Sie diesen Ort zuerst betreten hattet“, sagte der Mönch, „ist Ihnen da irgend etwas Besonderes aufgefallen?“ Bau-yü überlegte: ‚Wenn er mich schon in das Feenparadies führen konnte, muß er selbst ein Eingeweihter sein, deshalb ist es zwecklos, ihn in die Irre führen zu wollen. Aber ich will mehr wissen.‘ Er berichtete dem Mönch, daß er verschiedene Register gesehen habe. „Hören Sie sich selbst doch mal zu!“, rief der Mönch. „Ihr habt die Register selbst gesehen und seid immer noch blind! Jetzt hört mir gut zu: vorbestimmte Anlagerungen im menschlichen Herzen sind nichts als blanke Einbildung, sie sind Hürden, die euren geistigen Weg behindert. Überlegen Sie gut, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Ich werde es dann erläutern, wenn wir uns wieder sehen.“ Dann versetzte er Bau-yü einen heftigen Stoß. „Geh zurück!“, rief er. Bau-yü verlor den Halt, stolperte vorwärts und schrie vor Schreck „Ahh!“. Die Familie stand an seinem Bett, als er plötzlich unmißverständliche Lebenszeichen von sich gab. Sie riefen seinen Namen, und er öffnete seine Augen, um sich selbst auf einem alten Ofenbett liegend zu finden. Vor ihm waren die Dame Wang, Bau-tschai und andere seiner Familienmitglieder, ihre Augen waren rot und tränenunterlaufen. Er überlegte einen Augenblick und versuchte sich aufzurichten. ‚Nun!‘, sagte er zu sich selbst, ‚ich habe die Sphäre der Toten besucht, und jetzt bin ich wieder zu den Lebenden zurückgekehrt!‘ Er dachte weiter über die Erlebnisse während seiner Seelenwanderung nach, und ein glasiger Blick durchdrang seine Augen. Zu seiner großen Erleichterung sah er, daß er sich immer noch an jedes Detail seines Traumes erinnern konnte und voller Befriedigung kicherte er laut: „So! So!“ Die Dame Wang vermutete die Rückkehr eines seiner früheren Anfälle und beschloß, daß der Arzt sofort wieder gerufen werden solle. Sie schickte eine Magd und eines der Dienstmädchen, um Herrn Dschëng zu berichten, daß Bau-yü das Bewußtsein wieder erlangt habe und daß seine vorige und offensichtlich tödliche Krise nur ein vorübergehender, mentaler Zusammenbruch war, von dem er sich nun erholt zu haben schien. Da es ihm nun besser ging und er sogar einige Sätze sprechen konnte, konnten sie sicher die Begräbnisvorbereitungen verwerfen. Djia Dschëng eilte herbei, um sich selbst von den Neuigkeiten zu überzeugen. „Unglückseliges Geschöpf“, rief er, „wolltest du uns zu Tode erschrecken?“ Gegen seinen Willen weinte er. Nach einigen heftigen Schluchzern fuhr er fort und schickte nach einem Arzt, der Bau-yüs Puls messen und ihm Medizin verschreiben sollte. Es soll daran erinnert werden, daß Schë-yüä nur kurzzeitig an Selbstmord gedacht hatte. Doch da Bau-yü sich nun erholt hatte, war sie beruhigt. Die Dame Wang bestellte etwas Longanpflaumen[1]-Suppe und sagte Bau-yü, er solle ein wenig davon zu sich nehmen. Sie war höchst erleichtert, ihn wieder belebt zu sehen. Er hatte seine Haltung wiedererlangt, und sie schimpfte noch nicht einmal mit Schë-yüä wegen ihres vorigen Patzers, sondern trug nur einer der Mägde auf, die wieder gefundene Jade Bau-tschai zu bringen, die sie wieder um Bau-yüs Hals hängen sollte. „Ich frage mich, wo der Mönch sie gefunden hat?“, fragte sie ihn laut. „Es scheint so merkwürdig. In einem Moment verlangte er sein Geld, im nächsten war er verschwuden. Glaubst du, er war eine Art Unsterblicher?“ „Von der ‚mysteriösen‘ Art zu urteilen, wie er hereinkam“, sagte Bau-tschai, „und von der ‚mysteriösen‘ Weise, auf die er verschwand, würde ich sagen, er hat ihn überhaupt nicht gefunden, sondern ihn überhaupt zuerst an sich genommen.“ „Wie hätte er sie direkt vor den Augen anderer wegnehmen können?“, fragte die Dame Wang. „Wenn er sie zurückbringen konnte, so konnte er sie auch wegnehmen,“ beharrte Bau-tschai. „Als der Jade verloren war,“ warfen Hsi-jën und Schë-yüä ein, „hatte Verwalter Lin Dschï-hsiau einen Wort-Wahrsager herbestellt – wir haben es Ihnen erzählt, Herrin, kurz nach der Hochzeit. Das Zeichen, das er vorausahnte, war shang, was ,Belohnung‘ bedeutet. Erinnert ihr euch, Herrin?“ – „Ja, ihr habt Recht“, sagte Bau-tschai, „ihr sagtet, es hätte etwas mit dem Pfandhaus zu tun. Doch jetzt sehe ich, daß es wirklich auf das Wort „Mönch“ verwies, welches über dem Zeichen shang steht. Uns wurde von dem Wort-Wahrsager gesagt, ein Mönch habe sie genommen!“ – „Der Mönch war ohnehin seltsam genug“, sagte die Dame Wang, „als Bau-yü vorher krank war, kam ein anderer Mönch - ich erinnere mich - und sagte uns, Bau-yü habe ein kostbares Objekt bei sich zu Hause, das ihn heilen könne. Er meinte den Jade damit. Er mußte von seinen magischen Eigenschaften gewußt haben: Es ist außergewöhnlich, daß Bau-yü mit diesem Stein im Mund auf die Welt kam! Habt ihr in der gesamten Weltgeschichte schon mal von so einer Begebenheit gehört? Wer weiß, was am Ende noch aus dem Stein wird? Und wer weiß, was aus Bau-yü wird! Sie scheint ein untrennbarer Teil seines Lebens zu sein, in Krankheit und Gesundheit, bei seiner Geburt und ...“ Sie hielt plötzlich inne, und Tränen traten ihr in die Augen. Bau-yü konnte für sich sagen, daß er nun die Antwort auf ihre Fragen nur zu gut wußte. Wie er zurückdachte, verstand er immer deutlicher die Wichtigkeit seines Besuches in der ‚anderen Welt‘. Doch er sagte nichts und behielt diese Gedanken still für sich. Es war Hsi-tschun, die als Nächstes sprach: „Als der Jadestein verloren war, baten wir Miau-yü, das Geisterschreibgerät zu unserer Hilfe zu befragen. Die Antwort, die sie von dem Geist erhielt, enthielt folgende Zeilen: ‚An grünen Berges Fuß steht eine Kiefer, uralt. [...]‘ Es endete mit: ‚Tritt ein durch meine Tür, und dich erwartet eine freudige Begegnung!‘ Es gibt viele Gedanken, die mit den Worten ‚tritt durch meine Tür‘ in Verbindung gebracht werden könnten. Das Tor des Dharma ist sicherlich weit und allumfassend, doch irgendwie bezweifle ich, daß Vetter Bau-yü sich durchzwängen konnte, wer auch immer der ‚Folgende‘ sein sollte.“ Bau-yü schnaubte verächtlich. Bau-tschai bemerkte seine Reaktion, fröstelte unfreiwillig und starrte zerstreut in den Raum. „Du kannst doch deinen Buddha zu Rate ziehen“, warf Frau You ein. „Du willst doch immer noch in die Schwesternschaft eintreten, oder?“ Hsi-tschun lächelte und sagte: „Eigentlich, Schwiegerschwester, habe ich bereits den ersten Schritt gemacht. Vor langer Zeit habe ich geschworen, nur noch vegetarisch zu essen.“ „Mein Kind!“, sagte die Dame Wang, „im Namen von Buddha selbst! Nimm Abstand von dieser verrückten Idee!“ Hsi-tschun war still. Während dieses Austausches erinnerte sich Bau-yü an die zwei Zeilen, die er in einem der Register gelesen hatte: ‚Oje, die Tochter eines so großen Hauses An Buddhas Altar alleine schlafend.’ Er konnte einige leise Seufzer nicht zurückhalten. Dann erinnerte er sich an den Blumenstrauß und die Matte und blickte Hsi-jën an. Tränen füllten seine Augen. Als die Familie sah, auf welch merkwürdige Art er sich benahm, in der einen Minute lachend und in der nächsten weinend, konnten sie nur an Symptome seiner alten Anfälle denken. Keiner von ihnen wußte, daß ihre Reden Bau-yü eine plötzliche Erleuchtung bereitet hatten, mit dem Ergebnis, daß er sich Wort für Wort an jedes Gedicht aus den Registern seines Traumes erinnern konnte. Obwohl er nichts sagte, hatte er im Gedanken bereits einen neuen Entschluß gefaßt. Doch davon sehen wir ab. Nach Bau-yüs plötzlicher Erholung verbesserte sich seine Gesundheit täglich und durch die regelmäßige Einnahme seiner Medizin machte er beständige Fortschritte. Da nun sein Sohn außer Gefahr war, hatte Djia Dschëng Sorgen um den Sarg der Herzoginmutter, der eine lange Zeit im Tempel gelegen hatte, und wollte mit der Beerdigung fortfahren. Er selbst trauerte immer noch und war deshalb von seinen öffentlichen Verpflichtungen befreit. Es gab immer noch keine Nachricht darüber, wann oder ob Djia Schë begnadigt würde, daher entschied Djia Dschëng, aus eigenem Antrieb zu handeln und zu veranlassen, daß die sterblichen Überreste seiner Mutter in den Süden gebracht und dort vernünftig beerdigt würden. Er schickte nach Djia Liän, um dies zu besprechen. „Dein Vorschlag ist ausgezeichnet, Onkel“, sagte Djia Liän. „Es wäre das Beste, direkt damit zu beginnen. Wenn die Trauerzeit erst vorbei ist, wird es schwer sein, einen angemessenen Zeitpunkt zu finden. Vater ist nicht zu Hause, und es wäre anmaßend von mir, seine Aufgaben zu übernehmen. Mein einziges Bedenken sind die Kosten. Wir müssen einige tausend Tael aufbringen. Unser gestohlenes Eigentum muß ich leider als unwiederbringbaren Verlust notieren.“ „Damit habe ich mich bereits abgefunden“, sagte Djia Dschëng. „In der Abwesenheit deines Vaters habe ich eben nach dir geschickt, damit wir die besten Mittel und Wege besprechen können. Du kannst nicht gehen, dann wäre niemand mehr zu Haus. Ich werde selbst dorthin gehen und die Särge gleichzeitig transportieren. Ich werde etwas Unterstützung brauchen und denke daran, den jungen Djia Jung mitzunehmen. Es sind zusammen drei Särge, mitgezählt der seiner Frau und deiner Kusine Lin. Es war der Wunsch deiner Großmutter, daß ihre Enkelinnen mit ihr zusammen im Süden begraben werden. Und wegen des Geldes müssen wir halt irgendwo ein paar Tausend Tael leihen.“ – „Es gibt heutzutage nur noch wenig Großzügigkeit“, kommentierte Djia Liän bitter. „Du bist in Trauer, Onkel, und Vater ist im Exil. Ich fürchte, wir können das Geld nirgends aufbringen. Dann müssen wir wohl eine Hypothek auf unser Eigentum aufnehmen.“ „Doch unsere Residenz steht uns durch Kaiserlichen Erlaß zu,“ warf Djia Dschëng ein, „es steht uns nicht frei, so damit zu verfahren.“ – „Das ist wahr“, sagte Djia Liän, „doch wir haben anderes Eigentum, auf das wir eine Hypothek aufnehmen könnten. Nach deiner Trauerzeit kann es dann eingelöst werden und nach Vaters Rückkehr, – umso mehr, wenn er wieder eingesetzt wird. Unser wesentliches Bedenken ist, daß du dich mit so einer langen Reise in deinem Alter überlasten könntest.“ „Es ist ein Gefallen, den ich Großmutter schulde“, sagte Djia Dschëng, „während ich weg bin, zähle ich darauf, daß du den Haushalt führst und alles streng unter Kontrolle hältst.“ – „Mach dir darüber keine Sorgen“, sagte Djia Liän, „ich werde mein Bestes geben. Wenn du einige Diener mitnimmst, sind das einige Mäuler weniger, die es hier zu stopfen gilt, so könnten wir ein wenig sparen. Wenn du auf deinem Weg irgendwelche Hilfe brauchst, so reise in der Nähe der offiziellen Residenz von Lai Schang-jung, [dem Sohn des Verwalters Lai Da], ihn kannst du immer um Hilfe bitten.“ – „Ich trage allein die Verantwortung dafür“, kommentierte Djia Dschëng trocken, „warum sollte ich die Hilfe von irgend jemandem brauchen?“ – „Natürlich,“ stimmte Djia Liän zu und zog sich zurück, um seinen finanziellen Berechnungen nachzugehen. Djia Dschëng teilte Frau Wang seine Pläne mit, wies sie an, ein wachsames Auge auf den Haushalt zu werfen, und wählte einen günstigen Tag im Almanach aus, an welchem die Reise stattfinden sollte. Dann traf er seine Vorbereitungen für den Aufbruch. Bau-yü war nun wieder völlig gesund, Djia Huan und Djia Lan waren ernsthaft in ihre Studien vertieft. Djia Dschëng vertraute sie alle Djia Liän an und erinnerte ihn: „Dieses Jahr wird das Staatsexamen stattfinden. Huan wird es nicht beenden können, weil er immer noch um seine Mutter trauert. Es gibt nichts, was Lan davon abhalten könnte, doch da seine Trauerzeit nun kürzer ist, wird sie auch bald vorüber sein. Er und Bau-yü sollen das gemeinsam erledigen. Wenn sie das Examen bestehen und Provinzmagister werden, wird das helfen, die Familie von ihrer Schande zu befreien.“ Djia Liän versicherte ihm schnell, daß er seine Anweisungen ausführen werde. Djia Dschëng widmete sich dann länger den Hausangestellten, verabschiedete sich feierlich am Schrein der Ahnen, und er war, nachdem er einige Tage außerhalb der Stadt religiöse Dienste im Tempel verrichtet hatte, schließlich bereit, aufzubrechen. Verwalter Lin Dschï-hsiau und einige Diener reisten mit ihm. Einige Familienmitglieder begleiteten ihn ein Stück, um sich von ihm zu verabschieden. Er störte dabei keine weiteren Familienangehörige oder Freunde. Da nun Bau-yü den Auftrag hatte, am nächsten Beamtenexamen teilzunehmen, begann die Dame Wang, mehr Druck auf ihn auszuüben und schaute beständig nach dem Fortschritt seiner Arbeit, während Bau-tschai und Hsi-jën ihn durch stetige Lektüre unterstützten. Sie bemerkten die tägliche Verbesserung seines Geistes, doch ihnen war nicht bewußt, daß sich in ihm eine große, innere Wandlung vollzogen hatte, die ihn in eine unvorhergesehene für ihn äußerst widernatürliche Richtung führte. Zusätzlich zu seiner tief verwurzelten Geringschätzung weltlichen Erfolgs und Fortschritts hatte er auch eine tiefe Abneigung gegenüber allen romantischen Anlagen entwickelt – mit einem Wort, gegenüber der Liebe. Doch diese radikale neue Haltung wurde um ihn herum kaum wahrgenommen, und er sagte nichts zu dieser Erkenntnis. Dsï-djüan war eine der wenigen, die die frühen Symptome seines inneren Wandels bemerkt hatte, und sie zog ihre eigenen Schlüsse. Sie war gerade davon zurückgekehrt, Dai-yüs Sarg zur Anlegestelle zu begleiten und saß grübelnd und weinend in ihrem Zimmer. Sie dachte: „Wie kaltherzig Bau-yü ist! Er scheint es nicht im geringsten zu bedauern, daß Fräulein Lins Sarg nun fortgeschafft wurde. Er hat nicht mehr als eine einzige Träne vergossen. Er sah, wie ich mir die Augen ausweinte, und hat noch nicht ein- mal versucht, mich zu trösten, sondern starrte mich nur an und lächelte. Was für eine Enttäuschung! All die freundlichen Worte, die er in der letzten Zeit zu uns gesagt hatte, haben uns nur genarrt. Ein Glück, daß ich ihn am nächsten Abend durchschaut hatte und nicht nochmal darauf hereinfiel! Doch eines verstehe ich immer noch nicht. Er scheint sogar Hsi-jën gegenüber noch kälter geworden zu sein. Ich weiß, daß Frau Bau-tschai von Natur aus kein warmer Mensch war, – vielleicht hat sie seinen Wandel im Herzen gar nicht bemerkt. Doch was ist mit Schë-yüä und den anderen, fühlen sie sich nicht schlecht behandelt? Sie haben sich von ihren Gefühlen zum Narren halten lassen und ihr halbes Leben für ihn verschwendet, nur um jetzt so verlassen zu sein!“ Während sie grübelte, kam Wu-örl auf sie zu. „Weinst du immer noch um Fräulein Dai-yü?“, fragte Wu-örl, wie sie Dsï-djüans tränenüberflutetes Gesicht sah. „Wenn du meine Meinung über Herrn Bau-yü hören möchtest, ich denke, es ist Zeit, daß wir seinen Ruf vergessen und ihn so sehen, wie er wirklich ist. Man hatte mir immer gesagt, wie nett er sei, besonders gegenüber Mädchen. Deswegen hat sich meine Mutter so sehr darum bemüht, daß ich hier in Dienst treten kann. Von da an habe ich seit Beginn seiner Krankheit darauf gewartet. Doch wo es ihm nun besser geht, habe ich nicht ein freundliches Wort von ihm gehört. Ich glaube, er hat noch nicht einmal meine Anwesenheit bemerkt!“ Dsï-djüan brach in Gelächter aus zu dieser komischen Kummergeschichte. „Hör’ dich doch nur an, du kleiner Drachen!“, rief sie aus. „Wie soll Herr Bau-yü dich denn behandeln? Du solltest dich wirklich schämen! Wenn er sich noch nicht einmal für die Mägde interessiert, die ihm am nächsten stehen, erwartest du, daß er dann Zeit für dich findet?“ Sie lachte wieder und hielt Wu-örl einen mahnenden Finger vors Gesicht. „Wer bist du, daß du glaubst, Bau-yüs Gefühle für dich beanspruchen zu können?“ Wu-örl errötete über ihre eigene Dummheit. Sie wollte gerade erklären, daß es nicht ihre Behandlung von Bau-yü war, die ihr Sorge machte, sondern die aller Mägde, doch dann rief jemand von innen: „Der Mönch ist zurück! Und er verlangt seine zehntausend Tael! Die Dame weiß nicht, was zu tun ist, und wollte, daß Herr Liän mit ihm spricht, doch Herr Liän ist nicht zu Hause! Der Mönch ist draußen, tobt und schimpft vor sich hin. Die Herrin möchte, daß Frau Bau-tschai hinübergeht und sich mit ihr bespricht.“ Um herauszufinden, wie sie den Mönch beruhigten, lese man bitte das nächste Kapitel.

Anmerkungen

  1. Chinesische Bezeichnung für die ‚Drachenaugenwurz’, Linkeng, z. T. tropische Obstbäume mit pflaumengroßen Früchten, deren fleischiger Samenmantel eßbar ist.