Hongloumeng/de/Chapter 83
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Kapitel 83
省宫闱贾元妃染恙 / 闹闺阃薛宝钗吞声
ährend die jüngeren, die hinzugekommen waren, alle vulgär und unkultiviert waren. Plötzlich erinnerte er sich an Tjin-dschung und dachte voller Trauer daran, daß es niemanden mehr gab, mit dem er ein vertrauliches Gespräch führen könne. Obwohl er innerlich traurig war, wagte er nicht, etwas zu sagen, sondern verschloß es in seinem Herzen und begann zu lesen. Dai-ju teilte Bau-yü mit: „Da heute dein erster Schultag ist, kannst du heute früher gehen. Morgen interpretieren wir Texte. Da du ja nicht dumm bist, interpretierst du mir morgen ein, zwei Textabschnitte, so dass ich sehen kann, wie viel du in letzter Zeit gelesen hast. Dann weiß ich, wo du stehst.“ Als Bau-yü dies hörte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Wie Bau-yü tags darauf dem Unterricht folgte, erfährt man im nächsten Kapitel. 82. Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den Klassikern Die Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrak wegen eines Geisteralptraums.
Im Folgenden gibt es zu berichten, daß Bau-yü, als er aus der Schule heimkam, die Herzoginmutter traf. Sie sagte lachend zu ihm: „Gut! Nun ist das wilde Pferd gezähmt und hat ein Zaumzeug verpaßt bekommen. Geh, berichte deinem Vater, danach kannst du wiederkommen und spielen!“ Bau-yü war einverstanden und ging, Djia Dschëng zu sehen. Dieser fragte: „Ist die Schule jetzt schon aus? Hat dir der Lehrer Schularbeiten aufgegeben?“ Bau-yü antwortete: „Stimmt. Morgens muß ich früh aufstehen und Bücher repetieren, nach dem Essen Schreiben üben und nachmittags Bücher zusammenfassen und erläutern sowie Aufsätze lesen.“ Als Djia Dschëng das gehört hatte, nickte er und sagte: „Geh, setz’ dich noch zu deiner Großmutter. Du solltest auch ein bißchen gesellschaftliche Umgangsformen lernen, nicht nur störrisch herumtollen. Geh abends ein bißchen früher schlafen und steh morgens ein bißchen früher für die Schule auf! Hast du das gehört?“ Bau-yü bejahte dies prompt mit ein paar „Jawohls“, kam heraus, schaute eilig bei seiner Mutter vorbei und stattete dann seiner Großmutter einen Besuch ab. Er kam eilig heraus und wollte zur Herberge am Hsiau-Hsiang-Fluß gehen. Kaum war er zur Tür hereingekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!“ Sein plötzliches Eintreffen erschreckte Dai-yü. Zi Juan zog den Vorhang auf, Bau-yü kam herein und setzte sich. Dai-yü sagte: „Ich dachte, ich hätte gehört, daß du zum Studieren gegangen seist. So schnell schon wieder da?“ Bau-yü antwortete: „Tja, unglaublich! Als mich mein Vater heute zum Studieren schickte, kam es mir vor, als würde ich euch nie wieder sehen. Ich habe den ganzen Tag kaum ertragen; als ich euch gerade sah, kam ich mir wie gestorben und wiedergeboren vor. Die Redewendung der Vorfahren, ein Tag Trennung komme einem wie drei Jahre vor, trifft wirklich zu.“ Dai-yü fragte: „Und hast du deine Aufwartungen gemacht?“, Bau-yü antwortete: „Alle“. Dai-yü fragte weiter: „Und warst du auch woanders?“ – „Nein.“ – „Du solltest auch bei deinen Kusinen vorbeischauen.“ Bau-yü entgegnete: „Mir ist gerade nicht danach, ich will nur ein Weilchen mit meiner kleinen Schwester hier sitzen und plaudern. Und dann heißt mich mein Vater noch früh schlafen gehen und früh aufstehen, ich muß morgen früh wieder bei ihnen vorbeischauen.“ Dai-yü sagte: „Setz’ dich ein bißchen, aber dann mußt du dich ausruhen gehen.“ Bau-yü sagte: „Müde soll ich sein? Ach, woher denn! Ich bin einfach niedergeschlagen. Da setzen wir uns gerade für einen Moment, die Niedergeschlagenheit verfliegt, und schon drängst du mich wieder.“ Dai-yü lächelte und wies Dsï-djüan an: „Gieß für den Herr eine Tasse meines Drachenbrunnentees auf! Jetzt, wo der Herr studiert, müssen wir ja respektvoll zurückbleiben.“ Dsï-djüan stimmte lachend zu, holte Teeblätter, und ließ ein junges Dienstmädchen Tee aufgießen. Bau-yü schloß sich mit den Worten an: „Was erwähnst du noch das Studieren, ich kann dieses akademische Gerede nicht ausstehen. Noch lächerlicher ist der Achtgliedrige Aufsatz, man braucht ihn nur, um zu Amt und Würden zu kommen und sein Auskommen zu haben; wie kann man behaupten, mit ihm die Sicht der Weisen wiederzugeben? Dann gibt es da Aufsätze, bei denen man ein paar Klassiker genommen und zusammengestückelt hat. Noch lächerlicher sind jene, die keine Substanz haben, von Ost nach West gezogen, zu Kuhgeistern und Schlangendämonen gemacht und für ein universelles Geheimnis gehalten werden, damit werden dann die Weisen erläutert. Nun ermahnt mich mein Vater immer und immer wieder, das zu lernen, und ich wage keine Widerworte, und da kommst du in diesem Moment wieder mit dem Studieren.“ Dai-yü sagte: „Wir Mädchen mögen das zwar nicht, aber ich habe ja in der Kindheit mit deinem Lehrer Yü-tsun auch schon einmal die Bücher gelesen. In ihnen gibt es auch Einfühlsames und Vernünftiges, Prägnantes wie Subtiles, aber Tiefgründiges. Obwohl ich es damals nicht ganz verstanden habe, habe ich doch die Qualität gespürt, man kann sie nicht kategorisch ablehnen. Darüberhinaus mußt du zu Amt und Würden kommen, das ist klarer und wertvoller.“ Bau-yü, der bis hierhin zugehört hatte, empfand die Worte als nicht sehr überzeugend, weil er Dai-yü nie für einen solchen Menschen gehalten hatte – wie konnte sie sich dafür nur so begeistern? Da er ihr auch nicht ins Gesicht widersprechen wollte, räusperte er sich nur einmal kurz zustimmend. Während sie noch sprachen, hörten sie, wie sich draußen zwei Leute unterhielten, und zwar Tjiu-wën und Dsï-djüan. Sie hörten gerade Tjiu-wën sagen: „Hsi-jën befahl mir, Bau-yü von der Herzoginmutter abzuholen, wer hätte gedacht, daß er hier ist.“ Dsï-djüan sagte: „Wir gießen erst hier Tee auf, es könnte auch sein, daß wir beide erst trinken lassen sollten und wir dann erst zur Herzoginmutter gehen.“ Die beiden kamen herein. Bau-yü sagte lachend zu Tjiu-wën: „Ich gehe gleich rüber, entschuldige, daß du soviel Mühe hattest, mich zu finden.“ Tjiu-wën kam gar nicht zu einer Erwiderung, da hatte Dsï-djüan schon gesagt: „Geh schnell rüber, wenn du den Tee getrunken hast, hier hat schon jemand den ganzen Tag nach dir gesucht.“ Tjiu-wën spuckte aus und sagte: „Pfui! Welch eine Bastard-Dienstmagd!“, so daß alle in Lachen ausbrachen. Bau-yü stand endlich auf und verabschiedete sich. Dai-yü brachte ihn bis zur Tür. Dsï-djüan stand am Fuß der Treppe, bis er gegangen war, erst dann kehrte sie wieder zurück ins Zimmer. Als Bau-yü in seinem Roten Hof der Freude ankam, sah er, wie Hsi-jën gerade herauskam, um ihn zu begrüßen. „Bist du zurück?“, fragte sie. Tjiu-wën antwortete für ihn: „Oh, der Herr ist schon lange zurück, er war bei Frau Lin.“ „Ist irgendetwas geschehen, als ich fort war?“, fragte Bau-yü. „Ach, nicht viel“, antwortete Hsi-jën spitz.“ Nur ein Vortrag von Yüan-yang. Frau Fang Tsai schickte sie, um uns wissen zu lassen, daß dein Herr Vater es dieses Mal ernst meinte mit deinem Studium und, falls irgendjemand von uns Dienstmädchen es wage, noch einmal mit dir zu spielen, es uns ergehen werde wie Tjing-wën und Sï-tji.“ Sie seufzte: „Ich denke, ich habe immer mein Bestes getan, um dir zu dienen, und das ist der Dank dafür. Das gibt doch keinen Sinn.“ Während sie sprach, wurde sie traurig. Bau-yü eilte sich, sie zu trösten: „Liebe Schwester! Sei unbesorgt. So lange ich ein guter Schüler bin, wird keiner von euch noch irgendein Wort von der Herzoginmutter hören müssen. Ich habe vor, an diesem Abend noch einige Texte zu lesen. Der Lehrer hat mir sogar aufgegeben, für morgen eine schriftliche Darstellung vorzubereiten. Sollte es irgendetwas geben, daß ich brauche, so werden es Schë-yüä und Tjiu-wën für mich besorgen, du kannst dich derweil erholen.“ „Wenn du ernsthaft studieren willst“, sagte Hsi-jën, „dann macht es uns Spaß, dir zu dienen.“ Von ihren Worten angeregt, nahm Bau-yü eilig sein Abendessen ein und ließ die Leselampen anzünden. Er setzte sich weiter abseits, um das, was er bereits früher gelesen hatte, noch einmal durchzuarbeiten, die Vier Bücher des konfuzianischen Kanons. Nun, wie las er seine Texte? Er blätterte durch das erste Buch, las die Texte, schien sie auch im Wesentlichen zu verstehen. Doch in dem Moment, als er ins Detail vordrang, schienen sich die Texte seinem Zugriff zu verweigern. Er wandte sich hilfesuchend an die Anmerkungen, las die dazugehörenden Textstellen, strengte sich dabei so an, daß es sich anfühlte, als wäre er von einer Keule getroffen worden. ,In Gedichten finde ich mich leicht zurecht‘, dachte er bei sich selbst, ,doch aus diesem Stoff werde ich einfach nicht schlau.‘ Er lehnte sich zurück, sprach nur wirres Zeug vor sich hin. Schë-yüä und Hsi-jën halfen ihm, bis er ins Bett ging. Erst danach legten sich die beiden selbst schlafen. Kurz darauf erwachten sie und hörten, wie er sich unruhig auf dem Ofenbett hin und her wälzte. „Bist du immer noch wach? Denkst du immer noch nach?“, fragte Hsi-jën, „du sollst deine Geistekräfte schonen, damit du morgen gut lernen kannst.“ „Ich weiß“, sagte Bau-yü, „aber ich kann einfach nicht schlafen. Komm und nimm eine von meinen Decken herunter!“ – „Es ist nicht warm genug heute Nacht. Behalte sie lieber bei dir!“ „Ich bin so aufgekratzt!“ Er warf die obere Decke nun selbst hinunter. Hsi-jën kletterte sofort hinüber, um die Decke zurückzulegen, und berührte mit der Hand seine Stirn. Sie fühlte sich leicht fiebrig an. „Bleib liegen!“, sagte sie, „du hast leicht Fieber.“ – „Nein, ich bin nicht krank.“ – „Aber was ist denn los?“ – „Es ist nichts. Ich bin nur nervös, das ist alles. Mach’ doch bitte keinen Staatsakt daraus! Wenn Vater das herausfindet, wird er mir sicherlich vorwerfen, ich suchte nach einer Ausrede, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Es scheint mir eher ein Zufall zu sein. Morgen früh fühle ich mich bereits wieder besser, und bin ich erst einmal in der Schule, dann läuft es wie immer.“ Hsi-jën gab nach. „Ich werde hier an deiner Seite schlafen“, sagte sie. Sie bearbeitete eine Weile seinen Rücken mit Klopfmassage, und beide waren unmerklich eingeschlafen. Als sie aufwachten, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. „Hilfe!“, jammerte Bau-yü, „ich bin zu spät!“ Schnell wusch und kämmte er sich, absolvierte die Runde seiner Morgenaufwartungen und machte sich dann sofort auf den Weg zur Schule. Als er das Klassenzimmer betrat, verhieß der ernste Gesichtsausdruck des Lehrers nichts gutes. „Kein Wunder, daß dein Vater so sauer ist und du ihn dazu gebracht hast, dich einen Taugenichts zu nennen! Schon am zweiten Tag faulenzt du und kommst erst jetzt.“ Bau-yü berichtete ihm von seinem Fieber in der Nacht zuvor, ging dann an seinen Tisch und setzte sich, um zu arbeiten. Es war spät nachmittags, als der Lehrer ihn nach vorne rief: „Bau-yü, komm nach vorne! Interpretiere diesen Text!“ Bau-yü ging nach vorne. Nach In-Augenscheinnahme bemerkte er zu seiner Erleichterung, daß dieser Text zu denen gehörte, die er kannte: Gespräche, Kapitel 9, Vers 22: Die Jugend muß voller Ehrfurcht sein. ,Was für ein Glücksfall!‘, dachte er bei sich, ,Buddha sei Dank, es ist nicht aus der Großen Lehre oder der Doktrin der Mitte!‘ –
„Wie soll ich das interpretieren, Herr Lehrer?“ –
„Fasse diese Sätze zusammen!“ – Bau-yü rezitierte zunächst das ursprüngliche Kapitel laut und begann dann: „In diesem Vers haben wir die weisen Vorfahren, die ihre Nachkommen ermutigten, fleißig zu sein, sonst würden sie enden wie...“ An dieser Stelle schaute Bau-yü zu Dai-ju auf. Der Lehrer spürte, was kommen würde, und versuchte, seine Verlegenheit mit einem kurzen Auflachen zu verbergen: „Komm Junge, komm schon, sprich ruhig weiter! Was hält dich zurück? Denke daran: Die Auslegung der Klassiker ist von den normalen Regeln mündlicher Verbote befreit. In den Riten, Buch I heißt es: ‚Beim Arbeiten mit den Klassikern gibt es keine Verbote für die Nomenklatur.‘ Also: Sonst würden sie enden wie ...?“ „... wie jemand, der auch als Erwachsener nichts gelernt hat“, sagte Bau-yü. „Man nehme zuerst die beiden Wörter ‚voller Ehrfurcht‘. Diese beiden Wörter ermutigen die nachfolgende Generation. Wenn man dagegen nicht genügend Ehrfurcht hat, ist dies eine Warnung vor der Zukunft.“ Er schaute wieder zu Dai-ju hoch. Dai-ju sagte: „Das könnte gehen. Zusammengefaßt heißt das?“ Bau-yü begann wieder: „Unsere Eltern sagen: Wenn man jung ist, benutzt man seine geistige Kraft. Man ist intelligent und voller Kraft, das macht einem fast Angst. In dieser Phase scheint es so, daß man selbst eine rosigere Zukunft hat als die Eltern. Aber ist man schon vierzig oder fünfzig und immer noch nicht erfolgreich und berühmt, hat man kein Geschimpfe mehr zu befürchten und scheint nützlich zu sein. Dann hat man auch nichts mehr zu fürchten.“ „Deine Interpretation war leidlich klar“, kommentierte Dai-ju mit einem trockenen Lächeln. „Aber ich fürchte, deine Ausdrucksweise ist noch recht kindisch. Der Ausdruck ‚nicht berühmt werden“ bezieht sich nicht auf den Erfolg im Weltlichen, also in der Beamtenkarriere, sondern mehr auf die persönlichen Errungenschaften in moralischer und intellektueller Hinsicht. In diesem Sinne beinhaltet das keinesfalls Amtsränge. Im Gegenteil, viele der großen Weisen des Altertums waren unbedeutende nicht verbeamtete Personen, die sich aus der Welt zurückzogen; und doch halten wir sie in höchsten Ehren, oder nicht?“ „Du hast den letzten Satz nicht richtig ausgelegt“, fuhr er fort. „Der Ausdruck „nicht genügend Ehrfurcht haben“ bedeutet, daß jemand dich leicht durchschauen kann. Der Ausdruck „nichts wissend“ heißt nicht, daß man vor etwas Angst hat. Wenn man von innen nach außen sieht, erfährt man erst die Details. Verstehst du das?“ – Bau-yü: „Ich verstehe.“ – „Gut. Hier ist ein anderer Text, bitte interpretiere ihn ebenfalls!“, sagte Dai-ju. Dai-ju blätterte einen Artikel zurück und zeigte Bau-yü folgende Textstelle. Es waren wieder die Gespräche, dieses Mal Kapitel 9, Vers 18: „Die Seltenheit einer ernsthaften Liebe zur Tugend.“ Bau-yü witterte Gefahr und sagte mit seinem offensten Lächeln: „Ich befürchte, ich befürchte, ich weiß hierzu nichts zu sagen, Herr Lehrer.“ – „Unsinn, mein Junge! Würdest du das schreiben, wenn diese Textstelle als Thema in deinem Prüfungsaufsatz drankäme?“ Bau-yü hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und begann widerstrebend: „Die Vorfahren erkannten, daß die Menschen die Tugend nicht liebten, stattdessen fielen sie beim ersten Anblick von Schönheit auf die Knie und beteten sie an. Sie hielten die Tugend für die natürliche Grundlage der Dinge. Die Menschen streben überhaupt nicht nach der Tugend. Auch Schönheit ist ein Geschenk des Himmels, wer möchte sie nicht besitzen. Schönheit gehört zu den menschlichen Verlockungen, wohingegen Tugend ein natürliches Prinzip ist. Wie kann ein Prinzip hoffen, mit der Begierde um die Zuneigung der Menschen zu wetteifern? Konfuzius beklagt sich über den Zustand der Welt und hofft auf eine Wandlung der Herzen. Das, was angestrebt wird, ist meist oberflächlich und kurzlebig. Wie schön wäre es, wenn die Menschen so nach Tugend streben würden wie nach Schönheit ...“ – „Danke, das ist genug“, sagte Dai-ju. „Ich habe nur noch eine Frage an dich. Wenn du die Worte der Vorfahren so gut verstanden hast, warum machst du immer wieder dieselben zwei Fehler? Ich bin nur ein Außenstehender, aber auch ohne Erläuterung von deinem Vater kann ich deine moralischen Schwächen erkennen. Wie könntest du dich nicht anstrengen, weiterzukommen? Du bist derzeit ein vielversprechender Jugendlicher, oder wie es in unseren Texten heißt: ‚berühmt zu werden“ und ‚nicht genügend Ehrfurcht haben“ – das liegt alles in deiner Macht. Ob du diese Chancen ergreifst oder nicht, das hängt ganz von deinen eigenen An-
Bau-yü in der Hausschule mit seinem Lehrer Dai-ju. Aus: Jinyuyuan 1889b. strengungen ab. Wirst du ‚berühmt‘ oder wirst Du ‚nicht genügend Ehrfurcht haben‘?“ – „Ich gebe dir einen Monat Zeit, in der du deine alten Texte erneut gründlich durcharbeitest, und einen weiteren Monat, in dem du neue Texte studierst. Danach gebe ich dir Themen für Aufsätze. Wenn ich auch nur ein Zeichen von Nachlässigkeit bei dir entdecke, hast du keine Nachsicht von mir zu erwarten. Wie das Sprichwort sagt: ‚Das Erwachsenendasein bedeutet nicht zu faulenzen. Faulenzen führt zu Mißerfolg.‘ Wenn du ein guter Schüler sein willst, dann behältst du alles, was ich gesagt habe.“ – „Ja, Herr Lehrer.“ Und so müssen wir Bau-yü für den Moment verlassen, ihn zu seinen täglichen Studien schicken, die er widerstrebend absolviert. Während seiner Abwesenheit an der Schule, wurde der Hof der Freude am Roten so ruhig, daß er nicht mehr wiederzuerkennen war, und die Tage vergingen langsam und ereignislos. Hsi-jën fand sogar Zeit, etwas zu nähen. Eines Tages saß sie dabei, einen Betelnuß-Beutel zu besticken, und dachte darüber nach, daß Bau-yü jetzt beschäftigt war und daß die Mädchen doch nicht hungern müßten. Wäre dies bereits früher so gewesen, hätte Tjing-wën niemals ein solch elendes Ende ereilt. Arme Tjing-wën! Hsi-jën seufzte: „Wenn der Hase stirbt, weint der Fuchs.“ Sie weinte unbemerkt. Plötzlich dachte sie, sie könne nie Bau-yüs Frau werden, nur seine Konkubine. So wie Bau-yü mit seinen Mitmenschen umging, war er sehr vertrauenswürdig. Doch was wäre, wenn er vorhätte, eine fürchterliche Frau zu heiraten? War es ihr Schicksal, eine zweite You Örl-djie oder Hsiang-ling zu werden? Die Herzoginmutter und die Dame Wang ließen gelegentlich durchblicken, daß Hsi-fëng seine Braut werde. Damit war natürlich Dai-yü gemeint. Aber Dai-yü ist jemand, der immer zweifelt. Bei diesen Gedanken wurde Hsi-jën heiß und ihr Herz raste. Ihre Stickerei wurde ungenau. Schnell ließ sie diese liegen und begab sich seufzend zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Dai-yü las ein Buch. Als sie Hsi-jën eintreten sah, rückte sie beiseite und forderte sie nickend auf, sich zu setzen. „Ich hoffe, Sie fühlen sich ein wenig besser, Fräulein“, begann Hsi-jën, ängstlich darauf bedacht, den richtigen Ton zu treffen. „Mir geht es etwas besser“, antwortete Dai-yü. „Was hast du daheim gemacht?“ „Jetzt, wo mein Herr in der Schule ist“, antwortete Hsi-jën, „ist es zu Haus sehr ruhig, deshalb dachte ich, ich komme kurz auf ein Schwätzchen vorbei.“ Dsï-djüan kam mit Tee herein, und Hsi-jën erhob sich schnell. „Bleib’ sitzen, liebe Dsï-djüan.“ Sie lachte, als sie fortfuhr: „Ich hörte, daß Tjiu-wën sagte, daß du dich über uns lustig gemacht hast.“ „Ihr glaubt doch nicht, was sie da erzählt, oder?“, sagte Dsï-djüan mit einem Lächeln. „Alles, was ich meinte, war, daß, wenn mein Herr den ganzen Tag in der Schule ist, Schwester Bau verhindert war und nicht einmal Hsiang-ling vorbeikam, um uns zu besuchen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie langweilig das ist?“ Hsi-jën nutzte die Gelegenheit: „Hsiang-ling sagst du? Ach, das arme Mädchen! Sie tut mir so leid! Sie ist mit der Ehefrau von Herrn Pan aneinander geraten, sie hat es ja schwer! Sie ist sogar noch ärmer dran als eine gewisse Person ...“ An dieser Stelle hielt Hsi-jën zwei Finger hoch, um auf die zweite junge Frau des Hauses zu verweisen – Hsi-fëng. „Sie kann sich nicht einmal darum kümmern, was die Leute von ihr denken.“ Dai-yü fuhr fort: „Sie hat aber auch genügend ertragen. Weißt du noch, wie das Mädchen You Er gestorben ist!“. „Ich weiß“, sagte Hsi-jën, „im Grunde sind doch beide Menschen. Nur ihre Einstellungen waren sehr verschieden. Wie kann man so giftig werden? Das ist nicht gut für den Namen der Familie.“ Dies war das erste Mal, daß Dai-yü Hsi-jën derart tratschen hörte, und sie begann, Verdacht zu schöpfen, was wirklich dahinter steckte. „Das ist schwer zu beurteilen“, sagte sie, „in jeder familiären Angelegenheit muß entweder die eine oder die andere Seite gewinnen. Wenn es nicht der Ostwind ist, so ist es der Westwind.“ – „Eine Konkubine kennt in ihrem Herzen ihren rechten Platz und wagt es nicht, jemand anderen zu ärgern“, sagte Hsi-jën. An diesem Punkt der Unterhaltung hörte man die Stimme einer älteren Dame auf dem äußeren Hof. „Wohnt hier Frau Lin? Ist sie hier?“ Hsüä-yän ging hinaus, um zu sehen, wer dort war und erkannte die Frau vage als eine von Frau Hsüäs Bediensteten. „Was möchten Sie?“, fragte sie. „Ich bin auf einem Botengang im Auftrag von Fräulein Bau-tschai“, antwortete die Dame, „etwas für Frau Lin.“ „Warten Sie einen Moment.“ Hsüä-yän ging hinein, um Dai-yü um Rat zu fragen. Diese beauftragte sie, die alte Dame herein zu lassen. Im Zimmer angelangt, machte sie einen Knicks vor Dai-yü, dann verdrehte sie die Augen und starrte sie neugierig an, sprach aber nicht davon, was sie hergebracht hatte. Dai-yü fühlte sich allmählich verwirrt und fragte danach, warum sie Bau-tschai geschickt habe. „Einen Topf in Honig eingelegter Lychees wurde mir von Frau Bau-tschai aufgetragen, Ihnen zu bringen, Frau Lin“, antwortete die alte Dame, ihre Gesichtszüge entspannten sich zu einem Lächeln. Dann schaute sie zu Hsi-jën hinüber. „Ist das nicht das hübsche Dienstmädchen von Herrn Bau-yü?“ „Woher kennen Sie mich, liebe Amme?“, fragte Hsi-jën. Die alte Dame lachte: „Nun, während wir stets das Zimmer von Frau Bau-tschai beaufsichti-gen, schaffen wir es kaum, mit der Herrin und Frau Bau-tschai für Besuche auszugehen, deshalb kennen sich die Mädchen untereinander nicht.Wir behalten allerdings all die jungen Mädchen, die uns über den Weg laufen, vage im Gedächtnis.“ Sie reichte Hsüä-yän den Topf, schaute noch einmal hinüber zu Dai-yü, wandte sich dann zurück zu Hsi-jën und sagte mit einem vertrauten Lächeln: „Kein Wunder, daß unsere Herrin sagt, Herrin Dai-yü und Ihr Herr Djia Bau-yü seien füreinander geschaffen! In ihrem Aussehen gleicht sie wahrlich einer Fee!“ Hsi-jën machte einen gewagten Versuch, weitere Fehler abzuwenden. „Komm, Amme, Sie sind sicher müde! Warum setzen Sie sich nicht und trinken eine Tasse Tee?“ „Ach nein – wir haben daheim zu viel zu tun“, die alte Dame schnatterte unbedacht weiter. „Wir sind drüben alle beschäftigt für Frau Luo-tjin. Und ich muß noch die zwei Töpfe mit Lychees hier von Frau Bau-tschai an Herrn Bau-yü abliefern.“ Sie verabschiedete sich und watschelte geschäftig aus dem Zimmer. Dai-yü, die Bau-tschai zuliebe versucht hatte, ihren Ärger über die Art und Weise, wie die alte Frau hereinplatzte, zu verbergen, rief ihr nach: „Bitte danke Frau Bau-tschai für dieses nette Geschenk.“ „Bla-bla-bla-bla-bla“, man konnte die alte Dame noch Selbstgespräche führen hören. „Außer Bau-yü hätte sich niemand eine so feine junge Dame aussuchen können.“ Dai-yü gab vor, nichts zu hören. „Wirklich“, sagte Hsi-jën und versuchte, die ganze Sache mit einem Lachen abzutun, „wenn man erst so ein Alter erreicht hat, redet man meist nur noch Unsinn. Da weiß man nicht, ob man zanken oder einfach nur lachen soll.“ Hsüä-yän gab Dai-yü die Lychees. Dai-yü sagte: „Mir ist nicht danach, räumst du sie weg?“ Sie unterhielten sich noch ein wenig und dann brach Hsi-jën auf. Als Dai-yü an diesem Abend ihre Gemächer betrat, um sich für die Nacht umzukleiden, erblickte sie wieder die Lychees. Diese erinnerten sie an den Besuch der alten Dienstmagd und ließen den stechenden Schmerz wieder aufleben, den sie durch ihr taktloses Geschnatter erdulden mußte. Die Däm-merung brach an, und in der Stille schienen sie tausend düstere Gedanken einzuholen und ihre Seele zu erdrücken. „Mit meiner Gesundheit geht es bergab..., und ich werde immer älter. Ich weiß, Bau-yü liebt mich mehr als jeden anderen. Aber Großmutter und Tante Wang haben es immer noch nicht bemerkt! Wenn doch nur meine Eltern dies schon arrangiert hätten, als sie noch am Leben waren... Doch angenommen, sie hätten es? Was wäre, wenn sie mich mit jemand anders verheiratet hätten? Wer wäre nur mit Bau-yü vergleichbar? Vielleicht bin ich letzten Endes so doch am besten bedient! Wenigstens gibt es noch etwas Hoffnung.“ Wie eine Spindel zwischen den Fäden bewegten sich ihre geheimen Hoffnungen und Ängste auf und ab und zogen sich immer fester und fester um ihr Herz. Endlich, mit einem Seufzen und einigen Tränen, fiel sie ermattet und niedergeschlagen in ihrem Kleid aufs Bett. Nach einer Weile wurde sie eines jüngeren Dienstmädchens gewahr, welches eintrat und sagte: „Frau Lin, Herr Djia Yü-tsun ist draußen und möchte Sie sehen.“ – ,Was er wohl möchte?‘, dachte Dai-yü bei sich selbst, ,ich bin keiner seiner regulären Schüler. Ich bin noch nicht mal ein Junge. Er unterrichtete mich lediglich als ich noch ein kleines Mädchen war. Schließlich hat er all die Male, als er Onkel Dschëng besuchte, nie nach mir gefragt, warum sollte ich ihn jetzt sehen müssen?‘ Sie trug der Magd auf, ihren größten Respekt zu übermitteln und Herrn Djia Yü-tsun für das Aufwarten zu danken, doch zu sagen, daß ihre schlechte Gesundheit von ihr verlange, im Bett zu bleiben. „Aber Herrin“, sagte die Magd, „ich denke, er ist gekommen, um Ihnen zu gratulieren, es sind auch einige Leute aus Nanking gekommen.“ Während sie sprach, kam eine Gruppe, darunter Hsi-fëng, die Dame Hsing, die Dame Wang und Bau-tschai, ins Zimmer und verkündete jubelnd: „Gratulation, meine Liebe! Und gute Reise!“ – „Was meint ihr?“, fragte Dai-yü mit größter Verwunderung. „Nun komm schon!“ Es war Hsi-fëng, die antwortete. „Tu doch nicht so, als hättest du die Neuigkeiten noch nicht gehört! Dein Vater wurde zum Getreideinspekteur der Provinz Hubei ernannt und ist eine zweite, sehr glückliche Ehe eingegangen. Er halte es nicht für gut für deine Gesundheit, dich hier ganz allein zu lassen, und fragte deshalb Djia Yü-tsun, ob er als Vermittler agieren könnte. Du bist verpflichtet einen Mann zu ehelichen, der dich in Verbindung mit deiner neuen Stiefmutter bringt, ich glaube, es handelt sich dabei auch um einen Witwer. Sie schickt Leute, um dich mit nach Hause zu nehmen. Es ist gut möglich, daß du dann direkt heiraten wirst. All dies war die Idee deiner Stiefmutter. Aus Sorge, daß du unterwegs nicht genügend behütet wirst, haben wir deinen Vetter Liän beauftragt, dich zu begleiten.“ Hsi-fëngs Worte ließen Dai-yü in Schweiß ausbrechen. Sie glaubte ihren Vater als Beamten dort stehen zu sehen. Sie begann, in Panik zu geraten und erwiderte trotzig: „Das ist nicht wahr! Das ist alles ein Trick von Hsi-fëng!“ Sie sah, wie die Herrin Hsing der Herrin Wang einen bedeutungsvollen Blick zuwarf: „Sie glaubt uns nicht. Komm, wir verschwenden unsere Zeit!“ „Tante Wang! Tante Hsing! Bitte geht nicht!“ Ihre Tränen zurückhaltend, flehte Dai-yü sie an. Doch sie erhielt keine Antwort. Alle schauten sie mit einem merkwürdigen Lächeln an und gingen dann gemeinsam fort. Als sie nun da stand und die Frauen gehen sah, wurde sie von Panik ergriffen. Sie versuchte zu sprechen, doch das einzige Geräusch, das ertönte, war ein ersticktes Schluchzen tief aus ihrer Kehle. Dann blickte sie um sich und sah, daß man sie bereits zu den Gemächern der Herzoginmutter gebracht hatte. Im selben Moment dachte sie bei sich: „Großmutter ist die einzige, die mich noch retten kann!“ Sie kniete vor der alten Dame und umfaßte sie. „Rette mich Großmutter, bitte! Ich sterbe lieber als mit ihnen nach Süden zu gehen! Diese Stiefmutter ist überhaupt nicht meine wirkliche Mutter. Ich möchte einfach nur hier bei dir bleiben!“ Das Gesicht der Herzoginmutter ließ nur ein kaltes Lächeln erkennen. „Das hat nichts mit mir zu tun.“ – „Doch was wird jetzt aus mir, Großmutter?“, schluchzte sie. „Die zweite Ehefrau eines Mannes zu sein, hat seine Vorteile“, antwortete die Herzoginmutter. „Denke nur an die doppelte Mitgift.“ – „Wenn ich bleibe, werde ich dir keinen zusätzlichen Aufwand bereiten, ich verspreche es. Oh bitte rette mich!“ – „Das hilft dir nicht“, sagte die Herzoginmutter. „Alle Mädchen heiraten und verlassen das Haus. Du bist ein Kind und verstehst von solchen Dingen nichts. Du kannst hier nicht für immer leben, das weißt du doch.“ – „Ich würde alles tun, um zu bleiben – Ich werde für meine Bleibe arbeiten und Essen zubereiten, eine Sklavin sein, alles! Bitte hilf mir!“ Die Herzoginmutter antwortete nicht. Dai-yü umarmte sie wieder und schluchzte: „Oh, Großmutter! Du warst immer so gut zu mir, hast dich so um mich gekümmert – wie kannst du dich gar nicht mehr um mich kümmern, wo ich dich wirklich brauche? Sorgst du dich denn gar nicht mehr um mich? Ich bin zwar keines von deinen wirklichen Enkelkindern, eine echte Djia wie die anderen, aber meine Mutter war deine eigene Tochter, dein eigen Fleisch und Blut! Ihr zuliebe hab Erbarmen mit mir! Bitte beschütze mich!“ Mit diesen letzten Worten warf sie sich wie verrückt an die alte Dame, begrub den Kopf in ihren Schoß und schluchzte gewaltig. „Yüan-yang“, befahl die alte Dame, „bring Frau Dai-yü in ihr Zimmer, um sich auszuruhen. Sie erschöpft mich.“ Die Entschlossenheit in der Stimme der Herzoginmutter war nicht zu verkennen. Für Dai-yü erschien Selbstmord als letzter Ausweg. Sie erhob sich, und als sie aus dem Zimmer ging, schmerzte es sie, daß sie keine Mutter mehr hatte. All die Zuneigung von ihrer Großmutter, ihren Tanten und Kusinen stellte sich nun als das heraus, was es wirklich war und immer war – eine Schau. Plötzlich dachte sie: „Ausgerechnet Bau-yü habe ich heute noch nicht gesehen. Er könnte noch einen Ausweg wissen!“ Und als dieser Gedanke ih-ren Geist durchdrang, blickte sie auf, und auf einmal stand Bay-yü höchstpersönlich vor ihr. Dieser sagte lachend: „Dann mal meine besten Glückwünsche, Schwesterherz!“ Das war zu viel für Dai-yü. Der letzte Rest ihrer damenhaften Zurückhaltung löste sich in Luft auf. Sie nahm ihn fest in die Arme und rief: „Jetzt weiß ich, wie herzlos und grausam du wirklich bist, Bau-yü!“ – „Nein, das stimmt nicht“, antwortete er. „Du hast jetzt deine eigene Familie, so müssen wir getrennte Wege gehen.“ Dai-yü hörte immer verzweifelter zu und wußte nicht mehr, wie sie aus dieser Situation herauskommen soll. Hilflos klammerte sie sich an ihn und weinte: „Oh, Bau-yü! Wieso läßt du mich mit jemand anderem fortgehen?!“ „Wenn du nicht gehen willst, dann bleib’ hier“, antwortete er gelassen. „Ursprünglich warst du mir versprochen. Deshalb kamst du zu uns. Wie habe ich dich immer behandelt, hast du nichts bemerkt?“ Plötzlich schien alles klar. Sie war also doch Bau-yü versprochen. Natürlich war sie es! In einem Zug wandelte sich ihre Traurigkeit in Freude. „Ich habe mich festgelegt bis zum Tode. Aber du mußt mir sagen: Soll ich gehen oder bleiben?“ „Ich habe dir gesagt, du sollst hier bei mir bleiben. Wenn du mir immer noch nicht vertraust, sieh in mein Herz!“ Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und stach sich in die Brust. Das Blut schoß hervor. Voller Entsetzen versuchte Dai-yü, den Blutstrom mit der Hand zu stillen, und schrie: „Wie konntest du nur? Du hättest mich zuerst töten sollen!“ – „Beruhige dich!“, sagte Bau-yü, „ich zeige dir jetzt mein Herz.“ Er tastete in dem offenen Fleisch herum, um das Herz zu finden, während Dai-yü zitterte, weinte und fürchtete, daß es noch schlimmer würde, sie hielt ihn fest und weinte bitterlich. „Oh nein!“, sagte Bau-yü, „es ist nicht mehr da! Meine Zeit ist gekommen!“ Seine Augen flackerten, und er fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Dai-yü gab einen durchdringenden Schrei von sich. Sie hörte Dsï-djüan nach ihr rufen: „Frau Lin! Frau Lin! Sie haben einen Alptraum! Wachen Sie auf! Nun kommen Sie schon, Sie müssen sich ausziehen und richtig schlafen!“ Dai-yü drehte sich um. Es war alles nur ein Alptraum. Doch sie konnte immer noch ihre beinahe zugeschnürte Kehle spüren, ihr Herz raste immer noch, die Oberseite ihres Kissens war schweißgetränkt, und ein kribbelnder, eisiger Schauer lief über ihren Rücken, der sogar ihr Herz erkalten ließ. ,Mutter und Vater starben vor langer Zeit. Bau-yü und ich waren niemals verlobt‘, dachte sie bei sich, ,wie konnte ich nur so etwas träumen?‘ Die Szenen ihres Traumes kamen ihr wieder vor Augen. Sie überlegte, daß sie in dieser Welt auf sich allein gestellt war. Angenommen Bau-yü stürbe wirklich – was dann? Der Gedanke allein reichte aus, all den Schmerz und die Verwirrung wiederzubringen. Sie begann zu weinen, und feine Reihen von Schweißperlen bedeckten ihren gesamten Körper. Letztlich rappelte sie sich auf, zog ihr Gewand aus und trug Dsï-djüan auf, ihr Bett herzurichten. Sie legte sich wieder hin und begann sich hin und her zu wälzen, unfähig zu schlafen. Sie konnte das zarte Säuseln des Windes außerhalb des Fensters hö-ren – oder war es der Nieselregen, der sanft auf das Dach fiel? Auf einmal ließ der Klang nach, und sie glaubte, jemanden in der Ferne nach ihr rufen zu hören. Doch es war nur Dsï-djüan, die bereits eingeschlafen war und in einer Ecke des Raumes schnarchte. Mit großer Mühe kämpfte sich Dai-yü aus dem Bett, wickelte die Bettdecke um sich und stand auf. Ein eisiger Durchzug aus einem Riß im Fensterrahmen brachte sie selbst unter der Decke zum Frösteln. Sie begann gerade einzuschlummern, als die Spatzen ihren Dämmerungschor aus ihren Nestern im Bambus einleiteten. Das erste Licht des Tages drang eben durch die Fensterläden. Dai-yü war nun wieder hellwach und begann zu husten. Dsï-djüan erwachte sofort. „Immer noch wach, Frau Lin? Auch noch husten – es klingt als hätten Sie sich erkältet. Es ist beinahe hell, bald wird es Morgen! Bitte versuchen Sie nicht zu viel nachzudenken und ruhen Sie sich aus. Sie müssen schlafen.“ „Ich will nicht schlafen“, antwortete Dai-yü. „Was soll gut daran sein? Ich kann einfach nicht.“ – „Du wirst aber trotzdem schlafen.“ Diese Worte wurden von einem weiteren Hustenanfall unterbrochen. Dsï-djüan betrachtete die Gestalt von Frau Lin, wurde traurig und wollte nicht wieder schlafen gehen. Als sie wieder ihr Husten hörte, eilte sie hinüber, um einen Spucknapf zu besorgen. Inzwischen dämmerte es draußen. „Willst du nicht mehr schlafen?“, fragte Dai-yü. „Schlafen?“, antwortete Dsï-djüan heiter. „Es ist schon Tag.“ „Wenn das so ist, könntest du den Spucknapf wechseln?“ „Gewiß, Frau Lin.“ Dsï-djüan legte den vollen Spucknapf auf einen Tisch außerhalb des Zimmers und besorgte zügig einen neuen, den sie am Fuße des Ofenbetts plazierte. Als sie dann die Tür des Zimmers sorgfältig hinter sich geschlossen und die blumenbestickte Gardine heruntergelassen hatte, ging sie hinaus, um Hsüä-yän zu wecken, und nahm den vollen Spucknapf mit sich. Als sie den Napf gerade auskippen wollte, betrachtete sie ihn genauer und entdeckte zu ihrem Entsetzen etwas Blut im Schleim. „Meine Güte!“ stieß sie aus. „Wie schrecklich!“ „Was ist denn los?“, rief Dai-yü plötzlich von innen. „Ach, nichts, Herrin!“ Dsï-djüan versuchte ihr bestes, ihren Fehler zu vertuschen. „Der Spucknapf verrutschte in meiner Hand und ist beinahe heruntergefallen.“ – „Hast du nichts Merkwürdiges im Schleim gefunden?“ „Oh nein, Herrin.“ Dsï-djüan hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts mehr sagen. Tränen strömten ihr über die Wangen. Dai-yü hatte bereits einen süßlichen Geschmack im Mund bemerkt und schon Verdacht geschöpft, ihre Vermutungen wurden noch durch Dsï-djüans Schreck verstärkt und nun auch noch von dem unverkennbaren Ausdruck von Traurigkeit in der Stimme. Dai-yü fühlte sich in ihrem Herzen zu acht bis neun Zehntel darin bestätigt und rief darauf hin Dsï-djüan: „Komm herein, draußen könntest du dich erkälten.“ „Ich komme, Herrin“, sagte sie, ihre Stimme klang noch jämmerlicher als zuvor. Ihr traurig schniefender Klang ließ Dai-yü erzittern. Die Tür öffnete sich, und sie trat ein, tupfte dabei immer noch ihre Augen mit einem Taschentuch trocken. „Nun komm her“, sagte Dai-yü, „so früh morgens am weinen?“ „Wer weint?“, sagte Dsï-djüan und versuchte zu lächeln. „Ich fühle mich nur ein wenig unwohl so früh am Morgen, und meine Augen jucken ein wenig, das ist alles. Sie waren diese Nacht länger auf als je zuvor, nicht wahr, Herrin? Ich konnte sie die ganze Nacht husten hören.“ „Ich weiß. Je mehr ich nach Schlaf verlangte, desto wacher wurde ich.“ „Es geht Ihnen nicht gut, Herrin. Ich denke, all die Sorgen ruinieren Ihre Gesundheit. Und eine gute Gesundheit ist wie der Berg in dem Sprichwort: Bewahre den Berg grün, bewahre den Berg grün, und du wirst in keinem Winter mehr Holz zum Heizen entbehren. Nebenbei, jeder hier sorgt sich sehr um Sie. Ihre Großmutter, die Herrinnen, einfach jeder!“ Wie konnte Dsï-djüan auch wissen, daß das bloße Aufzählen dieser heimischen Namen, die dazu gedacht waren, sie zu beruhigen und zu trösten, die Schrecken ihres Alptraumes wieder erweckten? Dai-yü fühlte ihr Herz trommeln, ihr wurde schwarz vor Augen, und sie war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Dsï-djüan holte schnell den Spucknapf herbei, während Hsüä-yän sanft den Rücken klopfmassierte. Nach einer Weile spie sie einen weiteren Mund voll Schleim aus. Darin waren dicke sich windende Fäden dunkelroten Blutes. Die beiden Dienstmädchen waren blaß vor Angst. An beiden Seiten wurde sie von ihnen gestützt, bis sie schließlich, kaum bei Bewußtsein, niedersank. Dsï-djüan, welcher ihr schwerer Zustand durchaus bewußt war, schaute zu Hsüä-yän, und sie ließ sie eilig jemanden rufen. Hsüä-yän war kaum aus der Tür, da kamen bereits Tsuee-lou und Tsui-mo lachend in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß gelaufen. „Wann kommt Frau Dai-yü aus dem Haus?“ erkundigte sich Tsuee-lou erheitert. „Meine Herrin und die dritte Herrin Frau Tan-tschun sind beide bei der vierten Herrin Frau Hsi-tschun, um das Gemälde der vierten Herrin bewundern.“ Hsüä-yän winkte mit der Hand ab. Beide erschraken und fragten: „Was ist denn los?“ Hsüä-yän schilderte ihnen, was passiert war, worauf sie vor Entsetzen erstarrten. „Das Ganze ist todernst! Warum hast du der Herzoginmutter noch nichts erzählt? Wie schrecklich! Wie konntest du so dumm sein!“ „Ich war gerade auf dem Weg als ihr ankamt“, antwortete Hsüä-yän. „Wer redet da draußen?“, rief Dsï-djüan aus dem Schlafzimmer. „Frau Dai-yü möchte es wissen.“ Die drei gingen gemeinsam hinein, um Dai-yü eingehüllt im Bett liegend zu finden. „Worüber all die Aufregung?“, fragte sie. „Wer erzählt solche Geschichten?“ Es war Tsui-mo, die antwortete: „Frau Tan-tschun und Frau Hsiang-yün sind eben hinüber zu Frau Hsi-tschun, um das Gemälde der vierten Herrin zu bewundern, und sie schickten uns, Sie zu fragen, ob Sie daran teilnehmen möchten, Frau Lin. Es tut uns leid zu hören, daß es Ihnen nicht gut geht.“ „Es ist nichts Ernstes“, sagte Dai-yü. „Ich fühle mich nur ein wenig schwach, das ist alles. Es wird besser, wenn ich mich ausgeruht habe. Gebt ihr Frau Tan-tschun und Frau Hsiang-yün Bescheid, daß sie nach dem Mittagessen doch zu mir kommen mögen, wenn sie nicht zu beschäftigt sind? Ich nehme an, Herr Bau-yü war noch nicht dort, oder doch?“ – „Nein, Herrin“, antworteten sie. Tsui-mo sagte: „Herr Bau-yü war die letzten paar Tage täglich in der Schule, und der Herr kontrolliert jeden Tag die Hausaufgaben, so kann er hier nicht mehr so herumspringen, wie er es sonst tut.“ Dai-yü war still und in Gedanken versunken. Die zwei Dienstmädchen standen dort noch eine Weile und zogen sich dann diskret zurück. Am Lotus-Pavillon wurde Hsi-tschuns Gemälde, eine Übersicht über den Garten, von Tan-tschun und Hsiang-yün nach seinem ästhetischen Wert begutachtet. Zu viel hier, nicht genug dort, etwas zu dünn aufgetragen. Ein Platz, zu dicht ineinander gedrängt. Sie dachten an eine lyrische Inschrift und wünschten dafür Dai-yüs Rat. Sie diskutierten miteinander, als Tsuee-lou und Tsui-mo zurückkamen und sehr nervös wirkten. Hsiang-yün war die erste, die fragte: „Warum ist Fräulein Dai-yü nicht mit euch gekommen?“ – „Sie hatte letzte Nacht einen schweren Rückfall, Herrin“, antwortete Tsuee-lou, „und hustete die ganze Nacht über. Laut Hsüä-yän war der Schleim in ihrem Spucknapf mit Blut durchsetzt.“ – „Bist du sicher?“, fragte Tan-tschun bestürzt. „Ziemlich sicher“, antwortete Tsuee-lou. „Wir waren eben dort, um nach ihr zu sehen, Herrin“, sagte Tsui-mo. „Sie sieht fürchterlich aus und hat kaum Kraft zu sprechen.“ „Wenn sie so krank ist, wird sie kaum in der Lage sein zu sprechen“, sagte Hsiang-yün unverblümt. Tan-tschun sagte: „Was für ein Unsinn, Yun! Daß sie nicht sprechen kann, bedeutet doch nicht schon...“ Tan-tschun brach mitten im Satz ab. „Dai hat einen wachen Geist“, sagte Hsi-tschun. Doch sie hat immer die Angewohnheit, alles zu ernst zu nehmen. Wenn sie doch nur über allem stehen könnte.“ „Wir müssen ohnehin losgehen und schauen, wie es ihr geht“, sagte Tan-tschun. „Wenn es wirklich ernst ist, rufen wir besser Tante Wang und lassen es Großmutter wissen, so daß sie einen Arzt holen können und herausfinden, was zu tun ist.“ Hsiang-yün stimmte zu und sie und Tan-tschun machten sich mit einigen der jüngeren Dienstmädchen auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hsi-tschun sagte, sie werde später nachkommen. Zu sehen, wie die Mädchen in ihr Zimmer kamen, verursachte Dai-yü ein merkwürdiges Gefühl und ließ sie noch mehr über ihren Traum nachdenken.