Hongloumeng/de/Chapter 28

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Kapitel 28

蒋玉函情赠茜香罗

薛宝钗羞笼红麝串

Weil Tjing-wën am Abend das Tor nicht aufmachen wollte, hatte also Dai-yü einen falschen Verdacht gegen Bau-yü geschöpft. Dann fiel gerade auf den nächsten Tag das Abschiedsopfer für die Blütengöttin, und so war zu dem ungestillten Kummer in Dai-yüs Brust noch die Trauer um den scheidenden Frühling hinzugekommen. Als sie dann einige welke Blüten begrub, war sie unwillkürlich vom Schmerz um die Blüten und von Selbstmitleid überwältigt worden, war darüber in Tränen ausgebrochen und hatte ein paar Sätze dazu gesprochen, ohne zu ahnen, daß Bau-yü sie hörte. Zuerst hatte Bau-yü nur genickt und mitfühlend geseufzt, aber als er dann die Sätze hörte: „Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich törichtes Kind,

doch wer wird mich begraben, wenn ich gestorben bin ?
...
Unversehens sind verflossen Frühlingstage, Mädchenglück,
Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon“,

stürzte er, von Schmerz betäubt, am Hang des Berges nieder, und die welken Blüten, die er im Arm trug, fielen zu Boden. Er stellte sich vor, daß eines Tages auch Dai-yüs blumen- und mondgleiches Antlitz spurlos vergehen würde, und der Schmerz wollte ihm Herz und Gedärm zerreißen. Und wenn Dai-yü einmal spurlos vergehen würde, überlegte er weiter, würde für die anderen Mädchen – Bau-tschai, Hsiang-ling und Hsi-jën – dasselbe gelten, und auch sie würden spurlos vergehen. Und wo würde er selbst dann sein, wenn Bau-tschai und die anderen spurlos vergangen wären? Und wenn er nicht wußte, wo er selbst bleiben würde, wem würden dann dieser Platz, dieser Garten, diese Blumen, diese Weiden gehören? So führte eins zum anderen, und je länger er darüber nachdachte, desto mehr wünschte er sich, er könnte sofort und auf der Stelle zu einem dummen Ding ohne jedes Wissen werden, um dem großen Geschick zu entgehen und den irdischen Verstrickungen zu entfliehen. Dann wäre dieser Schmerz von ihm genommen, und es gäbe nur noch: Blütenschatten ringsumher, Vogelstimmen überall. Als Dai-yü in ihrem Gram plötzlich hörte, daß vom Hang des Berges her ebenfalls Klagelaute ertönten, sagte sie sich: „Alle lachen mich aus, weil sie meinen, ich sei ein bißchen töricht. Gibt es etwa noch so einen Toren wie mich?“ Sie ging nachschauen und entdeckte Bau-yü. „Ha!“ entfuhr es ihr. „Ich dachte wunder wer das ist, dabei ist es dieser hartherzige, kurzlebige...“ Kaum hatte sie „kurzlebige“ gesagt, preßte sie die Hand auf den Mund und seufzte schwer. Dann wandte sie sich um und ging davon. Bau-yü aber härmte sich weiter, und als er nach einiger Zeit aufblickte und Dai-yü nicht mehr sah, konnte er sich denken, daß sie ihn gesehen hatte und deshalb fortgegangen war. Nun wurde er der Sache überdrüssig, stand auf und klopfte sich die Erde ab, dann stieg er den Berg hinunter und ging auf dem Weg, den er gekommen war, zum Hof der Freude am Roten zurück. Da erblickte er vor sich Dai-yü und ging schneller, bis er dicht hinter ihr war. „Bleib doch stehen!“ sagte er, „ich weiß ja, daß du nichts mehr von mir wissen willst. Laß mich dir nur noch einen Satz sagen, und dann trennen wir uns für immer!“ Als Dai-yü sich umwandte und sah, daß es Bau-yü war, der sie angesprochen hatte, wollte sie ihn nicht beachten, aber als sie hörte, er wolle nur noch einen einzigen Satz sagen, und dann würden sie sich für immer trennen, klang ihr das so geheimnisvoll, daß sie unwillkürlich stehenblieb und sagte: „Wenn es nur ein Satz ist, so sprich!“ „Und wenn es zwei sind?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Hörst du mich dann auch an?“ Sofort wandte Dai-yü sich wieder um und ging weiter. Bau-yü aber seufzte: „Wozu mußte es den Anfang geben, wenn es dieses Heute gibt?“ Wieder blieb Dai-yü unwillkürlich stehen, wandte den Kopf um und fragte: „Was war denn zu Anfang? Und was ist heute?“ „Zu Anfang, als du eben erst zu uns gekommen warst, haben wir immer zusammen gescherzt und gelacht“, sagte Bau-yü. „Wenn ich etwas gern hatte und du wolltest es haben, habe ich es dir gegeben. Wenn ich etwas gern aß und hörte, daß du es auch gern mochtest, habe ich es sofort sauber und reinlich für dich aufgehoben. Wir haben am selben Tisch gesessen und auf demselben Bett geschlafen. Woran die Mägde nicht dachten, daran habe ich an ihrer Statt gedacht, weil ich Angst hatte, du könntest dich aufregen. Ich glaubte, wir beide könnten auch dann, wenn wir älter würden, die besten Freunde bleiben, so gut wie wir uns bis ins letzte verstanden haben, obwohl ich mit anderen näher verwandt bin. Wer hätte gedacht, daß du jetzt, wo du groß bist, so hochmütig wirst, daß du mich nicht mehr kennst und statt dessen Fremde wie eine Kusine Bau-tschai und eine Schwägerin Hsi-fëng in dein Herz schließt und mich tagelang nicht ansiehst und nicht beachtest! Ich habe keinen leiblichen Bruder und keine leibliche Schwester mehr, und du weißt ganz genau, daß meine einzigen beiden Geschwister nicht von meiner Mutter sind. Ich bin ebenso allein wie du und hatte geglaubt, du fühlst genauso wie ich. Wie hätte ich ahnen können, daß ich mich so täuschte und daß man mich kränkt und ich mich nirgends darüber beklagen kann.“ Ohne daß er selbst es merkte, liefen ihm bei diesen Sätzen Tränen aus den Augen.

Dai-yü war von den Worten, die er sprach, und von dem Anblick, den er bot, so betroffen, daß auch sie unversehens zu weinen begann. Sie senkte den Kopf, sagte aber kein Wort. Und als Bau-yü das sah, fuhr er fort: „Ich weiß selbst, daß ich schlecht bin. Aber wie schlecht ich auch sein mag, würde ich es nie wagen, dir Unrecht zu tun. Und wenn ich dir manchmal doch ein bißchen Unrecht tue, kannst du mich entweder belehren und für die Zukunft warnen, oder du kannst mich schelten und schlagen, ohne daß ich darüber betrübt sein werde. 

Du aber schenkst mir einfach keine Beachtung mehr, so daß ich gar nicht verstehe, was eigentlich los ist, völlig verstört bin und nicht weiß, was ich machen soll. Wenn ich jetzt sterbe, wird mein Geist umgehen wie der eines Menschen, der unschuldig in den Tod getrieben wurde, und selbst die Gebete der höchsten buddhistischen und dauistischen Priester werden nicht vermögen, mich zu erlösen. Erst wenn du erklärst, was ich getan habe, kann ich wiedergeboren werden.“ Als Dai-yü das hörte, war ihre Kränkung vom Vortag schon bis über den neunten Himmel hinaus verflogen, aber sie fragte: „Warum hast du dann gestern, als ich kam, dem Mädchen befohlen, das Tor nicht zu öffnen?"“ “Wie meinst du das?“ fragte Bau-yü verwundert zurück. „Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich das getan habe!“ „Pfui!“ sagte Dai-yü. „Wie kann man denn am frühen Morgen so leichtfertig von Tod und Sterben sprechen! Es reicht doch, wenn du sagst, du hast es getan oder nicht. Wozu dieser Schwur?“ „Ich wußte wirklich nicht, daß du da warst“, beteuerte Bau-yü. „Kusine Bau-tschai war ein Weilchen bei mir und ist dann gegangen.“ Dai-yü dachte kurz nach, dann sagte sie lächelnd: „Richtig, das Mädchen wird einfach zu faul gewesen sein und war deshalb unhöflich. So etwas gibt es.“ „So wird es gewesen sein“, bestätigte Bau-yü. „Wenn ich zurück­kom­me, frage ich, wer es war, und weise sie zurecht. Dann ist der Fall erledigt.“ „Eine Zurechtweisung haben deine Mägde wahrhaftig verdient“, fuhr Dai-yü fort. „Aber eigentlich hätte ich diese Sache nicht erwähnen sollen. Denn was macht es schon, daß sie mich beleidigt haben? Schlimm wird es, wenn sie ein andermal deine Kusine Bau-tschai oder ein anderes kostbares Fräulein beleidigen.“ Und sie verzog den Mund zu einem Lächeln. Bau-yü aber war zum Zähneknirschen zumute und zugleich zum Lachen, als er das hörte.

Während sie noch so miteinander sprachen, erschien ein Sklavenmädchen und bat sie, essen zu kommen.

Als Dame Wang dort Dai-yü erblickte, fragte sie: „Hat die Medizin von Hofarzt Bau dir geholfen?“ „Es geht mir immer noch unverändert“, antwortete Dai-yü. „Die alte gnädige Frau hat angeordnet, ich solle Medizin von Doktor Wang nehmen.“ „Ihr müßt wissen“, erklärte Bau-yü, „daß Kusine Dai-yü unter innerer Hitze leidet, das ist eine angeborene Schwäche, und deshalb ist sie nicht einmal der kleinsten Erkältung gewachsen. Wenn sie nur zwei Portionen von dem Heiltrank einnimmt, ist diese behoben. Aber wenn die Erkältung geheilt ist, sollte sie doch besser Pillen schlucken.“ „Neulich hat der Arzt von Pillen gesprochen“, sagte Dame Wang. „Ich habe nur vergessen, wie er sie nannte.“ „Ich weiß schon, welche Pillen das sind“, sagte Bau-yü. „Stärkende Ginsengpillen soll sie nehmen.“ „Nein, die waren es nicht“, sagte Dame Wang. „Dann ‚Herzgespannpillen der Acht Kostbarkeiten‘“, riet Bau-yü. „‚Linke‘ oder ‚Rechte Engelwurzpillen‘, ‚Sechserlei-Pillen mit Rehmannie‘?“ „Nein, die waren es auch nicht“, sagte Dame Wang. „Ich erinnere mich nur, daß das Wort ‚Himmelswächter‘ in dem Namen vorkam.“ Daraufhin flatterte Bau-yü ratlos mit den Armen und erklärte lächelnd: „Von Himmelswächterpillen habe ich nie gehört. Wenn es Himmelswächterpillen gibt, muß es sicher auch Bodhisattwapulver geben!“ Alle lachten darüber, einzig Bau-tschai verzog den Mund nur zu einem Lächeln und sagte: „Wahrscheinlich sind es ‚Herzstärkende Himmelskönigs­per­len‘.“ Lächelnd bestätigte Dame Wang: „Ja, so war der Name. Ich werde wahr­haftig schon dumm.“ „Ihr werdet nicht dumm, die Himmelswächter und Bodhisattwas machen Euch dumm“, warf Bau-yü ein. „Schäm dich, so daherzureden!“ warnte ihn Dame Wang. „Du brauchst wieder einmal eine Tracht Prügel von deinem Vater.“ „Dafür wird mich Vater nicht schlagen“, gab Bau-yü zurück. „Nachdem ich jetzt den Namen wieder weiß, will ich morgen jemand schicken, der von den Pillen kauft, damit Dai-yü sie einnehmen kann“, kündigte Dame Wang jetzt an. Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Das hilft doch alles nichts! Gebt mir dreihundertsechzig Liang Silber, und ich bereite für Kusine Dai-yü eine Portion Pillen zu, von denen sie garantiert geheilt wird, noch ehe die Portion alle ist.“ „Unsinn!“ sagte Dame Wang. „Was für eine Medizin könnte so teuer sein?“ „Es ist wirklich wahr“, beteuerte Bau-yü lächelnd. „Das Rezept läßt sich mit keinem anderen vergleichen, und auch der Name dieser Medizin ist so sonderbar, daß ich ihn auf die Schnelle nicht zu erklären vermag. Wenn ich allein an die Nachgeburt eines erstgeborenen Kindes und eine menschenförmige Ginsengwurzel, komplett mit allen Blättern, denke, reichen dreihundertsechzig Liang noch gar nicht aus. Eine Knöterichwurzel, so groß wie eine Schildkröte, und Kokos-Porlinge von den Wurzeln tausendjähriger Kiefern sind auch noch nichts Besonderes. Bei der wahren Königin in der Menge der Zutaten fährt einem schon von der bloßen Erwähnung des Namens ein Schreck in die Glieder. Vetter Pan hat mich über ein Jahr lang bitten müssen, ehe ich ihm das Rezept gegeben habe. Und als er es hatte, mußte er zwei, drei Jahre nach den Zutaten suchen und hat dabei volle tausend Liang Silber ausgegeben, ehe er alles beisammen hatte. Wenn Ihr mir nicht glaubt, braucht Ihr nur Kusine Bau-tschai zu fragen!“ Bau-tschai aber winkte lächelnd ab. „Ich weiß nichts davon. Ich habe von so etwas nie gehört“, sagte sie, „auf mich darfst du dich nicht berufen.“ „Bau-tschai ist doch ein gutes Kind, das nicht lügt“, lobte Dame Wang lächelnd. Als Bau-yü, wie er so dastand, diese Worte vernahm, wandte er sich um, schlug die Hände zusammen und erklärte: „Da sage ich die Wahrheit, aber es heißt, ich lüge!“ Und dabei sah er, wie Dai-yü, die hinter Bau-tschais Rücken saß, lächelte, ohne den Mund zu öffnen, und eine schmähende Geste gegen ihn machte, indem sie sich mit der Fingerspitze über die Wange fuhr. Jetzt kam auch Hsi-fëng, die im Innenraum das Aufstellen der Tische geleitet hatte, herüber und mischte sich lächelnd mit den Worten ins Gespräch: „Bau-yü lügt nicht. Das Rezept gibt es wirklich. Neulich ist Vetter Pan selbst bei mir gewesen, weil er Perlen haben wollte. Als ich ihn fragte, wozu er sie braucht, sagte er, für ein Medikament. Dann klagte er noch, wenn er gewußt hätte, wie aufwendig das sei, hätte er die Finger davon gelassen.

Als ich mich erkundigte, was für ein Rezept es sei, sagte er, er habe es von Bau-yü. Und er zählte mir so viele Zutaten auf, daß ich gar nicht die Zeit hatte, alle anzuhören. Dann sagte er, sonst hätte er ein paar Perlen gekauft, aber es müßten unbedingt welche sein, die schon jemand am Kopf getragen habe, darum sei er zu mir gekommen. Wenn ich keine losen Perlen hätte, sagte er, würde es auch ein Schmuckstück tun, er wolle die Perlen davon abmachen und dann andere schöne Perlen aussuchen und daran anbringen lassen.

So blieb mir nichts weiter übrig, als zwei Perlenblumen auseinanderzu­neh­men und sie ihm zu geben. Außerdem wollte er noch ein Stück dun­kel­ro­ter Seidengaze von drei Tschï Länge haben, wie sie im Kaiserpalast ver­wen­det wird, um das Pulver zu sieben, wenn er die Perlen im Mörser zerrieben hätte.“ Bei jedem Satz von Hsi-fëng rief Bau-yü den Namen Buddhas an und sagte: „Die Sonne bringt es an den Tag!“ Und als Hsi-fëng schließlich geendet hatte, erläuterte er: „Dabei müßt Ihr bedenken, daß es auf diese Weise nur ein Notbehelf ist, denn von Rechts wegen verlangt das Rezept, daß die Perlen und Juwelen unbedingt aus alten Gräbern stammen. Das Richtige ist nur der Kopfputz, mit dem die Leichen reicher und vornehmer Leute des Altertums geschmückt waren. Aber wie kann man heute für so einen Zweck Gräber aufbrechen! Deshalb tut es auch etwas, was noch lebende Menschen ge­tragen haben.“ „Buddha Amitabha!“ rief Dame Wang aus, „das darf doch nicht sein! Selbst wenn es so etwas in den Gräbern gibt, hilft eine Medizin bestimmt nicht, zu der man die Leichen und Knochen von Leuten durchwühlt und bestiehlt, die vor Jahrhunderten gestorben sind.“ Zu Dai-yü sagte Bau-yü dann: „Hast du‘s gehört? Glaubst du vielleicht, die Schwägerin lügt mir zu Gefallen?“ Bei diesen Worten war wohl sein Gesicht Dai-yü zugewandt, sein Blick aber musterte Bau-tschai. „Habt Ihr das gehört, Tante?“ fragte Dai-yü und zupfte Dame Wang am Ärmel. „Weil Kusine Bau-tschai ihn nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte, macht er jetzt mir Vorwürfe.“ „Ja, er versteht sich wirklich darauf, dich zu kränken“, bestätigte Dame Wang. Bau-yü aber widersprach lächelnd: „Ihr wißt nicht, wie das zu­sam­men­hängt. Solange Kusine Bau-tschai noch zu Hause wohnte, hat sie schon nicht gewußt, was Vetter Pan treibt, und seit sie im Garten wohnt, weiß sie das natürlich erst recht nicht. Kusine Dai-yü aber hat mich hinter Kusine Bau-tschais Rücken ausgeätscht, weil sie meinte, ich hätte gelogen.“ Als er das sagte, kam ein Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzo­gin­mutter, um Bau-yü und Dai-yü zum Essen zu holen. Ohne ein Wort an Bau-yü stand Dai-yü auf und faßte das Sklavenmädchen bei der Hand, um mit ihm loszugehen. „Warten wir doch auf Bau-yü und gehen wir alle gemeinsam!“ schlug ihr das Mädchen vor. „Bau-yü ißt nicht, wir gehen allein, und ich gehe vor“, gab Dai-yü zurück und verließ den Raum. „Dann esse ich heute mit Euch!“ sagte Bau-yü. Aber Dame Wang erwiderte: „Nicht doch, nicht doch! Ich esse heute vegetarische Fastenspeisen, geh du etwas Ordentliches essen!“ „Ich will auch Fastenspeisen essen“, versteifte sich Bau-yü, befahl dem Sklavenmädchen, sie solle gehen, und lief zum Tisch voraus, wo er sich setzte. Lächelnd forderte Dame Wang nun Bau-tschai und die anderen auf: „Eßt ihr nur eure Speisen und laßt ihm seinen Willen!“ „Geh hinüber, wie es sich gehört, und leiste Kusine Dai-yü Gesellschaft, egal ob du dort etwas ißt oder nicht“, redete Bau-tschai lächelnd auf Bau-yü ein. „Ihr ist gar nicht wohl zumute.“ „Laß nur, das gibt sich!“ entgegnete Bau-yü. Ein Weilchen später, als sie gegessen hatten, fürchtete Bau-yü zum einen, die Herzoginmutter könnte sich seinetwegen Gedanken machen, zum anderen machte er sich selber Gedanken um Dai-yü, darum verlangte er rasch den Tee, um sich den Mund zu spülen. „Was hast du es nur den ganzen Tag so eilig?“ erkundigten sich Tan-tschun und Hsi-tschun lächelnd. „Selbst mit dem Essen und dem Tee muß es ruck, zuck gehen!“ Bau-tschai aber sagte lächelnd: „Laßt ihn sich nur beeilen, er muß sich um Kusine Dai-yü kümmern, wozu soll er sich mit uns abgeben?“ Nach dem Tee ging Bau-yü hinaus und begab sich geradewegs zum westlichen Wohngehöft, aber als er an Hsi-fëngs Hoftor kam, stand dort Hsi-fëng, tippte mit dem Fuß an die Schwelle, stocherte mit einem Ohrlöffelchen in den Zähnen und sah zu, wie mehr als zehn kleine Sklavenjungen die Blumentöpfe umstellten. Als sie Bau-yü erblickte, sprach sie ihn lächelnd an: „Gut, daß du kommst! Komm herein, komm herein! Du mußt etwas für mich schreiben!“ Notgedrungen folgte ihr Bau-yü ins Haus, wo sie jemandem befahl, Pin­sel, Tuschereibstein und Papier zu bringen, und dann diktierte: „Ge­blüm­ter dunkelroter Brokat – vierzig Stücken, Drachenbrokat – vierzig Stücken, Palastgaze in verschiedenen Farben – einhundert Stücken, goldene Halsreifen – vier Stück, ...“ „Was soll denn das werden?“ fragte Bau-yü. „Das ist keine Bestandsliste, und eine Geschenkliste ist es auch nicht. Wie soll ich denn das schreiben?“ „Schreib nur, schreib!“ erwiderte Hsi-fëng. „Hauptsache, daß ich es verstehe.“ So blieb Bau-yü nichts weiter übrig, als zu Ende zu schreiben. Als Hsi-fëng das Geschriebene entgegennahm, sagte sie lächelnd: „Ich will noch etwas mit dir besprechen, weiß aber nicht, ob du einverstanden sein wirst. Du hast in deinen Räumen ein Mädchen mit Namen Hung-yü, das ich zu mir in Dienst nehmen möchte. Für dich suche ich dann ein paar andere aus!“ „Ich habe so viele Mädchen in meinen Räumen“, sagte Bau-yü, „davon kannst du zu dir nehmen, wen du willst. Wozu fragst du mich erst?“ „Dann schicke ich also jemand und lasse sie holen“, fuhr Hsi-fëng fort. „Ja, laß sie nur holen“, stimmte Bau-yü zu und wollte gehen. Hsi-fëng aber bat: „Lauf nicht weg, ich habe noch etwas!“ „Die alte gnädige Frau hat mich rufen lassen“, wehrte Bau-yü ab. „Wenn du noch etwas willst, mußt du warten, bis ich wiederkomme.“ Und damit ging er wirklich zur Herzoginmutter, wo er sah, daß schon alle gegessen hatten. „Was hast du bei deiner Mutter Schönes gegessen?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. „Nichts Schönes“, gab Bau-yü lächelnd Auskunft. „Ich habe nur eine Schale Reis mehr gegessen als sonst. Wo ist denn Kusine Dai-yü?“ „Sie ist im Innenraum“, sagte die Herzoginmutter, und Bau-yü ging hinein. Hier sah er, wie ein Sklavenmädchen die Holzkohlenglut im Plätteisen anblies, während zwei andere auf dem Ofenbett damit beschäftigt waren, mit der Kreideschnur ein Schnittmuster auf Stoff zu übertragen. Dai-yü aber stand mit der Schere in der Hand vornübergebeugt da und schnitt etwas zu. „Was machst du?“ fragte Bau-yü lächelnd, kaum daß er eingetreten war. „Wenn du gleich nach dem Essen den Kopf so nach vorn beugst, wird du bald wieder Kopfschmerzen bekommen.“ Ohne ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, arbeitete Dai-yü weiter. „Das Stückchen Seide hier ist noch nicht glatt“, sagte eines der Sklavenmädchen, „es müßte noch einmal übergebügelt werden.“ „Laß nur!“ entgegnete Dai-yü und legte die Schere aus der Hand.r stand mit der Schere in der Hand vornübergebeugt da und schnitt etwas zu. „Was machst du?“ fragte Bau-yü lächelnd, kaum daß er eingetreten war. „Wenn du gleich nach dem Essen den Kopf so nach vorn beugst, wird du bald wieder Kopfschmerzen bekommen.“ Ohne ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, arbeitete Dai-yü weiter. „Das Stückchen Seide hier ist noch nicht glatt“, sagte eines der Sklavenmädchen, „es müßte noch einmal übergebügelt werden.“ „Laß nur!“ entgegnete Dai-yü und legte die Schere aus der Hand. „Das gibt sich.“ Betroffen von diesen Worten, hörte Bau-yü jetzt, wie draußen auch Bau-tschai und Tan-tschun eintrafen. Nachdem sie sich ein Weilchen mit der Herzoginmutter unterhalten hatte, kam Bau-tschai in den Innenraum und fragte: „Was machst du hier, Dai-yü?“ Und als sie sah, daß Dai-yü mit Zuschneiden beschäftigt war, sagte sie lächelnd: „Du wirst ja immer tüchtiger, sogar Kleider zuschneiden kannst du schon!“ Lächelnd gab Dai-yü zurück: „Alles nur Lüge, um die Leute an der Nase herumzuführen!“ „Weißt du was“, sagte Bau-tschai, „als es vorhin um diese Medizin ging und ich gesagt habe, ich wüßte nichts davon, hat sich Bau-yü tüchtig geärgert.“ „Laß nur, das gibt sich!“ sagte Dai-yü. „Die alte gnädige Frau wollte Domino spielen und hat niemand, der mitspielt, geh du zu ihr!“ wandte sich Bau-yü an Bau-tschai. „Es ist wirklich besser, du gehst“, sagte Dai-yü. „Hier ist ein Tiger im Zimmer, der dich gleich auffressen wird!“ Damit wandte sie sich wieder ihrer Handarbeit zu. Als Bau-yü sah, daß Dai-yü sich noch immer nicht um ihn kümmerte, riet er ihr lächelnd: „Du solltest draußen spazierengehen! Zum Schneidern ist auch später noch Zeit.“ Und als Dai-yü ihn auch jetzt einfach nicht beachtete, erkundigte er sich bei den Sklavenmädchen: „Wer hat befohlen, das zu nähen?“ Als Dai-yü hörte, wie er sich an die Sklavenmädchen wandte, sagte sie: „Egal, wer mir das befohlen hat, den jungen Herrn geht es nichts an.“ Eben wollte Bau-yü etwas erwidern, als ein Sklavenmädchen mit der Meldung kam: „Draußen ist jemand für Euch!“ Da ging Bau-yü rasch hinaus, Dai-yü aber rief hinter ihm her: „Buddha Amitabha! Wenn du wiederkommst, bin ich tot!“ Draußen wartete Bee-ming auf Bau-yü und meldete: „Herr Fëng läßt Euch bitten.“ Da wußte Bau-yü, daß es um die Einladung ging, von der am Tag zuvor die Rede gewesen war, und befahl: „Geh und laß dir meine Kleider geben!“ Dann ging er in die Bibliothek. Bee-ming aber begab sich zum Innentor und wartete, bis jemand herauskam. Als endlich eine alte Sklavin erschien, trat er auf sie zu und sagte: „Der junge Herr Bau-yü wartet in der Bibliothek auf seine Ausgehkleider. Geht bitte hinein und sagt Bescheid!“ „So ein Quatsch!“ fuhr die Alte ihn an, „der junge Herr Bau-yü wohnt doch jetzt im Garten und sein ganzes Gefolge mit ihm. Was kommst du da hierher, um jemand Bescheid sagen zu lassen?“ „Ihr beschimpft mich zu Recht“, sagte Bee-ming lächelnd, „so etwas Dummes von mir!“ Und rasch ging er zum östlichen Innentor hinüber, wo im Gang ein paar Sklavenjungen mit den Füßen Steinkugeln schoben. Bee-ming erklärte sein Anliegen, und einer von ihnen lief hinein. Als er nach geraumer Zeit wiederkam, trug er ein Bündel auf dem Arm, das er Bee-ming übergab. Bee-ming ging damit zur Bibliothek hinüber, wo Bau-yü sich umzog und dann befahl, sein Pferd zu satteln. Nur mit den vier Sklavenjungen Bee-ming, Tschu-yau, Schuang-juee und Schuang-schou machte sich Bau-yü auf den Weg. Als er bei Fëng Dsï-ying am Tor ankam, ging jemand ihn melden, und Fëng Dsï-ying kam heraus, um ihn zu begrüßen und hineinzugeleiten. Drinnen stellte Bau-yü fest, daß Hsüä Pan schon lange da war und auf ihn wartete. Außerdem waren viele Sängerknaben da, dann ein Schauspieler namens Djiang Yü-han, der weibliche Heldenrollen verkörperte, sowie das Freudenmädchen Yün-örl aus dem Brokatdufthof. Nachdem alle einander begrüßt hatten, tranken sie Tee. Bau-yü hob seine Teeschale in die Höhe und sagte lächelnd: „Tag und Nacht hat es mir keine Ruhe gelassen, was du gestern von Glück und Unglück gesagt hast. Darum bin ich heute sofort gekommen, als ich deine Nachricht bekam.“ Lächelnd erwiderte Fëng Dsï-ying: „Ihr seid wirklich naiv! Das habe ich doch gestern nur so dahingesagt. Hätte ich euch unverblümt zum Trinken eingeladen, hättet ihr vermutlich abgelehnt. Nur deshalb habe ich mir das ausgedacht, und als ich euch heute herbat, seid ihr auch prompt gekommen, weil ihr das wider Erwarten ernst genommen habt.“ Als er zu Ende gesprochen hatte, brachen alle in Lachen aus. Dann wurde der Wein aufgetragen, und sie nahmen Platz, jeder wo es ihm zukam. Fëng Dsï-ying ließ die Sängerknaben den Wein einschenken, dann befahl er Yün-örl, auch sie solle herüberkommen und ihnen zutrinken. Nachdem Hsüä Pan drei Becher Wein im Bauch hatte, vergaß er sich, faßte Yün-örl bei der Hand und sagte lächelnd: „Sing mir eins von deinen neuen Liedern, dann trinke ich den ganzen Weinbehälter leer. Wie wär‘s?“ Wohl oder übel mußte Yün-örl zur Laute greifen und sang: „Hatte zwei Liebste und wollt‘ sie nicht missen, dacht‘ an den einen, sehnt‘ den andern herbei; schön war‘n sie beide, wie kein Maler je malt. Gestern am Abend war‘s, als wir uns trafen heimlich am Rosenspalier. Als der eine mich liebte, kam der andre geschlichen, und im Kreuzverhör war alles aus.“ Anschließend sagte sie lächelnd: „Nun trink den Weinbehälter leer!“ „Das war keinen ganzen Behälter wert“, erwiderte Hsüä Pan. „Sing mir noch etwas Besseres!“ „Hört mal zu!“ schaltete Bau-yü sich ein. „Wenn man den Wein so in sich hineinschüttet, wird man schnell betrunken, ohne einen Spaß daran zu haben. Ich leere jetzt erst einmal einen Humpen, und dann werde ich ein neuartiges Trinkspiel leiten. Wer nicht gehorcht, muß zur Strafe zehn Humpen hintereinander trinken, und dann muß er ausscheiden und die andern bedienen.“ „Richtig!“, „Richtig so!“ sagten Fëng Dsï-ying und Djiang Yü-han. Also nahm Bau-yü einen großen Humpen und leerte ihn auf einen Zug. Dann sagte er: „Ich gebe die Wörter ‚Kummer‘, ‚Ärger‘, ‚Freude‘ und ‚Spaß‘ auf, sie sollen von einem Mädchen gesagt sein und müssen begründet werden. Dann wird der Becher geleert und anschließend ein neuartiges Liedchen gesungen, zum Schluß muß man einen Satz aus einem alten Gedicht, einem bekannten Spruch, aus den Vier Büchern oder den Fünf Klassikern zitieren, der sich auf einen Gegenstand auf dem Tisch bezieht.“ Noch ehe Bau-yü geendet hatte, stand Hsüä Pan auf, um Einspruch zu erheben. „Das mache ich nicht mit“, sagte er, „mit mir braucht ihr nicht zu rechnen. Ihr wollt euch nur über mich lustig machen!“ Da erhob sich auch Yün-örl, drückte Hsüä Pan auf seinen Sitz zurück und sagte lächelnd: „Wovor hast du Angst? Schließlich trinkst du jeden Tag. Mit mir wirst du es doch wohl aufnehmen können, und ich mache auch mit. Wenn du es richtig machst, ist alles gut, und wenn nicht, mußt du zur Strafe nur ein paar Becher trinken, daran trinkst du dich nicht tot. Willst du wirklich ein Spielverderber sein, zehn Humpen trinken und uns dann bedienen?“ Alle klatschten in die Hände und erklärten: „Das hast du gut gesagt!“ Nun blieb Hsüä Pan keine andere Wahl, als sitzen zu bleiben und zuzuhören, wie Bau-yü begann: „Des Mädchens Kummer: Die Jugend vergeht, doch niemand teilt ihr Gemach. Des Mädchens Ärger: Sie riet ihrem Mann, in der Fremde nach Ämtern zu streben. Des Mädchens Freude: Sie erblickt sich im Spiegel mit morgendlich-schönem Gesicht. Des Mädchens Spaß: Sie schwingt auf der Schaukel in frühlingshaft-leichtem Gewand.“ Alle sagten: „Das war in Ordnung!“ Nur Hsüä Pan schüttelte wichtigtuerisch den Kopf und erklärte: „Es war nicht gut, er muß bestraft werden!“ Und als die anderen wissen wollten warum, sagte er: „Weil ich keinen einzigen Satz verstanden habe. Natürlich muß er da bestraft werden.“ Yün-örl kniff ihn und sagte lächelnd: „Sei du lieber still und denk über deine eigenen Sätze nach. Nachher weißt du nichts zu sagen und wirst selber bestraft.“ Dann griff sie zur Laute, während Bau-yü sang: „Nimmer versiegen die blutigen Tränen, während draußen noch bunte Blumen blühn. Schlaflos lauschend auf Wind und auf Regen, fühlt sie ihr Herz von Kummer bedrängt. Nicht einen Bissen bekommt sie herunter, und der Spiegel zeigt ihr magres Gesicht. Ständig die Brauen schmerzvoll verzogen, erwartet sie sehnlich den hellen Tag. Doch endlos weit wie die Ketten der Berge ist auch des Kummers ewiger Fluß.“ Während alle anderen ihm lautes Lob spendeten, behauptete Hsüä Pan, er sei nicht im Takt geblieben. Bau-yü leerte seinen Becher, griff eine Birnenscheibe und zitierte: „Regen schlägt auf Birnenblüten, fest verschlossen ist das Tor.“ Damit hatte er seine Aufgabe erfüllt, und als nächster kam Fëng Dsï-ying an die Reihe. Er sprach: „Des Mädchens Kummer: Ihr Mann liegt krank auf den Tod. Des Mädchens Ärger: Ihr Haus stürzt ein im Sturm. Des Mädchens Freude: Bei der ersten Geburt Zwillinge zu bekommen Des Mädchens Spaß: Im Garten heimlich Grillen zu fangen.“ Anschließend griff er nach dem Wein und sang dann: „Du bist lieb, du bist gefühlvoll, du bist klug, doch wunderlich, eine Fee, die bist du nicht. Glaubst du nicht, was ich dir sage, geh und frag bei andern nach, dann weißt du, ob ich dich liebe.“ Nun trank er den Wein aus und zitierte: „Im Mondschein kräht bei der strohgedeckten Schenke ein Hahn.“ Die Aufgabe war erfüllt, und Yün-örl kam an die Reihe. Sie sprach: „Des Mädchens Kummer: Wo findet sie Halt für das Alter?“ „Nicht doch, Kindchen!“ redete Hsüä Pan aufseufzend dazwischen, „solange ich da bin, hast du nichts zu befürchten.“ „Stör sie nicht!“, „Unterbrich sie nicht!“ sagten die anderen, und Yün-örl fuhr fort: „Des Mädchens Ärger: Hört die ‚Mutter‘ nicht auf, sie zu schlagen? „Als ich neulich mit ihr sprach, habe ich doch extra befohlen, sie soll dich nicht schlagen“, sagte Hsüä Pan. „Noch ein Wort, und du trinkst die zehn Strafbecher!“ warnten die anderen. Sofort schlug sich Hsüä Pan selbst ins Gesicht und sagte: „Kannst du denn nicht hören? Du sollst still sein!“ Und wieder fuhr Yün-örl fort: „Des Mädchens Freude: Der Liebste kann sich nicht trennen von ihr. Des Mädchens Spaß: Ist die Flöte geblasen, zupft sie das Saitenspiel.“ Nach diesen Worten sang sie: „Das Kardamom am dritten dritten erblüht, ein Käfer versucht, in die Blüte zu schlüpfen, doch er kommt und kommt nicht hinein; er krabbelt und er wiegt sich darauf. Ach, mein Herzchen, Wie willst du hineinkommen, wenn ich mich nicht öffne?“ Als sie zu Ende gesungen hatte, trank sie ihren Wein und zitierte: „Üppig die Pfirsiche stehen.“ So hatte auch sie ihre Aufgabe erfüllt, und der Nächste war Hsüä Pan. „Also jetzt ich“, sagte er und setzte an: „Des Mädchens Kummer...“ Dann verstummte er wieder, und schließlich fragte ihn Fëng Dsï-ying lächelnd: „Na, was bekümmert sie? Sag es schon endlich!“ Sofort riß Hsüä Pan in seiner Bedrängnis die Augen auf, so daß sie groß wurden wie Messingschellen, und starrte lange vor sich hin, ehe er wiederholte: „Des Mädchens Kummer...“ Dann räusperte er sich zweimal und sagte endlich: „Des Mädchens Kummer: Ihr Mann erweist sich als Hurenbock.“ Alle begannen laut zu lachen, und Hsüä Pan fragte: „Warum lacht ihr denn? Ist das vielleicht nicht richtig? Da heiratet ein Mädchen einen Kerl, und dann ist er ein Hurenbock. Muß sie da nicht bekümmert sein?“ Die anderen krümmten sich vor Lachen, bestätigten ihm aber: „Du hast vollkommen recht, mach nur schnell weiter!“ Wieder riß Hsüä Pan die Augen auf und begann: „Des Mädchens Ärger...“ Dann verstummte er erneut, und die anderen fragten: „Na?“ „...Ein Riesenaffe springt ins Zimmer.“ „Dafür mußt du bestraft werden!“ riefen alle unter lautem Lachen. „Der Satz geht wirklich nicht, den vorigen konnte man zur Not noch gelten lassen.“ Und schon wollten sie Wein für ihn eingießen. Aber lächelnd schaltete sich Bau-yü ein. „Solange es sich reimt, ist es gut“, sagte er. „Der Spielleiter läßt es zu, also was regt ihr euch auf?“ triumphierte Hsüä Pan, und erst jetzt gaben die anderen Ruhe. „Die nächsten beiden Sätze werden noch schwieriger“, sagte Yün-örl lächelnd und bot an: „Ich will sie statt deiner sagen!“ „Quatsch!“ erwiderte Hsüä Pan. „Glaubst du wirklich, ich hätte nichts Gutes auf Lager? Hör zu!“ „Des Mädchens Freude: Müde aufzustehn nach ihrer Hochzeitsnacht.“ „Jetzt wirst du ja schon fast zu gut!“ wunderten sich die anderen. Aber schon sprach Hsüä Pan weiter: „Des Mädchens Spaß: Ein Ding fährt ihr ‘rein.“ Kaum daß die anderen es hörten, wandten sie sich ab und schimpften: „Pfui aber auch! Sing nur schnell dein Lied!“ Und Hsüä Pan sang: „Eine Mücke summ, summ, summ...“ „Was soll denn das sein?“ fragten die anderen verdutzt. Aber Hsüä Pan sang weiter: „Und zwei Fliegen brumm, brumm, brumm...“ „Schluß!“, „Hör auf!“ protestierten die anderen. „Gefällt es euch nicht?“ fragte Hsüä Pan. „Das ist ein neues Lied, es heißt der Summsumm-Reim. Wenn es euch zuwider ist und ihr es nicht hören wollt, singe ich eben nicht. Aber dann müßt ihr mir die Trinkstrafe erlassen.“ „Wir erlassen sie dir! Wir erlassen sie dir!“ sagten alle einstimmig. „Du hältst uns ja doch nur auf.“ Und schon sprach Djiang Yü-han: „Des Mädchens Kummer: Der Mann ging fort und kommt nicht wieder. Des Mädchens Ärger: Sie ist zu arm, Duftblütenöl zu kaufen. Des Mädchens Freude: Der Lampendocht formt sich zur Doppelschnuppe. Des Mädchens Spaß: Des Mannes Lied harmonisch mitzusingen.“ Danach sang er: „Wie herrlich schön bist du gewachsen, wie eine Fee, die von den Wolken stieg. Dein Jugendfrühling ist die rechte Zeit, dem Phönix dich zu paaren. Schau nur, wie hoch die Sterne stehen, horch nur, wie spät die Trommel schlägt! Drum komm, laß uns das Lager teilen!“ Als das Lied gesungen war, trank Djiang Yü-han von seinem Wein und sagte dann: „Ich kenne nicht viele Gedichte, aber durch Zufall habe ich gerade gestern ein Parallelsatzpaar gelesen, das hierher paßt. Ich habe zwar nur einen Satz davon behalten, aber glücklicherweise liegt das hier auf dem Tisch.“ Nach diesen Worten trank er seinen Becher leer, nahm einen Zweig Duftblüten vom Tisch und zitierte: „Hüllt Blumenduft den Menschen ein, sind die Tage wieder warm.“ Alle anderen billigten das und erklärten das Spiel für beendet, Hsüä Pan aber sprang auf und rief lärmend dazwischen: „Unerhört! Wo gibt‘s denn so was! Er muß bestraft werden. Er spricht von einem Schatz, aber der Schatz ist nicht hier.“ Verblüfft fragte Djiang Yü-han: „Von was für einem Schatz soll ich gesprochen haben?“ „Abstreiten willst du es auch noch?“ fragte Hsüä Pan. „Sag den Satz noch einmal auf!“ Notgedrungen wiederholte Djiang Yü-han sein Zitat, und nun sagte Hsüä Pan: „Ist denn Hsi-jën – ‚Hüllt den Menschen ein‘ – vielleicht kein Schatz? Wenn ihr es nicht glaubt, müßt ihr ihn fragen!“ Und er wies auf Bau-yü. Peinlich berührt, erhob sich Bau-yü und fragte: „Vetter Pan, was meinst du, wieviel Strafe du dafür verdienst?“ „Ich habe Strafe verdient“, sagte Hsüä Pan, „das habe ich.“ Er griff zum Becher und leerte ihn in einem Zug. Da weder Fëng Dsï-ying noch Djiang Yü-han verstanden hatten, was das bedeuten sollte, erklärte Yün-örl es ihnen. Sofort stand Djiang Yü-han auf, um sich zu entschuldigen, aber die anderen beruhigten ihn: „Wer sich aus Unwissenheit vergeht, wird nicht bestraft.“ Ein Weilchen später verließ Bau-yü die Tafel, um austreten zu gehen, und Djiang Yü-han ging ebenfalls hinaus. Als sie zusammen unter dem Dachvorsprung standen, bat Djiang Yü-han noch einmal um Verzeihung. Bau-yü, der Djiang Yü-han um seiner Anmut und Sanftheit willen sehr liebgewonnen hatte, faßte ihn fest bei der Hand und forderte ihn auf: „Wenn du Zeit hast, komm mich besuchen!“ Dann fuhr er fort: „Ich wollte dich auch noch etwas fragen. In eurer werten Truppe gibt es einen gewissen Tji-guan. Weißt du nicht, wo er steckt? Alle Welt nennt seinen Namen, und ich habe keine Gelegenheit, ihn einmal zu sehen.“ Lächelnd erwiderte Djiang Yü-han: „Das ist mein Bühnenname.“ Unwillkürlich stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf den Boden, als er das hörte, und sagte: „So ein Glück! Nein, so ein Glück! Dieser Name ist wirklich nicht umsonst so berühmt. Aber wie machen wir das? – Wir treffen uns doch heute zum ersten Mal!“ Er dachte kurz nach, dann holte er seinen Fächer aus dem Ärmel, löste den jadenen Anhänger in Form eines offenen Ringes davon und gab ihn Tji-guan mit den Worten: „Dieses unscheinbare Ding taugt zwar nichts, aber es soll ein kleines Zeichen meiner Freundschaft sein.“ „Eines solchen Glücks bin ich nicht würdig“, erwiderte Tji-guan, während er den Anhänger entgegennahm. „Womit kann ich das erwidern? Sei‘s drum! Hier habe ich etwas Seltenes, das ich heute morgen erst umgemacht habe. Es ist noch ganz neu und mag einstweilen meinen Gefühlen Ausdruck verleihen.“ Damit raffte er sein Gewand auf, band eine dunkelrote Leibbinde ab, mit der er die Hosen gegürtet hatte, und reichte sie Bau-yü. „Dies ist eine Tributgabe der Königin des Krappduftlandes“, erklärte er dazu, „wenn man sie im Sommer umbindet, duftet die Haut, anstatt zu schwitzen. Gestern hat sie mir der Prinz Bee-djing geschenkt, und ich trug sie heute zum ersten Mal. Jemand anders hätte ich sie gewiß nicht gegeben. Gebt mir bitte Eure Leibbinde dafür, junger Herr, und ich werde sie tragen!“ Vor Freude ganz außer sich, nahm Bau-yü die Gabe entgegen, band seine eigene mattgrüne Leibbinde ab und gab sie Tji-guan. Kaum hatten die beiden sich dann wieder in Ordnung gebracht, hörten sie es plötzlich rufen: „Jetzt habe ich euch!“ Und im nächsten Augenblick stürzte Hsüä Pan auf sie los, packte sie und sagte dazu: „Wozu habt ihr euch davongemacht, anstatt euren Wein zu trinken? Schnell her damit, ich will es sehen!“ „Wir haben ja gar nichts“ beteuerten beide, aber Hsüä Pan gab nicht nach, und so mußte erst Fëng Dsï-ying herauskommen, um zwischen ihnen zu schlichten. Dann kehrten sie an den Tisch zurück und tranken weiter. Erst als es Abend war, gingen sie auseinander. Als Bau-yü wieder im Garten war und, nachdem er sich umgezogen hatte, seinen Tee trank, bemerkte Hsi-jën, daß an seinem Fächer der Anhänger fehlte, und sie fragte, wo er geblieben sei. „Den muß ich beim Reiten verloren haben“, redete sich Bau-yü heraus. Doch als er dann schlafen ging, erblickte Hsi-jën die blutrote Leibbinde, die er umhatte, und konnte sich die Sache zu acht oder neun Zehnteln zusammenreimen. Darum sagte sie: „Wo du so eine schöne Leibbinde hast, kannst du mir ja meine wiedergeben!“ Jetzt erst fiel Bau-yü ein, daß jene Leibbinde Hsi-jën gehört hatte und daß er sie nicht hätte weggeben dürfen. Sein Herz bereute es zwar, aber sein Mund wollte es nicht zugeben, darum versprach er lächelnd: „Du bekommst eine andere.“ Seufzend nickte Hsi-jën und sagte: „Ich wußte es ja, daß du wieder so anfängst. Du kannst doch meine Sachen nicht solchem gemeinen Pack geben. Kannst du denn nicht ein bißchen nachdenken?“ Am liebsten hätte sie ihm noch mehr gesagt, aber sie hatte Angst, der Wein könnte ihn wütend machen, darum legte auch sie sich schlafen. Mehr ist über die Nacht nicht zu berichten. Als es am nächsten Morgen hell wurde und Hsi-jën eben aufgewacht war, hörte sie, wie Bau-yü sie ansprach: „Wenn in der Nacht Einbrecher hier gewesen wären, hättest du auch nichts gemerkt. Schau mal, was du um deine Hosen hast!“ Hsi-jën blickte an sich herunter und sah, daß sie die Leibbinde umhatte, die am Abend Bau-yü getragen hatte. Er mußte sie also in der Nacht ausgetauscht haben! Sofort machte sie sie los und sagte: „Ich bin nicht scharf auf solchen Trödel. Nimm das nur schnell weg!“ Da blieb Bau-yü nichts anderes übrig, als ein Weilchen begütigend auf Hsi-jën einzureden, so daß sie sich schließlich gezwungen sah, die Leibbinde doch umzumachen. Und erst als Bau-yü einmal hinausging, konnte sie sie endlich wieder ablegen. Sie warf sie in eine leere Truhe und band sich eine andere um. Bau-yü aber sagte dann nichts mehr dazu und erkundigte sich statt dessen: „War gestern abend noch etwas?“ „Die Frau des zweiten jungen Herrn hat jemand geschickt, um Hung-yü abzuholen“, berichtete Hsi-jën. „Hung-yü wollte auf dich warten, aber ich habe mir gesagt, was liegt daran? Darum habe ich mich entschieden, sie loszuschicken.“ „Das war ganz in Ordnung so“, sagte Bau-yü, „ich wußte ja davon, wozu also hätte sie auf mich warten sollen!“ „Außerdem hat gestern die kaiserliche Nebenfrau durch den Obereunuchen Hsia einhundertzwanzig Liang Silber bringen lassen, damit vom Ersten bis zum Dritten im Kloster der Reinen Leere ein dreitägiger Bittgottesdienst mit Theatervorführungen und Opfergaben abgehalten wird“, fuhr Hsi-jën fort. „Mit Herrn Dschën an der Spitze sollen die Männer der Familie kniefällig Weihrauch abbrennen und zu den Göttern beten. Weiterhin hat die kaiserliche Nebenfrau Geschenke zum Drachenbootfest geschickt.“ Damit befahl sie den kleineren Sklavenmädchen, sie sollten die Geschenke vom Vortag bringen, und Bau-yü erblickte zwei Palastfächer von der besten Sorte, zwei mit Moschus parfümierte Gebetsschnüre aus roten Kugeln, zwei Stücken dünner ‚Phönixschwanzseide‘ und eine Bambusmatte mit Lotosblumenmuster. Bau-yüs Freude kannte keine Grenze, und er fragte: „Haben die anderen das gleiche bekommen?“ „Die alte gnädige Frau hat außerdem ein Glückwunschzepter aus Duftholz und eine Nackenstütze aus Achat bekommen, die gnädige Frau, der gnädige Herr und die gnädige Frau Tante aber nur zusätzlich je ein Glückwunschzepter“, gab Hsi-jën Auskunft. „Du hast das gleiche bekommen wie Fräulein Bau-tschai, Fräulein Lin aber hat genau wie das zweite, dritte und vierte Fräulein nur die Fächer und die Gebetsschnüre bekommen. Alle andern haben das nicht bekommen. Die Frau des ersten und die des zweiten jungen Herrn haben je zwei Stücken Gaze und dünne Seide, zwei Riechbeutelchen und zwei Stücken gepreßter Patentmedizin bekommen.“ Lächelnd erkundigte sich Bau-yü: „Was soll denn das heißen? Warum hat Fräulein Lin nicht das gleiche bekommen wie ich, Kusine Bau-tschai aber hat es bekommen? Ist das nicht vielleicht falsch übermittelt worden?“ „Als die Geschenke gestern gebracht wurden, waren überall Zettel dabei“, berichtete Hsi-jën. „Wie könnten sie da falsch verteilt worden sein? Deine Sachen lagen bei der alten gnädigen Frau, und als ich sie abholen ging, hat die alte gnädige Frau gesagt, du sollst morgen früh in der fünften Nachtwache in den Palast gehen, um dich für den Gnadenbeweis zu bedanken.“ „Natürlich muß ich mich bedanken gehen“, sagte Bau-yü. Dann rief er Dsï-hsiau und befahl: „Trag das zu Fräulein Lin und sag ihr, das seien die Geschenke, die ich gestern bekommen habe, und sie soll davon behalten, was sie mag.“ Dsï-hsiau sagte: „Jawohl!“ und ging mit den Sachen fort. Sie kam aber bald wieder und meldete: „Fräulein Lin hat gesagt, auch sie habe gestern Geschenke bekommen, und der junge Herr solle das nur behalten.“ Daraufhin ließ Bau-yü die Sachen weglegen. Als er sich gewaschen hatte und sein Gehöft verließ, um zur Herzoginmutter zu gehen und ihr seinen Gruß zu entbieten, erblickte er plötzlich Dai-yü, die ihm entgegenkam. Rasch ging er auf sie zu und fragte lächelnd: „Warum hast du dir nichts von den Sachen ausgesucht, wie ich es dir angeboten hatte?“ Dai-yü dachte schon nicht mehr an den vorigen Kummer, um dessentwillen sie Bau-yü böse gewesen war, und sah nur noch das Heute. „So großem Glück bin ich nicht gewachsen“, sagte sie. „Mit Kusine Bau-tschai kann ich mich nicht messen, die Gold hat und Jade bekommt. Ich bin nur eine einfache Pflanze.“ Als Bau-yü die Wörter ‚Gold‘ und ‚Jade‘ hörte, regte sich in seinem Herzen unwillkürlich ein Verdacht. „Mögen andere von Gold und Jade sprechen“, sagte er, „aber wenn ich so denke, soll der Himmel mich strafen, und die Erde soll mich vernichten! In zehntausend Wiedergeburten will ich nicht mehr zum Menschen werden!“ Seine Worte verrieten Dai-yü, welche Vermutung ihm gekommen war, und darum sagte sie rasch mit einem Lächeln: „Was für ein Unfug, für nichts und wieder nichts solche Schwüre zu leisten! Was kümmern mich euer Gold und euer Jade!“ „Ich kann dir schlecht sagen, was ich empfinde“, fuhr Bau-yü fort, „aber eines Tages wirst du es von selbst verstehen. Neben der alten gnädigen Frau, dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau bist du der vierte Mensch in meinem Herzen, und wenn es noch jemand fünftes geben sollte, dann gilt mein Schwur!“ „Du brauchst mir gar nichts zu schwören“, nahm wieder Dai-yü das Wort. „Ich weiß das sehr gut. Nur wenn du die andere siehst, bin ich vergessen.“ „Dein Mißtrauen ist unbegründet“, verteidigte sich Bau-yü. „So einer bin ich nicht.“ „Und warum hast du gestern mir Vorwürfe gemacht, als Bau-tschai dich nicht durch eine Lüge in Schutz nehmen wollte?“ fragte Dai-yü. „Ich möchte nicht wissen, was du getan hättest, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre!“ Bei diesen Worten erblickten die beiden Bau-tschai, die eben von ihrem Gehöft her näher kam, und darum setzten sie sich wieder in Bewegung. Bau-tschai mußte sie ganz sicher gesehen haben, aber sie tat so, als ob sie es nicht hätte, und schritt mit gesenktem Kopf weiter. Sie ging zu Dame Wang, blieb dort ein Weilchen sitzen und begab sich erst dann zur Herzoginmutter, wo Bau-yü bereits eingetroffen war. Seitdem ihre Mutter vor Dame Wang und den anderen erzählt hatte, daß die Inschrift auf ihrem Amulett von einem Mönch stammte, der gesagt hatte, sie könne einmal nur mit jemandem verheiratet werden, der einen Jadestein als Pendant dazu besäße, hatte Bau-tschai in ihrem Verhältnis zu Bau-yü stets Distanz bewahrt. Und als sie am Vortag gesehen hatte, daß nur sie die gleichen Geschenke von Yüan-tschun bekam wie Bau-yü, war ihr das höchst unangenehm gewesen. Glücklicherweise war Bau-yü mit Dai-yü beschäftigt und widmete ihr seine Gedanken so ausschließlich, daß er diesen Umstand nicht einmal erwähnte. Doch da wurde Bau-tschai plötzlich von Bau-yü gebeten: „Kusinchen, laß mich deine Gebetsschnur mit den roten Moschusperlen ansehen!“ Zufällig trug sie nämlich eine der Gebetsschnüre um ihr linkes Handgelenk geschlungen, und da Bau-yü sie darum bat, mußte sie sie wohl oder über herunterstreifen. Nun hatte aber Bau-tschai so füllige Formen, daß die Gebetsschnur sich nicht so einfach abstreifen ließ. Als Bau-yü ein Stück ihres weichen, schneeweißen Arms erblickte, überkam ihn unversehens die Begierde, und er dachte still bei sich: ‚Wenn das Dai-yüs Arm wäre, könnte ich ihn vielleicht einmal anfassen. Warum muß es ausgerechnet der Arm von Bau-tschai sein?‘ Und während er so mit sich haderte, weil es ihm nicht vergönnt war, den Arm zu berühren, fiel ihm plötzlich die Sache mit dem Gold und dem Jade ein. Er blickte Bau-tschai an und sah ein Gesicht wie eine Silberschale, Augen wie feuchte Aprikosen, Lippen, die ohne Schminke rot waren, und Brauen, die keiner Tusche bedurften. Verglichen mit Dai-yü war ihr eine andere Art von Anmut und Eleganz zu eigen. Und ohne es selbst zu merken, versank Bau-yü so in ihren Anblick, daß er vollkommen übersah, wie sie ihm die Gebetsschnur hinhielt, die sie sich abgestreift hatte. Als Bau-tschai ihn so geistesabwesend fand, war sie davon peinlich überrascht. Sie legte die Gebetsschnur hin und wandte sich zum Gehen. Da erblickte sie Dai-yü, die auf der Türschwelle stand, auf ihr Taschentuch biß und dazu lächelte. „Warum stehst du in der Zugluft?“ fragte Bau-tschai. „Das verträgst du doch nicht.“ „Ich bin ja im Zimmer gewesen“, gab Dai-yü zur Antwort. „Aber dann waren vom Himmel herab Schreie zu hören, und bin hinausgegangen, um zu sehen, woher das kommt. Es war aber nur eine dumme Gans.“ „Wo ist sie? Ich möchte sie auch sehen!“ verlangte Bau-tschai. „Als ich draußen war, ist sie, husch! davongeflogen“ sagte Dai-yü und schlug Bau-yü mit dem Taschentuch ins Gesicht. Als Bau-yü nichtsahnend einen Schlag über die Augen bekam, fuhr er mit einem Schmerzensschrei auf. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.