Hongloumeng/de/Chapter 52

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Kapitel 52

俏平儿情掩虾须镯

勇晴雯病补孔雀裘

Die Herzoginmutter sagte also: „Du hast vollkommen recht, schon neulich wollte ich genau dasselbe sagen, aber mir schien, ihr hättet mit wichtigeren Dingen ohnehin schon zuviel zu tun, und wenn nun auch das noch dazukäme, würdet ihr, die ihr nie zu grollen wagt, mit Sicherheit denken, mir lägen nur meine Enkelkinder am Herzen, und um euch, die ihr den Haushalt verwaltet, machte ich mir gar keine Gedanken. Um so besser also, daß du es jetzt selbst vorgeschlagen hast!“ Da auch Tante Hsüä und Tante Li anwesend waren und Dame Hsing sowie Frau You ebenfalls herübergekommen waren, um ihren Gruß zu entbieten, und noch nicht wieder gegangen waren, setzte die Herzoginmutter noch hinzu: „Heute möchte ich einmal etwas sagen, was ich noch nie gesagt habe, weil ich einesteils fürchtete, es könnte Hsi-fëng zu Kopf steigen, und andernteils vermutete, die anderen würden sich damit nicht abfinden. Aber jetzt seid ihr alle beisammen, und jede von euch ist selbst Schwiegertochter und Schwägerin. Also: Gibt es noch jemand, der so umsichtig wäre wie Hsi-fëng?“ Alle antworteten übereinstimmend: „Jemand wie sie trifft man selten! Bei andern ist es nur Höflichkeit und äußerer Schein, sie aber hat ihre jüngeren Schwäger und Schwägerinnen wirklich gern, und auch Euch ist sie kindlich ergeben.“ Die Herzoginmutter nickte dazu und erklärte seufzend: „Ich mag sie nur zu gern, aber ich habe Angst, daß sie vielleicht ein bißchen zu gescheit sein könnte. Das ist nämlich auch nicht gut.“ Sofort widersprach Hsi-fëng mit lächelndem Gesicht: „Ihr irrt Euch, alte Ahne! Es heißt, wer zu klug und gescheit ist, der lebt nicht lange. Das sagen alle, und das glauben auch alle. Ihr allein dürft es weder sagen noch glauben, denn Ihr seid noch zehnmal gescheiter als ich, erfreut Euch aber des größten Glücks und des höchsten Alters. Vielleicht werde ich Euch noch übertreffen und lebe dann tausend Jahre, so daß ich erst sterbe, wenn Ihr schon ins Paradies eingegangen seid, alte Ahne!“ Lächelnd erwiderte die Herzoginmutter: „Und welchen Sinn hätte es, wenn alle andern stürben und nur wir zwei alten Hexen übrigblieben?“ Alle lachten darüber, nur Bau-yü, der in Gedanken bei Tjing-wën und Hsi-jën war, kehrte, ohne auf die anderen zu warten, in den Garten zurück. Als er seine Räume betrat, war dort alles von Arzneigeruch erfüllt, und außer Tjing-wën, die auf dem Ofenbett lag, war niemand da. Tjing-wëns Gesicht war krebsrot, und als Bau-yü seine Hand darauf legte, spürte er, wie es glühte. Rasch wärmte er sich die Hand am Kohlenbecken und schob sie unter die Decke, um Tjing-wëns Körper zu befühlen. Auch dieser war glutheiß, und so sagte Bau-yü: „Daß die andern fort sind, mag angehen, aber wie konnten auch Schë-yüä und Tjiu-wën so herzlos sein, dich allein zu lassen?!“ „Tjiu-wën habe ich essen geschickt“, sagte Tjing-wën. „Und zu Schë-yüä ist eben Ping-örl gekommen und hat sie weggeholt. Sie taten so geheimnisvoll, und ich weiß nicht, was sie zu besprechen haben. Bestimmt reden sie über mich, weil ich hier geblieben bin, obwohl ich krank bin.“ „Aber so eine ist doch Ping-örl nicht“, widersprach Bau-yü. „Außerdem wußte sie gar nicht, daß du krank bist, und kann nicht deshalb gekommen sein, um nach dir zu sehen. Bestimmt hatte sie etwas mit Schë-yüä zu besprechen, und als sie sah, du bist krank, hat sie schnell gesagt, sie sei gekommen, um dir einen Krankenbesuch zu machen. Das ist nur normal, daß jemand geistesgegenwärtig versucht, seine Freundschaft zu unterstreichen. Was hätte es mit ihr zu tun, wenn du hierbleibst und es würde etwas passieren? Außerdem hat sie sich immer gut mit dir verstanden, und so einer Belanglosigkeit wegen wird sie ihre Haltung dir gegenüber bestimmt nicht geändert haben.“ „Das stimmt schon“, räumte Tjing-wën ein. „Ich hatte nur meine Bedenken, weil sie plötzlich Heimlichkeiten vor mir hat.“ Lächelnd schlug Bau-yü ihr vor: „Ich werde durch die Hintertür hinausgehen und unter dem Fenster horchen, worüber sie reden. Dann komme ich wieder und erzähle es dir!“ Damit verschwand er wirklich durch die Hintertür. Als er unter dem Fenster angelangt war und lauschte, fragte Schë-yüä eben mit leiser Stimme: „Wie hast du ihn wiederbekommen?“ Darauf antwortete Ping-örl: „Als er neulich nach dem Händewaschen verschwunden war, hat die junge Herrin mir verboten, deswegen Lärm zu schlagen. Aber nachdem wir den Garten verlassen hatten, ließ sie sofort allen alten Ammen in den einzelnen Gartenhäusern sagen, sie sollten unauffällig danach suchen. Wir hatten die Magd von Hsiu-yän in Verdacht und vermuteten, daß sie ihn einfach nahm, weil sie arm ist und so etwas noch nie gesehen hat. Das gibt es ja. Sonst hätte es nur jemand von euch hier gewesen sein können. Glücklicherweise war die junge Herrin nicht zu Hause, als dann Amme Sung mit dem Armreifen kam und sagte, eure Dschuee-örl habe ihn gestohlen, und sie habe es entdeckt und wolle es nun der jungen Herrin melden. Ich nahm ihr den Armreifen sofort ab und habe mir folgendes überlegt: Bau-yü hält so große Stücke auf euch und setzt sich immer nach Kräften für euch ein, aber dann mußte diese Liang-örl damals den Jadeschmuck stehlen, was erst nach ein, zwei Jahren in Vergessenheit geraten ist, worauf jedoch immer wieder jemand voller Schadenfreude zurückkommt. Und nun mußte dieser Goldschmuck gestohlen werden, noch dazu hier in der Nachbarschaft. Für Bau-yü wäre das geradezu ein Schlag ins Gesicht. Darum schärfte ich Amme Sung sofort ein, sie dürfe Bau-yü keinen Ton davon sagen und solle einfach so tun, als ob die Sache nie geschehen wäre, und sie dürfe auch vor niemand anders etwas davon erwähnen. Zum zweiten wären auch die alte gnädige Frau und die gnädige Frau zornig geworden, wenn sie davon erfahren hätten, und zum dritten hättet ihr mit Hsi-jën ebenfalls schlecht dagestanden. Deshalb habe ich der jungen Herrin einfach gesagt, der Verschluß des Armreifens hätte sich unbemerkt gelöst, als ich bei der älteren jungen gnädigen Frau war, und da sei der Reif auf dem Rasen in den tiefen Schnee gefallen, wo ich ihn nicht sehen konnte. Nachdem heute der Schnee weggetaut war, habe der Armreif dort funkelnd in der Sonne gelegen, und so hätte ich ihn wiedergefunden. Die junge Herrin hat das auch geglaubt, und darum komme ich jetzt, um euch zu sagen, daß ihr vor Dschuee-örl auf der Hut sein müßt und sie nirgendwohin schicken dürft. Wenn Hsi-jën wieder hier ist, müßt ihr euch untereinander absprechen und dafür sorgen, daß Dschuee-örl unter einem Vorwand entlassen wird, und dann ist der Fall erledigt.“ „Das kleine Hurenbiest hat doch aber schon genug wertvolle Dinge gesehen“, wunderte sich Schë-yüä. „Warum mußte sie jetzt so töricht sein zu stehlen?“ „Der Armreif wiegt nicht einmal viel“, sagte Ping-örl. „Die junge Herrin sagt, so etwas nenne man ‚Krebsfühlerfiligran‘. Das Beste ist noch die Perle daran. Tjing-wën, das kleine Spitzbein, darf nichts von der Sache erfahren. Sie ist wie ein Stück prasselnde Holzkohlenglut. Wenn sie es erfährt, kann sie nicht an sich halten und wird Dschuee-örl schlagen oder beschimpfen, und dann kommt es doch heraus. Darum sage ich es nur dir, damit du achtgibst, dann wird schon alles werden.“ Damit verabschiedete sie sich und ging fort. Bau-yü war zugleich froh und wütend über das, was er gehört hatte, und seufzen mußte er auch. Froh war er über Ping-örls Einfühlungsvermögen, wütend war er über Dschuee-örl, die sich als Diebin entpuppte, und seufzen mußte er, weil so ein gescheites Mädchen so etwas Häßliches getan hatte.rte sich Schë-yüä. „Warum mußte sie jetzt so töricht sein zu stehlen?“ „Der Armreif wiegt nicht einmal viel“, sagte Ping-örl. „Die junge Herrin sagt, so etwas nenne man ‚Krebsfühlerfiligran‘. Das Beste ist noch die Perle daran. Tjing-wën, das kleine Spitzbein, darf nichts von der Sache erfahren. Sie ist wie ein Stück prasselnde Holzkohlenglut. Wenn sie es erfährt, kann sie nicht an sich halten und wird Dschuee-örl schlagen oder beschimpfen, und dann kommt es doch heraus. Darum sage ich es nur dir, damit du achtgibst, dann wird schon alles werden.“ Damit verabschiedete sie sich und ging fort. Bau-yü war zugleich froh und wütend über das, was er gehört hatte, und seufzen mußte er auch. Froh war er über Ping-örls Einfühlungsvermögen, wütend war er über Dschuee-örl, die sich als Diebin entpuppte, und seufzen mußte er, weil so ein gescheites Mädchen so etwas Häßliches getan hatte.

Ping-örl. Aus: Gai Qi 1879. Er ging dann in sein Zimmer zurück und berichtete Tjing-wën in allen Einzelheiten, was Ping-örl gesagt hatte. Dann setzte er hinzu: „Ping-örl meinte, ehrgeizig, wie du bist, würde es dich noch kränker machen, wenn du von der Sache erführst, darum wollte sie es dir erst sagen, wenn du wieder gesund bist.“ Tatsächlich war Tjing-wën so wütend über das, was sie eben gehört hatte, daß ihre geschwungenen Brauen steil in die Höhe gingen und ihre Phönixaugen sich rundeten. Unverzüglich rief sie nach Dschuee-örl. Bau-yü aber redete auf sie ein: „Wenn du sie jetzt rufst, machst du alles zunichte, was Ping-örl aus Rücksicht auf euch und mich erreicht hat. Besser ist, wir halten uns an ihren Vorschlag und sorgen später dafür, daß Dschuee-örl wegkommt. Dann ist die Sache erledigt.“ „Das sagst du so, wie aber soll ich meine Wut bezähmen?“ fragte Tjing-wën. „Für dich heißt es jetzt nicht wütend zu sein, sondern gesund zu werden“, redete Bau-yü ihr zu. Wirklich trank Tjing-wën jetzt ihre Medizin und ebenso am Abend den zweiten Aufguß davon, aber obgleich sie in der Nacht schwitzte, trat doch keine Besserung ein. Sie fieberte weiter, der Kopf tat ihr weh, ihre Nase blieb verstopft und ihre Stimme heiser. Am nächsten Tag kam Hofarzt Wang ein zweites Mal, fühlte ihr wieder die Pulse und änderte dann einiges an seinem Rezept, und wenn dadurch das Fieber auch etwas nachließ, ging doch der Kopfschmerz nicht weg. Da wandte sich Bau-yü mit dem Befehl an Schë-yüä: „Hol Schnupftabak und laß sie den hochziehen, damit sie ein paarmal tüchtig niesen kann und alle Öffnungen wieder frei werden!“ Wirklich holte Schë-yüä eine flache goldgefaßte Dose aus Aventuringlas mit zwei Schließen und reichte sie Bau-yü. Als er die Dose öffnete, wurde innen auf dem Deckel eine europäische Emailmalerei sichtbar, die ein nacktes blondes Mädchen mit Flügeln an den Schultern zeigte. In der Dose war ein wenig echter europäischer Wang-tjia-Schnupftabak . Tjing-wën hatte nur Augen für das Bild auf dem Deckel, so daß Bau-yü sie mahnen mußte: „Nun schnupf eine Kleinigkeit davon! Wenn der Duft verfliegt, taugt der Tabak nichts mehr.“ Schnell nahm Tjing-wën eine Prise auf den Fingernagel und sog sie mit der Nase auf. Da sie keine Wirkung verspürte, nahm sie eine zweite, größere Portion, und diesmal empfand sie ein scharfes Prickeln in der Nase, das ihr bis in den Hinterkopf stieg. Dann nieste sie fünf oder sechs Mal hintereinander, und sofort lief ihr das Wasser aus Nase und Augen. Rasch klappte sie die Dose zu und sagte strahlend: „Unglaublich, wie gut das tut! Gebt mir Papier!“ Schnell reichte ihr eines der kleineren Sklavenmädchen einen Stoß feines Papier, und Tjing-wën benutzte ein Blatt nach dem anderen, um sich zu schneuzen. „Nun, wie ist dir?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ich fühle mich wirklich etwas wohler“, erwiderte Tjing-wën, ebenfalls lächelnd, „nur die Schläfen tun mir noch weh.“ „Dann wollen wir auch das mit europäischer Medizin heilen!“ sagte Bau-yü fröhlich. Und er befahl Schë-yüä: „Geh zur zweiten jungen gnädigen Frau und richte ihr aus, ich hätte gesagt, sie habe immer eine europäische Kopfschmerzsalbe gehabt, die I-fu-na heißt , davon möchte sie dir eine Kleinigkeit geben!“ Schë-yüä sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus. Als sie nach geraumer Zeit wiederkam, brachte sie wirklich ein wenig von der Salbe. Nun suchte sie ein Stückchen roten Seidenatlas hervor und schnitt zwei kleine runde Flecken daraus aus, nicht größer als eine Fingerkuppe. Anschließend machte sie die Salbe am Feuer geschmeidig und strich sie mit einem Haarpfeil auf die Stoffstückchen. Dann griff Tjing-wën nach dem Handspiegel und klebte sich die Pflaster selbst auf beide Schläfen. „Durch deine Krankheit sahst du aus wie ein struppiger Teufel, aber jetzt bist du wieder schön“, scherzte Schë-yüä. „Die zweite junge gnädige Frau läuft ständig mit solchen Pflastern herum, so daß sie einem kaum noch auffallen.“ Dann fuhr sie, an Bau-yü gewandt, fort: „Die junge gnädige Frau läßt dir sagen, daß morgen der Geburtstag deines Onkels gefeiert wird und daß die gnädige Frau angeordnet hat, du sollst ihn besuchen. Was wirst du also morgen anziehen? Wir wollen schon heute abend alles zurechtlegen, damit es morgen früh schneller geht!“ „Ich ziehe an, was gerade zur Hand ist, und damit basta!“ erklärte Bau-yü. „Das ganze Jahr über sind Geburtstage, wer soll sich da noch zurechtfinden?“ Damit stand er auf und verließ das Haus, um Hsi-tschun zu besuchen und ihr beim Malen zuzusehen. Als Bau-yü aus dem Hoftor trat, erblickte er Bau-tjins Sklavenmädchen Hsiau-luo, das eben vorüberkam. Rasch trat er auf sie zu und fragte: „Wohin gehst du?“ Lächelnd erwiderte Hsiau-luo: „Unsere beiden Fräulein sind bei Fräulein Lin, und ich gehe jetzt auch dorthin.“ Da änderte Bau-yü seinen Weg und ging mit ihr zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Hier waren nicht nur die beiden Kusinen Bau-tschai und Bau-tjin zu Besuch, sondern auch Hsiu-yän. Zu viert saßen die Mädchen um das Kohlenbecken herum und sprachen von Alltagsdingen. Dsï-djüan aber saß auf dem warmen Ofenbett am Fenster und war mit einer Nadelarbeit beschäftigt. Als die Mädchen Bau-yü hereinkommen sahen, sagten sie lächelnd: „Da kommt noch jemand! Aber hier ist kein Platz mehr für dich!“ Bau-yü aber entgegnete lächelnd: „Was für ein herrliches Bild – schöne Mädchen im winterlichen Zimmer. Nur schade, daß ich etwas zu spät komme! Aber bei dir ist es wärmer als in den anderen Räumen, es wird gar nicht kalt sein, wenn ich mir den Stuhl hier nehme.“ Damit setzte er sich auf einen Stuhl mit Fehfellpolster, den sonst Dai-yü zu benutzen pflegte. Dann erblickte er auf dem Ofenbett eine längliche Schale aus jadeartigem Stein, in der ungefüllte Tazetten in Tuffs zwischen Miniaturfelsen blühten. „Welch schöne Blumen!“ lobte er lauthals, „je wärmer es im Zimmer ist, desto stärker duften sie. Warum habe ich sie gestern noch nicht bemerkt?“ „Die Frau von eurem Hauptverwalter Lai Da hat Bau-tjin zwei Töpfe mit Gewürzsträuchern und zwei Schalen mit Tazetten geschenkt“, gab Dai-yü Auskunft. „Davon hat Bau-tjin mir eine Schale Tazetten und Tan-tschun einen Gewürzstrauch gebracht. Eigentlich wollte ich sie nicht haben, aber ich hatte Angst, Bau-tjin könnte beleidigt sein. Wenn du möchtest, schenke ich sie dir.“ „Ich habe bei mir ebenfalls zwei Schalen“, sagte Bau-yü, „sie sind zwar nicht so schön wie diese hier von Bau-tjin, aber ihr Geschenk weiterverschenken darfst du auf keinen Fall.“ „Bei mir kommt der Arzneitiegel den ganzen Tag nicht vom Feuer, und ich lebe nur von Arznei. Wie soll ich da noch den Blumenduft vertragen?! Er macht mich nur schwach“, erklärte ihm Dai-yü. „Außerdem wird der Blumenduft durch den Arzneigeruch verdorben, darum ist es doch das beste, du trägst die Schale zu dir, wo sich der reine Blumenduft nicht mit anderen Gerüchen vermischt.“ „Nanu?“ fragte Bau-yü, „du weißt wohl, daß ich auch eine Kranke bei mir habe und Arznei kochen lasse?“ „Seltsame Fragen stellst du“, erwiderte Dai-yü. „Ich hatte das ganz ohne Hintergedanken gesagt. Wer weiß schon, was in deinen Räumen vorgeht! Du hättest früher kommen sollen, um dir Geschichten aus alter Zeit anzuhören, anstatt jetzt erst aufzutauchen und unbegründete Befürchtungen zu äußern!“ „Das wäre ein Thema für unser nächstes Dichtertreffen“, lenkte Bau-yü ab. „Wir besingen die Tazetten und den Gewürzstrauch!“ „Nein, nein!“ wehrte sich Dai-yü und lächelte, „ich traue mich nicht mehr, Gedichte zu schreiben. Sooft man eins schreibt, wird man bestraft. Wie beschämend das ist!“ Und sie verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Was soll das?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Warum mußt du dich wieder über mich lustig machen? Ich bin es, der sich schämen müßte, und du schlägst die Hände vors Gesicht?“ Lächelnd schaltete sich jetzt Bau-tschai mit den Worten ein: „Das nächste Mal werde ich unsern Bund zusammenrufen und die Themen für je vier schï- und vier tsï-Gedichte aufgeben, die jeder zu schreiben hat. Das erste schï-Thema ist die graphische Darstellung des Ur-Endlichen , und die Reimgruppe für dieses fünfsilbige Regelgedicht ist hsiän. Alle Silben daraus müssen verwendet werden, keine darf übrig bleiben.“ „An dieser Erklärung sieht man, daß du nicht wirklich den Bund einberufen, sondern uns nur Angst machen willst“, mischte sich Bau-tjin lächelnd ein. „Wenn es darauf ankäme, könnte man sich schon etwas abquälen, aber was macht das für einen Spaß, die Worte aus dem ‚Buch der Wandlungen‘ in anderer Reihenfolge zu wiederholen? Als ich acht Jahre alt war, bin ich mit meinem Vater am Westmeer gewesen, weil er dort Waren aus Übersee einkaufen wollte. Unverhofft trafen wir dort ein Mädchen aus dem Land Dschën-dschën . Sie war erst fünfzehn Jahre alt und sah gerade so aus wie die Schönen auf den europäischen Bildern . Ihr langes blondes Haar hatte sie zu Zöpfen geflochten, und auf dem Kopf trug sie lauter Edelsteine wie Korallen, Katzenaugen und Smaragde. Gekleidet war sie in ein goldenes Kettenhemd und eine Jacke von ausländischem Brokat. Auch der japanische Dolch, den sie an der Seite trug, war mit Gold und Edelsteinen verziert. Die Schönen auf den Bildern reichten an sie nicht heran. Jemand erzählte uns, sie kenne sich in der chinesischen Literatur aus, verstehe über die Fünf Kanonischen Bücher zu reden und könne schï- und tsï-Gedichte schreiben. Darum hat mein Vater sie über einen Dolmetscherbeamten gebeten, etwas für ihn zu schreiben, und sie schrieb ihm ein selbstverfaßtes Gedicht auf.“ Alle waren aufs äußerste verwundert, und Bau-yü bat lächelnd: „Hol das Blatt her, liebste Kusine, ich möchte es sehen!“ Lächelnd erwiderte Bau-tjin: „Es liegt in Nan-djing, wie kann ich es da holen gehen!“ „Ich habe kein Glück und bekomme nichts zu sehen von dieser Welt!“ sagte Bau-yü tiefenttäuscht. „Führ uns nicht an der Nase herum!“ sagte Dai-yü lächelnd und zog Bau-tjin am Arm. „Ich weiß doch, daß du so etwas natürlich nicht zu Hause lassen, sondern mitbringen würdest. Du aber lügst und sagst, du hättest es nicht hier. Die andern mögen dir das glauben, ich glaube dir nicht!“ Bau-tjin wurde rot und senkte den Kopf. Sie lächelte zwar ein wenig, erwiderte aber kein Wort. „Dai-yü versteht es, einen in die Enge zu treiben“, warf Bau-tschai lächelnd ein. „Sie wird es dir zeigen mit deinen Raffinessen!“ „Wenn du es mitgebracht hast, kannst du es uns doch auch sehen lassen!“ drängte Dai-yü weiter. „Sie hat so einen Haufen Kisten und Körbe mitgebracht, die alle noch nicht ausgepackt sind. Wie soll sie da wissen, in welchem Gepäckstück das Blatt steckt. Wir wollen warten, bis sie alles ausgepackt und sortiert hat und uns das Gedicht zeigt“, schlug Bau-tschai vor. Dann wandte sie sich an Bau-tjin und fragte: „Vielleicht erinnerst du dich aber auch an das Gedicht und kannst es uns vorsprechen?“ „Ich erinnere mich. Es ist ein fünfsilbiges Regelgedicht und für ein Ausländermädchen erstaunlich genug“, sagte Bau-tjin. „Warte noch, ehe du es vorsprichst! Wir wollen Hsiang-yün holen lassen, damit sie es auch hören kann!“ forderte Bau-tschai sie auf. Dann rief sie Hsiau-luo und befahl ihr: „Geh hinüber in unsere Wohnung und sag Bescheid, daß eine ausländische Schönheit hier ist, die gute Gedichte schreibt. Die vom Dichterwahn Besessene möge kommen, um sie sich anzusehen, und unser Dichternärrchen soll sie auch mitbringen!“ Lächelnd ging Hsiau-luo fort, und nach einiger Zeit hörte man Hsiang-yün draußen mit lachender Stimme fragen: „Was ist das für eine ausländische Schönheit?“ Im nächsten Augenblick kam sie mit Hsiang-ling zusammen herein, und die anderen erklärten ihr lächelnd: „Bevor du sie zu sehen bekommst, wirst du erst einmal ihre Stimme hören.“ Dann bot Bau-tjin ihnen rasch Plätze an und wiederholte noch einmal, was sie den anderen schon erzählt hatte. „Nun rezitier schon!“ bat Hsiang-yün sie dann lächelnd. „Laß uns das Gedicht hören!“ Und Bau-tjin sprach: „Gestern noch träumt ich im Prachtgemach, heute nun sing ich am Meeresstrand. Von Wolken erdrückt ist die Insel, in Nebel gehüllt liegt der Wald. Der Mond bleibt sich gleich durch die Zeiten, im Gefühl gibt es Ebbe und Flut. Vergangnes steht klar mir vor Augen, wie sollt‘ ich betroffen nicht sein?“ „Erstaunlich!“ sagten alle. „Das Mädchen ist ja besser als wir Chinesen!“ Kaum hatten sie das gesagt, kam Schë-yüä herein, um zu melden: „Die gnädige Frau hat jemand geschickt, um dem jungen Herrn sagen zu lassen, wenn er morgen in aller Frühe zu seinem Onkel geht, solle er ihm bestellen, die gnädige Frau fühle sich nicht wohl, darum könne sie nicht selber kommen.“ Bau-yü, der rasch aufgestanden war, sagte: „Jawohl!“ und erkundigte sich dann bei Bau-tschai und Bau-tjin, ob sie ebenfalls gehen würden. „Nein“, sagte Bau-tschai, „wir haben lediglich gestern Geschenke geschickt.“ Als alle auseinandergingen, nachdem sie noch ein Weilchen miteinander geplaudert hatten, ließ Bau-yü die Mädchen vorgehen, er selbst aber blieb zurück. Dai-yü bat ihn zu warten und fragte dann: „Wann kommt Hsi-jën zurück?“ „Natürlich erst nach der Beerdigung“, sagte Bau-yü. Dai-yü schien noch etwas sagen zu wollen, aber sie starrte nur einen Moment geistesabwesend vor sich hin, dann forderte sie Bau-yü auf: „Geh jetzt!“ Auch Bau-yü hatte noch vieles auf dem Herzen, was er ihr gern gesagt hätte, aber er vermochte es nicht in Worte zu kleiden, und so sagte er nach einigem Nachdenken nur lächelnd: „Unterhalten wir uns morgen weiter!“ Damit schickte er sich an, mit gesenktem Kopf die Treppe hinabzusteigen, aber dann machte er plötzlich noch einmal kehrt und fragte Dai-yü: „Die Nächte sind jetzt besonders lang, wie oft mußt du nachts husten, und wie oft wirst du wach?“ „Letzte Nacht ging es mir etwas besser, ich hatte nur zwei Hustenanfälle“, gab Dai-yü Auskunft. „Aber geschlafen habe ich nur in der vierten Nachtwache, anschließend habe ich wieder wach gelegen.“ „Eben fällt mir noch etwas Wichtiges ein“, sagte Bau-yü und trat näher zu ihr heran, um dann mit leiser Stimme fortzufahren: „Ich glaube, die Schwalbenneseter, die Bau-tschai dir gebracht hatte, ...“ Da kam, ehe er noch den Satz zu Ende bringen konnte, Nebenfrau Dschau zur Tür herein und fragte Dai-yü: „Fühlt Ihr Euch in den letzten Tagen etwas besser, Fräulein?“ Dai-yü konnte sich denken, daß Nebenfrau Dschau von Tan-tschun kam und nur hereingekommen war, weil ihr Weg sie hier vorüberführte, dennoch bot sie ihr lächelnd einen Platz an und sagte: „Vielen Dank, daß Ihr trotz der Kälte an mich gedacht habt und selbst gekommen seid!“ Dann gab sie rasch den Befehl, Tee einzugießen, und nutzte die Gelegenheit, um Bau-yü einen Blick zuzuwerfen. Bau-yü verstand, was sie damit meinte, und ging fort. Und weil es eben Zeit war, zu Abend zu essen, ging er zu Dame Wang, die ihn noch einmal ermahnte, am Morgen den Onkel zu besuchen. Anschließend kehrte Bau-yü in seine Räume zurück, wo er sich davon überzeugte, daß Tjing-wën ihre Medizin einnahm. Außerdem befahl er ihr, auf dem warmen Ofenbett liegen zu bleiben, er selbst aber schlief vor dem Vorhang. Außerdem hatte er noch das Kohlenbecken vor das Ofenbett rücken lassen. Am Kohlenbecken schlief diesmal Schë-yüä. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten. Am nächsten Morgen machte Tjing-wën, noch ehe es hell war, Schë-yüä wach und sagte zu ihr: „Du mußt aufstehen, auch wenn du noch nicht ausgeschlafen hast! Geh hinaus und sag den andern, daß sie Tee brühen sollen, Bau-yü werde ich wecken!“ Rasch schlüpfte Schë-yüä in ihre Kleider, stand auf und sagte: „Wir wollen lieber erst ihn wecken und das Kohlenbecken zurückstellen, wenn er sich angezogen hat, ehe wir die andern hereinholen! Die alten Ammen hatten verlangt, er solle nicht hier im Zimmer schlafen, damit sich die Krankheit nicht auf ihn übertrage. Wenn sie jetzt sehen, wie dicht wir zusammen gelegen haben, werden sie bestimmt wieder nörgeln.“ „Einverstanden!“ sagte Tjing-wën. Als sie Bau-yü wecken wollten, war er bereits wach, stand rasch auf und zog sich etwas über. Dann rief Schë-yüä die kleineren Sklavenmädchen herein, und erst nachdem sie alles ordentlich aufgeräumt hatten, befahl sie Tjiu-wën und Tan-yün zu sich, damit sie Bau-yü zu dritt aufwarten konnten. Als Bau-yü gekämmt und gewaschen war, sagte Schë-yüä: „Der Himmel sieht wieder trüb aus, es wird wohl Schnee geben. Du mußt deine Filzsachen anziehen!“ Bau-yü nickte und zog sich um. Nun brachte eines der jüngeren Sklavenmädchen auf einem kleinen Tablett eine Deckelschale voll Suppe aus Lotoskernen und roten Jujuben, und Bau-yü trank ein paar Schlucke davon. Schë-yüä brachte einen Teller eingelegtes Gemüse mit zarten Ingwertrieben, und auch davon nahm Bau-yü ein Stück. Anschließend erteilte er noch Tjing-wën ein paar Verhaltensmaßregeln und ging dann zur Herzoginmutter hinüber. Die Herzoginmutter war noch nicht aufgestanden, aber da sie wußte, daß Bau-yü ausgehen sollte, ließ sie ihm die Tür öffnen und befahl ihm einzutreten. Hinter dem Rücken der Herzoginmutter erblickte Bau-yü die schlafende Bau-tjin, die mit dem Gesicht zur Wand gekehrt lag. Die Herzoginmutter sah, daß Bau-yü eine Jacke aus schwarzrotem Wollstoff trug, die mit Flügelpferden verziert war und hufförmige Manschetten hatte, und darüber ein Obergewand aus scharlachrotem Filz, das mit goldenen Kreisen und bunten Mustern bestickt war, während die Kanten mit azuritblauem Atlas verbrämt und mit Fransen verziert waren. „Schneit es?“ fragte die Herzoginmutter. „Noch schneit es nicht, aber der Himmel ist bedeckt“, erwiderte Bau-yü. Da rief die Herzoginmutter nach Yüan-yang und befahl ihr: „Bring ihm den mit Nebelpanther gefütterten Umhang von gestern!“ Yüan-yang sagte: „Jawohl!“, ging hinaus und kam dann wirklich mit einem Umhang wieder. Als Bau-yü ihn sich ansah, glänzte und blitzte er grün und golden, aber anders als der Umhang aus Entenfedern, den Bau-tjin bekommen hatte. Dann hörte er, wie die Herzoginmutter ihm lächelnd erklärte: „So etwas nennt man ‚Pfauengoldtuch‘. Das webt man in Rußland aus Fäden, die aus Pfauenfedern gesponnen sind . Letztens habe ich deiner kleinen Kusine so einen Umhang aus Wildentenfedern geschenkt, und dieser hier ist für dich!“ Bau-yü vollzog einen Stirnaufschlag, dann legte er sich den Umhang um die Schultern. Lächelnd forderte ihn die Herzoginmutter auf: „Zeig ihn deiner Mutter, ehe du gehst!“ Bau-yü sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus. Dort stand gerade Yüan-yang, die sich die Augen rieb. Von dem Tag an, als sie ihren großen Schwur geleistet hatte, hatte sie nicht mehr mit Bau-yü gesprochen, und er hatte sich Tag und Nacht deswegen gequält. Als er jetzt sah, daß sie ihm auch diesmal ausweichen wollte, trat er auf sie zu und sagte: „Liebste Schwester, schau mal, ob es gut aussieht, wenn ich das anhabe!“ Aber Yüan-yang winkte nur ab und ging zur Herzoginmutter in den Innenraum. Also begab sich Bau-yü zu Dame Wang, um sich ihr zu zeigen, dann lief er in den Garten zurück in seine eigenen Räume, um sich auch von Tjing-wën und Schë-yüä bewundern zu lassen, und suchte anschließend wieder die Herzoginmutter auf, um ihr zu berichten: „Die gnädige Frau sah sich den Umhang an und hat gesagt, er sei zu schade zum Anziehen. Sie hat mir befohlen, vorsichtig damit umzugehen, damit ich ihn nicht verderbe.“ „Es ist das letzte Stück dieser Art“, sagte die Herzoginmutter, „wenn du es verdirbst, ist kein weiteres mehr da. So etwas extra für dich machen zu lassen ist ein Ding der Unmöglichkeit.“ Anschließend befahl sie noch, Bau-yü solle nicht zuviel Wein trinken und nicht zu spät wiederkommen. Bau-yü sagte gleich ein paarmal hintereinander jawohl, dann begleitete ihn eine alte Amme bis zur Haupthalle, wo Bau-yüs Milchbruder Li Guee mit Wang Jung, Dschang Juo-djin, Dschau I-hua, Tjiän Tji und Dschou Juee und den vier Sklavenjungen Ming-yän, Ban-hë, Tschu-yau und Sau-hung schon lange auf ihn wartete. Von den Sklavenjungen trug einer ein Kleiderbündel auf dem Rücken, ein zweiter hatte ein Sitzpolster unter dem Arm, die anderen beiden hielten einen Schimmel mit geschnitztem Sattel und buntem Zaumzeug. Die alte Amme gab den sechs Älteren noch ein paar Anweisungen, die sie mit einem mehrstimmigen „Jawohl!“ beantworteten, ehe sie nach der Peitsche griffen und den Steigbügel hielten, während Bau-yü sich gelassen aufs Pferd schwang. Li Guee und Wang Jung führten das Pferd am Zaum, Tjiän Tji und Dschou Juee schritten vornweg, Dschang Juo-djin und Dschau I-hua aber gingen dicht neben ihm. „Bruder Dschou, Bruder Tjiän!“ sagte Bau-yü lächelnd vom Pferd herab, „wir wollen durch das Seitentor gehen, damit ich nicht vor der Bibliothek des gnädigen Herrn noch einmal absteigen muß!“ Dschou Juee wandte sich um und erwiderte lächelnd: „Der gnädige Herr ist ja nicht da, und seine Bibliothek ist immer verschlossen, da braucht Ihr doch nicht abzusteigen, junger Herr!“ „Absteigen muß ich auch vor der verschlossenen Bibliothek“, widersprach Bau-yü. „Da habt Ihr recht, junger Herr!“ bestätigten Tjiän Tji und Li Guee lächelnd. „Wenn Ihr es Euch bequem macht und nicht vom Pferd steigt, und dann stoßen wir auf Herrn Lai Da oder Herrn Lin Dschï-hsiau, könnten sie wohl Euch schlecht einen Vorwurf machen. Euch würden sie nur ein paar Ermahnungen erteilen, aber die eigentliche Schuld würden sie uns aufbürden und behaupten, wir brächten Euch keine Manieren bei.“ Also führten Dschou Juee und Tjiän Tji den Zug geradewegs auf das Seitentor zu, und noch ehe sie ihre Auseinandersetzung beendet hatten, tauchte vor ihnen wirklich Lai Da auf. Sofort brachte Bau-yü das Pferd zum Stehen und wollte absteigen, aber Lai Da trat näher und umfaßte sein Bein mit den Armen. Also stellte sich Bau-yü in die Steigbügel, griff nach Lai Das Hand und wechselte so ein paar Sätze mit ihm. Dann erblickte Bau-yü einen Sklavenjungen, der mit zwanzig, dreißig Mann durch das Tor kam, die Besen und Kehrschaufeln trugen. Als sie Bau-yüs gewahr wurden, nahmen sie alle mit herabhängenden Armen an der Mauer Aufstellung, und der Sklavenjunge, der sie anführte, kniete mit einem Bein halb nieder und wünschte Bau-yü Wohlergehen. Bau-yü, der den Sklavenjungen nicht beim Namen kannte, lächelte nur und nickte ihm zu. Im nächsten Augenblick war er an ihm vorbeigeritten, und der Sklavenjunge führte seinen Trupp weiter. Als Bau-yü mit seinen Begleitern das Tor passiert hatte, stießen sie draußen auf die Sklavenjungen von Li Guee und den anderen. Gemeinsam mit ein paar Pferdeknechten hielten sie hier zehn Pferde bereit, und sofort stieg Bau-yüs Gefolge in die Sättel. Während die einen vornweg ritten, hielten die andern ihn dicht umringt, und so verschwanden sie gleich einer Rauchwolke. Mehr soll davon nicht die Rede sein. Tjing-wën, die trotz der Medizin, die sie eingenommen hatte, noch keine Besserung verspürte, schimpfte inzwischen über den Arzt. „Der versteht nur, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, aber eine ordentliche Medizin verschreibt er ihnen nicht“, behauptete sie. „Du bist zu ungeduldig“, redete Schë-yüä lächelnd auf sie ein. „Das Sprichwort sagt ‚Wenn die Krankheit kommt, geht das so schnell wie ein Bergsturz, aber wenn sie verschwindet, dauert es so lange wie Seidehaspeln.‘ Und dann ist das natürlich keine Wundermedizin, wie Lau-dsï sie zubereitet hat . Wo gibt es die schon! Also lieg nur ein paar Tage still, dann wirst du auch wieder gesund! Je ungeduldiger du bist, desto mehr reibst du dich auf.“ Nun schimpfte Tjing-wën auf die kleineren Sklavenmädchen. „Wo habt ihr euch alle verkrochen?“ rief sie. „Kaum daß ich krank bin, werdet ihr frech und macht euch aus dem Staube. Wenn ich erst wieder gesund bin, schinde ich euch einer nach der andern die Haut vom Leibe!“ Erschrocken kam die kleine Dschuan-örl hereingestürzt und fragte: „Was braucht Ihr, Fräulein?“ „Die andern sind wohl alle tot, und du bist als letzte noch übrig?“ fragte Tjing-wën eben, als auch Dschuee-örl gemächlich hereinkam. „Seht euch dieses kleine Spitzbein an!“ sagte Tjing-wën. „Wenn man sie nicht ruft, dann kommt sie auch nicht. Aber wenn das Monatsgeld ausgegeben oder Obst verteilt wird, ist sie die Erste. – Komm näher! Ich bin kein Tiger, ich fresse dich nicht!“ Notgedrungen trat Dschuee-örl näher heran, und im nächsten Augenblick schnellte Tjing-wën unverhofft vor, packte Dschuee-örl mit einer Hand beim Arm, zog mit der anderen Hand einen langen, spitzen Haarpfeil unter dem Kopfkissen hervor und stach damit wie wild auf Dschuee-örls Rechte ein. Dazu schimpfte sie: „Wozu ist diese Pfote nütze? Nadel und Faden rührst du damit nicht an, nur nach dem Essen langst du damit. Dummdreist und langfingrig, wie du bist, machst du uns nichts als Schande. Darum ist es das beste, wenn ich diese Pfote zersteche!“ Dschuee-örl weinte und schrie vor Schmerz, und rasch riß Schë-yüä sie los. Dann drückte sie Tjing-wën auf das Kissen zurück und sagte lächelnd: „Willst du dir den Tod holen? Du hast doch eben erst geschwitzt. Warte, bis du gesund bist, dann kannst du sie schlagen, soviel du willst. Warum mußt du dich jetzt aufregen?“ Daraufhin ließ Tjing-wën nach Amme Sung schicken und sagte zu ihr: „Vorhin hat mir der junge Herr aufgetragen, ich solle Euch Bescheid geben, Dschuee-örl sei ihm zu faul. Wenn sie Aufträge von ihm bekommt, zankt sie, anstatt sich zu rühren, und wenn sie von Hsi-jën Aufträge bekommt, schimpft sie hinter ihrem Rücken auf sie. Sie soll unbedingt noch heute weggeschickt werden, und morgen wird der junge Herr der gnädigen Frau davon Meldung machen.“ Amme Sung verstand natürlich, daß es um die Sache mit dem Armreifen ging, und so erwiderte sie lächelnd: „Trotzdem ist es besser, wir warten, bis Fräulein Hsi-jën wieder hier ist, damit sie Bescheid weiß, und schicken sie dann erst weg.“ „Aber der junge Herr hat es mir strengstens eingeschärft“, ereiferte sich Tjing-wën. „Was hat das Fräulein Hsi-jën damit zu tun? Haben wir nicht auch selber Verstand? Also tu, was ich dir sage, und laß jemand von ihrer Familie kommen, der sie hier fortschafft!“ „Tatsächlich“, sagte auch Schë-yüä. „Früher oder später muß sie doch weg, und je eher sie geholt wird, desto eher herrschen hier Ruhe und Ordnung.“ Nun hatte Amme Sung keine andere Wahl mehr, als Dschuee-örls Mutter rufen zu lassen. Diese packte Dschuee-örls Sachen zusammen, dann kam sie zu Tjing-wën und den anderen herein und fragte: „Was habt Ihr denn, Fräulein? Warum könnt Ihr das Mädel nicht erziehen, wenn sie etwas falsch macht, und werft sie statt dessen hinaus? Laßt uns doch wenigstens unsern guten Namen!“ „Damit mußt du warten, bis Bau-yü wieder da ist, mit uns hat das nichts zu tun“, erwiderte Tjing-wën. „Das werde ich gerade wagen!“ sagte die Sklavenfrau und lächelte kühl. „Er tut doch alles nach Eurem Willen. Wenn er dreist nachgeben würde, hätte das keinen Sinn, wenn Ihr nicht ebenfalls nachgebt. Gerade habt Ihr ihn zum Beispiel, wenn auch in seiner Abwesenheit, einfach bei seinem Namen genannt . Ihr könnt Euch das erlauben, uns würde man für so etwas als Rüpel betrachten.“ Rot vor Wut über diese Worte, sagte Tjing-wën: „Wenn ich ihn beim Namen genannt habe, dann geh doch zur alten gnädigen Frau und zeig mich an! Sag ihr, ich hätte mich rüpelhaft aufgeführt und müsse ebenfalls hinausgeworfen werden!“ Rasch schaltete Schë-yüä sich ein und sagte: „Nimm nur deine Tochter und geh, Schwägerin! Wenn du etwas sagen willst, mußt du es jemand anders sagen. Hier ist nicht der richtige Ort für dich, um herumzuschreien und Anstand zu predigen. Hast du jemals erlebt, daß uns jemand Anstand gepredigt hätte? Von dir ganz zu schweigen, uns müssen selbst die Frauen von Lai Da und Lin Dschï-hsiau einiges nachsehen. Und daß wir Bau-yü beim Namen nennen, geschieht von klein auf bis zum heutigen Tage auf Befehl der alten gnädigen Frau. Das müßte euereins doch wohl auch bekannt sein, daß sie aus Furcht, ihn zu verlieren, seinen Namen auf Papier schreiben und überall ankleben ließ, damit alle ihn aussprechen und so sein Leben gesichert ist. Wenn also selbst die Wasserträger, Latrinenreiniger und Bettler den Namen nennen dürfen, dürfen wir das wohl nicht, was? Erst gestern ist Lin Dschï-hsiaus Frau von der alten gnädigen Frau gescholten worden, weil sie ihn ‚junger Herr‘ genannt hat. Das ist das eine. Zum anderen nennen wir seinen Namen auch, wenn wir der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau etwas zu melden haben. Meinst du, da nennen wir ihn den jungen Herrn? Zweihundert Mal am Tage sprechen wir den Namen Bau-yü aus, und ausgerechnet das willst du uns vorwerfen? Wenn du demnächst einmal Zeit hast, kannst du dir anhören, wie wir ihn vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau beim Namen nennen, damit du Bescheid weißt. Du bist natürlich nicht ansehnlich genug, um in unmittelbarer Nähe der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau dienen zu dürfen, und krebst immer nur hinter drei Toren herum, da ist es kein Wunder, wenn du die Regeln nicht kennst, die hier bei uns herrschen. Hier ist auch nicht der Ort, wo du dich lange aufhalten kannst. Gleich wird man dich auch ohne unser Zutun fragen kommen, was du hier suchst. Was willst du dann sagen? Also nimm deine Tochter und geh! Und dann kannst du dich an Lin Dschï-hsiaus Frau wenden, damit sie mit dem jungen Herrn spricht. Hier sind an die tausend Leute im Haus. Heute kommst du gelaufen, morgen kommt ein anderer, da weiß man nicht einmal, wer jeder ist und wie er heißt.“ Damit rief sie eines der kleineren Sklavenmädchen und befahl ihm, einen Wischlappen zu holen und den Fußboden zu säubern. Die Sklavenfrau konnte ihr nichts darauf erwidern und wagte auch nicht, noch länger zu bleiben. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und führte Dschuee-örl zur Tür. Gleich darauf sagte Amme Sung: „Du scheinst die Anstandsregeln wirklich nicht zu kennen, Schwägerin. Nachdem deine Tochter einige Zeit hier zugebracht hat, muß sie schon zum Abschied vor den Fräulein ihren Stirnaufschlag machen. Abschiedsgeschenke müssen nicht sein – wer legt darauf schon wert! – , aber einen Stirnaufschlag muß sie machen, um zu zeigen, wie es in ihrem Herzen aussieht. Wie kann sie einfach mir nichts, dir nichts hier weggehen?“ Als Dschuee-örl das hörte, kam sie notgedrungen zurück und berührte sowohl vor Tjing-wën als auch vor Schë-yüä mit der Stirn den Boden. Anschließend ging sie auch zu Tjiu-wën und den anderen, die ihr aber ebensowenig einen Blick gönnten wie jene. Dschuee-örls Mutter seufzte und stöhnte nur noch, wagte aber keinen Ton mehr zu sagen und ging verbittert fort. Tjing-wën, die sich wieder der Zugluft ausgesetzt und sich obendrein aufgeregt hatte, fühlte sich jetzt unwohler als zuvor. Sie warf sich auf dem Ofenbett hin und her, bis es Zeit war, die Lampen anzuzünden, und war eben ein wenig ruhiger geworden, als Bau-yü nach Hause kam und schon beim Eintreten seufzte und mit dem Fuß aufstampfte. Als Schë-yüä ihn eilig nach dem Grund fragte, antwortete er: „Heute früh erst hat mir die alte gnädige Frau freudestrahlend den Umhang geschenkt, und nun habe ich mich nicht vorgesehen, und am Rückenteil ist eine Stelle verbrannt. Ein Glück nur, daß es schon Abend ist und die alte gnädige Frau und die gnädige Frau nicht darauf geachtet haben.“ Mit diesen Worten legte er den Umhang ab, und als Schë-yüä ihn sich ansah, fand sie wirklich ein Brandloch darin, so stark wie ein Finger. „Bestimmt ist ein Funke aus einem Handöfchen darauf gesprungen“, sagte sie. „Aber das macht nichts! Wenn wir gleich jemand heimlich damit losschicken und das Loch von einem tüchtigen Kunststopfer ausbessern lassen, ist alles wieder gut.“ Schon steckte sie den Umhang in einen Kleiderbeutel und übergab ihn einer alten Sklavenfrau mit den Worten: „Bis zum Hellwerden muß er wieder hier sein, damit alles in Ordnung geht. Und gib gut acht, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dürfen auf gar keinen Fall davon erfahren!“ Die Alte ging fort, doch als sie nach längerer Zeit mit dem Umhang wiederkam, berichtete sie: „Nicht nur bei den geschicktesten Kunststopfern, auch bei Schneidern, Stickern und Näherinnen bin ich gewesen, aber keiner wußte, was das für ein Gewebe ist, und so hat keiner den Auftrag anzunehmen gewagt.“ „Was nun?“ sagte Schë-yüä. „Da wirst du den Umhang eben morgen nicht tragen!“ „Aber morgen ist erst die eigentliche Feier“, widersprach Bau-yü, „die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben mir ausdrücklich befohlen, ihn zu tragen. Und muß ihnen das nicht jede Freude verderben, wenn ich ihn gleich am ersten Tag verbrannt habe?“ Jetzt konnte sich Tjing-wën, die ihnen die ganze Zeit über stumm zugehört hatte, nicht länger beherrschen. Sie drehte sich zu ihnen um und sagte: „Laßt mich einmal sehen! Vielleicht ist es dir vom Schicksal einfach nicht bestimmt, diesen Umhang zu tragen, und damit basta! Was regst du dich nur wieder so auf?“ „Du hast recht!“ sagte Bau-yü und lächelte. Dann reichte er ihr den Umhang und rückte auch die Lampe näher. Nachdem sich Tjing-wën den Schaden eine Zeitlang besehen hatte, sagte sie: „Das ist aus Pfauengoldfäden gewebt. Wenn wir jetzt auch einen solchen Faden nehmen und stopfen das Loch mit ‚Grenzstichen‘ fein zu, können wir uns vielleicht damit durchmogeln.“ „Die Pfauenfederfäden haben wir schon“, sagte Schë-yüä lächelnd, „aber wer außer dir beherrscht den ‚Grenzstich‘?“ „Vielleicht werde ich es schaffen“, sagte Tjing-wën. „Aber das geht doch nicht“, wandte Bau-yü ein. „Kaum daß du dich etwas besser fühlst, darfst du nicht schon wieder arbeiten!“ „Sei bloß nicht so kleinmütig!“ erwiderte Tjing-wën, „ich weiß, was ich tue!“ Und schon setzte sie sich auf, schlang ihr Haar zu einem Knoten zusammen und legte sich eine Jacke um die Schultern. Dabei hatte sie das Gefühl, ihr Kopf sei schwer und der Körper leicht, vor ihren Augen aber tanzten unaufhörlich goldene Sterne, so daß sie sich kaum aufrecht halten konnte. Aber sie sagte sich, wenn sie diese Arbeit nicht machte, würde Bau-yü sich aufregen. Darum biß sie mit aller Kraft die Zähne zusammen und bezwang ihre Schwäche. Schë-yüä befahl sie, ihr die Fäden zu drehen, dann verglich sie einen davon zur Probe und sagte: „Sehr ähnlich sieht das zwar nicht aus, aber wenn das Loch damit gestopft ist, wird es nicht übermäßig auffallen.“ „Fein!“ sagte Bau-yü, „woher hätten wir einen russischen Schneider nehmen sollen!“ Nun trennte Tjing-wën zuerst das Futter auf und spannte die beschädigte Stelle über einen winzigen Bambusstickrahmen, der nicht größer war als eine Teeschale, kratzte mit einem goldverzierten Messer alle versengten Fäden weg und markierte dann mit zwei Nadelstichen Kette und

Aus: Chengjiaben 1791. Schuß, um anschließend mit ‚Grenzstichen‘ erst das Untergewebe und dann das ursprüngliche Muster wiederherzustellen. Nach jedem zweiten Stich hielt sie inne, um ihr Werk genau zu betrachten, und als sie beim Kunststopfen war, verglich sie es immer wieder mit dem Original. Doch ehe sie es sich versah, schwindelte ihr der Kopf, und es wurde ihr schwarz vor den Augen. Ihr Atem ging stoßweise, und ihre Kraft war erschöpft. Kaum daß sie drei, höchstens fünf Nadelstiche gemacht hatte, mußte sie sich schon wieder aufs Kissen legen, um auszuruhen. Bau-yü aber stand neben ihr. Mal fragte er, ob sie einen Schluck heißes Wasser trinken wolle, mal befahl er ihr, eine Pause zu machen. Dann wieder legte er ihr einen Umhang aus Fehfell über die Schultern und befahl im nächsten Moment, man solle ihr ein Polster bringen, damit sie sich anlehnen könne. Gereizt bat ihn Tjing-wën schließlich: „Leg dich nur schlafen, kleiner Ahnherr! Wenn du die halbe Nacht über aufbleibst, wirst du morgen eingefallene Augen haben, und was dann?“ Bau-yü sah ein, daß er sie nur nervös machte, und so mußte er sich wohl oder übel hinlegen, doch er schlief nicht ein. Erst als nach einiger Zeit die Schlaguhr viermal hintereinander anschlug, war Tjing-wën mit der Stopfar­beit fertig und bürstete mit einer kleinen Zahnbürste behutsam die Fusseln ab. „Das ist dir gut gelungen!“ lobte Schë-yüä. „Wenn man nicht genau hinsieht, fällt es nicht auf.“ Nun ließ sich Bau-yü den Umhang geben, sah sich die Stelle an und sagte: „Es sieht wirklich ganz gleich aus!“ Tjing-wën, die das Loch, geplagt von mehreren Hustenanfällen, mit Mühe und Not zu Ende gestopft hatte, sagte nur noch: „Repariert ist es, aber das Wahre ist es nicht. Ich kann nicht mehr.“ Dann sank sie mit einem Schmerzenslaut nieder. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.