Hongloumeng/de/Chapter 111

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Kapitel 111

鸳鸯女殉主登太虚 / 狗彘奴欺天招伙盗

beiseite gestellt worden war, um Tee zu machen. Miau-yü hatte ihr eigenes Teeservice. Die Novizin kam gerade mit Miau-yüs Dingen an, Hsi-tschun machte Tee, und die zwei ließen sich bald von einer geistigen Unterhaltung tragen, die bis acht Uhr am Abend ging, als Tsai-ping das Go-Brett auslegte und sie sich zum Spielen niedersetzten. Hsi-tschun verlor die ersten zwei Spiele, aber dann gab Miau-yü ihr eine Vorgabe von vier, und sie gewann das nächste Spiel mit einem halben Punkt. Bevor sie sich versahen, war es bereits zwei Uhr in der Früh. Draußen war die Nacht atemlos still. „Ich muß um vier Uhr meditieren“, sagte Miau-yü. „Geh nun, und ruhe! Meine eigene Magd kann auf mich aufpassen.“ Diese wollte noch nicht gehen, aber fügte sich, aus Respekt vor Miau-yüs religiösen Bräuchen. Sie war dabei, in ihr Schlafzimmer zu gehen, als sie plötzlich einen lauten Schrei von den Frauen der Wache für die Gemächer der Herzoginmutter hörte, was bald von ihren eigenen Dienerinnen aufgenommen wurde: „Hilfe! Hilfe! Jemand ist eingebrochen!“ Hsi-tschun, Tsai-ping und die anderen Mägde hatten sich bis ins Mark erschrocken. Das nächste, was sie hörten, war das Schreien der Männer der Nachtwache in den äußeren Gemächern. „Nein, oh nein!“, rief Miau-yü, „da müssen Diebe im Hause sein!“ Sie wagte nicht die Tür zu öffnen und verdunkelte ihre Lampe. Sie lugte durch ein Loch im Fenster und konnte mehrere Männer draußen im Hof stehen sehen. Erst war sie sprachlos vor Schreck, dann drehte sie sich um, kroch leise zurück, gestikulierte mit ihren Händen und sagte endlich zu den anderen: „Möge der Himmel uns schützen! Was für große, kräftige Männer da draußen sind!“ Als sie redete, gab es ein Klappern auf dem Dach über ihren Köpfen, und sie hörte die Nachtwachen in den Hof stürmen und rufen: „Haltet den Dieb!“ – Ein anderer sagte: „Die Gemächer der Herzoginmutter wurden vollständig ausgeraubt! Es war niemand zu sehen! Die anderen sind bereits zum Ostflügel gegangen. Wir durchsuchen den Westflügel.“ Als sie die vertrauten Stimmen hörte, rief eine von Hsi-tschuns Ammen aus dem äußeren Zimmer: „Einige von ihnen sind aufs Dach geklettert!“ „Seht!“, riefen die Nachtwachen, „da sind sie! Dort oben!“ Es entstand ein Durcheinander, mehrere Ziegel flogen vom Dach herunter, und keine der Nachtwachen hatte den Mut, zur Verfolgung hinaufzuklettern. Sie standen alle hilflos da, als neuer Krach aus der Richtung des Seitentors zum Garten ausbrach. Hereinstürmte ein großer, massiger Mann, mit einem Holzstock in der Hand. Sie versuchten alle erfolglos, sich zu ver­stecken. „Wir müssen sie alle stoppen, jeden von ihnen!“, brüllte der Neuankömmling. „Folgt mir!“ Sie standen alle paralysiert vor Angst da, während der stockschwingende Mann fortfuhr, eine Predigt zu halten. Einer der Scharfsinnigeren von ihnenerkannte ihn endlich als Bau Yung, und langsam gewannen die anderen ihre Nerven zurück und begannen zitternd zu berichten: „Einer der Diebe ist ganz entkommen! Aber ein paar sind noch auf dem Dach.“ Als Bau Yung das hörte, rannte er sofort auf das Dach und nahm die Verfolgung auf. Nachdem der Hauptteil ihrer Mission erfüllt war, waren die Diebe, die wußten, wie wenig das Djia-Anwesen bewacht war, zufällig um Hsi-tschuns Hof geschlichen, und hatten einen Blick auf eine attraktive junge Nonne geworfen, was alle möglichen bösartigen Gedanken in ihnen weckte. Sie wußten, daß die Gemächer sorglos von ein paar alten, verängstigten Frauen gesichert waren, und waren dabei, die Tür einzutreten, als sie jemanden draußen kommen hörten und auf das Dach entflohen. Sie sahen bald, daß sie ihren Verfolgern zahlenmäßig überlegen waren und entschlossen sich, alles auszukämpfen, als ein Mann auf das Dach kletterte und ihnen nachsetzte. Er war alleine, und sie griffen ihn daher mit ihren Knüppeln an, doch nur um schnell geschlagen zu werden. Mit wenigen mächtigen und flinken Schlägen seines Stocks hatte Bau Yung bald einen vom Dach gestürzt, während der Rest über die Mauer in den Garten floh, wo andere von ihnen warteten, um das Diebesgut entgegenzunehmen. Diese zogen nun ihre Schwerter zur Verteidigung der Zurückkehrenden. Als sie sahen, daß es nur einer war, umkreisten sie ihn. „Ihr Räuber!“, brüllte Bau Yung, „traut sich einer, gegen mich zu kämpfen?“ – „Sie haben einen von uns umgehauen!“, rief einer aus der Bande. „Egal ob er noch lebt, wir versuchen besser, ihn hier rauszuschaffen!“ Als Bau Yung die Stimme hörte, griff er an, aber vier oder fünf der Diebe kreisten ihn ein und schwenkten ihre Waffen. Das Gewühl hörte erst auf, als einige der Nachtwachen genug Mut aufbrachten, um Bau Yung zu Hilfe zu eilen. Die unterzähligen Diebe flüchteten. Bau Yung, noch in der Verfolgung, stolperte über ein Objekt, welches auf dem Boden lag, und als er wieder auf die Füße kam, sah er, daß es eine Truhe war, und er folgerte, daß die Diebe ihre Beute nicht mitnehmen konnten, und gab daher seine Verfolgung auf. Sie müßten jetzt sowieso weit weg und unerreichbar sein, dachte er. Er sagte den Dienern, sie sollten Licht holen. Bei genauerer Betrachtung entdeckte er, daß da einige Truhen waren und daß sie alle leer waren. Er gab den Befehl, daß sie weggebracht würden und rannte zurück in das Hauptgebäude. Seine fehlende Vertrautheit mit der Lage der Zimmer im Herrenhaus brachte ihn zu Hsi-fëngs Gemächern, wo alle Lichter brannten. „Waren die Diebe hier?“, fragte er. „Wir haben die Türen nicht aufgemacht“, kam Pings zitternde Stimme von innen. Aber wir hörten Geschrei von den Hauptgemächern, geh besser dorthin!“ Bau Yung wußte nicht, wo das war, aber er sah die anderen Wachmänner in der Ferne und folgte ihnen zu den Hauptgemächern, wo er die Türen aufstieß, und die Frauen der Nachtwache schluchzend vorfand. In diesem Moment kamen Djia Yün und Lin Dschï-hsiau an, entsetzt von der Nachricht über den Einbruch. Sie fanden die Tür der Herzoginmutter weit offen vor und konnten im Lampenlicht sehen, daß das Schloß und die Truhen und Regale drinnen alle aufgebrochen waren. Es gab Flüche von den Frauen des Nachtdienstes: „Seid ihr halb tot? Wußtet ihr nicht einmal, daß da Diebe im Haus waren?“ „Es gibt eine Liste für den Nachtdienst“, kam die tränenerstickte Antwort, „und wir sind die Wache von zehn bis zwölf Uhr. Wir haben nie eine Runde ausgelassen, wir haben vorne und hinten alles überprüft. Die Diebe kamen in der Folgeschicht zwischen zwölf und vier Uhr, genau, nachdem wir unsere Pflicht erfüllt hatten. Wir hörten Geschrei, aber wir konnten niemanden sehen, und als wir nachschauten, waren die Dinge bereits weg. Bitte, Herren, befragen Sie die Wache nach uns, nicht uns!“ – „Ihr solltet sterben, elender Haufen!“, sagte Lin Dschï-hsiau. „Ich rede später mit euch. Erst muß ich den Rest des Hauses untersuchen.“ Die Nachtwachen führten ihn zu You-schïs Gemächern, welche sicher geschlossen waren. Sie hörten die Stimmen von drinnen weinen: „Wir wären vor Angst fast gestorben.“ „Hat jemand etwas von hier gestohlen?“, fragte Lin. Die Frauen öffneten endlich die Tür. „Uns wurde nichts gestohlen.“ Als nächstes führte Lin seine Männer zu Hsi-tschun, wo sie wieder Stimmen von drinnen hörten: „Herr, rette uns! Fräulein Hsi-tschun ist vor Angst fast gestorben! Bitte, wachen sie auf, Fräulein!“ Lin befahl ihnen, die Tür zu öffnen, und fragte sie, was passiert sei. Eine Amme erschien in der Tür: „Die Diebe kämpften in unserem Hof, und Fräulein Hsi-tschun ist vor Schreck in Ohnmacht gefallen. Glücklicherweise haben Schwester Miau-yü und Fräulein Tsai-ping sie wieder zu Bewußtsein gebracht. Hier wurde nichts gestohlen.“ – „Was meinst du mit kämpfen?“, fragte Lin. Einer der Wachmänner antwortete: „Es war der junge Bau Yung, der den Tag rettete, Herr. Er kletterte auf das Dach und jagte sie davon. Und ich hörte, daß er einen von ihnen umgehauen hat.“ „Ja“, fügte Bau-yung ein, „der Körper liegt drüben am Gartentor.“ Djia Yün und sein Gefolge gingen hinüber zum Gartentor, und tatsächlich lag dort der tote Körper eines Mannes auf dem Boden, welcher bei genauerer Untersuchung sehr dem Ziehsohn von Dschou Juee, Hë San, ähnelte. Sie waren alle sehr erschüttert von dieser Entdeckung. Ein Mann wurde zurückgelassen, um den Körper zu bewachen und zwei wurden zu den vorderen und letzten Gartentoren geschickt, um dort zu wachen, bei beiden wurden die Schlösser intakt vorgefunden. Lin gab nun den Befehl, das Haupttor zu öffnen und den Diebstahl der Polizei zu melden. Die Polizei kam sofort und begann mit den Untersuchungen. Die Diebe, so folgerten sie, waren von einer Nebenstraße auf das Dach geklettert und hinüber zu den Gemächern im westlichen Hof gegangen. Dort fand man zerbrochene Ziegel und noch mehr Spuren, die genau bis zum Ende des Gartens führten. „Sie waren keine Diebe, sondern bewaffnete Räuber!“, riefen die Nachtwachen. Der Polizist sagte: „Es scheint ein Diebstahl zu sein, es gibt keine Beweise für Fackeln oder irgendetwas anderes, das auf einen bewaffneten Raubüberfall schließen läßt. Welche Hinweise habt ihr für diese Anschuldigung?“ „Als wir sie gejagt haben, fingen sie an, Ziegel vom Dach zu werfen, sodaß wir uns ihnen nicht nähern konnten. Aber unser Bau Yung kletterte auf das Dach, lief ihnen nach und jagte sie bis zum Garten, wo noch viel mehr von ihnen warteten und kämpften. Aber als sie sahen, daß sie es nicht mit unserem Bau Yung aufnehmen konnten, flohen sie!“ – „Seht mal“, rief der Beamte, „wenn sie wirklich bewaffnete Diebe waren, wären sie sicher im Stande gewesen einen einzigen Gegner zu übermannen. Jedenfalls, genug davon: Findet heraus, was genau gestohlen wurde und überbringt uns eine Inventarliste. Dann können wir einen genauen Bericht über diese Sache machen.“ Djia Yün und die anderen Männer gingen nun zu den Hauptgemächern, wo sie Hsi-fëng vorfanden, die sich selbst trotz ihrer Krankheit dorthin geschleppt hatte. Und sie trafen Hsi-tschun an. Djia Yün fragte nach Hsi-fëngs Gesundheit und grüßte Hsi-tschun, und dann machten sie sich alle an die wenig beneidenswerte Aufgabe, zu bestimmen, was vermißt wurde. Da Yüan-yang tot war, und Hu-po und die anderen Mägde bei der Beerdigung waren, wußte keiner, wo man anfangen sollte. Die gestohlenen Sachen waren alles persönliche Dinge der Dame Djia und waren immer unter Verschluß gehalten worden. Sie waren noch nie gezählt worden. „Die Truhen und Regale waren voll von so vielen verschiedenen Dingen“, sagten sie, „und nun sind sie alle leer. Die Diebe müssen genügend Zeit gehabt haben, um ihre Arbeit zu tun. Was haben die Frauen der Nachtwache um Himmels willen gemacht? Da der Tote Hë San ist, der Ziehsohn von Dschou Juee, waren sie wahrscheinlich alle gemeinsam beteiligt.“ Als Hsi-fëng das hörte, quollen ihr vor Wut die Augen aus dem Kopf. „Fessle alle betroffenen Frauen“, befahl sie, „und übergib sie der Polizei zum Verhör.“ Es gab allgemeines Aufschreien, Bitten um Gnade, Frauen auf ihren Knien, die bettelten. Um zu erfahren, was mit ihnen gemacht wurde, und ob die gestohlenen Güter gefunden wurden oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel. 112. Miau-yü entrichtet ihre Karma-Schuld und erleidet einen Schicksalsschlag Frau Dschau ist bei allen unbeliebt und begibt sich auf den Weg in die Unterwelt

Die gefesselten Frauen der Nachtwache gingen auf die Knie und bettelten Hsi-fëng an, sie zu verschonen, aber Lin Dschï-hsiau und Djia Yün sagten ihnen, daß sie ihren Atem vergeudeten: „Die Herren ließen uns zurück, das Haus zu bewachen, und nun, da diese Dinge passiert sind, müssen wir alle unseren Teil der Schuld auf uns nehmen. Niemand kann euch helfen. Wenn Dschou Juees Ziehsohn darin verwickelt ist, dann stehen alle, von den Damen ausgehend, Männer und Frauen, Herren und Diener, unter Verdacht.“ – „Das ist unser Schicksal“, sagte Hsi-fëng, nach Atem ringend. „Warum Worte verschwenden? Bringt sie nur weg. Und was die gestohlenen Dinge angeht, mußt du sicher sein, daß du der Polizei sagst, daß alles der Herzoginmutter gehörte. Nur die Herren kennen die Einzelheiten. Wenn wir ihnen eine Nachricht schicken und sie nach Hause kommen, dann können wir natürlich eine Liste machen und sie der Polizei geben. Auch im Rathaus muß das bekannt gemacht werden.“ „Ja, Fräulein.“ Djia Yün und Lin Dschï-hsiau gingen hinaus, um diese Anweisungen auszuführen. Hsi-tschun hatte während all dem nichts gesagt, aber nun begann sie zu wimmern: „So etwas habe ich ja noch nie erlebt! Warum mußte es uns zwei treffen? Wie soll ich Onkel Dschëng und Tante Wang gegenübertreten, wenn sie nach Hause kommen? Sie werden alle sagen, daß wir für das Haus verantwortlich waren und uns die Schuld für dieses Desaster geben. Ich werde vor Scham sterben.“ Hsi-fëng antwortete: „Das ist nicht unsere Schuld. Die Frauen der Nachtwache müssen die Schuld auf sich nehmen.“ Hsi-tschun entgegnete: „Für dich ist das alles so einfach. Du warst krank, aber ich habe keine Entschuldigung! Das ist genau das, was meine Schwägerin Li Wan plante! Sie überredete Tante Hsing absichtlich, mir die ganze Verantwortung zu übergeben. Nun habe ich mein Gesicht verloren.“ Sie brach unter heftigem Schluchzen zusammen. Hsi-fëng sagte: „So darfst du das nicht sehen. Wir sind alle geschändet worden. Wenn du so eine dumme Idee verfolgst, wie soll ich dann meinen Kopf hochhalten?“ Als sie sprachen, hörten sie die Stimme eines Mannes im Hof schreien: „Ich sagte, wir sollten keinen Umgang mit solchen Frauen haben. Das sind Hexen und Huren, die ganze Bande! Die Dschën-Familie hätte niemals Menschen wie diese im Haus geduldet, und ich erwartete nicht, daß die Dinge hier im Hause Djia so locker sind! Die Prozession der Herzoginmutter war gestern noch nicht richtig aus dem Haupttor hinaus, als diese Nonne von dieser Einsiedelei kam und darauf drängte hereinzukommen. Ich habe ihr sofort gesagt, daß sie dies nicht könne, aber dann wendeten sich die alten Frauen von dem Seitentor gegen mich und redeten auf mich ein und baten sie, hereinzukommen. Sodaß manchmal das Tor geschlossen war, und manchmal war es offen, – wer hätte sagen können, was vor sich ging! Ich lag wach und sorgte mich, bis zwei Uhr morgens, und dann hörte ich die Schreie vom Haus her. Also ging ich zum Tor, aber sie wollten es nicht aufmachen, und als das Geschrei schlimmer wurde, brach ich das Tor auf und kam herein. Ich sah einige Männer im Westhof, jagte sie und tötete einen von ihnen. Ich fand erst heute heraus, daß der Ort, an dem ich war, der Hof von Fräulein Hsi-tschuns Gemächern war. Und die Nonne war bei ihr zu dem Zeitpunkt, als der Raubüberfall stattfand. Sie schlich heute Morgen vor Morgengrauen davon. Sie muß diejenige sein, die die Diebe hinein ließ.“ „Wer ist dieser gewalttätige Kerl?“, fragte Ping-örl. „Wie kann er es wagen, so eine Sprache zu benutzen, wenn Fräulein Liän und Fräulein Hsi-tschun hier drin sind?“ „Er erwähnte die Dschën Familie“, sagte Hsi-fëng. „Er muß dieser gemeine Diener sein, den sie uns andrehen wollten.“ Hsi-tschun hatte Bau Yung gehört und zu deutlich verstanden und fühlte sich dadurch noch schlechter als vorher. „War da nicht etwas von einer Nonne in seinem Geschwafel?“, fuhr Hsi-fëng fort und wendete sich an Hsi-tschun. „Welche Nonne war bei dir? Woher kam sie?“ Hsi-tschun sagte ihr, daß Miau-yü sie besucht hatte und daß sie geblieben war, um Go mit ihr zu spielen und ihr während der Nacht Gesellschaft zu leisten. „Oh, Miau-yü!“, rief Hsi-fëng, „das ist natürlich ausgeschlossen, welche lächerliche Idee! Aber dennoch, es wäre sehr unglücklich, wenn die Anschuldigungen dieser abscheulichen Kreatur jemals die Ohren Herrn Dschëngs erreichten.“ Je mehr Hsi-tschun über die möglichen Konsequenzen für Miau-yü nachdachte, desto unruhiger wurde sie. Sie erhob sich zum Gehen, aber trotz ihrer eigenen Angst, zu ihren eigenen Gemächern zurückzukehren, fürchtete Hsi-fëng, daß Hsi-tschun sich in ihrem jetzigen Zustand etwas Unüberlegtes antun könne, und bat sie darum, etwas zu warten. „Bevor wir gehen, müssen wir sicherstellen, daß man die übrigen persönlichen Dinge der Großmutter aufräumt. Und wir müssen eine Wache stellen.“ Ping-örl sagte: „Aber es kann nichts aufgeräumt werden, bevor die Amtspersonen ihre Untersuchung durchgeführt haben. Bis dahin sollten wir alles so lassen, wie es ist. Wurde jemand geschickt, um Herrn Dschëng zu informieren?“ Hsi-fëng sagte: „Du schickst besser eine der Ammen, um das herauszufinden.“ Gerade kam die Antwort zurück: „Lin Dschï-hsiau kann nicht selbst gehen. Die meisten der Diener werden gebraucht, um eine Hilfe für die Untersuchung zu sein, und die, die nicht gebraucht werden, sind unfähig den Herren solche Dinge genau zu erklären. Also ist bereits der junge Herr Djia Yün gegangen.“ Hsi-fëng nickte, setzte sich ängstlich zu Hsi-tschun und wartete. Die Bande war von Hë San und seinem Freund mit der ausdrücklichen Absicht ausgehoben worden, das Jung-guo-Anwesen zu überfallen. Auf ihrem Heimweg hatten sie schnell erkannt, daß die Verfolger unfähig waren. Deshalb führte sie ihr Raubzug weiter zum Westhof. Durch das Fenster erspähten sie zwei sehr attraktive junge Damen, die im Lampenlicht zusammensaßen, eine davon trug Nonnentracht. Ihre niederen Instinkte kamen sofort hoch, und sie wären Hals über Kopf hineingerannt, wenn Bau Yung nicht einen Moment später auf sie zu stürmte. Dann machten sie sich schnell mit ihrem Diebesgut, aber ohne Hë San auf den Weg. Sie versammelten sich danach geheim mit ihrem „Hehler“. Am nächsten Tag erfuhren sie, daß Hë San gestoppt und getötet worden war und daß die Polizei und das Rathaus alarmiert worden waren. Es war nicht länger sicher für sie in der Stadt und nach einiger Diskussion entschieden sie sich, sich unverzüglich wieder auf den Weg zurück zu ihrem Hauptquartier an der Küste zu machen, um sich wieder ihren Piratenfreunden anzuschließen. Wenn sie später aufbrechen würden, wäre bereits ein Steckbrief für ihre Festnahme veröffentlicht, wodurch es unmöglich für sie wäre, durch die Wachposten zu kommen. Es gab jedoch einen besonders dreisten Charakter unter ihnen: „Das ist alles gut gesagt, daß wir die Stadt verlassen müssen“, sagte er. „Aber ich habe immer noch ein Auge auf die kleine Nonne geworfen. Sie ist wirklich sehr hübsch! Ich frage mich, von welchem Konvent sie kommt, dieses leckere Ding!“ „Ach!“, rief einer der anderen, „da fällt es mir wieder ein. Sie muß die Nonne sein, die genau auf dem Gelände des Gartens der Djia-Familie wohnt, in dem Ort, den sie Kloster Gefangenes Grün nennen. Gab es da nicht eine Geschichte, die vor ein oder zwei Jahren, über sie und Herrn Bau-yü herum ging? Sie verliebte sich Hals über Kopf in ihn und am Ende holten sie einen Arzt. Sie muß diejenige sein!“ – „In diesem Fall“, sagte der erste, „laß uns heute uns nacht hier ver­stecken und morgen von unserem Skipper Geld borgen, um die Ausrüstung zu kaufen, uns als reisende Geschäftsleute zu verkleiden. Morgen, zur Frühglocke könnt ihr anfangen, in Intervallen die Stadt zu verlassen. Wartet auf mich an der Fünf-Meilen-Anhöhe.“ So wurde es gemacht. Sie teilten das Diebesgut auf und gingen getrennte Wege. Djia Dschëng und der Rest des Zuges beförderten die Särge der Herzoginmutter und Yüan-yangs in den Tempel und bestatteten sie dort gemäß den Vorschriften in der Gruft. Die vielen Verwandten und Freunde, die sie begleiteten, verabschiedeten sich dann von ihnen. Djia Dschëng ließ sich in einem der äußeren Flügel als sein ‚Trauer-Quartier‘ nieder, während die Damen in den inneren Räumen, dort wo die Särge plaziert waren, blieben. Während der ganzen Nacht gab es andauerndes Klagen. Am nächsten Morgen begannen sie noch einmal Beerdigungsopfer darzubringen und waren dabei, die Opfergaben auszulegen, als Djia Yün hereinstürmte. Erst verbeugte er sich vor dem Sarg der Herzoginmutter, dann eilte er zu Djia Dschëng, ließ ein Knie auf den Boden fallen und gab einen atemlosen Bericht vom Raub der vergangenen Nacht und dem Verlust des Besitzes der Herzoginmutter ab. Er beschrieb, wie Bau Yung auf der Jagd war und einen der Räuber getötet hatte, und endete damit, daß er sagte, daß die Fakten bereits vor der Polizei und dem Rathaus dargelegt worden seien. Djia Dschëng hörte all dies bestürzt, während die Damen, die dies mit Schrecken in den inneren Räumen hörten, zu geschockt waren, um zu sprechen und nur laut schluchzen konnten. Endlich fing sich Djia Dschëng wieder und fragte: „Wie wurde ein Inventarliste der gestohlenen Dingen erstellt?“ Djia Yün sagte: „Keine der Dienerinnen wußte, was darin gewesen war, also wurde die Inventarliste noch nicht erstellt.“ Djia Dschëng erklärte: „Auch gut. Wenn wir nach der Beschlagnahme, Dinge von Wert im Inventar auflisten, würden wir uns einer weiteren Übertretung des Gesetzes strafbar machen. Sag’ Liän, er solle sofort hierher kommen.“ Djia Liän war mit Bau-yü und einigen anderen jungen männlichen Djias gegangen, um die Opfer in einem anderen Teil des Tempels zu entrichten, und sie eilten zurück, als sie Djia Dschëngs Aufforderung erhielten. Die Neuigkeiten versetzten Djia Liän in einen Zustand äußerster Aufregung, und vor Djia Dschëng fluchte er und schimpfte Djia Yün aus: „Elender Mistkerl! Ich habe dir eine große Verantwortung übertragen und erwartete, daß du die Nachtwache anständig organisierst, und sieh, was passiert ist! Bist du halbtot oder was? Ich bin erstaunt, daß du es überhaupt wagst, hierher zu kommen!“ Er spuckte ihm ins Gesicht. Djia Yün stand dort mit hängenden Armen an den Seiten und traute sich nicht, ein Wort zu sprechen. Djia Dschëng sagte zu Djia Liän: „Ihn zu verfluchen, wird nichts bringen.“ Djia Liän fiel auf die Knie und fragte: „Was sollen wir jetzt tun?“ Djia Dschëng sagte: „Es gibt nichts, was wir tun können, außer zu warten und zu hoffen, daß die Behörden die Diebe ergreifen. Es ist ärgerlich, daß wir die Truhen meiner Mutter nie öffneten. Als du mich nach Geld fragtest, dachte ich, es wäre nicht gut, wenn ich das Silber der Herzoginmutter nehmen würde, als sie erst ein paar Tage tot war. Ich wollte bis nach der Beerdigung warten und all unsere Konten sofort auflösen und den Restbetrag in ein Ahnengut im Süden investieren. Also wissen wir nicht genau, was sie hinterlassen hatte. Nun will die Polizei eine Inventarliste, und wir können kaum etwas mit Wert dort angeben. Aber gleichzeitig werden wir nicht davonkommen mit ‚diversen Mengen an Gold und Silber und mehreren Kleidungsstücken und Juwelen‘. Es gibt keine genauen Zahlen, und wir dürfen nichts erfinden. Ich erkenne dich kaum wieder, warum hast du das damals nicht richtig organisiert. Und jetzt kniest du hier, das bringt doch gar nichts!“ Djia Liän traute sich nicht, ein Wort zu sagen, erhob sich aber und ging zur Tür. Djia Dschëng fragte: „Wohin gehst du nun?“ Djia Liän kam zurück und kniete wieder. „Ich dachte, ich sollte sofort nach Hause gehen und versuchen, dies anständig zu lösen.“ Djia Dschëng gab ein lautes, zustimmendes „Hm!“ von sich. Djia Liän ließ seinen Kopf demütig hängen. Djia Dschëng sagte: „Berichte es erst deiner Mutter. Wenn du nach Hause gehst, nimm ein oder zwei Mägde der Großmutter mit. Sag’ ihnen, sie sollen gut nachdenken und etwas in der Art einer Inventarliste zustande bringen.“ Djia Liän wußte, daß Yüan-yang für alle persönlichen Dinge der Herzoginmutter verantwortlich war, und daß es, nun da sie tot war, unnütz wäre, Dschën-dschu oder die anderen Mägden zu bitten, sich zu erinnern. Aber er hatte nicht den Mut, Djia Dschëng zu widersprechen und bestätigte seine Anweisungen. Er ging in den inneren Räume, wo er die Vorwürfe der Damen Hsing und Wang erdulden mußte. Sie befahlen ihm, nach Hause zu eilen und den Frauen zuhause zu sagen, sich auf den Zorn ihrer Herrinnen vorzubereiten. Er versicherte seiner Mutter und seiner Tante mit etwas unbeholfener Anmut, daß er dies tun würde. Djia Liän ging hinaus und befahl einem seiner Männer, eine Kutsche für Hu-po und die anderen Mägde der Herzoginmutter zu holen, während er selbst auf einen Maulesel stieg und flugs mit einigen seiner Pagen nach Hause eilte. Djia Yün hatte keine Lust auf weitere Aus­ein­an­dersetzungen mit Djia Dschëng, und stahl sich davon, er stieg auf ein Pferd und holte zu Djia Liän auf. Ihr Ritt in die Stadt blieb ereignislos. Djia Liän wurde im Jung-guo-Anwesen von Lin Dschï-hsiau begrüßt, der ihn in die Gemächer der Herzoginmutter führte. Dort warteten Hsi-fëng und Hsi-tschun. Die beiden waren sehr wütend, aber sagten nichts. Dann fragten sie Lin Dschï-hsiau: „Hat die Polizei bereits alles untersucht?“ Lin Dschï-hsiau kniete schuldbewußt nieder: „Beide, die Polizei und das Rathaus, haben eine Inspektion gemacht, Herr. Sie entdeckten die Spuren der Diebe und untersuchten die Leiche.“ Djia Liän fragte überrascht: „Welche Leiche?“ Lin Dschï-hsiau erzählte ihm, wie Bau Yung einen der Diebe getötet hatte und daß der tote Mann eine große Ähnlichkeit mit Dschou Juees Ziehsohn hatte. Djia Liän sagte: „Schicke nach Djia Yün!“ Als Djia Yün hereinkam, fiel er vor Djia Liän auf die Knie. Djia Liän fragte: „Warum hast du Onkel Dschëng nichts davon erzählt, daß einer der Diebe der Ziehsohn Dschou Juees war und daß er von Bau Yung getötete wurde?“ Djia Yün antwortete: „Die Männer der Nachtwache sagten nur, daß er so ähnlich ausgesehen habe. Ich hatte Angst, daß es vielleicht falsch sein könnte, also habe ich es nicht erwähnt.“ Djia Liän sagte: „Dummkopf! Wenn du es mir gesagt hättest, hätte ich Dschou Juee mitgenommen, um den Körper zu identifizieren. Das hätte jeden Zweifel ausgeräumt.“ Lin Dschï-hsiau sagte: „Die Behörden haben die Leiche mitgenommen und stellen sie zur Identifizierung öffentlich aus.“ Djia Liän erklärte: „Das ist sehr dumm von ihnen! Als ob jemand vorkommen würde, um einen Mann zu identifizieren, der für seinen Tod selbst verantwortlich ist?“ Lin Dschï-hsiau sagte: „Es gibt sowieso keinen Grund für eine Identifizierung, Herr. Ich erkannte den Mann selbst.“ Djia Liän wog einen Moment lang ab. „Natürlich! War es nicht Dschou Juees Ziehsohn, den Herr Dschën vor einem Jahr oder so schlagen lassen wollte?“ Lin Dschï-hsiau sagte: „Ja, er wurde erwischt, als er sich mit Bau Örl schlug. Ich habe es selbst gesehen.“ Djia Liän wurde noch zorniger bei dieser Enthüllung, und wollte den Mann der Nachtwache schlagen, aber Lin Dschï-hsiau bat ihn, den Zorn verrauchen zu lassen. „Sie hatten ihre Anweisungen, Herr, und ich bin sicher, Sie taten Ihre Pflicht. Aber es ist eine strenge Familienregel, daß Männer nicht hinter dem inneren Tor erlaubt sind. Selbst wir sind dort nicht zugelassen, außer, wenn nach uns verlangt wird. Herr Djia Yün und ich machten unsere regulären Runden in den äußeren Gemächern. Das innere Tor war fest geschlossen, und keines des äußeren Tore wurde offen gelassen. Die Diebe brachen von einer hinteren Gasse ein.“ Djia Liän fragte: „Wo sind die Frauen, die die Nachtwache für die inneren Gemächer hatten?“ Lin informierte ihn, daß auf Hsi-fëngs Anweisung alle Frauen festgehalten und gefesselt waren und darauf warteten, befragt zu werden. Djia Liän fragte: „Wo ist Bau Yung?“ Lin Dschï-hsiau antwortete: „Er ist zurück in den Garten gegangen.“ Djia Liän sagte: „Schicke nach ihm!“ Die Pagen gingen, um Bau Yung zu holen, und als er ankam, lobte Djia Liän ihn für seine Tat: „Gut, daß du hier warst! Wenn nicht, wäre das ganze Haus ausgeraubt worden!“ Bau Yung sagte nichts. Hsi-tschun hatte Angst, daß er seinen Mund aufmachte und Miau-yü beschuldigen würde. Hsi-fëng war ebenfalls besorgt und blieb still. Es wurde zwischenzeitlich berichtet, daß Hu-po und die anderen Mägde vom Tempel laut jammernd angekommen waren. Sie begrüßten den Rest des Haushaltes. Auf Anweisungen Djia Liäns durchsuchten die Diener die Gemächer der Herzoginmutter, um zu sehen, ob, wenn überhaupt, die Diebe etwas dagelassen hatten, und sie fanden nichts als Kleidung, ein paar Bahnen Stoff und ein paar Körbe mit Bargeld. Djia Liän war nun bestürzter denn je. Weder die Männer, die das Begräbnistuch hergestellt hatten, und die Leichenträger noch die zusätzlichen Bewirtungskosten waren bezahlt worden. Wo sollte er nun das Geld hernehmen? Er grübelte mürrisch, während Hu-po und die anderen Mägde in die Gemächer der Herzoginmutter gingen und in ein erneutes Weinen ausbrachen, als sie das Chaos erblickten. Die Truhen und Schränke waren offen, und wie konnten sie sich nur daran erinnern, was sich darin befunden hatte? - Sie brachten es aber fertig, eine Liste von allem Möglichen zusammenzubasteln, welche sie einem Diener gaben, der sie den Behörden übergeben sollte. Djia Liän gab der Nachtwache Anweisungen, und Hsi-fëng und Hsi-tschun gingen zurück in ihre Gemächer. Djia Liän dachte, es wäre das Beste, die Nacht nicht zu Hause zu verbringen, weil er Hsi-fëng nicht für ihren Teil der Geschichte tadeln wollte. Sobald er wegkonnte, stieg er auf sein Pferd und ritt aus der Stadt. Hsi-fëng hatte noch immer Angst, daß Hsi-tschun Selbstmord begehen könnte, und schickte Fëng-örl hinüber, um sie zu trösten. Um zehn Uhr nachts waren die Tore fest geschlossen, nun eine etwas überflüssige Vorsichtsmaßnahme, und alle lagen in einem Zustand nervöser Wachheit im Bett. Aber unsere Erzählung verläßt das Jung-guo-Anwesen und kehrt zurück zu dem Dieb, der es auf die Nonne abgesehen hatte. Er wußte, daß die Herberge eine isolierte Gegend im Garten war, und daß die einzigen Gefährten der Nonne wenige alte Oberinnen und Novizinnen waren, die keine Gefahr darstellen würden. Entsprechend machte er seine Pläne. Um Mitternacht, als alles ruhig war, brach er, mit einem kurzen Messer und einem Arsenal von Betäubungsmitteln ausgestattet, auf. Er erklomm die Gartenmauer. Von seinem Aussichtspunkt konnte er die fernen Lampen der Herberge sehen. Er krabbelte verstohlen hinüber und versteckte sich in einer einsamen Ecke. Um zwei Uhr brannte nur noch ein einziges Nachtlicht. Miau-yü saß im Schneidersitz auf ihrer Matte. Sie machte eine kurze Pause bei ihren Meditationen, und nach mehreren tiefen Seufzern dachte sie laut bei sich: ‚Als ich von meiner Heimat am Berg Yüän-mu in die Hauptstadt kam, hatte ich gehofft, mir einen Namen zu machen. Aber als die Djias mich einluden, hier zu bleiben, konnte ich ihre Einladung kaum ablehnen. Und nun kann ich nicht einmal so etwas Einfaches machen, wie gestern Hsi-tschun zu besuchen, ohne daß ich mit Beschuldigungen von so einer groben Kreatur überhäuft werde. Und später in der Nacht hatte ich solche Angst! Wie nervös ich den ganzen Tag war, seit meiner Rückkehr schon. Ich kann einfach nicht vernünftig sitzen und meditieren.‘ Sie meditierte üblicherweise alleine und hatte auch heute die anderen nicht gefragt, ob sie mit ihr aufbleiben würden. Aber plötzlich, um vier Uhr, begann sie vor Kälte zu zittern, und war dabei, eine ihrer Frauen zu rufen, als sie ein Geräusch vom Fenster her hörte. Sie dachte sofort daran, was am vorherigen Abend passiert war und rief nach den anderen! Aber es gab keine Antwort. Dort, wo sie saß, konnte sie einen seltsamen Geruch wahrnehmen, der genau in ihren Kopf drang, und ihre Glieder wurden nach und nach taub und sie war unfähig sich zu bewegen, ihr Mund war nicht mehr fähig zu sprechen. Panik erfaßte sie. Hilflos sah sie, wie ein Fremder ihren Raum betrat, ein Mann, mit einem funkelnden Messer in seiner Hand. Obwohl sie wie gelähmt war, war ihr Kopf noch immer klar, und sie dachte, daß sie getötet würde, fügte sich geistig in ihr Schicksal und machte sich selbst überraschend frei von Angst. Dann ließ der Mann zu ihrem Erstaunen das Messer zurück in sein Lederetui fallen, was über seiner Schulter hing, kam zu ihr und legte beide Arme sanft um sie. Er liebkoste sie kurz, dann hob er sie auf seinen Rücken. Nun war Miau-yü zu müde, um zu verstehen, was mit ihr vor sich ging. Die Drogen hatten sie in eine tiefe Benommenheit gleiten lassen, und sie übergab ihren jungfräulichen Körper den Händen des Fremden, damit er tun konnte, was er wollte. Mit Miau-yü auf seinem Rücken machte der Mann sich auf den Weg zur Gartenmauer, welche er mit Hilfe einer Strickleiter erklomm, und kletterte auf der Seite wieder herunter, wo einige seiner Komplizen mit einem Fluchtkarren warteten. Sie packten Miau-yü darauf und fuhren fort. Die beeindruckenden offiziellen Titel, die auf den Karrenlaternen geschrieben waren, erlaubten es ihnen, durch die Barrikaden der Distrikte zu kommen, und als sie das Stadttor erreichten, war bereits Öffnungszeit und der Pförtner machte sich nicht einmal die Mühe, irgendwelche Fragen zu stellen, denn er dachte, sie seien in hoheitlichem Auftrag unterwegs. Als sie erst einmal aus der Stadt waren, eilten sie zur Fünf-Meilen-Anhöhe, wo sie sich dem Rest der Bande anschlossen und sich verständigten, auf getrennten Wegen zur Süd­küste zu gehen. Es ist nicht bekannt, was später aus Miau-yü wurde, ob sie sich freiwillig den Wünschen ihres Räubers ergab oder ob sie sich widersetzte und daran starb. Aus Mangel an ausreichenden Hinweisen auf ihr letztendliches Schicksal, ist es unnütz, darüber zu spekulieren. - Stattdessen kehrt unsere Erzählung zurück zum Kloster Gefangenes Grün. Eine der alten Nonnen, die ihr Quartier am Ende von Miau-yüs Meditationszimmer hatte, schlief diese Nacht bis vier Uhr morgens, als sie vom Geräusch von Stimmen im vorderen

Aus: Jinyuyuan 1889b. Raum erwachte. Miau-yü muß einen rastlosen Anfall in ihren Meditationen haben, folgerte sie. Aber dann hörte sie hinterher schwere und sicherlich männliche Schritte und das Geräusch von Türen und Fenstern, die sich öffneten und schlossen. Sie wäre aufgestanden, um nachzuschauen, aber ihre Glieder waren sehr schwach, und sie konnte ihren Mund nicht zum Sprechen öffnen. Kein weitere Geräusche kamen aus Miau-yüs Raum, und die alte Nonne lag nun bis zum Morgengrauen benommen da , ihre Augen weit geöffnet. Erst dann wurde ihr Kopf klarer. Sie warf sich ein paar Kleider über und befahl den alten dauistischen Priesterinnen, das Wasser für Miau-yüs Morgentee zu erhitzen. Dann ging sie in den vorderen Raum, aber zu ihrem Schrecken fand sie keine Spur von Miau-yü, und Tür und Fenster waren weit geöffnet. Sie erinnerte sich an die Geräusche in der Nacht und wurde argwöhnisch. Laut fragte sie: „Wohin könnte sie so früh am Morgen gegangen sein?“ Sie ging hinaus in den Hof, sie sah die Strickleiter von der Mauer hängen und auf dem Boden lag eine Schwertscheide und eine Zarge. „Oh mein Gott! Es muß letzte Nacht ein Räuber gewesen sein! Er muß uns mit Betäubungsmitteln eingeschläfert haben!“ Sie rief die anderen, damit sie aufstehen und die Herberge durchsuchten. Das Haupttor war noch immer fest verschlossen. „Der Rauch von dem Ofen letzte Nacht war schrecklich!“ murmelten die alten Oberinnen und jungen Novizinnen gleichermaßen, als sie gerufen wurden. „Keine von uns fühlte sich an diesem Morgen danach aufzustehen. Was willst du von uns zu dieser ungöttlichen Stunde?“ – „Schwester Miau-yü ist verschwunden!“, rief die Nonne. Die anderen sagten: „Sie ist wahrschenlich in der Kapelle von Guan-yin und meditiert.“ – „Ihr träumt alle noch! Kommt und seht!“ Die Frauen erhoben sich endlich alarmiert, öffneten das Haupttor der Herberge und durchsuchten den Garten. Dann fiel ihnen ein, daß Miau-yü vielleicht zu Hsi-tschun gegangen sei, und sie gingen zusammen dorthin, klopften am Seitentor, nur um eine Runde Anschuldigungen von Bau Yung zu bekommen. „Wir wissen nicht, wo Schwester Miau-yü letzte Nacht hingegangen ist“, sagten sie. „Wir suchen nach ihr. Öffne, alter Mann, und laß uns in das Haus! Wir wollen nur herausfinden, ob sie dort zu Besuch ist oder nicht.“ „Sie war diejenige, die die Diebe hereinließ!“ schrie Bau Yung. „Nun haben sie, wofür sie gekommen waren, und sie ist mit ihnen gegangen, um es zu genießen!“ „Bei allen Heiligen!“, rief eine der Frauen, „du mußt deine Zunge in der Hölle rausschneiden lassen, für so eine gemeine Beschuldigung!“ Bau Yung erwiderte ungestüm: „Unsinn! Wenn Ihr Ärger macht, werde ich euch schlagen.“ Die Frauen lächelten nun unterwürfig und bittend: „Bitte Herr, wir flehen Sie an, das Tor zu öffnen. Laß uns wenigstens nachschauen. Wenn sie nicht hier ist, werden wir Sie nicht mehr belästigen.“ Bau Yung erwiderte: „Na gut. Wenn ihr mir nicht glaubt, geht hinein und schaut selbst! Aber wenn ihr sie nicht findet, will ich eine Erklärung von euch auf eurem Rückweg.“ Er öffnete das Tor, und die Frauen gingen zu Hsi-tschuns Gemächern. Hsi-tschun war sehr traurig an diesem Morgen und grübelte darüber, was am Tag zuvor passiert war: „Miau-yü ging gestern so früh nach Hause. Ich frage mich, ob sie hörte, was der Diener Bau Yung sagte. Wenn er sie wieder beleidigte, wird sie nie mehr kommen und mich besuchen. Und dann habe ich meinen einzigen wahren Freund auf der Welt verloren. Mutter und Vater sind tot und meine Schwägerin haßt mich so. Vorher gab es immer die Herzoginmutter. Ich wußte, ich konnte auf ihre Liebe zählen. Nun ist auch sie weg, und ich bin alleine zurückgeblieben. Was wird aus mir werden?“ Sie dachte an die anderen Mädchen und deren unterschiedliche Schicksale: „Ying-tschun wurde in ihren Tod getrieben. Hsiang-yün wurde mit einem Schwindsüchtigen verheiratet. Tan-tschun lebt am anderen Ende der Welt. Jede von ihnen hat ihr Schicksal, und jede war machtlos, es zu ändern. Miau-yü ist die einzige Freie von uns, frei wie eine wandelnde Wolke oder ein wilder Kranich. Wenn ich nur wie sie sein könnte, wie glücklich wäre ich! Aber wie kann ich hoffen, ihrem Beispiel zu folgen? Ich gehöre zu einer reichen Familie! Und nun habe ich sogar meine Familie im Stich gelassen und bin in gänzliche Ungnade gefallen. Weder Tante Wang noch Tante Hsing verstehen, wie ich mich fühle. Ich habe keine Ahnung, wie das Leben für mich enden wird.“ Sie war nun entschlossener denn je, den letzten, endgültigen Schritt zu gehen, ihr Haar zu schneiden und indem sie das tat, signalisierte sie damit ein für allemal ihren Eintritt in das religiöse Leben. Tsai-ping und die anderen Mägde hörten den Schnitt der Schere und eilten hinüber, aber sie waren zu spät. Sie hatte bereits eine gute Hälfte ihres Haares abgeschnitten. „Bevor die eine Katastrophe vorüber ist, kommt schon die nächste!“, rief Tsai-ping alarmiert. „Was sollen wir nun tun?“ Dies ist der Zustand der Verwirrung, der in Hsi-tschuns Gemächern herrschte, als Miau-yüs alte Frauen bei ihrer Suche dort ankamen. Tsai-ping erfragte, was sie wollten, und war geschockt zu hören, daß Miau-yü verschwunden war. „Sie verließ uns gestern früh am Morgen und ist seitdem nicht zurück“, informierte sie sie. Hsi-tschun hörte dies von innen und fragte erschrocken: „Wo ist Miau-yü hingegangen?“ Eine der Frauen erzählte die Geschichte, wie sie die Geräusche in der Nacht gehört hatte, daß sie durch betäubende Räucherstäbchen eingeschläfert worden waren, Miau-yü am Morgen vermißten und die Strickleiter und die Schwertscheide entdeckt hatten. Hsi-tschun war beides, aufgeregt und verblüfft. Sie erinnerte sich an Bau Yungs Anschuldigungen des vorherigen Tages, aber tat diese sofort ab und verbannte sie aus ihrem Gedächtnis, und dachte daran, daß die Diebe vielleicht Miau-yü gesehen hätten und während der Nacht zurückgekommen waren, um sie mitzunehmen. Aber sie kannte Miau-yü. Sicher würde eine Person von so einer Keuschheit und Stolz eher sterben als sich so demütigen zu lassen? „Habt ihr nichts gehört?“, fragte sie die Frauen. „Wir hörten es“, antworteten sie, „aber wir konnten nichts tun. Wir konnten nur daliegen, mit weit geöffneten Augen, unfähig, ein Wort zu sagen. Die Diebe müssen uns zum Schlafen gebracht haben, indem sie ein paar Räucherstäbchen abbrannten. Und Schwester Miau-yü muß auch von dem Rauch überrascht worden sein. Deswegen konnte auch sie nicht sprechen. Außerdem gab es wahrscheinlich einige von ihnen, bis an die Zähne bewaffnet, sodaß sie zu ängstlich war, ein Geräusch zu machen oder zu schreien.“ Man konnte das Schreien von Bau Yung vom Tor hören: „Bringt diese dummen Hexen hier raus und schließt sofort das Tor!“ Tsai-ping, die Angst hatte, neuen Ärger zu bekommen, befahl den Frauen, sofort zu gehen, und gab Befehl, das Tor zu schließen. Hsi-tschun war nun noch elender zu Mute als jemals zuvor. Tsai-ping und ihre anderen Mägde mahnten sie wiederholt, eine verständigere Perspektive anzunehmen und überredeten sie, die übrigen Portionen ihrer Haare hochzustecken. „Wir dürfen kein Wort über Miau-yü verlieren,“ einigten sie sich alle. „Selbst wenn es wahr ist, müssen wir uns verhalten, als ob wir nichts wüßten, bis Herr Dschëng und die Dame Wang nach Hause kommen.“ Von diesem Tag an war es Hsi-tschuns Bestimmung, Nonne zu werden.