Hongloumeng/de/Chapter 88
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Kapitel 88
博庭欢宝玉赞孤儿 / 正家法贾珍鞭悍仆
Bau-yü erfreut seine Großmutter, indem er eine Waise lobtDjia Dschën stärkt die Familiendisziplin, indem er zwei widerspenstige Diener bestraft.
Hsi-tschun rätselte über dem Go-Handbuch, als sie jemanden draußen rufen hörte: „Tsai-ping!“ Sie erkannte die Stimme von Yüan-yang. Tsai-ping ging hinaus in den Hof und erschien wieder mit Yüan-yang, gefolgt von einem jüngeren Dienstmädchen, das ein kleines Paket, das in gelbe Seide eingewickelt war, trug. „Was ist das?“, lächelte und fragte Hsi-tschun. Yüan-yang erklärte: „Nächstes Jahr ist der einundachtzigste Geburtstag der gnädigen Frau und weil in einundachtzig die neun versteckt ist (sowohl die Wurzel als auch die Quersumme), hat sich vorgenommen und versprochen, neun Nächte Wohltaten und fromme Handlungen zu vollbringen, es müssen dreitausendsechshunderteinundfünfzig Kopien des Sutras des makellosen Diamanten angefertigt werden. Das alles wurde den Sutren-Schreiberlingen ausgehändigt. Aber es gibt da ein bekanntes Sprichwort: „Wenn das Diamantensutra die äußere Hülle der Magie ist, ist sein Herz das Sutra des Herzens der Weisheit.“ Mit anderen Worten, um die eigene Leistung zu steigern, sollte man auch in das Herz-Sutra schauen. Also will die gnädige Frau nun auch Kopien davon haben und weil diese eine große Bedeutung und eine Verbindung mit unserer Göttin der Barmherzigkeit haben, will sie 365 Kopien von den jungen Damen und jungen Herrinnen der Familie haben. Abgesehen von Frau Liän, die zu beschäftigt ist, den Haushalt zu machen und sowieso nicht schreiben kann, haben alle Herrinnen, die irgendwie schreiben können einen Anteil an diesem Akt der Frömmigkeit und Ergebenbheit, sogar Frau Dschën und die anderen Damen Herrn Dschëns aus dem östlichen Herrenhaus. Natürlich wird von jedem Familienangehörigen erwartet mitzumachen.“ Hsi-tschun nickte. „Andere Dinge mache ich vielleicht nicht so gut, aber wenn es um das Abschreiben von Sutren geht, bin ich im eigenen Element. Laß sie gleich hier und trink etwas Tee!“, Yüan-yang stellte die kleinen Pakete auf den Tisch und setzte sich mit Hsi-tschun, während Tsai-ping ihr eine Tasse Tee einschenkte. Wirst du auch etwas kopieren?“, fragte Hsi-tschun mit einem Lächeln. „Ärgere mich nicht, Fräulein!“, antwortete Yüan-yang, „vor drei oder vier Jahren hätte ich das vielleicht gekonnt. – Aber ich habe keine Praxis mehr. Wann hast du mich zuletzt mit einem Pinsel in der Hand gesehen?“ – „Aber denke an das Verdienst, das du erlangen würdest.“ – „Ich habe schon daran gedacht“, antwortete Yüan-yang. „Jeden Tag, nachdem ich die gnädige Frau zu Bett gebracht habe, habe ich Buddhas Namen angerufen und meinen ‚Buddha-Reis‘ gezählt. Ich habe mehr als drei Jahre immer eine Schüssel Reiskörner, Korn für Korn mit einem Gebetsspruch durchmeditiert. Und ich werde diesen Reis jetzt gut aufbewahren, bis die Herzoginmutter die neuntägige Meditation macht. Dann werde ich sie als meine anzubetende Boddhisatva nehmen und das ist auch eine kleine Geste meines Mitgefühls und meiner Ergebung.“ – Hsi-tschun entgegnete: „Es hört sich an, als wenn unsere Herzoginmutter die Göttin der Barmherzigkeit und du die Tochter des Drachenkönigs würden!“ – „Oh nein, Fräulein!“, protestierte Yüan-yang, „das ist zu viel der Ehre. Es ist trotzdem wahr, ich könnte niemandem außer der gnädigen Frau dienen. Ich muß durch eine Art Karma aus einem früheren Leben an sie gebunden sein.“ Mit diesen Worten erhob sich Yüan-yang, um zu gehen, und bat das jüngere Mädchen, das kleine Paket zu öffnen und den Inhalt Hsi-tschun zu zeigen. „Dieses Bündel weißen Papiers soll für die Sutren benutzt werden. Und während du schreibst“, fuhr sie fort und gab ihr ein Bündel tibetischer Räucherstäbchen, „sollst du die hier anzünden.“ Hsi-tschun nickte und Yüan-yang kehrte mit ihren anderen Dienstmädchen zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück, wo sie dem Backgammon-ähnlichen Spiel Schuang-lu zwischen der Herzoginmutter und Li Wan zuschaute. Li Wan würfelte gut und räumte mit ihrem nächsten Zug einige der Steine der Herzoginmutter ab. Yüan-yang hatte Schwierigkeiten ein ernstes Gesicht zu machen. Sie wurden dann von ihrem Spiel durch die Ankunft von Bau-yü abgelenkt, der in jeder Hand einen kleinen geflochtenen Käfig hielt, in welchen sich Kampfgrashüpfer befanden. „Ich hörte, du habest nicht gut geschlafen, Großmutter“, sagte er, „also habe ich dir diese mitgebracht, damit sie dich aufheitern.“ Die Herzoginmutter lachte. „Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, hast du bloß noch Flausen im Kopf.“ Als er seine Unschuld beteuerte, fragte die Herzoginmutter: „Warum bist du dann nicht in der Schule? Was hast du denn überhaupt mit diesen Dingern vor?“ – „Das war nicht meine Idee, Großmutter“, erklärte Bau-yü, „vor ein oder zwei Tagen mußten Huan und Lan jeder ein Reimpaar in der Schule schreiben, und als Huan stecken blieb, flüsterte ich ihm etwas zu, um ihm zu helfen. Als er es zitierte, war der Lehrer beeindruckt und lobte ihn dafür sehr. Huan kaufte mir diese Kampfgrashüpfer zum Dank. Ich würde sie dir gerne schenken.“ – „Hat der Huan nicht täglich geübt?“, rief die Herzoginmutter aus, „kann er noch nicht einmal selbst ein Reimpaar machen? Dann sollte er von ein paar hinter die Ohren bekommen. Das würde ihm eine Lektion sein. Und du, hast du vergessen, wie es war, als dein Vater zu Hause war und dich um ein paar Verse gebeten hat? Du hattest so viel Respekt, daß du aussahst, wie ein kleines Gespenst. Bilde dir jetzt bloß nicht zuviel ein. Was für ein Bengel dieser Huan ist! Um Hilfe zu betteln und dann nach einem netten Geschenk zu suchen, um dich damit zu kaufen! So klein und weiß schon, wie man die anderen ausnutzt, er sollte sich schämen! Der Himmel alleine weiß, wie er sein wird, wenn er groß ist.“ Gelächter erfüllte den Raum. „Aber erzähl’ mir vom jungen Lan“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Wie hat er es geschafft? Als jüngster hätte ihm streng genommen Huan helfen müssen.“ Bau-yü lachte: „Oh nein! Er brauchte keine Hilfe. Er konnte das alleine.“ – „Das glaube ich dir nicht!“, sagte die Herzoginmutter, „das waren wieder du und deine Tricks, da bin ich mir sicher. Hör’ dich an! Ein Kamel, das aus einer Schafherde kommt! Nur weil du nun so erwachsen und so gut mit deinen Gedichten bist.“ Bau-yü lächelte: „Nein, ernsthaft, Lan hat es wirklich gut alleine geschafft. Der Lehrer war sehr zufrieden und sagte, er hätte eine großartige Zukunft vor sich. Wenn du mir nicht glaubst, Großmutter, laß ihn herkommen und teste ihn selbst.“ – „Wenn das war ist“, sagte die Herzoginmutter, „dann bin ich überglücklich dies zu hören. Aber ich habe das Gefühl, daß du das alles nur erfindest. Wenn er diese Dinge wirklich in seinem Alter kann, kann er sehr selbständig werden, wenn er aufwächst.“ Sie sah Li Wan an und dachte an Djia Dschu [Lans Vater]. „Welcher Trost, wäre das für den Tod deines älteren Bruders“, fuhr sie in Bau-yüs Richtung fort, „und was für eine gut verdiente Belohnung für die ganzen Anstrengungen deiner Schwägerin, ihn zu erziehen! Irgendwann wird er die Säule der Familie sein, um sie zu unterstützen, wie sein Vater es wäre!“ Der Gedanke brachte sie zum Weinen. Li Wan war auch gerührt, aber als sie sah, daß die gnädige Frau von Gefühlen gepackt wurde, unterdrückte sie ihre eigenen Tränen und sagte mit einem mutigen Lächeln: „Was immer für ein Glück wir vielleicht haben werden, Großmutter, verdanken wir alles dir. Ich bete nur, daß Lan deinen Erwartungen gerecht und der ganzen Familie Glück bringen wird. Sein Forschritt sollte Anlaß zur Freude sein. Bitte rege dich nicht auf.“ Sie drehte sich zu Bau-yü. „Und bitte pflanz ihm nicht deine übertriebenen Ideen des Erfolgs ein, Onkel Bau[-yü]. Du meinst es ja nur gut. Er ist nur ein Kind, erinnere dich daran. Er könnte dich ernst nehmen und nicht merken, daß du ihn nur ermutigen willst; und dann wird er stolz und eingebildet und niemals besser werden.“ – „Gut gesagt, meine Liebe“, kommentierte die Herzoginmutter, „aber denke auch daran, daß er immer noch sehr jung ist und nicht zu hart erzogen werden sollte. Kinder sind nur bis zu einem gewissen Punkt stark. Wenn man sie zu früh treibt, kann man sie ruinieren. Dann sind sie vielleicht nie fähig, anständig zu studieren, und all deine Mühen werden vergebens sein.“ Li Wan konnte sich nicht länger beherrschen und brach in Tränen aus. Als Djia Huan und Djia Lan in das Zimmer kamen, trocknete sie schnell ihre Augen. Die beiden machten der Herzoginmutter ihre Abendaufwartung. Lan begrüßte dann seine Mutter und kehrte zurück, um voller Respekt an der Seite seiner Urgroßmutter zu stehen. „Ich habe gerade von deinem Onkel [Bau-yü] gehört“, sagte die Herzoginmutter, „wie gut du mit deinem Reimpaar warst und welches Lob du von deinem Lehrer bekommen hast.“ Lan lächelte bescheiden. Yüan-yang kam nun herüber, um zu sagen, daß das Abendessen fertig war. „Ich möchte Frau Hsüä einladen“, sagte die Herzoginmutter, und Hu-po schickte sofort ein Mädchen hinüber zu den Gemächern der Dame Wang. Bau-yü und Djia Huan zogen sich zurück, während Su-yün [Li Wans Mägde] und die jüngeren Dienstmädchen kamen, um das Backgammon-Spiel wegzuräumen. Li Wan wartete auf die Herzoginmutter, und Djia Lan stand seiner Mutter zur Seite: „Ihr beide dürft zum Abendessen bei mir bleiben“, sagte die Herzoginmutter. Li Wan war einverstanden. Kurz darauf wurde das Abendessen hereingebracht und die Mädchen kehrten mit folgender Nachricht aus den Gemächern der Dame Wang zurück: „Frau Hsüä bedauert, daß sie sich in diesen Tagen um zuviel zu kümmern hat und nicht kommen kann. Sie kommt nach dem Abendessen nur für einen kurzen Besuch herüber.“ Die Herzoginmutter bat Djia Lan sich neben sie zu setzen. Unsere Erzählung läßt nun einige weitere Details dieses Abendessens aus. Nach dem Abendessen, als sie ihre Hände gewaschen und den Mund gespült hatte, legte sich die Herzoginmutter auf ihre Couch und plauderte mit ihrer Schwiegerenkelin und ihrem Urenkel. Ein junges Dienstmädchen kam herein und bat Hu-po zu sagen, daß Herr Dschën, der während der derzeitigen Abwesenheit von Djia Dschëng und Djia Liän die Geschäfte im Jung-guo-Anwesen beaufsichtigte, draußen wartete, um seine Abendaufwartung zu machen. „Sag’ ihm, daß ich mich für seine Aufwartung bedanke“, sagte die Herzoginmutter, „aber daß er nicht hereinkommen muß. Er kann nach Hause gehen und sich ausruhen. Er muß müde sein, nach diesem arbeitsreichen Tag.“ Das Mädchen gab dies an die alten Damen draußen weiter, Vetter Dschën wurde informiert und kehrte [zum Ning-guo-Anwesen] zurück. Am folgenden Tag kam er wieder herüber zum Jung-guo-Anwesen, um nach den Tagesgeschäften zu sehen. Die Dienstleute am Tor berichteten nacheinander von verschiedenen Dingen. Einer der Diener sagte, ein Landvogt sei mit Früchten gekommen. Vetter Dschën fragte nach der Liste, der Diener gab sie ihm, und er ging sie durch, sie enthielt meist Obst nach der Jahreszeit, etwas Wild und einiges Gemüse. „Wer schaut normalerweise nach diesen Waren?“, fragte Djia Dschën. „Dschou Juee, Herr.“ Dschou Juee wurde vorgeladen, und Vetter Dschën unterrichtete ihn: „Geh durch die gesamte Ware auf dieser Liste und zähle nach. Dann stelle ich eine Kopie und Bestätigung aus. Sag’ der Küche, sie sollen aus diesem Zutaten ein paar zusätzliche Gerichte kochen, wenn sie das Mittagessen für die Diener vorbereiten, die die Ware gebracht haben. Der Landvogt soll auch etwas zu essen haben, bevor er geht, und das übliche Trinkgeld.“ – „Ja, Herr.“ Dschou Juee befahl den Dienern, die Ware in Hsi-fëngs Hof zu tragen und gab ihnen Anweisungen, die Waren zu zählen. Dann ging er, nur um kurz später vor Vetter Dschën zu erscheinen: „Entschuldigen Sie, Herr, hatten sie eigentlich schon den Eingang überprüft?“ – „Denkst du, ich habe Zeit, das zu machen?“, antwortete Djia Dschën ungeduldig. „Ich habe dir die Liste gegeben, und du sollst den Eingang nach der Liste überprüfen.“ – „Ich habe alle Artikel, so gut ich kann, überpüft, Herr, und alles scheint in Ordnung zu sein. Aber vielleicht würden Sie gerne den Landvogt holen, da Sie selbst nur eine Kopie haben, um zu sehen, ob die Liste echt ist. – „Was für eine Aufregung wegen ein bißchen Obst!“, rief Djia Dschën. „Es ist wirklich nicht so wichtig. Dein Wort reicht mir dafür.“ – In diesem Moment kam Bau-örl in das Zimmer und machte vor Djia Dschën einen Kotau: „Ich bitte darum, mich mit auswärtigen Aufgaben statt mit Aufgaben im Hause zu beauftragen, Herr“, sagte er. „Worum geht es hier?“, fragte Djia Dschën, der sich zu Bau-örl und Dschou Juee umdrehte. „Ich darf mich hier nicht äußern“, antwortete Bau-örl. „Wer hat dich denn gefragt?“, sagte Vetter Dschën brüsk. „Ich habe es satt, andere Leute auszuspionieren!“, murmelte Bau-örl zu sich selbst.
„Herr“, warf Dschou Juee unverzüglich ein, „ich bin seit Jahren für die Miete der Bauern und Einkommen verantwortlich und im Durchschnitt fließt, würde ich sagen, jedes Jahr ein Wert von um die drei- bis fünfhundertausend Taels durch meine Hände, und ich habe nie ein Wort der Unzufriedenheit vom Herrn oder den Herrinnen über irgendetwas gehört, schon gar nicht über so eine Kleinigkeit wie diese. Nach Bau-örl, werden wir mit dem ganzen Besitz und den Häusern der Familie meinetwegen Pleite gehen!“ –
‚Es sieht aus, als würde Bau-örl hier Unruhe stiften‘, dachte Vetter Dschën für sich. ‚Ich werde ihn besser los.‘ – „Geh mir aus den Augen!“, bellte er. Dann wandte er sich von Bau-örl zu Dschou Juee: „Das ist alles. Mach’ mit deiner Arbeit weiter.“ Die zwei Diener verschwanden. Nicht viel später ruhte sich Djia Dschën in seinem Studierzimmer aus, als er einen großen Tumult vor dem Haupttor ausbrechen hörte. Er schickte einen Diener, um zu fragen, was los sei. Dieser kam zurück, um zu berichten, daß es einen Kampf zwischen Bau-örl und einem Adoptivsohn von Dschou Juee gebe. „Wer ist dieser Adoptivsohn?“, fragte Djia Dschën. „Hë San ist sein Name, Herr“, antwortete der Diener. „Ein wertloser Zeitgenosse, der die meiste Zeit mit Trinken oder Ärgermachen vergeudet. Er kommt oft her und treibt sich im Pförtnerhaus herum. Er sah, daß es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Bau-örl und Dschou Juee gab und mischte sich ein.“ – „Wie ekelhaft!“, rief Djia Dschën. „Schickt einmal Bau-örl und diesen Kerl Hë San sofort zu mir! Was ist mit Dschou Juee?“ – „Er verschwand, als der Kampf anfing, Herr.“ – „Find ihn sofort! Das ist ja unglaublich!“ – „Ja, Herr!“ Mitten in dieser Aufregung kehrte Djia Liän zurück und Djia Dschën erzählte ihm, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war. „Unglaublich! Das geht ja nicht!“, schrie Djia Liän. Er schickte einen weiteren Diener zur Hilfe, um Dschou Juee zu fassen, der bald merkte, daß eine Flucht unmöglich war, sich selbst aufgab und vor die Herren kam. „Fesselt alle!“, befahl Djia Dschën, und Djia Liän fügte hinzu, sich hauptsächlich an Dschou Juee wendend: „Das, was ihr vorhin bei Herrn Dschën vorgebracht habt, war damit abgeschlossen. Warum geht ihr dann nach draußen und fangt wieder mit dem Streit an? Und als wäre das nicht schlimm genug, mußt du auch noch diese Brut von dir mithineinziehen, Hë San! Und als du ihn zur Ruhe bringen solltest, – verschwindest du einfach!“ Er versetzte Dschou Juee ein paar kräftige Tritte. „Es reicht nicht, nur ihn zu strafen“, sagte Djia Dschën eisern und befahl seinen Männern jedem, Bau-örl und Hë San, fünfzig Peitschenhiebe zu geben, und schickte sie zu packen. Als dies getan war, setzten sich er und Djia Liän zusammen, um über die Familienangelegenheiten zu reden. In den Quartieren der Diener wurde dieser Vorfall das Thema vieler privater Unterhaltungen. Manche sahen es als Versuch Vetter Dschëns, von seiner eigenen Inkompetenz abzulenken; andere sagten, er sei nur unfähig, Konflikte zu lösen; während es wieder andere als einen Beleg für seinen unangenehmen Charakter hielten. „Vor einiger Zeit gab es doch diesen Skandal mit den Schwestern You. War es nicht Bau-örl, der Herrn Liän zurückgerufen hat, um den Konflikt zu lösen? Jetzt schimpft er, daß Bau-örl nicht gut arbeite. Wahrscheinlich war Bau-örls Ehefrau Herrn Dschën nicht so zu Diensten, wie sie es bei Djia Liän war. Es gab viele Gerüchte, und alle waren unterschiedlich. Währenddessen profitierten alle Mitglieder des Djia-Clans von Djia Dschëngs Aufstieg am Ministerium für Gewerbe und öffentliche Bauten. Djia Yün wollte sicherlich auch seinen Teil herausschlagen. Er ging herum, versprach Unternehmern Arbeit, handelte Prozente für sich selbst aus und machte sich auf den Weg zu den Gemächern seiner ehemaligen Gönnerin Hsi-fëng, nachdem er moderne Seidenwaren gekauft hatte. Hsi-fëng, die gerade von einem ihrer Dienstmädchen erfahren hatte, daß „Herr Dschën und Herr Liän in einer schlechten Laune waren und die Diener schlugen“, war gerade dabei, jemanden hinüberzuschicken, um Einzelheiten herauszufinden, als sie sah, daß Djia Liän selbst hereinkam. Sie bekam die ganze Geschichte von ihm zu hören. „Es könnte alles wegen einer Kleinigkeit gewesen sein“, kommentierte sie, „aber wir müssen ein solches Benehmen wegen der Außenwirkung um jeden Preis verhindern. Wenn sie denken, sie könnten jetzt damit davonkommen, wenn das Familienvermögen sich vermehren sollte, was wird passieren, wenn die jüngere Generation alles übernimmt? Sie werden eine Meuterei vor sich haben. Ich erinnere mich, vor ein oder zwei Jahren, habe ich die schrecklichste Szene im Ning-guo-Anwesen gesehen: – Djiau Da lag total betrunken am Fuß der Treppe und fluchte wie ein Kesselflicker. Keiner von uns wurde verschont. Es ist mir egal, ob er in der Vergangenheit besondere Aufgaben erledigte. Diener sollten ihren Platz kennen und einen angemessenen Sinn für Respekt zeigen. Der Ärger mit Djia Dschëns Ehefrau – bitte versteh mich nicht falsch – ist, daß sie zu wenig Mißtrauen hat und ihre Angestellten mit allem davonkommen läßt. Dieser Bau-örl – oder was immer sein Name ist – bei ihnen, ist typisch. Wo ich gerade daran denke, war er früher nicht sehr hilfreich für dich und Djia Dschën? Seid ihr nicht etwas undankbar, wenn ihr jetzt anfangt, ihn auszupeitschen?“ Wie mit einem Stachel tief ins Herz getroffen, versuchte Djia Liän unbeholfen, das Thema zu wechseln. Sogleich fiel ihm eine wichtige Verabredung ein und er ging. Hsiau-hung kam nun herein, um die Ankunft von Djia Yün anzukündigen. ‚Ich frage mich, was er diesmal vorhat?‘ grübelte Hsi-fëng. Dann sagte sie laut zu Hsiau-hung: „Du läßt ihn besser herein.“ Hsiau-hung ging hinaus. Sie sah Djia Yün ins Gesicht und lächelte leicht. Er ging auf sie zu und sagte: „Haben Sie gesagt, daß ich hier bin, Fräulein?“ Sie errötete: „Ich nehme an, Sie haben viele wichtige Geschäfte, Herr Yün.“ – „Im Gegenteil, ich wünschte nur, ich hätte öfter Grund hierherzukommen und Sie zu ärgern, Fräulein... Ich erinnere mich an letztes Jahr, als Sie bei Onkel Bau-yü gearbeitet haben und ich mit Ihnen ...“ Er wollte mehr sagen, aber Hsiau-hung, die Angst hatte, jemand könnte sie sehen, fragte schnell: „Ich hatte Ihnen damals ein Taschentuch gegeben, haben Sie es gesehen?“ Ihre Worte erfreuten und erregten Djia Yün so, daß ihm sein Herz aufging. Aber bevor er etwas sagen konnte, kam ein Mädchen aus Hsi-fëngs Zimmer herein, und er und Hsiau-hung waren verpflichtet, sofort hineinzugehen. Sie gingen Seite an Seite, nah genug, damit er ihr zuflüstern konnte: „Wenn ich gehe, mußt du mich hinausbegleiten. Ich muß dir etwas sagen, daß dich vielleicht amüsiert.“ Sie errötete stark und warf ihm einen Blick zu, ohne ein Wort zu sagen. Sie ging vor ihm hinein, um Hsi-fëng von seinem Herannahen zu informieren, kehrte zurück, um ihn hineinzuführen, hob den Türvorhang und gab ihm ein Zeichen, während sie zu ihm in förmlichstem Ton sagte: „Die Dame würde sich nun freuen, Sie zu sehen, Herr.“ Mit einem Lächeln folgte Djia Yün ihr in den Raum und grüßte Hsi-fëng. Er teilte die Grüße seiner Mutter mit, welche Hsi-fëng höflich erwiderte, bevor sie fragte: „Und was führt dich heute her?“ Djia Yün verfiel in eine Rede: „Die große Freundlichkeit meiner Tante mir gegenüber in der Vergangenheit war mir immer sehr bewußt und eine Quelle endloser Dankbarkeit. Ich habe auf eine Gelegenheit gewartet, dir ein Geschenk meiner Achtung zu überreichen und habe es nur aus Angst zurückgehalten, daß du so eine Geste unangebracht finden würdest. Das heutige Fest des neunten September ist endlich eine ausreichende Rechtfertigung für meinen Kauf von etwas Kleinem, was, obwohl ich weiß, daß du bereits von allem mehr als genug hast, ich dich ganz bescheiden bitte, mir zu Ehren als Zeichen meiner ehrlichen und bescheidenen Ergebenheit anzunehmen.“ Hsi-fëng lachte. „Komm schon. Hör’ auf mit dem Unsinn. Was soll das alles? Setz’ dich und erzähl’ es mir.“ Djia Yün nahm Platz und legte seine Mitbringsel behutsam mit beiden Händen auf den Tisch neben ihnen. „Du bist doch aus der Familie“, fuhr Hsi-fëng fort, „also warum gibst du dein Geld so aus? Ich brauche solche Dinge nicht und erwarte sie nicht. Komm nun, erzähl’ mir, warum du wirklich hier bist.“ – „Wahrlich, aus keinem anderen Grund als meine tiefe, und bis jetzt unausgedrückte Dankbarkeit...“ Da war nun die Spur eines Lächelns. „Komm hör’ auf damit“, sagte Hsi-fëng. „Ich weiß ganz genau, daß du knapp bei Kasse bist, ich weiß Bescheid. Erwarte nicht von mir, daß ich Dinge von dir für nichts annehme. Wenn du willst, daß ich dein Geschenk annehme, dann sag’ mir die Wahrheit. Wenn du weiter statt den Knochen das Fleisch ausspuckst und dafür die Knochen im Mund behältst, wenn du also weiter so um den heißen Brei redest, werde ich die Geschenke sicherlich nicht annehmen.“ Djia Yün war gezwungen, zum Punkt zu kommen. Er erhob sich und schenkte sein unterwürfigstes Lächeln. „Naja, es ist nicht so, daß ich mir das einbilde: Ich hörte vor ein paar Tagen, daß Herr Dschëng vom Ministerium die Oberaufsicht über den Bau des kaiserlichen Mausoleums bekommen hat und, da ich ein oder zwei Freunde mit beachtlicher Erfahrung in diesem Bereich habe – sehr kompetente Menschen, möchte ich hinzufügen –, möchte ich einfach fragen, ob es möglich für dich wäre, ein Wort für sie bei Herrn Dschëng einzulegen. Wenn ein oder zwei Aufträge bei ihnen hängenblieben, wäre ich dir für immer etwas schuldig. Und wenn du mich selbst hier am Herrenhaus für irgendetwas brauchen solltest, stehe ich selbstverständlich für dich, Tante Hsi-fëng, zur Verfügung.“ – „Bei den meisten Angelegenheiten, weiß ich, daß ich einen bestimmten Einfluß habe“, antwortete Hsi-fëng, „aber wenn es um solche Sachen geht, so sind die großen Aufträge komplett in der Hand der Vorsteher und anderer Beamter, während kleinere Arbeiten an die Angestellten und Läufer gehen. Kein anderer erhält auch nur einen Blick da hinein, fürchte ich. Nur unsere eigenen Leute können bei Herrn Dschëng als sein Personal arbeiten. Sogar dein Onkel Liän bekommt nur einen Fuß in die Tür, wenn es etwas gibt, daß direkt mit der Familie zu tun hat. Er hat nichts mit offiziellen Geschäften zu tun. Bei uns zu Hause dagegen ist es ja so, wenn die Sachen in einem Bereich geordnet sind, brechen in einem anderen Bereich wieder Probleme aus – sogar Herr Dschën hat Probleme, die Angelegenheiten in Ordnung zu halten. Du bist jung und Jungen wie du wären niemals fähig, so etwas zu meistern. Nein, ich fürchte, welche Arbeiten es auch immer am Ministerium gegeben hat, sie sind fast alle vergeben. Die Menschen sehnen sich nach Arbeit. Sicher gibt es zu Hause etwas, daß du tun kannst, um Körper und Seele im Einklang zu halten? Ich meine es ernst. Geh nach Hause und denk’ noch einmal darüber nach. Und erachte die Dankbarkeit als ausgedrückt an. Und nimm diese Sachen hier wieder mit, von wo auch immer sie herkommen.“ Während sie sprach, war eine Gruppe Kindermädchen mit der kleinen Tjiau-djiä ins Zimmer gekommen, in einem farbenreich bestickten Kittel gekleidet und den Arm voller Spielsachen. Sie rannte zu Hsi-fëng [ihrer Mutter], lachte und plauderte. Djia Yün stand sofort auf, wandte seine Blickrichtung, seine Aufmerksamkeit und sein schmieriges Lächeln von Hsi-fëng zu ihrer Tochter. „Das ist also meine respektierte Kusine? Gibt es da irgendein kleines Geschenk, daß du gerne von mir hättest, Kleine?“ Ein lautes „Waaah!“ platzte zwischen Tjiau-djiäs Lippen hervor, und Djia Yün zog sich schnell zurück. „Na, na, mein Schatz! Komm her!“ Hsi-fëng hielt das Kind dicht an sich, „das ist dein Vetter Yün. Erkennst Du ihn nicht mehr?“ Djia Yün versuchte es wieder: „Was für ein süßes Mädchen! So ein hübsches Gesicht verspricht Glück auf Lebenszeit.“ Tjiau-djiä drehte ihren kleinen Kopf, um ihn noch einmal kurz anzusehen und brach sofort wieder in Geschrei aus. Das wiederholte sich ein paar Mal. Djia Yün spürte, daß er nicht länger willkommen war und erhob sich zum Gehen. „Vergiß deine Sachen nicht“, sagte Hsi-fëng. „Oh bitte, Tante! Tu mir diesen einen Gefallen...“ – „Wenn du sie nicht selbst mitnimmst, werde ich dir jemanden damit hinterher schicken. Ehrlich Yün, das ist nicht die Art, solche Dinge zu regeln. Du bist hier kein Fremder. Wenn eine Möglichkeit auftaucht, werde ich es dich sicher wissen lassen. Bis dahin gibt es nichts, was ich tun kann, und es gibt nichts, was du durch eine solche Verschwendung von Geld und Zeit gewinnen kannst.“ Djia Yün konnte sehen, daß sie nicht nachgeben würde. Er errötete, als er das Haus verließ. „Ich werde trotzdem nach einem geeigneten Geschenk weitersuchen.“ – „Hsiau-hung, trag diese Dinge für Herr Yün in die Halle“, sagte Hsi-fëng höflich, „und begleite ihn hinaus.“ ‚Die Leute haben recht‘, dachte Yün bei sich auf seinem Weg nach draußen. ‚Sie ist ein wahrer Tyrann! Bewegt sich nicht einen Fingerbreit! Hart wie ein Knochen! Geschieht ihr Recht, wenn sie keinen Erben produzieren kann. Diese Tjiau-djiä hat mir auch ein komisches Gefühl gegeben... Sie schien etwas gegen mich zu haben, fast, als hätten wir eine Fehde aus einem früheren Leben. Was für ein Pech! Jetzt habe ich mich den ganzen Tag darum bemüht, alles umsonst!’ Hsiau-hung sah, daß Djia Yün enttäuscht war, und war auch selbst unglücklich. Sie nahm das Paket und folgte ihm hinaus. Er nahm es ihr ab und, als niemand sie sah, öffnete er es, nahm zwei bestickte Seidenstücke heraus und gab sie ihr heimlich. Erst wollte sie diese nicht annehmen und protestierte flüsternd: „Sie sollten das nicht, Herr Yün. Denken Sie daran, wie furchtbar das für uns beide aussehen muß, wenn Frau Liän das herausfinden würde.“ – „Sei nicht dumm. Behalt sie. Sie wird es nicht wissen. Wenn du es nicht annimmst, sehe ich das als persönliche Beleidigung an.“ Hsiau-hung lächelte eitel und nahm sie an. „Wenn Sie darauf bestehen. Aber ich will sie nicht. Ich weiß wirklich nicht, was ich denken soll.“ Ihr Gesicht brannte wieder. Djia Yün lachte und sagte: „Diese Dinge haben ja keine Bedeutung.“ Nun hatten sie das innere Tor erreicht und Djia Yün versteckte die übrigen Geschenke in seinem Gewand, während Hsiau-hung ihn drängte zu gehen. „Sie müssen jetzt gehen“, sagte sie, „wenn Sie hier irgendetwas wollen, fragen Sie nach mir. Nun, da ich Frau Liän diene, können Sie mich direkt ansprechen.“ Djia Yün nickte. „Sie ist ein solcher Tyrann. Ich kann leider nicht öfter kommen. Vergessen Sie aber nicht, was ich gerade sagte. Wenn ich die Möglichkeit habe, Sie wiederzusehen, erzähle ich Ihnen noch mehr.“ Hsiau-hung errötete von Ohr zu Ohr. „Sie sollten jetzt wirklich besser gehen. Sie können so oft wiederkommen, wie Sie wollen. Sie sollten nicht zu ihr auf Distanz gehen.“ – „Ich verstehe.“ Djia Yün ging seinen Weg und Hsiau-hung stand im Tor und verfolgte ihn lange mit einem nachdenklichen Blick. Dann drehte sie sich um und ging wieder hinein. Währenddessen gab Hsi-fëng Anweisungen für das Abendessen und fragte die Dienerinnen, ob ihr Reisbrei fertig sei. Sie eilten davon, um danach zu fragen, und kehrten nach einer kurzen Weile zurück, um zu sagen, daß der Reisbrei zubereitet sei. „Ich hätte gerne ein paar Gerichte mit diesem eingelegten Gemüse, das gerade aus dem Süden gekommen ist“, sagte Hsi-fëng. Tjiu-tung übernahm die Verantwortung dafür und sagte den anderen Mädchen, mit dem Aufdecken weiterzumachen. Ping kam herein und sagte mit einem Lächeln: „Ich hatte fast vergessen zu berichten: Als Ihr heute Mittag bei der gnädigen Frau wart, schickte eine Äbtissin vom Wassermondkloster, um jemanden bei Ihnen um zwei Gläser des eingelegten südlichen Gemüses und einen Vorschuß von ein paar Monaten zu bitten. Die Äbtissin sei gesundheitlich angeschlagen, berichtete die Botin. Ich fragte, was los sei, und sie sagte, es hätte alles vor vier oder fünf Tagen angefangen. Sie hatte Ärger mit einigen der buddhistischen und dauistischen Novizen, die trotz mehrerer Warnungen ihr Licht über Nacht anließen. Dann bemerkte sie eines Nachts, daß die Lampen bei Mitternacht noch immer brannten, und sie rief sie öfter. Sie hörte keine Antwort und dachte, daß sie eingeschlafen sein müßten, noch mit Licht an; also ging sie selbst, das Licht auszumachen. Als sie zurück zu ihrem Raum kam, passierte etwas Merkwürdiges: Sie sah einen Mann und eine Frau zusammen auf dem Ofenbett sitzen und als sie die beiden fragte, wer sie seien, fiel als Antwort eine Schlinge um ihren Hals. Ihre Hilfeschreie weckten die anderen Schwestern, die ihre Lichter anmachten und herausgeeilt kamen. Sie lag bereits auf dem Boden mit Schaum vor dem Mund. Dem Himmel sei Dank, sie wurde wieder wach. Sie kann noch immer kein richtiges Essen zu sich nehmen, weswegen sie daran dachte, um ein bißchen eingelegtes Gemüse zu bitten. Da Sie nicht hier waren, dachte ich, ich hätte keine Befugnis, ihr etwas zu geben. Ich erklärte ihr also, daß Sie keine Zeit hätten und oben wären, sagte, daß ich es später Ihnen gegenüber erwähnen würde und schickte sie zurück. Ich hätte es fast vergessen, wenn ich nicht gerade gehört hätte, wie Sie selbst um Gemüse baten.“ Hsi-fëng starrte einen Moment lang nachdenklich. „Wir haben noch so viel südliches Gemüse“, sagte sie endlich, „schicke das Gemüse auf jeden Fall dahin. Das Geld kann ja Herr Tjin morgen hier abholen.“ Als sie noch sprachen, kam Hsiau-hung herein, um zu berichten, daß ein Bote von Djia Liän angekommen war. Das Geschäft habe ihn von der Stadt ferngehalten und er komme diese Nacht nicht zurück. Hsi-fëng sagte: „Ja.“ Während sie sprachen, hörte sie plötzlich ein Geschrei aus dem hinteren Haus kommen und eines der jüngeren Mädchen kam atemlos in den Hofgarten gerannt. Ping war bereits da, und nun standen mehrere andere Mädchen herum und fingen an, miteinander zu tuscheln. „Worüber sprecht ihr da?“, fragte Hsi-fëng. „Eines der Mädchen hat sich erschrocken“, antwortete Ping, „sie sagt, sie hätte einen Geist oder so etwas gesehen.“ – „Was hat sie über Geister gesagt?“, fragte Hsi-fëng scharf. Das besagte Mädchen betrat den Raum. „Was soll der Unsinn mit Geistern?“, fragte Hsi-fëng. „Ich war gerade hinten draußen, Herrin“, antwortete das Mädchen, „und habe eine der Frauen um mehr Kohle für den Ofen gebeten, als ich dieses laute, fürchterliche Geräusch hörte, das von den drei leeren Gebäuden kommt. Erst dachte ich, es sei nur eine Katze gewesen, die eine Maus jagt, aber dann hörte ich ein ‚Aach‘, als würde jemand seufzen. Ich habe mich sehr gefürchtet und rannte zurück.“ „So ein Unsinn!“, schimpfte Hsi-fëng, „ich werde es nicht zulassen, daß Leute bei mir im Haus so einen abergläubigen Unsinn reden! Ich habe niemals an solche Dinge geglaubt. Raus mit dir!“ Das Mädchen ging hinaus. Hsi-fëng ließ Tsai-ming die Haushaltsbücher des Tages überpüfen. Es war fast zehn Uhr, als sie fertig wurde. Hsi-fëng und die anderen unterhielten sich eine Weile, dann ging sie zu den Dienern, entließ sie in die Nacht und ging selbst zu Bett. Kurz vor zwölf lag sie im Halbschlaf im Bett, als es sie plötzlich gruselte und sie erschreckt aufwachte. Sie lag zitternd da, ihre Furcht wuchs, bis sie es nicht länger aushielt und nach Ping und Tjiu-tung herüberrief, damit sie ihr Gesellschaft leisteten. Keine von beiden verstand den merkwürdigen Zustand, indem sie sich befand. Tjiu-tung war eigentlich eher ablehnend gegenüber Hsi-fëng, aber sie war in Ungnade bei Djia Liän gefallen, wegen der Rolle, die sie in der Verfolgung der zweiten Schwester You gespielt hatte und war danach auf Hsi-fëngs Seite gezogen worden, obwohl ihre Loyalität eine Sache der Bequemlichkeit war und nicht mit der Hingabe Pings zu vergleichen war. Als sie in dieser Situation ihre Herrin in einem solchen Zustand sah, stand sie gehorsam neben dem Bett und gab ihr Tee. Hsi-fëng nahm einen Schluck und sagte: „Danke. Ihr könnt wieder schlafen gehen. Ping wird sich schon ausreichend um mich kümmern.“ Aber Tjiu-tung wollte ihr gefallen und protestierte deshalb: „Sicher Herrin, wenn Sie nicht schlafen können, wäre es doch besser, wenn wir abwechselnd mit Ihnen aufbleiben würden?“ Hsi-fëng war bereits eingeschlafen. Die Mädchen hörten einen entfernten Hahnenschrei und, als sie sahen, daß Hsi-fëng nun fest schlief, legten sich beide noch voll bekleidet ein wenig bis zum Tagesanbruch hin. Dann erwachten sie und fingen geschäftig an, sich zurechtzumachen. Als Hsi-fëng erwachte, waren ihre Gedanken immer noch von dem Schrecken der Nacht beherrscht. Trotz ihrer Verwirrung wollte sie sich von ihrem Wesen her um jeden Preis durchsetzen und kämpfte sich mit großer Anstrengung hoch. Sie saß in Gedanken gehüllt, als sie ein Mädchen im Hof rufen hörte: „Ist Fräulein Ping da?“ Ping-örl rief ihre Antwort hinaus, und das Mädchen hob den Türvorhang und kam herein. Es stellte sich heraus, daß sie von der Dame Wang geschickt wurde, um Djia Liän herbeizurufen. „Da ist ein Bote vom Yamen mit drigenden Geschäften“, sagte sie, „und da der Herr gerade ausgegangen ist, schickt mich die gnädige Frau, um Herrn Liän zu bitten, herüberzukommen.“ Hsi-fëng erschrak. Um die Umstände dieses dringenden Geschäftes herauszufinden, lese man bitte das nächste Kapitel.