Hongloumeng/de/Chapter 7
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Kapitel 7
送宫花贾琏戏熙凤
宴宁府宝玉会秦钟
Nachdem Dschou Juees Frau Oma Liu hinausbegleitet hatte, wollte sie Dame Wang Bericht erstatten gehen. Wider Erwarten war aber Dame Wang nicht in ihren Räumen, und von den Sklavenmädchen erfuhr Dschou Juees Frau, sie sei zu Tante Hsüä gegangen, um mit ihr zu plaudern. Also ging Dschou Juees Frau durch das östliche Seitentor hinaus und über das Ostgehöft zum Birnendufthof. Als sie hier durch das Hoftor trat, sah sie auf dem Aufgang zur Plattform Djin-tschuan, das Sklavenmädchen von Dame Wang, mit einem Mädchen spielen, das eben erst sein Haar wachsen ließ. Als Djin-tschuan Dschou Juees Frau erblickte, wußte sie, daß diese der Herrin etwas zu berichten hatte, und wies mit dem Kinn zur Tür. Leise hob Dschou Juees Frau den Türvorhang auf und ging hinein. Dort fand sie Dame Wang in ein Gespräch über Familienangelegenheiten und alle möglichen Leute vertieft. Da sie hierbei nicht zu stören wagte, ging sie in den Innenraum weiter, wo Bau-tschai in Alltagskleidung, das Haar zu einem lockeren Knoten geschlungen, auf dem Ofenbett saß und sich über ein flaches Tischchen beugte, um mit dem Sklavenmädchen Ying-örl zusammen Stickmuster abzuzeichnen. Als sie Dschou Juees Frau hereinkommen sah, legte Bau-tschai den Pinsel weg, wandte sich zu ihr um und forderte sie mit strahlendem Lächeln auf: „Setz dich, Schwester Dschou!“ Dschou Juees Frau verzog das Gesicht rasch ebenfalls zu einem Lächeln und fragte: „Wie geht es Euch, Fräulein?“ Sie nahm auf dem Rand des Ofenbetts Platz, dann fuhr sie fort: „Ich habe Euch schon zwei oder drei Tage nicht drüben bei uns gesehen, Fräulein. Hat etwa Bau-yü Euch gekränkt?“ – „Aber woher denn!“ entgegnete Bau-tschai lächelnd, „es ist nur, weil meine Krankheit mich wieder quält. Deshalb bin ich die letzten beiden Tage nicht aus dem Haus gegangen.“ – „Da habt Ihr ganz recht getan“, sagte Dschou Juees Frau. „Aber was fehlt Euch eigentlich, Fräulein? Ihr solltet rechtzeitig einen Arzt kommen lassen, damit er Euch schön ein Rezept zusammenstellt, und dann das Medikament gewissenhaft einnehmen, um so das Übel an der Wurzel zu packen. Mit einer Krankheit, die man sich in jungen Jahren zuzieht, ist nicht zu spaßen.“ – „Hör mir auf mit Medikamenten!“ erwiderte Bau-tschai lächelnd, „wegen dieser Krankheit haben wir schon wer weiß wieviel Silber für Ärzte und Medikamente verschleudert. Aber kein noch so berühmter Arzt und kein noch so wundertätiges Mittel haben auch nur das mindeste geholfen. Dann sind wir durch Zufall an einen kahlköpfigen Mönch geraten, der sagte, daß er speziell unbekannte Krankheiten kuriere. Ich ließ mich von ihm untersuchen, und er erklärte, es sei eine Vergiftung durch hitziges Blut, die ich von Geburt an hätte. Da ich aber von Natur aus kräftig sei, habe sie nicht viel zu besagen. Doch mit gewöhnlichen Mitteln sei mir nicht zu helfen. Darum gab er mir das Rezept eines Wundermittels und als Zusatz ein Päckchen mit einem Pulver, das einen ganz eigenartigen Wohlgeruch hat. Wer weiß, woher es stammt! Er sagte, wenn die Krankheit ausbräche, genüge es, eine Kugel von seinem Wundermittel zu nehmen, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Das Merkwürdige ist, wenn ich das Mittel nehme, zeigt sich tatsächlich einige Wirkung.“ – „Und was ist das für ein Wundermittel?“ fragte Dschou Juees Frau. „Sagt es mir, Fräulein! Ich will es mir merken und auch an andere weitergeben. So vollbringt man ein gutes Werk, wenn noch jemand Eure Krankheit bekommt.“ Bau-tschai lächelte wieder, als sie die Bitte hörte, dann sagte sie: „Das beste ist schon, man kommt ohne dieses Mittel aus. Denn wenn man es braucht, kann es einen wirklich um den Verstand bringen. Die Zutaten halten sich alle in Grenzen, die Schwierigkeit liegt darin, daß sie genau zum rechten Zeitpunkt beschafft werden müssen. Man braucht zwölf Liang weiße Päonienblüten aus dem Frühjahr, zwölf Liang weiße Lotosblüten aus dem Sommer, zwölf Liang weiße Hibiskusblüten aus dem Herbst und zwölf Liang weiße Aprikosenblüten aus dem Winter. Diese viererlei Blütenblätter muß man im folgenden Jahr am Tage des Frühlingsanfangs trocknen, mit dem Pulver mischen und dann fein zerreiben. Dann braucht man zwölf Tjiän Regenwasser vom Tage ‚Regenwasser‘...“ – „Ach, du meine Güte!“ fiel ihr Dschou Juees Frau ins Wort. „Auf diese Art braucht man ja drei Jahre. Und was macht man, wenn es zu ‚Regenwasser‘ nicht regnet?“ – „Das sage ich ja“, nahm wieder Bau-tschai das Wort, „wann gibt es schon so einen pünktlichen Regen! Wenn es nicht regnet, muß man eben noch warten. Dann braucht man zwölf Tjiän Tau vom Tage ‚Weißer Tau‘, zwölf Tjiän Reif vom Tage ‚Reiffall‘ und zwölf Tjiän Schnee vom Tage ‚Kleiner Schnee‘. Diese viererlei Wasser muß man mischen und auf das Pulver gießen. Dann gibt man noch zwölf Tjiän Bienenhonig und zwölf Tjiän Weißzucker dazu und formt Kugeln, so groß wie Longanen , daraus, die man in einen alten Porzellankrug tut. Den Krug muß man unter den Wurzeln eines Blütenstrauches vergraben, und wenn die Krankheit ausbricht, gräbt man ihn aus und nimmt eine Kugel ein. Dazu trinkt man einen Aufguß von zwölf Fën Korkbaumrinde.“ „Buddha Amitabha!“ sagte Dschou Juees Frau lächelnd, „darüber kann man ja wirklich den Verstand verlieren! Man wartet vielleicht zehn Jahre, ohne daß alles so günstig zusammentrifft.“ „Wir hatten Glück“, sagte Bau-tschai, „ein, zwei Jahre, nachdem uns der Mönch das Rezept gegeben hatte, war alles richtig beisammen, und wir konnten gerade eine Portion Kugeln daraus zubereiten. Wir haben sie aus dem Süden hier in den Norden mitgebracht, und jetzt liegen sie unter einem der Birnbäume vergraben.“ „Haben die Kugeln auch einen Namen?“ erkundigte sich Dschou Juees Frau weiter. „Ja“, sagte Bau-tschai, „den hat uns der grindköpfige Mönch auch gesagt. Sie heißen Kugeln des Kalten Duftes.“ Dschou Juees Frau nickte, dann fragte sie: „Was spürt Ihr eigentlich, wenn Ihr diese Krankheit bekommt?“ „Gar nichts Besonderes“, gab Bau-tschai zur Antwort, „nur Atembeschwerden und ein bißchen Husten. Aber wenn ich eine von den Kugeln nehme, wird mir besser.“ Als Dschou Juees Frau sich eben noch weiter erkundigen wollte, hörte sie plötzlich Dame Wang fragen: „Wer ist denn dort mit im Zimmer?“ Sofort ging Dschou Juees Frau hinaus, um ihr zu antworten, und berichtete bei dieser Gelegenheit gleich über die Sache mit Oma Liu. Dann wartete sie einen Augenblick, und als Dame Wang nichts weiter sagte, wollte sie sich wieder zurückziehen. Da sagte Tante Hsüä plötzlich mit einem Lächeln: „Warte noch! Ich habe etwas, was du mitnehmen kannst.“ Dann rief sie: „Hsiang-ling!“ Man hörte den Türvorhang klappern, und herein kam das kleine Sklavenmädchen, das eben mit Djin-tschuan gespielt hatte. „Was befehlt Ihr, Herrin?“ fragte sie. „Bring die Blumen in der Schachtel her!“ sagte Tante Hsüä. Hsiang-ling bestätigte den Auftrag und brachte ihr eine brokatbezogene Schachtel. „Das sind zwölf Blumen, die im Kaiserpalast auf eine neuartige Weise aus Seidengaze gefertigt worden sind“, erläuterte Tante Hsüä. „Sie sind mir gestern wieder eingefallen, und es ist schade, wenn sie hier unnütz herumliegen. Warum sollen nicht die jungen Fräulein sie tragen? Ich wollte sie schon gestern hinüberbringen lassen, aber dann habe ich es wieder vergessen. Jetzt trifft es sich gut, daß du hier bist. Du kannst sie mitnehmen. Je ein Paar ist für die drei Töchter des Hauses, von den übrigen sechs bekommt zwei Fräulein Lin, und die anderen vier gibst du Djia Liäns Frau.“ „Behalt sie doch, damit Bau-tschai sie trägt“, schlug Dame Wang vor. „Warum denkst du immer nur an die andern?“ „Du weißt ja nicht, wie sonderbar das Mädchen ist“, sagte Tante Hsüä. „Sie hat sich nie etwas aus solchen Blumen oder aus Puder gemacht.“ Als sie das gesagt hatte, nahm Dschou Juees Frau die Schachtel und ging zur Tür hinaus. Draußen stieß sie wieder auf Djin-tschuan, die sich jetzt sonnte, und fragte sie: „Diese kleine Hsiang-ling ist doch das Mädchen, von dem so viel die Rede war, weil es gekauft wurde, kurz bevor die Familie Hsüä in die Hauptstadt aufbrach, und wegen dessen es dann zu dem Mordprozeß gekommen ist, nicht wahr?“ „Ja, das ist sie“, bestätigte Djin-tschuan eben, als auch Hsiang-ling selbst mit lächelnder Miene aus dem Haus trat. Dschou Juees Frau faßte sie bei der Hand und musterte sie eine Zeitlang aufmerksam, um dann lächelnd zu Djin-tschuan zu sagen: „Sie sieht gut aus. Und ähnelt sie nicht in ihrer Art der Frau von unserem jungen Herrn Djia Jung im Ostanwesen?“ „Das habe ich auch schon gesagt“, pflichtete Djin-tschuan ihr bei. Dann wandte sich Dschou Juees Frau mit ihren Fragen an Hsiang-ling. „Wie alt warst du, als man dich hierher gegeben hat? Wo leben deine Eltern? Wie alt bist du jetzt? An welchem Ort warst du zu Hause?“ wollte sie wissen. Aber Hsiang-ling schüttelte zu allem nur den Kopf und sagte: „Ich kann mich nicht mehr erinnern.“ Als Dschou Juees Frau und Djin-tschuan das hörten, seufzten sie mitfühlend und waren ein Weilchen bekümmert. Bald darauf stand Dschou Juees Frau mit der Blumenschachtel in der Hand vor dem Anbau an der Rückseite von Dame Wangs Wohngebäude. Vor kurzem hatte nämlich die Herzoginmutter erklärt, angesichts so vieler Enkeltöchter sei es unbequem, wenn sich alle an einer Stelle zusammendrängen müßten, und hatte nur Bau-yü und Dai-yü bei sich behalten, um an ihnen Zerstreuung zu haben. Ying-tschun, Hsi-tschun und Tan-tschun aber hatte sie in einen kleinen Anbau von drei Säulenzwischenräumen Breite hinter dem Gebäude, in dem Dame Wang wohnte, umquartiert und Li Wan beauftragt, ihnen Gesellschaft zu leisten und sich um sie zu kümmern. Deshalb ging Dschou Juees Frau zuerst hierher, weil es am Wege lag. Als sie in den Anbau trat, erblickte sie mehrere kleine Sklavenmädchen, die sich in Erwartung von Befehlen im Vorraum aufhielten. Ying-tschuns Sklavenmädchen Sï-tji und Tan-tschuns Sklavenmädchen Dai-schu kamen eben mit Teeschalen in der Hand aus dem Innenraum, woraus Dschou Juees Frau schloß, die Fräulein müßten alle im Zimmer zusammensitzen. Also trat sie dort ein, fand aber nur Ying-tschun und Tan-tschun, die am Fenster beim Schachspiel saßen. Dschou Juees Frau reichte ihnen die Blumen und erklärte, was es damit auf sich hatte. Rasch unterbrachen die beiden ihr Spiel, bedankten sich mit einer Verbeugung und sagten, sie solle die Blumen ihren Sklavenmädchen geben. Dschou Juees Frau sagte: „Jawohl!“ Dann fragte sie: „Das vierte gnädige Fräulein ist ja nicht hier, sie ist wohl bei der alten gnädigen Frau?“ „Drüben im anderen Zimmer ist sie doch“, erklärten ihr die Sklavenmädchen, und so ging sie in den anderen Innenraum hinüber, wo sie Hsi-tschun dabei traf, wie sie sich mit der kleinen Nonne Dschï-nëng aus dem Wassermondkloster zusammen die Zeit vertrieb. Als Hsi-tschun Dschou Juees Frau hereinkommen sah, fragte sie, was sie wolle, also öffnete diese die Schachtel mit den Blumen und berichtete, worum es ging. Lachend sagte Hsi-tschun: „Gerade habe ich hier mit Dschï-nëng besprochen, daß ich mir morgen den Kopf scheren lasse und ebenfalls Nonne werde, da bringst du mir Blumen. Wie soll ich sie mir ins Haar stecken, wenn ich mich scheren lasse?“ Alle machten ein Weilchen ihre Späße darüber, dann befahl Hsi-tschun ihrem Sklavenmädchen Ju-hua, die Blumen in Verwahrung zu nehmen. Nun wandte sich Dschou Juees Frau an Dschï-nëng und fragte: „Seit wann bist du hier? Und wo steckt deine Äbtissin, diese kahlköpfige Hure?“ „Wir sind schon seit dem frühen Morgen hier“, gab Dschï-nëng Auskunft. „Meine Äbtissin war bei der gnädigen Frau, dann ist sie in das Anwesen des alten Herrn Yü gegangen und hat mir aufgetragen, hier auf sie zu warten.“ „Habt ihr am fünfzehnten die monatliche Spende und das Silber für das Weihrauchopfer bekommen?“ fragte Dschou Juees Frau weiter.
Dschï-nëng schüttelte den Kopf und sagte: „Das weiß ich nicht.“
„Wer verwaltet jetzt das monatliche Spendensilber für die einzelnen Tempel?“ erkundigte sich Hsi-tschun bei Dschou Juees Frau, als sie deren Frage gehört hatte. „Dafür ist Yü Hsin zuständig“, antwortete Dschou Juees Frau. „Drum auch!“ lachte Hsi-tschun, „kaum daß die Äbtissin hier war, kam Yü Hsins Frau gelaufen und hat wer weiß wie lange mit ihr getuschelt. Sicher war davon die Rede.“ Dschou Juees Frau schwatzte noch eine Weile mit Dschï-nëng, dann ging sie weiter zu Hsi-fëng. Als sie den Durchgang zwischen den Mauern passiert hatte und an Li Wans Hinterfenstern vorbeikam, sah sie durch die Glasscheiben, daß Li Wan schräg auf dem Ofenbett lag und schlief. Dann ging sie weiter durch das Seitentor in der verzierten Westmauer und kam in den Hof von Hsi-fëngs Anwesen. Als sie in das Hauptgebäude trat, fand sie das Sklavenmädchen Fëng-örl auf der Türschwelle von Hsi-fëngs Zimmer sitzen. Und kaum daß sie sie hereinkommen sah, machte sie ihr Zeichen mit der Hand, sie solle ins Ostzimmer gehen. Dschou Juees Frau verstand den Wink und schlich auf leisen Sohlen ins Ostzimmer. Hier war eben eine Amme damit beschäftigt, Hsi-fëngs Tochter Da-djiä in den Schlaf zu tätscheln. „Die Herrin hält wohl ihren Mittagsschlaf?“ fragte Dschou Juees Frau leise und setzte hinzu: „Dann muß ich bitten, daß sie geweckt wird.“ Aber die Amme schüttelte den Kopf. Im selben Moment tönte ein Lachen herüber, es war die Stimme von Djia Liän. Dann klappte drüben die Tür, und Ping-örl kam mit einer großen Messingschüssel heraus und befahl Fëng-örl, Wasser zu holen und es hineinzubringen. Nun kam Ping-örl ins Ostzimmer herüber, und kaum daß sie Dschou Juees Frau erblickte, fragte sie: „Wie kommst du schon wieder hierher, alte Dame?“ Rasch stand Dschou Juees Frau auf, gab Ping-örl die Schachtel und erklärte ihr die Sache mit den Blumen. Ping-örl klappte die Schachtel auf, nahm vier Blumen heraus und ging davon. Ein paar Minuten später kam sie mit zwei von den Blumen zurück, rief nach Tsai-ming und trug ihr auf: „Bring sie hinüber ins andere Anwesen! Die Frau des jungen Herrn Jung soll sie tragen.“ Anschließend befahl sie Dschou Juees Frau, sie solle gehen und Hsi- fëngs Dank für die Blumen ausrichten.
Aus: Chengjiaben 1791. Jetzt erst begab sich Dschou Juees Frau zu den Räumen der Herzoginmutter. Als sie eben in die Durchgangshalle trat, kam ihr plötzlich ihre Tochter entgegen, die sorgfältig gekleidet und geputzt aus dem Hause ihrer Schwiegereltern hierher gekommen war. „Was machst du hier?“ fragte Dschou Juees Frau sofort. „Wie geht es Euch?“ fragte die Tochter lächelnd und erklärte dann: „Ich habe die ganze Zeit bei Euch in der Wohnung gewartet, aber Ihr seid nicht gekommen. Was habt Ihr denn für dringende Besorgungen, daß Ihr nicht nach Hause kommt? Dann hatte ich das Warten satt, bin herübergekommen und habe der alten gnädigen Frau meine Aufwartung gemacht. Jetzt wollte ich noch der gnädigen Frau meinen Gruß entbieten. Was habt Ihr noch zu erledigen, und was tragt Ihr da in der Hand?“ „Ach“, sagte Dschou Juees Frau lächelnd. „Ausgerechnet heute mußte so eine Oma Liu kommen, und obwohl ich selber genug zu tun hatte, mußte ich den halben Tag mit ihr herumlaufen. Dann bin ich noch der gnädigen Frau Tante in den Weg gelaufen und muß jetzt für die Fräulein und die junge gnädige Frau diese Blumen austragen. Damit bin ich noch nicht fertig. Aber du hast doch bestimmt etwas auf dem Herzen!“ „Ihr habt wirklich einen guten Riecher, Mutter!“ sagte die Tochter lächelnd. „Die Sache ist die, daß Euer Schwiegersohn neulich ein paar Becher Wein zuviel getrunken hatte und mit jemandem Streit bekam. Der hat dann einfach das Gerücht aufgebracht, er habe eine zweifelhafte Vergangenheit, und hat ihn beim Amt angezeigt. Jetzt will man ihn zwangsweise in seinen Heimatort abschieben. Darum möchte ich mit Euch beraten, wen man um Hilfe angehen kann, damit die Sache geregelt wird.“ „Gut, ich weiß nun Bescheid“, sagte Dschou Juees Frau, als ihre Tochter zu Ende erzählt hatte. „Aber was ist das schon großartig für ein Problem? Geh zu uns nach Hause und warte dort! Ich bringe nur noch diese Blumen zu Fräulein Lin, und dann komme ich. Die gnädige Frau und die junge gnädige Frau haben jetzt beide keine Zeit. Also geh und warte auf mich! Was ist schon weiter dabei? Warum bist du so ungeduldig?“ Als die Tochter das gehört hatte, machte sie wirklich kehrt, bat aber noch: „Beeilt Euch auf jeden Fall, Mutter!“ „Ja doch“, sagte Dschou Juees Frau. „Du bist ein junges Ding und hast noch nichts durchgemacht, darum bist du so aufgeregt.“ Nach diesen Worten ging sie in Dai-yüs Zimmer, wo sie diese jedoch nicht fand. Sie war bei Bau-yü, wo sich alle damit vergnügten, die Neun Verbundenen Ringe zu entwirren. Als Dschou Juees Frau hier eintrat, sagte sie lächelnd: „Fräulein Lin, die gnädige Frau Tante hat mir aufgetragen, Euch diese Blumen zu bringen.“ „Was für Blumen?“ fragte Bau-yü sofort, als er das gehört hatte. „Gib sie mir!“ Und schon streckte er die Hand aus und nahm Dschou Juees Frau die Schachtel ab. Als er sie aufmachte, sah er, daß es neuartige Gazeblumen aus dem Kaiserpalast waren. Dai-yü warf nur einen kurzen Blick auf die Blumen, als Bau-yü sie in der Hand hielt, dann fragte sie: „Bekomme nur ich allein welche oder die anderen Fräulein auch?“ „Jede hat welche bekommen“, antwortete Dschou Juees Frau. „Diese beiden sind für Euch.“ Dai-yü lachte verächtlich auf und sagte dann: „Ich verstehe. Aber die Reste, die den anderen nicht gut genug waren, will ich auch nicht.“ Dschou Juees Frau wußte kein Wort darauf zu erwidern. „Warum warst du drüben, Schwester Dschou?“ erkundigte sich Bau-yü. „Die gnädige Frau ist drüben, und weil ich ihr etwas zu berichten hatte, bin ich hinübergegangen“, erklärte ihm Dschou Juees Frau. „Bei der Gelegenheit hat mir die gnädige Frau Tante die Blumen mitgegeben.“ „Was macht Kusine Bau-tschai zu Hause? Warum ist sie in den letzten Tagen nicht hier gewesen?“ fragte Bau-yü weiter. „Sie fühlt sich nicht recht wohl“, gab Dschou Juees Frau Auskunft. Als Bau-yü das hörte, wandte er sich an die Sklavenmädchen und fragte: „Wer von euch geht hinüber, um nach ihr zu sehen? Ihr sagt, Fräulein Lin und ich schicken euch, um der gnädigen Frau Tante und der Kusine einen Gruß zu bestellen und um zu fragen, an welcher Krankheit die Kusine leidet und welche Medikamente sie einnimmt. Dann sagt ihr noch, eigentlich müßte ich selber kommen, aber ich sei eben erst vom Unterricht zurück und sei auch etwas erkältet. Ein andermal käme ich selbst, um nach ihr zu sehen.“ Tjiän-hsüä sagte, sie werde gehen, und jetzt ging auch Dschou Juees Frau ihrer Wege. Dschou Juees Schwiegersohn war niemand anders als Djia Yü-tsuns Freund Lëng Dsï-hsing. Er war unlängst durch seinen Antiquitätenhandel mit jemandem in einen Rechtsstreit verwickelt worden und hatte deswegen seine Frau ins Jung-guo-Anwesen geschickt, um dort Protektion zu suchen. Dschou Juees Frau verließ sich ganz auf die Macht ihrer Herrschaft und nahm sich solche Dinge durchaus nicht zu Herzen. Sie bat nur am Abend Hsi-fëng um Hilfe, und damit war der Fall schon erledigt. Als es Zeit war, die Lampen anzuzünden, ging Hsi-fëng, die bereits ihren Putz abgelegt hatte, zu Dame Wang und berichtete ihr: „Die Sachen, die heute von den Dschëns gekommen sind, habe ich einräumen lassen. Wollen wir unsere Geschenke für sie auf den Booten mitnehmen lassen, mit denen sie die frischen Eßwaren zum Jahreswechsel an den Kaiserhof gebracht haben?" Als Dame Wang nickte, fuhr Hsi-fëng fort: „Die Geburtstagsgeschenke für die Mutter des Grafen Lin-an sind vorbereitet. Wen wollen wir damit hinschicken?“ „Sieh zu, wer frei ist“, sagte Dame Wang. „Wenn vier Frauen gehen, ist es genug. Warum machst du so ein Aufheben darum und fragst mich extra?“ Hsi-fëng lächelte nur und fuhr fort: „Die Frau von Vetter Dschën war hier und hat mich für morgen zu sich eingeladen. Zu tun ist doch morgen nichts, oder?“ „Was stört das schon, ob etwas zu tun ist oder nicht?“ fragte Dame Wang. „Sonst lädt sie uns immer mit ein, und du kannst dich nicht frei bewegen. Wenn sie diesmal dich allein einlädt, beweist das ihre ehrliche Absicht, dir einmal Zerstreuung zu verschaffen. Also enttäusche sie nicht und geh hin, auch wenn eigentlich etwas zu tun wäre!“ Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“ Und im selben Augenblick kam Li Wan mit Ying-tschun, Tan-tschun und den anderen Mädchen, um den Abendgruß zu entbieten. Dann ging jede in ihr Zimmer, und weiter ist davon nichts zu berichten. Als Hsi-fëng sich am nächsten Tag frisiert und gewaschen hatte, meldete sie sich zuerst bei Dame Wang ab, dann ging sie sich von der Herzoginmutter verabschieden. Als Bau-yü hörte, was sie vorhatte, verlangte er, mitgehen zu dürfen, und Hsi-fëng blieb nichts weiter übrig, als zuzustimmen. Sie wartete, bis er sich umgezogen hatte, dann stiegen sie zu zweit in den Wagen und waren bald darauf im Ning-guo-Anwesen. Dort warteten Djia Dschëns Gattin, Frau You, und ihre Schwiegertochter, Djia Jungs Gattin, Frau Tjin, schon mit einem ganzen Schwarm Nebenfrauen und Sklavinnen am Zeremonialtor. Kaum daß Frau You Hsi-fëng erblickt hatte, mußte sie sie zuerst ein Weilchen necken, wie es ihre Art war, dann nahm sie Bau-yü bei der Hand, und sie gingen zusammen in den Hauptraum des Wohnhauses, wo sie sich setzten. Als Frau Tjin den Tee serviert hatte, sagte Hsi-fëng: „Warum habt ihr mich eingeladen? Wenn ihr etwas Schönes für mich habt, dann nur schnell her damit, ich habe noch andere Dinge zu erledigen!“
Die Frau You. Aus: Jinyuyuan 1889b. Ehe Frau You und Frau Tjin antworten konnten, sagten die Nebenfrauen schon: „Dann hättet Ihr nicht kommen dürfen! Nachdem Ihr einmal hier seid, geht es nicht mehr nach Euch!“ Während sie das sagten, kam Djia Jung herein, um die Gäste zu begrüßen. Dann erkundigte sich Bau-yü: „Ist Vetter Dschën heute nicht zu Hause?“ „Er ist vor die Stadt geritten, um dem alten Herrn seinen Gruß zu entbieten“, sagte Frau You. „Aber dir wird es mehr als langweilig sein. Warum willst du hier herumsitzen, anstatt ein bißchen spazierenzugehen?“ Da meldete sich Frau Tjin zu Wort und sagte lächelnd: „Heute trifft es sich gut, daß mein Bruder hier ist, den Onkel Bau-yü letztens sofort zu sehen verlangte. Ich glaube, er ist in der Bibliothek. Warum sollte Onkel Bau-yü ihn nicht sehen gehen?“ Als Bau-yü das hörte, stieg er sofort vom Ofenbett und wollte hinübergehen, Frau You und Hsi-fëng aber sagten rasch: „Es muß jemand mitgehen und achtgeben, daß er ihn nicht kränkt. Es ist schließlich nicht dasselbe, als wenn er mit der alten gnädigen Frau hier wäre.“ Dann aber sagte Hsi-fëng: „Warum bitten wir den jungen Herrn Tjin nicht lieber her? Ich möchte ihn auch einmal sehen. Oder darf ich das nicht?“ „Schluß! Hör auf!“ sagte Frau You lachend. „Du brauchst ihn nicht zu sehen. Er kennt diesen rüden Ton nicht wie die Kinder in unserer Familie. Anderer Leute Kinder sind einen gesitteten Umgang gewöhnt. Wenn er plötzlich dich Hausteufel sieht, lacht er sich krank!“ „Alle andern Leute sind froh, wenn ich sie nicht auslache, und da soll ausgerechnet dieses Kind mich auslachen?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „So ist das ja auch gar nicht“, sagte Djia Jung und lächelte ebenfalls. „Er ist von Natur aus schüchtern und hat noch nichts gesehen von der Welt. Ihr dürft ihm nicht böse sein, wenn Ihr ihn seht, Tante!“ „Wie er nun auch immer sein möge, ich will ihn sehen“, verlangte Hsi-fëng. „Also red keinen Blödsinn, sondern zeig ihn mir, sonst bekommst du ein paar ordentliche Maulschellen!“ „Ich wage mich nicht zu sträuben und bringe ihn her“, sagte Djia Jung lächelnd und ging jetzt wirklich hinaus, um dann mit einem Knaben zurückzukommen, der etwas schmächtiger war als Bau-yü. Er hatte ein hübsches Gesicht, das aussah wie geschminkt und gepudert, und eine anmutige Gestalt. Sein Benehmen war elegant, und darin schien er Bau-yü zu übertreffen. Nur war er scheu wie ein Mädchen. Schüchtern und befangen verbeugte er sich vor Hsi-fëng und begrüßte sie. Hsi-fëng stieß Bau-yü an und bemerkte fröhlich: „Den Vergleich hältst du nicht aus.“ Dann beugte sie sich vor, faßte den Knaben bei der Hand und ließ ihn an ihrer Seite Platz nehmen. Behutsam fragte sie ihn nach seinem Alter, nach den Büchern, die er gelesen hatte, nach seinen Brüdern, nach seinem Schulnamen, und Tjin Dschung beantwortete eine Frage nach der anderen. Hsi-fëngs Sklavinnen hatten bemerkt, daß Hsi-fëng bei dieser ersten Begegnung mit Tjin Dschung kein Geschenk zur Hand hatte, darum waren sie rasch ins Jung-guo-Anwesen zurückgekehrt und hatten Ping-örl davon berichtet. Ping-örl wußte, wie eng Hsi-fëng mit Frau Tjin befreundet war, darum durfte das Geschenk, auch wenn es für einen Knaben war, nicht zu kärglich sein. So entschied sie sich für eine Länge Brokat und zwei kleine Goldstücke mit der glückverheißenden Aufschrift ‚Als Bester aus der Palastprüfung hervorgehen‘ und übergab diese Dinge den Botinnen, damit sie sie ins Ning-guo-Anwesen hinübertrugen. Hsi-fëng sagte lächelnd, ihre Geschenke seien zu gering, und ähnliches mehr, Frau Tjin und die anderen bedankten sich. Nachdem sie ein Weilchen später gegessen hatten, spielten Frau You, Hsi-fëng und Frau Tjin Domino, aber davon soll nicht weiter die Rede sein. Als Bau-yü gesehen hatte, wie sehr sich Tjin Dschung von der großen Masse unterschied, war ihm zumute, als ob er etwas verloren hätte. Nachdem er lange Zeit dumpf vor sich hingebrütet hatte, kamen ihm allerlei törichte Gedanken in den Sinn. „Daß es so etwas gibt auf der Welt!“ dachte er. „Ich komme mir jetzt vor wie ein schmieriges Schwein, wie ein räudiger Hund. Warum nur bin ich in einer Herzogsfamilie zur Welt gekommen? Wäre ich doch auch in der armen Familie eines kleinen Beamten geboren, dann hätte ich ihn schon längst kennenlernen können und hätte mein Leben nicht umsonst gelebt! Ich bin so viel vornehmer als er, und doch bin ich nur ein Holzklotz, den man in Gaze und bunte Seide wickelt, eine Jauchegrube, die man mit Wein und Lammfleisch füllt. Die Begriffe Reichtum und Vornehmheit werden durch mich beschmutzt und vergiftet.“ Als Tjin Dschung seinerseits sah, daß Bau-yü durch Ansehen und Betragen von der Menge abstach, daß er noch dazu goldenen Kopfschmuck und gestickte Kleidung trug und von stolzen Sklavenmädchen und übermütigen Sklavenjungen umgeben war, sagte er sich: ‚Kein Wunder, daß diesen Bau-yü jedermann liebt! Welch ein Jammer, daß ich ausgerechnet einer armen, ehrlichen Familie entstamme und nicht sein vertrauter Freund sein kann! Da sieht man, wie der Mensch durch die beiden Begriffe Armut und Dürftigkeit eingeschränkt wird.re ich doch auch in der armen Familie eines kleinen Beamten geboren, dann hätte ich ihn schon längst kennenlernen können und hätte mein Leben nicht umsonst gelebt! Ich bin so viel vornehmer als er, und doch bin ich nur ein Holzklotz, den man in Gaze und bunte Seide wickelt, eine Jauchegrube, die man mit Wein und Lammfleisch füllt. Die Begriffe Reichtum und Vornehmheit werden durch mich beschmutzt und vergiftet.“ Als Tjin Dschung seinerseits sah, daß Bau-yü durch Ansehen und Betragen von der Menge abstach, daß er noch dazu goldenen Kopfschmuck und gestickte Kleidung trug und von stolzen Sklavenmädchen und übermütigen Sklavenjungen umgeben war, sagte er sich: ‚Kein Wunder, daß diesen Bau-yü jedermann liebt! Welch ein Jammer, daß ich ausgerechnet einer armen, ehrlichen Familie entstamme und nicht sein vertrauter Freund sein kann! Da sieht man, wie der Mensch durch die beiden Begriffe Armut und Dürftigkeit eingeschränkt wird. Auch das ist eine der großen Unerfreulichkeiten dieser Welt!‘ So hingen sie beide gleichermaßen unsinnigen und verworrenen Gedanken nach. Plötzlich fragte Bau-yü, welche Bücher Tjin Dschung lese. Tjin Dschung hörte, wie Bau-yü ihn ansprach, und antwortete wahrheitsgemäß. So gab ein Wort das andere, und als sie zehn Sätze miteinander gewechselt hatten, fühlten beide, wie sie vertraut miteinander wurden. Als bald darauf Tee und Naschwerk aufgetragen wurden, sagte Bau-yü: „Wir beide trinken doch keinen Wein, also laßt uns die Sachen auf das kleine Ofenbett im Innenraum stellen, dann setzen wir uns dorthin und stören euch nicht.“ So gingen sie beide in den Innenraum und tranken dort ihren Tee. Frau Tjin setzte Hsi-fëng Wein und Näschereien vor, dann ging sie den beiden nach und bat Bau-yü: „Onkel Bau-yü! Wenn etwa Euer Neffe etwas Ungebührliches sagt, nehmt es ihm bitte mir zuliebe nicht übel! Er ist zwar scheu, aber es kommt vor, daß er eigensinnig und nicht eben folgsam ist.“ „Geh nur, ich weiß schon Bescheid“, sagte Bau-yü lächelnd. Aber Frau Tjin erteilte ihrem Bruder erst noch einige Ermahnungen, ehe sie wieder zu Hsi-fëng hinüberging, um ihr Gesellschaft zu leisten. Ein Weilchen später schickten Hsi-fëng und Frau You jemanden hinüber, um Bau-yü zu fragen, was er essen wolle. Es sei alles da, er brauche nur etwas zu sagen. Bau-yü sagte zwar „Ja!“ dazu, aber ihm stand jetzt der Sinn nicht nach Essen, und er erkundigte sich bei Tjin Dschung nach dessen häuslichen Verhältnissen. Daraufhin berichtete ihm Tjin Dschung: „Im letzten Jahr ist mein Lehrer an einer Krankheit gestorben. Mein Vater ist alt und von allerlei Übeln geplagt, außerdem sind seine Amtsgeschäfte zu zahlreich. So ist noch nicht die Rede davon gewesen, einen neuen Lehrer zu suchen. Zur Zeit frische ich zu Hause nur den alten Lehrstoff auf. Um weiterzulernen, brauche ich ein, zwei gute Freunde, die mir Gesellschaft leisten. Nur wenn man sich ständig über alles ausspricht, kann man vorankommen...“ Ohne das Ende seiner Rede abzuwarten, sagte Bau-yü: „Du hast Recht! Aber wir haben hier eine Familienschule, die jeder besuchen kann, der zur Sippe gehört, wenn er nicht in der Lage ist, einen Lehrer anzustellen. Unter den Jungen sind auch angeheiratete Verwandte, die mitlernen dürfen. Ich mache jetzt ebenfalls eine Zwangspause, seitdem mein Lehrer im vergangenen Jahr in seine Heimat zurückgekehrt ist. Mein Vater möchte, daß ich einstweilen die Familienschule besuche, um die Texte zu wiederholen, die ich früher gelesen habe, und dann wieder allein zu Hause weiterlerne, wenn im nächsten Jahr ein neuer Lehrer gekommen ist. Aber meine Großmutter fand, es seien zu viele Jungen in der Schule und sie seien alle miteinander ungezogen, was nicht gut für mich wäre. Außerdem bin ich auch ein paar Tage krank gewesen, wodurch sich die Sache verzögert hat. Wenn sich also dein Herr Vater Sorgen deswegen macht, warum willst du ihm dann nicht heute, wenn du nach Hause kommst, davon berichten und dann in unsere bescheidene Familienschule kommen? Ich würde dir Gesellschaft leisten, und wir hätten beide einen Nutzen davon. Wäre das nicht eine gute Sache?“ Lächelnd erwiderte Tjin Dschung: „Als mein Vater neulich davon sprach, einen neuen Hauslehrer zu suchen, hat er auch die hiesige Freischule erwähnt und gesagt, sie sei sehr gut. Eigentlich wollte er herkommen, um mit Herrn Djia Dschën darüber zu sprechen und mich für die Schule vorzuschlagen. Aber da hier alle viel zu tun haben, kann er schlecht jemanden wegen so einer Kleinigkeit belästigen. Wenn Ihr Euch tatsächlich für mich einsetzt, Onkel Bau-yü, kann ich vielleicht die Tusche für Euch reiben und Euren Tuschereibstein waschen. Warum können wir das nicht schnell in Ordnung bringen? Dann brauchte keiner von uns das Lernen zu vernachlässigen, und wir könnten uns immer miteinander unterhalten. Unsere Eltern wären beruhigt, und wir könnten die Freuden der Freundschaft genießen. Wäre das nicht wirklich schön?“ „Keine Sorge, keine Sorge!“ sagte Bau-yü. „Wir sprechen mit deinem Schwager, mit deiner Schwester und mit Djia Liäns Frau. Wenn du heute nach Hause kommst, berichtest du deinem Herrn Vater davon, und ich berichte es meiner Großmutter. Dann gibt es keinen Grund mehr, warum die Sache nicht bald in Ordnung gehen sollte.“ Als sie so alles abgesprochen hatten, war es bereits Zeit, die Lampen anzuzünden. Sie gingen ins andere Zimmer hinüber und sahen beim Dominospiel zu. Als abgerechnet wurde, hatten Frau Tjin und Frau You wieder einmal verloren und mußten dafür eine Theatervorstellung mit Umtrunk ausrichten. Nachdem sie festgelegt hatten, die Vorstellung solle am übernächsten Tag stattfinden, befahlen sie, das Abendessen aufzutragen. Nach dem Essen war es bereits dunkel, und so sagte Frau You: „Zwei Diener sollen den jungen Herrn Tjin nach Hause begleiten!“ Einige Zeit, nachdem die Sklavenfrauen den Befehl nach draußen weitergegeben hatten, verabschiedete sich Tjin Dschung und stand auf. „Wer ist beauftragt mitzugehen?“ erkundigte sich Frau You, und die Sklavinnen meldeten ihr: „Die von draußen wollten Djiau Da schicken, aber er ist betrunken und hat wieder einmal geschimpft.“ „Warum mußten sie ausgerechnet ihn schicken?“ fragten Frau You und Frau Tjin. „All die jungen Diener werden in Ruhe gelassen, von denen braucht keiner zu gehen, nein, Djiau Da muß es sein, den sie wieder mal damit triezen.“ „Ich sage ja immer, ihr seid zu weich“, mischte Hsi-fëng sich ein. „Ist denn das die Möglichkeit? Wie kann man so viel Nachsicht mit dem Gesinde haben?“ „Du weißt wohl nicht, wer Djiau Da ist?“ fragte Frau You und seufzte. „Selbst der alte gnädige Herr macht ihm keine Vorschriften, und dein Schwager Dschën ebensowenig. Von klein auf hat er die gnädigen Ahnherren auf drei oder vier Feldzügen begleitet. Unsern gnädigen Ahn hat er auf seinem Rücken aus einem Leichenhaufen herausgetragen, und nachdem er ihm so das Leben gerettet hatte, hat er selbst gehungert, aber für seinen Herrn hat er etwas zu essen gestohlen. Als sie tagelang nichts getrunken hatten und er eine halbe Schale Wasser beschaffen konnte, hat er sie seinem Herrn gegeben, und er selber hat Pferdeharn getrunken. Das sind die Verdienste, auf die er sich beruft, und solange der gnädige Ahnherr noch lebte, wurde auch Djiau Da mit besonderen Augen angesehen. Wer brächte es da heute fertig, ihm zu nahe zu treten! Jetzt ist er alt geworden und hat auch keinen Sinn mehr für Anstand. Er trinkt nur in einem fort, und wenn er betrunken ist, macht er mit seinem Geschimpfe vor niemand halt. Ich habe den Verantwortlichen immer wieder gesagt, sie sollten ihm keine Aufträge mehr geben und einfach so tun, als ob er gar nicht da wäre, und damit basta. Aber jetzt wollten sie ihn wieder losschicken.“ „Wie sollte ich Djiau Da nicht kennen!“ wehrte sich Hsi-fëng. „Aber ihr seid wirklich einfallslos. Wenn die Sache so ist, warum schickt ihr ihn nicht weit weg aufs Dorf? Damit wäre der Fall erledigt.“ Dann erkundigte sie sich: „Ist unser Wagen bereit?“ „Er ist bereit“, antworteten die zahlreichen Sklavinnen, die dabeistanden. Hsi-fëng stand auf und verabschiedete sich. Dann ging sie mit Bau-yü an der Hand hinaus. Frau You und die anderen begleiteten sie bis zur Vorhalle, wo die Menge der Sklaven im hellen Licht der Laternen auf der Treppe der Plattform wartete. Djiau Da nutzte die Abwesenheit von Djia Dschën – der aber, selbst wenn er zu Hause gewesen wäre, kaum etwas dagegen vermocht hätte – und ließ sich nach Herzenslust gehen. Zuerst beschimpfte er in seiner Trunkenheit den Hauptverwalter Lai Schëng und warf ihm vor, er sei ungerecht, bedrücke die Schwachen und fürchte die Starken.
Hauptverwalter Lai Schëng. Aus: Jinyuyuan 1889b. „Wenn du einen guten Auftrag hast, schickst du die andern, aber wenn mitten in finstrer Nacht jemand zu begleiten ist, schickst du mich, du gemeiner Hurensohn!“ warf er ihm vor. „Hast du mal daran gedacht, du Idiot von Verwalter, daß du deinen Kopf nicht so hoch heben kannst wie ich meine Füße? Zwanzig Jahre lang hat sich Herr Djiau Da hier von niemand etwas sagen lassen müssen, von euch Bastarden und Hurensöhnen schon gar nicht!“ Er war gerade im besten Schimpfen, als Djia Jung den Wagen mit Hsi-fëng hinausbegleitete, und obwohl ihm alle zuriefen, er solle still sein, hörte er nicht darauf. Djia Jung konnte nicht an sich halten und schrie ihn an, außerdem befahl er den Leuten, ihn zu binden. „Wenn er morgen wieder nüchtern ist, wollen wir ihn fragen, ob ihm immer noch danach ist, sich ins Verderben zu stürzen!“ sagte er. Wer aber war in Djau Das Augen schon Djia Jung! Er begann erst recht zu krakeelen, lief hinter ihm her und schrie: „Spiel dich nicht vor Djiau Da als Herr auf, Söhnchen! Einer wie du will sich vor Djiau Da großtun? Sogar dein Vater würde das nicht wagen, nicht einmal dein Großvater. Was wäre denn heute mit Euren Beamtenrängen, Eurer Vornehmheit, Eurem Reichtum, wenn ich nicht gewesen wäre?! Euer Ahnherr war es, der sein Leben riskiert hat, damit etwas wird aus der Familie, aber meine Verdienste sind mir bis heute noch nicht gelohnt worden. Statt dessen kehrt Ihr vor mir den Herrn heraus. Seid bloß still, sonst geht mein Messer blank rein und kommt rot wieder raus!“ Hier sagte Hsi-fëng aus dem Wagen heraus zu Djia Jung: „Wenn ihr diesen aufrührerischen Kerl nicht aufs Land schickt, tut er noch jemand etwas zuleide! Und wenn etwa Verwandte oder Freunde erfahren, wie er sich aufführt, werden sie uns dafür auslachen, daß bei Leuten wie uns weder Gesetz noch Anstand gelten!“ „Ganz recht!“ erwiderte Djia Jung. Die Sklavenjungen sahen, daß Djiau Da sich zu unverschämt benahm, und so blieb ihnen keine andere Wahl, als mit ein paar Mann auf ihn loszugehen, ihn zu Boden zu werfen und in den Pferdestall zu schleppen. Aber das brachte Djiau Da nur noch mehr in Wut. Er ließ jetzt selbst Djia Dschën nicht mehr ungeschoren und zeterte wild: „Ich will in den Ahnentempel und meinen gnädigen Herrn beweinen! Der hätte sich auch nicht träumen lassen, daß es solches Viehzeug in seiner Familie geben würde, solche läufigen Hunde und geilen Hennen! Die einen kriechen in der Asche, die andern halten‘s mit ihren jüngeren Schwägern. Ich weiß alles! Aber wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.“ Als die Sklavenjungen diese haltlosen und respektlosen Anschuldigungen hörten, waren sie zu Tode erschrocken. Nun gab es für sie nur noch eins: Sie fesselten Djiau Da und stopften ihm den Mund voll Erde und Pferdemist. Hsi-fëng und Djia Jung, die von weitem alles mit angehört hatten, gaben sich den Anschein, als hätten sie nichts gehört. Bau-yü aber hatte das Toben des Betrunkenen vom Wagen aus ganz amüsant gefunden und fragte jetzt Hsi-fëng: „Hast du gehört, wie er gesagt hat, die einen kriechen in der Asche? Was heißt das, ‚in der Asche kriechen‘?“ Sofort zog Hsi-fëng die Brauen steil zusammen und sagte böse: „Red nicht solchen Unsinn! Wie schamlos von dir, das Geschwafel eines Trunkenbolds nicht einfach zu überhören, sondern dich sogar noch genau danach zu erkundigen! Warte, wenn wir erst zu Hause sind und ich deiner Mutter davon berichte! Da wollen wir sehen, ob du nicht Prügel dafür bekommst!“ Erschrocken sagte Bau-yü sogleich: „Ich will es nie wieder tun!“ „So ist es recht!“ lobte Hsi-fëng. „Wenn wir zu Hause sind, sprichst du mit der Großmutter, damit sie dich mit deinem Neffen Tjin Dschung zusammen zur Schule schickt. Das ist wichtig.“ Als sie dies sagte, waren sie bereits im Jung-guo-Anwesen angelangt. Wahrlich: Ohne seine Schönheit hätte er nicht einen Freund gefunden, nur seine Eleganz hat ihm den Weg zum Lernen geebnet.