Hongloumeng/de/Chapter 61

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Kapitel 61

投鼠忌器寶玉瞞贓 / 判冤決獄平兒行權

Um die Ratte zu treffen, ohne das Gefaess zu beschaedigen, vertuscht Baoyu den Diebstahl; Pinger urteilt im Streitfall und ubt ihre Befugnis aus

Um eine Unschuldige zu schonen, vertuscht Bau-yü einen Diebstahl;auf ihre Autorität gestützt, schlichtet Ping-örl einen Rechtsstreit.

„Du kleiner Affe!“ schimpfte Frau Liu lachend. „Hast du nicht einen Onkel mehr, wenn sich deine Tante einen Liebhaber nimmt? Was hast du also zu zweifeln? Muß ich dir erst deine Pißpottdeckelfrisur ausreißen, ehe du das Tor aufmachst und mich einläßt?“ Doch anstatt ihr das Tor zu öffnen, verlangte der Junge lachend: „Wenn du in den Garten gehst, mußt du ein paar Aprikosen für mich stehlen, Tante Liu! Ich warte hier. Und wenn du es vergißt, mache ich dir in Zukunft nicht mehr das Tor auf, wenn du spät in der Nacht Wein oder Öl kaufen gehst. Nicht einmal antworten werde ich dir, und du kannst dir die Kehle ausschreien.“ „Also, du bist verrückt!“ sagte Frau Liu und spuckte aus. „Dieses Jahr ist es nicht mehr wie früher. Alles ist unter die einzelnen Frauen aufgeteilt, und mit keiner von ihnen ist gut auszukommen. Kaum daß man unter einem Baum bloß vorbeigeht, funkeln ihre Augen schon wie bei einem Kampfhahn, und da soll man noch die Früchte anrühren? Als ich gestern unter einem Pflaumbaum vorbeikam, flog mir eine Biene ins Gesicht, und als ich sie wegscheuchen wollte, hat das deine feine Tante gesehen, aber weil sie zu weit weg war und es nicht richtig erkennen konnte, dachte sie, ich pflückte Pflaumen, und gleich fing sie an zu zetern. Noch sei Buddha kein Opfer davon gebracht worden, hat sie gesagt, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien nicht zu Hause und hätten noch nichts davon bekommen, und wenn die Herrschaften ihr Teil hätten, würden auch die andern etwas abbekommen. Sie hat sich aufgeführt, als ob sich jemand vor Gier nach diesen Pflaumen umbringen wollte. Konnte ich ihr darauf mit Freundlichkeiten antworten? Vorhaltungen habe ich ihr gemacht. Aber sag einmal, alle deine Tanten und Anverwandten haben etwas im Garten zugeteilt bekommen, warum fragst du da nicht sie, sondern mich? Das ist ja wie mit der Speicherratte, die von der Krähe Reis borgen geht – die ihn bewacht, hat keinen, und die fliegt, soll welchen haben.“ „O weh, o weh!“ sagte der Sklavenjunge lachend. „Wenn du keine hast, dann eben nicht. Wozu das Geschwätz? Ich sehe schon, du brauchst mich in Zukunft nicht mehr. Aber wenn deine Tochter erst ihre schöne Stellung hat, wird sie uns noch oft genug brauchen, und wenn wir nicht reagieren, was dann?“ „Was phantasierst du da, du kleines Affengespenst?“ fragte Frau Liu lächelnd. „Was für eine schöne Stellung soll meine Tochter haben?“ „Mach mir doch nichts vor, ich weiß es schon längst!“ erwiderte der Sklavenjunge ebenfalls lächelnd. „Meinst du, nur ihr habt eure Beziehungen, und wir nicht? Mein Posten ist zwar hier draußen, aber ich habe drinnen ein paar Schwestern, die auch etwas darstellen, und so bleibt uns nichts verborgen.“ Als er das eben sagte, rief drinnen eine alte Sklavenfrau: „Holt endlich Schwägerin Liu, ihr kleinen Affen! Wenn sie jetzt nicht kommt, ist es zu spät.“ Ohne sich noch weiter um den Sklavenjungen zu kümmern, schob Frau Liu rasch das Tor auf, ging hinein und sagte lächelnd: „Keine Sorge! Hier bin ich.“ In der Küche waren zwar einige ihrer Gefährtinnen anwesend, aber sie hatten nicht gewagt, selbständig etwas zu entscheiden, und gewartet, daß Frau Liu kam, um die Speisen einzuteilen und austragen zu lassen. „Wo ist Wu-örl?“ erkundigte sich Frau Liu. „Sie ist eben in die Teeküche zu den anderen Mädchen gegangen“, lautete die Antwort. Da legte Frau Liu den Kokosporlingsschnee weg und teilte die Speisen für die einzelnen Gartenhäuser ein. Plötzlich aber erschien das kleine Sklavenmädchen Liän-hua aus den Räumen von Ying-tschun mit der Bestellung: „Schwester Sï-tji läßt sagen, sie möchte eine Schüssel ganz zart geschmorte Eier haben.“ „Vornehm, vornehm!“ sagte Frau Liu. „Ich weiß nicht warum, aber Eier sind knapp in diesem Jahr. Nicht einmal für zehn Münzen pro Stück bekommt man sie zu kaufen. Als die Herrschaften gestern Lebensmittelgeschenke an die Verwandtschaft schickten, waren vier oder fünf Einkäufer unterwegs und haben mit Mühe und Not zweitausend Eier zusammengebracht. Woher soll ich also welche nehmen? Sag ihr, sie kann sie ein andermal haben.“ „Als sie neulich Bohnenkäse haben wollte, hast du ihr welchen geschickt, der verdorben war, und ich habe eine Standpauke dafür bekommen“, sagte Liän-hua. „Heute will sie Eier, und es sind keine da. Was sind schon Eier für eine Seltenheit! Ich glaube nicht, daß du keine hast. Muß ich erst selber nachsehen?“ Mit diesen Worten trat sie wirklich näher, klappte die Vorratskiste auf und erblickte darin tatsächlich an die zehn Eier. „Und was ist das?“ fragte sie. „Warum hast du dich so? Was wir essen, hat die Herrschaft uns zugeteilt, und es braucht dir nicht darum leid zu tun. Oder hast vielleicht du diese Eier gelegt, daß niemand sie essen darf?“ Sofort legte Frau Liu ihre Arbeit aus der Hand, trat näher und sagte: „Hör auf, solchen Unsinn zu schwatzen! Deine Mutter legt vielleicht Eier. Die paar sind alles, was ich noch habe. Damit will ich die Speisen garnieren. Aber solange die Fräulein nicht ausdrücklich danach verlangen, hebe ich sie als Notvorrat auf. Wenn ich sie euch mache, und dann kommt eine Bestellung von den Fräulein, habe ich gar nichts Gutes mehr, nicht einmal Eier. Ihr lebt hier sorglos in Hallen und Höfen, wenn ihr trinken wollt, streckt ihr nur die Hand aus, und wenn ihr essen wollt, macht ihr nur den Mund auf, und Eier sind für euch etwas ganz Gewöhnliches. Es gibt Jahre, in denen es nicht einmal mehr Graswurzeln zu kaufen gibt, von Eiern ganz zu schweigen. Darum rate ich euch, ein bißchen bescheidener zu sein bei dem weißen Reis, den fetten Hühnern und den großen Enten, die ihr tagtäglich bekommt. So verwöhnt seid ihr davon, daß ihr euch jeden Tag etwas anderes ausdenkt – mal Eier und Bohnenkäse, dann wieder Mehlklüter und eingelegte Rüben. Ihr versteht euch wirklich auf Abwechslung! Aber ich bin doch nicht für euch da. Wenn aus jedem Haus ein Extragericht verlangt wird, macht das zusammen mehr als zehn. Da kann ich aufhören, für die Herrschaftsfräulein zu kochen, und sorge nur noch für die Fräulein Dienerinnen.“ Rot im Gesicht, rief Liän-hua: „Wer verlangt jeden Tag etwas anderes von dir, daß du hier schwatzen mußt wie ein Wasserfall? Wozu hat man dich hierher geholt, wenn nicht zu unserer Bequemlichkeit? Als neulich Tschun-yän kam und dir sagte, Schwester Tjing-wën wolle Estragongemüse essen, da hast du gleich gefragt, ob sie es mit Schweinefleisch oder mit Hühnerfleisch wolle. Als Tschun-yän sagte, es solle gar nicht mit Fleisch sein, und dir befahl, es mit Mehlklütern zu schmoren, aber mit wenig Öl, hast du dich sofort entschuldigt, daß du so gedankenlos warst, hast dir die Hände gewaschen und das Essen nicht nur geschmort, sondern auch selber hingetragen. Am liebsten hättest du noch mit dem Schwanz gewedelt. An mir aber willst du jetzt ein Exempel statuieren und schmierst mich hier vor allen Leuten aus.“ „Buddha Amitabha, alle sind meine Zeugen!“ erwiderte Frau Liu. „Nicht nur das eine Mal, sondern immer, seitdem im vergangenen Jahr die Küche hier eingerichtet wurde, lassen die Fräulein und Mädchen aus allen Häusern, wenn sie etwas extra haben wollen, zuerst das Geld bringen, um davon einzukaufen. Das hört sich so schön an – ich verwalte ja nur den Fräulein die Küche, habe nicht viel zu tun und streiche noch einen Gewinn dabei ein. Aber wenn man es einmal überrechnet, kann einem übel werden. Alle Fräulein und Mädchen sind zusammen vierzig bis fünfzig Personen, doch wir bekommen pro Tag nicht mehr als zwei Hühner, zwei Enten, etwas über zehn Djin Schweinefleisch und für eine Münzschnur Gemüse. Rechne dir selber aus, wie weit man damit kommt! Es reicht kaum für die beiden Mahlzeiten am Tag, wie könnte es da genug sein, damit sich der eine dies und der andere jenes bestellen kann und damit wir nachkaufen, wenn jemandem nicht schmeckt, was wir haben. Da wäre es das beste, mit der gnädigen Frau zu sprechen, damit sie die Zuweisungen erhöht, und dann werden genau wie in der großen Küche, wo für die alte gnädige Frau gekocht wird, alle Gerichte, die man sich denken kann, auf eine Tafel geschrieben, jeder ißt, was er möchte, und einmal im Monat wird bar bezahlt. Als sich Fräulein Tan-tschun und Fräulein Bau-tschai neulich abgesprochen hatten, geschmorte Bocksdorntriebe zu essen, schickten sie gleich ein Mädchen mit fünfhundert Bronzemünzen zu mir. Da habe ich gelacht und gesagt, selbst wenn sie dem dickbäuchigen Buddha Maitreya glichen[1], könnten die Fräulein nicht für fünfhundert Münzen Bocksdorntriebe essen, zwanzig oder dreißig seien genug, und habe das Restgeld zurückgeschickt. Aber sie haben es nicht genommen und gesagt, ich solle mir Wein dafür kaufen. Außerdem meinten sie, daß es jetzt, wo wir im Garten eine eigene Küche hätten, nicht zu verhindern sei, daß sich die Leute aus den einzelnen Gartenhäusern alles mögliche hier holten. Aber auch Salz und Sojawürze kosteten Geld. Wenn ich ihnen nichts gäbe, sei das nicht gut, aber wenn ich es ihnen gebe, könne ich den Verlust nicht ersetzen, darum solle dies Geld den Fehlbetrag ausgleichen, der dadurch entstehe. Das sind zwei verständige Fräulein, und darum beten wir auch zu Buddha für sie. Dann aber hat Nebenfrau Dschau von der Sache erfahren, ist wütend geworden und hat gesagt, man mache es mir zu leicht. Keine zehn Tage später hat sie eine der kleineren Mägde geschickt, um mal dies und mal das zu verlangen. Mir war wirklich zum Lachen zumute. Jetzt aber macht ihr das zur Regel und verlangt ebenfalls mal dies und mal das. Aber wovon soll ich das alles ersetzen?“ Während sie sich so ereiferte, erschien eine andere Botin von Sï-tji, um Liän-hua zu mahnen, und fragte sie: „Bist du hier gestorben, oder warum kommst du nicht zurück?“ Wütend kehrte Liän-hua in ihre Räume zurück und berichtete Sï-tji mit einigen Ausschmückungen, was vorgefallen war. Als Sï-tji das erfuhr, loderte natürlich die Wut in ihrem Herzen auf, und da ihr Dienst bei Ying-tschuns Abendmahlzeit schon beendet war, führte sie die kleineren Sklavenmädchen zur Küche hinüber. Hier saßen die Küchenfrauen eben beim Essen, aber als sie Sï-tji kommen sahen und erkannten, daß dies nichts Gutes bedeuten konnte, standen sie eilfertig auf und boten ihr lächelnd an, Platz zu nehmen. Aber Sï-tji gab den kleinen Sklavenmädchen das Kommando: „Werft alle Eßwaren, die sie in Kisten und Schränken haben, den Hunden zum Fraß vor! Niemand soll hier einen Gewinn haben!“ Darauf hatten die Sklavenmädchen nur gewartet. Sofort stürzten sie vor und warfen alles durcheinander. Die Küchenfrauen versuchten unter Zureden, sie wegzuziehen. Gleichzeitig wandten sie sich an Sï-tji mit den Worten: „Ihr habt vielleicht falsch verstanden, was Euch das Mädchen berichtet hat. Selbst wenn Schwägerin Liu nicht einen, sondern acht Köpfe hätte, würde sie es nicht wagen, Euch zu kränken. Es stimmt wirklich, daß Eier schwer zu bekommen sind. Aber wir haben ihr eben schon gesagt, daß sie gut und böse nicht zu unterscheiden weiß und daß sie sich überlegen muß, wie sie zu den Dingen kommt, die von ihr verlangt werden. Sie hat ihren Fehler eingesehen und gleich die Eier für Euch aufgestellt. Wenn Ihr es nicht glaubt, seht Euch an, was dort auf dem Feuer steht!“ Erst dieser Zuspruch der Küchenfrauen konnte Sï-tjis Wut ein wenig lindern, und auch die kleinen Sklavenmädchen ließen sich beiseite schieben, ehe sie alles zerschlagen hatten. Schimpfend und scheltend rumorte Sï-tji dann noch einige Zeit, ehe sie sich überreden ließ zu gehen. Klappernd sammelte Frau Liu die Schalen und Teller zusammen und murrte dabei vor sich hin. Als die Eier fertig gedämpft waren, ließ sie sie zu Sï-tji hinübertragen, Sï-tji aber schüttete sie verächtlich auf die Erde. Doch davon wagte die Botin nichts zu sagen, als sie zurückkam, denn sie fürchtete, es würde ein neuer Skandal daraus entstehen. Frau Liu gab ihrer Tochter etwas Brühe und eine halbe Schale nüchterne Reissuppe zu essen, dann erzählte sie ihr die Sache mit dem Kokosporlingsschnee. Als Wu-örl alles gehört hatte, wollte sie Fang-guan gern etwas von dem Mittel abgeben, darum wickelte sie die Hälfte davon in ein Stück Papier und machte sich im Schutz der Dämmerung, als nur noch wenige Menschen auf den Beinen waren, auf den Weg zu Fang-guan, wobei sie sich immer im Schatten der Blumen und Weiden hielt. So gelangte sie glücklich bis an das Tor des Hofes der Freude am Roten, ohne von jemandem aufgehalten zu werden, hier aber konnte sie nicht einfach eintreten, und so blieb sie hinter einem Rosenstrauch stehen und hielt Ausschau. Nach der Zeit, die man brauchte, um eine Schale Tee zu trinken, kam zufällig Tschun-yän heraus, und sofort trat Wu-örl vor und rief sie an. Zuerst wußte Tschun-yän nicht, wer da war. Erst als sie einander dicht gegenüberstanden, konnte sie es erkennen und fragte: „Was willst du hier?“ Lächelnd bat Wu-örl: „Ruf Fang-guan heraus, ich muß mit ihr sprechen.“ Tschun-yän lachte leise, dann sagte sie: „Du bist zu ungeduldig, Schwester. In zehn Tagen etwa wirst du ohnehin hier sein. Warum also kommst du jetzt einfach hergelaufen? Fang-guan ist eben mit einem Auftrag unterwegs, und du müßtest auf sie warten. Sonst aber sag mir, was du ihr sagen wolltest, und ich bestelle es ihr, denn lange wirst du nicht warten können, die Gartentore werden wohl bald geschlossen.“ Also gab Wu-örl ihr den Porlingsschnee und erklärte ihr, was das sei, wie man es einzunehmen müsse und wie es wirke. Dann sagte sie: „Ich habe ein wenig davon bekommen und möchte ihr etwas abgeben. Sei so lieb und gib es ihr. Das ist alles.“ Dann verabschiedete sie sich und ging. Als sie eben in die Gegend am Knöterichstrand kam, erblickte sie plötzlich Lin Dschï-hsiaus Frau, die ihr mit einigen alten Sklavinnen entgegenkam. Da keine Zeit mehr war, sich zu verstecken, blieb Wu-örl nichts anderes übrig, als vorzutreten und zu grüßen. „Ich hatte gehört, du seist krank, warum läufst du dann hier herum?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau. Lächelnd erwiderte Wu-örl: „In den letzten Tagen geht es mir etwas besser, und darum hat mich meine Mutter in den Garten mitgenommen, damit ich auf andere Gedanken komme. Eben habe ich im Auftrag meiner Mutter etwas in den Hof der Freude am Roten gebracht.“ „Das kann doch nicht stimmen“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „gerade erst habe ich deine Mutter getroffen, als sie den Garten verließ, und habe hinter ihr das Tor abgeschlossen. Wenn du in ihrem Auftrag unterwegs wärst, hätte sie mir doch gesagt, daß du hier bist, und wäre nicht einfach hinausgegangen und hätte mich das Tor abschließen lassen. Daran sieht man, daß du lügst.“ „Den Auftrag hatte mir meine Mutter schon heute früh gegeben, aber ich hatte es vergessen, und erst jetzt war es mir wieder eingefallen. Meine Mutter wird gedacht haben, ich hätte den Garten schon verlassen, und hat Euch deshalb nichts gesagt“, versuchte sich Wu-örl herauszureden. Da diese Erklärung unglaubwürdig klang und Wu-örls Gesichtsausdruck unaufrichtig war, wurde Lin Dschï-hsiaus Frau vollends mißtrauisch, zumal Yü-tschuan kürzlich berichtet hatte, es seien Gegenstände aus Dame Wangs Hauptraum verschwunden, und die anderen Sklavenmädchen erklärt hatten, sie wüßten von nichts, so daß der Schuldige noch nicht ermittelt war. Zufällig kamen jetzt Tschan-djiä und Liän-hua mit einigen Sklavenfrauen des Weges, und als sie die Situation erkannten, rieten sie Lin Dschï-hsiaus Frau: „Ihr solltet sie genauer verhören! In den letzten Tagen ist sie andauernd hier hereingekommen, und immer so verstohlen, daß man nicht wußte, was man davon halten sollte.“ „Richtig!“ setzte Tschan-djiä noch hinzu. „Schwester Yü-tschuan hat gesagt, im Nebengebäude des Anwesens der gnädigen Frau habe ein Schrank offengestanden und es fehlten allerhand Sachen daraus, und als die zweite junge gnädige Frau Ping-örl zu Yü-tschuan geschickt hat, um etwas Rosennektar zu holen, fehlte auch davon eine Flasche. Es wäre nicht einmal aufgefallen, wenn sie nicht davon gebraucht hätten.“ „Das wußte ich gar nicht“, sagte wieder Liän-hua, „eine Flasche mit Rosennektar habe ich heute gesehen.“ „Wo?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau sofort, die sich in dieser Angelegenheit bisher nicht zu helfen gewußt hatte und auf Hsi-fëngs Geheiß täglich von Ping-örl gemahnt wurde. „Bei ihnen in der Küche“, gab Liän-hua Auskunft. Jetzt befahl Lin Dschï-hsiaus Frau, eine Laterne anzuzünden, dann ging sie an der Spitze der Sklavenfrauen los, um selbst nachzusehen. Aufgeregt erklärte Wu-örl: „Der Rosennektar ist ein Geschenk von Fang-guan aus den Räumen des jungen Herrn.“ „Papperlapapp!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau, „zunächst ist das ein Beweisstück, und ich werde es melden. Vor der Herrschaft kannst du dich verteidigen.“ Bei diesen Worten betraten sie die Küche, und unter Liän-huas Führung wurde die Flasche mit dem Rosennektar hervorgeholt. Da zu vermuten war, daß noch anderes Diebesgut zum Vorschein kommen würde, wurde eine sorgfältige Durchsuchung vorgenommen, bei der man auf das Päckchen mit dem Kokosporlingsschnee stieß, das ebenfalls mitgenommen wurde. Dann sollte Wu-örl vor Li Wan und Tan-tschun geführt werden, da aber Djia Lan erkrankt war, kümmerte sich Li Wan nicht um Haushaltsangelegenheiten und verwies Lin Dschï-hsiaus Frau an Tan-tschun. Tan-tschun war bereits in ihre Räume zurückgekehrt, und die Sklavin, die ihr Meldung machen sollte, fand alle Sklavenmädchen im Hof, wo sie die Kühle genossen, während Tan-tschun sich drinnen wusch. Nur Dai-schu erklärte sich bereit, ihr den Fall vorzutragen, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Das Fräulein hat es zur Kenntnis genommen und gesagt, ihr solltet zu Ping-örl gehen, damit sie es der zweiten jungen gnädigen Frau meldet.“ So mußte Lin Dschï-hsiaus Frau ihren Trupp wieder hinausführen und zu Hsi-fëngs Räumen hinübergehen, wo sie zuerst Ping-örl suchte. Als Ping-örl hineinging, um Meldung zu machen, hatte Hsi-fëng sich eben zu Bett gelegt. Sie hörte sich die Sache an und befahl: „Die Mutter bekommt vierzig Schläge mit dem Prügel und wird hinausgeworfen. Sie darf nie wieder zum Innentor herein. Wu-örl bekommt ebenfalls vierzig Schläge und wird sofort aufs Dorf geschickt, um dort entweder verkauft oder verheiratet zu werden.“ Als Ping-örl herauskam und die Entscheidung so, wie sie sie empfangen hatte, an Lin Dschï-hsiaus Frau weitergab, begann Wu-örl vor Angst laut zu weinen. Sie warf sich vor Ping-örl auf die Knie und berichtete ihr in allen Einzelheiten, was sie mit Fang-guan zu tun gehabt hatte. „Das ergibt keine Schwierigkeiten“, sagte Ping-örl darauf. „Morgen werden wir Fang-guan fragen, und dann wissen wir, was wahr ist und was gelogen. Aber der Kokosporlingsschnee ist gerade erst gebracht worden, und wir warten ab, bis die alte gnädige Frau und die gnädige Frau ihn gesehen haben, bevor wir ihn anrühren. Davon hättest du nichts nehmen dürfen.“ Als Wu-örl diesen Vorwurf hörte, erzählte sie rasch, wie sie den Kokosporlingsschnee von ihrem Onkel geschenkt bekommen hatten. „Dann wärst du ja vollkommen unschuldig, und man wollte dich nur zum Sündenbock machen“, sagte Ping-örl lächelnd und entschied: „Es ist jetzt schon spät, und die junge gnädige Frau hat eben ihre Medizin eingenommen und sich schlafen gelegt, da können wir sie schlecht wegen so einer Lappalie belästigen. Übergebt also Wu-örl den Nachtwachen, damit sie die Nacht über in Gewahrsam bleibt, morgen früh aber spreche ich noch einmal mit der jungen gnädigen Frau, und dann sehen wir weiter.“ Lin Dschï-hsiaus Frau wagte nicht zu widersprechen. Sie führte Wu-örl hinaus und übergab sie den Nachtwächtersklavinnen zur Beaufsichtigung, dann ging sie fort. Wu-örl aber befand sich nun in Haft und wagte keinen überflüssigen Schritt zu tun. Hinzu kam noch, daß einige der Sklavenfrauen ihr ins Gewissen redeten, sie hätte so etwas Ehrloses nicht tun dürfen, während andere sich beklagten: „Nachtwache zu halten ist gerade schon schwer genug, und nun müssen wir auch noch eine Diebin bewachen. Wenn sie sich unbemerkt das Leben nimmt oder ausrückt, wird man uns die Schuld geben.“ Es gab aber auch Leute, die mit den Lius verfeindet waren und die sich jetzt höchst zufrieden zeigten und extra kamen, um ihren Spott mit Wu-örl zu treiben. Wu-örl war zugleich wütend und beschämt, doch sie konnte sich bei niemandem beklagen. Kränklich und schwächlich, wie sie war, bekam sie doch die Nacht über keinen Schluck Tee und keinen Schluck Wasser, kein Kissen und auch keine Decke. Unentwegt schluchzte sie bis zum Morgen. Die Feindinnen von Mutter und Tochter Liu, die nichts sehnlicher wünschten, als die beiden hinausgeworfen zu sehen, und die befürchteten, das Urteil könne noch revidiert werden, standen dann in aller Frühe auf und gingen heimlich zu Ping-örl, um sie für sich zu gewinnen. Sie machten ihr Geschenke, lobten ihre resolute Art und berichteten ihr von vielerlei Verfehlungen, derer sich Frau Liu schuldig gemacht haben sollte. Ping-örl sagte zu allem ja, ja und schickte die Frauen fort. Dann begab sie sich in aller Stille zu Hsi-jën hinüber, um sie zu fragen, ob Wu-örl den Rosennektar wirklich von Fang-guan bekommen hatte. „Fang-guan hatte ich welchen gegeben“, bestätigte Hsi-jën. „Aber an wen sie ihn weitergegeben hat, weiß ich nicht.“ Als Hsi-jën sich bei Fang-guan danach erkundigte, bekam diese einen Riesenschreck und beteuerte, sie selbst habe Wu-örl den Rosennektar gebracht. Dann erzählte sie Bau-yü von der Sache, und sofort wurde auch er unruhig und sagte: „Mit dem Rosennektar ist alles klar, aber wenn sie der Sache mit dem Porlingsschnee nachgehen, wird sie natürlich auch darüber wahrheitsgemäß aussagen. Wenn sie dann erfahren, daß ihr Onkel ihn beim Tordienst erhalten hat, ist wieder er bloßgestellt. Stürzen wir ihn da nicht einer Sache wegen ins Unglück, die er nur gut gemeint hat?“ Sofort beriet er sich mit Ping-örl und sagte: „Das mit dem Rosennektar ist erledigt, aber an der Sache mit dem Porlingsschnee ist etwas faul. Liebste Schwester, sag doch Wu-örl, sie solle angeben, den Porlingsschnee habe sie ebenfalls von Fang-guan bekommen, dann ist auch das abgetan.“ „Schön und gut“, wandte Ping-örl lächelnd ein, „aber sie hat gestern schon gesagt, daß sie den Porlingsschnee von ihrem Onkel hat. Wie kann sie jetzt sagen, er käme von dir? Außerdem ist nun für den Rosennektar, der drüben verschwunden ist, noch kein Täter gefunden. Glaubst du, sie lassen jemand straffrei ausgehen, bei dem ein Beweisstück gefunden wurde, und suchen jemand anders? Wer wird die Tat jetzt noch gestehen? Und die Leute würden sich auch nicht damit zufriedengeben.“ Lächelnd trat Tjing-wën näher und sagte: „Den Rosennektar bei der gnädigen Frau hat ganz eindeutig niemand anders als Tsai-yün gestohlen, um ihn dem jungen Herrn Huan zu geben. Wozu also das ganze Gerede?“ „Wer wüßte nicht, daß es so ist?“ entgegnete Ping-örl lächelnd. „Yü-tschuan heult schon vor lauter Aufregung. Wenn man Tsai-yün in aller Stille fragen könnte und sie es zugeben würde, dann könnte Yü-tschuan Ruhe geben, und alle würden mit Stillschweigen darüber hinweggehen. Schließlich haben wir kein Interesse daran, die Sache absichtlich aufzubauschen. Das Dumme ist nur, daß Tsai-yün den Diebstahl nicht nur leugnet, sondern auf Yü-tschuan schiebt. Die beiden haben sich so miteinander verzankt, daß das ganze Haus davon weiß, also können wir nicht so tun, als sei nichts gewesen, und müssen die Sache schon untersuchen. Alle wissen, daß diejenige, die den Diebstahl gemeldet hat, selber der Dieb ist, aber wie sollen wir sie beschuldigen, wenn kein Beweisstück da ist?“ „Laß gut sein!“ sagte Bau-yü. „Ich werde auch das auf mich nehmen. Ich sage, ich wollte ihnen einen Schreck einjagen, und habe den Rosennektar heimlich weggenommen. Dann sind beide Fälle erledigt.“ „Damit würdest du gewiß im Verborgenen eine gute Tat vollbringen, indem du sie vor dem Vorwurf des Diebstahls schützt“, erklärte Hsi-jën, „aber wenn die gnädige Frau davon erfährt, wird sie wieder sagen, du benähmst dich kindisch und wüßtest nicht, was du tust.“ „Das ist doch nur eine Kleinigkeit“, warf Ping-örl lächelnd ein. „Es wäre ein leichtes, das Beweisstück in den Räumen von Nebenfrau Dschau zu finden. Ich habe nur Angst, das würde dem Ansehen eines guten Menschen schaden. Alle andern würde es nicht groß kümmern, diese eine aber würde sich wieder aufregen. Mit ihr hatte ich Mitleid, ihretwegen wollte ich nicht ‚nach der Ratte werfen und dabei die Jadevase zerschlagen.‘“ Bei diesen Worten hatte sie drei Finger in die Luft gestreckt, und Hsi-jën wie auch alle anderen begriffen, sie meinte Tan-tschun, das dritte Fräulein des Hauses. Sofort bestätigten sie: „Du hast recht. Es ist das beste, wir nehmen die Sache auf uns.“ „Wir müssen aber auch die beiden Übeltäter Tsai-yün und Yü-tschuan herrufen und uns ihrer Zustimmung versichern“, ergänzte Ping-örl lächelnd. „Sonst werden sie entlastet und meinen, nicht dies sei der Grund, sondern meine Unfähigkeit, die Sache aufzuklären, und ich hätte euch nur damit belästigt, um den Fall zu einem Abschluß zu bringen. Dann würden die einen weiter stehlen und die andern weiter den Dingen ihren Lauf lassen.“ „Völlig richtig!“ stimmten ihr Hsi-jën und die anderen zu. „Dein Stand muß gewahrt bleiben.“ Nun ließ Ping-örl die beiden rufen und eröffnete ihnen: „Ihr braucht euch nicht länger aufzuregen, die Diebin ist gefunden.“ „Wo ist sie?“ fragte Yü-tschuan. „Jetzt ist sie bei der zweiten jungen gnädigen Frau drüben“, sagte Ping-örl. „Sie gibt alles zu, was man sie fragt. Aber ich weiß genau, daß nicht sie es war, die gestohlen hat. Die Ärmste gesteht alles nur aus Angst. Dem jungen Herrn tut das so leid, daß er die Hälfte der Schuld auf sich nehmen will. Ich könnte die wahre Schuldige nennen, aber es ist eine von uns, die ich gern mag. Dagegen ist mir die Empfängerin der gestohlenen Sachen gleichgültig. Es würde aber außerdem ein guter Mensch um sein Ansehen gebracht werden. Und das ist der Grund, warum ich den jungen Herrn bitten will, die Sache auf sich zu nehmen, damit allen andern der Ärger erspart bleibt. Jetzt aber möchte ich von euch wissen, wie ihr dazu steht. Wenn ihr in Zukunft genau wie alle andern umsichtig handeln und auf euer Ansehen bedacht sein wollt, werde ich den jungen Herrn bitten. Wenn nicht, dann mache ich der zweiten jungen gnädigen Frau Meldung, damit nicht ein guter Mensch unschuldig leiden muß.“ Diese Worte trieben Tsai-yün die Schamröte in die Wangen, und sie sagte: „Sei unbesorgt, Schwester! Kein guter Mensch soll unschuldig leiden, und kein Unbeteiligter soll um sein Ansehen gebracht werden. Nebenfrau Dschau war es, die mich immer wieder gebeten hat zu stehlen, und so habe ich einiges für den jungen Herrn Huan genommen. Das ist die Wahrheit. Auch wenn die gnädige Frau zu Hause war, haben wir von den Sachen genommen, und jeder hat davon verschenkt. Ich hatte geglaubt, nach ein paar Tagen Aufregung würde alles vergessen sein, aber wenn jetzt ein guter Mensch deswegen leiden soll, kann ich das nicht ertragen. Also bring mich zur zweiten jungen gnädigen Frau, und ich werde alles gestehen.“ Alle waren verwundert über ihren Mut, und Bau-yü sagte lächelnd: „Du bist wirklich ein anständiger Mensch, Schwester Tsai-yün. Aber du brauchst nichts zu gestehen. Ich werde sagen, ich hätte den Rosennektar heimlich genommen, um euch einen Schreck einzujagen, aber nachdem jetzt ein Skandal daraus geworden ist, wolle ich es zugeben. Ich bitte euch nur um das eine – daß ihr nämlich in Zukunft dafür sorgt, daß es weniger Ärger gibt. Das wäre zu unser aller Vorteil.“ „Warum willst du etwas gestehen, was ich getan habe?“ fragte Tsai-yün. „Ich muß es auf mich nehmen, was immer dabei herauskommt.“ „So geht das nicht!“ wandten Ping-örl und Hsi-jën rasch ein. „Wenn du es gestehst, bringst du unvermeidlich Nebenfrau Dschau mit ins Spiel, und wenn dann Fräulein Tan-tschun davon erfährt, regt sie sich natürlich auf. Darum ist es das beste, wenn Bau-yü die Sache gesteht und niemand weiter damit zu tun hat. Niemand außer uns weiß etwas davon, es ist eine saubere Lösung. In Zukunft aber müssen unbedingt alle vorsichtiger sein. Wenn ihr etwas nehmen wollt, geduldet euch, bis die gnädige Frau wieder da ist. Dann könnt ihr getrost das ganze Haus verschenken, mit uns hat es nichts zu tun.“ Tsai-yün senkte den Kopf und dachte ein Weilchen nach, dann stimmte sie zu. Nachdem sie zusammen alles abgesprochen hatten, ging Ping-örl mit Tsai-yün, Yü-tschuan und Fang-guan hinüber, wo die Sklavenfrauen von der Nachtwache saßen, ließ Wu-örl rufen und instruierte sie heimlich, sie solle angeben, auch den Kokosporlingsschnee habe sie von Fang-guan bekommen. Wu-örls Dank fand kein Ende. Nun führte Ping-örl sie mit den anderen Mädchen zu ihren eigenen Räumen hinüber, wo sie Lin Dschï-hsiaus Frau erblickte, die mit einigen Sklavinnen zusammen Frau Liu hergebracht hatte und schon lange wartete. „Ich habe sie in aller Frühe hergeschafft“, meldete Lin Dschï-hsiaus Frau, „und weil ich Angst hatte, nun sei niemand da, der sich um das Essen für die Fräulein kümmert, habe ich einstweilen Tjin Hsiäns Frau damit beauftragt. Berichtet bitte auch das der jungen gnädigen Frau und sagt ihr, sie sei reinlich und umsichtig und könne diese Arbeit in Zukunft ständig machen.“ „Und wer ist Tjin Hsiäns Frau?“ fragte Ping-örl. „Ich glaube nicht, daß ich sie kenne.“ „Sie ist Nachtwächterin am südlichen Nebentor und hat daher am Tage nichts hier zu schaffen, deshalb kennt Ihr sie nicht“, erläuterte Lin Dschï-hsiaus Frau. „Sie hat hohe Backenknochen und große Augen, und sie ist wirklich reinlich und flink.“ „Ja“, bestätigte Yü-tschuan, „wie konntest du sie vergessen? Sie ist die Tante von Sï-tji, die bei Fräulein Ying-tschun dient. Sï-tjis Eltern sind zwar drüben beim alten gnädigen Herrn, aber ihr Onkel und ihre Tante sind hier bei uns.“ Jetzt erst fiel Ping-örl ein, um wen es sich handelte, und lächelnd meinte sie: „Ach, das hättest du gleich sagen sollen, dann hätte ich Bescheid gewußt!“ Und lächelnd setzte sie hinzu: „Das war ein bißchen vorschnell gehandelt. Denn der Fall hat sich aufgeklärt. Auch wer die Sachen aus den Räumen der gnädigen Frau genommen hat, wissen wir jetzt. Bau-yü war es, der hinübergegangen war und diese beiden nichtsnutzigen Dinger um etwas gebeten hatte. Um ihn zu ärgern, haben die beiden gesagt, solange die gnädige Frau nicht da sei, wagten sie nichts zu nhehmen. Daraufhin hat Bau-yü einen unbeobachteten Augenblick abgepaßt, ist selber hineingegangen und hat einiges weggenommen. Weil die beiden nichts davon wußten, haben sie einen Riesenschreck bekommen. Nachdem Bau-yü jetzt erfahren hat, daß jemand anders verdächtigt wird, hat er mir alles erklärt und die Sachen herausgegeben. Ich habe mich selbst überzeugt, daß nichts fehlt. Den Kokosporlingsschnee hatte Bau-yü von draußen bekommen, und er hat viele Leute damit beschenkt, nicht nur hier im Garten. Selbst die alten Muttchen haben sich welchen erbeten und ihren Verwandten davon gegeben, damit sie ihn einnehmen, aber auch von denen ist etwas davon noch weiterverschenkt worden. Auch Hsi-jën hat Fang-guan und anderen davon gegeben. Daß auch sie ihre privaten Freundschaften haben, ist nichts Außergewöhnliches. Die beiden Korbbehälter aber stehen noch in der Palaverhalle, und die Siegel daran sind unversehrt. Wie kann man also einfach jemand verdächtigen? Jetzt werde ich der jungen gnädigen Frau berichten, und dann sehen wir weiter!“ Damit machte sie kehrt und ging zu Hsi-fëng ins Schlafzimmer, wo sie ihr den Fall mit denselben Worten erklärte. „Schön und gut“, sagte Hsi-fëng, „aber Bau-yü hält Recht und Unrecht nicht auseinander und liebt es, sich um alles und jedes zu kümmern. Wenn man ihn um etwas bittet, wird er nach ein paar guten Worten weich, und wenn man ihm schmeichelt, nimmt er jede Schuld auf sich. Wenn wir ihm diesmal glauben, wie wollen wir dann in Zukunft zurechtkommen, wenn es um größere Dinge geht? Darum sollten wir den Fall gründlichst untersuchen! Meiner Meinung nach sollten wir alle Mägde aus den Räumen der gnädigen Frau hier herüberholen. Wir können sie zwar nicht gut schlagen, aber wir könnten sie in der Sonne auf Porzellanscherben knien lassen und ihnen nichts zu essen und nichts zu trinken geben, und das den ganzen Tag lang, wenn sie nicht reden. Da müßten sie schon aus Eisen sein, wenn sie nach einem Tag nicht gestehen. Und wie man sagt, gehen die Fliegen nicht an ein Ei, wenn es nicht einen Knacks hat. Wenn diese Liu auch nichts gestohlen hat, muß doch etwas mit ihr faul sein, sonst hätten die andern sie nicht bezichtigt. Wir müssen sie ja nicht als Diebin behandeln, aber trotzdem sollte sie aus dem Dienst entfernt werden. Das ist keine Schande.“ „Wozu die Mühe?“ fragte Ping-örl. „Wenn man nachgeben muß, soll man nachgeben. Was ist das schon für eine großartige Affäre, daß Ihr nicht Gnade vor Recht ergehen lassen könnt? Wie sehr Ihr Euch auch ins Zeug legt, Ihr gehört doch nicht hierher, sondern nach drüben. Warum also die Feindschaft der kleinen Leute erwecken und sich ihren Groll zuziehen? Zumal Ihr den Sohn, mit dem Ihr nach tausend Schwierigkeiten endlich schwanger wart, nur deshalb im sechsten oder siebenten Monat verloren habt, weil Ihr Euch immer überanstrengt und alles zu schwer genommen habt. Wäre es da nicht besser, sich nur noch um die Hälfte von allem zu kümmern?“ Lachend sagte Hsi-fëng: „So mach schon, was du willst, kleines Spitzbein! Ich fühle mich eben etwas besser und möchte mich nicht schon wieder ärgern.“ „Das ist recht!“ sagte Ping-örl strahlend und ging hinaus, um dort ihre Anordnungen zu treffen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Maitreya, der verheißene Buddha einer künftigen Welt, wird in der chinesischen Ikonographie als fettleibiger Mönch mit lachend geöffnetem Mund dargestellt.