Hongloumeng/de/Chapter 115

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Kapitel 115

惑偏私惜春矢素志 / 证同类宝玉失相知

ng seine eigentliche Absicht, Yüan-yang zu finden, vergessen und gab sich der neuen Neugierde über das hin, was vor ihm lag. Er nahm seinen Mut zusammen und öffnete die Tür des er­sten Schrankes. Darin sah er eine große Zahl an Registern, und er schwebte in einem Rausch der Begeisterung. ‚Die Leute sagen immer, daß Träume Illusion sind‘, dachte er bei sich, „doch dieser scheint wahr zu sein! Wie oft habe ich mir gewünscht, diesen Traum noch einmal zu träumen! Und jetzt bin ich hier, und mein Wunsch ist wahr geworden. Ich frage mich, ob es die Register sind, die ich gesehen habe?‘ Er streckte seine Hand aus, nahm eines und hielt es in der Hand. Es trug die Aufschrift „Nanking, zwölf Schönheiten der Hauptliste“. ‚Ich erinnere mich‘, dachte er bei sich, ‚glaube ich... Wenn ich mich nur genau erinnern könnte!‘ Er schlug die erste Seite auf und betrachtete ein Bild, doch eines, das so verschwommen war, daß er kaum sagen konnte, was es darstellte. Es folgte eine Reihe von Buchstaben in einer kaum entzifferbaren Handschrift, worüber er gerade eben einige Zeilen erkennen konnte: „Jadegürtel“ (Daiyü), darüber „Wald“ (Lin). ‚Das muß sicher ein Rätsel für Kusine Dai-yü sein‘, dachte er bei sich und las konzentriert weiter. Die nächste Zeile enthielt die Zeichen ‚die Goldhaarnadel (Bau-tschai) im Schnee (Hsüä)‘. „Wieso ist das denn schon wieder wie Bau-tschais Name!“, rief er laut. Er las bis zum Ende des vierten und letzten Verses. ‚Das scheint nicht viel zu sagen. Es ist nur eine Reihe von Rätseln über die Namen Lin Dai-yü und Hsüä Bau-tschai. Daran ist nichts Außergewöhnliches. Nur Wörter wie „leiden“ und „seufzen“ klingen nicht gut. Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat?‘ – ‚ Ich sollte überhaupt nicht hier sein,‘ tadelte er sich selbst. ‚Wenn ich meine Zeit weiter mit Tagträumen verbringe und jemand kommt, werde ich meine Chance vertan haben, den Rest auch durchzusehen.‘ Er fuhr mit der Betrachtung der weiteren Register fort. Er gestattete sich keine Zeit, um über die nächsten Bilder zu blicken, sondern begab sich direkt zu dem Gedicht, welches mit den Worten endete: „Wenn der Hase dem Tiger begegnet, wird dein großer Traum enden.“ Dabei kam ihm plötzlich die Erleuchtung: ‚Was für eine brilliante Weissagung! Es muß auf den Tod meiner ältesten Schwester Yüän-tschun bezogen sein. Wenn sie alle so klar sind, sollte ich sie abschreiben und sorgfältig studieren. Auf diese Weise kann ich alles über meine Schwestern und Kusinen herausfinden, wie lange sie leben werden, ob sie versagen oder im Leben Erfolg haben, ob sie wohlhabend oder arm werden. Zu Hause werde ich mein Wissen geheim halten. Doch mein inneres Wissen wird mich zuletzt vor unnötigem Kummer bewahren.‘ Er suchte überall nach Schreibwerkzeug, doch fand er weder Pinsel noch Tinte und fürchtete, daß ihn jemand überraschen könnte, so überflog er den Rest des Registers. Das nächste Bild zeigte einen Menschen, der einen Papierdrachen steigen ließ. Er war nicht in der Stimmung, sich die Bilder näher anzusehen, sondern las eilig die verbleibenden zwölf Gedichte. In einigen Fällen konnte er die versteckte Botschaft sofort erfassen, bei anderen mußte er länger nachdenken, während wieder andere unergründlich wirkten. Er versuchte, sich alle gut einzuprägen. Mit einem Seufzen nahm er das nächste Album, beschrieben mit „Ergänzungsregister zu Nanking“ und begann zu lesen. Er verweilte bei den Zeilen: „Du wählst den Spieler des bevorzugten Glücks, ohne an deines Herren Untergang zu denken.“ Zunächst verstand er die Zeilen nicht. Dann betrachtete er das begleitende Bild, ein Bündel Blumen und eine Matte im gleichen Stil wie der fliegende Drache. Plötzlich brach er in Tränen aus. Er wollte gerade weiter lesen, als er eine Stimme sagen hörte: „Schon wieder am Tagträumen! Komm, Kusine Dai-yü möchte dich sehen.“ Die Stimme ähnelte sehr der von Yüan-yang, doch als er sich umdrehte, um nachzusehen, war dort zu seiner großen Verwunderung niemand. Dann sah er plötzlich wieder Yüan-yang am Torweg stehen und ihm zuwinken. Voller Begeisterung rannte er hinaus, doch ihre schattenhafte Gestalt schwebte stets vor ihm, und er konnte sie nicht einholen. „Liebe Schwester, bitte warte auf mich!“, rief er. Sie reagierte nicht und eilte weiter, während er ihr hinterher keuchte. Plötzlich tauchte eine weitere Aussicht vor ihm auf, von hohen Gebäuden und umständlich geformten Dächern, worin er verschwommen die Figuren der Palastdamen erahnen konnte. In seinem Eifer, diesen neuen Bereich zu erkunden, vergaß Bau-yü völlig Yüan-yang. Wie er durch einen der Torwege hineinging, fand er sich selbst inmitten verschiedenster Pflanzen und Blumen, keine davon kannte er. Eine darunter fiel ihm besonders auf, eine Krautpflanze umgeben von einer Marmorbalustrade, die Spitzen ihrer Blätter waren rötlich besetzt. „Was für eine seltene Pflanze kann das sein“, überlegte er, „daß ihr so ein Ehrenplatz gebührt?“ Eine leichte Brise war zu spüren, und die Blätter der Pflanze bewegten sich in einem lang anhaltenden Zittern. Sie war klein und blütenlos, doch ihr erlesener Zauber hielt Bau-yüs Herz wie gebannt und entzückte seine Seele. Er starrte sie weiterhin entgeistert an, bis eine Stimme neben ihm sagte: „Wo kommst du her, du großer Tölpel? Was fällt dir ein, diese Feenpflanze anzustarren?“ Aufgeschreckt aus seiner Träumerei, drehte sich Bau-yü um und sah eine junge Fee neben sich stehen. Er verbeugte sich und sagte zur Antwort: „Ich habe hier nach Yüan-yang gesucht. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihren besonderen Bereich unabsichtlich betreten habe. Können Sie mir bitte sagen, Schwester Fee, was dies für ein Ort ist und warum Yüan-yang sagte, das Kusine Dai-yü mich sehen möchte? Können Sie mir das bitte erklären?“ – „Schwester hin, Kusine her! Solche Namen bedeuten mir nichts!“, antwortete die Fee. „Alles, was ich weiß, ist, daß ich die Verantwortung für diese Feenpflanze trage und daß es Sterblichen wie dir streng verboten ist, sich hier aufzuhalten. Du mußt sofort gehen.“ Bau-yü mußte dem Befehl der Fee gehorchen. „Schwester Fee!“, flehte er nochmal, „wenn Sie die Verantwortung für diese Feenpflanze tragen, müssen Sie selbst eine Blumenfee sein. Können Sie mir sagen: was ist so besonders an dieser einen Pflanze?“ – „Das ist eine lange Geschichte“, antwortete die Fee. „Sie ist an den Ufern des Magischen Flusses gewachsen und wurde Purpurblume genannt. Sie welkte und begann zu sterben, doch sie wurde wiederbelebt und ihr wurde Unsterblichkeit durch das Eingreifen des Pagen Geisterjade verliehen, der sie größzügigerweise mit Tau wässerte. Danach stieg sie in die Menschenwelt hinab, um ihre Schuld mit den Tränen einer Lebenszeit zu bezahlen und da dies nun vollbracht ist, ist sie in ihre wahre Heimat zurückgekehrt. Die feenhafte Ernüchterung hat mir die Anweisung gegeben, sie zu pflegen und Bienen und Schmetterlinge von ihr fern zu halten. Bau-yü verstand immer noch nicht. Er hatte den wachsenden Verdacht, daß dies wirklich die Blumenfee sein müsse, der er begegnet war und war entschlossen, sich so eine seltene Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Er fragte höflich: „Also tragen Sie, Schwester Fee, die Verantwortung für diese Pflanze. Doch jede dieser vielen feinen Blumen muß ihre eigene Fee zur Pflege haben. Ich möchte Sie nicht belästigen, doch ich frage mich, ob Sie mir nicht vielleicht sagen könnten, welche Fee sich um den Hibiskus kümmert?“ – „Das weiß ich nicht. Dazu mußt du meine Herrin fragen.“ – „Wer ist denn Ihre Herrin?“ – „Meine Herrin ist die Königin des Hsiau-hsiang-Flusses.“ – „Ich wußte es!“, rief Bau-yü. „Das ist meine Kusine Lin Dai-yü!“ – „Absoluter Unsinn!“, erwiderte die nun sehr empörte Fee. „Muß ich dich wieder daran erinnern, daß dies ein himmlischer Bereich und das Reich der Feen ist. Meine Herrin mag zwar Flußkönigin genannt werden, doch sie hat nichts mit euren weltlichen Königinnen und so weiter zu tun. Wie könnte sie mit einer Sterblichen verbunden sein? Hör’ auf, so einen Unsinn zu reden, oder ich muß dich schlagen und von den Wachen hinauswerfen lassen.“ Bau-yü wurde von den Worten der Fee beinahe erschlagen und wurde sich schmerzhaft seiner Unreinheit bewußt. Er wollte gerade gehen, als er eine Botschafterin herbeieilen hörte, die rief: „Sie fragten nach dem Pagen Geisterjade!“ – „Ich weiß“, antwortete die Fee, „man sagte mir, ich solle nach ihm Ausschau halten. Deshalb habe ich hier die ganze Zeit gewartet. Doch ich habe hier keinen solchen Pagen gesehen. Was soll ich nun machen?“ – „Das war bestimmt der, der uns gerade verlassen hat!“, rief die Botschafterin lachend und eilte hinaus, um Bau-yü zu erwischen: „Sind sie der göttliche leuchtende Bote auf der Rückkehr?“ Bau-yü glaubte, sie müsse jemanden anderen meinen. Er hatte Angst, erwischt und gefangen zu werden und stolperte weiter vorwärts, um schnellstmöglich zu verschwinden. Als er aufblickte, sah er vor sich eine fabelartige Figur mit einem langen Schwert, die sich ihm in den Weg stellte: „Wohin gehst du?“ Bau-yü hatte große Angst, doch konnte er genug Mut zusammen nehmen, um nochmal hinzusehen. Er war überrascht und dann beruhigt, als er auf einmal You San-djie gegenüberstand. „Oh Kusine!“, wimmerte er, „warum bist du auch hinter mir her?“ – „Ihr Männer seid alle gleich!“, antwortete sie. „In eurer ganzen Gattung gibt es keinen guten. Ihr zerstört den Ruf der Mädchen, dann zerstört ihr ihre Ehe. Jetzt habe ich dich und du wirst mir nicht mehr entkommen!“ Bau-yü wußte, daß sie es toternst meinte und geriet in Panik, bis er eine andere Stimme hörte, die hinter ihm sagte: „Schwester! Halte diesen Mann sofort auf! Er darf nicht gehen!“ – „Ich habe meine Anweisungen von der Flußkönigin“, antwortete San-djie, „und ich habe lang auf so etwas gewartet. Jetzt sitzt du in meiner Falle und mit einem Hieb meines Schwertes werde ich die Lügen zerschmettern, die dich an die sterbliche Welt binden.“ Bau-yü war entsetzt. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte und drehte sich zur Flucht um, doch dann stand er der Stimme von vorhin gegenüber, es war Tjing-wën. Freude und Kummer umklammerten sein Herz. „Ich bin verloren!“, rief er traurig, „ich bin völlig allein und laufe direkt in die Arme meines Feindes. Ich will hier weg und nach Hause, doch ich habe niemanden gefunden, der mich zurückbringt. Jetzt sollte ich doch sicher sein! Liebe Tjing-wën, nimmst du mich bitte mit nach Hause?“ – „Page Geisterjade, laß dich nicht entmutigen“, antwortete Tjing-wën. „Ich bin nicht Tjing-wën. Ich wurde nur von unserer Königin beauftragt, dich zu ihr zu geleiten. Ich will dir nichts antun.“ Bau-yü war nun völlig verwirrt: „Du sagst, ‚unsere Königin‘ schickt dich; doch wer ist eure Königin?“ – „Frag’ jetzt nicht“, antwortete Tjing-wën, „bald wirst du es selbst sehen.“ Bau-yü folgte ihr hilflos, und wie sie gingen, blickte er sie näher an. Sie ähnelte Tjing-wën bis ins kleinste Detail. ‚Ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Stimme sind wie Tjing-wëns!‘, dachte er bei sich selbst. ‚Wie kann sie nicht Tjing-wën sein? Ich bin verwirrt. Dann laß ich das eben. Ich sollte besser erst die Königin treffen. Obwohl ich etwas falsch gemacht habe, kann ich die Königin, wenn ich ihr vorgeführt werde, um Vergebung bitten. Frauen haben trotzdem weiche Herzen. Sie wird mir sicher vergeben.’ Sie hatten nun den eindrucksvollen Palast erreicht, aufwendig und brilliant verziert bis ins kleinste Detail. Im Hof vor ihnen wuchs ein hellgrüner Bambusstrauch, während am Torweg eine Reihe dunkler Fichten stand. Unter der Regenrinne standen einige Dienstmädchen, gekleidet in feine Palastgewänder, und als sie Bau-yü eintreten sahen, flüsterten sie zueinander: „Ist das nicht der Page Geisterjade?“ Bau-yüs Begleiterin unterrichtete sie: „Er ist es, also beeilt euch besser und kündigt seine Ankunft an!“ Eine der Damen warf Bau-yü ein Lächeln zu, und er folgte ihr durch verschiedene Gemächer, bis sie schließlich den Eingang zur Haupthalle des Palastes erreichten. Ein Perlenvorhang hing davor. Davor anhaltend drehte sich das Dienstmädchen zu Bau-yü um und sagte: „Wartet hier auf Anweisungen von ihrer Majestät!“ Bau-yü wagte nicht, ein Wort zu sagen, sondern wartete gehorsam vor dem Torweg. Dann kehrte das Dienstmädchen zurück und sagte: „Möge der Page bitte zur Audienz eintreten.“ Eine weitere Dienerin zog den Perlenvorhang zur Seite, und wie sie dies tat, konnte Bau-yü eine majestätische Person erkennen, mit einer Blumenkrone auf dem Kopf, bekleidet mit reichlich geschmückten Gewändern, die dort thronte. Er hob seinen Kopf, um sie besser sehen zu können. Dann sah er, wie sehr die Königin Dai-yü ähnelte und rief impulsiv aus: „Hier finde ich dich nun, Kusinchen! Oh, wie ich dich vermißt habe!“ Die Dienstmädchen außerhalb des Vorhangs flüsterten sich empört zu: „Was für schlechte Manieren dieser Page hat! Sofort hinaus mit ihm!“ Kaum hatten sie das gesagt, da ließ die andere Dienerin den Vorhang wieder herunter. Bau-yü war zu ängstlich, um einzutreten, doch war jeder Gedanke an Flucht unvorstellbar. Er wollte eines der Dienstmädchen um eine Erklärung bitten, doch als er sich umschaute, bemerkte er, daß sie ihm alle fremd waren. Jetzt drängten sie ihn hinaus, und er konnte nicht anders als gehen. Er wollte als letztes Mittel „Tjing-wën“ fragen. Doch als er sie suchte, konnte er sie nirgends finden. Eine tiefe Verwirrung und Vorahnung stiegen in ihm auf. Er ging fort, dieses Mal ohne Führung. Es gab keine Spur von dem Weg, den er gekommen war, und er überlegte, ob er jemals seinen Weg zurück fände, bis er zu seiner Überraschung die Gestalt von Hsi-fëng erblickte, die ihm unter der Dachrinne eines anderen Gebäudes zuwinkte. „Dem Himmel sei Dank! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich meine Haltung nur so schnell verlieren?“ Er eilte zu ihr: „Da bist du ja! Sie waren alle so grausam zu mir und Kusine Dai-yü wollte mich nicht sehen. Ich weiß nicht warum!“ Er stand direkt neben Hsi-fëng. Doch bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, daß dies überhaupt nicht Hsi-fëng war, sondern Djia Jungs erste Frau, Tjin Kë-tjing. Er zögerte einen Moment und fragte sie dann, wo Hsi-fëng hingegangen sei. Doch die Dame gab keine Antwort, drehte sich dann um und ging hinein. Bau-yü stand verblüfft da, wagte nicht, ihr zu folgen, sondern starrte nur entgeistert vor sich hin. „Was habe ich heute nur falsch gemacht“, seufzte er, „daß alles mißlingt, was ich nur anfasse?“ Als er gerade in Tränen ausbrach, kam eine Menge Wächter mit gelben Turbanen und Peitschen in der Hand auf ihn zugelaufen. „Woher kommt dieser Mann und was fällt ihm ein, im Reich der Feen herumzulungern? Fort mit Ihnen, sofort!“ Bau-yü wagte kein Wort zu sagen und suchte einen Weg aus dem Palast. In der Ferne erblickte er eine Menge lachender Damen, die in seine Richtung liefen und dachte zu seiner Erleichterung, daß er Ying-tschun darunter erkannt hätte. „Hilfe!“ schrie er. „Ich habe mich hier verlaufen! Rettet mich!“ Sogar als er schrie, stießen die Wachen ihn beständig von hinten an, und er taumelte hilflos vorwärts. Zu seinem Schrecken sah er, daß die Frauen sich in seltsame, schreckliche Ungeheuer verwandelt hatten und ihn auch verfolgten. Seine Nerven hielten das nicht mehr aus. Plötzlich erschien der Mönch vor ihm und hielt ihm einen Spiegel vor das Gesicht: „Durch Anordnung der kaiserlichen Nebenfrau Yüän-tschun muß ich dich retten!“ Auf einmal verschwanden die Ungeheuer, und Bau-yü war in die düstere Wildnis zurückversetzt, durch welche er diesen Bereich erst betreten hatte. Er ergriff die Hand des Mönches: „Ihr habt mich hergebracht, ich erinnere mich; und als nächstes weiß ich, daß ihr verschwunden wart und ich Menschen meiner Familie traf, doch sie wollten nichts mit mir zu tun haben und am Ende verwandelten sie sich in Monster! War das alles ein Traum, oder war es wirklich? Bitte Herr, ich flehe Sie an, mir die Wahrheit zu sagen.“ – „Als Sie diesen Ort zuerst betreten hattet“, sagte der Mönch, „ist Ihnen da irgend etwas Besonderes aufgefallen?“ Bau-yü überlegte: ‚Wenn er mich schon in das Feenparadies führen konnte, muß er selbst ein Eingeweihter sein, deshalb ist es zwecklos, ihn in die Irre führen zu wollen. Aber ich will mehr wissen.‘ Er berichtete dem Mönch, daß er verschiedene Register gesehen habe. „Hören Sie sich selbst doch mal zu!“, rief der Mönch. „Ihr habt die Register selbst gesehen und seid immer noch blind! Jetzt hört mir gut zu: vorbestimmte Anlagerungen im menschlichen Herzen sind nichts als blanke Einbildung, sie sind Hürden, die euren geistigen Weg behindert. Überlegen Sie gut, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Ich werde es dann erläutern, wenn wir uns wieder sehen.“ Dann versetzte er Bau-yü einen heftigen Stoß. „Geh zurück!“, rief er. Bau-yü verlor den Halt, stolperte vorwärts und schrie vor Schreck „Ahh!“. Die Familie stand an seinem Bett, als er plötzlich unmißverständliche Lebenszeichen von sich gab. Sie riefen seinen Namen, und er öffnete seine Augen, um sich selbst auf einem alten Ofenbett liegend zu finden. Vor ihm waren die Dame Wang, Bau-tschai und andere seiner Familienmitglieder, ihre Augen waren rot und tränenunterlaufen. Er überlegte einen Augenblick und versuchte sich aufzurichten. ‚Nun!‘, sagte er zu sich selbst, ‚ich habe die Sphäre der Toten besucht, und jetzt bin ich wieder zu den Lebenden zurückgekehrt!‘ Er dachte weiter über die Erlebnisse während seiner Seelenwanderung nach, und ein glasiger Blick durchdrang seine Augen. Zu seiner großen Erleichterung sah er, daß er sich immer noch an jedes Detail seines Traumes erinnern konnte und voller Befriedigung kicherte er laut: „So! So!“ Die Dame Wang vermutete die Rückkehr eines seiner früheren Anfälle und beschloß, daß der Arzt sofort wieder gerufen werden solle. Sie schickte eine Magd und eines der Dienstmädchen, um Herrn Dschëng zu berichten, daß Bau-yü das Bewußtsein wieder erlangt habe und daß seine vorige und offensichtlich tötliche Krise nur ein vorübergehender, mentaler Zusammenbruch war, von dem er sich nun erholt zu haben schien. Da es ihm nun besser ging und er sogar einige Sätze sprechen konnte, konnten sie sicher die Begräbnisvorbereitungen verwerfen. Djia Dschëng eilte herbei, um sich selbst von den Neuigkeiten zu überzeugen. „Unglückseliges Geschöpf“, rief er, „wolltest du uns zu Tode er­schrecken?“ Gegen seinen Willen weinte er. Nach einigen heftigen Schluchzern fuhr er fort und schickte nach einem Arzt, der Bau-yüs Puls messen und ihm Medizin verschreiben sollte. Es soll daran erinnert werden, daß Schë-yüä nur kurzzeitig an Selbstmord gedacht hatte. Doch da Bau-yü sich nun erholt hatte, war sie beruhigt. Die Dame Wang bestellte etwas Longanpflaumen0-Suppe und sagte Bau-yü, er solle ein wenig davon zu sich nehmen. Sie war höchst erleichtert, ihn wieder belebt zu sehen. Er hatte seine Haltung wiedererlangt, und sie schimpfte noch nicht einmal mit Schë-yüä wegen ihres vorigen Patzers, sondern trug nur einer der Mägde auf, die wieder gefundene Jade Bau-tschai zu bringen, die sie wieder um Bau-yüs Hals hängen sollte. „Ich frage mich, wo der Mönch sie gefunden hat?“, fragte sie ihn laut. „Es scheint so merkwürdig. In einem Moment verlangte er sein Geld, im nächsten war er verschwuden. Glaubst du, er war eine Art Unsterblicher?“ „Von der ‚mysteriösen‘ Art zu urteilen, wie er hereinkam“, sagte Bau-tschai, „und von der ‚mysteriösen‘ Weise, auf die er verschwand, würde ich sagen, er hat ihn überhaupt nicht gefunden, sondern ihn überhaupt zuerst an sich genommen.“ „Wie hätte er sie direkt vor den Augen anderer wegnehmen können?“, fragte die Dame Wang. „Wenn er sie zurückbringen konnte, so konnte er sie auch wegnehmen,“ beharrte Bau-tschai. „Als der Jade verloren war,“ warfen Hsi-jën und Schë-yüä ein, „hatte Verwalter Lin Dschï-hsiau einen Wort-Wahrsager herbestellt – wir haben es Ihnen erzählt, Herrin, kurz nach der Hochzeit. Das Zeichen, das er vorausahnte, war shang, was ,Belohnung‘ bedeutet. Erinnert ihr euch, Herrin?“ – „Ja, ihr habt Recht“, sagte Bau-tschai, „ihr sagtet, es hätte etwas mit dem Pfandhaus zu tun. Doch jetzt sehe ich, daß es wirklich auf das Wort „Mönch“ verwies, welches über dem Zeichen shang steht. Uns wurde von dem Wort-Wahrsager gesagt, ein Mönch habe sie genommen!“ – „Der Mönch war ohnehin seltsam genug“, sagte die Dame Wang, „als Bau-yü vorher krank war, kam ein anderer Mönch - ich erinnere mich - und sagte uns, Bau-yü habe ein kostbares Objekt bei sich zu Hause, das ihn heilen könne. Er meinte den Jade damit. Er mußte von seinen magischen Eigenschaften gewußt haben: Es ist außergewöhnlich, daß Bau-yü mit diesem Stein im Mund auf die Welt kam! Habt ihr in der gesamten Weltgeschichte schon mal von so einer Begebenheit gehört? Wer weiß, was am Ende noch aus dem Stein wird? Und wer weiß, was aus Bau-yü wird! Sie scheint ein untrennbarer Teil seines Lebens zu sein, in Krankheit und Gesundheit, bei seiner Geburt und ...“ Sie hielt plötzlich inne, und Tränen traten ihr in die Augen. Bau-yü konnte für sich sagen, daß er nun die Antwort auf ihre Fragen nur zu gut wußte. Wie er zurückdachte, verstand er immer deutlicher die Wichtigkeit seines Besuches in der ‚anderen Welt‘. Doch er sagte nichts und behielt diese Gedanken still für sich. Es war Hsi-tschun, die als nächstes sprach: „Als der Jadestein verloren war, baten wir Miau-yü, das Geisterschreibgerät zu unserer Hilfe zu befragen. Die Antwort, die sie von dem Geist erhielt, enthielt folgende Zeilen: ‚An grünen Berges Fuß steht eine Kiefer, uralt. [...]‘ Es endete mit: ‚Tritt ein durch meine Tür, und dich erwartet eine freudige Begegnung!‘ Es gibt viele Gedanken, die mit den Worten ‚tritt durch meine Tür‘ in Verbindung gebracht werden könnten. Das Tor des Dharma ist sicherlich weit und allumfassend, doch irgendwie bezweifle ich, daß Vetter Bau-yü sich durchzwängen konnte, wer auch immer der ‚Folgende‘ sein sollte.“ Bau-yü schnaubte verächtlich. Bau-tschai bemerkte seine Reaktion, fröstelte unfreiwillig und starrte zerstreut in den Raum. „Du kannst doch deinen Buddha zu Rate ziehen“, warf You-schï ein. „Du willst doch immer noch in die Schwesternschaft eintreten, oder?“ Hsi-tschun lächelte und sagte: „Eigentlich, Schwiegerschwester, habe ich bereits den ersten Schritt gemacht. Vor langer Zeit habe ich geschworen, nur noch vegetarisch zu essen.“ „Mein Kind!“, sagte die Dame Wang, „im Namen von Buddha selbst! Nimm Abstand von dieser verrückten Idee!“ Hsi-tschun war still. Während dieses Austausches erinnerte sich Bau-yü an die zwei Zeilen, die er in einem der Register gelesen hatte: ‚Oje, die Tochter eines so großen Hauses An Buddhas Altar alleine schlafend.’ Er konnte einige leise Seufzer nicht zurückhalten. Dann erinnerte er sich an den Blumenstrauß und die Matte und blickte Hsi-jën an. Tränen füllten seine Augen. Als die Familie sah, auf welch merkwürdige Art er sich benahm, in der einen Minute lachend und in der nächsten weinend, konnten sie nur an Symptome seiner alten Anfälle denken. Keiner von ihnen wußte, daß ihre Reden Bau-yü eine plötzliche Erleuchtung bereitet hatten, mit dem Ergebnis, daß er sich Wort für Wort an jedes Gedicht aus den Registern seines Traumes erinnern konnte. Obwohl er nichts sagte, hatte er im Gedanken bereits einen neuen Entschluß gefaßt. Doch davon sehen wir ab. Nach Bau-yüs plötzlicher Erholung verbesserte sich seine Gesundheit täglich und durch die regelmäßige Einnahme seiner Medizin machte er beständige Fortschritte. Da nun sein Sohn außer Gefahr war, hatte Djia Dschëng Sorgen um den Sarg der Herzoginmutter, der eine lange Zeit im Tempel gelegen hatte, und wollte mit der Beerdigung fortfahren. Er selbst trauerte immer noch und war deshalb von seinen öffentlichen Verpflichtungen befreit. Es gab immer noch keine Nachricht darüber, wann oder ob Djia Schë begnadigt würde, daher entschied Djia Dschëng, aus eigenem Antrieb zu handeln und zu veranlassen, daß die sterblichen Überreste seiner Mutter in den Süden gebracht und dort vernünftig beerdigt würden. Er schickte nach Djia Liän, um dies zu besprechen. „Dein Vorschlag ist ausgezeichnet, Onkel“, sagte Djia Liän. „Es wäre das Beste, direkt damit zu beginnen. Wenn die Trauerzeit erst vorbei ist, wird es schwer sein, einen angemessenen Zeitpunkt zu finden. Vater ist nicht zu Hause, und es wäre anmaßend von mir, seine Aufgaben zu übernehmen. Mein einziges Bedenken sind die Kosten. Wir müssen einige tausend Tael aufbringen. Unser gestohlenes Eigentum muß ich leider als unwiederbringbaren Verlust notieren.“ „Damit habe ich mich bereits abgefunden“, sagte Djia Dschëng. „In der Abwesenheit deines Vaters habe ich eben nach dir geschickt, damit wir die besten Mittel und Wege besprechen können. Du kannst nicht gehen, dann wäre niemand mehr zu Haus. Ich werde selbst dorthin gehen und die Särge gleichzeitig transportieren. Ich werde etwas Unterstützung brauchen und denke daran, den jungen Djia Jung mitzunehmen. Es sind zusammen drei Särge, mitgezählt der seiner Frau und deiner Kusine Lin. Es war der Wunsch deiner Großmutter, daß ihre Enkelinnen mit ihr zusammen im Süden begraben werden. Und wegen des Geldes müssen wir halt irgendwo ein paar Tausend Tael leihen.“ – „Es gibt heutzutage nur noch wenig Großzügigkeit“, kommentierte Djia Liän bitter. „Du bist in Trauer, Onkel, und Vater ist im Exil. Ich fürchte, wir können das Geld nirgends aufbringen. Dann müssen wir wohl eine Hypothek auf unser Eigentum aufnehmen.“ „Doch unsere Residenz steht uns durch Kaiserlichen Erlaß zu,“ warf Djia Dschëng ein, „es steht uns nicht frei, so damit zu verfahren.“ – „Das ist wahr“, sagte Djia Liän, „doch wir haben anderes Eigentum, auf das wir eine Hypothek aufnehmen könnten. Nach deiner Trauerzeit kann es dann eingelöst werden und nach Vaters Rückkehr, – umso mehr, wenn er wieder eingesetzt wird. Unser wesentliches Bedenken ist, daß du dich mit so einer langen Reise in deinem Alter überlasten könntest.“ „Es ist ein Gefallen, den ich Großmutter schulde“, sagte Djia Dschëng, „während ich weg bin, zähle ich darauf, daß du den Haushalt führst und alles streng unter Kontrolle hältst.“ – „Mach dir darüber keine Sorgen“, sagte Djia Liän, „ich werde mein Bestes geben. Wenn du einige Diener mitnimmst, sind das einige Mäuler weniger, die es hier zu stopfen gilt, so könnten wir ein wenig sparen. Wenn du auf deinem Weg irgendwelche Hilfe brauchst, so reise in der Nähe der offiziellen Residenz von Lai Schang-jung, dem Sohn des Verwalters Lai Da, ihn kannst du immer um Hilfe bitten.“ – „Ich trage allein die Verantwortung dafür“, kommentierte Djia Dschëng trocken, „warum sollte ich die Hilfe von irgend jemandem brauchen?“ – „Natürlich,“ stimmte Djia Liän zu und zog sich zurück, um seinen finanziellen Berechnungen nachzugehen. Djia Dschëng teilte Frau Wang seine Pläne mit, wies sie an, ein wachsames Auge auf den Haushalt zu werfen, und wählte einen günstigen Tag im Almanach aus, an welchem die Reise stattfinden sollte. Dann traf er seine Vorbereitungen für den Aufbruch. Bau-yü war nun wieder völlig gesund, Djia Huan und Djia Lan waren ernsthaft in ihre Studien vertieft. Djia Dschëng vertraute sie alle Djia Liän an und erinnerte ihn: „Dieses Jahr wird das Staatsexamen stattfinden. Huan wird es nicht beenden können, weil er immer noch um seine Mutter trauert. Es gibt nichts, was Lan davon abhalten könnte, doch da seine Trauerzeit nun kürzer ist, wird sie auch bald vorüber sein. Er und Bau-yü sollen das gemeinsam erledigen. Wenn sie das Examen bestehen und Provinzmagister werden, wird das helfen, die Familie von ihrer Schande zu befreien.“ Djia Liän versicherte ihm schnell, daß er seine Anweisungen ausführen werde. Djia Dschëng widmete sich dann länger den Hausangestellten, verabschiedete sich feierlich am Schrein der Ahnen, und er war, nachdem er einige Tage außerhalb der Stadt religiöse Dienste im Tempel verrichtet hatte, schließlich bereit, aufzubrechen. Verwalter Lin Dschï-hsiau und einige Diener reisten mit ihm. Einige Familienmitglieder begleiteten ihn ein Stück, um sich von ihm zu verabschieden. Er störte dabei keine weiteren Familienangehörige oder Freunde. Da nun Bau-yü den Auftrag hatte, am nächsten Beamtenexamen teilzunehmen, begann die Dame Wang, mehr Druck auf ihn auszuüben und schaute beständig nach dem Fortschritt seiner Arbeit, während Bau-tschai und Hsi-jën ihn durch stetige Lektüre unterstützten. Sie bemerkten die tägliche Verbesserung seines Geistes, doch ihnen war nicht bewußt, daß sich in ihm eine große, innere Wandlung vollzogen hatte, die ihn in eine unvorhergesehene für ihn äußerst widernatürliche Richtung führte. Zusätzlich zu seiner tief verwurzelten Geringschätzung weltlichen Erfolgs und Fortschritts hatte er auch eine tiefe Abneigung gegenüber allen romantischen Anlagen entwickelt – mit einem Wort, gegenüber der Liebe. Doch diese radikale neue Haltung wurde um ihn herum kaum wahrgenommen, und er sagte nichts zu dieser Erkenntnis. Dsï-djüan war eine der wenigen, die die frühen Symptome seines inneren Wandels bemerkt hatte, und sie zog ihre eigenen Schlüsse. Sie war gerade davon zurückgekehrt, Dai-yüs Sarg zur Anlegestelle zu begleiten und saß grübelnd und weinend in ihrem Zimmer. Sie dachte: „Wie kaltherzig Bau-yü ist! Er scheint es nicht im geringsten zu bedauern, daß Fräulein Lins Sarg nun fortgeschafft wurde. Er hat nicht mehr als eine einzige Träne vergossen. Er sah, wie ich mir die Augen ausweinte, und hat noch nicht ein-

Aus: Jinyuyuan 1889b. mal versucht, mich zu trösten, sondern starrte mich nur an und lächelte. Was für eine Enttäuschung! All die freundlichen Worte, die er in der letzten Zeit zu uns gesagt hatte, haben uns nur genarrt. Ein Glück, daß ich ihn am nächsten Abend durchschaut hatte und nicht nochmal darauf hereinfiel! Doch eines verstehe ich immer noch nicht. Er scheint sogar Hsi-jën gegenüber noch kälter geworden zu sein. Ich weiß, daß Frau Bau-tschai von Natur aus kein warmer Mensch war, – vielleicht hat sie seinen Wandel im Herzen gar nicht bemerkt. Doch was ist mit Schë-yüä und den anderen, fühlen sie sich nicht schlecht behandelt? Sie haben sich von ihren Gefühlen zum Narren halten lassen und ihr halbes Leben für ihn verschwendet, nur um jetzt so verlassen zu sein!“ Während sie grübelte, kam Wu-örl auf sie zu. „Weinst du immer noch um Fräulein Dai-yü?“, fragte Wu-örl, wie sie Dsï-djüans tränenüberflutetes Gesicht sah. „Wenn du meine Meinung über Herrn Bau-yü hören möchtest, ich denke, es ist Zeit, daß wir seinen Ruf vergessen und ihn so sehen, wie er wirklich ist. Man hatte mir immer gesagt, wie nett er sei, besonders gegenüber Mädchen. Deswegen hat sich meine Mutter so sehr darum bemüht, daß ich hier in Dienst treten kann. Von da an habe ich seit Beginn seiner Krankheit darauf gewartet. Doch wo es ihm nun besser geht, habe ich nicht ein freundliches Wort von ihm gehört. Ich glaube, er hat noch nicht einmal meine Anwesenheit bemerkt!“ Dsï-djüan brach in Gelächter aus zu dieser komischen Kummergeschichte. „Hör’ dich doch nur an, du kleiner Drachen!“, rief sie aus. „Wie soll Herr Bau-yü dich denn behandeln? Du solltest dich wirklich schämen! Wenn er sich noch nicht einmal für die Mägde interessiert, die ihm am nächsten stehen, erwartest du, daß er dann Zeit für dich findet?“ Sie lachte wieder und hielt Wu-örl einen mahnenden Finger vors Gesicht. „Wer bist du, daß du glaubst, Bau-yüs Gefühle für dich beanspruchen zu können?“ Wu-örl errötete über ihre eigene Dummheit. Sie wollte gerade erklären, daß es nicht ihre Behandlung von Bau-yü war, die ihr Sorge machte, sondern die aller Mägde, doch dann rief jemand von innen: „Der Mönch ist zurück! Und er verlangt seine zehntausend Tael! Die Dame weiß nicht, was zu tun ist, und wollte, daß Herr Liän mit ihm spricht, doch Herr Liän ist nicht zu Hause! Der Mönch ist draußen, tobt und schimpft vor sich hin. Die Herrin möchte, daß Frau Bau-tschai hinübergeht und sich mit ihr bespricht.“ Um herauszufinden, wie sie den Mönch beruhigten, lese man bitte das nächste Kapitel. 117. Zwei wunderschöne Jungfrauen halten den Jade fest und verhindern eine Flucht aus weltlicher Bindung Nichtsnutze nehmen das Anwesen ein und versammeln eine Menge an Kumpanen.

Die Dame Wang schickte nach Bau-tschai, um sich mit ihr zu beraten, während Bau-yü, wie er hörte, daß der Mönch draußen war, zuerst auf den Hof eilte. „Wo ist mein Herr?“, rief er. Als es letztlich kein Lebenszeichen von dem Mönch gab, ging er hinaus, wo er sah, daß sein Knecht Li Guee dem Mönch den Weg versperrte. „Meine Mutter bittet mich, Sie hereinzuführen“, sagte Bau-yü. Li Guee lockerte seinen Griff und der Mönch stolzierte herein. Bau-yü bemerkte sofort die Ähnlichkeit zwischen diesem Mönch und dem Führer in seinem Traum und die Wahrheit schien ihm immer deutlicher. Er verbeugte sich: „Herr, bitte vergeben Sie Ihrem Schüler, Sie so verzögert empfangen zu haben.“ – „Ich habe nicht das Verlangen danach, unterhalten zu werden“, sagte der Mönch. „Ich will nur mein Geld, und dann bin ich weg.“ ‚Dies ist kaum die Art, die man von einem Mann mit solch geistigem Niveau erwartet!‘, dachte Bau-yü. Doch dann sah er sich den Kopf des Mönches an, der voller Schorf war, dazu trug er eine schmutzige, verschlissene Robe, und er dachte bei sich: ‚Es gibt ein altes Sprichwort: „Der wahre Weise offenbart sich nicht selbst und wer sich selbst offenbart, ist kein wahrer Weiser.“ Ich muß vorsichtig sein und mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich sollte ihn besser wegen des Geldes versichern und ihn etwas beruhigen.‘ „Meister“, sagte er, „bitte seid geduldig. Meine Mutter bereitet gerade eben das Geld vor. Bitte setzt euch und wartet einen Moment. Darf ich euch fragen, Vater, ob ihr eben aus dem Land der Täuschungen zurückgekehrt seid?“ „Welche Täuschungen?“, rief der Mönch. „Ich komme, woher ich komme und gehe, wohin ich gehe. Ich kam her, um den Jade zurückzugeben. Doch laß mich dir eine Frage stellen: Woher hast du deine Jade?“ Eine Weile lang fiel Bau-yü keine Antwort ein. Der Mönch lachte. „Wenn du nichts von deiner Herkunft weiß, wozu sich dann in meine vertiefen?“ Bau-yü war immer ein empfindsames und intelligentes Kind gewesen, und seine jetztige Erleuchtung hatte ihn unfähig gemacht, den Schleier weltlicher Einbildung und Illusion zu durchdringen. Doch er wußte immer noch nichts von seiner eigenen ‚Geschichte‘, und die Frage des Mönches hatte ihn wie ein Schlag getroffen. „Ich weiß!“, rief er, „Sie wollen gar nicht mein Geld. Sie wollen, daß ich Ihnen meinen Jade zurückgebe.“ – „Und das solltest du tun.“ kicherte der Mönch. Ohne ein Wort rannte Bau-yü ins Haus. Er erreichte seine Wohnung und wie er dort sah, daß Bau-tschai, Hsi-jën und die anderen hinausgegangen waren, um auf seine Mutter zu warten, nahm er schnell seinen Jade von der Stelle am Bett, wo er lag und rannte damit zurück. Als er den Raum verließ, stieß er mit Hsi-jën zusammen, was sie zu Tode erschreckte. „Die Herrin hat gerade eben gesagt, was für eine gute Idee es sei“, protestierte sie, „daß du dem Mönch Gesellschaft leistest, während sie versucht, das Geld aufzutreiben. Was machst du denn auf einmal wieder hier drin?“ – „Ich möchte, daß du sofort zurückgehst,“ befahl Bau-yü, „und sag’ Mutter, sie muß sich nicht mehr um das Geld kümmern. Ich werde ihm den Jade zurückgeben. Damit ist die Rechnung beglichen.“ Hsi-jën hielt Bau-yü auf der Stelle fest: „Das ist völlig verrückt! Der Jade ist dein ganzes Leben! Wenn er ihn fortnimmt, wirst du bestimmt wieder krank.“ – „Nicht jetzt“, antwortete Bau-yü, „ich werde nicht wieder krank. Da ich nun um meine wahre Bestimmung weiß, wofür brauche ich dann noch den Jade?“ Er schüttelte Hsi-jën ab und ging. Sie eilte ihm nach und rief: „Komm zurück! Es gibt noch etwas, das ich dir sagen muß!“ Bau-yü blickte zurück zu ihr: „Es muß nichts mehr gesagt werden.“ Sie rannte hinterher, warf all ihre Hemmungen ab und weinte beim Rennen: „Erinnerst du dich nicht an das letzte Mal, als du sie verloren hast, wie es beinahe mein Ende war? Du hast sie gerade eben zurück, und wenn er sie wieder fort nimmt, wird es dein und mein Leben kosten! Du wirst mich in den Tod treiben.“ Sie überholte ihn und hielt ihn leicht fest, während sie sprach. „Ob es deinen Tod bedeutet oder nicht“, sagte Bau-yü mit seltsamer Heftigkeit, „Ich werde sie trotzdem zurückgeben.“ Er stieß Hsi-jën mit aller Kraft weg und versuchte, sich aus ihrem Griff zu lösen. Mit von seinem Griff wunden Handgelenken sank sie zu Boden, schluchzte und rief um Hilfe. Die Mägde in den inneren Gemächern hörten den Lärm und kamen herausgerannt, um sie beide in ihrer verzweifelten Umarmung zu finden. „Schnell!“, rief Hsi-jën, „geht und sagt es Eurer Herrin! Herr Bau-yü will dem Mönch den Jade zurückgeben!“ Die Mägde eilten mit dieser Nachricht zur Dame Wang, während Bau-yü noch zorniger wurde und versuchte, sich Hsi-jëns Griff zu entwinden. Sie hielt um ihr Leben fest und Dsï-djüan hastete aus den inneren Gemächern, sobald sie gehört hatte, was Bau-yü vorhatte. Ihre Aufregung und Betroffenheit schienen noch größer als die von Hsi-jën, und ihr voriger Entschluß, gegenüber Bau-yü Gleichgültigkeit zu zeigen, schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sie half Hsi-jën mit ihrer Kraft und umfaßte Bau-yü, der, obwohl er als Mann gegen Frauen stand, sich nicht gegen ihre Verzweiflung wehren konnte. Unfähig, sich zu befreien, seufzte er und sagte: „Wollt ihr so kämpfen, nur um ein Stück Jade zu behalten? Was würdet ihr machen, wenn ich euch verließe?“ Diese Worte riefen einen lauten Ausbruch des Schluchzens von Hsi-jën und Dsï-djüan hervor. Sie hatten ein Patt erreicht, bis die Dame Wang und Bau-tschai hinzukamen. Nun konnte die Dame Wang die Wahrheit des Berichtes mit eigenen Augen bezeugen. „Bau-yü!“, schrie sie, ihre Stimme erstickte im Schluchzen, „hast du wieder den Verstand verloren?“ Bau-yü wußte, daß er nach der Ankunft seiner Mutter nicht mehr entkommen konnte – und wechselte deswegen seine Strategie. „Es gibt keinen Grund, daß du dich so aufregst, Mutter“, sagte er mit einem friedlichen Lächeln. „Du machst aus nichts immer so einen Akt. Ich dachte, der Mönch sei hier allein von Sinnen, da er darauf bestand, daß man ihm jeden Münze seiner zehntausend Tael zahlen sollte. Das machte mich sehr wütend, und ich wollte ihm den Jade nur zurückgeben, um ihm zu sagen, daß er nicht echt sei. Wenn ich ihn davon überzeugen kann, daß er für uns nicht von Wert ist, dann würde er sicher annehmen, was immer wir ihm anbieten.“ – „Meine Güte! Ich dachte, du meinst es ernst!“, rief die Dame Wang. „Du hättest ruhig die Wahrheit sagen können! – Sieh nur, was du dadurch ausgelöst hast!“ – „Was Bau-yü vorschlägt, klingt nach einer guten Idee“, sagte Bau-tschai. „Doch ich denke trotzdem, daß es zu riskant ist, sie ihm zurückgeben zu wollen. Wenn du mich fragst, ist dieser Mönch irgendwie merkwürdig. Er könnte genausogut etwas Schreckliches tun und die ganze Familie wieder ins Chaos stürzen. Wir können immer noch Schmuck verkaufen, um das Geld aufzutreiben.“ „Ja“, sagte Frau Wang, „das versuchen wir zuerst.“ Bau-yü kommentierte das nicht. Bau-tschai kam auf ihn zu und nahm ihm den Jade aus der Hand. „Es gibt keinen Anlaß, daß du dich darum kümmerst“, sagte sie, „Mutter und ich werden ihm das Geld geben.“ – „Nun gut, ich werde ihm den Jade nicht geben“, sagte Bau-yü. „Doch ich muß ihn zumindest noch einmal sehen.“ Hsi-jën und Dsï-djüan wagten immer noch nicht, ihn loszulassen. Am Ende war es Bau-tschai, die anordnete, ihn frei zu lassen: „Er sollte besser gehen, wenn er möchte.“ Widerwillig gab Hsi-jën nach. „Ihr alle scheint dem Jade mehr Wert beizumessen als dem Besitzer!“, sagte Bau-yü mit einem schiefen Lächeln. „Was wäre, wenn ich mit dem Mönch mitginge und euch mit dem Jade allein ließe? Dann würdet ihr reichlich blöde aussehen, nicht wahr?“ Dies erweckte wieder Angst bei Hsi-jën, und sie hätte ihn wieder ergriffen, wäre sie nicht durch die Anwesenheit der Dame Wang und Bau-tschais gehemmt und von der Notwendigkeit überzeugt gewesen, den Anschein von Respekt gegenüber Bau-yü zu bewahren. Es war ohnehin zu spät, für einen Augenblick lösten sie den Griff, und Bau-yü war fort. Hsi-jën stellte sich selbst zufrieden, indem sie eine jüngere Magd mit Anweisungen für Bee-ming und Bau-yüs anderen Pagen zum inneren Tor schickte, um ein Auge auf ihn zu werfen, da er sich „sehr seltsam“ benehme. Die Magd befolgte ihre Anweisung sofort. Die Dame Wang und Bau-tschai gingen währenddessen in Bau-yüs Gemächer und setzten sich. Sie fragten Hsi-jën, was genau passiert sei und diese berichtete ausführlich, was Bau-yü alles gesagt hatte. Sie waren beide sehr verstört und schickten einen weiteren Botschafter mit Anweisungen, daß die Diener Bau-yü gründlich bewachen und genau zuhören sollten, was der Mönch sagte. Einen Augenblick später kehrte eine jüngere Magd zurück und berichtete Frau Wang: „Herr Bau-yü benimmt sich äußerst merkwürdig, Herrin.