Hongloumeng/de/Chapter 12
Kapitel: [1-10] · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt
Kapitel 12
《金陵十二钗》──《红楼梦》的别名之一。因本书主要是为林黛玉等十二位金陵籍女子(即太虚幻境“金陵十二钗正册”中的女子)立传,故称。
地陷东南──古代神话传说,见于《淮南子·天文训》记载:共工与颛顼争夺帝位,怒而触不周山,致使东南大地塌陷下沉,所以东南低而西北高。这里并无特别含意,只是下句所说姑苏在中国东南,顺便提及。
Während Hsi-fëng eben noch mit Ping-örl sprach, wurde plötzlich gemeldet: „Herr Juee ist gekommen!“ „Bittet ihn gleich herein!“ befahl Hsi-fëng, ohne zu zögern. Als Djia Juee das hörte, war er angenehm überrascht und trat schnell ein. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er Hsi-fëng erblickte, und begrüßte sie gleich ein paarmal hintereinander. Hsi-fëng bat ihn mit gespielter Zuvorkommenheit, Platz zu nehmen und Tee zu trinken. Beim Anblick von Hsi-fëngs Aufmachung schmolz Djia Juee vollends dahin, und mit umflortem Blick fragte er: „Warum ist denn Vetter Liän noch nicht zu Hause?“ „Das weiß ich nicht“, antwortete Hsi-fëng. Worauf Djia Juee lächelnd erwiderte: „Wer weiß, ob er nicht unterwegs jemandem begegnet ist, der ihn aufgehalten hat und von dem er sich nicht wieder losreißen kann, um nach Hause zu kommen!“ „Schon möglich“, sagte Hsi-fëng. „So sind ja die Männer, daß sie sich in jede vergucken müssen, die sie zu Gesicht bekommen.“ „Ihr irrt Euch, Schwägerin“, widersprach Djia Juee. „Ich bin nicht so einer.“ „Wie viele kann es schon geben von Eurer Art? Nicht einen unter zehn!“ schmeichelte Hsi-fëng und lächelte dazu. Als Djia Juee das hörte, kniff er sich vor Freude in Ohr und Wange, dann nahm er wieder das Wort und sagte: „Schwägerin, Ihr müßt Euch doch schrecklich langweilen Tag für Tag!“ „So ist es!“ bestätigte Hsi-fëng. „Ich hoffe immer, es kommt jemand, mit dem ich mich unterhalten kann, um die Langeweile zu vertreiben.“ „Ich habe immer Zeit. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag käme, um Euch die Langeweile zu vertreiben?“ schlug Djia Juee vor. „Das ist doch nicht Euer Ernst!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Wärt Ihr wirklich bereit, mich jeden Tag zu besuchen?“ „Der Himmel soll mich schlagen und der Donner soll mich treffen, wenn ich mich Euch gegenüber auch nur der kleinsten Lüge schuldig mache!“ beteuerte Djia Juee und fuhr dann fort: „Ich hatte immer nur gehört, Ihr solltet so streng sein und nicht den mindesten Verstoß durchgehen lassen, das verschreckte mich. Jetzt sehe ich, daß man sich gut mit Euch unterhalten kann und daß Ihr sehr teilnahmsvoll seid. Warum sollte ich Euch da nicht besuchen kommen? Natürlich komme ich, und wenn es das Leben kostet!“ „Ihr seid wirklich verständig“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „weit verständiger als Djia Jung und sein Schwager. Bei der frischen, gefälligen Art, die die beiden an sich haben, glaubte ich, sie hätten ein verständnisvolles Herz, aber es sind nur zwei Dummköpfe, die nicht im geringsten verstehen, wie einem zumute ist.“ Als Djia Juee das hörte, fühlte er sich erst recht an der Seele gekitzelt, und er konnte einfach nicht anders, er rückte ein Stück näher zu Hsi-fëng, starrte auf das Täschchen, das sie am Gürtel trug, und fragte, was das für ein Ring an ihrem Finger sei. Leise forderte Hsi-fëng ihn auf: „Benehmt Euch ein bißchen respektvoller, sonst merken die Mägde etwas und lachen!“ Gehorsam, als habe er einen kaiserlichen Befehl oder ein heiliges Gebot empfangen, rutschte Djia Juee rasch wieder zurück. „Ihr müßt jetzt gehen!“ verlangte Hsi-fëng. „Laßt mich doch noch ein Weilchen hier sitzen, grausame Schwägerin!“ bat Djia Juee. Noch einmal sprach Hsi-fëng mit gedämpfter Stimme auf ihn ein: „Das ist doch nichts Rechtes, wenn Ihr am hellichten Tag hier bleibt, wo die Leute kommen und gehen. Geht jetzt und kommt in der ersten Nachtwache wieder! Wartet leise in der westlichen Durchgangshalle auf mich!“ Diese Worte versetzten Djia Juee in eine Stimmung, als hätte er ein köstliches Juwel geschenkt bekommen. Rasch fragte er: „Meint Ihr das auch ernst? Es gehen dort so viele Leute hindurch, daß ich mich schlecht verborgen halten kann.“ „Seid ganz unbesorgt!“ beruhigte ihn Hsi-fëng. „Ich werde allen Dienerknaben, die Nachtwache hätten, frei geben. Sobald dann auf beiden Seiten die Tore geschlossen sind, ist dort kein Mensch mehr!“ Jetzt kannte Djia Juees Freude keine Grenze, er verabschiedete sich eilig und ging. Er glaubte nicht anders, als daß er gewonnenes Spiel habe, und nachdem er sich bis zum Abend geduldet hatte, schlich er sich wirklich im Dunkeln ins Jung-guo-Anwesen ein, paßte den Augenblick ab, als die Tore verschlossen wurden, und schlüpfte in die Durchgangshalle. Dort drinnen war es in der Tat stockfinster und menschenleer. Das Tor zum Gehöft der Herzoginmutter war bereits verschlossen, nur das Tor, durch das man nach Osten gelangte, stand noch offen. Djia Juee spitzte die Ohren und wartete lange, aber niemand kam. Plötzlich wurde auch das nach Osten führende Tor krachend geschlossen. Djia Juee wagte sich trotz der Aufregung, in die ihn das versetzte, nicht zu mucksen. Statt dessen ging er leise hinüber und drückte gegen das Tor. Aber es hielt so fest wie ein eiserner Eimer. Jetzt war es beim besten Willen unmöglich, hier wieder hinauszukommen, denn nördlich und südlich der Durchgangshalle waren hohe Mauern, und zum Hinübersteigen fand sich kein Halt. Die Halle, in der er stand, war zugig und leer. Außerdem war man eben im zwölften Monat, und die Nächte waren lang. Der Nordwind schnitt so eisig in Mark und Bein, daß Djia Juee über Nacht beinahe erfroren wäre. Als qualvoll erwartet der Morgen kam, öffnete eine alte Sklavin das Osttor, dann kam sie durch die Halle und rief am Westtor, damit man ihr aufmachte. Mit abgewandtem Gesicht, die Arme um die Schultern geschlagen, huschte Djia Juee an der Alten vorbei wie ein flüchtiger Rauch und war draußen. Glücklicherweise war es noch früh und alles schlief noch, so konnte er durchs Hintertor hinaus und geradewegs nach Hause laufen. Djia Juees Eltern waren früh gestorben, und so war er nur von seinem Großvater Djia Dai-ju aufgezogen worden, der stets sehr streng zu ihm war und ihm keinen Schritt zuviel erlaubte, weil er fürchtete, der Enkel könnte sich auswärts dem Trunk oder dem Glücksspiel hingeben und darüber seine Studien vernachlässigen. Als Djia Dai-ju jetzt erleben mußte, daß Djia Juee die Nacht über nicht nach Hause kam, dachte er nicht anders, als daß der Enkel diese Nacht, wenn nicht beim Wein, so doch beim Spiel oder aber im Freudenhaus zubringe. Denn wie hätte er diesen Fall zu durchschauen vermocht! Also zürnte er ihm die ganze Nacht. Als Djia Juee vor Angst schwitzend nach Hause kam, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu lügen. „Ich war beim Onkel zu Besuch“, sagte er, „und als es dunkel wurde, hat er mich zur Nacht dabehalten.“ „Du hast noch nie gewagt, einfach auszugehen, ohne mich zu fragen. Wie durftest du dich gestern dazu erdreisten? Schon dafür hast du Strafe verdient, zumal du mich auch noch belügst!“ entschied Djia Dai-ju. In seiner Wut verabreichte er Djia Juee dreißig, vierzig Hiebe mit dem Bambusprügel, entzog ihm das Essen und befahl ihm, im Hof niederzuknien und nicht eher wieder aufzustehen, bis er seine Lektionen für zehn Tage gelesen hatte. Djia Juee, der über Nacht völlig durchgefroren war und dazu noch Prügel bekommen hatte, litt Höllenqualen, als er jetzt mit nüchternem Magen im kalten Hof knien und lernen mußte. Dennoch kam er von seiner Idee nicht los und dachte gar nicht daran, daß Hsi-fëng ihn zum besten halten könnte. Als er zwei Tage später frei hatte, ging er wieder zu ihr. Hsi-fëng hielt ihm scheinheilig vor, er habe die Verabredung nicht eingehalten, aber er beschwor es erregt bei seinem Kopf.
Geburtstagsfeier für Djia Djing im Ning-guo-Anwesen. Aus: Jinyuyuan 1889a. Als Hsi-fëng sah, daß er ihr fest ins Garn gegangen war, mußte sie natürlich ein neues Mittel gebrauchen, um ihn zurechtzuweisen. Darum trug sie ihm auf: „Wartet heute abend nicht dort auf mich, sondern in dem leerstehenden Anbau an dem kleinen Durchgang hier hinter dem Haus! Aber keine Leichtsinnigkeiten bitte!“ „Werdet Ihr auch wirklich kommen?“ fragte Djia Juee. „Wer würde es wagen, Euch zu foppen?“ erwiderte Hsi-fëng. „Wenn Ihr mir nicht glaubt, braucht Ihr ja nicht zu kommen.“ „Ich komme, ich komme!“ versicherte er. „Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich komme!“ „Aber jetzt müßt Ihr gehen!“ bat sie. Djia Juee, der nichts anderes glaubte, als daß an diesem Abend alles nach Wunsch laufen werde, ging bereitwillig davon. Hsi-fëng aber trommelte ihre Hilfstruppen zusammen und legte Fallstrick und Hinterhalt. Mühsam geduldete sich Djia Juee bis zum Abend, und ausgerechnet heute mußten Verwandte zu Besuch kommen, die erst nach dem Abendessen wieder fortgingen. Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Djia Juee aber mußte weiter warten, bis sein Großvater sich schlafen gelegt hatte, ehe er endlich ins Jung-guo-Anwesen schlüpfen konnte, wo er sich schnurstracks in den Anbau bei dem Durchgang begab, der zwischen zwei Mauern entlangführte. Hier lief er ruhelos auf und ab wie eine Ameise auf einem heißen Kessel, aber niemand kam, und nichts war zu hören. ‚Sollte sie vielleicht auch diesmal nicht kommen und mich wieder eine Nacht frieren lassen?‘ überlegte Djia Juee. Und gerade als er sich darüber den Kopf zermarterte, sah er einen schwarzen Schatten herankommen und war sich sicher, das mußte sie sein! Seiner Sinne kaum noch mächtig, lauerte er wie ein hungriger Tiger, und kaum daß sie an der Tür war, packte er sie wie eine Katze die Maus und rief: „Liebste Schwägerin, ich sterbe vor Ungeduld!“ Damit trug er sie hinein aufs Ofenbett, küßte sie auf den Mund, zog ihr die Hosen herunter und stammelte in einem fort: „Meine Liebe, meine Gute!“ Sie aber sagte kein Wort. Schon hatte Djia Juee auch seine eigenen Hosen abgestreift und wollte eben hart zustoßen, als plötzlich ein Licht aufflammte. In der Tür stand Djia Tjiang mit einem brennenden Fidibus in der Hand, leuchtete herein und fragte: „Wer ist hier?“ Da sprach es vom Ofenbett mit lachender Stimme: „Onkel Juee wollte mich schänden!“, und Djia Juee erkannte, daß es Djia Jung war, der auf dem Ofenbett lag. Jetzt wäre er am liebsten vor Scham im Boden versunken und wußte sich nicht anders zu helfen, als kehrtzumachen und fortzulaufen. Aber Djia Tjiang packte ihn mit sicherem Griff und sagte: „Hiergeblieben! Onkel Liäns Frau hat es bereits der gnädigen Frau gemeldet, wie Ihr sie grundlos belästigt habt, und hat diesen Trick angewandt, um Euch hierher zu locken. Die gnädige Frau ist außer sich vor Zorn und hat mir befohlen, Euch zu ihr zu bringen. Eben habt Ihr auf ihm gelegen, da hilft kein Leugnen. Kommt mit zur gnädigen Frau!“ Als Djia Juee das hörte, wollte seine Seele schier den Körper verlassen, und er bettelte: „Liebster Neffe! Sag doch, du hättest mich nicht gefunden. Morgen will ich dich reichlich belohnen!“ „Wenn Ihr es lohnen wollt, kann ich Euch schon laufen lassen“, sagte Djia Tjiang. „Aber ich weiß ja nicht, wieviel das ist – ‚reichlich‘? Außerdem ist auf eine mündliche Zusage kein Verlaß, schreibt mir einen Schuldschein!“ „Aber ich weiß nicht, wie ich diese Schuld begründen soll“, wandte Djia Juee ein. „Das sollte Euch nicht hindern“, sagte Djia Tjiang. „Ihr schreibt, Ihr hättet zur Begleichung einer Spielschuld vom Bankhalter soundsoviel Liang Silber geliehen, und das ist alles!“ „Das ist kein Problem“, erklärte Djia Juee. „Nur haben wir kein Papier und keinen Schreibpinsel zur Hand.“ „Das ist auch kein Problem!“ entgegnete Djia Tjiang, wandte sich kurz um und brachte im nächsten Augenblick Papier und Schreibpinsel, die irgendwo bereitgelegen hatten, und befahl Djia Juee zu schreiben. Mal schmeichelnd und mal drohend, brachten die beiden ihn dazu, einen Schuldschein über fünfzig Liang Silber auszustellen und zu unterschreiben, den Djia Tjiang einsteckte. Als Djia Juee dann auch mit Djia Jung die Sache ins Reine bringen wollte, stellte der sich stur und und beharrte unnachgiebig darauf, den Fall am nächsten Tag in der Familie vorzubringen und dort entscheiden zu lassen. Djia Juee ging in seiner Aufregung so weit, daß er einen Stirnaufschlag vor ihm machte, und dann setzte Djia Tjiang ihm so lange zu, bis er einen weiteren Schuldschein über weitere fünfzig Liang Silber ausschrieb. Anschließend nahm Djia Tjiang noch einmal das Wort und sagte: „Wenn ich Euch heute laufen lasse, mache ich mich eines Vergehens schuldig! Jetzt ist das Tor zum Gehöft der alten gnädigen Frau bereits geschlossen, und in der Empfangshalle sieht sich der gnädige Herr Geschenke an, die aus Nan-djing gekommen sind, dort könnt Ihr also auch nicht vorbei. Ihr könnt nur noch durchs Hintertor hinaus, aber wenn Euch dort jemand sieht, geht es auch mir an den Kragen. Darum gehen wir zuerst nachsehen, ob die Luft rein ist, und dann bringen wir Euch hinaus. Hier aber könnt Ihr solange nicht blei-
Aus: Jinyuyuan 1889b. ben, denn hierher wird gleich etwas zur Aufbewahrung gebracht. Wartet, ich will einen Platz für Euch suchen!“ Damit zog er Djia Juee hinter sich her, blies das Licht aus und tastete sich im Hof mit ihm bis zu einem Hohlraum unter der Plattform eines Gebäudes. „Hier drin ist es gut!“ wies er ihn an. „Hockt Euch hinein und sagt kein Sterbenswörtchen! Rührt Euch nicht, ehe wir kommen!“ Dann gingen die beiden weg, und Djia Juee blieb keine andere Wahl, als unter die Plattform zu kriechen. Während er dort seinen Gedanken nachhing, wurde plötzlich mit einem schwappenden Geräusch direkt über ihm ein ganzer Kübel Unrat entleert, und zwar so unglücklich, daß er von Kopf bis Fuß davon durchnäßt wurde. „O weh!“ entfuhr es ihm unwillkürlich; aber schnell hielt er sich den Mund zu und gab keinen weiteren Laut von sich. Am ganzen Leibe von Jauche triefend und vor Kälte zitternd, hockte er da, als Djia Tjiang gelaufen kam und ihm zurief: „Schnell weg hier, macht schnell!“ Als sei ihm das Leben wiedergeschenkt worden, stürzte Djia Juee Hals über Kopf davon und durchs Hintertor hinaus. Erst um die dritte Nachtwache war er zu Hause und mußte jemanden herausrufen, der ihm das Tor öffnete. Er sei im Dunkeln ausgeglitten und in eine Abortgrube gefallen, log er, als man ihn wegen seines Zustands befragte. Als er in seinem Zimmer war, wusch er sich und zog sich um. Als er daran dachte, wie ihm Hsi-fëng mitgespielt hatte, überkam ihn Haß, aber als er sich dann wieder ihre Gestalt vorstellte, bedauerte er nur noch, daß er sie nicht wenigstens einen Augenblick in die Arme nehmen und an sein Herz drücken konnte. Die ganze Nacht über tat er deswegen kein Auge zu, und fortan war Hsi-fëng sein einziger Gedanke. Nur wagte er nicht, ins Jung-guo-Anwesen zu gehen. Häufig mahnten ihn Djia Jung und Djia Tjiang wegen des Geldes, und er lebte in ständiger Furcht, sein Großvater könnte alles erfahren. So nagte nicht nur die Sehnsucht an seinem Herzen, es drückten ihn auch die Schulden, und dazu kam tagsüber die anstrengende Lernarbeit. Mit zwanzig Jahren noch nicht verheiratet, aber ständig mit Hsi-fëngs Bild vor Augen, half er dem Mangel natürlich mit den Fingern ab. Dazu hatte die zweimalige Unterkühlung seine Kräfte überfordert. Eins kam zum andern, und ehe er sich‘s versah, war er krank. Sein Herz war geschwollen, sein Appetit geschwunden, die Füße waren wie Watte, die Augen wie voll Essig. Nachts schwitzte er, am Tage war er müde, im Harn fand sich Samen und im Auswurf Blut. Es dauerte kein Jahr, bis sich alle diese Krankheitszeichen eingestellt hatten, und schließlich war es zuviel für ihn. Er brach zusammen und lag fortan mit geschlossenen Augen in einem Dämmerzustand, redete irre und zeigte panische Furcht. Auf welche Weise die Ärzte auch immer an ihm herumdoktern mochten und welche Medikamente – ...zig Djin an Kassiazimtrinde, Eisenhutwurzel, Weichschildkrötenpanzer, Schlangenbartwurzel und Weißwurz – er auch einnahm, es wollte sich keine Wirkung zeigen. Nachdem der Winter rasch vergangen und es wieder Frühling geworden war, verschlimmerte sich die Krankheit. Verzweifelt holte Djia Dai-ju von überallher Ärzte ins Haus, doch im Zustand des Kranken trat keine Besserung ein, und als ihm schließlich reiner Ginsengabsud verordnet wurde, fehlten Djia Dai-ju natürlich die Mittel dafür.Er mußte einen Bittgang ins Jung-guo-Anwesen machen. Daraufhin erhielt Hsi-fëng von Dame Wang den Befehl, zwei Liang Ginseng für ihn abzuwiegen, aber Hsi-fëng erklärte ihr: „Der Ginseng, den wir hatten, ist neulich zu einem Medikament für die alte gnädige Frau verbraucht worden, und die ganze Wurzel, die noch da war, sollte ich auf Euren Befehl für die Gattin des Provinzkommandanten Yang zurücklegen. Erst gestern habe ich sie ihr bringen lassen.“ „Dann schick jemand zu deiner Schwiegermutter, um dort zu fragen!“ entschied Dame Wang. „Vielleicht findet sich auch bei deinem Schwager Dschën im Ning-guo-Anwesen noch ein wenig. Zusammen reicht es vielleicht, und wenn du damit ein Menschenleben rettest, wird das auch dir einst zum Guten gereichen.“ Hsi-fëng hörte ihre Worte ruhig an, schickte aber niemanden fragen, suchte vielmehr ein paar bereits ausgekochte Reste und Wurzelhärchen zusammen, was einige Tjiän ergab. Die ließ sie Djia Dai-ju überbringen mit der Bestellung, dies schicke die gnädige Frau, mehr habe sie nicht. Als sie aber Dame Wang davon berichtete, sagte sie, sie habe alles zusammenholen lassen, und es seien zwei Liang geworden, die sie hingeschickt habe. Djia Juee hatte einen starken Willen zu leben, und so versuchte er jede erdenkliche Arznei, aber alles Geld dafür war unnütz vertan, kein Mittel schlug an. Dann kam eines Tages ein hinkender Dauist, der bei ihnen um Essen bettelte und behauptete, er verstünde sich speziell auf die Heilung von Krankheiten, die auf Sünden in einer früheren Existenz zurückzuführen seien. Djia Juee, der das vom Krankenbett aus mit angehört hatte, erhob seine Stimme und rief: „Bittet diesen Bodhisattwa schnell zu mir herein, damit er mich rettet!“ Und schon kniete er auf dem Bett nieder und machte einen Stirnaufschlag. Den Leuten blieb nichts weiter übrig, als den Dauisten hineinzuführen, und Djia Juee klammerte sich sofort an ihm fest und schrie immer wieder: „Rettet mich, Bodhisattwa!“ „Deine Krankheit ist nicht mit Medikamenten zu heilen!“ seufzte der Dauist. „Ich habe hier ein Kleinod, das ich dir geben will, und wenn du es Tag für Tag ansiehst, kann dein Leben erhalten werden.“ Damit holte er aus seinem Schultersack einen Spiegel hervor, der auf beiden Seiten poliert war und in dessen Griff die Schriftzeichen eingraviert waren ‚Zauberspiegel der Liebe‘. Er reichte ihn Djia Juee und erklärte dazu: „Dieses Gerät stammt aus der Halle der Köstlichkeiten in den Wahngefilden der Großen Leere. Die Fee Warnendes Trugbild hat es gefertigt. Es dient ausschließlich zur Heilung von Krankheiten, die durch geistige Verirrungen und unsinnige Taten hervorgerufen werden, und hat die Kraft, Menschen zu retten und Leben zu erhalten. Deshalb habe ich es mit auf die Erde gebracht und gebe es nur edlen Jünglingen aus vornehmem Hause, die klug und begabt sind, sich darin zu spiegeln. Man darf sich aber nicht in seiner Vorderseite spiegeln, nur in der Rückseite! Das ist das Allerwichtigste! In drei Tagen komme ich wieder und hole den Spiegel ab, dann bist du bestimmt geheilt.“ Damit ging er, ohne jemanden zu beachten, und das, obwohl alle ihn dringend baten zu bleiben. Djia Juee griff nach dem Spiegel und dachte: „Ein merkwürdiger Mensch, dieser Dauist! Aber warum sollte ich nicht einmal probieren, wie es ist, wenn ich in den Spiegel sehe?!“ Er hob ihn hoch, um sich in der Rückseite zu spiegeln, und erblickte ein Totengerippe darin. Das erschreckte ihn so, daß er den Spiegel rasch zuhielt und schimpfte: „Verfluchter Dauist! Mich so zu erschrecken! Jetzt spiegele ich mich doch in der Vorderseite!“ Er tat es und erblickte im Spiegel Hsi-fëng, die ihn zu sich winkte. Freude erfüllte sein Herz, und dann spürte er, wie er schwankend in den Spiegel hineinschwebte, wo er mit Hsi-fëng das Wolken-und-Regen-Spiel spielte. Danach führte sie ihn hinaus. Als er wieder im Bett lag und mit einem „O weh!“ die Augen aufmachte, entglitt ihm der Spiegel, und er erblickte in seiner Rückseite erneut das Totengerippe. Djia Juee merkte, daß er am ganzen Körper schwitzte und in einer Pfütze seines Samens lag, aber sein Verlangen war noch nicht gestillt, also drehte er den Spiegel wieder um, so daß er in die Vorderseite blicken konnte. Wieder stand Hsi-fëng da und winkte ihm, und er ging zu ihr. Das wiederholte sich drei oder vier Mal, dann kamen, als er eben den Spiegel wieder einmal verlassen wollte, zwei Männer auf ihn zu, fesselten ihn mit einer eisernen Kette und zerrten ihn fort. „Laßt mich wenigstens den Spiegel mitnehmen!“ schrie Djia Juee, und das war der letzte Satz, den er sprechen konnte. Die Leute, die ihn pflegten, sahen nur, wie er zuerst den Spiegel in der Hand hielt und sich darin spiegelte, dann entglitt ihm der Spiegel, er machte die Augen auf und griff wieder danach. Schließlich entfiel ihm der Spiegel noch einmal, aber Djia Juee rührte sich nicht. Als sie näher traten und nachsahen, war kein Leben mehr in ihm, und er lag in einer großen Lache Samenflüssigkeit. Rasch zogen sie ihn ordentlich an und legten ihn wieder auf das inzwischen aufgeräumte Bett. Djia Dai-ju weinte sich mit seiner Frau fast die Augen aus und verfluchte den Dauisten. „Was ist dieser Spiegel für ein Teufelswerk!“ schimpfte er. „Wenn er nicht schleunigst vernichtet wird, richtet er viel Unheil an in der Welt!“ Also befahl er, ein Feuer zu machen und den Spiegel hineinzuwerfen. Da sprach es weinend aus dem Spiegel: „Wer hat euch geheißen, in die falsche Seite zu sehen? Wenn ihr das Falsche für das Wahre haltet, warum müßt ihr dann mich ins Feuer werfen?“ Im selben Augenblick kam der hinkende Dauist herbeigeeilt und rief: „Wer will den Zauberspiegel der Liebe vernichten? Ich komme und rette ihn!“ Damit stürzte er ohne weiteres in den Mittelraum, riß den Spiegel an sich und verschwand wie der Wind. So richtete Djia Dai-ju dann das Begräbnis aus. Er verkündete überall die Trauernachricht, ließ am dritten Tag heilige Texte verlesen und am siebenten Tag den Sarg hinausgeleiten, um ihn im Kloster Eiserne Schwelle aufzustellen, bis er in die Heimat der Sippe übergeführt werden konnte. Die Djias kamen und machten ihren Trauerbesuch. Djia Schë aus dem Jung-guo-Anwesen spendete zwanzig Liang Silber, Djia Dschëng ebenfalls zwanzig, ebenso Djia Dschën aus dem Ning-guo-Anwesen. Die übrigen Sippenmitglieder gaben je nach Vermögen drei oder fünf Liang, es kann hier nicht jeder aufgeführt werden. Durch die Spenden der einzelnen Familien der übrigen Schüler der Familienschule kamen noch einmal zwanzig, dreißig Liang zusammen, und so konnte Djia Dai-ju die Sache ungeachtet seiner sonstigen Armut in recht üppiger Weise zu Ende bringen. Unerwartet für jedermann kam gegen Ende des Winters ein Brief von Lin Ju-hai, der sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und nun schrieb, daß er Dai-yü bei sich haben wolle. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, vermehrte das natürlich ihren Kummer, aber es blieb nichts anderes übrig, als schnell alle Vorbereitungen zu treffen, damit Dai-yü abreisen konnte. Bau-yü fühlte sich sehr unbehaglich dabei und ärgerte sich über die Liebe zwischen Vater und Tochter, aber er konnte schlecht etwas dagegen sagen. Dann bestimmte die Herzoginmutter, Djia Liän solle Dai-yü auf dem Hin- und Rückweg begleiten. Über die Lokalprodukte, die sie als Geschenke mitnahmen, und über die Reisekosten brauchen wir uns nicht im einzelnen auszulassen, alles mußte natürlich so sein, wie es sich gehört. Rasch wurde ein Glückstag ausgewählt, Djia Liän und Dai-yü verabschiedeten sich von der Herzoginmutter und allen anderen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und machten sich auf den Weg nach Yang-dschou. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.