Hongloumeng/de/Chapter 112

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Kapitel 112

活冤孽妙姑遭大劫 / 死雠仇赵妾赴冥曹

Angst hatte, neuen Ärger zu bekommen, befahl den Frauen, sofort zu gehen, und gab Befehl, das Tor zu schließen. Hsi-tschun war nun noch elender zu Mute als jemals zuvor. Tsai-ping und ihre anderen Mägde mahnten sie wiederholt, eine verständigere Perspektive anzunehmen und überredeten sie, die übrigen Portionen ihrer Haare hochzustecken. „Wir dürfen kein Wort über Miau-yü verlieren,“ einigten sie sich alle. „Selbst wenn es wahr ist, müssen wir uns verhalten, als ob wir nichts wüßten, bis Herr Dschëng und die Dame Wang nach Hause kommen.“ Von diesem Tag an war es Hsi-tschuns Bestimmung, Nonne zu werden. Aber davon im Moment nichts mehr. Als Djia Liän vom Kloster ‚Eiserne Schwelle‘ zurückkehrte, berichtete er Djia Dschëng, daß er den Mann der Nachtwache befragt hatte und zugesehen hatte, daß die Inventarliste vorbereitet und den Behörden geliefert wurde. „Wie hast du das mit der Inventarliste geregelt?“, fragte Djia Dschëng. Djia Liän zeigte ihm eine Kopie von der Liste, die Hu-po aus dem Gedächtnis angefertigt hatte, und fügte hinzu: „Alle Geschenke der kaiserlichen Nebenfrau Yüän-tschun an die Herzoginmutter sind deutlich gekennzeichnet. Alle anderen besonderen oder auffälligen Gegenstände wurden von der Liste genommen. Wenn meine Zeit der Trauer vorüber ist, werde ich eine Suche nach diesen Dingen anregen und bin zuversichtlich, diese wiederzufinden.“ Djia Dschëng dachte, daß diese Vorgehensweise weise wäre, und nickte in stillem Einverständnis. Djia Liän ging hinein, um die Damen Hsing und Wang zu sehen, und bat sie, Djia Dschëng dazu zu bewegen, so schnell wie möglich zurückzukehren. Je länger sie wegblieben, desto größer wäre das Chaos, wenn sie zurückkehrten. „Ich bin einverstanden“, sagte die Dame Hsing, „so lange wir hier bleiben, werden wir sowieso in dieser furchtbaren Anspannung bleiben.“ – „Ich hätte mich nie getraut, selbst eine frühe Abreise vorzuschlagen“, sagte Djia Liän, „aber wenn es von dir kommt, Mutter, bin ich sicher, daß Onkel Dschëng zustimmen wird.“ Die Dame Hsing unterhielt sich darüber mit der Dame Wang, und beide stimmten überein, daß Liäns Vorschlag gut war. Es stellte sich am nächsten Morgen heraus, daß Djia Dschëng selbst sehr gerne zurückkehren wollte, und er schickte Bau-yü mit der Nachricht zu den Damen. „Ich schlage vor, daß wir heute zurückkehren und unsere Trauer hier in ein oder zwei Tagen fortsetzen. Ich habe die nötigen Anweisungen an die Diener gegeben, die zurückbleiben. Wären die Damen so gut, dasselbe zu tun?“ Die Dame Hsing unterwies Ying-ge und einige anderen Mägde, als Trauernde zu bleiben, und hinterließen Dschou Juees Frau sowie ein paar ältere Verwalterinnen mit der vollen Verantwortung. Alle anderen mußten nach Hause zurückkehren. Sofort trat Geschäftigkeit ein, da Kutschen vorbe­reitet und Pferde gesattelt wurden, Djia Dschëng die Familie zu einer letzten Trauerklage führte und um einen zeremoniellen Abschied der Überreste der Herzoginmutter bat. Sie waren alle von ihrem Kniefall aufgestanden und dabei zu gehen, als sie bemerkten, daß Frau Dschau noch auf ihren Knien war. Frau Dschou dachte, sie brauche noch etwas Zeit und ging hinüber, um ihr aufzuhelfen. Aber sie war in einem Zustand der Unfähigkeit, der aus mehr als Trauer herrührte: Sie schäumte aus dem Mund, ihre Augen starrten glänzend vor sich hin, ihre Zunge war herausgestreckt. Der Anblick erschreckte alle. Djia Huan ging zu seiner Mutter zu ihr und schrie schrecklich vor ihr, was sie für einen Moment wieder zu sich zu bringen schien. „Ich will nicht nach Hause!“, begann sie zu stammeln, „ich gehe zurück in den Süden mit der Herzoginmutter.“ „Aber warum sollte die Herzoginmutter dich brauchen, um mit dir zu gehen?“, fragten sie. „Ich war mein ganzes Leben bei ihr. Herr Schë wollte uns trennen und versuchte alle möglichen Tricks, um seine Hände an mich zu legen. Ich dachte, die alte dauistische Priesterin Ma könnte mir helfen; daß mein Geld verschwendet war, war nicht so schlimm, aber es funktionierte nicht, niemand starb. Nun, wenn ich nach Hause gehe, fürchte ich, daß jemand Rache nehmen wird.“ Erst dachten sie, sie wäre von Yüan-yangs Geist besessen. Die Damen Hsing und Wang sagten nichts, schauten sich nur an. Nur Tsai-yün und einige andere Mägde sprachen und baten: „Schwester Yüan-yang, dein Tod war frei von dir gewählt. Was hat das mit Frau Dschau zu tun? Bitte laß sie frei.“ In Anwesenheit der Dame Hsing trauten sie sich nicht mehr zu sagen. „Ich bin nicht Yüan-yang!“ protestierte Frau Dschau. „Sie ist schon lange in himmlischen Gefilden. Ich wurde vom Herrscher der Unterwelt, König Yän, geschickt. Er will mich über die dauistische Priesterin Ma und die schwarze Magie ausfragen.“ Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern und fuhr fort: „Oh Frau Liän, legen sie ein gutes Wort für mich bei Djia Dschëng ein! Ich habe zwar an tausend Tagen Böses getan, doch habe ich auch an einem Tag Gutes getan! Liebe Frau Liän! Liebste Frau Liän! Ich wollte ihnen nie weh tun! Ich war so dumm! Ich hätte niemals auf diese alte Hexe hören sollen!“ Während diese außergewöhnliche Szene stattfand, schickte Djia Dschëng einen Diener hinein, um Djia Huan zu holen. Eine der Dienerinnen ging hinaus, um den Herrn zu informieren, daß Frau Dschau von einem bösen Geist besessen war und daß Djia Huan nach ihr sah. „Welcher Unsinn!“, rief Djia Dschëng brüsk, „wir gehen jetzt trotzdem.“ Also machten sich die Männer auf den Weg, während Frau Dschau fortfuhr, im Dilirium zu reden. Niemand konnte sie wieder zu Verstand bringen. Die Dame Hsing befürchtete, sie könnte noch etwas Indiskreteres sagen. „Ein paar Frauen bleiben hier, um auf sie aufzupassen“, befahl sie. „Wir müssen wirklich gehen. Wenn wir die Stadt erreichen, holen wir einen Arzt.“ Die Dame Wang hatte Frau Dschau nie gemocht und war nur zu froh, sie zu verlassen. Bau-tschai war auf der anderen Seite ihr gegenüber weniger voreingenommen. Sie wußte, daß Frau Dschau versucht hatte, Bau-yü weh zu tun, aber sie konnte sich nicht helfen, trotzdem Mitleid mit ihr zu haben; insgeheim bat sie darum, daß Frau Dschou zurückblieb und sich um sie kümmerte. Frau Dschou war eine gute Seele und war einverstanden. Li Wan blieb ebenfalls freiwillig, aber wurde höflich von der Dame Wang darauf hingewiesen, daß ihre Anwesenheit unnötig sei. Sie waren nun bereit zu gehen. „Was ist mit mir?“, fragte Djia Huan alarmiert. „Muß ich auch bleiben?“ „Du Dummkopf!“, erwiderte die Dame Wang geringschätzig und kein bißchen heuchlerisch. „Würdest du deiner Mutter opfern, wenn sie an der Schwelle des Todes steht?“ Djia Huan traute sich nicht, ein Wort zu sagen. „Lieber Bruder“, sagte Bau-yü, „du solltest wirklich bleiben. Sobald wir in die Stadt kommen, schicke ich jemanden zu dir hinaus.“ Sie stiegen in ihre Kutschen, kehrten nach Hause zurück und ließen die Frau Dschau mit Frau Dschou, Djia Huan, Ying-wu und einigen Dienerinnen im Tempel zurück. Als sie das Haus erreichten, gingen Djia Dschëng, die Damen und der Rest der Familie zu den Gemächern der Herzoginmutter und überblickten weinend die Szene. Lin Dschï-hsiau begrüßte sie mit dem Hauspersonal. „Geht weg!“, rief Djia Dschëng aus, als sie auf ihre Knie fielen. „Ich werde mich morgen mit euch befassen!“ Hsi-fëng war bereits einige Male an diesem Tag in Ohnmacht gefallen, und war zu schwach herauszukommen und sie zu Hause willkommen zu heißen. Die einzige Person, die sie empfing, war Hsi-tschun, die selbst sehr beschämt aussah. Die Dame Hsing ignorierte sie ganz, die Dame Wang war noch gefaßt, während Li Wan und Bau-tschai sie bei der Hand nahmen und einige tröstende Worte sprachen. You-schï mußte, wie vorauszusehen war, einen boshaften Kommentar abgeben: „In welch einen großen Ärger haben wir dich in den letzten Tagen gebracht, mein Mädchen!“ Hsi-tschun konnte darauf nichts antworten, aber errötete nur tief, von Ohr zu Ohr. Bau-tschai nahm You-schï zur Seite und schenkte ihr einen bedeutungsvollen Blick. Die Damen gingen in ihre Räume. Djia Dschëng untersuchte den sichtbaren Schaden, indem er viele tiefe Seufzer ausstieß. Er ging in sein Studierzimmer und, auf seiner Trauermatte sitzend, schickte er nach Djia Liän, Djia Jung, Djia Yün und hielt den dreien eine kurze Predigt. Bau-yü wollte ihm im Studierzimmer Gesellschaft leisten, aber Djia Dschëng sagte, es sei nicht nötig. Djia Lan ging in den Raum seiner Mutter. Diese Nacht verging ereignislos. Als erstes am nächsten Morgen kam Lin Dschï-hsiau in das Studierzimmer und kniete vor Djia Dschëng, der ihn um eine volle Schilderung des Katastrophe bat. Lin Dschï-hsiau erwähnte, daß Dschou Juee darin verwickelt sei: „Herr Liäns Diener Bau Örl wurde festgenommen, und einige der Gegenstände auf der Inventarliste der gestohlenen Güter wurden bei ihm gefunden. Er wurde befragt, und sie hoffen, die Diebe durch ihn zu finden.“ Diese Nachrichten brachten Djia Dschëng in Rage: „Das unsere Diener diese Undankbarkeit haben, uns an Räuber auszuliefern, daß sie von ihren eigenen Herren stehlen! Das ist purer Verrat!“ Er schickte sofort einen Mann aus der Stadt, um Dschou Juee zu fesseln und ihn den Behörden auszuliefern, um ihn befragen zu lassen. Lin Dschï-hsiau blieb auf den Knien und traute sich nicht, sich zu erheben. „Warum bist du noch dort unten?“ – „Ich verdiene es, zu sterben, Herr! 1ch bitte um Vergebung!“ Lai Da und einige andere Verwalter kamen nun herein, um ihren Respekt zu erweisen und die verschiedenen Rechnungen für die Beerdigung zu präsentieren. „Gebt diese Herrn Liän, der soll sich darum kümmern. Er kann später darüber berichten.“ Djia Dschëng brüllte Lin Dschï-hsiau an, aufzustehen und das Studierzimmer zu verlassen. Djia Liän kniete nun auf einem Knie und flüsterte einen Vorschlag in Djia Dschëngs Ohr. „Das steht außer Frage!“, rief Djia Dschëng und blickte finster zu Liän. „Nur weil das Geld für Mutters Beerdigung von Räubern gestohlen wurde, heißt das, daß wir uns erniedrigen müssen, unsere Diener für uns bezahlen zu lassen?“ Djia Liän errötete und sagte nichts weiter. Er stand auf, aber traute sich nicht, sich zu bewegen. „Wie geht es deiner Frau?“, fragte Djia Dschëng. Djia Liän kniete wieder. „Ich befürchte, daß sie fast am Ende ist.“ Djia Dschëng seufzte. „Ich hätte nie davon geträumt, daß unsere Familie so schnell verfällt wie jetzt! Und nun, um unser Unglück zu erweitern, ist Djia Huans Mutter im Tempel krank geworden, und wir wissen noch immer nicht, was mit ihr los ist. Wißt ihr etwas darüber?“ Djia Liän traute sich nicht, ein Wort zu sagen. „Sag’ einem der Diener“, sagte Djia Dschëng, „sie sollen einen Arzt dort hinaus begleiten und sie von ihm untersuchen lassen!“ – „Ja, Onkel.“ Djia Liän ging sofort hinaus und führte seine Anweisungen aus. Um zu erfahren, ob Tante Dschau überlebte oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel. 113. Hsi-fëng bereut ihre früheren Untaten und bittet eine Frau vom Lande um Vergebung Dsï-djüans langanhaltende Abneigung wird aufgeweicht, und sie erwärmt sich für einen vernarrten Herrn.

Nach der Abreise des Großteils der Familie vom Tempel überkam Frau Dschau das Dilirium noch stärker, und diejenigen, die bei ihr geblieben waren, hörten erschrocken zu. Zwei Dienerinnen versuchten sie zu stützen, als sie auf dem Boden kniete. Mal sprach sie, mal weinte sie. Manchmal kroch sie herum und bettelte um Gnade: „Oh, großer Herr Rotbart! Töten Sie mich! Ich versuche, nie wieder so gemein zu sein!“ Sie preßte ihre Hände aneinander und heulte vor Schmerz. Ihre Augen quollen aus den Höhlen, Blut floß aus ihrem Mund, ihr Haar war wild durcheinander. Es war ein schrecklicher Anblick, und niemand traute sich, ihr nahezukommen. Am Abend begann ihre Stimme heiser zu werden, und sie hörte sich mehr und mehr wie eine krächzender Dämon an. Niemand konnte ihre Anwesenheit ertragen, und sie baten einige mutige Männer, sich dazu zu setzen. Einmal schien sie tot zu sein, dann kam sie wieder zu sich, und so verging die ganze Nacht. Am nächsten Morgen war sie unfähig zu sprechen, ihr Gesicht war schrecklich verzerrt, sie begann ihre Kleidung zu zerreißen und ihre Brust zu zeigen, als würde jemand anderer sie ausziehen. Die unaussprechlichen Qualen, denen sie unterlag, waren schrecklich mitanzuse­hen. Sie schien ihre letzte Krise erreicht zu haben, als der Doktor ankam. Er wollte ihren Puls nicht fühlen, sondern gab sofort Anweisungn, ihre letzten Dinge vorzubereiten und machte sich selbst ohne weitere Anweisungen auf den Heimweg. Der Diener, der ihn geholt hatte, ersuchte ihn zu bleiben und ihren Puls zu nehmen, sodaß er wenigstens mit einem zufriedenstellenden Bericht zu seinem Herrn zurückkehren können; am Ende gab der Arzt nach. Er fühlte einmal ihren Puls und verkündete, daß es kein Lebenszeichen mehr gab. Als er das hörte, brach Djia Huan in ein Geheul aus, und sofort war jede Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet, und niemand verschwendete noch einen Gedanken an Frau Dschau. Nur Frau Dschou schien bestürzt. ‚Solch ein Ende für eine Konkubine‘, dachte sie düster bei sich. ‚Und sie gebar dem Herren sogar einen Sohn. Wer weiß, wie ich sterben werde.‘ Frau Dschou weinte noch stärker. Der Diener eilte mittlerweile zurück, um Djia Dschëng zu informieren, der einen Mann schickte, um Frau Dschaus Beerdigung zu arrangieren und mit Djia Huan drei Tage am Tempel zu bleiben, nach denen sie beide zurückkehren sollten. Nachdem der Diener gegangen war, verbreitete sich das Gerücht, daß Frau Dschau anderen das Leben schwer gemacht habe und dafür vor dem Höllengericht bestraft wurde. Man befürchtete auch, daß Hsi-fëng sich nicht mehr von der Krankheit erholen würde; wie hätte Frau Dschau sie sonst beim Höllengericht ansprechen können! Als dieser letzte Klatsch die Ohren von Ping-örl erreichte, war sie sehr erschüttert. Ihre Herrin schien in der Tat weit von der Hoffnung auf Genesung entfernt zu sein, und, um die Sache zu verschlimmern, hatte Djia Liän deutlich gemacht, daß er kein bißchen Liebe für seine Frau mehr empfand. Er war nun beschäftigter denn je und erschien unbesorgt wegen Hsi-fëngs Krankheit zu sein. Ping-örl tat ihr Bestes, um Hsi-fëng zu trösten. Aber die Damen Hsing und Wang, obwohl sie schon ein paar Tage vom Tempel zurück waren, hatten ihr beide noch keinen persönlichen Besuch abgestattet, hatten nur eine Magd geschickt, die sich nach ihrer Gesundheit erkundigen sollte. Ihre Kälte machte Hsi-fëngs Unglück noch schlimmer, wie die Tatsache, daß Djia Liän bei seiner Rückkehr keine guten Worte für sie übrig hatte. Alles, was Hsi-fëng nun wollte, war ein schneller Tod, und darum bat sie alle bösen Geister. Bei einer Gelegenheit sah sie die Figur von You Örl-jie sich langsam ihrem Bett vom Ende des Raumes her nähern. „Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, Schwe­ster!“, sagte die Erscheinung. „Ich dachte oft an dich, aber ich dachte auch, es sei unmöglich, zu kommen und dich zu sehen. Nun habe ich es endlich geschafft, und ich finde dich auf dieses Häufchen Elend geschrumpft. Liän ist ein zu großer Dummkopf, um zu schätzen, was du für ihn getan hast, und stattdessen beschwert er sich, wie gemein du bist, und sagt, daß du seine Karriere ruinierst und ihn sehr beschämst. Ich halte es nicht aus zu sehen, wie man dich so behandelt!“ – „Ich selbst fühle mich nur schlecht, wegen meiner eigenen Engstirnigkeit“, murmelte Hsi-fëng als Antwort. „Liebe Schwester! Es ist so gut von dir, mich so zu besuchen, und die letzten Mißstände hinter dir zu lassen!“ Ping-örl stand an ihrer Seite und hörte sie sprechen: „Was war das, Fräulein?“, fragte sie. Hsi-fëng wachte plötzlich auf und erinnerte sich sofort, daß You Örl-jie tot war. Dies mußte ihr Geist gewesen sein, der nach dem Leben ihres Folterers trachtet und auf Rache sinnt. Nun, da Ping-örl sie geweckt hatte, hatte sie Angst, aber gleichzeitig weigerte sie sich, ihre Angst zu beichten. Sie versuchte, etwas zitternd, sich zu beherrschen. „Ich fühle mich nur ein wenig unruhig“, sagte sie zu Ping-örl, „ich denke, ich muß im Schlaf geredet haben. Massierst du mich bitte?“ Ping-örl kletterte auf das Ofenbett und hatte gerade angefangen, sie zu kneten, als eine junge Magd hereinkam und ankündigte, daß Oma Liu gekommen, und von den Dienerinnen hereingebracht worden war, um Frau Liän ihren Respekt zu zeigen. „Wo ist sie?“, fragte Ping-örl, und stieg ängstlich vom Ofenbett. „Sie erdreistete sich nicht, sofort hereinzukommen“, antwortete die Magd, „sie wartet auf Frau Liäns Anweisungen“ Ping-örl nickte. Sie dachte, daß sich Hsi-fëng zu schwach fühlen würde, um Besucher zu empfangen, und sagte der Magd: „Frau Liän braucht eine kleine Pause. Sag’ Oma Liu, sie solle eine Weile warten. Hast du sie gefragt, wieso sie gekommen ist?“ – „Man habe sie bereits gefragt“, antwortete die Magd, „und sie sagte, sie sei ohne einen bestimmten Grund gekommen. Sie hat gerade erst vom Tod der Herzoginmutter gehört. Sie wäre früher gekommen, wenn sie es früher gewußt hätte.“ Hsi-fëng hatte sie gehört und rief Ping-örl herüber: „Wenn jemand so freundlich ist, mich zu besuchen, sollten wir nicht unverschämt oder undankbar erscheinen. Geh und bitte Oma Liu hereinzukommen! Ich würde gerne mit ihr reden.“ Ping-örl gab ungern nach und ging selbst hinaus, um Oma Liu zu holen. Hsi-fëng begann wieder einzuschlafen, und als sich ihre Augen schlossen, sah sie eine andere Erscheinung, diesmal von einem Mann und einer Frau, die zusammen zu ihrem Ofenbett kamen. Sie rief erschrocken nach Ping-örl: „Da kommt ein Mann auf mich zu!“ Ihre Schreie brachten Fëng-örl und Hsiau-hung an ihre Bettseite: „Was wollen sie, Fräulein?“ Hsi-fëng öffnete ihre Augen. Die Figuren waren verschwunden. Sie wußte, daß sie Geister waren, um zu kommen, sie zu verfolgen, aber sie konnte sich wieder nicht dazu durchringen, dies vor den Mägden zu sagen. „Wo ist diese erbärmliche Ping-örl hingegangen?“, fragte sie Fëng-örl. „Haben Sie sie nicht geschickt, um Oma Liu zu holen?“ Hsi-fëng lag für eine Weile still da, um ihren Geist auszuruhen. Da kam Ping-örl mit Oma Liu zurück, die ein kleines Mädchen bei sich hatte und fragte: „Und wo ist unsere Frau Liän?“ Ping-örl führte sie zum Ofenbett. „Guten Tag, Fräulein“, sagte Oma Liu. Hsi-fëng öffnete ihre Augen und fühlte sich, als sie die alte Dame ansah, seltsam bewegt. „Wie geht es dir, Großmutter?“, fragte sie. „Warum hat es so lange gedauert, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben? Wie groß deine Enkelin geworden ist!“ Oma Liu war sehr erschrocken, den Zustand von Hsi-fëng zu sehen – dünn wie ein Stock, und offensichtlich verwirrt. „Nun, Frau Liän!“, rief sie aufgewühlt, „zu denken, daß in den wenigen Monaten, seit ich das letzte Mal hier war, Sie so krank geworden sind! Ich bin total dumm und verdiene es zu sterben, weil ich Sie nicht früher besucht habe!“ Sie bat die kleine Tjing-örl, herzukommen und ihren Respekt zu erweisen, aber das Kind lachte nur. Hsi-fëng dachte, was für ein süßes Kind sie sei, und bat Hsiau-hung, sich um sie zu kümmern. „Wir vom Lande werden nie krank“, sagte Oma Liu, „und wenn es passiert, dann beten wir zu den Göttern und machen unsere Gelübde, wir nehmen nie Medizin oder so etwas. Ich wundere mich nun, ob Sie nicht einem bösen Geist zum Opfer gefallen sind, der Sie so krank gemacht hat, Fräulein?“ Ping-örl war sich bewußt, daß nun für Oma Lius rustikalen Aberglauben nicht die richtige Zeit sei, und gab ihr einen leichten Kniff von hinten. Die alte Dame deutete dies richtig und sagte nichts mehr. Aber ihre Worte hatten tatsächlich einen Widerhall in Hsi-fëngs eigenen Gedanken gefunden. „Großmutter“, sagte sie, und sprach mit großer Anstrengung, „du bist eine Dame mit Jahren der Erfahrung, und du hast es genau getroffen. Wußtest du, daß auch Frau Dschau gestorben ist? Du hast sie getroffen, als sie hier war, oder?“ „Amitabha!“, rief die alte Dame mit großer Überraschung. „Sich vorzustellen, daß sie einfach so gestorben ist! Sie hatte so einen kräftigen Körper. Und sie hatte einen jungen Sohn, wenn ich mich erinnere. Was wird aus ihm?“ „Er wird in Ordnung sein“, tröstete sie Ping-örl, „er hat den Herren und die Dame Wang, die nach ihm sehen.“ – „Das mag sein“, antwortete Oma Liu schwer, „aber können Sie so sicher sein, Fräulein? Ich meine, es ist seine eigene Mutter – wie schlecht auch immer sie gewesen war, als sie starb. Niemand kann jemals den Platz einer Mutter einnehmen.“ Dies überschnitt sich mit einer anderen sehr heftigen Angst von Hsi-fëng; sie brach zusammen und begann zu weinen. Sie alle kamen herbei, um sie zu trösten. Als Tchiau-djie ihre Mutter in solcher Aufregung hörte, kam sie zum Ofenbett, hielt ihre Hand und brach selbst in Tränen aus. „Hast du Oma Liu begrüßt?“, fragte Hsi-fëng voller Tränen. – „Nein, Mama.“ – „Sie gab dir deinen Namen und ist wie eine Pflegemutter für dich. Erweise ihr nun deinen Respekt.“ Tchiau-djie ging hinüber zu Oma Liu und war dabei zu knicksen, als Oma Liu sie nahm und sagte: „Amitabha! Erdrückt mich nicht mit solchen Ehren, es wird mich ins Grab bringen! Tchiau-djie, es ist mehr als ein Jahr her, seit ich zuletzt hier war. Erinnerst du dich noch an mich?“ – „Natürlich tue ich das! Damals, als ich dich im Garten sah, war ich noch ein kleines Mädchen. Aber ich erinnere mich, daß ich dich vor zwei Jahren gebeten habe, mir ein paar große Grillen mitzubringen. Ich sehe, daß du mir keine gebracht hast. Du mußt es vergessen haben.“ – „Oh Kleine!“, rief Oma Liu, „was für eine dumme alte Seele ich bin! Wenn du Grillen haben willst, haben wir genug, sie zu Hause zu teilen. Aber du kommst uns nie besuchen. Wenn du kommen würdest, könntest du einen ganzen Wagen voller Grillen nach Hause bringen, wenn du das wolltest.“ – „In diesem Fall,“ warf Hsi-fëng ein, „warum nimmst du sie nicht für einen Besuch mit nach Hause?“ – „Wie könnte ich das, Fräulein?“, sagte Oma Liu lachend. „So eine feine junge Dame, die in Samt und Seide eingewickelt aufgewachsen ist und gewohnt ist, leckere Sachen zu essen – nun, was könnte ich ihr zu Hause zum Spielen geben? Womit sollte ich sie füttern? Wollt ihr, daß ich vor Scham sterbe?“ Sie lachte und fuhr fort: „Stell’ dir vor, ich könnte als Ehestifterin für diese junge Dame fungieren. Wir mögen nur in einem Dorf leben, aber wir haben dort trotzdem reiche Leute, mit Land, das sich auf viele Tausende von Quadratfuß erstreckt und Hunderte von Kühen und auch ein gutes bißchen an Geld. Nicht zu vergleichen mit dem Schatz, den du hier hast, natürlich. Tatsächlich, wenn ich daran denke, hast du wahrscheinlich noch nie so ein Volk gesehen, Tchiau-djie. Aber für uns Landvolk sind Sie Bewohner des Himmels!“ – „Tu das auf jeden Fall und schlage das Paar vor“, sagte Hsi-fëng. „Ich wäre nur zu erfreut, Tchiau-djie in eine solche Familie heiraten zu lassen.“ – „Kommen Sie Fräulein, sie müssen scherzen. Nun, ich würde sagen, Sie sind wählerisch und wollen eine große offizielle Familie, die in einem großen Herrenhaus lebt, und nicht einfach Landleute. Und selbst wenn Sie es wollen, denke ich nicht, das die Damen es möchten!“ Tchiau-djie fand die Unterhaltung unangenehm und ging hinaus, um mit Tjing-örl zu reden. Die zwei Mädchen unterhielten sich bald sehr gut miteinander und begannen gerade Freundschaft zu schließen. Ping-örl war besorgt, daß Oma Lius endloses Gebrabbel Hsi-fëng zu sehr anstrengen würde, nahm sie bei Seite und sagte: „Da wir gerade von den Damen sprechen, ihr habt sie noch nicht besucht. Ich suche jemanden, der Sie hinüber bringt. Es wäre sehr schade, wenn Sie sie nicht sehen würden, da sie hier sind.“ Oma Liu war dabei zu gehen, aber Hsi-fëng rief sie zurück: „Was soll diese Eile? Setz’ dich, ich will mit dir sprechen. Sag’ mir, wie die Dinge zu Hause laufen.“ Oma Liu dankte Hsi-fëng sehr für ihr freundliches Interesse. „Wenn es nicht wegen ihrer Hilfe wäre, Fräulein“, begann sie, und zeigt auf Tjing-örl, „ihre Mutter und ihr Vater wären nun verhungert. Das Leben ist immer noch hart. Wie könnte es anders sein, für das Landvolk? Aber sie waren fähig, einen Acker zusammenzukratzen, einen Brunnen zu setzen, Gemüse, Obst und Kürbisse zu ziehen. Mit dem Geld, das sie jedes Jahr für die Erzeugung erhalten, bekommen sie es hin, Körper und Seele zusammenzuhalten. Und was die Kleider und das Material angeht, was Sie uns regelmäßig die vergangenen Jahre zuschickten, Fräulein, hielten wir uns selbst für Wohlhabender im Dorf als andere. Amitabha! Ich erinnere mich an den Tag, als Tjing-örls Vater in den Ort kam und die Neuigkeiten hörte, daß Ihre Familie von den Goldjacken überfallen wurde, Fräulein. Als er nach Hause kam und es mir sagte, wäre ich vor Schreck fast gestorben! Dann erzählte mir später jemand anderes, daß es am Ende nicht Ihre Seite der Familie war – ich war so erleichtert! Danach hörte ich, daß Herr Dschëng befördert wurde und war so erfreut, daß ich sofort hierherkommen wollte, um zu gratulieren. Aber wir hatten soviel auf dem Land zu tun, daß ich nicht weg konnte. Und dann hörte ich gestern, daß die Herzoginmutter verstorben ist! Ich brachte gerade die Bohnen rein, und ich war so erschrocken, daß ich nicht weitermachen konnte, ich konnte nur auf dem Boden sitzen und mich ausweinen. Ich sagte zu meinem Schwiegersohn: ‚Ich kümmere mich nicht darum, was du sagst, es könnte wahr oder nur ein Ge­rücht sein, aber egal wie, ich werde in die Stadt gehen und es selbst her­aus­finden!‘ Sie sind keine schlechten Menschen, meine Tochter und ihr Mann, und sie weinten auch, als sie die Nachrichten hörten. Also verabschiedeten sie mich an diesem Morgen, und ich ging, bevor das erste Licht schien, und kam so schnell wie möglich hierher. Da war niemand, den ich auf dem Weg fragen konnte und bekam keine Neuigkeiten, also kam ich sofort hierher zum hinteren Tor und als ich die Türgötter weiß übertüncht sah, habe ich den Schreck meines Lebens bekommen. Ich versuchte Schwägerin Dschou zu finden, aber da war kein Zeichen von ihr. Dann rannte ich in eine junge Dame, die mir sagte, daß Frau Dschou Ärger hatte und entlassen wurde. Ich wartete eine Ewigkeit, bevor ich jemanden sah, den ich kannte und hereinkommen konnte. Ich hatte keine Ahnung, daß Sie auch so krank sind, Fräulein!“ Oma Liu weinte. Der aufregende Effekt, den sie auf Hsi-fëng hatte, machte Ping-örl ängstlich, und sie zog sie an die Seite, bevor sie noch mehr sagen konnte: „Nun, Großmutter, nach all diesem Gerede mußt du einen trockenen Mund haben. Wie wäre es mit einer guten Tasse Tee?“ Sie nahm sie in einen der Räume einer anderen Magd, während Tjing-örl weiter mit Tchiau-djie spielte. „Ich möchte wirklich keinen Tee“, protestierte Oma Liu. „Bitte, Mädchen, kann mich nun jemand mit zu den Damen nehmen? Ich würde ihnen gerne meinen Respekt erweisen und mein Beileid zum Tod der Herzoginmutter ausdrücken.“ „Es hat keine Eile“, sagte Ping-örl, „es wird sowieso für sie zu spät sein, uns noch an diesem Abend zu verlassen. Ich hatte Angst, Ihr würdet Frau Liän aufregen, mit all Eurem Gerede. Deswegen habe ich sie schnell hinaus begleitet. Ich hoffe, ich habe sie nicht verletzt.“ „Amitabha! Sie machen sich zuviele Gedanken, Mädchen! Aber wie soll es Fräulein Liän jemals besser gehen?“ – „Sieht es ernst für sie aus?“, fragte Ping-örl. „Vielleicht sollte ich dies nicht sagen“, antwortete Oma Liu, „aber für mich sieht es sehr schlimm aus.“ Sie hörten Hsi-fëng rufen, und Ping-örl eilte an ihre Bettseite. Hsi-fëng sagte jedoch nichts weiter, und Ping-örl war gerade dabei, Fëng-örl zu fragen, worum es ging, als sie von der Ankunft von Djia Liän unterbrochen wurden. Er blickte auf das Ofenbett, wo Hsi-fëng lag, stampfte dann ohne ein Wort in den inneren Raum, stieß ein paar entnervte Laute aus und setzte sich. Tchiu-tung war die einzige, die ihm folgte. Sie goß ihm seinen Tee ein, wartete ihm aufmerksam auf und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Djia Liän rief Ping-örl herbei und fragte sie: „Nimmt Frau Liän keine Medizin?“ „Was, wenn nicht?“ „Oh, wie sollte ich das wissen? Bring mir den Schlüssel, der auf dem Schrank liegt.“ Seine schlechte Laune war so offensichtlich wie nie für Ping-örl. Sie traute sich nicht, etwas zu fragen, sondern ging hinaus und flüsterte Hsi-fëng etwas ins Ohr. Hsi-fëng war ruhig. Ping-örl holte einen Korb, stellte ihn neben Djia Liän und ging. „Hat dich ein Geist wegberufen?“, rief Djia Liän ärgerlich. „Nimmst du nicht den Schlüssel für mich da raus, nun da du das Ding vor mich hingestellt hast?“ Ping-örl versuchte, nicht darauf zu reagieren. Sie öffnete den Korb, nahm den Schlüssel heraus und öffnete den Schrank damit. Dann fragte sie: „Was wollen Sie damit?“ – Djia Liän fragte: „Was haben wir da drin?“ Ping-örl brach endlich zusammen. Halb ärgerlich, halb tränenerstickt, flehte sie Djia Liän an: „Sagen Sie mir direkt was los ist, selbst wenn es um das Sterben geht, will ich es wissen!“ – „Was soll ich sagen? Ihr seid diejenigen, die uns überhaupt diesen Ärger eingebracht haben. Nun schulden wir vier- oder fünftausend Tael für Großmutters Beerdigung, und Onkel Dschëng hat mir gesagt, ich solle Einiges vom Familienbesitz verpfänden, um Geld zu erhalten. Glaubst du, wir haben irgendetwas zum Verpfänden übrig? Es wird sehr schlecht aussehen, wenn wir unsere Schulden nicht tilgen können. Ich habe nie darum gebeten, dies zu tun. Ich werde wohl die Dinge, die Großmutter mir gab, verpfänden. Nun, was ist los mit dir? Bist du nicht einverstanden?“ Ping-örl sagte kein Wort, aber begann, alles aus dem Schrank zu nehmen. Hsiau-hung kam zu ihr: „Kommen sie schnell! Frau Liäns Zustand hat sich verschlechtert!“ Ping-örl eilte hinein und vergaß Djia Liän ganz. Sie fand Hsi-fëng, wie sie mit ihren Armen wild in der Luft wedelte. Sie versuchte, sie unten zu halten und rief weinend nach ihr. Sogar Djia Liän kam nun, um nachzuschauen. Er stampfte mit seinem Fuß auf und schrie: „Dies wird mein Tod sein!“ Tränen schossen ihm in die Augen. Fëng-örl kam herein: „Sie werden draußen gebraucht, Herr.“ Djia Liän fing sich und ging hinaus. Hsi-fëng wurde jede Minute schwächer, und Fëng-örl und die anderen Mägde begannen zu jammern und zu schluchzen. Tchiau-djie hörte dies und kam angerannt, gefolgt von Oma Liu, die hinüber zum Ofenbett eilte und begann, Gebete zu Buddha und einigen anderen Hokuspokus zu murmeln. Dies schien Hsi-fëngs Geist ein wenig zu beruhigen. In diesem Moment kam die Dame Wang an, die die Neuigkeiten von einer Magd gehört hatte. Zu dieser Zeit war Hsi-fëng friedlicher, und die Dame Wang sah keinen übertriebenen Grund zur Sorge. Sie grüßte die Oma Liu und fragte sie, wie lange sie im Jung-guo-Anwesen sei. Oma Liu grüßte zurück und begann sofort, länger über die Krankheit Hsi-fëngs zu reden. Nach einer Weile erschien Tsai-yün mit einer Nachricht, daß ihre Herrin von Herrn Dschëng gebraucht werde, woraufhin die Dame Wang Ping-örl ein paar Anweisungen gab und ging. Nach dem Anfall schien Hsi-fëngs Kopf klarer zu werden. Sie sah Oma Liu wieder im Zimmer, und begann als Wirkung der Gebete der alten Dame einen immer größeren Glauben zu entwickeln. Sie bat Fëng-örl und die anderen, sie alleine zu lassen, und rief Oma Liu an ihre Bettseite. Sie vertraute ihr an, daß sie sich in ihrem Herzen sehr aufgewühlt fühle und ständig Geister sehe. Oma Liu antwortete, daß in ihrem Heimatdorf ein gewisser wunderlicher Erleuchteter wäre, und ein gewisser Tempel, wo Gebete immer erhört wurden.“ „Ich flehe dich an, für mich zu beten“, sagte Hsi-fëng. „Wenn du Geld für Opfer brauchst, kann ich es dir geben.“ Sie nahm ein goldenes Armband von ihrem Handgelenk und gab es Oma Liu. „Das brauche ich nicht“, sagte Oma Liu, „wenn wir Landvolk ein Gelübde ablegen, geben wir ein paar Hundert in bar, wenn es uns besser geht – kein Grund für so etwas Großes wie dieses. Wenn ich gehe und für Euch bete, wird das Ihr Gelübde sein, Fräulein, und wenn es Ihnen besser geht, können Sie selbst gehen und geben, was sie wollen.“ Hsi-fëng wußte, daß Oma Liu ein gutes Herz hatte, und versuchte nicht, ihr das Armband aufzudrängen. „Mein Leben liegt in deinen Händen, Großmutter!“, sagte sie. „Mein kleines Mädchen ist auch verfolgt von zahllosen Krankheiten. Ich vertraue sie dir auch an.“ Oma Liu erklärte sich bereitwillig einverstanden. „Ich sollte wirklich gehen, wenn ich die Tore noch kriegen will“, sagte sie. „Es ist noch Zeit. In ein oder zwei Tagen, wenn es ihnen besser geht, können sie kommen und ihren Dank ausdrücken.“ Hsi-fëngs Seele war belagert von den Geistern derer, denen sie während ihres Lebens geschadet hatte, und sie wollte, daß die alte Dame sofort ging und für sie betete: „Tue dein Bestes für mich! Wenn ich nur etwas ruhigen Schlaf bekommen könnte, wäre ich dir sehr dankbar. Du kannst deine Enkelin hier lassen.“ „Aber sie ist nur ein Landmädchen und hat keine Manieren“, protestierte Oma Liu, „ich befürchte, sie würde hier nur Ärger machen. Ich nehme sie besser mit mir.“ „Hab keine Angst. Sie ist Mitglied der Familie, es wird in Ordnung sein. Wir mögen arm dran sein, aber ich denke, wir können ein weiteres Maul stopfen.“ Oma Liu konnte sehen, daß Hsi-fëng meinte, was sie sagte, und für ihren Teil war sie nur zu erfreut, Tjing-örl für ein paar Tage hier bei den Djias zu lassen und zu Hause etwas zu sparen. Das einzige Problem war, daß Tjing-örl selbst vielleicht nicht wollte. Sie entschied sich, sie herüber zu rufen und ihr die Wahl anzubieten; sie fand bald heraus, daß die beiden Mädchen enge Freundinnen geworden waren, sodaß Tchiau-djie sich weigerte, Tjing-örl gehen zu lassen und daß Tjing-örl selbst gerne bleiben wollte. Die alte Dame gab ihrem Enkelkind ein paar Abschiedsworte, sagte auf Wiedersehen zu Ping-örl und eilte hinaus, ängstlich, die Stadttore zu erreichen, bevor sie schlossen. Und da muß unsere Erzählung sie verlassen. Das Kloster Gefangenes Grün war auf Familienland der Djias erbaut, und als der Garten des Großen Anblicks für Besuche geschaffen wurde, war eine Seite der Herberge in den Bereich des Gartens einbezogen worden. Aber als religiöse Einrichtung war es immer Selbstversorger und niemals von der Großzügigkeit der Familie Djia abhängig. Die Nonnen, die dort wohnten, hatten den Behörden Miau-yüs Elend berichtet und warteten darauf, daß man die Verbrecher festnahm. In der Zwischenzeit, da die Nonnengemeinde Miau-yü gehörte, entschieden sie sich zu bleiben, wo sie waren, und machten den Djias davon Mitteilung. Obwohl das Haushaltspersonal alles über Miau-yüs Verschwinden wußte, wollten sie nicht Djia Dschëng mit solchen Dingen verärgern, während er in Trauer war und sonst einiges Andere im Kopf hatte. In der Tat war Hsi-tschun die einzige in der Familie, die als erste davon wußte, und war in einem Zustand steter Angst und Spannung wegen Miau-yü. Dann erreichte die Geschichte oder besser zwei Versionen davon, die Ohren Bau-yüs. Nach einer war sie entführt worden, nach einer anderen hatte sie sich den Gelüsten des Fleisches ergeben und brannte freiwillig mit einem Liebhaber durch. ‚Sie muß entführt worden sein‘, dachte Bau-yü sehr perplex bei sich, ‚eine Person wie sie wäre nie mit so etwas einverstanden gewesen. Sie wäre lieber gestorben!‘ Als die Zeit verging, gab es jedoch noch immer keine Nachricht über ihren Aufenthaltsort. Und jeden Tag seufzte Bau-yü traurig und weigerte sich zu glauben, daß Miau-yü von allen Menschen, die selbsternannte ‚Bewohnerin hinter der Schwelle‘ dieser Welt, zu so einem weltlichen Ende kommen konnte. Seine Gedanken kehrten zu glücklicheren Tage zurück, die sie im Garten geteilt hatten und zu schlimmeren Zeiten, die darauf gefolgt waren: Seit Ying-örl das Haus verlassen hatte, waren manche seiner Kusinen gestorben, und andere verheiratet worden. Irgendwie dachte er immer, daß, wenn es eine absolut reine und nichtkäufliche Person unter uns gäbe, es Miau-yü sein müßte. Aber nun blies dieser plötzliche Sturm der Katastrophe ihr Lebenslicht aus dem Nichts aus, und ein seltsamerer Tod als der Dai-yüs schien sie fortgenommen zu haben. Als er diesen Gedanken zu einer logischen Konsequenz verfolgte, kam ihm eine Zeile aus dem Dschuang-Dsï in den Sinn: „Dieses Leben, dieses gebrechliche Tuch der Eitelkeit, schwebt wie eine Wolke im Wind!“ Dann brach er in Tränen aus, und Hsi-jën und die anderen Mägde dachten, es sei ein weiterer seiner Anfälle; sie bemühte sich, ihn mit zarten Worten zu trösten. Zuerst konnte Bau-tschai sich nicht vorstellen, was ihn aufregte, und sie ermahnte ihn in ihrer üblichen Art. Aber als er weiterhin deprimiert war, trotz ihrer Bemühungen, und er tagelang in einem offensichtlichen Zustand der Trance blieb, ohne daß ein Ende absehbar war, wurde sie sehr verwirrt. Schließlich, nachdem sie ständig Fragen stellte, entdeckte sie die Wahrheit. Sie war selbst sehr aufgeregt, als sie von Miau-yüs Verschwinden erfuhr, aber ihre Sorge um Bau-yü zügelten ihre Trauer, und sie ermahnte ihn wieder forsch: „Sieh dir nun den jungen Lan an: Ich hörte, daß er sehr hart arbeitete, seit er von der Beerdigung zurückkam! Er ist nicht zur Schule gegangen, sondern hat auch Tag und Nacht alleine bei sich zu Hause über seinen Büchern gehockt. Und er ist nur der Urenkel der Herzoginmutter! Du bist ihr Enkel. Sie hatte soviel Hoffung auf dich gesetzt. Und Vater sorgt sich Tag und Nacht um dich. Und doch frönst du dir selbst und ruinierst deine Gesundheit, wegen einer Nichtigkeit, einem dummen Stück Gefühlsduselei. Wir brauchen dich. Was wird mit uns allen passieren, wenn du so weitermachst?“ Es gab wenig, was Bau-yü darauf antworten konnte. Nach einer langen Pause, brach es endlich aus ihm hervor: „Aber es ist keine Nichtigkeit! Das ist eine Tragödie! Das ist der Untergang unserer ganzen Familie, über den ich klage!“ – „Hör’ dich an!“, sagte Bau-tschai scharf, „die eine Sache, die Vater und Mutter wollen, ist daß du alles gut machst und der Familie eine Ehre bist. Wenn du auf dieser Dummheit bestehst, wie soll man jemals darauf hoffen können, daß der Familienbesitz wiedererlangt wird?“ Ihre Worte lösten eine sehr teilnahmslose Reaktion bei Bau-yü aus, der sich über den Tisch lehnte und einschlief. Bau-tschai ignorierte ihn und ging zu Bett; sie bat Schë-yüä und eine andere Person, sich um ihn zu kümmern. Bau-yü erwachte bald, und merkte, wie wenige Menschen mit ihm im Raum waren. ‚Ich habe nie eine anständige Unterhaltung mit Dsï-djüan geführt, seit sie in unsere Gemächer versetzt wurde‘, dachte er bei sich. ‚Sie denkt wahrscheinlich, ich wäre zu kalt. Ich fühle mich deswegen sehr schlecht. Ich kann sie nicht wie Schë-yüä oder Tjiu-wën behandeln – mit ihnen kann man einfach umgehen. Dsï-djüan ist anders. Ich erinnere mich, wie sie mir Gesellschaft leistete, all die Male, die ich krank war – ich habe immer noch den kleinen Spiegel, den sie vergessen hatte. Sie muß damals etwas für mich empfunden haben, aber nun, wann immer wir uns sehen, ist sie sehr di­stan­ziert und kalt. Sicher ist es nicht wegen Bau-tschai. Sie und Dai-yu waren enge Freundinnen, und sie behandelt Dsï-djüan auch immer freundlich. Tatsächlich, wenn ich nicht zu Hause bin, reden sie und Dsï-djüan oft und lachen zusammen. Aber in dem Moment, in dem ich herein komme, verläßt Dsï-djüan das Zimmer. Es muß sein, weil meine Hochzeit genau dann stattfand, als Dai-yü starb... Oh Dsï-djüan! Dsï-djüan! Ein schlaues Mädchen wie du kann sicher den Kummer sehen, den ich erleide!‘ Seine Gedanken gingen weiter: ‚Dies ist meine Chance, während sie alle schlafen oder mit Hausarbeiten beschäftigt sind, Dsï-djüan zu finden und mit ihr zu reden. Ich werde sehen, was sie zu sagen hat, und wenn ich sie trotzdem auf irgendeine Art beleidigt habe, kann ich versuchen, dies wieder gut zu machen.‘ Er stahl sich leise aus dem Zimmer und ging auf die Suche nach Dsï-djüan. Ihr Zimmer war auch im Westflügel. Bau-yü schlich zu einem der Fenster und sah, daß dort drinnen noch immer eine Lampe brannte, benutzte die Zungenspitze, um das Fensterpapier zu befeuchten, so ein Guckloch zu erzeugen und durchzusehen. Er sah sie untätig alleine bei der Lampe sitzen. „Schwester Dsï-djüan!“, flüsterte er, „bist du noch wach?“ Dsï-djüan war verblüfft und saß erstaunt für ein paar Moment da, bevor sie fragte: „Wer ist da?“ „Ich!“, antwortete Bau-yü. Dsï-djüan dachte, sie erkenne Bau-yüs Stimme. „Sind sie es, Herr Bau?“ „Ja!“ flüsterte Bau-yü. Dsï-djüan antwortete: „Was machen Sie hier?“ „Ich will mit dir über etwas Privates reden. Laß mich rein, und wir können uns unterhalten.“