Hongloumeng/de/Chapter 81
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Kapitel 81
占旺相四美钓游鱼 / 奉严词两番入家塾
sehen. Dame Wang aber machte sich Vorwürfe und fragte sich, ob sie nicht Tjing-wëns wegen zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch das spielte sich nur in ihrem Innern ab, nach außen verriet sie sich mit keiner Miene. Und so ordnete sie nur an, die alten Ammen sollten gut für Bau-yü sorgen und nach ihm sehen. Zweimal am Tag mußten sie einen Arzt zu ihm hineinführen, der ihm die Pulse fühlte und Medikamente verschrieb. Erst nach Ablauf eines Monats stellte sich allmählich eine Besserung ein, und jetzt ordnete die Herzoginmutter an, Bau-yü solle sich schonen und dürfe erst nach einhundert Tagen wieder Fleischspeisen zu sich nehmen und das Haus verlassen. In all diesen einhundert Tagen durfte er nicht einmal vor das Hoftor gehen und konnte sich nur innerhalb seiner Räume vergnügen. Als vierzig oder fünfzig Tage vergangen waren, hatte er diese Einschränkungen so satt, daß es wie Feuer in ihm loderte. Aber was er sich auch ausdenken mochte, die Herzoginmutter und Dame Wang blieben hart, und so hatte er sich zu fügen. Also heftete er sich an die Fersen der Sklavenmädchen und trieb mit ihnen jeden Unfug, der ihm in den Sinn kam. Dann hörte er eines Tages, Hsüä Pan habe zu einer Weintafel mit Theatervorführung eingeladen und dort sei es hoch hergegangen, seine junge Frau sei schon im Hause und solle sehr schön sein, einiges Verständnis für Literatur habe sie auch. Da bedauerte er natürlich zutiefst, daß er nicht hinübergehen konnte, um einen Blick auf sie zu werfen. Einige Zeit später erfuhr er, Ying-tschun habe geheiratet und das Haus verlassen, und er dachte daran, wie vertraut er mit all seinen Kusinen zusammen gelebt hatte und daß es, selbst wenn sie sich einmal wiederträfen, nie wieder so eine Herzlichkeit zwischen ihnen geben würde. Daß er sie jetzt nicht noch ein letztes Mal sehen konnte, war wirklich das Äußerste an Qual und Verdruß. Was blieb ihm weiter übrig, als sich zusammenzunehmen und auszuhalten und derweilen mit den Sklavenmädchen herumzutollen, um sich die Zeit zu vertreiben? Das Gute daran war nur, daß er der Not enthoben war, Djia Dschëngs Mahnung anzuhören, er solle sich mit den Büchern beschäftigen. Der Hof der Freude am Roten wurde in den einhundert Tagen nicht in Schutt und Asche gelegt, aber sonst galt für Bau-yü und seine Sklavenmädchen weder himmlisches noch menschliches Recht, und was sie anstellten, waren die unmöglichsten Dinge der Welt. Aber das muß jetzt nicht in allen Einzelheiten erzählt werden. Seit dem Tag, an dem Hsiang-ling Bau-yü gescholten hatte, war sie still bei sich überzeugt, Bau-yü sei absichtlich so taktlos gewesen. „Kein Wunder, daß unser Fräulein Bau-tschai sich nicht näher mit ihm einzulassen wagt“, urteilte sie. „Da sieht man, daß ich mich nicht so gut darauf verstehe, Abstand zu wahren, wie Fräulein Bau-tschai. Kein Wunder auch, daß sich Fräulein Lin immer wieder mit ihm zankt, bis sie vor Ärger weinen muß. Natürlich wird er sich auch ihr gegenüber so rüde benehmen. Das beste wird sein, wenn ich ihn in Zukunft meide!“ So kam sie dann selbst in den Garten des Großen Anblicks nicht mehr oft. Jeden Tag war sie eifrig mit Vorbereitungen für Hsüä Pans Hochzeit beschäftigt, denn sie glaubte nicht anders, als daß sie in seiner Frau eine Beschützerin finden werde, die ihr auch einen Teil ihrer Pflichten abnahm, so daß sie etwas ruhiger leben konnte. Zum anderen hatte sie gehört, die Braut sei ebenso schön wie begabt, und so mußte sie ja wohl auch kultiviert und friedfertig sein. Aus diesen Gründen sehnte sie den Tag der Hochzeit noch zehnmal dringlicher herbei als Hsüä Pan selbst. Und als es endlich soweit war, diente sie der jungen Frau außerordentlich zuvorkommend und aufmerksam. Dieses Fräulein Hsia nun war eben erst siebzehn Jahre alt. Sie war recht hübsch und wirklich einigermaßen bewandert in der Literatur, in bezug auf Willensstärke und Umsicht aber trat sie ganz in die Fußstapfen von Hsi-fëng. Nur in einer Hinsicht hatte sie Pech gehabt. Da sie schon als kleines Kind den Vater verloren hatte und keine Geschwister besaß, so daß sie das einzige Kind ihrer verwitweten Mutter war, war sie von dieser wie ein rechtes Kleinod verwöhnt und verhätschelt worden. Alles, was der Tochter in den Sinn gekommen war, hatte die Mutter folgsam getan. Dadurch war die Tochter völlig verzogen und hatte einen Charakter bekommen nicht anders als der Räuber Dschï0. Sich selbst hielt sie für edel wie ein Bodhisattwa, alle anderen aber waren für sie der letzte Dreck. Und obwohl sie äußerlich reizend aussah wie eine Blume oder eine Weide, verbarg sich doch in ihrem Innern das Wesen von Gewitter und Sturm. Zu Hause hatte sie ihre Launen an den Sklavenmädchen ausgelassen; wenn es glimpflich abging, mit Schelte, sonst aber mit Schlägen. Jetzt, da sie verheiratet war und einen eigenen Haushalt leiten sollte, glaubte sie, die mädchenhafte Sanftmut ablegen und statt dessen hausfrauliche Strenge hervorkehren zu müssen, um alles unter ihre Fuchtel zu bekommen, zumal Hsüä Pan von Natur aus starrsinnig und in seinem Benehmen dünkelhaft war. Wenn sie jetzt nicht das Essen weichkochte, solange der Herd noch heiß war, würde sie ihren Kopf nie durchsetzen können, sagte sie sich. Und als sie im Hause eine Nebenfrau vorfand, die genauso schön wie begabt war, bestärkte sie das nur in dem Vorsatz, es dem Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie gleichzutun0, der „keinen fremden Schnarcher neben dem eigenen Bett dulden“ wollte und deshalb die Südliche Tang-Dynastie vernichtete. Wegen der vielen Duftblütenpflanzungen, die ihre Familie besaß, hatte Fräulein Hsia den Kindheitsnamen Djin-guee – „Goldene Duftblüte“ – bekommen, und deshalb hatte bei ihr zu Hause niemand diese beiden Silben erwähnen dürfen. Wer es unbedacht doch einmal tat, wurde von ihr grausam geschlagen oder strengstens bestraft. Weil sie aber bedachte, daß man ohne Erwähnung der Duftblüten nicht auskommen konnte, hatte sie sich für diese einen anderen Namen ausgedacht und nannte sie in Anlehnung an die Überlieferung von der Göttin Tschang-ë im Mondpalast0 „Tschang-ë-Blüten“, womit sie zugleich Ansprüche in bezug auf die eigene Person geltend machte. Hsüä Pan gehörte zu jenen Menschen, die gern über dem Neuen das Alte vergessen, außerdem verstand er es zwar, einen robusten Eindruck zu erwecken, in Wirklichkeit aber hatte er kein Mark in den Knochen. Nachdem er jetzt so eine Frau gefunden hatte und auf der ersten Woge der Begeisterung schwamm, machte er natürlich in allen Dingen Zugeständnisse. Das blieb Hsia Djin-guee nicht verborgen, und so versuchte sie, die Zügel nach und nach straffer zu ziehen. Im ersten Monat war beider Auftreten noch gleich, aber im zweiten war schon zu bemerken, wie Hsüä Pan allmählich ins Hintertreffen geriet. Einmal, als er getrunken hatte, beriet er sich mit Djin-guee über irgendetwas, was er unternehmen wollte. Sie aber stimmte ihm nicht zu und blieb hartnäckig bei ihrer Meinung. Unfähig, sich zu beherrschen, warf Hsüä Pan ihr ein paar böse Worte an den Kopf und tat dann, was er für richtig hielt. Djin-guee aber heulte vor Zorn wie eine Betrunkene, aß und trank nichts mehr und stellte sich krank. Ein Arzt wurde gerufen und konstatierte: „Hier laufen Lebensenergie und Blutstrom einander zuwider. Sie muß etwas einnehmen, um die Brust zu weiten und die Energie in die richtigen Bahnen zu lenken.“ Wütend hielt Tante Hsüä ihrem Sohn vor: „Du bist jetzt verheiratet, wirst bald einen Sohn im Arm halten und benimmst dich immer noch wie ein dummer Junge. Da hat diese Frau mit viel Mühe ein einziges Phönixküken großgezogen, eine Tochter so zart wie eine Blüte, und nur weil sie dich für ei-
Aus: Jinyuyuan 1889a. nen anständigen Menschen hielt, hat sie sie dir zu Frau gegeben. Du aber, anstatt dich zu bessern und mit deinem Los zufrieden zu sein, friedlich und verträglich mit ihr zu leben, läßt dich mit gelber Brühe vollaufen und quälst sie dann. Jetzt können wir auch noch Geld für Medizin ausgeben und uns für nichts und wieder nichts Sorgen machen!“ Diese Ansprache löste bei Hsüä Pan unendliche Reue aus, und er ging hin, um Djin-guee zu besänftigen. Djin-guee aber triumphierte erst recht, als sie sah, wie ihr Mann von der Schwiegermutter gescholten wurde, spielte sich in jeder Hinsicht auf und zeigte Hsüä Pan die kalte Schulter. Nun wußte sich Hsüä Pan nicht mehr zu helfen und machte sich bittere Vorwürfe. Mit viel Mühe gelang es ihm nach mehr als zehn Tagen, Djin-guees Herz wieder zu erweichen. Von nun an ging er behutsamer mit ihr um, und in seinem Auftreten war er natürlich noch ein gutes Stück folgsamer als bisher. Als Djin-guee bemerkte, daß ihr Mann sich allmählich geschlagen gab und daß ihre Schwiegermutter eine gutmütige Frau war, begann sie langsam, die Zähne zu zeigen. Zuerst zwang sie nur Hsüä Pan ihren Willen auf, später dehnte sie durch geschickte Schmeichelei ihre Macht auch auf Tante Hsüä aus, und mit Bau-tschai wollte sie genauso verfahren. Aber Bau-tschai hatte Djin-guees frechen Plan längst durchschaut. Sie hatte immer das passende Gegenmittel parat und sagte ihr durch die Blume stets das Richtige, um sie in Schach zu halten. Als Djin-guee einsehen mußte, daß sie ihr so nicht beikommen konnte, war sie bemüht, sie bei einem Fehler zu ertappen, den sie sich zunutze machen konnte. Aber Bau-tschai gab sich keine Blöße, und so mußte Djin-guee sie, wenn auch widerwillig, in Ruhe lassen. Eines Tages, als Djin-guee nichts weiter zu tun hatte und sich deshalb mit Hsiang-ling unterhielt, erkundigte sie sich nach Hsiang-lings Heimatort und Elternhaus. Als Hsiang-ling erwiderte, sie könne sich nicht mehr daran erinnern, wurde Djin-guee ungehalten und behauptete, sie wolle es absichtlich vor ihr verheimlichen. Dann fragte sie, wer ihr den Namen Hsiang-ling – „Duftende Wassernuß“ – gegeben habe, und Hsiang-ling antwortete: „Das war unser gnädiges Fräulein.“ „Alle behaupten, das gnädige Fräulein sei so gebildet, aber dieser Name gibt keinen Sinn“, sagte Djin-guee mit verächtlichem Lächeln. „O weh!“ erwiderte Hsiang-ling ihr daraufhin lächelnd. „Ihr könnt das freilich nicht wissen, junge gnädige Frau, aber selbst der gnädige Herr Onkel lobt unser gnädiges Fräulein immer wieder für seine Bildung.“ Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. 80. Die schöne Hsiang-ling wird von ihrem gierigen Mann geschlagen, der Dauistenpriester Wang faselt von einem Heilmittel gegen die Eifersucht.
Als Djin-guee das hörte, verdrehte sie den Hals, verzog den Mund und schnaubte ein paarmal durch die Nase, dann schlug sie die Hände zusammen und sagte mit abfälligem Lächeln: „Wer hätte jemals den Duft von Wassernußblüten gerochen?! Wenn die Wassernuß duften soll, was willst du dann erst von Blüten sagen, die wirklich duften? Dieser Name ist der Gipfel der Sinnlosigkeit.“ „Nicht nur die Blüten der Wassernuß, auch die Blätter und die Samenkapseln der Lotosblume haben einen frischen Duft, wenn er auch mit dem Duft anderer Blumen nicht vergleichbar ist“, widersprach Hsiang-ling. „Wenn man an einem stillen Tag oder in einer ruhigen Nacht, früh am Morgen oder spät am Abend genau darauf achtgibt, dann merkt man, daß dieser Duft lieblicher ist als jeder Blütenduft. Selbst die Wassernüsse, die Früchte der Seerose0 sowie die Blätter und die Wurzeln von Schilf haben, wenn der Tau fällt, einen herzerfrischenden Geruch.“ „Orchideen und Duftblüten riechen also deiner Meinung nach nicht gut?“ fragte Djin-guee. Hsiang-ling hatte sich so in Hitze geredet, daß sie das Namenstabu völlig vergaß und ohne Zögern antwortete: „Der Geruch von Orchideen und Duftblüten ist mit dem von anderen Blumen nicht zu vergleichen...“ Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als Djin-guees Sklavenmädchen Bau-tschan schon mit dem Finger auf sie wies und sagte: „Zu sterben verdienst du! Wie kannst du einfach den Namen der jungen Herrin aussprechen?“ Hsiang-ling wurde sich schlagartig ihrer Verfehlung bewußt und entschuldigte sich mit beschämtem Lächeln: „Das ist mir nur so herausgerutscht. Rechnet es mir bitte nicht an, junge Herrin!“ „Das macht doch nichts!“ sagte Djin-guee lächelnd, „du bist wirklich überängstlich. Aber die Silbe hsiang in deinem Namen erscheint mir wahrhaftig unangebracht, und ich möchte sie durch eine andere ersetzen, wenn du nichts dagegen hast.“ „Aber was sagt Ihr da, junge Herrin?“ erwiderte Hsiang-ling sofort und lächelte. „Ich gehöre Euch mit Haut und Haaren, warum fragt Ihr also, ob ich einverstanden bin, nur weil Ihr meinen Namen ändern wollt? Nennt mich so, wie es Euch paßt, Ihr könnt jede Silbe benutzen, die Ihr für richtig haltet.“ „Du bist zwar einverstanden“, nahm wieder Djin-guee das Wort, „aber ich fürchte, das gnädige Fräulein könnte argwöhnisch sein und sagen: ‚Ist ein Name, den du dir ausdenkst, besser als einer, den ich mir ausgedacht habe? Kaum bist du ein paar Tage im Haus, stellst du dich gegen meine Entscheidungen.‘ “ Lächelnd erklärte ihr Hsiang-ling daraufhin: „Ihr wißt das nicht, junge Herrin, aber als man mich damals kaufte, diente ich zuerst der gnädigen Frau, und deshalb hat das gnädige Fräulein mir einen Namen gegeben. Seitdem ich dann dem jungen Herrn diente, hatte ich mit dem gnädigen Fräulein nichts mehr zu tun. Seitdem jetzt Ihr im Hause seid, habe ich erst recht nichts mehr mit ihr zu schaffen. Außerdem ist das gnädige Fräulein so ein verständiger Mensch, daß sie wegen so etwas bestimmt nicht böse wird.“ „Wenn es so ist, werde ich die Silbe hsiang – ‚duftend‘ – durch die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – ersetzen“, sagte Djin-guee. „Da die Wassernuß im Herbst blüht und Früchte trägt, hat der Name so wohl etwas mehr Berechtigung.“ „Es soll sein, wie Ihr sagt, junge Herrin“, stimmte Hsiang-ling zu, und damit galt jetzt Tjiu-ling als ihr Name. Bau-tschai schenkte der Sache keine Beachtung. Hsüä Pan war so veranlagt, daß er „auf Schu schaute, kaum daß er Lung erobert hatte“0, und als er nach der Hochzeit mit Djin-guee sah, daß auch ihr Sklavenmädchen Bau-tschan einigen Liebreiz hatte und sich erfreulich leichtfertig benahm, versäumte er nie, sie zu necken, wenn er sich von ihr Tee oder Wasser reichen ließ. Bau-tschan verstand auch sehr gut, wie er das meinte, doch aus Furcht vor Djin-guee wollte sie nichts übereilen und wartete auf ein Zeichen von ihr. Djin-guee ihrerseits merkte genau, was da vorging, und sagte sich: „Ich will Hsiang-ling aus dem Weg räumen und finde keine Handhabe. Wenn er sich jetzt in Bau-tschan verguckt hat und ich sie ihm lasse, wird er sich dadurch Hsiang-ling entfremden. Das kann ich mir zunutze machen, um sie auszuschalten. Bau-tschan aber gehört mir, mit ihr kann ich leicht fertig werden.“ Nachdem sie sich diesen Plan zurechtgelegt hatte, wartete sie auf eine Gelegenheit, um ihn ins Werk zu setzen. Eines Abends dann, als Hsüä Pan leicht berauscht war, ließ er sich wieder einmal von Bau-tschan Tee eingießen, und als sie ihm die Schale reichen wollte, griff er statt dessen nach ihrer Hand. Bau-tschan wollte ihm zum Schein ausweichen und zog die Hand zurück. Klirr! machte es, die Teeschale lag zerbrochen am Boden, und alles war mit Tee bespritzt. Hsüä Pan, dem die Sache jetzt peinlich war, behauptete, Bau-tschan habe die Schale nicht richtig gehalten. Bau-tschan aber verteidigte sich: „Ihr habt sie mir nicht richtig abgenommen!“ Da sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln: „Schluß jetzt mit den Ausflüchten! Ihr müßt einen nicht für dumm verkaufen!“ Hsüä Pan senkte nur den Kopf und lächelte stumm, Bau-tschan aber wurde rot und ging aus dem Zimmer. Als es bald darauf Zeit zum Schlafengehen war, verlangte Djin-guee von Hsüä Pan, er solle woanders schlafen. „Ich will nicht, daß du dich vor Verlangen verzehrst“, sagte sie zur Begründung. Als Hsüä Pan darauf nur lächelte, fuhr Djin-guee fort: „Wenn du etwas möchtest, dann sag es mir und versuch es nicht heimlich. Das führt zu nichts.“ Mutig vom genossenen Wein, kniete Hsüä Pan auf dem Bett nieder, griff nach Djin-guees Hand und bat lächelnd: „Liebe ältere Schwester! Wenn du mir Bau-tschan schenkst, tue ich für dich, was du willst. Wenn du das Gehirn von jemand verlangst, bringe ich es dir!“ „Rede doch nicht so unverständig!“ hielt Djin-guee ihm vor und lächelte dabei ebenfalls. „Wenn du eine magst und sagst mir das, dann machen wir sie zu deiner Nebenfrau, damit es auch vor den Leuten seine Ordnung hat. Was habe ich denn dagegen?!“ Hsüä Pans Dankbarkeit für diese Zusage kannte keine Grenze, und in der Nacht erfüllte er alle Pflichten eines Ehemannes, um sich bei Djin-guee einzuschmeicheln. Am folgenden Tag ging Hsüä Pan nicht aus. Statt dessen vertrödelte er zu Hause seine Zeit und zerstreute dabei seine letzten Bedenken. Am Nachmittag ging dann Djin-guee absichtlich hinaus, damit es die beiden bequem hatten, und Hsüä Pan begann, sich an Bau-tschan heranzumachen. Bau-tschan durchschaute zu acht, neun Zehnteln, was hier gespielt wurde, deshalb verhielt sie sich halb abweisend, halb nachgiebig, und es war augenscheinlich, daß die beiden sich bald einig sein würden. Dabei ahnten sie freilich nicht, daß Djin-guee absichtlich wartete, bis zu vermuten war, daß sie fest genug miteinander verstrickt waren, um dann ihr Sklavenmädchen Hsiau-schë zu sich zu rufen. Diese Hsiau-schë hatte von klein auf bei Djin-guee gedient, und Hsiau-schë – „Kleine Verlassene“ – wurde sie deshalb von allen genannt, weil sie schon als Kleinkind beide Eltern verloren hatte und auch sonst niemanden besaß, der sich um sie hätte kümmern können. Sie wurde stets nur für grobe Arbeiten eingesetzt, jetzt aber befahl Djin-guee mit Vorbedacht gerade sie zu sich, um ihr aufzutragen: „Geh und sag Tjiu-ling, sie solle mein Taschentuch aus meinem Zimmer holen! Aber du mußt ihr nicht sagen, daß ich es befohlen habe!“ Sofort begab sich Hsiau-schë zu Hsiang-ling und sagte: „Fräulein Tjiu-ling! Die junge Herrin hat ihr Taschentuch im Zimmer liegengelassen. Wäre es nicht gut, es ihr zu bringen?“ Hsiang-ling war in der letzten Zeit von Djin-guee immer wieder schlecht behandelt worden, ohne zu wissen warum, und bemühte sich auf jede Weise, ihr Wohlwollen zurückzugewinnen. Deshalb ging sie, kaum daß sie diese Aufforderung gehört hatte, um das Taschentuch zu holen, und platzte so unvermutet ins Zimmer, als Bau-tschan eben an der Grenze zwischen Abwehr und Nachgeben war. Der Anblick ließ Hsiang-ling bis über beide Ohren erröten, und sie machte sofort kehrt, um das Weite zu suchen. Hsüä Pan war der Meinung gewesen, er könne ganz offen handeln, und hatte deshalb außer vor Djin-guee vor niemandem Angst. So hatte er nicht einmal die Tür geschlossen. Als Hsiang-ling jetzt hereinstürzte, war ihm das wohl ein wenig peinlich, aber er schenkte der Störung keine große Beachtung. Nicht so Bau-tschan, die sich immer gebrüstet hatte und sich stets vor allen hervortun wollte. Als sie plötzlich Hsiang-ling erblickte, wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken. Rasch stieß sie Hsüä Pan beiseite und lief hinaus, wobei sie lauthals schimpfte und schrie, er habe ihr Gewalt antun wollen. Als Hsüä Pan, den es so viel Mühe gekostet hatte, Bau-tschan zu umgarnen, sehen mußte, wie Hsiang-ling ihm alles kaputt machte, als er sich schon am Ziel seiner Wünsche glaubte, schlug seine Hochstimmung in Wut um, und die entlud sich gegen Hsiang-ling. Er stürzte hinaus, spuckte sie an, ohne sich auf Erörterungen einzulassen, und schimpfte: „Verfluchte Hure! Mußtest du deinen Kadaver ausgerechnet jetzt hier sehen lassen?“ Hsiang-ling, die sich denken konnte, daß hier nichts Gutes auf sie wartete, brachte sich schleunigst in Sicherheit. Nun suchte Hsüä Pan nach Bau-tschan, aber sie war spurlos verschwunden, und so schimpfte er wütend auf Hsiang-ling. Als sich Hsüä Pan dann nach dem Abendessen, als er schon tüchtig berauscht war, waschen wollte und das Wasser ein wenig zu heiß fand, so daß er sich den Fuß darin vebrühte, behauptete er, Hsiang-ling habe ihm absichtlich etwas antun wollen, und nackt, wie er war, stürzte er zu ihr und versetzte ihr ein paar Fußtritte. Hsiang-ling hatte noch niemals Hsüä Pans Zorn auf diese Weise zu spüren bekommen. Dennoch wagte sie nichts zu sagen, klagte nur still für sich und hielt sich abseits. Währenddessen hatte Djin-guee mit Bau-tschan abgesprochen, diese solle heute nacht mit Hsüä Pan in Hsiang-lings Zimmer schlafen und sich ihm hingeben, während Hsiang-ling bei Djin-guee schlafen sollte. Als Hsiang-ling anfangs nicht wollte, fragte Djin-guee, ob sie vielleicht meine, daß es bei ihr zu schmutzig sei oder ob sie sich eine ruhige Nacht verschaffen und ihr deshalb nicht aufwarten wolle. Dann aber schimpfte sie: „Dein Trottel von Herr verliebt sich in jede, die er zu sehen bekommt. Meine Magd nimmt er mir weg, aber dich schickt er auch nicht zu mir. Was soll das heißen? Will er mich umkommen lassen?“ Als Hsüä Pan das hörte, bekam er Angst, aus der Sache mit Bau-tschan könnte wieder nichts werden, darum kam er schnell herüber und schimpfte Hsiang-ling aus: „Du weißt wohl gar keine Gunst zu schätzen? Wenn du jetzt nicht gehst, setzt es Schläge!“ So konnte Hsiang-ling nicht umhin, ihr Bettzeug zu holen. Auf Befehl von Djin-guee sollte sie sich ihr Lager auf dem Fußboden bereiten. Wieder bleib Hsiang-ling nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Und kaum hatte sie sich hingelegt, verlangte Djin-guee nach Tee, eine Weile später ließ sie sich die Beine klopfen. So hatte sie in dieser Nacht nicht weniger als sieben oder acht Aufträge für Hsiang-ling und ließ sie keinen Augenblick zur Ruhe kommen. Hsüä Pan indes schien mit Bau-tschan ein wahres Juwel gewonnen zu haben und hatte für nichts anderes mehr Augen als für sie. Insgeheim schimpfte Djin-guee deshalb ärgerlich: „Vergnüg dich nur ein paar Tage, aber mach mir keine Vorwürfe, wenn ich nach und nach meine Mittelchen anwende!“ Und sie verbarg ihren Zorn und suchte zuerst nach Wegen, um mit Hsiang-ling fertig zu werden. Einen halben Monat später stellte sie sich wieder einmal krank und behauptete, das Herz tue ihr unerträglich weh und sie könne kein einziges Glied rühren. Ein Arzt wurde gerufen, doch seine Behandlung blieb ohne Erfolg, und alle sagten, der Ärger mit Hsiang-ling müsse das Leiden bewirkt haben. Aber zwei Tage später fiel plötzlich eine Papierfigur aus Djin-guees Kopfkissen, auf der die acht Schriftzeichen für Jahr, Monat, Tag und Stunde ihrer Geburt0 geschrieben standen und in der fünf Nadeln steckten – je eine in der Herzgegend und in den Gelenken der vier Gliedmaßen. Sofort erhob sich ein Tumult im Hause, jeder sah es als Sensation an, und als erstes wurde Tante Hsüä davon Meldung gemacht. Tante Hsüä wußte vor Aufregung weder aus noch ein, und Hsüä Pan gebärdete sich natürlich erst recht wie toll und wollte sofort das ganze Gesinde auf der Folter verhören. Aber Djin-guee fragte ihn lächelnd: „Warum sollen Unschuldige leiden, wenn es doch wahrscheinlich die Hexenkünste von Bau-tschan sind?“ „Bau-tschan hatte in den letzten Tagen kaum Gelegenheit, sich in deinem Zimmer aufzuhalten“, erwiderte Hsüä Pan. „Warum verdächtigst du einen guten Menschen?“ „Und wer soll es sonst gewesen sein?“ fragte Djin-guee mit verächtlicher Miene. „Ich selbst vielleicht? Zwar sind auch noch andere da, aber wer von ihnen würde sich in mein Zimmer wagen?“ „Hsiang-ling war jetzt Tag für Tag mit dir zusammen und weiß bestimmt, wer es war“, sagte Hsüä Pan. „Ich werde zuerst sie mit Schlägen befragen, dann bekommen wir es heraus!“ „Wen du auch fragst, wer würde das zugeben?!“ sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln. „Meiner Meinung nach sollten wir einfach so tun, als wüßten wir von nichts, und die Hände davon lassen. Was macht es denn schon, wenn mich jemand umbringt? Dir kann es ja nur recht sein, du nimmst dir dann eine bessere Frau. Wenn du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß ich euch allen dreien nur im Wege bin.“ Bei diesen Worten brach sie in bittere Tränen aus. Hsüä Pan aber geriet durch diese Vorwürfe nur noch mehr in Wut. Er griff sich den Holzbalken, der dazu diente, das Tor zu verriegeln, stürzte damit los, bis er Hsiang-ling gefunden hatte, und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, begann er, auf ihren Kopf und ihr Gesicht einzuschlagen. Dabei behauptete er, sie sei es gewesen, die den Anschlag in Szene gesetzt hatte. Als Hsiang-ling laut ihre Unschuld beteuerte, kam Tante Hsüä gelaufen und herrschte ihren Sohn an: „Wie kannst du sie schlagen, ohne die Sache vorher geklärt zu haben?! Das Mädchen hat dir jahrelang gedient und war in allen Dingen stets umsichtig und aufopferungsvoll. Wie würde sie es wagen, jetzt so eine schändliche Tat zu begehen?! Verschaff dir wenigstens Klarheit, ehe du anfängst, grob zu werden!“ Als Djin-guee hörte, was ihre Schwiegermutter sagte, befürchtete sie, Hsüä Pan könne sich davon beeinflussen lassen, darum heulte sie noch lauter und klagte: „Einen halben Monat lang hast du dir einfach meine Bau-tschan genommen und sie nicht mehr zu mir gelassen. Nur Tjiu-ling hast du mir für die Nacht geschickt. Als ich Bau-tschan verhören wollte, hast du sie mit aller Gewalt in Schutz genommen, jetzt wieder schlägst du vor lauter Wut auf Tjiu-ling ein. Bring mich doch um und such dir eine hübsche Frau aus vornehmer, reicher Familie, und damit ist die Sache erledigt. Wozu erst noch diese faulen Tricks?“ Hsüä Pan kam bei diesen Worten erst recht in Rage, Tante Hsüä aber merkte, wie Djin-guee mit jedem Satz darauf abzielte, sich Hsüä Pan gefügig zu machen, und das auf die boshafteste und widerlichste Weise. Nur hatte ihr Sohn leider gar kein Rückgrat und war es schon gewöhnt, sich am Gängelband führen zu lassen. Jetzt hatte er auch noch das Sklavenmädchen verführt, so daß seine Frau ihm vorwerfen konnte, er habe sie ihr weggenommen, während sie selbst sich als sanfte, nachgiebige Gattin hinstellen konnte. Wer da versucht hatte, Djin-guee zu behexen, konnte Tante Hsüä natürlich nicht wissen, und so traf hier wirklich zu, was der Volksmund sagt: „Selbst der ehrlichste Richter vermag in Familienangelegenheiten kein Urteil zu fällen“, wenn man hier auch besser sagen konnte: „Die Schwiegereltern können kein Urteil darüber fällen, was hinter den Bettvorhängen eines jungen Paares vorgeht.“ So konnte Tante Hsüä weiter nichts tun, als wütend auf ihren Sohn zu schimpfen: „Du stumpfer Lümmel, du Strafe für meine Sünden! Ein geiler Hund benimmt sich noch anständiger als du. Wie kannst du dich einfach an eine Magd heranmachen, die von deiner Frau mit in die Ehe gebracht wurde, so daß sie dir vorwerfen kann, du hättest sie ihr mit Gewalt weggenommen? Wie willst du den Leuten jetzt ins Gesicht sehen? Und ohne zu klären, wer die Hexerei ins Werk gesetzt hat, fängst du einfach an zu prügeln. Ich weiß, du bist ein ehrloser Wicht, der über dem Neuen das Alte vergißt, und schön hast du mir da vergolten, was ich seinerzeit für dich tat! Auch wenn sie wirklich nichts taugt, hast du sie noch lange nicht zu schlagen. Eher will ich einen Mädchenhändler rufen und sie verkaufen, dann wirst du wohl Ruhe geben.“ Und schon befahl sie Hsiang-ling: „Pack deine Sachen und komm mit!“ Im nächsten Augenblick gab sie jemandem noch den Auftrag: „Geh und bring mir einen Mädchenhändler! Wir werden sie für ein paar Liang Silber verkaufen, damit wir diesen Pfahl im Fleische, diesen Dorn im Auge loswerden und wieder friedliche Tage verleben können!“ Hsüä Pan hatte, als er merkte, wie zornig seine Mutter war, längst den Kopf gesenkt, Djin-guee aber rief weinend durchs Fenster hinaus: „Verkauft nur, wen Ihr wollt, aber sprecht nicht von der einen, um eine andere mit hineinzuziehen! Bin ich vielleicht so eifersüchtig, daß ich keine andere dulden will? Und was heißt hier ‚Pfahl im Fleische, Dorn im Auge‘? Für wen soll sie denn das sein? Wenn ich jede andere aus dem Wege haben wollte, hätte ich bestimmt nicht geduldet, daß er sich einfach meine Magd nimmt.“ Diese Worte ließen Tante Hsüä vor Wut erzittern, und sie erwiderte: „In welcher Familie ist denn das der Brauch, daß die Schwiegermutter etwas sagt und die Schwiegertochter ihr durchs Fenster hindurch frech kommt? Du willst die Tochter einer altangesehenen Familie sein und schreist hier herum, ohne zu überlegen, was du überhaupt sagst!“ Vor Erregung stampfte jetzt Hsüä Pan mit dem Fuß auf den Boden und sagte: „Schluß jetzt, Schluß! Man wird uns auslachen, wenn man uns so hört!“ Aber Djin-guee dachte nicht daran aufzuhören. Sie wurde nur noch hysterischer und schrie: „Ich habe keine Angst, daß man mich auslacht! Dein Biest von Nebenfrau versucht, mich umzubringen, und ich soll Angst haben, daß man über mich lacht! Das beste wird sein, sie zu behalten und mich zu verkaufen. Wer wüßte nicht, daß ihr Hsüäs das Geld habt, um immer und überall jeden unter Druck zu setzen, und daß ihr mächtige Verwandte habt, die jedem euren Willen aufzwingen können?! Worauf wartest du also noch, anstatt zu handeln? Und wenn ich dir nicht gut genug bin, warum mußtet ihr uns dann erst das Haus einrennen wie die Verrückten? Jetzt hast du mich bekommen, das Gold und Silber aus meiner Mitgift hast du auch eingesteckt, und meine Magd, die ein bißchen nach etwas aussieht, hast du dir auch noch geschnappt. Ist es da nicht Zeit, mich hinauszuwerfen?“ So schrie sie unter Tränen, während sie sich zugleich hin und her wälzte und sich Schläge versetzte. Hsüä Pan wußte vor Aufregung nicht, ob er sie ausschimpfen oder ihr gut zureden, ob er sie schlagen oder anflehen sollte. Er lief nur seufzend hinaus und wieder hinein und beklagte sich über sein widriges Geschick. Tante Hsüä hatte sich inzwischen von Bau-tschai überreden lassen, sich in ihre Räume zurückzuziehen, verlangte aber nach wie vor, Hsiang-ling solle verkauft werden. Lächelnd hielt Bau-tschai ihr vor: „Unsere Familie hat stets nur Leute gekauft, aber keine verkauft. Die Wut hat Euch denVerstand getrübt, Mutter. Wenn jemand davon hört, werden wir zum Gespött der Menge. Wenn mein Bruder und meine Schwägerin sie nicht mehr wollen, dann gebt sie mir zu meiner Bedienung, mir fehlt gerade jemand.“ „Wenn wir sie behalten, gibt es nur neuen Ärger, darum ist es das beste, wir schicken sie weg, dann herrscht Ruhe“, wandte Tante Hsüä ein. „Wenn sie bei mir bleibt, ist es doch ganz dasselbe“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Auf keinen Fall lasse ich sie nach vorn gehen, und wenn sie voneinander getrennt sind, wird es genauso sein, als ob wir sie verkauft hätten.“ Inzwischen war auch Hsiang-ling längst zu Tante Hsüä gelaufen gekommen und bat unter Tränen, man solle sie nicht fortschicken, sie wolle von Herzen gern dem jungen Fräulein dienen. So blieb Tante Hsüä keine andere Wahl, als nachzugeben. Von nun an diente Hsiang-ling tatsächlich in Bau-tschais Gefolge und schlug sich den Weg in die vorderen Gemächer gründlich aus dem Sinn. Dennoch klagte sie natürlich dem Mond ihren Kummer und seufzte im Lampenschein. Sie war schon immer schwächlich, und obwohl sie mehrere Jahre lang mit Hsüä Pan zusammengelebt hatte, war sie doch auf Grund einer gestörten Regel niemals schwanger geworden. Als jetzt noch Wut und Ärger hinzukamen, war sie diesen Qualen innerlich wie äußerlich nicht gewachsen und zog sich eine Auszehrung mit völligem Ausbleiben der Regel zu. Von Tag zu Tag magerte sie mehr ab, dabei fieberte sie und mochte weder essen noch trinken. Ärzte wurden gerufen, um sie zu untersuchen, aber die Medikamente, die sie ihr verschrieben, bewirkten nichts. Inzwischen hatte Djin-guee noch ein paarmal einen Krawall verursacht und Tante Hsüä wie auch Bau-tschai damit so in Zorn gebracht, daß sie im Verborgenen weinten und ihr Schicksal beklagten. Hsüä Pan hatte zwar, ermutigt vom Wein, noch mehrmals versucht, Djin-guee mit Härte entgegenzutreten, aber wenn er nach einem Stock griff, um sie zu schlagen, bot sie ihm ihren Leib dar, und forderte ihn auf, er solle nur zuschlagen, und wenn er ein Messer packte, um sie zu erstechen, streckte sie ihm den Hals entgegen. Dann brachte Hsüä Pan es nicht fertig, ihr wirklich etwas zu tun, wütete nur eine Weile und gab sich dann geschlagen. In dem Maße, wie dies durch mehrfache Wiederholung zur Selbstverständlichkeit wurde, wuchs Djin-guees Hochmut, während Hsüä Pan mehr und mehr zum Waschlappen wurde. Hsiang-ling war wohl noch da, aber es war so, als gäbe es sie gar nicht. Und wenn Djin-guee deshalb auch nicht ganz unbesorgt sein konnte, kümmerte sie sich doch einstweilen nicht um sie, weil sie ihr ja nicht mehr unter die Augen kam. Statt dessen ging sie allmählich dazu über, sich Bau-tschan vorzunehmen. Aber Bau-tschan war ein anderer Charakter als Hsiang-ling, sie war ganz wie trockenes Reisig, das im Nu aufflammt. Und da sie mit Hsüä Pan ein Herz und eine Seele war, schien Djin-guee für sie nicht mehr zu existieren. Als sie jetzt sah, daß Djin-guee sie zu drangsalieren suchte, war sie nicht gewillt, auch nur im mindesten nachzugeben. Zuerst zankte sie zurück, wie es ihr gerade in den Sinn kam, und wenn Djin-guee dann richtig in Fahrt geriet und fluchte und schlug, wagte sie zwar nicht, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen, aber sie benahm sich völlig hysterisch und machte Anstalten, sich umzubringen – am Tage mit Messer oder Schere, bei Nacht mit Strick oder Schnur. Hsüä Pan, der es nicht beiden zugleich recht machen konnte, stand dann unschlüssig zwischen ihnen, und wenn sie es gar zu wild trieben, lief er davon und suchte draußen im Anbau Zuflucht. Wenn Djin-guee einmal nicht ihre Launen hatte und gelegentlich in guter Stimmung war, sammelte sie die Sklavinnen um sich und spielte mit ihnen Karten oder Würfel, um sich die Zeit zu vertreiben. Außerdem hatte sie seit jeher größte Freude daran, Knochen abzunagen, und so ließ sie Tag für Tag Hühner und Enten schlachten, gab das Fleisch anderen und knabberte scharf gebratene Knochen zum Wein. Wenn sie es über hatte oder sich ärgerte, begann sie wüst zu schimpfen und sagte: „Wenn sich Nutten und Hurenböcke vergnügen können, warum soll ich dann nicht vergnügt sein dürfen?!“ Von Tante Hsüä und Bau-tschai wurde Djin-guee jetzt völlig ignoriert, Hsüä Pan aber bereute nur Tag und Nacht, daß er so einen Zankteufel zur Frau genommen hatte, und wußte sich nicht zu helfen. Unter den Bewohnern des Ning-guo- und des Jung-guo-Anwesens gab es dann niemanden, hoch oder niedrig, der nicht davon gewußt und nicht darüber geseufzt hätte. Inzwischen waren die einhundert Tage um, während derer Bau-yü das Haus nicht verlassen durfte, und er ging wieder aus. Auch Djin-guee ging er sich ansehen und stellte dann verwundert fest: „In Aussehen oder Verhalten hat sie nichts Seltsames an sich. Sie gleicht nicht weniger einer frischen Blume oder einer zarten Weide als meine Schwestern und Kusinen, wie kommt sie also zu so einem Charakter? Das ist wirklich mehr als erstaunlich!“ Eines Tages, als er zu Dame Wang ging, um ihr seinen Gruß zu entbieten, traf er dort eine von Ying-tschuns alten Ammen an, die auf Besuch gekommen war und nun berichtete, Sun Schau-dsu sei ein ganz und gar unwürdiger Mensch. „Das Fräulein weint in einem fort im Verborgenen und sehnt sich nur danach, ein paar Tage nach Hause geholt zu werden, um einmal auszuspannen“, sagte sie. „Ich wollte sie dieser Tage schon holen lassen“, erwiderte Dame Wang darauf. „Doch weil ich allerlei Unannehmlichkeiten hatte, vergaß ich es wieder. Als Bau-yü neulich dort war, hat er dasselbe erzählt. Morgen ist ein günstiger Tag, da werde ich sie holen lassen.“ Als sie das eben sagte, erschien eine Botin der Herzoginmutter, die Bau-yü suchte, um ihm zu bestellen: „Morgen in aller Frühe wirst du in den Tempel des Himmelgleichen0 fahren, um deinen Dank für die erhörten Gebete zu bekunden.“ Bau-yü, der nach Spaziergängen und Ausflügen förmlich lechzte, freute sich so über die Nachricht, daß er die ganze Nacht kein Auge zutat und nur darauf lauerte, daß es endlich hell würde. Nachdem er sich am frühen Morgen gewaschen und angekleidet hatte, stieg er in Begleitung einiger alter Ammen in den Wagen und fuhr zum westlichen Stadttor hinaus zum Tempel des Himmelgleichen, um dort zum Zeichen der Dankbarkeit Weihrauch abzubrennen. Im Tempel war schon am Tag zuvor alles dafür hergerichtet worden. Bau-yü, der von Natur aus ein furchtsames Gemüt hatte, wagte sich an die grausigen Statuen der Götter und Dämonen nicht nahe heran. Der Tempel war schon unter der vorigen Dynastie errichtet worden und war von gewaltigen Ausmaßen, doch nach so vielen Jahren war er auch außerordentlich verwahrlost. Die Lehmskulpturen, die darin standen, waren überaus grauenerregend, und so brannte Bau-yü rasch das Opfergeld und die übrigen Gaben aus Papier ab, um sich dann in den Wohnhof der Mönche zurückzuziehen und dort auszuruhen. Nachdem er gegessen hatte, begleiteten ihn die alten Ammen und mit ihnen auch Li Guee und die übrigen auf einem Streifzug durch das Tempelgelände. Doch da Bau-yü sich müde fühlte, kehrte er wieder in die Gästezelle zurück. Die alten Ammen, die befürchteten, er könnte einschlafen, ließen Alt Wang, den Tempelvorsteher, bitten, er möge Bau-yü Gesellschaft leisten und ihn unterhalten. Die Spezialität dieses alten Dauistenpriesters war früher einmal die, im ganzen Land als Medikamentenhändler umherzuziehen, die Leute mit seinen Wundermitteln zu behandeln und dafür ein schönes Stück Geld einzustreichen. Auch jetzt hing vor dem Tempel ein Aushängeschild, hier seien alle Arten von Arzneikugeln, Pulvern, Salben und Pillen vorrätig. Im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen, wo Alt Wang seit langem ein- und ausging, hatte er den Spitznamen „Ein-Pflaster-Wang“ bekommen, womit gemeint war, seine Salben seien so wirksam, daß er mit einem Pflaster hundert Krankheiten zugleich austreiben konnte. Als Ein-Pflaster-Wang jetzt in den Raum trat, lag Bau-yü schräg auf dem Ofenbett, weil er schlafen wollte, während Li Guee auf ihn einredete: „Nicht einschlafen, kleiner Herr!“ und ihn neckte. Als sie sahen, daß Ein-Pflaster-Wang hereinkam, begrüßten ihn alle lächelnd: „Du kommst eben zur rechten Zeit, Meister Wang! Du verstehst dich so gut auf alte Geschichten, also erzähl unserm jungen Herrn eine davon!“ „Aber ja!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „schlaft nicht ein, kleiner Herr, sonst fangen die Mehlklüter in Euerm Bauch zu spuken an!“ Alles lachte darüber, und Bau-yü lachte mit, setzte sich auf und ordnete seine Kleider. Nun befahl Ein-Pflaster-Wang seinen Novizen, sie sollten schnell einen kräftigen Tee brühen, aber Ming-yän erklärte: „Deinen Tee kann unser junger Herr nicht trinken. Schon der Salbengeruch stört ihn, wenn er hier nur sitzt.“ „Vergebung!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „aber meine Salben kommen nie in diesen Raum. Und weil ich wußte, der kleine Herr werde heute kommen, habe ich wieder und wieder mit Duftholz geräuchert.“ „Ach, richtig!“ sagte da Bau-yü, „immer wieder höre ich, wie gut deine Pflaster sind. Gegen welche Krankheiten helfen sie eigentlich?“ „Mit meinen Pflastern ist es eine lange Geschichte, kleiner Herr, und die Einzelheiten sind mit ein paar Worten nicht erklärt“, begann Ein-Pflaster-Wang, um dann fortzufahren: „Es sind einhundertundzwanzig verschiedene Arzneistoffe darin, die sich zueinander verhalten wie Herrscher und Untertan, und auch jeder Gast bekommt seinen Platz. Warmes und Kaltes findet zugleich Verwendung, Teures und Billiges je nach seiner Eigenart. Innerlich bringen sie die Grundelemente in Harmonie und füllen die Lebensenergie auf, sie machen Appetit, stärken die Körperfunktionen und die Abwehrkräfte, beruhigen Geist und Gemüt, vertreiben Kälte und Hitze, lösen Nahrung und Schleim auf. Äußerlich aber bringen sie die Blutbahnen in Ordnung und lockern die Muskeln auf, sie lassen abgestorbenes Fleisch verschwinden und bringen neues zum Wachsen, sie vertreiben Erkältungen und machen Gifte unschädlich. Sie wirken mit wie Geisterkraft. Wer einmal davon Gebrauch gemacht hat, der weiß Bescheid.“ „Ich glaube nicht, daß man nur mit einem einzigen Pflaster alle diese Krankheiten heilen kann“, sagte Bau-yü zweifelnd, „aber ich würde gern wissen, ob sich damit auch ein bestimmtes Leiden kurieren läßt.“ „Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“ „Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.“ Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“ „Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“ Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch.