Hongloumeng/de/Chapter 103

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Kapitel 103

施毒计金桂自焚身 / 昧真禅雨村空遇旧

g-ling es getan hat.“ Während sie sprachen, kamen einige Dienstmädchen aus dem Jung-guo-Anwesen, um die Ankunft von Bau-tschai anzukündigen. Djia Liän entschied, daß er sich nicht zurückziehen würde, obwohl sie streng genommen die Frau seines jüngeren Vetters war, aber sie war ja weiterhin seine Kusine, und er kannte sie seit der Kindheit. Sie begrüßte ihre Mutter und Djia Liän und setzte sich zu Bau-tjin in das innere Zimmer. Frau Hsüä gesellte sich zu ihnen und erzählte ihr die Geschichte.

Aus: Jinyuyuan 1889a. „Dadurch, daß Hsiang-ling festgebunden ist, bestätigen wir ja ihre Schuld,“ lautete Bau-tschais sofortige Antwort. „Mutter sprach davon, daß Bau-tschan die Suppe zubereitet hat, also sollte sie gefesselt werden. Und wir müssen es die Familie Hsia wissen lassen und den Behörden von ihrem Tod berichten.“ Dies erschien Frau Hsüä durchaus logisch. Dann wurde Djia Liän nach seiner Meinung gefragt: „Bau-tschai hat vollkommen recht. Ich sollte besser gehen und mit jemandem von der Strafbehörde sprechen, um sicherzugehen, daß bei der Befragung kein Ärger auftritt. Doch ich finde es etwas hart, Hsiang-ling frei zu lassen, wenn wir dafür Bau-tschan anbinden.“ „Ich hatte niemals vor, Hsiang-ling zuerst fest zu binden“, sagte Frau Hsüä, „doch ich fürchtete, die Beschuldigung sei ungerecht, würde ihre Krankheit noch verschlimmern und sie dazu bringen, etwas aus Verzweiflung zu tun. Sie könnte Selbstmord begehen, und wir hätten eine weitere Tote zu verzeichnen. Es war zu ihrer eigenen Sicherheit, daß ich sie festgebunden und zu Bau-tschan gebracht habe.“ – „Nun gut“, sagte Djia Liän. „Doch wir haben sie immer noch Bau-tschan regelrecht in die Hände gespielt. Ich halte es also für richtig, daß, wenn jemand gefesselt wird, beide gefesselt werden. Wenn eine frei gelassen wird, müssen beide frei sein. Beide waren bei Djin-guees Tod anwesend. Währenddessen müssen wir jemanden schicken, der Hsiang-ling tröstet.“ Frau Hsüä trug ihren Dienstmädchen auf, die Tür zu Djin-guees Gemächern zu öffnen und einzutreten, während Bau-tschai einigen ihrer Mägde auftrug, sie zu begleiten und dabei zu helfen, Bau-tschan fest zu binden. Als sie ankamen, fanden sie Hsiang-ling sich die Augen aus dem Kopf weinend und Bau-tschan sich daran ergötzend. Bau-tschan wehrte sich mit Händen und Zähnen, als sie sah, daß man sie fesseln wollte, doch die Frauen waren zu stark. Nach einigem Geschrei von Bau-tschan wurde sie gefesselt und die Tür wurde offen gelassen, damit die beiden Verdächtigen besser bewacht werden konnten. Djin-guees Familie wurde inzwischen benachrichtigt. Die Hsias lebten ursprünglich außerhalb der Stadt, doch ihre Verhältnisse hatten sich so verschlechtert und zum Teil aus diesem Grund, zum Teil, um Djin-guee nah zu sein, waren sie in die Stadt gezogen. Djin-guees Vater war bereits tot, und die einzigen lebenden Familiemitglieder waren ihre Mutter und ihr neu aufgenommener Bruder, Hsia San, ein Taugenichts, dem es gelungen war, den Rest des Familienvermögens zu verschwenden. Jetzt, wie sie in der Stadt lebten, war er ein regelmäßiger Besucher der Familie Hsüä. Djin-guee war ein unruhiger Geist, der in einem Zimmer nicht alleine bleiben konnte, sie entsprach der Rolle einer gläubigen, untergebenen Ehefrau nicht. Ihr Mißlingen, Hsüä Kë zu verführen, hatte sie heißhungrig auf den kleinsten Bissen gemacht und jetzt schien sogar ihr adoptierter Bruder angemessen, um ihr Verlangen zu stillen. Hsia San war allerdings dumm, er hegte nur geringe Gefühle und fühlte sich nie wirklich zuhause. Deshalb ging Djin-guee noch häufiger nach Hause und half mit Geld. Am Tage der Untersuchung, der Tag nach Djin-guees plötzlichem Tod, war er begierig auf einen dieser Besuche und als Hsüäs Diener ankamen, nahm er an, daß sie von seiner Schwester geschickt wurden, um eines ihrer Päckchen zu überbringen. Als sie ihm stattdessen sagten, sie sei tot und daß es sich, wie es aussah, um eine Vergiftung handelte, geriet er außer sich, begann zu rasen und sie zu beschimpfen. Als Djin-guees Mutter die Neuigkeiten hörte, weinte sie erwartungsgemäß: „Sie kam doch gut dort zurecht! Warum sollte sie denn Gift eingenommen haben? Einer von ihnen muß es gewesen sein…“ Immer noch weinend und laut protestierend, rief sie Hsia San, um sie zu begleiten und ging sofort zu Fuß los, ohne auf eine Kutsche zu warten. Die Hsias waren ursprünglich Geschäftsleute, und heute hatten sie kein Geld mehr, deshalb war ihnen ihr Gesicht nicht wichtig. Hsia San ging vor und seine Adoptivmutter folgte ihm weinend und jammernd aus dem Tor, in Begleitung einer lahmen, alten Magd. Schließlich hielt die Mutter eine brüchige, alte Karre an, die vorbeifuhr, die sie zur Familie Hsüä beförderte. Sie betrat schluchzend das Anwesen, ohne zu grüßen. Djia Liän war gegangen, um Hilfe von der Strafbehörde anzufordern, und Frau Hsüä, Bau-tschai und Bau-tjin blieben allein zurück. Frau Hsias dramatischer Eintritt brachte sie ziemlich in Verlegenheit, und zuerst waren sie zu verängstigt, um überhaupt etwas zu sagen. Bau-tschai und Bau-tjin begaben sich in den inneren Raum. Als Frau Hsüä versuchte, die Eindringlinge zur Vernunft zu bringen, ignorierte Frau Hsia sie vollständig. „Was ist meiner Tochter in dieser Familie nur Gutes widerfahren?“, schrie sie, „Tag und Nacht mußte sie Prügel und Ausnutzung ertragen. Letztendlich habt ihr entschieden, sie für immer von ihrem Mann zu trennen und habt meinen Schwiegersohn sogar ins Gefängnis gebracht. Du und deine Tochter waren bequem genug, Dank all eurer Verwandten. Doch meine Tochter war euch schon immer ein Dorn im Auge, deshalb wolltet ihr sie loswerden und fandet jemanden, um sie zu vergiften. Und dann sagt ihr, sie hätte sich selbst vergiftet, wie kann das denn sein?“ Sie stürzte sich auf Frau Hsüä, die zurückwich und rief: „Wenn Frau Hsia so freundlich wäre, einen Blick auf ihre Tochter zu werfen und zuerst mit Bau-tschan zu sprechen, bevor wir uns solche wilden Anschuldigungen anhören müssen!“ Da Hsia San immer noch im Zimmer war und im Hintergrund herumschlich, konnten Bau-tschai und Bau-tjin nicht kommen, um Frau Hsüä zu verteidigen, und konnten nur ängstlich im inneren Raum verweilen. Durch einen glücklichen Zufall jedoch hatte die Dame Wang Dschou Juees Frau hinübergeschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Als sie hereinkam und sah, wie diese alte Frau Frau Hsüä beschimpfte und bedrohte, erkannte sie, daß es Djin-guees Mutter sein müsse und näherte sich ihr: „Sind sie Frau Hsia, Madam? Ich nehme an, Sie wissen, daß Frau Pan Gift genommen hat? So ist sie gestorben, und es hat nichts mit Frau Hsüä zu tun. Es gibt keinen Grund, sie derart in Verdacht zu bringen!“ – „Und wer sind Sie?“, fragte Djin-guees Mutter. Frau Hsüä, deren Zuversicht durch diese Unterstützung wieder etwas hergestellt war, antwortete für Frau Dschou: „Diese gute Frau arbeitet für unsere Verwandten, die Djias.“ – „Ach! Tut sie das jetzt?“ spottete Frau Hsia. „Wir alle wissen um eure wunderbaren Beziehungen! Ohne Zweifel habt ihr es ihrer Machtfülle zu verdanken, daß ihr euren eigenen Sohn ins Gefängnis bringen konntet. Und jetzt nehme ich an, wollt ihr auch noch ungestraft mit dem Mord an meiner Tochter davonkommen!“ Sie riß Frau Hsüä an sich. „Raus damit!“ schrie sie, „Wie habt ihr es gemacht? Laßt mich ihren Körper sehen.“ Dschou Juees Frau versuchte, sie zu beruhigen: „Selbstverständlich. Geht und seht selbst. Doch nehmt jetzt freundlicherweise eure Hände von Frau Hsüä!“ Es gelang ihr schließlich, Frau Hsia von Frau Hsüä wegzuziehen. Hsia San tauchte plötzlich aus dem Schattten auf, um seiner Mutter zuhilfe zu eilen: „Glaubst du, du könntest meine Mutter so angreifen und mit ihr fertig werden, nur weil du eine von den Dienern der Familie Djia bist?“ Er schleuderte einen Stuhl auf Frau Dschou, der sie glücklicherweise verfehlte. Die Diener, die mit Bau-tschai im Zimmer gesessen hatten, hörten diesen Krawall und eilten herbei, um zu sehen, was los war. Aus Angst, Frau Dschou könne verletzt werden, drängten sie nach vorne, um die Kämpfenden zu beruhigen. Ihre Drohungen und Schmeicheleien waren umsonst: Mutter und Sohn waren zu aufgebracht. „Wir müssen nicht daran erinnert werden, wie stark die Macht von Jung-guo ist! Aber was kümmert es uns! Jetzt, da Djin-guee nicht mehr unter uns weilt, können wir es auch bis zum Tod ausfechten!“ Frau Hsia griff Frau Hsüä wieder mit aller Kraft an. Trotz der Überzahl konnten die Diener sie nicht aufhalten. Wie das Sprichwort sagt: „Wenn ein Mann für einen Angriff alles wagt, Können ihn Zehntausend nicht zurückhalten.“ In diesem Augenblick der Krise kehrte Djia Liän zurück, begleitet von sieben oder acht Dienern. Als er sah, wie die Dinge standen, befahl er seinen Männern, Hsia San herauszuziehen, und wies die Damen an, sofort mit dem Kämpfen aufzuhören: „Ihr könnt eure Differenzen doch auf eine zivilisierte Art austragen? Jetzt räumt hier erstmal auf. Die Beamten der Strafbehörde werden in wenigen Minuten zur Untersuchung hier sein.“ Frau Hsia war völlig in Rage, als Djia Liän eintrat. Doch sie war von diesem seltsamen Kavalier überwältigt mit seinem Gefolge an Dienern. Einige erteilten laut Befehle, während die anderen respektvoll in Erwartung standen, und sie überlegte, welches Mitglied der Djia Familie er sein könnte. Dann sah sie, wie ihr Adoptivsohn weggeführt wurde und hörte, daß die Polizei bald hier sein und bald mit den Ermittlungen beginnen würde. Das ruinierte all ihre Pläne. Sie hatte eigentlich beabsichtigt, die Leiche ihrer Tochter zu untersuchen, ein großes Getöse zu veranstalten und die Polizei zu rufen. Sie war nicht davon ausgegangen, daß die Polizei bereits verständigt war und mußte sich nun geschlagen geben, der Wind war ihr aus den Segeln genommen worden. Frau Hsüä war für ihren Teil zu verängstigt, um überhaupt irgend etwas zu tun. Es war Frau Dschou, die zu Djia Liän sagte: „Diese Leute stürzten herein und, ohne einen Blick auf Pan zu werfen, begann diese Dame, Frau Hsüä zu verdächtigen. Wir versuchten, sie zur Vernunft zu bringen, doch dann mischte sich dieser Raufbold ein, benutzte vor den jungen Damen eine gar fürchterliche Sprache und warf mit dem Stuhl. Was für eine ungebührliche Art, sich zu benehmen!“ – „Es gibt keinen Grund, jetzt mit ihm zu streiten“, antwortete Djia Liän. „Das wäre Zeitverschwendung. Wenn sie ihn unter Folter befragen, wird er sich schnell daran erinnern, daß die inneren Gemächer einzig den Frauen vor- behalten sind, und er kein Recht hat, hier zu sein. Seine Mutter hätte sicher kommen dürfen, um den Leichnam ihrer Tochter zu begutachten. Es wird den Beamten sehr verdächtig erscheinen, so als hätte er etwas stehlen wollen.“ Djia Liäns Diener versuchten, Hsia San draußen unter Kontrolle zu halten, während Frau Dschou, ermutigt durch die Gegenwart der vielen Diener der Djia-Familie, ernsthaft begann, Frau Hsia zu tadeln: „Wirklich, Herrin, sie hätten es besser wissen müssen. Sie hätten bei Ihrer Ankunft die Tatsachen begutachten sollen. Ihre Tochter muß sich selbst vergiftet haben. Die einzige andere Person hätte ihre Dienerin Bau-tschan sein können. Warum jemanden unnützerweise verdächtigen, bevor man nicht nach der Wahrheit gesucht hat? Man sollte besser erst den Leichnam begutachten. Denken sie, unsere Familie würde zuschauen, wie ihre Schwiegertochter stirbt, ohne die Todesursache zu eruieren? Bau-tschan ist gefesselt. Ihre Tochter hatte vorher gefragt, ob Hsiang-ling in ihr Zimmer kommen könne, weil sie sagte, sie wolle einen Blick auf ihre Krankheit werfen. Deshalb war Hsiang-ling auch dort, als Frau Pan starb. Wir hatten gehofft, daß sie bei der Untersuchung dabei sein könnten und hören, wie die Beamten die Wahrheit ans Licht bringen.“ Djin-guees Mutter wußte, daß sie geschlagen war und folgte Dschou Juees Frau in Djin-guees Gemächer. Sie sah die Leiche ihrer Tochter steif auf dem Ofenbett liegen, das Gesicht mit trockenem Blut verkrustet, brach sofort zusammen und begann zu schluchzen. Bau-tschan, die jemanden von ‚ihrer Seite‘ sah, rief aus: „Die Herrin war so freundlich zu Hsiang-ling! Sie teilte sogar ihr eigenes Zimmer mit ihr! Doch Hsiang-ling nutzte die erstbeste Gelegenheit, um sie zu vergiften!“ Die Familie Hsüä und die Diener erhoben einen Ruf des Protestes: „Unsinn! Wer hatte denn die Suppe gekocht, die Frau Pan trank, bevor sie zusammenbrach?“ „Ich kochte und servierte sie“, sagte Bau-tschan, „doch dann mußte ich gehen und einen Botengang erledigen. Hsiang-ling muß in der Zeit, als ich weg war, das Gift hinein getan haben.“ Bevor Bau-tschan zu Ende gesprochen hatte, wollte Djin-guees Mutter Hsiang-ling packen und konnte nur mit großer Mühe der Diener zuückgehalten werden. Frau Hsüä sprach als nächste: „Das sieht sehr stark nach einer Arsenvergiftung aus. Gewöhnlich haben wir kein Arsen im Haus. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, er muß jemanden beauftragt haben, das Gift in der Stadt zu besorgen. Die Wahrheit wird sich bei der Untersuchung zeigen. Nun, wir richten sie besser her und legen sie vorsichtig für die Kriminalpolizei bereit.“ Die alte Magd trat vor, hob Djin-guee hoch und legte sie zurecht. „Mit so vielen Männern hier“, sagte Bau-tschai, „solltet ihr besser den ganzen Weiber-Schnickschnack wegräumen.“ Während sie aufräumten, kam ein kleines, zerknittertes Papierpäckchen unter der Matratze auf dem Ofenbett zum Vorschein. Djin-guees Mutter erblickte es und hob es auf, um es näher zu betrachten. Es war leer und sie warf es wieder runter. Bau-tschan sah es trotzdem und rief aus: „Seht! Da ist der Beweis! Ich kenne dieses Päckchen. Vor einigen Tagen hatten wir jede Menge Ärger mit Mäusen und als Frau Pan auf dem Weg nach Hause war, bat sie ihren Bruder, etwas Gift zu kaufen. Es war in diesem Päckchen. Ich erinnere mich, wie sie es bei ihrer Rückkehr in einem ihrer Schmuckkästchen verstaute. Hsiang-ling muß es dort gesehen haben und benutzte es, um Frau Pan zu vergiften. Wenn ihr mir nicht glaubt, schaut in das Schmuckkästchen und seht, ob etwas übrig ist.“ Djin-guee tat dies. Sie öffnete das Schmuckkästchen, welches bis auf ein Paar silberner Haarklammern leer war. „Was ist aus ihrem ganzen Schmuck geworden?“, fragte Frau Hsüä überrascht. Bau-tschai trug den Dienern auf, die Schränke und Truhen zu öffnen. Alles war leer. „Wer kann das alles an sich genommen haben?“, fragte sie. „Wir sollten besser Bau-tschan befragen.“ Djin-guees Mutter wurde plötzlich sehr besorgt. „Warum sollte Bau-tschan über die Sachen meiner Tochter Bescheid wissen?“ protestierte sie. „Nun kommen sie, Herrin“, warf Dschou Juees Frau ein, „das ist eine unsinnige Frage. Fräulein Bau-tschan war die ganze Zeit mit Frau Pan zusammen. Natürlich wird sie es wissen.“ Bau-tschan konnte ihre Betroffenheit sehen und mußte die Wahrheit sagen:„Die Herrin hat öfter Sachen mit zu ihrer Mutter nach Hause genommen. Ich konnte nichts daran ändern.“ Ein Raunen der Entrüstung kam aus dem Hsüä-Lager: „Da haben wir es. Wirklich, Frau Hsia! Eine feine Mutter sind sie! Trägt ihrer Tochter auf, bei uns Sachen zu stehlen; und wenn der Nachschub ausbleibt, zwingt sie sie, Selbstmord zu begehen, daß sie uns so erpressen kann! Das wird die Beamten bei der Untersuchung sicher sehr interessieren!“ „Geht hinaus“, sagte Bau-tschai, „und sagt Herrn Liän, „daß die Hsia Pan auf keinen Fall gehen darf.“ Djin-guees Mutter war nun in einem Zustand extremer Beklommenheit und verfluchte Bau-tschan ohne Umschweife: „Du kleines Flittchen! Du Lästermaul! Wann hat meine Tochter jemals etwas von euch gestohlen?“ „Stehlen ist nichts“, erwiderte Bau-tschan gelassen, „im Vergleich zu Mord. Ich lasse mich nicht Mörderin nennen, um einen Diebstahl zu verschleiern.“ – „Wenn wir die vermißten Sachen finden, werden wir wissen, wer der Mörder ist“, sagte Bau-tjin. „Es soll schnell jemand Liän herholen. Er kann diesen Hsia-Jungen über den Kauf des Arsens befragen. Bei der Untersuchung müssen sie das wissen.“ Djin-guees Mutter geriet in Panik: „Bau-tschan muß besessen sein, so einen Schwachsinn zu erzählen! Wann hat meine Tochter jemals Arsen gekauft? Wenn ihr mich fragt, war es Bau-tschan selbst!“ – „Das geht zu weit!“ schrie Bau-tschan wild. „Das höre ich mir nicht an, – nicht von euch! Ihr beide wart es doch, die Frau Pan ständig erzählt habt, sie solle für ihre Rechte eintreten! Ihr wart es, die Ihr sie angewiesen habt, das Leben von Herrn Pans Familie unerträglich zu machen und dann, als sie ruiniert waren, mit der letzten Kleinigkeit im Haus zu verschwinden und dann einen anständigen Ehemann zu finden! Leugnet ihr das?“ Bevor Djin-guees Mutter antworten konnte, rief Dschou Juees Frau begeistert: „Von ihrer eigenen Dienerin angezeigt! Nun, was haben Sie zu Ihrer Verteidigung noch zu sagen?“ Djin-guees Mutter verfluchte Bau-tschan wieder und sagte bitter mit knirschenden Zähnen: „Habe ich dich nicht gut behandelt? Willst du mich ins Grab jagen? Bei der Untersuchung werde ich beweisen, daß du es warst!“ Bau-tschan funkelte sie wütend an und wandte sich dann an Frau Hsüä: „Bitte befreit Hsiang-ling, Madam. Es gibt keinen Grund, eine unschuldige Person so zu behandeln. Bei der Untersuchung werde ich die ganze Wahrheit erzählen.“ Bau-tschai wies die Diener umgehend an, Bau-tschan zu befreien und sagte: „Nun komm, Bau-tschan, du warst immer ein aufrichtiges Mädchen! Laß dich nicht in solche Machenschaften mit reinziehen! Du wirst dafür nur leiden müssen. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag’ es uns bitte! Sag’ uns die Wahrheit, und die ganze Angelegenheit kann bereinigt werden!“ Bau-tschan fürchtete, bei der Untersuchung gefoltert zu werden und gab zuletzt nach: „Jeden Tag beschwerte sich Frau Pan darüber, wie übel ihr das Leben mitspielte. ‚Warum hat mich so eine dumme Mutter geboren?‘ sagte sie. ‚Anstatt guten Willen zu zeigen und mich mit Herr Ke zu verheiraten, wählte sie diesen dummen Trottel von Vetter für mich! Ich würde dafür sterben, nur einen Tag mit Herr Ke verbringen zu können!‘ Und dann sagte sie immer, wie sehr sie Hsiang-ling hassen würde. Ich habe zuerst nicht weiter zugehört und bemerkte erst später, wie freundlich sie auf einmal zu Hsiang-ling war, und ich vermutete, daß Hsiang-ling sich irgendwie wieder ihre Gunst erworben hatte. Ich dachte, Frau Pan hätte ihr die Suppe als nette Geste gemacht. Dann entdeckte ich, daß sie etwas ganz Anderes im Sinn hatte! Etwas Schreckliches!“ „Das ergibt überhaupt keinen Sinn!“ unterbrach sie Djin-guees Mutter. „Wenn du sagst, daß sie vorhatte, Hsiang-ling das Gift zu verabreichen, wie kam es dann dazu, daß sie das Gift selbst eingenommen hat?“ Bau-tschai wandte sich an Hsiang-ling: „Erzähl’ uns, was gestern passiert ist, Hsiang-ling. Hast du von der Suppe getrunken?“ „Vor ein paar Tagen“, begann Hsiang-ling, „als ich so krank war, daß ich kaum meinen Kopf heben konnte, bot Frau Pan mir an, etwas Suppe zu holen. Ich wagte nicht abzulehnen und bemühte mich, mich aufzurichten, als sie auf dem Weg stolperte und die Suppe auf dem Boden verschüttete. Es bereitete ihr viel Mühe, alles sauber zu machen, und ich war sehr traurig, die Ursache dafür zu sein. Dann hatte sie mir gestern wieder Suppe angeboten und, obwohl ich glaubte, daß ich keinen Schluck davon runter bekäme, entschloß ich mich, sie zu probieren. Ich wollte gerade etwas davon trinken, als mir plötzlich schwindelig wurde. Ich erinnere mich vage, Bau-tschan gesehen zu haben, wie sie die Suppe wegbrachte und war erleichtert, sie nicht trinken zu müssen. Doch dann, als ich gerade wieder aufwachte, kam Frau Pan und bat mich, sie trotzdem zu probieren. Sie trank selbst eine Schale davon. Ich versuchte mit aller Kraft, ein paar Schlucke davon hinunterzube­kom­men ...“ „Das ist es!“, rief Bau-tschan, Hsiang-ling kaum die Gelegenheit gebend, zum Ende zu kommen. „Jetzt laß mich die Szene für dich zu Ende beschreiben! Gestern trug mir Frau Pan auf, zwei Schüsseln Suppe zu machen, eine für sie und eine für Hsiang-ling. Ich hatte die Nase voll davon, das Hsiang-ling ihr so wichtig war. Es reichte mir schon, auf sie warten zu müssen. Deshalb hatte ich in eine der Schüsseln extra viel Salz gegeben und machte eine geheime Markierung an der Seite mit der Absicht, die Schüssel Hsiang-ling zu geben. Sobald ich die Suppe gebracht hatte, trug mir Frau Pan auf, zu gehen und von den Jungen eine Kutsche bestellen zu lassen, sie wollte bei sich zu Hause noch einen Besuch abstatten. Ich ging hinaus, und als ich meinen Auftrag erfüllt hatte, sah ich Frau Pan dort sitzen mit der versalzenen Schüssel vor sich. Ich hatte Angst, daß sie, wenn sie schmeckte, wie salzig sie war, sehr böse mit mir sein würde. Ich überlegte, was zu tun sei, als Frau Pan glücklicherweise den Raum für einen Moment verließ, um sich zu erleichtern und so konnte ich die Schüsseln austauschen. Es muß wohl Schicksal gewesen sein, daß ich dies tat. Als Frau Pan zurück kam, brachte sie die versalzene Suppe an Hsiang-lings Bett und bat sie, etwas davon zu trinken, trank dabei aus ihrer eigenen Schüssel, die eigentlich für Hsiang-ling bestimmt war. Hsiang-ling schien das Salz nicht zu bemerken, und sie leerten beide ihre Schüsseln. Ich lachte zu mir selbst und dachte, was für einen harten Gaumen Hsiang-ling haben mußte. Ich hatte nicht wahrgenommen, daß Frau Pan vorhatte, Hsiang-ling zu vergiften und das Arsen hineingestreut hatte, während ich aus dem Zimmer war. Und sie wußte nicht, daß ich die Schüsseln ausgetauscht hatte. Wie das Sprichwort sagt: ‚Das Schicksal bestimmt den Lauf der Dinge, Der Sünder stirbt durch seine eigene Hand!’“ Sie dachten über die Details von Bau-tschans Geschichte nach, und es erschien ihnen plausibel und stimmig. Sie ließen Hsiang-ling frei und halfen ihr zurück ins Bett. Djin-guees Mutter wurde in der Zeit von Minute zu Minute ängstlicher und überlegte krampfhaft, wie sie Bau-tschans Beschuldigungen widerlegen könnte. Nach einer ausgiebigen Diskussion folgerten Frau Hsüä und die anderen Familienmitglieder, daß unter diesen Umständen Hsia San der Einzige war, dem eine Verantwortung als Djin-guees Komplize zugesprochen werden konnte. Sie debattierten immer noch erhitzt darüber, wie man damit umgehen sollte, als sie Djia Liän von draußen rufen hörten: „Kein Gerede mehr! Haltet das Zimmer ordentlich. Die Polizei ist gleich da.“ Frau Hsia und ihr Sohn waren verzweifelt. Es schien unvermeidbar, daß sie bei der Untersuchung schlecht dastehen würden. Zuletzt sah Frau Hsia keinen anderen Ausweg, als sich bittend an Frau Hsüä zu wenden: „Egal, wie es ausgeht, meine Tochter scheint von ihrem Weg abgekommen zu sein und hat das bekommen, was sie verdient hat. Bei der Untersuchung wird es auch für unsere Familie schlecht aussehen. Ich bitte euch, laßt die Anklage fallen.“ – „Das geht nicht mehr!“, sagte Bau-tschai ein. „Es wurde bereits berichtet. Wir können die Anklage jetzt nicht mehr fallen lassen.“ Frau Dschou bot ihre Dienste als Vermittlerin an: „Die einzige Möglichkeit, die Anklage fallen zu lassen, wäre, wenn Frau Hsia selbst gehen und fragen würde, ob die Untersuchung unterlassen werden könne. In diesem Fall würden wir keine Einwände erheben.“ Hsia San, der draußen festgehalten wurde, wurde von Djia Liän eingeschüchtert und stimmte zu, den Beamten abzufangen und eine schriftliche Bitte um die Unterlassung der Untersuchung einzureichen. Auch die anderen stimmten diesem Verlauf zu. Frau Hsüä gab Anweisungen, einen Sarg zu besorgen und alle Begräbnisangelegenheiten zu arrangieren. Doch hiervon wollen wir nicht weiter berichten. Djia Yü-tsun wurde in der Zeit zum Bürgermeister der hauptstädtischen Präfektur befördert, mit der zusätzlichen Verpflichtung eines Steuereintreibers. Eines Tages machte er einen Besichtigungsgang zu einem landwirtschaftlichen Bereich, der erst neulich urbar gemacht worden war, und sein Gang führte ihn zu einem Dorf an einem schnell dahinströmenden Fluß. Als er gerade den Fluß überqueren wollte, hielt er seine Sänfte am Ufer an und wartete auf seine Diener, daß sie den Anschluß fänden und alle zusammen die Fähre zum anderen Ufer nehmen könnten. Er bemerkte einen kleinen, eingestürzten Tempel im Außenbezirk des Ortes, mit einigen knorrigen, alten Fichten, deren Zweige durch die Ruinen stachen, wodurch ein urtümliches Bild entstand. Er stieg aus seiner Sänfte und wanderte gemächlichen Schrittes zum Tempel. Die Goldschicht blätterte von einer Statue und die Säulen standen schief, an der Seite war die Mauer zerbröckelt. Auf der einen Seite stand eine zerbrochene Steintafel mit einer verschlissenen und kaum lesbaren Inschrift. Yü-tsun überquerte den Hinterhof in Richtung der Hinterhalle des Tempels, als er im Schatten eines Zypressenbaumes ein alte Hütte mit einem Strohdach sah und in dieser Hütte einen dauistischen Mönch, der dort mit geschlossenen Augen saß und meditierte. Wie er sich ihm näherte und ihm ins Gesicht schaute, war Yü-tsun überrascht von der merkwürdigen Bekanntheit, von dem Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben, – doch wo, daran konnte er sich nicht erinnern. Seine Begleiter wollten den Dauisten gerade unsanft aus seiner Meditation wecken, doch Yü-tsun unterband dies, kam respektvoll näher und sprach ihn dann mit den Worten an: „Ehrwürdiger Meister!“ Der Dauist öffnete die Augen und lächelte schwach. „Was führt euch hierher, Herr Beamter?“ „Ein Besichtigungsauftrag hat mich hergebracht und lief hier vorbei“, antwortete Yü-tsun. „Sie, Meister, in Meditation versunken zu sehen und von der Tiefgründigkeit Ihrer geistigen Kenntnisse ausgehend, bitte ich Sie demütigst um einige Worte der Wahrheit.“ – „Es gibt immer einen Ort, woher ein Mensch kommt, und es gibt immer eine Richtung, wohin er geht.“ Yü-tsun spürte, daß den alten Mann ein Hauch von Tiefgründigkeit umwehte. Mit einer tiefen Verbeugung fragte er: „Welcher Schule gehört Ihr an, Meister? Wie lautet der Name des Tempels, in welchem Sie Ihren Wohnsitz haben? Wie viele leben dort? Wenn sie ein reines Leben voll Besinnung suchen, wäre dann nicht der geheiligte Berg ein geeigneterer Ort, um dort zu verweilen, wäre der geschäftige Durchgangsverkehr nicht angemessener?“ „Ein Flaschenkürbis reicht für meinen Bedarf“, antwortete der Dauist. „Warum sollte ich meine Hütte auf einem berühmten Berg bauen? Und für diesen Tempel reicht eine kleine, verfallene Hütte, um an seinen lang vergessenen Ursprung zu erinnern. Und warum sollte ich mich bemühen, gute Taten zu verrichten, wenn Gestalt und Schatten sich genügen? Ich bin kein ‚Juwel im Kasten’, das auf einen Käufer wartet, keine ‚Jadenadel im Schmuckkästchen, die auf ihre Zeit zum Fliegen wartet’.“ Yü-tsun war stets sehr klug gewesen. Der Bezug zum „Flaschenkürbis“ und zu seinem eigenen Reimpaar (geschrieben, als er ein armer Untermieter im Flaschenkürbistempel in Su-dschou war) erinnerte ihn sofort an seinen Nachbarn aus vergangenen Zeiten, den alten Dschën Schï-yin. Als er den Dauisten wieder näher betrachtete, erkannte er ihn und sah, daß das Gesicht seines alten Gönners sich nicht verändert hatte. Er entließ seine Begleitung. „Sagen Sie mir die Wahrheit, Herr“, fragte er im Vertrauen, als sie allein waren, „sind sie nicht der alter Herr Dschën?“ Ein beruhigendes Lächeln zeichnete sich auf dem Gesicht des alten Mannes ab. „Was ist Wahrheit, und was ist Dichtung? Du mußt verstehen, daß Wahrheit Dichtung ist und Dichtung Wahrheit.“ Yü-tsuns Gewißheit wurde von der Tatsache erhärtet, daß die Sprache des alten Mannes voller Wortspiele war, Dschën stand für „Wahrheit“ und Djia für „Dichtung“. Er verbeugte sich von Neuem und sagte: „Ihre enorme Großzügigkeit befähigte mich, in die Hauptstadt zu reisen und Glück zu erfahren und dank Ihres Segens, der mit meinem Examen gekrönt wurde, wurde ich in die Nähe der Gegend berufen, in welcher Sie nun leben. Das war, als ich das erste Mal erfuhr, daß Sie eine große Erleuchtung erfahren und der Welt entsagt hätten, um in die Sphäre der Unsterblichen aufzusteigen. Obwohl ich mich zunächst fürchtete, Ihren Aufenthaltsort aufzusuchen, kam ich endlich zu dem Schluß, daß ein gewöhnlicher Laie wie ich, beschmutzt vom Staub der sterblichen Welt, nicht noch einmal die Gelegenheit bekäme, Ihr heiliges Gesicht zu erblicken. Wie gesegnet ich bin, Ihnen wieder begegnet zu sein! Ich flehe Sie an, heiliger Mann, mich von meiner umnachteten Unwissenheit zu befreien. Wenn Sie sich dazu herablassen, meiner Bitte entgegen zu kommen, erlauben Sie mir, Ihnen anzubieten, mit zu meinem Wohnsitz in der Nähe der Stadt zu kommen, daß mir Ihre Weisheit täglich zugute kommen kann.“ Der Dauist erhob sich und erwiderte die Verbeugung: „Über meine Gebetsmatte hinaus“, antwortete er, „weiß ich nichts. Von dem, was Euer Ehren soeben gesprochen haben, habe ich nicht ein Wort verstanden.“ Er setzte sich wieder hin. Yü-tsun begann zu zweifeln. ‚Aber natürlich‘, dachte er bei sich, ‚muß er es sein! Das Gesicht und die Stimme sind so bekannt! Nach diesen neunzehn Jahren ist sein Aussehen fast unverändert. Möglicherweise hat er einen hohen Grad geistiger Bildung erreicht und ist deshalb unwillig, sein wahres Selbst preiszugeben. Er hält sich selbst für einen neuen Menschen. Doch er ist mein Wohltäter. Jetzt, da ich ihn wiedergefunden habe, muß ich ihm irgendwie meine Dankbarkeit zeigen. Wenn materielle Dinge ihn nicht bewegen können, hoffe ich, daß es wenigstens die Erwähnung seiner Frau und seines Kindes vermögen.‘ Nachdem er dies überlegt hatte, sagte er: „Heiliger Mann, ich kann Ihren Unwillen verstehen, weitere Auskünfte über sich zu geben. Doch könnten Sie Ihrem Schüler nicht ein Zeichen des Wiedererkennes gewähren?“ Er wollte sich eben niederwerfen, als seine Begleiter kamen, um anzukündigen, daß es bereits spät war und er sofort den Fluß überqueren solle. Yü-tsun zögerte, dann sprach der Dauist wieder zu ihm: „Gelangt geschwind auf die andere Seite, Euer Ehren. Wir werden uns wieder begegnen. Zögern Sie länger, wird ein Sturm aufkommen. Wenn Sie sich wirklich dazu herablassen, wiederzukommen, freue ich mich, Sie hier an der Furt wieder zu sehen.“ Er schloß seine Augen und versank wieder in Meditation. Yü-tsun verabschiedete sich widerwillig und verließ den Tempel. Er hatte gerade das Flußufer erreicht und bereitete sich auf die Überfahrt mit der Fähre vor, als er jemanden auf sich zu rennen sah. Um herauszufinden, wer es war, muß man das nächste Kapitel lesen. 104. Der Betrunkene Diamant ist wieder auf freiem Fuß – ein Winzling verursacht einen mächtigen Sturm Unser junger, verwirrter Edelmann erinnert sich schmerzlich verflossener Liebe.

„Der Tempel, den sie so eben besucht haben, hat Feuer gefangen, Herr!“ Djia Yü-tsun drehte sich um, sah, wie die Flammen vom Boden hervorsprangen und eine Wolke wirbelnder Asche den Himmel verdunkelte. ‚Wie außergewöhnlich!‘, dachte er bei sich. ‚Ich habe den Ort gerade eben verlassen und bin nur eine kurze Strecke Wegs gelaufen. Wie kann so ein Feuer ausgebrochen sein? Was ist, wenn der alte Herr Dschën darin umgekommen ist?’ Wären sie umgekehrt, um dies zu erkunden, hätten sie die Fähre verpaßt. Auf der anderen Seite fühlte er sich ruhelos, überhaupt nicht mehr dorthin zurückgehen zu können. Nach einem Moment des Nachdenkens fragte er den Mann: „Hast du mitbekommen, ob der alte Dauist entkommen konnte?“ – „Ich war nicht weit hinter Ihnen, Herr. Ich hatte Bauchschmerzen und lief etwas langsamer, da schaute ich zurück. Als ich die Flammen sah, und feststellte, daß der Tempel brannte, lief ich so schnell ich konnte, um es Ihnen zu sagen. Ich habe aber niemanden aus den Flammen laufen gesehen.“ Obwohl ihn sein schlechtes Gewissen quälte, war Yü-tsun ein Mann, dessen Karriere an erster Stelle stand und er hielt es für unangemessen (und lästig), sich zu sehr damit zu beschäftigen. „Warte hier, bis das Feuer sich gelegt hat!“, sagte er dem Diener, „dann geh zurück und sieh, ob du eine Spur von dem alten Mann findest! Berichte mir umgehend davon!“ – „Ja, Herr.“ Unwillig blieb der Mann zurück, um die Anweisungen auszuführen. Djia Yü-tsun überquerte den Fluß und setzte seinen Besichtigungsgang fort, bis sie nach einigen Anlegestellen ihre vorgesehene Unterkunft erreicht hatten. Am nächsten Morgen waren seine Pflichten erfüllt, und er wurde von dem üblichen Gewimmel an Läufern am Stadttor begrüßt, die ihn mit sehr viel Lärm und Getöse durch die Straßen führten. Auf dem Weg hörte er in seiner Sänfte einen der Schreier einen Streit auf der Straße austragen und fragte, was denn los sei. Der Diener, der den Weg freihielt, zog den Schreier herbei, kniete nieder und gab folgenden Bericht von dem Zwischenfall:

Aus: Jinyuyuan 1889b. „Anstatt dem Herren aus dem Weg zu gehen, lief dieser Trunkenbold direkt vor eure Sänfte. Ich sagte ihm er solle von der Straße gehen, doch er antwortete betrunken und unverschämt, warf sich in der Mitte der Straße auf den Boden und beschuldigte mich, ihn geschlagen zu haben.“ Djia Yü-tsun antwortete: „Dieser ganze Bezirk hier obliegt meiner Aufsicht, wie Sie wissen, und jeder Bewohner fällt unter meine Rechtsprechung. Sie, Herr, dürften dies nur allzu gut wissen und müßten über meine Präsenz in dieser Gegend unterrichtet sein. In Ihrem betrunkenen Zustand war das Geringste, was Sie tun konnten, mir aus dem Weg zu gehen. Doch stattdessen haben Sie die Straße mit Ihrer widerlichen Person beschmutzt und besaßen dann noch die Frechheit, einen meiner Männer zu beschuldigen! Nehmen Sie Stellung dazu!“ „Meinen Wein habe ich selbst gekauft“, grummelte der Mann, „und wenn ich betrunken auf der Straße liege, so ist das der Boden des Kaisers.“ – „Dieser Mann scheint zu glauben, er stünde über dem Gesetz!“ stieß Djia Yü-tsun wütend hervor. „Wie ist sein Name?“ – „Ni Er“, antwortete der Mann, „doch man nennt mich den Betrunkenen Diamanten.“ Djia Yü-tsun war wütend. „Verabreicht diesem Diamenten eine ordentliche Tracht Prügel,“ befahl er grimmig und fügte mit einem bösen Wortspiel hinzu: „Mal sehen, ob er so hart wie ein Diamant ist!“ Seine Begleiter warfen Ni Er zu Boden und verabreichten ihm ein paar heftige Schläge mit der Peitsche. Als er den Schmerz spürte, wurde er nüchtern und und begann, um Gnade zu flehen. Yü-tsun lachte von seiner Sänfte laut zu ihm: „Diamant, in der Tat! Laßt ihn erst einmal in Ruhe. Bringt ihn zurück in den Yamen. Wir können ihn dann bei Gelegenheit befragen.“ Die Diener nickten, fesselten Ni Er und drängten ihn hinter die Sänfte, seine Bitte um Gnade dabei überhörend. Yü-tsun ging zuerst in den Palast, um von seinem Gang zu berichten und kehrte dann in seinen Yamen zurück, wo das tägliche Geschäft ihn verschlang. Er war zu beschäftigt, um über Ni Er nachzudeken. Doch die Zuschauer, die das Auspeitschen auf der Straße verfolgt hatten, verloren keine Zeit, die Geschichte ihren Freunden zu erzählen, und es verbreitete sich schnell die Neuigkeit, daß Ni Er, der Kräftige, der sich oft betrunken mit anderen anlegte, heute an den Bezirksvorsteher Djia geraten war. Das Gerücht erreichte schnell seine Frau und Tochter und, da er nicht nach Hause kam, befürchtete seine Tochter das Schlimmste und suchte alle Spielhallen nach ihm ab. Seine Kumpane bestätigten die Geschichte, und seine Tochter war vor Sorgen in Tränen aufgelöst, als sie bedachte, was ihrem Vater geschehen sein könnte. „Nimm es nicht so schwer, Fräulein!“, sagten sie, „dieser Herr Djia ist mit den Jung-guo-Djias verwandt. Und ist nicht der junge Djia Yün ein Freund deines Vaters? Warum bittest du und deine Mutter ihn nicht, ein gutes Wort für deinen Vater einzulegen? Das sollte reichen.“ Ni Ers Tochter dachte darüber nach. „Sie haben recht. Vater erwähnte oft, wie gut er mit diesem Herr Djia Yün nebenan zurecht käme. Vielleicht sollte ich bei ihm vorbeischauen.“ Sie eilte nach Hause, erzählte es ihrer Mutter, und beide suchten am nächsten Morgen gemeinsam Djia Yün auf. Er war an diesem Tag zufällig zu Hause und ließ beide herein, während seine Mutter einer jungen Magd auftrug, ihnen Tee zu servieren. Sie erwähnten die Geschichte von Ni Ers Verhaftung und baten Djia Yün, bei seiner Befreiung zu helfen. „Natürlich!“ stimmte Djia Yün ohne zu Zögern zu. „Überhaupt kein Problem. Ich gehe zum Jung-guo-Anwesen, erzähle es ihnen, und die Sache wird bald geregelt sein. Dieser Bezirksvorsteher Djia hat alles seiner Beziehung mit den Jung-guo-Djias zu verdanken. Ein Wort von ihnen, und Ni Er ist wieder ein freier Mann!“ Ni Ers Frau und Tochter kehrten voller Erwartung nach Hause zurück. Sie besuchten Ni Er im Yamen, wo er gefangen gehalten wurde und überbrachten ihm die Neuigkeiten, daß er dank des Eingreifens von Djia Yün und der Familie Djia in Kürze freigelassen würde. Ni Er war sichtlich erleichtert. Unglücklicherweise hatte Djia Yün, dessen vorige Angebote von Hsi-fëng zurückgewiesen wurden, nicht gewagt, sie wieder zu besuchen und hatte seitdem nicht einen Fuß in das Jung-guo-Anwesen gesetzt. Die Männer am Jung-guo Tor behandelten Besucher so, wie es ihrem Verhältnis zur Familie gebührte. Wenn die Familie eine höfliche und respektvolle Person erwartete, wurde diese willkommen geheißen und sofort eingelassen; wenn eine Person auf der anderen Seite allerdings abweisend gewesen war, nahmen die Diener schnell ihren Stab an sich. Wenn so eine Person sich wieder meldete, sogar wenn sie verwandt war, lehnten sie es ab, ihre Ankunft anzukündigen und schickten sie ohne weitere Mühe fort. Als Djia Yün nun auftauchte und Djia Liän begrüßen wollte, erhielt er einen sehr gelassenen Empfang am Tor: „Liän ist nicht da. Wenn er nach Hause kommt, werden wir ihm berichten, daß Sie sich gemeldet haben.“ Djia Yün hätte darauf bestanden, Frau Liän zu sehen, doch war er zu verängstigt, die Torhüter weiter zu reizen und hatte keine andere Möglichkeit, als nach Hause zu gehen. Er mußte eine weitere Belästigung von Ni Ers Frau und Tochter am nächsten Tag erdulden: „Aber Herr Yün! Wir dachten, ihr sagtet, die Djias könnten alles, was sie wollten, von jedem bekommen! Sie sind aus ihrer Familie, und es ist nichts Großes, danach zu fragen. Sie können nicht versagt haben! Sie können uns doch nicht so hängen lassen!“ Djia Yün fühlte sich erniedrigt und versuchte, sich herauszumogeln: „Gestern waren meine Verwandten zu beschäftigt, um jemanden zu schicken. Doch ich bin sicher, sie werden heute etwas tun, und dann wird Ni Er freikommen. Es gibt wirklich keinen Grund zur Sorge.“ Ni Ers Frau und Tochter konnten also nur abwarten, um zu sehen, wie die Sache sich entwickelte. Djia Yün, dem es nicht gelungen war, im Jung-guo-Haus Eintritt zu erhalten, versuchte es nun über den Hintereingang durch den Garten in der Hoffnung, Bau-yü anzutreffen. Zu seiner Überraschung fand er das Gartentor verschlossen und mußte wieder niedergeschlagen und enttäuscht nach Hause zurückkehren. ‚Es war erst vor ein paar Jahren, daß Ni Er mir das Geld geliehen hat‘, dachte er bei sich, ‚ich benutzte es, um Frau Liän ein Geschenk aus Kampfer und Moschus zu besorgen, und als Ergebnis teilte sie mir die Arbeit zu, Bäume zu pflanzen. Doch wo ich mir jetzt keine Geschenke mehr leisten kann, zeigt sie mir die kalte Schulter. Sie hat nichts, worauf sie stolz sein kann, als Geld zu verleihen – Geld, das wird in der Familie weitergegeben – , während ein armer Hausstand wie wir sich nicht einen Tael borgen kann, wenn er ihn braucht. Ich nehme an, sie hält sich für klug, sich mit diesem kleinen Notgroschen die Zukunft zu sichern. Sie weiß noch nicht einmal, was für einen stinkenden Ruf sie sich erworben hat. Wenn ich meinen Mund geschlossen halte, ist alles schön und gut; doch wenn ich den Leuten sage, was ich weiß, wird sie vor Gericht für mehr als ein Leben büßen müssen.‘ Er sah Ni Ers Frau und Tochter auf ihn warten, als er zurückkahm, und dieses Mal mußte er auf eine wohlformulierte Art zugeben, daß seine Mission gescheitert war. „Die Djias haben jemanden geschickt, um ein Wort für Ni Er einzulegen, doch ich fürchte, Bezirksvorsteher Djia wird ihn nicht freilassen. Ihr könntet mehr Glück haben, wenn ihr es bei Herrn Lëng Dsï-hsing versucht. Er ist mit Dschou Juee verwandt und arbeitet für die Djias.“ – „Was soll denn schon ein Diener ausrichten“, beklagte sich Ni Ers Familie, „wenn ein respektables Familienmitglied wie Sie nichts für uns tun können?“ Djia Yün war dies sehr peinlich. „Was ihr nicht zu erkennen scheint“, protestierte er entrüstet, „ist, daß die Diener meist größeren Einfluß haben als ihre Herren!“ Ni Ers Frau und Tochter sahen, daß sie nur ihre Zeit mit ihm verschwendeten. „Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet für all die Mühe, die wir ihnen bereitet haben, Herr Yün“, murrten sie sarkastisch, „wenn Vater frei ist, wird er sich gewiß noch selbst bedanken.“ Sie gingen ihrer Wege.