Hongloumeng/de/Chapter 111

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Kapitel 111

鸳鸯女殉主登太虚 / 狗彘奴欺天招伙盗

Eine ergebene Magd erbringt ihre letzte Pflicht und begleitet ihre Herrin in himmlische GefildeEin schurkischer Diener nimmt Rache und liefert seine Herren Räubern aus.

Ping-örl eilte hervor und hob mit der Hilfe eines anderen Mädchens Hsi-fëng vom Boden auf. Sie begleiteten sie sanft in ihr Zimmer. Dort legten sie sie vorsichtig auf das Ofenbett, und Ping-örl bat Hsiau-hung sogleich um einen Becher heißes Wasser und diese hielt ihn an ihre Lippen. Hsi-fëng trank einen Schluck und sank dann in einen tiefen Schlaf der Bewußtlosigkeit. Tjiu-tung kam kurz in das Zimmer und sah, wie sie dort lag und ging wieder hinaus. Ping-örl sprach sie auch nicht an, sondern wendete sich stattdessen an Fëng-örl, die an ihrer Seite stand und sagte: „Geh und sag’ es sofort den Damen!“ Fëng-örl informierte die Damen Hsing und Wang, daß die zweite Herrin Blut erbrochen hatte und nicht fähig war, ihre Pflichten weiterhin zu erfüllen. Die Dame Hsing verdächtigte Hsi-fëng der Simulation, aber unterließ es, ihre Verdächtigungen vor ihren weiblichen Verwandten auszusprechen. „Sag’ ihr, sie solle sich dann hinlegen“, sagte sie. Niemand machte einen weiteren Kommentar. An diesem Abend kam ein endloser Strom von Verwandten und Freunden, um ihr Beileid zu bekunden, und nur dank der Hilfe von wenigen engen Verwandten konnte der Anschein von Normalität erweckt werden. Hsi-fëngs Abwesenheit war ein Stichwort für viele des Personals, die Arbeit ganz aufzugeben, und wenig stand nun zwischen dem Jung-guo-Anwesen und dem totalem Chaos. Um zehn Uhr abends, als die Gäste, die einen weiten Weg vor sich hatten, gegangen waren, begann sich die Familie, für die Totenwache vorzubereiten, und ein Chor der Klagen erhob sich von den Frauen, die sich innerhalb der Abschirmung für die Beerdigung befanden. Yüan-yang weinte sich selbst in eine Ohnmacht, mußte gestützt werden und wurde energisch geschlagen. Als sie wieder zu sich kam, war alles, was sie sagen konnte: „Die gnädige Frau war immer so gut zu mir! Ich will mit ihr gehen!“ Ihre Worte wurden nicht ernst genommen, und eher als natürlicher, wenn nicht sogar übertriebener Ausdruck ihrer Trauer verstanden. Später, als die Zeit für die richtige Trauerwache kam, und über hundert Familienmitglieder und Diener für das Ritual zusammenkamen, wurde Yüan-yang nirgendwo gesehen, und in der allgemeinen Aufregung kümmerte sich niemand darum, nach ihr zu suchen. Nun waren Hu-po und die anderen Mägde [der Herzoginmutter] an der Reihe, zu klagen und ihr Opfer zu bringen, und sie suchten nach Yüan-yang, damit sie sich zu ihnen geselle. Aber sie dachten, sie sei von all dem Weinen zu erschöpft gewesen und gegangen, um sich auszuruhen, also entschieden sie, sie nicht mehr weiter zu suchen. Als das Ritual vorüber war, bat Djia Dschëng Djia Liän sicherzugehen, daß alles für den Leichenzug vorbereitet war, und besprach mit ihm, wer auf das Haus aufpassen sollte, während die Familie abwesend war. „Ich habe Yün-örl befohlen, zu Hause zu bleiben, und die Verantwortung zu übernehmen“, sagte Djia Liän. „Und Lin Dschï-hsiau und seine Familie werden ebenfalls zurückbleiben und die Abnahme des Trauertuchs überwachen. Ich weiß noch nicht, wer von den Damen auf die inneren Gemächer aufpassen soll.“ – „Ich hörte deine Mutter sagen, deine Frau [Hsi-fëng] sei krank und würde nicht gehen“, antwortete Djia Dschëng. „Also wird sie sowieso zu Hause bleiben. Und deine Schwägerin, die Frau von Bruder Dschën, schlug vor, daß, da sie so krank sei, deine Frau [Hsi-fëng] mit dem vierten Fräulein [Hsi-tschun] und ein paar Mägden und Dienerinnen dablieben, um ihr Gesellschaft zu leisten. Zusammen können sie ein Auge auf die Gemächer der Großmutter werfen.“ Djia Liän hatte seine Einwände gegen diesen Vorschlag. ‚Schwägerin Dschën kommt mit dem vierten Fräulein [Hsi-tschun] nicht aus‘, dachte er bei sich, ‚und hält sie absichtlich von der Prozession ab. Aber sie [Hsi-tschun] kann nicht alleine die Verantwortung übernehmen. Und jene [Hsi-fëng] ist zu krank, um helfen zu können.‘ Er überlegte eine Weile und sagte dann zu Djia Dschëng: „Der gnädige Herr sollte nun gehen und sich ausruhen. Warten wir, bis ich hineingegangen bin und die Sache ausgehandelt habe, dann melde ich mich wieder.“ Djia Dschëng nickte, und Djia Liän ging zu den Gemächern der Dame Hsing. Früher an diesem Abend brütete Yüan-yang tränenerstickt für sich: ‚Mein ganzes Leben lang habe ich mit der gnädigen Frau verbracht, und nun, da sie tot ist, weiß ich nicht, wohin ich gehen soll. Der erste gnädige Herr ist nicht zu Hause, das ist etwas, wofür man dankbar sein sollte, aber ich mag die Art nicht, wie sich die erste Dame [Hsing] benimmt. Der gnädige Herr [Dschëng] wird sich nie für mich einsetzen, und auf die eine oder andere Weise sieht meine Zukunft sehr schwarz aus. Die jungen Herren werden versuchen, ihren Kopf durchzusetzen. Wir werden dann alle so behandelt, wie sie wollen, manche werden am Bett festgehalten, manche heiraten ihre Pagen... Nun, ich für meinen Teil will das nicht! Eher sterbe ich! Aber wie? Das ist die Frage.‘ Sie machte sich auf den Weg zum inneren Zimmer der alten Dame. Auf der Türschwelle entdeckte sie einen undeutlichen Umriss, im matten Licht, eine Frau mit einem Strick in der Hand, souverän, als wäre sie gerade dabei, sich am Balken zu erhängen. Yüan-yang war überhaupt nicht erschrocken. ‚Wer kann das sein?‘, fragte sie sich. ‚Jemand, der auf demselben Kurs ist wie ich, aber schon einen Schritt weiter ist.’ „Wer bist du?“, sagte sie laut. „Wir scheinen denselben Gedanken zu haben! Laß uns zusammen sterben!“ Es kam keine Antwort. Yüan-yang ging näher heran und konnte nun sehen, daß es keine der Mägde aus den Gemächern der Herzoginmutter war. Sie schaute genauer hin. Eine kühle Brise umwehte sie, und die Gestalt der Frau löste sich in Luft auf. Yüan-yang stand noch einen Moment länger benebelt dort, dann ging sie zurück in den äußeren Raum und setzte sich gedankenverloren auf die Ecke des Ofenbetts. Plötzlich rief sie: „Natürlich! Das war sie! Herr Jungs erste Frau, vom östlichen [Ning-guo-] Anwesen. Aber sie starb vor langer Zeit. Was hat sie hier gemacht? Ich glaube, sie kam, um mich zu holen. Aber warum mußte sie sich dafür erhängen?“ Nach weiteren Gedanken: „Das ist es! Sie zeigte mir wie!“ Mit diesem Geistesblitz war ihr das Böse bis ins Mark gedrungen, und ihre Entscheidung war endlich getroffen. Sie erhob sich wie in Trance und ging in ihr Badezimmer. Aus ihrem Mitgift-Koffer nahm sie den Haarzopf heraus, den sie sich einmal abgeschnitten hatte, und steckte ihn in den Ausschnitt ihres Kleides. Sie entknotete das Band um ihre Hüfte und hängte ein Ende über den Balken, wo Tjin [Kë-tjing] gerade gestanden hatte. Dann ergriff sie ein letzter Heulkrampf. Sie hörte, wie sich die Gäste in der Ferne verabschiedeten, und fürchtete, daß jemand hereinkommen könnte und sie überraschte, bevor sie ihre Tat vollenden konnte. Sie zog die Tür zu und holte einen Schemel. Sie stand auf dem Schemel, knüpfte einen Knoten in ihr Band, legte ihren Kopf durch die Schlinge und stieß den Schemel mit dem Fuß fort. ,Endlich!‘ Der letzte Atem war bald aus ihrem Hals gewichen, und ihre sanfte Seele floh aus der sterblichen Hülle. Die wandernde Seele war noch immer unsicher, wohin sie schwinden sollte, als sie noch einmal den matten Umriß von Tjin [Kë-tjing] vor sich stehen sah. „Erste Frau Jung!“, rief sie, indem sie sich der Erscheinung drängend näherte, „warten Sie auf mich!“ „Ich bin nicht erste Frau Jung,“ kam die Antwort, „ich bin die jüngere Schwester der Ernüchterung, Kë-tjing.“ „Aber Sie sind definitiv erste Frau Jung“, protestierte Yüan-yang. „Wie können Sie das verleugnen?“ Die andere antwortete: „Es gibt einen Grund dafür. Ich will dir die wahre Geschichte davon erzählen, und dann wirst du sicher verstehen. Ich habe einmal den höchsten Rang im Tribunal der Liebe und Ernüchterung innegehabt. Unter meiner Verantwortung stand die Vergeltung der Schulden der Leidenschaft. Ich ging hinunter in die menschliche Welt, wo ich natürlicherweise dazu bestimmt war, die führende Wohltäterin zu sein. Meine Mission war, die liebeskranken Jungen und die vor Liebeskummer vergehenden Mädchen sehr schnell zurück zum Tribunal zu bringen und für die Vergeltung ihrer Schulden durch meinen Tod mit einer Anhänger-Halskette zu sorgen. Teil dieser Mission war mein Karma, mich zu strafen. Ich habe nun die Täuschung der sterblichen Liebe durchschaut, erhob mich über das Meer der Leidenschaft, um zum Paradies der Liebe zurückzukehren. Dies hinterläßt eine freie Stelle im Land der Illusionen, im Bereich der zärtlichen Verliebtheit. Du wurdest von der Ernüchterung auserwählt, meinen Platz einzunehmen, und ich wurde geschickt, dich dorthin zu begleiten.“ „Aber ich bin eine leidenschaftslose Person!“ protestierte Yüan-yang. „Wie kann ich als Liebende verstanden werden?“ „Du verstehst nicht“, antwortete jene, „Erdenmenschen sehen Lust und Liebe als dasselbe an. Das heißt, daß sie alle Arten der Begehrlichkeit und Unsittlichkeit praktizieren, und es als ‚harmlose Romanze‘ abtun. Sie verstehen nicht die wahre Bedeutung des Wortes ‚Liebe‘. Bevor die Gefühle Behagen, Zorn, Trauer und Freude sich in der menschlichen Brust rühren, existiert der ‚natürliche Zustand‘ der Liebe. Das Rühren dieser Gefühle erzeugt Leidenschaft. Unsere Art der Liebe, deine und meine, ist der vorherige natürliche Zustand. Es ist wie eine Knospe, die auf das Öffnen wartet. Diese leidenschaftslose Liebe ist keine wahre Liebe.“ Yüan-yangs Seele signalisierte ihr Verständnis mit einem Nicken, und folgte Tjin Kë-tjing. Jetzt defilierte Hu-po und hörte, wie die Damen Hsing und Wang begannen, Anweisungen an die Diener zu geben, die zurückblieben, um auf das Haus aufzupassen. Hu-po ging hinein, um Yüan-yang zu suchen und um sie über die Sänften zu befragen. Sie suchte erfolglos in den äußeren Räumen der Gemächer der Herzoginmutter, und dann bemerkte sie, daß die Tür zum inneren Zimmer angelehnt war, sie drückte ihre Augen an die Öffnung und lugte hindurch in das halberhellte Innere. Ein Aufflackern der Lampe füllte das Zimmer mit schauerlichen Schatten. Kein Geräusch war aus dem Inneren zu hören, sie kehrte zurück und sagte zu sich: „Wo kann das elende Mädchen hin verschwunden sein?“ Auf ihrem Weg nach draußen begegnete sie Dschën-dschu. „Hast du Schwester Yüan-yang gesehen?“, fragte sie. „Nein“, antwortete Dschën-dschu, „ich suche selbst nach ihr. Die Damen wollen mit ihr sprechen. Sehr wahrscheinlich ist sie im inneren Zimmer eingeschlafen.“ – „Ich habe gerade dort nachgesehen – sie schien nicht dort zu sein“, sagte Hu-po. „Die Lampe muß abgedreht werden, und es ist sehr dunkel und unheimlich dort drinnen. Ich bin nicht wirklich hineingegangen. Sollen wir zusammen hineingehen und richtig nachsehen?“ Die zwei Mägde betraten den Raum. Zuerst drehten sie die Lampe ab. „Wer hat den Schemel hierher gestellt?“, rief Dschën-dschu. „Ich wäre fast darüber gestolpert.“ Als sie sprach, sah sie hoch, und ihr entfuhr ein entsetzlicher Schrei. „Oh! Sie fiel zurück und traf Hu-po, die selbst hochschaute, schrie und wie angewurzelt stehenblieb. Ihre Schreie wurden bald gehört und andere Mägde kamen in das Zimmer gerannt. Es gab noch mehr Schreckensschreie, und man schickte sofort nach den Damen Hsing und Wang. Als die Dame Wang und Bau-tschai die Neuigkeiten hörten, brachen sie beide in Tränen aus und machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter, um es selbst zu sehen. „Ich hätte nie gedacht, daß Yüan-yang so etwas tun könnte!“, rief die Dame Hsing. „Schicke sofort jemanden, um den gnädigen Herrn [Dschëng] zu informieren!“ Bau-yü stand sprachlos, einen Ausdruck von erstarrtem Schrecken in den Augen. Hsi-jën und seine anderen Mägde trösteten ihn: „Weine, wenn du mußt, aber versteinere nicht so!“ Endlich bekam er einen heftigen Heulanfall. ‚Welch ein besonderes Mädchen war Yüan-yang, so einen Tod zu suchen!‘, dachte er bei sich selbst. ‚In ihrem Geschlecht ist sicherlich die klarste Essenz konzentriert! Sie hat einen passenden und noblen Tod gefunden. Wir, Großmutters eigene Enkel, sind jämmerlich in diesem Vergleich. Wir haben uns selbst weniger ergeben gezeigt, als ihre Magd.’ Er fand etwas seltsam Tröstendes in diesem Gedanken, und als Bau-tschai zu ihm kam, um seine Tränen zu trocknen, lächelte er wieder. „Oh Liebes!“, weinte Hsi-jën und die andere Magd, „Er wird wieder verrückt!“ „Es gibt keinen Grund sich zu sorgen“, versicherte Bau-tschai ihr. „Ohne Zweifel hat er seine Gründe!“ Bau-yü war erfreut, daß Bau-tschai dies sagte. ‚Vielleicht versteht sie mich wirklich‘, dachte er bei sich, ,wenn es so ist, ist sie die einzige.‘ Als Djia Dschëng ankam, war er noch in Phantasievorstellungen befangen. „Yüan-yang ist ein gutes Kind!“, rief Djia Dschëng mit einem ernsten Seufzer der Bewunderung. „Die Liebe der der gnädigen Frau war nicht umsonst!“ Er wandte sich an Djia Liän: „Schicke jemanden, um für sie einen Sarg zu kaufen, und leg sie noch in dieser Nacht hinein! Morgen werden ihre Überreste zusammen mit denen von der gnädigen Frau [Mutter] versandt, und ihr Sarg kann hinter dem der gnädigen Frau aufgebahrt werden. Auf diese Art kann ihr nobler Akt ein angemessenes Ende finden.“ Djia Liän ging hinaus, um diese Anweisungen auszuführen, und gab Befehl, Yüan-yangs Körper herunterzuholen und im inneren Zimmer aufbahren zu lassen. Als Ping-örl die Neuigkeiten [von Yüan-yangs Freitod] hörte, kam sie mit Ying-örl und Hsi-jën sowie einigen anderen Mägden, und sie alle weinten bitterlich vor Yüan-yangs Leiche. Die Gelegenheit nahm Dsï-djüan zum Anlaß, an ihre eigene Zukunft und die Bedenklichkeit ihrer eigenen Situation zu denken, und sie bedauerte, daß sie nicht selbst den Weg Yüan-yangs genommen hatte, und Fräulein Lin [Dai-yü] nicht ins Grab gefolgt war. Wenn sie dies getan hätte, hätte sie wenigstens ihre Pflicht als Magd erfüllt und so einen ehrwürdigen Tod gehabt. In Bau-yüs Gemächern tat sie nichts mehr, als die ganze Zeit zu warten. Obwohl er ihr gegenüber sehr aufmerksam und liebevoll war, wußte sie, daß sie davon nichts hatte. All diese Gedanken fügten ihren Klagen eine persönliche Note hinzu. Die Dame Wang schickte sofort nach Yüan-yangs Schwägerin. Sie sagte ihr, daß sie die Beerdigung beaufsichtigen solle, und sie gab, nachdem sie dies mit der Dame Hsing besprochen hatte, ihre Schwägerin eine Beihilfe von einhundert Tael vom Geld der gnädigen Frau. Sie versprach auch, alle privaten Sachen von Yüan-yang auszusondern und sie ihr zu geben, sobald sie Zeit hatbe. Ihre Schwägerin verneigte sich, und, nachdem sie ein paar Zeichen der Trauer gezeigt hatte, freute sich sehr. „Welch wundervollen Mut unser Mädchen [Yüan-yang] zeigte!“, rief sie. „Und was für ein glückliches Mädchen sie ist, so einen Ruhm gewonnen zu haben, und so eine glänzende Beerdigung dafür zu erhalten!“ Eine der nahestehenden Dienerinnen tadelte sie: „Das ist genug von dir! Einhundert Taels sind ein armer Handel für ein lebendes Mädchen! Denke daran, wieviel mehr Profit du hättest machen können, wenn du sie dem ersten Herrn [Schë] nur schon früher gegeben hättest! Dann könntest du dich noch mehr freuen!“ Die Worte trafen sie sehr, und ihre [Yüan-yangs] Schwägerin ging mit rotem Kopf. Am inneren Tor traf sie Lin Dschï-hsiau mit einigen Männern, die den Sarg trugen und kehrte mit ihnen zurück; sie half ihnen, den Leichnam von Yüan-yang in den Sarg zu legen, und setzte selbst eine Trauermiene auf. Djia Dschëng verehrte sie [Yüan-yang] als eine ‚aus Demut vor der Herzoginmutter‘ Gestorbene, schickte nach Räucherduft und erzündete selbst drei Räucherstäbchen vor ihrem Sarg. „Für ihre Treue und ihre Hingabe“, sagte er, indem er eine ernste Verbeugung machte, „sie verdient es, über den Rang einer einfachen Magd erhoben zu werden. Die jüngere Generation muß ihr die Ehre erweisen.“ Bau-yüs Freude kannte keine Grenzen. Er trat nach vorne, mit fast übertriebener Erfurcht verneigte er sich mehrfach mit der Stirn am Boden. Djia Liän erinnerte sich auch an ihre [Yüan-yangs] vergangene Freundlichkeit ihm gegenüber und wäre ihm sofort darin gefolgt, aber die Dame Hsing hielt ihn zurück: „Einer der Herren ist wirklich genug. Zuviel davon könnte ihre Chancen der Wiedergeburt ruinieren.“ Djia Liän unterließ es. Aber Bau-tschai fühlte sich unwohl bei den Worten der Dame Hsing. „Streng genommen, sollte ich mich nicht vor ihr verneigen“, sagte sie, „aber dies ist ein besonderer Fall. Wir sind alle zu gebunden an unser Einverständnis mit den Lebenden, um einer extremen Zurschaustellung der Trauer nachzugeben. Aber Yüan-yang hat für uns gehandelt. Sie hat den vollsten Ausdruck unserer Demut gezeigt, und nun sollten wir sie bitten, der Großmutter weiterhin in der nächsten Welt an unserer Statt zu dienen. Das wäre wenigstens ein kleines Zeichen unserer Liebe!“ Bau-tschai ging an Ying-örls Arm vor und schüttete ein Trankopfer von Wein vor den Sarg [von Yüan-yang], die Tränen strömten im Überfluß an ihren Wangen hinunter. Als das Trankopfer beendet war, verneigte sie sich mehrere Male und weinte heftig. Einige der Versammelten kommentierten ironisch, daß nun beide Bau-yü und seine Frau verblödet seien. Andere protestierten, daß ihr Benehmen doch ein gutes Herz bekunde. Manche beschränkten sich darauf, zu bemerken, daß sie wenigstens einen Sinn dafür hatten, was gut und richtig sei. Djia Dschëng war für seinen Teil zufrieden mit ihnen. Er hatte nun die Hausaufsichts-Maßnahmen geregelt, und man stimmte darin überein, daß Hsi-fëng und Hsi-tschun zurückgelassen wurden, während alle anderen Damen an der Prozession teilnehmen würden. Niemand schlief viel in dieser Nacht. Um vier Uhr am Morgen konnte man den Trauerzug draußen zusammenkommen hören, und um sieben Uhr waren alle bereit voranzuschreiten, Djia Dschëng vorweg, in voller Trauerkleidung und weinend, ganz wie es die Riten für den Sohn verlangten. Als der Trauerzug auf die Straße stieß, war diese mit Beerdigungsständen unzähliger Familien gesäumt, was hier nicht im einzelnen beschrieben werden muß. Zum Schluß erreichten sie das Kloster Eiserne Schwelle, und die Särge wurden ausgesetzt, während die trauernden Männer sich vorbereiteten, die Nacht im Tempel zu verbringen. Zu Hause beaufsichtigte Lin Dschï-hsiau die Abnahme des Beerdigungstuches, schraubte vorsichtig die Türen ab und stellte Klappen vor die Fenster, fegte den Hof und bestimmte die Wachen für die Nachtwache. Es war eine sehr gut etablierte Regel im Jung-guo-Anwesen, daß das innerste Tor um zehn Uhr geschlossen wurde, und nach dieser Stunde war der Besuch der inneren Gemächer für die Männer streng verboten. Weibliche Angestellte hielten drinnen Wache. Hsi-fëng hatte sich durch die Ruhe einer Nacht ein bißchen von ihrem Zusammenbruch erholt. Obwohl sie ein wenig gefaßter schien, war sie noch nicht fähig aufzustehen. Ping-örl und Hsi-tschun machten daher eine Besichtigungsrunde und gaben den Frauen der Nachtwache Anweisungen, bevor sie sich in ihre separaten Gemächern zurückzogen. Unsere Erzählung wendet sich nun Dschou Juees Ziehsohn, Hë San, zu, – der, wie man sich vielleicht erinnert, im Vorjahr geschlagen und von Djia Dschën vertrieben wurde, weil er mit einem anderen Diener, Bau Örl, gekämpft hatte. Seitdem hatte er die meiste Zeit in Spielhäusern verbracht. Wegen des Todes der Herzoginmutter dachte er [Hë San], daß es da eine Möglichkeit der Wiedergutmachung oder wenigstens irgendeine Arbeit für ihn gebe, und er fragte am Jung-guo-Anwesen ein paar Tage hintereinander nach. Endlich wurde ihm klar, daß es aussichtslos war, und er kehrte seufzend zurück in eine der Spielhallen, in die er öfter ging, und ließ sich in einen Stuhl fallen. Seine Freunde bemerkten seinen niedergeschlagenen Zustand und fragten ihn: „Alter [Hë] San,, alter Freund, warum versuchst Du nicht einmal Dein Glück? Wer weiß, vielleicht wendet sich dein Glück.“ „Würde ich gerne!“, rief Hë San bitter. „Aber ich habe keine Münze zum Zahlen mehr.“ „Nach all der Zeit, die du bei deinem alten Ziehvater Dschou [Juee] verbracht hast? Wir wissen auch nicht, wieviel Geld du aus dem Djia-Haushalt genommen hast. Komm uns hier nicht wieder so, einen auf arm zu machen!“ „Das denkt ihr! Oh, sie haben genug – Millionen in der Tat, – aber sie behalten alles schön für sich. Sie wollen es nicht ausgeben. Sie hängen daran und am Ende muß es ein Feuer oder einen Dieb geben, damit sie davon ablassen!“ „Du kannst nicht von uns erwarten, daß wir glauben, daß sie so reich sind, nach dem, was man in der Durchsuchung beschlagnahmt hat?“ „Ihr versteht es nicht“, anwortete Hë San. „Es wurde nur das genommen, was sie nicht verstecken konnten. Die alte Dame hatte selbst noch eine Menge, als sie starb, und sie wollen keine Münze davon ausgeben. Es wurde alles in ihr Zimmer geräumt. Sie werden es nach der Beerdigung aufteilen.“ Diese Worte schienen auf ein Mitglied der Gesellschaft einen besonders starken Eindruck gemacht zu haben, denn dieser Mann rief nach einigen weiteren Würfelspielen aus: „Alles was ich tue, ist verlieren! Ich versuche nichts mehr. Ich gehe ins Bett.“ Als er hinausging, nahm er Hë San an die Seite und murmelte: „Auf ein Wort, alter San.“ Hë San folgte ihm hinaus. „Ich kann nicht ertragen, daß ein gescheiter Junge arm ist, das ist doch ungerecht.“ – „Das ist mein Schicksal“, murmelte Hë San, „was kann ich dafür?“ – „Ich dachte nur, da du gesagt hast, daß das Jung-guo-Anwesen voller Geld sei, warum nimmst du nicht selbst etwas?“ – „Mein Bruder“, erwiderte Hë San. „Es mag voller Geld sein, aber das heißt nicht, daß sie uns eine Münze davon abgeben!“ Der Mann lachte. „Nun, wenn sie es nicht weggeben wollen, warum behelfen wir uns dann nicht.“ Hë San begann zu verstehen, worauf er hinaus wollte. „Und wie schlägst du vor, dies zu tun?“, fragte er. „Oh, zeig ein bißchen Mumm, Junge! Sei nicht so schwach!“ war die Antwort. „Ich hätte schon lange meine Finger danach ausgestreckt.“ – „Welche Art ,Mumm‘ hast du da?“ Die Stimme des Mannes wurde zu einem Flüstern: „Wenn du viel Geld daraus machen willst, ist alles, was du tun mußt, mir den Weg hinein zu zeigen – ich habe ein paar Freunde in dieser Art Geschäft, erstklassige Arbeiter. Das sind die Richtigen für diese Arbeit. Und so sind sie [die Djias] alle unterwegs zu der Beerdigung, und es sind nur wenige Frauen zu Hause zurückgeblieben. Wohlgemerkt, könnte eine ganze Garnison von Männern nicht meine Freunde einschüchtern... Aber vielleicht hast du Angst?“ „Ich!“, warf Hë San erhitzt ein, „ich habe keine Angst! Glaubst du, ich habe Angst vor dem alten Ziehvater? Nun, er ist nur deshalb mein Ziehvater, weil meine Ziehmutter mich darum gebeten hat. Er ist ein Nichts. Aber das hört sich für mich alles etwas heikel an. Könnte uns viel Ärger bereiten. Sie [die Djias] haben Verbindungen zu jedem Amt. Angenommen wir schaffen es, das Zeug herauszuholen, wäre es schwer, es los zu werden.“ „Diesmal hast du Glück“, sagte der andere. „Einige meiner seefahrenden Freunde sind zufällig gerade in diesem Moment hier und warten nur auf einen Dienst wie diesen. Wenn wir nur erst einmal das Geld in unseren Händen haben, würden du und ich hier nur unsere Zeit vergeuden. Wir wären viel besser dran, wenn wir mit meinen Freunden zur See fahren und unser Geld dort ausgeben! Gute Idee, oder? Natürlich, wenn du den Gedanken nicht erträgst, dich von deiner alten Ziehmutter zu trennen, müssen wir sie auch mitnehmen. Laßt uns alle das Glück finden, einverstanden?“ – „Alter, du bist wohl betrunken!“, rief Hë San, „du weißt nicht, wovon du redest. Die ganze Idee ist verrückt.“ Trotzdem nahm er den Mann in eine ruhige Seitenstraße, und die zwei redeten dort noch eine längere Weile, bevor sie getrennte Wege gingen. Unsere Geschichte muß sie für die übrige Zeit dort verlassen. Wir müssen nun aber zu Bau Yung zurück, der, Gartenpfleger geworden war, nachdem er eine Rüge von Djia Dschëng erhalten hatte. Im allgemeinen Betrieb der Beerdigung der Herzoginmutter hatte niemand daran gedacht, ihm eine Aufgabe zu geben. Er war davon nicht betroffen und fuhr mit seinen eigenen Angelegenheiten fort, kochte für sich und führte ein mehr oder weniger sorgloses und unabhängiges Leben. Wenn er sich langweilte, schlief er, und wenn er wach war, übte er mit Säbel und Stock im Garten. Er war sehr wohl über die Prozession für die Herzoginmutter unterrichtet, hatte aber dort keine Aufgabe und machte an jenem Tag einen Spaziergang im Garten. Da sah er den Umriß einer Nonne, begleitet von einer dauistischen Oberin, auf dem Weg zum Seitentor. Sie klopften. Er ging hin: „Wohin gehen sie, Meisterin?“ Die Oberin antwortete: „Wir hörten, daß die Trauerwache der der gnädigen Frau vorüber ist, und da wir das vierte Fräulein [Hsi-tschun] nicht in der Prozession sehen konnten, dachten wir, sie sei zu Hause geblieben. Die Schwester dachte, sie möchte allein sein, und kam, um sie zu sehen.“ – „Niemand aus der Familie ist zu Hause“, sagte Bau Yung. „Ich bin für den Garten verantwortlich, und ich muß sie bitten, zu ihren Gemächern zurückzukehren. Wenn Sie sie besuchen wollen, warten Sie bitte, bis die Herrschaften von der Prozession zurück sind.“ – „Woher kommst denn du Grobian?“ protestierte die Oberin entrüstet. „Was geht es dich an, wohin wir gehen?“ – „Ich mag Sie nicht,“ anwortete Bau Yung. „Ich habe sie nicht gerufen. Was können Sie da schon machen?“ – „Nun, das ist richtige Meuterei!“, rief die Oberin ärgerlich. „Als die gnädige Frau noch lebte, hat man uns nie aufgehalten, wenn wir irgendwo- hin gingen. Woher kommst denn du, Ganove, daß du anfängst, dich in so einer anmaßenden Art aufzuspielen? Es ist mir egal, wenn du sagst, ich werde hier hinausgehen!“ Sie packte den Türknauf und zog mehrere Male mit all ihrer Kraft daran. Miau-yü war sprachlos vor Wut, als sie dieser Unterhaltung zuhörte. Sie wollte sich gerade schon wieder auf den Heimweg machen, als die alten Frauen auf der anderen Seite des Tores vom Streit hörten. Sie machten auf, um nachzuschauen. Sie folgerten, daß Miau-yü von Bau Yung belästigt worden sein müsse, und da sie wußten, daß sie die Damen des Hauses näher kannte, besonders das vierte Fräulein [Hsi-tschun], fürchteten die alten Frauen, daß sie [Miau-yü] später den Vorfall melden könne, weil sie sie nicht durchlassen wollten und dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnten. Sie eilten hinter ihr her: „Wir hatten keine Ahnung, daß die Meisterin hier ist, Oberin. Wir entschuldigen uns dafür, daß wir das Tor so langsam geöffnet haben. Unser vierte Fräulein [Hsi-tschun] ist zu Hause, und wäre erfreut, die Meisterin zu sehen. Bitte kommen Sie herein. Dieser dumme Hauswart ist neu hier. Er weiß gar nichts. Wir werden später den Damen von ihm berichten. Sie werden ihn schlagen lassen und ihm kündigen.“ Zuerst weigerte sich Miau-yü, ihre Meinung zu ändern. Aber die alten Frauen bedrängten sie weiter und bettelten sie an, sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Sie waren schon dabei, auf ihre Knie zu fallen, bis sie am Ende keine andere Wahl hatte, als zurückzukehren und ihnen in das Anwesen zu folgen. Als Bau Yung sah, wie die Dinge standen, machte er verständlicherweise keine weiteren Einwände, sondern ging zurück in sein Zimmer, starrte vor sich hin und brütete in seinen Gedanken. Miau-yü brachte die dauistische Oberin direkt zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie schilderten die Aufregung von eben und redeten eine Weile. „Derzeit gibt es keinen Mann in den inneren Gemächern. Ich habe immer noch ein paar Nächte, bevor die anderen nach Hause kommen“, sagte Hsi-tschun. „Die zweite Herrin [Hsi-fëng] ist krank, und ich bin ganz alleine. Es ist so langweilig und beängstigend! Wenn ich nur jemanden hätte, der mir Gesellschaft leisten würde! Nun, da Sie den ganzen Weg gekommen sind, wollen Sie nicht die Nacht bleiben? Bitte! Wir könnten Go zusammen spielen und reden.“ Zunächst war Miau-yü abgeneigt. Aber sie hatte Mitleid mit Hsi-tschun, und dann erhellten sich ihre Augen bei der Erwähnung des Spiels Go, und sie war einverstanden zu bleiben. Sie bat die Oberin, zur Einsiedelei zurückzukehren und schickte nach einer der Novizinnen, ihre Teesachen, Kleidung und Bettsachen zu holen. Hsi-tschun war erfreut und wies Tsai-ping an, etwas vom Regenwasservorrat des Vorjahres zu holen, was gelagert und was beiseite gestellt worden war, um Tee zu machen. Miau-yü hatte ihr eigenes Teeservice. Die Novizin kam gerade mit Miau-yüs Dingen an, Hsi-tschun machte Tee, und die zwei ließen sich bald von einer geistigen Unterhaltung tragen, die bis acht Uhr am Abend ging, als Tsai-ping das Go-Brett auslegte und sie sich zum Spielen niedersetzten. Hsi-tschun verlor die ersten zwei Spiele, aber dann gab Miau-yü ihr eine Vorgabe von vier, und sie gewann das nächste Spiel mit einem halben Punkt. Bevor sie sich versahen, war es bereits zwei Uhr in der Früh. Draußen war die Nacht atemlos still. „Ich muß um vier Uhr meditieren“, sagte Miau-yü. „Geh nun, und ruhe! Meine eigene Magd kann auf mich aufpassen.“ Diese wollte noch nicht gehen, aber fügte sich, aus Respekt vor Miau-yüs religiösen Bräuchen. Sie war dabei, in ihr Schlafzimmer zu gehen, als sie plötzlich einen lauten Schrei von den Frauen der Wache für die östlichen Hauptgemächer hörte, was bald von Hsi-tschuns eigenen Dienerinnen aufgenommen wurde: „Hilfe! Hilfe! Jemand ist eingebrochen!“ Hsi-tschun, Tsai-ping und die anderen Mägde hatten sich bis ins Mark erschrocken. Das nächste, was sie hörten, war das Schreien der Männer der Nachtwache in den äußeren Gemächern. „Nein, oh nein!“, rief Miau-yü, „da müssen Diebe im Hause sein!“ Sie wagte nicht die Tür zu öffnen und verdunkelte ihre Lampe. Sie lugte durch ein Loch im Fenster und konnte mehrere Männer draußen im Hof stehen sehen. Erst war sie sprachlos vor Schreck, dann drehte sie sich um, kroch leise zurück, gestikulierte mit ihren Händen und sagte endlich zu den anderen: „Möge der Himmel uns schützen! Was für große, kräftige Männer da draußen sind!“ Als sie redete, gab es ein Klappern auf dem Dach über ihren Köpfen, und sie hörte die Nachtwachen in den Hof stürmen und rufen: „Haltet den Dieb!“ – Ein anderer sagte: „Die Gemächer der Herzoginmutter wurden vollständig ausgeraubt! Es war niemand zu sehen! Die anderen sind bereits zum Ostflügel gegangen. Wir durchsuchen den Westflügel.“ Als sie die vertrauten Stimmen hörte, rief eine von Hsi-tschuns Ammen aus dem äußeren Zimmer: „Einige von ihnen sind aufs Dach geklettert!“ „Seht!“, riefen die Nachtwachen, „da sind sie! Dort oben!“ Es entstand ein Durcheinander, mehrere Ziegel flogen vom Dach herunter, und keine der Nachtwachen hatte den Mut, zur Verfolgung hinaufzuklettern. Sie standen alle hilflos da, als neuer Krach aus der Richtung des Seitentors zum Garten ausbrach. Hereinstürmte ein großer, massiger Mann, mit einem Holzstock in der Hand. Sie versuchten alle erfolglos, sich zu verstecken. „Wir müssen sie alle stoppen, jeden von ihnen!“, brüllte der Neuankömmling. „Folgt mir!“ Sie standen alle paralysiert vor Angst da, während der stockschwingende Mann fortfuhr, eine Predigt zu halten. Einer der Scharfsinnigeren von ihnen erkannte ihn endlich als Bau Yung, und langsam gewannen die anderen ihre Nerven zurück und begannen zitternd zu berichten: „Einer der Diebe ist ganz entkommen! Aber ein paar sind noch auf dem Dach.“ Als Bau Yung das hörte, rannte er sofort auf das Dach und nahm die Verfolgung auf. Nachdem der Hauptteil ihrer Mission erfüllt war, waren die Diebe, die wußten, wie wenig das Djia-Anwesen bewacht war, zufällig um Hsi-tschuns Hof geschlichen, und hatten einen Blick auf eine attraktive junge Nonne geworfen, was alle möglichen bösartigen Gedanken in ihnen weckte. Sie wußten, daß die Gemächer sorglos von ein paar alten, verängstigten Frauen gesichert waren, und waren dabei, die Tür einzutreten, als sie jemanden draußen kommen hörten und auf das Dach entflohen. Sie sahen bald, daß sie ihren Verfolgern zahlenmäßig überlegen waren und entschlossen sich, alles auszukämpfen, als ein Mann auf das Dach kletterte und ihnen nachsetzte. Er war alleine, und sie griffen ihn daher mit ihren Knüppeln an, doch nur um schnell geschlagen zu werden. Mit wenigen mächtigen und flinken Schlägen seines Stocks hatte Bau Yung bald einen vom Dach gestürzt, während der Rest über die Mauer in den Garten floh, wo andere von ihnen warteten, um das Diebesgut entgegenzunehmen. Diese zogen nun ihre Schwerter zur Verteidigung der Zurückkehrenden. Als sie sahen, daß es nur einer war, umkreisten sie ihn. „Ihr Räuber!“, brüllte Bau Yung, „traut sich einer, gegen mich zu kämpfen?“ – „Sie haben einen von uns umgehauen!“, rief einer aus der Bande. „Egal ob er noch lebt, wir versuchen besser, ihn hier rauszuschaffen!“ Als Bau Yung die Stimme hörte, griff er an, aber vier oder fünf der Diebe kreisten ihn ein und schwenkten ihre Waffen. Das Gewühl hörte erst auf, als einige der Nachtwachen genug Mut aufbrachten, um Bau Yung zu Hilfe zu eilen. Die unterzähligen Diebe flüchteten. Bau Yung, noch in der Verfolgung, stolperte über ein Objekt, welches auf dem Boden lag, und als er wieder auf die Füße kam, sah er, daß es eine Truhe war, und er folgerte, daß die Diebe ihre Beute nicht mitnehmen konnten, und gab daher seine Verfolgung auf. Sie müßten jetzt sowieso weit weg und unerreichbar sein, dachte er. Er sagte den Dienern, sie sollten Licht holen. Bei genauerer Betrachtung entdeckte er, daß da einige Truhen waren und daß sie alle leer waren. Er gab den Befehl, daß sie weggebracht würden und rannte zurück in das Hauptgebäude. Seine fehlende Vertrautheit mit der Lage der Zimmer im Herrenhaus brachte ihn zu Hsi-fëngs Gemächern, wo alle Lichter brannten. „Waren die Diebe hier?“, fragte er. „Wir haben die Türen nicht aufgemacht“, kam Ping-örls zitternde Stimme von innen. Aber wir hörten Geschrei von den Hauptgemächern, geh besser dorthin!“ Bau Yung wußte nicht, wo das war, aber er sah die anderen Wachmänner in der Ferne und folgte ihnen zu den Hauptgemächern, wo er die Türen aufstieß, und die Frauen der Nachtwache schluchzend vorfand. In diesem Moment kamen Djia Yün und Lin Dschï-hsiau an, entsetzt von der Nachricht über den Einbruch. Sie fanden die Tür der gnädigen Frau weit offen vor und konnten im Lampenlicht sehen, daß das Schloß und die Truhen und Regale drinnen alle aufgebrochen waren. Es gab Flüche von den Frauen des Nachtdienstes: „Seid ihr halb tot? Wußtet ihr nicht einmal, daß da Diebe im Haus waren?“ „Es gibt eine Liste für den Nachtdienst“, kam die tränenerstickte Antwort, „und wir sind die Wache von zehn bis zwölf Uhr. Wir haben nie eine Runde ausgelassen, wir haben vorne und hinten alles überprüft. Die Diebe kamen in der Folgeschicht zwischen zwölf und vier Uhr, genau, nachdem wir unsere Pflicht erfüllt hatten. Wir hörten Geschrei, aber wir konnten niemanden sehen, und als wir nachschauten, waren die Dinge bereits weg. Bitte, Herren, befragen Sie die Wache nach uns, nicht uns!“ – „Ihr solltet sterben, elender Haufen!“, sagte Lin Dschï-hsiau. „Ich rede später mit euch. Erst muß ich den Rest des Hauses untersuchen.“ Die Nachtwachen führten ihn zu Frau Yous Gemächern, welche sicher geschlossen waren. Sie hörten die Stimmen von drinnen weinen: „Wir wären vor Angst fast gestorben.“ „Hat jemand etwas von hier gestohlen?“, fragte Lin. Die Frauen öffneten endlich die Tür. „Uns wurde nichts gestohlen.“ Als nächstes führte Lin Dschï-hsiau seine Männer zu Hsi-tschun, wo sie wieder Stimmen von drinnen hörten: „Herr, rette uns! Fräulein [Hsi-tschun] ist vor Angst fast gestorben! Bitte, wachen sie auf, Fräulein!“ Lin befahl ihnen, die Tür zu öffnen, und fragte sie, was passiert sei. Eine Amme erschien in der Tür: „Die Diebe kämpften in unserem Hof, und Fräulein [Hsi-tschun] ist vor Schreck in Ohnmacht gefallen. Glücklicherweise haben Meisterin Miau und Tsai-ping sie wieder zu Bewußtsein gebracht. Hier wurde nichts gestohlen.“ – „Was meinst du mit kämpfen?“, fragte Lin Dschï-hsiau. Einer der Wachmänner antwortete: „Es war Onkel Bau [Yung], der den Tag rettete. Er kletterte auf das Dach und jagte sie davon. Und ich hörte, daß er einen von ihnen umgehauen hat.“ „Ja“, fügte Bau Yung ein, „der Körper liegt drüben am Gartentor.“ Djia Yün und sein Gefolge gingen hinüber zum Gartentor, und tatsächlich lag dort der tote Körper eines Mannes auf dem Boden, welcher bei genauerer Untersuchung sehr dem Ziehsohn von Dschou Juee, Hë San, ähnelte. Sie waren alle sehr erschüttert von dieser Entdeckung. Ein Mann wurde zurückgelassen, um den Körper zu bewachen und zwei wurden zu den vorderen und letzten Gartentoren geschickt, um dort zu wachen, bei beiden wurden die Schlösser intakt vorgefunden. Lin gab nun den Befehl, das Haupttor zu öffnen und den Diebstahl der Polizei zu melden. Die Polizei kam sofort und begann mit den Untersuchungen. Die Diebe, so folgerten sie, waren von einer Nebenstraße auf das Dach geklettert und hinüber zu den Gemächern im westlichen Hof gegangen. Dort fand man zerbrochene Ziegel und noch mehr Spuren, die genau bis zum Ende des Gartens führten. „Sie waren keine Diebe, sondern bewaffnete Räuber!“, riefen die Nachtwachen. Der Polizist sagte: „Es scheint ein Diebstahl zu sein, es gibt keine Beweise für Fackeln oder irgendetwas anderes, das auf einen bewaffneten Raubüberfall schließen läßt. Welche Hinweise habt ihr für diese Anschuldigung?“ „Als wir sie gejagt haben, fingen sie an, Ziegel vom Dach zu werfen, sodaß wir uns ihnen nicht nähern konnten. Aber unser Mann mit Namen Bau [Yung] kletterte auf das Dach, lief ihnen nach und jagte sie bis zum Garten, wo noch viel mehr von ihnen warteten und kämpften. Aber als sie sahen, daß sie es nicht mit unserem Bau aufnehmen konnten, flohen sie!“ – „Seht mal“, rief der Beamte, „wenn sie wirklich bewaffnete Diebe waren, wären sie sicher im Stande gewesen einen einzigen Gegner zu übermannen. Jedenfalls, genug davon: Findet heraus, was genau gestohlen wurde und überbringt uns eine Inventarliste. Dann können wir einen genauen Bericht über diese Sache machen.“ Djia Yün und die anderen Männer gingen nun zu den Hauptgemächern, wo sie Hsi-fëng vorfanden, die sich selbst trotz ihrer Krankheit dorthin geschleppt hatte. Und sie trafen Hsi-tschun an. Djia Yün fragte nach Hsi-fëngs Gesundheit und grüßte Hsi-tschun, und dann machten sie sich alle an die wenig beneidenswerte Aufgabe, zu bestimmen, was vermißt wurde. Da Yüan-yang tot war, und Hu-po und die anderen Mägde bei der Beerdigung waren, wußte keiner, wo man anfangen sollte. Die gestohlenen Sachen waren alles persönliche Dinge der gnädigen Frau und waren immer unter Verschluß gehalten worden. Sie waren noch nie gezählt worden. „Die Truhen und Regale waren voll von so vielen verschiedenen Dingen“, sagten sie, „und nun sind sie alle leer. Die Diebe müssen genügend Zeit gehabt haben, um ihre Arbeit zu tun. Was haben die Frauen der Nachtwache um Himmels willen gemacht? Da der Tote Dieb Hë San ist, der Ziehsohn von Dschou Juee, waren sie wahrscheinlich alle gemeinsam beteiligt.“ Als Hsi-fëng das hörte, quollen ihr vor Wut die Augen aus dem Kopf. „Fessle alle betroffenen Frauen“, befahl sie, „und übergib sie der Polizei zum Verhör.“ Es gab allgemeines Aufschreien, Bitten um Gnade, Frauen auf ihren Knien, die bettelten. Um zu erfahren, was mit ihnen gemacht wurde, und ob die gestohlenen Güter gefunden wurden oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel.