Hongloumeng/de/Chapter 112

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Kapitel 112

活冤孽妙姑遭大劫 / 死雠仇赵妾赴冥曹

Miau-yü entrichtet ihre Karma-Schuld und erleidet einen SchicksalsschlagFrau Dschau ist bei allen unbeliebt und begibt sich auf den Weg in die Unterwelt

Die gefesselten Frauen der Nachtwache gingen auf die Knie und bettelten Hsi-fëng an, sie zu verschonen, aber Lin Dschï-hsiau und Djia Yün sagten ihnen, daß sie ihren Atem vergeudeten: „Die Herren ließen uns zurück, das Haus zu bewachen, wenn nichts passiert, ist es ein Glück. Da diese Dinge passiert sind, müssen wir alle unseren Teil der Schuld auf uns nehmen. Niemand kann euch helfen. Wenn Dschou Juees Ziehsohn darin verwickelt ist, dann stehen alle, von den Damen ausgehend, Männer und Frauen, Herren und Diener, unter Verdacht.“ – „Das ist unser Schicksal“, sagte Hsi-fëng, nach Atem ringend. „Warum Worte verschwenden? Bringt sie nur weg. Und was die gestohlenen Dinge angeht, mußt du sicher sein, daß du der Polizei sagst, daß alles der Herzoginmutter gehörte. Nur die Herren kennen die Einzelheiten. Wenn wir ihnen eine Nachricht schicken und sie nach Hause kommen, dann können wir natürlich eine Liste machen und sie der Polizei geben. Auch im Rathaus muß das bekannt gemacht werden.“ „Ja, Fräulein.“ Djia Yün und Lin Dschï-hsiau gingen hinaus, um diese Anweisungen auszuführen. Hsi-tschun hatte während all dem nichts gesagt, aber nun begann sie zu wimmern: „So etwas habe ich ja noch nie erlebt! Warum mußte es uns zwei treffen? Wie soll ich Onkel Dschëng und Tante Wang gegenübertreten, wenn sie nach Hause kommen? Sie werden alle sagen, daß wir für das Haus verantwortlich waren und uns die Schuld für dieses Desaster geben. Ich werde vor Scham sterben.“ Hsi-fëng antwortete: „Wollen wir das? Die Frauen der Nachtwache müssen die Schuld auf sich nehmen.“ Hsi-tschun entgegnete: „Für dich ist das alles so einfach. Du warst krank, aber ich habe keine Entschuldigung! Meine Schwägerin [Li Wan] hat mir geschadet! Sie überredete Tante Hsing absichtlich, mir die ganze Verantwortung zu übergeben. Nun habe ich mein Gesicht verloren.“ Sie brach unter heftigem Schluchzen zusammen. Hsi-fëng sagte: „So darfst du nicht denken. Wir sind alle geschändet worden. Wenn du so eine dumme Idee verfolgst, wie soll ich dann meinen Kopf hochhalten?“ Als sie sprachen, hörten sie die Stimme eines Mannes im Hof schreien: „Ich sagte, wir sollten keinen Umgang mit solchen Frauen haben. Das sind Hexen und Huren, die ganze Bande! Die Dschën-Familie hätte niemals Menschen wie diese im Haus geduldet, und ich erwartete nicht, daß die Dinge hier im Hause Djia so locker sind! Die Prozession der Herzoginmutter war gestern noch nicht richtig aus dem Haupttor hinaus, als diese Nonne von dieser Einsiedelei kam und darauf drängte hereinzukommen. Ich habe ihr sofort gesagt, daß sie dies nicht könne, aber dann wendeten sich die alten Frauen von dem Seitentor gegen mich und redeten auf mich ein und baten sie, hereinzukommen. Sodaß manchmal das Tor geschlossen war, und manchmal war es offen, – wer hätte sagen können, was vor sich ging! Ich lag wach und sorgte mich, bis zwei Uhr morgens, und dann hörte ich die Schreie vom Haus her. Also ging ich zum Tor, aber sie wollten es nicht aufmachen, und als das Geschrei schlimmer wurde, brach ich das Tor auf und kam herein. Ich sah einige Männer im Westhof, jagte sie und tötete einen von ihnen. Ich fand erst heute heraus, daß der Ort, an dem ich war, der Hof von Fräulein Hsi-tschuns Gemächern war. Und die Nonne war bei ihr zu dem Zeitpunkt, als der Raubüberfall stattfand. Sie schlich heute Morgen vor Morgengrauen davon. Sie muß diejenige sein, die die Diebe hinein ließ.“ „Wer ist dieser gewalttätige Kerl?“, fragte Ping-örl. „Wie kann er es wagen, so eine Sprache zu benutzen, wenn Frau Liän und Fräulein Hsi-tschun hier drin sind?“ „Er erwähnte die Dschën Familie“, sagte Hsi-fëng. „Er muß dieser gemeine Diener sein, den sie uns andrehen wollten.“ Hsi-tschun hatte Bau Yung gehört und zu deutlich verstanden und fühlte sich dadurch noch schlechter als vorher. „War da nicht etwas von einer Nonne in seinem Geschwafel?“, fuhr Hsi-fëng fort und wendete sich an Hsi-tschun. „Welche Nonne war bei dir? Woher kam sie?“ Hsi-tschun sagte ihr, daß Miau-yü sie besucht hatte und daß sie geblieben war, um Go mit ihr zu spielen und ihr während der Nacht Gesellschaft zu leisten. „Oh, Miau-yü!“, rief Hsi-fëng, „das ist natürlich ausgeschlossen, welche lächerliche Idee! Aber dennoch, es wäre sehr unglücklich, wenn die Anschuldigungen dieser abscheulichen Kreatur jemals die Ohren Herrn Dschëngs erreichten.“ Je mehr Hsi-tschun über die möglichen Konsequenzen nachdachte, desto unruhiger wurde sie. Sie erhob sich zum Gehen, aber trotz ihrer eigenen Angst, zu ihren eigenen Gemächern zurückzukehren, fürchtete Hsi-fëng, daß Hsi-tschun sich in ihrem jetzigen Zustand etwas Unüberlegtes antun könne, und bat sie darum, etwas zu warten. „Bevor wir gehen, müssen wir sicherstellen, daß man die übrigen persönlichen Dinge der Großmutter aufräumt. Und wir müssen eine Wache stellen.“ Ping-örl sagte: „Aber es kann nichts aufgeräumt werden, bevor die Amtspersonen ihre Untersuchung durchgeführt haben. Bis dahin sollten wir alles so lassen, wie es ist. Wurde jemand geschickt, um Herrn Dschëng zu informieren?“ Hsi-fëng sagte: „Du schickst besser eine der Ammen, um das herauszufinden.“ Gerade kam die Antwort zurück: „Lin Dschï-hsiau kann nicht selbst gehen. Die meisten der Diener werden gebraucht, um eine Hilfe für die Untersuchung zu sein, und die, die nicht gebraucht werden, sind unfähig den Herren solche Dinge genau zu erklären. Also ist bereits der junge Herr Djia Yün gegangen.“ Hsi-fëng nickte, setzte sich ängstlich zu Hsi-tschun und wartete. Die Bande war von Hë San und seinem Freund mit der ausdrücklichen Absicht ausgehoben worden, das Jung-guo-Anwesen zu überfallen. Auf ihrem Heimweg hatten sie schnell erkannt, daß die Verfolger unfähig waren. Deshalb führte sie ihr Raubzug weiter zum Westhof. Durch das Fenster erspähten sie zwei sehr attraktive junge Damen, die im Lampenlicht zusammensaßen, eine davon trug Nonnentracht. Ihre niederen Instinkte kamen sofort hoch, und sie wären Hals über Kopf hineingerannt, wenn Bau Yung nicht einen Moment später auf sie zu stürmte. Dann machten sie sich schnell mit ihrem Diebesgut, aber ohne Hë San auf den Weg. Sie versammelten sich danach geheim mit ihrem „Hehler“. Am nächsten Tag erfuhren sie, daß Hë San gestoppt und getötet worden war und daß die Polizei und das Rathaus alarmiert worden waren. Es war nicht länger sicher für sie in der Stadt und nach einiger Diskussion entschieden sie sich, sich unverzüglich wieder auf den Weg zurück zu ihrem Hauptquartier an der Küste zu machen, um sich wieder ihren Piratenfreunden anzuschließen. Wenn sie später aufbrechen würden, wäre bereits ein Steckbrief für ihre Festnahme veröffentlicht, wodurch es unmöglich für sie wäre, durch die Wachposten zu kommen. Es gab jedoch einen besonders dreisten Charakter unter ihnen: „Das ist alles gut gesagt, daß wir die Stadt verlassen müssen“, sagte er. „Aber ich habe immer noch ein Auge auf die kleine Nonne geworfen. Sie ist wirklich sehr hübsch! Ich frage mich, von welchem Konvent sie kommt, dieses leckere Ding!“ „Ach!“, rief einer der anderen, „da fällt es mir wieder ein. Sie muß die Nonne sein, die genau auf dem Gelände des Gartens der Djia-Familie wohnt, in dem Ort, den sie Kloster Gefangenes Grün nennen. Gab es da nicht eine Geschichte, die vor ein oder zwei Jahren, über sie und Herrn Bau-yü herum ging? Sie verliebte sich Hals über Kopf in ihn und am Ende holten sie einen Arzt. Sie muß diejenige sein!“ – „In diesem Fall“, sagte der erste, „laß uns heute uns nacht hier verstecken und morgen von unserem Skipper Geld borgen, um die Ausrüstung zu kaufen, uns als reisende Geschäftsleute zu verkleiden. Morgen, zur Frühglocke könnt ihr anfangen, in Intervallen die Stadt zu verlassen. Wartet auf mich an der Fünf-Meilen-Anhöhe.“ So wurde es gemacht. Sie teilten das Diebesgut auf und gingen getrennte Wege. Djia Dschëng und der Rest des Zuges beförderten die Särge der Herzoginmutter und Yüan-yangs in den Tempel und bestatteten sie dort gemäß den Vorschriften in der Gruft. Die vielen Verwandten und Freunde, die sie begleiteten, verabschiedeten sich dann von ihnen. Djia Dschëng ließ sich in einem der äußeren Flügel als sein ‚Trauer-Quartier‘ nieder, während die Damen in den inneren Räumen, dort wo die Särge plaziert waren, blieben. Während der ganzen Nacht gab es andauerndes Klagen. Am nächsten Morgen begannen sie noch einmal Beerdigungsopfer darzubringen und waren dabei, die Opfergaben auszulegen, als Djia Yün hereinstürmte. Erst verbeugte er sich vor dem Sarg der Herzoginmutter, dann eilte er zu Djia Dschëng, ließ ein Knie auf den Boden fallen und gab einen atemlosen Bericht vom Raub der vergangenen Nacht und dem Verlust des Besitzes der Herzoginmutter ab. Er beschrieb, wie Bau Yung auf der Jagd war und einen der Räuber getötet hatte, und endete damit, daß er sagte, daß die Fakten bereits vor der Polizei und dem Rathaus dargelegt worden seien. Djia Dschëng hörte all dies bestürzt, während die Damen, die dies mit Schrecken in den inneren Räumen hörten, zu geschockt waren, um zu sprechen und nur laut schluchzen konnten. Endlich fing sich Djia Dschëng wieder und fragte: „Wie wurde die Inventarliste der gestohlenen Dingen erstellt?“ Djia Yün sagte: „Keine der Dienerinnen wußte, was darin gewesen war, also wurde die Inventarliste noch nicht erstellt.“ Djia Dschëng erklärte: „Auch gut. Wenn wir nach der Beschlagnahme, Dinge von Wert im Inventar auflisten, würden wir uns einer weiteren Übertretung des Gesetzes strafbar machen. Sag’ Liän, er solle sofort hierher kommen.“ Djia Liän war mit Bau-yü und einigen anderen jungen männlichen Djias gegangen, um die Opfer in einem anderen Teil des Tempels zu entrichten, und sie eilten zurück, als sie Djia Dschëngs Aufforderung erhielten. Die Neuigkeiten versetzten Djia Liän in einen Zustand äußerster Aufregung, und vor Djia Dschëng fluchte er und schimpfte Djia Yün aus: „Elender Mistkerl! Ich habe dir so eine große Verantwortung übertragen und erwartete, daß du die Nachtwache anständig organisierst, und sieh, was passiert ist! Bist du halbtot oder was? Ich bin erstaunt, daß du es überhaupt wagst, hierher zu kommen!“ Er spuckte ihm ins Gesicht. Djia Yün stand dort mit hängenden Armen an den Seiten und traute sich nicht, ein Wort zu sprechen. Djia Dschëng sagte zu Djia Liän: „Ihn zu verfluchen, wird nichts bringen.“ Djia Liän fiel auf die Knie und fragte: „Was sollen wir jetzt tun?“ Djia Dschëng sagte: „Es gibt nichts, was wir tun können, außer zu warten und zu hoffen, daß die Behörden die Diebe ergreifen. Es ist ärgerlich, daß wir die Truhen meiner Mutter nie öffneten. Als du mich nach Geld fragtest, dachte ich, es wäre nicht gut, wenn ich das Silber der Herzoginmutter nehmen würde, als sie erst ein paar Tage tot war. Ich wollte bis nach der Beerdigung warten und all unsere Konten sofort auflösen und den Restbetrag in ein Ahnengut im Süden investieren. Also wissen wir nicht genau, was sie hinterlassen hatte. Nun will die Polizei eine Inventarliste, und wir können kaum etwas mit Wert dort angeben. Aber gleichzeitig werden wir nicht davonkommen mit ‚diversen Mengen an Gold und Silber und mehreren Kleidungsstücken und Juwelen‘. Es gibt keine genauen Zahlen, und wir dürfen nichts erfinden. Ich erkenne dich kaum wieder, warum hast du das damals nicht richtig organisiert. Und jetzt kniest du hier, das bringt doch gar nichts!“ Djia Liän traute sich nicht, ein Wort zu sagen, erhob sich aber und ging zur Tür. Djia Dschëng fragte: „Wohin gehst du nun?“ Djia Liän kam zurück und kniete wieder. „Ich dachte, ich sollte sofort nach Hause gehen und versuchen, dies anständig zu lösen.“ Djia Dschëng gab ein lautes, zustimmendes „Hm!“ von sich. Djia Liän ließ seinen Kopf demütig hängen. Djia Dschëng sagte: „Berichte es erst deiner Mutter. Wenn du nach Hause gehst, nimm ein oder zwei Mägde der Großmutter mit. Sag’ ihnen, sie sollen gut nachdenken und etwas in der Art einer Inventarliste zustande bringen.“ Djia Liän wußte, daß Yüan-yang für alle persönlichen Dinge der Herzoginmutter verantwortlich war, und daß es, nun da sie tot war, unnütz wäre, Dschën-dschu oder die anderen Mägden zu bitten, sich zu erinnern. Aber er hatte keinen Mut, Djia Dschëng zu widersprechen und bestätigte seine Anweisungen. Er ging in den inneren Räumen, wo er die Vorwürfe der Damen Hsing und Wang erdulden mußte. Sie befahlen ihm, nach Hause zu eilen und den Frauen zuhause zu sagen, wie sie ihnen morgen unter die Augen treten sollten. Er versicherte mit etwas unbeholfener Anmut, daß er dies tun würde. Djia Liän ging hinaus und befahl einem seiner Männer, einen Wagen für Hu-po und die anderen Mägde der Herzoginmutter zu holen, während er selbst auf einen Maulesel stieg und flugs mit einigen seiner Pagen nach Hause eilte. Djia Yün hatte keine Lust auf weitere Auseinandersetzungen mit Djia Dschëng, und stahl sich davon, er stieg auf ein Pferd und holte zu Djia Liän auf. Ihr Ritt in die Stadt blieb ereignislos. Djia Liän wurde im Jung-guo-Anwesen von Lin Dschï-hsiau begrüßt, der ihn in die Gemächer der Herzoginmutter führte. Als er Hsi-fëng und Hsi-tschun sah, verbarg er seinen Haß im Herzen, ohne etwas zu sagen. Dann fragte er Lin Dschï-hsiau: „Hat die Polizei bereits alles untersucht?“ Lin Dschï-hsiau kniete schuldbewußt nieder: „Beide, die Polizei und das Rathaus, haben eine Inspektion gemacht, Herr. Sie entdeckten die Spuren der Diebe und untersuchten die Leiche.“ Djia Liän fragte überrascht: „Welche Leiche?“ Lin Dschï-hsiau erzählte ihm, wie Bau Yung einen der Diebe getötet hatte und daß der tote Mann eine große Ähnlichkeit mit Dschou Juees Ziehsohn hatte. Djia Liän sagte: „Schicke nach Yün-Örl!“ Als Djia Yün hereinkam, fiel er vor Djia Liän auf die Knie. Djia Liän fragte: „Warum hast du Onkel Dschëng nichts davon erzählt, daß einer der Diebe der Ziehsohn Dschou Juees war und daß er von Bau Yung getötete wurde?“ Djia Yün antwortete: „Die Männer der Nachtwache sagten nur, daß er so ähnlich ausgesehen habe. Ich hatte Angst, daß es vielleicht falsch sein könnte, also habe ich es nicht erwähnt.“ Djia Liän sagte: „Dummkopf! Wenn du es mir gesagt hättest, hätte ich Dschou Juee mitgenommen, um den Körper zu identifizieren. Das hätte jeden Zweifel ausgeräumt.“ Lin Dschï-hsiau sagte: „Die Behörden haben die Leiche mitgenommen und stellen sie zur Identifizierung öffentlich aus.“ Djia Liän erklärte: „Das ist sehr dumm von ihnen! Als ob jemand vorkommen würde, um einen Mann zu identifizieren, der für seinen Tod selbst verantwortlich ist?“ Lin Dschï-hsiau sagte: „Es gibt sowieso keinen Grund für eine Identifizierung, Herr. Ich erkannte den Mann selbst.“ Djia Liän wog einen Moment lang ab. „Natürlich! War es nicht Dschou Juees Ziehsohn, den Herr Dschën vor einem Jahr oder so schlagen lassen wollte?“ Lin Dschï-hsiau sagte: „Ja, er wurde erwischt, als er sich mit Bau Örl schlug. Ich habe es selbst gesehen.“ Djia Liän wurde noch zorniger bei dieser Enthüllung, und wollte den Mann der Nachtwache schlagen, aber Lin Dschï-hsiau bat ihn, den Zorn verrauchen zu lassen. „Sie hatten ihre Anweisungen, Herr, und ich bin sicher, Sie taten Ihre Pflicht. Aber es ist eine strenge Familienregel, daß Männer nicht hinter dem inneren Tor erlaubt sind. Selbst wir sind dort nicht zugelassen, außer, wenn nach uns verlangt wird. Herr Djia Yün und ich machten unsere regulären Runden in den äußeren Gemächern. Das innere Tor war fest geschlossen, und keines des äußeren Tore wurde offen gelassen. Die Diebe brachen von einer hinteren Gasse ein.“ Djia Liän fragte: „Wo sind die Frauen, die die Nachtwache für die inneren Gemächer hatten?“ Lin informierte ihn, daß auf Hsi-fëngs Anweisung alle Frauen festgehalten und gefesselt waren und darauf warteten, befragt zu werden. Djia Liän fragte: „Wo ist Bau Yung?“ Lin Dschï-hsiau antwortete: „Er ist zurück in den Garten gegangen.“ Djia Liän sagte: „Schicke nach ihm!“ Die Pagen gingen, um Bau Yung zu holen, und als er ankam, lobte Djia Liän ihn für seine Tat: „Gut, daß du hier warst! Wenn nicht, wäre das ganze Haus ausgeraubt worden!“ Bau Yung sagte nichts. Hsi-tschun hatte Angst, daß er seinen Mund aufmachte und Miau-yü beschuldigen würde. Hsi-fëng war ebenfalls besorgt und blieb still. Es wurde zwischenzeitlich berichtet, daß Hu-po und die anderen Mägde vom Tempel laut jammernd angekommen waren. Sie begrüßten den Rest des Haushaltes. Auf Anweisungen Djia Liäns durchsuchten die Diener die Gemächer der Herzoginmutter, um zu sehen, ob, wenn überhaupt, die Diebe etwas dagelassen hatten, und sie fanden nichts als Kleidung, ein paar Bahnen Stoff und ein paar Körbe mit Bargeld. Djia Liän war nun bestürzter denn je. Weder die Männer, die das Begräbnistuch hergestellt hatten, und die Leichenträger noch die zusätzlichen Bewirtungskosten waren bezahlt worden. Wo sollte er nun das Geld hernehmen? Er grübelte mürrisch, während Hu-po und die anderen Mägde in die Gemächer der Herzoginmutter gingen und in ein erneutes Weinen ausbrachen, als sie das Chaos erblickten. Die Truhen und Schränke waren offen, und wie konnten sie sich nur daran erinnern, was sich darin befunden hatte? - Sie brachten es aber fertig, eine Liste von allem Möglichen zusammenzubasteln, welche sie einem Diener gaben, der sie den Behörden übergeben sollte. Djia Liän gab der Nachtwache Anweisungen, und Hsi-fëng und Hsi-tschun gingen zurück in ihre Gemächer. Djia Liän dachte, es wäre das Beste, die Nacht nicht zu Hause zu verbringen, weil er Hsi-fëng nicht für ihren Teil der Geschichte tadeln wollte. Sobald er wegkonnte, stieg er auf sein Pferd und ritt aus der Stadt. Hsi-fëng hatte noch immer Angst, daß Hsi-tschun Selbstmord begehen könnte, und schickte Fëng-örl hinüber, um sie zu trösten. In der Stunde um 22 Uhr nachts waren die Tore fest geschlossen, nun eine etwas überflüssige Vorsichtsmaßnahme, und alle lagen nervös und wach im Bett. Aber unsere Erzählung verläßt das Jung-guo-Anwesen und kehrt zurück zu dem Dieb, der es auf die Nonne abgesehen hatte. Er wußte, daß die Herberge eine isolierte Gegend im Garten war, und daß die einzigen Gefährten der Nonne wenige alte Oberinnen und Novizinnen waren, die keine Gefahr darstellen würden. Entsprechend machte er seine Pläne. Um Mitternacht, als alles ruhig war, brach er, mit einem kurzen Messer und einem Arsenal von Betäubungsmitteln ausgestattet, auf. Er erklomm die Gartenmauer. Von seinem Aussichtspunkt konnte er die fernen Lampen der Herberge sehen. Er krabbelte verstohlen hinüber und versteckte sich in einer einsamen Ecke. Um zwei Uhr brannte nur noch ein einziges Nachtlicht. Miau-yü saß im Schneidersitz auf ihrer Matte. Sie machte eine kurze Pause bei ihren Meditationen, und nach mehreren tiefen Seufzern dachte sie laut bei sich: ‚Als ich von meiner Heimat am Berg Yüän-mu in die Hauptstadt kam, hatte ich gehofft, mir einen Namen zu machen. Aber als die Djias mich einluden, hier zu bleiben, konnte ich ihre Einladung kaum ablehnen. Und nun kann ich nicht einmal so etwas Einfaches machen, wie gestern Hsi-tschun zu besuchen, ohne daß ich mit Beschuldigungen von so einer groben Kreatur überhäuft werde. Und später in der Nacht hatte ich solche Angst! Wie nervös ich den ganzen Tag war, seit meiner Rückkehr schon. Ich kann einfach nicht vernünftig sitzen und meditieren.‘ Sie meditierte üblicherweise alleine und hatte auch heute die anderen nicht gefragt, ob sie mit ihr aufbleiben würden. Aber plötzlich, um vier Uhr, begann sie vor Kälte zu zittern, und war dabei, eine ihrer Frauen zu rufen, als sie ein Geräusch vom Fenster her hörte. Sie dachte sofort daran, was am vorherigen Abend passiert war und rief nach den anderen! Aber es gab keine Antwort. Dort, wo sie saß, konnte sie einen seltsamen Geruch wahrnehmen, der genau in ihren Kopf drang, und ihre Glieder wurden nach und nach taub und sie war unfähig sich zu bewegen, ihr Mund war nicht mehr fähig zu sprechen. Panik erfaßte sie. Hilflos sah sie, wie ein Fremder ihren Raum betrat, ein Mann, mit einem funkelnden Messer in seiner Hand. Obwohl sie wie gelähmt war, war ihr Kopf noch immer klar, und sie dachte, daß sie getötet würde, fügte sich geistig in ihr Schicksal und machte sich selbst überraschend frei von Angst. Dann ließ der Mann zu ihrem Erstaunen das Messer zurück in sein Lederetui fallen, was über seiner Schulter hing, kam zu ihr und legte beide Arme sanft um sie. Er liebkoste sie kurz, dann hob er sie auf seinen Rücken. Nun war Miau-yü zu müde, um zu verstehen, was mit ihr vor sich ging. Die Drogen hatten sie in eine tiefe Benommenheit gleiten lassen, und sie übergab ihren jungfräulichen Körper den Händen des Fremden, damit er tun konnte, was er wollte. Mit Miau-yü auf seinem Rücken machte der Mann sich auf den Weg zur Gartenmauer, welche er mit Hilfe einer Strickleiter erklomm, und kletterte auf der Seite wieder herunter, wo einige seiner Komplizen mit einem Fluchtkarren warteten. Sie packten Miau-yü darauf und fuhren fort. Die beeindruckenden offiziellen Titel, die auf den Wagenlaternen geschrieben waren, erlaubten es ihnen, durch die Barrikaden der Distrikte zu kommen, und als sie das Stadttor erreichten, war bereits Öffnungszeit und der Pförtner machte sich nicht einmal die Mühe, irgendwelche Fragen zu stellen, denn er dachte, sie seien in hoheitlichem Auftrag unterwegs. Als sie erst einmal aus der Stadt waren, eilten sie zur Fünf-Meilen-Anhöhe, wo sie sich dem Rest der Bande anschlossen und sich verständigten, auf getrennten Wegen zur Südküste zu gehen. Es ist nicht bekannt, was später aus Miau-yü wurde, ob sie sich freiwillig den Wünschen ihres Räubers ergab oder ob sie sich widersetzte und daran starb. Aus Mangel an ausreichenden Hinweisen auf ihr letztendliches Schicksal, ist es unnütz, darüber zu spekulieren. - Stattdessen kehrt unsere Erzählung zurück zum Kloster Gefangenes Grün. Eine der alten Nonnen, die ihr Quartier am Ende von Miau-yüs Meditationszimmer hatte, schlief diese Nacht bis vier Uhr morgens, als sie vom Geräusch von Stimmen im vorderen Raum erwachte. Miau-yü muß einen rastlosen Anfall in ihren Meditationen haben, folgerte sie. Aber dann hörte sie hinterher schwere und sicherlich männliche Schritte und das Geräusch von Türen und Fenstern, die sich öffneten und schlossen. Sie wäre aufgestanden, um nachzuschauen, aber ihre Glieder waren sehr schwach, und sie konnte ihren Mund nicht zum Sprechen öffnen. Kein weitere Geräusche kamen aus Miau-yüs Raum, und die alte Nonne lag nun bis zum Morgengrauen benommen da, ihre Augen weit geöffnet. Erst dann wurde ihr Kopf klarer. Sie warf sich ein paar Kleider über und befahl den alten dauistischen Priesterinnen, das Wasser für Miau-yüs Morgentee zu erhitzen. Dann ging sie in den vorderen Raum, aber zu ihrem Schrecken fand sie keine Spur von Miau-yü, und Tür und Fenster waren weit geöffnet. Sie erinnerte sich an die Geräusche in der Nacht und wurde argwöhnisch. Laut fragte sie: „Wohin könnte sie so früh am Morgen gegangen sein?“ Sie ging hinaus in den Hof, sie sah die Strickleiter von der Mauer hängen und auf dem Boden lag eine Schwertscheide und eine Zarge. „Oh mein Gott! Es muß letzte Nacht ein Räuber gewesen sein! Er muß uns mit Betäubungsmitteln eingeschläfert haben!“ Sie rief die anderen, damit sie aufstehen und die Herberge durchsuchten. Das Haupttor war noch immer fest verschlossen. „Der Rauch von dem Ofen letzte Nacht war schrecklich!“ murmelten die alten Oberinnen und jungen Novizinnen gleichermaßen, als sie gerufen wurden. „Keine von uns fühlte sich an diesem Morgen danach aufzustehen. Was willst du von uns in aller Herrgottsfrühe?“ – „Die Schwester [Miau-yü] ist verschwunden!“, rief die Nonne. Die anderen sagten: „Sie ist wahrschenlich in der Kapelle von Guan-yin und meditiert.“ – „Ihr träumt alle noch! Kommt und seht!“ Die Frauen erhoben sich endlich alarmiert, öffneten das Haupttor der Herberge und durchsuchten den Garten. Dann fiel ihnen ein, daß Miau-yü vielleicht zu Hsi-tschun gegangen sei, und sie gingen zusammen dorthin, klopften am Seitentor, nur um eine Runde Anschuldigungen von Bau Yung zu bekommen. „Wir wissen nicht, wo Schwester Miau[-yü] letzte Nacht hingegangen ist“, sagten sie. „Wir suchen nach ihr. Öffne, alter Mann, und laß uns in das Haus! Wir wollen nur herausfinden, ob sie dort zu Besuch ist oder nicht.“ „Sie war diejenige, die die Diebe hereinließ!“ schrie Bau Yung. „Nun haben sie, wofür sie gekommen waren, und sie ist mit ihnen gegangen, um es zu genießen!“ „Bei allen Heiligen!“, rief eine der Frauen, „du mußt deine Zunge in der Hölle rausschneiden lassen, für so eine gemeine Beschuldigung!“ Bau Yung erwiderte ungestüm: „Unsinn! Wenn Ihr Ärger macht, werde ich euch schlagen.“ Die Frauen lächelten nun unterwürfig und bittend: „Bitte Herr, wir flehen Sie an, das Tor zu öffnen. Laß uns wenigstens nachschauen. Wenn sie nicht hier ist, werden wir Sie nicht mehr belästigen.“ Bau Yung erwiderte: „Na gut. Wenn ihr mir nicht glaubt, geht hinein und schaut selbst! Aber wenn ihr sie nicht findet, will ich eine Erklärung von euch auf eurem Rückweg.“ Er öffnete das Tor, und die Frauen gingen zu Hsi-tschuns Gemächern. Hsi-tschun war sehr traurig an diesem Morgen und grübelte darüber, was am Tag zuvor passiert war: „Miau-yü ging gestern so früh nach Hause. Ich frage mich, ob sie hörte, was der Diener Bau Yung sagte. Wenn er sie wieder beleidigte, wird sie nie mehr kommen und mich besuchen. Und dann habe ich meinen einzigen wahren Freund auf der Welt verloren. Mutter und Vater sind tot und meine Schwägerin haßt mich so. Vorher gab es immer die Herzoginmutter. Ich wußte, ich konnte auf ihre Liebe zählen. Nun ist auch sie weg, und ich bin alleine zurückgeblieben. Was wird aus mir werden?“ Sie dachte an die anderen Mädchen und deren unterschiedliche Schicksale: „Ying-tschun wurde in ihren Tod getrieben. Hsiang-yün wurde mit einem Schwindsüchtigen verheiratet. Tan-tschun lebt am anderen Ende der Welt. Jede von ihnen hat ihr Schicksal, und jede war machtlos, es zu ändern. Miau-yü ist die einzige Freie von uns, frei wie eine wandelnde Wolke oder ein wilder Kranich. Wenn ich nur wie sie sein könnte, wie glücklich wäre ich! Aber wie kann ich hoffen, ihrem Beispiel zu folgen? Ich gehöre zu einer reichen Familie! Und nun habe ich sogar meine Familie im Stich gelassen und bin in gänzliche Ungnade gefallen. Weder Tante Wang noch Tante Hsing verstehen, wie ich mich fühle. Ich habe keine Ahnung, wie das Leben für mich enden wird.“ Sie war nun entschlossener denn je, den letzten, endgültigen Schritt zu gehen, ihr Haar zu schneiden und indem sie das tat, signalisierte sie damit ein für allemal ihren Eintritt in das religiöse Leben. Tsai-ping und die anderen Mägde hörten den Schnitt der Schere und eilten hinüber, aber sie waren zu spät. Sie hatte bereits eine gute Hälfte ihres Haares abgeschnitten. „Bevor die eine Katastrophe vorüber ist, kommt schon die nächste!“, rief Tsai-ping alarmiert. „Was sollen wir nun tun?“ Dies ist der Zustand der Verwirrung, der in Hsi-tschuns Gemächern herrschte, als Miau-yüs alte Frauen bei ihrer Suche dort ankamen. Tsai-ping erfragte, was sie wollten, dann war sie geschockt zu hören, daß Miau-yü verschwunden war und informierte sie darüber, daß sie gestern früh am Morgen ging und seitdem nicht zurückgekehrt sei. Hsi-tschun hörte dies von innen und fragte erschrocken: „Wo ist Miau-yü hingegangen?“ Eine der Frauen erzählte die Geschichte, wie sie die Geräusche in der Nacht gehört hatte, daß sie durch betäubende Räucherstäbchen eingeschläfert worden waren, Miau-yü am Morgen vermißten und die Strickleiter und die Schwertscheide entdeckt hatten. Hsi-tschun war beides, aufgeregt und verblüfft. Sie erinnerte sich an Bau Yungs Anschuldigungen des vorherigen Tages, aber tat diese sofort ab und verbannte sie aus ihrem Gedächtnis, und dachte daran, daß die Diebe vielleicht Miau-yü gesehen hätten und während der Nacht zurückgekommen waren, um sie mitzunehmen. Aber sie kannte Miau-yü. Sicher würde eine Person von so einer Keuschheit und Stolz eher sterben als sich so demütigen zu lassen? „Habt ihr nichts gehört?“, fragte sie die Frauen. „Wir hörten es“, antworteten sie, „aber wir konnten nichts tun. Wir konnten nur daliegen, mit weit geöffneten Augen, unfähig, ein Wort zu sagen. Die Diebe müssen uns zum Schlafen gebracht haben, indem sie ein paar Räucherstäbchen abbrannten. Und Schwester Miau-yü muß auch von dem Rauch überrascht worden sein. Deswegen konnte auch sie nicht sprechen. Außerdem gab es wahrscheinlich einige von ihnen, bis an die Zähne bewaffnet, sodaß sie zu ängstlich war, ein Geräusch zu machen oder zu schreien.“ Man konnte das Schreien von Bau Yung vom Tor hören: „Bringt diese dummen Hexen hier raus und schließt sofort das Tor!“ Tsai-ping, die Angst hatte, neuen Ärger zu bekommen, befahl den Frauen, sofort zu gehen, und gab Befehl, das Tor zu schließen. Hsi-tschun war nun noch elender zu Mute als jemals zuvor. Tsai-ping und ihre anderen Mägde mahnten sie wiederholt, eine verständigere Perspektive anzunehmen und überredeten sie, die übrigen Portionen ihrer Haare hochzustecken. „Wir dürfen kein Wort über Miau-yü verlieren,“ einigten sie sich alle. „Selbst wenn es wahr ist, müssen wir uns verhalten, als ob wir nichts wüßten, bis Herr Dschëng und die Dame Wang nach Hause kommen.“ Von diesem Tag an war es Hsi-tschuns Bestimmung, Nonne zu werden. Aber davon im Moment nichts mehr. Als Djia Liän vom Kloster ‚Eiserne Schwelle‘ zurückkehrte, berichtete er Djia Dschëng, daß er den Mann der Nachtwache befragt hatte und zugesehen hatte, daß die Inventarliste vorbereitet und den Behörden geliefert wurde. „Wie hast du das mit der Inventarliste geregelt?“, fragte Djia Dschëng. Djia Liän zeigte ihm eine Kopie von der Liste, die Hu-po aus dem Gedächtnis angefertigt hatte, und fügte hinzu: „Alle Geschenke der kaiserlichen Nebenfrau Yüän-tschun an die Herzoginmutter sind deutlich gekennzeichnet. Alle anderen besonderen oder auffälligen Gegenstände wurden von der Liste genommen. Wenn meine Zeit der Trauer vorüber ist, werde ich eine Suche nach diesen Dingen anregen und bin zuversichtlich, diese wiederzufinden.“ Djia Dschëng dachte, daß diese Vorgehensweise weise wäre, und nickte in stillem Einverständnis. Djia Liän ging hinein, um die Damen Hsing und Wang zu sehen, und bat sie, Djia Dschëng dazu zu bewegen, so schnell wie möglich zurückzukehren. Je länger sie wegblieben, desto größer wäre das Chaos, wenn sie zurückkehrten. „Ich bin einverstanden“, sagte die Dame Hsing, „so lange wir hier bleiben, werden wir sowieso in dieser furchtbaren Anspannung bleiben.“ – „Ich hätte mich nie getraut, selbst eine frühe Abreise vorzuschlagen“, sagte Djia Liän, „aber wenn es von dir kommt, Mutter, bin ich sicher, daß Onkel Dschëng zustimmen wird.“ Die Dame Hsing unterhielt sich darüber mit der Dame Wang, und beide stimmten überein, daß Liäns Vorschlag gut war. Es stellte sich am nächsten Morgen heraus, daß Djia Dschëng selbst sehr gerne zurückkehren wollte, und er schickte Bau-yü mit der Nachricht zu den Damen. „Ich schlage vor, daß wir heute zurückkehren und unsere Trauer hier in ein oder zwei Tagen fortsetzen. Ich habe die nötigen Anweisungen an die Diener gegeben, die zurückbleiben. Wären die Damen so gut, dasselbe zu tun?“ Die Dame Hsing unterwies Ying-ge und einige anderen Mägde, als Trauernde zu bleiben, und hinterließen Dschou Juees Frau sowie ein paar ältere Verwalterinnen mit der vollen Verantwortung. Alle anderen mußten nach Hause zurückkehren. Sofort trat Geschäftigkeit ein, da Wagen vorbereitet und Pferde gesattelt wurden, Djia Dschëng die Familie zu einer letzten Trauerklage führte und um einen zeremoniellen Abschied der Überreste der Herzoginmutter bat. Sie waren alle von ihrem Kniefall aufgestanden und dabei zu gehen, als sie bemerkten, daß Frau Dschau noch auf ihren Knien war. Frau Dschou dachte, sie brauche noch etwas Zeit und ging hinüber, um ihr aufzuhelfen. Aber sie war in einem Zustand der Unfähigkeit, der aus mehr als Trauer herrührte: Sie schäumte aus dem Mund, ihre Augen starrten glänzend vor sich hin, ihre Zunge war herausgestreckt. Der Anblick erschreckte alle. Djia Huan ging zu seiner Mutter zu ihr und schrie schrecklich vor ihr, was sie für einen Moment wieder zu sich zu bringen schien. „Ich will nicht nach Hause!“, begann sie zu stammeln, „ich gehe zurück in den Süden mit der Herzoginmutter.“ „Aber warum sollte die Herzoginmutter dich brauchen?“, fragten sie. „Ich war mein ganzes Leben bei ihr. Herr Schë wollte uns trennen und versuchte alle möglichen Tricks, um seine Hände an mich zu legen. Ich dachte, die alte dauistische Priesterin Ma könnte mir helfen; daß mein Geld verschwendet war, war nicht so schlimm, aber es funktionierte nicht, niemand starb. Nun, wenn ich nach Hause gehe, fürchte ich, daß jemand Rache nehmen wird.“ Erst dachten sie, sie wäre von Yüan-yangs Geist besessen. Die Damen Hsing und Wang sagten nichts, schauten sich nur an. Nur Tsai-yün und einige andere Mägde sprachen und baten: „Schwester Yüan-yang, dein Tod war frei von dir gewählt. Was hat das mit Frau Dschau zu tun? Bitte laß sie frei.“ In Anwesenheit der Dame Hsing trauten sie sich nicht mehr zu sagen. „Ich bin nicht Yüan-yang!“ protestierte Frau Dschau. „Sie ist schon lange in himmlischen Gefilden. Ich wurde vom Herrscher der Unterwelt, König Yän, geschickt. Er will mich über die dauistische Priesterin Ma und die schwarze Magie ausfragen.“ Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern und fuhr fort: „Oh Frau Liän, legen sie ein gutes Wort für mich bei Djia Dschëng ein! Ich habe zwar an tausend Tagen Böses getan, doch habe ich auch an einem Tag Gutes getan! Liebe Frau Liän! Liebste Frau Liän! Ich wollte ihnen nie weh tun! Ich war so dumm! Ich hätte niemals auf diese alte Hexe hören sollen!“ Während diese außergewöhnliche Szene stattfand, schickte Djia Dschëng einen Diener hinein, um Djia Huan zu holen. Eine der Dienerinnen ging hinaus, um den Herrn zu informieren, daß Frau Dschau von einem bösen Geist besessen war und daß Djia Huan nach ihr sah. „Welcher Unsinn!“, rief Djia Dschëng brüsk, „wir gehen jetzt trotzdem.“ Also machten sich die Männer auf den Weg, während Frau Dschau fortfuhr, im Dilirium zu reden. Niemand konnte sie wieder zu Verstand bringen. Die Dame Hsing befürchtete, sie könnte noch etwas Indiskreteres sagen. „Ein paar Frauen bleiben hier, um auf sie aufzupassen“, befahl sie. „Wir müssen wirklich gehen. Wenn wir die Stadt erreichen, holen wir einen Arzt.“ Die Dame Wang hatte Frau Dschau nie gemocht und war nur zu froh, sie zu verlassen. Bau-tschai war auf der anderen Seite ihr gegenüber weniger voreingenommen. Sie wußte, daß Frau Dschau versucht hatte, Bau-yü weh zu tun, aber sie konnte sich nicht helfen, trotzdem Mitleid mit ihr zu haben; insgeheim bat sie darum, daß Frau Dschou zurückblieb und sich um sie kümmerte. Frau Dschou war eine gute Seele und war einverstanden. Li Wan blieb ebenfalls freiwillig, aber wurde höflich von der Dame Wang darauf hingewiesen, daß ihre Anwesenheit unnötig sei. Sie waren nun bereit zu gehen. „Was ist mit mir?“, fragte Djia Huan alarmiert. „Muß ich auch bleiben?“ „Du Dummkopf!“, erwiderte die Dame Wang geringschätzig und kein bißchen heuchlerisch. „Würdest du deiner Mutter opfern, wenn sie an der Schwelle des Todes steht?“ Djia Huan traute sich nicht, ein Wort zu sagen. „Lieber Bruder“, sagte Bau-yü, „du solltest wirklich bleiben. Sobald wir in die Stadt kommen, schicke ich jemanden zu dir hinaus.“ Sie stiegen in ihre Wagen, kehrten nach Hause zurück und ließen die Frau Dschau mit Frau Dschou, Djia Huan, Ying-wu und einigen Dienerinnen im Tempel zurück. Als sie das Haus erreichten, gingen Djia Dschëng, die Damen und der Rest der Familie zu den Gemächern der Herzoginmutter und überblickten weinend die Szene. Lin Dschï-hsiau begrüßte sie mit dem Hauspersonal. „Geht weg!“, rief Djia Dschëng aus, als sie auf ihre Knie fielen. „Ich werde mich morgen mit euch befassen!“ Hsi-fëng war bereits einige Male an diesem Tag in Ohnmacht gefallen, und war zu schwach herauszukommen und sie zu Hause willkommen zu heißen. Die einzige Person, die sie empfing, war Hsi-tschun, die selbst sehr beschämt aussah. Die Dame Hsing ignorierte sie ganz, die Dame Wang war noch gefaßt, während Li Wan und Bau-tschai sie bei der Hand nahmen und einige tröstende Worte sprachen. Frau You mußte, wie vorauszusehen war, einen boshaften Kommentar abgeben: „In welch einen großen Ärger haben wir dich in den letzten Tagen gebracht, mein Mädchen!“ Hsi-tschun konnte darauf nichts antworten, aber errötete nur tief, von Ohr zu Ohr. Bau-tschai nahm Frau You zur Seite und schenkte ihr einen bedeutungsvollen Blick. Die Damen gingen in ihre Räume. Djia Dschëng untersuchte den sichtbaren Schaden, indem er viele tiefe Seufzer ausstieß. Er ging in sein Studierzimmer und, auf seiner Trauermatte sitzend, schickte er nach Djia Liän, Djia Jung, Djia Yün und hielt den dreien eine kurze Predigt. Bau-yü wollte ihm im Studierzimmer Gesellschaft leisten, aber Djia Dschëng sagte, es sei nicht nötig. Djia Lan ging in den Raum seiner Mutter. Diese Nacht verging ereignislos. Als erstes am nächsten Morgen kam Lin Dschï-hsiau in das Studierzimmer und kniete vor Djia Dschëng, der ihn um eine volle Schilderung des Katastrophe bat. Lin Dschï-hsiau erwähnte, daß Dschou Juee darin verwickelt sei: „Herr Liäns Diener Bau Örl wurde festgenommen, und einige der Gegenstände auf der Inventarliste der gestohlenen Güter wurden bei ihm gefunden. Er wurde befragt, und sie hoffen, die Diebe durch ihn zu finden.“ Diese Nachrichten brachten Djia Dschëng in Rage: „Das unsere Diener diese Undankbarkeit haben, uns an Räuber auszuliefern, daß sie von ihren eigenen Herren stehlen! Das ist purer Verrat!“ Er schickte sofort einen Mann aus der Stadt, um Dschou Juee zu fesseln und ihn den Behörden auszuliefern, um ihn befragen zu lassen. Lin Dschï-hsiau blieb auf den Knien und traute sich nicht, sich zu erheben. „Warum bist du noch dort unten?“ – „Ich verdiene es, zu sterben, Herr! 1ch bitte um Vergebung!“ Lai Da und einige andere Verwalter kamen nun herein, um ihren Respekt zu erweisen und die verschiedenen Rechnungen für die Beerdigung zu präsentieren. „Gebt diese Herrn Liän, der soll sich darum kümmern. Er kann später darüber berichten.“ Djia Dschëng brüllte Lin Dschï-hsiau an, aufzustehen und das Studierzimmer zu verlassen. Djia Liän kniete nun auf einem Knie und flüsterte einen Vorschlag in Djia Dschëngs Ohr. „Das steht außer Frage!“, rief Djia Dschëng und blickte finster zu Liän. „Nur weil das Geld für Mutters Beerdigung von Räubern gestohlen wurde, heißt das, daß wir uns erniedrigen müssen, unsere Diener für uns bezahlen zu lassen?“ Djia Liän errötete und sagte nichts weiter. Er stand auf, aber traute sich nicht, sich zu bewegen. „Wie geht es deiner Frau?“, fragte Djia Dschëng. Djia Liän kniete wieder. „Ich befürchte, daß sie fast am Ende ist.“ Djia Dschëng seufzte. „Ich hätte nie davon geträumt, daß unsere Familie so schnell verfällt wie jetzt! Und nun, um unser Unglück zu erweitern, ist Djia Huans Mutter im Tempel krank geworden, und wir wissen noch immer nicht, was mit ihr los ist. Wißt ihr etwas darüber?“ Djia Liän traute sich nicht, ein Wort zu sagen. „Sag’ einem der Diener“, sagte Djia Dschëng, „sie sollen einen Arzt dort hinaus begleiten und sie von ihm untersuchen lassen!“ – „Ja, Onkel.“ Djia Liän ging sofort hinaus und führte seine Anweisungen aus. Um zu erfahren, ob Tante Dschau überlebte oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel.