Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 118"

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== 记微嫌舅兄欺弱女 / 惊谜语妻妾谏痴人 ==
 
== 记微嫌舅兄欺弱女 / 惊谜语妻妾谏痴人 ==
  
wachsinniger.
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'''Von beißender Abneigung getrieben, planen Onkel und Vetter den Untergang eines unschuldigen MädchensVon rätselhaften Äußerungen alarmiert, protestieren Frau und Dienerin gegen ihren verwirrten Herrn.'''
„Das Register weltlichen Ruhmes betretend,
 
Durchbricht er die erste Schranke seines weltlichen Käfigs.“
 
Wir müssen nun Bau-yü und Djia Lan auf ihrem Weg zum Examen verlassen und zu Djia Huan zurückkehren. Die Aufregung über die Abreise der ‚Kandidaten‘ hatte in ihm ein noch ärgerlicheres Gefühl als zuvor hinterlassen, und mit ihrer Abwesenheit hatte er nun die Freiheit, seinen Plan auszuführen: „Rache an meiner eigenen Mutter! Jetzt ist niemand mehr im Haus und die Dame Hsing wird tun, was ich sage. Ich muß niemanden fürchten.“
 
Mit entschlossenem Schritt eilte er zur Dame Hsing, um seinen Respekt zu erweisen, und unterhielt sich mit ihr in einem äußerst unterwürfigen Ton. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt und sagte zu ihm: „Jetzt sprichst du wie ein intelligentes Kind! Natürlich bin ich der Mensch, der die Entscheidung bei einer Gelegenheit wie der von Tchiau-djie zu treffen hat. Es war sehr dumm von deinem Vetter Liän, seine Mutter nicht zu achten und das in die Hände eines anderen zu legen.“ –
 
„Was den Prinzen betrifft, ist es deine Seite der Familie, die er erkennt“, sagte Djia Huan. „Die ganze Sache ist besiegelt, und sie bereiten nun eine große Fuhre an Geschenken für euch vor. Wenn dieser Prinz mit deiner Enkelin verheiratet ist, wird Onkel Schë dir eine wichtige Position verleihen müssen. Es wird uns allen zugute kommen. Ich möchte Mutter bestimmt nicht kritisieren, doch während der ganzen Zeit, als Yüän-tschun eine Kaiserliche Konkubine war, hat sie uns nicht gerade freundlich behandelt. Ich hoffe, Tchiau-djie wird nicht so undankbar sein. Ich muß mit ihr sprechen.“ –
 
„Ja, du solltest mit ihr reden“, sagte die Dame Hsing, „so wird sie sehen, was Du alles für sie getan hast. Ich bin sicher, wenn ihr Vater zu Hause wäre, hätte er nie eine so gute Partie für sie gefunden! Diese dumme Kreatur Ping-örl hat Dinge dagegen gesagt und protestiert, sodaß Deine Mutter nicht zustimmt. Es ist wahrscheinlich nicht mehr als wirres Gezeter. Wir dürfen keine Zeit verlieren, sonst kommt Liän zurück, und sie werden ihn auch gegen uns aufhetzen, und wir werden das Ganze nie durchbekommen.“
 
„Was den Prinzen betrifft, ist die Sache bereits fest beschlossen“, sagte Djia Huan. „Sie warten nur darauf, daß du das Horoskop schickst. Dann wird sie nach prinzlichem Brauch drei Tage später zur Hochzeit abgeholt. Es gibt nur eine Bedingung, die zu berücksichtigen ist. Sie sagen, in Anbetracht der Umstände, weil es nicht ordnungsgemäß ist, die Enkelin eines entehrten Beamten zu ehelichen, das daß Ganze ohne große Zeremonie ablaufen wird. Später, wenn Onkel Schë begnadigt und wieder in sein Amt eingesetzt ist, wird die Vereinigung mit allen Festlichkeiten gefeiert werden.“ –
 
„Natürlich stimme ich zu“, sagte die Dame Hsing, „was sie vorschlagen, ist nur richtig.“ –
 
„In diesem Fall mußt du ihnen dann nur noch die Acht Zeichen für Tchiau-djies Horoskop schicken.“ –
 
„Dummer Junge! Was können wir Frauen denn machen? Sage besser Yün, er soll es dir aufschreiben!“
 
Djia Huan war über die Antwort der Dame Hsing begeistert und stimmte ihrem Vorschlag umgehend zu, welcher ihm sehr entgegenkam. Er eilte hinüber, um sich mit Djia Yün zu besprechen, und bat Wang Jën, zum Palast des Prinzen zu gehen, um den Vertrag zu unterschreiben und das Geld zu empfangen.
 
Die Unterhaltung zwischen Djia Huan und der Dame Hsing wurde von einer der Mägde der Dame Hsing gehört, welche mit Ping-örl sehr vertraut war und die deshalb, sobald sich die passende Gelegenheit bot, sofort zu Ping-örl ging und ihr erzählte, was vorgefallen war. Ping-örl hatte die ganze Zeit gewußt, daß dieser Heiratsplan nicht Gutes bringen würde, und hatte Tchiau-djie bereits alles erzählt, was sie darüber wußte. Als sie erstmals hörte, daß sie verheiratet werden sollte, hatte Tchiau-djie die ganze Nacht geweint, sie bestand darauf, daß man auf die Rückkehr ihres Vaters wartete, bevor eine Entscheidung getroffen würde, und verlangte, daß man der Dame Hsing nicht gehorchen sollte. Nun, da die letzten Neuigkeiten eingetroffen waren, begann sie zu heulen und wollte sich selbst bei der Dame Hsing beschweren. Ping-örl hielt sie allerdings davon ab: „Sie müssen sich beruhigen, Fräulein. Die Dame Hsing ist Ihre eigene Großmutter und, da Ihr Vater fort ist, hat sie das Recht, diese Entscheidung zu treffen. Außerdem unterstützt sie Ihr eigener Onkel. Alle hängen darin zusammen und Sie sind allein. Sie werden sie nicht davon abbringen können. Und ich bin nur eine Magd, ich kann nichts sagen. Wir müssen uns selbst einen Plan überlegen und nicht unüberlegt handeln!“
 
„Seid besser schnell“, riet ihnen die Magd der Dame Hsing, „in wenigen Tagen wird Fräulein Tchiau-djie mitgenommen.“
 
Mit diesen düsteren Worten kehrte sie in die Gemächer der Dame Hsing zurück.
 
Ping-örl drehte sich um und sah, wie Tchiau-djie zusammengekauert dalag und untröstlich weinte. Sie streckte eine Hand aus, um sie etwas zu trösten: „Es bringt nichts zu weinen, Fräulein. Es gibt jetzt nichts, was Ihr Vater für Sie tun könnte. Von dem, was sie sagen, scheint es, als ob...“
 
Bevor sie ihren Satz beenden konnte, erschien ein Botschafter der Dame Hsing und kündigte an: „Dies ist in der Tat ein glücklicher Tag für Fräulein Tchiau-djie! Würde Ping-örl bitte vorbereiten, was immer Fräulein Tchiau-djie gern mit sich nehmen möchte. Ihre Aussteuer kann bis Herrn Liäns Wiederkehr warten.“
 
Ping-örl tat so, als würde sie diesen Anweisungen gehorchen, bis die Dame Wang selbst erschien. Tchiau-djie umarmte sie ängstlich und weinte in ihren Schoß. Die Dame Wang weinte selbst: „Sei doch nicht traurig, Kind. Ich habe mit deiner Großmutter gesprochen und alles getan, was ich für dich tun kann, und man entgegnete mir nichts als Beleidigungen. Ich kann sie nicht davon abbringen. Wir müssen das nun durchstehen und alles so weit wie möglich hinauszögern. Währenddessen müssen wir jemanden zu deinem Vater schicken, um ihm zu berichten, was hier vorgeht.“
 
„Doch habt ihr es nicht gehört, Herrin?“, sagte Ping-örl, „an diesem Morgen war Herr Huan bei der Dame Hsing. Nach Brauch des Prinzen wird die Braut in drei Tagen abgeholt. Die Dame Hsing hat bereits Herrn Yün gebeten, das Horoskop vorzubereiten. Wenn Herr Liän zurückkehrt, wird alles schon vorbei sein!“
 
Wie sie hörte, daß Huan involviert war, war die Dame Wang sprachlos vor Zorn. Dann brüllte sie heraus: „Bringt ihn zu mir! Bringt ihn zu mir! Zu mir!“ Ein Diener befolgte gehorsam ihren Befehl, doch kehrte mit der Nachricht zurück, daß Herr Huan an diesem Morgen bereits früh mit Herrn Djia Tchiang und Herrn Wang Jën ausgegangen sei.
 
„Wo ist der Djia Yün?“, fragte die Dame Wang.
 
„Das wissen wir nicht“, lautete die Antwort.
 
Die Leute versammelten sich in Tchiau-djies Zimmer und standen untätig herum. Die Dame Wang besaß nicht mehr die Nerven, um sich direkt mit der Dame Hsing auseinanderzusetzen. Jeder weinte bitterlich auf der Schulter des anderen.
 
Gerade als die Schwermut ihren Tiefpunkt erreicht hatte, kam ein Dienstmädchen herein, um anzukündigen, daß Oma Liu am Tor des Hauses angekommen war.
 
„Wir sind alle völlig durcheinander“, kommentierte die Dame Wang, „wie können wir in so einem Moment Gäste empfangen? Sucht eine Entschuldigung und bittet sie zu gehen.“ –
 
„Vielleicht sollten Sie sie hereinbitten, Herrin“, sagte Ping-örl, „sie ist immerhin Tchiau-djies Ziehmutter. Wir sollten ihr sagen, was hier abläuft.“
 
Die Dame Wang sagte nichts. Die Amme verließ das Zimmer und kehrte kurze Zeit später mit Oma Liu zurück, die alle anwesenden Damen begrüßte. Als sie sah, daß ihre Augen vom Weinen gerötet waren und da sie nicht wußte, was los war, fragte sie nach einigem Zögern: „Was geht hier vor? Trauert ihr um Frau Liän?“
 
Die Erwähnung ihrer Mutter ließ Tchiau-djie wieder hemmungslos weinen.
 
„Es gibt keinen Grund, dir die Sache vorzuenthalten, Großmutter“, sagte Ping-örl. „Und als ihre Ziehmutter sollten sie die Wahrheit wissen.“
 
Sie erzählte Oma Liu nun die ganze Geschichte. Zuerst war Oma Liu entsetzt. Dann, nach einer langen Stille, begann sie zu lachen. „Eine kluge, junge Frau wie du sollte mit schwierigeren Dingen zurecht kommen. Schaut euch die ganzen Balladen an, sie sind voll schlauer Handlungen und Modelle zur Lösung vieler Probleme.“
 
„Oh, Oma Liu!“, flehte Ping-örl, „wenn dir eine Möglichkeit einfällt, so sag’ sie uns bitte!“ –
 
„Es ist ganz einfach“, sagte die alte Frau. „Wir dürfen es aber niemandem erzählen, und wir müssen einen schnellen Weg und ein Versteck finden – mehr brauchen wir nicht.“ –
 
„Das könnt ihr nicht ernst meinen!“, protestierte Ping-örl, „wo könnte sich eine Familie wie die unsere verstecken?“ –
 
„Nun“, sagte Oma Liu, „wenn ihr bereit dazu seid – und das geht nur, wenn ihr beide in unsere Stadt kommt. Ich kann Fräulein Tchiau-djie verstecken und zur gleichen Zeit werde ich meinen Schwiegersohn beauftragen, einen Mann mit einem Brief, den Fräulein Tchiau-djie selbst schreiben muß, direkt zu Herrn Liän zu schicken. Wenn er erst angekommen ist, wird sich gewiß alles von selbst ergeben.“
 
„Und wenn die Dame Hsing es herausfindet?“, fragte Ping-örl. „Wissen sie, daß ich hier bin?“, fragte Oma Liu.
 
„Die Dame Hsing lebt vorn und, da sie die Leute immer so garstig behandelt, erzählt ihr niemand, was los ist. Wärt ihr durch das vordere Tor gekommen, hätte sie vielleicht davon gewußt. Aber so, wie es aussieht, haben wir nichts zu befürchten.“
 
„Nun gut“, sagte Oma Liu, „wir vereinbaren einen Zeitpunkt, und dann trage ich meinem Schwiegersohn auf, einen Wagen zu euch zu schicken.“ –
 
„Wir dürfen keine Zeit verlieren“, drängte Ping-örl, „wir müssen so schnell wie möglich sein.“
 
Sie ging mit der Dame Wang in den inneren Raum, und nachdem sie alle Diener fortgeschickt hatte, erklärte sie ihr Oma Lius Plan. Die Dame Wang dachte gründlich darüber nach und befand ihn als zu riskant.
 
„Doch es ist unsere einzige Hoffnung!“, flehte Ping-örl, „wenn ich ehrlich zu Ihnen sein darf, Herrin, denke ich, Sie sollten es tun. Sie müssen vorgeben, nichts davon zu wissen. Später können Sie dann zur Dame Hsing gehen und sie fragen, wo Tchiau-djie hingegangen ist. Man wird Herrn Liän eine Nachricht schicken, und sicherlich wird er kurz darauf hier sein.“
 
Die Dame Wang blieb ruhig und seufzte tief. Tchiau-djie hatte sie reden gehört und fügte ihr Flehen dem von Ping-örl hinzu: „Oh Tantchen, bitte! Rette mich! Ich weiß, daß Vater dir dankbar sein wird, wenn er zurückkommt.“
 
„Wir müssen mit dem Plan beginnen“, sagte Ping-örl entschlossen. „Ihr könnt in eure Gemächer zurückkehren, Herrin. Doch schickt bitte jemanden, der Tchiau-djies Zimmer bewacht.“ –
 
„Nun gut, doch haltet es geheim!“ drängte die Dame Wang. „Und ihr beide, denkt daran, so viele Kleider und Bettzeug wie möglich mitzunehmen.“ –
 
„Wenn es klappen soll, müssen wir vor allem schnell sein“, sagte Ping-örl, „wenn sie mit dem unterschriebenen Vertrag zurückkommen, wird es zu spät sein!“
 
Das schien die Dame Wang wieder zur Vernunft zu bringen: „Ja! Natürlich! Ihr müßt euch beeilen! Ihr könnt euch auf mich verlassen!“ Die Dame Wang kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und bemühte sich, die Dame Hsing in eine Konversation zu verwickeln und hielt sie damit in Schach.
 
Ping-örl beauftragte einen Diener, ihre Sachen vorzubereiten, mit der An­weisung, dabei nicht zu heimlich zu erscheinen. „Wenn irgend jemand
 
her­­einkommt und sieht, was du tust, sag’ einfach, du führst die Anweisungen der Dame Hsing aus und daß du eine Kutsche für Oma Lius Heimreise bestellst.“ In der Zeit wurden die Männer am hinteren Tor bestochen und angewiesen, eine Kutsche zu besorgen. Ping-örl kleidete Tchiau-djie so, daß sie wie Oma Lius Enkelin Tjing-örl aussah und eilte mit ihr hinaus. Sie gab vor, sich von der „Liu Familie“ verabschieden zu wollen und sprang in letzter Minute selbst in die Kutsche. Obwohl das hintere Tor durchgehend geöffnet war, gab es nur einen oder zwei Männer, die es pflichtgemäß zu bewachen hatten. Für die verschiedenen anderen Hausangestellten war das Anwesen so groß und unterbesetzt  – in der Tat beinahe menschenleer –, daß es sicher war,
 
  
Aus: Chengjiaben 1791.
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Die Damen Hsing und Wang schlossen aus Frau Yous Worten, daß die Situation nicht zu retten war.
daß ihre Abreise unbemerkt blieb. Allerdings  hatte die Dame Hsing den Ruf, gemein zu den Dienern zu sein, und diese mißbilligten, soweit sie es wußten, was sie mit Tchiau-djie vorhatte. Außerdem waren sie auf Ping-örls Seite und allzu bereit, Tchiau-djies Flucht zu übersehen. Die Dame Hsing war überaus erfolgreich in eine Diskussion mit der Dame Wang vertieft und vernahm absolut nichts von der Flucht.
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„Wenn unsere Nichte es wünscht, eine Nonne zu werden“, sagte die Dame Wang mit resignierendem Unterton, „dann muß dies in einem früheren Leben bestimmt worden sein. Dies ist offensichtlich ihr Karma, und wir können nichts tun, um das abzuwenden. Dennoch sieht es sehr schlecht für ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren aus, wenn sie in ein Kloster geht. Das ist unvorstellbar.
Die Dame Wang war immer noch sehr vorsichtig. Nachdem sie mit der Dame Hsing gesprochen hatte, begab sie sich auf den Weg zu Bau-tschai, versuchte dabei, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen und saß dort, erfüllt von Zweifeln am Erfolg des Unternehmens. Als sie sah, wie abgelenkt die Dame Wang war, fragte Bau-tschai sie, was in ihr vorging und diese erzählte ihr alles im Vertrauen.
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Sie wandte sich an Hsi-tschun: „Deine Schwiegerschwester hat dir die Erlaubnis erteilt, und wir können ihr nur zustimmen. Doch ich muß dich bitten, nicht deinen Kopf zu rasieren. Was zählt, ist deine gedankliche Haltung, nicht deine Frisur. Auch Miau-yü hat ihre Haare nicht rasiert. Und ich muß wieder sagen, daß ich dieses schreckliche Geschäft nicht verstehe! Wie konnte sie sich nur so leicht verführen lassen? Doch egal, wenn du wirklich fest dazu entschlossen bist, dann werden wir uns um deine Unterkunft in geweihten Räumen kümmern. Deine Diener und Mägde sollten bald dorthin geschickt werden, und wir lassen ihnen die Wahl. Diejenigen, die bei dir bleiben wollen, können dies tun, und für die anderen werden wir einen Ehemann finden.
„Das ist sehr gefährlich!“, meinte Bau-tschai, „wir müssen schnell Djia Yün finden und ihm auftragen, sein Vorhaben aufzugeben.“ –
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Hsi-tschun hörte schließlich auf zu weinen und verbeugte sich dankbar vor den Damen Hsing und Wang, Li Wan, Frau You und den anderen Anwesenden.
„Aber ich kann noch nicht einmal Huan finden!“, klagte Frau Wang.
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Frau Wang wandte sich nun an Tsai-ping und Hsi-tschuns andere Mägde:„Welche von euch möchte das religiöse Leben eurer Herrin teilen?“ –
„Verhalte dich so, als wüßtest du überhaupt nichts“, empfahl ihr Bau-tschai, „ich werde jemanden finden, der es der Dame Hsing berichtet.
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„Wir werden tun, was immer Sie befehlen, Herrin“, lautete ihre Antwort.
Die Dame Wang nickte und verließ Bau-tschai, um ihren Plan fortzusetzen.
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Die Dame Wang konnte sich sagen, daß keine von ihnen es wirklich wollte und überlegte, wer sonst eine passende Begleitung für Hsi-tschuns neues Leben war. Hsi-jën stand hinter Bau-, erwartete nach Hsi-tschuns Entscheidung zu sehen, daß er weinte oder einen seiner Anfälle bekäme, doch zu ihrer Überraschung und zu ihrem Kummer, seufzte er nur vor Bewunderung und sagte: „Daß ich das erleben darf!
Unsere Geschichte widmet sich nun dem Mongolischen Prinzen. Dieser junge Edelmann war in der Tat nach nichts anderem auf der Suche, als nach ansehnlichen Konkubinen für seinen Harem und nach der Empfehlung eines professionellen Vermittlers hatte er zwei seiner Frauen geschickt, um Tchiau-djie genau zu betrachten. Als sie zurückkamen und ihr Herr sie über die Herkunft der jungen Dame befragte, wagten sie nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Der Prinz war beinahe erschrocken zu hören, daß sie einer so alten und noblen Familie entstammte: „Das ist doch ungeheuerlich! So etwas ist streng verboten! Ich war kurz davor, ein ernsthaftes Verbrechen zu begehen. Außerdem wurde ich bereits bei Seiner Majestät zu einer Audienz geladen und werde in Kürze einen passenden Tag wählen, mich auf die Rückkehr von meiner Reise zu begeben. Falls jemand kommen sollte, um die Angelegenheit weiter zu verfolgen, schickt ihn fort!“
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Bau-tschai gab keinen Kommentar ab. Doch sie hielt ständig Ausschau nach verräterischen Zeichen, um die Gefühle und Absichten ihres Ehemannes einzuschätzen und konnte über dieses offensichtliche Zeichen seines verwirrten Geistes, wie sie glaubte, nur still weinen.
Dies war genau der Tag, an welchem Djia Yün und Wang Jën dem Palast Tchiau-djies Horoskop überbringen wollten. Als sie ankamen, erhielten sie einen groben Empfang: „Seine Hoheit haben angeordnet, daß jede Person, die es wagt, ein Mitglied der Familie Djia zu entehren, wie ein gewöhnlicher Bürger verhaftet und einem Gerichtsverfahren unterzogen wird. Was für eine abscheuliche Art, sich in solch friedlichen Zeiten so zu verhalten!“
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Die Dame Wang wollte gerade alle Mägde zur Versammlung rufen, um sie zu befragen, als Dsï-djüan plötzlich erschien und vor ihr niederkniete:
Wang Jën und Djia Yün schlichen sich sofort kleinlaut wieder zurück, grummelten zu sich selbst, daß jemand sie betrogen habe, und gingen übelgelaunt getrennte Wege.
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„Haben sie bereits entschieden, Madam, wer dazu geeignet ist, Fräulein Hsi-tschun aufzuwarten?“
Djia Huan wartete zu Hause auf Neuigkeiten und war sehr bestürzt, als er die Vorladung der Dame Wang erhielt. Er sah Djia Yün allein nach Hause kommen und eilte zu ihm: „Und? Ist alles in die Wege geleitet?“
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„Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu zwingen“, antwortete Frau Wang, „wer bereit dazu ist, soll seine Stimme erheben.“ –
Djia Yün stampfte wütend auf den Boden: „Es ist fürchterlich! Irgend etwas ist schief gelaufen! Ich frage mich, wer dafür verantwortlich ist!“
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„Fräulein Hsi-tschun hat ein religiöses Leben gewählt“, sagte Dsï-djüan. „Doch es scheint, daß keine ihrer Mägde ihr Bestreben teilt. Es gibt etwas, das ich gern sagen möchte, Herrin. Zwar wünsche ich nicht, daß Fräulein Hsi-tschun von ihren Mägden getrennt wird, doch man strebt nicht immer nach demselben. Ich habe Fräulein Dai-yü eine lange Zeit gedient, und wie ihr wißt, Herrin, hat sie mich mit einer Güte behandelt, die ich niemals zurückzahlen kann. Als sie starb, war es mein einziger Wunsch, ihr ins Grab zu folgen. Doch weil sie kein Mitglied dieser Familie war und weil ich auch euch allen so viel zu verdanken habe, war es zu schwer für mich, diesen Schritt zu gehen. Da Fräulein Hsi-tschun nun wünscht, eine Schwester zu werden, bitte ich Sie Herrin, daß ich sie begleiten und ihr den Rest meines Lebens dienen darf. Wenn Sie, Herrin, mir nur diesen einen Wunsch erfüllen, werde ich mein Glück finden!“
Er erzählte Huan die ganze Geschichte, der zuerst sprachlos vor Wut war, dann platzte er heraus: „Noch an diesem Morgen war ich bei der Dame Hsing und schwärmte ihr von dieser Heirat vor. Aber was soll ich jetzt machen? Ihr wollt mich ruinieren!“
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Als Dsï-djüan zu Ende gesprochen hatte und noch bevor die Damen Hsing und Wang antworten konnten, lachte Bau-yü, der zunächst bei der Erwähnung von Dai-yüs Namen in einen Zustand des Kummers verfallen war, plötzlich laut auf und sprach: „Eigentlich liegt es nicht an mir, das zu sagen, ich weiß, doch da ihr so gut wart, Dsï-djüan zum Arbeiten in meine Gemächer zu schicken, Mutter, hoffe ich, daß ich meine Gedanken frei äußern darf. Bitte erfüllt ihr diesen Wunsch, und erlaubt ihr, diese Entscheidung zu treffen.“  
Gerade als sie überlegten, wie sie die Situation retten könnten, ertönte ein wirrer Lärm aus den inneren Gemächern. Sie hörten, wie ihre eigenen Namen gerufen wurden, „von den Damen verlangt“ und sie schlichen sich beschämt in die Gemächer der Dame Wang.
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„Wenn irgendeine andere Kusine wegen einer Heirat das Haus verläßt“, antwortete die Dame Wang, „würdest du dir die Augen ausweinen. Doch jetzt, da Hsi-tschun uns verlassen möchte, weil sie eine Nonne werden will, bestärkst du sie noch, anstatt sie davon abzubringen. Ich fürchte, ich verstehe überhaupt nicht mehr, was in dir vorgeht.“
„Da habt ihr ja etwas Tolles angerichtet!“, rief die Dame Wang, die sie bereits wutentbrannt erwartete. „Also, jetzt habt ihr Tchiau-djie und Ping-örl in den Tod getrieben! Das Letzte, das ihr tun könnt, ist ihre Leichen zurückbringen.
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„Laßt mich zuerst wissen, ob diese Angelegenheit fest beschlossen ist“, sagte Bau-yü. „Ist Hsi-tschun wirklich fest davon überzeugt? Und hat man ihr endgültig die Erlaubnis erteilt? Wenn das wirklich wahr ist, dann gibt es noch ewas, das ich dir erzählen muß, Mutter. Doch wenn es noch nicht sicher ist, muß ich zurückhalten, was ich weiß.“
Beide knieten zu ihren Füßen nieder. Djia Huan wagte nicht, seinen Mund zu öffnen, doch Djia Yün neigte seinen Kopf und sagte: „Ich hätte nie gewagt, es selbst zu tun. Wir haben diese Heirat nur vor euch erwähnt, Großtante, weil Großonkel Hsing und Onkel Wang es vorgeschlagen haben. Es war alles ihre Idee. Dann stimmte Großtante Hsing allem zu und bat mich, das Horoskop zu schreiben. Jetzt will die andere Seite aussteigen. Wie könnt ihr uns beschuldigen, Tchiau-djie in den Tod getrieben zu haben?“  
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„Was für eine seltsame Art zu reden!“, bemerkte Hsi-tschun.„Ganz im Ernst, glaubst du wirklich, ich hätte meine Tanten so einfach überzeugen können? Ich fühle mich genauso wie Dsï-djüan: Wenn sie mich tun lassen, was ich wünsche, halte ich das für einen Segen. Wenn nicht, dann sterbe ich lieber, als mein Leben so weiter zu führen! Also gibt es nichts zu befürchten. Was immer du zu sagen hast, sag’ es.“ –
„Huan hat deiner Großtante Hsing erzählt, daß sie in drei Tagen ankommen würden, um das Mädchen mitzunehmen“, sagte Frau Wang. „Wer hat je von einer ordnungsgemäßen Hochzeit gehört, die in so einer Eile vollzogen wird? Ich werde keine weiteren Fragen stellen. Gebt mir nur Tchiau-djie zurück! Wir werden sehen, was Herr Dschëng bei seiner Ankunft entscheiden wird, wie mit euch zu verfahren ist.“
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„Wenn ich dir das sage, würde ich kaum ein Geheimnis verraten“, sagte Bau-yü, „Es bezieht sich auf etwas, das ohnehin vorherbestimmt ist. Ich bitte euch alle zuzuhören, während ich ein Gedicht vortrage.“ –
Die Dame Hsing weinte in stiller Scham. Die Dame Wang wandte sich als  nächstes an Djia Huan: „Die unglückliche Frau Dschau hat ihren Sohn offensichtlich genauso niederträchtig hinterlassen, wie sie selbst war!“
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„Also wirklich!“ ermahnten sie ihn. „In so einem Moment, in dem Menschen wirklich leiden, denkst du nur an Poesie! Wie fürchterlich!“
Sie rief eine der Mägde, um ihr zu helfen, und begab sich ins Schlafgemach.
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„Es ist keines von mir. Ich habe es einmal irgendwo gesehen. Ich möchte doch nur, daß ihr zuhört.
Alleingelassen begannen Djia Huan, Djia Yün und die Dame Hsing, sich gegenseitig zu beschuldigen, bis einer von ihnen sagte: „Was bringt es denn, sich einander die Schuld zuzuschieben? Das Mädchen ist möglicherweise gar nicht tot. Ping-örl hat sie mit Sicherheit bei irgend einem Verwandten versteckt.“
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„Nun gut. Dann beeil’ dich. Genug mit dem Geplauder!“ Bau-yü versuchte nicht, sich weiter zu erklären, sondern begann seinen Vortrag:
Die Dame Hsing rief die Wächter von den vorderen und hinteren Toren zu sich und, nachdem sie sie ermahnt hatte, fragte sie sie, wo Tchiau-djie und Ping-örl hingegangen seien.
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„Wenn du den Zustand der kurzlebigen Frühlingsszenerie betrachtest,
„Es nützt nichts, uns zu fragen, Herrin“, antworteten sie wie aus einem Munde. „Fragt einen der Verwalter, die sollten es eigentlich wissen. Ihr müßt euch keine Sorgen machen, Herrin. Falls die Dame Wang uns befragen sollte, werden wir auch ihr nichts erzählen können. Wenn einer von uns geschlagen wird oder eine Strafe bekommt, so müssen wir alle bestraft werden. Seit Herr Liän gegangen ist, war es eine reine Schande, was in dem Anwesen vorgefallen ist. Wir haben noch nicht einmal unseren Lohn oder die monatliche Getreidezuteilung erhalten. Sie waren nur am Trinken und am Spielen, am Herumschäkern mit hübschen, jungen Theater-Schauspielerinnen, Mädchen wurden eingeladen sollten sich so die Herren der Familie verhalten?
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wird die Tracht einer schwarzen Nonne bald deine eigene ersetzen.
Djia Yün und Djia Huan waren still. Es kam ein Diener der Dame Wang mit neuen Anweisungen, Ping-örl und Tchiau-djie so schnell wie möglich zu finden, was sie in noch größere Verzweiflung stürzte. Sie wagten noch nicht einmal, die Diener in Tchiau-djies eigenen Gemächern zu befragen, da sie wußten, daß sie zu feindselig waren, um ihnen zu verraten, wohin die beiden verschwunden sein könnten. Dies konnten sie jedoch der Dame Wang kaum sagen. Stattdessen befragten sie das Haus eines jeden Verwandten und fanden immer noch nicht die geringste Spur. Die Dame Hsing in den inneren und Djia Huan in den äußeren Gemächern verbrachten einige hektische Tage und Nächte.
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Oje, diese Tochter aus solch einem reichen Hause,
Zuletzt kam der Tag, an dem die Prüfungen beendet waren und die Kandidaten aus ihren Zellen freigelassen wurden. Die Dame Wang wartete gespannt auf die Rückkehr von Bau-yü und Djia Lan, und als der Mittag kam und es immer noch kein Zeichen von ihnen gab, begannen sie, Li Wan und Bau-tschai, sich alle zu sorgen; sie schickten einen Diener nach dem anderen, um herauszufinden, was aus ihnen geworden war. Die Diener konnten keine Neuigkeiten überbringen, und keiner von ihnen wagte es, mit leeren Händen zurückzukehren. Später wurde eine weitere Gruppe mit demselben Auftrag losgeschickt, doch mit dem gleichen Ergebnis. Die drei Damen waren außer sich vor Angst.
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sollte an Buddhas Altarlicht alleine schlafen.
 
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Li Wan und Bau-tschai riefen beide entsetzt: „Oje, er ist radikal geistlich geworden!“
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Die Dame Wang schüttelte ihren Kopf und seufzte: „Bau-yü, wo hast du dieses Gedicht nur gelesen?“
Als der Abend anbrach, kehrte schließlich einer zurück: es war Djia Lan. Sie waren froh, ihn zu sehen und fragten sofort: „Wo ist Bau-yü?“
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Bau-yü war unwillig, noch mehr zu sagen und bemerkte nur: „Bitte frag’ nicht, Mutter! Denke nur an diese Worte!“
Er grüßte sie noch nicht einmal und brach sofort in Tränen aus. „Verloren!“ schluchzte er.
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Als die Bedeutung des Gedichtes ihr langsam einleuchtete, begann die Dame Wang wieder zu schluchzen: „Letztens sagtest du, es sei ein Scherz, als du davon gesprochen hattest, selbst ein Mönch zu werden. Und nun plötzlich dieses Gedicht! Genug! Ich verstehe. Was soll ich tun? Es gibt nichts, das ich tun kann, außer dich deine eigenen Wege gehen zu lassen. Wenn du nur damit gewartet hättest, bis ich tot bin! Dann hättet ihr machen können, was ihr wollt!“
Für einige Minuten war die Dame Wang taub. Dann brach sie bewußtlos auf ihrem Ofenbett zusammen. Glücklicherweise waren Tsai-yün und einige der anderen Mägde da, um ihr zu helfen, und sie brachten sie wieder zu sich, dabei weinten sie selbst hysterisch. Bau-tschai starrte mit einem gläsernen Ausdruck in den Augen vor sich hin, während Hsi-jën unentwegt schluchzte. Das einzige, wozu sie Zeit gefunden hatten, war Djia Lan zu schelten:
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Bau-tschai versuchte, sie zu trösten, war aber selbst kaum dazu in der Lage. Der Schmerz, den sie ertragen mußte, durchstach ihr Herz wie ein Messer, und dann brach sie zusammen und begann bitterlich zu weinen. Hsi-jën weinte ebenso und mußte von Tjiu-wën gestützt werden. Bau-yü vergoß weder eine Träne, noch bot er irgendeinen Trost an. Er blieb völlig still. Djia Lan und Djia Huan waren bereits gegangen, und nur Li Wan konnte noch versuchen, die Situation zu retten: „Ich glaube einfach, daß Bau-yü selbst über Hsi-tschuns Entscheidung zu traurig ist, daß er nicht mehr weiß, was er sagt. Wir sollten das nicht zu ernst nehmen. Dsï-djüan muß trotzdem eine Antwort erhalten. Wir müssen sie aufstehen lassen. Wird ihre Bitte nun erfüllt oder nicht?“
„Dummkopf! Du warst bei Bau-yü – wie konnte er verloren gehen?“
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„Welchen Unterschied macht das schon?“, antwortete die Dame Wang. „Sie hat sich das gut genug überlegt und, wenn jemand fest zu etwas entschlossen ist, kann ihn nichts mehr aufhalten. Ohne Zweifel wird uns Bau-yü erzählen, daß Dsï-djüans Entscheidung vorherbestimmt war.“
„Vor dem Examen waren wir im selben Zimmer, wir aßen zusammen, wir schliefen zusammen. Sogar als er hinein ging, waren wir nicht voneinander getrennt, wir waren stets in Sichtweite des Anderen. Heute früh hatte Onkel Bau-yü seinen Zettel eher beendet und wartete auf mich. Wir gaben unsere Zettel zur selben Zeit ab und gingen zusammen. Als wir das Drachentor draußen  erreicht hatten, war dort eine große Menge, und ich habe ihn aus den Augen verloren. Die Diener, die uns abholen wollten, fragten mich, wo er sei, und Li Guee sagte ihnen: „Soeben war er noch klar wie Tageslicht hier, im nächsten Moment war er weg. Wie kann er so plötzlich in der Menge verschwunden sein?Ich habe Li Guee und den anderen aufgetragen, sich in Suchtrupps aufzuteilen, während ich mit einigen Männern in jeder Zelle nachsah. Doch es gab kein Zeichen von ihm. Deshalb bin ich so spät zurück.“
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Dsï-djüan verbeugte sich und Hsi-tschun dankte der Dame Wang. Dsï-djüan verbeugte sich auch vor Bau-yü und Bau-tschai.
Frau Wang hatte währenddessen nur geschluchzt, ohne ein Wort zu sagen. Bau-tschai ahnte bereits im Ansatz die Wahrheit. Hsi-jën weinte untröstlich weiter. Djia Tchiang und die anderen Männer brauchten keine weiteren Anweisungen, sondern brachen sofort in verschiedene Richtungen auf, um die Suche fortzusetzen. Die Sicht war schlecht, jeder war in trüber Stimmung und die Willkommensfeier umsonst vorbereitet. Djia Lan vergaß seine eigene Erschöpfung und wollte mit den anderen losgehen. Doch die Dame Wang hielt ihn zurück: „Mein Kind! Dein Onkel ist verloren. Wenn wir dich auch noch verlieren, ist das mehr, als wir ertragen können! Du erholst dich nun, sei ein guter Junge!“
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„Amitabha!“, rief Bau-yü fromm. „Wie nobel! Wie selten! Ich hätte niemals gedacht, daß du als Erste von uns errettet wirst!“
Er wollte eigentlich nicht zurückbleiben, doch stimmte er zu, als auch You-schï ihr Flehen der Dame Wang überbrachte.
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Bau-tschais Selbstbeherrschung versagte wieder, und Hsi-jën brach ungeachtet von der Anwesenheit der Dame Wang in Schluchzen aus und rief: „Ich will mit Fräulein Hsi-tschun gehen!“
Die einzige Person, die in diesem Moment nicht überrascht zu sein schien, war Hsi-tschun. Sie fühlte sich nicht frei, ihre Gedanken mitzuteilen, sondern erkundigte sich bei Bau-tschai: „Hatte Bau-yü den Jadestein bei seinem Aufbruch mit sich genommen?“
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Bau-yü lächelte: „Du strebst auch nach etwas Gutem. Aber ein Leben in Abgeschiedenheit hat das Schicksal für dich nicht bestimmt.“
„Aber natürlich“, antwortete sie, „ohne ihn geht er nirgendwohin.“
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„Dann möchte ich lieber sterben!“, schluchzte Hsi-jën.
Hsi-tschun war still. Hsi-jën erinnerte sich, wie sie Bau-yü aufgelauert hatten und ihm den Jade aus der Hand rissen, und sie hatten den üblen Verdacht, daß das Unglück des heutigen Tages etwas mit dem Mönch zu tun hatte. Ihr Herz stach sie vor Kummer, die Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie begann unaufhaltsam zu jammern. Erinnerungen an die Zuneigung, die Bau-yü ihr einst entgegengebracht hatte, überwältigten sie. „Ich weiß, daß ich ihn manchmal genervt habe und er wütend auf mich war. Doch er fand immer einen Weg, damit fertig zu werden. Er war so nett zu mir und so fürsorglich. In erhitzten Momenten hat er oft angekündigt, ein Mönch werden zu wollen. Ich habe ihm nie geglaubt. Und jetzt ist er fort!“
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Entgegen seiner neu gefundenen Distanziertheit, war Bau-yü von ihren Worten sehr bewegt. Doch er sagte nichts.
Es war nun zwei Uhr morgens, und es gab immer noch kein Zeichen von Bau-. Li Wan, die fürchtete, daß die Dame Wang durch ihren ausschweifenden Kummer Schaden nehmen könne, gab ihr Bestes, sie zu trösten und riet ihr, in ihr Zimmer zu gehen. Der Rest der Familie begleitete sie in ihr Zimmer, mit Ausnahme von der Dame Hsing, die in ihre eigenen Gemächer zurückkehrte, und Djia Huan, der immer noch niedergeschlagen war und es gar nicht erst gewagt hatte, sich zu zeigen. Frau Wang hatte Djia Lan aufgetragen, zurück in sein Zimmer zu gehen, und verbrachte selbst eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag in der Dämmerung kehrten einige der Diener, die am vorigen Tag losgeschickt worden waren, zurück, um zu berichten, daß sie überall gesucht hätten und es ihnen nicht gelungen war, die geringste Spur von Bau-yü zu entdecken. Über den Morgen kam eine ganze Reihe Verwandter, darunter Tante Hsüä, Hsüä Kë, Schï Hsiang-yün, Bau-tjin und die alte Frau Li, um sich nach der Gesundheit der Dame Wang und Neuigkeiten von Bau-yü zu erkundigen.
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Es war bereits vier Uhr morgens, und er schlug seiner Mutter vor, sich zur Nachtruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen zurück in ihre Gemächer und Tsai-ping geleitete Hsi-tschun in ihr Zimmer, wo sie darauf wartete, daß bald Ehemänner für Hsi-tschuns Mägde gefunden würden und Dsï-djüan verbrachte den Rest des Tages damit, ihr demütig zu dienen. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen.
Nach einigen solcher Tage war die Dame Wang so von Kummer erfüllt, daß sie weder essen noch trinken konnte und ihr Leben in ernster Gefahr zu sein schien. - Da kündigte ein Diener plötzlich einen Botschafter des Kommandanten der Küstenregion an, der die Neuigkeit brachte, Tan-tschun würde am nächsten Tag in der Stadt ankommen. Obwohl dies nicht vollständig den Kummer über Bau-yüs Verschwinden beseitigen konnte, fühlte die Dame Wang zumindest einen Hauch von Trost bei dem Gedanken, Tan-tschun wiederzusehen. Am nächsten Tag erschien Tan-tschun am Jung-guo-Anwesen und alle kamen heraus, um sie zu begrüßen, fanden sie lieblicher als je zuvor und wunderhübsch gekleidet. Als Tan-tschun sah, wie sehr die Dame Wang gealtert war und wie gerötet die Augen eines jeden in der Familie waren, drangen ihr Tränen in die Augen, und es dauerte eine Zeit, bis sie aufhören konnte zu weinen und alle angemessen begrüßen konnte. Es bekümmerte sie auch zu sehen, daß Hsi-tschun die Schwesternschaft gewählt hatte, und sie weinte wieder, doch dann erfuhr sie auch von Bau-yüs seltsames, Verschwinden und von dem vielen Unglück der Familie. Doch war sie mit der Gabe ausgestattet, immer die passenden Worte zu finden, und ihre natürliche Gelassenheit vermittelte der Versammlung zumindest einen Hauch von Ruhe und der Dame Wang und dem Rest der Familie wirklichen Trost. Am nächsten Tag kam ihr Gatte zu Besuch, und als er erfuhr, wie die Dinge standen, bat er sie, zu Hause zu bleiben und ihre Familie zu trösten. Die Mägde und die alten Dienstmädchen, die sie zu ihrem neuen Heim begleitet hatten, waren überaus erfreut über die Wiedervereinigung mit ihren alten Freunden.
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Djia Dschëng hatte den Sarg der Herzoginmutter immer weiter gen Süden übergeführt. Weil ihnen Marineschiffe nach der siegreichen Beendigung eines Feldzuges begegneten, war der Kanal hoffnungslos überfüllt mit militärischen Transportschiffen, und die Verzögerung stimmte Djia Dschëng sehr verdrießlich. Sein einziger Trost war das Treffen mit einem Beamten des Yamens der Küstenverteidigung, der ihm berichtete, daß der Kommandant, Tan-tschuns Schwiegervater, nach Peking zurückberufen wurde. Tan-tschun konnte nun nach Hause zurückkehren, obwohl es unklar war, wann sie reisen konnten.
Der gesamte Haushalt, Herren und Dienerschaft, wartete immer noch ängstlich Tag und Nacht auf Nachrichten von Bau-yü. - In einer Nacht nun, gegen fünf Uhr, kamen einige Diener zum inneren Tor, kündigten an, sie hätten wunderbare Nachrichten zu verkünden;  daraufhin eilte eine Handvoll jüngerer Mägde in die inneren Gemächer, ohne den älteren Mägden erst Bescheid zu geben.
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Eine weitere Folge der Verzögerung war, daß Djia Dschëng kaum mehr Geld hatte. Er mußte einen Brief schreiben und ihn zum Yamen des Sohns von Verwalter Lai Da, Lai Shang-jung, schicken, der in dieser Gegend zufällig Magistratsbeamter war. Er bat ihn, ihm fünfhundert Silbertael zu leihen. Der Diener, der mit dieser Mission beauftragt wurde, sollte das Geld bringen und Djia Dschëng weiter über den Kanal führen.
„Herrin, Damen!“, riefen sie, „wunderbare Neuigkeiten!“
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Nachdem einige Tage vergangen waren, erschien der Diener wieder und kam mit Lai Shang-jungs Antwort an Bord. Der Brief war voller Kummergeschichten verschiedenster Art und schloß mit fünfzig Silbertael. Djia Dschëng war rasend und, ohne zu zögern, befahl er dem Diener, sofort zurückzukehren: „Gib ihm sein Geld zurück, und seinen Brief kann er auch wieder haben! Er soll sich schämen!“
Die Dame Wang glaubte, daß Bau-yü müsse gefunden worden sein, erhob sich aus ihrem Bett und fragte voller Begeisterung: „Wo haben sie ihn gefunden? Schickt ihn sofort zu mir!“ –
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Der arme Diener tat, was ihm befohlen wurde und kehrte zu Lais Yamen zurück. Lai, verstört darüber, seinen Brief und das Geld wiederzubekommen, und wissend, daß er sich gemein verhalten hatte, bereitete ein weiteres Paket vor, füllte es mit weiteren hundert Tael und bat den Diener, es zurück zu Djia Dschëng zu bringen. Doch gegen Lais Bitten und Flehen blieb der Mann hart und kehrte mit leeren Händen zum Boot zurück.
„Er steht auf dem siebten Platz der Liste der erfolgreichen Kandidaten!“, rief die Magd.
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Lai Shang-jung war sich nur zu gut  der Folgen seines Handelns bewußt und schrieb sofort seinem Vater im Jung-guo-Anwesen. Er riet ihm, sich zu verabschieden und wenn möglich, ihn aus der Situation freizukaufen. Als Verwalter Lai den Brief seines Sohnes erhielt, fragte er Djia Tjiang, Djia Yün und die anderen, bei der Dame Wang um seine Entlassung zu bitten. Djia Tjiang wußte zu gut, daß allein der Versuch sinnlos war. Er ließ einen Tag vergehen und gab dann den falschen Bericht, die Dame Wang habe ihm seine Bitte verwehrt. Also nahm sich Lai Da ein paar Tage frei und schickte einen Botschafter zum Yamen seines Sohnes, um ihn anzuweisen, sich krank zu melden und seine Stellung zu verlassen. Die Dame Wang wußte überhaupt nicht, was alles vor sich ging.
„Doch ist er gefunden worden?“
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Djia Yün war äußerst enttäuscht zu hören, daß Djia Tjiang Lais Bitte abgewiesen hatte. Diese Tatsache, oder besser die Provision, die dies gebracht haben könnte, erschien ihm als letzte Chance, die enormen Spielschulden, die er in den letzten Tagen zu verzeichnen hatte, auszugleichen. Seine einzige andere Hoffnung war, Djia Huan um ein Darlehen zu bitten. Doch Djia Huan war nicht in der Lage, als Geldgeber zu dienen, da er selbst keine Münze besaß und bereits alles Ersparte seiner Mutter verpraßt hatte. Auch wenn Yün kein Darlehen bekam, gelang es ihm trotzdem, Djia Huan in seinen Rachegefühlen zu bestärken. Erinnerungen an Hsi-fëngs Grausamkeit schwirrten Djia Huan immer noch im Kopf. Und da Djia Liän fort war, war er mehr als bereit, seine Laune an Tjiau-djiä auszulassen. Djia Yün, der ein Darlehen brauchte, schien der geeignete Komplize.
Die Magd war still. Die Dame Wang setzte sich wieder.
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„Du bist nicht länger ein Junge, Yün!“, grummelte er herausfordernd. „Warum einen Armen wie mich um Geld bitten, wenn es die Möglichkeit gibt, einen kleinen Vorteil zu erzielen?“ –
„Wer ist auf dem siebten Platz?“, fragte Tan-tschun. – „Herr Bau-yü.“
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„Erzähl’ etwas anderes!“, antwortete Yün. „Wir haben doch immer nur unseren Spaß gehabt. Ich habe für uns niemals die Möglichkeit gesehen, irgendwo Profit rauszuschlagen.“ –
Während sie sprachen, hörten sie von draußen eine Stimme rufen: „Herr Lan hat auch bestanden!“
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„Was war denn letztens mit diesem Mongolischen Prinzen, der nach einer Konkubine sucht? Warum besprechen wir das nicht mit Onkel Hsing und bieten dem Prinzen Tjiau-djiä an?“ –
Ein Diener eilte hinaus, um das offizielle Schreiben zu empfangen, auf welchem geschrieben stand, daß Djia Lan den einhundertdreißigsten Platz in der Liste eingenommen hatte.
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„Das könnte dich vielleicht verärgern, wenn ich das sage, Onkel Huan“, antwortete Djia Yün. „Doch ich würde es so sagen: Angenommen, der Prinz kauft eine Konkubine aus unserer Familie, möchte er mit uns danach wahrscheinlich nichts mehr zu tun haben.“
Da es immer noch nichts Neues über Bau-yüs Verbleib gab, fühlte sich Li Wan nicht frei, ihre Gefühle von Stolz und Freude zum Ausdruck zu bringen. Und die Dame Wang, die erleichtert war, daß Djia Lan bestanden hatte, dachte nur bei sich: „Wenn Bau-yü auch hier wäre, was gäbe das für ein glückliches Fest!“
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Als Antwort darauf flüsterte Djia Huan etwas in Djia Yüns Ohr und Yün nickte nebenbei, beurteilte den Vorschlag als eine Laune von Huan, der keiner ernsthaften Überlegung wert sei. Genau in diesem Moment kam Wang Jën vorbei.
Bau-tschai war immer noch in einer trüben Stimmung, doch hielt sie es für unangemessen, zu weinen. Die anderen waren damit beschäftigt, ihre Glückwünsche auszusprechen und die heitere Seite des Ganzen zu betrachten: „Da es Bau-yüs Schicksal war zu bestehen, kann er nicht lange verloren bleiben. In ein oder zwei Tagen wird er bestimmt gefunden.
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„Was plant ihr beiden denn?“, fragte er. „Wollt ihr mich wieder zum Narren halten?“
Diese logische Erwägung ließ die Dame Wang ein wenig lächeln, und man nutzte diese Gelegenheit, um sie zu überzeugen, etwas zu essen und zu trinken. Einen Moment später hörte man Bee-mings Stimme, die aufgeregt vom inneren Tor rief: „Da Herr Bau-yü nun bestanden hat, wird er sicherlich bald gefunden!“ – „Was macht dich da so sicher?“, fragten sie ihn.
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Djia Yün erzählte ihm leise den Inhalt von Djia Huans Vorschlag, und Wang Jën klatschte enthusiastisch in die Hände.
„Es gibt ein Sprichwort: ‚Wenn ein Mann einmal sein Examen besteht, wird die ganze Welt seinen Namen vernehmen.‘ Jetzt wird jeder Herrn Bau-yüs Namen kennen, und wohin er auch immer geht, irgend jemand wird ihn uns nach Hause bringen.“ –
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„Bravo! So ein einträglicher Einfall! Doch könnt ihr das wirklich durchziehen? Wenn du den Mut dazu hast, dann versichere dich. Vergiß nicht, daß ich ihr Onkel bin. Es ist immer noch meine Entscheidung. Du übermittelst den Plan nur der Dame Hsing und Djia Huan, dem alten Burschen, während ich mit Onkel Hsing spreche. Wenn die Tanten unnötige Fragen stellen, müssen wir sicher sein, daß alle dieselbe Geschichte erzählen.
„Dieser Bee-ming mag zwar ein kleiner Teufel sein, doch was er sagt, macht Sinn ,“ stimmten die Mägde überein.
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Als diese Besprechung vorüber war, suchte Wang Jën nach Onkel Hsing, während Djia Yün den Damen Hsing und Wang die gute Nachricht übermittelte, dabei fügte er noch ein paar Ausschmückungen hinzu. Die Dame Wang nahm den Vorschlag zur Kenntnis, blieb jedoch skeptisch. Als die Dame Hsing davon hörte, schien sie im Gegensatz dazu, äußerst begeistert von der Idee zu sein und schickte nach ihrem Bruder, um weitere Einzelheiten zu erfahren. Onkel Hsing wurde bereits von Wang Jën über alles in Kenntnis gesetzt und über seinen möglichen Gewinn informiert, was eigentlich nicht erwähnt werden muß, und wußte daher, als er in die Gemächer seiner Schwester gerufen wurde, was er zu sagen hatte: „Der Prinz ist ein sehr angesehener Mann. Natürlich bitte ich dich nicht um die Zustimmung dazu, daß sie seine richtige Frau wird. Doch sobald sie zu ihm geht, kann ich dafür garantieren, daß mein Schwiegerbruder seine Stelle zurückbekommt und die Familie ihre alte Bedrängnis los wird.“
Hsi-tschun sah dies anders: „Wie kann ein erwachsener Mann wie Bau-yü verloren gehen? Wenn ihr mich fragt, hat er sich bewußt von den Ketten der Welt gelöst und sich für das Leben eines Mönches entschieden. Und in diesem Fall wird es schwierig sein, ihn zu finden.
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Die Dame Hsing hatte keine wirkliche eigene Meinung. Sie war auf die Geschichte von ihrem Bruder hereingefallen und lud Wang Jën ein, um das Thema mit ihm zu besprechen. Wang Jëns begeisterte Unterstützung für dieses Projekt gab zuletzt den Ausschlag. Sie gab Djia Yün ihre Zustimmung, während Wang Jën umgehend losging und eine Nachricht an den Palast des Prinzen schickte.
Dies brachte die Damen alle wieder zum Weinen.
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Der Prinz war sich dieser ganzen Hintergründe gar nicht bewußt. Er plante lediglich, einige seiner Damen zu schicken, um die körperlichen Eigeschaften und die Tauglichkeit des Mädchens für den Harem zu untersuchen. Djia Yün gelang es, mit den Damen privat ein paar Worte zu wechseln: „Keiner aus der Familie des Mädchens kennt die ganze Wahrheit. Soweit sie betroffen sind, möchte der Prinz das Mädchen als eine seiner Frauen nehmen. Wenn sie erst angenommen ist, wird alles gut, habt keine Angst. Ihre Großmutter hat ihre Zustimmung gegeben, und ihr Onkel Wang Jën fungiert als Vermittler.“
„Das ist bestimmt wahr“, sagte Li Wan, „da viele Männer der alten Zeit ihren weltlichen Rängen entsagt haben und sich entschieden haben, Buddhas oder Heilige zu werden.“ –
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Die Damen bestätigten ihre Zusammenarbeit. Djia Yün übermittelte der Dame Hsing die Neuigkeiten und berichtete der Dame Wang von der ‚Heirat‘. Li Wan und Bau-tschai kannten aber die Wahrheit nicht im geringsten und hörten die Neuigkeiten über die ‚Hochzeit‘ des Prinzen voller Freude.
„Doch wenn er seine eigenen Eltern verstößt“, seufzte die Dame Wang, „dann verfehlt er seine Pflicht als Heiliger. Und wie kann er in diesem Fall darauf hoffen, ein Heiliger oder ein Buddha zu werden?“ –
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Am vereinbarten Tag kamen mehrere prächtig gekleidete Damen an, wurden empfangen und eine Weile von der Dame Hsing unterhalten. Ihnen wurde bald bewußt, daß die Dame, mit der sie sprachen, einen beachtlichen Rang innehatte, und waren ihr gegenüber sehr respektvoll. Als den Bedingungen des Geschäftes noch nicht zugestimmt worden war, hatte die Dame Hsing Tjiau-djiä noch nichts gesagt, sondern ihr nur erzählt, daß einige Verwandte zu Besuch seien und sie nach ihnen sehen solle. Tjiau-djiä, die kaum mehr als ein Kind war und zu jung, um irgend einen Verdacht zu schöpfen, ging mit ihrer Amme und Ping-örl dorthin. Letztere traute dem Ganzen nicht recht und bestand darauf, sie zu begleiten. In dem Moment, als Tjiau-djiä den Raum betrat, begutachteten sie das Mädchen genauestens und starrten ihre ganze Person von oben bis unten an. Sie erhoben sich dann, nahmen sie an die Hand und betrachteten sie noch einmal, worauf sie sich wieder für ein paar Minuten setzten und dann gingen. Tjiau-djiä wunderte sich über ihr Anstarren, und als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, durchdachte sie das Ganze noch einmal für sich. Sie konnte sich nicht daran erinnern, diese ‚Verwandten‘ zuvor gesehen zu haben, und sagte das Ping-örl, die für ihren Teil, sobald sie gesehen hatte, wie die Damen sich benahmen, die Wahrheit bereits vermutete.
„Es ist das Beste, vernünftig zu sein“, kommentierte Tan-tschun. „Bau-yü war immer anders. Er hat seinen Jadestein seit seiner Geburt, und jeder hielt dies für günstig. Doch zurückblickend kann ich sehen, daß er ihm nur Unglück gebracht hat. Wenn noch einige Tage vergangen sind und wir ihn immer noch nicht gefunden haben – ich will dich jetzt nicht enttäuschen, Mutter – doch ich denke, in diesem Fall müssen wir die Tatsache einsehen, daß das Schicksal es so beschlossen hat und jenseits unseres Verstehens liegt. Es wäre besser, nicht von ihm zu denken, daß er aus deinem Leib geboren wurde. Sein Schicksal ist nämlich die Frucht des Karmas, das Ergebnis deiner angesammelten Verdienste aus früheren Leben.
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‚Offensichtlich haben sie sie im Hinblick auf eine Hochzeit untersucht‘, dachte sie bei sich. ‚Doch da Herr Liän nicht zu Hause ist, liegt die Verantwortung bei der Dame Hsing, und ich habe keine Ahnung, welche Familie damit verbunden ist. Eine Familie von unserem Rang würde niemals derart starren. Trotzdem sahen diese Frauen nicht so aus, als entstammten sie einem der königlichen Gemächer. Sie hatten etwas Ausländisches an sich. Ich sage Tjiau-djiä zunächst besser nichts davon, sondern warte, bis ich selbst mehr weiß.
Bau-tschai hörte diesem ruhig zu. Hsi-jën konnte es nicht länger ertragen, ihr Herz schmerzte, ihr war schwindelig, und sie sank bewußtlos zu Boden. Die Dame Wang war ihretwegen sehr betroffen und trug einer der Mägde auf, ihr hochzuhelfen.
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Ping-örl machte sich daran, die Wahrheit herauszufinden, und, da die betroffenen Mägde und Dienstmädchen alle einmal für sie gearbeitet hatten, fühlten sie sich noch verpflichtet und gaben ihr sofort alle Informationen, die sie verlangte. Sie war entsetzt und suchte nach einem Einfall, wie man diese Katastrophe abwenden konnte. Sie hielt es immer noch für weiser, Tjiau-djiä nichts zu sagen; daher eilte sie hinüber, um Li Wan und Bau-tschai zu informieren, und bat sie, der Dame Wang das Problem darzulegen.
Djia Huan fühlte sich äußerst schlecht. Auf dem Gipfel seiner Unehre bezüglich der Angelegenheit mit Tchiau-djie kam noch die zusätzliche Demütigung, daß er mit ansehen mußte, daß sein Bruder und sein Neffe ihr Examen bestanden hatten. Er verfluchte Tchiang und Yün dafür, ihn in diesen Ärger getrieben zu haben. Tan-tschun würde ihn gewiß in die Pflicht nehmen, da sie nun zurück war. Und doch hatte er es nicht gewagt, sich zu verstecken. Er war nur noch ein Häufchen erbärmlichen Elends.
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Die Dame Wang hatte selbst gespürt, daß etwas nicht stimmte, und hatte dies der Dame Hsing gesagt. Doch die Dame Hsing war auf ihren Bruder und Wang Jën hereingefallen und anstatt die Dame Wang vernünftig anzuhören, vermutete sie ein anderweitiges Motiv, daß ihrem Entschluß entgegen stehen könnte.
Am nächsten Tag mußte Djia Lan am Hof erscheinen, um sich für sein erfolgreiches Bestehen zu bedanken. Dort begegnete er Dschën Bau-yü und fand heraus, daß er auch bestanden hatte. So gehörten alle drei zur gleichen „Klasse“. Als Lan Bau-yüs seltsames Verschwinden erwähnte, seufzte Dschën Bau-yü und bot einige Worte des Trostes an.
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„Das Mädchen hat sein Alter erreicht“, antwortete sie. „Da Liän von zuhause fort ist, liegt die Entscheidung bei mir. Und außerdem haben mein Bruder und der eigene Onkel des Mädchens die Angelegenheit gründlich durchdacht. Sie werden schon wissen, was daran ist. Ich bin von dieser Idee äußerst angetan. Und du, mach’ dir keine Sorgen, wenn irgend etwas schiefläuft, werden Liän und ich dich bestimmt nicht dafür beschuldigen.“
Der leitende Prüfer präsentierte die erfolgreichen Aufsätze der Kandidaten dem Herrscher und seine Majestät las einen nach dem anderen durch und fand sie alle ausgeglichen und überzeugend, dabei bezog er den Umfang des Lernens und die Zuverlässigkeit des Urteils mit ein. Als er zwei Djias aus Nanking auf dem siebten und einhundertdreißigsten Platz bemerkte, fragte er, ob sie in irgendeiner Form mit der Konkubine Djia verwandt seien. Einer der Minister rief Djia Bau-yü und Djia Lan zu einer Befragung bezüglich dieser Angelegenheit herbei. Djia Lan erwähnte bei seiner Ankunft die Umstände des Verschwindens seines Onkels und gab einen vollen Bericht der drei früheren Familiengenerationen, was der Minister umgehend an den Thron weiterleitete. Als Folge dieser Information und, weil seine Majestät ein Herrscher von Weisheit und Mitgefühl waren, wies er den Minister an, in Anbetracht des besonderen Leistungsumfanges der Familie, einen vollen Bericht ihres Falles einzureichen. Dies tat der Minister und verfaßte darüber eine detaillierte Denkschrift. Seine Majestät war so betroffen, daß er dem Minister beim Lesen dieser Schrift befahl, die Fakten, die zu Djia Schës Verurteilung geführt hatten, noch einmal zu überprüfen. Danach fiel der kaiserliche Blick auf eine weitere Beschreibung in der Denkschrift, nämlich dem Erfolg des derzeitigen Feldzuges: Die Störungen an der Küste waren beruhigt, „die See befriedet, die Flüsse gereinigt und den ehrlichen Bürgern war wieder die Freiheit gewährt, ein ungestörtes Leben zu führen“. Seine Majestät war über diese Neuigkeiten höchst erfreut und befahl seiner Schar an Ministern, sich eine passende Belohnung auszudenken und auch eine allgemeine Amnestie im Reich zu verkünden.
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Die Dame Wang antwortete oberflächlich, aber insgeheim war sie wütend auf die Dame Hsing. Sie verabschiedete sich und ging zurück, um Bau-tschai zu berichten, was entschieden worden war. Während sie sprach, weinte sie, und Bau-yü versuchte, sie zu trösten.
Als Djia Lan den Hof verlassen und gegangen war, um sich von seinem Prüfer zu verabschieden, hörte er von der Amnestie und eilte nach Hause, um es der Dame Wang und dem Rest der Familie zu erzählen. Alle schienen begeistert, obwohl ihre Heiterkeit durch Bau-yüs Abwesenheit getrübt war. Tante Hsüä war besonders froh über die Neuigkeiten und traf bereits Vorbereitungen für die Bezahlung von Hsüä Pans Bußgeld, da die Aufhebung seines Todesurteils nun Teil der Amnestie war.
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„Mutter, sei nicht bekümmert. Aus dieser Intrige wird nichts. Was immer geschieht, Tjiau-djiäs Schicksal steht bereits fest, also versuch’ bitte nicht einzugreifen.
Einige Tage später wurde angekündigt, daß Dschën Bau-yü und sein Vater ihre Gratulation anbieten wollten, und die Dame Wang schickte Djia Lan hinaus, um sie zu empfangen. Kurz danach kehrte Djia Lan mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zurück:
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„Sei nicht so töricht!“, rief die Dame Wang, „wenn sie erst dieser Heirat zugestimmt haben, können sie jeden Tag hier sein, um sie mitzunehmen! Ping-örl hat recht, euer Vetter Liän wird mir die Schuld dafür geben, wenn er zurückkommt! Ich will doch nur das Beste für jedes Mitglied der Familie und besonders für Tjiau-djiä, um ihrer Eltern willen. Denkt an die anderen Mädchen! Wir haben Hsiu-yäns Hochzeit mit eurem Vetter Kë veranlaßt und schaut, wie glücklich sie zusammen sind! Und die Familie Mei, in welche Bau-tjin geheiratet hat, ist äußerst angenehm, daher muß man sich um sie keine Sorgen machen. Ich weiß, Hsiang-yün hatte nicht so viel Glück. Diese Hochzeit war zuerst die Idee ihres Onkels, und es wäre gut ausgegangen, wenn ihr Mann nicht an der Schwindsucht gestorben wäre. Jetzt wird das arme Mädchen den Rest ihres Lebens als Witwe verbringen. Wenn Tjiau-djiä in schlechte Hände gerät, werde ich mir das niemals vergeben!“
„Gute Neuigkeiten! Onkel Dschën Bau-yüs Vater hat am Hof von einem Erlaß gehört, der Großonkel Schë und Onkel Dschën aus dem Ning-guo-Anwesen begnadigt und den erblichen Ning-guo Rang wiederherstellt. - Djia Dschëng von Jung-guo behält den erblichen Titel, und nach seiner Trauerphase wird er als dauerhafter Sekretär im Arbeitsministerium wieder eingesetzt. Auch das ganze beschlagnahmte Familieneigentum wird wiederhergestellt. Seine Majestät haben Onkel Bau-yüs Aufsatz gelesen und waren höchst begeistert davon. Als sie herausfanden, daß der betroffene Kandidat der jüngere Bruder der kaiserlichen Nebenfrau war, und als der Prinz von Bei-jing noch einige Lobesworte hinzufügte, drückten seine Majestät das Verlangen aus, ihn zu einer Audienz an den Hof zu rufen. Die Minister sagten ihm dann, daß Bau-yü nach dem Examen verschwunden sei; ich war es, der sie an erster Stelle darüber informiert hatte, und daß bereits überall erfolglos nach ihm gesucht würde, worauf seine Majestät ein weiteres Edikt verfaßten, daß alle Besatzungen in der Stadt nach ihm suchen sollten. Du kannst nun beruhigt sein, Großmutter. Wenn sich seine Majestät höchstpersönlich darum kümmern, wird Bau-yü mit Sicherheit bald gefunden.“
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Während sie sprach, trat Ping-örl ein, um sich mit Bau-tschai zu beraten und auch um zu erfahren, was das Gespräch der Dame Wang mit der Dame Hsing ergeben hatte. Die Dame Wang erzählte ihr, was die Dame Hsing gesagt hatte. Nach einem Moment nachdenklicher Stille fiel Ping-örl auf die Knie.
Die Dame Wang und der Rest der Familie waren begeistert und beglückwünschten sich gegenseitig zu diesem Ereignis.
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„Tjiau-djiäs ganze Zukunft hängt von euch ab, Herrin!“, flehte sie. „Wenn wir sie den Händen dieser Leute überlassen, bedeutet das für sie lebenslanges Leid. Und was glauben sie, wird Liän sagen, wenn er nach Hause kommt?“
Währenddessen saßen Djia Huan und seine Gefährten immer noch auf heißen Kohlen und suchten überall nach Tchiau-djie. Diese war, nachdem sie mit Ping-örl und Oma Liu die Stadt verlassen hatte, im Dorf angekommen und in Oma Lius bestem Zimmer einquartiert worden, das zu diesem Anlaß besonders gesäubert worden war. Obwohl ihre tägliche Nahrung bloß aus einfacher Dorfkost bestand, war sie gesund und sauber und mit der kleinen Tjing-örl, die ihnen Gesellschaft leistete, ging es ihr gut. Es gab einige wohlhabende Familien in diesem Dorf, die, als sie gehört hatten, daß ein Fräulein Djia bei Oma Liu war, darauf bestanden, selbst vorbeizuschauen. Sie schwärmten alle über ihre feenhafte Erscheinung und beschenkten sie mit Obst, frischem Gemüse und Wildbret. In der Tat erregte Tchiau-djies Anwesenheit bedenkliche Aufregung. Die reichste Familie waren die Dschous, deren Vermögen sich zum einen aus Geld, zum anderen aus erheblichem Großgrundbesitz zusammensetzte. Sie hatten nur einen einzigen Sohn in der Familie, einen kultivierten, gutaussehenden Burschen von vierzehn Jahren, der von einem Privatlehrer unterrichtet worden war und gerade das vorbereitende Lizenziats-Examen bestanden hatte. Als seine Mutter einen Blick auf Tchiau-djie warf, war sie völlig hingerissen.
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„Du bist ein kluges Mädchen“, sagte die Dame Wang, „steh auf und hör’ zu, was ich sage! Letzten Endes ist Tjiau-djiä die Enkelin meiner Schwiegerschwester, nicht meine. Wenn die Dame Hsing diese Entscheidung treffen möchte, wie kann ich ihr dann im Wege stehen?“
‚Was für ein Jammer!‘, dachte sie bei sich mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns, ,ein Junge aus einer ländlichen Familie wie der unseren würde gewiß niemals zu so einem wohlerzogenen Mädchen passen.‘ Eine ganze Weile stand sie dort in Gedanken versunken, und Oma Liu hatte bereits eine Ahnung, was in ihr vorgehen könnte.
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„Es gibt wirklich keinen Grund zur Betroffenheit“, beharrte Bau-yü, „es ist wichtig, eine klare Wahrnehmung seines Schicksals zu haben.
„Ich weiß, was ihr denkt“, sagte sie, „warum sollte ich keine Hochzeit für euch vorschlagen?
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Ping-örl fürchtete, daß Bau-yü wieder abzuheben beginnen oder eine Unüberlegtheit begehen würde und blieb ruhig. Alles, was sie sagen wollte, hatte sie der Dame Wang gesagt, so kehrte sie jetzt in ihre Gemächer zurück.
Frau Dschou lachte: „Macht euch nicht über mich lustig! Eine so große Familie wie die ihrige gemessen an unserem Rang!“ –
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Der Kummer der Dame Wang ließ sie wieder Schmerzen in der Brust verspüren. Sie rief eine Magd, um sie zu stützen, quälte sich, auf ihren Arm gelehnt, zurück in ihr Zimmer und legte sich hin. Sie bat Bau-yü und Bau-tschai nicht, sie zu begleiten, sondern sagte nur, es würde ihr nach etwas Schlaf besser gehen. Doch es war ihr unmöglich, den Kummer abzulegen und als sie später hörte, daß die alte Frau Li sich gemeldet hatte, konnte sie sich nicht aus ihrem Bett erheben und sie unterhalten. Dann trat Djia Lan ein, um ihr eine Botschaft zu übermitteln: „Es ist ein Brief von Großvater angekommen. Die Jungen am Tor haben ihn hergebracht. Mutter wollte ihn dir geben, doch da meine Großmutter gerade gekommen ist, bat sie mich stattdessen, ihn dir zu geben. Mutter wird bald herüberkommen, um mit dir zu reden und um meine Großmutter Li vorbeizubringen.
„Nun, es würde keinem schaden, diesen Vorschlag zu machen“, antwortete Oma Liu. „Wir werden sehen.
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Er übergab der Dame Wang den Brief. Die Dame Wang fragte ihn, als sie den Brief nahm: „Warum ist deine Großmutter hier?“
Die beiden beließen es so und gingen ihrer Wege.
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„Ich weiß es selbst nicht“, antwortete Lan, „ich habe nur gehört, daß ein Brief von der Schwiegerfamilie Vetter Qis, den Dschëns, gekommen ist.“
Oma Liu war begierig zu wissen, was sich zuletzt im Jung-guo-Anwesen ereignet hatte und schickte Ban-örl in die Stadt, um es herauszufinden. Er gelangte an die Straße der zwei Herzöge, wo er eine Ansammlung von Kutschen vor einem Anwesen erblickte und stellte sich so, daß er vernehmen konnte, was es für Neuigkeiten gab. Und dies konnte er hören: „Der Rang beider Familien wurde wiederhergestellt, und sie erhielten ihr beschlagnehmtes Eigentum zurück. Es scheint bei ihnen bergauf zu gehen. Doch der junge Bau-yü ist spurlos verschwunden, nachdem er sein Examen bestanden hatte.
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Frau Wang wußte, daß Li Tji Dschën-Bau-yü versprochen war und daß die Verlobung bereits mit dem üblichen goldenen Tee beschlossen worden war. Es konnte sein, daß die Dschëns mit der Hochzeit fortschreiten wollten und die alte Frau Li gekommen war, um die letzten Angelegenheiten zu besprechen. Sie nickte und öffnete den Brief von Djia Dschëng: „Der Kanal ist mit Booten überfüllt, die die Armee von ihrem erfolgreichen Feldzug an der Küste zurückbringen, und mein Fortkommen hat sich deutlich verzögert. Ich habe gehört, daß Tan-tschuns Ehemann mit seinem Vater in die Hauptstadt reist, und ich frage mich, ob du etwas von ihnen gehört hast? Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief von Liän erhalten, der mir von Bruder Schës Krankheit berichtete. Gibt es dazu noch etwas Neues?
Ban-örl war begeistert, von der Wiederherstellung der familiären Gunst zu hören, und wollte gerade zurück nach Hause gehen, um seiner Großmutter von diesen erfreulichen Nachrichten zu berichten, als er sah, wie einige Pferde das äußere Tor hochzogen. Die Reiter stiegen ab, und die Torwächter begrüßten sie auf Knien: „Willkommen zu Hause, Herr! Und Glückwunsch! Wie ist die Gesundheit von Herrn Schë?“  
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Die Zeit rückt näher, daß Bau-yü und Lan ihre Prüfungen zu bestehen haben. Sie müssen fleißig lernen und dürfen auf keinen Fall ihre Zeit vertrödeln. Es wird noch einige Tage dauern, bis ich Nanking mit Mutters Sarg erreiche. Ich bin bei guter Gesundheit, sorge dich nicht um mich.
„Besser“, antwortete der junge Mann, der zuerst abgestiegen war, „und er hat die großzügige Erlaubnis  seiner Majestät erhalten, zurück  nach Hause
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Bitte übergib Bau-und Lan meine Anweisungen.
 
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Dschëng.
Tchiau-djie. Aus: Gai Qi 1879.
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Datiert am Tage X des Monats Y
zu kommen.“ Nach einer kurzen Pause fragte er: „Was machen diese Männer dort drüben?“
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P.S.: Jung wird sich getrenntermaßen melden.
„Seine Majestät haben einen Beamten mit einem Dekret hergeschickt. Sie verlangen nach einem Familienmitglied, um alles beschlagnahmte Eigentum zurückzugeben.
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Nachdem sie den Brief gelesen hatte, gab die Dame Wang ihn Djia Lan zurück und sagte: „Gib ihn Bau-yü und sage ihm, er solle ihn lesen! Und dann gib ihn deiner Mutter zurück!
Der junge Herr wanderte fröhlich hinein, und Ban-örl, der daraus schloß, daß es Djia Liän sein mußte, wartete nicht auf weitere Neuigkeiten, sondern eilte nach Hause, um Oma Liu alles zu berichten. Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der alten Dame aus, als sie dies hörte, und sie ging sofort zu Tchiau-djie und gratulierte ihr zu diesen guten Neuigkeiten.
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Während sie sprach, traten Li Wan und die alte Frau Li ein und begrüßten sie. Sie setzten sich und die alte Frau Li sprach über die Dschëns und LiQis Hochzeit. Sie sprachen eine Weile darüber, und dann fragte Li Wan die Dame Wang: „Hast du Vaters Brief gelesen?“
„Das haben wir alles dir zu verdanken, Großmutter“, sagte Ping-örl mit einem dankbaren Lächeln, „ohne deine Hilfe hätte Fräulein Tchiau-djie niemals dieses glückliche Ende erlebt.
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„Das habe ich.“
Tchiau-djie selbst war noch viel begeisterter. Dann kam der Botschafter, der mit einem Brief an Dija Liän geschickt worden war, zurück.
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Djia Lan reichte den Brief seiner Mutter, die ihn selbst las, und sagte: „Tan-tschun war über ein Jahr fort und ist nicht einmal nach Hause gekommen. Es wird so eine Erleichterung für euch sein, daß sie nun in die Hauptstadt ziehen.“
„Herr Liän sagt, er sei sehr dankbar. Er bat mich, Fräulein Tchiau-djie sofort nach Hause zu geleiten und euch diese stattliche Belohnung auszuhändigen.“ Oma Liu war überaus erleichtert, daß sich alles zum Guten gewendet hatte, und sie schickte jemanden, der zwei Kutschen besorgen sollte. Dann bat sie Tchiau-djie und Ping-örl, diese für ihre Heimkehr zu benutzen, doch sie wollten nur ungern aufbrechen. Sie waren mit Oma Lius Heim schon vertraut geworden, und die kleine Tjing-örl war in Tränen aufgelöst, weil sie sich von ihren neu gewonnenen Freunden verabschieden mußte. Oma Liu sah, wie vertraut sie miteinander geworden waren, so sagte sie Tjing-örl, sie könne mit ihnen allen zusammen in der Kutsche bis zur Stadt fahren. Und so begaben sie sich zurück zum Jung-guo-Anwesen.  
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„Ja“, antwortete die Dame Wang. „Bis vorhin war ich noch bekümmert, doch nach diesen Neuigkeiten fühle ich mich wesentlich besser. Doch wir wissen immer noch nicht, wann sie ankommen werden.
Es soll daran erinnert werden, wie Djia Liän, nachdem er von der schweren Krankheit seines Vaters gehört hatte, sofort zu ihm ins Exil gereist war. Als Vater und Sohn sich dort trafen, gab es eine tränenreiche Szene, die wir hier nun nicht im einzelnen beschreiben müssen. Djia Schës Gesundheit hatte sich gerade wieder ein wenig erholt, und wie Djia Liän einen Brief mit den neuesten und nicht allzu fröhlichen Begebenheiten von zuhause erhielt, bat er seinen Vater um Erlaubnis, wieder zurückzukehren. Auf seinem Weg hörte er von der Amnestie und gelangte zwei Tage später wieder zu Hause an, genau an dem Tag, als das Edikt dem Jung-guo-Anwesen übermittelt wurde – gerade in dem Moment, als die Dame Hsing sich fragte, wer im Namen der Familie diesen Erlaß empfangen könnte. Djia Lan war nun gewissermaßen dazu auserkoren, diese Funktion zu erfüllen, doch er war eigentlich noch zu jung. Dann wurde Djia Liäns Ankunft angekündigt. Er begrüßte alle um sich, und die Wiedervereinigung bot Anlaß zu Kummer und Freude. Dennoch war keine Zeit mehr, noch länger zu reden, und Djia Liän eilte in die Haupthalle, um den Kaiserlichen Abgesandten zu empfangen, der sich nach Djia Schës Gesundheit erkundigte und sagte: „Morgen müßt Ihr zur Kaiserlichen Schatzkammer gehen, um eure Entschädigung zu erhalten. Die Ning-guo Residenz tritt wieder in den Besitz eurer Familie.“
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Die alte Frau Li fragte, wie Djia Dschëngs Reise gewesen war, während Li Wan sich an Djia Lan wandte und sagte: „Ich hoffe, du hast bemerkt, was dein Großvater in diesem Brief sagt? Die Prüfungen rücken näher, und er ist sehr besorgt um euch beide. Du beeilst dich besser und gibst den Brief Bau-yü zu lesen.“
Die Männer erhoben sich, und der Abgesandte ging wieder fort.
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„Bitte sagt mir,“ erkundigte sich die alte Frau Li, „wie es möglich ist, daß sie beide an der zweiten Prüfung teilnehmen können, ohne einen Grad zu besitzen?“
 
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Frau Wang führte aus: „Bevor er seinen Posten als Agrarintendant erhielt, hat mein Mann den Lizenziatengrad für beide erworben.“
[[Category:Books]]
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Die alte Frau Li nickte, und Djia Lan ging mit dem Brief zu Bau-.
[[Category:Hongloumeng]]
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Da er die Gemächer von Frau Wang früher verlassen hatte, war Bau-yü in seine Gemächer zurückgekehrt, wo er seine Kopie der ‚Herbstfluten‘ aus dem Kapitel des Buches Dschuang-Dsï nahm und begann, es fasziniert zu lesen. Als Bau-tschai aus dem inneren Raum kam und ihn so versunken in seine Lektüre sah, trat sie herbei und warf einen Blick auf den Titel des Buches. Es enttäuschte sie sehr, daß es sich um einen dauistischen Klassiker handelte.
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‚Das einzige, was er noch ernst nimmt, ist dieser Unfug über „mit der Welt abschließen und sich über die Sterblichkeit erheben“ ‘, dachte sie bei sich. ‚Ein absolut hoffnungsloser Fall.
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Es schien unsinnig, mit ihm darüber zu diskutieren, deshalb setzte sie sich neben ihn und starrte ihn vorwurfsvoll an. Wie er ihren Ausdruck wahrnahm, fragte Bau-yü: „Was ist denn los?“
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„Da wir nun Mann und Frau sind“, antwortete sie, „sollte ich dich ein Leben lang um Unterstützung bitten können. Unser gemeinsames Leben sollte auf mehr gegründet sein als auf einen Moment der Leidenschaft. Ruhm und Wohlstand sind substanzlos wie eine Wolke, – das kann ich verstehen. Doch selbst vor langer Zeit priesen die Weisen die charakterlichen Eigenschaften und Tugenden.
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Bevor er ihr ganz zugehört hatte, legte Bau-yü sein Buch nieder, lächelte und sagte: „Du sprichst von Tugend und den Weisen vergangener Zeiten. Doch weißt du, daß die Weisen auch als ein ideales ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ hochgehalten werden‘? Welche Tugenden hat ein neugeborenes Kind? Keine, nur die völlige Abwesenheit von Wissen, von Bewußtsein, von Gier und von Neid. In all unseren Leben versinken wir tiefer und tiefer im Sumpf der Gier, des Hasses, der Dummheit und der Begierde. Die große Frage lautet, wie man sich über all dies erheben kann, wie man diesem Netz des sterblichen Lebens entrinnen kann? ‚Dieses fließende Leben, mit seinen Begegnungen und Abschieden‘, – jetzt kann ich verstehen, weshalb die Bedeutung dieses Ausdrucks, seitdem er das erste Mal ausgesprochen wurde, in keinem Zeitalter völlig erfaßt wurde. Und was deine ‚Tugend‘ angeht, wer hat jemals einen reinen Zustand der Tugend erreicht?“ –
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„Was die Alten mit ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ meinten“, erwiderte Bau-tschai, „war ein Herz voller Treue und brüderlicher Ergebenheit, nicht diese mystische, wirklichkeitsferne Deutung von dir. Die Kaiser Yau, Shun, Yü, Tang, der Fürst von Dschou, Konfuzius – sie alle verbrachten ihr Leben damit, die Menschheit zu verbessern. Ihr ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ war einfach der Geist des Mitleides und der Betroffenheit für andere. Wohingegen deines dich einfach so unbetroffen läßt, daß du deine eigene Familie im Stich lassen würdest. Für mich ergibt das keinen Sinn.“
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Bau-yü nickte und lächelte: „Yau und Shun waren nicht in der Lage, Tschou-fu oder Xü-you davor zu bewahren, ihren Rückzugsort in den Bergen zu verlassen. Weder konnte König Wu noch der Fürst von Dschou Bo Yi seinen Bruder Shu Tji dazu bringen, sich in der Welt einzubringen.“ – „Du wirst immer unsinniger!“, unterbrach ihn Bau-tschai, „wären alle Männer, die du erwähnst, Einsiedler gewesen, hätte es niemals Weise wie Yau, Shun, den Fürsten von Dschou und Konfuzius gegeben. Und außerdem ist es lächerlich, dich mit Bo Yi und Shu Tji zu vergleichen. Sie lebten während der auslaufenden Shang-Dynastie, und ihre Leben waren von Schwierigkeiten verschiedenster Art erfüllt. Also hatten sie einen guten Vorwand, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen. Doch in deinem Fall ist das völlig anders. Wir leben in einem Goldenen Zeitalter, und wir erhalten unsagbare Gunst vom Thron, während unsere Vorfahren dem Luxus frönten. Und du wurdest dein ganzes Leben lang behütet, von unserer verstorbenen Großmutter und von deinen Eltern. Jetzt überleg’ doch mal, was du gesagt hast! Glaubst du nicht, daß ich recht habe?“
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Bau-yü hörte still zu. Seine einzige Antwort darauf waren ein Blick in den Himmel und ein Lächeln. „Da du keine Antwort zu finden weißt“, fuhr Bau-tschai fort, „solltest du meinen Rat hören. Reiß dich von jetzt an zusammen und arbeite so hart, wie du kannst! Schließ deine Prüfung erfolgreich ab und, selbst wenn du nichts in deinem ganzen Leben erreichst, wäre das zumindest eine Erwiderung der Himmlischen Gunst und der ‚Tugend‘ deiner Vorfahren.“
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Bau-yü nickte und seufzte tief: „Die Prüfung gut zu bestehen ist nicht schwierig.  Und was du über  ‚niemals irgend etwas erreichen‘,  ,eine Erwide-
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Erwiderung der Himmlischen Gunst‘ und der ‚Tugend meiner Vorfahren‘ sagst, ist nicht genau der Punkt.“
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Bevor Bau-tschai antworten konnte, mischte sich Hsi-jën ein: „Ich habe nicht wirklich verstanden,  was Frau Bau-tschai  über die alten Weisen gesagt hat. Ich weiß nur, daß wir von Kindheit an durch dick und dünn mit dir gegangen sind, dich mit mehr Hingabe behandelt haben, als ich in Worte fassen kann. Natürlich weiß ich, daß es so sein sollte, doch solltest du im Gegenzug nicht auch etwas an uns denken? Und sieh, welche Hingabe Frau Bau-tschai an deiner Statt dem Herrn Djia Dschëng und der Dame Wang erwiesen hat! Auch wenn du keinen großen Wert auf deine Ehe legst, sicher schuldest du ihr zumindest ein wenig Dankbarkeit für das, was sie für dich getan hat? Und all das mit der Unsterblichkeit, ist doch alles heiße Luft! Wer hat schon jemals gesehen, wie ein Unsterblicher einen Fuß auf die Erde setzte? Manche Mönche tauchen von Gott weiß wo auf, erzählen viel Unsinn und du nimmst sie auch noch ernst! Du bist ein gebildeter Mann, bestimmt gibst du ihren Worten nicht mehr Gewicht als denen deiner Eltern?“
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Bau-yü senkte still seinen Kopf.
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Hsi-jën hatte noch mehr Munition bereit, doch dann hörten sie von draußen Schritte, und eine Stimme drang durch das Fenster:
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„Ist Onkel Bau-yü zu Hause?“
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Bau-yü erkannte Djia Lans Stimme, stand auf und sagte erheitert: „Komm herein!“
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Djia Lan trat ein, sein Gesicht strahlte vor Lachen. Er bezeugte Bau-yü und Bau-tschai seinen Respekt und begrüßte Hsi-jën, bevor er Bau-yü Djia Dschëngs Brief zeigte, welchen Bau-yü an sich nahm und las. „Also kommt meine Schwester jetzt zurück nach Hause, oder?“
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„Nach dem Inhalt des Briefes zu urteilen, ja,“ war Djia Lans Antwort.
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Bau-yü senkte seinen Kopf in bedächtiger Stille, und Djia Lan fuhr fort: „Am Ende des Briefes, Onkel Bau-yü, siehst du, daß er dazu drängt, daß du bald einer ernsthaften Tätigkeit nachgehst. Ich glaube nicht, daß du in letzter Zeit viele Aufsätze verfaßt hast, oder etwa doch?“
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Bau-yü lachte: „Meinetwegen werde ich welche schreiben, nur um in Übung zu bleiben. Warum nicht? Ich könnte sie genau so gut hinters Licht führen!“
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„In diesem Fall“, schlug Djia Lan vor, „warum schlägst du nicht ein paar Themen vor, und wir schreiben sie zusammen. Das wird helfen, uns auf das Examen vorzubereiten. Ich möchte bestimmt kein leeres Blatt abgeben und uns damit lächerlich machen.“ –
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„Ich weiß, daß du nichts dergleichen tun wirst“, sagte Bau-yü.
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Bau-tschai bat Djia Lan, sich zu setzen. Bau-yü setzte sich auch wieder in seinen eigenen Stuhl, während sich Djia Lan höflich daneben setzte, und wie sie gemeinsam über Aufsätze sprachen, wurde ihre Unterhaltung immer belebter. Als Bau-tschai sah, wie sehr sich ihr Gespräch belebte, zog sie sich zurück und dachte bei sich: ‚Es scheint beinahe so, als hätte Bau-yü das Licht erblickt. Doch ich frage mich, warum er meine Worte ‚niemals irgend etwas erreichen‘ aufgriff und sie so betont wiederholte?’
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Sie war immer noch sehr verwirrt. Hsi-jën war jedoch begeistert, ihn über Aufsätze und Examina reden zu hören.
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„Amitabha!“ sprach sie leise zu sich. „Doch was für eine Predigt war nötig, um ihn zur Vernunft zu bringen!“
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Die Jungen setzten ihr Gespräch fort, und Ying-örl bereitete ihnen etwas Tee. Djia Lan erhob sich, um seine Tasse entgegenzunehmen und sprach noch etwas länger über die Regeln, die das Examen bestimmten und fügte dabei hinzu, daß er gern Dschën Bau-yü für einen Tag einladen würde. Bau-yü schien willig, dem zuzustimmen.
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Nach einer Weile kehrte Djia Lan in seine Gemächer zurück, ließ Djia Dschëngs Brief allerdings bei Bau-yü. Dieser las ihn noch einmal durch und mit einem Lächeln auf den Lippen ging er zu Schë-yüä und übergab ihn ihr, um ihn wegzulegen. Dann kam er zurück und räumte sein Buch Dschuang-Dsï vom Tisch, dabei nahm er weitere esoterische Bücher mit sich, eine Sammlung mit Die Hermetische Clavicula (Tsantungtchi), Das Geheimnis der ursprünglichen Blume (Yüänmingbau) und Das Kompendium der Fünf Lampen (Wudeng hueeyüän). Er gab Schë-yüä Anweisungen, Tjiu-wën und Ying-örl fernzuhalten. Bau-tschai war erstaunt zu sehen, daß er dies tat und wünschte, seine wahren Absichten zu erfahren.
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„Ich finde es sehr lobenswert, daß du solche Bücher liest“, sagte sie mit einem spöttischen Lächeln. Doch warum mußt du sie alle außer Sicht legen?“ –
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„Weil ich jetzt verstehe“, antwortete Bau-yü. „daß diese Bücher nichts wert sind. Es wäre das Beste, sie zu verbrennen und für immer los zu sein!“
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Bau-tschai war erleichtert, daß er dies sagte. Doch im nächsten Moment hörte sie ihn wie zu sich selbst zitieren:
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„Wahrer innerer Buddha-Geist
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wird nicht in Sutren gefunden;
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Jenseits der Feuerprobe,
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Führt ein Weg zu einer höheren Ebene.“
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Bau-tschai verstand nicht jedes Wort, doch „innerer Buddha-Geist“ und „höhere Ebene“ reichten aus, um sie mit düsteren Vorahnungen zu erfüllen. Sie betrachtete ihn ängstlich. Er trug den Mägden auf, einen geweihten Raum für ihn vorzubereiten, suchte all seine Kopien der Bücher Dschu Hsis Neu-Konfuzianisches Elementarbuch sowie Sammlungen von Examensessays und versen und brachte sie in sein neues Zimmer. Dann setzte er sich ernsthaft hin und begann in Ruhe zu arbeiten. Bau-tschai glaubte, sie könne nun beruhigt sein.
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Hsi-jën konnte ihren Augen und Ohren kaum trauen. Sie lächelte verschwörerisch zu Bau-tschai: „Ihr wißt genau, wie man mit ihm reden muß, Herrin! Nur dieser eine Vortrag von euch, und er ist ein neuer Mann! Ich hoffe nur, er bleibt so strebsam. Das Examen steht kurz vor der Tür.“
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Bau-tschai nickte und lächelte: „Das liegt alles in der Hand des Schicksals. Sein Erfolg hängt nicht davon ab, wie früh oder spät er anfängt zu lernen. Ich hoffe nur, daß er von jetzt an erwachsener wird und seine alten Possen aufgibt.“
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Erst schaute sie, ob sie mit Hsi-jën allein im Zimmer war, dann fügte sie mit einem Unterton hinzu: „Sicherlich gefällt mir dieser Gesinnungswandel. Doch eines bedrückt mich noch. Seine alte Schwäche für das schwache Geschlecht. Wir sollten ihn von Frauen isolieren.“ –
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„Da habt ihr recht, Herrin“, sagte Hsi-jën. „So lange er unter dem Einfluß des Mönches stand, interessierte er sich wenig für die Mädchen um ihn herum. Doch jetzt hat er seinen Kurs wieder geändert, für müssen umso mehr auf die Wiederkehr seiner alten Allüren achten. Ich denke nicht, daß er uns gegenüber viel Interesse zeigen wird, Herrin. Da Dsï-djüan gegangen ist, bleiben nur noch vier weitere Mägde. Wu-örl ist sozusagen die Füchsin unter ihnen, doch ich habe gehört, daß ihre Mutter um die Erlaubnis gebeten hat, sie aus dem Dienst nehmen zu dürfen, daß sie verheiratet werden kann, deshalb wird sie in ein paar Tagen fort sein. Schë-yüä und Tjiu-wën haben Herrn Bau-yü nie besonders nahegestanden, doch wir sollten nicht vergessen, daß er mit ihnen als Kind noch herumgeschäkert hat. Dann bleibt noch Ying-örl. Er scheint sich gar nicht für sie zu interessieren, und sie ist ein sehr zuverlässiges Mädchen. Ich schlage vor, daß die täglichen Pflichten wie Tee zubereiten und Wasser bringen, Ying-örl übernehmen sollte, einige jüngere Mägde helfen ihr dann dabei. Was meint ihr, Herrin?“ –
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„Ich habe selbst lange darüber nachgedacht“, antwortete Bau-tschai, „dein Vorschlag erscheint mir sehr überlegt.“
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So wurde von nun an Ying-örl eingesetzt. Bau-yü verließ sein Zimmer gar nicht mehr. Jeden Tag schickte er jemand anderen, um für ihn bei seiner Mutter die Aufwartung zu machen. Frau Wangs Begeisterung über diesen Wandel muß an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden.
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Als der Dritte des Achten Mondmonats vorüber war, der Geburtstag der Herzoginmutter, verbeugte sich Bau-yü früh am Morgen vor ihrem Schrein und kehrte dann in seinen „geweihten Raum“ zurück. Nach dem Frühstück hatten sich Bau-tschai, Hsi-jën und einige der Mägde in den vorderen Raum gesetzt, unterhielten sich mit den Damen Hsing und Wang, und er saß allein in seinem Zimmer, in tiefer Konzentration, als Ying-örl mit einem Tablett Obst eintrat.
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„Ihre Herrin bat mich, Ihnen dies zu bringen“, sagte sie, „das war noch vom Opfer für die Herzoginmutter übrig.“ Bau-yü erhob sich, um sich zu bedanken, und setzte sich dann wieder. „Stell’ es dort hin“, sagte er.
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Als sie das Tablett auf die Seite gestellt hatte, sagte Ying-örl mit einem Unterton zu ihm: „Ihre Herrin hat soeben sehr anerkennend von Ihnen gesprochen.“
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Bau-yü lächelte. Ying-örl fuhr fort: „Sie sagte, da Sie nun sehr hart arbeiten, würdet Sie mit Sicherheit das Examen bestehen, und dann, wenn Sie Palast-Magister und Beamter seien, seien die Hoffnungen Ihrer Eltern in Sie nicht umsonst gewesen.“
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Ying-örl erinnerte sich plötzlich daran, was Bau-yü einmal zu ihr gesagt hatte, – sie hatte an diesem Tag Troddeln für ihn geknüpft.
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„Ich hoffe, ihr werdet bestehen!“, fuhr sie aufgeregt fort. Das wäre ein solcher Segen für unsere Herrin. Bedenken Sie, was Sie einst im Garten gesagt hatten, als Sie mich gebeten hatte, Pflaumenblüten-Troddeln zu knüpfen? Sie überlegten, in was für einen glücklichen Haushalt meine Herrin mich nach ihrer Hochzeit nehmen würde. Nun, trotz allem sind Sie der Glückliche!“
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In dem, was Sie sagte, lag etwas Besonderes, und die Art, wie sie es sagte, ließ in Bau-yü eine alte und allzu menschliche Gefühlswallung aufkommen. Doch die Nostalgie verging schnell. Er nahm sich schnell wieder zusammen und sagte mit einem höflichen Lächeln: „Nun, nach dir zu urteilen bin ich glücklich und auch deine Herrin. Doch wie fühlst du dich dabei?“
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Ying-örl errötete auf der Stelle und zwang sich zu einem Lächeln: „Wir sind nur Mägde. Glücklich sein oder nicht zählt für uns nicht.“
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Bau-yü lächelte wieder: „Es ist eine Tatsache, daß du wahrscheinlich glücklicher als jeder von uns bist, obwohl du dein gesamtes Leben als Magd verbracht hast.“
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Das klang für Ying-örl nach mehr als nur Unsinn. Sie fürchete, seine Krankheit wieder aufbrechen zu lassen, und gab vor, dringend gehen zu müssen, doch bevor sie das tun konnte, lachte Bau-yü: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen!“
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Wer wissen möchte, was es war, muß das nächste Kapitel lesen.

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 91 · 101 · 111 · 112 · 113 · 114 · 115 · 116 · 117 · 118 · 119 · 120 · ← Inhalt

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Kapitel 118

记微嫌舅兄欺弱女 / 惊谜语妻妾谏痴人

Von beißender Abneigung getrieben, planen Onkel und Vetter den Untergang eines unschuldigen MädchensVon rätselhaften Äußerungen alarmiert, protestieren Frau und Dienerin gegen ihren verwirrten Herrn.

Die Damen Hsing und Wang schlossen aus Frau Yous Worten, daß die Situation nicht zu retten war. „Wenn unsere Nichte es wünscht, eine Nonne zu werden“, sagte die Dame Wang mit resignierendem Unterton, „dann muß dies in einem früheren Leben bestimmt worden sein. Dies ist offensichtlich ihr Karma, und wir können nichts tun, um das abzuwenden. Dennoch sieht es sehr schlecht für ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren aus, wenn sie in ein Kloster geht. Das ist unvorstellbar.“ Sie wandte sich an Hsi-tschun: „Deine Schwiegerschwester hat dir die Erlaubnis erteilt, und wir können ihr nur zustimmen. Doch ich muß dich bitten, nicht deinen Kopf zu rasieren. Was zählt, ist deine gedankliche Haltung, nicht deine Frisur. Auch Miau-yü hat ihre Haare nicht rasiert. Und ich muß wieder sagen, daß ich dieses schreckliche Geschäft nicht verstehe! Wie konnte sie sich nur so leicht verführen lassen? Doch egal, wenn du wirklich fest dazu entschlossen bist, dann werden wir uns um deine Unterkunft in geweihten Räumen kümmern. Deine Diener und Mägde sollten bald dorthin geschickt werden, und wir lassen ihnen die Wahl. Diejenigen, die bei dir bleiben wollen, können dies tun, und für die anderen werden wir einen Ehemann finden.“ Hsi-tschun hörte schließlich auf zu weinen und verbeugte sich dankbar vor den Damen Hsing und Wang, Li Wan, Frau You und den anderen Anwesenden. Frau Wang wandte sich nun an Tsai-ping und Hsi-tschuns andere Mägde:„Welche von euch möchte das religiöse Leben eurer Herrin teilen?“ – „Wir werden tun, was immer Sie befehlen, Herrin“, lautete ihre Antwort. Die Dame Wang konnte sich sagen, daß keine von ihnen es wirklich wollte und überlegte, wer sonst eine passende Begleitung für Hsi-tschuns neues Leben war. Hsi-jën stand hinter Bau-yü, erwartete nach Hsi-tschuns Entscheidung zu sehen, daß er weinte oder einen seiner Anfälle bekäme, doch zu ihrer Überraschung und zu ihrem Kummer, seufzte er nur vor Bewunderung und sagte: „Daß ich das erleben darf!“ Bau-tschai gab keinen Kommentar ab. Doch sie hielt ständig Ausschau nach verräterischen Zeichen, um die Gefühle und Absichten ihres Ehemannes einzuschätzen und konnte über dieses offensichtliche Zeichen seines verwirrten Geistes, wie sie glaubte, nur still weinen. Die Dame Wang wollte gerade alle Mägde zur Versammlung rufen, um sie zu befragen, als Dsï-djüan plötzlich erschien und vor ihr niederkniete: „Haben sie bereits entschieden, Madam, wer dazu geeignet ist, Fräulein Hsi-tschun aufzuwarten?“ „Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu zwingen“, antwortete Frau Wang, „wer bereit dazu ist, soll seine Stimme erheben.“ – „Fräulein Hsi-tschun hat ein religiöses Leben gewählt“, sagte Dsï-djüan. „Doch es scheint, daß keine ihrer Mägde ihr Bestreben teilt. Es gibt etwas, das ich gern sagen möchte, Herrin. Zwar wünsche ich nicht, daß Fräulein Hsi-tschun von ihren Mägden getrennt wird, doch man strebt nicht immer nach demselben. Ich habe Fräulein Dai-yü eine lange Zeit gedient, und wie ihr wißt, Herrin, hat sie mich mit einer Güte behandelt, die ich niemals zurückzahlen kann. Als sie starb, war es mein einziger Wunsch, ihr ins Grab zu folgen. Doch weil sie kein Mitglied dieser Familie war und weil ich auch euch allen so viel zu verdanken habe, war es zu schwer für mich, diesen Schritt zu gehen. Da Fräulein Hsi-tschun nun wünscht, eine Schwester zu werden, bitte ich Sie Herrin, daß ich sie begleiten und ihr den Rest meines Lebens dienen darf. Wenn Sie, Herrin, mir nur diesen einen Wunsch erfüllen, werde ich mein Glück finden!“ Als Dsï-djüan zu Ende gesprochen hatte und noch bevor die Damen Hsing und Wang antworten konnten, lachte Bau-yü, der zunächst bei der Erwähnung von Dai-yüs Namen in einen Zustand des Kummers verfallen war, plötzlich laut auf und sprach: „Eigentlich liegt es nicht an mir, das zu sagen, ich weiß, doch da ihr so gut wart, Dsï-djüan zum Arbeiten in meine Gemächer zu schicken, Mutter, hoffe ich, daß ich meine Gedanken frei äußern darf. Bitte erfüllt ihr diesen Wunsch, und erlaubt ihr, diese Entscheidung zu treffen.“ „Wenn irgendeine andere Kusine wegen einer Heirat das Haus verläßt“, antwortete die Dame Wang, „würdest du dir die Augen ausweinen. Doch jetzt, da Hsi-tschun uns verlassen möchte, weil sie eine Nonne werden will, bestärkst du sie noch, anstatt sie davon abzubringen. Ich fürchte, ich verstehe überhaupt nicht mehr, was in dir vorgeht.“ – „Laßt mich zuerst wissen, ob diese Angelegenheit fest beschlossen ist“, sagte Bau-yü. „Ist Hsi-tschun wirklich fest davon überzeugt? Und hat man ihr endgültig die Erlaubnis erteilt? Wenn das wirklich wahr ist, dann gibt es noch ewas, das ich dir erzählen muß, Mutter. Doch wenn es noch nicht sicher ist, muß ich zurückhalten, was ich weiß.“ „Was für eine seltsame Art zu reden!“, bemerkte Hsi-tschun.„Ganz im Ernst, glaubst du wirklich, ich hätte meine Tanten so einfach überzeugen können? Ich fühle mich genauso wie Dsï-djüan: Wenn sie mich tun lassen, was ich wünsche, halte ich das für einen Segen. Wenn nicht, dann sterbe ich lieber, als mein Leben so weiter zu führen! Also gibt es nichts zu befürchten. Was immer du zu sagen hast, sag’ es.“ – „Wenn ich dir das sage, würde ich kaum ein Geheimnis verraten“, sagte Bau-yü, „Es bezieht sich auf etwas, das ohnehin vorherbestimmt ist. Ich bitte euch alle zuzuhören, während ich ein Gedicht vortrage.“ – „Also wirklich!“ ermahnten sie ihn. „In so einem Moment, in dem Menschen wirklich leiden, denkst du nur an Poesie! Wie fürchterlich!“ – „Es ist keines von mir. Ich habe es einmal irgendwo gesehen. Ich möchte doch nur, daß ihr zuhört.“ – „Nun gut. Dann beeil’ dich. Genug mit dem Geplauder!“ Bau-yü versuchte nicht, sich weiter zu erklären, sondern begann seinen Vortrag: „Wenn du den Zustand der kurzlebigen Frühlingsszenerie betrachtest, wird die Tracht einer schwarzen Nonne bald deine eigene ersetzen. Oje, diese Tochter aus solch einem reichen Hause, sollte an Buddhas Altarlicht alleine schlafen.“ Li Wan und Bau-tschai riefen beide entsetzt: „Oje, er ist radikal geistlich geworden!“ Die Dame Wang schüttelte ihren Kopf und seufzte: „Bau-yü, wo hast du dieses Gedicht nur gelesen?“ Bau-yü war unwillig, noch mehr zu sagen und bemerkte nur: „Bitte frag’ nicht, Mutter! Denke nur an diese Worte!“ Als die Bedeutung des Gedichtes ihr langsam einleuchtete, begann die Dame Wang wieder zu schluchzen: „Letztens sagtest du, es sei ein Scherz, als du davon gesprochen hattest, selbst ein Mönch zu werden. Und nun plötzlich dieses Gedicht! Genug! Ich verstehe. Was soll ich tun? Es gibt nichts, das ich tun kann, außer dich deine eigenen Wege gehen zu lassen. Wenn du nur damit gewartet hättest, bis ich tot bin! Dann hättet ihr machen können, was ihr wollt!“ Bau-tschai versuchte, sie zu trösten, war aber selbst kaum dazu in der Lage. Der Schmerz, den sie ertragen mußte, durchstach ihr Herz wie ein Messer, und dann brach sie zusammen und begann bitterlich zu weinen. Hsi-jën weinte ebenso und mußte von Tjiu-wën gestützt werden. Bau-yü vergoß weder eine Träne, noch bot er irgendeinen Trost an. Er blieb völlig still. Djia Lan und Djia Huan waren bereits gegangen, und nur Li Wan konnte noch versuchen, die Situation zu retten: „Ich glaube einfach, daß Bau-yü selbst über Hsi-tschuns Entscheidung zu traurig ist, daß er nicht mehr weiß, was er sagt. Wir sollten das nicht zu ernst nehmen. Dsï-djüan muß trotzdem eine Antwort erhalten. Wir müssen sie aufstehen lassen. Wird ihre Bitte nun erfüllt oder nicht?“ „Welchen Unterschied macht das schon?“, antwortete die Dame Wang. „Sie hat sich das gut genug überlegt und, wenn jemand fest zu etwas entschlossen ist, kann ihn nichts mehr aufhalten. Ohne Zweifel wird uns Bau-yü erzählen, daß Dsï-djüans Entscheidung vorherbestimmt war.“ Dsï-djüan verbeugte sich und Hsi-tschun dankte der Dame Wang. Dsï-djüan verbeugte sich auch vor Bau-yü und Bau-tschai. „Amitabha!“, rief Bau-yü fromm. „Wie nobel! Wie selten! Ich hätte niemals gedacht, daß du als Erste von uns errettet wirst!“ Bau-tschais Selbstbeherrschung versagte wieder, und Hsi-jën brach ungeachtet von der Anwesenheit der Dame Wang in Schluchzen aus und rief: „Ich will mit Fräulein Hsi-tschun gehen!“ Bau-yü lächelte: „Du strebst auch nach etwas Gutem. Aber ein Leben in Abgeschiedenheit hat das Schicksal für dich nicht bestimmt.“ „Dann möchte ich lieber sterben!“, schluchzte Hsi-jën. Entgegen seiner neu gefundenen Distanziertheit, war Bau-yü von ihren Worten sehr bewegt. Doch er sagte nichts. Es war bereits vier Uhr morgens, und er schlug seiner Mutter vor, sich zur Nachtruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen zurück in ihre Gemächer und Tsai-ping geleitete Hsi-tschun in ihr Zimmer, wo sie darauf wartete, daß bald Ehemänner für Hsi-tschuns Mägde gefunden würden und Dsï-djüan verbrachte den Rest des Tages damit, ihr demütig zu dienen. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen. Djia Dschëng hatte den Sarg der Herzoginmutter immer weiter gen Süden übergeführt. Weil ihnen Marineschiffe nach der siegreichen Beendigung eines Feldzuges begegneten, war der Kanal hoffnungslos überfüllt mit militärischen Transportschiffen, und die Verzögerung stimmte Djia Dschëng sehr verdrießlich. Sein einziger Trost war das Treffen mit einem Beamten des Yamens der Küstenverteidigung, der ihm berichtete, daß der Kommandant, Tan-tschuns Schwiegervater, nach Peking zurückberufen wurde. Tan-tschun konnte nun nach Hause zurückkehren, obwohl es unklar war, wann sie reisen konnten. Eine weitere Folge der Verzögerung war, daß Djia Dschëng kaum mehr Geld hatte. Er mußte einen Brief schreiben und ihn zum Yamen des Sohns von Verwalter Lai Da, Lai Shang-jung, schicken, der in dieser Gegend zufällig Magistratsbeamter war. Er bat ihn, ihm fünfhundert Silbertael zu leihen. Der Diener, der mit dieser Mission beauftragt wurde, sollte das Geld bringen und Djia Dschëng weiter über den Kanal führen. Nachdem einige Tage vergangen waren, erschien der Diener wieder und kam mit Lai Shang-jungs Antwort an Bord. Der Brief war voller Kummergeschichten verschiedenster Art und schloß mit fünfzig Silbertael. Djia Dschëng war rasend und, ohne zu zögern, befahl er dem Diener, sofort zurückzukehren: „Gib ihm sein Geld zurück, und seinen Brief kann er auch wieder haben! Er soll sich schämen!“ Der arme Diener tat, was ihm befohlen wurde und kehrte zu Lais Yamen zurück. Lai, verstört darüber, seinen Brief und das Geld wiederzubekommen, und wissend, daß er sich gemein verhalten hatte, bereitete ein weiteres Paket vor, füllte es mit weiteren hundert Tael und bat den Diener, es zurück zu Djia Dschëng zu bringen. Doch gegen Lais Bitten und Flehen blieb der Mann hart und kehrte mit leeren Händen zum Boot zurück. Lai Shang-jung war sich nur zu gut der Folgen seines Handelns bewußt und schrieb sofort seinem Vater im Jung-guo-Anwesen. Er riet ihm, sich zu verabschieden und wenn möglich, ihn aus der Situation freizukaufen. Als Verwalter Lai den Brief seines Sohnes erhielt, fragte er Djia Tjiang, Djia Yün und die anderen, bei der Dame Wang um seine Entlassung zu bitten. Djia Tjiang wußte zu gut, daß allein der Versuch sinnlos war. Er ließ einen Tag vergehen und gab dann den falschen Bericht, die Dame Wang habe ihm seine Bitte verwehrt. Also nahm sich Lai Da ein paar Tage frei und schickte einen Botschafter zum Yamen seines Sohnes, um ihn anzuweisen, sich krank zu melden und seine Stellung zu verlassen. Die Dame Wang wußte überhaupt nicht, was alles vor sich ging. Djia Yün war äußerst enttäuscht zu hören, daß Djia Tjiang Lais Bitte abgewiesen hatte. Diese Tatsache, oder besser die Provision, die dies gebracht haben könnte, erschien ihm als letzte Chance, die enormen Spielschulden, die er in den letzten Tagen zu verzeichnen hatte, auszugleichen. Seine einzige andere Hoffnung war, Djia Huan um ein Darlehen zu bitten. Doch Djia Huan war nicht in der Lage, als Geldgeber zu dienen, da er selbst keine Münze besaß und bereits alles Ersparte seiner Mutter verpraßt hatte. Auch wenn Yün kein Darlehen bekam, gelang es ihm trotzdem, Djia Huan in seinen Rachegefühlen zu bestärken. Erinnerungen an Hsi-fëngs Grausamkeit schwirrten Djia Huan immer noch im Kopf. Und da Djia Liän fort war, war er mehr als bereit, seine Laune an Tjiau-djiä auszulassen. Djia Yün, der ein Darlehen brauchte, schien der geeignete Komplize. „Du bist nicht länger ein Junge, Yün!“, grummelte er herausfordernd. „Warum einen Armen wie mich um Geld bitten, wenn es die Möglichkeit gibt, einen kleinen Vorteil zu erzielen?“ – „Erzähl’ etwas anderes!“, antwortete Yün. „Wir haben doch immer nur unseren Spaß gehabt. Ich habe für uns niemals die Möglichkeit gesehen, irgendwo Profit rauszuschlagen.“ – „Was war denn letztens mit diesem Mongolischen Prinzen, der nach einer Konkubine sucht? Warum besprechen wir das nicht mit Onkel Hsing und bieten dem Prinzen Tjiau-djiä an?“ – „Das könnte dich vielleicht verärgern, wenn ich das sage, Onkel Huan“, antwortete Djia Yün. „Doch ich würde es so sagen: Angenommen, der Prinz kauft eine Konkubine aus unserer Familie, möchte er mit uns danach wahrscheinlich nichts mehr zu tun haben.“ Als Antwort darauf flüsterte Djia Huan etwas in Djia Yüns Ohr und Yün nickte nebenbei, beurteilte den Vorschlag als eine Laune von Huan, der keiner ernsthaften Überlegung wert sei. Genau in diesem Moment kam Wang Jën vorbei. „Was plant ihr beiden denn?“, fragte er. „Wollt ihr mich wieder zum Narren halten?“ Djia Yün erzählte ihm leise den Inhalt von Djia Huans Vorschlag, und Wang Jën klatschte enthusiastisch in die Hände. „Bravo! So ein einträglicher Einfall! Doch könnt ihr das wirklich durchziehen? Wenn du den Mut dazu hast, dann versichere dich. Vergiß nicht, daß ich ihr Onkel bin. Es ist immer noch meine Entscheidung. Du übermittelst den Plan nur der Dame Hsing und Djia Huan, dem alten Burschen, während ich mit Onkel Hsing spreche. Wenn die Tanten unnötige Fragen stellen, müssen wir sicher sein, daß alle dieselbe Geschichte erzählen.“ Als diese Besprechung vorüber war, suchte Wang Jën nach Onkel Hsing, während Djia Yün den Damen Hsing und Wang die gute Nachricht übermittelte, dabei fügte er noch ein paar Ausschmückungen hinzu. Die Dame Wang nahm den Vorschlag zur Kenntnis, blieb jedoch skeptisch. Als die Dame Hsing davon hörte, schien sie im Gegensatz dazu, äußerst begeistert von der Idee zu sein und schickte nach ihrem Bruder, um weitere Einzelheiten zu erfahren. Onkel Hsing wurde bereits von Wang Jën über alles in Kenntnis gesetzt und über seinen möglichen Gewinn informiert, was eigentlich nicht erwähnt werden muß, und wußte daher, als er in die Gemächer seiner Schwester gerufen wurde, was er zu sagen hatte: „Der Prinz ist ein sehr angesehener Mann. Natürlich bitte ich dich nicht um die Zustimmung dazu, daß sie seine richtige Frau wird. Doch sobald sie zu ihm geht, kann ich dafür garantieren, daß mein Schwiegerbruder seine Stelle zurückbekommt und die Familie ihre alte Bedrängnis los wird.“ Die Dame Hsing hatte keine wirkliche eigene Meinung. Sie war auf die Geschichte von ihrem Bruder hereingefallen und lud Wang Jën ein, um das Thema mit ihm zu besprechen. Wang Jëns begeisterte Unterstützung für dieses Projekt gab zuletzt den Ausschlag. Sie gab Djia Yün ihre Zustimmung, während Wang Jën umgehend losging und eine Nachricht an den Palast des Prinzen schickte. Der Prinz war sich dieser ganzen Hintergründe gar nicht bewußt. Er plante lediglich, einige seiner Damen zu schicken, um die körperlichen Eigeschaften und die Tauglichkeit des Mädchens für den Harem zu untersuchen. Djia Yün gelang es, mit den Damen privat ein paar Worte zu wechseln: „Keiner aus der Familie des Mädchens kennt die ganze Wahrheit. Soweit sie betroffen sind, möchte der Prinz das Mädchen als eine seiner Frauen nehmen. Wenn sie erst angenommen ist, wird alles gut, habt keine Angst. Ihre Großmutter hat ihre Zustimmung gegeben, und ihr Onkel Wang Jën fungiert als Vermittler.“ Die Damen bestätigten ihre Zusammenarbeit. Djia Yün übermittelte der Dame Hsing die Neuigkeiten und berichtete der Dame Wang von der ‚Heirat‘. Li Wan und Bau-tschai kannten aber die Wahrheit nicht im geringsten und hörten die Neuigkeiten über die ‚Hochzeit‘ des Prinzen voller Freude. Am vereinbarten Tag kamen mehrere prächtig gekleidete Damen an, wurden empfangen und eine Weile von der Dame Hsing unterhalten. Ihnen wurde bald bewußt, daß die Dame, mit der sie sprachen, einen beachtlichen Rang innehatte, und waren ihr gegenüber sehr respektvoll. Als den Bedingungen des Geschäftes noch nicht zugestimmt worden war, hatte die Dame Hsing Tjiau-djiä noch nichts gesagt, sondern ihr nur erzählt, daß einige Verwandte zu Besuch seien und sie nach ihnen sehen solle. Tjiau-djiä, die kaum mehr als ein Kind war und zu jung, um irgend einen Verdacht zu schöpfen, ging mit ihrer Amme und Ping-örl dorthin. Letztere traute dem Ganzen nicht recht und bestand darauf, sie zu begleiten. In dem Moment, als Tjiau-djiä den Raum betrat, begutachteten sie das Mädchen genauestens und starrten ihre ganze Person von oben bis unten an. Sie erhoben sich dann, nahmen sie an die Hand und betrachteten sie noch einmal, worauf sie sich wieder für ein paar Minuten setzten und dann gingen. Tjiau-djiä wunderte sich über ihr Anstarren, und als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, durchdachte sie das Ganze noch einmal für sich. Sie konnte sich nicht daran erinnern, diese ‚Verwandten‘ zuvor gesehen zu haben, und sagte das Ping-örl, die für ihren Teil, sobald sie gesehen hatte, wie die Damen sich benahmen, die Wahrheit bereits vermutete. ‚Offensichtlich haben sie sie im Hinblick auf eine Hochzeit untersucht‘, dachte sie bei sich. ‚Doch da Herr Liän nicht zu Hause ist, liegt die Verantwortung bei der Dame Hsing, und ich habe keine Ahnung, welche Familie damit verbunden ist. Eine Familie von unserem Rang würde niemals derart starren. Trotzdem sahen diese Frauen nicht so aus, als entstammten sie einem der königlichen Gemächer. Sie hatten etwas Ausländisches an sich. Ich sage Tjiau-djiä zunächst besser nichts davon, sondern warte, bis ich selbst mehr weiß.‘ Ping-örl machte sich daran, die Wahrheit herauszufinden, und, da die betroffenen Mägde und Dienstmädchen alle einmal für sie gearbeitet hatten, fühlten sie sich noch verpflichtet und gaben ihr sofort alle Informationen, die sie verlangte. Sie war entsetzt und suchte nach einem Einfall, wie man diese Katastrophe abwenden konnte. Sie hielt es immer noch für weiser, Tjiau-djiä nichts zu sagen; daher eilte sie hinüber, um Li Wan und Bau-tschai zu informieren, und bat sie, der Dame Wang das Problem darzulegen. Die Dame Wang hatte selbst gespürt, daß etwas nicht stimmte, und hatte dies der Dame Hsing gesagt. Doch die Dame Hsing war auf ihren Bruder und Wang Jën hereingefallen und anstatt die Dame Wang vernünftig anzuhören, vermutete sie ein anderweitiges Motiv, daß ihrem Entschluß entgegen stehen könnte. „Das Mädchen hat sein Alter erreicht“, antwortete sie. „Da Liän von zuhause fort ist, liegt die Entscheidung bei mir. Und außerdem haben mein Bruder und der eigene Onkel des Mädchens die Angelegenheit gründlich durchdacht. Sie werden schon wissen, was daran ist. Ich bin von dieser Idee äußerst angetan. Und du, mach’ dir keine Sorgen, wenn irgend etwas schiefläuft, werden Liän und ich dich bestimmt nicht dafür beschuldigen.“ Die Dame Wang antwortete oberflächlich, aber insgeheim war sie wütend auf die Dame Hsing. Sie verabschiedete sich und ging zurück, um Bau-tschai zu berichten, was entschieden worden war. Während sie sprach, weinte sie, und Bau-yü versuchte, sie zu trösten. „Mutter, sei nicht bekümmert. Aus dieser Intrige wird nichts. Was immer geschieht, Tjiau-djiäs Schicksal steht bereits fest, also versuch’ bitte nicht einzugreifen.“ „Sei nicht so töricht!“, rief die Dame Wang, „wenn sie erst dieser Heirat zugestimmt haben, können sie jeden Tag hier sein, um sie mitzunehmen! Ping-örl hat recht, euer Vetter Liän wird mir die Schuld dafür geben, wenn er zurückkommt! Ich will doch nur das Beste für jedes Mitglied der Familie und besonders für Tjiau-djiä, um ihrer Eltern willen. Denkt an die anderen Mädchen! Wir haben Hsiu-yäns Hochzeit mit eurem Vetter Kë veranlaßt und schaut, wie glücklich sie zusammen sind! Und die Familie Mei, in welche Bau-tjin geheiratet hat, ist äußerst angenehm, daher muß man sich um sie keine Sorgen machen. Ich weiß, Hsiang-yün hatte nicht so viel Glück. Diese Hochzeit war zuerst die Idee ihres Onkels, und es wäre gut ausgegangen, wenn ihr Mann nicht an der Schwindsucht gestorben wäre. Jetzt wird das arme Mädchen den Rest ihres Lebens als Witwe verbringen. Wenn Tjiau-djiä in schlechte Hände gerät, werde ich mir das niemals vergeben!“ Während sie sprach, trat Ping-örl ein, um sich mit Bau-tschai zu beraten und auch um zu erfahren, was das Gespräch der Dame Wang mit der Dame Hsing ergeben hatte. Die Dame Wang erzählte ihr, was die Dame Hsing gesagt hatte. Nach einem Moment nachdenklicher Stille fiel Ping-örl auf die Knie. „Tjiau-djiäs ganze Zukunft hängt von euch ab, Herrin!“, flehte sie. „Wenn wir sie den Händen dieser Leute überlassen, bedeutet das für sie lebenslanges Leid. Und was glauben sie, wird Liän sagen, wenn er nach Hause kommt?“ „Du bist ein kluges Mädchen“, sagte die Dame Wang, „steh auf und hör’ zu, was ich sage! Letzten Endes ist Tjiau-djiä die Enkelin meiner Schwiegerschwester, nicht meine. Wenn die Dame Hsing diese Entscheidung treffen möchte, wie kann ich ihr dann im Wege stehen?“ „Es gibt wirklich keinen Grund zur Betroffenheit“, beharrte Bau-yü, „es ist wichtig, eine klare Wahrnehmung seines Schicksals zu haben.“ Ping-örl fürchtete, daß Bau-yü wieder abzuheben beginnen oder eine Unüberlegtheit begehen würde und blieb ruhig. Alles, was sie sagen wollte, hatte sie der Dame Wang gesagt, so kehrte sie jetzt in ihre Gemächer zurück. Der Kummer der Dame Wang ließ sie wieder Schmerzen in der Brust verspüren. Sie rief eine Magd, um sie zu stützen, quälte sich, auf ihren Arm gelehnt, zurück in ihr Zimmer und legte sich hin. Sie bat Bau-yü und Bau-tschai nicht, sie zu begleiten, sondern sagte nur, es würde ihr nach etwas Schlaf besser gehen. Doch es war ihr unmöglich, den Kummer abzulegen und als sie später hörte, daß die alte Frau Li sich gemeldet hatte, konnte sie sich nicht aus ihrem Bett erheben und sie unterhalten. Dann trat Djia Lan ein, um ihr eine Botschaft zu übermitteln: „Es ist ein Brief von Großvater angekommen. Die Jungen am Tor haben ihn hergebracht. Mutter wollte ihn dir geben, doch da meine Großmutter gerade gekommen ist, bat sie mich stattdessen, ihn dir zu geben. Mutter wird bald herüberkommen, um mit dir zu reden und um meine Großmutter Li vorbeizubringen.“ Er übergab der Dame Wang den Brief. Die Dame Wang fragte ihn, als sie den Brief nahm: „Warum ist deine Großmutter hier?“ „Ich weiß es selbst nicht“, antwortete Lan, „ich habe nur gehört, daß ein Brief von der Schwiegerfamilie Vetter Qis, den Dschëns, gekommen ist.“ Frau Wang wußte, daß Li Tji Dschën-Bau-yü versprochen war und daß die Verlobung bereits mit dem üblichen goldenen Tee beschlossen worden war. Es konnte sein, daß die Dschëns mit der Hochzeit fortschreiten wollten und die alte Frau Li gekommen war, um die letzten Angelegenheiten zu besprechen. Sie nickte und öffnete den Brief von Djia Dschëng: „Der Kanal ist mit Booten überfüllt, die die Armee von ihrem erfolgreichen Feldzug an der Küste zurückbringen, und mein Fortkommen hat sich deutlich verzögert. Ich habe gehört, daß Tan-tschuns Ehemann mit seinem Vater in die Hauptstadt reist, und ich frage mich, ob du etwas von ihnen gehört hast? Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief von Liän erhalten, der mir von Bruder Schës Krankheit berichtete. Gibt es dazu noch etwas Neues? Die Zeit rückt näher, daß Bau-yü und Lan ihre Prüfungen zu bestehen haben. Sie müssen fleißig lernen und dürfen auf keinen Fall ihre Zeit vertrödeln. Es wird noch einige Tage dauern, bis ich Nanking mit Mutters Sarg erreiche. Ich bin bei guter Gesundheit, sorge dich nicht um mich. Bitte übergib Bau-yü und Lan meine Anweisungen. Dschëng. Datiert am Tage X des Monats Y P.S.: Jung wird sich getrenntermaßen melden.“ Nachdem sie den Brief gelesen hatte, gab die Dame Wang ihn Djia Lan zurück und sagte: „Gib ihn Bau-yü und sage ihm, er solle ihn lesen! Und dann gib ihn deiner Mutter zurück!“ Während sie sprach, traten Li Wan und die alte Frau Li ein und begrüßten sie. Sie setzten sich und die alte Frau Li sprach über die Dschëns und LiQis Hochzeit. Sie sprachen eine Weile darüber, und dann fragte Li Wan die Dame Wang: „Hast du Vaters Brief gelesen?“ „Das habe ich.“ Djia Lan reichte den Brief seiner Mutter, die ihn selbst las, und sagte: „Tan-tschun war über ein Jahr fort und ist nicht einmal nach Hause gekommen. Es wird so eine Erleichterung für euch sein, daß sie nun in die Hauptstadt ziehen.“ „Ja“, antwortete die Dame Wang. „Bis vorhin war ich noch bekümmert, doch nach diesen Neuigkeiten fühle ich mich wesentlich besser. Doch wir wissen immer noch nicht, wann sie ankommen werden.“ Die alte Frau Li fragte, wie Djia Dschëngs Reise gewesen war, während Li Wan sich an Djia Lan wandte und sagte: „Ich hoffe, du hast bemerkt, was dein Großvater in diesem Brief sagt? Die Prüfungen rücken näher, und er ist sehr besorgt um euch beide. Du beeilst dich besser und gibst den Brief Bau-yü zu lesen.“ – „Bitte sagt mir,“ erkundigte sich die alte Frau Li, „wie es möglich ist, daß sie beide an der zweiten Prüfung teilnehmen können, ohne einen Grad zu besitzen?“ Frau Wang führte aus: „Bevor er seinen Posten als Agrarintendant erhielt, hat mein Mann den Lizenziatengrad für beide erworben.“ Die alte Frau Li nickte, und Djia Lan ging mit dem Brief zu Bau-yü. Da er die Gemächer von Frau Wang früher verlassen hatte, war Bau-yü in seine Gemächer zurückgekehrt, wo er seine Kopie der ‚Herbstfluten‘ aus dem Kapitel des Buches Dschuang-Dsï nahm und begann, es fasziniert zu lesen. Als Bau-tschai aus dem inneren Raum kam und ihn so versunken in seine Lektüre sah, trat sie herbei und warf einen Blick auf den Titel des Buches. Es enttäuschte sie sehr, daß es sich um einen dauistischen Klassiker handelte. ‚Das einzige, was er noch ernst nimmt, ist dieser Unfug über „mit der Welt abschließen und sich über die Sterblichkeit erheben“ ‘, dachte sie bei sich. ‚Ein absolut hoffnungsloser Fall.’ Es schien unsinnig, mit ihm darüber zu diskutieren, deshalb setzte sie sich neben ihn und starrte ihn vorwurfsvoll an. Wie er ihren Ausdruck wahrnahm, fragte Bau-yü: „Was ist denn los?“ „Da wir nun Mann und Frau sind“, antwortete sie, „sollte ich dich ein Leben lang um Unterstützung bitten können. Unser gemeinsames Leben sollte auf mehr gegründet sein als auf einen Moment der Leidenschaft. Ruhm und Wohlstand sind substanzlos wie eine Wolke, – das kann ich verstehen. Doch selbst vor langer Zeit priesen die Weisen die charakterlichen Eigenschaften und Tugenden.“ Bevor er ihr ganz zugehört hatte, legte Bau-yü sein Buch nieder, lächelte und sagte: „Du sprichst von Tugend und den Weisen vergangener Zeiten. Doch weißt du, daß die Weisen auch als ein ideales ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ hochgehalten werden‘? Welche Tugenden hat ein neugeborenes Kind? Keine, nur die völlige Abwesenheit von Wissen, von Bewußtsein, von Gier und von Neid. In all unseren Leben versinken wir tiefer und tiefer im Sumpf der Gier, des Hasses, der Dummheit und der Begierde. Die große Frage lautet, wie man sich über all dies erheben kann, wie man diesem Netz des sterblichen Lebens entrinnen kann? ‚Dieses fließende Leben, mit seinen Begegnungen und Abschieden‘, – jetzt kann ich verstehen, weshalb die Bedeutung dieses Ausdrucks, seitdem er das erste Mal ausgesprochen wurde, in keinem Zeitalter völlig erfaßt wurde. Und was deine ‚Tugend‘ angeht, wer hat jemals einen reinen Zustand der Tugend erreicht?“ – „Was die Alten mit ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ meinten“, erwiderte Bau-tschai, „war ein Herz voller Treue und brüderlicher Ergebenheit, nicht diese mystische, wirklichkeitsferne Deutung von dir. Die Kaiser Yau, Shun, Yü, Tang, der Fürst von Dschou, Konfuzius – sie alle verbrachten ihr Leben damit, die Menschheit zu verbessern. Ihr ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ war einfach der Geist des Mitleides und der Betroffenheit für andere. Wohingegen deines dich einfach so unbetroffen läßt, daß du deine eigene Familie im Stich lassen würdest. Für mich ergibt das keinen Sinn.“ Bau-yü nickte und lächelte: „Yau und Shun waren nicht in der Lage, Tschou-fu oder Xü-you davor zu bewahren, ihren Rückzugsort in den Bergen zu verlassen. Weder konnte König Wu noch der Fürst von Dschou Bo Yi seinen Bruder Shu Tji dazu bringen, sich in der Welt einzubringen.“ – „Du wirst immer unsinniger!“, unterbrach ihn Bau-tschai, „wären alle Männer, die du erwähnst, Einsiedler gewesen, hätte es niemals Weise wie Yau, Shun, den Fürsten von Dschou und Konfuzius gegeben. Und außerdem ist es lächerlich, dich mit Bo Yi und Shu Tji zu vergleichen. Sie lebten während der auslaufenden Shang-Dynastie, und ihre Leben waren von Schwierigkeiten verschiedenster Art erfüllt. Also hatten sie einen guten Vorwand, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen. Doch in deinem Fall ist das völlig anders. Wir leben in einem Goldenen Zeitalter, und wir erhalten unsagbare Gunst vom Thron, während unsere Vorfahren dem Luxus frönten. Und du wurdest dein ganzes Leben lang behütet, von unserer verstorbenen Großmutter und von deinen Eltern. Jetzt überleg’ doch mal, was du gesagt hast! Glaubst du nicht, daß ich recht habe?“ Bau-yü hörte still zu. Seine einzige Antwort darauf waren ein Blick in den Himmel und ein Lächeln. „Da du keine Antwort zu finden weißt“, fuhr Bau-tschai fort, „solltest du meinen Rat hören. Reiß dich von jetzt an zusammen und arbeite so hart, wie du kannst! Schließ deine Prüfung erfolgreich ab und, selbst wenn du nichts in deinem ganzen Leben erreichst, wäre das zumindest eine Erwiderung der Himmlischen Gunst und der ‚Tugend‘ deiner Vorfahren.“ Bau-yü nickte und seufzte tief: „Die Prüfung gut zu bestehen ist nicht schwierig. Und was du über ‚niemals irgend etwas erreichen‘, ,eine Erwide- Erwiderung der Himmlischen Gunst‘ und der ‚Tugend meiner Vorfahren‘ sagst, ist nicht genau der Punkt.“ Bevor Bau-tschai antworten konnte, mischte sich Hsi-jën ein: „Ich habe nicht wirklich verstanden, was Frau Bau-tschai über die alten Weisen gesagt hat. Ich weiß nur, daß wir von Kindheit an durch dick und dünn mit dir gegangen sind, dich mit mehr Hingabe behandelt haben, als ich in Worte fassen kann. Natürlich weiß ich, daß es so sein sollte, doch solltest du im Gegenzug nicht auch etwas an uns denken? Und sieh, welche Hingabe Frau Bau-tschai an deiner Statt dem Herrn Djia Dschëng und der Dame Wang erwiesen hat! Auch wenn du keinen großen Wert auf deine Ehe legst, sicher schuldest du ihr zumindest ein wenig Dankbarkeit für das, was sie für dich getan hat? Und all das mit der Unsterblichkeit, ist doch alles heiße Luft! Wer hat schon jemals gesehen, wie ein Unsterblicher einen Fuß auf die Erde setzte? Manche Mönche tauchen von Gott weiß wo auf, erzählen viel Unsinn und du nimmst sie auch noch ernst! Du bist ein gebildeter Mann, bestimmt gibst du ihren Worten nicht mehr Gewicht als denen deiner Eltern?“ Bau-yü senkte still seinen Kopf. Hsi-jën hatte noch mehr Munition bereit, doch dann hörten sie von draußen Schritte, und eine Stimme drang durch das Fenster: „Ist Onkel Bau-yü zu Hause?“ Bau-yü erkannte Djia Lans Stimme, stand auf und sagte erheitert: „Komm herein!“ Djia Lan trat ein, sein Gesicht strahlte vor Lachen. Er bezeugte Bau-yü und Bau-tschai seinen Respekt und begrüßte Hsi-jën, bevor er Bau-yü Djia Dschëngs Brief zeigte, welchen Bau-yü an sich nahm und las. „Also kommt meine Schwester jetzt zurück nach Hause, oder?“ „Nach dem Inhalt des Briefes zu urteilen, ja,“ war Djia Lans Antwort. Bau-yü senkte seinen Kopf in bedächtiger Stille, und Djia Lan fuhr fort: „Am Ende des Briefes, Onkel Bau-yü, siehst du, daß er dazu drängt, daß du bald einer ernsthaften Tätigkeit nachgehst. Ich glaube nicht, daß du in letzter Zeit viele Aufsätze verfaßt hast, oder etwa doch?“ Bau-yü lachte: „Meinetwegen werde ich welche schreiben, nur um in Übung zu bleiben. Warum nicht? Ich könnte sie genau so gut hinters Licht führen!“ „In diesem Fall“, schlug Djia Lan vor, „warum schlägst du nicht ein paar Themen vor, und wir schreiben sie zusammen. Das wird helfen, uns auf das Examen vorzubereiten. Ich möchte bestimmt kein leeres Blatt abgeben und uns damit lächerlich machen.“ – „Ich weiß, daß du nichts dergleichen tun wirst“, sagte Bau-yü. Bau-tschai bat Djia Lan, sich zu setzen. Bau-yü setzte sich auch wieder in seinen eigenen Stuhl, während sich Djia Lan höflich daneben setzte, und wie sie gemeinsam über Aufsätze sprachen, wurde ihre Unterhaltung immer belebter. Als Bau-tschai sah, wie sehr sich ihr Gespräch belebte, zog sie sich zurück und dachte bei sich: ‚Es scheint beinahe so, als hätte Bau-yü das Licht erblickt. Doch ich frage mich, warum er meine Worte ‚niemals irgend etwas erreichen‘ aufgriff und sie so betont wiederholte?’ Sie war immer noch sehr verwirrt. Hsi-jën war jedoch begeistert, ihn über Aufsätze und Examina reden zu hören. „Amitabha!“ sprach sie leise zu sich. „Doch was für eine Predigt war nötig, um ihn zur Vernunft zu bringen!“ Die Jungen setzten ihr Gespräch fort, und Ying-örl bereitete ihnen etwas Tee. Djia Lan erhob sich, um seine Tasse entgegenzunehmen und sprach noch etwas länger über die Regeln, die das Examen bestimmten und fügte dabei hinzu, daß er gern Dschën Bau-yü für einen Tag einladen würde. Bau-yü schien willig, dem zuzustimmen. Nach einer Weile kehrte Djia Lan in seine Gemächer zurück, ließ Djia Dschëngs Brief allerdings bei Bau-yü. Dieser las ihn noch einmal durch und mit einem Lächeln auf den Lippen ging er zu Schë-yüä und übergab ihn ihr, um ihn wegzulegen. Dann kam er zurück und räumte sein Buch Dschuang-Dsï vom Tisch, dabei nahm er weitere esoterische Bücher mit sich, eine Sammlung mit Die Hermetische Clavicula (Tsantungtchi), Das Geheimnis der ursprünglichen Blume (Yüänmingbau) und Das Kompendium der Fünf Lampen (Wudeng hueeyüän). Er gab Schë-yüä Anweisungen, Tjiu-wën und Ying-örl fernzuhalten. Bau-tschai war erstaunt zu sehen, daß er dies tat und wünschte, seine wahren Absichten zu erfahren. „Ich finde es sehr lobenswert, daß du solche Bücher liest“, sagte sie mit einem spöttischen Lächeln. Doch warum mußt du sie alle außer Sicht legen?“ – „Weil ich jetzt verstehe“, antwortete Bau-yü. „daß diese Bücher nichts wert sind. Es wäre das Beste, sie zu verbrennen und für immer los zu sein!“ Bau-tschai war erleichtert, daß er dies sagte. Doch im nächsten Moment hörte sie ihn wie zu sich selbst zitieren: „Wahrer innerer Buddha-Geist wird nicht in Sutren gefunden; Jenseits der Feuerprobe, Führt ein Weg zu einer höheren Ebene.“ Bau-tschai verstand nicht jedes Wort, doch „innerer Buddha-Geist“ und „höhere Ebene“ reichten aus, um sie mit düsteren Vorahnungen zu erfüllen. Sie betrachtete ihn ängstlich. Er trug den Mägden auf, einen geweihten Raum für ihn vorzubereiten, suchte all seine Kopien der Bücher Dschu Hsis Neu-Konfuzianisches Elementarbuch sowie Sammlungen von Examensessays und versen und brachte sie in sein neues Zimmer. Dann setzte er sich ernsthaft hin und begann in Ruhe zu arbeiten. Bau-tschai glaubte, sie könne nun beruhigt sein. Hsi-jën konnte ihren Augen und Ohren kaum trauen. Sie lächelte verschwörerisch zu Bau-tschai: „Ihr wißt genau, wie man mit ihm reden muß, Herrin! Nur dieser eine Vortrag von euch, und er ist ein neuer Mann! Ich hoffe nur, er bleibt so strebsam. Das Examen steht kurz vor der Tür.“ Bau-tschai nickte und lächelte: „Das liegt alles in der Hand des Schicksals. Sein Erfolg hängt nicht davon ab, wie früh oder spät er anfängt zu lernen. Ich hoffe nur, daß er von jetzt an erwachsener wird und seine alten Possen aufgibt.“ Erst schaute sie, ob sie mit Hsi-jën allein im Zimmer war, dann fügte sie mit einem Unterton hinzu: „Sicherlich gefällt mir dieser Gesinnungswandel. Doch eines bedrückt mich noch. Seine alte Schwäche für das schwache Geschlecht. Wir sollten ihn von Frauen isolieren.“ – „Da habt ihr recht, Herrin“, sagte Hsi-jën. „So lange er unter dem Einfluß des Mönches stand, interessierte er sich wenig für die Mädchen um ihn herum. Doch jetzt hat er seinen Kurs wieder geändert, für müssen umso mehr auf die Wiederkehr seiner alten Allüren achten. Ich denke nicht, daß er uns gegenüber viel Interesse zeigen wird, Herrin. Da Dsï-djüan gegangen ist, bleiben nur noch vier weitere Mägde. Wu-örl ist sozusagen die Füchsin unter ihnen, doch ich habe gehört, daß ihre Mutter um die Erlaubnis gebeten hat, sie aus dem Dienst nehmen zu dürfen, daß sie verheiratet werden kann, deshalb wird sie in ein paar Tagen fort sein. Schë-yüä und Tjiu-wën haben Herrn Bau-yü nie besonders nahegestanden, doch wir sollten nicht vergessen, daß er mit ihnen als Kind noch herumgeschäkert hat. Dann bleibt noch Ying-örl. Er scheint sich gar nicht für sie zu interessieren, und sie ist ein sehr zuverlässiges Mädchen. Ich schlage vor, daß die täglichen Pflichten wie Tee zubereiten und Wasser bringen, Ying-örl übernehmen sollte, einige jüngere Mägde helfen ihr dann dabei. Was meint ihr, Herrin?“ – „Ich habe selbst lange darüber nachgedacht“, antwortete Bau-tschai, „dein Vorschlag erscheint mir sehr überlegt.“ So wurde von nun an Ying-örl eingesetzt. Bau-yü verließ sein Zimmer gar nicht mehr. Jeden Tag schickte er jemand anderen, um für ihn bei seiner Mutter die Aufwartung zu machen. Frau Wangs Begeisterung über diesen Wandel muß an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden. Als der Dritte des Achten Mondmonats vorüber war, der Geburtstag der Herzoginmutter, verbeugte sich Bau-yü früh am Morgen vor ihrem Schrein und kehrte dann in seinen „geweihten Raum“ zurück. Nach dem Frühstück hatten sich Bau-tschai, Hsi-jën und einige der Mägde in den vorderen Raum gesetzt, unterhielten sich mit den Damen Hsing und Wang, und er saß allein in seinem Zimmer, in tiefer Konzentration, als Ying-örl mit einem Tablett Obst eintrat. „Ihre Herrin bat mich, Ihnen dies zu bringen“, sagte sie, „das war noch vom Opfer für die Herzoginmutter übrig.“ Bau-yü erhob sich, um sich zu bedanken, und setzte sich dann wieder. „Stell’ es dort hin“, sagte er. Als sie das Tablett auf die Seite gestellt hatte, sagte Ying-örl mit einem Unterton zu ihm: „Ihre Herrin hat soeben sehr anerkennend von Ihnen gesprochen.“ Bau-yü lächelte. Ying-örl fuhr fort: „Sie sagte, da Sie nun sehr hart arbeiten, würdet Sie mit Sicherheit das Examen bestehen, und dann, wenn Sie Palast-Magister und Beamter seien, seien die Hoffnungen Ihrer Eltern in Sie nicht umsonst gewesen.“ Ying-örl erinnerte sich plötzlich daran, was Bau-yü einmal zu ihr gesagt hatte, – sie hatte an diesem Tag Troddeln für ihn geknüpft. „Ich hoffe, ihr werdet bestehen!“, fuhr sie aufgeregt fort. Das wäre ein solcher Segen für unsere Herrin. Bedenken Sie, was Sie einst im Garten gesagt hatten, als Sie mich gebeten hatte, Pflaumenblüten-Troddeln zu knüpfen? Sie überlegten, in was für einen glücklichen Haushalt meine Herrin mich nach ihrer Hochzeit nehmen würde. Nun, trotz allem sind Sie der Glückliche!“ In dem, was Sie sagte, lag etwas Besonderes, und die Art, wie sie es sagte, ließ in Bau-yü eine alte und allzu menschliche Gefühlswallung aufkommen. Doch die Nostalgie verging schnell. Er nahm sich schnell wieder zusammen und sagte mit einem höflichen Lächeln: „Nun, nach dir zu urteilen bin ich glücklich und auch deine Herrin. Doch wie fühlst du dich dabei?“ Ying-örl errötete auf der Stelle und zwang sich zu einem Lächeln: „Wir sind nur Mägde. Glücklich sein oder nicht zählt für uns nicht.“ Bau-yü lächelte wieder: „Es ist eine Tatsache, daß du wahrscheinlich glücklicher als jeder von uns bist, obwohl du dein gesamtes Leben als Magd verbracht hast.“ Das klang für Ying-örl nach mehr als nur Unsinn. Sie fürchete, seine Krankheit wieder aufbrechen zu lassen, und gab vor, dringend gehen zu müssen, doch bevor sie das tun konnte, lachte Bau-yü: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen!“ Wer wissen möchte, was es war, muß das nächste Kapitel lesen.