Hongloumeng/de/Chapter 105

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Kapitel 105

锦衣军查抄宁国府 / 骢马使弹劾平安州

ag, als Wang Örl hereingebracht wurde mit den Händen auf dem Rücken.“ „Beeilt euch, Fräulein“, sagte er mir, „geht hinein und sagt der gnädigen Herrin sie solle sich verstecken. Der Prinz sei dabei, unseren Besitz zu durchsuchen! Ich starb beinahe vor Angst. Ich ging in unsere Gemächer, um ein paar wichtige Dinge zu retten und lief in einen Gang voller Banditen, die mich aus dem Weg stießen. Ihr solltet Euch besser beeilen und alle Kleider und Dinge einsammeln, bevor es zu spät ist.“ Die Damen Hsing und Wang waren völlig entgeistert; Hsi-fëng hörte mit weit aufgerissenen Augen zu, als Ping-örl die Geschichte erzählte, fiel dann mit zurückgeworfenem Kopf auf den Boden und wurde ohnmächtig. Die Herzoginmutter brach in eine Flut von Tränen aus, bevor Ping-örl zu Ende erzählen konnte, und war zu bestürzt, um irgendetwas zu veranlassen. Der ganze Raum war in einem Zustand völliger Verwirrung, und die Diener rannten in Panik durcheinander, Dinge zusammenklaubend, als plötzlich noch mehr Schreie von draußen zu vernehmen waren: „Alle Frauen sollen sich zurückziehen! Seine Hoheit, der Prinz, nähert sich!“ Bau-tschai und Bau-yü konnten nur hilflos zusehen, wie die Mägde und Ammen in alle Richtungen flohen. Als nächstes kam Djia Liän angerannt und keuchte: „Alles ist gut! Der Prinz hat uns gerettet“ Sie wollten ihn fragen, was geschehen war, doch Djia Liän war selbst zu sehr von der allgemeinen Hysterie angesteckt, um überhaupt irgendeine Information übermitteln zu können. Zuerst sah er, wie Hsi-fëng bewußtlos auf dem Boden lag, und er schrie um Hilfe. Dann sah er, daß die Herzoginmutter ebenfalls von dem Schock erblichen war und fürchtete das Schlimmste. Ping-örl gelang es zusammen mit einer anderen Magd, Hsi-fëng aufzuhelfen. Während die Herzoginmutter, als sie ihr Bewußtsein wiedererlangte, ans Ofenbett gelehnt schluchzte, um Atem ringend, als würde sie jeden Moment wieder ohnmächtig,gab Li Wan ihr Bestes, sie zu trösten. Djia Liän war zuletzt genug erholt, um ihnen von den Ereignissen zu berichten, die stattgefunden hatten und von der Freundlichkeit der beiden Prinzen. Dennoch hielt er die Neuigkeiten von Djia Schës Verhaftung zurück, da er fürchtete, es könnte der Herzoginmutter und der Dame Hsing einen zu großen Schock bereiten. Dann schaute er nach, in welchem Zustand seine eigenen Gemächer waren und fand Truhen und Kisten geöffnet und geplündert. Es war beinahe nichts übrig. Er blickte sich entsetzt um, und Tränen rannen aus seinen Augen. Er hörte, wie man draußen seinen Namen rief und ging hinaus, um Djia Dschëng mit den zwei Prinzen und dem Beamten zu finden, wie sie das Inventar an sich nahmen. Die Gegenstände wurden einer nach dem anderen von jemandem aufgerufen: „Hundertdreiundzwnahzig Stück Rotgold-Schmuck mit vollständigem Perlenbesatz, Dreizehn Perlenketten, Zwei Silbergoldteller, Zwei Goldschüsseln mit aufwendiger Verzierung, Vierzig goldene Löffel, Achtzig große Silberschüsseln, Zwanzig Silberteller, Zwei Elfenbeinstücke mit je drei Goldverzierungen darauf, Vier vergoldete Kannen, Drei Paar vergoldete Spucknäpfe, Zwei Teeservier-Tabletts, Sechsundsiebzig Silbertellerchen, Sechsunddreißig Silber-Schnapsbecher, Achtzehn schwarze Fuchsfelle, Sechs blaugrüne Fuchsfelle, Sechsunddreißig Seeotterfelle, Dreißig Gelbfuchsfelle, Zwölf Luchsmakaken, Drei Fuchsfelle mit gelb-schwarzen Troddeln, Sechzig graue Felle ausländischer Herkunft, Vierzig Felle von grauen Fuchsläufen, Zwanzig tiefbraunrote Schaffelle, Zwei Marderfelle, Zwei Bünde Fell von Gelbfuchsläufen, Zwanzig Stücke Polarfuchsfell, Dreißig Längen ausländisches Wollgewebe, Dreiundzwanzig Längen Sergegewebe, Zwölf Längen ausländisches Florgewebe, Zehn Fellrollen von Dufteichhörnchen, Vier Quadrate Maulwurffelle, Eine Rolle Samt, Ein Quadrat Sika-Hirschfell, Zwei aus Fuchshinterkopf und -hinterteil zusammengenähte Fellrollen, Eine Fellrolle von Marderhundwelpen, Sieben Stück Gewebe aus grünen Daunen von Wildentenköpfen, Einhundertsechzig Graumausfelle, Acht Dachsfelle, Sechs Tigerfelle, Drei Seehundfelle, Sechzehn Seeotterfelle, Vierzig graue Schaffelle, Dreiundsechzig schwarze Schaffelle, Zehn Mützen mit Fuchsfellrand, Zwölf Mützen mit Blaufuchsfellrand, Zwei Mützen mit Zobelfellrand, Sechzehn Zwergfuchsfelle, Zwei für Mützenränder oder Kragen verwendbare kurze, dunkle Fluß- marderhundfelle, Zwei Otterfelle, Fünfunddreißig Katzenfelle, Zwölf Längen japanische Seide, Einhundertdreißig Rollen Seidengewebe, Einhunderteinundachtzig Rollen Seidensatin, Zweiunddreißig Rollen Federgarnkrepp, Dreißig Rollen tibetisches Yakwollgewebe, Acht Rollen Satin mit Python-Muster für die Aussteuer, Drei Bündel Leinenstoff, Drei Bündel verschiedenfarbigen Stoffs, Einhundertzweiunddreißig Stück verschiedenfarbige Pelz- und Lederkleidung, Dreihundertvierzig Kleidungsstücke aus Seide mit Baumwollfutter, Zweiunddreißig Jade-Spielzeuge, Neun Gürtelbroschen, Fünfhundert Dekorationsstücke aus Kupfer, Zinn usw., Achtzehn Uhren, Neun Dekorations-Perlenketten für Audienzgewänder für höhere Beamte, Vierunddreißig Dekostücke mit Python-Muster für die Aussteuer, Drei Sätze Rücken- und Armlehnen-Seidendecken mit Pythonmuster, Acht Kleider für den Kaiserhof für die Aussteuer, Ein Gürtel mit Speckjadering, Zwölf Rollen gelben Satin, Fünftausendzweihundert Liang zweitklassiges Silber, Fünfzig Liang Feingold, Siebentausend Schnüre Silber.

Alle Möbel und Eigentum, die durch Kaiserliche Gunst dem Jung-guo Zweig der Familie geschenkt wurden, sind ähnlich aufgelistet worden, während Eigentumsurkunden und Anleihen für die Hausdienerschaft in verschiedene Decken verhüllt und verschlossen wurden.“ Djia Liän belauschte diese Aufzählung bis ins kleinste Detail und war äußerst verwirrt, in dieser Auflistung nichts von seinem Eigentum zu hören. Dann setzten die Prinzen seiner Fassungslosigkeit ein Ende, indem sie Djia Dschëng fragten: „Unter den zuvor konfiszierten Gegenständen waren Wucher-Schuldscheine – , wer ist dafür verantwortlich? Sie müssen die Wahrheit sagen, ehrenwerter Dschëng.“ Djia Dschëng kniete nieder, drückte die Stirn auf den Boden und sagte: „Ich war leider nicht sorgsam genug darin, meinen Haushalt zu unterweisen. Von diesen Vorgängen weiß ich überhaupt nichts. Mein Neffe Djia Liän kann zweifelsfrei ihre Fragen beantworten.“ Djia Liän eilte vor und fiel auf die Knie und sagte: „Da die Truhe mit diesem Inhalt in meinen Gemächern gefunden wurde, wie könnte ich ihre Kenntnis leugnen? Ich kann Euer Hoheit nur um Gnade anflehen. Mein Onkel wußte nichts von ihrer Existenz.“ „Ihr Vater wurde bereits verhaftet“, sagten die Prinzen zu Djia Liän. „Dieses Delikt kann zur gleichen Zeit verhandelt werden. Wir fordern euch auf, es zu gestehen.“ Sie wandten sich an ihre Männer und befahlen, Djia Liän festzunehmen und die anderen unter Arrest zu stellen. Zuletzt wandten sie sich an Djia Dschëng: „Sie, Dschëng, warten aufmerksam den nächsten Erlaß seiner Majestät ab. Wir werden nun zurückkehren, um dem Thron Bericht zu erstatten und in dieser Zeit Wachen aufstellen, die hier die Stellung halten.“ Sie bestiegen ihre Sänften und wurden aus dem Tor getragen. Djia Dschëng begleitete sie bis zum inneren Tor, wo er sich zum Abschied niederkniete. Der Prinz von Bee-djing streckte ihm im Vorbeigehen eine Hand entgegen, und wies ihn an, sich zu beruhigen. Im Gesicht des Prinzen zeigte sich aufrichtige Betroffenheit. Nach ihrer Abfahrt gelang es Djia Dschëng, sich wieder zu sammeln, obwohl er immer noch unter einem schweren Schock litt. Djia Lan bat ihn: „Großvater, bitte schaue nach der gnädigen Frau. Dann solltest du dir überlegen, wie man etwas über das östliche Anwesen erfahren kann.“ Djia Dschëng ging hastig hinein. An jeder Tür begegnete er aufgelösten Mägden und Dienstmädchen, alle fragten sich, was wohl als Nächstes käme. Zu beschäftigt, um sie zu befragen, eilte er sofort in die Gemächer der Herzoginmutter und fand dort die Dame Wang, Bau-yü und die anderen um die Herzoginmutter versammelt mit Gesichtern voller Tränen; es herrschte Stille im Raum. Nur die Dame Hsing weinte laut. Das Erscheinen von Djia Dschëng ließ Rufe wie „Der Himmel sei gesegnet!“ ertönen und alle versicherten der gnädigen Frau: „Der Herr ist gesund und sicher wieder da! Bitte, mach’ dir keine Sorgen mehr, Großmutter!“ Die Herzoginmutter atmete kaum hörbar aus, öffnete ihre Augen ein wenig und sagte: „Oh, mein Sohn! Ich dachte, ich würde dich niemals wieder sehen!“ Während sie sprach, brach sie in lautes Schluchzen aus, und keiner im Zimmer konnte die Tränen mehr zurückhalten. Djia Dschëng fürchtete, daß diese ganzen Gefühlsausbrüche die Gesundheit der Herzoginmutter gefährden könnten und hielt seine eigenen Tränen zurück: „Bitte beruhige dich, Mutter. Ich kann den Ernst der Angelegenheit nicht bestreiten. Doch dank des Kaisers Großzügigkeit und der großen Gunst der beiden Prinzen wurden wir mit großem Mitgefühl behandelt. Bruder Schë wurde nur zur Befragung abgeführt und, wenn sein Fall untersucht worden ist, wird seine Majestät Nachsicht zeigen. Momentan wurde aus dem Haus noch nichts entfernt.“ Als die Herzoginmutter ihren älteren Sohn Djia Schë nicht sehen konnte, versetzte es ihrem Herzen wieder einen Stich, und es dauerte eine Zeit, bis Djia Dschëng sie wieder trösten konnte. Alle blieben dort, nur die Dame Hsing wagte sich aus dem Zimmer. Sie ging zu ihren Gemächern und fand alle Türen mit Papierstreifen versiegelt und verschlossen und ihre Mägde und Dienstmädchen waren darin gefangen. Es gab keinen Ausweg für sie, und sie schrie vor Verzweiflung. Sie konnte nur in Hsi-fëngs Gemächer zurückkehren. An beiden Seiten der Tür klebten auch Papierstreifen, aber die Tür war noch offen. Von innen konnte sie jemanden schluchzen hören. Sie ging hinein und sah Hsi-fëng mit geschlossenen Augen auf ihrem Sofa liegen, ihr Gesicht war aschfahl. Ping-örl stand leise weinend daneben. Die Dame Hsing glaubte, Hsi-fëng sei bereits tot, und sie weinte wieder. Ping-örl kam zu ihr: „Bitte, Herrin, weinen Sie nicht! Wir haben Frau Liän zurückgetragen, und sie sah so gut wie tot aus. Sie hatte geschlafen, wachte dann wieder auf und begann zu weinen. Jetzt ist sie noch mehr erledigt. Versuchen Sie bitte, ruhig zu sein, Herrin. Wie hat es die gnädige Herrin aufgenommen?“ Die Dame Hsing beantwortete ihre Frage nicht, sondern kehrte zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Dort war sie umgeben von Djia Dschëngs Familie. Ihr Ehemann und Sohn waren verhaftet, ihre Schwiegertochter war dem Tode nah, ihre neu verheiratete Tochter wurde mißhandelt, und jetzt konnte sie selbst nirgens mehr hin. Die anderen hatten Mitleid mit ihrer Qual und gaben ihr Bestes, um sie zu trösten. Li Wan schickte einen Diener, um ihr eine Unterkunft zu besorgen, während die Dame Wang einige ihrer Mägde und Dienstmädchen beauftragte, sie zu bedienen. Djia Dschëng war währenddessen in sein äußeres Studierzimmer zurückgegangen und streichelte seinen Bart, rieb sich nervös die Hände, wartete voller Unruhe auf das Ergebnis des Berichtes des Prinzen für den Thron. Er hörte eine der Wachen draußen rufen: „Meine Güte, zu welchem Teil des Hauses gehörst du denn? Weil du hier aufgetaucht bist, müssen wir dich in unser Buch eintragen. Bindet ihn fest und bringt ihn zu den Goldjacken.“ Djia Dschëng ging raus zum Tor und sah, daß der Mann, um den es ging, Djiau Da, der „treue alte Bewahrer“ des Ning-guo-Hauses war. „Was zum Teufel führt dich her?“, fragte er. Djiau Da schrie laut, den Himmel als Zeugen anrufend: „Habe ich diese zu nichts zu gebrauchenden Herren nicht immer wieder gewarnt – und Sie sagten immer, ich sei gegen Sie! Doch Ihr, Herr, Ihr wißt von den Wunden, die ich an der Seite meines Herren erlitt! Und jetzt schauen Sie, wie weit es gekommen ist! Herr Dschën und Herr Jung liegen beide in Ketten bei irgend so einem Prinzen. Die Frauen werden grob behandelt, ausgeraubt, und von irgendwelchen Wachen in leere Räumen eingesperrt. Die einfachen Leute sind alle zusammen eingepfercht, Herr, wie Schweinehunde! Alles an Inventar wurde rausgenommen und zur Seite geworfen, schöne alte Möbel zerschlagen und Porzellan zerdeppert... Und jetzt legen die ihre Hände an mich! Ich gehe auf die neunzig zu und ich habe nur im Auftrag des Herrn die Hände anderer festgebunden. Und jetzt will man das mit mir machen! Ich habe ihnen gesagt, daß ich aus dem westlichen Anwesen bin, und bin hinausgegangen. Doch sie wollten mir nicht glauben und schubsten mich herum. Und jetzt muß ich sehen, daß hier auch alles schlecht ist. Nichts ist übrig, wofür es sich lohnt zu leben. Dann will ich lieber mit ihnen kämpfen!“ Er sagte es und stieß mit der Stirn gegen die Wand. Er bedrohte wirklich die Wachen, die ihn aus Respekt vor seinem Alter und hoffend, nicht gegen die Anordnungen der Prinzen zu verstoßen, zurückhaltend behandelten. „Beruhige dich, alter Mann. Wir sind hier, um einen Kaiserlichen Befehl auszuführen. Jetzt nimm es nicht so schwer und warte, was seine Majestät befiehlt.“ Währenddessen sagte Djia Dschëng nichts, obwohl er tief von dem getroffen war, was der alte Mann gesagt hatte. ‚Es ist hoffnungslos!‘, sagte er schließlich zu sich selbst. ,Ich hätte nie gedacht, daß wir so enden!‘ Er wartete ängstlich auf Nachrichten aus dem Palast, bis er Hsüä Kë in den Hof rennen hörte, der atemlos ausrief: „Das war aber einfach, hier hereinzukommen. Da ist Onkel Dschëng.“ Djia Dschëng sagte: „Du kommst gerade richtig. Aber wie haben sie dich hereingelassen?“ „Ich habe gebettelt und gewinselt, ihnen Geld versprochen und zum Schluß haben sie mich durchgelassen.“ Djia Dschëng erzählte ihm von der Beschlagnahmung und bat ihn her­aus­zufinden, was eigentlich los war: „Wir können mit unseren Freunden und Verwandten keine Nachrichten auszutauschen. Das wäre zu gefährlich. Du bist der Einzige, der uns dabei helfen kann.“ „Ich habe von der Klage gegen das Ning-guo-Anwesen gehört“, sagte Hsüä Kë, „doch ich hatte nicht gedacht, daß es auch hier so schlimm aussieht.“ „Doch was wird uns zur Last gelegt?“, fragte Djia Dschëng. „Heute früh“, antwortete Hsüä Kë, „war ich bei der Strafbehörde. Ich erkundigte mich nach Vetter Pans Urteil. Doch während ich dort war, hörte ich von den Beschuldigungen, die von zwei Zensoren gegen Vetter Dschën vorgetragen wurden. Eine war für die Bestechung von Söhnen aus adeligen Familien, Anstiftung zum Spielen und so etwas. Das war die geringere Anklage: Die andere legt zur Last, die Verlobte eines unschuldigen Mannes weggenommen zu haben. Als sie sich wehrte, so sagte die Beschuldigung, wurde ihr physische Gewalt angetan, wodurch sie zu Tode gekommen ist. Um die Anklage zu stützen, hat der besagte Zensor einen unserer Diener, Bau Örl, verhaften lassen und einen Zeugen, Herrn Dschang, kommen lassen. Sogar der Hauptzensor könnte in Schwierigkeiten sein, da dieser Dschang sich eigentlich vor einiger Zeit an sie gewandt hat und er dessen Anklage verworfen hat.“ Djia Dschëng stampfte mit dem Fuß, bevor Hsüä Kë zu Ende gesprochen hatte. „Wie weit ist es nur gekommen? Wir sind wahrlich am Ende!“ Er seufzte und seine Tränen strömten. Hsüä Kë versuchte, ihn zu trösten und ging dann wieder fort, um Neuigkeiten in Erfahrung zu bringen. Nach einem halben Tag kam er zurück und berichtete: „Es sieht schlecht aus.“ – „Bei der Strafbehörde konnte ich nichts über die zwei Prinzen und ihren Bericht an den Thron herausfinden. Doch ich habe etwas anderes herausgefunden. Früher am Morgen hatte ein Zensor namens Li eine Anklage gegen den Präfekten von Ping-an vorgelegt, beschuldigte ihn dabei, sich mit seinem Vorgesetzten aus der Hauptstadt verbündet zu haben, dabei viel Geld unterschlagen und das einfache Volk unterdrückt zu haben.“ „Das ist seine Sache. Was hat das mit uns zu tun?“, antwortete Djia Dschëng etwas nervös. „Mit Ping-an sind wir gemeint“, sagte Hsüä Kë. „Der Vorgesetzte aus der Hauptstadt bei Zensor Li ist tatsächlich Onkel Schë: Das bedeutet, daß er Geld veruntreut hat, das ist noch viel schlimmer als gedacht. Seine Freunde am Hof verstecken sich alle, wollen ihre Hände so sauber wie möglich halten, und es ist noch nicht einmal jemand bereit, uns auf dem Laufenden zu halten. Es ist dasselbe mit den Verwandten und Freunden, die von der Feier geflohen sind. Manche sind direkt nach Hause gegangen, andere haben ein Versteck gefunden, worin sie verweilen können, bis der Sturm vorüber ist. Einige Mitglieder des Clans fragen öffentlich, wer denn der Glückliche sein wird, die Titel und Ämter zu erhalten, die unsere Familie verloren hat. Alle haben sie ein Auge darauf geworfen...“ Djia Dschëng stampfte mit dem Fuß auf und unterbrach ihn wieder: „Das sind alles Folgen der Dummheit meines älteren Bruders! Und von den unehrenhaften Wegen, die das Ning-guo-Anwesen eingeschlagen hat! Aber genug davon. Wer weiß, ob die gnädige Frau und die Schwiegertochter der Lians noch leben! Du solltest besser mit deinen Erkundigungen fortfahren, während ich nach der Herzoginmutter sehe. Sobald es etwas Neues gibt, laßt es mich möglichst schnell wissen.“ Während sie sprachen, war ein wirrer Schrei von innen zu hören: „Der gnädigen Herrin geht es schlecht!“ Djia Dschëng eilte in großer Aufregung fort. Um herauszufinden, ob sie noch lebte, lese man das nächste Kapitel. 106. Wang Hsi-fëng hat ein schlechtes Gewissen ob früherer Vergehen Die Herzoginmutter betet zum Himmelsgott und versucht, das Unglück zu vertreiben.

Als Djia Dschëng hörte, daß es der Herzoginmutter nicht gut ging, eilte er direkt zu ihren Gemächern. Er sah, daß sie aufgeregt und unregelmäßig atmete. Die Dame Wang brachte sie mit Hilfe von Yüan-yang und den anderen Mägden wieder zu sich. Sie verabreichten ihr eines ihrer Duftsprühmittel und Beruhigungspillen, was etwas für Erleichterung sorgte. Doch sie blieb traurig und weinte. Djia Dschëng stand ihr zur Seite, versuchte sie zu trösten und zu beruhigen: „Deine Söhne haben dieses Unglück über die Familie gebracht und dir diesen Kummer bereitet, Mutter. Bitte beruhige dich und gib uns Zeit, daß wir uns um alles kümmern können. Wenn du dadurch erkrankst, ist unsere Schuld nicht mehr zu ertragen!“ „Ich bin jetzt über achtzig“, antwortete die Herzoginmutter, „und seit dem Tag, als ich als junges Mädchen herkam und mit eurem Vater verheiratet wurde, habe ich ein behütetes Leben geführt. Von den Ahnen der Familie wurde ich gesegnet und beschützt. Nie zuvor habe ich auch nur von solchen schlimmen Dingen wie diesen gehört. Nun bin ich alt und sehe, daß Ihr bestraft werdet. Wie könnte ich das ertragen? Lieber sterbe ich und laß Euch in Ruhe.“ Wieder brach sie in Tränen aus, und Djia Dschëng wurde immer besorgter um ihren Zustand. Plötzlich hörte man draußen eine Stimme rufen: „Neuigkeiten vom Hof für den Herrn!“ Djia Dschëng eilte hinaus. Ein Gehilfe des Prinzen von Bee-djing wartete in der Hauptempfangshalle auf ihn und begrüßte ihn mit den Worten: „Gute Nachrichten, Herr!“ Djia Dschëng dankte dem Gehilfen für sein Kommen und bat ihn, sich zu setzen. „Was befiehlt ihre Hoheit?“, fragte er. „Mein Herr und Ihre Hoheit der Prinz von Hsi-ping haben seiner Majestät einen Bericht vorgelegt und sprachen zu Ihren Gunsten, Herr, betonten Ihre Reue und Ihre große Anerkennung der Milde, die Ihnen vom Thron erwiesen wurde. Seine Majestät war äußerst mitfühlend und aufmerksam wegen des kürzlichen Ablebens der kaiserlichen Nebenfrau. Er brachte es nicht über sich, Euch zu bestrafen. Stattdessen setzt er Euch auf Eure frühere Position als Untersekretär an die Arbeitsbehörde zurück. Von dem beschlagnahmten Familieneigentum wird nur jenes von Herrn Schë beschlagnahmt behalten. Der Rest wird Euch zurückgegeben. Seine Majestät verlangt von Euch, die Euch auferlegten Pflichten gewissenhaft und treu auszuführen. Die beschlagnahmten Schuldscheine werden von meinem Herrn persönlich überprüft. Schuldscheine mit Wucherzinsen werden nach dem Gesetz umgehend konfisziert. Schuldscheine, die vernünftige Raten beinhalten, sowie Besitzurkunden für Häuser und Ländereien werden alle an Sie zurückgegeben. Djia Liän werden seine Stellung und sein Rang entzogen, er wird allerdings von weiteren Bestrafungen verschont und freigelassen.“ Djia Dschëng erhob sich von seinem Stuhl und verbeugte sich in die vorgesehene Richtung, aus Dank für die kaiserliche Großzügigkeit. Er verneigte sich auch vor dem Gehilfen, um seine tiefempfundene Dankbarkeit für das Eingreifen des Prinzen zu seinen Gunsten zu zeigen. „Seid so gut und übermittet Seiner Hoheit meinen allergrößten Dank. Morgen werde ich am Hof erscheinen, um Seiner Hoheit meine Dankbarkeit persönlich zu erweisen.“ Der Gehilfe des Prinzen brach auf. Kurz darauf erschien ein Beamter, um den Erlaß vorzutragen. Gefolgt von Beamten, die alle Anweisungen sorgfältigst ausführten, die Dokumente einzeln überprüften, nur das konfiszierten, was angegeben war, und den Rest den Eigentümern zurückgaben. Djia Liän wurde freigelassen, während Djia Schës Hausstand und seine Angestellten alle in Staatseigentum übergingen bzw. in den öffentlichen Dienst übernommen wurden. Djia Liäns Position war nicht zu beneiden. Einige der Dokumente wurden zurückgegeben und von seinem anderen Eigentum wurde nichts beschlagnahmt, doch seine Gemächer waren durchwühlt und geplündert. Nichts als die bloßen Möbel waren an ihrem Platz geblieben. Seine anfängliche Erleichterung darüber, frei und der befürchteten Strafe entgangen zu sein, ging über in ein tiefes Gefühl des Verlustes, wenn er sah, wie sein eigener und Hsi-fëngs Besitz – alles zusammen mit einem Wert von siebzig- bis achtzig­tausend Goldtaler – an einem einzigen Morgen verschwunden war. Die Verhaftung seines Vaters, Hsi-fëngs lebensbedrohlicher Gesundheitszustand: Das war zuviel für ihn. Und nun mußte er Djia Dschëng Rechenschaft ablegen, der ihn einbestellte und, sein Schluchzen unterdrückend, ausschalt: „Ich war viel zu oft mit meinen amtlichen Pflichten beschäftigt und habe den Familienangelegenheiten überhaupt zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Deshalb habe ich dich und deine Frau den Haushalt führen lassen. Ich kann deinem Vater Vorhaltungen über seine falsche Erziehung machen, doch dieser Wucher, der ans Licht gekommen ist – wer um Himmels willen ist dafür verantwortlich? Familien wie unsere haben mit so etwas nichts zu schaffen. Die Dokumente wurden konfisziert und Aufträge und Zinsen sind verfallen: doch es ist nicht das Geld, es ist der unglaubliche Schlag, den es unserem Ruf versetzt hat!“ Djia Liän fiel auf seine Knie: „Ich habe mich immer um die Familienangelegenheiten gekümmert, doch ich habe nie privat etwas zurückbehalten. Alle Konten wurden von den Verwaltern Lai Da, Wu Hsin-deng, Dai Liang und den anderen geführt. Bitte bestelle sie her, und höre die Wahrheit aus ihrem Munde. In den letzten Jahren waren unsere Ausgaben viel höher als unser Einkommen, und es gab Defizite in den Konten, die ich bislang nicht ausgleichen konnte, unabhängig von den Schulden, die ich noch zu bewältigen hatte. Tante Wang wird dir davon erzählen können. Und was das geliehene Geld betrifft, so habe ich keine Vorstellung davon, wo das herkommen könnte. Frag’ doch besser Dschou Juee und Wang Örl.“ – „Du willst mir damit also sagen, daß du nicht weißt, was in deinen eigenen Gemächern vor sich ging, und daß du den ganzen Haushalt allein ließest! Ich sollte besser nicht weiter mit dir darüber reden. Schätze dich selbst glücklich, daß du so einfach davon gekommen bist. Jetzt bewegst du dich besser und siehst nach, was mit deinem Vater und Vetter Dschën los ist.“ Djia Liän fühlte sich sehr streng behandelt, doch hielt er seine Tränen zurück und folgte gehorsam den Anweisungen seines Onkels. Ganz allein gelassen sann Djia Dschëng tief seufzend über diese Familientragödie: ‚Es war vergebens, daß mein Großvater und mein Großonkel dem Thron so loyal dienten, der Familie große Ehre und erbliche Titel erwarben. Jetzt sind unsere beiden Haushalte entehrt, beide Titel wurden uns genommen. Und auf weitere Sicht sehe ich keine Ruhepause, keinen aufsteigenden Stern in der jüngeren Generation, der uns aus diesem Elend befreien könnte! Gütiger Himmel! Daß es mit unserem Geschlecht so weit gekommen ist! Dank einer Handlung außerordentlicher Großzügigkeit auf Seiten Seiner Majestät wurde ich verschont und habe mein Eigentum zurückerhalten. Doch beide Haushalte müssen sich nun zusammenraufen, und wie könnte ich das alleine bewältigen? Die letzte Offenbarung von Liän war ein weiterer schmerzlicher Schlag. Nicht nur, daß wir keine Rücklagen haben, hinzu kommen schwere Schulden. Wir haben offensichtlich über Jahre unwissend über unsere Verhältnisse gelebt! Und alles wegen meiner Dummheit. Ich hasse mich. Wie konnte ich nur so blind sein? Wenn nur mein ältester Sohn noch leben würde! Dschu hätte mich wenigstens unterstützen können. Doch Bau-yü, obwohl er mein Sohn und nun erwachsen ist, wird mir keine Stütze sein.’ Während dieses stillen Monologes mußte Djia Dschëng unfreiwillig weinen, und der Kragen seines Umhangs war naß vor Tränen. „Und Mutter – besonders in Anbetracht ihres hohen Alters, haben wir beinahe in den Tod getrieben. Wer außer mir selbst ist Schuld an diesem frevelhaften Vergehen?“ Er brütete vor sich hin, war in den tiefsten Selbstvorwürfen versunken, als ein Diener eintrat, um die Ankunft verschiedener Freunde und Verwandten anzukündigen. Djia Dschëng empfing sie und dankte jedem einzeln für seine Betroffenheit. „Diese Unglücksfälle bei uns“, sagte er in entschuldigendem Ton zu ihnen, „sind die direkte Folge meiner Unfähigkeit, der jüngeren Generation das nötige Verantwortungsbewußtsein zu vermitteln.“ „Das muß man aber klar trennen“, antwortete einer von ihnen. „Wir haben lange über Herrn Schës fragwürdige Erziehung nachgedacht. Und Herr Dschën war auf seine Art noch arroganter und liederlicher. Jetzt ist ihr Fehlverhalten ans Licht gekommen und brachte ihnen öffentliche Zensur. Die Schuld liegt voll und ganz bei ihnen. Es ist höchst bedauerlich, daß ihr Fehlverhalten nun auf Sie zurückfällt, Herr.“ „Ich kenne da einige ähnliche Fälle“, kommentierte ein anderer, „doch keiner davon führte zu einer solchen Anklage. Herr Dschën muß irgendjemanden geärgert haben.“ „Das Eingreifen des Zensors kann in diesem Fall leicht erklärt werden“, erwiderte ein anderer. „Es scheint, daß einer der Hausangestellten und einige der weniger respektablen Freunde unangenehme Gerüchte verbreitet haben und daß diese zum Zensor vorgedrungen sind. Er wünschte Beweise dafür, bevor sie fortschritten und holte eben diesen Diener von Euch, um ihn zu verhören. Wenn ich bedenke, wie großzügig Ihr mit Euren Angestellten umgeht, kann ich mir kaum vorstellen, daß so etwas passieren konnte.“ – „So ist das mit den Angestellten“, bemerkte ein anderer, „sie ziehen ihre Vorteile aus der Großzügigkeit ihrer Herren. Da wir hier unter Freunden sind, kann ich gewiß ganz frei reden. Ich weiß, was für ein unbestechlicher Mann Sie sind, Herr; doch während Sie in Djiang-hsi waren, wurde Ihr Ruf irgendwie befleckt. Das müssen eure Diener gewesen sein. In Zukunft müssen Sie noch vorsichtiger sein. Obwohl Sie dieses Mal mit ihrem Eigentum davongekommen sind, könnte es wesentlich unangenehmer werden, wenn Seine Majestät jemals wieder ihre Pflichttreue in Frage stellen sollten.“ Djia Dschëng schien sehr verstört. „Was meinen sie? Inwiefern wurde mein Ruf befleckt?“ – „Es gibt natürlich keine eindeutigen Beweise dafür“, war die Antwort, „doch wir haben andere sagen gehört, daß sie während ihrer Zeit als Korninspektor ihre Diener beauftragten, Erpressung zu betreiben.“ – „Der Himmel sei mein Zeuge“, rief Djia Dschëng aus, „ich habe noch nicht einmal im Traum an so etwas gedacht! Meine Männer haben hinter meinem Rücken krumme Geschäfte betrieben. Noch mehr von solchem Gerede, und ich bin am Ende!“ – „Es bringt nichts, davor Angst zu haben“, kommentierte einer aus der Gesellschaft. „Doch ihr solltet Euren jetzigen Hausstand gründlich überprüfen. Sortiert alle widerspenstigen Elemente unter ihnen aus und seid strenger mit ihnen.“ In diesem Moment betrat ein Pförtner den Raum: „Herrn Schës Schwiegersohn, Herr Sun, hat einen Diener mit einer Nachricht geschickt, Herr. Sein Herr ist zu beschäftigt, um selbst zu kommen. Dieser Mann wurde angewiesen, Euch darüber zu informieren, daß die Suns von Euch erwarten, die Schulden von Herrn Schë zu bezahlen.“ Djia Dschëng blickte finster und genervt und sagte: „Ich weiß Bescheid.“ Seine Freunde lachten verächtlich: „Dieser Herr Sun macht seinem schlechten Ruf alle Ehre. Wenn das Haus seines Schwiegervaters leergeräumt und sein Eigentum beschlagnahmt ist, kommt er, anstatt Hilfe anzubieten, nur um um Geld zu betteln. Das ist höchst ungebührlich!“ – „Laßt uns nicht über ihn sprechen“, antwortete Djia Dschëng. „Diese ganze Geschichte habe ich meinem älteren Bruder zu verdanken. Ich hätte daran denken sollen, daß meine arme Nichte bereits genug durch die Hand dieses jungen Mannes gelitten hat, jetzt quält er auch noch mich.“ Als er sprach, erschien Hsüä Kë. „Ich habe herausgefunden,“ berichtete er Djia Dschëng, „daß Komissar Dschau darauf besteht, jeden Punkt der Anklage zu verfolgen. Ich fürchte, es wird für Onkel Schë und Vetter Dschën nicht leicht.“ – „In dieser Angelegenheit mußt du die Hilfe des Prinzen suchen“, wiesen Djia Dschëngs Freunde ihn an, „ohne sein Eingreifen werdet ihr alle ruiniert werden.“ Djia Dschëng dankte seinen Besuchern für diesen Rat, den er zu befolgen versicherte, und sie brachen auf. Es dämmerte bereits und Djia Dschëng stattete der Herzoginmutter seinen abendlichen Besuch ab. Diese hatte sich sichtlich erholt. Er kehrte in seine Gemächer zurück, saß dort im Stillen und grübelte über Djia Liän und Hsi-fëngs unbedachtes Verhalten. Da ihr Betrug nun ans Licht gekommen war, würde es der ganzen Familie schaden, und er gab ihnen die Schuld dafür. Doch er bedachte auch, daß Hsi-fëng schwer krank war und bei der Plünderung alles verloren hatte, was ihr bestimmt einen schweren Schlag versetzt haben mußte. Er entschied, sie zunächst nicht zu kritisieren, sondern seinen Ärger für sich zu behalten und nichts zu sagen. Der Rest dieser Nacht verlief ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen ging Djia Dschëng zu den Palästen der Prinzen von Bee-djing und Hsi-ping, wo er seine Ehrenbezeugungen darbot und sie bat, Djia Schë und Vetter Dschën zu unterstützen. Die Prinzen versicherten es. Djia Dschëng besuchte weiter andere Freunde und Bekannte, um auch sie um Unterstützung zu erbitten. Unser Erzähler widmet sich nun Djia Liän. Als er sich umhörte, fand er heraus, daß seinem Vater und Vetter Dschën in der Tat ein ernstes Urteil bevorstand. Und da er sah, daß er ihnen unter keinen Umständen einen Aufschub verschaffen konnte, konnte er nur nach Hause zurückkehren. In seinen Gemächern saß Ping-örl weinend an Hsi-fëngs Seite, während Tchiu-tung im Nebenzimmer um Hsi-fëng klagte. Als Djia Liän sich Hsi-fëng näherte und sah, daß sie dem Tode nahe war, fand er für seine Wehklage keine Worte. Ping-örl sagte weinend zu ihm: „Die Sache hat sich nun einmal so entwickelt. Alles, was weg ist, wird auch nicht mehr wiederkommen. Und sehen Sie sich Frau Liän an, Herr. Nur ein Arzt kann sie heilen.“ – Liän spuckte aus und sagte. „Nicht einmal für mein Leben besteht noch Hoffnung, wie könnte ich ihr Leben retten?“ Hsi-fëng hörte das, öffnete ihre Augen und blickte Djia Liän still an. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie sah, wie Djia Liän das Zimmer verließ und sagte zu Ping-örl: „Kümmere dich nicht mehr um den Haushalt! So wie die Dinge sich entwickelt haben, solltest du dich nicht mehr um mich kümmern. Ich wünschte nur, ich könnte heute sterben und mit allem fertig sein! Wenn ich dir noch irgend etwas bedeute, dann kümmere dich bitte um die kleine Tchiau-djie, wenn ich tot bin. Tu es für mich, und meine Seele wird dir in der nächsten Welt dankbar sein.“ Ping-örl brach in Tränen aus. „Nun komm schon“, sagte Hsi-fëng, „du bist doch eine kluge Person! Ich weiß, daß keiner kommen und es mir ins Gesicht sagen würde, doch ich weiß, daß sie mir die Schuld für alles geben, was passiert ist. Das ist nicht wahr. Andere haben draußen damit angefangen. Doch ich gebe zu, wenn ich das Geld nicht lieben würde, wäre mir das heute nicht widerfahren. All meine Pläne und Vorhaben enden im Nichts. Mein lebenslanges Streben war umsonst. Ich bin zerbrochen, niedriger als die Niedrigen. Ich hasse nur, daß wir keine anständigen Menschen angestellt haben. Ich hörte, daß drüben Vetter Dschën die Verlobte eines Herrn Dschang zur Konkubine nahm und sie zu Tode brachte? Überleg’ mal, wer dieser Herr Dschang sein könnte. Wenn You Örl-djies Geschichte jemals ans Licht kommt, wird Herr Liän entehrt sein. Und wie stehe ich dann da? Ich wünschte, ich könnte sofort sterben! Doch wie? Ich wage nicht, selbst Gold zu schlucken oder Gift einzunehmen. Und du willst einen Arzt rufen! Damit würdest du mir nur schaden!“ Ping-örl wurde mit jedem Wort Hsi-fëngs noch verzweifelter. Sie empfand viel für sie und beschloß, nahe bei ihr zu bleiben und noch besser auf sie aufzupassen, aus Angst, sie könnte sich in ihrer Verzweiflung etwas antun. Glücklicherweise wußte die Herzoginmutter nichts von solch beklemmenden Szenen. Ihre eigene Genesung und ihr Seelenheil wurden von der Kenntnis über Djia Dschëngs Wiedereinstellung stark gefördert und auch von der ständigen Gegenwart von Bau-yü und Bau-tschai an ihrer Seite. Sie hatte immer eine Schwäche für Hsi-fëng gehabt, und nun rief sie Yüan-yang zu sich, und sagte: „Nimm diese Sachen von mir und bring sie hinüber zu Frau Liän. Und gib Ping-örl etwas Geld, daß sie sich gut um sie kümmern kann! Falls sie wieder krank ist, werde ich den Rest meines Besitzes gründlich durchsehen und schauen, was ich noch für sie finden kann.“ Sie sagte der Dame Wang auch, sie solle nachsehen, was die Dame Hsing bräuchte. Das gesamte Vermögen des Ning-guo-Anwesens, eingeschlossen Eigentum und Angestellte, wurden inventarisiert und beschlagnahmt. Die Herzoginmutter ließ eine Kutsche besorgen, die You-schï und Djia Jungs Frau herüberholen sollte. Diese beiden Damen und Vetter Dschëns zwei Konkubinen, Pei-fëng und Djie Yüän, waren als einzige in den luxuriösen Gemächern des Ning-guo-Anwesens übriggeblieben. Nicht ein einziger Diener war mehr dort. Die Herzoginmutter verzichtete auf Gemächer, in denen Hsi-tschun gewohnt hatte. Sie verlangte nach vier Ammen und zwei Mägden, um ihr aufzuwarten, und ordnete an, daß ihre Speisen und andere tägliche Erforderlichkeiten aus der Hauptküche gebracht werden sollten. Sie schickte ihnen auch Kleidung und andere Notwendigkeiten und wies die Haushalts-Kasse an, ihnen die gleichen monatlichen Beträge zu gewähren wie den Mitgliedern des Jung-guo Zweiges. Doch es stand außer Frage, Geld von den Konten zu besorgen, um die Ausgaben (hauptsächlich Bestechung), die bei Djia Schë, Vetter Dschën und Djia Jung im Kerker anfielen, zu decken. Hsi-fëng hatte kein Geld und Djia Liän war hoch verschuldet, wohingegen Djia Dschëng, der keine Erfahrung mit Familien-Finanzen hatte, auf seine charakteristische Art nur fruchtlos sagen konnte: „Ich habe mit einigen Leuten gesprochen und bin zuversichtlich, daß sie tun werden, was sie können.“ Djia Liän fiel keine Möglichkeit ein, um an Geld zu kommen. Es würde nichts bringen, sich an Hsi-fëngs Seite der Familie zu wenden. Die Hsüäs waren bankrott, ihr älterer Onkel Wang Dsï-teng war tot, und die anderen Wangs waren nicht in der Position zu helfen. Am Ende schickte er aus Verzweiflung geheim einen Mann zum Jung-guo-Anwesen mit der Anweisung, eine Landfläche mit einem Wert von tausend Silbertael zu verkaufen. Dieses Geld würde er seinen Familienmitgliedern im Gefängnis anbieten. Als die Bediensteten sahen, zu welchen Methoden ihr Herr gezwungen war, entschieden manche, selbst ihren Nutzen aus der Situation zu ziehen und erfanden Vorwände dafür, gegen Mietanteile des östlichen Landsitzes der Familie auf eigene Rechnung Geld auszuleihen. Doch darauf werden wir später in der Geschichte noch eingehen. Die Herzoginmutter sah die Familie ihrer erblichen Titel beraubt. Sie sah einen ihrer Söhne und zwei andere Männer im Kerker die Verhandlung erwarten. Sie hörte die ganze Nacht das Weinen der Damen Hsing und You-schï, und Hsi-fëng lag im Sterben. Bau-yü und Bau-tschai trösteten sie zwar, doch sie konnten ihr den Kummer und den Schmerz nicht nehmen, die ihr Herz schwer machten. Eines Tages gegen Abend schickte sie Bau-yü zurück in seine Wohnung, erhob sich mühevoll ohne Hilfe von ihrem Sofa und trug Yüan-yang und den anderen Mägden auf, überall vor den Buddhastatuen Räucherstäbchen anzuzünden. Zuletzt gab sie Anweisungen, im eigenen Hof ein großes scheffelförmiges Bündel Räucherstäbchen anzuzünden und ging auf ihren Stock gestützt in den Hof. Hu-po wußte, daß sie vorhatte zu beten und legte ihr eine große rote Meditationsmatte zurecht, damit sie darauf niederknien konnte. Die alte Dame kniete nieder und machte mehrere Kotaus. Sie rezitierte eine Strophe aus einem Sutra und begann mit Tränen in den Augen zu den Göttern von Himmel und Erde zu beten: „Allmächtiger höchster Buddha! Ich, deine demütige Dienerin, in die Familie Schï geboren und verheiratet mit dem Hause Djia, erbitte ergeben deine Barmherzigkeit. Über viele Generationen haben wir nichts Falsches gemacht, wir haben uns nicht in den Wegen der Gewalt und des Hochmuts verirrt. Ich habe demütig und unzureichend mein Bestes versucht, dem Pfad der Rechtschaffenheit zu folgen, meinen Ehemann zu unterstützen und meinen Söhnen zu helfen. Doch die jüngere Generation hat mit mutwilliger Sorglosigkeit gehandelt, sie haben sich dem Zorn des Schicksals ausgeliefert, und jetzt wurde unser Heim geplündert und unser Eigentum geraubt. Mein Sohn und zwei jüngere Männer

Aus: Jinyuyuan 1889b. sitzen im Gefängnis und haben das Schlimmste zu befürchten. Die Schuld dieses Unglücks lastet allein auf meinen Schultern, da ich der jüngeren Generation nicht die richtigen Verhaltens-Grundsätze vermitteln konnte. Nun verbeuge ich mich und bitte den Allmächtigen Himmel, uns zu schützen. Möge denen im Gefängnis ihr Kummer zur Freude werden, mögen die Kränklichen wieder ihre Gesundheit erlangen. Möge ich für alles sühnen und die Schuld der Familie auf meinen Schultern tragen! Und möge den Söhnen und Enkeln vergeben werden! Sei gnädig mit mir, allmächtiger Himmel, und erhöre mein gläubiges Flehen. Schenke mir einen frühen Tod, daß ich für die Sünden meiner Kinder und Enkelkinder büßen kann!“ Als dieses Gebet beendet war, brach die Herzoginmutter zusammen und begann so kläglich zu schluchzen, daß sie nur noch keuchen konnte. Yüan-yang und Hu-po trösteten sie, halfen ihr auf die Beine und begleiteten sie zurück ins Haus. Die Dame Wang kam kurz danach mit Bau-yü und Bau-tschai, um ihren abendlichen Besuch abzustatten. Der bedauerliche Zustand der Herzoginmutter rührte sie sehr, und alle drei weinten laut. Bau-tschai hatte ihren eigenen Grund zum Kummer. Die Zukunft ihres Bruders war ungewiß. Keiner wußte, ob sein Urteil gemildert oder er freigelassen würde. Und obwohl Djia Dschëng und die Dame Wang nicht direkt von den derzeitigen Ereignissen betroffen waren, konnte Bau-tschai selbst sehen, daß die Familie Djia um sie herum dezimiert wurde. Während ihr Ehemann sich so blöde und hilflos wie immer benahm. Als sie über ihre eigene Notlage nachdachte, war ihr Schluchzen sogar noch anrührender als das der Herzoginmutter und der Dame Wang. Bau-yü sah, daß Bau-tschai so verzweifelt war und wurde auch sehr traurig. „Großmutter ist in ihrem Alter mit Sorgen überhäuft, Mutter und Vater haben auch nichts als Kummer. Meine Schwestern und Kusinen sind fort, zerstreut wie Wolken von den vier Winden, und jeder Tag macht mich noch einsamer, mit nichts, was mich noch hält, außer den Erinnerungen an eine glückliche Vergangenheit, an die goldenen Tage der Poesietreffen im Garten. Seit Kusine Dai-yüs Tod kann ich nichts tun, um meine Lethargie und Depression loszuwerden, und ich muß mich zusammenreißen, nicht ständig zu weinen, um Bau-tschai nicht zu bekümmern, die selber um ihren Bruder und ihre Mutter trauert und nur sehr selten ein Lächeln auf ihrem Gesicht sehen läßt.“ Bau-tschais untröstliches Weinen traf ihn so sehr, daß er selber laut hoffnungslos zu weinen begann, was wiederum Yüan-yang, Tsai-yün, Ying-örl und Hsi-jën traurig stimmte, und bald weinte jeder von ihnen bitterlich aus eigenen Beweggründen. Zuletzt ging die Welle dieses hinderlichen Kummers bis zu den anderen Mägden über, und es war niemand mehr übrig, der selber hätte trösten können. Ein Chor des Jammers erfüllte den Raum und erreichte die Ohren der Dienstmädchen in der Nachtschicht, welche dies umgehend Djia Dschëng berichteten. Djia Dschëng grübelte immer noch in seinem Arbeitszimmer, was inzwischen zur Gewohnheit geworden war, als die Neuigkeiten ihn erreichten.