Hongloumeng/de/Chapter 84

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Kapitel 84

试文字宝玉始提亲 / 探惊风贾环重结怨

prechen“, sagte Hsiang-yün unverblümt. Tan-tschun sagte: „Was für ein Unsinn, Yun! Daß sie nicht sprechen kann, bedeutet doch nicht schon...“ Tan-tschun brach mitten im Satz ab. „Dai hat einen wachen Geist“, sagte Hsi-tschun. Doch sie hat immer die Angewohnheit, alles zu ernst zu nehmen. Wenn sie doch nur über allem stehen könnte.“ „Wir müssen ohnehin losgehen und schauen, wie es ihr geht“, sagte Tan-tschun. „Wenn es wirklich ernst ist, rufen wir besser Tante Wang und lassen es Großmutter wissen, so daß sie einen Arzt holen können und herausfinden, was zu tun ist.“ Hsiang-yün stimmte zu und sie und Tan-tschun machten sich mit einigen der jüngeren Dienstmädchen auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hsi-tschun sagte, sie werde später nachkommen. Zu sehen, wie die Mädchen in ihr Zimmer kamen, verursachte Dai-yü ein merkwürdiges Gefühl und ließ sie noch mehr über ihren Traum nachdenken. Wenn die Herzoginmutter in ihrem Traum so kalt wirkte, würden Tan und Yün nicht auch so sein? Würden sie sich wirklich die Mühe machen, nach ihr zu sehen? Sie überlegte, ob sie sie darum gebeten haben könnte? All diese Zweifel verbergend, gab sie sich große Mühe und bat Dsï-djüan, ihr aufzuhelfen, den anderen raunte sie zu, sich zu setzen. Tan-tschun und Hsiang-yün saßen am Rande des Bettes und waren sehr traurig, Dai-Yü in einem solchen Zustand zu sehen. „Was glaubst du, könnte die Ursache sein, Dai?“, fragte Tan-tschun. „Ach, es ist nichts Ernstes. Ich fühle mich nur sehr schwach.“ Dsï-djüan, die auf der anderen Seite von Dai-yü stand, verwies heimlich auf den Spucknapf, und Hsiang-yün (die jüngere und von Natur aus weniger umsichtige der beiden Mädchen) nahm ihn und schaute ihn an. Es war zu spät: „Ist das deins, Dai?“, fragte sie mit schriller Stimme, „wie schrecklich!“ Vorher war Dai-yü zu müde, den Inhalt ihres Spucknapfes zu untersuchen. Doch Hsiang-yüns Frage erweckte nun ihren Verdacht. Ihr Herz stockte, als sie sich umblickte, um hineinzuschauen. Tan-tschun versuchte, es für Hsiang-yün zu verdecken: „Das heißt doch nur, daß du etwas zuviel Yang in der Lunge hast, eine Lungenentzündung mit etwas Auswurf hast. Das ist ganz normal. Yün ist so rührend, wie sie von Kleinigkeiten bewegt ist!“ Hsiang-yün errötete und wünschte, sie hätte ihren Mund gehalten. Tan-tschun konnte sehen, wie schwach Dai-yüs Lebensgeister waren und daß sie sehr müde war. Sie erhob sich, um zu gehen: „Du mußt ruhen und dich im Bett erholen. Wir werden dich nun verlassen und später nochmal vorbeischauen.“ „Dank euch beiden, daß ihr an mich gedacht habt.“ „Kümmer’ dich gut um Frau Lin, Dsï-djüan.“ – „Jawohl, Frau Tan-tschun.“ Sie waren gerade dabei zu gehen, als die schweigsame Atmosphäre prompt von einem lauten Schrei draußen gestört wurde. Wenn du erfahren möchtest, wessen Stimme es war, lies das nächste Kapitel. 83. Eine Unpäßlichkeit der kaiserlichen Konkubine Djia Yüan-tschun – Rufe nach einem Familienbesuch Ungehorsamkeit in den inneren Gemächern – Das Leid der Hsüä Bau-tschai.

Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Dai-yüs Besucher, die gerade im Begriff waren zu gehen, draußen eine Stimme hörten. Diese rief: „Was macht so ein kleiner Unruhestifter wie du überhaupt im Garten? Du bist nichts als eine Plage!“ Dai-yü stieß plötzlich einen fürchterlichen Schrei aus: „Ich kann hier nicht länger bleiben!“ Sie verdrehte die Augen und bewegte eine Hand in Richtung des Fen­sters. Tatsächlich litt Dai-yü nach all der Zeit, trotz der beständigen Liebe und dem Schutz der Herzoginmutter, immer noch unter dem Gefühl, ein „Außenseiter im Garten“ zu sein. Anscheinend dachte sie, die alte Frau hätte sie beschimpft, und stellte sich sofort folgende Verschwörung vor: Irgendjemand, der sich einen Vorteil davon verschaffen wollte, schickte diese Frau, um sie, ein feines Hoffräulein und Waise, öffentlich zu verhöhnen. Sie glaubte, ihr Herz und ihre Eingeweide müßten zerreißen. Diese Ungerechtigkeit war mehr, als sie ertragen konnte. Sie weinte und wurde ohnmächtig. „Was ist los, Fräulein?“, Dsï-djüan war selbst in Tränen aufgelöst. „Bitte wachen Sie auf!“ Tan-tschun rief auch eine Weile, und endlich kam Dai-yü zu sich. Sie konnte nicht sprechen, die Hand zeigte immer noch in Richtung des Fensters. Tan-tschun verstand. Sie öffnete die Tür und entdeckte draußen eine alte Frau mit einem Stock in der Hand, mit welchem sie ein schmutziges kleines Mädchen verfolgte. „Ich versuche, mit meiner Gartenarbeit voranzukommen“, schimpfte sie. „Du hast hier nichts verloren. Warte nur, bis wir zu Hause sind und ich dich in die Finger bekomme! Ich werde es dir schon zeigen!“ Das kleine Mädchen verdrehte ihren Kopf, steckte einen Finger in den Mund und starrte die alte Frau mit einem frechen Grinsen an. „Habt ihr beide den Verstand verloren?“, rief Tan-tschun in strengem Ton . „Wie kannst du hier herumschimpfen?“ Als die alte Frau sah, wer es war, nahm sie sich geschickt zusammen und antwortete mit ihrem schmeichelhaftesten Lächeln: „Dies hier ist meine Enkelin, Fräulein Tan-tschun. Sie hat mich gesehen und ist mir hierher gefolgt. Ich hatte Angst, daß das Kind Krach macht, deshalb schimpfe ich, um sie nach Hause zu scheuchen. Meine Liebe, hätte ich bedacht, wo ich bin, hätte ich niemals so meine Stimme erhoben.“ „Das reicht“, sagte Tan-tschun, „geht beide fort. Fräulein Dai-yü fühlt sich heute nicht gut, – also beeilt euch und verschwindet!“ „Sehr wohl, Fräulein! Auf der Stelle, Fräulein!“ Die alte Frau setzte sich in Bewegung, und ihre Enkelin folgte ihr. Als sie wieder eintrat, fand Tan-tschun Hsiang-yün Dai-yüs Hand halten und hilflos weinen, während Dsï-djüan ihre Herrin mit der einen Hand stützte und mit der anderen ihre Brust massierte. Langsam kehrte wieder Leben in Dai-yüs Augen und sie blickte auf. Tan-tschun lächelte freundlich: „Fühltest du dich angegriffen durch das, was die alte Frau sagte?“ Dai-yü antwortete mit einem kraftlosen Kopfschütteln. „Es war ihre eigene Enkelin, die sie anschrie,“ Tan-tschun fuhr fort um zu erklären: „Sie erzählte mir alles. Menschen wie sie sind das Letzte. Sie wissen niemals, wann sie den Mund zu halten haben.“ Dai-yü seufzte und hielt Tan-tschuns Hand. „Oh Tan...“, sie weinte kläglich, doch konnte nichts weiter sagen. „Komm, zerbrich dir nicht den Kopf“, sagte Tan-tschun. „Wir sind Kusinen und Kusinen halten zusammen. Deshalb kam ich zu dir. Nebenbei, du kannst mir ein bißchen behilflich sein. Hör’ zu, alles, was du tun mußt, ist vernünftig deine Medizin zu nehmen und die Dinge von ihrer guten Seite zu betrachten, bald wird sich deine Kraft wieder herstellen. Dann können wir wieder unsere Treffen im Poesie-Verein abhalten und alles wird gut.“ „Tan hat recht,“ wiederholte Hsiang-yün. „Das wird ein Spaß!“ – „Ach, wenn ihr wüßtet!“ seuftze Dai-yü. „Ich fühle mich so schwach. Ich denke nicht, daß ich durchkomme.“ „So sollten wir nicht reden“, sagte Tan-tschun. „Wir alle werden mal krank, und wir alle haben unsere Sorgen. Du hast keinen Grund, so pessimi­stisch zu sein. Sei einsichtig und ruhe dich gut aus. Yun und ich gehen besser zu Großmutter. Wir kommen dann später wieder, um nach dir zu sehen. Wenn es irgendetwas gibt, das du brauchst, sag’ es Dsï-djüan, sie wird mir Bescheid sagen.“ „Tan, wenn du Großmutter siehst, sag’ ihr bitte, daß ich sie auch besuchen möchte, mach’ einen Knicks für mich, ich fühle mich nur ein bißchen schlecht, es ist keine große Krankheit. Ich will nicht, daß sie sich Sorgen macht.“ Tränen flossen über Dai-yüs Gesicht, während sie sprach. „Natürlich. Doch nun rege dich nicht mehr auf. Ruhe dich aus, und es wird besser.“ Tan-tschun und Hsiang-yün machten sich auf den Weg. Als sie gegangen waren, legte Dsï-djüan Dai-yü wieder hin. Sie überließ alle Besorgungen Hsüä-yüan und blieb die ganze Zeit an Dai-yüs Seite, wobei sie versuchte, ihren Kummer zurückzuhalten. Dai-yü schloß die Augen und lag einen Moment ruhig da. Doch der Schlaf kam nicht. Der Garten draußen, der sonst immer ein Paradies der Ruhe und Einsamkeit war, schien durch Geräusche sehr belebt – der Wind, das Summen der Insekten, das Schnattern der Vögel, der Klang menschlicher Schritte, Kinder, die in der Ferne schrieen – all dies zog leicht durch das Fenster und ging ihr auf die Nerven. Sie trug Dsï-djüan auf, einen Vorhang um ihr Bett herabzulassen. Sogleich erschien Hsüä-yän, die eine Schüssel Vogelnestsuppe bei sich trug und sie Dsï-djüan gab, welche durch die Vorhänge flüsterte: „Möchten sie etwas Suppe, Fräulein?“ Ein schwaches „Ja“ war von innen zu hören, Dsï-djüan reichte die Suppe einen Moment an Hsüä-yän zurück, um Dai-yü zu einer angenehmen Sitzposition zu helfen. Als sie sich umdrehte, um die Schüssel entgegenzunehmen, probierte sie selber den Inhalt und hielt sie vorsichtig an Dai-yüs Lippen, während sie behutsam einen Arm um ihre Schulter legte. Dai-yü öffnete kraftlos ihre Augen, nahm ein paar Schlucke und zeigte mit einem leichten Kopfschütteln an, daß sie nicht mehr schaffe. Dsï-djüan gab Hsüä-yän die Schüssel zurück, und legte sie sanft wieder hin. Für einige Minuten war alles still und Dai-yü schien friedvoller. Dann hörten sie außerhalb des Fensters ein Flüstern: „Ist Dsï-djüan hier?“ Hsüä-yän eilte hinaus. Es war Hsi-jën. „Komm herein,“ flüsterte sie. „Wie geht es Fräulein Dai-yü?“, fragte Hsi-jën. Sie gingen gemeinsam zum Eingang, und Hsi-jën lauschte entsetzt, als Hsüä-yän beschrieb, was an diesem Morgen und in der vorhergehenden Nacht geschehen war. „Kein Wunder!“, rief sie. „Tsuee-lou erzählte auch so etwas und Herr Bau-yü war so besorgt, daß er mich sofort losgeschickt hat.“ Während sie redeten, hob Dsï-djüan den Vorhang an und winkte Hsi-jën zu, die leise in den Raum schlich: „Ist Fräulein Dai-yü eingeschlafen?“ Dsï-djüan nickte. „Hat Hsüä-yän es dir erzählt?“, sie nickte. Hsi-jën blickte finster drein und sagte: „Das ist schrecklich! Herr Bau-yü hat mir letzte Nacht auch große Sorgen bereitet!“ „Was meinst du?“, fragte Dsï-djüan. Hsi-jën erzählte: „Als er an diesem Abend schlafen ging, schien noch alles in Ordnung. Doch mitten in der Nacht begann er fürchterlich zu schreien, zuerst über ein Stechen in seinem Herzen, dann darüber, erstochen zu werden – er war im Delirium und beruhigte sich nicht bis zum Morgengrauen. Wärst du nicht auch erschrocken gewesen? Er darf heute nicht in die Schule gehen, der Arzt wurde bereits gerufen, um ihm etwas zu verschreiben.“ Während sie redeten, hörten sie Dai-yü in ihrem Bett wieder husten, und Dsï-djüan eilte herbei, um den Spucknapf zu holen. Dai-yü öffnete leicht ihre Augen und fragte Dsï-djüan: „Mit wem redest du?“ – „Es ist Hsi-jën, Fräulein. Sie kam, um zu fragen, wie es dir geht.“ Während sie sprach, kam Hsi-jën ans Bett. Dai-yü bat Dsï-djüan, sie aufzurichten, und zeigte Hsi-jën an, sich auf den Bettrand zu setzen. Hsi-jën setzte sich auf die Ecke und sagte mit ihrer besten Krankenbett-Manier: „Sollten Sie nicht lieber liegen, Fräulein?“ – „Keine Sorge“, erwiderte Dai-yü, „übertreibe nicht! Von wem erzähltest du gerade eben, er habe heute Nacht einen stechenden Schmerzen im Herzen gehabt?“ „Ach, das war nichts Ernstes!“, sagte Hsi-jën. „Es war nur ein Alptraum, den Herr Bau-yü hatte.“ Dai-yü hatte sofort verstanden: ,Hsi-jën versucht aus Rücksicht, mich von meinem Kummer abzubringen. Sie freute sich, das Bau-yü denselben Traum hatte, ist aber auch traurig.‘ Sie versuchte es noch einmal, diesmal noch eindringlicher: „Was war das für einen Alptraum? Was hat er gesagt?“ „Ach, er hat gar nichts mehr gesagt“, sagte Hsi-jën. Dai-yü nickte nachdenklich und verharrte für einige Minuten still. Dann seufzte sie wieder und sagte: „Du solltest meine Krankheit Herrn Bau-yü gegenüber nicht erwähnen. Es könnte seine Arbeit beeinträchtigen und ihm Ärger mit seinem Vater, Herrn Dschëng bescheren.“ „Natürlich nicht, Fräulein,“ versicherte Hsi-jën ihr. „Doch nun lege dich hin und ruhe dich aus.“ Dai-yü nickte und bat Dsï-djüan, sie niederzulegen. Hsi-jën blieb etwas länger an ihrer Seite, sagte ein paar tröstende Worte und brach auf. Als sie wieder in seinem Hof der Freude am Roten anlangte, berichtete sie, Dai-yü sei zur Zeit unpäßlich, doch daß es nichts Ernstes sei, dies beruhigte Bau-yü zutiefst. Tan-tschun und Hsiang-yün verließen die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und machten sich auf den Weg zum Hof der Herzoginmutter. Als sie gingen, warnte Tan-tschun Hsiang-yün: „Wenn wir die Herzoginmutter sehen, sei bitte vorsichtig mit dem, was du sagst.“ Hsiang-yün nickte: „Das werde ich. Nur vorhin war ich von Herrin Dai-yüs Zustand so erschüttert, daß ich im Moment die Fassung verlor.“ Sie gelangten bei der Herzoginmutter an und Tan-tschun erwähnte Dai-yüs Krankheit. Wie sie es vorhergesehen hatte, war die alte Dame sehr genervt: „Ausgerechnet meine zwei Jade-Enkel sind mit soviel Krankheiten und Katastrophen übersät! Dai-yü muß ja krank werden von so viel Hin und Her in letzter Zeit. Ihre Gesundheit ist das Wichtigste. Ich weiß, daß sie sich zuviel Gedanken macht.“ Niemand wagte, etwas zu sagen. Sie wandte sich zu Yüan-yang: „Der Arzt kommt morgen, um nach Bau-yü zu sehen. Danach wird er bei Fräulein Dai-yü vorbeischauen.“ – „Ja, meine Dame“, antwortete Yüan-yang und ging hinaus, um die Dienstmädchen zu unterweisen, welche die Anweisungen weitergaben. Tan-tschun und Hsiang-yün verweilten bei der Herzoginmutter bis zum Abendessen und kehrten gemeinsam in den Garten zurück. Am nächsten Tag kam der Doktor. Er schaute bei Bau-yü vorbei und berichtete, daß nur das Essen nicht ausgewogen genug war, er sei ein bißchen erkältet, das sei nichts Besonderes, er müsse sich nur ein wenig ausruhen, dann würde es schon wieder besser werden. Die Damen Wang und Hsi-fëng schickten das Rezept zur Herzoginmutter und schickten zur selben Zeit jemanden zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um Bescheid zu sagen, daß der Arzt auf dem Weg sei. Dsï-djüan deckte Dai-yü eilig zu und ließ den Bettvorhang herunter, während Hsüä-yän schnell das Zimmer aufräumte. Dann traf bereits Djia Liän mit dem Arzt ein, er kündigte an, daß dies ihr vertrauter Hausarzt sei und die Mädchen nicht verschwinden müßten. Eine Amme hob den Vorhang hoch, Djia Liän führte den Arzt in Dai-yüs Zimmer und die beiden Männer saßen nieder. Djia Liän begann: „Liebe Dsï-djüan, bitte erzähle Doktor Wang, was du über die Krankheit deiner Herrin weißt.“ „Langsam,“ warf der Arzt ein, „bitte erlaubt mir doch, zunächst ihren Puls zu messen, um meine eigene Diagnose zu machen. Dann können Sie mir sagen, ob ich richtig liege. Wenn ich daneben liege, korrigieren Sie mich bitte.“ Dsï-djüan setzte Dai-yü so hin, daß eine ihrer Hände für die Untersuchungen aus dem Vorhang herausragte, legte die Hand auf ein Kissen vor dem Bett und schob behutsam ihren Armreif und Ärmel beiseite, sodaß sie den Puls nicht behindern konnten. Der Arzt fühlte lange Zeit den Puls der einen Hand, dann den der anderen. Als er fertig war, zog er sich mit Djia Liän in den äußeren Raum zurück, wo sie sich beide setzten. „Alle sechs Pulse haben einen extrem langsamen Wert“, sagte der Arzt, „und verweisen auf eine fortgeschrittene schwere Krankheit.“ Während er sprach, erschien Dsï-djüan im Eingang. Der Arzt wandte sich ihr zu und sagte: „Der Zustand läßt sich wie folgt beschreiben: Schwächeanfälle, Appetitverlust, häufige Träume und unruhiger Schlaf in den frühen Morgenstunden; tagsüber Überempfindlichkeit und generell eine psychotische Empfindlichkeit gegenüber anderen Menschen. Außenstehende würden dies als Charakterzug mißdeuten, doch damit irren sie. Dies alles setzt sich zusammen aus einem Mangel an Yin in der Leber mit einer begleitenden fortschreitenden Herzschwäche. Stimmt meine Diagnose mit dem überein, was ihr beobachtet habt?“ Dsï-djüan nickte und sagte zu Djia Liän gewandt: „Fräulein Dai-yü erging es genau so, Herr.“ „Gut“, sagte Doktor Wang, sich von seinem Stuhl erhebend. „Wir fahren fort.“ Djia Liän geleitete ihn aus dem Schlafzimmer heraus und hinüber in das Arbeitszimmer, wo die Dienstmädchen bereits rote Blätter für Rezepte bereit gelegt hatten. Tee wurde serviert, dann nahm Doktor Wang den Pinsel und schrieb:

DIAGNOSE Die sechs Pulse sind langsam. Der Grund ist eine Ansammlung verschiedener Schwächen. Der linker Fernpuls ist schwach. Fortschreitende Herzschwäche. Der Hauptpuls ist stark und unregelmäßig. Die Leber (Holz) ist hyperaktiv. Ihre Kraft kann nicht abfließen. Das beeinträchtigt nach oben hin die Milz (Erde), das führt zu konsequentem Appetitverlust. Und das Ganze wird noch verstärkt durch eine Schwächung der Lunge (Metall). Daß die Körpersäfte nicht mehr richtig zirkulieren, hat den Schleim erstarren lassen. Aufwallen und Auswurf von Blut. Behandlung 1. Beruhigung der Leber. 2. Wiederherstellung der Lungen. 3. Stärkung von Herz und Milz. „Stärkungsmittel werden keine Wirkung zeigen. Für den Anfang schlage ich die Mischung ‚Schwarze ätherische Essenz‘ vor, dadurch wird die Lunge gestärkt und damit das Metall gefestigt. Hilft dies nicht, müssen Sie einen besseren Arzt kommen lassen.“ Der Arzt schrieb ein Rezept für sieben Zutaten und eine Zubereitungs-Anleitung. Djia Liän nahm das Papier und begutachtete die Liste. „Ich sehe, sie führen Sichelblättriges Hasenohr in dem Rezept auf“, sagte er. „Entschuldigen sie, wenn ich falsch liege, doch ich dachte es würde die Hyperaktivität des Blutkreislaufes erhöhen?“ „Es erhöht auch das Tji, so daß das schlechte Blut ausgespuckt wird“, antwortete Doktor Wang mit einem wissenden Lächeln. „Es ist wohlbekannt, daß im Falle von Bluthusten oder Nasenbluten dieses bestimmte Kraut kontraindiziert ist. Doch gestatte mir, dich darüber aufzuklären, daß es in Verarbeitung mit Schildkrötenblut (wie in meinem Rezept) das einzig effektive Heilmittel erzeugt, womit wir den Körpersaft der niederen Yang-Peripherie der Gallenblase ableiten können. Wie man sieht, hat die verständige Beimischung von Schildkrötenblut den bemerkenswerten Effekt, die Brechreiz-Eigenschaften vom Hasenohr zu fördern, während es das Yin der Leber wiederherstellt und die entzündlichen Störungen (Feuer) eindämmt. Mit den Worten des kaiserlichen Medizinbuchs: „Bekämpfe Durchfall mit Beruhigungsmittel, bekämpfe Verstopfungen mit Stärkungsmittel.“ Und die – auf den ersten Blick – paradoxe Verwendung von Hasenohr ist die klassische List aus der Han-Dynastie, daß sich ein loyaler Berater mit dem Thronräuber anfreundete.“ „Ich verstehe“, sagte Djia Liän verständig nickend. „Vielen Dank für die Aufklärung, Doktor Wang.“ Der Arzt fuhr fort: „Ich hätte gern, daß die junge Dame zwei Dosen von dem Sud einnimmt, dann werden wir sehen, ob wir etwas an der Rezeptur ändern sollten oder zusammen eine neue anfertigen müssen. Ich habe jetzt einen weiteren Termin, bitte entschuldige Sie mich. Ich werde mich in den nächsten Tagen melden.“ Djia Liän begleitete den Arzt nach draußen und fragte ihn: „Und was haben sie meinem Vetter Bau-yü verschrieben?“ „Ach, er hat keine schwere Krankheit. Nur eine Dosis von dem Pulver, das ich ihm verschrieben habe, und alles ist wieder gut.“ Mit diesen Worten stieg Doktor Wang in seine Kutsche. Djia Liän schickte einen Diener, um die erforderlichen Arzneimittel zu besorgen, und ging wieder hinein, um Hsi-fëng über Dai-yüs Diagnose zu informieren. Sie hatten noch nicht lange miteinander gesprochen, da erschien Dschou Juees Frau, um mit Hsi-fëng über einige drängende Dinge in der Haushaltsführung zu sprechen. Nachdem sie eine Weile zugehört hatte, erhob sich Djia Liän, um aufzubrechen. „Berichten Sie ruhig der zweiten Herrin Hsi-fëng weiter, Frau Dschou, ich muß jetzt gehen.“ Nun, da Djia Liän aus dem Zimmer war und der verbleibende Hausstand seiner Arbeit nachging, war Dschou Juees Frau in der Lage, zum eigentlichen Anliegen ihres Besuches zu kommen. „Ich komme gerade von Fräulein Dai-yü, gnädige Frau. Ich kann ihren Anblick nicht ertragen! Da ist nicht ein Hauch Farbe auf ihren Wangen und wenn man sie berührt, spürt man nur Haut und Knochen. Ich fragte sie, was denn los sei, doch sie konnte nicht sprechen, saß nur da und weinte. Bevor ich ging, sagte Dsï-djüan, daß Fräulein Dai-yü derzeit sehr krank sei. Wenn sie etwas brauche, sei sie zu stolz, um das zu äußern. Ich habe vor, die zweite Herrin Hsi-fëng zu fragen, ob sie Lin Dai-yü ein bis zwei Monate Geld borgen könne. Die Arznei wurde ja von der Herzoginmutter bezahlt, aber sie benötigt das Geld für den täglichen Lebensunterhalt. Ich versicherte ihr, es an Sie weiterzuleiten, gnädige Frau.“ Hsi-fëng senkte ihren Kopf für einen Moment, antwortete dann: „In Ordnung, machen wir es so, ich schenke ihr einige Dutzend Tael Silber. Dennoch muß man es Fräulein Dai-yü nicht erzählen. Das Geld für diesen Monat ist nicht einfach zu bezahlen. Wenn ich bei einer Person eine Ausnahme mache, wollen es andere auch. Beginnt man einmal damit, gibt es kein Ende mehr. Erinnerst du dich noch daran, als Frau Dschau und Fräulein Tan-tschun sich darüber lebhaft gestritten haben? Damals ging es auch um das Monatsgeld. Außerdem weißt du doch, daß wir derzeit hohe Ausgaben haben und wenig Einnahmen. Wir hoffen, daß wir über die Runden kommen.“ Nach einer Pause fuhr sie fort: „Manche behaupten, ich wirtschaftete schlecht. Manche böse Zungen behaupten, ich würde die Familie Wang auf Kosten der Familie Djia ernähren. Doch du weißt es besser, Schwägerin Dschou. Du bist ja eine gute Hauswirtschafterin, du weißt sicher Bescheid.“ – „Dieses Gerede kann ja wirklich jemanden so unfair behandeln, daß er stirbt“, sagte Dschou Juees Gattin. „Wer außer Euch, aufopferungsvoller Schwägerin könnte diesen großen und weitläufigen Haushalt aufrechterhalten? Man sagt immer, wir Frauen könnten das nicht. Selbst ein ausgewachsener Mann mit sechs Armen und drei Köpfen würde an dieser Belastung verzweifeln, da bin ich sicher! Was für ein Blödsinn wird da geredet!“ Während sie redete, lachte sie auf. „Sie haben ja noch nicht gehört, daß Leute von außerhalb noch blöder sind! Vor einiger Zeit, als mein Mann Dschou Juee nach Hause kam, erzählte er, daß jemand von außerhalb versucht herauszubekommen, wie wohlhabend die Familie ist. Manche erzählen, „die Djias haben einige Gemächer für Silber und einige für Gold! Jedes Möbelstück im Haus ist aus Gold und mit Jadesteinen verziert!“ Manche lästern über die kaiserliche Nebenfrau: „Ihre Tochter am Hofe, ist die Frau des Kaisers. Natürlich wird der Kaiser die Hälfte seines Reichtums dem Mädchen geschenkt haben. Als sie damals zu ihrem großen Besuch war, sahen wir mit unseren eigenen Augen, daß sie Fuhren Gold und Silber mit sich brachte, so daß sich zu Hause die Reichtümer wie ein Kristallpalast auftürmten … Und als die Familie zu der großen Feier am Tempel einlud, hat sie dafür zigtausend Tael Silber ausgegeben, das hat sie noch nicht einmal gejuckt! Manche sagten, daß die Steinlöwen vor dem Haupttor aus massiver Jade seien, und im Garten gibt es ein goldenes Kylin-Fabeltier, ursprünglich seien es zwei gewesen, bis eines gestohlen wurde! Von den Damen in der Familie Djia braucht man gar nicht zu sprechen. Selbst die Dienstmädchen würden sich kaum bewegen, tränken Wein, spielten Go, musizierten und malten Kalligraphie. Es gäbe unvorstellbar viele Diener. Sie kümmern sich nur darum, was sie anziehen, was sie essen, was sie tragen; kennen normale Menschen nicht. Und die Kinder! So verwöhnt, daß selbst wenn sie nach einem Mondscheinstrahl verlangten, sich jemand auf den Weg machen würde, einen zu besorgen, daß die kleinen Lieblinge damit spielen können! Es gibt sogar ein Lied über Sie: ‚Familie Ning-guo, Familie Jung-guo Gold, Silber und Reichtum ist wie Kot und Erde. Sie können sich nicht arm fressen und nicht arm anziehen. Wenn man es zusammenrechnet ...’“ Frau Dschou brach in der Mitte ab. Die letzten zwei Zeilen ihres Liedes lauteten wirklich: „Wenn man sie zusammenrechnet, ist alles nichts!“ Sie hatte sich von ihrer eigenen Darbietung davontragen lassen, sie schluckte, und es verschlug ihr die Sprache. Hsi-fëng konnte erahnen, daß das Lied eine bittere Pointe hatte. „Das ist nicht so schlimm,“ bemerkte sie beiläufig, „nur was könnte die Geschichte des goldenen Kylins begründet haben?“ „Es muß das kleine Kylin gemeint sein, welches der alte Abt Dschang Herrn Bau-yü im Tempel gegeben hat“, antwortete Frau Dschou. „Er verlor es, und einige Tage später fand das junge Fräulein Schï es für ihn wieder. Eine solche Kleinigkeit ist schon genug für diese Stadtleute, um ihre Fäden herumzuspinnen! Sind sie nicht alle lächerlich, Frau Liän?“ – „Ich finde das nicht unbedingt witzig“, antwortete Hsi-fëng, „es ist eher beängstigend. Bei uns wird es Tag für Tag schwieriger, und die Leute draußen reden so etwas. Es gibt ein bekanntes Sprichwort: Ein Mensch fürchtet die Berühmtheit, ein Schwein die Fettleibigkeit. Das Schlimmste ist, daß es bei uns nur so scheint. Manchmal frage ich mich, wohin das ganze führen soll.“ – „Ich verstehe Eure Sorgen, gnädige Frau“, sagte die Gemahlin von Dschou Juee. „Doch Geschwätz wie dieses kursiert bestimmt mindestens schon ein Jahr in der Stadt, in den Teestuben und Weinläden, in jeder Passage. Wie könnte man den Mund von so vielen stopfen?“ Hsi-fëng nickte. Sie wies Ping an, ein Paar Tael Silber abzuwiegen und gab sie Dschou Juees Frau. „Gib dies Dsï-djüan. Sag’, es sei nur eine Kleinigkeit von mir, um zusätzliche Dinge zu kaufen. Falls noch weitere Anschaffungen anfallen sollten, soll sie sich nicht scheuen, es zu sagen. Trotzdem, keine Rede mehr von Vorschüssen. Ich weiß, daß Dsï-djüan ein kluges Kind ist und versteht, was ich meine. Sag’ ihr, daß ich hinüber kommen werde, um nach Fräulein Dai-yü zu sehen, wenn ich Zeit habe.“ Dschou Juees Frau nahm das Geld und ging, um die Anweisungen auszuführen. Djia Liän ging nach draußen, sah daß Hsiau-si herauskam, der ihm sagte: „Der Herr wünscht den zweiten Herrn zu sprechen.“ Djia Liän lief direkt zu seinem Vater Djia Schë. „Vorhin habe ich gehört, daß der Kaiserliche Hofarzt und zwei Berater verlangt werden, weil jemand am Hof krank ist“, sagte Djia Schë. „Ich denke, daß es unsere Tochter ist. Haben wir in den letzten Tagen etwas von ihr gehört.“ „Nein, nichts“, antwortete Liän. „Geh los und frage deinen Onkel und deinen Vetter Dschën“, sagte Djia Schë. „Find heraus, ob sie mehr darüber wissen. Wenn nicht, schicke jemanden, der sich im Kaiserlichen Krankenhaus erkundigt. Wir müssen her­aus­bekommen, um was es geht.“ – „Ja, Vater.“ Djia Liän verfolgte beide Erkundungslinien gleichzeitig, entsendete einen seiner Männer zum Krankenhaus, während er sich eiligst auf den Weg machte, Djia Dschëng und Djia Dschën zu besuchen. „Wo hast du das denn gehört?“, fragte Djia Dschëng, nachdem er Lians Darstellung der Geschichte gehört hatte. „Gerade eben von Vater.“ – „Du solltest mit Vetter Dschën zusammen zum kaiserlichen Krankenhaus gehen und sehen, was man dort herausfinden kann.“ „Ich habe bereits jemanden zum Krankenhaus geschickt“, antwortete Liän, „um zu sehen, ob es etwas Neues gibt.“ Während er sprach, machte er sich auf den Weg, um Djia Dschën zu suchen. Er sah aber, daß ihm Vetter Dschën entgegenkam, und erzählte ihm, was los war. Dieser entgegnete: „Ja, Ich habe das gleiche auch gehört. Der alte und der zweite Herr gehen auch dorthin.“ Beide gingen zusammen wieder zu Djia Dschëng, der sagte: „Wenn es die kaiserliche Nebenfrau ist, werden wir gewiß früher oder später darüber aufgeklärt.“ Während er sprach, kam auch noch Djia Schë dazu. Am Mittag warteten die vier immer noch auf die Rückkehr von Djia Liäns Kundschaftern aus dem Krankenhaus, als einer der Torwächter eintrat, um die Ankunft zweier Eunuchen aus dem Palast mit einer kaiserlichen Nachricht für Herrn Schë und Herrn Dschëng anzukündigen. „Führ sie herein,“ befahl Djia Schë und ging mit seinem Bruder zum inneren Tor, um sie zu begrüßen. In der Art der Manchus knieten die Brüder nieder und gaben Ehrenbekundungen wie „Die allerdemütigsten Diener der kaiserlichen Nebenfrau“ von sich, bevor sie die kaiserliche Delegation durch den Torweg und über den Innenhof zur Empfangshalle führten, wo sie jene baten, sich zu setzen. Einer der Eunuchen erhob sich und sagte: „Ihre Tochter, die kaiserliche Nebenfrau, fühlte sich vorgestern unwohl. Gestern befahl der Kaiser, daß vier Damen aus Eurer Familie sie im Palast besuchen. Jeder Dame ist es gestattet, ein Dienstmädchen zur Begleitung zu wählen. Mehr ist nicht erforderlich. Männliche Verwandte dürfen nur bis zu den Palasttoren voranschreiten und ihre Karten vorlegen. Sie dürfen nicht weitergehen, sollen jedoch ihre Huldigung bezeugen und außerhalb des Tores weitere Anweisungen erwarten. Morgens sollen Sie zwischen neun bis elfUhr ankommen, abends zwischen siebzehn und neunzehn Uhr abreisen.“ Djia Dschëng und Djia Schë und alle anderen Anwesenden empfingen den Erlaß stehend. Als er geendet hatten, setzten sie sich wieder hin und boten den Eunuchen Tee an, danach verabschiedete sich die kaiserliche Gesellschaft. Die beiden älteren Brüder sahen ihnen bis zum Haupttor nach und gingen wieder hinein, um der Herzoginmutter davon zu berichten. „Vier?“, fragte die alte Dame. „Eure beiden Damen und ich selber sind drei. Für wen ist der vierte Platz bestimmt?“ Nach einer Weile des Nachdenkens fuhr die Herzoginmutter fort: „Damit muß Feng gemeint sein. Sie findet sich in jeder Situation zurecht. Nun, ihr Männer geht jetzt und besprecht das.“ Djia Schë und Djia Dschëng nickten, brachen unverzüglich auf und gaben Anweisungen, daß abgesehen von Liän und Jung, deren Aufgabe es war, zu bleiben und sich um die beiden Wohnhäuser zu kümmern, ein volles Aufgebot der jüngeren und älteren Clan-Mitglieder erwartet würde. Darauf wurden die Diener beauftragt, vier der besten grünen Hofsänften der Familie ausstaffieren zu lassen und ein Dutzend Kutschen mit blauen Baldachinen und all dies vor dem ersten Licht des Tages herzurichten. Die Diener gingen eilig ihrer Arbeit nach, während die zwei Herren Djia zu einer letzten Besprechung mit der Herzoginmutter zurückkehrten. „Wir müssen zwischen sieben und neun Uhr ankommen und zwischen siebzehn und neunzehn Uhr herauskommen, Mutter. Es scheint ratsam, noch früher als gewöhnlich aufzustehen, wenn wir am Morgen unverzüglich aufbrechen wollen. Wir brauchen ausreichend Zeit, um uns für den Hof herzurichten.“ „Nun gut“, antwortete die Herzoginmutter, „ihr könnt jetzt gehen.“ Die beiden Brüder entfernten sich, verließen die Herzoginmutter mit ihren beiden Schwiegertöchtern und Hsi-fëng. Sie sprachen eine Weile über Yüän-tschuns Krankheit und über Belanglosigkeiten und zogen sich für die Nacht zurück. Am nächsten Morgen noch vor Tagesanbruch, zündeten Mägde die Lichter in allen Wohnungen an, und die Damen begannen, sich herzurichten. Um fünf Uhr, als die Damen bereit waren, und die Herren ihren feierlichen Gewändern den letzten Schliff verliehen hatten, kamen Lin Dschï-hsiau und Lai Da zum Inneren Tor, um zu berichten, daß die Sänften und Kutschen wie angeordnet draußen bereit stünden. Djia Schë und die Dame Hsing kamen an, und die Gesellschaft war vollständig. Nach dem Frühstück, welches sie zusammen einnahmen, führte die Herzoginmutter, die sich auf Hsi-fëngs Arm stützte, alle hinaus, und der Hausstand versammelte sich, als die vier Damen, jede von einer einzigen Magd begleitet, langsam hinausgingen. Eine Vorhut, bestehend aus Li Guee und einem Älteren, ritt zu den äußeren Toren des Palastes, um die Vorbereitungen abzusprechen. Drei Generationen der Djias stiegen in ihre Kutschen oder setzten sich auf ihre Pferde. Die Prozession schloß sich an und mit Gefolgsleuten, die den Zug begleiteten, bewegten sie sich über die Straßen. Djia Liän und Djia Jung blieben zurück, um die beiden Wohnsitze zu beaufsichtigen. Die Prozession hielt unter dem Westwall-Tor an, einem der äußeren Tore der Verbotenen Stadt, und kurz darauf traten die Eunuchen hervor, um anzukündigen: „Angehörige der Familie Djia! Die Damen werden jetzt den Palast für ihren privaten Besuch betreten. Die Herren treten vor und halten am inneren Tor. Sie werden den inneren Bereich nicht betreten, sondern von dort ihre Ehrerbietungen erweisen:“ Die Männer auf dem Tor drängten die Gesellschaft herein. Ein jüngerer Eunuch leitete die vier Sänften der Damen weiter, während die Herren, ihre Diener am äußeren Tor zurücklassend, den Sänften gemessenenSchrittes zu Fuß folgten. Als sie sich dem inneren Tor näherten, konnten sie dort einige ältere Eunuchen sitzen sehen, die sich erhoben, als die Prozession ankam, und meldeten: „Herren der Djia Familie! Haltet hier!“ Djia Schë und Djia Dschëng ließen ihre Männer außerhalb des Tores ihre Stellung beziehen, während die Sänften der Damen unter dem inneren Tor anhielten, wo die Damen ausstiegen. Eine Eskorte jüngerer Eunuchen zeigte den Weg, und die Djia Damen, jede am Arm von ihrer Magd gestützt, gingen zu Fuß weiter in den inneren Bereich des Palastes, bis sie vor sich die überreich verzierte Fassade und die glanzvoll verglasten Dachziegel der Kaiserlichen Schlafgemächer der Konkubinen vor sich sahen. Zwei junge Kammerfrauen kamen ihnen entgegen, um sie darüber aufzuklären, daß die einzig notwenige Formalität ein Knicks sei. Die Wertschätzung für diese Gunst bekundend, näherten sich die Besucher dem Bett und knicksten der Reihe nach. Yüän-tschun forderte sie auf, sich zu setzen, was sie nach einem freundlichen Zögern auch taten. Zuerst sprach sie zur Herzoginmutter: „Sind Sie bei guter Gesundheit?“ An ihre Magd gelehnt, erhob sich die alte Dame zitternd und antwortete: „Dank der wohltätigen Aura der kaiserlichen Nebenfrau bin ich noch wohlauf.“ Yüän-tschun sprach nun weiter zu den Damen Wang und Hsing, die beide auf die gleiche Art antworteten. Dann wandte sie sich an Hsi-fëng: „Wie läuft es zu Hause? Hsi-fëng erhob sich. „Wir schaffen es, zurechtzukommen, kaiserliche Nebenfrau“, antwortete sie und setzte sich hin. „Ich schätze“, sagte Yüän-tschun, „daß es in den vergangenen Jahren nicht leicht für euch war.“ Hsi-fëng war dabei, sich wieder zu erheben und zu antworten, als eine Kammerfrau mit vielen offiziellen Karten zur Begutachtung für die kaiserliche Nebenfrau eintrat. Als sie die Familiennamen erkannte, fühlte Yüän-tschun einen stechenden Schmerz und Tränen liefen ihr über die Wangen. Die Kammerfrau nahm ein Seidentaschentuch, mit dem sie ihre Tränen wegwischte und sagte dabei: „Es geht mir heute ein wenig besser, bitte sag’ es ihnen. Und bitte sie, draußen zu warten.“ Die Djia Damen erhoben sich noch einmal und drückten ihre Dankbarkeit aus. Yüän-tschuns Augen waren immer noch gefüllt mit Tränen. „Familien einfachen Standes sind so viel glücklicher als wir! Wenig­stens können sie zusammen sein!“ Der Herzoginmutter und den anderen standen auch die Tränen in den Augen. „Wir flehen die kaiserliche Nebenfrau an, nicht traurig zu sein. Euer erhabener Segen ließ unsere Familie sich bereits tausendfach glücklich fühlen.“ „Wie geht es Bau-yü?“, fragte Yüän-tschun. „Er nimmt seine Studien zur Zeit sehr ernst“, antwortete die Herzoginmutter. „Sein Vater war sehr streng mit ihm, er entwickelt sich langsam zu einem kleinen Gelehrten.“ „Ich bin sehr froh, das zu hören.“ Yüän-tschun gab Anweisungen, das Mittagessen in der äußeren Empfangshalle servieren zu lassen, und zwei Kammerfrauen, von zwei jüngeren Eunuchen unterstützt, geleiteten sie hinaus. Die Sitzordnung wurde in Übereinstimmung mit der Rangordnung der Dija Familie festgelegt und die Damen setzten sich nieder zu einem tadellosen Mahl, Einzelheiten brauchen wir nicht schildern. Als das Mittagessen vorüber war, dankten die Damen für das Essen und blieben noch eine Weile. Schließlich sahen sie, daß es bald fünf Uhr war und aus Angst, die Vorgabe zu überschreiten, machten sie sich auf den Weg. Yüän-tschun schickte eine ihrer Kammerfrauen, sie bis zum inneren Tor zu begleiten, wo bereits dieselben vier Eunuchen warteten, sie hinauszuführen. Die Herzoginmutter und ihre Begleitung bestiegen ihre Sänften und wurden

Aus: Jinyuyuan 1889a. zum äußeren Tor getragen, wo sie Djia Schë und die Männer antrafen. Die ganze Familie kehrte so in ihrer Prozession zurück. Der Besuch wurde am nächsten Tag wiederholt und am Tag darauf und da die Prozeduren alle miteinander die gleichen waren, müssen wir dies hier nicht weiter ausführen. Währenddessen erging es der Familie Hsüä immer schlechter. Seit Hsia Djin-guee Hsüä Pan rausgeworfen hatte, hatte sie niemals Mangel an Partnern gespürt. Tchiu-ling zog aus, und lebte bei Bau-tschai, und die einzig übriggebliebene Person in diesem Bereich war Bau-tschan. Doch seit ihrer Beförderung in des Herren Bett, hatte sich Bau-tschan eine neue Selbstversicherung besorgt und Djin-guee beobachtete bald, daß ihre List, Bau-tschan Pan zu geben, versagt hatte. Ihre Magd wurde in der Tat ihre größte Rivalin. ‚Nun gut‘, dachte sie bei sich eines Tages, nachdem sie viel getrunken hatte und auf ihrem Ofenbett mit weinerlichem Gemüt lag, ‚laß uns sehen, was sie wert ist ...‘ Eine Runde oder zwei mit Bau-tschan könnte genau das Selters sein, das sie brauchte. „Komm schon!“ verhöhnte sie sie. „Wohin ist unser prächtiger Herr und Herr bloß verschwunden? Wo versteckt er sich? Du weißt es, natürlich weißt du es, oder?“ „Ich habe nicht die geringste Ahnung“, antwortete Bau-tschan. „Wenn er es euch nicht erzählt hat, meine Herrin, wird es wohl sonst keiner wissen.“ „Verschone mich bloß mit „Herrin! Das ist doch auch Eure Welt geworden“, sagte Djin-guee mit einem hämischen Lächeln. „Andere Leute können wir nicht verärgern, die haben Beschützer. Ich wage es auch nicht, auf dem Kopf des Tigers nach Flöhen zu suchen. Doch du bist immer noch meine Magd, von dir muß ich mir keine Frechheiten gefallen lassen! Du versteckst Sachen vor mir. Wenn du deiner selbst so sicher bist, warum machst du nicht weiter und erwürgst mich? Dann haben du und Tchiu-ling euer Ziel erreicht! Wer möchte denn dann die Dame werden? Leider bin ich noch nicht tot und stehe Euch im Weg!“ Bau-tschan konnte dies nicht so hinnehmen. Sie schaute Djin-guee an: „Herrin, das was Sie erzählt haben, kann ja nur von fremden Leuten stammen. Ich habe Ihrer Schwiegermutter nichts gegen sie gesagt. Die Herrin möchte die anderen nicht verärgern, warum müssen Sie das an mir auslassen, der kleinen schwachen? Tatsächlich tut Ihr immer so, als hättet ihr nichts gehört. Alle sind immer unschuldig.“ Beim Sprechen fing sie an, laut zu weinen. Djin-guee wurde noch wütender, stand vom Ofenbett auf und wollte sie schlagen. Bau-tschan hatte den Charakter der Familie Hsia und wollte kein Stück zurückweichen. Djin-guee überhörte Bau-tschans Unschuldsbeteuerungen und schlug mit voller Wucht Tische und Stühle kurz und klein. Frau Hsüä war gerade in Bau-tschais Zimmer und hörte den fürchterlichen Lärm, den sie machten. „Hsiang-ling,“ befahl sie, ohne nachzudenken, „geh hinüber und sieh nach, was los ist! Bring’ sie dazu, sich zu beruhigen.“ „Du kannst unmöglich Hsiang-ling schicken,“ erinnerte sie Bau-tschai. „Das ist wie Öl ins Feuer zu gießen.“ „Nun gut, dann gehe ich eben selbst“, erklärte Frau Hsüä. „Tu das besser nicht, Mama,“ wandte Bau-tschai ein, „sie sollen das unter sich ausmachen. Ich fürchte, es gibt nichts, das wir tun können.“ „Dieser Zustand ist einfach nicht tragbar!“ schrie Frau Hsüä und, von einer ihrer Mägde gestützt, begab sie sich in Richtung von Djin-guees Wohnung. Bau-tschai folgte ihr unwillig, gab dabei Hsiang-ling strenge Anweisungen, zurückzubleiben. Als sie sich Djin-guees Wohnung näherten, konnten sie innen den Sturm hören, der nicht abklingen wollte. „Was hat das alles zu bedeuten?“, rief Frau Hsüä. „Schaut euch nur an! Was für eine schändliche Art, sich zu benehmen! Ihr wißt, daß andere Leute euch hören können. Schämt ihr euch nicht für das, was die Verwandschaft wohl denken mag? Habt ihr keine Angst, euch zu Witzfiguren zu machen?“ „Ich eine Witzfigur – das reicht!“ keifte Djin-guee von innen. „Eure ganze verkommene Familie ist eine Witzfigur. Es gibt keinen Familienvorstand, keine Dienstmagd, keine Ehefrau und Nebenfrau, das ist eine Welt der Chaoten! Ich wurde ganz anders erzogen, das kann ich euch sagen! Bei mir zu Hause kannte jeder seinen Platz. Ich habe genug in eurer Familie ertragen müssen!“ „Schwägerin,“ flehte Bau-tschai, „Mutter ist nur gekommen, weil sie euch zwei kämpfen hörte. Falls du glaubst, sie hätte dich beleidigt, ist es nur, weil sie nicht zwischen dir und Bau-tschan unterschied, sie war doch nur traurig. Mit Sicherheit meinte sie es nicht so. Wäre es nicht besser, in Ruhe zu erklären, was dir nicht gefällt, und wir alle finden gemeinsam eine friedliche Lösung? Arme Mutter, wir bekümmern sie noch zu Tode.“ „Ja,“ fügte Frau Hsüä hinzu, „bevor du mich beschuldigst, erklär’ mir bitte, welche Probleme es gibt.“ „So ein gutes Mädchen!“, sagte Djin-guee an Bau-tschai gewandt.