Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 119"

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== 中乡魁宝玉却尘缘 / 沐皇恩贾家延世泽 ==
 
== 中乡魁宝玉却尘缘 / 沐皇恩贾家延世泽 ==
  
Erlaubnis, wieder zurückzukehren. Auf seinem Weg hörte er von der Amnestie und gelangte zwei Tage später wieder zu Hause an, genau an dem Tag, als das Edikt dem Jung-guo-Anwesen übermittelt wurde – gerade in dem Moment, als die Dame Hsing sich fragte, wer im Namen der Familie diesen Erlaß empfangen könnte. Djia Lan war nun gewissermaßen dazu auserkoren, diese Funktion zu erfüllen, doch er war eigentlich noch zu jung. Dann wurde Djia Liäns Ankunft angekündigt. Er begrüßte alle um sich, und die Wiedervereinigung bot Anlaß zu Kummer und Freude. Dennoch war keine Zeit mehr, noch länger zu reden, und Djia Liän eilte in die Haupthalle, um den Kaiserlichen Abgesandten zu empfangen, der sich nach Djia Schës Gesundheit erkundigte und sagte: „Morgen müßt Ihr zur Kaiserlichen Schatzkammer gehen, um eure Entschädigung zu erhalten. Die Ning-guo Residenz tritt wieder in den Besitz eurer Familie.“  
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'''Bau-yü besteht die Staatsprüfung auf Provinzebene und entsagt dann der WeltDas Haus der Familie Djia steht wieder in kaiserlicher Gunst und setzt den Ruhm seiner Ahnen fort.'''
Die Männer erhoben sich, und der Abgesandte ging wieder fort. Djia Liän begleitete ihn bis zum vorderen Tor, wo gerade einige ländliche Kutschen heranfuhren. Die Torwächter gestatteten es nicht, daß die Kutschen dort halten durften, und ein lauter Streit erhob sich. Djia Liän bemerkte sofort, daß seine Tochter in einer dieser Kutschen sitzen müsse, und begann, die Torwächter wütend anzuschreien: „Ihr Pack elender Köter! Während ich fort war, habt ihr euch gegen euren eigenen Herrn gewendet und meine Tochter von zuhause fortgeschickt. Jetzt wollt ihr sie davon abhalten zurückzukehren! Wollt ihr euch an mir rächen?“
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Die Diener hatten Djia Liäns Rückkehr befürchtet, da er gewiß früher oder später herausfinden würde, was während seiner Abwesenheit geschehen war, und sie bestimmt für ihre Beteiligung daran bestrafen würde. Es war für sie wie ein Schock, ihn bereits so früh so reden zu hören, als ob er schon alles wüßte. Wie das möglich war, konnten sie nicht verstehen. Sie erhoben sich und protestierten: „Während ihr fort wart, Herr, waren einige von uns krank, einige fort. Alles ging von Herr Huan aus, Herrn Tchiang und Herrn Yün, Herr, es hatte nichts mit uns zu tun.“  
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Wie wir im letzten Kapitel berichtet haben, war Ying-örl, verwirrt von Bau-yüs Worten, beinahe dabei zu gehen, als sie ihn wieder sprechen hörte: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen. Wenn deine Herrin glücklich ist, dann bist du es auch, weil du ihre Magd bist. Auf deine Schwester Hsi-jën kann man sich nicht verlassen. In Zukunft - merke dir meine Worte - mußt du dich um deine Herrin mit Sorge und Hingabe kümmern, und am Ende wirst du eine angemessene Belohnung für deine Dienstjahre erhalten.“
„Ihr dummen Unfähigen!“, rief Djia Liän, „ich kümmere mich um euch, wenn ich fertig bin. Beeilt euch und laßt diese Kutschen herein!“
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Bau-yüs Worte ergaben für Ying-örl keinen Sinn, auch wenn sie scheinbar sinnvoll begannen.
Als Djia Liän wieder hereinging, sagte er der Dame Hsing nichts von alledem. Er ging zur Wohnung der Dame Wang, kniete vor ihr nieder und verkündete: „Deinem Voraussehen ist es zu verdanken, Tante Wang, daß meine Tochter sicher zurückgekehrt ist. Ich sollte besser nichts von Vetter Huans Betragen in diesem Fall erzählen, das wird kaum nötig sein. Doch so weit diese Kreatur Yün betroffen ist –, auch beim letzten Mal, als er die Verantwortung zu tragen hatte, gab es nur Ärger, und nun, in den wenigen Monaten, in denen ich fort war, hat er volles Verderben beschert. Meiner Meinung nach sollte er weggeschickt werden und niemals wieder eine Stellung hier erlangen.“  
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„Gut“, sagte sie, „dann gehe ich besser. Die Herrin wartet auf mich. Wenn Sie mehr Obst möchten, Herr Bau-yü, senden Sie nur eine der jüngeren Dienstmägde nach mir.“
„Und was ist mit deinem Schwiegerbruder, Wang Jën?“, erkundigte sich Frau Wang, „was brachte ihn dazu, sich so verachtenswert zu betragen?“ –
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Bau-yü nickte, und Ying-örl ging. Kurz darauf kehrten Bau-tschai und Hsi-jën aus den eigenen Räumen zurück.
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Die Prüfung rückte näher. Die ganze Familie war voller Erwartung und hoffte, daß die beiden Jungen achtbare Aufsätze schreiben und der Familie Ehre machen würden. Alle außer Bau-tschai. Obwohl Bau-yü sich wirklich gut vorbereitet hatte, hatte sie gelegentlich auch eine seltsame Abgestumpftheit in seinem Verhalten bemerkt. Ihre erste Sorge war, daß die beiden Jungen, für die es beide eine Premiere war, im Gewühl von Menschen und Fahrzeugen vor den Prüfungshallen verletzt würden oder einen Unfall hätten. Sie sorgte sich besonders um Bau-yü, der das Anwesen seit seinem Zusammentreffen mit dem Mönch nicht mehr verlassen hatte. Seine Freude am Studium schien ihr das Ergebnis eines zu hastigen und insgesamt nicht überzeugenden Gesinnungswandels, und sie hatte eine Vorahnung, daß etwas Ungehöriges passieren würde. An dem Tag vor dem großen Ereignis trug sie Hsi-jën und einigen der jüngeren Dienerinnen auf, mit Su-yün und ihren Helfern zu gehen und sicherzustellen, daß beide Kandidaten gut vorbereitet waren. Sie selbst überprüfte ihre Sachen, legte sie bereit und ging dann mit Li Wan hinüber in die Gemächer der Dame Wang, wo sie einige treue Gefolgsmänner der Familie auswählte, um sie am nächsten Tag zu begleiten, aus Angst, sie könnte in der Menge gestoßen oder gar niedergetrampelt werden.
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Der große Tag brach letztendlich an, und Bau-yü und Djia Lan wechselten in elegante, aber schlichte Gewänder. Sie kamen frohen Mutes herüber, um sich von der Dame Wang zu verabschieden, die ihnen zum Abschied noch ein paar ratsame Worte mitgab: „Dies ist das erste Examen für euch beide und obwohl ihr jetzt schon große Jungen seid, ist es immer noch das erste Mal für euch, einen ganzen Tag von Zuhause fort zu sein. Ihr mögt in der Vergangenheit zwar fort gewesen sein, doch Ihr wart immer in Begleitung eurer Dienerinnen. Ihr habt niemals eine Nacht außer Haus auf diese Art verbracht. Heute, wenn ihr beide euch dem Examen unterzieht, werdet ihr euch sehr einsam fühlen, so ganz ohne Familie. Ihr müßt besonders vorsichtig sein. Beendet eure Aufsätze und kommt so früh wie möglich heraus und sucht einen der Familiendiener, dann kommt so schnell wie möglich nach Hause. Dann werden deine Mutter und Ehefrauen sich um euch keine Sorgen mehr machen.“
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Während sie sprach, war die Dame Wang von dieser Angelegenheit sehr bewegt. Djia Lan gab alle passenden Antworten, doch Bau-yü blieb still, bis Dame Wang zu Ende gesprochen hatte. Dann begab er sich zu Dame Wang, kniete vor ihren Füßen, mit Tränen auf den Wangen verbeugte er sich dreimal vor ihr und sagte: „Ich werde dich niemals für das entschädigen können, was Ihr, Mutter in meinem Leben für mich getan habt. Doch wenn ich dies Eine erfolgreich meistere, wenn ich mein Bestes gebe und die Prüfung bestehe, dann kann ich Ihnen vielleicht eine kleine Freude machen. Dann ist meine weltliche Pflicht erfüllt, und ich werde zumindest etwas von dem zurückgeben, was ich Ihnen an Ärger verursacht habe.“
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Die Dame Wang war jetzt noch tiefer bewegt: „Es ist eine sehr feine Sache, die du da vorhast. Es ist eine Schande, daß die alte Dame das nicht mehr erleben kann.“
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Während sie sprach, weinte sie und legte ihre Arme um ihn, um ihn an sich zu drücken. Bau-yü blieb auf dem Boden knieen und wollte sich nicht erheben.
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„Auch wenn die alte Dame nicht hier ist“, sagte er, „bin ich sicher, sie weiß davon und ist glücklich. Es ist beinahe so, als sei sie wirklich da. Uns trennt nur etwas. Zusammen sind wir in einem Geist.“
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Li Wan fürchtete, diese Szene könnte Bau-yü einen seiner Anfälle auslösen. Sie spürte etwas Unheilvolles. Sie fuhr eilig fort: „Gnädige Frau, heute sollten wir mit Freude erfüllt sein. Du darfst nicht so traurig sein. Denke daran, wie einfühlsam und pflichterfüllt Bruder Bau[-yü] zuletzt war! Alles, was er nun tun muß, ist mit seinem Neffen [Lan] im Examen zu sitzen, seine Zettel vollzuschreiben und früh nach Hause zu kommen. Dann kann er einigen Schülern und uns Abschriften von dem zeigen, was er geschrieben hat, und wir warten einfach auf gute Neuigkeiten.“
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Sie trug einer der Mägde auf, Bau-yü wieder auf die Beine zu helfen. Bau-yü drehte sich um und sagte: „Schwiegerschwester, mach’ dir keine Sorgen. Unsere zwei Jungen werden sicher bestehen. Weiterhin hat Bruder Lan eine ausgezeichnete Zukunft vor sich, während du selbst eines Tages eine Dame hohen Ranges sein und nur noch edle Kleider tragen wirst.“
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Li Wan lächelte: „Wenn all dies wirklich wahr wird, wäre das zumindest ein Ausgleich.“
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Sie hielt inne, da sie der Dame Wang keinen weiteren Kummer bereiten wollte. Bau-yü fühlte keine Hemmung dieser Art: „Wenn Lan sich gut schlägt und die Familientradition aufrecht erhält, kann mein älterer Bruder, sein Vater, es zwar nicht mehr bezeugen, doch sein größter Wunsch ist zumindest erfüllt.“
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Es wurde allmählich spät, und da Li Wan diese Runde nicht weiter in die Länge ziehen wollte, nickte sie nur kurz zum Abschluß. Bau-tschai war die Seltsamkeit dieser Reden nicht entgangen. Nicht nur Bau-yüs Bemerkungen an sich waren rätselhaft, auch jedes Wort der Dame Wang und Li Wan schien eine unheilvolle Bedeutung zu haben. Sie wagte nicht, ihre Vorahnungen offen zu formulieren, deshalb hielt Bau-tschai ihre Tränen zurück und blieb still. Bau-yü kam zu ihr und verbeugte sich tief. Es erschien ihnen allen als ein sehr exzentrisches Verhalten, und es konnte sich weder jemand vorstellen, was das zu bedeuten hatte, noch wagte jemand zu lachen. Das allgemeine Staunen wurde größer, als Bau-tschai in eine Flut von Tränen ausbrach und Bau-yü sich von ihr verabschiedete: „Kusinchen! Ich gehe jetzt. Bleib hier bei der gnädigen Frau und warte auf gute Neuigkeiten!“ –
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„Es ist Zeit für dich zu gehen“, antwortete Bau-tschai, „es gibt keinen Grund, wieder eine dieser langen Reden zu halten.“ –
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„Du mußt mich nicht drängen zu gehen“, sagte Bau-yü, „ich weiß, daß es Zeit ist.“
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Er blickte um sich und sah, daß Hsi-tschun und Dsï-djüan nicht da waren.
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„Sagt bitte der vierten Schwester [Hsi-tschun] und Schwester Dsï-djüan auf Wiedersehen von mir“, sagte er, „ich werde sie bestimmt wiedersehen.“
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Alle wunderten sich sehr über das Gemisch von Sinn und Unsinn in seinen Worten. Sie glaubten, er sei im Moment verwirrt, zum Teil wegen der derzeitigen Situation, zum Teil auch wegen der Anweisungen der gnädigen Frau. Es erschien allen als die beste Lösung, daß er sich endlich auf den Weg machte.
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„Sie warten draußen auf dich. Kein Geplauder mehr, sonst bist du zu spät.“
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Bau-yü erhob seinen Kopf und lachte.
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„Ich gehe! Genug mit der Narretei! Es ist vorüber!“ –
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„Nun – dann gehen Sie!“, riefen alle nervös lachend. Nur die Dame Wang und Bau-tschai schluchzten unentwegt, als ob sie ihn niemals wiedersähen. Endlich ging Bau-yü durch die Tür und kicherte auf seinem Weg wie ein Schwachsinniger.
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„Das Register weltlichen Ruhmes betretend,
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Durchbricht er die erste Schranke seines weltlichen Käfigs.“
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Wir müssen nun Bau-yü und Djia Lan auf ihrem Weg zum Examen verlassen und zu Djia Huan zurückkehren. Die Aufregung über die Abreise der ‚Kandidaten‘ hatte in ihm ein noch ärgerlicheres Gefühl als zuvor hinterlassen, und mit ihrer Abwesenheit hatte er nun die Freiheit, seinen Plan auszuführen: „Rache an meiner eigenen Mutter! Jetzt ist niemand mehr im Haus und die erste gnädige Frau [Hsing] wird tun, was ich sage. Ich muß niemanden fürchten.“
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Mit entschlossenem Schritt eilte er zur Dame Hsing, um seinen Respekt zu erweisen, und unterhielt sich mit ihr in einem äußerst unterwürfigen Ton. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt und sagte zu ihm: „Jetzt sprichst du wie ein intelligentes Kind! Natürlich bin ich der Mensch, der die Entscheidung bei einer Gelegenheit wie der von Tjiau-djiä -örl zu treffen hat. Es war sehr dumm von deinem zweiten Vetter Liän, seine Großmutter nicht zu achten und das in die Hände eines anderen zu legen.“ –
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„Was den Prinzen betrifft, ist es deine Seite der Familie, die er erkennt“, sagte Djia Huan. „Die ganze Sache ist besiegelt, und sie bereiten nun eine große Fuhre an Geschenken für euch vor. Wenn dieser Prinz mit deiner Enkelin verheiratet ist, wird erste gnädige Herr [Schë] dir eine wichtige Position verleihen müssen. Es wird uns allen zugute kommen. Ich möchte unsere gnädige Frau [Wang] bestimmt nicht kritisieren, doch während der ganzen Zeit, als Schwester Yüän-tschun eine Kaiserliche Konkubine war, hat sie uns nicht gerade freundlich behandelt. Ich hoffe, Tjiau-djiä-örl  wird nicht so undankbar sein. Ich muß mit ihr sprechen.“ –
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„Ja, du solltest mit ihr reden“, sagte die Dame Hsing, „so wird sie sehen, was Du alles für sie getan hast. Ich bin sicher, wenn ihr Vater zu Hause wäre, hätte er nie eine so gute Partie für sie gefunden! Diese dumme Kreatur Ping-örl hat Dinge dagegen gesagt und protestiert, sodaß Deine Mutter nicht zustimmt. Es ist wahrscheinlich nicht mehr als wirres Gezeter. Wir dürfen keine Zeit verlieren, sonst kommt dein zweiter Vetter [Liän] zurück, und sie werden ihn auch gegen uns aufhetzen, und wir werden das Ganze nie durchbekommen.“
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„Was den Prinzen betrifft, ist die Sache bereits fest beschlossen“, sagte Djia Huan. „Sie warten nur darauf, daß du das Horoskop schickst. Dann wird sie nach prinzlichem Brauch drei Tage später zur Hochzeit abgeholt. Es gibt nur eine Bedingung, die zu berücksichtigen ist. Sie sagen, in Anbetracht der Umstände, weil es nicht ordnungsgemäß ist, die Enkelin eines entehrten Beamten zu ehelichen, daß das Ganze ohne große Zeremonie ablaufen wird. Später, wenn der erste gnädige Herr [Schë] begnadigt und wieder in sein Amt eingesetzt ist, wird die Vereinigung mit allen Festlichkeiten gefeiert werden.“ –
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„Natürlich stimme ich zu“, sagte die Dame Hsing, „was sie vorschlagen, ist nur richtig.“ –
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„In diesem Fall mußt du ihnen dann nur noch die Acht Zeichen für Tjiau-djiäs Horoskop schicken.“ –
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„Dummer Junge! Was können wir Frauen denn machen? Sage besser Bruder Yün, er soll es dir aufschreiben!“
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Djia Huan war über die Antwort der Dame Hsing begeistert und stimmte ihrem Vorschlag umgehend zu, welcher ihm sehr entgegenkam. Er eilte hinüber, um sich mit Djia Yün zu besprechen, und bat Wang Jën, zum Palast des Prinzen zu gehen, um den Vertrag zu unterschreiben und das Geld zu empfangen.
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Die Unterhaltung zwischen Djia Huan und der Dame Hsing wurde von einer der Mägde der Dame Hsing gehört, welche mit Ping-örl sehr vertraut war und die deshalb, sobald sich die passende Gelegenheit bot, sofort zu Ping-örl ging und ihr erzählte, was vorgefallen war. Ping-örl hatte die ganze Zeit gewußt, daß dieser Heiratsplan nicht Gutes bringen würde, und hatte Tjiau-djiä bereits alles erzählt, was sie darüber wußte. Als sie erstmals hörte, daß sie verheiratet werden sollte, hatte Tjiau-djiä die ganze Nacht geweint, sie bestand darauf, daß man auf die Rückkehr ihres Vaters wartete, bevor eine Entscheidung getroffen würde, und verlangte, daß man die erste gnädige Frau [Hsing] nicht gehorchen sollte. Nun, da die letzten Neuigkeiten eingetroffen waren, begann sie zu heulen und wollte sich selbst bei der der gnädigen Frau [Hsing] beschweren. Ping-örl hielt sie allerdings davon ab: „Sie müssen sich beruhigen, Fräulein. Die gnädige Frau [Hsing] ist Ihre eigene Großmutter und, da der zweite Herr [Liän] fort ist, hat die erste gnädige Frau das Recht, diese Entscheidung zu treffen. Außerdem unterstützt sie Ihr eigener Onkel. Alle hängen darin zusammen und Sie sind allein. Sie werden sie nicht davon abbringen können. Und ich bin nur eine Magd, ich kann nichts sagen. Wir müssen uns selbst einen Plan überlegen und nicht unüberlegt handeln!“
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„Seid besser schnell“, riet ihnen die Magd der Dame Hsing, „in wenigen Tagen wird sie mitgenommen.“
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Mit diesen düsteren Worten kehrte sie in die Gemächer der Dame Hsing zurück.
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Ping-örl drehte sich um und sah, wie Tjiau-djiä zusammengekauert dalag und untröstlich weinte. Sie streckte eine Hand aus, um sie etwas zu trösten: „Es bringt nichts zu weinen, Fräulein. Es gibt jetzt nichts, was der zweite Herr [Liän] für Sie tun könnte. Von dem, was sie sagen, scheint es, als ob...“
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Bevor sie ihren Satz beenden konnte, erschien ein Botschafter der Dame Hsing und kündigte an: „Dies ist in der Tat ein glücklicher Tag für Fräulein [Tjiau-djiä]! Würde Ping-örl bitte vorbereiten, was immer Fräulein [Tjiau-djiä] gern mit sich nehmen möchte. Ihre Aussteuer kann bis zur Wiederkehr des zweiten Herrn [Liän] warten.“
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Ping-örl tat so, als würde sie diesen Anweisungen gehorchen, bis die Dame Wang selbst erschien. Tjiau-djiä-örl umarmte sie ängstlich und weinte in ihren Schoß. Die Dame Wang weinte selbst: „Sei doch nicht traurig, Kind. Ich habe mit der ersten gnädigen Frau gesprochen und alles getan, was ich für dich tun kann, und man entgegnete mir nichts als Beleidigungen. Ich kann sie nicht davon abbringen. Wir müssen das nun durchstehen und alles so weit wie möglich hinauszögern. Währenddessen müssen wir jemanden zu deinem Vater schicken, um ihm zu berichten, was hier vorgeht.“
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„Doch habt ihr es nicht gehört, gnädige Frau?“, sagte Ping-örl, „an diesem Morgen war dritte Herr [Huan] bei der ersten gnädigen Frau [Hsing]. Nach Brauch des Prinzen wird die Braut in drei Tagen abgeholt. Die erste gnädige Frau [Hsing] hat bereits Bruder Yün gebeten, das Horoskop vorzubereiten. Wenn zweite Herr [Liän] zurückkehrt, wird alles schon vorbei sein!“
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Wie sie hörte, daß dritte Herr [Huan] involviert war, war die Dame Wang sprachlos vor Zorn. Dann brüllte sie heraus: „Bringt ihn zu mir! Bringt ihn zu mir! Zu mir!“ Ein Diener befolgte gehorsam ihren Befehl, doch kehrte mit der Nachricht zurück, daß er an diesem Morgen bereits früh mit Herrn Djia Tjiang und Herrn Wang [Jën] ausgegangen sei.
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„Wo ist der Djia Yün?“, fragte die Dame Wang.
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„Das wissen wir nicht“, lautete die Antwort.
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Die Leute versammelten sich in Tjiau-djiäs Zimmer und standen untätig herum. Die Dame Wang besaß nicht mehr die Nerven, um sich direkt mit der Dame Hsing auseinanderzusetzen. Jeder weinte bitterlich auf der Schulter des anderen.
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Gerade als die Schwermut ihren Tiefpunkt erreicht hatte, kam ein Dienstmädchen herein, um anzukündigen, daß Oma Liu am Tor des Hauses angekommen war.
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„Wir sind alle völlig durcheinander“, kommentierte die Dame Wang, „wie können wir in so einem Moment Gäste empfangen? Sucht eine Entschuldigung und bittet sie zu gehen.“ –
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„Vielleicht sollte die gnädige Frau sie hereinbitten“, sagte Ping-örl, „sie ist immerhin Tjiau-djiäs Ziehmutter. Wir sollten ihr sagen, was hier abläuft.“
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Die Dame Wang sagte nichts. Die Amme verließ das Zimmer und kehrte kurze Zeit später mit Oma Liu zurück, die alle anwesenden Damen begrüßte. Als sie sah, daß ihre Augen vom Weinen gerötet waren und da sie nicht wußte, was los war, fragte sie nach einigem Zögern: „Was geht hier vor? Trauert die gnädige Frau und die Mädchen um zweite gnädige Frau [Liän]?“
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Die Erwähnung ihrer Mutter ließ Tjiau-djiä-örl wieder hemmungslos weinen.
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„Es gibt keinen Grund, dir die Sache vorzuenthalten, Großmutter“, sagte Ping-örl. „Und als ihre Ziehmutter sollten sie die Wahrheit wissen.“
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Sie erzählte Oma Liu nun die ganze Geschichte. Zuerst war Oma Liu entsetzt. Dann, nach einer langen Stille, begann sie zu lachen. „Eine kluge, junge Frau wie du sollte mit schwierigeren Dingen zurecht kommen. Schaut euch die ganzen Balladen an, sie sind voll schlauer Handlungen und Modelle zur Lösung vieler Probleme.“
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„Oh, Oma Liu!“, flehte Ping-örl, „wenn dir eine Möglichkeit einfällt, so sag’ sie uns bitte!“ –
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„Es ist ganz einfach“, sagte die alte Frau. „Wir dürfen es aber niemandem erzählen, und wir müssen einen schnellen Weg und ein Versteck finden – mehr brauchen wir nicht.“ –
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„Das könnt ihr nicht ernst meinen!“, protestierte Ping-örl, „wo könnte sich eine Familie wie die unsere verstecken?“ –
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„Nun“, sagte Oma Liu, „wenn ihr bereit dazu seid – und das geht nur, wenn ihr beide in unsere Stadt kommt. Ich kann Fräulein [Tjiau-djiä] verstecken und zur gleichen Zeit werde ich meinen Schwiegersohn beauftragen, einen Mann mit einem Brief, den Fräulein [Tjiau-djiä] selbst schreiben muß, direkt zu Herrn Schwager Liän zu schicken. Wenn er erst angekommen ist, wird sich gewiß alles von selbst ergeben.“
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„Und wenn die erste gnädige Frau [Hsing] es herausfindet?“, fragte Ping-örl. „Wissen sie, daß ich hier bin?“, fragte Oma Liu.
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„Die erste gnädige Frau [Hsing] lebt vorn und, da sie die Leute immer so garstig behandelt, erzählt ihr niemand, was los ist. Wärt ihr durch das vordere Tor gekommen, hätte sie vielleicht davon gewußt. Aber so, wie es aussieht, haben wir nichts zu befürchten.“
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„Nun gut“, sagte Oma Liu, „wir vereinbaren einen Zeitpunkt, und dann trage ich meinem Schwiegersohn auf, einen Wagen zu euch zu schicken.“ –
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„Wir dürfen keine Zeit verlieren“, drängte Ping-örl, „wir müssen so schnell wie möglich sein.“
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Sie ging mit der Dame Wang in den inneren Raum, und nachdem sie alle Diener fortgeschickt hatte, erklärte sie ihr Oma Lius Plan. Die Dame Wang dachte gründlich darüber nach und befand ihn als zu riskant.
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„Doch es ist unsere einzige Hoffnung!“, flehte Ping-örl, „wenn ich ehrlich zur gnädigen Frau sein darf, denke ich, Sie sollten es tun. Sie müssen vorgeben, nichts davon zu wissen. Später können Sie dann zur ersten gnädigen Frau [Hsing] gehen und sie fragen, wo Tjiau-djiä hingegangen ist. Man wird dem zweiten Herrn Liän eine Nachricht schicken, und sicherlich wird er kurz darauf hier sein.“
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Die Dame Wang blieb ruhig und seufzte tief. Tjiau-djiä-örl hatte sie reden gehört und fügte ihr Flehen dem von Ping-örl hinzu: „Oh gnädige Frau, bitte! Rette mich! Ich weiß, daß Vater dir dankbar sein wird, wenn er zurückkommt.“
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„Wir müssen mit dem Plan beginnen“, sagte Ping-örl entschlossen. „Ihr könnt in eure Gemächer zurückkehren, gnädige Frau. Doch schickt bitte jemanden, der Tjiau-djiäs Zimmer bewacht.“ –
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„Nun gut, doch haltet es geheim!“ drängte die Dame Wang. „Und ihr beide, denkt daran, so viele Kleider und Bettzeug wie möglich mitzunehmen.“ –
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„Wenn es klappen soll, müssen wir vor allem schnell sein“, sagte Ping-örl, „wenn sie mit dem unterschriebenen Vertrag zurückkommen, wird es zu spät sein!“
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Das schien die Dame Wang wieder zur Vernunft zu bringen: „Ja! Natürlich! Ihr müßt euch beeilen! Ihr könnt euch auf mich verlassen!“ Die Dame Wang kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und bemühte sich, die Dame Hsing in eine Konversation zu verwickeln und hielt sie damit in Schach.
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Ping-örl beauftragte einen Diener, ihre Sachen vorzubereiten, mit der Anweisung, dabei nicht zu heimlich zu erscheinen. „Wenn irgend jemand hereinkommt und sieht, was du tust, sag’ einfach, du führst die Anweisungen der Dame Hsing aus und daß du einen Wagen für Oma Lius Heimreise bestellst.“ In der Zeit wurden die Männer am hinteren Tor bestochen und angewiesen, einen Wagen zu besorgen. Ping-örl kleidete Tjiau-djiä so, daß sie wie [Oma Lius Enkelin] Tjing-örl aussah und eilte mit ihr hinaus. Sie gab vor, sich von der „Liu Familie“ verabschieden zu wollen und sprang in letzter Minute selbst in den Wagen. Obwohl das hintere Tor durchgehend geöffnet war, gab es nur einen oder zwei Männer, die es pflichtgemäß zu bewachen hatten. Für die verschiedenen anderen Hausangestellten war das Anwesen so groß und unterbesetzt  – in der Tat beinahe menschenleer –, daß es sicher war,
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daß ihre Abreise unbemerkt blieb. Allerdings  hatte die Dame Hsing den Ruf,  gemein zu den Dienern zu sein, und diese mißbilligten, soweit sie es wußten, was sie mit Tjiau-djiä vorhatte. Außerdem waren sie auf Ping-örls Seite und allzu bereit, Tjiau-djiäs Flucht zu übersehen. Die Dame Hsing war überaus erfolgreich in eine Diskussion mit der Dame Wang vertieft und vernahm absolut nichts von der Flucht.
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Die Dame Wang war immer noch sehr vorsichtig. Nachdem sie mit der Dame Hsing gesprochen hatte, begab sie sich auf den Weg zu Bau-tschai, versuchte dabei, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen und saß dort, erfüllt von Zweifeln am Erfolg des Unternehmens. Als sie sah, wie abgelenkt die Dame Wang war, fragte Bau-tschai: „Was hat die gnädige Frau auf dem Herzen?“ Die Dame Wang sagte, dass dies Bau-tschai im Geheimen gesagt wurde.
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„Das ist sehr gefährlich!“, meinte Bau-tschai, „wir müssen schnell Herrn Yün finden und ihm auftragen, sein Vorhaben aufzugeben.“ –
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„Aber ich kann noch nicht einmal Huan finden!“, klagte Frau Wang.
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„Verhalte dich so, als wüßtest du überhaupt nichts“, empfahl ihr Bau-tschai, „ich werde jemanden finden, der es die erste gnädige Frau [Hsing] berichtet.“
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Die Dame Wang nickte und verließ Bau-tschai, um ihren Plan fortzusetzen.
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Unsere Geschichte widmet sich nun dem Mongolischen Prinzen. Dieser junge Edelmann war in der Tat nach nichts anderem auf der Suche, als nach ansehnlichen Konkubinen für seinen Harem und nach der Empfehlung eines professionellen Vermittlers hatte er zwei seiner Frauen geschickt, um Tjiau-djiä genau zu betrachten. Als sie zurückkamen und ihr Herr sie über die Herkunft der jungen Dame befragte, wagten sie nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Der Prinz war beinahe erschrocken zu hören, daß sie einer so alten und noblen Familie entstammte: „Das ist doch ungeheuerlich! So etwas ist streng verboten! Ich war kurz davor, ein ernsthaftes Verbrechen zu begehen. Außerdem wurde ich bereits bei Seiner Majestät zu einer Audienz geladen und werde in Kürze einen passenden Tag wählen, mich auf die Rückkehr von meiner Reise zu begeben. Falls jemand kommen sollte, um die Angelegenheit weiter zu verfolgen, schickt ihn fort!“
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Dies war genau der Tag, an welchem Djia Yün und Wang Jën dem Palast Tjiau-djiäs Horoskop überbringen wollten. Als sie ankamen, erhielten sie einen groben Empfang: „Seine Hoheit haben angeordnet, daß jede Person, die es wagt, ein Mitglied der Familie Djia zu entehren, wie ein gewöhnlicher Bürger verhaftet und einem Gerichtsverfahren unterzogen wird. Was für eine abscheuliche Art, sich in solch friedlichen Zeiten so zu verhalten!“
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Wang Jën und die anderen schlichen sich sofort kleinlaut wieder zurück, grummelten zu sich selbst, daß jemand sie betrogen habe, und gingen übelgelaunt getrennte Wege.
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Djia Huan wartete zu Hause auf Neuigkeiten und war sehr bestürzt, als er die Vorladung der Dame Wang erhielt. Er sah Djia Yün allein nach Hause kommen und eilte zu ihm: „Und? Ist alles in die Wege geleitet?“
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Djia Yün stampfte wütend auf den Boden: „Es ist fürchterlich! Irgend etwas ist schief gelaufen! Ich frage mich, wer dafür verantwortlich ist!“
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Er erzählte Huan die ganze Geschichte, der zuerst sprachlos vor Wut war, dann platzte er heraus: „Noch an diesem Morgen war ich bei der ersten gnädigen Frau [Hsing] und schwärmte ihr von dieser Heirat vor. Aber was soll ich jetzt machen? Ihr wollt mich ruinieren!“
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Gerade als sie überlegten, wie sie die Situation retten könnten, ertönte ein wirrer Lärm aus den inneren Gemächern. Sie hörten, wie ihre eigenen Namen gerufen wurden, „von den ersten und zweiten Damen verlangt“ und sie schlichen sich beschämt in die Gemächer der Dame Wang.
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„Da habt ihr ja etwas Tolles angerichtet!“, rief die Dame Wang, die sie bereits wutentbrannt erwartete. „Also, jetzt habt ihr Tjiau-djiä und Ping-örl in den Tod getrieben! Das Letzte, das ihr tun könnt, ist ihre Leichen zurückbringen.“
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Beide knieten zu ihren Füßen nieder. Djia Huan wagte nicht, seinen Mund zu öffnen, doch Djia Yün neigte seinen Kopf und sagte: „Euer Großneffe hätte nie gewagt, es selbst zu tun. Wir haben diese Heirat nur vor euch erwähnt, Großtante, weil Großonkel Hsing und Onkel Wang es vorgeschlagen haben. Es war alles ihre Idee. Dann stimmte erste gnädige Frau [Hsing] allem zu und bat mich, das Horoskop zu schreiben. Jetzt will die andere Seite aussteigen. Wie könnt ihr uns beschuldigen, Schwester [Tjiau-djiä] in den Tod getrieben zu haben?“
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„Huan-örl hat die erste gnädige Frau [Hsing] erzählt, daß sie in drei Tagen ankommen würden, um das Mädchen mitzunehmen“, sagte Frau Wang. „Wer hat je von einer ordnungsgemäßen Hochzeit gehört, die in so einer Eile vollzogen wird? Ich werde keine weiteren Fragen stellen. Gebt mir nur Tjiau-djiä-örl zurück! Wir werden sehen, was gnädige Herr [Dschëng] bei seiner Ankunft entscheiden wird, wie mit euch zu verfahren ist.“
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Die Dame Hsing weinte in stiller Scham. Die Dame Wang wandte sich als nächstes an Djia Huan: „Die unglückliche Frau Dschau hat ihren Sohn offensichtlich genauso niederträchtig hinterlassen, wie sie selbst war!“
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Sie rief eine der Mägde, um ihr zu helfen, und begab sich ins Schlafgemach.
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Alleingelassen begannen Djia Huan, Djia Yün und die Dame Hsing, sich gegenseitig zu beschuldigen, bis einer von ihnen sagte: „Was bringt es denn, sich einander die Schuld zuzuschieben? Das Mädchen ist möglicherweise gar nicht tot. Ping-örl hat sie mit Sicherheit bei irgend einem Verwandten versteckt.“
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Die Dame Hsing rief die Wächter von den vorderen und hinteren Toren zu sich und, nachdem sie sie ermahnt hatte, fragte sie sie, wo Tjiau-djiä-örl und Ping-örl hingegangen seien.
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„Es nützt nichts, uns zu fragen, erste gnädige Frau“, antworteten sie wie aus einem Munde. „Fragt einen der Verwalter, die sollten es eigentlich wissen. Ihr müßt euch keine Sorgen machen, erste gnädige Frau. Falls unsere gnädige Frau [Wang] uns befragen sollte, werden wir auch ihr nichts erzählen können. Wenn einer von uns geschlagen wird oder eine Strafe bekommt, so müssen wir alle bestraft werden. Seit zweite Herr Liän gegangen ist, war es eine reine Schande, was in dem Anwesen vorgefallen ist. Wir haben noch nicht einmal unseren Lohn oder die monatliche Getreidezuteilung erhalten. Sie waren nur am Trinken und am Spielen, am Herumschäkern mit hübschen, jungen Theater-Schauspielerinnen, Mädchen wurden eingeladen – sollten sich so die Herren der Familie verhalten?“
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Djia Yün und die anderen waren still. Es kam ein Diener der Dame Wang mit neuen Anweisungen, Ping-örl und Tjiau-djiä so schnell wie möglich zu finden, was sie in noch größere Verzweiflung stürzte. Sie wagten noch nicht einmal, die Diener in Tjiau-djiäs eigenen Gemächern zu befragen, da sie wußten, daß sie zu feindselig waren, um ihnen zu verraten, wohin die beiden verschwunden sein könnten. Dies konnten sie jedoch der Dame Wang kaum sagen. Stattdessen befragten sie das Haus eines jeden Verwandten und fanden immer noch nicht die geringste Spur. Die Dame Hsing in den inneren und Djia Huan in den äußeren Gemächern verbrachten einige hektische Tage und Nächte.
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Zuletzt kam der Tag, an dem die Prüfungen beendet waren und die Kandidaten aus ihren Zellen freigelassen wurden. Die Dame Wang wartete gespannt auf die Rückkehr von Bau-yü und Djia Lan, und als der Mittag kam und es immer noch kein Zeichen von ihnen gab, begannen Dame Wang, Li Wan und Bau-tschai, sich alle zu sorgen; sie schickten einen Diener nach dem anderen, um herauszufinden, was aus ihnen geworden war. Die Diener konnten keine Neuigkeiten überbringen, und keiner von ihnen wagte es, mit leeren Händen zurückzukehren. Später wurde eine weitere Gruppe mit demselben Auftrag losgeschickt, doch mit dem gleichen Ergebnis. Die drei Damen waren außer sich vor Angst.
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Als der Abend anbrach, kehrte schließlich einer zurück: es war Djia Lan. Sie waren froh, ihn zu sehen und fragten sofort: „Wo ist dein zweiter Onkel Bau[-yü]?“
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Er grüßte sie noch nicht einmal und brach sofort in Tränen aus. „Verloren!“ schluchzte er.
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Für einige Minuten war die Dame Wang taub. Dann brach sie bewußtlos auf ihrem Ofenbett zusammen. Glücklicherweise waren Tsai-yün und einige der anderen Mägde da, um ihr zu helfen, und sie brachten sie wieder zu sich, dabei weinten sie selbst hysterisch. Bau-tschai starrte mit einem gläsernen Ausdruck in den Augen vor sich hin, während Hsi-jën und die anderen unentwegt schluchzten. Das einzige, wozu sie Zeit gefunden hatten, war Djia Lan zu schelten:
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„Dummkopf! Du warst bei Bau-yü – wie konnte er verloren gehen?“ –
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„Vor dem Examen waren wir im selben Zimmer, wir aßen zusammen, wir schliefen zusammen. Sogar als er hinein ging, waren wir nicht voneinander getrennt, wir waren stets in Sichtweite des Anderen. Heute früh hatte zweiter Onkel [Bau-yü] seinen Zettel eher beendet und wartete auf mich. Wir gaben unsere Zettel zur selben Zeit ab und gingen zusammen. Als wir das Drachentor draußen  erreicht hatten, war dort eine große Menge, und ich habe ihn aus den Augen verloren. Die Diener, die uns abholen wollten, fragten mich, wo er sei, und Li Guee sagte ihnen: „Soeben war er noch klar wie Tageslicht hier, im nächsten Moment war er weg. Wie kann er so plötzlich in der Menge verschwunden sein?“ Ich habe Li Guee und den anderen aufgetragen, sich in Suchtrupps aufzuteilen, während ich mit einigen Männern in jeder Zelle nachsah. Doch es gab kein Zeichen von ihm. Deshalb bin ich so spät zurück.“
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Frau Wang hatte währenddessen nur geschluchzt, ohne ein Wort zu sagen. Bau-tschai ahnte bereits im Ansatz die Wahrheit. Hsi-jën weinte untröstlich weiter. Djia Tjiang und die anderen Männer brauchten keine weiteren Anweisungen, sondern brachen sofort in verschiedene Richtungen auf, um die Suche fortzusetzen. Die Sicht war schlecht, jeder war in trüber Stimmung und die Willkommensfeier umsonst vorbereitet. Djia Lan vergaß seine eigene Erschöpfung und wollte mit den anderen losgehen. Doch die Dame Wang hielt ihn zurück: „Mein Kind! Dein Onkel ist verloren. Wenn wir dich auch noch verlieren, ist das mehr, als wir ertragen können! Du erholst dich nun, sei ein guter Junge!“
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Er wollte eigentlich nicht zurückbleiben, doch stimmte er zu, als auch Frau You ihr Flehen der Dame Wang überbrachte.
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Die einzige Person, die in diesem Moment nicht überrascht zu sein schien, war Hsi-tschun. Sie fühlte sich nicht frei, ihre Gedanken mitzuteilen, sondern erkundigte sich bei Bau-tschai: „Hatte zweiter Bruder [Bau-yü] den Jadestein bei seinem Aufbruch mit sich genommen?“
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„Aber natürlich“, antwortete sie, „ohne ihn geht er nirgendwohin.“
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Hsi-tschun war still. Hsi-jën erinnerte sich, wie sie Bau-yü aufgelauert hatten und ihm den Jade aus der Hand rissen, und sie hatten den üblen Verdacht, daß das Unglück des heutigen Tages etwas mit dem Mönch zu tun hatte. Ihr Herz stach sie vor Kummer, die Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie begann unaufhaltsam zu jammern. Erinnerungen an die Zuneigung, die Bau-yü ihr einst entgegengebracht hatte, überwältigten sie. „Ich weiß, daß ich ihn manchmal genervt habe und er wütend auf mich war. Doch er fand immer einen Weg, damit fertig zu werden. Er war so nett zu mir und so fürsorglich. In erhitzten Momenten hat er oft angekündigt, ein Mönch werden zu wollen. Ich habe ihm nie geglaubt. Und jetzt ist er fort!“
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Es war nun zwei Uhr morgens, und es gab immer noch kein Zeichen. Li Wan, die fürchtete, daß die Dame Wang durch ihren ausschweifenden Kummer Schaden nehmen könne, gab ihr Bestes, sie zu trösten und riet ihr, in ihr Zimmer zu gehen. Der Rest der Familie begleitete sie in ihr Zimmer, mit Ausnahme von der Dame Hsing, die in ihre eigenen Gemächer zurückkehrte, und Djia Huan, der immer noch niedergeschlagen war und es gar nicht erst gewagt hatte, sich zu zeigen. Die Dame Wang hatte Djia Lan aufgetragen, zurück in sein Zimmer zu gehen, und verbrachte selbst eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag in der Dämmerung kehrten einige der Diener, die am vorigen Tag losgeschickt worden waren, zurück, um zu berichten, daß sie überall gesucht hätten und es ihnen nicht gelungen war, die geringste Spur von Bau-yü zu entdecken. Über den Morgen kam eine ganze Reihe Verwandter, darunter Tante Hsüä, Hsüä Kë, Schï Hsiang-yün, Bau-tjin und die alte Frau Li, um sich nach der Gesundheit der Dame Wang und Neuigkeiten von Bau-yü zu erkundigen.
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Nach einigen solcher Tage war die Dame Wang so von Kummer erfüllt, daß sie weder essen noch trinken konnte und ihr Leben in ernster Gefahr zu sein schien. - Da kündigte ein Diener plötzlich einen Botschafter des Kommandanten der Küstenregion an, der die Neuigkeit brachte, unser dritte Herrin [Tan-tschun] würde am nächsten Tag in der Stadt ankommen. Obwohl dies nicht vollständig den Kummer über Bau-yüs Verschwinden beseitigen konnte, fühlte die Dame Wang zumindest einen Hauch von Trost bei dem Gedanken, Tan-tschun wiederzusehen. Am nächsten Tag erschien Tan-tschun am Jung-guo-Anwesen und alle kamen heraus, um sie zu begrüßen, fanden sie lieblicher als je zuvor und wunderhübsch gekleidet. Als Tan-tschun sah, wie sehr die Dame Wang gealtert war und wie gerötet die Augen eines jeden in der Familie waren, drangen ihr Tränen in die Augen, und es dauerte eine Zeit, bis sie aufhören konnte zu weinen und alle angemessen begrüßen konnte. Es bekümmerte sie auch zu sehen, daß Hsi-tschun die Schwesternschaft gewählt hatte, und sie weinte wieder, doch dann erfuhr sie auch von Bau-yüs seltsames, Verschwinden und von dem vielen Unglück der Familie. Doch war sie mit der Gabe ausgestattet, immer die passenden Worte zu finden, und ihre natürliche Gelassenheit vermittelte der Versammlung zumindest einen Hauch von Ruhe und der Dame Wang und dem Rest der Familie wirklichen Trost. Am nächsten Tag kam ihr Gatte zu Besuch, und als er erfuhr, wie die Dinge standen, bat er sie, zu Hause zu bleiben und ihre Familie zu trösten. Die Mägde und die alten Dienstmädchen, die sie zu ihrem neuen Heim begleitet hatten, waren überaus erfreut über die Wiedervereinigung mit ihren alten Freunden.
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Der gesamte Haushalt, Herren und Dienerschaft, wartete immer noch ängstlich Tag und Nacht auf Nachrichten von Bau-yü. - In einer Nacht nun, gegen fünf Uhr, kamen einige Diener zum inneren Tor, kündigten an, sie hätten wunderbare Nachrichten zu verkünden;  daraufhin eilte eine Handvoll jüngerer Mägde in die inneren Gemächer, ohne den älteren Mägden erst Bescheid zu geben.
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„Gnädige Frau, werte Damen!“, riefen sie, „wunderbare Neuigkeiten!“
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Die Dame Wang glaubte, daß Bau-yü müsse gefunden worden sein, erhob sich aus ihrem Bett und fragte voller Begeisterung: „Wo haben sie ihn gefunden? Schickt ihn sofort zu mir!“ –
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„Er steht auf dem siebten Platz der Liste der erfolgreichen Kandidaten!“, rief die Magd.
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„Doch ist Bau-yü gefunden worden?“
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Die Magd war still. Die Dame Wang setzte sich wieder.
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„Wer ist auf dem siebten Platz?“, fragte Tan-tschun. – „Der zweite Herr Bau[-yü].“
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Während sie sprachen, hörten sie von draußen eine Stimme rufen: „Herr Lan hat auch bestanden!“
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Ein Diener eilte hinaus, um das offizielle Schreiben zu empfangen, auf welchem geschrieben stand, daß Djia Lan den einhundertdreißigsten Platz in der Liste eingenommen hatte.
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Da es immer noch nichts Neues über Bau-yüs Verbleib gab, fühlte sich Li Wan nicht frei, ihre Gefühle von Stolz und Freude zum Ausdruck zu bringen. Und die Dame Wang, die erleichtert war, daß Djia Lan bestanden hatte, dachte nur bei sich: „Wenn Bau-yü auch hier wäre, was gäbe das für ein glückliches Fest!“
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Bau-tschai war immer noch in einer trüben Stimmung, doch hielt sie es für unangemessen, zu weinen. Die anderen waren damit beschäftigt, ihre Glückwünsche auszusprechen und die heitere Seite des Ganzen zu betrachten: „Da es Bau-yüs Schicksal war zu bestehen, kann er nicht lange verloren bleiben. In ein oder zwei Tagen wird er bestimmt gefunden.“
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Diese logische Erwägung ließ die Dame Wang ein wenig lächeln, und man nutzte diese Gelegenheit, um sie zu überzeugen, etwas zu essen und zu trinken. Einen Moment später hörte man Bee-mings Stimme, die aufgeregt vom inneren Tor rief: „Da Herr Bau-yü nun bestanden hat, wird er sicherlich bald gefunden!“ – „Was macht dich da so sicher?“, fragten sie ihn.
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„Es gibt ein Sprichwort: ‚Wenn ein Mann einmal sein Examen besteht, wird die ganze Welt seinen Namen vernehmen.‘ Jetzt wird jeder zweite Herrn [Bau-yü]s Namen kennen, und wohin er auch immer geht, irgend jemand wird ihn uns nach Hause bringen.“ –
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„Dieser Page [Bee-ming] mag zwar ein kleiner Teufel sein, doch was er sagt, macht Sinn ,“ stimmten die Mägde überein.
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Hsi-tschun sah dies anders: „Wie kann ein erwachsener Mann wie Bau-yü verloren gehen? Wenn ihr mich fragt, hat er sich bewußt von den Ketten der Welt gelöst und sich für das Leben eines Mönches entschieden. Und in diesem Fall wird es schwierig sein, ihn zu finden.“
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Dies brachte Dame Wang und die anderen alle wieder zum Weinen.
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„Das ist bestimmt wahr“, sagte Li Wan, „da viele Männer der alten Zeit ihren weltlichen Rängen entsagt haben und sich entschieden haben, Buddhas oder Heilige zu werden.“ –
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„Doch wenn er seine eigenen Eltern verstößt“, seufzte die Dame Wang, „dann verfehlt er seine Pflicht als Heiliger. Und wie kann er in diesem Fall darauf hoffen, ein Heiliger oder ein Buddha zu werden?“ –
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„Es ist das Beste, vernünftig zu sein“, kommentierte Tan-tschun. „Bau-yü war immer anders. Er hat seinen Jadestein seit seiner Geburt, und jeder hielt dies für günstig. Doch zurückblickend kann ich sehen, daß er ihm nur Unglück gebracht hat. Wenn noch einige Tage vergangen sind und wir ihn immer noch nicht gefunden haben – ich will dich jetzt nicht enttäuschen, gnädige Frau – doch ich denke, in diesem Fall müssen wir die Tatsache einsehen, daß das Schicksal es so beschlossen hat und jenseits unseres Verstehens liegt. Es wäre besser, nicht von ihm zu denken, daß er aus deinem Leib geboren wurde. Sein Schicksal ist nämlich die Frucht des Karmas, das Ergebnis deiner angesammelten Verdienste aus früheren Leben.“
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Bau-tschai hörte diesem ruhig zu. Hsi-jën konnte es nicht länger ertragen, ihr Herz schmerzte, ihr war schwindelig, und sie sank bewußtlos zu Boden. Die Dame Wang war ihretwegen sehr betroffen und trug einer der Mägde auf, ihr hochzuhelfen.
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Djia Huan fühlte sich äußerst schlecht. Auf dem Gipfel seiner Unehre bezüglich der Angelegenheit mit Tjiau-djiä kam noch die zusätzliche Demütigung, daß er mit ansehen mußte, daß sein Bruder und sein Neffe ihr Examen bestanden hatten. Er verfluchte Tjiang und Yün dafür, ihn in diesen Ärger getrieben zu haben. Tan-tschun würde ihn gewiß in die Pflicht nehmen, da sie nun zurück war. Und doch hatte er es nicht gewagt, sich zu verstecken. Er war nur noch ein Häufchen erbärmlichen Elends.
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Am nächsten Tag mußte Djia Lan am Hof erscheinen, um sich für sein erfolgreiches Bestehen zu bedanken. Dort begegnete er Dschën Bau-yü und fand heraus, daß er auch bestanden hatte. So gehörten alle drei zur gleichen „Klasse“. Als Lan Bau-yüs seltsames Verschwinden erwähnte, seufzte Dschën Bau-yü und bot einige Worte des Trostes an.
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Der leitende Prüfer präsentierte die erfolgreichen Aufsätze der Kandidaten dem Herrscher und seine Majestät las einen nach dem anderen durch und fand sie alle ausgeglichen und überzeugend, dabei bezog er den Umfang des Lernens und die Zuverlässigkeit des Urteils mit ein. Als er zwei Djias aus Nanking auf dem siebten und einhundertdreißigsten Platz bemerkte, fragte er, ob sie in irgendeiner Form mit der Konkubine Djia verwandt seien. Einer der Minister rief Djia Bau-yü und Djia Lan zu einer Befragung bezüglich dieser Angelegenheit herbei. Djia Lan erwähnte bei seiner Ankunft die Umstände des Verschwindens seines Onkels und gab einen vollen Bericht der drei früheren Familiengenerationen, was der Minister umgehend an den Thron weiterleitete. Als Folge dieser Information und, weil seine Majestät ein Herrscher von Weisheit und Mitgefühl waren, wies er den Minister an, in Anbetracht des besonderen Leistungsumfanges der Familie, einen vollen Bericht ihres Falles einzureichen. Dies tat der Minister und verfaßte darüber eine detaillierte Denkschrift. Seine Majestät war so betroffen, daß er dem Minister beim Lesen dieser Schrift befahl, die Fakten, die zu Djia Schës Verurteilung geführt hatten, noch einmal zu überprüfen. Danach fiel der kaiserliche Blick auf eine weitere Beschreibung in der Denkschrift, nämlich dem Erfolg des derzeitigen Feldzuges: Die Störungen an der Küste waren beruhigt, „die See befriedet, die Flüsse gereinigt und den ehrlichen Bürgern war wieder die Freiheit gewährt, ein ungestörtes Leben zu führen“. Seine Majestät war über diese Neuigkeiten höchst erfreut und befahl seiner Schar an Ministern, sich eine passende Belohnung auszudenken und auch eine allgemeine Amnestie im Reich zu verkünden.
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Als [Djia] Lan den Hof verlassen und gegangen war, um sich von seinem Prüfer zu verabschieden, hörte er von der Amnestie und eilte nach Hause, um es der Dame Wang und dem Rest der Familie zu erzählen. Alle schienen begeistert, obwohl ihre Heiterkeit durch Bau-yüs Abwesenheit getrübt war. Frau Hsüä war besonders froh über die Neuigkeiten und traf bereits Vorbereitungen für die Bezahlung von Hsüä Pans Bußgeld, da die Aufhebung seines Todesurteils nun Teil der Amnestie war.
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Einige Tage später wurde angekündigt, daß Herr Dschën [Bau-yüs Vater] mit dem Ehemann der dritten Herrin ihre Gratulation anbieten wollten, und die Dame Wang schickte Djia Lan hinaus, um sie zu empfangen. Kurz danach kehrte Djia Lan mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zurück:
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„Gute Neuigkeiten! Der ältere Onkel Dschën [Bau-yüs Vater] hat am Hof von einem Erlaß gehört, der erste gnädige Herr Schë und Onkel Dschën begnadigt und den erblichen Ning-guo Rang wiederherstellt. - Der gnädige Herr [Djia] Dschëng von Jung-guo behält den erblichen Titel, und nach seiner Trauerphase wird er als dauerhafter Sekretär im Arbeitsministerium wieder eingesetzt. Auch das ganze beschlagnahmte Familieneigentum wird wiederhergestellt. Seine Majestät haben den Aufsatz des zweiten Onkels [Bau-yü] gelesen und waren höchst begeistert davon. Als sie herausfanden, daß der betroffene Kandidat der jüngere Bruder der kaiserlichen Nebenfrau war, und als der Prinz von Bei-jing noch einige Lobesworte hinzufügte, drückten seine Majestät das Verlangen aus, ihn zu einer Audienz an den Hof zu rufen. Die Minister sagten ihm dann, daß Bau-yü nach dem Examen verschwunden sei; ich war es, der sie an erster Stelle darüber informiert hatte, und daß bereits überall erfolglos nach ihm gesucht würde, worauf seine Majestät ein weiteres Edikt verfaßten, daß alle Besatzungen in der Stadt nach ihm suchen sollten. Ihr könnt nun beruhigt sein, gnädige Frau. Wenn sich seine Majestät höchstpersönlich darum kümmern, wird Bau-yü mit Sicherheit bald gefunden.“
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Die Dame Wang und der Rest der Familie waren begeistert und beglückwünschten sich gegenseitig zu diesem Ereignis.
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Währenddessen saßen Djia Huan und seine Gefährten immer noch auf heißen Kohlen und suchten überall nach Tjiau-djiä. Diese war, nachdem sie mit Ping-örl und Oma Liu die Stadt verlassen hatte, im Dorf angekommen und in Oma Lius bestem Zimmer einquartiert worden, das zu diesem Anlaß besonders gesäubert worden war. Obwohl ihre tägliche Nahrung bloß aus einfacher Dorfkost bestand, war sie gesund und sauber und mit der kleinen Tjing-örl, die ihnen Gesellschaft leistete, ging es ihr gut. Es gab einige wohlhabende Familien in diesem Dorf, die, als sie gehört hatten, daß ein Fräulein Djia bei Oma Liu war, darauf bestanden, selbst vorbeizuschauen. Sie schwärmten alle über ihre feenhafte Erscheinung und beschenkten sie mit Obst, frischem Gemüse und Wildbret. In der Tat erregte Tjiau-djiäs Anwesenheit bedenkliche Aufregung. Die reichste Familie waren die Dschous, deren Vermögen sich zum einen aus Geld, zum anderen aus erheblichem Großgrundbesitz zusammensetzte. Sie hatten nur einen einzigen Sohn in der Familie, einen kultivierten, gutaussehenden Burschen von vierzehn Jahren, der von einem Privatlehrer unterrichtet worden war und gerade das vorbereitende Lizenziats-Examen bestanden hatte. Als seine Mutter einen Blick auf Tjiau-djiä warf, war sie völlig hingerissen.
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‚Was für ein Jammer!‘, dachte sie bei sich mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns, ,ein Junge aus einer ländlichen Familie wie der unseren würde gewiß niemals zu so einem wohlerzogenen Mädchen passen.‘ Eine ganze Weile stand sie dort in Gedanken versunken, und Oma Liu hatte bereits eine Ahnung, was in ihr vorgehen könnte.
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„Ich weiß, was ihr denkt“, sagte sie, „warum sollte ich keine Hochzeit für euch vorschlagen?“
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Frau Dschou lachte: „Macht euch nicht über mich lustig! Eine so große Familie wie die ihrige gemessen an unserem Rang!“ –
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„Nun, es würde keinem schaden, diesen Vorschlag zu machen“, antwortete Oma Liu. „Wir werden sehen.“
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Die beiden beließen es so und gingen ihrer Wege.
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Oma Liu war begierig zu wissen, was sich zuletzt im Jung-guo-Anwesen ereignet hatte und schickte Ban-örl in die Stadt, um es herauszufinden. Er gelangte an die Straße der zwei Herzöge, wo er eine Ansammlung von Wagen vor einem Anwesen erblickte und stellte sich so, daß er vernehmen konnte, was es für Neuigkeiten gab. Und dies konnte er hören: „Der Rang beider Familien wurde wiederhergestellt, und sie erhielten ihr beschlagnehmtes Eigentum zurück. Es scheint bei ihnen bergauf zu gehen. Doch der junge Bau-yü ist spurlos verschwunden, nachdem er sein Examen bestanden hatte.“
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Ban-örl war begeistert, von der Wiederherstellung der familiären Gunst zu hören, und wollte gerade zurück nach Hause gehen, um seiner Großmutter von diesen erfreulichen Nachrichten zu berichten, als er sah, wie einige Pferde das äußere Tor hochzogen. Die Reiter stiegen ab, und die Torwächter begrüßten sie auf Knien: „Willkommen zu Hause, zweiter Herr! Und Glückwunsch! Wie ist die Gesundheit von Herrn Schë?“
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„Besser“, antwortete der junge Mann, der zuerst abgestiegen war, „und er hat die großzügige Erlaubnis  seiner Majestät erhalten,  zurück  nach Hause
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zu kommen.“ Nach einer kurzen Pause fragte er: „Was machen diese Männer dort drüben?“
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„Seine Majestät haben einen Beamten mit einem Dekret hergeschickt. Sie verlangen nach einem Familienmitglied, um alles beschlagnahmte Eigentum zurückzugeben.“
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Der junge Herr wanderte fröhlich hinein, und Ban-örl, der daraus schloß, daß es Djia Liän sein mußte, wartete nicht auf weitere Neuigkeiten, sondern eilte nach Hause, um seine Großmutter alles zu berichten. Ein Lächeln breitete sich auf Oma Lius Gesicht aus, als sie dies hörte, und sie ging sofort zu Tjiau-djiä-örl und gratulierte ihr zu diesen guten Neuigkeiten.
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„Das haben wir alles dir zu verdanken, Großmutter“, sagte Ping-örl mit einem dankbaren Lächeln, „ohne deine Hilfe hätte Fräulein [Tjiau-djiä] niemals dieses glückliche Ende erlebt.“
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Tjiau-djiä selbst war noch viel begeisterter. Dann kam der Botschafter, der mit einem Brief an Dija Liän geschickt worden war, zurück.
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„Der Herr Schwager Liän sagt, er sei sehr dankbar. Er bat mich, Fräulein [Tjiau-djiä] sofort nach Hause zu geleiten und euch diese stattliche Belohnung auszuhändigen.“ Oma Liu war überaus erleichtert, daß sich alles zum Guten gewendet hatte, und sie schickte jemanden, der zwei Wagen besorgen sollte. Dann bat sie Tjiau-djiä und Ping-örl, diese für ihre Heimkehr zu benutzen, doch sie wollten nur ungern aufbrechen. Sie waren mit Oma Lius Heim schon vertraut geworden, und die kleine Tjing-örl war in Tränen aufgelöst, weil sie sich von ihren neu gewonnenen Freunden verabschieden mußte. Oma Liu sah, wie vertraut sie miteinander geworden waren, so sagte sie Tjing-örl, sie könne mit ihnen allen zusammen im Wagen bis zur Stadt fahren. Und so begaben sie sich zurück zum Jung-guo-Anwesen.
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Es soll daran erinnert werden, wie Djia Liän, nachdem er von Djia Schës schweren Krankheit seines Vaters gehört hatte, sofort zu ihm ins Exil gereist war. Als Vater und Sohn sich dort trafen, gab es eine tränenreiche Szene, die wir hier nun nicht im einzelnen beschreiben müssen. Djia Schës Gesundheit hatte sich gerade wieder ein wenig erholt, und wie Djia Liän einen Brief mit den neuesten und nicht allzu fröhlichen Begebenheiten von zuhause erhielt, bat er Djia Schë um Erlaubnis, wieder zurückzukehren. Auf seinem Weg hörte er von der Amnestie und gelangte zwei Tage später wieder zu Hause an, genau an dem Tag, als das Edikt dem Jung-guo-Anwesen übermittelt wurde – gerade in dem Moment, als die Dame Hsing sich fragte, wer im Namen der Familie diesen Erlaß empfangen könnte. Djia Lan war nun gewissermaßen dazu auserkoren, diese Funktion zu erfüllen, doch er war eigentlich noch zu jung. Dann wurde Djia Liäns Ankunft angekündigt. Er begrüßte alle um sich, und die Wiedervereinigung bot Anlaß zu Kummer und Freude. Dennoch war keine Zeit mehr, noch länger zu reden, und Djia Liän eilte in die Haupthalle, um den Kaiserlichen Abgesandten zu empfangen, der sich nach der Gesundheit seines Vaters erkundigte und sagte: „Morgen müßt Ihr zur Kaiserlichen Schatzkammer gehen, um eure Entschädigung zu erhalten. Die Ning-guo Residenz tritt wieder in den Besitz eurer Familie.“  
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Die Männer erhoben sich, und der Abgesandte ging wieder fort. Djia Liän begleitete ihn bis zum vorderen Tor, wo gerade einige ländliche Wagen heranfuhren. Die Torwächter gestatteten es nicht, daß die Wagen dort halten durften, und ein lauter Streit erhob sich. Djia Liän bemerkte sofort, daß [seine Tochter] Tjiau-djiä in einem dieser Wagen sitzen müsse, und begann, die Torwächter wütend anzuschreien: „Ihr Pack elender Köter! Während ich fort war, habt ihr euch gegen euren eigenen Herrn gewendet und Tjiau-djiä-örl von zuhause fortgeschickt. Jetzt wollt ihr sie davon abhalten zurückzukehren! Wollt ihr euch an mir rächen?“
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Die Diener hatten Djia Liäns Rückkehr befürchtet, da er gewiß früher oder später herausfinden würde, was während seiner Abwesenheit geschehen war, und sie bestimmt für ihre Beteiligung daran bestrafen würde. Es war für sie wie ein Schock, ihn bereits so früh so reden zu hören, als ob er schon alles wüßte. Wie das möglich war, konnten sie nicht verstehen. Sie erhoben sich und protestierten: „Während ihr fort wart, Herr, waren einige von uns krank, einige fort. Alles ging von dem dritten Herrn [Huan] aus, Herrn Tjiang und Herrn Yün, Herr, es hatte nichts mit uns zu tun.“  
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„Ihr dummen Unfähigen!“, rief Djia Liän, „ich kümmere mich um euch, wenn ich fertig bin. Beeilt euch und laßt diese Wagen herein!“
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Als Djia Liän wieder hereinging, sagte er der Dame Hsing nichts von alledem. Er ging zur Wohnung der Dame Wang, kniete vor ihr nieder und verkündete: „Ihrem Voraussehen ist es zu verdanken, gnädige Frau Wang, daß meine Tochter sicher zurückgekehrt ist. Ich sollte besser nichts von Vetter Huans Betragen in diesem Fall erzählen, das wird kaum nötig sein. Doch so weit diese Kreatur Yün-örl betroffen ist –, auch beim letzten Mal, als er die Verantwortung zu tragen hatte, gab es nur Ärger, und nun, in den wenigen Monaten, in denen ich fort war, hat er volles Verderben beschert. Meiner Meinung nach sollte er weggeschickt werden und niemals wieder eine Stellung hier erlangen.“  
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„Und was ist mit deinem Schwager?“, erkundigte sich Frau Wang, „was brachte ihn dazu, sich so verachtenswert zu betragen?“ –
 
„Verschwende keinen Atem für ihn“, antwortete Djia Liän, „um ihn werde ich mich später kümmern.“
 
„Verschwende keinen Atem für ihn“, antwortete Djia Liän, „um ihn werde ich mich später kümmern.“
Tsai-yün trat ein, um Tchiau-djies Ankunft anzukündigen. Als die Dame Wang sie sah, kamen, obwohl sie nicht lange voneinander getrennt gewesen waren, die quälenden Vermutungen über ihr Verbleiben nach ihrer Flucht wieder. Sie brach zusammen und weinte bitterlich. Tchiau-djie mußte selbst fürchterlich weinen. Djia Liän bedankte sich währenddessen bei Oma Liu. Die Dame Wang bat sie, sich zu setzen, und sie besprachen gemeinsam das ganze Abenteuer. Als Djia Liän Ping-örl wiedersah, überkam ihn große Dankbarkeit für alles, was sie getan hatte und, obwohl er seine Gefühle bei einer solchen Familienversammlung kaum zum Ausdruck bringen durfte, konnte er sich einiger Tränen nicht erwehren. Von diesem Tag an stieg Ping-örl in ihrem Rang immer höher, und sie wurde in die Position einer ordentlichen Frau befördert. Doch nun zu jemand anderem.
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Tsai-yün trat ein, um Tjiau-djiä-örls Ankunft anzukündigen. Als die Dame Wang sie sah, kamen, obwohl sie nicht lange voneinander getrennt gewesen waren, die quälenden Vermutungen über ihr Verbleiben nach ihrer Flucht wieder. Sie brach zusammen und weinte bitterlich. Tjiau-djiä-örl mußte selbst fürchterlich weinen. Djia Liän bedankte sich währenddessen bei Oma Liu. Die Dame Wang bat sie, sich zu setzen, und sie besprachen gemeinsam das ganze Abenteuer. Als Djia Liän Ping-örl wiedersah, überkam ihn große Dankbarkeit für alles, was sie getan hatte und, obwohl er seine Gefühle bei einer solchen Familienversammlung kaum zum Ausdruck bringen durfte, konnte er sich einiger Tränen nicht erwehren. Von diesem Tag an stieg Ping-örl in ihrem Rang immer höher, und sie wurde in die Position einer ordentlichen Frau befördert. Doch nun zu jemand anderem.
Die Dame Hsing war sicher, daß es Ärger geben würde, sobald Djia Liän von Tchiau-djies Verschwinden erfahren würde. Wie sie vernahm, daß er sich bei der Dame Wang aufhielt, wurde sie ganz ängstlich und schickte eine Magd zu lauschen. Diese informierte sie bei ihrer Rückkehr darüber, daß Tchiau-djie und Oma Liu sich beide unterhielten, nachdem sie eben zusammen angekommen waren. Plötzlich dämmerte es der Dame Hsing, was sich zugetragen hatte. Sie wußte, daß sie reingelegt worden war und war sehr verärgert über die Dame Wang: „Schürt einfach Ärger zwischen mir und meinem Sohn! Ich frage mich, wer Ping-örl unser Geheimnis verraten haben kann!“
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Die Dame Hsing war sicher, daß es Ärger geben würde, sobald Djia Liän von Tjiau-djiäs Verschwinden erfahren würde. Wie sie vernahm, daß er sich bei der Dame Wang aufhielt, wurde sie ganz ängstlich und schickte eine Magd zu lauschen. Diese informierte sie bei ihrer Rückkehr darüber, daß Tjiau-djiä-örl und Oma Liu sich beide unterhielten, nachdem sie eben zusammen angekommen waren. Plötzlich dämmerte es der Dame Hsing, was sich zugetragen hatte. Sie wußte, daß sie reingelegt worden war und war sehr verärgert über die Dame Wang: „Schürt einfach Ärger zwischen mir und meinem Sohn! Ich frage mich, wer Ping-örl unser Geheimnis verraten haben kann!“
In diesem Moment sah sie Tchiau-djie und Oma Liu in Begleitung von Ping-örl eintreten. Die Dame Wang folgte ihnen, und sie sprach zu ihr, die Schuld an allem auf Djia Yün und Wang Jën abwälzend: „Du bist auf das her­ein­gefallen, was sie sagten, Schwägerin. Du wolltest nur das Beste. Wie konntest du nur etwas von den Ränken und Intrigen wissen, die sie geschmiedet hatten!“
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In diesem Moment sah sie Tjiau-djiä und Oma Liu in Begleitung von Ping-örl eintreten. Die Dame Wang folgte ihnen, und sie sprach zu ihr, die Schuld an allem auf Djia Yün und Wang Jën abwälzend: „Ihr seid auf das hereingefallen, was sie sagten, erste gnädige Frau. Ihr wolltet nur das Beste. Wie konntet Ihr nur etwas von den Ränken und Intrigen wissen, die sie geschmiedet hatten!“
 
Die Dame Hsing schämte sich sehr. Sie sah, daß die Dame Wang richtig gehandelt hatte und rechnete es ihr hoch an. Von da an beruhigten sich die Spannungen zwischen den beiden Schwägerinnen.
 
Die Dame Hsing schämte sich sehr. Sie sah, daß die Dame Wang richtig gehandelt hatte und rechnete es ihr hoch an. Von da an beruhigten sich die Spannungen zwischen den beiden Schwägerinnen.
Ping-örl sprach mit der Dame Wang und ging dann mit Tchiau-djie, um Bau-tschai zu begrüßen. Sie tauschten beide ihr Beileid aus.
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Ping-örl sprach mit der Dame Wang und ging dann mit Tjiau-djiä, um Bau-tschai zu begrüßen. Sie tauschten beide ihr Beileid aus.
„Da die Gunst des Kaisers jetzt wiederhergestellt ist“, sagte Tchiau-djie, „steigt unsere Familie wieder auf. Und sicher wird Onkel Bau-yü zurückkommen.“
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„Da die Gunst des Kaisers jetzt wiederhergestellt ist“, sagte Tjiau-djiä, „steigt unsere Familie wieder auf. Und sicher wird der zweite Herr Bau[-yü] zurückkommen.“
 
Während sie sprachen, kam Tjiu-wën hastig in das Zimmer gerannt und schrie: „Hilfe! Hsi-jën geht es schlecht!“
 
Während sie sprachen, kam Tjiu-wën hastig in das Zimmer gerannt und schrie: „Hilfe! Hsi-jën geht es schlecht!“
 
Doch um zu erfahren, was dann geschah, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
Doch um zu erfahren, was dann geschah, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
120. Dschën Schï-yin erklärt detailliert das Wesen von Leidenschaft und Illusion
 
Und Djia Yü-tsun faßt den Traum der Roten Kammer zusammen.
 
 
Sobald sie von Tjiu-wën hörte, daß Hsi-jën ernsthaft erkrankt war, stürmte Bau-tschai mit Tchiau-djie und Ping-örl herein, um nach ihr zu sehen. Sie fanden sie bewußtlos auf dem Ofenbett liegend, anscheinend hatte sie einen Herzschlag erlitten. Sie flößten ihr abgekochtes, kaltes Wasser ein, und endlich kam sie wieder zu sich, sie geleiteten sie zur Ruhe und schickten nach dem Sterbearzt.
 
„Wie konnte Hsi-jën so plötzlich von uns gerufen werden?“, fragte Tchiau-djie.
 
„Gestern Abend“, antwortete Bau-tschai, „weinte sie sich in einen fürchterlichen Zustand und erlitt einen plötzlichen Schwindelanfall. Mutter bat eine der Mägde, ihr vom Boden aufzuhelfen, und schließlich ging sie schlafen. Es war an dem Abend so viel los, daß wir nicht nach einem Arzt schickten. Nur deshalb konnte es so weit kommen.“
 
Bald war der Arzt da, und die Frauen zogen sich zurück. Nachdem er Hsi-jëns Puls gefühlt hatte, diagnostizierte er ihren Zustand als Folge übermäßiger Aufregung und Ärger, stellte ein entsprechendes Rezept aus und ging.
 
Hsi-jën hatte tatsächlich mitgehört, oder dachte, sie hätte mitgehört, daß jemand sagte, daß alle von Bau-yüs Mägden entlassen würden, wenn er nicht zurückkehre. Der Schock, dieses zu hören, war es, der sie aufgeregt und ihre Krankheit verschlimmert hatte. Als der Arzt aufgebrochen war und Tjiu-wën hinausgegangen war, um ihre Medizin zu kochen, blieb Hsi-jën alleine auf ihrem Bett liegend zurück und in ihrer Verwirrung dachte sie, Bau-yü vor sich stehen zu sehen. Dann erschien die vage Gestalt eines Mönchs vor ihren Augen, er hielt Seiten eines Registers in Händen und sagte: „Du bist nicht für mich bestimmt. In kommenden Tagen wird jemand anderer kommen, um dich für sich zu beanspruchen.“
 
Hsi-jën wollte ihn ansprechen, als Tjiu-wën zurückkam. „Deine Medizin ist fertig“, sagte sie, „du solltest sie besser jetzt nehmen.“
 
Hsi-jën öffnete ihre Augen und erkannte, daß alles ein Traum gewesen war. Sie vertraute sich Tjiu-wën nicht an, sondern schluckte ihre Arznei, lag da und grübelte bei sich: ‚Bau-yü muß mit dem Mönch fortgegangen sein. Ich erinnere mich an den Tag, als er versuchte, den Jadestein zu holen und dem Mönch zu geben, er schien fortlaufen zu wollen. Als ich ihn festzuhalten versuchte, war es nicht sein normales Ich, so wie er mich wegdrückte und fortdrängelte. Er schien sich gar nicht mehr um mich zu kümmern. Seitdem war er stets so kühl gegenüber Frau Bau-tschai und uns anderen gegenüber gleichgültig. Sie sagte zu ihm:
 
„Ich vermute, daß du dies für die Erleuchtung hältst. Aber welche Art von Erleuchtung ist es, wenn du dich von deiner eigenen Frau abwendest? Die gnädige Frau bat mich, dir zu dienen, aber obwohl meine Monatsbezüge die einer Kammerfrau waren, bin ich nie offiziell als eine solche anerkannt worden. Wenn der Herr und die Herrin mich jetzt entlassen und ich darauf bestehe zu bleiben, aus Respekt vor dem Andenken an dich, werden mich die Leute lächerlich finden. Aber wie kann ich es aushalten, Sie zu verlassen, wenn ich mich doch daran erinnere, wie die Dinge zwischen uns waren?“
 
Sie zerbrach sich den Kopf über ihr Dilemma und erinnerte sich an die ahnungsvollen Worte, die Bau-yü in ihrem Traum zu ihr gesprochen hatte. Sie schwor sich selbst, daß, wenn sie ihr Schicksal nicht mit Bau-yü teilen könnte, sie am liebsten überhaupt nicht mehr leben würde.
 
Dank der Medizin ließ ihr Schmerz jedoch ein wenig nach. Sie fühlte sich schuldig, da sie die ganze Zeit lag, doch zwang sie sich selbst zur Ruhe und quälte sich durch die nächsten paar Tage, bis sie wieder aufstehen und ihrer Herrin zu Diensten sein konnte. Bau-tschai selbst, obwohl sie die ganze Zeit an Bau-yü dachte und in manchem einsamen Moment ihr unglückliches Schicksal beweinen mußte, war damit beschäftigt, ihrer Mutter dabei zu helfen, die Zahlung für Hsüä Pans Bußgeld zu arrangieren, was bei weitem keine leichte Aufgabe war. Doch später mehr dazu.
 
Djia Dschëng war mit dem Sarg der Herzoginmutter in Begleitung von Djia Jung und den Särgen von Tjin-schï, Hsi-fëng, Dai-yü und Yüan-yang in Nanking angekommen. Sie ließen die Mitglieder der Familie Djia beerdigen, und dann brachte Djia Jung Dai-yüs Sarg zu den Gräbern ihrer eigenen Familie, daß er dort begraben werden konnte, während Djia Dschëng sich um die Errichtung der Grabmäler kümmerte. Eines Tages kam dann ein Brief von zuhause an, in welchem er von dem Erfolg las, den Bau-yü und Djia Lan in ihren Examen gehabt hatten, was ihn sehr erfreute, – und von Bau-yüs Verschwinden, was ihn sehr beunruhigte und ihn dazu brachte, seinen Aufenthalt so kurz wie möglich zu halten und schnellstmöglich zurück nach Hause zu kehren. Auf seiner Rückreise erfuhr er von der vom Kaiser erlassenen Amnestie und erhielt einen weiteren Brief von zuhause, in welchem zu lesen stand, daß Djia Schë und Vetter Dschën begnadigt worden waren, und sie ihre Titel wieder zurückerhalten hatten. Von diesen Neuigkeiten außerordentlich erfreut, be­eilte er sich, nach Hause zu kommen und reiste Tag und Nacht.
 
An dem Tag, als sein Boot die Poststelle in Piling erreichte, gab es eine plötzliche Wendung des Wetters, und es begann zu schneien. Er legte an einem stillen, verlassenen Ärmel des Kanals an und schickte seine Diener an Land, um Visitenkarten zu verschicken und einigen Freunden in der Gegend seine Entschuldigung zu übermitteln, da er, sobald sein Boot wieder in Fahrt sei, nicht persönlich bei ihnen vorbeischauen könne. Nur ein Page blieb bei ihm, während er in der Kabine saß und einen Brief nach Hause schrieb, der zu Land sofort verschickt werden sollte. Als er dazu ansetzte, über Bau-yü zu schreiben, hielt er für einen Moment inne und blickte auf. Oben auf dem Deck stand am Eingang zu seiner Kabine eine Figur, deren Silhouette sich leicht vom Schnee abhob. Es war die Figur eines Mannes mit geschorenem Haupt und nackten Füßen, gehüllt in eine weite Robe aus purpurnem Filz. Die Figur kniete nieder und verneigte sich vor Djia Dschëng, der diese besondere Verhaltensweise nicht verstand. Er eilte an Deck mit der Absicht, ihn nach seinem Namen zu fragen. Der Mann verneigte sich vier Male, stand sodann aufrecht und drückte seine Handflächen vor der Brust wie beim Mönchsgruß zusammen. Djia Dschëng wollte diese Geste eben mit einer Verneigung seines Hauptes erwidern, als er dem Mann in die Augen blickte und ihn mit einem großen Schrecken als Bau-yü erkannte.
 
„Bist du nicht mein Sohn?“, fragte er.
 
Der Mann blieb still, und ein Ausdruck, der Freude und Kummer auszudrücken schien, kam über sein Gesicht. Djia Dschëng fragte wieder: „Wenn du Bau-yü bist, warum bist du dann so gekleidet? Und was führt dich hierher?“
 
Bevor Bau-yü antworten konnte, erschienen zwei andere Männer an Deck, ein buddhistischer Mönch und ein Dauist. Sie hielten ihn zwischen sich und sagten: „Komm, dein weltliches Karma ist vollständig! Verweile nicht länger!“
 
Die drei stiegen über den Damm und verschwanden im Schnee. Djia Dschëng eilte ihnen nach, ihrer verschwindenden Spur folgend, doch obwohl er sie vor sich erblicken konnte, schienen sie stets außer Reichweite zu sein. Er konnte sie eine Art Lied singen hören:
 
„An grünen Berges Fuß verweile ich.
 
In der Kosmischen Leere
 
streife ich umher.
 
Wer will übertreten,
 
Wer will mit mir gehen, wer will erkunden
 
die unaussprechlichen großen Mysterien
 
der Wildnis,
 
zu welcher ich zurückkehre.“
 
Djia Dschëng lauschte dem Lied und folgte ihnen weiter, bis sie den Hang eines kleinen Berges erreichten und plötzlich aus seiner Sicht verschwanden. Er war nun schwach und außer Atem durch diese außerordentliche Anstrengung und überaus verwirrt von dem, was er gesehen hatte. Zurückblickend erspähte er seinen Pagen, der ihm nachgeeilt war.
 
„Hast du diese drei Männer vorhin gesehen?“fragte er ihn.
 
„Ja, Herr, das habe ich“, antwortete der Page. „Ich sah, wie Sie ihnen folgten und bin deshalb hinterhergekommen. Dann waren sie verschwunden, und ich konnte außer Ihnen niemanden mehr sehen.“
 
Djia Dschëng wollte weitergehen, doch alles, was er vor sich sehen konnte, war eine riesige weiße Fläche und keine Menschenseele. Er wußte, daß es mit diesem Zwischenfall mehr auf sich hatte, als er verstehen konnte, und kehrte unwillig um, wobei er seine Spuren zurückfolgte.
 
Die anderen Diener waren gerade zum Schiff ihres Herrn zurückgekehrt, wo sie seine Kabine leer vorfanden und vom Steuermann die Mitteilung erhielten, daß Djia Dschëng an Land gegangen sei, um zwei Mönche und einen Dauisten zu verfolgen. Sie folgten seinen Schritten durch den Schnee und, als sie ihn in der Ferne auf sich zukommen sahen, eilten sie ihm entgegen und kehrten gemeinsam zum Schiff zurück. Djia Dschëng setzte sich nieder, um zu Atem zu kommen, und erzählte ihnen, was geschehen war. Sie wollten seine Autorität nicht anzweifeln und schlugen vor, in dieser Gegend eine Suche nach Bau-yü einzuleiten, doch Djia Dschëng verwarf diese Idee.
 
„Ihr versteht nicht“, sagte er mit einem Seufzen, „dies war wirklich keine übernatürliche Erscheinung. Ich sah diese Männer mit eigenen Augen. Ich hörte sie singen, und die Worte ihres Liedes hatten eine sehr tiefsinnige und rätselhafte Bedeutung. Bau-yü kam mit seiner Jade auf die Welt, und damit hatte es stets etwas Merkwürdiges auf sich. Ich erkannte es als ein schlimmes Omen. Nur weil seine Großmutter derart an ihm hing, haben wir uns so um ihn gekümmert und bis jetzt verzogen. - Diesen Mönch und den Dauisten habe ich schon vorher gesehen, dreimal insgesamt. Das erste Mal war, als sie kamen, um die Macht der Jade zu preisen. Das zweite Mal erschien der Mönch während Bau-yüs schwerer Krankheit und sprach ein Gebet über den Jadestein, was Bau-yü half, sofort zu genesen. Das dritte Mal war, als er uns den Jadestein zurückbrachte, nachdem er verlorengegangen war. Er saß in einem Moment in der Halle, und im nächsten Moment war er verschwunden. Ich hielt dies für äußerst merkwürdig und konnte daraus nur schließen, daß Bau-yü in irgendeiner Weise gesegnet war und daß diese beiden heiligen Männer gekommen waren, um ihn zu beschützen. Doch ich vermute, die Wahrheit ist, daß er selbst aus einer höheren Sphäre stammt und sich auf die Erde niedergelassen hat, um die Prüfungen des menschlichen Lebens zu bestehen. Die ganzen letzten neunzehn Jahre über war seine Großmutter umsonst in ihn vernarrt gewesen! Jetzt erst verstehe ich alles!“
 
Wie er dies sagte, kamen ihm Tränen in die Augen.
 
„Ja, aber“, protestierte einer der Diener, „wenn Herr Bau-yü wirklich ein unsterblicher buddhistischer Mönch war, wozu mußte er dann erst das Staatsexamen bestehen, bevor er verschwunden ist?“ –
 
„Wie könntest du so etwas auch nur im Ansatz verstehen?“, antwortete Djia Dschëng mit einem Seufzen. „Die Ordnungen im Himmel, die Einsiedler in ihren Hütten, die Geister in ihren Höhlen, alles hat seine eigene Beschaffenheit, eine einzigartige Natur. Wann hast du Bau-yü jemals ernsthaft mit seinen Büchern arbeiten gesehen? Und selbst wenn er es darauf angelegt hätte, war für ihn nichts unmöglich. Seine Natur war wirklich einzigartig.“
 
Mit der Absicht, daß seine Lebensgeister sich wieder erholen konnten, lenkten sie das Thema auf Djia Lans Erfolg beim Examen und die Wiedererlangung des familiären Glücks. - Dann schrieb Djia Dschëng seinen Brief zu Ende und versiegelte ihn. Er beschrieb in ihm seine Begegnung mit Bau-yü und wies die Familie an, über diesen Verlust nicht zu lange betrübt zu sein; einem der Diener trug er auf, den Brief zum Jung-guo-Anwesen zu bringen, während er selbst seine Reise auf dem Schiff fortsetzte. Doch genug davon.
 
Als Frau Hsüä von der allgemeinen Amnestie hörte, die der Kaiser ausgesprochen hatte, schickte sie Hsüä Kë, um Geld zu leihen, wo immer er konnte, um damit und mit ihrem Ersparten Hsüä Pans Ablöse zu bezahlen. Die Justizbehörde gab schließlich ihre Zustimmung. Sie nahm das Geld als Ausgleich an, und es wurde ein amtliches Schreiben angefertigt, das Hsüä Pans Freilassung genehmigte. Als er mit der Familie wiedervereint war, gab es für ihn unendlich viele Neuigkeiten, manche davon waren traurig, manche heiter. Doch dies können wir ruhig der Vorstellung des Lesers überlassen. Hsüä Pan für seinen Teil leistete einen feierlichen Schwur: „Wenn ich mich jemals wieder so betragen sollte, so möge ich in Stücke gehackt werden.“
 
Frau Hsüä legte ihm die Hand auf den Mund: „Beschließe nur, deine Wege zu bessern! Es gibt keinen Grund für solche bluttriefenden Schwüre! Nach allem, was Hsiang-ling deinetwegen durchgemacht hat! Wir mögen zwar arm sein, aber es reicht noch zum Leben. Ich meine, du solltest sie zur Frau nehmen. Was denkst du?“
 
Hsüä Pan nickte zustimmend, während Bau-tschai Tante Hsüäs Vorhaben ihre volle Unterstützung versicherte. Hsiang-ling selbst schien überwältigt und ihr Gesicht färbte sich tiefrot: „Es ist dasselbe, als würde ich Herrn Pan weiter dienen“, sagte sie. „Es wird sich nichts ändern.“
 
Von nun an nannten sie alle Diener nur noch Frau Pan und schauten mit großer Ehrerbietung zu ihr auf.
 
Hsüä Pan ging darauf bei den Djias vorbei und bedankte sich bei ihnen für alles, was sie für ihn getan hatten. Er wurde von seiner Mutter und Bau-tschai begleitet, und im Jung-guo-Anwesen gab es eine Familienversammlung. Begrüßungen wurden ausgetauscht, und sie unterhielten sich, als plötzlich ein Botschafter erschien und den Brief überrreichte, den Djia Dschëng auf dem Schiff verfaßt hatte. „Der Herr wird in wenigen Tagen hier eintreffen“, berichtete er.
 
Die Dame Wang bat Djia Lan, den Brief laut vorzulesen. Als sie den Abschnitt erreicht hatten, in welchem Djia Dschëng von seiner Begegnung mit Bau-yü berichtete, begannen alle bitterlich zu weinen, die Dame Wang, Bau-tschai und Hsi-jën am meisten von allen. Dann hörten sie zu, wie Djia Lan laut Djia Dschëngs Rat vortrug, daß sie nicht trauern, sondern verstehen sollten, es sei Bau-yüs Schicksal gewesen, daß er die Reinkarnation eines unsterblichen Buddhisten war.
 
„Wäre er jemals in den Status eines Beamten aufgestiegen und hätte seine Laufbahn dann in einer Katastrophe geendet, wäre alles viel schlimmer gewesen“, trösteten sie sich selbst. „Das wäre in öffentlicher Mißbilligung und im Ruin geendet.“
 
Im Brief hieß es: „Letzten Endes sollten wir uns an der Ehre laben, einen heiligen Mann in der Familie zu haben. Trotzdem war es das Karma seines eigenen Vaters und seiner eigenen Mutter, ihre Tugend, welche ihn dazu brachte, in diese Familie geboren zu werden.
 
Ohne den Wunsch, respektlos zu erscheinen, darf gesagt werden, noch nicht einmal Herrn Djing aus dem Ning-guo-Anwesen, der all die Jahre Joga praktiziert hatte, ist es gelungen, ein Unsterblicher zu werden. Bei Bau-yü war es keine wirkliche Leistung. Wenn man es so betrachtet, sollte es leichter sein, sich keine Sorgen zu machen.“ –
 
„Glaubst du, ich mache es Bau-yü zum Vorwurf, daß er mich verlassen hat?“, schluchzte Frau Wang zu Frau Hsüä. „Nein, doch was mich bekümmert, ist eher das Schicksal seiner armen Frau. Nach nur etwas über einem Jahr der Ehe, wie konnte er nur so gefühllos sein, sie auf diese Weise zu verlassen?“
 
Frau Hsüä fand dies äußerst herzerweichend, während Bau-tschai selbst beinahe bis zur Ohnmacht geweint hatte. Nachdem sich alle Männer nun in der Vorderen Halle versammelt hatten, fuhr die Dame Wang fort, ihr Herz vor ihrer Schwester auszuschütten: „Bei all diesem Trubel und der Aufregung mußte ich seinetwegen viel erleiden. Wenigstens war es ein Trost, ihn heiraten und sein Examen bestehen zu sehen, und ich hätte vielleicht auf ein Enkelkind hoffen können. Und jetzt das! Wenn ich gewußt hätte, daß es so endet, hätte ich ihn nie an erster Stelle heiraten lassen! Niemals hätte ich zugelassen, daß diesem armen Mädchen ein solches Unglück widerfährt!“ –
 
„All dies hat das Schicksal entschieden“, tröstete sie Frau Hsüä. „Was hätten wir unter diesen Umständen anderes sagen oder tun können? Wir müssen uns selbst gesegnet schätzen, daß meine Tochter ein Kind erwartet und daß du ein Enkelkind haben wirst. Ich bin sicher, daß es ihm trotz allem gut geht und er das Beste daraus macht. Sieh dir nur Li Wan an: ihr Sohn hat sein Provinz-Examen bestanden, und es besteht kein Zweifel, daß der junge Lan nächstes Jahr ein Palastgraduierter und ein Beamter sein wird. Nach allem, was seine Mutter erlitten hat, erhält sie doch noch ihre Entschädigung. Und was meine Tochter betrifft, so weißt du, daß sie kein unbeständiges und launisches Mädchen ist. Um ihretwegen mußt du dich nicht sorgen.“
 
Die Dame Wang fand die Worte ihrer Schwester, Frau Hsüä, überzeugend und beruhigend.
 
‚Bau-tschai war als Kind immer so zurückhaltend und bescheiden‘, dachte sie bei sich selbst. ‚Sie war mit den einfachsten Dingen zufrieden. Vielleicht war ihr deshalb eine solche Vorhersage bestimmt. Vielleicht ist überhaupt alles in der Welt vorherbestimmt! Obwohl Bau-tschai sehr geweint hat, hat sie niemals ihre Würde verloren. Sie hat sogar noch versucht, mich zu trösten. Was für ein besonderes Mädchen sie ist! Ihrem Mann so unähnlich, dem offensichtlich nicht die Freuden dieser Welt beschert waren.‘
 
Von diesen Gedanken ein wenig getröstet, wandte sich die Dame Wang in Gedanken an Hsi-jën: ‚Keine ihrer anderen Mägde stellt ein Problem dar. Die älteren können verheiratet werden, die jüngeren können Bau-tschai dienen. Doch was soll ich mit Hsi-jën anfangen?‘
 
Sie fühlte sich nicht wirklich in der gefühlsmäßigen Verfassung, eine große Familienversammlung einzuberufen und entschied, bis zum Abend zu warten, wenn sie allein mit ihrer Schwester reden konnte.
 
Frau Hsüä kam diese Nacht nicht nach Hause, sondern blieb bei Bau-tschai, um sie zu trösten, da sie fürchtete, die Trauer könnte sie doch noch überwältigen. Doch am Ende stellte sich heraus, daß Bau-tschai äußerst vernünftig war. Sie dachte schicksalsergeben über den Lauf der Ereignisse nach und folgerte, daß Bau-yü ohnehin stets eine sehr seltsame Person war und kein Zweifel daran bestand, alles, was sich zugetragen hatte, sei vorherbestimmt gewesen. So gab es keinen Grund, das zu bezweifeln. Mit erhobenem Haupt erklärte sie dies ihrer Mutter, die sichtlich erleichtert war zu hören, daß sie eine solche Haltung eingenommen hatte; sie berichtete es der Dame Wang, als sie sie das nächste Mal sah. Die Dame Wang nickte und seufzte: „Wäre ich wirklich eine so schlechte Frau, hätte mir das Schicksal sicher nicht eine so wunderbare Schwiegertochter beschert!“
 
Ihr kamen wieder die Tränen, und Frau Hsüä versuchte, sie zu beruhigen. Sie griff das Thema von Hsi-jën auf: „Sie ist in letzter Zeit so abgemagert. Die ganze Zeit grübelt sie nur über Bau-yü. Es ist richtig und gehört sich so für eine Ehefrau, gegenüber ihrem Mann eine solche Ergebenheit zu zeigen, selbst, wenn er kein richtiger Ehemann mehr ist. Und ein Zimmermädchen kann sich ebenso betragen, wenn sie es wünscht. Doch Hsi-jën gehörte niemals offiziell zu Bau-yüs Zimmermädchen, obwohl wir wissen, daß sie es eigentlich doch war.“
 
„Ja, vor kurzem habe auch ich noch darüber nachgedacht“, sagte die Dame Wang. „Ich habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, um in Ruhe mit dir darüber sprechen zu können. Wenn wir sie einfach des Dienstes verweisen, fürchte ich, wird sie nicht gehen wollen und sich vielleicht sogar das Leben nehmen. Wir könnten sie hierbehalten, doch ich gehe davon aus, daß Herr Dschëng seine Zustimmung nicht geben wird. Das ist ein schwieriges Problem.“ –
 
„Ich glaube kaum, daß Herr Dschëng wünscht, sie sollte allein bleiben und gegenüber Bau-yü ihre Treue behaupten“, sagte Frau Hsüä, „er weiß ja noch nicht einmal, daß sie Bau-yüs Zimmermädchen war. Er hielt sie stets für eine ganz gewöhnliche Magd, daher würde es ihm absurd erscheinen, sie hier zu behalten. Die einzige Lösung für dich wäre, nach einem ihrer Familienmitglieder zu schicken und auf die Dringlichkeit einer Heirat hinzuweisen. Wir können ihr eine großzügige Abfindung überreichen. Sie ist ein gutherziges Mädchen und immer noch sehr jung. Du solltest für sie tun, was du kannst, nach all der Zeit, in der sie hart für euch gearbeitet hat. Laß mich ihr alles ausführlich erklären. Doch jetzt braucht sie noch nicht alles zu erfahren. Zuerst sollten wir uns mit ihrer Familie in Verbindung setzen und diese eine Hochzeit arrangieren lassen. Danach sollten wir Nachforschungen anstellen. Und wenn dann ein möglicher Ehemann für sie gefunden ist und wenn er sich selbst als passend erweist, können wir sie gehen und sich verheiraten lassen.“
 
„Das ist eine sehr gute Idee. Du hast alles genau durchdacht“, antwortete die Dame Wang. „Wenn wir nicht die Initiative ergreifen, wird Herr Dschëng es tun und sehr taktlos mit ihr umgehen, und damit wären wir für ein weiteres Unglück verantwortlich.“
 
„Genau denselben Gedanken hatte ich auch“, sagte Frau Hsüä nickend.
 
Nachdem sie sich noch etwas länger unterhalten hatten, verabschiedete sich Frau Hsüä und ging in Bau-tschais Gemächer. Sie fand Hsi-jën in Strömen von Tränen und tat ihr Bestes, sie zu trösten, soweit es unter diesen Umständen noch möglich war. Hsi-jën war ein eher einfaches Mädchen und nicht allzu gesprächig, und zu allem, was  Frau Hsüä sagte, gab sie nur knappe Antworten.
 
„Ich bin nur eine Dienerin“, sagte sie schließlich, „und es ist sehr lieb von Ihnen, so mit mir zu reden, Herrin. Ich hätte niemals gewagt, einem der Wünsche der Damen zu widersprechen.“ –
 
„Gutes Mädchen!“, sagte Frau Hsüä, wobei sie überaus zufrieden mit ihr war. Bau-tschai fügte von sich noch ein paar aufrichtende Worte hinzu, und als sie und Tante Hsüä Hsi-jën verließen, fühlten sie sich deutlich erleichtert.
 
Einige Tage später kam Djia Dschëng nach Hause und wurde bei seiner Ankunft von der ganzen Familie begrüßt. Djia Schë und Vetter Dschën waren nun auch aus ihrem Exil zurückgekehrt; sie verbrachten einige Zeit mit Djia Dschëng und tauschten Neuigkeiten aus. Dann ging Djia Dschëng, um nach den Frauen zu sehen. Bau-yüs Abwesenheit warf aber einen düsteren Schatten über die Versammlung, was Djia Dschëng nach bestem Bemühen auszugleichen versuchte.
 
„Es gab für all das einen Grund“, sagte er. Es liegt nun an uns Männern, den hohen Rang unseres öffentlichen Lebens weiterzuführen, und ich hoffe, ihr bringt alle uns zu Hause die nötige Unterstützung entgegen. Wir dürfen auf keinen Fall in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen. Alle Gemächer kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten, und wir brauchen keinen allgemeinen Verwalter mehr.
 
„Alles in euren Gemächern, überlasse ich euch“, das war besonders an die Dame Wang gerichtet, „geht damit angemessen um.“
 
Die Dame Wang teilte ihm mit, Bau-tschai erwarte ein Kind und daß allen Mägden von Bau-yü gekündigt werde. Djia Dschëng nickte schweigend.
 
Am folgenden Tag ging er an den Hof, um von den Ministern seine Anweisungen zu erhalten.
 
„Ich bin für die großzügige Gunst seiner Majestät mehr als dankbar“, sagte er, „doch da ich immer noch in meiner Trauerzeit bin, so bitte ich euch, mich anzuweisen, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken soll.“
 
Die Minister boten ihm an, eine Gedenkstätte einzurichten. Der Kaiser gewährte Djia Dschëng in seiner Großmut eine Audienz und, nachdem er seinen formalen Dankesbezeugungen zugehört hatte, erteilte er ihm einige kaiserliche Aufträge und erkundigte sich nach seinem Sohn, dem erfolgreichen Provinz-Graduierten. Djia Dschëng erzählte ihm die ganze Geschichte von Bau-yüs Verschwinden. Der Kaiser wunderte sich darüber und bemerkte, daß Bau-yüs Aufsätze sich durch eine besondere Originalität auszeichneten, eine Qualität, die man sonst nur von jenseitigen Seelen erwarten könne. Eine solche Person könnte niemals am Hofe gedient haben, sein Schicksal wäre dies nicht gewesen. Denn ihm war vorbehalten, keine Ehren weltlicher Natur zu empfangen. Es bereitete seiner Majestät eine äußerst große Freude, ihm den religiösen Titel des „Herrn über das unergründliche Wort“ zu verleihen.
 
Djia Dschëng verbeugte sich wieder, um seine Dankbarkeit für diese große Ehre zu bekunden und verabschiedete sich. Bei seiner Rückkehr nach Hause wurde er von Djia Liän und Vetter Dschën empfangen, die begeistert waren, von den Neuigkeiten am Hof zu hören.
 
„Im Jung-guo-Anwesen ist nun wieder alles in Ordnung“, sagte Vetter Dschën, „und mit deiner Zustimmung nehmen wir dort wieder Residenz. Das Kloster Gefangenes Grün im Garten wurde für die Eremitage meiner Schwe­ster Hsi-tschun vorbereitet.“
 
Nach kurzer Zeit des Nachdenkens hielt Djia Dschëng ihnen eine lange Predigt über die tiefe Dankbarkeit, die sie dem Thron für diese Gunst schuldeten. Djia Liän nutzte die Gelegenheit und lenkte das Thema auf die Hochzeit seiner Tochter: „Vater und Mutter sind beide einverstanden, daß Tchiau-djie mit diesem Herr Dschou verheiratet werden soll.“
 
Djia Dschëng hatte die Einzelheitgen von Tchiau-djies Geschichte am Abend zuvor gehört und antwortete: „Wenn dies ihre Entscheidung ist, dann soll es so sein. Es gibt nichts gegen das Landleben einzuwenden. Was zählt, ist, daß die Familie aufrichtig ist und der Bursche ein Studium aufnimmt, sodaß er sich in der Welt behaupten kann. Außerdem entstammt nicht jeder Beamte am Hof einer städtischen Familie.“ Djia Liän antwortete angemessen und fuhr fort: „Vater ist in seinem Alter bereits weit fortgeschritten und befindet sich immer mehr in einem phlegmatischen Zustand. Er hat vor, sich für ein paar Jahre zurückzuziehen und dir alles zu überlassen, Onkel.“ –
 
„Eine ruhige Zurückgezogenheit auf dem Land klingt sehr gut für mich“, kommentierte Djia Dschëng, „doch leider verbieten es mir die Verpflichtungen gegenüber dem Thron.“
 
Djia Dschëng kehrte in seine Gemächer zurück, während Djia Liän jemanden schickte, der Oma Liu zu ihnen bat. Als man ihr mitteilte, daß die Hochzeit vom Herrn genehmigt worden war, erzählte sie es gleich darauf der Dame Wang und den anderen Damen mit einer langen Ausführung über den Erfolg, der dem jungen Mann in der Zukunft bevorstünde, wie seine Familie sich in der Welt behaupten würde und wie viele Söhne und Enkelsöhne ihrer Ehe entspringen würden.
 
Während sie sprach, erschien eine der Mägde, um anzukündigen, daß Hua Dsï-fang, Hsi-jëns Bruder, seine Frau geschickt habe, um seinen Respekt zu erweisen. Die Dame Wang sprach mit der Frau und fand dabei heraus, daß von der Familie Hua eine Hochzeit mit einem gewissen Herrn Djiang vorgeschlagen worden war, der südlich der Stadt lebte, einem jungen Mann mit Eigentum und einem eigenen Pfandhaus. Er war nur wenige Jahre älter als Hsi-jën, doch war er noch nicht verheiratet und sah außergewöhnlich gut aus. Die Dame Wang war mit dieser Beschreibung sehr zufrieden.
 
„Überbringe ihnen meine Zustimmung“, sagte sie. „In ein paar Tagen kann dein Mann kommen, um seine Schwester zu holen und sie zu ihrer Hochzeit zu bringen.“
 
Sie schickte auch jemanden von ihren Leuten, um diskrete Erkundigungen anzustellen und erhielt positive Rückmeldungen über den Charakter des Mannes, wovon sie Bau-tschai berichtete, und Frau Hsüä fragte, ob man die Neuigkeiten vorsichtig Hsi-jën übermitteln könne. Die arme Hsi-jën war untröstlich bei dem Gedanken, das Jung-guo-Anwesen verlassen zu müssen, doch sie konnte keinen Widerstand leisten. Sie erinnerte sich an den Besuch, den Bau-yü ihr vor Jahren zu Hause abgestattet hatte, und den Eid, den sie daraufhin geschworen hatte, ihn niemals zu verlassen, noch nicht einmal im Tode. ‚Jetzt veranlaßt die Herrin, daß ich dies gegen meinen Willen tue und wenn ich darauf bestehe, alleine und seinem Gedenken treu zu bleiben, werden sich die Leute für mich schämen. Doch wenn ich nun gehe, so ist es nicht mein Wunsch.‘
 
Sie weinte, bis sie vor lauter Tränen bald würgen mußte. Frau Hsüä und Bau-tschai gaben ihr Bestes, um ihr gut zuzureden und schließlich dachte sie bei sich: ‚Wenn ich hier sterben sollte, wäre das eine schlechte Erwiderung für alles, was die Herrin in der Vergangenheit an guten Dingen für mich getan hat. Ich wäre besser zu Hause gestorben.‘
 
Endlich verabschiedete sie sich von allen, wobei ihr Herz schwer vor lauter Kummer war. Ebenso schmerzhaft war es für sie, all die anderen Mägde verlassen zu müssen. Fest entschlossen, sich bei der nächsten Gelegenheit das Leben zu nehmen, bestieg sie eine Kutsche und fuhr nach Hause. Als sie zuerst ihren Bruder und seine Frau sah, gab es reichlich Tränen, doch sie konnte es nicht über sich bringen zu sagen, was in ihr vorging. Ihr Bruder zeigte ihr Stück für Stück die Geschenke, die ihr von der Familie Djiang zugesendet worden waren und die Kiste, die er selbst für sie vorbereitet hatte. Ein Teil von dem, erklärte er, war ihm von der Dame Wang gegeben worden, während er einen Teil für sich selbst genutzt hatte. Diese Freundlichkeit machte es für Hsi-jën noch schwerer als vorher, ihren Kummer auszudrücken; nachdem sie zwei Tage bei ihrem Bruder zu Hause verbracht hatte, dachte sie noch einmal gründlich über alles nach: ‚Er hat alles so nett für mich hergerichtet. Wenn ich nun hier sterbe, würde ich ihm damit nicht wehtun?‘ Sie ging dies wieder und wieder in Gedanken durch, und absolut keine Handlungsweise erschien ihr richtig. Ihr Herz hatte sich verknotet. Sie konnte ihr Schicksal nur stoisch erdulden und warten, bis ihre Zeit gekommen war.
 
Der erfolgversprechende Tag im Almanach war für sie gekommen, an dem sie zum Haus ihres Mannes gebracht werden sollte und da sie keinen Aufruhr verursachen wollte, vertröstete sie ihren Kummer auf später und ließ sich auf die hochzeitliche Sänfte heben. An ihrem neuen Zuhause, dachte sie bei sich, würde sie neue Pläne schmieden. Doch sobald sie im Hause Djiang angekommen war, waren alle so aufrichtig und respektvoll zu ihr, ordneten sich ihr als junger, verheirateter Dame unter, die Mägde und Dienstmädchen nannten sie alle ihre Frau Djiang, als sie nur einen Fuß in das Haus gesetzt hatte, sodaß der Tod ihr hier wieder unmöglich erschien: Hier zu sterben wäre für ihn eine große Schmach, dachte sie bei sich; es wäre eine schlechte Erwiderung für all ihre Freundlichkeit. In ihrer Hochzeitsnacht weinte sie pausenlos und hätte sich kaum der Umarmung ihres Gatten hingegeben, wenn er sie nicht mit sehr zärtlicher Zuneigung umgarnt hätte.
 
Am nächsten Tag, als sie gemeinsam ihre Koffer auspackten, bemerkte Djiang unter ihren Sachen ein rotes Halstuch. Daraus folgerte er, daß seine Frau eines der Zimmermädchen von Bau-yü gewesen sein mußte, welchem er einst dieses Band geschenkt hatte. Vorher hatte er gedacht, seine Frau sei nur eine der Mägde der Herzoginmutter gewesen. Er hätte sich niemals träumen lassen, daß er eines Tages Hsi-jën heiraten würde. Djiang Yü-han (nebenbei bemerkt war dies Bau-yüs Schauspielerfreund) war sichtlich bewegt, als er sich an all die Wärme erinnerte, die Bau-yü ihm entgegengebracht hatte und als Konsequenz behandelte er Hsi-jën mit noch größerer Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Er zeigte ihr die damastgrüne Schärpe, die Bau-yü ihm als Tauschmittel für das Halstuch gegeben hatte als eindeutigen Beweis für die Freundschaft ihres Mannes mit ihrem einstigen Herrn. Dies machte Hsi-jën glauben, ihr Leben läge in der Hand des Schicksals, ja daß ihre Hochzeit vorherbestimmt gewesen sei. Diese Wendung verlieh ihr den Mut, ihrem Mann ihr Herz zu öffnen. Djiang erwies sich ihrer wert und brachte ihr tiefe Gefühle entgegen, dazu einen großen Respekt, der sie niemals zwang, eine andere Richtung einzuschlagen; vielmehr brachte er ihr nur noch mehr aufrichtige Zuneigung und Aufmerksamkeit entgegen. Somit hatte sich Hsi-jën auch der letzten Möglichkeit entledigt, sich jemals das Leben zu nehmen.
 
Geneigter Leser, es ist in der Tat wahr, wie Hsi-jën geschlußfolgert hatte, daß das Leben vorherbestimmt ist und daß dagegen „nichts getan werden kann“. Doch unglücklicherweise wird dieses Argument zu oft von Söhnen und Staatsmännern herangezogen, die sich in einer ungünstigen Situation befinden oder von treuen Witwen und Witwern als Ausrede für moralische Stumpfheit. Es war diese besondere Neigung ihrer Persönlichkeit, die Hsi-jën in das „Zweite Zusatzregister“ verwies. Ein Dichter aus vergangenen Tagen hatte einst geschrieben, als er an dem Tempel vorbeischritt, den er in Gedenken an die Dame der Pfirsischblüte errichtet hatte:
 
„Für die Alten ist der Tod nicht die schlimmste Wahl;
 
Frau Hsi war nicht allein, als sie ihre Schwäche beklagte.“
 
Hsi-jëns Eheleben ist das erste Kapitel einer anderen Geschichte. Unsere Erzählung widmet sich nun wieder Djia Yü-tsun, der, nachdem er wegen Habsucht und Mißbrauch verurteilt worden war, ebenso aufgrund der allgemeinen Amnestie freigelassen worden war und als gewöhnlicher Bürger in seine Heimatstadt zurückkehren durfte. Er schickte seiner Familie einen Vorboten und reiste selbst mit einem jungen Pagen und einer Kutsche mit Gepäck. Seine Reise führte ihn wieder einmal an die Fähren-Anlegestelle und, wie er sich dem Fluß näherte, sah er einen dauistischen Einsiedler, der aus einer Strohhütte in der Nähe des Flußufers gerannt kam und zur Begrüßung in die Hände klatschte. Dieses Mal erkannte ihn Yü-tsun sofort als Dschën Schï-yin und verneigte sich vor ihm zum Gruß.
 
„Verehrter Herr Djia“, begann der alte Einsiedler, „ich bin sicher, es ist Ihnen gut ergangen, seit wir uns das letzte Mal begegnet waren?“ –
 
„Sie, Herr, sind in der Tat mein einstiger Beschützer Herr Dschën, in unsterblicher Gestalt!“, rief Yü-tsun. „Warum habe ich Sie bei unserem letzten Treffen nur nicht erkannt? Im Anschluß daran habe ich vernommen, daß Ihre Hütte durch Feuer zerstört worden sei. Ich war ernsthaft um Ihre Sicherheit besorgt. Ich schätze mich überaus glücklich, diese zweite Gelegenheit erhalten zu haben, Ihre geistige Tiefe bewundern zu dürfen. Leider bin ich immer noch genauso unwissend wie zuvor, wie ihr an meinem jetztigen Zustand erkennen könnt.“ –
 
„Bei der ersten Gelegenheit“, antwortete Dschën Schï-yin, „war Ihre Rangstellung so hoch, daß ich es nicht wagte, mir eure Bekanntschaft anzumaßen. Wegen unserer damaligen Freundschaft, sagte ich ein paar Worte, die Sie allesamt ignorierten. Gesundheit und Armut, Erfolg und Versagen, nichts davon hängt vom Zufall ab. Weder ist unser heutiges Treffen hier ein Zufall noch ein besonderes, wundersames Ereignis. Wir sind nicht weit von meinem Haus, und ich wäre überaus erfreut, wenn Sie bei mir verweilen und den Tag mit mir verbringen würden.“
 
Djia Yü-tsun willigte begeistert ein, und die beiden Männer gingen Hand in Hand, dabei folgte ihnen der Page mit dem Gepäck in die kleine, einfache Hütte. Schï-yin führte Yü-tsun herein;  dieser setzte sich, und der Helfer des alten Mannes brachte ihm Tee. Yü-tsun bat darum, die Geschichte seiner mystischen Umwandlung hören zu dürfen, und Schï-yin lächelte:
 
„Auf eine Weise wurde meine Welt umgewandelt. Sie selbst, Herr, der Sie einer Sphäre des Wohlstandes und Überflusses entstammen, müssen bestimmt von einer Person mit dem Namen Bau-yü gehört haben?“ –
 
„Natürlich“, antwortete Yü-tsun, „zuletzt habe ich das Gerücht gehört, daß er auch in das Dharma aufgestiegen sein soll. Ich habe ihn in vergangenen Tagen einige Male gesehen und es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, daß er diesen Schritt gehen würde.“ –
 
„Mir war das schon klar“, sagte Schï-yin. „Ich wußte bereits seit Jahren von seinem Streben.
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 119

中乡魁宝玉却尘缘 / 沐皇恩贾家延世泽

Bau-yü besteht die Staatsprüfung auf Provinzebene und entsagt dann der WeltDas Haus der Familie Djia steht wieder in kaiserlicher Gunst und setzt den Ruhm seiner Ahnen fort.

Wie wir im letzten Kapitel berichtet haben, war Ying-örl, verwirrt von Bau-yüs Worten, beinahe dabei zu gehen, als sie ihn wieder sprechen hörte: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen. Wenn deine Herrin glücklich ist, dann bist du es auch, weil du ihre Magd bist. Auf deine Schwester Hsi-jën kann man sich nicht verlassen. In Zukunft - merke dir meine Worte - mußt du dich um deine Herrin mit Sorge und Hingabe kümmern, und am Ende wirst du eine angemessene Belohnung für deine Dienstjahre erhalten.“ Bau-yüs Worte ergaben für Ying-örl keinen Sinn, auch wenn sie scheinbar sinnvoll begannen. „Gut“, sagte sie, „dann gehe ich besser. Die Herrin wartet auf mich. Wenn Sie mehr Obst möchten, Herr Bau-yü, senden Sie nur eine der jüngeren Dienstmägde nach mir.“ Bau-yü nickte, und Ying-örl ging. Kurz darauf kehrten Bau-tschai und Hsi-jën aus den eigenen Räumen zurück. Die Prüfung rückte näher. Die ganze Familie war voller Erwartung und hoffte, daß die beiden Jungen achtbare Aufsätze schreiben und der Familie Ehre machen würden. Alle außer Bau-tschai. Obwohl Bau-yü sich wirklich gut vorbereitet hatte, hatte sie gelegentlich auch eine seltsame Abgestumpftheit in seinem Verhalten bemerkt. Ihre erste Sorge war, daß die beiden Jungen, für die es beide eine Premiere war, im Gewühl von Menschen und Fahrzeugen vor den Prüfungshallen verletzt würden oder einen Unfall hätten. Sie sorgte sich besonders um Bau-yü, der das Anwesen seit seinem Zusammentreffen mit dem Mönch nicht mehr verlassen hatte. Seine Freude am Studium schien ihr das Ergebnis eines zu hastigen und insgesamt nicht überzeugenden Gesinnungswandels, und sie hatte eine Vorahnung, daß etwas Ungehöriges passieren würde. An dem Tag vor dem großen Ereignis trug sie Hsi-jën und einigen der jüngeren Dienerinnen auf, mit Su-yün und ihren Helfern zu gehen und sicherzustellen, daß beide Kandidaten gut vorbereitet waren. Sie selbst überprüfte ihre Sachen, legte sie bereit und ging dann mit Li Wan hinüber in die Gemächer der Dame Wang, wo sie einige treue Gefolgsmänner der Familie auswählte, um sie am nächsten Tag zu begleiten, aus Angst, sie könnte in der Menge gestoßen oder gar niedergetrampelt werden. Der große Tag brach letztendlich an, und Bau-yü und Djia Lan wechselten in elegante, aber schlichte Gewänder. Sie kamen frohen Mutes herüber, um sich von der Dame Wang zu verabschieden, die ihnen zum Abschied noch ein paar ratsame Worte mitgab: „Dies ist das erste Examen für euch beide und obwohl ihr jetzt schon große Jungen seid, ist es immer noch das erste Mal für euch, einen ganzen Tag von Zuhause fort zu sein. Ihr mögt in der Vergangenheit zwar fort gewesen sein, doch Ihr wart immer in Begleitung eurer Dienerinnen. Ihr habt niemals eine Nacht außer Haus auf diese Art verbracht. Heute, wenn ihr beide euch dem Examen unterzieht, werdet ihr euch sehr einsam fühlen, so ganz ohne Familie. Ihr müßt besonders vorsichtig sein. Beendet eure Aufsätze und kommt so früh wie möglich heraus und sucht einen der Familiendiener, dann kommt so schnell wie möglich nach Hause. Dann werden deine Mutter und Ehefrauen sich um euch keine Sorgen mehr machen.“ Während sie sprach, war die Dame Wang von dieser Angelegenheit sehr bewegt. Djia Lan gab alle passenden Antworten, doch Bau-yü blieb still, bis Dame Wang zu Ende gesprochen hatte. Dann begab er sich zu Dame Wang, kniete vor ihren Füßen, mit Tränen auf den Wangen verbeugte er sich dreimal vor ihr und sagte: „Ich werde dich niemals für das entschädigen können, was Ihr, Mutter in meinem Leben für mich getan habt. Doch wenn ich dies Eine erfolgreich meistere, wenn ich mein Bestes gebe und die Prüfung bestehe, dann kann ich Ihnen vielleicht eine kleine Freude machen. Dann ist meine weltliche Pflicht erfüllt, und ich werde zumindest etwas von dem zurückgeben, was ich Ihnen an Ärger verursacht habe.“ Die Dame Wang war jetzt noch tiefer bewegt: „Es ist eine sehr feine Sache, die du da vorhast. Es ist eine Schande, daß die alte Dame das nicht mehr erleben kann.“ Während sie sprach, weinte sie und legte ihre Arme um ihn, um ihn an sich zu drücken. Bau-yü blieb auf dem Boden knieen und wollte sich nicht erheben. „Auch wenn die alte Dame nicht hier ist“, sagte er, „bin ich sicher, sie weiß davon und ist glücklich. Es ist beinahe so, als sei sie wirklich da. Uns trennt nur etwas. Zusammen sind wir in einem Geist.“ Li Wan fürchtete, diese Szene könnte Bau-yü einen seiner Anfälle auslösen. Sie spürte etwas Unheilvolles. Sie fuhr eilig fort: „Gnädige Frau, heute sollten wir mit Freude erfüllt sein. Du darfst nicht so traurig sein. Denke daran, wie einfühlsam und pflichterfüllt Bruder Bau[-yü] zuletzt war! Alles, was er nun tun muß, ist mit seinem Neffen [Lan] im Examen zu sitzen, seine Zettel vollzuschreiben und früh nach Hause zu kommen. Dann kann er einigen Schülern und uns Abschriften von dem zeigen, was er geschrieben hat, und wir warten einfach auf gute Neuigkeiten.“ Sie trug einer der Mägde auf, Bau-yü wieder auf die Beine zu helfen. Bau-yü drehte sich um und sagte: „Schwiegerschwester, mach’ dir keine Sorgen. Unsere zwei Jungen werden sicher bestehen. Weiterhin hat Bruder Lan eine ausgezeichnete Zukunft vor sich, während du selbst eines Tages eine Dame hohen Ranges sein und nur noch edle Kleider tragen wirst.“ Li Wan lächelte: „Wenn all dies wirklich wahr wird, wäre das zumindest ein Ausgleich.“ Sie hielt inne, da sie der Dame Wang keinen weiteren Kummer bereiten wollte. Bau-yü fühlte keine Hemmung dieser Art: „Wenn Lan sich gut schlägt und die Familientradition aufrecht erhält, kann mein älterer Bruder, sein Vater, es zwar nicht mehr bezeugen, doch sein größter Wunsch ist zumindest erfüllt.“ Es wurde allmählich spät, und da Li Wan diese Runde nicht weiter in die Länge ziehen wollte, nickte sie nur kurz zum Abschluß. Bau-tschai war die Seltsamkeit dieser Reden nicht entgangen. Nicht nur Bau-yüs Bemerkungen an sich waren rätselhaft, auch jedes Wort der Dame Wang und Li Wan schien eine unheilvolle Bedeutung zu haben. Sie wagte nicht, ihre Vorahnungen offen zu formulieren, deshalb hielt Bau-tschai ihre Tränen zurück und blieb still. Bau-yü kam zu ihr und verbeugte sich tief. Es erschien ihnen allen als ein sehr exzentrisches Verhalten, und es konnte sich weder jemand vorstellen, was das zu bedeuten hatte, noch wagte jemand zu lachen. Das allgemeine Staunen wurde größer, als Bau-tschai in eine Flut von Tränen ausbrach und Bau-yü sich von ihr verabschiedete: „Kusinchen! Ich gehe jetzt. Bleib hier bei der gnädigen Frau und warte auf gute Neuigkeiten!“ – „Es ist Zeit für dich zu gehen“, antwortete Bau-tschai, „es gibt keinen Grund, wieder eine dieser langen Reden zu halten.“ – „Du mußt mich nicht drängen zu gehen“, sagte Bau-yü, „ich weiß, daß es Zeit ist.“ Er blickte um sich und sah, daß Hsi-tschun und Dsï-djüan nicht da waren. „Sagt bitte der vierten Schwester [Hsi-tschun] und Schwester Dsï-djüan auf Wiedersehen von mir“, sagte er, „ich werde sie bestimmt wiedersehen.“ Alle wunderten sich sehr über das Gemisch von Sinn und Unsinn in seinen Worten. Sie glaubten, er sei im Moment verwirrt, zum Teil wegen der derzeitigen Situation, zum Teil auch wegen der Anweisungen der gnädigen Frau. Es erschien allen als die beste Lösung, daß er sich endlich auf den Weg machte. „Sie warten draußen auf dich. Kein Geplauder mehr, sonst bist du zu spät.“ Bau-yü erhob seinen Kopf und lachte. „Ich gehe! Genug mit der Narretei! Es ist vorüber!“ – „Nun – dann gehen Sie!“, riefen alle nervös lachend. Nur die Dame Wang und Bau-tschai schluchzten unentwegt, als ob sie ihn niemals wiedersähen. Endlich ging Bau-yü durch die Tür und kicherte auf seinem Weg wie ein Schwachsinniger. „Das Register weltlichen Ruhmes betretend, Durchbricht er die erste Schranke seines weltlichen Käfigs.“ Wir müssen nun Bau-yü und Djia Lan auf ihrem Weg zum Examen verlassen und zu Djia Huan zurückkehren. Die Aufregung über die Abreise der ‚Kandidaten‘ hatte in ihm ein noch ärgerlicheres Gefühl als zuvor hinterlassen, und mit ihrer Abwesenheit hatte er nun die Freiheit, seinen Plan auszuführen: „Rache an meiner eigenen Mutter! Jetzt ist niemand mehr im Haus und die erste gnädige Frau [Hsing] wird tun, was ich sage. Ich muß niemanden fürchten.“ Mit entschlossenem Schritt eilte er zur Dame Hsing, um seinen Respekt zu erweisen, und unterhielt sich mit ihr in einem äußerst unterwürfigen Ton. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt und sagte zu ihm: „Jetzt sprichst du wie ein intelligentes Kind! Natürlich bin ich der Mensch, der die Entscheidung bei einer Gelegenheit wie der von Tjiau-djiä -örl zu treffen hat. Es war sehr dumm von deinem zweiten Vetter Liän, seine Großmutter nicht zu achten und das in die Hände eines anderen zu legen.“ – „Was den Prinzen betrifft, ist es deine Seite der Familie, die er erkennt“, sagte Djia Huan. „Die ganze Sache ist besiegelt, und sie bereiten nun eine große Fuhre an Geschenken für euch vor. Wenn dieser Prinz mit deiner Enkelin verheiratet ist, wird erste gnädige Herr [Schë] dir eine wichtige Position verleihen müssen. Es wird uns allen zugute kommen. Ich möchte unsere gnädige Frau [Wang] bestimmt nicht kritisieren, doch während der ganzen Zeit, als Schwester Yüän-tschun eine Kaiserliche Konkubine war, hat sie uns nicht gerade freundlich behandelt. Ich hoffe, Tjiau-djiä-örl wird nicht so undankbar sein. Ich muß mit ihr sprechen.“ – „Ja, du solltest mit ihr reden“, sagte die Dame Hsing, „so wird sie sehen, was Du alles für sie getan hast. Ich bin sicher, wenn ihr Vater zu Hause wäre, hätte er nie eine so gute Partie für sie gefunden! Diese dumme Kreatur Ping-örl hat Dinge dagegen gesagt und protestiert, sodaß Deine Mutter nicht zustimmt. Es ist wahrscheinlich nicht mehr als wirres Gezeter. Wir dürfen keine Zeit verlieren, sonst kommt dein zweiter Vetter [Liän] zurück, und sie werden ihn auch gegen uns aufhetzen, und wir werden das Ganze nie durchbekommen.“ „Was den Prinzen betrifft, ist die Sache bereits fest beschlossen“, sagte Djia Huan. „Sie warten nur darauf, daß du das Horoskop schickst. Dann wird sie nach prinzlichem Brauch drei Tage später zur Hochzeit abgeholt. Es gibt nur eine Bedingung, die zu berücksichtigen ist. Sie sagen, in Anbetracht der Umstände, weil es nicht ordnungsgemäß ist, die Enkelin eines entehrten Beamten zu ehelichen, daß das Ganze ohne große Zeremonie ablaufen wird. Später, wenn der erste gnädige Herr [Schë] begnadigt und wieder in sein Amt eingesetzt ist, wird die Vereinigung mit allen Festlichkeiten gefeiert werden.“ – „Natürlich stimme ich zu“, sagte die Dame Hsing, „was sie vorschlagen, ist nur richtig.“ – „In diesem Fall mußt du ihnen dann nur noch die Acht Zeichen für Tjiau-djiäs Horoskop schicken.“ – „Dummer Junge! Was können wir Frauen denn machen? Sage besser Bruder Yün, er soll es dir aufschreiben!“ Djia Huan war über die Antwort der Dame Hsing begeistert und stimmte ihrem Vorschlag umgehend zu, welcher ihm sehr entgegenkam. Er eilte hinüber, um sich mit Djia Yün zu besprechen, und bat Wang Jën, zum Palast des Prinzen zu gehen, um den Vertrag zu unterschreiben und das Geld zu empfangen. Die Unterhaltung zwischen Djia Huan und der Dame Hsing wurde von einer der Mägde der Dame Hsing gehört, welche mit Ping-örl sehr vertraut war und die deshalb, sobald sich die passende Gelegenheit bot, sofort zu Ping-örl ging und ihr erzählte, was vorgefallen war. Ping-örl hatte die ganze Zeit gewußt, daß dieser Heiratsplan nicht Gutes bringen würde, und hatte Tjiau-djiä bereits alles erzählt, was sie darüber wußte. Als sie erstmals hörte, daß sie verheiratet werden sollte, hatte Tjiau-djiä die ganze Nacht geweint, sie bestand darauf, daß man auf die Rückkehr ihres Vaters wartete, bevor eine Entscheidung getroffen würde, und verlangte, daß man die erste gnädige Frau [Hsing] nicht gehorchen sollte. Nun, da die letzten Neuigkeiten eingetroffen waren, begann sie zu heulen und wollte sich selbst bei der der gnädigen Frau [Hsing] beschweren. Ping-örl hielt sie allerdings davon ab: „Sie müssen sich beruhigen, Fräulein. Die gnädige Frau [Hsing] ist Ihre eigene Großmutter und, da der zweite Herr [Liän] fort ist, hat die erste gnädige Frau das Recht, diese Entscheidung zu treffen. Außerdem unterstützt sie Ihr eigener Onkel. Alle hängen darin zusammen und Sie sind allein. Sie werden sie nicht davon abbringen können. Und ich bin nur eine Magd, ich kann nichts sagen. Wir müssen uns selbst einen Plan überlegen und nicht unüberlegt handeln!“ „Seid besser schnell“, riet ihnen die Magd der Dame Hsing, „in wenigen Tagen wird sie mitgenommen.“ Mit diesen düsteren Worten kehrte sie in die Gemächer der Dame Hsing zurück. Ping-örl drehte sich um und sah, wie Tjiau-djiä zusammengekauert dalag und untröstlich weinte. Sie streckte eine Hand aus, um sie etwas zu trösten: „Es bringt nichts zu weinen, Fräulein. Es gibt jetzt nichts, was der zweite Herr [Liän] für Sie tun könnte. Von dem, was sie sagen, scheint es, als ob...“ Bevor sie ihren Satz beenden konnte, erschien ein Botschafter der Dame Hsing und kündigte an: „Dies ist in der Tat ein glücklicher Tag für Fräulein [Tjiau-djiä]! Würde Ping-örl bitte vorbereiten, was immer Fräulein [Tjiau-djiä] gern mit sich nehmen möchte. Ihre Aussteuer kann bis zur Wiederkehr des zweiten Herrn [Liän] warten.“ Ping-örl tat so, als würde sie diesen Anweisungen gehorchen, bis die Dame Wang selbst erschien. Tjiau-djiä-örl umarmte sie ängstlich und weinte in ihren Schoß. Die Dame Wang weinte selbst: „Sei doch nicht traurig, Kind. Ich habe mit der ersten gnädigen Frau gesprochen und alles getan, was ich für dich tun kann, und man entgegnete mir nichts als Beleidigungen. Ich kann sie nicht davon abbringen. Wir müssen das nun durchstehen und alles so weit wie möglich hinauszögern. Währenddessen müssen wir jemanden zu deinem Vater schicken, um ihm zu berichten, was hier vorgeht.“ „Doch habt ihr es nicht gehört, gnädige Frau?“, sagte Ping-örl, „an diesem Morgen war dritte Herr [Huan] bei der ersten gnädigen Frau [Hsing]. Nach Brauch des Prinzen wird die Braut in drei Tagen abgeholt. Die erste gnädige Frau [Hsing] hat bereits Bruder Yün gebeten, das Horoskop vorzubereiten. Wenn zweite Herr [Liän] zurückkehrt, wird alles schon vorbei sein!“ Wie sie hörte, daß dritte Herr [Huan] involviert war, war die Dame Wang sprachlos vor Zorn. Dann brüllte sie heraus: „Bringt ihn zu mir! Bringt ihn zu mir! Zu mir!“ Ein Diener befolgte gehorsam ihren Befehl, doch kehrte mit der Nachricht zurück, daß er an diesem Morgen bereits früh mit Herrn Djia Tjiang und Herrn Wang [Jën] ausgegangen sei. „Wo ist der Djia Yün?“, fragte die Dame Wang. „Das wissen wir nicht“, lautete die Antwort. Die Leute versammelten sich in Tjiau-djiäs Zimmer und standen untätig herum. Die Dame Wang besaß nicht mehr die Nerven, um sich direkt mit der Dame Hsing auseinanderzusetzen. Jeder weinte bitterlich auf der Schulter des anderen. Gerade als die Schwermut ihren Tiefpunkt erreicht hatte, kam ein Dienstmädchen herein, um anzukündigen, daß Oma Liu am Tor des Hauses angekommen war. „Wir sind alle völlig durcheinander“, kommentierte die Dame Wang, „wie können wir in so einem Moment Gäste empfangen? Sucht eine Entschuldigung und bittet sie zu gehen.“ – „Vielleicht sollte die gnädige Frau sie hereinbitten“, sagte Ping-örl, „sie ist immerhin Tjiau-djiäs Ziehmutter. Wir sollten ihr sagen, was hier abläuft.“ Die Dame Wang sagte nichts. Die Amme verließ das Zimmer und kehrte kurze Zeit später mit Oma Liu zurück, die alle anwesenden Damen begrüßte. Als sie sah, daß ihre Augen vom Weinen gerötet waren und da sie nicht wußte, was los war, fragte sie nach einigem Zögern: „Was geht hier vor? Trauert die gnädige Frau und die Mädchen um zweite gnädige Frau [Liän]?“ Die Erwähnung ihrer Mutter ließ Tjiau-djiä-örl wieder hemmungslos weinen. „Es gibt keinen Grund, dir die Sache vorzuenthalten, Großmutter“, sagte Ping-örl. „Und als ihre Ziehmutter sollten sie die Wahrheit wissen.“ Sie erzählte Oma Liu nun die ganze Geschichte. Zuerst war Oma Liu entsetzt. Dann, nach einer langen Stille, begann sie zu lachen. „Eine kluge, junge Frau wie du sollte mit schwierigeren Dingen zurecht kommen. Schaut euch die ganzen Balladen an, sie sind voll schlauer Handlungen und Modelle zur Lösung vieler Probleme.“ „Oh, Oma Liu!“, flehte Ping-örl, „wenn dir eine Möglichkeit einfällt, so sag’ sie uns bitte!“ – „Es ist ganz einfach“, sagte die alte Frau. „Wir dürfen es aber niemandem erzählen, und wir müssen einen schnellen Weg und ein Versteck finden – mehr brauchen wir nicht.“ – „Das könnt ihr nicht ernst meinen!“, protestierte Ping-örl, „wo könnte sich eine Familie wie die unsere verstecken?“ – „Nun“, sagte Oma Liu, „wenn ihr bereit dazu seid – und das geht nur, wenn ihr beide in unsere Stadt kommt. Ich kann Fräulein [Tjiau-djiä] verstecken und zur gleichen Zeit werde ich meinen Schwiegersohn beauftragen, einen Mann mit einem Brief, den Fräulein [Tjiau-djiä] selbst schreiben muß, direkt zu Herrn Schwager Liän zu schicken. Wenn er erst angekommen ist, wird sich gewiß alles von selbst ergeben.“ „Und wenn die erste gnädige Frau [Hsing] es herausfindet?“, fragte Ping-örl. „Wissen sie, daß ich hier bin?“, fragte Oma Liu. „Die erste gnädige Frau [Hsing] lebt vorn und, da sie die Leute immer so garstig behandelt, erzählt ihr niemand, was los ist. Wärt ihr durch das vordere Tor gekommen, hätte sie vielleicht davon gewußt. Aber so, wie es aussieht, haben wir nichts zu befürchten.“ „Nun gut“, sagte Oma Liu, „wir vereinbaren einen Zeitpunkt, und dann trage ich meinem Schwiegersohn auf, einen Wagen zu euch zu schicken.“ – „Wir dürfen keine Zeit verlieren“, drängte Ping-örl, „wir müssen so schnell wie möglich sein.“ Sie ging mit der Dame Wang in den inneren Raum, und nachdem sie alle Diener fortgeschickt hatte, erklärte sie ihr Oma Lius Plan. Die Dame Wang dachte gründlich darüber nach und befand ihn als zu riskant. „Doch es ist unsere einzige Hoffnung!“, flehte Ping-örl, „wenn ich ehrlich zur gnädigen Frau sein darf, denke ich, Sie sollten es tun. Sie müssen vorgeben, nichts davon zu wissen. Später können Sie dann zur ersten gnädigen Frau [Hsing] gehen und sie fragen, wo Tjiau-djiä hingegangen ist. Man wird dem zweiten Herrn Liän eine Nachricht schicken, und sicherlich wird er kurz darauf hier sein.“ Die Dame Wang blieb ruhig und seufzte tief. Tjiau-djiä-örl hatte sie reden gehört und fügte ihr Flehen dem von Ping-örl hinzu: „Oh gnädige Frau, bitte! Rette mich! Ich weiß, daß Vater dir dankbar sein wird, wenn er zurückkommt.“ „Wir müssen mit dem Plan beginnen“, sagte Ping-örl entschlossen. „Ihr könnt in eure Gemächer zurückkehren, gnädige Frau. Doch schickt bitte jemanden, der Tjiau-djiäs Zimmer bewacht.“ – „Nun gut, doch haltet es geheim!“ drängte die Dame Wang. „Und ihr beide, denkt daran, so viele Kleider und Bettzeug wie möglich mitzunehmen.“ – „Wenn es klappen soll, müssen wir vor allem schnell sein“, sagte Ping-örl, „wenn sie mit dem unterschriebenen Vertrag zurückkommen, wird es zu spät sein!“ Das schien die Dame Wang wieder zur Vernunft zu bringen: „Ja! Natürlich! Ihr müßt euch beeilen! Ihr könnt euch auf mich verlassen!“ Die Dame Wang kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und bemühte sich, die Dame Hsing in eine Konversation zu verwickeln und hielt sie damit in Schach. Ping-örl beauftragte einen Diener, ihre Sachen vorzubereiten, mit der Anweisung, dabei nicht zu heimlich zu erscheinen. „Wenn irgend jemand hereinkommt und sieht, was du tust, sag’ einfach, du führst die Anweisungen der Dame Hsing aus und daß du einen Wagen für Oma Lius Heimreise bestellst.“ In der Zeit wurden die Männer am hinteren Tor bestochen und angewiesen, einen Wagen zu besorgen. Ping-örl kleidete Tjiau-djiä so, daß sie wie [Oma Lius Enkelin] Tjing-örl aussah und eilte mit ihr hinaus. Sie gab vor, sich von der „Liu Familie“ verabschieden zu wollen und sprang in letzter Minute selbst in den Wagen. Obwohl das hintere Tor durchgehend geöffnet war, gab es nur einen oder zwei Männer, die es pflichtgemäß zu bewachen hatten. Für die verschiedenen anderen Hausangestellten war das Anwesen so groß und unterbesetzt – in der Tat beinahe menschenleer –, daß es sicher war, daß ihre Abreise unbemerkt blieb. Allerdings hatte die Dame Hsing den Ruf, gemein zu den Dienern zu sein, und diese mißbilligten, soweit sie es wußten, was sie mit Tjiau-djiä vorhatte. Außerdem waren sie auf Ping-örls Seite und allzu bereit, Tjiau-djiäs Flucht zu übersehen. Die Dame Hsing war überaus erfolgreich in eine Diskussion mit der Dame Wang vertieft und vernahm absolut nichts von der Flucht. Die Dame Wang war immer noch sehr vorsichtig. Nachdem sie mit der Dame Hsing gesprochen hatte, begab sie sich auf den Weg zu Bau-tschai, versuchte dabei, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen und saß dort, erfüllt von Zweifeln am Erfolg des Unternehmens. Als sie sah, wie abgelenkt die Dame Wang war, fragte Bau-tschai: „Was hat die gnädige Frau auf dem Herzen?“ Die Dame Wang sagte, dass dies Bau-tschai im Geheimen gesagt wurde. „Das ist sehr gefährlich!“, meinte Bau-tschai, „wir müssen schnell Herrn Yün finden und ihm auftragen, sein Vorhaben aufzugeben.“ – „Aber ich kann noch nicht einmal Huan finden!“, klagte Frau Wang. „Verhalte dich so, als wüßtest du überhaupt nichts“, empfahl ihr Bau-tschai, „ich werde jemanden finden, der es die erste gnädige Frau [Hsing] berichtet.“ Die Dame Wang nickte und verließ Bau-tschai, um ihren Plan fortzusetzen. Unsere Geschichte widmet sich nun dem Mongolischen Prinzen. Dieser junge Edelmann war in der Tat nach nichts anderem auf der Suche, als nach ansehnlichen Konkubinen für seinen Harem und nach der Empfehlung eines professionellen Vermittlers hatte er zwei seiner Frauen geschickt, um Tjiau-djiä genau zu betrachten. Als sie zurückkamen und ihr Herr sie über die Herkunft der jungen Dame befragte, wagten sie nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Der Prinz war beinahe erschrocken zu hören, daß sie einer so alten und noblen Familie entstammte: „Das ist doch ungeheuerlich! So etwas ist streng verboten! Ich war kurz davor, ein ernsthaftes Verbrechen zu begehen. Außerdem wurde ich bereits bei Seiner Majestät zu einer Audienz geladen und werde in Kürze einen passenden Tag wählen, mich auf die Rückkehr von meiner Reise zu begeben. Falls jemand kommen sollte, um die Angelegenheit weiter zu verfolgen, schickt ihn fort!“ Dies war genau der Tag, an welchem Djia Yün und Wang Jën dem Palast Tjiau-djiäs Horoskop überbringen wollten. Als sie ankamen, erhielten sie einen groben Empfang: „Seine Hoheit haben angeordnet, daß jede Person, die es wagt, ein Mitglied der Familie Djia zu entehren, wie ein gewöhnlicher Bürger verhaftet und einem Gerichtsverfahren unterzogen wird. Was für eine abscheuliche Art, sich in solch friedlichen Zeiten so zu verhalten!“ Wang Jën und die anderen schlichen sich sofort kleinlaut wieder zurück, grummelten zu sich selbst, daß jemand sie betrogen habe, und gingen übelgelaunt getrennte Wege. Djia Huan wartete zu Hause auf Neuigkeiten und war sehr bestürzt, als er die Vorladung der Dame Wang erhielt. Er sah Djia Yün allein nach Hause kommen und eilte zu ihm: „Und? Ist alles in die Wege geleitet?“ Djia Yün stampfte wütend auf den Boden: „Es ist fürchterlich! Irgend etwas ist schief gelaufen! Ich frage mich, wer dafür verantwortlich ist!“ Er erzählte Huan die ganze Geschichte, der zuerst sprachlos vor Wut war, dann platzte er heraus: „Noch an diesem Morgen war ich bei der ersten gnädigen Frau [Hsing] und schwärmte ihr von dieser Heirat vor. Aber was soll ich jetzt machen? Ihr wollt mich ruinieren!“ Gerade als sie überlegten, wie sie die Situation retten könnten, ertönte ein wirrer Lärm aus den inneren Gemächern. Sie hörten, wie ihre eigenen Namen gerufen wurden, „von den ersten und zweiten Damen verlangt“ und sie schlichen sich beschämt in die Gemächer der Dame Wang. „Da habt ihr ja etwas Tolles angerichtet!“, rief die Dame Wang, die sie bereits wutentbrannt erwartete. „Also, jetzt habt ihr Tjiau-djiä und Ping-örl in den Tod getrieben! Das Letzte, das ihr tun könnt, ist ihre Leichen zurückbringen.“ Beide knieten zu ihren Füßen nieder. Djia Huan wagte nicht, seinen Mund zu öffnen, doch Djia Yün neigte seinen Kopf und sagte: „Euer Großneffe hätte nie gewagt, es selbst zu tun. Wir haben diese Heirat nur vor euch erwähnt, Großtante, weil Großonkel Hsing und Onkel Wang es vorgeschlagen haben. Es war alles ihre Idee. Dann stimmte erste gnädige Frau [Hsing] allem zu und bat mich, das Horoskop zu schreiben. Jetzt will die andere Seite aussteigen. Wie könnt ihr uns beschuldigen, Schwester [Tjiau-djiä] in den Tod getrieben zu haben?“ „Huan-örl hat die erste gnädige Frau [Hsing] erzählt, daß sie in drei Tagen ankommen würden, um das Mädchen mitzunehmen“, sagte Frau Wang. „Wer hat je von einer ordnungsgemäßen Hochzeit gehört, die in so einer Eile vollzogen wird? Ich werde keine weiteren Fragen stellen. Gebt mir nur Tjiau-djiä-örl zurück! Wir werden sehen, was gnädige Herr [Dschëng] bei seiner Ankunft entscheiden wird, wie mit euch zu verfahren ist.“ Die Dame Hsing weinte in stiller Scham. Die Dame Wang wandte sich als nächstes an Djia Huan: „Die unglückliche Frau Dschau hat ihren Sohn offensichtlich genauso niederträchtig hinterlassen, wie sie selbst war!“ Sie rief eine der Mägde, um ihr zu helfen, und begab sich ins Schlafgemach. Alleingelassen begannen Djia Huan, Djia Yün und die Dame Hsing, sich gegenseitig zu beschuldigen, bis einer von ihnen sagte: „Was bringt es denn, sich einander die Schuld zuzuschieben? Das Mädchen ist möglicherweise gar nicht tot. Ping-örl hat sie mit Sicherheit bei irgend einem Verwandten versteckt.“ Die Dame Hsing rief die Wächter von den vorderen und hinteren Toren zu sich und, nachdem sie sie ermahnt hatte, fragte sie sie, wo Tjiau-djiä-örl und Ping-örl hingegangen seien. „Es nützt nichts, uns zu fragen, erste gnädige Frau“, antworteten sie wie aus einem Munde. „Fragt einen der Verwalter, die sollten es eigentlich wissen. Ihr müßt euch keine Sorgen machen, erste gnädige Frau. Falls unsere gnädige Frau [Wang] uns befragen sollte, werden wir auch ihr nichts erzählen können. Wenn einer von uns geschlagen wird oder eine Strafe bekommt, so müssen wir alle bestraft werden. Seit zweite Herr Liän gegangen ist, war es eine reine Schande, was in dem Anwesen vorgefallen ist. Wir haben noch nicht einmal unseren Lohn oder die monatliche Getreidezuteilung erhalten. Sie waren nur am Trinken und am Spielen, am Herumschäkern mit hübschen, jungen Theater-Schauspielerinnen, Mädchen wurden eingeladen – sollten sich so die Herren der Familie verhalten?“ Djia Yün und die anderen waren still. Es kam ein Diener der Dame Wang mit neuen Anweisungen, Ping-örl und Tjiau-djiä so schnell wie möglich zu finden, was sie in noch größere Verzweiflung stürzte. Sie wagten noch nicht einmal, die Diener in Tjiau-djiäs eigenen Gemächern zu befragen, da sie wußten, daß sie zu feindselig waren, um ihnen zu verraten, wohin die beiden verschwunden sein könnten. Dies konnten sie jedoch der Dame Wang kaum sagen. Stattdessen befragten sie das Haus eines jeden Verwandten und fanden immer noch nicht die geringste Spur. Die Dame Hsing in den inneren und Djia Huan in den äußeren Gemächern verbrachten einige hektische Tage und Nächte. Zuletzt kam der Tag, an dem die Prüfungen beendet waren und die Kandidaten aus ihren Zellen freigelassen wurden. Die Dame Wang wartete gespannt auf die Rückkehr von Bau-yü und Djia Lan, und als der Mittag kam und es immer noch kein Zeichen von ihnen gab, begannen Dame Wang, Li Wan und Bau-tschai, sich alle zu sorgen; sie schickten einen Diener nach dem anderen, um herauszufinden, was aus ihnen geworden war. Die Diener konnten keine Neuigkeiten überbringen, und keiner von ihnen wagte es, mit leeren Händen zurückzukehren. Später wurde eine weitere Gruppe mit demselben Auftrag losgeschickt, doch mit dem gleichen Ergebnis. Die drei Damen waren außer sich vor Angst. Als der Abend anbrach, kehrte schließlich einer zurück: es war Djia Lan. Sie waren froh, ihn zu sehen und fragten sofort: „Wo ist dein zweiter Onkel Bau[-yü]?“ Er grüßte sie noch nicht einmal und brach sofort in Tränen aus. „Verloren!“ schluchzte er. Für einige Minuten war die Dame Wang taub. Dann brach sie bewußtlos auf ihrem Ofenbett zusammen. Glücklicherweise waren Tsai-yün und einige der anderen Mägde da, um ihr zu helfen, und sie brachten sie wieder zu sich, dabei weinten sie selbst hysterisch. Bau-tschai starrte mit einem gläsernen Ausdruck in den Augen vor sich hin, während Hsi-jën und die anderen unentwegt schluchzten. Das einzige, wozu sie Zeit gefunden hatten, war Djia Lan zu schelten: „Dummkopf! Du warst bei Bau-yü – wie konnte er verloren gehen?“ – „Vor dem Examen waren wir im selben Zimmer, wir aßen zusammen, wir schliefen zusammen. Sogar als er hinein ging, waren wir nicht voneinander getrennt, wir waren stets in Sichtweite des Anderen. Heute früh hatte zweiter Onkel [Bau-yü] seinen Zettel eher beendet und wartete auf mich. Wir gaben unsere Zettel zur selben Zeit ab und gingen zusammen. Als wir das Drachentor draußen erreicht hatten, war dort eine große Menge, und ich habe ihn aus den Augen verloren. Die Diener, die uns abholen wollten, fragten mich, wo er sei, und Li Guee sagte ihnen: „Soeben war er noch klar wie Tageslicht hier, im nächsten Moment war er weg. Wie kann er so plötzlich in der Menge verschwunden sein?“ Ich habe Li Guee und den anderen aufgetragen, sich in Suchtrupps aufzuteilen, während ich mit einigen Männern in jeder Zelle nachsah. Doch es gab kein Zeichen von ihm. Deshalb bin ich so spät zurück.“ Frau Wang hatte währenddessen nur geschluchzt, ohne ein Wort zu sagen. Bau-tschai ahnte bereits im Ansatz die Wahrheit. Hsi-jën weinte untröstlich weiter. Djia Tjiang und die anderen Männer brauchten keine weiteren Anweisungen, sondern brachen sofort in verschiedene Richtungen auf, um die Suche fortzusetzen. Die Sicht war schlecht, jeder war in trüber Stimmung und die Willkommensfeier umsonst vorbereitet. Djia Lan vergaß seine eigene Erschöpfung und wollte mit den anderen losgehen. Doch die Dame Wang hielt ihn zurück: „Mein Kind! Dein Onkel ist verloren. Wenn wir dich auch noch verlieren, ist das mehr, als wir ertragen können! Du erholst dich nun, sei ein guter Junge!“ Er wollte eigentlich nicht zurückbleiben, doch stimmte er zu, als auch Frau You ihr Flehen der Dame Wang überbrachte. Die einzige Person, die in diesem Moment nicht überrascht zu sein schien, war Hsi-tschun. Sie fühlte sich nicht frei, ihre Gedanken mitzuteilen, sondern erkundigte sich bei Bau-tschai: „Hatte zweiter Bruder [Bau-yü] den Jadestein bei seinem Aufbruch mit sich genommen?“ „Aber natürlich“, antwortete sie, „ohne ihn geht er nirgendwohin.“ Hsi-tschun war still. Hsi-jën erinnerte sich, wie sie Bau-yü aufgelauert hatten und ihm den Jade aus der Hand rissen, und sie hatten den üblen Verdacht, daß das Unglück des heutigen Tages etwas mit dem Mönch zu tun hatte. Ihr Herz stach sie vor Kummer, die Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie begann unaufhaltsam zu jammern. Erinnerungen an die Zuneigung, die Bau-yü ihr einst entgegengebracht hatte, überwältigten sie. „Ich weiß, daß ich ihn manchmal genervt habe und er wütend auf mich war. Doch er fand immer einen Weg, damit fertig zu werden. Er war so nett zu mir und so fürsorglich. In erhitzten Momenten hat er oft angekündigt, ein Mönch werden zu wollen. Ich habe ihm nie geglaubt. Und jetzt ist er fort!“ Es war nun zwei Uhr morgens, und es gab immer noch kein Zeichen. Li Wan, die fürchtete, daß die Dame Wang durch ihren ausschweifenden Kummer Schaden nehmen könne, gab ihr Bestes, sie zu trösten und riet ihr, in ihr Zimmer zu gehen. Der Rest der Familie begleitete sie in ihr Zimmer, mit Ausnahme von der Dame Hsing, die in ihre eigenen Gemächer zurückkehrte, und Djia Huan, der immer noch niedergeschlagen war und es gar nicht erst gewagt hatte, sich zu zeigen. Die Dame Wang hatte Djia Lan aufgetragen, zurück in sein Zimmer zu gehen, und verbrachte selbst eine schlaflose Nacht. Am nächsten Tag in der Dämmerung kehrten einige der Diener, die am vorigen Tag losgeschickt worden waren, zurück, um zu berichten, daß sie überall gesucht hätten und es ihnen nicht gelungen war, die geringste Spur von Bau-yü zu entdecken. Über den Morgen kam eine ganze Reihe Verwandter, darunter Tante Hsüä, Hsüä Kë, Schï Hsiang-yün, Bau-tjin und die alte Frau Li, um sich nach der Gesundheit der Dame Wang und Neuigkeiten von Bau-yü zu erkundigen. Nach einigen solcher Tage war die Dame Wang so von Kummer erfüllt, daß sie weder essen noch trinken konnte und ihr Leben in ernster Gefahr zu sein schien. - Da kündigte ein Diener plötzlich einen Botschafter des Kommandanten der Küstenregion an, der die Neuigkeit brachte, unser dritte Herrin [Tan-tschun] würde am nächsten Tag in der Stadt ankommen. Obwohl dies nicht vollständig den Kummer über Bau-yüs Verschwinden beseitigen konnte, fühlte die Dame Wang zumindest einen Hauch von Trost bei dem Gedanken, Tan-tschun wiederzusehen. Am nächsten Tag erschien Tan-tschun am Jung-guo-Anwesen und alle kamen heraus, um sie zu begrüßen, fanden sie lieblicher als je zuvor und wunderhübsch gekleidet. Als Tan-tschun sah, wie sehr die Dame Wang gealtert war und wie gerötet die Augen eines jeden in der Familie waren, drangen ihr Tränen in die Augen, und es dauerte eine Zeit, bis sie aufhören konnte zu weinen und alle angemessen begrüßen konnte. Es bekümmerte sie auch zu sehen, daß Hsi-tschun die Schwesternschaft gewählt hatte, und sie weinte wieder, doch dann erfuhr sie auch von Bau-yüs seltsames, Verschwinden und von dem vielen Unglück der Familie. Doch war sie mit der Gabe ausgestattet, immer die passenden Worte zu finden, und ihre natürliche Gelassenheit vermittelte der Versammlung zumindest einen Hauch von Ruhe und der Dame Wang und dem Rest der Familie wirklichen Trost. Am nächsten Tag kam ihr Gatte zu Besuch, und als er erfuhr, wie die Dinge standen, bat er sie, zu Hause zu bleiben und ihre Familie zu trösten. Die Mägde und die alten Dienstmädchen, die sie zu ihrem neuen Heim begleitet hatten, waren überaus erfreut über die Wiedervereinigung mit ihren alten Freunden. Der gesamte Haushalt, Herren und Dienerschaft, wartete immer noch ängstlich Tag und Nacht auf Nachrichten von Bau-yü. - In einer Nacht nun, gegen fünf Uhr, kamen einige Diener zum inneren Tor, kündigten an, sie hätten wunderbare Nachrichten zu verkünden; daraufhin eilte eine Handvoll jüngerer Mägde in die inneren Gemächer, ohne den älteren Mägden erst Bescheid zu geben. „Gnädige Frau, werte Damen!“, riefen sie, „wunderbare Neuigkeiten!“ Die Dame Wang glaubte, daß Bau-yü müsse gefunden worden sein, erhob sich aus ihrem Bett und fragte voller Begeisterung: „Wo haben sie ihn gefunden? Schickt ihn sofort zu mir!“ – „Er steht auf dem siebten Platz der Liste der erfolgreichen Kandidaten!“, rief die Magd. „Doch ist Bau-yü gefunden worden?“ Die Magd war still. Die Dame Wang setzte sich wieder. „Wer ist auf dem siebten Platz?“, fragte Tan-tschun. – „Der zweite Herr Bau[-yü].“ Während sie sprachen, hörten sie von draußen eine Stimme rufen: „Herr Lan hat auch bestanden!“ Ein Diener eilte hinaus, um das offizielle Schreiben zu empfangen, auf welchem geschrieben stand, daß Djia Lan den einhundertdreißigsten Platz in der Liste eingenommen hatte. Da es immer noch nichts Neues über Bau-yüs Verbleib gab, fühlte sich Li Wan nicht frei, ihre Gefühle von Stolz und Freude zum Ausdruck zu bringen. Und die Dame Wang, die erleichtert war, daß Djia Lan bestanden hatte, dachte nur bei sich: „Wenn Bau-yü auch hier wäre, was gäbe das für ein glückliches Fest!“ Bau-tschai war immer noch in einer trüben Stimmung, doch hielt sie es für unangemessen, zu weinen. Die anderen waren damit beschäftigt, ihre Glückwünsche auszusprechen und die heitere Seite des Ganzen zu betrachten: „Da es Bau-yüs Schicksal war zu bestehen, kann er nicht lange verloren bleiben. In ein oder zwei Tagen wird er bestimmt gefunden.“ Diese logische Erwägung ließ die Dame Wang ein wenig lächeln, und man nutzte diese Gelegenheit, um sie zu überzeugen, etwas zu essen und zu trinken. Einen Moment später hörte man Bee-mings Stimme, die aufgeregt vom inneren Tor rief: „Da Herr Bau-yü nun bestanden hat, wird er sicherlich bald gefunden!“ – „Was macht dich da so sicher?“, fragten sie ihn. „Es gibt ein Sprichwort: ‚Wenn ein Mann einmal sein Examen besteht, wird die ganze Welt seinen Namen vernehmen.‘ Jetzt wird jeder zweite Herrn [Bau-yü]s Namen kennen, und wohin er auch immer geht, irgend jemand wird ihn uns nach Hause bringen.“ – „Dieser Page [Bee-ming] mag zwar ein kleiner Teufel sein, doch was er sagt, macht Sinn ,“ stimmten die Mägde überein. Hsi-tschun sah dies anders: „Wie kann ein erwachsener Mann wie Bau-yü verloren gehen? Wenn ihr mich fragt, hat er sich bewußt von den Ketten der Welt gelöst und sich für das Leben eines Mönches entschieden. Und in diesem Fall wird es schwierig sein, ihn zu finden.“ Dies brachte Dame Wang und die anderen alle wieder zum Weinen. „Das ist bestimmt wahr“, sagte Li Wan, „da viele Männer der alten Zeit ihren weltlichen Rängen entsagt haben und sich entschieden haben, Buddhas oder Heilige zu werden.“ – „Doch wenn er seine eigenen Eltern verstößt“, seufzte die Dame Wang, „dann verfehlt er seine Pflicht als Heiliger. Und wie kann er in diesem Fall darauf hoffen, ein Heiliger oder ein Buddha zu werden?“ – „Es ist das Beste, vernünftig zu sein“, kommentierte Tan-tschun. „Bau-yü war immer anders. Er hat seinen Jadestein seit seiner Geburt, und jeder hielt dies für günstig. Doch zurückblickend kann ich sehen, daß er ihm nur Unglück gebracht hat. Wenn noch einige Tage vergangen sind und wir ihn immer noch nicht gefunden haben – ich will dich jetzt nicht enttäuschen, gnädige Frau – doch ich denke, in diesem Fall müssen wir die Tatsache einsehen, daß das Schicksal es so beschlossen hat und jenseits unseres Verstehens liegt. Es wäre besser, nicht von ihm zu denken, daß er aus deinem Leib geboren wurde. Sein Schicksal ist nämlich die Frucht des Karmas, das Ergebnis deiner angesammelten Verdienste aus früheren Leben.“ Bau-tschai hörte diesem ruhig zu. Hsi-jën konnte es nicht länger ertragen, ihr Herz schmerzte, ihr war schwindelig, und sie sank bewußtlos zu Boden. Die Dame Wang war ihretwegen sehr betroffen und trug einer der Mägde auf, ihr hochzuhelfen. Djia Huan fühlte sich äußerst schlecht. Auf dem Gipfel seiner Unehre bezüglich der Angelegenheit mit Tjiau-djiä kam noch die zusätzliche Demütigung, daß er mit ansehen mußte, daß sein Bruder und sein Neffe ihr Examen bestanden hatten. Er verfluchte Tjiang und Yün dafür, ihn in diesen Ärger getrieben zu haben. Tan-tschun würde ihn gewiß in die Pflicht nehmen, da sie nun zurück war. Und doch hatte er es nicht gewagt, sich zu verstecken. Er war nur noch ein Häufchen erbärmlichen Elends. Am nächsten Tag mußte Djia Lan am Hof erscheinen, um sich für sein erfolgreiches Bestehen zu bedanken. Dort begegnete er Dschën Bau-yü und fand heraus, daß er auch bestanden hatte. So gehörten alle drei zur gleichen „Klasse“. Als Lan Bau-yüs seltsames Verschwinden erwähnte, seufzte Dschën Bau-yü und bot einige Worte des Trostes an. Der leitende Prüfer präsentierte die erfolgreichen Aufsätze der Kandidaten dem Herrscher und seine Majestät las einen nach dem anderen durch und fand sie alle ausgeglichen und überzeugend, dabei bezog er den Umfang des Lernens und die Zuverlässigkeit des Urteils mit ein. Als er zwei Djias aus Nanking auf dem siebten und einhundertdreißigsten Platz bemerkte, fragte er, ob sie in irgendeiner Form mit der Konkubine Djia verwandt seien. Einer der Minister rief Djia Bau-yü und Djia Lan zu einer Befragung bezüglich dieser Angelegenheit herbei. Djia Lan erwähnte bei seiner Ankunft die Umstände des Verschwindens seines Onkels und gab einen vollen Bericht der drei früheren Familiengenerationen, was der Minister umgehend an den Thron weiterleitete. Als Folge dieser Information und, weil seine Majestät ein Herrscher von Weisheit und Mitgefühl waren, wies er den Minister an, in Anbetracht des besonderen Leistungsumfanges der Familie, einen vollen Bericht ihres Falles einzureichen. Dies tat der Minister und verfaßte darüber eine detaillierte Denkschrift. Seine Majestät war so betroffen, daß er dem Minister beim Lesen dieser Schrift befahl, die Fakten, die zu Djia Schës Verurteilung geführt hatten, noch einmal zu überprüfen. Danach fiel der kaiserliche Blick auf eine weitere Beschreibung in der Denkschrift, nämlich dem Erfolg des derzeitigen Feldzuges: Die Störungen an der Küste waren beruhigt, „die See befriedet, die Flüsse gereinigt und den ehrlichen Bürgern war wieder die Freiheit gewährt, ein ungestörtes Leben zu führen“. Seine Majestät war über diese Neuigkeiten höchst erfreut und befahl seiner Schar an Ministern, sich eine passende Belohnung auszudenken und auch eine allgemeine Amnestie im Reich zu verkünden. Als [Djia] Lan den Hof verlassen und gegangen war, um sich von seinem Prüfer zu verabschieden, hörte er von der Amnestie und eilte nach Hause, um es der Dame Wang und dem Rest der Familie zu erzählen. Alle schienen begeistert, obwohl ihre Heiterkeit durch Bau-yüs Abwesenheit getrübt war. Frau Hsüä war besonders froh über die Neuigkeiten und traf bereits Vorbereitungen für die Bezahlung von Hsüä Pans Bußgeld, da die Aufhebung seines Todesurteils nun Teil der Amnestie war. Einige Tage später wurde angekündigt, daß Herr Dschën [Bau-yüs Vater] mit dem Ehemann der dritten Herrin ihre Gratulation anbieten wollten, und die Dame Wang schickte Djia Lan hinaus, um sie zu empfangen. Kurz danach kehrte Djia Lan mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zurück: „Gute Neuigkeiten! Der ältere Onkel Dschën [Bau-yüs Vater] hat am Hof von einem Erlaß gehört, der erste gnädige Herr Schë und Onkel Dschën begnadigt und den erblichen Ning-guo Rang wiederherstellt. - Der gnädige Herr [Djia] Dschëng von Jung-guo behält den erblichen Titel, und nach seiner Trauerphase wird er als dauerhafter Sekretär im Arbeitsministerium wieder eingesetzt. Auch das ganze beschlagnahmte Familieneigentum wird wiederhergestellt. Seine Majestät haben den Aufsatz des zweiten Onkels [Bau-yü] gelesen und waren höchst begeistert davon. Als sie herausfanden, daß der betroffene Kandidat der jüngere Bruder der kaiserlichen Nebenfrau war, und als der Prinz von Bei-jing noch einige Lobesworte hinzufügte, drückten seine Majestät das Verlangen aus, ihn zu einer Audienz an den Hof zu rufen. Die Minister sagten ihm dann, daß Bau-yü nach dem Examen verschwunden sei; ich war es, der sie an erster Stelle darüber informiert hatte, und daß bereits überall erfolglos nach ihm gesucht würde, worauf seine Majestät ein weiteres Edikt verfaßten, daß alle Besatzungen in der Stadt nach ihm suchen sollten. Ihr könnt nun beruhigt sein, gnädige Frau. Wenn sich seine Majestät höchstpersönlich darum kümmern, wird Bau-yü mit Sicherheit bald gefunden.“ Die Dame Wang und der Rest der Familie waren begeistert und beglückwünschten sich gegenseitig zu diesem Ereignis. Währenddessen saßen Djia Huan und seine Gefährten immer noch auf heißen Kohlen und suchten überall nach Tjiau-djiä. Diese war, nachdem sie mit Ping-örl und Oma Liu die Stadt verlassen hatte, im Dorf angekommen und in Oma Lius bestem Zimmer einquartiert worden, das zu diesem Anlaß besonders gesäubert worden war. Obwohl ihre tägliche Nahrung bloß aus einfacher Dorfkost bestand, war sie gesund und sauber und mit der kleinen Tjing-örl, die ihnen Gesellschaft leistete, ging es ihr gut. Es gab einige wohlhabende Familien in diesem Dorf, die, als sie gehört hatten, daß ein Fräulein Djia bei Oma Liu war, darauf bestanden, selbst vorbeizuschauen. Sie schwärmten alle über ihre feenhafte Erscheinung und beschenkten sie mit Obst, frischem Gemüse und Wildbret. In der Tat erregte Tjiau-djiäs Anwesenheit bedenkliche Aufregung. Die reichste Familie waren die Dschous, deren Vermögen sich zum einen aus Geld, zum anderen aus erheblichem Großgrundbesitz zusammensetzte. Sie hatten nur einen einzigen Sohn in der Familie, einen kultivierten, gutaussehenden Burschen von vierzehn Jahren, der von einem Privatlehrer unterrichtet worden war und gerade das vorbereitende Lizenziats-Examen bestanden hatte. Als seine Mutter einen Blick auf Tjiau-djiä warf, war sie völlig hingerissen. ‚Was für ein Jammer!‘, dachte sie bei sich mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns, ,ein Junge aus einer ländlichen Familie wie der unseren würde gewiß niemals zu so einem wohlerzogenen Mädchen passen.‘ Eine ganze Weile stand sie dort in Gedanken versunken, und Oma Liu hatte bereits eine Ahnung, was in ihr vorgehen könnte. „Ich weiß, was ihr denkt“, sagte sie, „warum sollte ich keine Hochzeit für euch vorschlagen?“ Frau Dschou lachte: „Macht euch nicht über mich lustig! Eine so große Familie wie die ihrige gemessen an unserem Rang!“ – „Nun, es würde keinem schaden, diesen Vorschlag zu machen“, antwortete Oma Liu. „Wir werden sehen.“ Die beiden beließen es so und gingen ihrer Wege. Oma Liu war begierig zu wissen, was sich zuletzt im Jung-guo-Anwesen ereignet hatte und schickte Ban-örl in die Stadt, um es herauszufinden. Er gelangte an die Straße der zwei Herzöge, wo er eine Ansammlung von Wagen vor einem Anwesen erblickte und stellte sich so, daß er vernehmen konnte, was es für Neuigkeiten gab. Und dies konnte er hören: „Der Rang beider Familien wurde wiederhergestellt, und sie erhielten ihr beschlagnehmtes Eigentum zurück. Es scheint bei ihnen bergauf zu gehen. Doch der junge Bau-yü ist spurlos verschwunden, nachdem er sein Examen bestanden hatte.“ Ban-örl war begeistert, von der Wiederherstellung der familiären Gunst zu hören, und wollte gerade zurück nach Hause gehen, um seiner Großmutter von diesen erfreulichen Nachrichten zu berichten, als er sah, wie einige Pferde das äußere Tor hochzogen. Die Reiter stiegen ab, und die Torwächter begrüßten sie auf Knien: „Willkommen zu Hause, zweiter Herr! Und Glückwunsch! Wie ist die Gesundheit von Herrn Schë?“ „Besser“, antwortete der junge Mann, der zuerst abgestiegen war, „und er hat die großzügige Erlaubnis seiner Majestät erhalten, zurück nach Hause zu kommen.“ Nach einer kurzen Pause fragte er: „Was machen diese Männer dort drüben?“

„Seine Majestät haben einen Beamten mit einem Dekret hergeschickt. Sie verlangen nach einem Familienmitglied, um alles beschlagnahmte Eigentum zurückzugeben.“

Der junge Herr wanderte fröhlich hinein, und Ban-örl, der daraus schloß, daß es Djia Liän sein mußte, wartete nicht auf weitere Neuigkeiten, sondern eilte nach Hause, um seine Großmutter alles zu berichten. Ein Lächeln breitete sich auf Oma Lius Gesicht aus, als sie dies hörte, und sie ging sofort zu Tjiau-djiä-örl und gratulierte ihr zu diesen guten Neuigkeiten. „Das haben wir alles dir zu verdanken, Großmutter“, sagte Ping-örl mit einem dankbaren Lächeln, „ohne deine Hilfe hätte Fräulein [Tjiau-djiä] niemals dieses glückliche Ende erlebt.“ Tjiau-djiä selbst war noch viel begeisterter. Dann kam der Botschafter, der mit einem Brief an Dija Liän geschickt worden war, zurück. „Der Herr Schwager Liän sagt, er sei sehr dankbar. Er bat mich, Fräulein [Tjiau-djiä] sofort nach Hause zu geleiten und euch diese stattliche Belohnung auszuhändigen.“ Oma Liu war überaus erleichtert, daß sich alles zum Guten gewendet hatte, und sie schickte jemanden, der zwei Wagen besorgen sollte. Dann bat sie Tjiau-djiä und Ping-örl, diese für ihre Heimkehr zu benutzen, doch sie wollten nur ungern aufbrechen. Sie waren mit Oma Lius Heim schon vertraut geworden, und die kleine Tjing-örl war in Tränen aufgelöst, weil sie sich von ihren neu gewonnenen Freunden verabschieden mußte. Oma Liu sah, wie vertraut sie miteinander geworden waren, so sagte sie Tjing-örl, sie könne mit ihnen allen zusammen im Wagen bis zur Stadt fahren. Und so begaben sie sich zurück zum Jung-guo-Anwesen. Es soll daran erinnert werden, wie Djia Liän, nachdem er von Djia Schës schweren Krankheit seines Vaters gehört hatte, sofort zu ihm ins Exil gereist war. Als Vater und Sohn sich dort trafen, gab es eine tränenreiche Szene, die wir hier nun nicht im einzelnen beschreiben müssen. Djia Schës Gesundheit hatte sich gerade wieder ein wenig erholt, und wie Djia Liän einen Brief mit den neuesten und nicht allzu fröhlichen Begebenheiten von zuhause erhielt, bat er Djia Schë um Erlaubnis, wieder zurückzukehren. Auf seinem Weg hörte er von der Amnestie und gelangte zwei Tage später wieder zu Hause an, genau an dem Tag, als das Edikt dem Jung-guo-Anwesen übermittelt wurde – gerade in dem Moment, als die Dame Hsing sich fragte, wer im Namen der Familie diesen Erlaß empfangen könnte. Djia Lan war nun gewissermaßen dazu auserkoren, diese Funktion zu erfüllen, doch er war eigentlich noch zu jung. Dann wurde Djia Liäns Ankunft angekündigt. Er begrüßte alle um sich, und die Wiedervereinigung bot Anlaß zu Kummer und Freude. Dennoch war keine Zeit mehr, noch länger zu reden, und Djia Liän eilte in die Haupthalle, um den Kaiserlichen Abgesandten zu empfangen, der sich nach der Gesundheit seines Vaters erkundigte und sagte: „Morgen müßt Ihr zur Kaiserlichen Schatzkammer gehen, um eure Entschädigung zu erhalten. Die Ning-guo Residenz tritt wieder in den Besitz eurer Familie.“ Die Männer erhoben sich, und der Abgesandte ging wieder fort. Djia Liän begleitete ihn bis zum vorderen Tor, wo gerade einige ländliche Wagen heranfuhren. Die Torwächter gestatteten es nicht, daß die Wagen dort halten durften, und ein lauter Streit erhob sich. Djia Liän bemerkte sofort, daß [seine Tochter] Tjiau-djiä in einem dieser Wagen sitzen müsse, und begann, die Torwächter wütend anzuschreien: „Ihr Pack elender Köter! Während ich fort war, habt ihr euch gegen euren eigenen Herrn gewendet und Tjiau-djiä-örl von zuhause fortgeschickt. Jetzt wollt ihr sie davon abhalten zurückzukehren! Wollt ihr euch an mir rächen?“ Die Diener hatten Djia Liäns Rückkehr befürchtet, da er gewiß früher oder später herausfinden würde, was während seiner Abwesenheit geschehen war, und sie bestimmt für ihre Beteiligung daran bestrafen würde. Es war für sie wie ein Schock, ihn bereits so früh so reden zu hören, als ob er schon alles wüßte. Wie das möglich war, konnten sie nicht verstehen. Sie erhoben sich und protestierten: „Während ihr fort wart, Herr, waren einige von uns krank, einige fort. Alles ging von dem dritten Herrn [Huan] aus, Herrn Tjiang und Herrn Yün, Herr, es hatte nichts mit uns zu tun.“ „Ihr dummen Unfähigen!“, rief Djia Liän, „ich kümmere mich um euch, wenn ich fertig bin. Beeilt euch und laßt diese Wagen herein!“ Als Djia Liän wieder hereinging, sagte er der Dame Hsing nichts von alledem. Er ging zur Wohnung der Dame Wang, kniete vor ihr nieder und verkündete: „Ihrem Voraussehen ist es zu verdanken, gnädige Frau Wang, daß meine Tochter sicher zurückgekehrt ist. Ich sollte besser nichts von Vetter Huans Betragen in diesem Fall erzählen, das wird kaum nötig sein. Doch so weit diese Kreatur Yün-örl betroffen ist –, auch beim letzten Mal, als er die Verantwortung zu tragen hatte, gab es nur Ärger, und nun, in den wenigen Monaten, in denen ich fort war, hat er volles Verderben beschert. Meiner Meinung nach sollte er weggeschickt werden und niemals wieder eine Stellung hier erlangen.“ „Und was ist mit deinem Schwager?“, erkundigte sich Frau Wang, „was brachte ihn dazu, sich so verachtenswert zu betragen?“ – „Verschwende keinen Atem für ihn“, antwortete Djia Liän, „um ihn werde ich mich später kümmern.“ Tsai-yün trat ein, um Tjiau-djiä-örls Ankunft anzukündigen. Als die Dame Wang sie sah, kamen, obwohl sie nicht lange voneinander getrennt gewesen waren, die quälenden Vermutungen über ihr Verbleiben nach ihrer Flucht wieder. Sie brach zusammen und weinte bitterlich. Tjiau-djiä-örl mußte selbst fürchterlich weinen. Djia Liän bedankte sich währenddessen bei Oma Liu. Die Dame Wang bat sie, sich zu setzen, und sie besprachen gemeinsam das ganze Abenteuer. Als Djia Liän Ping-örl wiedersah, überkam ihn große Dankbarkeit für alles, was sie getan hatte und, obwohl er seine Gefühle bei einer solchen Familienversammlung kaum zum Ausdruck bringen durfte, konnte er sich einiger Tränen nicht erwehren. Von diesem Tag an stieg Ping-örl in ihrem Rang immer höher, und sie wurde in die Position einer ordentlichen Frau befördert. Doch nun zu jemand anderem. Die Dame Hsing war sicher, daß es Ärger geben würde, sobald Djia Liän von Tjiau-djiäs Verschwinden erfahren würde. Wie sie vernahm, daß er sich bei der Dame Wang aufhielt, wurde sie ganz ängstlich und schickte eine Magd zu lauschen. Diese informierte sie bei ihrer Rückkehr darüber, daß Tjiau-djiä-örl und Oma Liu sich beide unterhielten, nachdem sie eben zusammen angekommen waren. Plötzlich dämmerte es der Dame Hsing, was sich zugetragen hatte. Sie wußte, daß sie reingelegt worden war und war sehr verärgert über die Dame Wang: „Schürt einfach Ärger zwischen mir und meinem Sohn! Ich frage mich, wer Ping-örl unser Geheimnis verraten haben kann!“ In diesem Moment sah sie Tjiau-djiä und Oma Liu in Begleitung von Ping-örl eintreten. Die Dame Wang folgte ihnen, und sie sprach zu ihr, die Schuld an allem auf Djia Yün und Wang Jën abwälzend: „Ihr seid auf das hereingefallen, was sie sagten, erste gnädige Frau. Ihr wolltet nur das Beste. Wie konntet Ihr nur etwas von den Ränken und Intrigen wissen, die sie geschmiedet hatten!“ Die Dame Hsing schämte sich sehr. Sie sah, daß die Dame Wang richtig gehandelt hatte und rechnete es ihr hoch an. Von da an beruhigten sich die Spannungen zwischen den beiden Schwägerinnen. Ping-örl sprach mit der Dame Wang und ging dann mit Tjiau-djiä, um Bau-tschai zu begrüßen. Sie tauschten beide ihr Beileid aus. „Da die Gunst des Kaisers jetzt wiederhergestellt ist“, sagte Tjiau-djiä, „steigt unsere Familie wieder auf. Und sicher wird der zweite Herr Bau[-yü] zurückkommen.“ Während sie sprachen, kam Tjiu-wën hastig in das Zimmer gerannt und schrie: „Hilfe! Hsi-jën geht es schlecht!“ Doch um zu erfahren, was dann geschah, muß man das nächste Kapitel lesen.