Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 27"

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= Kapitel 27 =
 
= Kapitel 27 =
 
== 滴翠亭杨妃戏彩蝶 ==
 
== 滴翠亭杨妃戏彩蝶 ==
=== 埋香冢飞燕泣残红 ===
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== 埋香冢飞燕泣残红 ==
  
'''Beim Pavillon Tropfendes Grün jagt eine Yang Guee-fee<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 40 und S. 88 (zu „...auf einem goldenen Teller...“). Die Namen der beiden Schönheiten der Vergangenheit werden hier wohl auch gebraucht, um auf die Konstitution der beiden Romanheldinnen anzuspielen. Denn von Yang Guee-fee heißt es, sie sei – dem von Bildern bekannten Schönheitsideal der Tang-Zeit entsprechend – korpulent gewesen, während die Dschau Fee-yän der Überlieferung äußerst grazil ist. Die unterschiedliche Körperbeschaffenheit der beiden ist im Chinesischen sprichwörtlich.</ref> nach schillernden Schmetterlingen,am Grab der Blüten weint eine Dschau Fee-yän um die welkende Pracht. '''
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Am Pavillon des Tropfenden Grüns jagt die kaiserliche Gemahlin nach bunten Schmetterlingen
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Am duftenden Grabhügel beweint die fliegende Schwalbe die welkenden Blüten
  
Während also Dai-yü traurig vor sich hin weinte, hörte sie plötzlich das Hoftor knarren und sah Bau-tschai herauskommen. Bau-yü, Hsi-jën und ein ganzer Schwarm Sklavenmädchen gaben ihr das Geleit. Schon wollte Dai-yü zu ihnen treten und Bau-yü zur Rede stellen, aber dann hatte sie Angst, es könnte ihm vor den anderen peinlich sein, darum huschte sie beiseite und wartete, bis Bau-tschai verschwunden, Bau-yü mit seinem Gefolge hineingegangen und das Hoftor wieder geschlossen war, ehe sie hervorkam und mit Blick auf das Tor noch ein paar Tränen vergoß. Dann war sie der Sache überdrüssig, machte kehrt und ging in ihre Räume zurück, wo sie niedergeschlagen ihren restlichen Putz ablegte.
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Wie erzählt wird, weinte Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald Kajaljade". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.</ref> noch vor sich hin, als sie plötzlich das Hoftor knarren hörte und Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schnee Schatzspange". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.</ref> herauskommen sah. Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kaufmann Schatzjade".</ref>, Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".</ref> und ein ganzer Schwarm von Mädchen gaben ihr das Geleit. Kajaljade wollte schon auf sie zutreten und Schatzjade zur Rede stellen, doch dann fürchtete sie, ihn vor all den anderen in Verlegenheit zu bringen. Darum wich sie zur Seite und ließ Schatzspange vorübergehen. Erst als Schatzjade und sein Gefolge wieder hineingegangen und das Tor geschlossen war, trat sie hervor und blickte noch einmal zum Tor hinüber, wobei sie ein paar Tränen vergoss. Als sie schließlich das Sinnlose ihres Tuns empfand, kehrte sie um und ging in ihre Räume zurück, wo sie niedergeschlagen den Rest ihres Schmucks ablegte.
Dsï-djüan und Hsüä-yän wußten, daß es Dai-yüs Art war, grundlos betrübt zu sein und dabei schmerzlich die Brauen zu runzeln und lange Seufzer auszustoßen oder gar aus heiterem Himmel ohne jeden Anlaß endlose Tränenströme zu vergießen. Zu Anfang hatte man noch versucht, sie zu trösten, weil man glaubte, sie gräme sich um ihre toten Eltern, sehne sich nach ihrer Heimat oder sei von jemandem gekränkt worden, so daß man ihr gut zureden müsse. Aber als es über Jahr und Tag so mit ihr blieb, hatten sich alle daran gewöhnt und kümmerten sich nicht mehr darum.
 
Deshalb schenkte ihr auch diesmal niemand Beachtung, und alle gingen schlafen, während Dai-yü ans Bettgeländer gelehnt dasaß, die Knie mit den Armen umfaßt hielt und ihren Tränen freien Lauf ließ. So saß sie wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton geformt bis spät in die zweite Nachtwache, ehe auch sie sich endlich hinlegte. Mehr ist über diese Nacht nicht zu berichten.
 
Am nächsten Tag, dem sechsundzwanzigsten des vierten Monats, war der Stichtag ‚Ährenzeit‘,<ref>Ein weiterer der 24 Stichtage des Sonnenjahrs im altjinesischen Kalenderwesen (hierzu vgl. o., Anm. zu S. 133: ‚Regenwasser‘, ...), er fällt auf den 5. oder 6. Juni des Gregorianischen Kalenders.</ref> an dem nach uraltem Brauch die Blütengöttin mit allerlei Gaben verabschiedet wird. Denn kaum daß die ‚Ährenzeit‘ vorüber ist, wird es Sommer, und die Blüten fallen. Die Blütengöttin muß abdanken und wird daher mit einem Opfer verabschiedet.
 
Besonders die Frauen und Mädchen pflegen diesen Brauch, und so standen im Garten des Großen Anblicks alle früh auf. Die Mädchen flochten Sänften und Pferde aus Blumen und Weidenzweigen, falteten Fähnchen und Schirmchen aus Seide und Gaze und banden das alles mit bunten Seidenfäden an Bäume und Sträucher, so daß der ganze Garten voll flatternder Seide und tanzender Blüten war. Die Mädchen aber waren so festlich geschmückt, daß sie die Pfirsich- und Aprikosenbäume beschämten und die Schwalben und Goldamseln neidisch machten. Aber das kann hier nicht alles ausführlich beschrieben werden.
 
Bau-tschai, Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun, Li Wan und Hsi-fëng, aber auch Tjiau-djiä, Da-djiä und Hsiang-ling sowie die Sklavenmädchen vergnügten sich im Garten, nur Dai-yü war nicht zu sehen. Da sagte Ying-tschun: „Warum ist denn Kusine Dai-yü nirgends zu entdecken? So ein faules Ding! Sie wird doch nicht etwa noch schlafen?“
 
„Wartet!“ sagte Bau-tschai. „Ich werde sie aufscheuchen gehen!“ Und sie verließ die anderen, um sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zu machen. Unterwegs traf sie die zwölf kleinen Schauspielerinnen mit Wën-guan an der Spitze, die zu ihr herantraten und sie begrüßten. Nachdem sie ein Weilchen miteinander geplaudert hatten, wandte Bau-tschai sich um, wies mit der Hand die Richtung und sagte: „Die andern sind alle dort drüben. Geht nur zu ihnen! Ich will Fräulein Lin holen und komme dann auch.“ Und damit ging sie weiter auf gewundenem Pfad zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Aber als sie aufblickte, sah sie plötzlich, wie Bau-yü eben dort hineinging. Also blieb sie stehen und dachte nach.
 
„Bau-yü und Dai-yü sind von klein auf zusammen aufgewachsen und haben in vielen Dingen keine Scheu voreinander“, sagte sie sich. „Ständig necken sie sich und sind einander mal gut und mal gram. Außerdem ist Dai-yü immer mißtrauisch und leicht eingeschnappt. Wenn ich jetzt zu ihnen hineinginge, würde das einerseits Bau-yü nicht recht sein und andererseits vielleicht Dai-yü auf dumme Gedanken bringen. Darum ist es das beste, ich gehe wieder!“
 
Als sie diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging sie fort, um zu den anderen zurückzukehren, aber da erblickte sie mit einem Mal ein Paar jadefarbener Schmetterlinge vor sich, die so groß waren wie zwei runde Fächer und im Lufthauch auf und ab gaukelten. So schön waren sie, daß Bau-tschai sie zu gern gefangen hätte, um sich länger an ihnen zu erfreuen. Also holte sie ihren Fächer aus dem Ärmel und trat auf das Gras, um ihnen nachzulaufen.
 
Die Schmetterlinge aber flogen auf und ab, kamen näher und entfernten sich wieder, flatterten zwischen Blumenstauden und Weidenzweigen hindurch und drohten schließlich über den Bach zu entkommen. So lockten sie Bau-tschai, die leichtfüßig hinter ihnen her eilte, bis zum Pavillon Tropfendes Grün inmitten des Teiches. In duftenden Schweiß gebadet und keuchend vor Anstrengung, hatte Bau-tschai keine Lust mehr, ihnen noch weiter nachzujagen, und wollte eben umkehren, als sie aus dem Pavillon Stimmengemurmel hörte.
 
Dieser Pavillon war ringsherum von einem Wandelgang umgeben und stand, nur über Zickzackbrücken erreichbar, mitten im Teich. Seine Fenstergitter waren auf allen Seiten mit Papier beklebt.
 
Als Bau-tschai die Stimmen vernahm, blieb sie stehen und lauschte. „Wenn das wirklich das Taschentuch ist, das du verloren hast, dann nimm es! Sonst gebe ich es dem jungen Herrn Yün zurück“, hörte sie.
 
Und eine andere Stimme sagte: „Aber ja, es ist es. Gib es nur her!“
 
„Und was bekomme ich zum Dank?“ fragte die erste Stimme. „Meinst du, ich hätte es dir umsonst wiedergebracht?“
 
„Ich werde dich schon nicht anführen, nachdem ich einmal eine Belohnung ausgesetzt habe“, erwiderte die andere.
 
„Mir steht natürlich eine Belohnung zu, weil ich es dir gebracht habe“, fuhr die erste wieder fort. „Aber willst du nicht auch den belohnen, der es gefunden hat?“
 
„Red keinen Unsinn!“ wies die andere sie ab. „Er gehört doch zu den Herrschaften. Da muß er es doch zurückgeben, wenn er etwas findet, was ich verloren habe. Womit sollte ich ihn belohnen?“
 
„Und was soll ich ihm sagen, wenn du ihn nicht belohnst?“ hielt ihr die erste nun vor. „Wo er mir doch immer wieder eingeschärft hat, wenn er keine Belohnung bekommt, darf ich dir das Taschentuch nicht geben!“
 
„Na, schön!“ sagte die andere nach längerem Schweigen. „Gib ihm das hier, das soll seine Belohnung sein. Aber wirst du auch niemand davon erzählen? Du mußt mir schwören!“
 
„Wenn ich jemand davon erzähle, soll mir ein Furunkel wachsen, und ich will eines schlimmen Todes sterben!“ beteuerte da die erste Stimme.
 
Dann sagte die andere: „Auwei, wir reden und reden, dabei kann doch jemand kommen und uns von draußen belauschen. Das beste ist, wir machen die Fenster auf. Wenn uns dann jemand hier sieht, wird er denken, wir plaudern nur. Und wenn er näher kommt, sehen wir ihn auch und sind still!“
 
Als Bau-tschai draußen diese Worte hörte, bekam sie einen Schreck und dachte: „Kein Wunder, wenn man sagt, daß zu jeder Zeit schamlose Huren und hündische Räuber die scharfsinnigsten Leute waren. Wenn sie die Fenstergitter aufmachen und mich hier sehen, fühlen sie sich natürlich in Schande gebracht. Außerdem klang eine der Stimmen nach dieser Hsiau-hung, die in Bau-yüs Räumen dient, und das ist ein eingebildetes Ding mit einem verschrobenen Charakter.
 
Nachdem ich jetzt von ihrer Verfehlung weiß, könnte es nicht nur einen peinlichen Vorfall ergeben, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlte, auch ich würde mir dadurch Ärger einhandeln. Darum ist es das beste, wenn ich mich rasch verstecke. Wenn ich das nicht mehr schaffe, muß ich zumindest sehen, wie ich mich aus der Affäre ziehe...“
 
Noch ehe sie mit ihren Überlegungen zum Schluß gekommen war, hörte sie es schon klappern, darum trat sie betont laut auf und sagte lachend: „Dai-yü, ich hab‘s ja gesehen, wie du dich versteckt hast!“ Bei diesen Worten ging sie absichtlich noch näher an den Pavillon heran.
 
Als drinnen Hung-yü und Dschuee-örl eben ein Fenster aufmachten und plötzlich Bau-tschais Stimme hörten, fuhren sie vor Schreck zusammen. Bau-tschai aber lächelte sie an und fragte: „Wo habt ihr Fräulein Lin versteckt?“
 
„Fräulein Lin haben wir gar nicht gesehen“, erklärte Dschuee-örl.
 
„Aber ich habe doch eben noch von da drüben gesehen, wie sie hier hockte und im Wasser pantschte“, sagte Bau-tschai. „Ich wollte ihr heimlich einen Schreck einjagen, aber ehe ich hier war, hat sie mich entdeckt und ist in östlicher Richtung verschwunden. Hat sie sich wirklich nicht hier drinnen versteckt?“ Und sie trat in den Pavillon, um sich dort nach allen Seiten umzusehen.
 
Dann machte sie kehrt und sagte dabei: „Bestimmt ist sie wieder in eine Felsgrotte geschlüpft. Wenn eine Schlange sie beißt, wird sie sehen, was sie davon hat!“ Mit diesen Worten ging sie weg und amüsierte sich im stillen bei dem Gedanken, wie geschickt sie die Sache überspielt hatte und wie den beiden jetzt wohl zumute sein mußte.
 
Nun war Hung-yü tatsächlich auf das, was Bau-tschai ihnen vorgemacht hatte, hereingefallen. Sie wartete, bis diese weit genug fort war, dann faßte sie Dschuee-örl beim Ärmel und sagte: „Wenn Fräulein Lin wirklich hier gewesen ist, hat sie uns bestimmt gehört!“ Und als Dschuee-örl lange Zeit nichts darauf erwiderte, fragte sie: „Was machen wir jetzt nur?“
 
„Wen juckt das schon, wenn sie es gehört hat?“ gab Dschuee-örl zurück. „Soll sich doch jeder um seinen eigenen Kram kümmern!“
 
„Wenn es Fräulein Hsüä gehört hätte, wäre es nicht so schlimm“, sagte Hung-yü, „aber Fräulein Lin hat eine spitze Zunge und einen scharfen Verstand. Was machen wir, wenn sie uns gehört hat und die Sache herauskommt?“
 
Während sie noch so miteinander sprachen, sahen sie Wën-guan, Hsiang-ling, Sï-tji und Dai-schu auf den Pavillon zukommen, darum mußten sie das Gespräch abbrechen und statt dessen mit den anderen scherzen und lachen. Dann aber bemerkten sie, daß Hsi-fëng auf dem Berghang stand und winkte und rief. Rasch lief Hung-yü von den anderen fort, trat vor Hsi-fëng und fragte mit einem Lächeln: „Was habt Ihr zu befehlen, junge gnädige Frau?“
 
Hsi-fëng sah sie prüfend an, und da sie sie hübsch und sauber fand und auch ihre Redeweise ihr angenehm war, sagte sie lächelnd: „Meine Mädchen sind heute nicht mit hier, aber jetzt ist mir etwas eingefallen, und ich möchte jemanden hinüberschicken, um es zu erledigen. Wirst du das können und alles behalten, was ich dir sage?“
 
„Befehlt mir nur, junge gnädige Frau“, sagte Hung-yü lächelnd, „ich werde es bestellen, und wenn ich etwas vergesse und dadurch Schaden anrichte, könnt Ihr mich nach Belieben bestrafen.
 
„Bei welchem unserer Fräulein tust du Dienst?“ fragte Hsi-fëng. „Wenn ich dich fortschicke und sie wiederkommt und dich vermißt, werde ich es ihr erklären.
 
„Ich bin aus den Räumen des jungen Herrn Bau-yü“, sagte Hung-yü.
 
„Ach, zu Bau-yü gehörst du“, sagte Hsi-fëng. „Kein Wunder! Aber das macht nichts! Wenn er nach dir fragen sollte, werde ich es ihm erklären. Geh zu mir hinüber und sage dort Schwester Ping-örl, daß im äußeren Raum auf dem Tisch hinter dem Ständer mit dem Teller aus Ju-dschou-Keramik<ref>Berühmtes Steinzeug mit himmelblauer Glasur, das während der Sung-Zeit in der Stadt Ju-dschou (Prov. Hë-nan) gebrannt wurde.</ref> ein Päckchen Silber liegt. Es sind einhundertundsechzig Liang, und sie sind als Lohn für den Sticker bestimmt. Wenn Dschang Tsais Frau danach kommt, soll Ping-örl ihr das Silber vorwiegen und dann geben. Außerdem liegt im Innenraum auf dem Bett ein besticktes Täschchen, das bringst du mir!“
 
Als Hung-yü den Auftrag vernommen hatte, ging sie los, doch als sie wiederkam, war Hsi-fëng auf dem Berghang nicht mehr zu finden. Da eben Sï-tji aus einer Felsgrotte schlüpfte und stehenblieb, um sich den Rock wieder festzuschnüren, trat Hung-yü auf sie zu und fragte: „Schwester, weißt du nicht, wo die Frau des zweiten jungen Herrn hingegangen ist?“
 
„Dazu kann ich nichts sagen“, antwortete Sï-tji.
 
Hung-yü sah sich nach allen Seiten um und erblickte Tan-tschun und Bau-tschai, die am Teich standen und nach den Fischen schauten. Also trat sie zu ihnen heran und fragte lächelnd: „Wissen die Fräulein nicht, wo die Frau des zweiten jungen Herrn hingegangen ist?“
 
„Schau im Hof der Frau des ersten jungen Herrn nach ihr!“ sagte Tan-tschun, und Hung-yü machte sich auf den Weg nach dem Reisduftdorf. Da kamen ihr auf einmal Tjing-wën, Tji-hsiän, Bi-hën, Dsï-hsiau, Schë-yüä, Dai-schu, Ju-hua und Ying-örl entgegen, und kaum daß Tjing-wën Hung-yü erblickt hatte, sagte sie: „Du mußt doch wohl verrückt geworden sein! Bei uns im Hof sind die Blumen nicht gegossen, die Vögel sind nicht gefüttert, und das Teeöfchen ist auch nicht angeheizt, aber du gehst spazieren.“
 
„Gestern sagte der junge Herr, die Blumen brauchten heute nicht gegossen zu werden, es reiche, wenn sie jeden zweiten Tag Wasser bekommen“, verteidigte sich Hung-yü. „Und als ich die Vögel gefüttert habe, hast du noch geschlafen.“
 
„Und was ist mit dem Teeöfchen?“ fragte Bi-hën.
 
„Heute bin ich mit Heizen nicht an der Reihe“, erwiderte Hung-yü. „Ob Tee gebrüht worden ist oder nicht, mußt du schon jemand anders fragen.“
 
„Hört euch nur an, was sie für ein Mundwerk hat!“ sagte Tji-hsiän. „Laßt sie bloß in Ruhe, soll sie doch spazierengehen!“
 
„Wenn ihr meint, ich ginge spazieren, dann irrt ihr euch“, entgegnete Hung-yü darauf. „Ich hatte für die Frau des zweiten jungen Herrn etwas auszurichten und etwas zu holen.“ Bei diesen Worten hob sie zum Beweis das gestickte Täschchen in die Höhe, nach dem sie gegangen war, und das brachte die anderen endlich zum Schweigen.
 
Als sie sich trennten, um weiterzugehen, sagte Tji-wën mit spöttischem Lachen: „Kein Wunder, daß sie uns nicht mehr für voll nimmt, wenn sie es so weit gebracht hat! Da hat jemand einen halben Satz mit ihr gesprochen und wahrscheinlich nicht mal nach ihrem Namen gefragt, aber sie ist gleich in Hochstimmung. Dieser kleine Auftrag besagt doch noch gar nichts. Warten wir ab, was die Zukunft bringt! Wenn sie so tüchtig ist, soll sie nur auf der Stelle den Garten verlassen und für immer und ewig in ihrer feinen Stellung bleiben. Das wäre etwas!“ Und mit diesen Worten ging sie davon.
 
Hung-yü hatte alles gehört, aber da sie sich schlecht auf einen Streit einlassen konnte, unterdrückte sie ihre Wut und suchte weiter nach Hsi-fëng. Sie fand sie tatsächlich in den Räumen von Li Wan, wo sich die beiden unterhielten. Hung-yü trat auf sie zu und berichtete: „Schwester Ping-örl sagte, gleich nachdem Ihr gegangen wart, habe sie das Silber an sich genommen, und eben sei Dschang Tsais Frau dagewesen, um es zu holen. Schwester Ping-örl habe es in ihrer Gegenwart abgewogen und ihr dann gegeben.“
 
Dann reichte sie ihr das Täschchen und fuhr fort: „Schwester Ping-örl hat mich beauftragt, Euch zu melden, Lai Wang sei dagewesen, um sich Eure Instruktionen zu holen, damit er zu jener Familie gehen könne. Schwester Ping-örl habe ihm alles gesagt, so wie Ihr es befohlen hattet.“
 
„Was hat sie ihm denn gesagt?“ fragte Hsi-fëng lächelnd.
 
„Sie hat ihm gesagt, unsere junge gnädige Frau ließe die gnädige Frau grüßen, und unser zweiter junger Herr sei außer Haus, aber die gnädige Frau könne beruhigt sein, auch wenn es ein paar Tage später werde“, antwortete Hung-yü. „Außerdem habe unserer junge gnädige Frau mit der fünften jungen gnädigen Frau verabredet, die gnädige Frau besuchen zu kommen, sobald es der fünften jungen gnädigen Frau etwas besser gehe. Die fünfte junge gnädige Frau habe der gnädigen Frau neulich ausrichten lassen, daß die gnädige Frau Tante geschrieben habe und die gnädige Frau grüßen lasse, außerdem habe sie bei der hiesigen Frau Kusine angefragt, ob sie von den lebensverlängernden Wunderpillen zwei Stück für sie übrig habe. Wenn die gnädige Frau davon übrig habe, könne sie sie unbesorgt zu unserer jungen gnädigen Frau bringen lassen, denn es führe demnächst jemand zur gnädigen Frau Tante, der sie mitnehmen könne, und...“
 
Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, wurde sie von Li Wan unterbrochen: „O weh, ich verstehe kein Wort! Was ist das für ein Haufen gnädiger Herrschaften?“
 
„Kein Wunder, daß du das nicht verstehst“, erwiderte Hsi-fëng. „Hier geht es um vier Familien auf einmal.“ Dann lächelte sie Hung-yü zu und sagte: „Ich staune, wie ordentlich und vollständig du das alles gesagt hast, mein Kind, nicht so gequält und mit so einem Mückengesumm wie die anderen. – Du weißt ja nicht, Schwägerin“, wandte sie sich wieder an Li Wan, „daß ich direkt Angst habe, mit den Mädchen und Frauen zu sprechen, außer mit denen, die zu meinem unmittelbaren Gefolge gehören. Jeden Satz ziehen sie dermaßen in die Länge, daß nur ein paar Bruchstücke daraus werden. Sie suchen so lange nach Worten und sprechen so geziert und so zögernd, daß ich platzen könnte vor Ungeduld, und sie merken das nicht einmal.
 
Unsere Ping-örl war früher genauso, da habe ich sie gefragt: ,Glaubst du vielleicht, das wirkt besonders schön, wenn du summst wie eine Mücke?‘ Erst nachdem ich ihr das ein paarmal gesagt hatte, hat sie sich ein wenig gebessert.“
 
„Du bist erst zufrieden, wenn alle so sind wie du selbst, du heruntergekommener Taugenichts“, sagte Li Wan lachend.
 
„Das Mädchen hier ist Ordnung“, fuhr Hsi-fëng fort, „was sie diese beiden Male zu sagen hatte, war nicht viel, aber sie hat sich knapp und einfach ausgedrückt. – Du solltest in Zukunft bei mir dienen!“ wandte sie sich dann lächelnd an Hung-yü. „Ich nehme dich als Patenkind an, und wenn ich mich um deine Ausbildung kümmere, kann etwas aus dir werden.“
 
Als Hung-yü das hörte, platzte sie laut heraus, und Hsi-fëng fragte: „Warum lachst du? Weil ich deine Patin sein will, obwohl ich nicht viel älter bin als du selbst? Bilde dir nur nichts ein! Erkundige dich mal, wie viele es gibt, die noch viel älter sind als du und mich gern ihre Patin nennen würden, wenn ich nur einverstanden wäre. Das ist doch eine Auszeichnung für dich!“
 
„Ich habe nicht deswegen gelacht“, sagte Hung-yü lächelnd, „ich habe gelacht, weil Ihr die Generationen durcheinanderbringt. Meine Mutter ist doch schon Eure Patentochter, und jetzt wollt Ihr auch mich als Eure Patentochter annehmen.“
 
„Wer ist denn deine Mutter?“ fragte Hsi-fëng.
 
„Du kanntest sie also gar nicht?“ sagte Li Wan lächelnd. „Sie ist die Tochter von Lin Dschï-hsiau.“
 
„Was?“ fragte Hsi-fëng ganz verwundert. „Seine Tochter ist das?“ Und lächelnd fuhr sie fort: „Aus Lin Dschï-hsiau und seiner Frau würde man keinen Ton herausbekommen, selbst wenn man sie mit einer Ahle stäche, und ich habe schon immer gesagt, daß die beiden gut zueinander passen – tauber Himmel, stumme Erde. Das habe ich mir nicht träumen lassen, daß sie so eine aufgeweckte Tochter haben. – Wie alt bist du?“
 
„Siebzehn“, sagte Hung-yü, und als sie nach ihrem Namen gefragt wurde, erklärte sie: „Eigentlich heiße ich Hung-yü, aber weil sich das wegen des Namens des jungen Herrn Bau-yü nicht schickt, werde ich jetzt nur noch Hsiau-hung genannt.“
 
Bei diesen Worten runzelte Hsi-fëng die Brauen, wandte sich ab und sagte: „Es ist nicht auszuhalten! Als ob einem das Zeichen yü einen Vorteil brächte! Jeder heißt hier Yü.“ Dann fuhr sie fort: „Also kommst du zu mir!“ Und zu Li Wan gewandt: „Dabei hatte ich noch zu ihrer Mutter gesagt: ‚Lai Das Frau hat zuviel zu tun, außerdem weiß sie auch nicht, wer hier wer ist, also such du ein paar Mädchen aus, die ich bei mir anstellen kann!‘ Genau so hat sie es mir versprochen, und dann schickt sie ihre eigene Tochter woandershin. Geradeso als ob die es bei mir nicht gut haben würde.“
 
„Du bist wieder einmal zu mißtrauisch“, sagte Li Wan lächelnd. „Das Mädchen war doch schon hier, als du das gesagt hast, also kannst du ihrer Mutter keinen Vorwurf machen.“
 
„Dann werde ich morgen mit Bau-yü sprechen, damit er sich jemand anders geben läßt, und dieses Mädchen kommt zu mir“, sagte Hsi-fëng. „Aber ich weiß ja nicht, ob sie selber möchte.“
 
„Wer von uns wagt schon zu sagen, er möchte oder er möchte nicht“, erwiderte Hung-yü und lächelte dazu. „Aber bei Euch kann man lernen, wie alles zu beurteilen ist, und auch drinnen und draußen, mit hoch und niedrig, im Großen wie im Kleinen muß man ja seine Erfahrungen sammeln.“
 
Als sie das eben sagte, kam ein Sklavenmädchen von Dame Wang, die Hsi-fëng zu sich bitten ließ. Diese verabschiedete sich also von Li Wan und ging fort. Hung-yü aber kehrte in den Hof der Freude am Roten zurück, und mehr soll jetzt von ihr nicht die Rede sein.
 
Dai-yü war nach schlaflos verbrachter Nacht spät aufgestanden, und als sie erfuhr, alle ihre Kusinen seien im Garten, um zur Verabschiedung der Blütengöttin ein Opfer zu bringen, kämmte und wusch sie sich rasch und ging dann ebenfalls hinaus, um sich nicht nachsagen zu lassen, sie sei stumpf und träge. Gerade war sie in den Hof getreten, als Bau-yü zum Tor hereinkam und lächelnd fragte: „Liebste Kusine, hast du mich nun gestern verpetzt oder nicht? Die ganze Nacht habe ich deinetwegen keine Ruhe gefunden.“
 
Dai-yü aber wandte sich ab, um Dsï-djüan zu befehlen: „Wenn die Zimmer aufgeräumt sind, läßt du die Gazeeinsätze in den Fenstern herunter, und wenn du siehst, daß die Mauersegler wieder kommen, läßt du den Türvorhang herab und beschwerst ihn mit dem Steinlöwen! Nachdem du geräuchert hast, tust du den Deckel auf den Räucherkessel!“ Mit diesen Worten ging sie zum Tor.
 
Als Bau-yü sie so sah, dachte er nicht anders, als daß es noch immer um die Sache vom Mittag des Vortages ginge, denn von dem Vorfall am Abend wußte er ja nichts. Also verbeugte er sich mit zusammengelegten Händen, aber Dai-yü würdigte ihn keines Blickes, trat zum Tor hinaus und machte sich auf die Suche nach den Kusinen.
 
Bedrückt überlegte Bau-yü: „Wie es aussieht, geht es gar nicht um die Sache von gestern Mittag. Aber danach bin ich doch spät zurückgekommen und habe sie nicht noch einmal gesehen, so daß ich ihr nichts getan haben kann.“ Während er darüber nachdachte, trugen ihn seine Füße hinter ihr her, und er erblickte Bau-tschai und Tan-tschun, die den tanzenden Kranichen zusahen. Dann trat Dai-yü zu ihnen und sprach sie an. Als Bau-yü näher kam, empfing Tan-tschun ihn lächelnd mit den Worten: „Wie geht es dir, Bruder? Ich habe dich schon volle drei Tage nicht gesehen.“
 
„Wie geht es selbst, Schwester?“ fragte er lächelnd zurück. „Neulich habe ich mich schon bei der Schwägerin nach dir erkundigt.“
 
„Komm bitte hier herüber!“ bat Tan-tschun. „Ich muß mit dir reden.“
 
Bau-yü verließ Bau-tschai und Dai-yü und folgte Tan-tschun unter einen Granatapfelbaum, wo sie ihn fragte: „Hat Vater dich in der letzten Zeit rufen lassen?“
 
„Nein“, sagte Bau-yü lächelnd.
 
„Aber gestern war mir so, als hätte ich gehört, Vater habe dich zu sich bestellt“, beharrte Tan-tschun.
 
„Da wird sich irgendwer verhört haben“, erklärte Bau-yü lächelnd, „er hat mich wirklich nicht rufen lassen.“
 
„In den letzten Monaten habe ich wieder mehr als zehn Schnüre Münzen zusammengespart“, fuhr Tan-tschun fort. „Nimm sie an dich, und wenn du demnächst einmal ausreitest, bringst du mir schöne Kalligraphien und Bilder oder auch ein paar hübsche Kleinigkeiten dafür mit.“
 
„Ich war in den großen Tempeln und den kleinen Tempelchen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadt,<ref>So wie in Europa zu religiösen Feiertagen an den Kirchen Jahrmarkt gehalten wurde, fanden auch im alten China zu bestimmten Festtagen Tempelmärkte statt, auf denen alle möglichen Waren feilgeboten wurden.</ref> habe aber nirgends etwas entdeckt, was hübsch und neuartig gewesen wäre“, erwiderte Bau-yü. „Es gibt überall nur Gold und Jade, Bronze und Porzellan, Antiquitäten, die man sich nirgends hinstellen kann, sonst aber Seide, Eßwaren und Kleider.“
 
„Wer möchte denn so etwas?“ fragte Tan-tschun. „Solche Sachen, wie du sie letztens gekauft hast, Körbchen aus Weidenruten, Weihrauchdosen aus ganzen Bambuswurzeln und Kochöfchen aus Ton, die sind das Richtige. Aber an allem, was mir gefällt, fanden auf einmal auch die anderen Gefallen und haben alles weggeschleppt, als ob es Kostbarkeiten wären.“
 
„Ach, so etwas willst du haben!“ sagte Bau-yü. „Das kostet nicht viel. Für fünfhundert Bronzemünzen bringen dir die Dienerknaben einen ganzen Wagen voll.“
 
„Was verstehen schon die Dienerknaben davon!“ gab Tan-tschun zurück. „Du mußt Sachen für mich aussuchen, die schlicht, aber nicht vulgär sind, ungekünstelt und anspruchslos. Davon bring mir nur recht viel mit, und ich mache dir dafür wieder so ein Paar Schuhe wie letztes Mal, nur daß ich mir noch mehr Mühe gebe. Wie wäre das?“
 
„Da du gerade von den Schuhen sprichst, fällt mir etwas ein“, sagte Bau-yü. „Einmal, als ich sie anhatte, mußte ich ausgerechnet Vater begegnen, und sie gefielen ihm nicht. Also fragte er, wer sie gemacht habe. Ich konnte natürlich nicht wagen, deinen Namen zu nennen, darum habe ich geantwortet, ich hätte sie von der Tante zum Geburtstag bekommen. Da konnte er nun schlecht etwas sagen, aber nach einigem Schweigen bemerkte er doch: ‚Was mußte sie ihre Kräfte vergeuden und den Seidenstoff verderben, um so etwas anzufertigen!‘ Als ich zurückkam und Hsi-jën davon erzählte, sagte sie: ‚Das ist ja noch gar nichts! Tante Dschau hat sich schrecklich darüber aufgeregt. ,Ihr leiblicher Bruder geht in schlappenden Schuhen und Strümpfen, aber das sieht sie nicht. Statt dessen näht sie für Bau-yü solche Schuhe‘, hat sie gesagt.‘“
 
Sofort machte Tan-tschun ein ärgerliches Gesicht und sagte: „Das ist aber auch ein Blödsinn! Bin ich vielleicht zum Schuhenähen verpflichtet? Bekommt nicht Huan seinen Unterhalt? Hat er nicht seine Leute? Und besitzt er nicht Kleider, Schuhe und Strümpfe, soviel er braucht? Das ganze Zimmer sitzt dort voller Frauen und Mägde. Wie also kann sie so etwas sagen? Und vor wem hat sie das gesagt! Ich nähe doch nur mal ein Paar Schuhe, wenn ich gerade Muße habe und nichts anderes zu tun ist. Und ich schenke sie, wem ich will. Den möchte ich sehen, der mir da Vorschriften zu machen wagt! Ganz ohne Grund regt sie sich auf.“
 
Lächelnd nickte Bau-yü. „Du weißt wohl nicht, daß sie ihre eigenen Gedanken dabei hat?“ fragte er.
 
Jetzt ärgerte Tan-tschun sich erst recht. Sie wandte sich ab und sagte: „Du bist mir ein Spinner! Natürlich hat sie ihre eigenen Gedanken dabei, aber die entsprechen ihrer niedrigen Gesinnung, die sie zu verbergen trachtet. Soll sie nur immer so denken! Für mich gelten nur unser Vater mit der gnädigen Frau, und sonst niemand! Unter den Geschwistern aber bin ich nett zu jedem, der auch nett zu mir ist, und bin weder für noch gegen jemanden voreingenommen. Eigentlich dürfte ich ja nichts gegen sie sagen, aber sie ist einfach zu dumm!
 
Da war noch so eine lächerliche Geschichte. Als ich dir letztens das Geld gab, damit du für mich einkaufst, hat sie mir zwei Tage später, als wir uns trafen, vorgestöhnt, wie schwer es für sie ohne Geld sei. Ich habe nichts dazu gesagt, aber als dann meine Mädchen bei ihr waren, beklagte sie sich, ich hätte mein Gespartes nicht Huan, sondern dich ausgeben lassen. Als ich das zu hören bekam, wußte ich nicht, ob ich lachen oder böse sein sollte. Also bin ich zur gnädigen Frau gegangen und...“
 
Ohne sie ausreden zu lassen, rief Bau-tschai herüber: „Seid ihr bald fertig? Dann kommt her! Ihr seid doch Bruder und Schwester, müßt ihr da die andern links liegen lassen und Heimlichkeiten haben, von denen keiner auch nur einen einzigen Satz hören darf?“
 
Lachend gingen Tan-tschun und Bau-yü zu ihr hinüber, und da Dai-yü nicht mehr zu sehen war, konnte Bau-yü sich denken, daß sie vor ihm Reißaus genommen hatte. Aber er sagte sich, es mache nichts aus, erst in ein paar Tagen wieder zu ihr zu gehen, wenn sich ihr Zorn gelegt haben würde. Als er dann niederblickte, sah er, daß der Boden dicht mit Balsaminen- und Granatapfelblüten bedeckt war, und seufzte still bei sich: „In ihrer Wut hat sie nicht einmal die Blüten weggeräumt. Ich werde sie forttragen und sie dann später danach fragen!“
 
Als Bau-tschai im selben Augenblick vorschlug, den Garten zu verlassen, sagte Bau-yü: „Ich komme gleich nach!“ Dann wartete er, bis die beiden fort waren, raffte die Blüten zusammen und ging damit über Hügel und Wasser, zwischen Bäumen und Blumen hindurch zu der Stelle, wo er mit Dai-yü zusammen die Pfirsichblüten begraben hatte. Als er schon fast da war und nur noch um einen Felsvorsprung biegen mußte, hörte er von dorther ein Weinen, das immer wieder verstummte und von neuem aufklang und das ganz jämmerlich anzuhören war.
 
„Das muß irgendein Sklavenmädchen sein, das von jemand gekränkt worden ist und sich jetzt hier ausheult“, dachte er und blieb stehen. Da hörte er, wie das Mädchen unter Tränen sprach:
 
„Blüten fallen, Blüten wirbeln zahllos durch die Luft;
 
Rot vergeht, Duft erstirbt, tut das niemand leid?
 
Weich sich Sommerfäden legen um das Gartenhaus,
 
leicht sich Weidenflocken setzen auf den Bettvorhang.
 
Einsam das Mädchen trauert dem scheidenden Frühling nach,
 
für ihres Herzens Kummer findet sie kein Gehör.
 
Die Blumenhacke in Händen, tritt sie aus ihrem Haus,
 
den Blütenflur zu betreten zögert ihr scheuer Fuß.
 
Weiden und Ulmen stehen üppig im grünen Kleid,
 
die Leiden von Pfirsich und Pflaume sind ihnen einerlei.
 
Pfirsich und Pflaume erblühen wohl neu im kommenden Jahr,
 
doch wer wird dann hier wohnen im stillen Gartenhaus?
 
Schon zeitig war vollendet aus Blüten ein duftiges Nest,
 
so herzlos sind die Schwalben dort in dem Dachgebälk.
 
Im nächsten Frühling finden sie neue Blüten zum Bau,
 
doch leerstehn wird die Wohnung, verfallen sein das Nest.
 
Wie endlos viele Tage hat so ein langes Jahr
 
mit schneidend scharfen Winden und eisigkaltem Reif!
 
Wie soll denn dabei dauern die Schönheit und die Pracht?
 
Der Sturmwind eines Morgens macht ihnen den Garaus.
 
Die abgefallenen Blüten verstreute ringsum der Wind,
 
bekümmert steht das Mädchen draußen vor dem Tor.
 
Als endlich sie verstohlen die Augen trockenwischt,
 
entdeckt von Blut sie Flecken in ihrer Tränenspur.
 
Der Kuckucksruf verstummte, der Abenddämmer kam,
 
das Mädchen mit der Hacke geht heim und schließt die Tür.
 
Im bleichen Schein der Lampe sucht sie den ersten Schlaf,
 
der Regen klopft ans Fenster, die Decke wärmt sie nicht.
 
Du fragst, was ich mich gräme und was mich so betrübt?
 
Teils dauert mich der Frühling, und teils bin ich ihm gram.
 
Die wechselvollen Gefühle, sie kommen, und sie gehen,
 
sie überfall‘n mich schweigend, und schweigend schwinden sie.
 
Gestern Abend ertönte draußen ein qualvolles Lied.
 
War‘n das der Vögel Seelen? Der Blüten Seelen gar?
 
Doch war‘n es ihre Seelen, so hältst du sie nicht auf,
 
den Vögeln fehlen die Worte, die Blüten, sie sind scheu.
 
Mein Wunsch wär es, ich hätte ein kräftiges Flügelpaar,
 
dann wollt ich den Blüten folgen bis fern zum Himmelsrand,
 
dort haben vielleicht die Blüten ein stilles, duftiges Grab.
 
So aber ist‘s das Beste, ich hüll‘ in Seide sie ein
 
und decke mit reinlicher Erde die welken Reste der Pracht.
 
Sauber, wie einst sie kamen, gehen sie dann wieder fort
 
und werden nicht besudelt mit Grabenschlamm und Schmutz.
 
Ihr meine toten Blüten, ich lege euch heute ins Grab
 
und weiß nicht, ob ich selber nicht bald schon sterben muß.
 
Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich törichtes Kind,
 
doch wer wird mich begraben, wenn ich gestorben bin?
 
Geht die Frühlingszeit zu Ende und die Blüten fall‘n vom Baum,
 
ist für rote Mädchenwangen auch die Schicksalsstunde nah.
 
Unversehens sind verflossen Frühlingstage, Mädchenglück,
 
Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon.“
 
Als Bau-yü das hörte, stürzte er, von törichtem Schmerz überwältigt, zu Boden.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
== Anmerkungen ==
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Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".</ref> und Schneegeißlein<ref>Chin. 雪雁 Xuěyàn, wörtl. „Schneegeißlein" — „Schneegans".</ref> kannten Kajaljades Wesen seit langem: Grundlos saß sie da und grübelte, die Brauen entweder vor Kummer gerunzelt oder lange Seufzer ausstoßend, und aus heiterem Himmel, ohne jeden erkennbaren Anlass, vergoss sie nicht enden wollende Tränenströme. Anfangs hatten die anderen noch versucht, sie zu trösten – im Glauben, sie trauere um ihre verstorbenen Eltern, sehne sich nach der Heimat oder sei von jemandem gekränkt worden –, und hatten ihr gut zugeredet. Doch als es Monat für Monat, Jahr für Jahr so weiterging, hatte man sich an dieses Bild gewöhnt und kümmerte sich nicht mehr darum.
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So schenkte ihr auch diesmal niemand Beachtung, und alle gingen schlafen, während Kajaljade am Bettgeländer lehnte, die Knie mit den Armen umschlungen, Tränen in den Augen, reglos wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton geformt, bis weit nach der zweiten Nachtwache. Dann erst legte auch sie sich hin. Über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten.
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Am folgenden Tag, dem sechsundzwanzigsten des vierten Monats, fiel zur Stunde des Schafes [Anm.: 13–15 Uhr] der Beginn des Solarterms „Ähren in Grannen" [芒种]. Nach uraltem Brauch pflegte man an diesem Tag allerlei Gaben aufzustellen und der Blütengöttin ein Abschiedsopfer darzubringen, denn sobald die Ährenzeit vorüber ist, beginnt der Sommer, alle Blüten welken dahin, und die Blütengöttin muss ihren Thron räumen – darum wird sie feierlich verabschiedet.
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Im Frauengemach wurde dieser Brauch besonders eifrig gepflegt, und so waren an jenem Morgen alle Bewohnerinnen des Gartens der Großen Aussicht früh auf den Beinen. Die Mädchen flochten aus Blütenblättern und Weidenzweigen kleine Sänften und Pferde, falteten aus Seide und Gaze Fähnchen und Standarten, und banden alles mit bunten Seidenfäden fest. An jedem Baum, an jeder Blüte hingen solche Gaben. Der ganze Garten war ein Meer aus flatternden Bändern und wogenden Blütenzweigen; und die festlich geschmückten Mädchen hätten Pfirsich- und Aprikosenblüten vor Neid erblassen und Schwalben und Goldamseln vor Beschämung verstummen lassen. Doch das alles hier zu beschreiben, würde zu weit führen.
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Schatzspange, Kaufmann Willkommensfrühling<ref>Chin. 贾迎春 Jiǎ Yíngchūn, wörtl. „Kaufmann Willkommensfrühling".</ref>, Kaufmann Erkundefrühling<ref>Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Kaufmann Erkundefrühling".</ref>, Kaufmann Kostbarfrühling<ref>Chin. 贾惜春 Jiǎ Xīchūn, wörtl. „Kaufmann Kostbarfrühling".</ref>, Li Wan<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, die verwitwete Schwiegertochter, auch „Frau Li" oder „Li Schleierfrau".</ref>, Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „König Phönixglanz".</ref> sowie Qiaojie [巧姐], Dajie [大姐] und Xiangling<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse" — ein zartes, duftiges Wassergewächs.</ref> vergnügten sich zusammen mit den Mädchen im Garten – nur Kajaljade war nirgends zu sehen.
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Kaufmann Willkommensfrühling bemerkte: „Wo bleibt denn Schwester Kajaljade? So ein Faulpelz! Sie wird doch nicht etwa noch schlafen?"
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Schatzspange sagte: „Wartet nur, ich gehe sie aufscheuchen!" Damit verließ sie die anderen und machte sich schnurstracks auf den Weg zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆].
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Unterwegs begegnete ihr die Schar der zwölf jungen Schauspielerinnen um Wenguan [文官]. Sie traten heran, begrüßten Schatzspange, und man plauderte eine Weile. Dann drehte Schatzspange sich um, wies in die Richtung zurück und sagte: „Die anderen sind alle dort drüben. Geht nur zu ihnen! Ich hole Fräulein Lin und komme dann nach." Damit schlenderte sie weiter zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss.
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Doch als sie plötzlich aufblickte, sah sie, wie Schatzjade eben dort hineinging. Schatzspange blieb stehen und senkte nachdenklich den Kopf. „Schatzjade und Kajaljade sind von klein auf zusammen aufgewachsen", überlegte sie. „Als Bruder und Schwester kennen sie zwischen sich vieles nicht, was andere als unschicklich empfänden, und sie necken und zanken sich unberechenbar. Außerdem ist Kajaljade von Natur aus argwöhnisch und nimmt schnell Anstoß. Wenn ich jetzt ebenfalls hineinginge, wäre das erstens für Schatzjade unangenehm, und zweitens könnte Kajaljade Verdacht schöpfen. Am besten kehre ich um." Nachdem sie zu diesem Schluss gekommen war, wandte sie sich ab.
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Gerade wollte sie die anderen Schwestern suchen, als sie vor sich ein Paar jadegrüner Schmetterlinge erblickte, groß wie runde Fächer, die im Windhauch auf und ab gaukelten – ein entzückender Anblick. Schatzspange wollte sie fangen, um sich an ihnen zu erfreuen, zog ihren Fächer aus dem Ärmel und trat aufs Gras, um ihnen nachzujagen. Doch die Schmetterlinge stiegen bald empor, bald senkten sie sich, kamen und gingen, flatterten zwischen Blumen hindurch und durch die Weidenzweige und drohten schließlich über den Bach zu entkommen. So lockten sie Schatzspange auf leisen Sohlen hinter sich her, bis zum Pavillon des Tropfenden Grüns [滴翠亭] mitten im Teich. Der duftende Schweiß rann ihr in Strömen herab, und ihr Atem ging in zarten, kurzen Stößen. Nun hatte Schatzspange keine Lust mehr, ihnen weiter nachzujagen, und wollte eben umkehren, als sie aus dem Pavillon Stimmengeflüster vernahm.
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Dieser Pavillon war ringsum von einem Wandelgang umgeben und auf gewundenen Brücken über dem Wasser des Teiches errichtet. Seine geschnitzten Gitterfenster waren auf allen vier Seiten mit Papier bespannt.
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Schatzspange hörte draußen die Stimmen und hielt den Schritt an, um aufmerksam zu lauschen. Da hörte sie jemanden sagen: „Sieh dir dieses Taschentuch an! Wenn es wirklich das ist, das du verloren hast, dann nimm es. Wenn nicht, gebe ich es dem zweiten jungen Herrn Duft [芸二爷] zurück."
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Eine andere Stimme antwortete: „Natürlich ist es meines! Gib es mir!"
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Die erste fuhr fort: „Und womit dankst du mir? Meinst du, ich hätte es umsonst herbeigeschafft?"
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Die andere erwiderte: „Ich habe dir doch eine Belohnung versprochen – natürlich werde ich dich nicht hintergehen."
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Die erste sagte: „Mir steht natürlich ein Dank zu, weil ich es dir gebracht habe. Aber willst du nicht auch den belohnen, der es gefunden hat?"
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Die andere widersprach: „Red keinen Unsinn! Er gehört zu den Herrschaften. Wenn er etwas von mir findet, muss er es selbstverständlich zurückgeben. Womit sollte ich ihn denn belohnen?"
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Die erste hielt ihr vor: „Wenn du ihn nicht belohnst, was soll ich ihm dann sagen? Er hat mir eindringlich eingeschärft: Wenn sie sich nicht erkenntlich zeigt, darfst du es ihr nicht geben!"
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Nach langem Schweigen hörte man die andere schließlich sagen: „Nun gut, dann gib ihm dies hier als Dank. Aber du darfst es niemandem erzählen! Du musst mir schwören!"
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Die erste beteuerte: „Wenn ich es auch nur einer einzigen Seele erzähle, soll mir ein Furunkel wachsen und ich eines schlimmen Todes sterben!"
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Dann sagte die andere: „Au weh! Wir reden und reden – wenn nun jemand draußen steht und heimlich zuhört! Am besten schieben wir die Gitterfenster auf. Wenn uns dann jemand hier sieht, wird er denken, wir plaudern nur. Und kommt er näher, können wir ihn rechtzeitig bemerken und aufhören."
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Als Schatzspange draußen diese Worte vernahm, erschrak sie und dachte: „Nicht umsonst heißt es seit alters, dass Diebe und Ehebrecherinnen stets einen scharfen Verstand besitzen. Wenn die beiden jetzt die Fenster aufmachen und mich hier sehen, werden sie vor Scham vergehen. Außerdem klang eine der Stimmen ganz nach Rotjade [红儿] aus Schatzjades Gemächern. Dieses hochnäsige, verschlagene Ding! Wenn sie nun erfährt, dass ich ihr Geheimnis kenne, ist sie imstande, wie ein in die Enge getriebener Hund über die Mauer zu springen – sie würde nicht nur einen Skandal verursachen, sondern ich selbst stünde auch noch dumm da. Am besten versuche ich, mich davonzuschleichen, aber dazu ist es wohl schon zu spät. Da muss ich wohl zum Trick der ‚Goldenen Zikade, die ihre Hülle abstreift' greifen." [Anm.: Strategem Nr. 21 der „36 Strategeme" – eine Ablenkungstaktik, bei der man die Aufmerksamkeit des Gegners auf ein falsches Ziel lenkt.]
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Noch ehe sie ihren Gedanken zu Ende geführt hatte, hörte sie es schon klappern. Da trat Schatzspange absichtlich laut auf und rief lachend: „Kajaljade, ich habe dich gesehen! Wo willst du dich verstecken?" Zugleich eilte sie mit Bedacht auf den Pavillon zu.
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Drinnen hatten Rotjade und Anhänger [坠儿] gerade das Fenster aufgeschoben, als sie Schatzspange so rufen und herankommen hörten. Beide erstarrten vor Schreck. Doch Schatzspange lächelte die zwei an und fragte: „Wo habt ihr Fräulein Lin versteckt?"
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Anhänger stammelte: „Fräulein Lin haben wir gar nicht gesehen."
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Schatzspange sagte: „Ich habe doch eben von drüben am Bach gesehen, wie Fräulein Lin hier kauerte und im Wasser plätscherte. Ich wollte mich anschleichen und sie erschrecken, aber ehe ich nah genug war, hat sie mich entdeckt und ist nach Osten verschwunden. Vielleicht hat sie sich hier drinnen versteckt!" Damit trat sie absichtlich in den Pavillon und tat, als suche sie überall, dann wandte sie sich schon wieder zum Gehen und sagte: „Sie muss wieder in eine Felsgrotte geschlüpft sein. Wenn eine Schlange sie beißt – geschieht ihr ganz recht!" So redend ging sie davon und amüsierte sich im Stillen darüber, wie geschickt sie die Sache überspielt hatte, und fragte sich, wie wohl den beiden jetzt zumute sein mochte.
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Nun hatte Rotjade Schatzspanges Darbietung tatsächlich für bare Münze genommen. Als Schatzspange außer Hörweite war, packte sie Anhänger am Ärmel und rief: „Das ist ja schrecklich! Fräulein Lin hat hier gehockt – die hat bestimmt alles gehört!"
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Anhänger verstummte und schwieg lange. Dann fragte Rotjade: „Was machen wir jetzt nur?"
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Anhänger sagte: „Selbst wenn sie es gehört hat – wen juckt das? Jede kümmert sich um ihren eigenen Kram, und damit basta."
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Rotjade erwiderte: „Wenn es Fräulein Xue [薛] gehört hätte, wäre es nicht so schlimm. Aber Fräulein Lin hat eine scharfe Zunge und ein feines Gespür. Wenn sie es gehört hat und die Sache nach draußen dringt, was dann?" Während die beiden noch redeten, kamen Wenguan, Xiangling, Siqi [司棋] und Daishu [侍书] zum Pavillon herauf. Die beiden mussten ihr Gespräch abbrechen und sich stattdessen mit den anderen fröhlich unterhalten.
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Da erblickten sie Phönixglanz [凤姐], die oben auf dem Berghang stand und winkte. Rotjade ließ sofort die anderen stehen, lief zu Phönixglanz und fragte lächelnd: „Was habt Ihr zu befehlen, junge gnädige Frau?"
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Phönixglanz musterte sie aufmerksam und befand sie für hübsch und adrett; auch ihre Art zu sprechen gefiel ihr. So sagte sie lächelnd: „Meine Mädchen sind heute nicht mitgekommen. Mir ist gerade etwas eingefallen, und ich möchte jemanden hinüberschicken. Aber ich weiß nicht, ob du das schaffst und ob du alles richtig und vollständig bestellen kannst."
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Rotjade lächelte: „Gebt mir nur Eure Anweisungen, junge gnädige Frau! Wenn ich etwas vergesse und dadurch Schaden anrichte, könnt Ihr mich nach Belieben bestrafen."
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Phönixglanz fragte lächelnd: „Zu welchem Fräulein gehörst du? Wenn ich dich wegschicke und sie zurückkommt und dich vermisst, will ich ihr Bescheid sagen können."
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Rotjade antwortete: „Ich bin aus den Gemächern des zweiten jungen Herrn Schatzjade."
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Phönixglanz hörte es und sagte lächelnd: „Ach, du gehörst zu Schatzjade! Kein Wunder! Nun, macht nichts. Geh hinüber zu mir und sage Schwester Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen".</ref>: Im äußeren Raum auf dem Tisch, unter dem Ständer mit dem Teller aus Ru-Keramik [汝窑], liegt ein Päckchen Silber – einhundertsechzig Liang, bestimmt als Lohn für den Sticker. Wenn Frau Zhang Cai danach kommt, soll Friedchen es ihr vorwiegen und dann aushändigen. Außerdem liegt auf dem Bett im Innenraum ein kleines besticktes Täschchen – das bringst du mir."
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Als Rotjade den Auftrag vernommen hatte, machte sie sich sogleich auf den Weg. Bei ihrer Rückkehr war Phönixglanz nicht mehr auf dem Berghang. Da bemerkte sie Siqi, die aus einer Felsgrotte schlüpfte und stehenblieb, um sich den Rock zu richten. Rotjade trat auf sie zu und fragte: „Schwester, weißt du, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"
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Siqi sagte: „Keine Ahnung."
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Rotjade sah sich nach allen Seiten um und erblickte Kaufmann Erkundefrühling und Schatzspange, die am Teich standen und die Fische betrachteten. Sie trat lächelnd auf sie zu und fragte: „Wissen die Fräulein, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"
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Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Schau im Hof der ersten jungen gnädigen Frau nach!"
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Rotjade machte sich auf den Weg zum Reisduftdorf [稻香村], da kamen ihr Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".</ref>, Qixia [绮霰], Bihen [碧痕], Zixiao [紫绡], Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref>, Daishu, Ruhua [入画] und Yinger [莺儿] in einer ganzen Schar entgegen.
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Kaum hatte Heitermuster Rotjade erblickt, fuhr sie sie an: „Du bist wohl verrückt geworden! Die Blumen im Hof sind nicht gegossen, die Vögel nicht gefüttert, der Teeofen nicht angeheizt – und du treibst dich draußen herum!"
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Rotjade entgegnete: „Gestern hat der zweite junge Herr gesagt, heute brauche man nicht zu gießen, es reiche, jeden zweiten Tag zu wässern. Die Vögel habe ich gefüttert, als du noch geschlafen hast, Schwester."
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Bihen fragte: „Und was ist mit dem Teeofen?"
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Rotjade erwiderte: „Heute bin ich nicht an der Reihe mit dem Anheizen. Ob es Tee gibt oder nicht – fragt nicht mich."
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Qixia sagte: „Hört euch nur ihr Mundwerk an! Lasst sie in Ruhe, soll sie doch spazieren gehen!"
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Rotjade hielt dagegen: „Fragt mich doch erst, ob ich spazieren gehe! Die zweite junge gnädige Frau hat mich mit einer Botschaft und einem Auftrag losgeschickt." Bei diesen Worten hob sie das kleine Täschchen hoch, damit alle es sehen konnten. Darauf schwiegen sie endlich, und man ging getrennt auseinander.
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Heitermuster aber sagte mit kaltem Spott: „Kein Wunder! Da hat sich eine auf den hohen Ast geschwungen und schaut auf uns herab. Ob man auch nur einen halben Satz mit ihr gewechselt und ob man ihren Namen überhaupt zur Kenntnis genommen hat, das wissen wir nicht – aber sie ist schon ganz aus dem Häuschen! Dieses eine Mal zählt noch gar nichts. Warten wir ab, was danach kommt! Wenn sie wirklich so tüchtig ist, soll sie den Garten hier für immer verlassen und auf ihrem hohen Ast bleiben – das wäre wirklich etwas!" Mit diesen Worten ging auch sie davon.
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Rotjade hatte alles gehört, konnte sich aber schlecht auf einen Streit einlassen. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und suchte weiter nach Phönixglanz. In Li Wans Gemächern fand sie sie schließlich, wo die beiden miteinander plauderten.
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Rotjade trat vor und berichtete: „Schwester Friedchen lässt ausrichten: Gleich nachdem Ihr gegangen wart, gnädige Frau, hat sie das Silber an sich genommen. Inzwischen ist Frau Zhang Cai gekommen, und Schwester Friedchen hat es in ihrer Gegenwart abgewogen und ihr dann ausgehändigt." Sie reichte Phönixglanz das Täschchen und fuhr fort: „Schwester Friedchen bittet mich, Euch zu melden: Laiwang [旺儿] war da und wollte Eure Anweisungen einholen, damit er zu jener Familie gehen kann. Schwester Friedchen hat ihn nach Eurem Wunsch abgefertigt."
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Phönixglanz fragte lächelnd: „Und wie hat sie ihn nach meinem Wunsch abgefertigt?"
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Rotjade antwortete: „Schwester Friedchen sagte: Unsere junge gnädige Frau lässt die gnädige Frau dort drüben grüßen. Es stimmt, dass unser zweiter junger Herr nicht zu Hause ist, und auch wenn sich die Sache um ein paar Tage verzögert, möge die gnädige Frau unbesorgt sein. Sobald es der fünften jungen gnädigen Frau etwas besser geht, wird unsere junge gnädige Frau zusammen mit der fünften jungen gnädigen Frau kommen, um die gnädige Frau zu besuchen. Die fünfte junge gnädige Frau hatte neulich jemanden geschickt und ausrichten lassen, die gnädige Frau Tante habe geschrieben und lasse die gnädige Frau grüßen. Außerdem bitte sie, bei der hiesigen gnädigen Frau Kusine nachzufragen, ob sie zwei Stück von den lebensverlängernden Wunderpillen erübrigen könne. Wenn die gnädige Frau welche hat, möge sie sie zu unserer jungen gnädigen Frau bringen lassen, denn demnächst fährt jemand zur gnädigen Frau Tante, der sie mitnehmen könnte."
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Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, unterbrach Li Wan sie: „Herrje! Das verstehe ich kein Wort! Was für ein Haufen gnädiger Frauen und gnädiger Herren!"
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Phönixglanz lachte: „Kein Wunder, dass du das nicht verstehst – hier geht es um vier oder fünf verschiedene Familien auf einmal." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Braves Kind, wie ordentlich und vollständig du das alles vorgetragen hast! Nicht so gezwungen und mit so einem Mückengesumme wie die anderen. – Du weißt ja nicht, Schwägerin", sagte sie zu Li Wan, „dass ich außer meinen engsten Leuten richtiggehend Angst habe, mit den Mädchen und Frauen zu reden. Jeden Satz ziehen sie so in die Länge, dass er in zwei, drei Bruchstücke zerfällt. Sie suchen nach Worten, setzen ein affektiertes Gesicht auf, drücken und quetschen und summen nur so vor sich hin – und ich könnte vor Ungeduld platzen, ohne dass sie es merken! Anfangs war unsere Friedchen genauso. Da habe ich sie gefragt: 'Glaubst du vielleicht, es wirkt besonders schön, wenn du summst wie eine Mücke?' Erst nachdem ich ihr das ein paarmal gesagt hatte, wurde sie etwas besser."
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Li Wan lachte: „Du bist erst zufrieden, wenn alle so sind wie du selbst, du heruntergekommener Tunichtgut!"
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Phönixglanz fuhr fort: „Dieses Mädchen hier ist gut. Die beiden Male vorhin – was sie zu sagen hatte, war nicht viel, aber es klang knapp und klar." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Komm morgen zu mir und diene bei mir! Ich nehme dich als Tochter an. Wenn ich mich um deine Erziehung kümmere, wird etwas Rechtes aus dir."
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Rotjade platzte heraus und lachte. Phönixglanz fragte: „Warum lachst du? Meinst du, ich bin zu jung, um deine Mutter zu sein? Bilde dir nur ja nichts ein! Erkundige dich mal – es gibt genug Leute, die viel älter sind als du und froh wären, wenn ich sie als Patenkinder annähme, aber ich lehne ab. Heute habe ich dir eine Ehre erwiesen!"
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Rotjade sagte lächelnd: „Ich habe nicht deswegen gelacht. Ich lachte, weil Ihr die Generationen durcheinanderbringt, gnädige Frau. Meine Mutter ist doch schon Eure Patentochter, und nun wollt Ihr auch mich als Tochter annehmen!"
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Phönixglanz fragte: „Wer ist denn deine Mutter?"
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Li Wan lachte: „Du kennst sie tatsächlich nicht? Sie ist die Tochter von Lin Zhixiao [林之孝]."
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Phönixglanz war höchst erstaunt: „Ach was! Seine Tochter also!" Dann lachte sie: „Aus Lin Zhixiao und seiner Frau würde man keinen Ton herausbekommen, selbst wenn man sie mit einer Ahle stäche. Ich sage immer, die beiden sind ein ebenbürtiges Paar – tauber Himmel und stumme Erde. Wer hätte gedacht, dass sie so eine aufgeweckte Tochter haben! Wie alt bist du?"
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Rotjade antwortete: „Siebzehn."
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Nach ihrem Namen gefragt, erklärte sie: „Eigentlich heiße ich Rotjade<ref>Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjade". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.</ref>, aber weil mein Name den des zweiten jungen Herrn Schatzjade berührt, werde ich jetzt nur noch Kleine Rote genannt."
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Phönixglanz runzelte die Brauen, wandte sich ab und sagte: „Das ist ja nicht auszuhalten! Als ob einem der Bestandteil 'Jade' irgendwelche Vorteile brächte! Jeder hier heißt Jade."
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Dann fuhr sie fort: „Also abgemacht, du kommst zu mir! Dabei hatte ich noch zu deiner Mutter gesagt: 'Frau Lai Da hat zuviel zu tun und weiß nicht einmal, wer hier wer ist – such du mir ein paar gute Mädchen aus, die ich bei mir anstellen kann.' Genau so hat sie es mir versprochen, und dann schickt sie ihre eigene Tochter anderswohin. Als ob es bei mir nicht gut wäre!"
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Li Wan lachte: „Da bist du wieder einmal zu misstrauisch. Das Mädchen war doch schon hier angestellt, ehe du das gesagt hast. Also kannst du ihrer Mutter keinen Vorwurf machen."
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Phönixglanz sagte: „Dann werde ich morgen mit Schatzjade sprechen und ihn bitten, sich jemand anderen geben zu lassen. Dieses Mädchen kommt zu mir. Nur weiß ich nicht, ob sie selbst es möchte."
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Rotjade lächelte: „Wer von uns wagt schon zu sagen, ob sie möchte oder nicht? Aber wenn man bei Euch dient, gnädige Frau, kann man lernen, worauf es ankommt – nach oben und unten, nach innen und außen, im Großen wie im Kleinen, überall sammelt man Erfahrung."
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Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen der Herrin Wang<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Herrin Wang", Schatzjades Mutter.</ref>, um Phönixglanz zu sich bitten zu lassen. Phönixglanz verabschiedete sich also von Li Wan und ging. Rotjade kehrte in den Hof der Freude am Roten zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Kajaljade nun war nach der schlaflos verbrachten Nacht am nächsten Morgen spät aufgestanden. Als sie hörte, dass alle Schwestern im Garten versammelt waren, um die Blütengöttin zu verabschieden, wusch und kämmte sie sich rasch, um nicht als faul und stumpfsinnig zu gelten, und ging hinaus. Gerade war sie in den Hof getreten, als Schatzjade zum Tor hereinkam und lächelnd fragte: „Liebste Schwester, hast du mich gestern nun verraten oder nicht? Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht."
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Kajaljade aber wandte sich um und rief Purpurkuckuck zu: „Räum die Zimmer auf, lass ein Gazefenster herunter! Wenn die großen Schwalben zurückkommen, lass den Vorhang herab und beschwer ihn mit dem Steinlöwen! Und wenn du geräuchert hast, tu den Deckel auf den Räucherofen!" Während sie noch sprach, ging sie schon zum Tor hinaus.
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Schatzjade glaubte, es ginge immer noch um den Vorfall vom gestrigen Mittag, denn von der Szene am Abend wusste er ja nichts. So verbeugte er sich mit zusammengelegten Händen vor ihr, doch Kajaljade würdigte ihn keines Blickes, trat hinaus und ging, die anderen Schwestern zu suchen. Schatzjade blieb ratlos zurück und grübelte: „Dem Anschein nach geht es nicht um die Sache von gestern Mittag. Aber danach bin ich spät zurückgekommen und habe sie nicht mehr gesehen – ich kann sie also unmöglich gekränkt haben." Während er darüber nachdachte, trugen ihn seine Füße unwillkürlich hinter ihr her.
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Da erblickte er Schatzspange und Kaufmann Erkundefrühling<ref>Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Kaufmann Erkundefrühling".</ref>, die dort drüben den Mandschurenkranichen zusahen. Kajaljade trat zu ihnen, und alle drei standen beisammen und plauderten. Als Schatzjade näher kam, begrüßte ihn Kaufmann Erkundefrühling lächelnd: „Wie geht es dir, Bruder Schatzjade? Volle drei Tage habe ich dich nicht gesehen!"
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Schatzjade erwiderte lächelnd: „Wie geht es dir, Schwester? Neulich habe ich mich bei der Schwägerin nach dir erkundigt."
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Kaufmann Erkundefrühling bat: „Komm bitte hierher, ich muss mit dir sprechen."
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Schatzjade folgte ihr zu einem Granatapfelbaum. Dort fragte sie: „Hat Vater dich in letzter Zeit rufen lassen?"
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Schatzjade antwortete lächelnd: „Nein."
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Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Mir war gestern so, als hätte ich gehört, Vater habe dich zu sich bestellt."
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Schatzjade lachte: „Da muss sich jemand verhört haben. Er hat mich wirklich nicht rufen lassen."
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Kaufmann Erkundefrühling fuhr fort: „In den letzten Monaten habe ich wieder gut zehn Schnüre Kupfermünzen zusammengespart. Nimm sie an dich, und wenn du demnächst einmal ausreitest, bring mir schöne Kalligraphien und Bilder mit, oder ein paar hübsche Kleinigkeiten."
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Schatzjade erwiderte: „Ich war in den großen Tempeln und kleinen Klöstern innerhalb und außerhalb der Stadtmauern, habe aber nirgends etwas Neues und Feines entdeckt. Überall gibt es nur Gold und Jade, Bronze und Porzellan, Antiquitäten, die man nirgends hinstellen kann, und sonst Seide, Esswaren und Kleider."
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Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Wer möchte denn so etwas? Ich meine Sachen wie die, die du letztens gekauft hast – kleine Körbchen aus geflochtenen Weidenruten, Weihrauchdöschen aus ganzen Bambuswurzeln geschnitzt, Kochöfchen aus Ton geformt – das ist das Richtige! Wie sehr ich mich darüber gefreut habe! Aber dann fanden alle anderen auch Gefallen daran und haben alles weggeschnappt, als wären es Kostbarkeiten."
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Schatzjade lachte: „Ach, so etwas willst du haben! Das kostet doch fast nichts. Gib den Burschen fünfhundert Münzen, und sie bringen dir einen ganzen Wagen voll."
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Kaufmann Erkundefrühling widersprach: „Was verstehen die Burschen schon davon? Du musst die Sachen selbst aussuchen – schlicht, aber nicht vulgär, ungekünstelt, aber nicht plump. Davon bring mir nur recht viel mit! Dafür mache ich dir wieder ein Paar Schuhe wie letztes Mal, nur dass ich mir diesmal noch mehr Mühe geben werde. Was meinst du?"
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Schatzjade lachte: „Da du gerade die Schuhe erwähnst, fällt mir etwas ein. Als ich sie neulich trug, begegnete ich ausgerechnet dem Vater, und sie gefielen ihm gar nicht. Er fragte, wer sie gemacht habe. Wie hätte ich es wagen können, den Namen ‚dritte Schwester' auszusprechen? Also sagte ich, ich hätte sie zum Geburtstag von der Tante bekommen. Da konnte er schlecht etwas sagen, aber nach langem Schweigen meinte er doch: ‚Was für eine Verschwendung von Arbeitskraft! Guten Seidenstoff zu verderben für solche Dinge!' Als ich zurückkam und Dufthauch davon erzählte, sagte sie: ‚Das ist noch gar nichts! Tante Zhao<ref>Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng, „Tante Zhao", die Nebenfrau Kaufmann Aufrechts.</ref> hat sich schrecklich darüber aufgeregt: Ihr leiblicher Bruder geht in schlabbernden Schuhen und Strümpfen, und das sieht sie nicht, aber für den da näht sie solche feinen Schuhe!'"
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Sofort verdüsterte sich Kaufmann Erkundefrühlings Miene. „Was für ein unsinniges Gerede!" sagte sie. „Bin ich etwa zum Schuhnähen verpflichtet? Hat Kaufmann Ring<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Kaufmann Ring", Halbbruder Schatzjades von einer Nebenfrau.</ref> etwa keine Zulagen? Hat er etwa keine Leute? Hat er nicht ebenso seine Kleider, Schuhe und Strümpfe? Sein ganzes Zimmer wimmelt von Mägden und Frauen – wie kann sie sich so beklagen! Und vor wem hat sie das gesagt! Ich nähe nur dann mal ein Paar Schuhe, wenn ich Muße habe und gerade nichts anderes zu tun ist. Wem ich sie schenke, entscheide ich ganz allein. Ich möchte den sehen, der mir da Vorschriften zu machen wagt! Sie regt sich völlig grundlos auf."
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Schatzjade nickte lächelnd: „Du weißt wohl nicht, dass sie dabei ihre eigenen Gedanken hat."
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Jetzt ärgerte sich Kaufmann Erkundefrühling erst recht. Sie wandte sich ab und sagte: „Du bist mir ein schöner Wirrkopf! Natürlich hat sie ihre eigenen Gedanken, aber die entsprechen ihrer niedrigen, kleinlichen Gesinnung. Soll sie nur immer so denken! Für mich zählen einzig und allein Vater und die gnädige Frau, und sonst niemand! Unter den Geschwistern aber bin ich nett zu jedem, der nett zu mir ist – was „Erstfrau" und „Nebenfrau" bedeuten soll, davon weiß ich nichts. Eigentlich dürfte ich so nicht über sie sprechen, aber sie ist einfach unfassbar töricht!
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Und da gibt es noch eine lächerliche Geschichte. Als ich dir letztens das Geld gab, damit du für mich einkaufst – zwei Tage später traf ich sie, und da jammerte sie, wie schwer sie es ohne Geld habe. Ich sagte nichts dazu. Aber als dann meine Mädchen draußen waren, beklagte sie sich, ich hätte mein Erspartes dir statt Kaufmann Ring ausgeben lassen. Als ich das hörte, wusste ich nicht, ob ich lachen oder wütend sein sollte. Also ging ich gleich zur gnädigen Frau hinüber und ..."
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Noch ehe sie ausgesprochen hatte, rief Schatzspange von drüben herüber und lachte: „Seid ihr endlich fertig? Dann kommt her! Man sieht, dass ihr Bruder und Schwester seid – ihr lasst die anderen einfach stehen und tauscht Geheimnisse aus. Wir dürfen wohl nicht einmal einen einzigen Satz davon hören!"
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Darauf kamen Kaufmann Erkundefrühling und Schatzjade lachend herüber.
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Als Schatzjade bemerkte, dass Kajaljade verschwunden war, wusste er, dass sie ihm aus dem Weg gegangen sein musste. Er überlegte kurz und entschied, es sei am besten, ein paar Tage zu warten, bis ihr Zorn verraucht war, ehe er sie wieder aufsuchte. Als er den Blick senkte, sah er, dass der Boden dicht mit Balsaminenblüten, Granatapfelblüten und allerlei anderen herabgefallenen Blüten bedeckt war, und seufzte: „In ihrer Betrübnis hat sie nicht einmal die Blüten aufgesammelt. Ich werde sie hinaustragen, und morgen frage ich sie danach."
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Gerade rief Schatzspange ihn und Kaufmann Erkundefrühling auf, den Garten zu verlassen. Schatzjade sagte: „Ich komme gleich nach." Und als die beiden fort waren, raffte er die Blüten zusammen, überquerte Hügel und Bäche, drang zwischen Bäumen und Blumenstauden hindurch und steuerte geradewegs jene Stelle an, wo er einst mit Kajaljade zusammen die Pfirsichblüten begraben hatte. Schon war er fast am Blütengrab angelangt und musste nur noch um einen Felsvorsprung biegen, da hörte er von der anderen Seite ein Schluchzen, das bald verstummte und bald von neuem aufstieg, durchsetzt von klagenden Worten – ein herzzerreißendes Weinen.
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Schatzjade dachte: „Welches Mädchen mag das sein, das von jemandem gekränkt wurde und sich hierher zum Weinen zurückgezogen hat?" Er blieb stehen und lauschte. Da vernahm er, wie jene Stimme unter Tränen sprach:
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Blüten welken, Blüten wirbeln zahllos durch die Luft –
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Rot verbleicht, Duft erlischt, doch niemand trauert ihnen nach.
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Weiche Sommerfäden legen sich ums Gartenhaus,
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leichte Weidenflocken sinken auf den Bettvorhang.
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Einsam trauert dort ein Mädchen dem vergehenden Frühling nach,
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doch ihr Herz voll Kummer findet nirgends ein Gehör.
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Die Blumenhacke in den Händen, tritt sie aus ihrem Haus,
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den Teppich welker Blüten zu betreten scheut ihr Fuß.
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Weiden und Ulmen stehen üppig in ihrem grünen Kleid,
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die Leiden von Pfirsich und Pflaume kümmern sie nicht.
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Pfirsich und Pflaume erblühen wohl aufs Neue im nächsten Jahr,
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doch wer wird dann noch hier sein in dem stillen Haus?
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Im dritten Monat war das duftende Nest aus Blüten schon vollendet,
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herzlos sind die Schwalben droben im Gebälk!
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Im nächsten Frühling finden sie zwar neue Blüten zum Bau,
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doch fort sind die Menschen, leer das Haus, zerfallen das Nest.
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Dreihundertsechzig Tage zählt das Jahr,
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und Wind wie Messer, Frost wie Schwerter drängen unerbittlich.
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Wie lange nur kann frische Pracht und helle Schönheit dauern?
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Ein einziger Morgen des Verwehens, und sie sind unwiederbringlich fort.
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Die Blüte, leicht zu sehen, ist im Fallen schwer zu finden,
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bekümmert steht das Mädchen trauernd an der Treppenstufe.
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Als es verstohlen sich die Augen trockenwischt,
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sieht es: Blut befleckt die Tränenspur auf den Blütenzweigen.
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Der Kuckuck schweigt, die Abenddämmerung bricht herein,
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das Mädchen schultert seine Hacke, geht heim und schließt die Tür.
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Im bleichen Lampenschein an der Wand sucht es den ersten Schlaf,
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der kalte Regen klopft ans Fenster, doch die Decke wärmt nicht.
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Du fragst, was mich so sehr betrübt, was meine Seele quält?
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Teils dauert mich der Frühling, und teils bin ich ihm gram.
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Bedauern kommt so plötzlich, Zorn vergeht so schnell,
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schweigend überkommt es mich, und schweigend schwindet es.
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Gestern Nacht erklang im Hof ein qualvolles Klagelied –
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war es der Vögel Seele? War es der Blüten Geist?
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Doch Blütengeist und Vogelseele halten sich nicht auf,
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den Vögeln fehlt die Sprache, und die Blüten – sie sind scheu.
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O hätt ich unter meinen Armen ein kräftiges Flügelpaar,
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den Blüten wollt ich folgen bis ans Ende aller Welt!
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Ans Ende aller Welt – wo gibt es dort ein duftiges Grab?
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Besser, man hüllt in seidene Tücher die lieblichen Gebeine
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und deckt mit reiner Erde zu die welke, einstige Pracht.
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Sauber, wie einst sie kamen, kehren sie sauber heim
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und werden nicht besudelt mit dem Schlamm der Rinnsteingruben.
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Euch, meine toten Blüten, bette ich heute ins Grab –
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doch wann wird man mich selber betten? Wer weiß es schon!
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Dass ich die Blüten begrabe, nennen die Leute Torheit –
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doch wer wird mich begraben, wenn ich dereinst gestorben bin?
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Seht hin: Wenn der Frühling vergeht und die Blüten fallen,
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ist auch für rote Mädchenwangen die Schicksalsstunde nah.
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Unversehens vergehen die Tage des Frühlings, verblüht die Jugend –
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die Blüten welken, und ich sterbe, und keiner weiß davon!
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Als Schatzjade dies vernahm, stürzte er, von törichtem Schmerz überwältigt, zu Boden.
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Wer erfahren will, was weiter geschah, der lese das nächste Kapitel.
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<references />

Revision as of 12:29, 15 April 2026

Kapitel: [1-10] · [11-20] · 21 · 22 · 23 · 24 · 25 · 26 · 27 · 28 · 29 · 30 · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

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Kapitel 27

滴翠亭杨妃戏彩蝶

埋香冢飞燕泣残红

Am Pavillon des Tropfenden Grüns jagt die kaiserliche Gemahlin nach bunten Schmetterlingen Am duftenden Grabhügel beweint die fliegende Schwalbe die welkenden Blüten

Wie erzählt wird, weinte Kajaljade[1] noch vor sich hin, als sie plötzlich das Hoftor knarren hörte und Schatzspange[2] herauskommen sah. Schatzjade[3], Dufthauch[4] und ein ganzer Schwarm von Mädchen gaben ihr das Geleit. Kajaljade wollte schon auf sie zutreten und Schatzjade zur Rede stellen, doch dann fürchtete sie, ihn vor all den anderen in Verlegenheit zu bringen. Darum wich sie zur Seite und ließ Schatzspange vorübergehen. Erst als Schatzjade und sein Gefolge wieder hineingegangen und das Tor geschlossen war, trat sie hervor und blickte noch einmal zum Tor hinüber, wobei sie ein paar Tränen vergoss. Als sie schließlich das Sinnlose ihres Tuns empfand, kehrte sie um und ging in ihre Räume zurück, wo sie niedergeschlagen den Rest ihres Schmucks ablegte.

Purpurkuckuck[5] und Schneegeißlein[6] kannten Kajaljades Wesen seit langem: Grundlos saß sie da und grübelte, die Brauen entweder vor Kummer gerunzelt oder lange Seufzer ausstoßend, und aus heiterem Himmel, ohne jeden erkennbaren Anlass, vergoss sie nicht enden wollende Tränenströme. Anfangs hatten die anderen noch versucht, sie zu trösten – im Glauben, sie trauere um ihre verstorbenen Eltern, sehne sich nach der Heimat oder sei von jemandem gekränkt worden –, und hatten ihr gut zugeredet. Doch als es Monat für Monat, Jahr für Jahr so weiterging, hatte man sich an dieses Bild gewöhnt und kümmerte sich nicht mehr darum.

So schenkte ihr auch diesmal niemand Beachtung, und alle gingen schlafen, während Kajaljade am Bettgeländer lehnte, die Knie mit den Armen umschlungen, Tränen in den Augen, reglos wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton geformt, bis weit nach der zweiten Nachtwache. Dann erst legte auch sie sich hin. Über den Rest der Nacht ist nichts zu berichten.

Am folgenden Tag, dem sechsundzwanzigsten des vierten Monats, fiel zur Stunde des Schafes [Anm.: 13–15 Uhr] der Beginn des Solarterms „Ähren in Grannen" [芒种]. Nach uraltem Brauch pflegte man an diesem Tag allerlei Gaben aufzustellen und der Blütengöttin ein Abschiedsopfer darzubringen, denn sobald die Ährenzeit vorüber ist, beginnt der Sommer, alle Blüten welken dahin, und die Blütengöttin muss ihren Thron räumen – darum wird sie feierlich verabschiedet.

Im Frauengemach wurde dieser Brauch besonders eifrig gepflegt, und so waren an jenem Morgen alle Bewohnerinnen des Gartens der Großen Aussicht früh auf den Beinen. Die Mädchen flochten aus Blütenblättern und Weidenzweigen kleine Sänften und Pferde, falteten aus Seide und Gaze Fähnchen und Standarten, und banden alles mit bunten Seidenfäden fest. An jedem Baum, an jeder Blüte hingen solche Gaben. Der ganze Garten war ein Meer aus flatternden Bändern und wogenden Blütenzweigen; und die festlich geschmückten Mädchen hätten Pfirsich- und Aprikosenblüten vor Neid erblassen und Schwalben und Goldamseln vor Beschämung verstummen lassen. Doch das alles hier zu beschreiben, würde zu weit führen.

Schatzspange, Kaufmann Willkommensfrühling[7], Kaufmann Erkundefrühling[8], Kaufmann Kostbarfrühling[9], Li Wan[10], Phönixglanz[11] sowie Qiaojie [巧姐], Dajie [大姐] und Xiangling[12] vergnügten sich zusammen mit den Mädchen im Garten – nur Kajaljade war nirgends zu sehen.

Kaufmann Willkommensfrühling bemerkte: „Wo bleibt denn Schwester Kajaljade? So ein Faulpelz! Sie wird doch nicht etwa noch schlafen?"

Schatzspange sagte: „Wartet nur, ich gehe sie aufscheuchen!" Damit verließ sie die anderen und machte sich schnurstracks auf den Weg zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss [潇湘馆].

Unterwegs begegnete ihr die Schar der zwölf jungen Schauspielerinnen um Wenguan [文官]. Sie traten heran, begrüßten Schatzspange, und man plauderte eine Weile. Dann drehte Schatzspange sich um, wies in die Richtung zurück und sagte: „Die anderen sind alle dort drüben. Geht nur zu ihnen! Ich hole Fräulein Lin und komme dann nach." Damit schlenderte sie weiter zur Herberge am Xiaoxiang-Fluss.

Doch als sie plötzlich aufblickte, sah sie, wie Schatzjade eben dort hineinging. Schatzspange blieb stehen und senkte nachdenklich den Kopf. „Schatzjade und Kajaljade sind von klein auf zusammen aufgewachsen", überlegte sie. „Als Bruder und Schwester kennen sie zwischen sich vieles nicht, was andere als unschicklich empfänden, und sie necken und zanken sich unberechenbar. Außerdem ist Kajaljade von Natur aus argwöhnisch und nimmt schnell Anstoß. Wenn ich jetzt ebenfalls hineinginge, wäre das erstens für Schatzjade unangenehm, und zweitens könnte Kajaljade Verdacht schöpfen. Am besten kehre ich um." Nachdem sie zu diesem Schluss gekommen war, wandte sie sich ab.

Gerade wollte sie die anderen Schwestern suchen, als sie vor sich ein Paar jadegrüner Schmetterlinge erblickte, groß wie runde Fächer, die im Windhauch auf und ab gaukelten – ein entzückender Anblick. Schatzspange wollte sie fangen, um sich an ihnen zu erfreuen, zog ihren Fächer aus dem Ärmel und trat aufs Gras, um ihnen nachzujagen. Doch die Schmetterlinge stiegen bald empor, bald senkten sie sich, kamen und gingen, flatterten zwischen Blumen hindurch und durch die Weidenzweige und drohten schließlich über den Bach zu entkommen. So lockten sie Schatzspange auf leisen Sohlen hinter sich her, bis zum Pavillon des Tropfenden Grüns [滴翠亭] mitten im Teich. Der duftende Schweiß rann ihr in Strömen herab, und ihr Atem ging in zarten, kurzen Stößen. Nun hatte Schatzspange keine Lust mehr, ihnen weiter nachzujagen, und wollte eben umkehren, als sie aus dem Pavillon Stimmengeflüster vernahm.

Dieser Pavillon war ringsum von einem Wandelgang umgeben und auf gewundenen Brücken über dem Wasser des Teiches errichtet. Seine geschnitzten Gitterfenster waren auf allen vier Seiten mit Papier bespannt.

Schatzspange hörte draußen die Stimmen und hielt den Schritt an, um aufmerksam zu lauschen. Da hörte sie jemanden sagen: „Sieh dir dieses Taschentuch an! Wenn es wirklich das ist, das du verloren hast, dann nimm es. Wenn nicht, gebe ich es dem zweiten jungen Herrn Duft [芸二爷] zurück."

Eine andere Stimme antwortete: „Natürlich ist es meines! Gib es mir!"

Die erste fuhr fort: „Und womit dankst du mir? Meinst du, ich hätte es umsonst herbeigeschafft?"

Die andere erwiderte: „Ich habe dir doch eine Belohnung versprochen – natürlich werde ich dich nicht hintergehen."

Die erste sagte: „Mir steht natürlich ein Dank zu, weil ich es dir gebracht habe. Aber willst du nicht auch den belohnen, der es gefunden hat?"

Die andere widersprach: „Red keinen Unsinn! Er gehört zu den Herrschaften. Wenn er etwas von mir findet, muss er es selbstverständlich zurückgeben. Womit sollte ich ihn denn belohnen?"

Die erste hielt ihr vor: „Wenn du ihn nicht belohnst, was soll ich ihm dann sagen? Er hat mir eindringlich eingeschärft: Wenn sie sich nicht erkenntlich zeigt, darfst du es ihr nicht geben!"

Nach langem Schweigen hörte man die andere schließlich sagen: „Nun gut, dann gib ihm dies hier als Dank. Aber du darfst es niemandem erzählen! Du musst mir schwören!"

Die erste beteuerte: „Wenn ich es auch nur einer einzigen Seele erzähle, soll mir ein Furunkel wachsen und ich eines schlimmen Todes sterben!"

Dann sagte die andere: „Au weh! Wir reden und reden – wenn nun jemand draußen steht und heimlich zuhört! Am besten schieben wir die Gitterfenster auf. Wenn uns dann jemand hier sieht, wird er denken, wir plaudern nur. Und kommt er näher, können wir ihn rechtzeitig bemerken und aufhören."

Als Schatzspange draußen diese Worte vernahm, erschrak sie und dachte: „Nicht umsonst heißt es seit alters, dass Diebe und Ehebrecherinnen stets einen scharfen Verstand besitzen. Wenn die beiden jetzt die Fenster aufmachen und mich hier sehen, werden sie vor Scham vergehen. Außerdem klang eine der Stimmen ganz nach Rotjade [红儿] aus Schatzjades Gemächern. Dieses hochnäsige, verschlagene Ding! Wenn sie nun erfährt, dass ich ihr Geheimnis kenne, ist sie imstande, wie ein in die Enge getriebener Hund über die Mauer zu springen – sie würde nicht nur einen Skandal verursachen, sondern ich selbst stünde auch noch dumm da. Am besten versuche ich, mich davonzuschleichen, aber dazu ist es wohl schon zu spät. Da muss ich wohl zum Trick der ‚Goldenen Zikade, die ihre Hülle abstreift' greifen." [Anm.: Strategem Nr. 21 der „36 Strategeme" – eine Ablenkungstaktik, bei der man die Aufmerksamkeit des Gegners auf ein falsches Ziel lenkt.]

Noch ehe sie ihren Gedanken zu Ende geführt hatte, hörte sie es schon klappern. Da trat Schatzspange absichtlich laut auf und rief lachend: „Kajaljade, ich habe dich gesehen! Wo willst du dich verstecken?" Zugleich eilte sie mit Bedacht auf den Pavillon zu.

Drinnen hatten Rotjade und Anhänger [坠儿] gerade das Fenster aufgeschoben, als sie Schatzspange so rufen und herankommen hörten. Beide erstarrten vor Schreck. Doch Schatzspange lächelte die zwei an und fragte: „Wo habt ihr Fräulein Lin versteckt?"

Anhänger stammelte: „Fräulein Lin haben wir gar nicht gesehen."

Schatzspange sagte: „Ich habe doch eben von drüben am Bach gesehen, wie Fräulein Lin hier kauerte und im Wasser plätscherte. Ich wollte mich anschleichen und sie erschrecken, aber ehe ich nah genug war, hat sie mich entdeckt und ist nach Osten verschwunden. Vielleicht hat sie sich hier drinnen versteckt!" Damit trat sie absichtlich in den Pavillon und tat, als suche sie überall, dann wandte sie sich schon wieder zum Gehen und sagte: „Sie muss wieder in eine Felsgrotte geschlüpft sein. Wenn eine Schlange sie beißt – geschieht ihr ganz recht!" So redend ging sie davon und amüsierte sich im Stillen darüber, wie geschickt sie die Sache überspielt hatte, und fragte sich, wie wohl den beiden jetzt zumute sein mochte.

Nun hatte Rotjade Schatzspanges Darbietung tatsächlich für bare Münze genommen. Als Schatzspange außer Hörweite war, packte sie Anhänger am Ärmel und rief: „Das ist ja schrecklich! Fräulein Lin hat hier gehockt – die hat bestimmt alles gehört!"

Anhänger verstummte und schwieg lange. Dann fragte Rotjade: „Was machen wir jetzt nur?"

Anhänger sagte: „Selbst wenn sie es gehört hat – wen juckt das? Jede kümmert sich um ihren eigenen Kram, und damit basta."

Rotjade erwiderte: „Wenn es Fräulein Xue [薛] gehört hätte, wäre es nicht so schlimm. Aber Fräulein Lin hat eine scharfe Zunge und ein feines Gespür. Wenn sie es gehört hat und die Sache nach draußen dringt, was dann?" Während die beiden noch redeten, kamen Wenguan, Xiangling, Siqi [司棋] und Daishu [侍书] zum Pavillon herauf. Die beiden mussten ihr Gespräch abbrechen und sich stattdessen mit den anderen fröhlich unterhalten.

Da erblickten sie Phönixglanz [凤姐], die oben auf dem Berghang stand und winkte. Rotjade ließ sofort die anderen stehen, lief zu Phönixglanz und fragte lächelnd: „Was habt Ihr zu befehlen, junge gnädige Frau?"

Phönixglanz musterte sie aufmerksam und befand sie für hübsch und adrett; auch ihre Art zu sprechen gefiel ihr. So sagte sie lächelnd: „Meine Mädchen sind heute nicht mitgekommen. Mir ist gerade etwas eingefallen, und ich möchte jemanden hinüberschicken. Aber ich weiß nicht, ob du das schaffst und ob du alles richtig und vollständig bestellen kannst."

Rotjade lächelte: „Gebt mir nur Eure Anweisungen, junge gnädige Frau! Wenn ich etwas vergesse und dadurch Schaden anrichte, könnt Ihr mich nach Belieben bestrafen."

Phönixglanz fragte lächelnd: „Zu welchem Fräulein gehörst du? Wenn ich dich wegschicke und sie zurückkommt und dich vermisst, will ich ihr Bescheid sagen können."

Rotjade antwortete: „Ich bin aus den Gemächern des zweiten jungen Herrn Schatzjade."

Phönixglanz hörte es und sagte lächelnd: „Ach, du gehörst zu Schatzjade! Kein Wunder! Nun, macht nichts. Geh hinüber zu mir und sage Schwester Friedchen[13]: Im äußeren Raum auf dem Tisch, unter dem Ständer mit dem Teller aus Ru-Keramik [汝窑], liegt ein Päckchen Silber – einhundertsechzig Liang, bestimmt als Lohn für den Sticker. Wenn Frau Zhang Cai danach kommt, soll Friedchen es ihr vorwiegen und dann aushändigen. Außerdem liegt auf dem Bett im Innenraum ein kleines besticktes Täschchen – das bringst du mir."

Als Rotjade den Auftrag vernommen hatte, machte sie sich sogleich auf den Weg. Bei ihrer Rückkehr war Phönixglanz nicht mehr auf dem Berghang. Da bemerkte sie Siqi, die aus einer Felsgrotte schlüpfte und stehenblieb, um sich den Rock zu richten. Rotjade trat auf sie zu und fragte: „Schwester, weißt du, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"

Siqi sagte: „Keine Ahnung."

Rotjade sah sich nach allen Seiten um und erblickte Kaufmann Erkundefrühling und Schatzspange, die am Teich standen und die Fische betrachteten. Sie trat lächelnd auf sie zu und fragte: „Wissen die Fräulein, wohin die zweite junge gnädige Frau gegangen ist?"

Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Schau im Hof der ersten jungen gnädigen Frau nach!"

Rotjade machte sich auf den Weg zum Reisduftdorf [稻香村], da kamen ihr Heitermuster[14], Qixia [绮霰], Bihen [碧痕], Zixiao [紫绡], Moschusmond[15], Daishu, Ruhua [入画] und Yinger [莺儿] in einer ganzen Schar entgegen.

Kaum hatte Heitermuster Rotjade erblickt, fuhr sie sie an: „Du bist wohl verrückt geworden! Die Blumen im Hof sind nicht gegossen, die Vögel nicht gefüttert, der Teeofen nicht angeheizt – und du treibst dich draußen herum!"

Rotjade entgegnete: „Gestern hat der zweite junge Herr gesagt, heute brauche man nicht zu gießen, es reiche, jeden zweiten Tag zu wässern. Die Vögel habe ich gefüttert, als du noch geschlafen hast, Schwester."

Bihen fragte: „Und was ist mit dem Teeofen?"

Rotjade erwiderte: „Heute bin ich nicht an der Reihe mit dem Anheizen. Ob es Tee gibt oder nicht – fragt nicht mich."

Qixia sagte: „Hört euch nur ihr Mundwerk an! Lasst sie in Ruhe, soll sie doch spazieren gehen!"

Rotjade hielt dagegen: „Fragt mich doch erst, ob ich spazieren gehe! Die zweite junge gnädige Frau hat mich mit einer Botschaft und einem Auftrag losgeschickt." Bei diesen Worten hob sie das kleine Täschchen hoch, damit alle es sehen konnten. Darauf schwiegen sie endlich, und man ging getrennt auseinander.

Heitermuster aber sagte mit kaltem Spott: „Kein Wunder! Da hat sich eine auf den hohen Ast geschwungen und schaut auf uns herab. Ob man auch nur einen halben Satz mit ihr gewechselt und ob man ihren Namen überhaupt zur Kenntnis genommen hat, das wissen wir nicht – aber sie ist schon ganz aus dem Häuschen! Dieses eine Mal zählt noch gar nichts. Warten wir ab, was danach kommt! Wenn sie wirklich so tüchtig ist, soll sie den Garten hier für immer verlassen und auf ihrem hohen Ast bleiben – das wäre wirklich etwas!" Mit diesen Worten ging auch sie davon.

Rotjade hatte alles gehört, konnte sich aber schlecht auf einen Streit einlassen. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und suchte weiter nach Phönixglanz. In Li Wans Gemächern fand sie sie schließlich, wo die beiden miteinander plauderten.

Rotjade trat vor und berichtete: „Schwester Friedchen lässt ausrichten: Gleich nachdem Ihr gegangen wart, gnädige Frau, hat sie das Silber an sich genommen. Inzwischen ist Frau Zhang Cai gekommen, und Schwester Friedchen hat es in ihrer Gegenwart abgewogen und ihr dann ausgehändigt." Sie reichte Phönixglanz das Täschchen und fuhr fort: „Schwester Friedchen bittet mich, Euch zu melden: Laiwang [旺儿] war da und wollte Eure Anweisungen einholen, damit er zu jener Familie gehen kann. Schwester Friedchen hat ihn nach Eurem Wunsch abgefertigt."

Phönixglanz fragte lächelnd: „Und wie hat sie ihn nach meinem Wunsch abgefertigt?"

Rotjade antwortete: „Schwester Friedchen sagte: Unsere junge gnädige Frau lässt die gnädige Frau dort drüben grüßen. Es stimmt, dass unser zweiter junger Herr nicht zu Hause ist, und auch wenn sich die Sache um ein paar Tage verzögert, möge die gnädige Frau unbesorgt sein. Sobald es der fünften jungen gnädigen Frau etwas besser geht, wird unsere junge gnädige Frau zusammen mit der fünften jungen gnädigen Frau kommen, um die gnädige Frau zu besuchen. Die fünfte junge gnädige Frau hatte neulich jemanden geschickt und ausrichten lassen, die gnädige Frau Tante habe geschrieben und lasse die gnädige Frau grüßen. Außerdem bitte sie, bei der hiesigen gnädigen Frau Kusine nachzufragen, ob sie zwei Stück von den lebensverlängernden Wunderpillen erübrigen könne. Wenn die gnädige Frau welche hat, möge sie sie zu unserer jungen gnädigen Frau bringen lassen, denn demnächst fährt jemand zur gnädigen Frau Tante, der sie mitnehmen könnte."

Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, unterbrach Li Wan sie: „Herrje! Das verstehe ich kein Wort! Was für ein Haufen gnädiger Frauen und gnädiger Herren!"

Phönixglanz lachte: „Kein Wunder, dass du das nicht verstehst – hier geht es um vier oder fünf verschiedene Familien auf einmal." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Braves Kind, wie ordentlich und vollständig du das alles vorgetragen hast! Nicht so gezwungen und mit so einem Mückengesumme wie die anderen. – Du weißt ja nicht, Schwägerin", sagte sie zu Li Wan, „dass ich außer meinen engsten Leuten richtiggehend Angst habe, mit den Mädchen und Frauen zu reden. Jeden Satz ziehen sie so in die Länge, dass er in zwei, drei Bruchstücke zerfällt. Sie suchen nach Worten, setzen ein affektiertes Gesicht auf, drücken und quetschen und summen nur so vor sich hin – und ich könnte vor Ungeduld platzen, ohne dass sie es merken! Anfangs war unsere Friedchen genauso. Da habe ich sie gefragt: 'Glaubst du vielleicht, es wirkt besonders schön, wenn du summst wie eine Mücke?' Erst nachdem ich ihr das ein paarmal gesagt hatte, wurde sie etwas besser."

Li Wan lachte: „Du bist erst zufrieden, wenn alle so sind wie du selbst, du heruntergekommener Tunichtgut!"

Phönixglanz fuhr fort: „Dieses Mädchen hier ist gut. Die beiden Male vorhin – was sie zu sagen hatte, war nicht viel, aber es klang knapp und klar." Dann wandte sie sich lächelnd an Rotjade: „Komm morgen zu mir und diene bei mir! Ich nehme dich als Tochter an. Wenn ich mich um deine Erziehung kümmere, wird etwas Rechtes aus dir."

Rotjade platzte heraus und lachte. Phönixglanz fragte: „Warum lachst du? Meinst du, ich bin zu jung, um deine Mutter zu sein? Bilde dir nur ja nichts ein! Erkundige dich mal – es gibt genug Leute, die viel älter sind als du und froh wären, wenn ich sie als Patenkinder annähme, aber ich lehne ab. Heute habe ich dir eine Ehre erwiesen!"

Rotjade sagte lächelnd: „Ich habe nicht deswegen gelacht. Ich lachte, weil Ihr die Generationen durcheinanderbringt, gnädige Frau. Meine Mutter ist doch schon Eure Patentochter, und nun wollt Ihr auch mich als Tochter annehmen!"

Phönixglanz fragte: „Wer ist denn deine Mutter?"

Li Wan lachte: „Du kennst sie tatsächlich nicht? Sie ist die Tochter von Lin Zhixiao [林之孝]."

Phönixglanz war höchst erstaunt: „Ach was! Seine Tochter also!" Dann lachte sie: „Aus Lin Zhixiao und seiner Frau würde man keinen Ton herausbekommen, selbst wenn man sie mit einer Ahle stäche. Ich sage immer, die beiden sind ein ebenbürtiges Paar – tauber Himmel und stumme Erde. Wer hätte gedacht, dass sie so eine aufgeweckte Tochter haben! Wie alt bist du?"

Rotjade antwortete: „Siebzehn."

Nach ihrem Namen gefragt, erklärte sie: „Eigentlich heiße ich Rotjade[16], aber weil mein Name den des zweiten jungen Herrn Schatzjade berührt, werde ich jetzt nur noch Kleine Rote genannt."

Phönixglanz runzelte die Brauen, wandte sich ab und sagte: „Das ist ja nicht auszuhalten! Als ob einem der Bestandteil 'Jade' irgendwelche Vorteile brächte! Jeder hier heißt Jade."

Dann fuhr sie fort: „Also abgemacht, du kommst zu mir! Dabei hatte ich noch zu deiner Mutter gesagt: 'Frau Lai Da hat zuviel zu tun und weiß nicht einmal, wer hier wer ist – such du mir ein paar gute Mädchen aus, die ich bei mir anstellen kann.' Genau so hat sie es mir versprochen, und dann schickt sie ihre eigene Tochter anderswohin. Als ob es bei mir nicht gut wäre!"

Li Wan lachte: „Da bist du wieder einmal zu misstrauisch. Das Mädchen war doch schon hier angestellt, ehe du das gesagt hast. Also kannst du ihrer Mutter keinen Vorwurf machen."

Phönixglanz sagte: „Dann werde ich morgen mit Schatzjade sprechen und ihn bitten, sich jemand anderen geben zu lassen. Dieses Mädchen kommt zu mir. Nur weiß ich nicht, ob sie selbst es möchte."

Rotjade lächelte: „Wer von uns wagt schon zu sagen, ob sie möchte oder nicht? Aber wenn man bei Euch dient, gnädige Frau, kann man lernen, worauf es ankommt – nach oben und unten, nach innen und außen, im Großen wie im Kleinen, überall sammelt man Erfahrung."

Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen der Herrin Wang[17], um Phönixglanz zu sich bitten zu lassen. Phönixglanz verabschiedete sich also von Li Wan und ging. Rotjade kehrte in den Hof der Freude am Roten zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Kajaljade nun war nach der schlaflos verbrachten Nacht am nächsten Morgen spät aufgestanden. Als sie hörte, dass alle Schwestern im Garten versammelt waren, um die Blütengöttin zu verabschieden, wusch und kämmte sie sich rasch, um nicht als faul und stumpfsinnig zu gelten, und ging hinaus. Gerade war sie in den Hof getreten, als Schatzjade zum Tor hereinkam und lächelnd fragte: „Liebste Schwester, hast du mich gestern nun verraten oder nicht? Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht."

Kajaljade aber wandte sich um und rief Purpurkuckuck zu: „Räum die Zimmer auf, lass ein Gazefenster herunter! Wenn die großen Schwalben zurückkommen, lass den Vorhang herab und beschwer ihn mit dem Steinlöwen! Und wenn du geräuchert hast, tu den Deckel auf den Räucherofen!" Während sie noch sprach, ging sie schon zum Tor hinaus.

Schatzjade glaubte, es ginge immer noch um den Vorfall vom gestrigen Mittag, denn von der Szene am Abend wusste er ja nichts. So verbeugte er sich mit zusammengelegten Händen vor ihr, doch Kajaljade würdigte ihn keines Blickes, trat hinaus und ging, die anderen Schwestern zu suchen. Schatzjade blieb ratlos zurück und grübelte: „Dem Anschein nach geht es nicht um die Sache von gestern Mittag. Aber danach bin ich spät zurückgekommen und habe sie nicht mehr gesehen – ich kann sie also unmöglich gekränkt haben." Während er darüber nachdachte, trugen ihn seine Füße unwillkürlich hinter ihr her.

Da erblickte er Schatzspange und Kaufmann Erkundefrühling[18], die dort drüben den Mandschurenkranichen zusahen. Kajaljade trat zu ihnen, und alle drei standen beisammen und plauderten. Als Schatzjade näher kam, begrüßte ihn Kaufmann Erkundefrühling lächelnd: „Wie geht es dir, Bruder Schatzjade? Volle drei Tage habe ich dich nicht gesehen!"

Schatzjade erwiderte lächelnd: „Wie geht es dir, Schwester? Neulich habe ich mich bei der Schwägerin nach dir erkundigt."

Kaufmann Erkundefrühling bat: „Komm bitte hierher, ich muss mit dir sprechen."

Schatzjade folgte ihr zu einem Granatapfelbaum. Dort fragte sie: „Hat Vater dich in letzter Zeit rufen lassen?"

Schatzjade antwortete lächelnd: „Nein."

Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Mir war gestern so, als hätte ich gehört, Vater habe dich zu sich bestellt."

Schatzjade lachte: „Da muss sich jemand verhört haben. Er hat mich wirklich nicht rufen lassen."

Kaufmann Erkundefrühling fuhr fort: „In den letzten Monaten habe ich wieder gut zehn Schnüre Kupfermünzen zusammengespart. Nimm sie an dich, und wenn du demnächst einmal ausreitest, bring mir schöne Kalligraphien und Bilder mit, oder ein paar hübsche Kleinigkeiten."

Schatzjade erwiderte: „Ich war in den großen Tempeln und kleinen Klöstern innerhalb und außerhalb der Stadtmauern, habe aber nirgends etwas Neues und Feines entdeckt. Überall gibt es nur Gold und Jade, Bronze und Porzellan, Antiquitäten, die man nirgends hinstellen kann, und sonst Seide, Esswaren und Kleider."

Kaufmann Erkundefrühling sagte: „Wer möchte denn so etwas? Ich meine Sachen wie die, die du letztens gekauft hast – kleine Körbchen aus geflochtenen Weidenruten, Weihrauchdöschen aus ganzen Bambuswurzeln geschnitzt, Kochöfchen aus Ton geformt – das ist das Richtige! Wie sehr ich mich darüber gefreut habe! Aber dann fanden alle anderen auch Gefallen daran und haben alles weggeschnappt, als wären es Kostbarkeiten."

Schatzjade lachte: „Ach, so etwas willst du haben! Das kostet doch fast nichts. Gib den Burschen fünfhundert Münzen, und sie bringen dir einen ganzen Wagen voll."

Kaufmann Erkundefrühling widersprach: „Was verstehen die Burschen schon davon? Du musst die Sachen selbst aussuchen – schlicht, aber nicht vulgär, ungekünstelt, aber nicht plump. Davon bring mir nur recht viel mit! Dafür mache ich dir wieder ein Paar Schuhe wie letztes Mal, nur dass ich mir diesmal noch mehr Mühe geben werde. Was meinst du?"

Schatzjade lachte: „Da du gerade die Schuhe erwähnst, fällt mir etwas ein. Als ich sie neulich trug, begegnete ich ausgerechnet dem Vater, und sie gefielen ihm gar nicht. Er fragte, wer sie gemacht habe. Wie hätte ich es wagen können, den Namen ‚dritte Schwester' auszusprechen? Also sagte ich, ich hätte sie zum Geburtstag von der Tante bekommen. Da konnte er schlecht etwas sagen, aber nach langem Schweigen meinte er doch: ‚Was für eine Verschwendung von Arbeitskraft! Guten Seidenstoff zu verderben für solche Dinge!' Als ich zurückkam und Dufthauch davon erzählte, sagte sie: ‚Das ist noch gar nichts! Tante Zhao[19] hat sich schrecklich darüber aufgeregt: Ihr leiblicher Bruder geht in schlabbernden Schuhen und Strümpfen, und das sieht sie nicht, aber für den da näht sie solche feinen Schuhe!'"

Sofort verdüsterte sich Kaufmann Erkundefrühlings Miene. „Was für ein unsinniges Gerede!" sagte sie. „Bin ich etwa zum Schuhnähen verpflichtet? Hat Kaufmann Ring[20] etwa keine Zulagen? Hat er etwa keine Leute? Hat er nicht ebenso seine Kleider, Schuhe und Strümpfe? Sein ganzes Zimmer wimmelt von Mägden und Frauen – wie kann sie sich so beklagen! Und vor wem hat sie das gesagt! Ich nähe nur dann mal ein Paar Schuhe, wenn ich Muße habe und gerade nichts anderes zu tun ist. Wem ich sie schenke, entscheide ich ganz allein. Ich möchte den sehen, der mir da Vorschriften zu machen wagt! Sie regt sich völlig grundlos auf."

Schatzjade nickte lächelnd: „Du weißt wohl nicht, dass sie dabei ihre eigenen Gedanken hat."

Jetzt ärgerte sich Kaufmann Erkundefrühling erst recht. Sie wandte sich ab und sagte: „Du bist mir ein schöner Wirrkopf! Natürlich hat sie ihre eigenen Gedanken, aber die entsprechen ihrer niedrigen, kleinlichen Gesinnung. Soll sie nur immer so denken! Für mich zählen einzig und allein Vater und die gnädige Frau, und sonst niemand! Unter den Geschwistern aber bin ich nett zu jedem, der nett zu mir ist – was „Erstfrau" und „Nebenfrau" bedeuten soll, davon weiß ich nichts. Eigentlich dürfte ich so nicht über sie sprechen, aber sie ist einfach unfassbar töricht!

Und da gibt es noch eine lächerliche Geschichte. Als ich dir letztens das Geld gab, damit du für mich einkaufst – zwei Tage später traf ich sie, und da jammerte sie, wie schwer sie es ohne Geld habe. Ich sagte nichts dazu. Aber als dann meine Mädchen draußen waren, beklagte sie sich, ich hätte mein Erspartes dir statt Kaufmann Ring ausgeben lassen. Als ich das hörte, wusste ich nicht, ob ich lachen oder wütend sein sollte. Also ging ich gleich zur gnädigen Frau hinüber und ..."

Noch ehe sie ausgesprochen hatte, rief Schatzspange von drüben herüber und lachte: „Seid ihr endlich fertig? Dann kommt her! Man sieht, dass ihr Bruder und Schwester seid – ihr lasst die anderen einfach stehen und tauscht Geheimnisse aus. Wir dürfen wohl nicht einmal einen einzigen Satz davon hören!"

Darauf kamen Kaufmann Erkundefrühling und Schatzjade lachend herüber.

Als Schatzjade bemerkte, dass Kajaljade verschwunden war, wusste er, dass sie ihm aus dem Weg gegangen sein musste. Er überlegte kurz und entschied, es sei am besten, ein paar Tage zu warten, bis ihr Zorn verraucht war, ehe er sie wieder aufsuchte. Als er den Blick senkte, sah er, dass der Boden dicht mit Balsaminenblüten, Granatapfelblüten und allerlei anderen herabgefallenen Blüten bedeckt war, und seufzte: „In ihrer Betrübnis hat sie nicht einmal die Blüten aufgesammelt. Ich werde sie hinaustragen, und morgen frage ich sie danach."

Gerade rief Schatzspange ihn und Kaufmann Erkundefrühling auf, den Garten zu verlassen. Schatzjade sagte: „Ich komme gleich nach." Und als die beiden fort waren, raffte er die Blüten zusammen, überquerte Hügel und Bäche, drang zwischen Bäumen und Blumenstauden hindurch und steuerte geradewegs jene Stelle an, wo er einst mit Kajaljade zusammen die Pfirsichblüten begraben hatte. Schon war er fast am Blütengrab angelangt und musste nur noch um einen Felsvorsprung biegen, da hörte er von der anderen Seite ein Schluchzen, das bald verstummte und bald von neuem aufstieg, durchsetzt von klagenden Worten – ein herzzerreißendes Weinen.

Schatzjade dachte: „Welches Mädchen mag das sein, das von jemandem gekränkt wurde und sich hierher zum Weinen zurückgezogen hat?" Er blieb stehen und lauschte. Da vernahm er, wie jene Stimme unter Tränen sprach:

Blüten welken, Blüten wirbeln zahllos durch die Luft – Rot verbleicht, Duft erlischt, doch niemand trauert ihnen nach. Weiche Sommerfäden legen sich ums Gartenhaus, leichte Weidenflocken sinken auf den Bettvorhang.

Einsam trauert dort ein Mädchen dem vergehenden Frühling nach, doch ihr Herz voll Kummer findet nirgends ein Gehör. Die Blumenhacke in den Händen, tritt sie aus ihrem Haus, den Teppich welker Blüten zu betreten scheut ihr Fuß.

Weiden und Ulmen stehen üppig in ihrem grünen Kleid, die Leiden von Pfirsich und Pflaume kümmern sie nicht. Pfirsich und Pflaume erblühen wohl aufs Neue im nächsten Jahr, doch wer wird dann noch hier sein in dem stillen Haus?

Im dritten Monat war das duftende Nest aus Blüten schon vollendet, herzlos sind die Schwalben droben im Gebälk! Im nächsten Frühling finden sie zwar neue Blüten zum Bau, doch fort sind die Menschen, leer das Haus, zerfallen das Nest.

Dreihundertsechzig Tage zählt das Jahr, und Wind wie Messer, Frost wie Schwerter drängen unerbittlich. Wie lange nur kann frische Pracht und helle Schönheit dauern? Ein einziger Morgen des Verwehens, und sie sind unwiederbringlich fort.

Die Blüte, leicht zu sehen, ist im Fallen schwer zu finden, bekümmert steht das Mädchen trauernd an der Treppenstufe. Als es verstohlen sich die Augen trockenwischt, sieht es: Blut befleckt die Tränenspur auf den Blütenzweigen.

Der Kuckuck schweigt, die Abenddämmerung bricht herein, das Mädchen schultert seine Hacke, geht heim und schließt die Tür. Im bleichen Lampenschein an der Wand sucht es den ersten Schlaf, der kalte Regen klopft ans Fenster, doch die Decke wärmt nicht.

Du fragst, was mich so sehr betrübt, was meine Seele quält? Teils dauert mich der Frühling, und teils bin ich ihm gram. Bedauern kommt so plötzlich, Zorn vergeht so schnell, schweigend überkommt es mich, und schweigend schwindet es.

Gestern Nacht erklang im Hof ein qualvolles Klagelied – war es der Vögel Seele? War es der Blüten Geist? Doch Blütengeist und Vogelseele halten sich nicht auf, den Vögeln fehlt die Sprache, und die Blüten – sie sind scheu.

O hätt ich unter meinen Armen ein kräftiges Flügelpaar, den Blüten wollt ich folgen bis ans Ende aller Welt! Ans Ende aller Welt – wo gibt es dort ein duftiges Grab?

Besser, man hüllt in seidene Tücher die lieblichen Gebeine und deckt mit reiner Erde zu die welke, einstige Pracht. Sauber, wie einst sie kamen, kehren sie sauber heim und werden nicht besudelt mit dem Schlamm der Rinnsteingruben.

Euch, meine toten Blüten, bette ich heute ins Grab – doch wann wird man mich selber betten? Wer weiß es schon! Dass ich die Blüten begrabe, nennen die Leute Torheit – doch wer wird mich begraben, wenn ich dereinst gestorben bin?

Seht hin: Wenn der Frühling vergeht und die Blüten fallen, ist auch für rote Mädchenwangen die Schicksalsstunde nah. Unversehens vergehen die Tage des Frühlings, verblüht die Jugend – die Blüten welken, und ich sterbe, und keiner weiß davon!

Als Schatzjade dies vernahm, stürzte er, von törichtem Schmerz überwältigt, zu Boden.

Wer erfahren will, was weiter geschah, der lese das nächste Kapitel.

  1. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Wald Kajaljade". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.
  2. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schnee Schatzspange". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.
  3. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kaufmann Schatzjade".
  4. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".
  5. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".
  6. Chin. 雪雁 Xuěyàn, wörtl. „Schneegeißlein" — „Schneegans".
  7. Chin. 贾迎春 Jiǎ Yíngchūn, wörtl. „Kaufmann Willkommensfrühling".
  8. Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Kaufmann Erkundefrühling".
  9. Chin. 贾惜春 Jiǎ Xīchūn, wörtl. „Kaufmann Kostbarfrühling".
  10. Chin. 李纨 Lǐ Wán, die verwitwete Schwiegertochter, auch „Frau Li" oder „Li Schleierfrau".
  11. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „König Phönixglanz".
  12. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftlinse" — ein zartes, duftiges Wassergewächs.
  13. Chin. 平儿 Píng’ér, wörtl. „Friedchen".
  14. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".
  15. Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
  16. Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjade". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.
  17. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Herrin Wang", Schatzjades Mutter.
  18. Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, wörtl. „Kaufmann Erkundefrühling".
  19. Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng, „Tante Zhao", die Nebenfrau Kaufmann Aufrechts.
  20. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Kaufmann Ring", Halbbruder Schatzjades von einer Nebenfrau.