Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 12"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(Update DE4 translation with footnotes for chapter 12)
(Update DE4 translation with footnotes for chapter 12)
Line 187: Line 187:
 
Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Kaufmann Schatzjade“.</ref> war tief betrübt darüber, aber die Liebe zwischen Vater und Tochter war zu stark, als dass er etwas dagegen hätte einwenden können.
 
Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Kaufmann Schatzjade“.</ref> war tief betrübt darüber, aber die Liebe zwischen Vater und Tochter war zu stark, als dass er etwas dagegen hätte einwenden können.
  
So bestimmte die Herzoginmutter, Kaufmann Kette [贾琏] solle Kajaljade auf der Hin- und Rückreise begleiten und sie wieder zurückbringen. Was die Geschenke an Lokalprodukten und die Reisekosten anging, braucht man nicht im Einzelnen darüber zu sprechen — alles wurde selbstverständlich in angemessener Weise geordnet. Rasch wählte man einen Glückstag. Kaufmann Kette und Kajaljade nahmen Abschied von der Herzoginmutter und den Übrigen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und reisten nach Yangzhou ab.
+
So bestimmte die Herzoginmutter, Kaufmann Kette<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kaufmann Jadekette“.</ref> solle Kajaljade auf der Hin- und Rückreise begleiten und sie wieder zurückbringen. Was die Geschenke an Lokalprodukten und die Reisekosten anging, braucht man nicht im Einzelnen darüber zu sprechen — alles wurde selbstverständlich in angemessener Weise geordnet. Rasch wählte man einen Glückstag. Kaufmann Kette und Kajaljade nahmen Abschied von der Herzoginmutter und den Übrigen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und reisten nach Yangzhou ab.
  
 
Was sich weiter zutrug, berichtet das nächste Kapitel.
 
Was sich weiter zutrug, berichtet das nächste Kapitel.

Revision as of 12:23, 15 April 2026

Kapitel: [1-10] · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 12

王熙凤毒设相思局

贾天祥正照风月鉴

第十二回 王熙凤毒设相思局 贾天祥正照风月鉴

Kapitel 12 Phönixglanz legt eine tödliche Falle der Sehnsucht — Kaufmann Himmelsglück blickt in die falsche Seite des Spiegels der Liebe

---

Phönixglanz[1] war gerade mit Friedchen[2] im Gespräch, als plötzlich jemand meldete: „Der junge Herr Rui[3] ist da!"

Phönixglanz befahl sofort: „Bittet ihn schnell herein!"

Als Kaufmann Rui hörte, dass man ihn hineinbat, war er angenehm überrascht und außer sich vor Freude. Er trat eilig ein, strahlte Phönixglanz mit einem Lächeln über das ganze Gesicht an und erkundigte sich gleich mehrfach hintereinander nach ihrem Befinden. Phönixglanz empfing ihn mit gespielter Zuvorkommenheit, bot ihm einen Sitzplatz an und ließ Tee reichen.

Beim Anblick von Phönixglanz in ihrer Aufmachung schmolz Kaufmann Rui vollends dahin. Mit umflortem Blick fragte er: „Warum ist denn der zweite Bruder noch nicht nach Hause gekommen?" [Anm.: Gemeint ist Kaufmann Kette 贾琏, Phönixglanz' Ehemann.]

Phönixglanz antwortete: „Ich weiß es nicht."

Kaufmann Rui sagte lächelnd: „Wer weiß, vielleicht hat ihn unterwegs jemand aufgehalten und er kann sich nicht losreißen?"

Phönixglanz erwiderte: „Das wäre durchaus möglich. So sind die Männer — sie vergucken sich in jede, die ihnen über den Weg läuft."

Kaufmann Rui sagte lächelnd: „Da irrt Ihr Euch aber, Schwägerin. Ich bin nicht so einer."

Phönixglanz lächelte: „Wie viele Eurer Art gibt es denn schon? Unter zehn Männern fände man nicht einen Einzigen!"

Als Kaufmann Rui das hörte, kniff er sich vor lauter Freude in Ohr und Wange und sagte dann: „Die Schwägerin muss sich doch Tag für Tag schrecklich langweilen?"

Phönixglanz sagte: „Allerdings! Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass einmal jemand käme, mit dem ich plaudern und die Langeweile vertreiben könnte."

Kaufmann Rui sagte lächelnd: „Ich habe immer Zeit. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag vorbeikäme, um Euch ein wenig Gesellschaft zu leisten?"

Phönixglanz lächelte: „Das sagt Ihr nur so dahin. Ihr würdet doch gar nicht zu mir herkommen wollen!"

Kaufmann Rui beteuerte: „Schwägerin, wenn auch nur ein einziges Wort von dem, was ich Euch sage, gelogen ist, so soll mich der Himmel strafen und der Blitz erschlagen! Bisher hatte ich nur immer gehört, die Schwägerin sei eine strenge Frau, bei der man sich nicht den kleinsten Fehler erlauben dürfe — das hatte mich eingeschüchtert. Aber jetzt sehe ich, dass Ihr die angenehmste und liebenswürdigste Person von der Welt seid, immer zu einem Scherz aufgelegt und voller Mitgefühl. Wie könnte ich da nicht kommen? Ich käme selbst dann, wenn es mein Leben kosten sollte!"

Phönixglanz lächelte: „Ihr seid wirklich ein verständiger Mensch, weit verständiger als Kaufmann Hibiskus[4] und sein Schwager. Bei deren feinem, frischem Äußeren dachte ich immer, sie müssten auch ein verständiges Herz haben, aber es sind nur zwei Dummköpfe, die nicht das Geringste von den Empfindungen eines Menschen verstehen."

Als Kaufmann Rui das hörte, traf es ihn mitten ins Herz, und er konnte nicht anders, als noch ein Stück näher zu rücken. Er stierte auf das Täschchen, das Phönixglanz am Gürtel trug, und fragte dann, was für einen Ring sie am Finger habe.

Phönixglanz sagte leise: „Benehmt Euch ein wenig anständiger, sonst bemerken es die Mädchen und lachen über uns."

Kaufmann Rui gehorchte, als hätte er ein kaiserliches Edikt oder ein heiliges Gebot vernommen, und rückte hastig wieder zurück.

Phönixglanz sagte lächelnd: „Ihr müsst jetzt gehen."

Kaufmann Rui bat: „Lasst mich doch noch ein wenig sitzen bleiben. Schwägerin, Ihr seid so grausam!"

Phönixglanz sagte ihm leise: „Am hellichten Tag, wo die Leute kommen und gehen, ist es unpassend, wenn Ihr hier bleibt. Geht jetzt, aber kommt heute Abend nach der ersten Nachtwache wieder! Wartet leise in der westlichen Durchgangshalle [Anm.: 穿堂, ein offener Durchgang zwischen zwei Gebäudeteilen] auf mich."

Als Kaufmann Rui das hörte, war ihm, als hätte man ihm einen kostbaren Schatz geschenkt. Hastig fragte er: „Ihr scherzt doch nicht? Aber dort gehen so viele Leute durch — wie soll ich mich da verbergen?"

Phönixglanz sagte: „Seid ganz unbesorgt. Ich gebe allen Dienern, die Nachtwache halten sollten, frei. Sobald die Tore auf beiden Seiten geschlossen sind, ist dort kein Mensch mehr."

Kaufmann Rui kannte nun keine Grenzen seiner Freude mehr, verabschiedete sich eilig und ging, in der festen Überzeugung, bereits gewonnenes Spiel zu haben.

Geduldig wartete er bis zum Abend. Dann schlich er sich wirklich im Dunkel der Nacht ins Rong-Guofu, nutzte den Augenblick, als die Tore geschlossen wurden, und schlüpfte in die Durchgangshalle. Tatsächlich war es stockfinster und menschenleer. Das Tor, das zur Herzoginmutter[5] hinüberführte, war bereits verriegelt; nur das Tor nach Osten stand noch offen.

Kaufmann Rui spitzte die Ohren und lauschte, doch eine halbe Ewigkeit lang kam niemand. Plötzlich wurde mit einem lauten Scheppern auch das Osttor zugeschlagen. Aufgeregt, wie er war, wagte Kaufmann Rui dennoch keinen Mucks von sich zu geben. Er schlich zur Tür und rüttelte daran, aber sie war so fest verschlossen wie ein eiserner Eimer. Es gab kein Herauskommen mehr. Nach Norden und Süden erstreckten sich hohe Mauern, an denen man nicht hinaufklettern konnte. In der Halle pfiff ein schneidender Durchzugswind, und sie war kahl und leer. Es war der zwölfte Monat, die Nächte waren lang, und der Nordwind schnitt eisig in Mark und Bein. Beinahe wäre Kaufmann Rui in dieser Nacht erfroren.

Mit Mühe und Not hielt er durch bis zum Morgen. Endlich kam eine alte Dienerin, öffnete zuerst das Osttor, ging hindurch und rief am Westtor, damit man dort aufmachte. Kaufmann Rui nutzte den Augenblick, als sie ihm den Rücken zuwandte, huschte mit um die Schultern geschlagenen Armen an ihr vorbei wie ein Schatten und war draußen. Zum Glück war es noch früh und alle schliefen noch, so konnte er durch die Hintertür hinaus und geradewegs nach Hause laufen.

Kaufmann Ruis Eltern waren früh gestorben, und so war er allein von seinem Großvater Dai Ru[6] [Anm.: 代儒 bedeutet wörtlich „den Konfuzianismus vertreten"; er ist der Leiter der Kaufmann-Familienschule] aufgezogen worden. Dieser war von jeher streng mit ihm gewesen und hatte ihm keinen überflüssigen Schritt erlaubt, weil er fürchtete, der Enkel könnte sich auswärts dem Trinken und Glücksspiel hingeben und darüber seine Studien vernachlässigen.

Als er jetzt erleben musste, dass Kaufmann Rui die ganze Nacht nicht nach Hause kam, war er überzeugt, der Enkel habe entweder gezecht oder gespielt oder sich in Freudenhäusern herumgetrieben — wie hätte er den wahren Sachverhalt durchschauen können? Die ganze Nacht hatte er voller Zorn durchwacht.

Kaufmann Rui, der vor Angst Blut und Wasser schwitzte, blieb nichts anderes übrig, als eine Lüge zu erfinden. „Ich war beim Onkel zu Besuch", sagte er, „und als es dunkel wurde, hat man mich über Nacht dabehalten."

Dai Ru fuhr ihn an: „Noch nie hast du gewagt, das Haus zu verlassen, ohne mich vorher um Erlaubnis zu bitten. Wie konntest du dich gestern erdreisten, einfach wegzugehen? Schon dafür hättest du Strafe verdient, und nun belügst du mich auch noch!" In seinem Zorn verabreichte er ihm dreißig, vierzig Hiebe mit dem Bambusprügel, verweigerte ihm das Essen und befahl ihm, draußen im Hof niederzuknien und so lange Texte zu lesen, bis er den Stoff von zehn Tagen nachgeholt habe.

Kaufmann Rui, der die ganze Nacht durchgefroren hatte, obendrein eine grausame Tracht Prügel erhalten hatte und nun mit leerem Magen im eisigen Wind des Hofes kniend seine Texte rezitieren musste, litt unsägliche Qualen.

Dennoch hatte er seinen Vorsatz keineswegs aufgegeben und kam nicht im Entferntesten auf den Gedanken, dass Phönixglanz ihn zum Narren gehalten haben könnte. Zwei Tage später, als er sich frei machen konnte, ging er abermals zu Phönixglanz. Phönixglanz stellte sich empört und warf ihm vor, sein Versprechen gebrochen zu haben. Kaufmann Rui schwor aufgeregt Stein und Bein, dass er dagewesen sei.

Als Phönixglanz sah, dass er sich fest in ihr Netz verfangen hatte, musste sie sich natürlich einen neuen Plan ausdenken, der ihm eine Lehre sein würde. Sie vereinbarte also ein neues Treffen mit ihm: „Heute Abend gehst du nicht mehr dorthin. Hinter meinem Haus gibt es einen kleinen Durchgang, und darin steht ein leeres Zimmer — dort warte auf mich. Aber ja keine Unvorsichtigkeiten!"

Kaufmann Rui fragte: „Wirklich und wahrhaftig?"

Phönixglanz sagte: „Wer würde es wagen, Euch an der Nase herumzuführen? Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann kommt eben nicht."

Kaufmann Rui rief: „Ich komme, ich komme! Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich komme!"

Phönixglanz sagte: „Aber jetzt geht erst einmal."

Kaufmann Rui, der fest damit rechnete, dass am Abend alles nach Wunsch verlaufen würde, ging bereitwillig. Phönixglanz aber begann sogleich, ihre Leute einzuteilen und ihre Falle zu stellen.

Kaufmann Rui konnte den Abend kaum erwarten. Ausgerechnet heute kamen aber noch Verwandte zu Besuch, so dass er erst nach dem Abendessen aufbrechen konnte, als die Lampen bereits angezündet waren. Dann musste er noch warten, bis sein Großvater sich zur Ruhe gelegt hatte, ehe er sich ins Rong-Guofu schleichen und schnurstracks zu dem Zimmer im Durchgang zwischen den Mauern begeben konnte. Dort lief er wie eine Ameise auf dem heißen Kessel ruhelos hin und her. Er wartete und wartete — links kein Schatten, rechts kein Laut.

In seinem Inneren dachte er: „Sollte sie vielleicht auch diesmal nicht kommen und mich wieder eine Nacht frieren lassen?" Gerade als er sich mit solchen Grübeleien quälte, näherte sich aus der Dunkelheit eine Gestalt. Kaufmann Rui war sich sicher, das musste Phönixglanz sein! Seiner Sinne kaum noch mächtig, lauerte er wie ein hungriger Tiger, und als die Gestalt gerade an der Tür erschien, packte er sie wie eine Katze die Maus, presste sie an sich und rief: „Liebste Schwägerin! Ich sterbe vor Sehnsucht!" Er trug sie ins Zimmer, warf sie aufs Ofenbett, küsste sie auf den Mund, riss ihr die Hosen herunter und stammelte in einem fort: „Mein Liebstes! Mein Ein und Alles!" Die Gestalt aber gab keinen Laut von sich.

Kaufmann Rui hatte bereits seine eigenen Hosen abgestreift und wollte eben zustoßen, als plötzlich ein Licht aufflammte. In der Tür stand Kaufmann Qiang[7] mit einem brennenden Fidibus in der Hand, leuchtete herein und fragte: „Wer ist hier drin?"

Da sprach es lachend vom Ofenbett: „Onkel Rui wollte mich schänden!" Kaufmann Rui blickte hin — und erkannte Kaufmann Hibiskus. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken und wusste nicht, wohin mit sich. Er machte kehrt und wollte fliehen, doch Kaufmann Qiang packte ihn mit festem Griff und sagte: „Halt! Die Frau des Onkels Kette hat es bereits der gnädigen Frau gemeldet, dass Ihr sie grundlos belästigt habt. Sie hat Euch mit einer List hierher gelockt. Die gnädige Frau ist außer sich vor Zorn und hat mich geschickt, Euch zu ihr zu bringen. Eben habt Ihr auf ihm gelegen — da gibt es nichts zu leugnen. Kommt mit zur gnädigen Frau!"

Als Kaufmann Rui das hörte, entwich ihm beinahe die Seele aus dem Leib, und er flehte: „Lieber, guter Neffe! Sag doch einfach, du hättest mich nicht gefunden! Morgen werde ich dich reichlich belohnen!"

Kaufmann Qiang sagte: „Euch laufen zu lassen wäre kein Problem, wenn Ihr es lohnen wollt. Aber wie viel ist ‚reichlich'? Außerdem ist eine mündliche Zusage nicht viel wert — schreibt mir einen Schuldschein!"

Kaufmann Rui sagte: „Aber wie soll ich eine solche Schuld begründen?"

Kaufmann Qiang sagte: „Das ist ganz einfach. Ihr schreibt, Ihr hättet eine Spielschuld bei einem Fremden und müsstet vom Bankhalter so und so viel Liang Silber borgen. Das genügt."

Kaufmann Rui sagte: „Das ginge schon. Nur habe ich jetzt weder Papier noch Pinsel."

Kaufmann Qiang sagte: „Auch kein Problem." Er drehte sich um und kam im nächsten Augenblick mit Papier und Pinsel zurück, die offenbar schon bereitgelegt worden waren, und befahl Kaufmann Rui zu schreiben. Nach langem Hin und Her stellte Kaufmann Rui widerwillig einen Schuldschein über fünfzig Liang Silber aus und setzte seinen Namensstempel darunter. Kaufmann Qiang steckte ihn ein.

Dann musste Kaufmann Rui sich auch noch mit Kaufmann Hibiskus einigen. Dieser aber biss die Zähne zusammen und weigerte sich hartnäckig: „Morgen bringe ich die Sache vor die ganze Sippe und lasse sie dort entscheiden!" In seiner Verzweiflung ging Kaufmann Rui so weit, vor ihm einen Kotau zu machen. Kaufmann Qiang redete noch eine Weile auf Kaufmann Hibiskus ein, bald beschwichtigend, bald drohend, bis auch für ihn ein Schuldschein über fünfzig Liang ausgestellt war.

Dann sagte Kaufmann Qiang: „Wenn ich Euch jetzt einfach laufen lasse, mache ich mich selbst schuldig. Das Tor zum Hof der Herzoginmutter ist längst verriegelt, und der gnädige Herr [Anm.: Kaufmann Aufrecht 贾政] sitzt gerade in der Empfangshalle und begutachtet Geschenke aus Nanjing — an dem kommt Ihr unmöglich vorbei. Es bleibt Euch nur der Weg durch die Hintertür. Aber wenn Euch dabei jemand sieht, geht es auch mir an den Kragen. Wir gehen deshalb zuerst nachsehen, ob der Weg frei ist, und holen Euch dann. Hier aber könnt Ihr nicht bleiben, denn gleich werden Sachen hierhergebracht. Wartet, ich suche einen Platz für Euch."

Er zog Kaufmann Rui hinter sich her, löschte das Licht und tastete sich mit ihm durch den Hof bis zu einem Hohlraum unter einer großen steinernen Terrasse. „Hier ist es gut", wies er ihn an. „Hockt Euch hinein und gebt keinen Mucks von Euch! Rührt Euch nicht, bis wir wiederkommen." Dann gingen die beiden fort.

Kaufmann Rui blieb keine Wahl, als dort zu hocken. Er hing gerade seinen Gedanken nach, als plötzlich über seinem Kopf ein Klatschen ertönte und mit einem Schwall der gesamte Inhalt eines Nachttopfes auf ihn herabgegossen wurde — und zwar so unglücklich, dass er von Kopf bis Fuß davon durchnässt war. „Au weh!" entfuhr es Kaufmann Rui unwillkürlich, doch sofort presste er sich die Hand auf den Mund und wagte keinen weiteren Laut. Am ganzen Kopf, im Gesicht und am ganzen Körper mit Unrat bedeckt, zitterte er vor Kälte.

Da kam Kaufmann Qiang gelaufen und rief: „Schnell weg, schnell weg!"

Als sei ihm das Leben geschenkt worden, stürzte Kaufmann Rui in wenigen Sprüngen durch die Hintertür hinaus und rannte nach Hause. Es war schon die dritte Nachtwache [Anm.: 三更, etwa Mitternacht], und er musste an der Tür klopfen. Als ihm der Torwächter öffnete und ihn in diesem Zustand sah, fragte er, was denn passiert sei. Kaufmann Rui blieb nichts anderes übrig, als zu lügen: „Im Dunkeln bin ich ausgerutscht und in eine Abortgrube gefallen."

In seinem Zimmer wusch er sich und zog sich um. Als er darüber nachdachte, wie Phönixglanz ihn hereingelegt hatte, überkam ihn Hass. Doch als er sich dann wieder ihr Bild vor Augen führte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie wenigstens einen Augenblick in die Arme schließen zu können. Die ganze Nacht tat er kein Auge zu.

Von da an kreisten seine Gedanken einzig und allein um Phönixglanz, doch ins Rong-Guofu zu gehen wagte er nicht mehr. Kaufmann Hibiskus und Kaufmann Qiang aber kamen häufig vorbei, um das Geld einzutreiben, und Kaufmann Rui lebte in ständiger Angst, sein Großvater könnte davon erfahren. So nagte nicht nur die unerträgliche Sehnsucht an seinem Herzen, es drückten ihn auch die Schulden, und dazu kam tagsüber die strenge Lernarbeit. Er war an die zwanzig Jahre alt und noch unverheiratet. Da er ständig an Phönixglanz dachte, behalf er sich auf die Art, wie man es mit den Fingern tut, wenn einem Linderung not tut [Anm.: Anspielung auf Selbstbefriedigung]. Dazu hatte die zweimalige Durchfrierung seine Kräfte zerrüttet. Von drei, vier, fünf Seiten gleichzeitig bedrängt, wurde er krank, ehe er sich's versah: Das Herz schwoll ihm an, der Appetit schwand, die Füße waren wie aus Watte, die Augen wie von Essig verätzt. Nachts kam das Fieber, tagsüber die Müdigkeit. Im Harn fand sich Samen und im Auswurf Blut. Eines nach dem anderen stellten sich diese Zeichen ein, und binnen eines Jahres war die ganze Reihe vollständig.

Schließlich konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er brach zusammen und lag fortan darnieder. Wenn er die Augen schloss, irrte sein Geist in verworrenen Träumen umher, im Delirium sprach er wirres Zeug, und Anfälle von panischer Angst schüttelten ihn. Man bot alles an ärztlicher Kunst auf, er nahm zig verschiedene Arzneien — Kassiazimtrinde, Eisenhutwurzel, Weichschildkrötenpanzer, Schlangenbartwurzel, Weißwurz [Anm.: 肉桂、附子、鳖甲、麦冬、玉竹 — Arzneimittel der chinesischen Medizin zur Stärkung von Yin und Yang] und vieles mehr —, Dutzende Jin gingen den Schlund hinunter, doch nichts zeigte Wirkung.

Im Nu war der Winter vorüber und der Frühling zurückgekehrt, und die Krankheit hatte sich noch verschlimmert. Dai Ru geriet in Panik und holte von überallher Ärzte, doch keiner konnte helfen. Als man ihm schließlich reinen Ginsengabsud verordnete, fehlten Dai Ru die Mittel dafür. So blieb ihm nichts anderes übrig, als im Rong-Guofu um Hilfe zu bitten.

Dame Wang[8] befahl Phönixglanz, zwei Liang Ginseng für ihn abzuwiegen.

Phönixglanz erwiderte: „Neulich ist der gesamte Vorrat für ein Medikament der Herzoginmutter aufgebraucht worden. Die ganze Wurzel, die noch übrig war, sollte auf Anordnung der gnädigen Frau für die Gemahlin des Provinzkommandanten Yang zurückgelegt werden — aber gerade gestern habe ich sie ihr schon hinschicken lassen."

Dame Wang sagte: „Wenn bei uns nichts mehr da ist, dann schick jemanden zu deiner Schwiegermutter und frag dort, oder lass bei deinem Schwager Juwel im Ning-Guofu nachsehen. Wenn man genug zusammenbekommt, kann man es dem alten Herrn geben. Wenn damit ein Menschenleben gerettet wird, gereicht es auch dir zum Verdienst."

Phönixglanz hörte das an, schickte aber niemanden los. Stattdessen suchte sie ein paar bereits ausgekochte Reste und Wurzelhärchen zusammen, die zusammen ein paar Qian ergaben, und ließ sie Dai Ru überbringen mit der Nachricht: „Die gnädige Frau schickt dies, mehr ist nicht vorhanden." Als sie dann Dame Wang Bericht erstattete, sagte sie jedoch: „Ich habe von allen Seiten zusammentragen lassen. Es sind insgesamt etwas über zwei Liang geworden, die ich hingeschickt habe."

Kaufmann Rui hatte einen unbändigen Willen zu leben. Es gab keine Arznei, die er nicht versucht hätte, doch alles Geld war hinausgeworfen, keine zeigte Wirkung. Da erschien eines Tages ein hinkender daoistischer Mönch [Anm.: der hinkende Daoist 跛足道人, eine übernatürliche Gestalt, die im Roman mehrfach auftritt und die verborgenen Zusammenhänge des Schicksals aufdeckt], der um eine milde Gabe bat und behauptete, er sei auf die Heilung von Krankheiten spezialisiert, die aus karmischen Verstrickungen in früheren Existenzen herrührten.

Kaufmann Rui hörte das von seinem Lager aus, richtete sich auf und rief aus Leibeskräften: „Bittet den Bodhisattva schnell herein! Er soll mich retten!" Dabei machte er, noch auf dem Kissen liegend, einen Kotau nach dem anderen. Den Leuten blieb nichts übrig, als den Mönch hereinzuführen. Kaufmann Rui klammerte sich an ihm fest und rief immer wieder: „Bodhisattva, rettet mich!"

Der Mönch seufzte: „Deine Krankheit ist nicht mit Arzneien zu heilen. Ich habe hier ein kostbares Kleinod für dich. Wenn du es Tag für Tag anschaust, kann dein Leben erhalten werden."

Er holte aus seinem Schultersack einen Spiegel hervor. Beide Seiten waren poliert und konnten Bilder wiedergeben; in den Griff waren die vier Schriftzeichen „Spiegel der Liebe" [风月宝鉴] eingraviert. Er reichte ihn Kaufmann Rui und erklärte: „Dieses Gerät stammt aus der Halle der Kostbarkeiten in den Wahngefilde der Großen Leere [太虚幻境]. Die Fee Warnendes Trugbild [警幻仙子] hat es geschaffen. Es dient eigens zur Heilung von Krankheiten, die aus wahnhaften Begierden und törichtem Handeln erwachsen, und hat die Kraft, Menschen zu retten und Leben zu bewahren. Darum habe ich es in die Welt der Menschen mitgebracht und zeige es nur edlen, klugen und begabten Jünglingen aus vornehmen Häusern. Aber merke dir: Du darfst dich auf gar keinen Fall in der Vorderseite spiegeln! Nur in der Rückseite! Das ist von höchster Wichtigkeit! In drei Tagen komme ich wieder und hole den Spiegel ab, dann bist du gewiss geheilt."

Damit ging er, ohne sich an die flehentlichen Bitten zu bleiben zu kehren, und verschwand.

Kaufmann Rui nahm den Spiegel in die Hand und dachte: „Ein seltsamer Mensch, dieser Mönch! Warum sollte ich nicht einmal hineinschauen und es versuchen?"

Er hob den „Spiegel der Liebe" empor und blickte in die Rückseite. Da stand ein Totengerippe darin aufgerichtet! Vor Schreck warf er den Spiegel zu und schimpfte: „Verfluchter Mönch! Mich so zu erschrecken! Jetzt will ich doch einmal sehen, was in der Vorderseite ist."

Er drehte den Spiegel um und blickte in die Vorderseite — und da stand Phönixglanz darin und winkte ihm zu! Freude durchströmte sein Herz, und schwankend, schwebend fühlte er sich in den Spiegel hineingetragen. Er vereinigte sich mit Phönixglanz im Spiel von Wolken und Regen [Anm.: 云雨, die traditionelle poetische Umschreibung für die geschlechtliche Vereinigung], und danach geleitete sie ihn wieder hinaus.

Als er wieder auf seinem Bett lag, entfuhr ihm ein „Au weh!", und er schlug die Augen auf. Der Spiegel war ihm aus den Händen geglitten und zeigte wieder die Rückseite — mit dem aufrecht stehenden Totengerippe. Kaufmann Rui bemerkte, dass er am ganzen Körper schwitzte und unter ihm eine große Lache Samenflüssigkeit war. Doch sein Verlangen war noch nicht gestillt. Also drehte er den Spiegel wieder um, und tatsächlich stand Phönixglanz wieder da und winkte ihm. Und abermals ging er zu ihr hinein.

So wiederholte es sich drei-, viermal. Doch als er beim letzten Mal gerade wieder aus dem Spiegel treten wollte, kamen zwei Männer auf ihn zu, warfen ihm eine eiserne Kette um den Hals und schleppten ihn fort.

Kaufmann Rui schrie: „Lasst mich wenigstens den Spiegel mitnehmen!" — Das war der letzte Satz, den er hervorbrachte. Dann konnte er nicht mehr sprechen.

Die Umstehenden, die ihn pflegten, sahen nur, wie er den Spiegel in der Hand hielt und hineinblickte, wie er ihm entglitt, wie er die Augen aufschlug und ihn wieder ergriff. Beim letzten Mal fiel der Spiegel herab, und Kaufmann Rui rührte sich nicht mehr. Als sie an sein Bett traten und nachsahen, war kein Atem mehr in ihm, und unter seinem Körper hatte sich eiskalt eine große Lache Samenflüssigkeit gebildet. Hastig kleideten sie ihn an und hoben ihn auf ein frisch hergerichtetes Bett.

Dai Ru und seine Frau weinten sich fast die Augen aus und verfluchten den Mönch und seinen Spiegel. „Was ist das nur für ein Teufelswerkzeug!" rief Dai Ru. „Wenn man es nicht sofort vernichtet, wird es noch großes Unheil in der Welt anrichten!" Er befahl, ein Feuer zu entfachen und den Spiegel hineinzuwerfen.

Da sprach es weinend aus dem Spiegel: „Wer hat euch geheißen, in die falsche Seite zu blicken? Ihr habt selbst das Falsche für das Wahre genommen — warum müsst ihr dann mich verbrennen?"

In diesem Augenblick kam der hinkende Mönch von draußen hereingestürzt und rief: „Wer will den Spiegel der Liebe vernichten? Ich komme und rette ihn!" Damit stürmte er geradewegs in die Halle, riss den Spiegel an sich und verschwand wie ein Windhauch.

Dai Ru richtete nun das Begräbnis aus und versandte überallhin die Trauerbotschaft. Am dritten Tag wurden die heiligen Texte verlesen, am siebten Tag der Sarg hinausgeleitet und im Tempel der Eisernen Schwelle [铁槛寺] aufgebahrt, um später in die Heimat der Sippe überführt zu werden.

Alle Kaufmanns kamen, um ihr Beileid zu bezeugen. Kaufmann Begnadigung[9] aus dem Rong-Guofu spendete zwanzig Liang Silber, ebenso Kaufmann Aufrecht, und auch Kaufmann Juwel[10] aus dem Ning-Guofu gab zwanzig Liang. Die übrigen Mitglieder der Sippe gaben je nach Vermögen drei oder fünf Liang — zu viele, um sie einzeln aufzuführen. Hinzu kamen Beiträge der Familien der Mitschüler aus der Familienschule, die zusammen weitere zwanzig, dreißig Liang ergaben. So konnte Dai Ru trotz seiner ansonsten bescheidenen Verhältnisse die Angelegenheit in angemessener und würdiger Weise zu Ende bringen.

Doch wer hätte gedacht, dass gegen Ende dieses Winters ein Brief von Lin Ruhai[11] eintreffen würde, Kajaljade[12]s Vater, der sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und nun schrieb, er wolle Kajaljade bei sich haben.

Als die Herzoginmutter das erfuhr, vermehrte sich natürlich ihr Kummer, doch es blieb nichts anderes übrig, als eilig alle Vorbereitungen für Kajaljade Abreise zu treffen.

Schatzjade[13] war tief betrübt darüber, aber die Liebe zwischen Vater und Tochter war zu stark, als dass er etwas dagegen hätte einwenden können.

So bestimmte die Herzoginmutter, Kaufmann Kette[14] solle Kajaljade auf der Hin- und Rückreise begleiten und sie wieder zurückbringen. Was die Geschenke an Lokalprodukten und die Reisekosten anging, braucht man nicht im Einzelnen darüber zu sprechen — alles wurde selbstverständlich in angemessener Weise geordnet. Rasch wählte man einen Glückstag. Kaufmann Kette und Kajaljade nahmen Abschied von der Herzoginmutter und den Übrigen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und reisten nach Yangzhou ab.

Was sich weiter zutrug, berichtet das nächste Kapitel.

[Ende des zwölften Kapitels]

  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.
  2. Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.
  3. Chin. 贾瑞 Jiǎ Ruì, auch „Kaufmann Glücksstein“.
  4. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng.
  5. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.
  6. Chin. 代儒 Dài Rú, Leiter der Kaufmann-Familienschule, Großvater von Kaufmann Rui.
  7. Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Kaufmann Edelrose“.
  8. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.
  9. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.
  10. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn.
  11. Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, Kajaljades Vater.
  12. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade aus dem Walde“.
  13. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Kaufmann Schatzjade“.
  14. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kaufmann Jadekette“.